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Zeitschrift f端r Kultur und Gesellschaft Februar 2009 Nummer 1/2009 Jahrgang 24 EUR 3,50 SFR 6,00 Postgeb端hr bar bezahlt Erscheinungsort Verlagspostamt Dornbirn GZ 02Z030952 M


Aktuell Rundgang oder Sackgasse? – Anmerkungen zum «Ausstellungs- und Bespielungskonzept» des neuen Landesmuseums

Modell des Vorarlberger Landesmuseums: Die Hülle ist perfekt, über das Innenleben dürfte noch wenig Klarheit herrschen. In der Ära der Fertig- und Fließbandkost ist es Wer sich vom vorliegenden „Konzept“ an sich erfreulich, wenn man wieder einmal eine Antwort auf die Frage erwartet, was er auf Hausbackenes zugreifen kann. Wenn es oder sie ab 2013 im neuen Landesmuseum zu sich dabei allerdings um ein Museumskonzept sehen bekommt, wird – abgesehen von archihandelt, das mit Ingredienzen aus Großmut- tektonischen Details – enttäuscht. Denn der ters Küche angerührt wurde, hält sich der Ap- angekündigte „Rundgang durch die Geschichpetit in Grenzen. Was Museumsdirektor Tobi- te Vorarlbergs“ wird weder thematisch noch as G. Natter unter dem Titel „VLM Neu – Aus- methodisch deutlich definiert: Da ist zwar von stellungs- und Bespielungskonzept“ Mitte De- „Perspektivenwechsel und Vielfalt“ die Rede, zember der historisch interessierten Öffent- von „Fragen nach Identität und Identitäten, lichkeit in einer Pressekonferenz präsentiert Geschichtsbewusstsein, Konstruktion und Behat, verdient aber ohnehin kaum die Bezeich- dingungen von Geschichte“ etc., aber schon nung „Konzept“. Es mag eine erste Ideenskiz- im nächsten Kapitel heißt es: „Die Themen ze und damit auch eine Diskussionsgrundlage orientieren sich am Sammlungsbestand“ und für die zukünftige Gestaltung des Vorarlber- „Das VLM Neu zeigt bewusst ‚Mut zur Lücke’, ger Landesmuseums sein, doch die dazugehö- wenn sich aus dem Bestand heraus Epochen rige Diskussion findet bislang nicht statt – je- oder Themen nicht darstellen lassen.“ Mit andenfalls nicht mit jenen, die ihre Kompetenz deren Worten: Themen, die Natters Vorgänim Aufbau und Gestalten von Museen oder ger in den vergangenen Jahrzehnten nicht inder Erforschung der Regionalgeschichte in teressierten oder die aus anderen Gründen, den vergangenen Jahrzehnten bewiesen ha- etwa schlicht mangels als sammelwürdig ben. Selbst im Vorarlberger Landesarchiv ist empfundener Objekte, im Sammlungsbestand man laut Direktor Alois Niederstätter „jeder- fehlen, kommen im VLM Neu nicht vor. Gezeit offen für eine Zusammenarbeit“, wurde schichte ist, was der Fundus hergibt – fertig. aber bisher noch nicht offiziell kontaktiert. Analog zur bewährten Pauker-Devise: „I’m Was die Befürchtung nahe legt, dass der Neu- the master of this college / what I don’t know bau des VLM nicht als Chance für den Aufbau isn’t knowledge.” eines modernen Museums genutzt wird, son„Auratische Wirkung“ statt dern als Gelegenheit, ein möglichst glatt und relevanter Fragen konfliktfrei erscheinendes Vorarlberg-Bild für die nächsten Jahrzehnte zu fixieren. Es mutet schon einigermaßen grotesk an, wenn in einem Konzept für ein Museum „Rundgang durch die Geschichte zwar der zukünftige Gestalter der „Schau­ Vorarlbergs“ sammlung“ namentlich benannt und gewis4

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sermaßen über die zuständigen Gremien hinweg installiert wird (wobei die Kompetenz des von Museumsdirektor Natter vorgeschlagenen Architekten Martin Kohlbauer völlig unbestritten ist, gestaltete er doch neben der Staatsvertragsausstellung im Oberen Belvedere 2005 auch mehrere interessante Ausstellungen im Jüdischen Museum Wien), der oder die inhaltlich Verantwortliche für die zukünftige „Bespielung“ aber völlig unklar bleibt: Man „strebt“ zwar „die Zusammenarbeit mit regionalen und internationalen Experten der unterschiedlichen Fachrichtungen an“, so heißt es, doch vorläufig beschränkt man sich auf ein paar Floskeln, die selbst schon problematisch genug sind: So legt sich Tobias Natter darauf fest, dass das „Originalobjekt im Mittelpunkt“ stehen muss – „in ihrer auratischen Wirkung stellen Objekte der Sammlung die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar.“ Das ist, mit Verlaub, einfach Unsinn. Objekte, mit oder ohne „auratische Wirkung“, tun von sich aus gar nichts, außer herumzustehen. Sie stellen vor allem keine Wechselwirkungen irgendwelcher Art und auch keine Abhängigkeiten „zwischen“ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar. Diese Wechselwirkungen und Abhängigkeiten entstehen ausschließlich im Kopf der Besucherinnen und Besucher – wenn die Objekte entsprechend angeordnet und beschrieben sind. Oder

© cukrowicz nachbaur architekten, Bregenz

Kultur Nr. 1|2009


anders: Nicht die Objekte erzählen die Ge- „Aura des Objektes“ in eine Sackgasse führt, Österreich und gegen die Anschlussbestreschichte, sondern der/die Gestalter mittels zeigt sich ohnehin im vorliegenden „Konzept“, bungen an die Schweiz so seltsam unterbeder Objekte in der Interaktion mit den Besu- wenn es jene „Schlüsselwerke“ aufzählt, die lichtet? Sollte diese einseitige, in ihrer histochern. Und das ist alles eher als ein einfacher „das Grundgerüst des Rundganges“ bilden sol- rischen Perspektive völlig eng geführte und in Prozess. Mit seinen Unwägbarkeiten, Mehr- len: Denn zu manchen „Themenkreisen“ fin- weiten Teilen manipulative Ausstellung ein deutigkeiten, Gebundenheiten an Interessen, det sich offenbar in den Beständen des Lan- Vorgeschmack auf das „VLM Neu“ gewesen Sichtweisen und Erwartungen beschäftigt desmuseums schlicht keinerlei „Schlüssel- sein, dann erübrigen sich alle vollmundigen sich seit einiger Zeit die Kulturwissenschaft, werk“. Kommt also deshalb der Themenkreis Versprechungen vom „VLM Neu als Impulsgeim engeren Sinn die Museologie. „Migration“ (somit die Jahrhunderte lange Aus- ber und Plattform für eine ebenso offene wie und zumindest seit 140 Jahren anhaltende öffentliche Diskussion von Themen der Ge„Blind und taub gegenüber Theorie Einwanderung) im Konzept gar nicht vor? genwart im Prisma der Vergangenheit“. und Tradition“? Soll deshalb die Sozialgeschichte jenseits von „Kompetenzzentrum“ ohne Man ist geneigt, angesichts des naiven „bäuerlichem vs. bürgerlichem Leben“ im 18. Kompetenz? Vertrauens auf die „auratische Wirkung“ der und 19. Jahrhundert („Schlüsselwerk“: RennObjekte den Museologie-Experten Gottfried schlitten aus Dornbirn) – also die Geschichte Angesichts dessen, dass allein für den Fliedl zu zitieren, dessen Museumsakademie der Landlosen, der Arbeiterinnen und Arbei- Neubau des Landesmuseums öffentliche Gel­ Joanneum in Graz seit Jahren versucht, inno- ter, der Stadtarmen – ausgespart werden? Den der in Höhe von 37 Millionen Euro veranvative und mutige Museumsarbeit zu fördern: Themenkreis „NS-Zeit“ bewältigt man mit der schlagt sind, hat die Öffentlichkeit ein Recht „Der Diskurs, den die Museen selbst füh- Leihgabe „Film: Anschluss in Dornbirn, 1938“ darauf, zu erfahren, wie sich das „Kompetenzren und der die Praxis klappernd begleitet, und den Themenkreis „Wirtschaftsauf- zentrum“ VLM (Tobias Natter im museoloklammert alle Widersprüche aus, gerade in der schwung“ mit einem „Festspielprogramm, gischen Konzept von 2006) in Zukunft präsenAlltagsarbeit und auf allen Ebenen, im Ausstel- 1952“. Von wegen „auratische Wirkung des tieren soll. Die politischen Vorgaben für die len, im Sammeln, im Vermitteln. Dieser stump- Originalobjektes“ – mit solcher Aura kann es kommende Aufgabe des Museums beschränfe Pragmatismus ist blind gegenüber dem, was wohl jede alte Unterhose im Wäschekasten ken sich bisher auf Aussagen wie jene von er ausgrenzt und verdrängt, und das heißt, er eines KULTUR-Lesers aufnehmen. Noch Ver- Landesstatthalter Wallner: „Es soll ein lebenist auch blind und taub gegenüber der bereits wegeneres freilich verspricht der Satz: „Die diges Museum werden – ein Ort, wo mit Hilfe stattgefundenen Theorie und Tradition. (...) So im Museum gezeigten Objekte müssen daher der bildenden Kunst, Kultur- und Gesellkommt nicht zufällig in der bis zum Überdruß in ständige Interaktion miteinander ... treten schaftsgeschichte präsentiert, aber auch die zitierten und jedes Nachdenken ersparenden können“! Da wäre man tatsächlich gespannt, Bedeutung für Gegenwart und Zukunft angeICOM-Definition des Museums die historische was sich Festspielplakat und Anschluss-Film sprochen wird“ (Pressekonferenz am Dimension des Museums und seine memoriale denn so zu sagen haben ... 18.12.2008). Von einem transparenten Prozess Funktion gleich erst gar nicht mal vor. Und so der Konzepterstellung, einem öffentlichen „Kanton Übrig“: Form schlägt Inhalt kann es etwa kommen, dass die VerantwortDiskurs über den Umgang mit der Landesgelichen für die eben eröffnete Dauerausstellung Die Festlegung auf einen Ausstellungs- schichte und einer fachinternen Diskussion des Deutschen Historischen Museums diese ge- gestalter bei gleichzeitigem Fehlen klarer Fra- über die relevanten Fragen, mit denen sich gen vehemente Kritik mit der Berufung auf die gestellungen und Vorgaben bezüglich Kontext das Landesmuseum in Zukunft beschäftigen Aura des originalen Objektes verteidigen, so als und Inhalt der „Schausammlung“ ist letztlich sollte, ist weit und breit nichts zu sehen. Der ob jahrzehntelange Debatten über Identität und eine Drohung. Denn was dabei herauskommt, Planungsprozess selbst findet hinter verRepräsentation, über die Macht der Bedeu- wenn ein inhaltlich unbedarfter Kurator mit schlossenen Türen statt. Noch wäre Zeit für tungszuweisung und museale Gedächtnispoli- einem routinierten Ausstellungsgestalter zu- „eine ebenso offene wie öffentliche Diskussion tik nie stattgefunden hätten. Auch hier haben sammentrifft, konnte man in den ver- von Themen der Gegenwart im Prisma der wir eine Praxis, die eine Theorie anwendet, aber gangenen drei Monaten im VLM trefflich stu- Vergangenheit“ – wenn sie denn wirklich geganz unbegriffen, ganz unreflektiert.“ 1 dieren: Die Form schlägt den Inhalt. Die Son- wünscht wird. Markus Barnay Es ist fast müßig, anzumerken, dass derausstellung „Kanton Übrig“ war ein Mudiese äußerst schlichte „ICOM-Definition des sterbeispiel für die unkontrollierte AnwenDas „Ausstellungs- und Bespielungskonzept“ Museums“ auch die Einleitung des „VLM dung grafischer Spielereien, die den Inhalt für das „VLM Neu“ findet sich auf der homepage des Landesmuseums zum Download: http:// Neu“-„Konzeptes“ ziert. Ein Museum ist dem- weitestgehend überflüssig machten oder gar www.vlm.at/html/vlm_neu.htm nach eine Einrichtung, „die zu Studien-, Bil- verzerrten. Schwererwiegend waren freilich dungs- und Unterhaltungszwecken materielle die inhaltlichen und formalen Defizite, die ei1 Gottfried Fliedl: Begrüßung zur InternationaZeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt ner höchst einseitigen, manchmal denkbar len Sommerakademie Museologie 2006. http://museumsakademie-joanneum.at/musebeschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht unbedarften, Sichtweise auf die Ereignisse in o l o g i e /t e x t e /p d f / F l i e d l _ S o m m e r a k a d e und ausstellt“. Kriterien dieser Beschaffung? den Jahren 1918/19 zu verdanken sind. Wie mie_2006.pdf. Interessen der Erforschung? Wahrnehmung sonst könnte man Kaiser Franz-Josef als „InDie ICOM-Definition: “A museum is a non-profit, und Verarbeitung des Bekanntgemachten und tegrationsfigur“ bezeichnen, der die Donaupermanent institution in the service of society and its development, open to the public, which Ausgestellten in den Köpfen der Betrachte- monarchie „zusammengehalten“ habe, ohne acquires, conserves, researches, communicates rinnen und Betrachter? – Lästige Fragen alle- zu erwähnen, wer den Ersten Weltkrieg vom and exhibits the tangible and intangible herisamt, vor denen die „Aura des Objekts“ den Zaun gebrochen hatte? Wie sonst kann man tage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment.” flott daherformulierenden Museumsmacher Kaiser Karls „Friedensbemühungen“ hervorschützt. heben, ohne das sinnlose Opfern Hunderttausender in den letzten Kriegsmonaten zu er„Schlüsselwerk“ als Stolperstein wähnen? Und warum blieben die Aktivitäten Wie schnell die Konzentration auf die von Vizekanzler Jodok Fink für die Republik 6

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Dr. Markus Barnay: Rundgang oder Sackgasse? -  

Dr. Markus Barnay: Rundgang oder Sackgasse? - Anmerkungen zum "Ausstellungs- und Bespielungskonzept" des neuen Landesmuseums - Kultur 2009/...

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