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# 7 | Juli 2010

DIE PRAWDA

DIE PRAWDA

# 7 | 2010

DEN die ... arzte IHR OFFIZIELLES FAN-MAGAZIN

GEFÄHRTE T! | BELA IM THEATER | MICKI MEUSER | CYAN GUITARS | 10 JAHRE ATTAC | FETTES BROT | DÄOF-KAUFHAUS ...

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ÄDITORIAL „ICH BIN GENERVT, ICH BIN FRUSTRIERT, WEIL HIER EINFACH NICHTS PASSIERT!“ [Karatmodus] Über sieben Äditorials musst du geh'n, sieben dunkle Jahre übersteh'n? [/Karatmodus] … äh, Moment, nee. So schlimm ist das alles ja nun doch nicht. Klar, die ärzte machen dieses Jahr Pause. Aber hey, ist ja trotzdem einiges los im DÄ-Universum! Das haben wir zumindest festgestellt, als es an die Themensuche für diese Ausgabe der Prawda ging. Der Herr Graf ist zum Beispiel gerade sehr umtriebig: Sei es beim grandiosen Kurt Krömer, beim Attac-Bankentribunal, beim St.Pauli-Festival oder bei seinen Theaterauftritten in Hamburg. Wir waren natürlich für euch dabei! Außerdem stand uns Bela während seiner Wintertour mit Los Helmstedt Rede und Antwort – lest, was er über die Gefahren des Internets, seine Kritikfähigkeit und die Disneysierung unserer Welt zu sagen hat! Wo wir gerade bei Bela sind: Die Helmstedts treten mit zwei „Neulingen“ auf, die aber natürlich alte Hasen der Musikwelt sind. Grund genug für uns, auch mit Gary Schmalzl und Holly Burnette ein nettes Gespräch zu führen. „Ja ja, Bela hier, Bela da, aber was ist mit die ärzte?“, höre ich den Aufschrei der Fanmeute. Klar, haben wir auch im Angebot. Und zwar in der Nostalgie- und in der Gegenwartsvariante. Einen Blick zurück, und mitnichten einen im Zorn, wirft Micki Meuser, seines Zeichens Produzent der „Im Schatten der Ärzte“-Platte. Aus einer ganz anderen Sicht kennt der „Gefährte“ dieser Ausgabe die drei Götter: Mit die ärzte-Securitychef T! konnten wir für diese Ausgabe einen Wunschkandidaten vieler DÄOF-Mitglieder für ein Interview gewinnen. Eine weitere wichtige Figur aus dem Umfeld der die ärzte ist Thomas Harm, der Mann hinter Cyan, der Firma, die unter anderem für Farins Signature-Gitarre verantwortlich ist. Das Unternehmen feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen, und auch Thomas hat aus dieser Zeit natürlich einiges zum Thema die ärzte beizusteuern. Auch in dieser Ausgabe kommt außerdem eine „andere Band“ zu Wort: Wir haben uns die Herren von Fettes Brot ausge-

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sucht, die im Interview unter anderem feststellen, dass sie zwar mittlerweile mehr Fans haben, aber weniger Post kriegen! Wir werfen auch diesmal wieder einen Blick hinter die Kulissen des DÄOF: Unser KaufhausChef Uwe-Struwe hat für uns sein Fotoalbum geöffnet und plaudert aus dem Nähkästchen über volle Mansardenzimmer, Keller-Kobolde und Sturm klingelnde DHL-Männer. Und ihr dachtet schon, mit ein paar Klicks sei das alles erledigt mit eurer Bestellung … Aber auch ihr DÄOF-Mitglieder selbst kommt wieder zu Wort: In unserer neuen Rubrik „Als ich den Punker fand“ wollten wir zum Einstieg von euch wissen, wie ihr denn zu die ärzte gekommen seid. Wie, mit dem Auto? Nee, is klar. Ha ha ha. In diesem Sinne: „Wo komm ich her? Wo geh ich hin? Und wie viel Zeit werd' ich noch haben?“ Wissen wir auch nicht, aber eins wissen wir: Halt's Maul und lies!

INHALT Aktuelles Abwärts

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Interview mit Bela B

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Als ich den Punker fand

34

Die Gefährten: Der T!

38

Bela goes Theater

45

Interview: Fettes Brot

49

10 Jahre Attac

56

Interview: Micki Meuser

60

Unser Kaufhaus

69

Los Helmstedt: Gary und Holly

76

Cyan Guitars

83

Kreuzworträtsel

89

Buch zum Lesen/Musik zum Hören

90

Opus Medicus

92

Die Wahrheit

93

Gewinner

96

DÄ sind

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Crädits

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AKTUELLES

„HASTE

MAL 'NE

BELA

BEI

KURT KRÖMER

Ein eisiger Wintertag. Am Eingang der Berliner Union-Film Studios, auf der Grenze zu Neukölln und Tempelhof, warteten in klirrender Kälte die Gäste in einer langen, erstaunlich ordentlichen Schlange auf den Einlass zur TV-Aufzeichnung von „KRÖMER - Die internationale Show“. Als es dann endlich losging, war der Run groß, und schnell wurde aus der geordneten Reihe eine einzige, große Masse drängelnder Menschen. Die Mädchen in kurzen Miniröcken und die Herren in punkigen, aber viel zu dünnen Lederjacken hetzten quer durch das Foyer und, sobald dieses geöffnet wurde, weiter in das angenehm warme Studio. Andere ließen es ruhiger angehen und genehmigten sich zuallererst ein stärkendes Freigetränk an der Theke, bevor auch sie in das hell erleuchtete, quietschbunt eingerichtete Krömer-Fernsehstudio schlenderten. „Herzlüsch Willkomm', jetzt geht's looos. Ich darf sie begrüßen zu meina Schooo. Herzlüsch Willkomm', eins, zwei, drei: Ich wünsch schönen Abend, guten Tag – Bühne frei!“ Diesmal begrüßte Kurt Krömer in seiner selbst ernannten internationalen Show Bela B. Weitere Gäste waren Anna Fischer und der „Lebensqualitäter“ Nico Semsrott. Kennengelernt haben sich Bela B und Kurt Krömer im Rahmen der Bene zveranstaltung „Ein Hartz für Berlin“, doch der Gastgeber betonte, dass sein Stargast völlig freiwillig in seiner Show sitze. Noch im selben Atemzug allerdings forderte er umgehend sein Gastgeschenk

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MILLION?“

ein. Bela durfte also endlich - Geschenk sei Dank! - das Studio betreten und wurde mit einem tosenden Begrüßungsapplaus empfangen. Krömer kommentierte umgehend: „Den kriegen manche nicht mal, wenn se gehen!“ Dafür durfte er auch endlich sein Gastgeschenk in Empfang nehmen: einen „Fünfer“ mit einer Tafel Yogurette. „Dit is geil, kenn wa doch damals von Oma, Geld ist immer am Besten!“ Schnell einigte man sich auf ein respektvolles Siezen und plauschte etwas belanglos über das Alter. Kurz darauf übte sich Kurt Krömer erstmals darin, Bela B das Wasser zu reichen. Ein stilles Wasser sollte es sein, was der Hobby-Neuköllner nicht recht glauben mochte. „Stilles Wasser ist Rock'n'Roll“ – aufgewertet morgens mit Eis und am Wochenende dann auch mal mit Gas. Auf die Frage, ob er nicht manchmal sein Schlagzeug gegen einen Schlagstock tauschen wollen würde, grinste Bela: Nur bei Konzerten, wenn er die Cannabisdüfte rieche und denke: „Da könnt ick jetzt unten stehen und die verhaften!“ Krömer fügte hinzu, Bela hätte damals bei Demos auch legal die Toten Hosen verprügeln können. Trotz 1.000 guter Gründe bereute Bela seinen Berufswechsel aber am Ende doch nicht. Nach Gesprächen über die Fans und das Schlagzeugspielen im Stehen kam es dann zur Sprache, dass Bela ja Millionär sei: „Sie haben richtig Schotter – Pinke-Pinke – kannste mir da ma wat leihen? Eine Million, jeb ick ihnen morgen wieder!“ Bela ließ sein Grinsen für sich sprechen und seine Platten aus dem Publikum nach vorne reichen, um diese dann brav in die Kameras halten zu können. Schließlich hatte

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AKTUELLES

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er, bescheiden wie Bela B nun einmal ist, selbst kein Promomaterial für seine neue Platte dabei. „Du bist echt 'n geiler Gast! Kommst nicht her und deckst hier die Produktpalette ab und verfatzt dich dann wieder, sondern du kommst hierher, schenkst mir Geld, gibst mir nachher eine Million, sehr guter Gast!“, kalauerte Krömer noch schnell zum Abschluss. Anschließend eroberte die aufgekratzte Sängerin und Schauspielerin Anna Fischer die Bühne. Die erste Platte ihrer Band Panda wurde bekanntlich von Rodrigo González und Luci van Org komponiert und produziert, und für den Soundtrack zum Film „Fleisch ist mein Gemüse“ arbeitete sie mit Bela zusammen. Für Kurt Krömers Geschmack redete Anna Fischer etwas zu schnell – ein Wasserfall wirkte dagegen wie ein kleiner Gebirgsbach –, doch brachte sie ihn dann mit ihrer improvisierten Hymne „Krömi“ gar zum Weinen. Zumindest für diejenigen im Publikum, die nicht nahe genug an der Bühne saßen um zu sehen, wie er sich sein ganzes Rockstar-Wasser ins Gesicht schüttete. Während ihres Aufenthalts in Kambodscha hatte Anna Fischer ein Waisenhaus besichtigt. Dort besuchte sie Kinder, die auf Müllkippen arbeiten müssen. Die Musikerin und Schauspielerin wirkte ehrlich beeindruckt von ihren Erlebnissen und bat um das Besuchen von www.sareka-kampuchea.blogspot.com – das tragen wir doch gern weiter. Im Anschluss an die Aufzeichnung der Show gesellte sich Bela zu den Fans und hatte für jeden ein Autogramm und ein paar freundliche Worte übrig. Insgesamt war die Stimmung sehr entspannt, und Bela und Krömer hatten einen spürbar respektvollen Umgang miteinander. Krömers sonst so dominante Art war bei dieser Show weniger ausgeprägt, er hatte seine große Klappe unter Kontrolle, brachte sein Publikum aber trotzdem wie gewohnt regelmäßig dazu, vor Lachen fast vom Stuhl zu kippen. Damit wäre dann auch die Frage geklärt, warum die Stuhlreihen so eng beieinander standen – damit es keine Verletzten geben konnte! Kleine Rocksau und Eline

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AKTUELLES

WOHNZIMMER-WAHNSINN Vor einiger Zeit haben wir in unserer Rubrik „DÄOF emp ehlt“ KIM? vorgestellt und dabei ein exklusives Wohnzimmer-Konzert mit der Band verlost. Gewonnen hat Mitglied # 6138, Andydude. Hier sein Bericht vom Konzert am 13. März. Schon seit ein paar Jahren kenne ich die Band KIM?. Ich habe die drei Jungs aus Bochum zum ersten Mal 2008 als Vorband bei einem Konzert von Planlos gesehen, und ihre Musik hat sofort bei mir eingeschlagen. Dann kam der Zeitpunkt, wo sie in der Rubrik „DÄOF emp ehlt“ auftauchten (war ja nur eine Frage der Zeit …), und das gleich mit einem hammermäßigen Gewinnspiel. Schnell die Frage beantwortet und gehofft, das Wohnzimmer-Konzert zu gewinnen. Am 14.10.09 stand ein Konzert von KIM? in Bochum in der Matrix an. Auch hier waren sie Vorband, diesmal von den Emil Bulls.Nach dem Konzert sprach mich der Schlagzeuger Benny an, ob ich denn im

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DÄOF wäre (ich trug ein Ärzte-T-Shirt, nicht die Fanclubjacke – shame on me). „Ja sicher bin ich im DÄOF, und ich hab auch bei dem Gewinnspiel mitgemacht!“ Dann verkündete mir Benny, dass ich der Gewinner des Wohnzimmer-Konzerts bin. Meine erste Reaktion war: „Geil, das wird richtig fett!“, doch ein paar Stunden später kamen Zweifel auf. Wo soll dieses Konzert statt nden? Bei mir auf keinen Fall. Punk-Rock in dem Wohnzimmer meiner Eltern? Das geht gar nicht. Schließlich entschloss sich mein Freund Peter dazu, dass es bei ihm in Emsdetten statt nden sollte. Nach einigen E-Mails zwischen der Band und mir war dann auch ein Termin klar. Es sollte am 13.03.10 statt nden. Der Tag kam, und er sollte nie vergessen werden. Schon früh morgens (12 Uhr) trafen sich einige Kumpels (auch genannt „Die Crew“) bei Peter, um das Wohnzimmer auszuräumen und zu präparieren. Die eigens für diesen Tag gedruckten T-Shirts wurden übergestreift,

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AKTUELLES

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und die Arbeit begann. Nach vier Stunden Ausräumen, Frikadellenessen, Biertrinken und Teppichauslegen war alles bereit. Wenige Minuten später, die wir natürlich mit Biertrinken überbrückten, traf dann die Band ein. Zu allem Überuss kamen die drei heute mit Verstärkung, einem Gitarristen der Band Arme Ritter, Wadim. Der erste Kommentar ihrerseits war: „Scheiße, ist das Wohnzimmer klein (4 x 3,5m), das wird mal richtig geil.“ So sollte es auch kommen! Beim Aufbauen gab es einige Platzprobleme, und am Ende war das halbe Wohnzimmer schon mit der Band ausgefüllt. Aber egal, in der Küche war auch noch etwas Platz. Punkt 19 Uhr, gestärkt von sechs Familienpizzen für Band und Crew, ging es dann los. Mit „Meine Antwort“ ging es sofort richtig ab.

Kisten Bier wurden geleert und auf dem Klo wurde sogar auf der Waschmaschine – ach, lassen wir das aus Jugendschutzgründen mal weg. Es war eine richtig Die Anwesenden (ca. 30 Leute) ngen geile Party mit viel guter Laune, einer an zu singen, pogen und heftigst zu deftigen Portion Punk, Crowdsurfen schwitzen. Die Raumtemperatur stieg (verrückt, dass sowas im Wohnzimmer in den ersten zehn Minuten um gefühlte funktioniert) und Bier an Tapete und 30 °C. KIM? rockte, und die Leute feierten. Decke, welches von einem Feiernden Die acht – von der Band mitgebrachten – in einem schönen Bogen verteilt wurde und noch heute zu sehen ist. „Anna“, der Song, der mir zu dem Gewinn des Wohnzimmer-Konzerts verhalf, fehlte natürlich nicht in der Setlist. Nach dem Konzert ging es noch mit dem gesamten Publikum und der Band zur inofziellen After-Show-Party in eine gemütliche Disco, wo der Abend seinen krönenden Abschluss nahm. Mein Dank geht an den DÄOF, KIM? und natürlich an Peter, ohne den das Ganze nicht hätte statt nden können! Andydude, # 6138

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AKTUELLES

SWINGIN' BELA Am 27. März 2010 veranstaltete HR3 in Frankfurt am Main die sechste HR3@Night Party, bei der auf 20 Bühnen den ganzen Abend verschiedene Bands auftraten. Für DÄOFler war dabei wohl die Messe die interessanteste Location - neben Smokestack Lightnin' (die auf der „Code B“-Tour bei einigen Konzerten als Vorband dabei waren) und Wayne Jackson spielte dort nämlich Bela B zusammen mit der hr-Bigband.

„Absolut toll! Absolut einmalig! Ich muss sagen, ich hatte richtig Gänsehaut, als die ersten Töne erklangen. Viele Songs haben sich im BigBandStil super angehört & vor allem hab ich mich über 'Hab keine Angst' und 'Letzter Tag' gefreut (Mein absoluter Favorit: Schwarz/ Weiss - war grandios m.E. nach)“ Chrüüss, # 4108

Das DÄOF-Team hatte unpraktischerweise für genau dieses Wochenende ein Teamtreffen angesetzt, so dass von uns keiner dabei sein konnte. Nach dem zu urteilen, was in den darauffolgenden Tagen über die Veranstaltung berichtet wurde, haben wir aber einiges verpasst! Bela spielte 13 Songs in mehr oder weniger abgewandelter Form. Folgendes schrieben anwesende DÄOF-Mitglieder im Forum:

„Bela und die Bigband war wirklich klasse. Mensch haben die Bläser eine Ausdauer gehabt! Auch wenn ich mir die Streicher etwas lauter gewünscht hätte. Paule war für mich die Frau des Abends (waren ja auch nicht viele da). Ich hab sie noch nie so singen gehört. Wunderschön! Es war einmalig und einfach etwas besonderes!“ Jassi23, # 5548

© Jazztin, # 7177

„Bela war etwas enttäuschend. Hatte mir das anders vorgestellt mit der Bigband im Hintergrund. Für mich hat sich das angehört wie ein ganz normales Konzert.“ AtomGnom, # 702

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„Mir hat's wirklich gut gefallen. Highlights waren auf jeden Fall Ninjababy-powpow und schwarz/weiss. Leider vieeeeel zu kurz, aber was solls?“ .atomic love, # 6387

Susi S.

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AKTUELLES

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THERE'S

A NEW GUITAR IN TOWN Nach Farin Urlaub und Rod González kann nun auch der Human Boss stolz auf seine eigene SignatureGitarre blicken – und das als Schlagzeuger. Es handelt sich dabei um eine Maranello Speedster aus dem Hause ITALIA. Die Firma baut Gitarren im 60s-Design - teilweise angelehnt an Originale, teilweise mit neuen Designs. „Ich bin über den deutschen Vertrieb darauf aufmerksam geworden. Die bauen sehr schöne Teile, die in Korea gefertigt werden.“, so Bela B. Mit der Maranello Speedster hat Bela den größten Teil der Songs auf seinem Album „Code B“ eingespielt.

Als Klanghölzer kommen Ahorn, Korina und Palisander zum Einsatz, die einen Sound liefern, den The B wie folgt beschreibt: „Sie klingt leicht angezerrt, genau wie ich mir einen guten Gitarrensound vorstelle. Einzeltöne twangen oder sägen je nach Spielart, und Akkorde erscheinen als schöne Flächen, bei denen man immer alle sechs Saiten raushört. Für Heavy Metal ist sie wohl weniger zu gebrauchen, aber für Punk-Hard-Vintage und überhaupt Rock ist sie ideal. Auch clean klingt sie wunderschön warm. I love the Teil!“ Die Gitarre des Grafen könnt ihr zu einem Preis von 649 Euro im Shop auf Belas Homepage bestellen. Zum Abschluss haben wir noch eine Bitte: Achtet nach dem Kauf der Gitarre unbedingt darauf, dass diese beim Spielen schön weit unten hängt – alles andere wäre glatter Frevel gegenüber dem Bingomeister. www.bela-b.de

Evil Acker

Die spezielle Bela-B-Lackierung ist dem Artwork des Rückcovers der „Schwarz/Weiß“-Single von Kai Erdmann entnommen, was wiederum eine Idee vom Grafen himself war. Die Gitarre hat lediglich einen P-90Pickup und auch nur einen Volumenregler, der dafür aber mit speziellem Totenkopf-Design glänzt. „Simple as that!“, wie Bela meint und dabei weiter erklärt: „Je weniger du verstellen kannst, desto weniger lenkt es dich vom Spiel ab.“

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LASS ES WIE EINEN UNFALL AUSSEHEN Das mit dem 1. April ist ja immer so eine Sache: Überall gibt es die seltsamsten Nachrichten zu hören, von denen keiner weiß, was man nun glauben kann und was nicht. So auch im Ärzte-Kosmos - und so richtig punkig ist es doch eigentlich erst, am 1. April keinen Aprilscherz zu machen, oder? Seit Langem war bekannt, dass es in diesem Jahr eine DVD des Farin Urlaub Racing Teams geben würde, aufgezeichnet auf drei Konzerten der „Krachgarten“-Tour – in Hamburg, Krefeld und Osnabrück. Am 1. April 2010 war dann auf farin-urlaub.de plötzlich Folgendes zu lesen: Verehrte Freunde des Racing Teams, werte Fans, liiiiebe Irre, wir haben ein Problem - und ihr habt gut lachen. Das Problem ist, daß es keine FURT-live-DVD geben wird; die gute Nachricht ist, daß ihr das ganze Material dafür umsonst bekommt. Wie bitte? Aus nicht nachvollziehbaren Gründen sind beim Kopieren einer eigentlich seriös aussehenden Harddisc Daten verloren gegangen, was bedeutet, dass wir zwar schönes Bildmaterial, aber keinen vernünftigen Ton mehr haben. Es gab einige heldenhafte Versuche, zu retten, was nicht zu retten war - aber bevor wir halbgare Sachen veröffentlichen, hinter denen wir nicht stehen, lassen wir es lieber bleiben. Es gibt also vorerst keine Live-DVD. Kann man nüscht machen. […] Wie bit te?

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Die FURT-DVD wird es also nicht geben, weil jemand beim Kopieren Mist gebaut hat und daher die Tonspur gelöscht wurde? Kein Wunder, dass diese Meldung am 1. April von allen Seiten begrinst wurde. Ja klaaaar … Bei einer professionellen DVD-Produktion gibt's schließlich Back-ups, und es ist simpel und einfach unmöglich, dass eine Tonspur einfach im Nirwana verschwindet. Aber ein lustiger Aprilscherz – so der allgemeine Konsens! Doch es kam anders. Am 2. April stand die Meldung immer noch auf der Seite, und spätestens nach den Osterfeiertagen war klar: Es wird wirklich keine FURT-DVD geben! Oder … vielleicht doch? Denn schließlich war angekündigt, dass die DVD ab dem 15. Mai kostenlos zum Herunterladen angeboten würde. Außerdem sollte am 18. Juni die zugehörige Single „Zu heiß“ mit „einem laaangen Video“ erscheinen. Das lud natürlich zu Spekulationen ein: Würde entgegen der Ankündigung vielleicht doch am 15. Mai die DVD erscheinen – nicht nur zum Runterladen, sondern auch „in echt“? Oder würde die Single am Ende eine DVD sein? Das würde dann immerhin das „laaange Video“ erklären! Eines schien jedenfalls klar: Eine Tonspur geht nicht einfach so verloren, das ist unmöglich, daher konnte das de nitiv nicht der Grund für die „ins Wasser gefallene“ DVD sein. Da klang es doch wahrscheinlicher, dass Farin zu schlechte Verkaufszahlen befürchtete oder dass auf dem Videomaterial die Hallen einfach zu leer aussahen oder dass nicht die Tonqualität das Ausschlaggebende war, sondern die, sagen wir mal: „Spiel- und Singqualität“. Mitte Mai hatte das Warten dann ein Ende, und die DVD stand online zum Ansehen und Herunterladen bereit. Dass die Server dem Ansturm nicht standhalten können würden, war zu erwarten.

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AKTUELLES Doch da der die ärzte-Fan nun einmal von Natur aus ungeduldig ist, brach in diversen Foren und Gästebüchern gleich ein Sturm der Meckerei los, warum das denn alles nicht funktioniere. Gefolgt von einem Gegensturm der Entrüstung der anderen Fraktion von die ärzteFans, die ausgiebig darauf hinwies, dass man einer geschenkten DVD gefälligst nicht in die Bits und Bytes schaue – oder so ähnlich. Beides verständlich für die einen, nervig für die anderen, doch nach ein paar Tagen wurde der Sturm zum lauen Lüftchen, und noch einige Tage später klappte das mit dem Herunterladen der Dateien relativ problemlos. Einen kleinen Wermutstropfen gab es dabei jedoch: Während auf tape.tv das komplette Konzert zum Anschauen bereitstand, gab es zum Herunterladen nur die einzelnen Lieder – ohne Ansagen, ohne Übergänge. Außerdem hätten viele eine wirkliche DVD zum Runterladen erwartet, also ein ISO-Image, das nur noch auf einen Rohling gebrannt werden muss. So musste jeder Fan sich selbst darum kümmern, aus den einzelnen Liedern eine DVD mit Menü und Navigation zu basteln - schade! Dafür gab es aber das komplette Artwork – inklusive Wechselcover und Alternativverwendungsmöglichkeit namens „Frisbee Ultra Racing Total“ – zum Ausdrucken.

11 Wie das passieren kann? „Menschen sind nicht unfehlbar … Warum ist die Titanic gesunken?“ Finanziell ist die ganze Geschichte für Label und Chef natürlich eine absolute Katastrophe, und Pläne für eine baldige Neuau age gibt es derzeit nicht. Das Material komplett in die Tonne zu kloppen und gar keine DVD rauszubringen war allerdings auch keine Option: „Das Bildmaterial ist klasse und besitzt DVD-Qualität. Nur wegen einer fehlenden Tonspur dieses Werk den Fans vorzuenthalten, wäre Perlen vor die Säue gewesen. So haben wenigstens die Fans etwas davon …“ Allerdings! Wir sagen brav danke und freuen uns sehr über das Geschenk vom FURT sowie den gelungenen NichtAprilscherz! Susi S. Wir haben für euch gebastelt und verlosen drei „Lass es wie einen Unfall aussehen“-DVDs. Die Frage: Was ist der ideale Abwurfwinkel für die FURT-Scheibe?

Beim ersten Reinhören wirkt die Tonqualität der Fast-DVD gar nicht so schlecht wie befürchtet. Tauscht man allerdings die Computerlautsprecher gegen eine ordentliche Anlage, merkt man schnell, warum Perfektionist Urlaub die DVD so nicht in den Verkauf geben wollte. Dennoch haben wir noch mal bei Völker hört die Tonträger nachgefragt, was denn nun wirklich der Grund für die Absage der Verkaufs-DVD war, schließlich halten sich die Spekulationen hartnäckig, dass die Aufnahme insgesamt einfach nicht so gut gewesen sei wie erhofft. Das aber weist VHDT scharf zurück – in dem Fall hätte es schlicht und einfach gar keine DVD gegeben. Der Grund für die kostenlose Veröffentlichung ist tatsächlich genau der, der auch öffentlich bekannt gegeben wurde: Die Tonspur ist verloren gegangen.

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AKTUELLES

FURT - „ZU Eine Live-DVD muss beworben werden. Und dasselbe gilt natürlich auch für eine Live-FastDVD wie „Lass es wie einen Unfall aussehen“! Deshalb also gibt es eine weitere Auskopplung aus dem FURT-Album „Die Wahrheit übers Lügen“. Die Wahl el diesmal auf das Lied „Zu heiß“ vom Ponyhof - laut Presseschrieb „ein prophetischer Kommentar zur Lage der Nation, die eiskalte Analyse verkrusteter Strukturen, der ammende Appell eines aufrechten Gewissens, ein mitreißender Aufruf zu … hmm … ach na ja …“ Ein Protestsong eben! Und das FURT wäre nicht das FURT, wenn es nicht zusätzlich noch ein bisschen Bonusmaterial gäbe. Neben einer LiveVersion von „Karten“ ist das diesmal „Der Frauen üsterer“, ein Song, der erst nur live gespielt wurde und dann an Heiligabend 2006 für genau einen Tag auf farin-urlaub.de heruntergeladen werden konnte. Wer seine MP3-Datei von damals verdaddelt hat, kann also aufatmen! Das Highlight der Single ist aber das 21-minütige Video zu „Zu heiß“. Oder

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HEISS“

eben nicht zu „Zu heiß“, denn das Lied hat mit dem Video gerade mal gar nichts zu tun. Stattdessen handelt es sich um eine Dokumentation zur vergangenen „Krachgarten“Tour, mit vielen ungeschönten (und garantiert totaaal ungestellten!) Szenen aus dem Backstage-Bereich, dem Bus und natürlich dem Catering. Hier lernt man das Farin Urlaub Racing Team ganz intim kennen, und nebenbei erfährt man auch noch, was das Wort FURT bedeutet, wie eine Insel entsteht und was Annette tut, wenn sie gerade nicht auf der Bühne steht. Und jetzt die Hängematte raus, ab in den Garten und Tillmann (oder wahlweise die FURT-Single) hören!

Susi S.

Ihr könnt eins von drei Exemplaren der „Zu heiß“-Single gewinnen, wenn ihr uns die Maßeinheiten der folgenden drei Zahlen angeben könnt. Hinweis: Fühlt sich alles gleich an ... 30 - 86 - 303,15

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20.000 FREUNDE SOLLT IHR SEIN

100 Jahre St. Pauli: Der wohl punkigste Großvater unter den Fußballclubs lud Ende Mai zum großen Fest ein. Mit von der Partie waren der Dauerkarteninhaber Bela B, Fettes Brot sowie andere angesagte Bands, die dem Publikum im MillerntorStadion ordentlich einheizten. DÄOFMitglied Nemas, # 1329, schildert uns mit einem Bericht und Fotos über seine Erinnerungen und Eindrücke vom Geburtstag der Geburtstage. Sooo … Nach längerer Abstinenz ging es endlich mal wieder auf ein Konzert. Und auf was für eins! Vorweg muss ich gestehen, dass ich bislang gar kein Fan von St. Pauli war. Man kommt aber irgendwie nicht drum herum, wenn man Freunde in Hamburg hat und die ärzte-Fan ist. Das Feeling gehört einfach – genau wie der Verein – in die 1. Liga. Aber dazu später mehr … Ich bin zusammen mit einem Freund per Zug nach Hamburg gereist, und wir vertrieben uns den frühen Nachmittag erst mal in der City. Wir beide waren vorher noch nie im Millerntor-Stadion und mussten zuerst die Location erkunden. Zu dieser Zeit hörten wir draußen schon Ska, und da wir nicht wussten, wer wann spielt, tippten wir auf Talco. Wir betraten das „Stadion“ und waren als Erstes baff. Das sollte ein Stadion eines Erstligavereins sein? Es wirkte mehr wie eine Mischung aus Containerhafen und einer Kulisse aus „Waterworld“. Aber grade das fanden wir

irgendwie sympathisch. Keine gefegten Flure und moderne Wegweiser. Stattdessen Staub, Papier und gutgelaunte Musik- und Fußballfans. Noch dazu Sonne – trotz eines eher schlechten Wetterberichtes … perfekt! Als erste Band haben wir dann The Wakes wahrgenommen. Die fand ich ganz nett, wenn auch etwas zu ruhig. Als die fertig waren, versuchten wir, uns das erste Mal Bier zu organisieren. Von Slime habe ich dann nichts gesehen, weil mein Kumpel die super ndet und ich dann in der Zeit anstand. Und ohne Scheiß: Wir hatten unser Bier, als der Seemannschor fast fertig war. Jeder, der da war, weiß, was ich meine. Inzwischen hat sich der Veranstalter ja auch dafür entschuldigt. Ich für meinen Teil nde es schon bemerkenswert, dass diese Problematik überhaupt bei den Zuständigen angekommen ist und darauf versucht wurde zu reagieren. Daumen hoch! So holten wir uns zu zweit erst mal direkt sechs Bier und genossen die drei Liter bei Bela. Das war dann auch fürs Erste mein persönliches Highlight.

Panteón Rococó

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Ursprünglich wurde ich auch nur deswegen auf das Festival aufmerksam. Ich hätte mir zwar „Deutsche, kauft nicht bei Nazis“ oder „Dusty crown“ gewünscht, aber an sich fand ich seine Songauswahl ganz okay. Trotzdem hätte ich mir auch etwas mehr Motivation und Ansagen für das Publikum erhofft. Es gab generell irgendwie ziemlich wenig Chöre, die von der Bühne ausgingen. Da fand ich den Schlachtgesang in der hinteren Ecke (nach The Wakes) schon echt super. Leider konnte ich bei Bela nicht

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AKTUELLES

weiter vorne mitmischen, da wir nun grade unseren Gerstensaft bekommen hatten, aber man kann eben nicht alles haben. Besonders gelungen fand ich die Rockabilly-Version von „Hells Bells“. Alleine wegen dieses Songs würde ich mir die DVD des Konzertes besorgen. Warum Kettcar dann alle so mies fanden, konnte ich nicht so recht verstehen. Ich mag die Band eigentlich und freute mich besonders über ihren Opener „Deiche“. Trotzdem beeilten wir uns nun, da wir vor den letzten Acts noch mal Bier holen wollten.

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AKTUELLES So hatten wir – passend zum Beginn von Fettes Brot – sechs neue Bier und konnten recht weit vorne ordentlich mitfeiern. Ich hätte auch nicht gedacht, dass die live so gut sind. Besonders „Nordisch by Nature“ wurde DIE Publikums-Party-Hymne … „NOOORDISCH – Whooo-Hoo-Hooo!“ ge el mir sehr gut. Dass dann Panteón Rococó das Finale gestalteten, überraschte uns zwar etwas, aber wir fanden's gut. Ich hatte sie bei die ärzte 2008 leider bei keinem Konzert als Vorband sehen können und war sehr gespannt. Ich erkannte sogar zwei Songs, von denen ich vorher nicht wusste, von wem die sind. Nach dem Ska-Pogo folgte die epische Hymne „You‘ll never walk alone“. De nitiv der emotionalste Moment des Abends! Zu diesem Zeitpunkt stand ich ziemlich zentral, einige Meter vor der Bühne. Völlig Fremde elen sich in die Arme, die Reihen wurden immer breiter, und plötzlich waren alle Freunde. Na ja, danach ging's dann recht schnell raus, um zu gucken, was noch so ging. Allerdings sparten wir uns die sieben Euro Eintritt im Bunker und schauten nur noch kurz im KNUST vorbei. Da hätte man sicherlich noch mehr feiern können … schade. Aber als es dann auch noch an ng zu regnen, warfen wir unsere Pläne über den Haufen. Man sollte eben aufhören, wenn es am schönsten ist.

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Nemas trägt das Gefühl des Tages auf dem Shirt

und das Wetter war perfekt. Und auch wenn einem die Warterei beim Bier echt auf den Sack ging, so konnte man dort auch lustige Bekanntschaften machen …

Also St. Pauli: Hoch die Becher und auf die nächsten 100 Jahre! Nemas, # 1329

An sich fand ich's recht gelungen. Habe ein paar Jacken getroffen,

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AKTUELLES

URLAUB

IN

JAPAN

Farin Urlaubs erster Foto-Bildband hieß „Unterwegs 1: Indien & Bhutan“. Da lag die Vermutung nahe, dass es auch irgendwann einmal ein „Unterwegs 2“ geben würde. Und tatsächlich, es gibt bereits erste Hinweise darauf, wohin die Reise diesmal führen könnte!

Auf www.kuroboshi.de gibt es noch eine Reihe weiterer Fotos zu bestaunen. Nicht nur aus Asien, sondern bunt gemischt: vom Gasometer in Dresden über einen Vergnügungspark in Angola, Sonnenuntergänge und Herbstlaub, bis hin zu Asiatinnen vorm Petersdom, Szenen aus Havanna, einem Friseurladen in Ghana.

Seit einigen Wochen ist die Webseite von Farin Urlaub zweigeteilt. Ruft man www.farin-urlaub.de auf, hat man die Wahl zwischen „musik“ und „fotogra e“. Mit Klick auf „musik“ gelangt man zum Farin Urlaub Racing Team, und wenn man „fotogra e“ wählt, wird man auf www.kuroboshi.de weitergeleitet.

Eines ist sicher: Wir können auf den nächsten Bildband von Farin Urlaub gespannt sein, ganz unabhängig davon, ob dieser ausschließlich von seiner Reise nach Japan 2009 berichten wird oder ob wie auf kuroboshi.de ein bunter Querschnitt an Fotos zu sehen sein wird.

Kuroboshi? Google verrät, dass Kuroboshi „Schwarzer Stern“ bedeutet und eine Niederlage im Sumo-Ringen anzeigt. Wir be nden uns also in Asien – genauer gesagt in Japan. Bis zum zweiten Bildband wird es vermutlich noch etwas dauern, zumindest gibt es bisher keine weiteren Infos dazu. Einige Fotos kann man aber schon vorab in der Lumas-Edition bewundern, und nicht nur bewundern, sondern man kann sie auch gleich kaufen und zu Hause an die Wand hängen! Das hat natürlich seinen Preis - ob man 160-680 Euro für ein signiertes Foto von Farin Urlaub hinblättern möchte, hängt sicher von den persönlichen Prioritäten und nicht zuletzt vom Geldbeutel ab. Eindrucksvoll sind die Bilder aber auf jeden Fall!

Eine Frage allerdings bleibt: Warum fotogra ert ein urlaubsversessener Musiker eigentlich? Farin selbst gibt uns in seiner Fotogalerie die Antwort: „Ich fotograere die Welt, um sie zu verstehen.“ www.farin-urlaub.de www.kuroboshi.de www.lumas.de

Susi S.

Kirche in Nordfrankreich

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AKTUELLES

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1.300 € FÜR DUNKELZIFFER E. V. „Alle Jahre wieder“, könnte man fast schon sagen. Auch im letzten Jahr haben wir in der DÄOF-Kleiderkammer wieder von jedem verkauften Kleidungsstück 50 Cent gesammelt, die wir einem guten Zweck zuführen. Im DÄOF-Forum haben wir im vergangenen Jahr einen entsprechenden Aufruf gestartet, bei dem ihr das neue Spendenpatenkind bestimmen konntet. Ihr habt euch dabei mehrheitlich für den Verein Dunkelziffer e. V. ausgesprochen, der sich für sexuell missbrauchte Kinder einsetzt und ihnen wieder ein halbwegs normales Leben ermöglichen will; ein Thema, das gerade bei der gegenwärtigen Diskussion über den Missbrauch von Jugendlichen in Institutionen der Kirche aktueller denn je erscheint. Wir konnten im Jahr 2009 einen Betrag von 650 Euro sammeln, den der Textilproduzent unserer Kleiderkammer-Produkte, die Bananatexx GmbH, ebenfalls spendet. Insgesamt konnten wir dem Verein damit 1.300 Euro überweisen. Unser großer Dank gilt an dieser Stelle allen Bestellern, die mit ihren Einkäufen dazu beigetragen haben! Natürlich freut sich der Verein Dunkelziffer e. V. immer über Spenden. Die entsprechenden Informationen dazu erhaltet ihr auf der Webseite des Vereins. www.dunkelziffer.de Evil Acker

Tori des Itsukushima Jinja in Miyajima (Japan)

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NACHGEFRAGT

ABWÄRTS

BEI

Frühsommer bei grauem Himmel. Im Görlitzer Park, mitten in BerlinKreuzberg, trafen wir AbwärtsSänger Frank Z. und sprachen mit ihm über die Hintergründe verschiedener Abwärts-Stücke. Es entstand ein Gespräch über Song-Entstehungsgeschichten, Live-Erlebnisse, politische Hintergründe und nicht zuletzt über Kurze auf der Bühne.

„warum So Viel haSS?“ Bei dem Stück kam die Beein ussung von der textlichen Seite her aus der Deutsch-Rap-Szene, also von den Bushidos und den Sidos dieser Welt. Was reimt sich auf krass? Hass, klar. Und dann alles in so einer extremen Billig-Attitüde vorgetragen. Das Stück ist schon ein bisschen älter, von 2006 oder so. Speziell Bushido war für mich damals extrem scheiße, und bezogen auf diese Hasslyrik ist dann dieser Text entstanden. Wie immer unterlegt mit ein paar aktuellen Fernsehbildern wie „Toter auf der Autobahn, der hatte noch das Quarkbrot in der Hand“ oder so ähnlich.

„hauptSache BaBY“

Da kann ich eigentlich wenig zu erzählen. Gary Schmalzl ist damals auch drin verwickelt gewesen. Diese Musikerwelt ist ja eine Art bösartiger Zirkel, wir kennen uns alle untereinander. So 1996 muss es gewesen sein – ist echt schon lange her – da haben wir diese Platte aufgenommen, auch schon mit Rod zusammen als Produzent. Das war ja noch die Zeit, bevor das mit dem Internet richtig losging, und da war Fernsehen natürlich DAS Medium. Deshalb werden in dem Text auch eine Menge alter Fernsehserien aufgegriffen – „War's ein Krimi oder war's ein Western?“ Miami Vice zum Beispiel, eine der erfolgreichsten 80erJahre-Serien, kennt heute kein Arsch mehr, und solche Geschichten kommen

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ABWÄRTS

da eben als Zitate vor. Miami Vice wird übrigens immer mal wiederholt, sehr empfehlenswert. Es geht eigentlich immer um diese Koksdealer und irgendwelche im 80er-Jahre-Look rumlaufenden Typen. Das geht so völlig an der Realität vorbei, dass es schon wieder richtig gut ist.

„1, 2, 3, 4 aBGewrackt!“ Das ist erst vor relativ kurzer Zeit entstanden. „Abwrackprämie“ war Wort des Jahres, und ich persönlich fand vor allem diese Komponente mit dem Kinderchor lustig. Das war eine Idee von Rod und mir zusammen, dass wir so eine Art imitiertes Kinderlied da einbauen. Man macht also so ein blödsinniges Kinderlied, mit allen Vögeln, die schon da sind, und dreht anschließend diese Begrif ichkeit des Abwrackens mal um. Also auf der einen Seite das, was bei dieser Abwrackprämie mit den Autos passiert ist, aber auf der anderen Seite das, was unter Ausschluss der Öffentlichkeit passiert, mit dieser ganzen Abschiebepraxis, die in Deutschland so abgeht. Wo Leute einfach in Flieger reingesetzt werden, „Und tschüss!“, und das war's dann. Das war so die Idee dahinter, und das haben wir, glaube ich, insgesamt ruck, zuck genauso umgesetzt. Übrigens ist der Song unglaublich schnell entstanden. Das sind ja meist die besten Songs. Manchmal wünsche ich mir, dass wir ein bisschen Radio-Airplay hätten mit dem Kram, würde doch bestimmt gut ankommen – und dann hätten wir im Lindenpark in Potsdam auch 200 Zuschauer gehabt und den Laden (der beim Abwärts-Konzert am 1. Mai dort ziemlich leer war, Anm. d. Red.) vollgemacht.

„rom“ Das Titelstück vom gleichnamigen Album. Das war so ein Text, wo ich mir schon ein bisschen länger Gedanken drüber gemacht habe. Auch am Lied haben wir

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eine Weile rumgeschustert, aber auch nicht zu lange. Im Nachhinein ist das Ganze trotzdem eine extrem gelungene Nummer. Und textlich für mich noch einmal so eine Art Aufarbeitung der ganzen Kriege, die in den letzten Jahren geführt worden sind, speziell auch von den Amerikanern. Ein bisschen so: „Wir machen jetzt mal dieses politische Lied.“ (lacht) Viel mehr kann man da auch nicht zu sagen, aber auf der Platte – und auch wenn wir sie live spielen – geht die Nummer schon super ab. Außer man verspielt sich dabei, aber das passiert eigentlich auch nicht mehr. (lacht) Das Lied lebt ja ungeheuer von dieser Monotonie der sich ständig wiederholenden Akkorde, die sind zwar ein bisschen tricky, aber auch wenn man die selber spielt, macht das echt Spaß, weil das so ein genialer Groove ist. Ich liebe diese Musik, sonst würde ich sie ja nicht machen. Klar, ich krampfe mir da sicher keinen ab, wenn wir dastehen. Wir spielen ja auch relativ selten, also von daher …

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Das ist so eine Art JokeNummer. Das Bemerkenswerte daran ist, dass es das erste Stück ist, das jemals von Abwärts performt worden ist, auf so einem Festival in den 80er-Jahren in der Hamburger Markthalle. Ich hatte damals diesen Druck, innerhalb kürzester Zeit irgendwie ein paar Stücke zusammenzukriegen. „Capri scher“ ist ja so 'ne 50er-Jahre-Schlagerschnulze von … ich glaube Ulli Schuricke oder so hieß der Typ. (Anm. d. Red.: Wir haben nachgeschaut: Er hieß Rudi Schuricke.) Die 50er waren diese WirtschaftswunderJahre für Deutschland, jeder ist nach

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„capriFiScher“

Italien gefahren, und Capri ist diese Insel da vor Neapel. Damals war das schon so, dass Italien einerseits Urlaubsland war, aber das zweite Ding war immer, dass das so eine Mülldeponie war … Jetzt wohl mehr denn je. Ich weiß ja nicht, ob ihr den Film „Gomorrha“ gesehen habt, einer der besten Filme der letzten Jahre. Na ja, jedenfalls el mir schon damals, in den 80ern, diese Zeile ein: „Wenn bei Capri die Sonne im Müll versinkt.“ – und

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darauf baut sich im Grunde die ganze Nummer auf. Dann noch dieser absurde Käse mit den Fischern – ist ja alles totaler Quatsch, wie ja auch die ganze Message von diesem Song ursprünglich so war.

„Schneewittchen“ Hier wird einem ja ganz schön was abverlangt … (überlegt) Da war die Ansage: „Wir müssen jetzt mal 'nen Gruft-Song machen!“ (lacht) Einfach mal so 'ne schwarze Nummer bringen, traut sich ja sonst keiner mehr. Vor allem, weil bis heute diese Gruft-Szene total verschlossen ist, und das hat sich mir nie erschlossen. Gibt's eigentlich dieses „Zillo“ noch? Das war ja damals das Zentralorgan der Gruft-Szene.

„Den Becher hoch“ Das werden wir wahrscheinlich, so lange wir live auftreten, immer wieder spielen, das ist immer perfekt, um endlich mal 'nen Grund zu haben, öffentlich auf der Bühne Alkohol zu sich zu nehmen. Passt immer super. (lacht) Der Song liegt halt in der Mitte des Sets, und dann sehen wir immer zu, dass wir irgendeinen Blöden haben, der mit einem Tablett und diesen kleinen Kurzen rumgeht. Je nachdem, was für 'ne Qualität der Schnaps hat, kann das dann eine sehr unterschiedliche Erfahrung sein. Wir versuchen schon, bei den Clubs was halbwegs Ordentliches

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ABWÄRTS zu ordern. Gerade in Süddeutschland gibt's häu g Obstler, die richtig lecker sind. Je weiter man gen Norden zieht, umso häu ger kommt dann der trashmäßige Wodka an den Start. (lacht) Auf der letzten Show im SO36 zum Beispiel war das ein Kumpel von uns, der Frontmann von Bomb Texas, der da mit den Kurzen die Runde gemacht hat. Der hatte extra einen guten Obstler am Start, hatte er irgendwo hier in Kreuzberg gekauft. Dazu eignet sich die Nummer halt hervorragend – auch als Umsetzung von dem Text, von der Message sozusagen … Dass alles total geil ist. (lacht)

„Beim erSten mal tut‘S immer weh“

Jetzt zum Schluss wird's ein bisschen schwierig. Das ist natürlich auch eine ganz alte Nummer, auch aus „Caprischer“-Zeiten. Eigentlich ist „Beim ersten Mal tut's immer weh“ so was Ähnliches wie „Computerstaat“. Das spielen wir aus so 'nem traditionellen Verständnis heraus und natürlich auch wieder, weil es diese monotone Qualität hat und es von seiner Aussage her so zeitlos ist. (lacht)

„computerStaat“ Das Stück ist auch erstaunlich zeitlos. Das ist schon witzig, man denkt sich dann selber, dass man vor Jahren mal ganz gute Ideen gehabt hat, weil das so Sachen sind, die bis heute aktuell sind. Wann gab's denn schon mehr Computerstaat als heute?

„millionenkiller“ Da kann man auch nicht mehr viel zu erzählen … (überlegt) Ach so, doch, da kann ich sogar eine Menge zu erzählen,

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ABWÄRTS jetzt fällt mir wieder ein, warum ich das ursprünglich geschrieben habe. Fatih Akin (Anm. d. Red.: türkischstämmiger, in Hamburg geborener Regisseur von u. a. „Auf der anderen Seite“, „Soul Kitchen“) hatte „Gegen die Wand“ gedreht. Einer der – wie ich nde – besseren Filme der letzten Jahre, die hier in Deutschland so gemacht wurden. Weil der Typ ja auch Hamburger ist, haben wir uns mal üchtig kennengelernt. In dem Film läuft ziemlich am Anfang auch „Beim ersten Mal tut's immer weh“. Das läuft im Hintergrund, wo der Hauptdarsteller in dieser Kneipe so völlig am Durchdrehen ist. Und das Motiv von „Gegen die Wand“ war für mich der Aufhänger für den Text. Der Akin ist schon ein ganz cooler Typ, glaube ich – ich kenn den nicht weiter groß, aber man merkt schon, wenn man die Filme sieht, dass da einiges dahintersteckt. Im Gegensatz zu Til Schweigers „Kleinohraffen“ ist das schon eine ganz andere Abteilung. Abschließend wollten wir noch wissen, wie Frank Abwärts live beschreiben würde …

und können nicht so einfach unsere Setlist ändern. Deswegen klingt es aber natürlich auch ein bisschen besser, 'ne? … und welche Meinung er zum Thema Fußball hat. Ich als alter Hamburger – das muss ich bei jeder Gelegenheit immer mal loswerden – ich hasse einfach diese St.-Pauli-Scheiße total. St. Pauli ist jetzt wieder in die 1. Bundesliga aufgestiegen, und diese ganzen Idioten, die da auf den Zug aufgesprungen sind und so tun, als wär das irgendwas Alternatives und total super, nerven einfach. Jeder Depp läuft im Piratenout t herum, und diese ganze Totenkopf-Attitüde da drumrum, das geht mir auf den Geist. Dieses ganze Merchandise-Brimborim, da wird ein Image suggeriert, was einfach nur völlig blödsinnig ist, ein totaler Marktmechanismus. Die verkaufen ja vermutlich mehr als der FC Bayern München. Ich bin ja HSV-Fan, da hat mans auch nicht leicht. (lacht) Vielen Dank an Frank Z. für das aufschlussreiche Gespräch. Eline und Kleine Rocksau

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Ich sag mal so, das ist schon Punkrock mit Anspruch, den wir machen. Deswegen haben wir so viele Samples auf der Bühne

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BELA INTERVIEW

DER FLUCH DES INTERNETS UND DIE DISNEYSIERUNG UNSERER WELT Ein grauer Tag Ende November. Ein altes, verlassenes Bahnhofsgelände am Stadtrand von Freiburg. Schotterstraßen, Backsteinhäuser, ungeheizte Räume. Tourmanagerin Patty überlässt uns für das Interview ihr Büro, da es der einzige brauchbare Raum dafür ist – und Licht soll auch noch installiert werden, aber da Bela viel zu erzählen hat, sitzen wir am Ende im Kerzenschein. Die Stimmung ist ein wenig seltsam, und Bela entschuldigt sich zu Beginn, dass er schon seit morgens in der nicht wirklich einladenden Halle sitzt und daher eventuell nicht wirklich gut gelaunt ist – seiner Redseligkeit tut dies aber keinen Abbruch. Und so erfahren wir in der nächsten Stunde alles Mögliche über sein Soloprojekt, die Schauspielerei, Vampire, Rammstein, Fantum im Allgemeinen und Belas Auffassung der typischen Kritik an die ärzte. Einen Teil des Interviews konntet und könnt ihr schon auf www.däof.de als Online-Special lesen. Hier gibt es nun den Rest des Interviews. Ihr seid seit zwei Wochen auf „Code B“-Tour. Wie läuft es denn mit den „Neuen“ in der Band, Gary und Holly? Super! Bei Holly war es sowieso klar, dass das gut laufen würde. Er sollte von Anfang an Bassist bei Los Helmstedt werden und hatte damals nur aus familiären Gründen abgesagt. Er wollte bei seinem Kind sein, wenn es Geburtstag hat, und er hatte einen neuen Job. Er hat sich glücklicherweise dazu entschlossen, diesmal doch mit mir auf Tour zu gehen. Tim wusste aber auch von vornherein, dass ich lieber Holly dabeihätte – das sind zwei völlig unterschiedliche Musiker, und Holly ist viel mehr der Typ von Musiker, den ich mir da vorstelle. Er kennt sich besonders gut im Retrobereich aus.

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Gary ist ein alter Freund von mir, den man vielleicht auch kennt: Er hat zum Beispiel mit Rodrigo zusammen in den 90ern Brett gemacht. Außerdem hat er bei Lüde und die Astros oder Jingo De Lunch gespielt und bei Tausend anderen Bands, mit denen wir zu tun hatten. Er ist so eine richtige Berliner MusikerPersönlichkeit! Ich habe auch schon viel mit ihm gemacht, zum Beispiel die St.-Pauli-Single „You'll never walk alone“ und „Are you ready for some darkness“ mit Denim Girl. Außerdem war er bei ein paar der Filmmusiken, die ich gemacht habe, mit im Boot, zum Beispiel damals für „Kaliber Deluxe“! Und als nicht sicher war, ob Wayne mit auf Tour kommen kann, plante ich Wayne eigentlich zuerst durch eine Frau zu ersetzen. Das wäre auffälliger gewesen und auch lustiger – etwas völlig Gegensätzliches. Wir haben sogar eine gefunden, aber irgendwie hat es nicht so gefunkt zwischen uns. Ich war dann ein bisschen verzweifelt, und Wayne konnte sich wie gesagt nicht entscheiden, ob er sich nun auf seine Solo-Sachen konzentriert oder mit mir auf Tour geht. Daher mussten wir die Entscheidung für ihn treffen, das war nicht gut so. Er fühlte sich dann leider ein bisschen übergangen, aber er weiß auch, dass wir keine andere Wahl hatten. Er ist jetzt ein bisschen genervt, nicht mit auf Tour zu sein, auf der anderen Seite muss er sich um seine Single kümmern, die gerade in den Charts ist. Wie dann die Zukunft von Los Helmstedt aussieht, wissen wir noch nicht. Gary ist ein Multi-Musiker. Der spielt in Tausend Bands und kann alles Mögliche spielen – Zwölftonmusik, Jazz, … Das ist natürlich auch eine musikalische Entscheidung. Gary hat nicht die PunkRoots, die ich habe, aber das ist auch ein Vorteil. Er kann alles spielen! Das ist wichtig. Und: Er kann Trompete spielen! Das ist natürlich eine tolle Dreingabe. Ich wusste das zwar, aber auf die Idee,

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BELA INTERVIEW ihn bei „Traumfrau“ Trompete spielen zu lassen, bin ich gar nicht gekommen. Also war das sein Vorschlag? Die Band ist irgendwann drauf gekommen, ich war gar nicht dabei. Ich kam in den Proberaum, und die haben mich damit überrascht. Gary ist ein wahnsinnig netter und lustiger Vogel. Wir haben sehr wenig Hotels auf dieser Tour, da ist es natürlich angenehm und auch wichtig, mit jemandem im Nightliner unterwegs zu sein, der so ruhig ist und der sich nichts mehr beweisen muss. Anti-Alkoholiker, das kenne ich ja schon … Obwohl, er ist nicht aus freiwilligen Gründen Anti-Alkoholiker. (lacht) Wirkt sich die neue Band-Konstellation auch auf die nächste Album-Produktion aus? Ein neues Bela-B-Album wird es so bald erst mal nicht geben. Es wird zwar sicher ein drittes Solo-Album geben – ich werde das nicht aufgeben –, aber wann weiß ich noch nicht. Gary hat schon auf dem ersten Album gespielt. Die Idee mit Alessandro Alessandroni war von ihm, und er hat mir über Freunde die E-Mail-Adresse von Chris Spedding besorgt. Er ist halt einer meiner besten Freunde und in meinem Leben involviert! Ich frage ihn nach Rat, wenn ich mir mal wieder eine Gitarre kaufe, oder er bringt mir auch Sachen bei. Das Chris-Spedding-Gitarrensolo auf „Satan, Gott und das Glück“ hat er mir beigebracht. Gary ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Er ist nur deshalb nicht auf dem Album, weil wir schon Alessandro Alessandroni und Chris Spedding hatten, zu denen er mir ja verhalf. Da gab es einfach keinen Platz mehr auf der Platte für ihn als Gast. Das hat mich gefreut und geärgert.

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23 Dafür darf er dann live dabei sein. Genau, und das macht ihn sehr glücklich. Wir haben noch nie live zusammen gespielt. Wir waren immer nur im Studio zusammen. Wenn so viele verschiedene Musiker zusammenkommen, wie kriegt man das logistisch überhaupt auf die Reihe? Das ist wirklich schwierig! Wir haben jetzt die ersten Live-Termine für 2010, relativ viele Anfragen für Festivals. Und da muss jetzt schon jeder gefragt werden, ob er Zeit hat. Paule zum Beispiel hätte für diese Tour fast bei Wilsberg kündigen müssen, und das ist natürlich ätzend, denn die Rolle zahlt ihr die Miete. So viel Geld, wie sie da an einem Tag bekommt, kriegt sie bei mir an drei oder sogar fünf Tagen. Aber es macht

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ihr mehr Spaß, auf der Bühne zu stehen. Ihre eigenen musikalischen Sachen sind bisher noch im Studio-Stadium. Mit ihrem Produzenten nimmt sie schon seit ziemlich langer Zeit ihr Debütalbum auf, immer wieder neue Songs, immer wieder neue Ideen, und da hat sie jetzt der Wilsberg selbst (also der Leon, der da die Hauptrolle spielt) unterstützt und bei der Filmproduktion noch mal auf den Tisch gehauen. Und die haben ihr tatsächlich für die Zeit freigegeben. Bei Gary ist es wieder anders. Er spielt zur Zeit in zehn verschiedenen Projekten. Es ist erstaunlich, aber er kriegt das alles irgendwie geregelt. Bei Olsen ist es am schwierigsten, weil er der Mischer von Peter Fox und Seeed ist und Seeed 2010 eine neue Platte machen werden. Peter Fox hat gerade einen Livemitschnitt produziert, und der muss abgemischt werden. Und dann hat Olsen auch Familie und will auch mal in den Urlaub fahren. Olsen ist halt von fünf oder sechs Klienten, wenn man das so nennen will, abhängig, und das stiehlt ihm viel Zeit für seine Familie. Deshalb muss man früh nachfragen. Danny ist in einer Band mit zwei alten Gluecifer-Jungs, außerdem ist er Radio-Moderator in Oslo und macht jetzt direkt nach der Tour sein Examen in Journalistik oder so was. Daher ist er auch wahnsinnig beschäftigt. Holly spielt auch in mehreren Bands. Der Vorteil ist, dass alle außer Paule Vollzeit-Musiker und selbstständig

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sind. Sie können das also alles ein bisschen bestimmen und delegieren. Ist die Band-Konstellation denn jetzt fest, oder kann auch jemand ersetzt werden, wenn er an einem bestimmten Termin nicht kann? Ich habe es mal bei einem Konzert gemacht. Da konnte Danny nicht, also haben wir einen Ersatz-Schlagzeuger genommen. Das war nicht gut – das hat mir keinen Spaß gemacht. Der hat das okay gemacht und kannte die Stücke, weil er mein Schlagzeug betreut hatte, als ich im Studio gespielt habe. Aber das war einfach nicht dasselbe. Es hängt von der Position ab. Wenn zum Beispiel Paule nicht kann, kann vielleicht Lula einspringen, wobei es aber mittlerweile so ist, dass es mit Paule „eingespielter“ ist und Lula das wirklich nur im äußersten Notfall macht. Da wir drei Gitarren haben, ist es auch möglich, nur mit zweien zu spielen. Aber beim Bassisten gibt es keinen Plan B. Insgesamt ist es also schon ziemlich fest. Jedes Konzert beginnt damit, dass die Helmstedts Bela-B-Masken aufhaben. Wie kam es dazu? Es gab doch auch mal die „Totenmaske“, haben die Masken damit etwas zu tun? Nein, mit der Totenmaske hat das nichts zu tun, sondern mit dem Maskenkonzept

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BELA INTERVIEW für mein Cover. Die Maske für das Cover war wahnsinnig teuer und auch wahnsinnig kompliziert, so ein großer Brocken aus Silikon. Mir war einfach dieses Identitätenspiel wichtig, das wollte ich unbedingt machen, und das sollte auch in der Bühnenshow eine Rolle spielen. Die Frau, die die Masken beim Ärzte-Video gemacht hat, habe ich dann gefragt, und sie hat mir dann einen Kostenvoranschlag gemacht, und es war … teuer. Nicht so teuer, wie ich erwartet hatte, aber schon eigentlich hanebüchener Quatsch für ein Lied. Kommen wir von den Helmstedts zu die ärzte. Wie sieht es denn 2010 bei die ärzte aus? die ärzte werden sich im Sommer irgendwann treffen und über ihre Zukunft reden – aber erst mal nur reden. Vor dem nächsten Winter ist erst mal kein öffentliches Auftreten geplant, und das öffentliche Auftreten könnte womöglich auch nur eine Pressekonferenz sein, wer weiß. Obwohl, Pressekonferenz ist Blödsinn, warum sollten wir die geben? Nee, keine Ahnung, vielleicht drehen wir ein Video oder so. Aber es gibt eine Sache – nur so zum anteasen: Farin Urlaub und ich wollen 2010 eine kleine Sache machen. Nur wir beide privat. Was wir uns schon seit Jahren überlegt haben … Das wollen wir 2010 in die Tat umsetzen. Und mehr will ich darüber noch nicht verraten …

25 glücklich bin, da ging im Internet ein Sturm los: „Jetzt ist der glücklicher als bei den Ärzten“ und so! Und bei Farin passiert im Prinzip genau dasselbe. Das ist halt der Fluch des Internets. Sind dir die Fans manchmal ein bisschen unheimlich – was so alles spekuliert wird, was sie machen und treiben? Na ja, die Sache mit dem Internet treibt Blüten, die ich bisweilen unangenehm nde. Zum einen komme ich mir teilweise wahnsinnig beobachtet, geradezu gestalkt vor. Ich werde irgendwo beim Einkaufen gesehen, und es steht am nächsten Tag im Netz, und dann wissen es Tausende von Leuten! Alles, was ich tue und irgendwo sage, wird von Fanclubmitgliedern an den Fanclub geschickt, gesammelt und dann in einem Fanletter jedem zugänglich gemacht, der es noch nicht mitgekriegt hat – da bin ich nicht so froh drüber. Zum Beispiel gab es da so einen Artikel in der Hamburger Morgenpost, wo ich angeblich ein Interview über meine Rolle als Vater gegeben habe. Das stimmte aber nicht – der Inhalt stammte aus vielen verschiedenen Interviews und

OK, du lässt uns in der Luft hängen … Na ja, ich möchte so was immer gerne erzählen, weil ich damit ein bisschen der Gerüchteküche vorbeugen will, dass die ärzte sich jetzt endlich doch au ösen – also, nicht „endlich“, aber so klingt es immer. Als ob die Leute nur darauf warten, dass wir uns au ösen! Jeder Satz von mir wird im Internet zwölfmal gewendet. Irgendwo habe ich mal gesagt, dass ich jetzt auf Tour total

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26 wurde so zusammengefügt, dass es wie ein langes Interview zu einem Thema aussah. Das wurde dann unter den Fans direkt mit Link weitergegeben, das fand ich unangenehm. Einfach weil ich froh gewesen wäre, wenn sowas vergessen würde und es nicht noch mehr Leute lesen. Ich möchte nicht, dass da Journalisten das Gefühl vermittelt wird: „Du hast doch schon so viel darüber erzählt, dann erzähl doch noch ein bisschen mehr!“. Und das ist dann der Effekt! Journalisten recherchieren inzwischen fast ausschließlich im Internet und benutzen die Halbwahrheiten, die z. B. auf Wikipedia stehen. Um all diese Sachen im Internet gerade zu rücken, reicht meine Zeit nicht aus. Na ja, und im Moment diskutieren und spekulieren unsere Fans, da ja mit den Ärzten nicht viel passiert, natürlich wie rasend im Internet. Wir sind der Lebensinhalt von Tausenden von Leuten! Das treibt wahnsinnige Blüten. Inzwischen ist es zum Beispiel fast eine feststehende Tatsache, dass ich eine Schönheitsoperation gehabt haben soll. (fasst sich demonstrativ ins Gesicht) Aber hier ist alles echt, auch die ganzen Falten! Irgendwann stand das mal im St.-PauliForum drin – ich hab nicht nur Freunde bei den St.-Pauli-Fans. Die haben sich da tierisch drüber aufgeregt, und irgendwann ging das über meine Homepage auf andere Homepages, und jetzt bin ich zum ersten Mal schon im Interview danach gefragt worden. Und das ist es, was ich an dieser ständigen Nachrichtenut so wahnsinnig unangenehm nde: 80 Prozent der Sachen, die im Internet diskutiert werden, haben einfach weder Hand noch Fuß und sind überhaupt nicht wahr! Und natürlich habe ich auch Angst, dass irgendwann wieder Leute vor meiner Haustür stehen und meine Post oder meinen Müll durchsuchen. Das ist ja nicht mehr weit von der Geschichte mit dem Mädchen damals, das ständig vor Rodrigos, Farins und meinen Haustüren zugegen war, Post und Fotos geklaut hat und das auch vervielfältigt und an andere verschickt hat. Sie hat damals der BRAVO ein Interview gegeben und behauptet, dass Farin Urlaub sie geschlagen hätte.

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BELA INTERVIEW Das Internet ist ein sehr wichtiges Medium für die ärzte-Fans, um ihr Fantum auszuleben. Ja, es gab zum Beispiel ein Mädchen, das in einem Jahr 14.000 Einträge auf meiner Seite hatte. Da denke ich mir schon: „Wenn du 14.000-mal was auf meiner Seite reingeschrieben hast, kannst du überhaupt noch Schularbeiten machen oder dich sportlich betätigen oder irgendein anderes Leben führen?“ Und tatsächlich war es so absurd, dass sie irgendwann im Forum auch einen Thread aufgemacht hat, wo sie sich gerechtfertigt hat, dass sie auch noch Sportarten betreibt und ein Leben hat und im Chor singt und so. Das war eine ganz, ganz abgefahrene Geschichte. Wie ist es denn mit der Gruppe von Fans, die nur darauf warten, dass wieder etwas veröffentlicht wird und sie sagen können „Alles Scheiße, wann lösen sie sich denn endlich auf?“? Wir hatten in den 80er Jahren so viele Feinde: Der Feuilleton, ernsthafte Musiker, alles hat uns gehasst! Wir waren die Ärsche, wir waren die Kommerzschweine. Aber gleichzeitig konnten die Leute es auch nicht verstehen – weil wir den Leuten immer einen Schritt voraus waren, weil wir immer etwas gemacht haben, womit keiner gerechnet hat. Und dann in den 90ern haben irgendwann alle gesagt: „Hey, diese Band ist doch großartig!“ Alle konnten sich auf uns einigen, und es war total langweilig, über uns herzuziehen. Und jetzt geht es gerade wieder ein bisschen in die andere Richtung. Wenn sich wirklich alle auf dich einigen können, dann bist du Mutter Teresa, und das wollten wir nie sein. Was ich wirklich nicht verstehe sind die Fans, die glauben, dass sie besonders gute Fans sind, nur weil sie kritisch sind. Kritisch zu sein ist gut und wichtig, aber es gibt auch Leute – Fans! –, die alles immer grundsätzlich scheiße nden. Jeden Schritt, den die ärzte machen. Und das sind wohlgemerkt Fans. Man muss kritikfähig sein, wenn man in der Öffentlichkeit steht, aber man muss sich nicht die ganze Zeit beschimpfen

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lassen, weil das so ein Sport ist – das ist Blödsinn.

Auf meiner Homepage habe ich die Foren geschlossen, weil es einfach nichts mehr bringt. Warum soll ich eine teure Homepage machen, wenn Leute gleichzeitig in ein Forum Adressen reinschreiben, wo man sich meine CD umsonst downloaden kann? Oder andere Leute davor warnen, meine Platte zu kaufen, weil die nicht gut sei. Foren sind auf so etwas viel schwerer zu kontrollieren. Deshalb, und weil ich auch eine Verantwortung den Fans gegenüber habe, habe ich jetzt nur noch ein Gästebuch. Darüber habe ich auch mit Farin gesprochen, der macht das genauso. Im Gästebuch bleiben die Sachen eher zusammen und werden nicht zu lange und ausgiebig diskutiert. Und man kann eben auch schneller Sachen wie Links zu illegalen Downloadplattformen eliminieren. Ich weiß nicht, was das mit Fantum zu tun hat …

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Passt du deinen Internetauftritt dem Verhalten der Fans an?

Es gibt auch die entgegengesetzte Art von Fan – die, die der ganzen Sache völlig unkritisch gegenüberstehen. Die also zum Beispiel sagen, dass du ihr Lieblingsschauspieler bist, einfach weil du nun mal Bela bist.

Wo wir schon bei deiner Schauspielerei sind: Könntest du dir neben den Filmen auch ein festes Engagement als TheaterSchauspieler vorstellen?

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Das ist natürlich totaler Blödsinn. Hab ich aber auch noch nie gehört!

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28 Nein. Na ja, vorstellen könnte ich es mir schon, so ist es nicht. Die Sache in Hamburg war machbar, weil es ein Fortsetzungsstück ist und ich nur in einer der Folgen dabei bin. Außerdem war die Probenzeit sehr kurz. Das war die dritte oder vierte Anfrage für ein Theaterstück, aber bisher konnte ich nichts wahrnehmen. Ich hätte bei „Captain Berlin vs. Hitler“ von meinem Freund Jörg Buttgereit den Dracula spielen sollen! Das hat mir sehr wehgetan, dass ich das absagen musste, weil die Aufführungen in die ärzteWintertour 2007 gefallen wären. Und dann hätte ich vor ein paar Jahren in der Bühnenversion „I Hired A Contract Killer“ von Aki Kaurismäki die Hauptrolle spielen können. Das habe ich nicht gemacht, weil ich das Theater nicht mochte. Das wäre nicht das Richtige um anzufangen, dachte ich. Und ich sollte sogar schon mal in Salzburg spielen, den Jedermann, den Teufel. Da hab ich's mir dann mit einer bestimmten Person verscherzt und bin ganz kurzfristig umbesetzt worden. Es geht aber immer in eine bestimmte Richtung. Stattdessen mal den Helden spielen in einer romantischen Komödie

BELA INTERVIEW … wird dir das nicht angeboten, oder möchtest du das nicht? Ich fand eine ganze Zeit lang den Bösen immer die interessanteste Figur. Ist der Böse eine wirklich interessante Figur, dann ist der Film auch toll, ganz klar. Bei James Bond müssen zum Beispiel die bösen Gegenspieler sehr fantasievolle und tolle Charaktere sein, um den Held besser strahlen zu lassen. Ich weiß nicht, ob ich nicht mittlerweile zu alt bin, um den jugendlichen Helden angeboten zu bekommen. Ich nde, dass ich jünger aussehe als Bruce Willis, als er so alt war wie ich jetzt, aber nun ja … Ein Caster hat mir mal versprochen, dass er mich als Polizist und Familienvater besetzt, und deshalb hab ich bei „Gonger“ letztes Jahr einen Polizisten gespielt. So groß war die Rolle allerdings nicht, die Familiengeschichte wurde nicht durchleuchtet. Ich würde also gerne auch andere Rollen spielen, aber inzwischen ist mir das ehrlich gesagt ziemlich egal. Wenn mir die Rolle gefällt und ich Zeit habe, sage ich zu. Bei „Edelweißpiraten“ vor einigen Jahren war ich auch nicht wirklich der Bösewicht, und das war die größte Hauptrolle, die ich gespielt habe. Was hältst du als Vampirfan denn von „Twilight“?

© Jana Groß

Ich hab's ehrlich gesagt nicht gesehen, und ich will's auch nicht sehen! Ich habe Fotos gesehen, und die Fotos stoßen mich total ab. Ich habe jetzt gehört, dass die Autorin eine bekennende Christin ist.

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Mormonin, ja. Die ganze Geschichte ist eine Metapher für „kein Sex vor der Ehe“. Echt? Damit hat es sich für mich schon

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erledigt. Der Vampir ist eine Schauergur, eine Horror gur, die nur so vor sexuellen Anspielungen strotzt. Die Figur ist dafür geschaffen, Lust zu erzeugen. Als Bela Lugosi am Broadway Dracula auf der Bühne gespielt hat, da haben Frauen im Publikum laut gestöhnt, als sie ihn gesehen haben und er mit seinem ungarischen Akzent gesprochen hat. Das ist etwas Sexuelles! Das wegzunehmen und dann diese frisch geföhnten WalleHaare, das nde ich ganz grauenvoll. Neulich habe ich im Spiegel das lange Interview mit Michael Schuhmacher gelesen. Der sagte, er habe zehn Jahre lang kein Buch gelesen – aber jetzt hätte er „Twilight“ gelesen, das hätte ihn sehr interessiert, und er würde sich auch den Film angucken. Für solche Leute ist das dann wohl gemacht. Es scheint überwiegend ein weibliches Publikum zu sein, und auch gar nicht so jung. Da gehen auch die 40-jährigen Mütter ins Kino. Hast du's gesehen? Ich hab nur den ersten Band gelesen, und das hat mir vollauf gereicht. Das Frauenbild, das da dargestellt wird, ist zum Kotzen. Sie gerät immer in eine gefährliche Situation, er muss sie retten, und „beißen“ ist gleich „küssen“ …

und Zara-Klamotten tragen, McDonalds essen, Coca Cola schlürfen und „Twilight“ gucken, das ist für mich dasselbe. Auf Wahnsinn, das beraubt dieser ganzen gar keinen Fall! Nicht unterstützenswert Vampir-Sache völlig den Zauber! Horror– nicht mit Bela B! Dann lieber vor 700 lme, in denen Vampire nicht sexy sind, oder 800 Leuten in so einer Schrotthalle sondern eher Monstren oder schreckenwie hier spielen, Spaß haben und meine erregende Dämonen, nde ich schon okay. Vision von Las Vegas verwirklichen, Wie zum Beispiel „30 Days Of Night“. Sex als mich da so fangen zu lassen. ist da nicht der vorherrschende Subtext, Das Allerschlimmste ist jetzt, dass Walt aber der Film ist großartig. Das ist halt Disney Marvel gekauft hat! Marvel ist die Disneysierung unserer Welt. Das eine der größten Comic rmen der Welt. klingt jetzt hochtrabend, aber GlobaliDie haben ihr eigenes Superheldensierung treibt wirklich extrem schlimme Universum geschaffen. Die haben auch Züge, und das ist einer davon. Wir leben ganz exquisite gewaltverherrlichende bald nur noch in einer Welt, wo Lebensan- „Ab 18“-Wahnsinnscomics, die sehr schauungen so unter die Leute gebracht zwiespältig zu betrachten sind, da muss werden. Diese „High School Musicals“ von man schon eine sehr gesunde Sicht aufs Disney müssen auch das Grauen sein – Leben haben. Disney hat die gekauft, was den Kids da weisgemacht wird! Und weil ein wahnsinniges Geschäft dahinterdann gibt es „Twilight“ und was weiß ich steckt, mit der X-Men-Ver lmung und was. Ich meine, dagegen ist Harry Potter so, es geht da ums Filmgeschäft. Und doch wirklich das blühende Leben! H&Mdann werden bald auch Mormonen die

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um noch mehr Platten zu verkaufen? Bingo! Dann wird die Platte indiziert, supergeil. Besser geht's doch gar nicht! Dieser Aktionismus bringt überhaupt nichts, das hilft den Falschen. Rammsteins Pornovideo ist nur 18-Jährigen zugänglich – wir wissen natürlich, dass das nicht so ist, aber das Internet kriegst du nicht unter Kontrolle, und ein Stoppschild im Internet vor einer Internetseite wird keinen an geschändeten Kindern interessierten Menschen daran hindern, auf diese Seite zu gehen. Das hilft einfach nicht! Das ist einfach nur da, um sagen zu können: „Hier, schaut euch das an, wir greifen durch“ – sonst nichts. Sido hat vor einigen Jahren genauso wie Rammstein, jetzt kapiert, dass man einfach bestimmte Wege gehen und auf bestimmte Art provozieren muss, um die Glaubwürdigkeit bei den Jugendlichen zu haben. Letztendlich haben die ärzte davon auch erheblich pro tiert, auch wenn wir das damals nicht bewusst gemacht haben. Wir haben ja nicht gedacht, dass wir jemals so bekannt werden würden, dass das eine Rolle spielt.

Geschichten vom unglaublichen Hulk oder vom Punisher schreiben, und das ist … wunderbar. Schöne neue Welt … Andererseits ndet im Moment hierzulande wieder eine wunderhübsche Zensur- und Jugendschutzwelle statt. Rammstein mit der Albumindizierung zum Beispiel oder auch das „Manchmal haben Frauen …“-Video – was war das, sexualethische Desorientierung? Desorientierung, ja, weil ich mich darüber freue, dass ich verprügelt werde. Ehrlich gesagt ist mir das ziemlich egal. Zensursula von der Leyen hat einen Hang zum Aktionismus, die hat das angeführt, und jetzt haben wir eine schwarz-gelbe Regierung. Die wollen natürlich bei den Familien punkten, darum geht es ja immer. Rammstein haben in den ersten zwei Wochen fast 200.000 Platten verkauft, das ist nach heutigen Verkaufsmaßstäben eine Sensation. Wahnsinnig viel! Und mit ihrem Pornovideo hatten sie dann wirklich alle Werbemaßnahmen getroffen, das ist voll aufgegangen. Wenn man 200.000 Platten verkauft hat, denkt man sich, was man überhaupt noch machen kann,

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Wäre das dann nicht der perfekte Zeitpunkt für ein Video zu „Ninja Baby“? (lacht) Ist ein toller Song, oder? Ich sage den deshalb als Frauensong an, weil ich tatsächlich das beste Feedback auf das Lied von Frauen bekomme. Die nden den Song alle total sexy und total geil! Wayne zum Beispiel fand den Song am Anfang überhaupt nicht gut. Wenn ich jetzt bewusst auf so ein Zensurding gehen würde, dann könnte man mir das mit meiner Vergangenheit mit den Ärzten zu Recht komplett um die Ohren hauen. Ich habe auch „Altes Arschloch Liebe“ nicht so getextet, weil ich provozieren wollte, sondern weil das vom Konstrukt her für mich interessant war, die Liebe so zu beschimpfen. In der Hinsicht hat das noch keiner gemacht!

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BELA INTERVIEW Die Radiosender haben den Song dann nicht gespielt – nicht weil das Wort Arschloch im Text vorkommt, sondern weil ihre Radiomoderatoren den Song nicht ansagen dürfen, weil sie angehalten sind, solche Wörter nicht zu sagen. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, das hat mir eine Promoterin gesagt. Hätte ich ihn nur „Liebe …“ genannt, hätte ich wahrscheinlich mehr Radio-Airplay gehabt. Bei Rammstein lag eigentlich auf der Hand, dass diese Sache mal einer macht. Es gibt ja schon Pornovideos von Pornorappern, auch mit Hardcoreszenen, und auch bei Aggro Berlin gab es das ein oder andere Video, wo Hardcoreszenen drin waren. Aber Rammstein ist eben auch eine Band, die wahnsinnig viel verkauft. Mein Neffe, der jetzt 16 geworden ist, rief mich irgendwann an und fragte, ob ich es schon gesehen hätte – um mir dann zu erzählen, was da drin alles passiert. Insofern nde ich das jetzt nicht so schlimm. Mich nervt eher das Deutschland-FahnenSchwenken und gewisse Worte in dem Text, aber na ja, es ist halt Rammstein, so sind sie. Sie sagen immer, sie haben damit nichts zu tun, und dann erinnern sie uns aber alle noch daran – „Guck mal, wir sind doch die Band, von der alle immer sagen, sie sind rechts“. Und in den Texten plötzlich Worte wie Blitzkrieg und sowas … Ich hab das denen auch schon gesagt, aber man kann wirklich davon sprechen: Es ist ihre Masche. Das ist die Sache, die mich eher nervt. Wenn es künstlerisch Sinn macht, sollte man Grenzen übertreten. Ich nde auch, dass die ärzte mit dem neuen Video eine Grenze ausgelotet haben. Keine Geschmacksgrenze und auch nichts, was zensurwürdig wäre, aber das Konzept, wie wir es da haben, ist einmalig.

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31 Gibt es eigentlich eine Regel, dass das Video nur komplett gespielt werden darf? Für zwei Wochen, ja. Damit nutzen wir natürlich unsere Macht als die ärzte komplett aus, das könnte ich mit Bela B nicht machen. Mit den Ärzten können wir diktieren, dass zwei Wochen lang nur die drei Songs am Stück gespielt werden dürfen, danach auch einzeln. Und dadurch, dass das noch nie da war, gehen die auch alle darauf ein. Was war denn euer Hintergedanke dabei? Es gab relativ viel Kritik von den Fans, weil jeder Fan diese drei Lieder schon kennt, da sie auf dem aktuellen Album sind, und dann noch ohne B-Seiten … Es ging eigentlich wirklich darum, diese Videos zu drehen. Die Videos sind auch

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BELA INTERVIEW mit einigen Making-ofs und obendrein gedrehten Extras auf der Videokompilation drauf. Dafür haben wir das gemacht. Wie kamt ihr auf die Idee mit der TripleHelix-Vinyl zur Single?

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Früher gab es ein paar Mal eine B-Rille auf Vinyl, wo zwei Lieder parallel nebeneinander liefen, und wenn du den Tonarm draufgelegt hast, wusstest du nie, welcher Song gespielt wird. Die Idee hat sich jetzt für unsere Triple-Single angeboten, und das ist so auch noch nie gemacht worden! Solche Sachen machen uns Spaß, das ist der einzige Grund. Wir haben keine B-Seiten mehr übrig. Wir haben nichts aufgenommen – und da jetzt noch irgendwelche Live-Aufnahmen draufzutun? Ich bin sowieso kein großer Freund von LiveAufnahmen auf B-Seiten. Das haben wir bei den Ärzten schon viel zu oft gemacht, wenn wir keine B-Seiten mehr hatten. Es gibt Leute in unserem Umfeld, denen kann es nicht genug von uns geben! Die sagen dann: „Da gibt's noch geile Live-Aufnahmen davon und davon!“, aber ich nde Live-Aufnahmen außerhalb eines Live-Albums so öde, so langweilig, es sei denn, du fängst mal einen sehr speziellen Moment ein, der auch ohne ganzes Album funktioniert. Die Single gab es fürs Radio.

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Aber solche Sachen werden kritisiert. Die Kompilation mit Sachen, die man schon kennt, die Single ohne B-Seiten, die Linz-Konzerte, wo zweimal die gleiche Setlist gespielt wurde …

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BELA INTERVIEW Haben wir an beiden Tagen die gleiche Setliste gespielt? Ich glaube nicht. Nicht komplett, aber sehr, sehr ähnlich … Nun ja, gestern in Ulm haben wir zum Beispiel überlegt, ob wir „Liebe und Benzin“ nicht spielen und dafür „Hab keine Angst“. Dann hätten sich zehn Leute gefreut, die schon auf anderen Konzerten waren. Aber wir haben uns dann doch entschlossen, „Liebe und Benzin“ zu spielen, weil so viele andere Leute nur einmal da sind … Da sehe ich aber einen klaren Unterschied zwischen deiner Solo-Tour und den Linz-Konzerten. In Linz war es durchaus zu erwarten, dass viele Leute hinfahren und dann auch gleich beide Tage mitnehmen. Also, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir zwei verschiedene Setlisten gespielt haben, die sich in circa neun Liedern unterschieden haben. Wir haben immer zwei oder drei Setlisten parat und fünf Setlisten dabei. Auch wenn wir in der Wuhlheide drei Tage hintereinander spielen, spielen wir alle drei Tage eine andere Setlist. Diese Setlisten unterscheiden sich dann tatsächlich aber nur in acht oder neun Liedern. Bei drei Stunden fällt das gar nicht so auf, das ist richtig. Aber es gibt halt auch wahnsinnig viele Songs, die die Leute hören wollten, die nur auf einem der beiden Konzerte waren. Und ich weiß, dass in Linz beide Shows auf ihre Art sehr unterschiedlich waren – und beide wahnsinnig lustig! Und beide vor allem unterschiedlich lustig. Und das ist doch der Grund, warum du zu den Ärzten gehst: Dass du nicht weißt, was du kriegst, dass du aber weißt, dass du einen absoluten Irrsinn bekommst. Wir waren über beide Shows total glücklich, und es haben sich auch wahnsinnig viele Leute diese Sticks gekauft, was wir uns eigentlich sehr lange aufgehoben haben. Die Leute am ersten Tag haben natürlich auch Deichkind gesehen, was dann noch mal eine extra Dreingabe ist. Ich nde Therapy? zwar auch gut und habe mich auch gefreut, die mal wiederzusehen, aber Deichkind

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33 ist wohl zur Zeit auf jeden Fall eine der aufsehenerregendsten Livebands! Aber das ist richtig, das muss man auch kritisieren. Es gibt schon auch einige Punkte bei den Ärzten, die mir auch nicht so gefallen, weil wir einfach nicht mehr hinterherkommen, uns da mehr zu involvieren. Das Merchandising ist zum Beispiel so eine Sache. Ich nde, dass unser Merchandise immer nur noch in Minimalschritten variiert, dass wir immer nur noch dieselben Motive anders kombinieren. Und jetzt, bei meiner eigenen Sache, bin ich viel mehr involviert, habe immer neues Merchandise und total unterschiedliche Artikel. Da habe ich das Gefühl, dass wir bei den Ärzten ein bisschen in einer Starre sind. „Okay, dann gibt es jetzt halt DAS mit dem Logo und DAS mit dem Logo.“ Und jetzt noch mal was in schwarz … Ja, genau. Farin Urlaub sagt schon seit 15 Jahren ständig: „Komm, nimm mal was anderes“. Daher haben wir zum Beispiel mal türkise Shirts rausgebracht – super Putzlappen leider, die können wir dann verschenken. Die Leute wollen halt immer nur schwarz. Deshalb habe ich bei meiner Solosache auch mehr mit dem schwarz/weiß gespielt. Ich nde, dass es da ziemlich gut gelöst ist, wenn man darauf achtet, was man Ungewöhnliches machen kann. Und in diesem Moment kommt Patty rein und erinnert Bela nach einer knappen Stunde Interview daran, dass seit einer halben Stunde der Soundcheck ansteht. Vielen lieben Dank für das tolle und ausführliche Interview! Natollie und Susi S. (Dieses Interview wurde abgetippt und bearbeitet auf Flughäfen in Mauritius, Kopenhagen und Hamburg. =;-))

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„IHR

SEID ALLE FANS DER BESTEN BAND DER WELT.“

T!, genauer Thomas Weidemüller, steht auf den Konzerten immer zwischen Band und Fan. Er ist verantwortlich für die Sicherheit von die ärzte wie auch von deren Fans. Wir sprachen mit ihm über seinen Werdegang, seinen Job, aber auch über die Beziehung, die er zu den Fans hat. Hallo T!, wie bist du zum Beruf des Securitys gekommen? Ich hab 1983 meinen Onkel kennengelernt. Dieser war Security und hat auf den amerikanischen Präsidenten aufgepasst. Er ist genau wie im Kino z. B. neben dem Auto hergelaufen. Als dann damals so ein durchtrainierter Zwei-Meter-Mensch vor mir stand, dachte ich, das will ich auch machen. Warst du damals schon so durchtrainiert? Nein. Da war ich 14 Jahre alt und habe lieber Tennis gespielt, als mit Gewichten zu trainieren. Durchtrainiert bin ich schon lange nicht mehr wirklich. Vor 15 Jahren war ich ein 120-Kilo-Muskelmonster, aber heute ist der Sixpack-Ehrgeiz nicht mehr da. Ich bin t für meinen Job, aber mehr muss nicht mehr sein. Was hast du gelernt bzw. studiert? Ich bin gelernter Motorradmechaniker. Bist du auch selbst noch aktiver Fahrer? Ich bin früher mal drei Jahre lang Straßenrennen gefahren. Bedingt durch meine Größe musste ich mich aber immer an Diäten halten, weil es da um Hundertstelsekunden geht. Das hat irgendwann keinen Spaß mehr gemacht, weil ich dann wie ein halbes Hemd vor der Disco

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stand. Irgendwann war es auch zu teuer als Hobby. Heute fahre ich nicht mehr. Hast du auch keine Maschine mehr? Nein. Das ist besser für meine Gesundheit. Wenn ich auf einem Motorrad sitze, schaltet sich irgendwie das Gehirn aus. Wo bist du aufgewachsen? Ich habe bis Anfang 2004 rund um Frankfurt gelebt. Wie hast du in der SecurityBranche Fuß gefasst? Ich habe eine Personenschutzschule besucht. Die hat mich dann an verschiedene Großkonzerne vermittelt, wo ich auf die Vorstände aufgepasst habe – so richtig im Anzug und allem, was dazugehört. Nebenbei habe ich immer als Türsteher gearbeitet. Irgendwie bin ich dann über Konzerte, auf denen ich gearbeitet habe, in die Musikbranche gekommen – vielleicht, weil ich ein bisschen penibler bin in dem Job als viele andere. So nahm das seinen Lauf. Wie hast du die ärzte kennengelernt? Ich kann mich erinnern, dich das erste Mal auf der 2001er Tour gesehen zu haben. Mein erstes Konzert von die ärzte war 1998 in Magdeburg. Da hatte Andi Simon gefragt, ob vier Leute aus Frankfurt nach Magdeburg kommen können, da sich ein paar Rechte angemeldet hatten. Damals habe ich die Band aber nur beim Aussteigen aus dem Bus gesehen. Richtig kennengelernt habe ich die ärzte dann, glaube ich, auf den Hard Pop Days. Da wollte ich Andi besuchen, und er fragte, ob ich mit in den Graben kann, weil die örtliche Security Schrott war. Also habe ich das gemacht, und danach hat

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DIE GEFÄHRTEN: T! er mich ihnen vorgestellt. 2001 hat er mich dann gefragt, ob ich Lust hätte, als sein zweiter Mann mitzufahren. Was hast du von den Ärzten (und ihrer Musik) zuvor gehalten? Ich wusste schon, wer sie sind, aber damals wie heute bin ich kein großer Musikhörer. Ich glaube, in meinem Job ist es auch wichtiger, die Künstler leiden zu können als die Musik. Wenn wir nur bei Bands arbeiten würden, die wir hören, könnte keiner in der Branche überleben. Das ist verständlich, aber man hat gegenüber manchen Künstlern diverse Vorurteile, bevor man sie mal getroffen oder näher kennengelernt hat. Gab es das bei dir? Nein. Weil ich nie wirklich Fan einer Band war, ist mir das eigentlich ganz egal, wer da auf der Bühne steht. Für die ärzte zu arbeiten macht mir aber am meisten Spaß, weil jede Show anders ist und nicht wie bei anderen jeden Abend genau gleich. Wie sieht ein Arbeitsalltag bei einer Tour wie z.B. dem „Jazzfäst“ bei dir aus?

39 Wie entsteht dann z. B. so ein Zwischenfall wie beim Konzert in München 2007, wo das Konzert wegen kaputter Absperrgitter zwischenzeitlich unterbrochen worden ist? So was kann immer mal passieren. Wir hatten Gitter gemietet, auf die ich übrigens heute noch vertraue. Aber die sind ja nicht immer unter unserer Kontrolle. Normalerweise werden Gitter in einer Halle angeliefert, und die Stagehands bauen sie irgendwann auf. Denen ist es aber normalerweise egal, ob sie Unterlegscheiben benutzen, und so nehmen die Gitter an den Verbindungsstellen Schaden und pilzen auf. Meine Securitycrew und ich achten zwar darauf, dass Unterlegscheiben benutzt werden, aber auch wir können nicht in die Schweißnähte sehen oder wie weit ein Gitter da schon Vorschäden hat. In München ist es dann passiert, dass die Schweißnaht gerissen ist. In der Zwischenzeit sind die Hersteller auch dazu übergegangen, andere Verbindungsstellen zu machen, aber Materialschäden können leider immer mal vorkommen. Gab es neben diesem Vorfall schon brenzlige Situationen oder gar mal

Dank meiner Securitycrew, die jetzt dabei ist, ist es etwas entspannter als früher. Ich komme irgendwann vor dem Soundcheck mit der Band in die Halle, dann schaue ich mir an, wie die Einlässe gebaut sind, ob die Bühnengitter stehen wie ich es möchte und so weiter. Früher habe ich jede Schraube selbst kontrolliert, aber da ich nun ein Team dabeihabe, auf das ich mich verlassen kann, fällt das schon mal weg. Dann mache ich eine Besprechung mit der Einsatzleitung der örtlichen Security, wie die Band und ich gerne den Konzertablauf hätten, nach was bei den Einlasskontrollen gesucht werden soll, wie die verschiedenen Securitypositionen zu handlen sind, usw. Danach ist meistens Soundcheck, und dann machen wir so bald wie möglich Einlass. Während der Show bin ich normalerweise im Graben. Nach der Show verschwinde ich irgendwann mit den Künstlern aus der Halle. Anschließend wird entweder noch ausgegangen, oder es geht halt ins Bett.

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Überlegungen, Konzerte wegen mangelnder Sicherheit abzusagen? Da die Band in Sicherheitsfragen absolut hinter mir steht nicht. Und ich bin, wie gesagt, extrem pingelig, wenn es um die Sicherheit der Fans geht. Auf Clubshows ist es oft so, dass es heißt: „Das machen wir hier immer so und es ist noch nie was passiert.“, aber wenn ich auch nur die geringsten Zweifel habe, lasse ich das ändern. Z. B. spielen viele Clubs ohne Gummimatten unter den Bühnengittern. Dabei ist das nur eine kleine Investition, und die Gitter rutschen nicht mehr. Da bestehe ich dann drauf. Deshalb ng ein FURT-Konzert mal eine Stunde später an, weil ich erst Einlass machen ließ, nachdem Matten besorgt waren. Ich gehe halt immer vom Schlimmsten aus, was passieren könnte. Du hast vorhin bei dem Konzert in Magdeburg auch die rechten Idioten angesprochen. Kommen da noch Ankündigungen aus der Ecke, bei Konzerten aufzulaufen, oder sind die ärzte dafür einfach zu groß geworden? Da kommt schon länger nix mehr. Manchmal lungern ein paar Deppen vor der Halle. Aber es ist dann wie bei den Demos: Die sind immer so massiv in der Unterzahl, dass sie doch ruhig sind und irgendwann abziehen. Wenn nicht, dann werden sie halt entfernt.

Kriegst du eigentlich während deiner Arbeit was vom Konzert mit, oder setzt du da eher einen Tunnelblick auf? Ich versuche, alles mitzubekommen, was meinen Job betrifft. So möchte ich über alles informiert werden, was z. B. am Eingang passiert. Oder wenn mal jemand raus iegt, möchte ich auch wissen, warum. Ich versuche auch schon, den Sprüchen oder so auf der Bühne zu lauschen, aber der Job geht vor. Wenn die Leute meinen, ich schaue böse, so ist das meine Konzentration. Ich will ja auch niemanden fallen lassen, der gesurft kommt. Ich will mitbekommen, wenn beim Pogotanzen mal ein paar hinfallen und zuschauen, dass auch alle wieder aufstehen. Wir haben da vorne schon einiges, auf das wir achten müssen. So etwas wie die „Wall of Death“ ist dann für dich Schwerstarbeit, oder? Da komm ich schon immer ein bisschen ins Schwitzen, aber die Leute wissen normalerweise, auf was sie sich einlassen, und helfen sich auch wieder hoch. Nur einmal wurde ein Mädel total überrascht. Sie hat Riesenaugen bekommen, da hat's auch schon gekracht. Sie musste kurz zum Sanitäter, aber es ist nix Schlimmeres passiert – zum Glück. Eine Frage, die von unseren Vieltourern kommt: Warum wird eigentlich kein Wasser mehr aus dem Graben verteilt? In vielen Bundesländern ist es mittlerweile laut Versammlungsstättenverordnung und Hygienevorschriften verboten, Leitungswasser zu verteilen. Um alle Leute mit Flaschen zu versorgen, fehlt uns die Zeit. Wir versuchen immer, bei den Veranstaltern durchzusetzen, dass die Leute wenigsten ein oder zwei Capri-Sonne oder Ähnliches mit in die Halle nehmen dürfen. Bei vielen Bands gibt es nicht mal das, oder es ist ihnen einfach egal. In Clubs ist es leider oft auch so, dass die Leute das Wasser

Personenschutz während einer Autogrammstunde

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DIE GEFÄHRTEN: T! nicht trinken, sondern sich über den Kopf schütten. Kann ich verstehen, aber dadurch wird auch die Luftfeuchtigkeit in den Clubs so hoch, dass die Instrumente darunter leiden. Deshalb haben wir auch das mit den Wassersprühern wieder eingestellt. Auch ein Grund ist unsere Arbeitssicherheit im Graben. Manchmal ist der Boden dort so, dass er, wenn Wasser drauf kommt, wie Schmierseife wird und wir kaum die Leute raustragen können. Was sind deine Lieblingshallen oder Clubs? Einer meiner Lieblingsclubs wird immer die Batschkapp in Frankfurt sein. Ansonsten mag ich in Wien die Arena – egal ob innen oder außen. Aber im Großen und Ganzen ist es mir egal. Ich versuche immer, aus allen Gegebenheiten das Beste zu machen. Du warst 2004 auch mit die ärzte in Südamerika unterwegs. Das kann man sicher kaum vergleichen mit den Standards hierzulande, oder? Das auf keinen Fall, und mir sind echt graue Haare gewachsen. Aber irgendwie hat es funktioniert – was vielleicht auch daran lag, dass die meisten Leute erst mal dastanden und geschaut haben, was die drei Deutschen da auf der Bühne machen. Aber es hat riesigen Spaß gemacht. War es nicht so, dass Bela bei einem Konzert im Publikum stand? Mehr oder weniger. Aber das war schon okay. Die Band würde gerne bei Clubshows öfter ohne Gitter spielen, und wenn es möglich ist, wie in der Batschkapp oder auch Montreux, dann habe ich da auch nichts dagegen. Aber leider gibt es meistens Gründe, die dagegen sprechen. In Moskau wurde auch ohne Gitter gespielt. Wie hast du Russland erlebt? Fand ich super interessant. In Moskau gab es keine Gitter, was mir auch Kopfschmerzen gemacht hat, aber wieder mal gut gegangen ist. Ich war vorher auch noch nie in Russland und kam gerade aus Panama, was 30 Grad Temperaturunterschied bedeutete. Also musste ich mir erst mal eine Jacke kaufen. Aber wir hatten ja

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41 Glück mit dem Wetter. Also haben wir uns alles angeschaut, was in der Zeit ging. Du hast vorhin von deinem Securityteam gesprochen. Mit wie vielen Leuten arbeitest du da bei einer die ärzte-, FURT- oder Bela-B-Show? Bei die ärzte waren vier Stück mit, bei Farin einer, und bei Bela bin ich alleine dabei. Da kommen halt je nach Hallen- oder Clubgrößen noch die örtlichen Securitys dazu. Mit wie viel örtlichen Securitys wird bei einer Show wie z. B. in der Dortmunder Westfalenhalle gearbeitet? Da sind es ca. 60 bis 70. Du bist jetzt ca. zehn Jahre mit dabei. Was waren die Highlights in dieser Zeit? Natürlich die Silvestershow. Dann Südamerika. Aber auch Montreux wird ein Highlight bleiben. Da wir dort ohne Gitter gespielt haben, stand ich auf der Bühne. Als ich mich mal umdrehte, standen Alice Cooper und Roman Polanski hinter mir und schauten sich die ärzte an. Das fand ich schon klasse. Das klingt abgefahren. Du bist in der Fanszene von die ärzte mittlerweile auch sehr bekannt. Haben sich da eigentlich auch schon Freundschaften zu einzelnen Fans gebildet? Keine wirklich tiefen, aber es gibt schon ein paar, mit denen man sich ab und an mal langer unterhält. Und wenn man sich mal über den Weg läuft, auch mal einen Kaffee trinkt. Wird dein Bekanntheitsgrad auch schon mal unangenehm, oder gibt es Versuche, über dich näher an die Band heranzukommen? Die gibt es auf jeden Fall, aber das nehme ich keinem übel. Das ist halt so. Die Fans wollen gerne näher an die Band, und manchmal ist es halt meine Aufgabe, das zu verhindern. Aber gäbe es das nicht, gäbe es auch meinen Job nicht, jedenfalls

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42 nicht so in der Art. Ich fand es nur mal komisch, als ich mit meiner Tochter im Heidepark war und ein paar Fans mich erkannten und versuchten, Fotos zu machen. Das nde ich übertrieben, auch wenn ich bei Autogrammstunden nach Unterschriften und Fotos gefragt werde. Gibst du dann Autogramme oder Fotos? Nein, dafür bin ich ja nicht da. Ich bin auf vielen Fotos im Hintergrund, das langt. Du hast gerade gesagt, dass du eine Tochter hast. Dein einziges Kind? Nein. Ich habe vier, zwei Jungs und zwei Mädels. Ist deine Arbeit nicht schwer mit einem normalem Familienleben zu verbinden? Ja, das ist sie. Die Kinder leben auch nicht bei mir. Ich habe aber immer, wenn ich Zeit habe, Kontakt zu ihnen. Mehr möchte ich dazu auch nicht sagen … Verständlich. Was machst du, wenn du nicht mit die ärzte unterwegs bist? Ich war auch immer mal mit anderen Bands unterwegs. Dann bin ich 2007 erst nach Mallorca und anschließend nach Panama und habe auf Geschäftsleute aufgepasst. Jetzt bin ich wieder in Deutschland und in Solingen gelandet. Dort arbeite ich bei einem Sicherheitsdienst im Büro oder eben auf Konzerten. Wenn eine Tour oder Festivals anstehen, werde ich dort jederzeit freigestellt. Wie kamst du denn nach Panama? Ein Bekannter sagte mir, dass er Leute kennt, die auf Mallorca einen Personenschützer suchen. Also bin ich mit ihm hin und habe mich mit den Leuten gut verstanden. Sie wollten nach Panama auswandern und haben mich halt gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Dann bin ich mit der Frau des Paares eine Woche dorthin ge ogen, um zu sehen, ob das für sie in Frage käme, und drei Monate später war ich dann schon dort.

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DIE GEFÄHRTEN: T! Wie ist das Klima so in Panama? Dort gibt es nur Trocken- und Regenzeit. Es ist im Durchschnitt 33 Grad warm. In der Regenzeit ist es halt sehr drückend, und man ist in der Sekunde, in der man aus der Dusche kommt, schon wieder durchgeschwitzt. Aber mir hat es sehr gefallen. Und wenn man den Klimawechsel mitmacht, gewöhnt sich der Körper auch dran. Wenn man nur mal für zwei Wochen hin iegt, kommt das Drückende in der Sekunde, in der man aus dem Flugzeug steigt. Du begleitest Menschen, die mitunter sehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Erlebst du bei ihnen auch die Schattenseiten des Ruhmes, diesen goldenen Kä g? Ja! Da wollen die Leute mal einfach mit Freunden was essen, und es kommen Leute an den Tisch und würden ihnen am liebsten die Gabel aus der Hand nehmen, weil sie genau jetzt ein Foto oder ein Autogramm brauchen. Das nde ich echt unnötig. Aber alles hat zwei Seiten. Oder wenn Leute an der Haustür eines Künstlers klingeln, was erwarten sie? Du hast erwähnt, dass du mit anderen Bands unterwegs warst, ggf. noch bist. Ich weiß, dass du mit den Toten Hosen unterwegs warst. Mit wem noch? Ich war außerdem mit den Red Hot Chili Peppers, Lenny Kravitz, Robbie Williams und noch ein paar anderen unterwegs. Jeweils auch als Tour-Security? Ja. Mal als Verantwortlicher, mal als einer vom Team. Je nachdem, aber immer als Security. Würdest du dir so etwas wie Tokio Hotel antun wollen? Klar, warum nicht. Ich hab US5 gemacht und die erste Tour der zehn Gewinner von DSDS, da ist auch Klientel in dem Alter. Und wenn ich mit den Künstlern hinter der Bühne klarkomme, dann ist mir das recht egal, was auf der Bühne gespielt wird.

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Gab es schon mal eine Band, die du angenommen hast, mit der du nachher aber gar nicht klarkamst? Nein. Bis jetzt hatte ich immer Glück. Ich habe mal eine Band abgelehnt, weil es vorher schon hieß, dass der Sänger gerne feiern geht, dann Ärger macht und die Security das ausbaden soll. Ich habe kein Problem, meinen Kopf hinzuhalten, wenn es Ärger gibt, aber wenn es die Schutzperson darauf anlegt und denkt, wir als Security sollen zeigen, wie stark er ist, dann ist das nicht mein Job. Das klassische Vorurteil gegenüber einem Security ist das des muskelbepackten, stumpfen Idioten. Auf wie viel Prozent in der Branche trifft das wirklich zu? Obwohl ich über 20 Jahre auch an der Tür stand und das mit Spaß gemacht habe, muss ich sagen, dass es auf ca. 50% schon zutrifft. Aber es ist besser geworden. Seit 2003 muss jeder in der Branche einen Sachkundenachweis bei der IHK erbringen. Da lernt man, was man in dem Beruf darf, aufgrund welcher Gesetze, und so weiter. Also wird es langsam besser, aber ein paar Unverbesserliche wird es immer geben. Wie hältst du dich während Tourneen oder in Vorbereitung für diese t? Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio, versuche mich einigermaßen gesund zu ernähren. Ich rauche nicht und trinke keinen Alkohol. Was unterscheidet den Job bei die ärzte von denen bei anderen? Es unterscheidet sich dadurch, dass zu die ärzte eine Freundschaft entstanden ist. Sodass ich auch mal Rod besuchen gehe, wenn er mit Abwärts in der Nähe ist. Oder auch mal mit Bela oder Farin privat essen gehe, wenn man in derselben Stadt weilt. Und natürlich die Fans! Da kannst du mir mal eine Frage beantworten, die mich schon lange beschäftigt. Was denn?

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Rod und T in Chile

Warum gibt es bei die ärzte so einige Fans, die den anderen nichts gönnen? Es herrscht manchmal eine richtige Rivalität, dabei seid ihr doch alle Fan derselben Band. Das ist eine gute Frage, die wir uns auch immer wieder stellen. Es gibt bei den Ärzten verschiedene Fangruppen, die sich gegenseitig überhaupt nicht leiden können. Da spielt viel Neid und Arroganz mit, und es wird schnell auch mal persönlich. Dann bin ich wenigstens nicht der Einzige, dem das auffällt. Es ist manchmal echt bizarr, was das für Formen annimmt. Wie nimmst du denn diese Rivalität unter den Fans von die ärzte wahr, wie bekommst du das mit? Ich bekomme das mit, wenn sie sich während der Show anzicken oder man sich bei mir über die anderen Bösen beschwert. Deshalb trauen sich auch manche gar nicht, sich mit mir zu unterhalten, weil

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44 sie denken, die anderen reden dann schlecht über sie. Aber so ist das halt. Ist bestimmt auch nicht immer toll zu sehen, wie sich meist erwachsene Menschen um einen Schlagzeugstick prügeln, oder? Das ist allerdings wieder überall so. Ich habe mal zwei sich prügelnde Frauen bei einem Lenny-Kravitz-Konzert getrennt. Ich bin mit ihm ins Publikum, und da wollten ihn halt alle anfassen. Da haben die angefangen, sich an den Haaren zu ziehen und so … Und die waren bestimmt alle schon über 30. Aber das ist auch okay, wenn man Souvenirs von seinem Star will. Viel schlimmer für mich ist die Angst, dass jemand den Stick ins Gesicht bekommt, wenn die sich darum prügeln. Deshalb schreite ich da manchmal ein, wenn's zu heftig wird. Wenn Sticks dann in den Graben fallen, vergibst du die nach Sympathie oder zufällig? Meistens weiß ich, zu welcher Zeit Bela sie schmeißt und schaue, in welche Richtung es geht. Ich versuche dann, ihn auch an die Person zu geben, für die er bestimmt war. Wenn aber jemand schon einen hat und ich weiß das, gebe ich ihn natürlich jemand anderem. Meistens ist die erste Reihe ja doch ziemlich gleich, und viele haben schon einen Stick.

DIE GEFÄHRTEN: T! Hast du zum Abschluss noch etwas, was du den Fans von die ärzte mitgeben möchtest? Ihr seid alle Fans der gleichen Band. Dieses teilweise echt heftige Gezicke untereinander ist wirklich unnötig. Ihr seid alle Fans der besten Band der Welt. Ein schönes Schluswort, wie ich Eine Frage habe ich noch: Wie kamst du zu deinem Namen T!?

nde.

Den habe ich schon seit der Grundschule, glaube ich. Damals haben sich alle irgendwie nur mit ihren Initialen angeredet. Und dann el der Buchstabe vom Nachnamen auch noch weg. Selbst meine Mutter nennt mich manchmal so, und meine Kinder sagen Papa T!!! Vielen Dank, dass du dir so viel Zeit genommen hast. Gerne. Einen Nachruf habe ich noch: Einen Dank an Manfred Meyer, er war Chefsecurity der Toten Hosen und ist letztes Jahr leider an Krebs gestorben. Das meiste, was ich weiß an diesem Job, weiß ich von ihm. Er fehlt in diesem Business und in unseren Herzen. Evil Acker

Bei der Arbeit im Graben

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SPIEL'S

NOCH EINMAL JETZT LIVE UND IN FARBE

DÄOF-Mitglied Lady M., # 7515 war vor Ort und erstattet uns und euch ausführlich Bericht.

„ON COMMENCE. VOTRE BILLET, S'IL VOUS PLAÎT.“ Von einem Pagen und einem Türsteher (Ö. Uludağ) werden die Zuschauer vor der Tür der M&M Bar des Hamburger Maritim Hotels Reichshof empfangen. Aber nein, wir be nden uns ja nicht mehr in Hamburg, sondern in Casablanca vor der Tür des angesagtesten Clubs der Stadt – Rick's Café. Der Grund des Trubels liegt allerdings in der Hansestadt, hat doch das Schauspielhaus zu einem besonderen Abend geladen: Spiel's noch einmal – Jetzt live und in Farbe. Es sind keine 70 Zuschauer, die in der Bar, welche auch gut auf ein Kreuzfahrtschiff passen würde, einen Platz nden. Vereinzelt werden die Gäste schon von dem Hausherren Rick (H. J. Krumpholz) begrüßt. Ein Pianist (J. Wolters) untermalt die perfekte Baratmosphäre aus Gemurmel, dem Klirren von Gläsern und dem gelegentlichen Klackern des Cocktailshakers. Da sich somit von Anfang an einige der Schauspieler unter die Gäste mischen, fühlt man sich wirklich mehr als Teil der Szenerie

denn als Theaterzuschauer. Deutlich wird der eigentliche Beginn der Handlung durch ein Voice-Over, welches kurz die Situation in Casablanca beschreibt. In Europa herrscht der Zweite Weltkrieg. Wer kann, versucht in die Neue Welt zu iehen. Der Weg dorthin und zu den nötigen Ausreisepapieren führt häu g über Casablanca. Somit wollen die meisten dort nicht bleiben, aber wenn man schon da ist, dient ein Aufenthalt in Rick's Café als gute Ablenkung. Abgeschlossen wird die Ansage durch die Nennung der Schauspieler. So dröhnt als letztes ein lautes „Bela B Felsenheimer“ durch den Raum. Der Großteil der Handlung ndet an einem Tisch in der Mitte der Bar statt, aber eigentlich wird die gesamte Bar von der Eingangstür an der einen Seite bis zur Schiebetür auf der anderen bespielt. Bela, als Auftragskiller Sid, betritt mit seinem Kompagnon Marcellus (M. Pawlowsky) die Bar. Beide tragen Anzüge, Bela einen Nadelstreifen mit weißem Hemd, weißen Stiefeln und einer weißen Blume am Revers.

© Kerstin Schomburg

Dass Bela B einen Kurzabstecher ins Theaterschauspiel unternommen hat, dürfte den meisten von euch sicherlich nicht entgangen sein. Dieses Schauspiel blieb jedoch nur sehr wenigen vorbehalten, da sich nur eine sehr kleine Anzahl an Zuschauern die Aufführung im Hamburger Maritim Hotel anschauen konnte.

Marcellus mit Sid

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BELA GOES THEATER nert), eine gemeinsame Gesangseinlage, eine betrunkene Dame (I. Kugler), den sagenumwobenen Widerstandskämpfer Lazlo (J. Uter), seine angeblich wunderschöne Begleitung Ilsa und um den deutschen Major Strasser (J. Kahnert), dessen Kommen angekündigt wurde. Dieser betritt dann auch die Szene und stellt einen wahrlich klischeehaften Nazisoldaten dar, der mit Fistelstimme schlechte Witze reißt und sich dann ein „Liebesspiel am Strand“ bestellt. Da die Polizei Wind davon bekommen hat, dass Verbrecherboss Ugarte für viele Morde der letzten Zeit verantwortlich ist, beschließt Capitaine Renault, diesen vor den Augen von Strasser festzunehmen. Um diesem Aufsehen zu entgehen wollen die Ganoven üchten, werden aber von einem Gast erkannt, welcher dann allerdings durch Sids doch nicht komplett verlernte Tötungskunst das Leben lassen muss. Trotzdem bleibt der Fluchtversuch nicht unentdeckt, und in dem darauf folgenden Schusswechsel wird Sid getroffen. Strasser räumt dem Erschossenen noch freundlichst den Tisch frei, und Sid stirbt theatralisch, nachdem sein letzter Wunsch erfüllt wurde: ein Kuss von Marcellus. Einer der letzten gesprochenen Sätze des Stückes holt die Zuschauer von Casablanca nach Hamburg zurück: „Drei Tote … und das schon in der ersten Folge.“ © Kerstin Schomburg

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Marcellus, Rick, Verbrecherboss Ugarte und Sid

Die Haare sind sehr kurz und zu einer der Zeit angemessenen Frisur gegelt. Auch durch den dünnen Oberlippenbart könnte man ihm fast die Identität des Edelmannes abnehmen, würde nicht das nun gut sichtbare Blitztattoo hinter dem Ohr Verwegenheit suggerieren. Die Killer streiten sich über den missglückten Coup vom Vorabend. Dort hat Sid, anstatt sich der durch ihn beherrschten Kunst des unauffälligen Kehlendurchtrennens zu bedienen, das Opfer zwar verletzt, aber zunächst nicht getötet. Durch den dadurch entstandenen Tumult gibt es jetzt 100 Zeugen der Tat. Dennoch ist der Mord schlussendlich geglückt, und die beiden Ganoven treffen sich in Rick's Café mit Verbrecherboss Ugarte (J. Uter), um sich neben einer Schelte im Austausch gegen die zwei erbeuteten Transitvisa das Kopfgeld abzuholen. Die weitere Handlung dreht sich um die nun in der Bar versteckten Ausreisepapiere, eine Razzia mit Schießerei, den korrupten und mit einem Taschendieb (J. Uter) verbündeten Polizisten Renault (M. Prelle), um eine Grä n (I. Kugler) und ihren nichtsnutzigen Geliebten (J. Kah-

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So endet der erste Teil der Theaterserie von Dominique Schnizer, die wie eine Fernsehserie inklusive einem „Was bisher geschah“ und „Fortsetzung folgt“ in den nächsten Monaten weitergeführt wird. Die Handlung basiert auf dem Filmklassiker Casablanca von 1942, wurde aber großzügig erweitert. Im zweiten Teil trifft Rick auf seine ver ossene Liebe Ilsa.

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Sie ist Lazlos Frau und hört gelegentlich auch auf „Kleines“, wenn sie jemandem in die Augen schauen soll. Teil drei wurde zu einem Musical, in dem Ricks und Ilsas vergangene stürmische Romanze in Paris das Thema ist. Eigentlich sollte in Teil vier die Handlung nach Casablanca zurückkehren, allerdings sitzen die Zuschauer nun doch in einer Hamburger Hotelbar. Der vermeintlich blinde Pianist hat seine getönte Brille abgenommen und blättert in einem Magazin. Ein verschüchterter Jungschauspieler (S. Pawlowski) schaut sich suchend um. Mit einem lauten „Morgen, ihr Lieben“ macht der angekommene Regisseur (dargestellt von M. Prelle) auf sich aufmerksam. Schließlich stößt auch der Schauspieler (Bela) gehetzt und etwas verspätet hinzu. Er habe verschlafen, keucht er, bevor er sich verwundert erkundigt, wo denn die anderen Schauspieler seien. Der Regisseur weicht aus, versichert, die anderen würden bald kommen, man könne ja schon mal anfangen. Der Schauspieler wittert seine Chance auf eine größere Rolle im kommenden Teil, obwohl Sid ja eigentlich tot ist und sowohl die Idee, Sids Zwilling auf einen blutigen Rachefeldzug zu schicken, als auch das mirakulöse Überleben seiner Schussverletzung nicht so ganz zum Konzept passen. Zur Überbrückung wollen Regisseur und Schauspieler erst mal gemeinsam alle verbleibenden Rollen spielen und die Szenen proben, in denen Capitaine Renault und Major Strasser das weitere Vorgehen beraten und Lazlo und Ilsa sich zunächst bei Ricks Konkurrenten Ferrari und schließlich bei Rick selbst um Ausreisepapiere bemühen. So schlüpft Bela in viele Rollen, spielt den verwegenen Capitaine Renault, den durchtriebenen Widerstandskämpfer Lazlo, den an den Paten angelehnten Barbesitzer Ferrari und kokettiert mit falscher Oberweite und neuer Frisur als Schönheit Ilsa. Regisseur und Schauspieler bedienen sich an der Kostüm-Garderobenstange, wechseln Stimmlage und Kopfbedeckung und spielen schon mal Dialoge mit Handpuppen, wozu sie Hüte und Perücken verwenden. Unterbrochen werden die Szenen häu g von Beratungen zur Spielweise und zur Handlung,

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© Lady M., # 7515

BELA GOES THEATER

Hotel Reichshof und Eingang zu Rick's Café

Diskussionen über die Rollenverteilung und den Alltäglichkeiten des Schauspiellebens: Der Pianist muss kurz austreten, der Nachwuchsschauspieler sein Kind aus der Kita abholen. Da in einer Probe noch viel improvisiert wird, muss ein Stück schwarzes Tape als Bart und eine Banane als Knarre herhalten. Außerdem versucht der Schauspieler gelegentlich, den Horroranteil des Stückes zu erhöhen, schlägt Sids Rückkehr als Zombie vor, will aus Ilsa eine Actionheroine machen und bringt Werwölfe und Frankenstein im Text unter. Schließlich reicht es dem Regisseur.

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Er kritisiert die mangelhafte professionelle Einstellung seines einzigen Darstellers, und es kommt zunächst zu einem lauten Wortgefecht. Dieses gewinnt der Schauspieler, kann er doch von sich behaupten, dass Tarantino da anderer Meinung gewesen wäre. So muss er auch gleich dem ungläubigen Regisseur seine Filmszene vorspielen. Dieser zeigt sich wenig beeindruckt, und aus dem Streit entwickelt sich ein Handgemenge. Per Videokonferenz wird der Produzent zugeschaltet, der sich als niemand Geringerer als Harald Schmidt entpuppt. Nach einigen Überredungsversuchen lässt sich dieser dazu hinreißen, dem schauspielervergraulenden Regisseur eine letzte Chance zu geben. So können Schauspieler und Regisseur die letzte Szene proben. Ilsa (Bela) kehrt zu Rick (Prelle) zurück. Sie will sich erklären, eht ihn an, beschimpft und betört ihn, will die Transitvisa, droht ihn umzubringen und kann es doch nicht. Sie kommen sich immer näher, Rick hebt ihr Kinn an, fesselt sie mit seinem Blick und sagt: „Schau mir in die Augen, Kleines.“ Bevor Bela aber von einem zweiten Mann geküsst wird, ertönt die Abspannmelodie. Das Ensemble wird für die letzten zwei Teile zurückkehren, und somit ist Belas Rolle in dieser Serie beendet, seine Theaterkarriere hoffentlich nicht. Zwar fällt es schwer, ein absolut objektives Urteil zu fällen, dafür soll zunächst ein überhörter Kommentar eines Herren am Nachbartisch dienen: „Für einen Laien hat der super gespielt.“. Seine Rolle in Teil eins ist ohnehin sehr überzogen, somit kann er sich leicht in comichafte Gesichtsausdrücke üchten, und auch gelegentliches Stottern passt zu dem dargestellten

BELA GOES THEATER Charakter. Als Fan hat man schon viele seiner Gesichter gesehen und viele seiner Stimmen gehört, und so blitzen in Sid immer mal wieder bekannte Züge auf, den meisten anderen Zuschauern dürfte dieser Wiedererkennungseffekt aber fehlen. Bei seinem zweiten Auftritt in Teil vier zeigt er, dass er sich auch in einer größeren Rolle gut auf der Bühne behaupten kann. Zudem beweist er großes komödiantisches Talent. In bisher keiner Folge wurde so viel und so laut gelacht, und von den gesetzten Pointen sind einige ihm zuzuschreiben. Er wechselt ießend zwischen sich selbst als Schauspieler und den diversen von ihm dargestellten Charakteren und kann auch mit weniger Übertreibung die Personen unterscheidbar machen. Zwar merkt man einen Unterschied zu Berufsschauspieler Prelle, aber Bela verdeutlicht, dass er doch mehr als nur ein Laie ist. Dies war sicherlich eine sehr gute Möglichkeit für ihn, sich auf der Theaterbühne auszuprobieren. Vielleicht ndet sich in der Zukunft mal Zeit für ein weiteres Projekt auf einer größeren Bühne. Obwohl Belas „B“ vermutlich nie für Bogart stehen wird, könnte das doch der Beginn einer … nein, ich verkneif mir jetzt das Casablanca-Zitat. Ihr wisst auch so, was ich sagen will. Lady M., # 7515

© Kerstin Schomburg

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Jonathan Wolters, Bela und Michael Prelle

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FETTES BROT

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„WOLLT

IHR DIE WAHRHEIT HÖRN?“ – „NEIN!“

Anfang Mai 2010. Fettes Brot sind gerade auf Deutschlandtour und präsentieren ihre zwei neuen Livealben „Fettes“ und „Brot“. In der Berliner C-Halle bekamen wir im sagenumwobenen RGF-Catering die Gelegenheit, einen Plausch mit Doktor Renz, König Boris und Björn Beton zu führen. Dass wir sie dabei über ihre Bandkarriere und die Beziehung zu die ärzte befragt haben, ist ja wohl Ehrensache.

natürlich die ganzen Produktionsprozesse eines Liedes verfeinert und viele Sachen ausprobiert. Mittlerweile schämen wir uns nicht mehr zu sagen, dass wir Musiker sind. Da gibt's dann natürlich diverse Zwischenschritte von Sachen, die besonders gut geklappt haben oder auch besonders danebengegangen sind. Ich glaube, wir haben ein ganz gutes Gespür für Sachen, die wir gut können, und wie man das am besten erreicht, was man sich so vorstellt.

Liebe Brote, wie dürfen wir euch eigentlich nennen? Ihr habt ja so viele Pseudonyme.

Habt ihr ein Beispiel von den Sachen, die besonders danebengegangen sind?

Björn: Wir hören auf alles!

Björn: Es gibt nur ein paar Songs, die niemals das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben, die in den Schubladen von Fettes Brot gelandet sind. Boris: Es gibt aber auch Platten, die wir rausgebracht haben, wie z. B. „Sekt oder Selters“. Wo wir im Nachhinein sagen, das ist nicht unser stärkstes Lied. Es war auch nicht besonders erfolgreich. Aber klar gibt's immer mal ein paar Sachen, wo man denkt, das hätte man besser machen können. Aber im Großen und Ganzen gibt es eigentlich nicht viel, wofür wir uns im Nachhinein groß schämen. Björn: Das nde ich ein gutes Gefühl, dass es mir auch bei den Liedern, wo ich den Eindruck habe, dass ich das so heute nicht mehr machen würde, nicht peinlich ist, dass es das Lied gibt. Ich würde mich nie von meiner Vergangenheit distanzieren. Das kann nicht jeder von sich behaupten!

Auf alle eure Pseudonyme oder auf ALLES? Björn: (lacht) Auf alle unsere Pseudonyme! Aber es könnte sein, dass während des Interviews noch zwei, drei dazukommen. Also macht euch auf einiges gefasst! (alle lachen) Euch gibt es jetzt seit fast 20 Jahren. Wie, ndet ihr, hat sich euer Musikstil in dieser Zeit entwickelt? Seid ihr noch die Hip-Hopper, als die man euch in den 90ern wahrgenommen hat? Martin: Wir haben recht unbedarft als reine Fans von dieser neuen Musikrichtung angefangen und haben irgendwie das Gefühl gehabt, Hip Hop ruft uns zu, wir dürfen mitmachen, selbst das Mikro in die Hand nehmen, selbst Instrumentals zusammenbasteln und dann auch die Bretter, die die Welt bedeuten, erobern. Das haben wir dann einfach mal so gemacht, wir haben den Auftrag ernst genommen und angefangen zu texten. Bei mir war es das erste Mal auf Englisch. Als wir uns kennengelernt haben, haben wir dann auf Deutsch angefangen zu rappen, und mit den Jahren haben wir

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Und wie entsteht ein Fettes-BrotLied, schreibt jeder einzeln – wie es bei die ärzte weitestgehend der Fall ist – oder setzt ihr euch zusammen hin? Ihr singt ja auch meist alle jeweils eine Strophe.

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Boris: Teilweise schreiben wir alle zusammen, teilweise hat einer 'ne Idee und man arbeitet zusammen weiter. Manchmal schreibt auch einer alleine 'nen Song. Es gab da über die Jahre unterschiedlichste Art und Weisen, wie wir Songs gemacht haben, was auch schön ist. Früher standen wir uns vielleicht ab und zu mal selber im Weg, weil wir immer das Gefühl hatten, wir müssen zu dritt an einem Song schreiben. Heute ist das Ziel sozusagen das Wichtige; das, was dabei dann rauskommt. Wie man dahin kommt, ist im Grunde genommen egal. Björn: Na ja, und sonst auch viel unsere Eltern. Die schreiben bekanntermaßen auch sehr, sehr viel und haben bis heute großen Ein uss auf unsere Texte. Das, obwohl wir jetzt auch von zu Hause ausgezogen sind. (alle lachen) Ihr merkt, ich versuche humormäßig gerade ein bisschen mit den Ärzten mitzuhalten. Mindestens eine blöde Antwort pro Frage. Erst die Prawda und dann der Quatsch. Altes Prinzip, hab ich gelernt. Wie hat sich über die Jahre das Verhältnis zu euren Fans verändert? Am Anfang hattet ihr wahrscheinlich weniger Fans als heute. Damals habt ihr Konzerte vor ein paar Hundert Leuten gespielt und jetzt vor 14.500 in Hamburg. Martin: Ich würde behaupten, wir haben mehr Fans als früher, aber wir kriegen

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weniger Briefe! Ich kann mich erinnern, dass wir früher wirklich so ganz viel Post bekommen haben. Das fand ich irgendwie sehr romantisch, als junge Band. So richtig mit liebevoll ausgearbeiteten Zeilen, wo man wirklich das Gefühl hatte: Das sind Menschen, denen wir schon ganz schön viel bedeuten, obwohl es uns damals noch gar nicht so lange gegeben hatte. Das hat sich natürlich alles durch das Internet und die virtuelle oder schnellere Erreichbarkeit von Musikern sehr verändert. Vieles ist aber auch gleich geblieben. Ich glaube, wir haben früh schon 'ne gewisse Unbeschwertheit im Umgang mit unseren Fans ausprobiert und gemerkt, dass man damit ganz gut fährt. Nachdem es uns am Anfang ein bisschen erschreckt haben mag, dass Leute uns irgendwo erkennen und begeistert sind und vielleicht auch mal kurz kreischen, haben wir gemerkt, dass es nicht hilft, sich in langen Limousinen mit Sonnenbrille zu verkrümeln und sozusagen den Mythos nur noch größer zu machen, sondern dass der direkte Umgang die Situation viel mehr entspannt. Das p egen wir bis heute, es fühlt sich natürlich und normal an, wir lassen uns gerne ansabbeln. Nicht in jeder Situation, beispielsweise wenn ich nackt bin, dann möchte ich nicht angesprochen werden. Björn: Das kommt aber oft vor! Deswegen gibt es sehr wenig Interviews mit Doktor Renz. Ihr könnt froh sein, dass er heute zumindest den Pullover angezogen hat!

© Jens Herrndorff

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Bei die ärzte gibt es viele Fans, die sozusagen „mit auf Tour gehen“ und der Band nachreisen. Gibt es das bei euch auch? Wie geht ihr damit um? Björn: Ja, das sind zum größten Teil aufgebrauchte Ärzte-Fans! Nein, das stimmt nicht. Aber es gibt solche Leute, mit denen man sich über die Zeit, die man sich halt jeden Abend sieht, auch irgendwie verbunden fühlt. Man hat sich kennengelernt, und das sind natürlich auch ganz feine Menschen. Toll! Für uns als Musiker ist es dann natürlich die große Herausforderung, selbst für diese Leute noch abends was auf die Beine zu stellen, was sie so noch nicht gesehen haben. Und immer wieder erstaunlich nde ich auch, welche Konzerte diesen Menschen dann ganz besonders in Erinnerung geblieben sind, welche man selber ganz anders emp ndet und ganz andere Erinnerungen daran hat. Wo wir dann hören: „Boah, das war das Allerbeste, was ich je gesehen habe!“ und man sich so denkt: „Das neulich, wo du auch da warst, war doch eigentlich viel besser!“. Ist immer spannend und freut einen natürlich auch, dass die Leute im Notfall dann auch die Texte weiterrappen können, falls jemand die vergisst. Und trifft denn die Aussage „Unsere Fans sind die größten, die schönsten, die schlausten“ – und die besten obendrein – wirklich zu? Den Titel haben schließlich schon die ärzte-Fans gepachtet … Boris: Selbstverständlich! Ärzte-Fans haben da natürlich ein Problem mit. Fettes-Brot-Fans sehen das wahrscheinlich genauso. (alle lachen) Aber teilweise sind es ja auch Fans von beiden Bands. Insoweit, denke ich, können alle mit dem Zitat ganz gut leben. Wir machen das sowieso nur, um uns einzuschmeicheln, damit wir Platten verkaufen. Immer schön Komplimente machen! Wie geht ihr dann damit um, wenn die Fans auf Konzerten Lieder fordern,

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wie z. B. „Nordisch by Nature“, das ihr eine Weile nicht gespielt habt? Martin: Das war 'ne Zeit lang ein spannendes Experiment für uns, wo wir natürlich auch den Umgang mit der großen Enttäuschung lernen mussten. Im Stadtpark in Hamburg gab's ein Konzert mit einer Szene, die wir so noch nicht erlebt haben. Da waren 10.000 Leute, wir waren schon eine halbe Stunde hinter der Bühne, in Feierabendlaune, komplett umgezogen, und dann machte einer die Tür auf. Es kam ein entsetzter Mitarbeiter rein und meinte: „Die rufen immer noch! Die gehen nicht weg!“. 4.000 Leute haben sich nicht vom Platz gemacht und die ganze Zeit

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Martin: Wenn ich diesen hellbeigen Lodenmantel trage und ihr mich im Park trefft, bitte nicht ansprechen!

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skandiert: „Ohne Nordisch geh'n wir nicht nach Haus!“ Das war dann natürlich Kompliment und Bedrohungsszenario gleichzeitig für uns. Wir fanden es so spannend, dass wir das dann die ganze Festival-Session durchgezogen haben, und haben es in eine große Wiedersehensfeier münden lassen. Im Dezember haben wir dann ja in der Color Line Arena das, was man auch auf der Liveplatte hört, aufgezeichnet und den Song das erste Mal wieder gespielt und ihn feierlich wieder enthüllt. Björn: Es ist aber auch so, dass wir ihn gerne spielen. Wir haben ihn 'ne Zeit lang nicht gespielt; nicht, weil wir es nicht wollten, sondern weil wir nicht wussten wie. So, dass es uns auch Spaß macht.

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52 Dann hat uns quasi das Nervenkostüm (Anm. d. Red.: die Begleitband) irgendwann gesagt: „Wir verstehen gar nicht, was ihr habt, Leute?! Bei der Probe, die Originalversion, wie wir sie alle kennen und lieben, ist doch geil, warum spielen wir die nicht einfach?“ Und das haben wir uns dann für die Color Line Arena aufbewahrt. Martin: Für Ärzte-Fans vielleicht auch interessant, eine Anekdote aus dem letzten Jahr, wo wir auf die Idee kamen … Boris: (unterbricht) Das stand in der Prawda! Martin: … na, dann wisst ihr ja alles schon. Erzähl's trotzdem! Martin: Na die Idee, dass wir das verbotene Lied der Ärzte, was sie halt nicht mehr spielen, mit „Nordisch by Nature“ verbinden. Wir fanden das sehr originell, dass wir das auf den Festivals vor den Ärzten spielen. Was könnt ihr im Allgemeinen zu die ärzte sagen? Martin: Das sind wichtige Mitglieder unserer Gesellschaft, gerade wenn man krank ist. Also, Männer haben ja immer das Problem, dass sie nicht so gerne zum Arzt gehen. Wenn es sein muss, ist es gut, einen vertrauenswürdigen Arzt zu kennen. Und bandmäßig können wir auch mal drüber reden. Boris: Ach, Quatsch! Das ist schon 'ne Band, die uns beein usst hat, als wir noch sehr jung waren, jetzt sind wir nur noch jung. (alle lachen) Mein erstes Konzert war ein Ärzte-Konzert, 1988 im Hamburger Stadtpark auf der „Westerland“-Tour. Insofern haben sie uns sicherlich auf eine gewisse Art und Weise geprägt. Wie das jetzt den Weg in unsere Musik gefunden hat, das überlasse ich mal dem außenstehenden Betrachter, das zu beurteilen. Dann hatten wir auch das Glück, sie irgendwann einmal kennenzulernen. Als Erstes haben wir Bela kennengelernt, den wir am häu gsten treffen, weil er ja auch in Hamburg wohnt und auch St.-Pauli-Fan ist, da läuft man sich das ein oder andere Mal über den Weg.

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FETTES BROT Björn: Und dann waren wir ja auch mal Vorband bei den Ärzten im Jahr 2003. Martin: Das war um den Zeitpunkt, wo wir mit Bela das erste Mal zusammengearbeitet und „Tanzverbot“ aufgenommen haben, womit wir den Innensenator von Hamburg, Schill, gestürzt haben. Und ich kann mich erinnern, das kann man auch mal erzählen, dass wir eine Anfrage hatten, bei Grönemeyer als Vorband durch Stadien zu touren. Das hätte uns aber 'ne Stange an Geld gekostet, da es eine Riesenproduktion war. Dann standen wir sozusagen vor der Frage: „Was machen wir jetzt?“ Boris: Dann haben die ärzte gesagt, wir nehmen euch mit und ihr kriegt sogar noch Geld dafür. Da war die Entscheidung natürlich schnell gefallen. Martin: Das war natürlich das Größte für uns. Also, nichts gegen Herbert Grönemeyer, wir wären auch gerne bei ihm mitgefahren, aber … Björn: Es gab einige gute Gründe! Boris: Ich weiß, dass die ärzte ihn hassen, sie haben zumindest eine große Antipathie ihm gegenüber. Björn: Wir tun das nicht! Zumindest in Interviews. Martin: Es war eine große Ehre, bei den Ärzten mitfahren zu dürfen, und wir haben da auch viel gelernt. Boris: Zum Beispiel, dass man eine Tischtennisplatte mit auf Tour nimmt! Martin: Stimmt! Danke Farin! Das war, glaube ich, deine Inspiration. Wie habt ihr eure Konzerte als Vorband von die ärzte empfunden? Björn: Spannend war das, weil wir zu dem Zeitpunkt das erste Mal in solchen Hallen gespielt haben. Wir haben ja dann selber angefangen, in der Color Line Arena und in solchen Dimensionen Konzerte zu geben. Gerade jetzt auf dieser Tour, außer heute Berlin, da ist die C-Halle schon eher ein kleines Konzert. Insofern haben wir da unsere ersten Erfahrungen gesammelt und wollten raus nden, ob man es schafft, in einer hässlichen Mehrzweckhalle so etwas wie ein Gefühl zu erzeugen, und ob wir das draufhaben oder nicht. Inzwischen sehe ich das ganz gelassen. Ich glaube, früher hatten wir größere Bedenken, uns vor so viele Menschen

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zu stellen und dann immer noch so ein stimmungsvolles Konzert zu spielen. Heute wissen wir: Es geht! Das waren die ersten Konzerte, wo das ganz klar war. Martin: Das Ärzte-Publikum selbst war sehr gut zu uns, die meisten hatten glaube ich Spaß an unserer Show, und viele konnten wir auch während des Musizierens überzeugen. Manche waren auch stoisch, einfach nicht rumzukriegen, und haben uns den Mittel nger gezeigt. Boris: Innig gehasst haben die uns. Martin: Was auch eine Form von Zuneigung ist. Ist ja auch ein Gefühl.

Martin: 90 Prozent! Björn: Wieso? Haben wir doch! (lacht) Boris: Es ist natürlich schwierig, wenn man denkt, 'ne super Idee gehabt zu haben, muss man immer erst mal überprüfen, ob's die ärzte nicht schon vor uns gemacht haben. Meistens ist es dann der Fall, dass sie das schon gemacht haben. Björn: Das mit den hausgroßen nackten Pimmelbildern, dafür zoll ich 'ne Menge Respekt. Boris: Aber es gab einen Moment, wo wir etwas gemacht haben, was die ärzte dann nach uns gemacht haben. Auf den Moment sind wir bis heute sehr stolz! Und zwar haben wir ein Video gedreht zu „An Tagen wie diesen“ in Hennigsdorf, bei Berlin, da spielt auch das Video zu „Junge“. Da waren sie langsamer als wir. So!

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Björn: Wahnsinn, ja! Martin: Immerhin ein Gefühl, außer Hunger und Durst! Wir haben das ja dann auch humoristisch aufbereitet, auf Idee der Ärzte hin, und haben uns auf der Bühne noch mal demütigen lassen am Schluss des Konzerts bei „Fafafa“. Der schönste Moment war eigentlich in Stuttgart, als die Zugabe noch verlängert wurde, und dann haben wir noch die ärzte aufgefordert ein altes Lied zu spielen, ich glaub es war „Wie ein Kind“. (alle lachen) Immerhin haben sie es dann bereut, uns mitgenommen zu haben. Björn: Haben wir nicht noch Farins Schuhbänder zusammengeknotet, oder wollten wir das nur machen? Ich weiß es nicht mehr … Martin: Ich weiß nur, dass ich in Rods Tee gepinkelt habe, aber das weiß er bis heute nicht. (alle lachen)

Welche Ideen oder Aktionen, die die ärzte gemacht haben, hättet ihr auch selbst gerne gemacht?

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Beim Videodreh zur Neuau age von „Jein“

Und gibt es irgendwelche Aktionen von die ärzte, die ihr nie machen würdet? Martin: Als sie „Hohes C“-Werbung gemacht haben. (lacht) Eigentlich ist es eine Band, die in einer Größenordnung spielt, wo man bei anderen Bands schon häu ger gedacht hat, da haben die kräftig ins Klo gegriffen. die ärzte haben sich eigentlich ziemlich schadlos gehalten. Noch mal weg von die ärzte und hin zu euch. Wieso habt ihr zwei eigenständige Live-Alben gemacht und nicht beide auf eins gepresst? Björn: Wir brauchten Platz, um uns künstlerisch auszutoben. Zwei Alben haben den Vorteil, dass man viel mehr Fotos und viel mehr Sachen zum Design dort hat, und ich nde es auch ganz praktisch, dass man nicht gleich so viel Geld zusammenkratzen muss, um ein

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FETTES BROT Doppelalbum zu kaufen. Sondern sich dann auch erst mal eins kaufen kann, wenn man sich so viel Geld zusammengesammelt hat, und dann in der Fußgängerzone so lange schnorrt, bis man sich dann das zweite kaufen kann. Denn das wird man auf jeden Fall wollen. Boris: Wir wollen uns auch in einen popkulturellen Zusammenhang setzen, also zum Beispiel haben die Beatles zwei Alben rausgebracht oder Guns N' Roses. Wir sind seit 20 Jahren die erste Band, die es geschafft hat, mit zwei Alben gleichzeitig in den deutschen Top Ten zu sein, und allein für diesen Moment hat es sich gelohnt. Martin: Das ist halt ein Gesamtkonzept, und das macht nur in dieser Form Sinn. Björn: Es waren auch 31 Songs und wir wussten, dass wir alles aufnehmen, um 'ne Liveplatte zu machen, aber hatten noch kein klares Bild davon, ob wir alles auf eine Platte packen oder nicht. Beim Mixen wurde dann klar, dass das nur mit zwei CDs geht. Zum Thema Kommerz: Was haltet ihr von Castingshows? Boris: Da sitzt hier ja ein Pro mit am Tisch. Ich war ja bei einer, nicht als jemand, der mitmacht, sondern als jemand, der in der Jury saß. Grundsätzlich nden wir Castingshows natürlich sehr fragwürdig. Die fand ich jetzt ganz okay, weil es da um Musik ging, und ich wurde gefragt, ob ich nicht mal Lust habe, da in der Jury mitzumachen. Da dacht ich mir, dass ich das mal ausprobiere, als eine Art Selbstexperiment. Ich fand, es war eine relativ würdevolle Veranstaltung. Die Lena Meyer-Landruth ist da ja jetzt als Star hervorgegangen und die kann man, wie ich nde, auch ganz gut nden. Aber grundsätzlich ist es sympathischer, wenn Leute aus eigenem Antrieb heraus anfangen, Musik zu machen; Bands gründen, weil sie das Gefühl haben, sie müssen das machen und nicht darauf warten, dass ihnen irgendjemand

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FETTES BROT die Legitimation erteilt: „Du darfst jetzt sagen, dass du Musiker bist.“ Als Band seid ihr relativ organisch gewachsen, dennoch kriegt man mitunter den Eindruck, dass da drei sehr unterschiedliche Charaktere auf der Bühne stehen. Wie verschieden seid ihr? Boris: Ich glaube wir sind schon sehr unterschiedlich auf eine gewisse Art und Weise … Martin: … aber ich glaube, dass – wenn ich es vollenden darf – wir trotzdem eine erstaunliche Einheit zu dritt bilden. Das hat irgendwie was Magisches. Boris: Ich glaube, es gibt Anteile in jedem von uns, die wir alle drei auch haben. Eine bestimmte Art von Humor, Freude daran, mit anderen Menschen zusammen zu sein, sich auszutauschen und reich und berühmt zu werden. Wie geht ihr in eurer Band-Ehe mit Krisensituationen um, gab es so etwas schon mal? Boris: Da halten wir's mit Helmut Kohl: Aussitzen! (lacht) Martin: Oder mit Gerhard Schröder: die Politik des langsamen Handelns. Boris: Die Basta-Politik! (lacht) Über die Jahre haben wir 'ne ganz gute Streitpolitik entwickelt. Wir unterhalten uns dann meistens. Björn: Lässt sich leider nicht vermeiden. Martin: Drei rote Birnen treffen sich in 'ner Kneipe. Boris: Da wir uns ja alle mögen und uns daran gelegen ist, dass die andern glücklich sind, funktioniert das dann auch ganz gut. Beim Thema Fußball seid ihr euch jedenfalls einig. Sammelt ihr Panini-Bildchen? Björn: Hm … nee. Boris: Früher als Kind auf jeden Fall. Nicht mehr, weil es schwer ist mit einem gewissen „Prominentenstatus“ Tauschpartner zu nden?

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55 Boris: Ach so! Joa, da kann man mit anderen Prominenten tauschen. Martin: Weil man keine anderen Leute kennt, in seinem riesigen Schloss, in dem man wohnt. Björn: Ja, genau. „Alfons, können Sie bitte auch sammeln!“ (alle lachen) Boris: „Ja gut, Herr Renz, wenn es denn sein muss!“ Björn: Also ich sammel keine, und ich nde das aktuelle WM-Album auch nicht so interessant. Martin: Das ist ja ganz einfach: Ich sammel – also nicht selber, aber ich hab bisher als einziger männliche Nachkommen zeugen dürfen – und deswegen sammel ich! Boris: Was sammelst du? Männliche Nachkommen? Martin: Panini-Bilder! Björn: Dein Sohn muss dann bestimmte Dinge machen, wie Müll rausbringen, damit er seltene Spieler bekommt. Martin: Genau. „Wie, du willst Messi? Dann mach mir erst mal dieses Messi in deinem Zimmer weg!“ Und was wünscht ihr eurem St. Pauli? Björn: Alles Gute und immer 'ne Handbreit Wasser unterm Kiel! Boris: Es gibt ja fast nichts mehr, was man sich da wünschen kann. Der Aufstieg in die erste Liga ist klar. Vielleicht ist zu wünschen, dass sie ein paar Jahre da mitspielen und dass sie das, was den Verein ausmacht, nicht verlieren. Björn: Ich wünsche den Fans die Ruhe und Gelassenheit, die man haben muss, wenn man da anfängt, wo der St. Pauli jetzt steht. Martin: Wir glauben auf jeden Fall fest daran, dass das Team schon lange nicht mehr so gut aufgestellt war wie jetzt, inklusive Trainer und der ganze Stab drum herum. Und für die Mannschaft stehen eindeutig alle Anzeichen auf Sturm! Boris: Am 29. Mai spielen wir ja gemeinsam mit dem von euch wahrscheinlich sehr verehrten Bela B im Millerntorstadion. … und das wurde super! Wir bedanken uns für das nette Interview, liebe Brote! Kleine Rocksau und Jumpie

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VON 10 JAHREN ATTAC, BERLINER BANKENTRIBUNALEN UND BELA B …

In diesem Jahr ist eine Menge los in den internationalen AttacBüros. Die globalisierungskritische Nichtregierungsorganisation, die ihren Ursprung in einer Bewegung für eine sozial ausgleichende Finanztransaktionssteuer in Frankreich hat, wird zehn Jahre alt. Unverändert jung und dynamisch, doch zugleich ideenreich und durchdacht präsentiert sich Attac in diesem Jahr aktueller, politischer, aber auch mit mehr Humor denn je. In einem Feuerwerk schillernder Aktionen, aufsehenerregender Kampagnen und durchdachter Diskussionsplattformen zeigen Attac-Mitglieder aus der ganzen Welt, dass sie angesichts globaler Krisenherde keineswegs daran denken, verschüchtert aufzugeben. Dröges Geschwätz war gestern, heute wird fundiert, „von unten nach oben“, immer mit einem Auge über den Tellerrand hinaus diskutiert und Kampagnen gestaltet. Bela B ist schon seit ein paar Jahren überzeugtes Attac-Mitglied. Auf vergangenen Touren von Bela B y Los Helmstedt gab es schicke Noya-T-Shirts („Network of Young Altermondialists“; die Jugendorganisation von Attac) zu kaufen. So war es nicht weiter erstaunlich, dass sich der Name Bela B, gemeinsam mit dem von Olli Schulz, auf der langen Unterstützerliste

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© Klaus Ihlau

Attac? Das sind doch die, die als Robin Hood verkleidet vor dem Reichstag stehen? Ja. Das und noch viel mehr. „Wer nicht mehr versucht zu kämpfen, kann nur verlieren“, so sang schon eine uns wohlbekannte Band, und wohl kaum eine Organisation hat sich diesen Grundsatz mehr auf ihre Fahnen geschrieben als Attac.

Die Urteilsverkündung

des vom 9. bis 11. April dieses Jahres in der Berliner Volksbühne stattgefundenen Bankentribunals wiederfand. Bereits eine Woche vor Veranstaltungsbeginn war das Tribunal of ziell ausverkauft, und böse Zungen behaupteten bereits, dass die Veranstaltung selbst, abgesehen vom Gastauftritt des grandiosen Kabarett-Duos Georg Schramm und Urban Priol sowie dem angekündigten Unplugged-Stelldichein von Bela B und Olli Schulz, vermutlich völlig leer bleiben würde. Es kam anders. Zugegeben: Der Freitagabend plätscherte ein wenig vor sich hin. Eindrücke vom Eröffnungsredner und einer szenischen Lesung von Volkstheater-Schauspielern verblassten spätestens mit dem grandiosen Auftritt von Schramm/Priol. Die beiden hatten sich trotz

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„Neues aus der Anstalt“-Verp ichtungen einiges einfallen lassen, um das Publikum – mit Erfolg – vor Lachen von seinen Stühlen zu reißen. Urban Priol kam schon schnell von Jörg Kachelmann auf die Finanzkrise: „Dass ausgerechnet Banken mit ihren bunten Schirmchen das Wetter im Fernsehen präsentieren, ist im Nachhinein ja nicht weiter erstaunlich. Auf unsichere Werte zocken, sich unbeliebt machen, selbst unter dem staatlichen Schirm stehen und das Volk im Regen stehen lassen, so muss man das wohl interpretieren“. Schramm derweil nahm zielsicher und zynisch wie immer die globale Finanzkrise auseinander – pointiert und witzig, natürlich, doch absolut treffend. „Zwei Stunden Schramm sparen dir ein Semester Politikwissenschaften.“, witzelte mein Sitznachbar, zu Recht.

Nichtsdestotrotz wussten die Mitglieder des Tribunals im Laufe des Samstags mit gut recherchierten Inhalten und klaren Forderungen zu punkten.

Bela, wie kam es dazu, dass du und Olli Schulz beim Attac-Bankentribunal aufgetreten seid? Als Attac-Mitglied wollte ich denen ein bisschen helfen. Olli schuldete mir noch einen Gefallen, und „Champagnerfreak“ wollten wir eh schon längst mal machen! Meinst du, dass derartige „politische“ Tribunale, von NGOs aufgezogen, für Politik und Gesellschaft wirksam sein können? Wenn ja, inwiefern? Es gab vor kurzem eine Statistik, die besagte, dass allein in Hamburg im vergangenen Jahr über 200 Leute wegen Schwarzfahrens im Knast gesessen haben. Banker, die sich riesige Boni auszahlen, obwohl ihre Banken nur durch Zuschüsse aus der Staatskasse gerettet werden können, und somit die Krise verschlimmern, werden von den Politikern ho ert und dürfen trotz vielfach nachgewiesener betrügerischer Machenschaften, wie Steuerhinterziehung etc., einfach so weiterarbeiten. Das hat mit meinem Rechtsemp nden nichts mehr zu tun. Es herrschen zum Teil Zustände wie vor der französischen Revolution. Die Banker als Feudalherrscher, für die geltendes Recht nicht gilt. Stellt sie an den Pranger! Das Bankentribunal ist eine Fantasie, wo sich Wut kreativ Luft macht. Ob so etwas wirksam sein kann? Keine Ahnung. Ich befürchte nicht.

Ohne zu sehr in die Politik abdriften zu wollen sei doch gesagt, dass es faszinierend und erschreckend zugleich war, an einem einzigen Tag die Abgründe und Verlogenheit der Politik und die pferdewettenähnliche Natur der globalen Finanzmärkte aufgezeigt zu bekommen – und das auf informative und keineswegs dröge Art und Weise. Allen voran Tagesspiegel-

© Fiona Krakenbürger

Der Samstag dann war eindeutig ernster, doch keineswegs uninteressanter. Schon morgens früh war das Plenum gut gefüllt, und im Laufe des Tages wurden manches Mal die Sitzplätze knapp, wenn es um verschiedenste Aspekte politischer und nanzieller Verantwortlichkeiten für die globale Wirtschafts- und Finanzkrise ging. Die Richterbank sah sich konfrontiert mit jeweils vier AnklägerInnen und VerteidigerInnen sowie einer langen Liste von Zeugen beider Lager. Interessant besetzt war das Tribunal allemal, querbeet aus (zugegeben: meist links orientierten) Medien, Nichtregierungsorganisationen, Wirtschafts- und WissenschaftsvertreterInnen. Auf der Anklagebank hätten eigentlich einige der klügsten Männer (und eine noch klügere Frau) der Welt Platz nehmen müssen, doch besaßen Frau Merkel und Herr Ackermann, Herr Schröder, Herr Tietmeyer und Herr Steinbrück wohl allesamt weder genügend Humor noch genügend Rückgrat, auf eine solche Vorladung auch nur zu reagieren.

Wir baten Bela um ein paar Statements zu diesem Thema:

Das Kabarettisten-Duo Georg Schramm und Urban Priol

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Journalist Harald Schumann wusste mit Fachwissen und Humor oft genannte Stichwörter der Finanzkrise verständlich zu erklären – und so ganz nebenbei einige Punkte sowohl der Anklage als auch der Verteidigung fundiert abzuschmettern. Doch auch andere Anwesende verWie wichtig ist es dir, dass du deine Fans – z. B. durch deine eigene Teilnahme an solchen Veranstaltungen – zu politischem Denken erziehst? Oder war es eher andersherum und du wolltest Attac durch deine Teilnahme stärken und unterstützen – statt Fans hin zu locken?

tem durcheinander. Die „BaFin“ derweil ist die Bundesanstalt für Finanzaufsicht, deren Hauptaufgabe seit ihrem letzten großen Skandal vor vier Jahren, als ihr Leiter vier Millionen Euro veruntreute, nunmehr darin zu bestehen scheint, eine schützende Hand über die arme, missverstandene Finanzwirtschaft zu halten. Ein unabhängiges Arbeiten wird ihr durch ausschließlich von Lobbyorganisationen des Finanzsektors verwaltete Datensätze ohnehin völlig unmöglich gemacht.

standen es, Licht in das Dickicht von Ursache und Wirkung der globalen Krise, die so viele Menschen Arbeit und Erspartes gekostet hat, zu werfen.

Und „Bankenrettung“ schließlich bezeichnet gemeinhin ein Treffen von Josef Ackermann und Angela Merkel zu einem Mittagessen, bei dem der Deutsche-BankChef der Kanzlerin erklärt, warum es der Untergang des westlichen Abendlandes sei, wenn von der Pleite bedrohte Banken keine milliardenschweren Rettungspakete vom Staat bekommen. Alles Weitere, bis hin zum Parlamentsbeschluss, ist mehr oder minder politische Formsache. Populismus? Vielleicht, aber nur ein bisschen. Der Verteidigung sei zugutegehalten, dass sie nicht weniger Fachwissen und durchaus berechtigte Einwände auf den Tisch brachte. Politisch Interessierten seien die zahlreichen auf der Webseite des Bankentribunals verlinkten Artikel aus so unterschiedlichen Medien wie taz, Tagesspiegel, Financial Times Deutschland und Frankfurter Rundschau empfohlen. Allen anderen sei gesagt, dass es bedeutend einfacher – und interessanter – ist, die Natur des ökonomischen Roulettespiels an globalen Börsen zu durchschauen, als gemeinhin angenommen wird. Dennoch: Beim Rollen der Roulettekugel geraten schwarz und rot, weiß und grau zunehmend durcheinander, und niemand scheint sich mehr zu trauen, Schuldige beim Namen zu nennen. Nicht einmal Attac, denn das Urteil am Sonntag el für alle Beteiligten enttäuschend aus und schien, wie Verteidiger Wolfgang Kaden es ausdrückte, „vorformuliert“.

So lernte ich von der Anklage, was „Leerverkäufe“ bedeuten: Eine Bank verkauft Devisen, die sie selbst noch gar nicht besitzt, sondern erst bei deren Wertverfall zu kaufen beabsichtigt – und so fährt sie nicht nur dicke Gewinne ein, sondern würfelt das gesamte Finanzsys-

Ein klarer Schuldspruch blieb aus, stattdessen bot es relativierende Abwägungen und nahezu im luftleeren Raum stehende Forderungen nach Finanztransaktionssteuer und Erhöhung von Demokratie und Transparenz an deutschen und internationalen Finanzmärkten. Dabei

Es geht zum Teil um Aufmerksamkeit, Flagge zeigen und natürlich auch darum, nach einem anstrengendem Tag das Ganze etwas aufzulockern. Die meisten Leute haben sich über die zwei Quatschköppe gefreut, die da ohne Bittermine nach Champagner gerufen haben! Hand aufs Herz: Achtest du im alltäglichen Leben darauf, „globalisierungskritisch“ zu handeln? Beispielsweise durch Klamottenwahl, Lebensmitteleinkäufe – oder eben Bankenwahl? Ich kaufe sehr bewusst ein. Bank is okay, Klamotten meistens auch … öhem. Let's face it. Wir sind in den Augen der Herrschenden heute doch alle nur noch Konsumenten! Keine Wähler, keine Bürger, nur Konsumenten. Aber als solche dann doch wieder eine Macht! Unser Kaufverhalten kann Dinge bewegen. Die Wirtschaft hat das aber leider auch erkannt und versucht, uns zu überlisten. Deshalb muss man wachsam sein. Waren aus Unrechtsfabriken in China werden über Schein rmen nach Deutschland gebracht mit Etiketten wie „Versand aus Österreich“ oder ähnlich. Die Öko-Marke ALOHA ist nicht die Er ndung zweier Studenten, sondern der große Ökobrausefake einer Großbrauerei, die grade Studentenmensen und alternative Bars und Kinos beliefert. 100% geht wohl nicht, aber wenn wir alle ein bisschen mehr aufpassen, kann das sogar Spaß machen. Geiz ist nicht geil, insofern is mal 'n bisschen teurer auch oft viel nachhaltiger!

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ATTAC hatte am Vortag die Anklage noch so humorvoll unter lautem Applaus 16 Jahre Opposition für Frau Merkel gefordert, eine prima Steilvorlage für pointierte Kommentare der Richterbank. Wenn selbst schon eine Attac-Veranstaltung Angst davor hat, bewusst provokante Thesen aufzustellen, Urteile zu fällen und nach Lösungen zu suchen, wer übernimmt diese Aufgabe denn dann? Trotzdem: Es war ein Gewinn, beim Tribunal dabei gewesen zu sein – und sei es nur um des gesamten Samstags und des großartigen Publikums willen. Und Bela? Keine Sorge, ich entlasse euch nicht aus meinem von einem politischen Zeige nger begleiteten Artikel, ohne zu unserem Lieblingsschlagzeuger zurückzukommen. Der trat, gemeinsam mit Olli Schulz, am Samstagabend im Roten Salon auf. Eine bessere Zusammensetzung, das Hirn nach einem langen Tag im Plenum freizupusten, gab es wohl nicht. Mit von der Volksbühne verkaufter Imperialistenbrause in der Hand bewiesen die versammelten Tribunal-Gänger verschiedenster Altersstufen Humor, indem sie zum halb improvisierten, halb im Backstage entstandenen Hit „Champagnerfreaks“ (sie Infokasten) fröhlich mitwippten. Olli mit ungewohnt langen Haaren und Bela im schicken gestreiften Anzug boten so, bewaffnet mit Akustikgitarren, ihre ganz eigene Kapitalismuskritik feil („Champagner für alle!“). Anschließend schoben sie gleich noch einen Kracher für das punk-af ne Publikum („Dann scheiß ich auf Deutschland, ich bin ein Staatsfeind ...“ von Canal Terror) hinterher. Der Auftritt selbst war schnell vorbei; nach nur etwa einer knappen halben Stunde verabschiedeten sich die Herren Musiker grinsend von der Bühne. Danach ließ Bela am Plattenteller den Tanz ur beben und überraschte mit, sagen wir mal ...

59 CHAMPAGNERFREAKS Champagnerfreak, Champagnerfreak, ich ipp voll aus wenn's kein' Champagner gibt Champagnerfreak, Champagnerfreak, ich ipp voll aus wenn's kein' Champagner gibt Ich hab nachher ein Date mit Regina Spektor Die schreibt vielleicht ein Buch und ich bin dann ihr Lektor Danach geh'n wir dancen 'ne schöne Polonaise vor mir Regina und hinter mir, Alter, das glaubst du nicht! – Wer isses? Dita von Teese! – Die ist doch auch … Champagnerfreak, Champagnerfreak, die ippt voll aus wenn's kein' Champagner gibt Champagnerfreak, Champagnerfreak, die ippt voll aus wenn's kein' Champagner gibt

interessant gemischter Musikauswahl. Von „No Use For a Name“ zur „Dirty Dancing“-Filmmusik schallte alles aus den Lautsprechern – das ist Punkrock! Das wichtigste zum Schluss: Happy Birthday Attac! Zum Geburtstag wünschen wir vom DÄOF euch viele Jünger im Sherwood Forest, weiterhin tolle Kampagnen-Ideen, informative und konstruktive Veranstaltungen, politische Aufmerksamkeit und nicht zu vergessen viel Erfolg bei der Weiterentwicklung und Umsetzung eurer Ziele. So viel zur Politik, und nun zum Wetterbericht (ganz ohne tanzende Schirme): Der Himmel ist blau!

Eline

Bela B und Olli Schulz

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MICKI MEUSER

„ES WAR EHER EINE ÜBERGANGSPLATTE“ Micki Meuser kann wie kaum ein anderer mit Erfahrungen in der deutschen Musiklandschaft der 80er-Jahre glänzen. 1985 produzierte er das Album „Im Schatten der Ärzte“, davor und danach weitere bekannte Künstler jener Zeit. Wir unterhielten uns mit Micki in Köln ausführlich über diese Phase von die ärzte und erfuhren auch viele weitere interessante Details aus seinem nicht gerade ereignisarmen Leben. Micki, wie

ng deine Laufbahn an?

Passend zu den Ärzten habe ich in den 70ern zunächst Zahnmedizin in Düsseldorf studiert und war 1976 auch fertiger Zahnarzt – einer der jüngsten sogar. Es zog mich aber mehr zur Musik, und so habe ich anschließend angefangen, professionell Musik zu machen. Ich war dann Jazz-Bassist bei Charlie Mariano, habe zwischendurch auch mal bei Klaus Doldinger gespielt und mich danach mehr mit der Produktion und dem Arrangieren beschäftigt. Eine meiner ersten Produktionen war eine Ost-Berliner Songwriterin namens Bettina Wegner, die gleich in die Charts gegangen ist. Anschließend habe ich eine West-Berliner Songwriterin namens Ina Deter produziert … … die auch in die Charts gegangen ist? Nein, das ist erst mal nicht in die Charts gegangen. (lacht) Ihre Platten rma CBS hat sie danach rausgeworfen, weil Ina sich geweigert hat, Coverversionen für das Album aufzunehmen. Ich habe aber weiter zu ihr gehalten, und wir haben noch zwei Independent-Platten gemacht. Die dritte Platte war dann 1983 „Neue Männer braucht das Land“, zu der sie auch von der Phonogram unter Vertrag genommen wurde.

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Wie sah es bei dir mit eigener Musik aus? Schon während meiner Anfänge als Produzent habe ich sehr punkige Bands gehabt. Mit einer dieser Bands, den Nervous Germans, habe ich in London gelebt. Wir hatten mit Grant Stevens einen australischen Sänger und mal einen englischen, mal einen deutschen Gitarristen. Die Musik war sehr punkig und wavig, und wir haben bei Phonogram zwei Alben veröffentlicht. Ich habe nebenbei aber weiter als Produzent gearbeitet und unter anderen z. B. Ideal und viele weitere Künstler produziert, von denen ich einige leider vergessen habe. Die Nervous Germans sind auch noch mal von CBS gesigned worden. Daraufhin ist die Band kaputtgegangen, weil zwei der Mitglieder nicht mit Majorlabels arbeiten wollten. Interessanterweise sind sie danach bei Andy Borg eingestiegen. (lacht) Ich glaube, da waren auch gewisse Substanzen im Spiel. Ich habe die Band mit Grant Stevens dann als The Window Speaks bei der CBS weitergeführt und anschließend weitere Produktionen für CBS gemacht. Dann u. a. auch die ärzte … Ja, die CBS kam 1985 auf mich zu. Ich kannte die Band natürlich. Sie hatten am Anfang einen ziemlichen Hype – zusammen mit den Toten Hosen, wie man leider sagen muss – und wurden zu diesem Zeitpunkt von Insidern schon auf dem absteigenden Ast gesehen, da deutscher Punk inzwischen schon wieder als „out“ galt. Und das schon bei der zweiten Platte … Ja, als man mich damals fragte, wollten einige in der CBS sie eigentlich gar nicht mehr.

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MICKI MEUSER Warst du trotzdem begeistert von der Möglichkeit? Ja, ich fand es toll. Es war eh meine Musik. Dann war ich auch durch meine Produktionen für Ina Deter und Ideal sozusagen Spezialist für deutschsprachige Sachen und Konzepte. die ärzte sind vor allem ein Textkonzept, das jungen Leuten etwas mitgeben will – unterlegt mit guter Musik. Ich war sofort damit einverstanden, sie zu produzieren. Du hast gerade erwähnt, dass die CBS nicht sonderlich glücklich mit ihnen war … Die CBS hatte seinerzeit einen nach meinem Emp nden ziemlich hochnäsigen Qualitätsanspruch. Da gab es Leute wie Heinz Canibol, der heute 105 Records macht, die die Meinung vertreten haben, dass die ärzte nicht zur „Qualität des Hauses CBS passen. Die haben wirklich versucht, die Band rauszudrängen. Das waren natürlich hinterher auch die gleichen Leute, die sich mit Genugtuung die Goldenen Schallplatten verliehen haben. Anders der A&R (Anm. d. Red.: Artist and Repertoire, redaktioneller Teil einer Platten rma) Fitz Braum und der Marketing-Manager Markus Linde. Sie waren sehr auf der Seite von den Ärzten, und auch ich fand sie natürlich super.

61 Ja, wir haben sie extra drin gelassen. Wir hatten damals im Hansa-Studio ein riesengroßes Pult, über das ich auch Ideal produziert hatte, mit dem war es dann möglich, Sounds ein iegen zu lassen usw. Heutzutage kann das jedes Musikprogramm auf dem Computer. Mit dem Pult haben wir seinerzeit sehr viel Spaß gehabt. Das Hansa-Studio kann ja auf eine lange und illustre Liste an Künstlern zurückblicken … Stimmt, David Bowie hat da aufgenommen, ebenso wie Depeche Mode oder später U2. Ich hatte wie gesagt auch Ideal, Ina Deter und Bettina Wegner da produziert. Welche Strategie verfolgte die CBS mit den Ärzten und mit dir? Die CBS wollte damals nicht unbedingt mit den Ärzten weitermachen. Ich bin zunächst dahin geschickt worden, um Demos mit ihnen aufzunehmen. Das war auch die Maßgabe von Fitz Braum. Ich hatte aber den Eindruck, dass das eher von seinen CBS-Vorgesetzten kam.

Kannst du dich noch an das erste Treffen mit der Band erinnern? Ja, sehr gut sogar. Das erste Treffen fand in Berlin statt. Ich wurde extra einge ogen, zusammen mit Fitz Braum, und ich weiß noch, dass ich ziemlich selbstbewusst war, dass sie mich mögen würden. Bela und Farin ngen aber gleich an, Witze darüber zu machen, dass ich Ina Deter produziert hatte. Gerade bei Bela hatte ich aber das Gefühl, dass es mehr eine Stichelei als ernst gemeint war. Er hat sich ja später selber musikalisch des Öfteren mit der Beziehung zwischen Mann und Frau auseinandergesetzt. Im Zeltlagermix von „Wegen dir“ nden sich diese Sticheleien auch auf Platte wieder … Micki heute

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Micki (rechts) mit den Nervous Germans 1983 auf der Bühne

Man wollte schauen, was für Material vorhanden ist und ob es sich lohnt weiterzumachen. Die Verträge mit der Band waren natürlich darauf ausgelegt, dass weitergemacht werden musste, aber eine große Platten rma wie die CBS hätte sich jederzeit aus dem Vertrag rauskaufen können. Wie bist du an die Aufnahmen herangegangen?

Hoffmann und David Heilmann gefreut, denn den beiden gehörte das PreußenTonstudio. Die CBS wollte nicht, doch ich habe angeboten, meine gesamte Technik aus Aachen, wo ich damals gewohnt habe, mitzubringen, und dann willigten sie ein. Mir war es lieber, das Budget für drei bis vier Wochen im Preußen-Tonstudio auszugeben, als die Band für eine Woche im Hansa-Studio arg unter Druck zu setzen.

Wir haben uns erst mal zusammengesetzt und das auf Kassette aufgenommene Material durchgehört.

War das Hansa-Studio vom Anspruch damals nicht vielleicht auch eine Nummer zu groß für die Band?

Kannst du dich noch erinnern, welche Songs darunter waren?

Ja, die ärzte waren zum damaligen Zeitpunkt keine High-End-Band, bei der man einen starken Hi-Fi-Sound erwarten konnte. Es ging mir eher darum, die Energie der Band einzufangen.

Das waren schon die Songs, die später auf das Album kamen. „Wegen dir“, „Du willst mich küssen“, „Dein Vampyr“ und „Buddy Hollys Brille“ waren z. B. darunter. Letzteres war mein persönlicher Singlefavorit. Wie ging es dann weiter? Wir sind dann ins Preußen-Tonstudio, damals noch in Berlin-Wedding, gezogen. Die hatten eine 24-Spur-Maschine und ein Mittelklassepult – für damalige CBSAnsprüche eigentlich nicht gut genug. die ärzte fühlten sich aber in diesem Studio deutlich wohler als im großen Hansa-Studio, und das war mir wichtig. Ich musste der CBS nach ein paar Tagen Bericht erstatten und habe den Vorschlag gemacht, dass wir im Preußen-Tonstudio in drei oder vier Wochen, da bin ich nicht mehr sicher, die ganze Platte aufnehmen. Geplant waren ja zunächst nur Demos. Der Vorschlag hat besonders Uwe

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Wie gut waren sie als Musiker damals? Farin war sehr gut und ist es ja immer noch. Bela war seinerzeit, er möge es mir bitte verzeihen, für die Standards, die damals galten, noch nicht bereit. Es ist mir damals sehr schwergefallen, ihm sagen zu müssen, dass wir wohl nur drei bis vier Stücke einspielen können. Er hat daran offenbar auch immer noch traumatische Erinnerungen, denn er hat mich später noch öfter darauf angesprochen. Wir mussten das Schlagzeug bei Songs wie „Dein Vampyr“ oder „Du willst mich küssen“ programmieren. Da es mir wirklich leidtat für ihn, habe ich ihm angeboten, sein Schlagzeug Trommel für Trommel auf meinem Emulator-Keyboard aufzunehmen,

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63 aller späteren die ärzte-Platten, der vor allem die beiden Ausnahmekünstler Farin und Bela sehr gut ins Bild rückt. Wir haben aber mit der Platte – und da muss ich ihm recht geben – den typischen Ärzte-Sound noch nicht gefunden. Es war eher eine Übergangsplatte. Du hattest schon erwähnt, dass die ärzte damals Probleme mit der Platten rma hatten, aber auch untereinander gab es Stress …

Im Studio 1987

so dass genau sein Sound entsteht. Ich kann mich noch erinnern, dass er penibel darauf bestand, dass keine Hi-Hat gleichzeitig mit einem Becken zu hören war, weil er das im Stehen nicht spielen konnte. Mitunter sicher auch ein Grund für den etwas eigenwilligen Sound dieser Platte … Ich wollte die Band sehr räumlich aufnehmen, um so fast eine LiveAtmosphäre zu kreieren. Die Gitarren und das Schlagzeug habe ich deshalb mit zusätzlichen Ambience-Mikrofonen aufgenommen. Erst später haben sich die ärzte dann mehr dem härteren Sound à la Heavy Metal zugewandt. Auf der „Schatten“-Platte gab es noch eher Rock'n'Roll-Sound zu hören, was unter anderem auch Farins Leidenschaft für Bands wie die Stray Cats geschuldet war. Farin hat in einem Interview mit uns mal erwähnt, dass er „Im Schatten der Ärzte“ für die vom Sound her untypischste Ärzte-Platte hält. Würdest du dem zustimmen? Ja, aber das lag auch daran, dass die ärzte sich zu dem Zeitpunkt noch nicht gefunden hatten. die ärzte haben erst später mit dem Heavy-Metal-Ein uss ihren typischen Sound gefunden, der auch radiotauglicher ist. Ich habe damals versucht, eine Punkband aufzunehmen, und das Ergebnis ist leider nicht so radiotauglich ausgefallen. Andererseits muss ich Farin auch widersprechen, denn von der Art her, nde ich, ist es der Urtyp

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Ja, Sahnie war der Ausfall damals. Der ist einfach nicht zu den Aufnahmen erschienen, und wenn er mal da war, dann war er total unvorbereitet und hat da lustlos irgendwelche Bässe gespielt. Letztlich ist von ihm kaum einen Ton auf der Platte. Ich habe fast alle Bässe eingespielt – teilweise sogar mit Kontrabass, wie man auf „… und es regnet“ hören kann. Den Basslauf von „Du willst mich küssen“ hat aber der Bruder von Uwe Fahrenkrog-Petersen (der Keyboarder von Nena) eingespielt, da ich den nicht so gut mit Plektrum spielen konnte. Ich glaube, ich habe auch das Klavier auf „Wie ein Kind“ gespielt. Hattest du ein Mitspracherecht, was die Auswahl der Songs für das Album anging? Damals war es eigentlich üblich, dass ein Produzent so etwas mitbestimmte. Ich habe das nicht gemacht, habe aber argumentiert und Empfehlungen gegeben. Die Erfahrung zeigt, dass sich Stücke im Verlauf der Produktion entwickeln – sowohl positiv als auch negativ. Ich weiß aber nicht mehr, welche Stücke es nicht auf das Album geschafft haben. Es müssen so um die zwei bis drei Songs gewesen sein, die hintenübergekippt sind. Hast du einen Lieblingssong auf dem Album? Da muss ich wieder „Buddy Hollys Brille“ nennen. Ich mag aber auch „Dein Vampyr“, weil das für mich der Ur-Bela ist, der sich da gefunden hat. Deswegen sagte ich ja, dass es wohl die Platte ist, mit denen bei den Ärzten und ihrer Identität alles an ng.

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MICKI MEUSER prompt von der ersten Polizeistreife rausge scht, da das Auto ja angeblich gestohlen worden ist. So hat er dann seinen Führerschein verloren. Das ist die DummeHund-Liga. (lacht) Worüber ich mich mit den Ärzten auch noch unterhalten habe, war ZwergeWeitwurf, englisch Dwarf Throwing, das ich von meinen Freund Grant Stevens her kannte.

Nervous Germans

Natürlich müssen wir wieder die beliebte Anekdoten-Frage stellen. Kannst du dich noch an lustige Begebenheiten während der Aufnahmen erinnern? Ich kann mich noch erinnern, dass wir verschiedene Ligen gegründet haben. Es gab z. B. eine Dumme-Hund-Liga und eine Loser-Liga. Zur Loser-Liga zählten Leute, die, egal was sie taten, immer auf die Schnauze elen. In der Dummen-Hund-Liga fanden sich die Leute wieder, die sich selber austricksten. Hast du ein Beispiel? Wir hatten z. B. bei den Nervous Germans einen Gitarristen, der, nachdem er sich in der Kneipe besoffen hat, noch mit seinem Auto nach Hause gefahren ist. Am nächsten Tag ist er wieder in die Kneipe gefahren, hat sein Auto an einer anderen Stelle abgestellt als am Vorabend und sich wieder besoffen. Als er rauskam, hat er sein Auto nicht gefunden und es im trunkenen Zustand bei der Polizei als gestohlen gemeldet. Anschließend ist er wieder in die Kneipe, hat auf den Schreck noch was getrunken und hat sich dann erinnert, dass er sein Auto eigentlich woanders abgestellt hatte. Er ist dann wieder in sein Auto gestiegen und nach Hause gefahren und wurde natürlich

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Dazu gibt's doch auch diese schöne Textstelle in „Die Antwort bist du“ … Genau. Das Ganze basiert auf folgender Geschichte: Ich bin mal mit Grant im Auto durch London gefahren, und auf einmal kommt im Radio die Nachricht, dass der Zwerge-Weitwurf abgesagt worden ist. Ich hielt das für einen Witz und habe ihn dann gefragt, ob es das wirklich gibt. Er hat das bejaht und sich dafür geschämt, als er gestand, dass es eigentlich aus Australien kam. Wir haben dann das Interview mit dem Veranstalter des Zwerge-Weitwurfs verfolgt, der es nicht verstehen konnte, dass man sich so sehr darüber aufregt, denn laut ihm mögen die Zwerge das und kriegen ordentlich Geld dafür. Kurze Zeit später ist Zwerge-Weitwurf in der kompletten EU verboten worden. Da fällt mir gerade noch eine Anekdote ein … Erzähl … Bela kam mich nach den Aufnahmen mit David Heilmann, dem Toningenieur aus dem Preußen-Tonstudio, in Aachen besuchen. Ich hatte damals eine Maisonette-Wohnung in der Innenstadt. Wir sind dann immer nachts ins P5, eine Disco, gegangen. Als wir wiederkamen, waren die beiden immer noch nicht müde und haben sich dann Pornos ausgeliehen.

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MICKI MEUSER Einer davon war ein Domina-Porno namens „Lady Hell“, der wirklich lächerlich war. Da zeigte man dann jene Dame, wie sie mit einem mit Zahnstochern versehenen Tischtennisball ihren Sklaven drangsalierte und so etwas. Aus diesem Film haben wir dann ein Stück gemacht, das erst nach der Au ösung der Ärzte veröffentlicht worden ist. Apropos: Wie kam es zum Auftritt von Nena bei „Du willst mich küssen“? Nena hatte wohl mal gesagt, dass sie Ärzte-Fan ist, und sie war auch bei CBS. Ich habe über ihren Manager Jim Rakete, der auch die ärzte betreute, dann den Kontakt hergestellt.

65 dann noch Schulterpolster geschenkt, weil sie fand, dass ich zu schmale Schultern hatte. (lacht) Wir verstanden uns gut, da ich Nena noch von ihrer Zeit bei den Stripes her kannte. Mit denen haben wir mit den Nervous Germans oft Kneipen-Gigs gespielt, und ich habe Nena auch des Öfteren weinend auf der Bühne erlebt, da das anwesende Publikum weniger an der Musik interessiert war, sondern lieber „Ausziehen!“ gerufen hat. Ein Highlight auf dem Album ist auch das Streicher-Arrangement bei „Ich weiß nicht, ob es Liebe ist“ … Das haben wir extra schreiben lassen, und zwar von einem Menschen, der sonst Sachen für Udo Jürgens gemacht hat. Das war auch ein Brüller damals. Wie ist der Kontakt zu den Ärzten anschließend verlaufen?

Micki und seine Band „The Window Speaks“ 1984

Ich bin Nena dafür hinterhergereist, denn es war sehr schwer, sie zu bekommen, da sie enormen Erfolg hatte. In einem Hotel namens Grafenberg bei Frankfurt habe ich sie dann erwischt. Die CBS hatte mir ein eigenes Zimmer angemietet. Ich habe da mein Ton-Equipment aufgebaut und Nena gebeten, den Satz zu sagen, den wir dann nachher einfach in den Song reingeschnitten haben. Nena hat mir

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Das hat sich so im Sande verlaufen. Ich habe auch nicht wirklich viel unternommen, um den Kontakt aufrechtzuerhalten, und habe dann auch leider nicht erfahren, dass sie das nächste Album mit einem anderen Produzenten aufnahmen. Mit Bela habe ich dann später hin und wieder Kontakt gehabt. Nicht so toll fand ich, dass sich später alle Beteiligten zur CompilationPlatte „Ist das alles?“ eine Goldene Schallplatte verliehen haben. Mich haben sie da vergessen (oder bewusst weggelassen). Im Jahre 1994 bekam ich dann mal einen Anruf von Axel Schulz, dass es eine Goldene mit meinem Namen zu „Im Schatten der Ärzte“ gäbe und ich sie mir in seinem Büro abholen könnte.

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66 Wie hast du damals auf die Trennung der beiden und die daraus entstandenen Soloprojekte King Køng und Depp Jones reagiert? Ich war da kein Freund von. Ich habe ihnen auch geraten, sich nicht zu trennen, da ich schon damals gespürt habe, dass sie nur „zu zweit“ funktionieren und diese gewisse Magie erzeugen können. Ich denke, sie haben in dieser Zeit auch gespürt, dass da etwas ist, was ihnen in der Größe sicher auch dann erst so wirklich bewusst geworden ist. Was hältst du von Farins und Belas aktuellen Solopfaden? Das ist jetzt eine andere Zeit als damals, heute sind die ärzte etabliert. In den 80ern waren sie es noch nicht, und deswegen hielt ich die Solosachen damals für einen falschen Weg. Depp Jones z. B. hat sich ganz hinten in einer langen Reihe von Thrash-Metal-Bands aus aller Welt (und dann noch in Deutschland!) angestellt. Heutzutage ist das anders. Sie machen es wohl eher zur persönlichen Ablenkung. Belas Solosachen gefallen mir sehr gut, weil sie sehr authentisch sind und ihn als den wunderbaren Menschen zeigen, der er ist. Farins Sachen sind toll produziert und, wie es sich für ihn gehört, hochqualitativ. Mir persönlich fehlt da aber etwas.

MICKI MEUSER War der heutige Erfolg von die ärzte für dich damals schon in irgendeiner Form absehbar? Ja, ich habe ihnen damals schon aus diesem Grund den Rat gegeben zusammenzubleiben, denn die beiden sind schon damals unglaublich kreativ und talentiert gewesen, was ihnen bis heute geblieben ist. Wie siehst du den Ein uss von die ärzte auf die Jugendkultur damals und heute? Sie haben sicher viele Leute beein usst und ihnen etwas mitgegeben. die ärzte setzen mit ihrer Musik und ihren Texten da an, wo der junge Mensch seine Gene und seine Erziehung in eine eigenständige Persönlichkeit entwickelt. Sie schreiben den Soundtrack zur Übernahme des eigenen Computers, sprich des Gehirns, aus der Programmierung der Eltern und der Schule. An der gleichen Stelle setzen leider auch Nazis an, um Ein uss zu nehmen. Doch die ärzte sind dazu fähig, die Jugendlichen an dieser Stelle positiv und vor allem intelligent zu begleiten. Wenn sie diese Fähigkeit irgendwann verlieren, dann werden sie auch nicht mehr die ärzte sein. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich in Zukunft ein 40bis 50-Jähriger noch in Jugendliche und deren Gemütslage hineinversetzen kann. die ärzte sind bekannt für ihren Humor. Wie gut konntest du mit ihrem Witz mithalten? Man kann die beiden schwer übertreffen und sollte auch gar nicht erst versuchen, mit ihnen in Konkurrenz zu treten. Wenn ich mal versucht habe mitzuhalten oder auch mal einen guten Witz gebracht habe, dann kam gleich so ein Spruch zurück: „Ach, du hast ja auch Humor …“ Mir taten infolgedessen auch alle Bassisten leid, da ich wusste, wie es ihnen gehen musste. Rod hat sich auch ganz langsam erst einen eigenen Platz erarbeitet.

Micki-Meuser-Holzkulptur in Heidelberg, gefertig von Klaus Schmetz

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MICKI MEUSER Was hältst du von Rod? Er ist ein ganz toller Musiker und ein wunderbarer Bassist, der die beiden perfekt ergänzt. Die nächste Platte nach deiner Produktion wurde indiziert. Wie hast du die Indizierung erlebt? Soweit ich weiß, war diese ganze Sache ein Stück weit geplant, denn die Rechtsabteilung der CBS war wohl darauf vorbereitet und man hat sehr lange gewartet, bis diese Bochumer dann geklagt haben. Ich kenne nicht alle Details, doch das Stück selbst kannte ich schon, da man auch mal geplant hatte, es auf der „Im Schatten der Ärzte“ zu veröffentlichen. Ich habe bei der Songwriterin Silke Frost, mit der ich gerade arbeite, auch so einen Fall von Zensur, wo die Textzeile „Du hast mich angeschissen“ ausgewechselt werden muss, weil es sonst nicht im Radio gespielt wird. Es ndet bis heute eine lautlose Zensur im Radio statt. „Neue Männer braucht das Land“ steht übrigens noch immer auf dem Index beim Saarländischen Rundfunk! Und das nicht etwa, weil sich Männer in ihrer Eitelkeit gekränkt fühlen könnten, sondern angeblich weil die Textzeile „Ich sprüh's auf jede Häuserwand …“ einen Aufruf zur Sachbeschädigung darstellt. Man kann natürlich froh sein, in einem Land zu wohnen, wo man vor so etwas bewahrt wird. Wie beurteilst du die musikalische Entwicklung, die die ärzte seit eurer Zusammenarbeit genommen haben? Super. Die sind soundmäßig einfach zum Punkt gekommen. Mir ist das besonders nach der Reunion auf dem „Bestie in Menschengestalt“-Album aufgefallen. Kurze Zeit später (1994) habe ich sie als Überraschungsgäste bei einer Show in Berlin gesehen, wo sie mit drei Mann, ohne Soundcheck, alle sonstigen anwesenden Berliner Bands weggeblasen haben. Die Mission ist also geglückt. (lacht) Mir ist in den letzten Jahren vor allem zunehmende Ernsthaftigkeit in den Texten aufgefallen …

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67 Ja, das mag stimmen. Die Zeiten haben sich aber auch geändert, und ich denke, wenn man heutzutage die jungen Leute noch erreichen will, muss man ernsthaft sein. Man kann die Augen vor den herrschenden Zuständen nicht verschließen und nur dauernd Witze machen. Was macht für dich den Zauber, der diese Band umgibt, aus? Farin und Bela sind zwei sehr intelligente Menschen, die die Fähigkeit haben, gewisse Dinge ießen zu lassen, Fehler zu machen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Das schafft Nähe zum Publikum und macht sie so charmant. Sie sind nicht so wie die meisten Musikerdumpfbacken, die den Hang zum Perfektionismus haben, super ihr Instrument spielen können und dabei eigentlich todlangweilig sind. Sie geben da nicht so viel drauf, sondern suchen den Kontakt zum Publikum, und das wird honoriert. Was hast du nach den Ärzten alles gemacht? Ich bin irgendwann nach Frankfurt gezogen und habe unter anderem mit den Rodgau Monotones eine Platte produziert, dazu noch ein paar andere Produktionen. CBS war ja in Frankfurt. Dann war ich zwischenzeitlich wieder in England, und später habe ich die OstRock-Band Silly in der DDR aufgenommen. Das ist sicher auch ein spannendes Kapitel gewesen. Als westdeutscher Produzent im Osten eine ostdeutsche Band aufzunehmen … Ja, ich war der einzige Westproduzent, der jemals in der DDR produziert hat. Das war 1986/1987, und in der DDR gab es nur zwei Tonstudios, „Der Rundfunk“ und „Die Schallplatte“, wo rund um die Uhr produziert wurde. Wir hatten inklusive Aufbau jeden Tag nur vier Stunden Zeit für die Aufnahmen. Also Drums aufbauen, zwei Stunden Soundcheck und dann noch 30 Minuten aufnehmen, dann kam die nächste Band. Das gelang nur, weil die Musiker handwerklich exzellent waren. Als die Aufnahmen fertig waren, setzte sich eine Kommission aus Schriftstellern,

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68 Künstlern, Politikern und auch Stasi-Leuten zusammen und entschied, ob von der Platte 5.000, 10.000, 50.000 oder 100.000 Stück gepresst wurden. Bei Silly waren sich alle einig, dass 100.000 gepresst werden sollten, die dann auch prompt am nächsten Tag ausverkauft waren. Es wurde nicht mehr nachgepresst – ein schönes Beispiel für Planwirtschaft. (lacht) Wir hatten auch während der Aufnahmen immer einen von der Stasi dabei, das war ganz normal.

Als Ersatzbassist beim Perm Festival 2009

Was hast du noch gemacht? Anfang der 90er-Jahre ging mir das mit Männern, die Gitarre spielen, mal auf den Geist, und ich habe dann vorwiegend mit Frauenbands gearbeitet. Das fand ich spannender, auch von den Inhalten. Damals sind dann CDs mit den Lassie Singers und den Lemonbabies enstanden, übrigens wieder in Zusammenarbeit mit Markus Linde, dem Marketing-Manager bei „Im Schatten der Ärzte“. Später noch eine CD mit einer Band namens Schøn Blond. Ab 1995 habe ich mich dann mehr der Film- und Fernsehmusik gewidmet. Das mache ich bis heute. Seit ein paar Jahren spiele ich auch wieder Bass, nachdem ich das 20 Jahre nicht mehr gemacht habe. Da bist du auch wieder Bela begegnet … Genau, das kam durch den Film „Obsession“ mit Heike Makatsch. Heike spielt in diesem Film in einer Band. Ich wusste, dass die beiden sich mögen würden. Ich habe Bela gefragt, ob er Lust hätte, mit mir die Songs zu dem Film zu schreiben. Er fand die Idee toll und hat sofort mitgemacht. Heike Makatsch hatte nach

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MICKI MEUSER „Männerpension“ eigentlich keine Lust mehr zu singen, weil die Kritiken darauf so traumatisch für sie waren. Wir konnten sie aber doch überreden, und sie hat dann unter anderem mit Bela „This girl was made for loving“ gesungen. Davon gibt's übrigens auch ein Musikvideo. Da hat doch auch Daniel Craig, der derzeitige James Bond, mitgespielt, der später der Freund von Heike Makatsch wurde … Ja, da hat sich kurioserweise die Dreiecksgeschichte aus dem Film in ihrem Privatleben wiederholt. Daniel und Heike waren dann lange ein Paar, und sie ist nach London gezogen. Ich kann mich noch erinnern, dass wir uns nach den Aufnahmen zum Soundtrack in Kreuzberg neben dem neuen Preußenton-Studio bei einem Italiener getroffen haben, also Heike, Bela, Daniel Craig und ich. Am nächsten Tag stand in einer Zeitung, Heike und Daniel seien das neue Liebespaar. Wir waren ganz allein in diesem Restaurant. Keiner hatte etwas von irgendeinem Reporter oder so gemerkt. Ich habe aus dieser Zeit übrigens auch noch eine Aufnahme, wo Daniel Craig den Song „This girl was made for loving“ besoffen singt, aber das bleibt wohl Verschlusssache. Hast du während der Zusammenarbeit mit die ärzte etwas für dich mitgenommen? Jede Menge. Man lernt in jeder Produktion und von jedem Künstler etwas dazu. Künstler sind ziemlich intensive Menschen, die im Erfolgsfall etwas Besonderes in unserer Gesellschaft sind. Bei den Ärzten habe ich gelernt, mich auch mal zurückzuhalten und nicht mit intelligenteren Menschen in verbale Konkurrenz zu treten. Außerdem habe ich später für mich mitgenommen, die Kontakte zu Künstlern, mit denen ich gearbeitet habe, nach der Produktion besser zu p egen. Aber vor allem erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich sehr viel Spaß gehabt habe. Micki, vielen Dank für das Gespräch. www.micki-meuser.com

Evil Acker

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WIE

FUNKTIONIERT EIGENTLICH DAS KAUFHAUS? Hast du dich auch schon mal gefragt, wie das DÄOF-Kaufhaus funktioniert? Wenn JA, dann solltest du jetzt weiterlesen. Ansonsten lies trotzdem weiter, sonst ist DIE PRAWDA viel zu schnell zu Ende ... ;)

Ausblick. Darin be ndet sich so ziemlich alles an Bild- und Tonträgern, das DÄOFMerch und auch eine Menge Prawdas. Das Materiallager be ndet sich im Keller und ist eigentlich nur mit Versandkartons gefüllt. Also alles in allem ganz normal!

Das DÄOF-Team besteht aus ehrenamtlichen Teammitgliedern, die alle Fanclubarbeit in ihrer Freizeit machen. Wie kann da so ein „Kaufhaus“ funktionieren? Das DÄOF-Kaufhaus läuft im Prinzip so wie jedes andere Kaufhaus. Da gibt es den Wareneingang, den Warenausgang, die Materialbestellung und auch die Inventur. Nur ndet das Ganze eben nicht in einem Kaufhaus statt, sondern in unserem Wohnzimmer …

Aber so einfach, wie es klingt, ist und war es eigentlich nie. Am Anfang wurde das Kaufhaus noch von WodkaRitter aus dem DÄOF-Team betreut. Der hatte allerdings neben der Arbeit nicht mehr die Zeit, sich weiter darum zu kümmern, also haben meine Frau Tanja und ich das übernommen. Wir konnten die Abende opfern, um Pakete zu packen. Die Ware (zwei oder drei verschiedene Artikel) war ja schon da. Dann aber stand der Ausbau des Angebots zur Diskussion. Bei Hot Action Records wurde ein wenig ausgemistet, und dabei sind „ein paar“ CDs aufgetaucht (Zitat Kurier: „Meine Fresse! Und dat am frühen Morgen!“). Und kaum hatten wir uns versehen, waren die Regale voll, und die Arbeit hatte sich vervielfacht. Das Ganze musste neu überdacht werden.

Na ja, nicht ganz. Die Inventur z. B. ndet natürlich zum größten Teil in unserem Lager statt. Und da wir ja von einem Kaufhaus reden, gibt es ein Waren- und ein Materiallager. Das Warenlager be ndet sich in einem hübschen kleinen Mansardenzimmer mit herrlichem

Anfangs erhielten wir immer wieder Beschwerden darüber, dass die Ware kaputt ankam oder dass etwas gänzlich verloren ging. Also begannen wir, statt Luftpolsterumschlägen richtige Versandkartons einzusetzen. Anstatt des unsicheren Postversands wurde auf den versicherten Versand mit Hermes umgestellt. Seitdem sind die Bestellungen immer ausreichend verpackt und versichert Uwe-Struwes Kaufhauszentrale

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und können nachverfolgt werden. Als Nächstes musste ein regelmäßiger Turnus festgelegt werden, damit niemand von einer sechswöchigen Wartezeit ausgehen musste. Die gesamte Kaufhausumstellung dauerte ein paar Monate. Mittlerweile hat sich das „kleine“ Kaufhaus in ein „großes“ verwandelt, und auch wir haben uns damit immer weiterentwickelt und verbessert. Wenn man auf http://kaufhaus.daeof.de klickt und sich die Startseite ansieht, hat sich seit dem 01.10.2007 eigentlich nicht viel getan. Hier sei kurz nebenbei erwähnt, dass die KaufhausStartseite mittlerweile mehr als eine Million Mal aufgerufen wurde. WOW! FRAGEN AN UWE-STRUWE, UNSEREN SPEZI FÜR ALLES RUND UMS KAUFHAUS: Wie viele Bestellungen werden täglich bearbeitet? Das ist ganz unterschiedlich. Es richtet sich meist danach, was gerade im Kaufhaus angeboten wird. Sind die Regale voll oder ist ein besonderes Schnäppchen im Angebot, können im Laufe eines Abends schon mehrere Hundert Bestellungen eingehen. Sind die Regale leer, ist natürlich auch die Arbeit etwas angenehmer. ;) Wie oft werden Bestellungen bearbeitet? Auch das ist sehr unterschiedlich. Es können nur ein bis zwei Abende in der Woche draufgehen, oder eben bei einer Neuerscheinung auch mal fünf bis sechs Abende.

Hinter den Kulissen hat sich allerdings durchaus eine Menge getan. Die Kaufhaus-Software wurde nach und nach unseren Bedürfnissen angepasst. So ist das Bestellen von Artikeln wie z. B. der Live-CD „Satanische Pferde“ (die jedes DÄOF-Mitglied einmal kostenlos bestellen kann) nur einmalig möglich. Wir können diese Artikel leider nicht in unbegrenzten Stückzahlen beschaffen, sodass wir auf eine Artikellimitierung zurückgreifen müssen. Auch möchten wir damit einen eventuellen eBay-Weiterverkauf verhindern und allen Mitgliedern die gleiche Chance ermöglichen, den gewünschten Artikel günstig zu ergattern. DÄOF-“Zubehör“ kann praktisch immer bestellt werden. Auch da ist der Zuspruch durch unsere Mitglieder durchaus zufrie-

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denstellend. Und die Ideen, die uns übers Forum erreichen, sind oft ebenfalls nicht schlecht - wenn auch leider nicht alle umsetzbar. Die Vorschläge, die theoretisch möglich wären, werden aufgegriffen und wenigstens mal durchkalkuliert. Der DÄOF-Heckscheibenaufkleber ist dafür ein schönes Beispiel, die Idee kam von den DÄOF-Forenmitgliedern. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Anbieter, der diesen Aufkleber herstellen konnte. Gesucht, gefunden – das Ergebnis könnt ihr im Kaufhaus bestellen! Die Frage, warum es nicht „allerlei“ DÄOF-“Zubehör“ gibt, ist übrigens auch ganz einfach beantwortet: Wir möchten schlicht und ergreifend nicht zu viel anbieten. Irgendwann ist das Angebot so groß, dass niemand mehr etwas haben möchte, und wir bleiben darauf sitzen. Außerdem steht nach wie vor die Gang aus Berlin (und deren Soloaktivitäten natürlich) im Vordergrund! Und da sind wir dann schon wieder beim Thema Musik. Zur Lagerung selbiger haben wir einige Regale angeschafft, die meist auch ziemlich voll sind. Und wenn nicht, dann wird schnell mal nachbestellt, sofern das möglich ist! Damit ich mich nicht noch alleine mit dem Nachbestellen beschäftigen muss, gehört der DÄOF-Vorsitzende Evil Acker indirekt auch mit zum Kaufhaus-Team. Evil Acker stellt die Kontakte zu Managements und Vertrieben her und ermutigt die Damen und Herren dazu, mal für uns ihre tiefsten und nstersten Keller zu durchforsten. Ohne Taschenlampe, logo! Der Keller von Hot Action Records ist da ein besonders schönes Beispiel. Immer wieder tauchen Tonträger auf, bei denen es vor sechs Monaten noch hieß: „Ham' wa nich mehr …“ Naja, vier Augen sehen mehr als zwei! Die meisten Artikel werden beim nächsten Update in die Kaufhaus-Regale gefüllt. Egal, wie viele Exemplare wir bekommen können: Wir nehmen sie, um sie euch zugänglich zu machen! So manches Leckerchen bleibt aber erst mal für eine Weile liegen und wird für ein bestimmtes Update aufgehoben. An dieser Stelle noch mal einen herzlichen Dank an alle „Keller-Kobolde“!

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Wenn die „Keller-Kobolde“ nun eißig den Keller geleert und die Päckchen ausreichend frankiert haben, gehen die Artikel auf Reisen. Zu unserem Bedauern meistens mit DHL … Der Fahrer, der hier eingeteilt ist, scheint ein erotisches Verhältnis zu unserer Klingel aufgebaut zu haben. Der drückt so lange, bis die Tür auf ist! Meine ganz persönliche Theorie: Auf diese Weise war DHL am 11.09.2001 beteiligt. Klingeln bis die Hütte zusammenfällt. Merkt man, dass ich DHL nicht mag? Sobald ich dem freundlichen Fahrer drei XXX hinterlassen habe, ist er endlich weg, und ich kann mich ans Kontrollieren machen. In der Hoffnung, dass alles heile angekommen ist, wird sich ans Zählen gemacht. Das ist nicht ganz unwichtig, da vier Augen immer noch mehr sehen als zwei! Es kann schon mal vorkommen, dass auf einem Lieferschein Posten aufgeführt sind, die aus verschiedensten Gründen gar nicht geliefert wurden. Auch soll es Lang nger unter den Kurierfahrern geben. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Es gibt also ausreichend Gründe dafür, aufmerksam zu sein. Bei größeren Lieferungen springt übrigens auch da meine Frau wieder ein. So manche Lieferung ist für eine Person einfach nur ein Endlosjob. Wie zum Beispiel der Nachdruck und die Lieferung der „DIE PRAWDA # 1“. Wir haben damals 2.500 Hefte nachdrucken lassen, um die Nachfrage jederzeit befriedigen zu können. Prawdas werden in Kartons zu je 40 Stück geliefert. So, Taschenrechner raus, Ergebnis bitte eintragen: ___________

Die vollen Regale im Lager

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72 Die Kartons wollen auch kontrolliert und gezählt, und dann natürlich auch ins Lager gebracht werden! Wir wohnen im Erdgeschoss, das Lager be ndet sich unter dem Dach in der dritten Etage. Sobald eine neue Prawda erscheint, ist der Kaufhaus-Job also für einen Moment gar nicht schön. Da wollen dann etwa 700 Prawdas gleich ganz schnell „umziehen“. Ein Teil als Belegexemplare, ein Teil für Mitglieder, deren Prawdas bei der Post verloren wurden, usw. Der Rest wird in die Kaufhaus-Regale geräumt bzw. hoch ins Lager geschleppt. So, jetzt be nden die Artikel sich also erst mal im Warenlager bzw. in unseren „Verkaufsregalen“ im Wohnzimmer. Jetzt kommt das schon angesprochene Material ins Spiel: eine Auswahl an verschiedenen Versandkartons, Umschlägen und Füllmaterial. Papier, Stifte und Klebeband darf man natürlich auch nicht vergessen. Man merkt also schon, dass mehr dahinter steckt …

DÄOF-KAUFHAUS Besonders beim Klebeband zum Beispiel. Das haben wir extra mit DÄOF-Logo anfertigen lassen! Das Klebeband wurde gerne mal kritisiert, weil es so „auffällig“ ist und ins Auge sticht. Die Gründe dafür sind aber einfach erklärt: Sollte die Lieferung aus irgendwelchen Gründen beschädigt oder geöffnet worden sein, dürfte das direkt beim Empfang der Lieferung auffallen. Ein weiterer Grund war die Eigenschaft des „leisen“ Abrollens (wir verpacken die Bestellungen zum größten Teil am Abend, da kann ein günstiges Klebeband schon mal die Ohren strapazieren). Weitere Gründe sind Werbung und ein absolut cooles Aussehen. Doch bevor es so weit war, hieß es wieder: Anbieter suchen. Wir haben jetzt also die Artikel im Warenlager, das Material ist auch da, was fehlt? Ja, richtig: die Artikelbeschreibung. Die ist in den meisten Fällen relativ ott geschrieben. Und ganz selten auch ge-copy-&-paste-d … Na ja, ich kann ja nicht alles kennen. Die Gra ken sind meistens auch recht schnell zur Hand. Nur bei DÄOF-Zubehör muss unsere interne DÄOF-Gra kFee Jumpie etwas herzaubern. Ist der Text und die Gra k in Ordnung, muss nur noch die Limitierung und die Stückzahl eingestellt werden. Danach wartet der Artikel eigentlich nur noch auf die Bestellung – und wie immer: auf eure Knete! Knete, Zaster, Moos, Steine, Ockens, Penunsen … egal. Bei uns zählt nur der Euro! Die Zahlungseingänge sowie sämtliche E-Mail-Kontakte zu unseren Mitgliedern werden nicht durch mich abgewickelt. Diesen Job haben Jumpie und Dosi aus dem Team inne. Neben dem Zählen, Packen und Kleben könnte ich die E-Mails gar nicht bearbeiten, geschweige denn irgendwas organisieren. Die beiden Damen, liebevoll auch Kaufhaus-Vorzimmerdamen genannt, kontrollieren die

Tausend tolle Sachen

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Kontoauszüge und bearbeiten dann die jeweilige Bestellung. Das ist nicht immer ganz so easy, wie man sich das vorstellt. Man denke an Veröffentlichungen von neuen Platten, wo schon mal mehrere Hundert Zahlungseingänge zu kontrollieren sind! Und dabei muss man ja auch den Überblick behalten, wer welche Summe überwiesen hat. Denn im Unterschied zu den Mitgliedsbeiträgen von 13 Euro variieren die Summen hier natürlich ständig. Auch werden immer wieder Bestellungen zusammengelegt, um Porto zu sparen, oder man möchte doch noch die eine oder andere CD haben. Wie oft klingelt der Paketbote an der Kaufhaustür? Der klingelt verdammt oft. Besonders DHL kann die Finger nicht vom Klingelknopf lassen! An manchen Tagen kommt schon jeder bekannte Paketdienst vorbei. Zum Glück klappt die Kommunikation mit den Anbietern sehr gut, sodass wir den Versand fast schon steuern können. Welche Kuriositäten wurden bisher im Lager von Hot Action Records aufgefunden? Auch da gibt es das eine oder andere. Meist handelt es sich dabei um Singles, von denen man längst glaubte, dass sie ausgestorben, äh … vollkommen ausverkauft seien und man sie nur noch mithilfe bekannter Internet-Auktionshäuser auftreiben kann. Meist nden sich nur fünf bis zehn Exemplare aber auch die nehmen wir gerne! Oft nden sich auch leicht (oder stark …) beschädigte Tonträger, die wir dann verbilligt anbieten können.

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73 Und natürlich müssen auch Stornierungen und Mahnungen bearbeitet werden. Das alles müssen unsere Vorzimmerdamen im Auge behalten, sonst bricht das Chaos aus. Nach dem Bad im Zaster steht dann das Abrufen der E-Mails auf dem Plan. Mich selbst erreichen meist nur E-Mails, in denen es um Reklamationen geht. Leider geht nicht jeder Paketfahrer so liebevoll mit den Bestellungen um, wie man es sich wünscht. Nicht mal mit so schickem Klebeband! Der beste Rat ist eigentlich auch der einfachste: Ist das Paket sichtbar beschädigt, Annahme verweigern. Die Bestellung geht dann an mich zurück. In den meisten Fällen kann ich auch ziemlich schnell Ersatz rausschicken. Habe ich keinen Ersatz hier, muss eben die Bestellung entsprechend geändert werden – so ist das leider. Jetzt haben wir noch nicht ein einziges Paket gepackt und sind schon irgendwie beim Thema Verschicken. Was genau verschicken wir eigentlich alles von hier? Wir selbst verstehen das Kaufhaus eigentlich nicht nur als Kaufhaus, sondern eher als DÄOF-Versandzentrale. Na ja, jedenfalls sowas in der Art … Wir verschicken sämtliche KaufhausBestellungen, Gutscheine und auch die Gewinne, die ihr bei den Prawda- und Online-Gewinnspielen ergattern könnt. Dazu verschicken wir auch bei Erscheinen der Prawda die Belegexemplare an unsere Medienpartner und natürlich an gewisse Managements etc. Regelmäßige Gänge zur Post und das „Porto-Pauken“ sind da natürlich P icht. Ich habe das Glück, eine sehr zufriedenstellende Post-Agentur in der Nähe zu haben. Der Service ist im Gegensatz zur „echten“ Post-Filiale unbezahlbar. Und vor allen Dingen: schnell und stressfrei. Selbst wenn ich mal mit ein paar Sendungen extra auftauche ist dies kein Problem. Wenn ich da an die echte Post liale denke, möchte ich einfach nur weglaufen. Der Knaller war, als Herr Müller (kein Scherz, der heißt so!) die Einlieferungsliste eingescannt hat und dann irgendwie davon überzeugt war, er hätte jetzt 16.339 Sendungen verarbeitet. In Wahrheit hatte ich aber nur 13 Sendungen.

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Das DÄOF-Kaufhaus: ein Familienbetrieb

Tja, Barcode-Scannen ist eine Wissenschaft für sich. Und ein Grund für mich, die „echte“ Post zu meiden. Aber wie sieht denn jetzt der „normale“ Tag im Kaufhaus aus? An einem „normalen“ Tag ist es recht ruhig. Da kontrolliere ich zunächst meine E-Mails, da ja wie geschrieben ohne unsere Vorzimmerdamen gar nichts geht. Wichtige Anmerkungen zu Bestellungen bekomme ich noch mal gesondert per Mail, damit auch nichts schiefgeht. An einem normalen Tag bekomme ich nicht allzu viele E-Mails, sodass ich mich gleich ins Kaufhaus einloggen kann. Als Erstes sehe ich natürlich nach, ob Zahlungseingänge verbucht wurden. Gab es zuvor eine Mailanmerkung, schaue ich mir auch die Bestellungen an. Nachdem ich einen ersten Überblick habe, fange ich an, das Ganze zeitlich zu organisieren. Solange pro Tag nicht mindestens 50 Bestellungen vorliegen, wird's auch nicht unbedingt stressig. Denn wir sind's ja gewohnt. Zunächst muss ich die Bestellungen aussortieren, die nicht mit dem HermesVersand verschickt werden. Das wären z. B. Gutscheine, „Satanische Pferde“CDs oder die Bestellungen unserer Mitglieder im Ausland. Nachdem ich brav sortiert habe, werden die Adressen aus dem Admin-Bereich exportiert,

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um sie anschließend bei Hermes zu importieren. Danach kann ich die Bestellungen endlich zu Papier bringen. Jetzt sehe ich zunächst mal nach, ob ich überhaupt ausreichend Ware und Material da habe. Im Idealfall JA, aber für euch jetzt mal: NEIN. Also ab ins Lager und die fehlenden Dinge besorgen! Da es den Idealfall ja bekanntlich nur selten gibt, vergisst man auch mal was und darf gerne auch zweimal laufen. Und dann natürlich das Material nicht vergessen: Ab in den Keller! Ab und zu kommt es auch vor, dass ich neue Ware bekomme, für die ich noch keine passenden Kartons habe. Die muss ich dann kurzfristig auch noch irgendwie besorgen, was bisher eigentlich auch immer ganz gut geklappt hat. So, Material ist da, die Ware ist da, was nun? Ganz einfach: Kinder ins Bett! Denn wie geschrieben ndet das Ganze in unserem Wohnzimmer statt. Und das ist es auch, bis es Abend wird. Wenn die Kinder im Bett sind, werden die Versandkartons ausgepackt, die Extra-Beilagen zurechtgelegt, und schon geht es los. Im Normalfall sind wir ein bis zwei Stunden beschäftigt. Zunächst werden die Bestellungen zusammengestellt und in die Kartons und Umschläge verpackt. Anschließend kommt die Bestellnummer drauf, damit alles seine Ordnung hat. Dann geht's an die nächste Bestellung.

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DÄOF-KAUFHAUS Sind alle Bestellungen abgearbeitet, werden sie verklebt. Mit dem Klebeband wird nicht unbedingt gespart, da es auch eine gewisse Stabilität gibt. Anschließend werden die Bestellungen nur noch gelagert. Am Donnerstagabend werden dann nur noch die Adressaufkleber gedruckt und auf die Bestellungen geklebt. Dabei muss dann noch darauf geachtet werden, dass die Frankierung stimmt – sonst müsst ihr noch länger auf eure Bestellung warten. Am Freitag wird dann alles abgeholt (bei einer Album-Veröffentlichung oder zu Weihnachten auch gerne öfter). Da kam es dann auch schon zum einen oder anderen verzweifelten Aufschrei des HermesFahrers! Bisher hat alles aber ganz gut geklappt, da kann man sich kaum beschweren. Und wenn's doch einen Grund gibt, wird eben beim Kundendienst angerufen und das Problem gelöst. Kleine Statistik: Mehr als 1,2 Mio. Besucher, über 7.500 bearbeitete Bestellungen, seitdem mehr als 130 verschiedene Artikel, über 4.700 registrierte Kunden. Meistverkaufte Artikel: 01 - die ärzte: „Satanische Pferde“Album-CD - 1.511 Stück 02 - DÄOF - Buttons 3er-Set - 1.449 Stück 03 - die ärzte: „5, 6, 7, 8 Bullenstaat!“Album-CD - 1.368 Stück 04 - DIE PRAWDA - Ausgabe # 1 - 1.100 Stück 05 - DÄOF - Pizzaschneider - 1.100 Stück 06 - die ärzte: „Lied vom Scheitern“Vinyl-Single - 882 Stück 07 - DIE EXTRA-PRAWDA - Ausgabe # 1,666 - 644 Stück 08 - die ärzte: „Junge“-Single-CD - 559 Stück 09 - die ärzte: „Jazz ist anders (Economy)“-Album-CD - 540 Stück 10 - Sampler: „Kein Bock auf Nazis Reloaded“-Video-DVD - 516 Stück

Nachdem der Hermes-Fahrer nun alles abgeholt hat, mache ich mich auf den Weg zur Post. Am Freitag zum letzten Mal in einer normalen Woche. Wenn ich zurück bin, werden die Bestellungen im Kaufhaus-Adminbereich ein letztes Mal bearbeitet und bekommen den Status „Versand erfolgt“. Danach schalte ich das Kaufhaus in meinem Kopf aus und kümmere mich im DÄOF dann ausschließ-

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75 lich um meine Bereiche im Forum oder eben so Sachen wie diesen Bericht hier. Erst am Montag öffne ich wieder die Kaufhaus-Türen. Wobei ihr mir natürlich weiterhin übers Wochenende Bestellungen bescheren dürft! So, einen groben Überblick habt ihr jetzt. Wie der aufmerksame Leser mitbekommen hat, ndet das alles in unserem Familienleben statt. Unsere Kinder CeLina und Leah-Marie (6 und 4, natürlich Mitglieder) sind es mittlerweile gewohnt, dass DHL, UPS und Kollegen mehrmals in der Woche etwas anliefern. Sind es größere Lieferungen, freuen sie sich natürlich über die großen Kartons zum Spielen oder die Luftpolsterfolie (liebevoll „KNACKS“ genannt) zum Zerdrücken und Knallen lassen. So manche Lieferung kann auch praktisch sein, wenn es z. B. ums Zählen lernen geht: „Guck mal Celina, das sind 2.000 CDs. Möchtest du die zählen?“ - „Willst du mich veräppeln? Ich kann nur bis hundert zählen …“ Aber wie bereits erwähnt unterstützt mich meine Frau Tanja beim Zählen schon ernsthafter. Auch was den Rest der Kaufhaus-Arbeit angeht, ist Tanja eine Riesenhilfe. Ohne ihre Unterstützung wäre das alles wahrscheinlich nicht zu schaffen! Aber um das auch noch zu erwähnen: Ohne sie wäre ich gar nicht im Team (Zitat: „Mach es, wenn es dir Spaß macht!“). Insgesamt haben wir uns mit dem Kaufhaus also ziemlich gut arrangiert. Nur ab und an muss sich unser Besuch schon noch wundern, woher denn das alles kommt und wo wir es lagern. Das erkläre ich dann aber nicht mehr, sondern reiche einfach eine Prawda rüber … Damit sind wir auch schon fertig mit dem Kaufhaus-Rundgang. Solltet ihr Lob, Kritik oder eine Idee loswerden wollen, schaut doch mal im DÄOF-Forum vorbei. Dort könnt ihr euch mit euren Fragen direkt ans Kaufhaus-Team wenden. Uwe-Struwe

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LOS HELMSTEDT

„IST DAS NICHT DIESER ÄRZTE-SCHLAGZEUGER?“ Gary Schmalzl und Holly Burnette sind die nicht mehr ganz so neuen Bühnenmitglieder bei Bela B y Los Helmstedt. Wir haben sie für euch in Berlin getroffen und bei strömendem Regen in einem Café einem stetigen Fragestrom ausgesetzt. Trotz Kaffeemaschinen-Krachgenerator und aus Platzgründen rausge ogener Abschweifungen von Vinyl-Tupperware bis hin zu Wohnzimmerkonzerten ist ein interessantes Interview entstanden. Aber lest selbst! Wir fangen mal klassisch an. Wie seid ihr zur Musik gekommen? Habt ihr den Willen eurer Eltern befolgt und was „Vernünftiges“ gelernt, oder habt ihr gleich nach der Schule schon euer Geld mit Musik verdient?

Woher kennt ihr Bela B denn eigentlich ursprünglich? Gary: Ja, äh, ich kenne den. Ist das nicht dieser Ärzte-Schlagzeuger? Ganz netter Typ eigentlich. Holly: Ja? Erzähl! Gary: Ja, daher kenne ich den, der ist halt Schlagzeuger bei den Ärzten, Berliner Band, und weil ich schon lange in Berlin wohne, trifft man den natürlich. Und weil ich total nett bin … Holly: … möchte ich jetzt mal in den Raum gestellt lassen … Gary: … kenne ich den eben. Und wir haben früher auch nebeneinander, so drei Häuser weiter, gewohnt. Da hat man sich ständig gesehen. Holly: Ja, und ich war 1997 mit Mad Sin auf Tour, als Vorband bei GWAR. Da waren wir auch in der Markthalle in Hamburg, und unser Sänger kannte Bela schon länger als ich, so aus Berliner Zeiten noch. Dann war Bela da und wollte uns mal sehen, und so sind wir ins Gespräch gekommen.

Holly: Ich habe zwei Berufe gelernt, Werkzeugmacher und Elektriker. Zwischendurch habe ich immer am Bass versucht, mich etwas zu verbässern (sic!), wie der Name schon sagt. Aber zwischendurch musste man sich immer irgendwie durchschlagen Wie kam es zur ersten musikalimit irgendwelchen Sachen, klar. schen Zusammenarbeit? Wahlweise Gary: Ich bin zur Schule gegangen, habe mit Bela oder mit die ärzte? studiert, Betriebswirtschaftslehre. In dem Moment, wo ich mein Diplom in der Gary: Puh … Das ist schon so lange Hand hatte, habe ich angefangen, meinen her, das weiß ich gar nicht mehr. Lebensunterhalt mit dem Gitarrespielen Holly: Also, ich weiß auch nicht mehr zu verdienen. Das war's, deswegen bin ich … Dieser Tribute-Sampler für TurboDiplom-Betriebswirt, der nie irgendwas negro, der kam vor der „Runter mit als Diplom-Betriebswirt gearbeitet hat. den Spendierhosen, Unsichtbarer!“ raus, oder? Dann war das das Erste. Und das mit dem Gitarrespielen und Gary: Ach, haben wir beide zusammen …? Geldverdienen hat gleich geklappt? Holly: Ja, da haben wir beide zusammen gespielt, stimmt ja! (reicht Gary Gary: Jo. die Hand) Mensch, schön dich wiederHolly: Ich muss dazu sagen, dass ich zusehen! – Na ja, jedenfalls war das nebenbei auch ein kleines Tonstudio bei mir das Erste, dann kam erst die habe, wo ich immer kleine Bands auf„Runter mit den Spendierhosen“. Bei nehme, das kommt noch dazu. Also nicht N 48.3 habe ich Bass gespielt. nur mit Rambazamba auf der Bühne.

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Holly: Über die Platte … Gary: Dazu kann ich was sagen. Holly: Ja, erzähl du erst. Gary: Holly ist zu dieser Band gekommen, weil er der Lieblingsbassist von Bela B ist. Ganz einfach. Der hat ihn als Allerersten gefragt. Holly: Stimmt. Ich hatte ja auf der ersten Platte mitgespielt und konnte dann aber live nicht. Zur letzten Tour hat Bela noch mal angerufen, und da konnte ich dann. Ihr habt ja beide eine recht große musikalische Bandbreite, macht sehr unterschiedliche Projekte. Inwieweit beein usst das eure Arbeit mit Bela B, und inwiefern ießen eure Ideen in Live-Arrangements für die Band ein? Holly: Eine große musikalische Bandbreite hilft schon. Wir haben manchmal 'nen sehr ähnlichen Musikgeschmack, und wenn er dann sagt: „Na, ich stell mir das so vor, oder so.“, dann muss man nicht erst nachgucken was das ist, sondern weiß, was gemeint ist und kann das auch schnell umsetzen. Bei den Ideen ist das unterschiedlich. Irgendjemand hat 'ne Idee, man redet darüber, und dann wird das ausprobiert. Also, manchmal ist das auch schon so, dass ich es mir gar nicht vorstellen kann, dass da zum Beispiel ein Kontrabass live in das Stück passt, dann passt es doch – und umgedreht eben auch. Man redet darüber und probiert wirklich aus, was am besten funktioniert. Gary, es passte live natürlich super, dass du bei „Traumfrau“ mit der Trompete auf der Showtreppe standest, wie kam es dazu? Gary: Na ja, das Lied ist ja auch auf der Platte mit Trompete, dann hab ich das einfach gespielt. Das klang gut, und dann haben wir's gemacht.

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Holly: Das war aber nicht von vornherein klar. Gary: Ja, weil keiner dran gedacht hat, dass ich ja Trompete spielen kann. Holly: Eben! Dann ist das beim Proben so entstanden. Ich fand es lustig. Das war dein Moment in diesem Konzert, dein Moment! (trötet die Traumfrau-Melodie nach) Vor allem hatte ich endlich mal Platz neben mir. Ganz souverän bist du weg, ich habe es manchmal selber nicht gemerkt. „Wo isser denn?“ Gary: Genau, und dann auf einmal war es so weit und zack! Holly: In dem Moment hast du uns allen die Show gestohlen! Gary: Das war schön, das hat Spaß gemacht. Ist schon wieder lange her … Holly: Zu lange schon, deswegen wird's auch Zeit, dass wir mal wieder spielen. Gary: Na ja, und um auf die Frage nach dem Live-Arrangement zurückzukommen, ansonsten machen wir auf der Bühne das, was Olsen sagt. Holly: Der ist sozusagen der musikalische Leiter. Und Belas Rolle, seht ihr den als Kumpel oder als Chef, als Human Boss eben? Holly: Ja, der ist schon der Boss nde ich. Klar. Also, wenn wir im Übungsraum zusammenstehen auf jeden Fall. Gary: Wenn wir im Übungsraum stehen und seine Band sind, dann ist unsere

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Fast forward zum letzten Jahr. Wie kam es dazu, dass ihr zu Belas Liveband dazugeholt wurdet?

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primäre Aufgabe, dass der Mann lacht, dass er sich freut und total glücklich ist mit dem, was wir da machen. Natürlich ist er in dem Moment der Chef, und wir verdienen Geld damit. Aber selbst wenn wir nichts damit verdienen würden, dann würde ich trotzdem sagen: „Das ist mein Freund, und ich möchte, dass er lacht, wenn ich seine Lieder spiele.“ Das ist so bei allen Bands. Ich möchte, dass meine Kollegen sich freuen, wenn ich ihr Zeug spiele - und wenn die Kollegen sich freuen, dann freue ich mich auch. Aber auch, wenn er zu einem Konzert von mir als Zuschauer kommt und ich merke, er freut sich: super. Total cool! Weil er ja, obwohl ich für ihn arbeite, trotzdem mein Freund ist. Primär sogar. Holly: Aber wenn man zusammen arbeitet, ist es ja natürlich trotzdem Arbeit. Dann ist er auf jeden Fall der Boss.

Holly: Achtung Gary, das ist ganz wichtig, was du jetzt sagst. Das kann auf dem nächsten Konzert gegen dich verwendet werden! (alle lachen) Gary: Ich weiß nicht, ob das Publikum mich mag, weil eigentlich bin ich ja der Gitarrist und einer von vielen. Also wen interessiert das, was ich da mache? Holly: Ich kann nur von mir sprechen. Ich war doch angenehm überrascht, dass das so gut lief. Weil ich ja auch weiß, wie das ist. Ich meine, da hat vor mir live ein anderer Bassist gespielt, auch wenn der nicht auf der Platte dabei war. Aber trotzdem ist es ja immer so, dass die Leute sich schon an die Gesichter gewöhnen und man natürlich immer erst mal argwöhnisch begutachtet wird, wenn da jemand Neues auf der Bühne steht. Das kann ich mir schon vorstellen, aber ich war angenehm überrascht, wirklich, ich fand's toll. Ihr habt doch bestimmt trotzdem Gary: Ansonsten bin ich der Meinung, eine lockere Atmosphäre im dass das Publikum auf Bela guckt. Proberaum, oder? Auch wenn du YouTube-Videos guckst oder so, da gucken 99% zu Bela, was Holly: Ja, klar. der gerade macht. Das heißt, für uns Gary: Nicht so locker, wie man sich ist das eigentlich ein super befreites das vielleicht vorstellt. Es ist nicht so, Leben, weil man coole Musik spielen dass wir da sagen: „Ja, singen wir mal kann unter super Bedingungen. ein paar Lieder und dann spielen wir Holly: Aber ich glaube, auch wenn das mal das Stück und dann ist alles toll.“ Hauptaugenmerk auf ihm liegt, ist es Holly: Echt, ist es nicht? Dann war ja trotzdem so, dass das Drumherum ich aber bei einer anderen Band … irgendwie wahrgenommen wird. Wenn Gary: Nee, das ist nicht so. Das ist schon das jetzt nicht stimmen würde oder wirklich hochkonzentriert, was da passiert. so, dann würde das Gesamturteil Holly: Klar, aber da geht man ja von eben doch schlechter ausfallen. aus, wenn man zusammen arbeitet, dass Gary: Ja, aber das ist wie so oft: man sich da konzentriert, oder? Ich nde Wenn's schlecht ist, wird's bemängelt, „lockere Atmosphäre“ ist schon, wenn wenn's gut ist, fällt es keinem auf. einfach Respekt auf beiden Seiten da ist. Wenn man ganz normal über Sachen Klar, bei Bela ist die Show ja immer reden kann, dann ist das für mich locker. ein sehr wichtiges Element, er Locker heißt für mich nicht zwölf Stunden scheint schon sehr darauf zu achten, Probe und davon sechs auf der Couch dass das Gesamtbild stimmig ist, ob hocken und rauchen, das mein ich nicht es nun um Kostüme, Showtreppen damit. Angespannt wäre, wenn einer oder einen gewissen Humor auf der dauernd sagen würde: „Das ist scheiße, Bühne geht. Was das angeht, seid was du spielst, und du machst jetzt ihr als Live-Musiker natürlich schon genau das, was ich will, und wenn du elementar wichtig für sein Konzept. was sagst, dann ist mir das kack egal!“. Gary: Das ist sowieso was, was Und live, wie habt ihr das empfunden, der Chef, also Bela, richtig verwie hat das Publikum euch angestanden hat, was ganz viele andere nommen? Künstler nicht verstehen.

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Das ist jetzt nicht auf Farin oder so gemünzt, überhaupt nicht, aber auf viele andere. Da ist es oft so, dass die versuchen, die Band klein zu halten, um selber größer zu wirken. Aber das ist genau falsch, wenn du die Band groß machst und denen Raum und Platz gibst und denen vertraust, dann wirkst du selber viel größer und viel besser, als wenn du immer mit: „Nee, ich will das nicht und ich will das nicht!“, ankommst. Holly: „Du bleibst genau da stehen, und du bleibst da stehen.“ Gary: Genau, und das wirkt dann eher erbärmlich. Gerade in der Chansonszene, in der ich ja auch tätig bin, kannst du dir mal verheerende Auswirkungen dessen angucken, wo die Band gar nicht mehr zu sehen ist und die da vorne alleine rumhampeln und du denkst dir nur: „Was soll denn das jetzt?“ Und das hat Bela natürlich gar nicht, sondern er stellt sich hin und holt sich Leute, die selber was hermachen. Da legt er auch Wert drauf, der wird keinen einstellen, der nur wartet, bis er wieder anruft, sondern er sucht sich Leute, die selber was machen, die auch auf anderen Ebenen präsent sind. Und ja, dann wirkt das auch anders.

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Und negative Erfahrungen mit den Fans, gab es die auch mal? Gary: Na ja … Im Forum (von Bela-B.de, Anm. d. Red.) stand irgendwann mal: „Dieser Gary, der ist ein totales Arschloch!“ Andere haben dann geantwortet, dass er das doch gar nicht wissen könne, und dieser Typ hat dann geschrieben: „Doch, der ist ein Arschloch, der ist so selbstsicher auf der Bühne, das kotzt mich an.“ Und das hab ich dann natürlich nicht verstanden, weil ich erst ungefähr zwei Wochen vor der Tour angerufen worden bin, ob ich das machen kann. Ich hab dann da tierisch und wochenlang, 12 bis 13 Stunden am Tag, die Songs gelernt, mich richtig gut vorbereitet. Alle waren zufrieden, und ich stell mich auf die Bühne, natürlich mit dem Hintergrund: „Ich hab da viel Arbeit reingesteckt; ich kann das alles.“ Dann bin ich natürlich auch sicher und freu mich total, dass ich da stehe und spiele und der Sound steht. Dann ndet einer, dass ich ein totales Arschloch sei, weil ich selbstsicher bin? Versteh ich nicht. Holly: Eben. Was will er denn sehen, jemanden, der ängstlich da steht und sich tausend Mal für jede Kleinigkeit bedankt?

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80 Trifft dich so was, Gary, oder hast du ein dickes Fell und steckst das weg? Gary: Ich hab mich ehrlich gesagt gar nicht so geärgert, die anderen hat das mehr geärgert. Holly: Ich fand das scheiße. Ich fand die Aussage total ätzend. Gary: Holly hat sich ziemlich aufgeregt, Danny auch. „Wieso, du bist doch gar kein Arschloch, das weiß der doch gar nicht.“ Holly: Wenn man da mal ins Gästebuch guckt … Viele schreiben auch Kommentare, um ins Wespennest zu stechen und mal zu gucken was passiert, wie wir darauf reagieren. Bela macht euch als „Los Helmstedt“ ja auch durchaus bewusst dem Publikum präsent. „Das ist meine Band, die sind toll.“ Holly, wie mit deinen 20 Sekunden: „Keiner versteht mich, Alter!“. Wo kam denn das eigentlich her? Holly: (lacht) Das war aber Zufall gewesen. Wir haben den Song geprobt, dann kam diese Stelle, und ich hab das einfach nur aus Spaß reingerufen. Die haben sich alle weggeschmissen, und

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LOS HELMSTEDT ich wusste gar nicht warum. „Das musst du live auch machen!“, und so kam das halt. Das war schon spannend, ich wusste ja nie, was dann mit mir passiert in dem Moment, was er sich jetzt wieder ausdenkt. Ich bin dann immer angstvoll ans Mikrofon getreten, mit so einem „Oh je, was passiert jetzt?“ im Hinterkopf. Aber es war schon sehr lustig. Gibt es etwas, das ihr auf Tour mit Los Helmstedt und auf der Bühne gerne ändern würdet? Holly: Nichts, nde ich. Ich fand es super, war echt traurig, als die Tour zu Ende war. Gibt es eine lustige Anekdote aus dem Tourleben, die die letzte Tour unvergesslich macht? Holly: Ich fand die ganze Tour lustig, war immer witzig. Die Abende im Bus, die Konzerte, danach, die Off-Days waren lustig. Natürlich nicht immer, man ist auch mal ruhiger und so, aber ich fand alles gut. Gary: 'ne besonders tolle Anekdote … Was haben wir denn angestellt? Holly: Also, was mir wirklich, weil es auch noch der Tourabschluss war, extrem in Erinnerung geblieben ist, ist, dass ich auf jeder Show den Moonwalk gemacht habe, und es hat immer geklappt. Ausgerechnet in Berlin, bei der letzten Show, da muss ich auf deine (Garys) Tretmine treten und mich fast dabei hinlegen. Das ist die ganze Zeit nie passiert, ich hab immer aufgepasst, und da in Berlin hab ich dann einfach mal die Entfernung unterschätzt. In dem Moment macht man sich vor ganz vielen Leuten dann völlig zum Deppen. Aber lustige Anekdoten gab's viele, und es war einfach nett – aber es gab jetzt nicht die Anekdote, wo man sagen kann: „Wow, Anekdote!“ Da müsste ich jetzt mal länger drüber nachdenken. Gary: OSS117. (Holly lacht). Wir haben so 'nen Film geguckt im Tourbus, OSS117. Das war so lustig … Holly: Das war auf dem Weg nach Berlin. So 'ne französische JamesBond-Verarsche. Gary: Ich kannte das vorher nicht, aber Bela kann dazu diesen Typen nachmachen, wir haben uns weggepackt vor Lachen.

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Auch wegen seiner schauspielerischen Ausbildung, der hatte das genau drauf, genau so zu lachen wie dieser Typ. Holly: Das ist halt Situationskomik, kann man gar nicht so gut erzählen. Gary: Aber das Beste an der Tour waren eigentlich wirklich Momente, das merkt man als Publikum vielleicht gar nicht, wo es plötzlich wirklich superintensiv wurde. Das hat man immer in Bands, die gut zusammenspielen: Alle machen, und auf einmal merkt man, dass in dem Moment einfach alles passt und alle genau das Richtige zum richtigen Zeitpunkt spielen. Holly: Für mich ist es eigentlich viel wichtiger zu sagen, dass das ganze Grundgefühl, die ganze Tour vom Gefühl her sehr stimmig und sehr schön war. Es gab nicht nur den Moment, wo ich jetzt sage: „Mensch, da hab ich mich aber weggeschmissen, und den Rest der Zeit hab ich mich gelangweilt.“ Sondern es war eben immer witzig, immer entspannt. Klar gibt's auch mal Diskussionen oder so, klar, ist ja normal, aber insgesamt gesehen war es eben alles toll, fand ich. Im Vordergrund steht wirklich, dass die Show gut wird, dass sich jeder wohl fühlt, das ist das Allerwichtigste. Ich nde, da ist man auch für jeden verantwortlich als Band, dass man sich auch um jeden kümmert. Dass man auch merkt, wenn's mal wem nicht gut geht und dann auch nachfragt. Das ist auch passiert, das nd ich gut. Gary: Deswegen musstest du das auch auf der Bühne immer machen … „Keiner versteht mich, Alter!“ – Nee, war nur'n Spaß. Holly: Wenn's die gedruckte Version von dem Interview gibt, wird da bei mir wahrscheinlich immer nur KRRRRKNNNNRRRRTTT stehen … „Siehste, Holly hat keiner verstanden. Es war leider nicht möglich, mit Holly ein vernünftiges Interview zu führen, weil keiner ihn verstanden hat.“ (alle lachen)

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Gary: Nee, das war eigentlich das Beste. Dass klar war, dass es um das Zusammenspielen und das Musikmachen geht. Ich muss auch sagen, dass dieser Moment, in dem Bela die Bühne betritt, jedes Mal wieder toll war. Da stehst du auf der Bühne – wir spielen ja vorher schon – dann kommt der Chef raus und der hat dermaßen Präsenz, dass, sowie er dann da steht, alles anders ist. Das war immer richtig toll, und das hast du nicht mit allen Künstlern, mit denen du so arbeitest. Auch wenn's ihm mal nicht gut ging oder irgendwas war, er hatte diese Ausstrahlung, und er konnte das auf der Bühne auch immer umsetzen. Hat echt Spaß gemacht dann.

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Stichwort Tourdaten, wie macht ihr das? Ihr habt auch noch andere Projekte, wie geht ihr mit eventuell entstehenden Terminkon ikten um? Gary: Im Prinzip ist die Priorität so, dass wer zuerst bei mir anfragt den Zuschlag bekommt. Man kann sich ja nicht drauf verlassen, dass da noch jemand anderes kommt. Wenn's denn schwierig wird, dann zählt leider Gottes unter Umständen eben die Gage. Ich war im Herbst für Cora Frost gebucht, so für fünf Shows oder so, die sich dann mit der Bela-B-Tour überschnitten haben. Und dann hätte ich da fünf Shows gehabt und mit Bela eben 20 oder 25. Da musste ich schweren Herzens Cora anrufen und sagen: „Du, tut mir leid, das ist einfach so viel mehr Kohle, ich kann das nicht ablehnen.“ Mir hat das Herz geblutet, weil das für sie total scheiße war, das ist ja nicht nur: „Ja, da muss ich mir jemand anderen suchen.“, sondern das ist ja auch eine persönliche Demütigung, da sagt der einfach ab und geht woanders hin. Das ist unromantisch, aber so ist das nun mal. Holly: Ich habe es bei mir schon so gehalten, dass ich meiner Band von vornherein gesagt habe: „Okay, passt auf, wenn ich mit Bela unterwegs bin, dann ziehe ich das durch. Das ist ja auch nicht über das ganze Jahr, sondern ein gewisser Zeitraum. Ich bin dann weg, denkt euch was aus.“ Gary: Es ist auf jeden Fall nicht so, dass man sagt: „Oh, den Künstler hab ich lieber als den anderen.“ und dann regelt man alles danach, nee, so ist das nicht. Und eine schöne Nebensache zum Schluss. Heute ist hier in Berlin Pokal nale: Bayern oder Bremen, Bremen oder Bayern? Gary: Ganz klar Bayern. Holly: So wie ich's einschätze oder was ich mir wünsche? Was du dir wünschst.

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Holly: Was ich mir wünsche? Da enthalte ich mich der Stimme jetzt mal. Gary: Weil es dir einfach scheißegal ist, oder? Holly: Mir ist das scheißegal, ja. Du bist Hertha-Fan, oder? Holly: Ich lebe in Berlin, so ein bisschen Lokalpatriotismus ist schon mit dabei, ja klar. Gibt schon einige Vereine, wo ich mal gucke und mich natürlich freue. Pauli und so. Gary: Olsen ist Hertha-Fan. Icke natürlich auch. Warum wohne ich hier? Weil ich hier wohnen will, und der Westberliner Fußballverein – als ich hergezogen bin, war's ja noch Westberlin – ist nun mal Hertha BSC. Ich wohne hier, also ist das mein Fußballverein. Ich bin in Bayern geboren, also ist Bayern München auch mein Fußballverein. Das sind doch schöne Abschlussworte. Holly, Gary, vielen Dank für das Gespräch und dass ihr euch die Zeit dafür genommen habt. Eline und Kleine Rocksau

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„JEDE GITARRE IST EIN AUSHÄNGESCHILD VON MIR“ Seit 20 Jahren schon steht der Name Cyan-Gitarren für außergewöhnliche Gitarren. Nicht nur die ärzte vertrauen dabei bereits seit Jahren auf die Künste von Gitarrenbauer Thomas Harm. Wir haben uns mit dem CyanChef unterhalten und beleuchten die Vergangenheit der Firma Cyan, wagen einen Blick in die Zukunft und erforschen, was denn überhaupt das Besondere an einer Cyan-Gitarre ist. Thomas Harm startete seine Gitarrenbauerkarriere im zarten Alter von gerade mal 13 Jahren. Der Auslöser: Er brauchte dringend einen Bass! „Ich wollte unbedingt Bass spielen und habe keinen auf dem Flohmarkt gefunden. Meine anderen beiden Kumpels hatten schon ihre Instrumente.“ Der Entschluss, sich den Bass selbst zu basteln, war schnell gefasst. Bei der Umsetzung selbst musste allerdings ein wenig improvisiert werden: Als Vorlage diente ein Foto aus der BRAVO, und den Korpus sägte Thomas aus einem alten Regalbrett seines Vaters. „Ich glaube, ich habe fünf Tage im Keller gesessen und dieses Ding mit der Laubsäge ausgeschnitten.“, erzählt er. Das Resultat war eine ganz gruselige FenderJazzbass-ähnliche Sache, aus der aber zum Schluss dann auch ein paar Töne rauskamen – obwohl der Bass weder ein vernünftiges Griffbrett noch brauchbare Saiten hatte. Aber für die ersten musikalischen Gehversuche reichte der Bass durchaus aus: „Wir haben in der Garage von meinem Vater mit ganz einfachem Deutschpunk angefangen – ohne Texte, ohne gute Instrumente und wirklich gute Stimmung. Irgendwann haben sie uns dann rausgeschmissen, da wir schon ein halbes Schlagzeug und zwei Röhrenradios zusammenhatten und es doch schon sehr laut wurde.“ Zu bewundern ist Thomas' erster selbstgebauter Bass heute aber leider nicht mehr, obwohl sich das gute Stück sicher vortref ich

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in einem beleuchteten Glaskasten in seiner Gitarrenwerkstatt machen würde. Irgendwann schmiss sein Vater den Bass weg – mit Einwilligung von Thomas, wie dieser zerknirscht gesteht. Die musikalische Karriere von Thomas ging indes weiter. Neben deutschen Vorbildern wie Slime oder den Buttocks aus Hamburg wurde Thomas mehr und mehr von internationalen Bands wie den Dead Kennedys oder den UK Subs beein usst. Denen verdankte er 1984 auch seine erste Gitarre – natürlich selbst gebaut! Dabei handelte es sich um einen SG-Nachbau, der an die Gitarre des Gitarristen der UK Subs angelehnt war. Diese Gitarre spielte Thomas viele Jahre in diversen Bands, auch wenn er selbst sagt, dass man bei ihm wohl kaum von „musikalischer Karriere“ sprechen kann: „Aus der ersten Band bin ich ausgestiegen, sobald der erste Übungsraum da war. Bei der nächsten Band wollte ich unbedingt Gitarre spielen, musste aber Bass spielen, weil es schon genug Gitarristen gab.

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Ich bin dann da ausgestiegen und habe mir meine erste Gitarre gekauft. Das war ein gruseliger Les-Paul-Nachbau, den ich dann später an Rodrigo verkauft habe und der auch seine erste E-Gitarre wurde. Die hängt heute noch bei ihm im Büro.“ Wie

ndest du Rods Engagement bei Abwärts?

Super. Wenn er bereit ist, sich das noch zu geben, dann zeigt das, dass er es wirklich machen möchte. Das ist natürlich richtig back to the roots. Abwärts sind auch eine der Bands, die Rod und ich früher immer gehört haben. Von daher nde ich das schön, dass er den Kahn da wieder ottgemacht hat! Auch wenn es Abwärts sicher keinen Riesenpush geben wird, da die Altpunks, die früher Abwärts gehört haben, eher selten noch aus ihrem Wohnzimmer herauskommen. Wie fandest du Depp Jones? Großartig, aber da war ich wohl auch leider einer der wenigen. Die Instrumentalnummern, die Rodrigo und Olli (Anm. d. Red.: Olli Kobold, der Schlagzeuger von Depp Jones) da zusammengebaut haben, waren für mich zu dem Zeitpunkt die beste Musik, die ich mir vorstellen konnte. Ich hatte sogar nachher einen Deal mit Rodrigo, indem ich ihm und Olli geholfen habe, ihr Studio auszubauen, und dafür immer die neuen Stücke zu hören bekommen habe.

Thomas und Rod sind alte Freunde. Thomas war damals mit Rods Schwester Claudia zusammen. Irgendwann hat Rod Thomas dann seine Gitarre abgekauft, und etwas später ngen die beiden an, zusammen Musik zu machen. Ihre erste gemeinsame Band war Massaker, die auch auf dem „Waterkant Hits“-Sampler vertreten ist, den ihr bei uns im Kaufhaus erwerben könnt. „Anschließend habe ich mit Rodrigo noch drei weitere Bands gehabt, einmal die Erben, Ramsch und kurz vor den Rainbirds dann noch Doric Tacet. Letzteres war bis dato das musikalisch Hochwertigste, was ich gemacht habe!“, berichtet er. Kurz darauf stieß Rod direkt aus dem Übungsraum zu den Rainbirds. Als „Vertretung“ ließ er bei Doric Tacet seinen Drumcomputer da, mit der Bemerkung, dass man sich ja bald wieder sehen würde – was sich dann aber anders entwickeln sollte, wir kennen ja die Geschichte … Der Freundschaft von Thomas und Rod konnte dies jedoch nichts anhaben, und Jahre später kam Rod zusammen mit Farin und Bela in Thomas'

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Werkstatt vorbei und stellte Thomas die beiden mit einem trockenen: „Schönen guten Tag, das ist meine neue Band!“ vor. Das war kurz vor der ersten Ärzte-Tour nach der Reunion, und so lernte Thomas die ärzte kennen, die er bis zu diesem Zeitpunkt nie gehört hatte, wie er zugibt. Aber zuerst noch mal einen kleinen Schritt zurück. Während Thomas seine Freizeit in diversen Bands verbrachte, absolvierte er eine Tischlerlehre bei einem Fensterbauer. „Da habe ich aber eher die Grundkenntnisse gelernt. So viel habe ich da nicht mitgenommen.“ Schon während der Lehrzeit baute er zwei Gitarren, eine davon für seinen damaligen Gitarrenlehrer. Dafür war es natürlich sehr praktisch, dass er auf die vorhandenen Maschinen wie Bandschleifer zurückgreifen konnte: „Wenn man bedenkt, dass ich aus einem Keller mit Feile und Raspel kam, war das schon ein Quantensprung.“ Irgendwann ging Thomas dann mit einem selbstgebauten Bass in den Musik-Markt Hamburg, um herauszu nden, ob es für so was einen Markt gibt. Und wie das Leben so spielt, angelte er sich gleich den Auftrag, für die Firma Frame ein paar GitarrenBodys zu bauen! Das lief super, und kurz darauf kündigte Thomas seinen Job als Tischler und stieg zunächst bei Frame ein – schon ein halbes Jahr später machte er sich dann aber mit seiner neuen Firma Cyan selbstständig. Die Idee hinter Cyan ist eigentlich recht simpel: „Individuelle handgebaute Gitarren. Ich mache wirklich alles selber bis hin zu den Metallteilen. Da steckt einfach die Liebe zum Detail drin, und ich versuche, keine Billigprodukte zu verwenden. Es geht mir darum, ein Produkt zu schaffen, das mit Sorgfalt, Liebe und aus besten Materialien hergestellt ist.“ Thomas entwarf und baute damals also erstmals seine ganz eigenen Gitarrenmodelle und stellte sie auf der Frankfurter Musikmesse aus. Die erste Vivien-Gitarre, die Thomas je gebaut hat, ging an Rod: „Die haben wir ihm mal zum Geburtstag geschenkt. Da haben seine Eltern das Material und ich die Stunden bezahlt. 1992 hat er auch mal auf der Musikmesse für mich vorgespielt, da war er gerade mit Depp Jones unterwegs. Danach habe ich ihm dann eine weitere Vivien geschenkt.“

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CYAN -GITARREN Aber das war nicht die einzige Gitarre, die Thomas für Rod baute: „Ich habe ihm mal für Studioaufnahmen mit Depp Jones den Cyan-Blut-Bass gebaut, da er keinen eigenen Bass hatte. Den Bass hat er dann auch zu seinen Anfangszeiten mit die ärzte gespielt. Da hielt sich dann in Ärzte-Fankreisen auch das Gerücht, dass der mit echtem Ochsenblut eingefärbt ist … Das macht das Ganze natürlich noch spannender und zorniger.“ Natürlich war das nicht der Fall – aber Gerüchte schüren nun einmal den Kult! Von dem Blut-Bass gab es später auch noch mal einen Nachbau sowie eine mattschwarz überlackierte Version zur „13“-Tour, weil damals auf der Bühne alles schwarz sein sollte.

85 Seine Anlage dort war richtig lecker!“ Noch bekannter als Rods Cyan-Gitarren sind aber natürlich die Sonderanfertigungen für Farin Urlaub, nicht zuletzt aufgrund Farins Signature-Gitarre. Die erste Gitarre, die Thomas für Farin baute, war die Black Hawk. Sie wurde dann später quasi der Prototyp für die FU-Signature-Gitarre, wobei die Hawk aber schwerer, größer und unhandlicher als die Signature-Gitarre ist – und auch längst nicht so hochwertig verarbeitet.

Nach der Black Hawk folgte die Red Hawk, die White Hawk und schließlich die Two Tone. Letztere stellte für Thomas die größte Herausforderung bei all den Anfertigungen für die ärzte dar: „Farin wollte unbedingt wieder eine dicke Gitarre haben, Hast du eine klare Lieblingsgitarre? da habe ich ihm die Two Tone aus einem acht Zentimeter dicken Holzklotz herausNein, da gibt es keinen klaren Favoriten. Ich habe mir gefräst. Da war ich mit dem Fräsen gut jetzt nach der Musikmesse in Frankfurt eine Gitarre eine Woche beschäftigt, und letztlich ist geschenkt, das ist die Raven. Es ist eine BaritonGitarre. Sie ist tiefer gestimmt als andere Gitarren sie 9,5 cm dick geworden. Zum Vergleich: und ist nach meinem Geschmack schon sehr lecker. Die FU-Signature ist ca. vier Zentimeter Durch den Bau der FU-Signature bin ich auch wieder dick.“ Die Two Tone ist u. a. im Video zu zum Gitarrespielen gekommen. „Rebell“ zu sehen und war die schwierigste Gitarre vom Bau her. Farin merkte aber später, dass die Gitarre nicht so bequem Für Rodrigo baute Thomas auch viel im zum Spielen auf der Bühne war, da sie Studio auf oder machte Innenausbau aufgrund ihrer Dicke eine andere Spielund Akustikverkleidung. „Das mache weise erfordert, wie er sie noch von früich immer gerne mit ihm, denn dann schnacken wir immer über alte Zeiten und her, von den Gretsch-Gitarren her, kannte. „Mittlerweile hat er sich aber durch die hören wilde Musik.“ Thomas bewundert Rodrigo für sein Gitarrenspiel: „Rodrigo ist Signature an den bequemen Rockalltag gewöhnt, und die Two Tone erfordert für mich einer der besten Gitarristen, die schon wieder ein bisschen Frickelei, was ich kenne. Ihn Gitarre spielen zu sehen die Spieltechnik betrifft.“, grinst Thomas. bzw. zu hören ist für mich immer wieder Zusätzlich zu den „normalen“ Gitarren ein Genuss. Rodrigo hat auch meinen kam insbesondere Farin natürlich immer persönlichen Lieblingsgitarrensound für wieder mit skurrilen Sonderwünschen an, immer kreiert: Das war beim allerletzten wie die Tennisschläger- oder Syltgitarre. Depp-Jones-Gig im westfälischen Hünxe, „Beim Tennisschläger hat Farin mich mal da haben sie in irgendeinem Jugendzentrum gespielt, und das war der Oberknaller. angerufen und gefragt: 'Tom, du hast

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sicher früher auch mal mit einem Tennisschläger als Gitarre vor dem Spiegel gestanden, oder? Hast du Lust, das zu bauen?'“ Natürlich hatte Thomas Lust – gesagt, getan, geliefert! Die Idee zu Sylt-Gitarre und -Bass ist irgendwo backstage entstanden. Mit 1,75 Metern ist der Sylt-Bass übrigens die längste Gitarre, die Thomas je gebaut hat: „Da hat Farin Glück gehabt, dass er die Rückbank in seinem Auto umklappen konnte, als er sie damals abgeholt hat. Sonst hätte er gleich wieder fahren können!“. Die Sonderanfertigungen zeigt Thomas den Auftraggebern übrigens nie im Zwischenstadium, sondern erst, wenn die Gitarren fertig sind. Das „Kernstück“ unter den Gitarren, die Thomas für Farin gebaut hat, ist aber natürlich die Farin-Urlaub-Signature-Gitarre. Sie ist das Ergebnis aus zahlreichen Modikationen, die Thomas an der Black Hawk vorgenommen hat. Die Gitarre ist in Thomas' Augen perfekt – ihm fällt nichts mehr ein, was er daran noch verbessern könnte. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass so viele von den Gitarren weggehen würden. Ich kann mich noch erinnern, als ich Farin das erste Exemplar der Signature unter die Nase gehalten habe, da meinte er noch: 'Ich habe schon so viele Gitarren. Verkaufe sie erst mal, um etwas Geld reinzukriegen.' Als er sie dann doch beim Soundcheck gespielt hatte, kam er grinsend von der Bühne herunter und meinte: 'Äh, das ist meine, oder?'“ Von den 99 Exemplaren der SignatureGitarre (die Limitierung wurde von Farin vorgegeben) wurden bisher schon 54 gebaut. Der Preis für die Signature liegt bei stolzen 3.950 Euro. Dafür bekommt man aber auch ein sehr besonderes Instrument, das eigentlich noch mehr wert wäre: „Ich lasse die

FU-Signature aber extra bei diesem Preis, da ich den Fans auch noch die Möglichkeit geben will, diese Gitarre kaufen zu können. Das war auch ein Wunsch von Farin.“ Bisher hat sich noch niemand über das Preis-Leistungs-Verhältnis beschwert. Alle, die eine haben, sind offenbar sehr zufrieden damit, auch wenn teilweise vor dem Kauf Eltern auf Thomas zukommen: „Sie wollen meinem Kind 4.000 Euro für ein Stück Holz abnehmen? Das würde ich mir gerne mal anschauen.“ Bekommst du auch von Fans Wünsche nach individuellen Gitarren? Da gab's schon mal die ein oder andere Anfrage, gebaut habe ich aber so gut wie keine. Es kommt häu g bei der FU-Signature vor, dass es individuelle Wünsche gibt und die Besteller z. B. etwas anderes als den Totenkopf haben wollen.

Bisher konnte Thomas aber alle besorgten Eltern schnell überzeugen, dass es eine korrekt ausgeführte Arbeit mit viel Liebe zum Detail ist und deswegen ihren Preis hat. „Beim nächsten Mal bringt der Vater dann eine Flasche Wein mit. Ich würde an deren Stelle auch so reagieren, wenn ich nicht diesen Hintergrund hätte.“, meint Thomas. Die Herstellung einer FU-SignatureGitarre nimmt im Mittel ungefähr 60 bis 80 Arbeitsstunden in Anspruch - manchmal auch länger. Die Fertigungszeit beträgt dabei meist zwischen vier und sieben Monaten, je nachdem, wie weit Thomas schon vorgearbeitet hat. Die Hälse sind z. B. schon vorgeleimt, da sie erst mal eine Zeit lagern müssen. Dennoch hält sich die Wartezeit auf eine FU-Signature derzeit in Grenzen: „Am schlimmsten war die Anfangszeit, da stand ich plötzlich ohne Lackierer da, musste sechs Monate lang auf die Lieferung der Griffbretter warten,

Übergabe der ersten Signature-Gitarre

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und zu allem Über uss ist noch der Mensch, der die Tremolos gebaut hat, gestorben. Bei den ersten zehn Bestellern gab es eine ganz üble Wartezeit. Während dieser Wartezeit habe ich auch angefangen, den Bau zu dokumentieren, um den Bestellern den aktuellen Status zu zeigen. Das kann man heute im 'Making Of' auf meiner Website sehen.“ Mittlerweile liegt die Wartezeit auf eine FU-Signature-Gitarre aber meist unter der von Cyan angegebenen Lieferzeit – wobei einige Besteller die Lieferzeit auch nutzen, um nach der Anzahlung weiter auf die Gitarre zu sparen. Derzeit bekommt Thomas seltener Aufträge von die ärzte für neue Gitarren. Es kommt schon mal vor, dass einzelne Gitarren zur Überholung vorbeigebracht werden oder Thomas vor Tourneen noch einmal alle Gitarren durchcheckt. Der letzte Auftrag von Farin für Cyan war es, die leichteste Gitarre zu bauen, die Thomas jemals gebaut hat. „Daraus ist dann die Devileye entstanden. Die war dann aber so leicht, dass sie unten rum zu wenig Druck hatte. Dann habe ich sie noch mal mit etwas mehr Gewicht gebaut, und die hat Farin dann auch eigentlich die komplette letzte Tour über gespielt, da er wohl mal Pause von der Black Hawk brauchte, denn die ist wirklich sehr mächtig. Wenn man die drei Stunden am Abend auf einer großen Tour spielt und dann auch noch mal später mit FURT auf Tour geht, dann kann die schon sehr auf den Rücken gehen.“ Wie viel genau die Black Hawk wiegt, weiß Thomas allerdings nicht. Ziemlich sicher über fünf Kilo – „Ich wiege aber meine Gitarren nicht, denn wenn man fetten Sound haben will, muss die Gitarre auch ein bisschen was wiegen.“ Die FU-Signature-Gitarre z. B. besteht aus Esche mit Ahorn und Vogelaugenahorn als Hals. Das sind schwere perkussive Hölzer, die wesentlich für den Sound der Gitarre verantwortlich sind. Laut Thomas ist das Gewicht bei der FU-Signature auf jeden Fall tragbar für das, was da rauskommt: „Eine alte Les Paul wiegt mindestens genau so viel!“ Die Devileye, die Farin zuletzt auf seinen Shows gespielt hat, liegt preislich bei

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Thomas' Werkstatt

4.666 Euro. Das ist natürlich ein stolzer Preis, der aber durch die hohe Qualität und die Herstellungsweise mehr als gerechtfertigt wird. Die Klangqualität der Gitarren ist Thomas sehr wichtig: „Egal, wie ausgefallen ein Wunsch ist, die Gitarre muss auch nach etwas klingen. Jede Gitarre ist schließlich ein Aushängeschild von mir.“ Bei der Tennisschlägergitarre z. B. ging es natürlich mehr um den Gag, und doch klang sie erstaunlicherweise sogar noch gut. Für ganz besondere Gitarren wie z. B. die Sylt-Gitarre müssen die Koffer sicher gesondert angefertigt werden. Machst du das auch? Nein, da habe ich einen Casebauer an der Hand, der mir das macht. Das lohnt sich nicht für mich. Ich habe da auch keine passenden Werkzeuge für, und es wäre wirklich Zeitverschwendung für mich.

Thomas arbeitet alleine in seiner kleinen Werkstatt: „Ich habe eine knapp 100 m² große Werkstatt mit einem kleinen Küchenbereich, kleinem Klo, kleinem Büro, das jetzt noch kleiner wird, weil ich es mit der Lackierkabine austausche, um eine größere Lackierkabine zu haben. Dann habe ich einen großen Werkstattraum, wo die Maschinen stehen und ich meinen Arbeitsbereich habe. Zu zweit hier zu arbeiten wäre aber schon schwierig. Es ist noch Ausbaureserve da, aber für mich reicht das erst mal so.“ Es ist nicht Thomas' Ding, die Produktion

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CYAN -GITARREN

zu industrialisieren und alles in fremde Hände zu geben, was natürlich bedeutet, dass es bei Cyan auch in Zukunft keine billigeren Gitarren zu kaufen geben wird. „Es müssen handgebaute Instrumente sein, von denen ich selber immer wieder begeistert bin, denn jedes Instrument stammt aus einem Baumstamm. Für billigere Gitarren müsste ich vorlackierte Hälse oder andere Teile fremd besorgen, um die Kosten zu drücken – und dann ist es keine Cyan-Gitarre mehr. Es ist für den Kunden dann auch kein Mehrwert.“ Cyan-Gitarren wird es demnach nie als Massenprodukte geben, hofft Thomas. Zurzeit versucht Thomas, sich mit Cyan international aufzustellen. Dafür geht er auch aktiv auf Künstler zu: „Bei Mastodon z. B. bin ich einfach mit drei Gigbags zur Show hingegangen und bin dann über die Gitarrenroadies an die Band rangekommen. Die haben die Instrumente dann gespielt und sich verliebt. Das ist natürlich der Optimalfall. Aus dieser Zusammenarbeit sind dann die Hellcaster und Hellboy entstanden, die aktuell auch mit Mastodon unterwegs sind und die, glaube ich, auch das größte Potenzial haben, zum Klassiker zu werden. Da hängt im Moment mein Herz dran!“ Über die Zusammenarbeit mit Mastodon hofft Thomas, dass sich für ihn vielleicht die eine oder andere Tür öffnet. Mastodon sind in Deutschland zwar noch nicht sehr bekannt, dafür aber in den Staaten sehr populär. Sie touren dort mit Slayer und Metallica, und der Nicht nur die ärzte spielen Cyan-Gitarren. Auch Helmstedt Gary Schmalzl schwört auf die Gitarren aus der Cyan-Werkstatt! Wie kam es denn dazu? Thomas Harm ist ein guter Freund von Rodrigo, und Rodrigo ist ein lang-lang-langjähriger Freund von mir, so haben Thomas und ich uns kennengelernt. Eines Tages, als wir in Hamburg spielten, kam Thomas an und meinte: 'Was hast denn du für eine Gitarre, ich bau dir mal eine!' Vor 17 Jahren war das. Da hat er mir meine schwarze Gitarre gebaut. Die Gleiche hat er dann noch mal in rot gebaut und ganz scheinheilig gemeint: „Hey, guck mal, ich hab die Gleiche noch mal in rot gebaut, wäre das nichts für dich? Hier, nimm doch mal mit, und das Geld schickst du mir dann später.“ Zufälligerweise habe ich dann später bei eBay noch mal eine ersteigert, die ist ein bisschen anders als meine. Die spiel ich häu g, sehr häu g. Thomas' Gitarren sind der absolute Hammer.

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Drummer und das Album sind sogar für einen Grammy nominiert – für Thomas das ideale Sprungbrett, um sich mehr internationale Künstler zu suchen, die als Platzhalter für neue Instrumente dienen. Etwas komplett anderes zu machen, kann Thomas sich derzeit nicht vorstellen, und er hofft, dass es ihm auch weiterhin so viel Spaß machen wird: „Wenn mir der Job irgendwann keinen Spaß mehr machen sollte, dann muss ich aufhören, denn dann kann ich nicht das Optimum herausholen. Dann kann ich mich lieber in einen Baumarkt an die Säge stellen.“, lacht er. Wie die Zukunft für Cyan nun wirklich aussehen wird und ob alles im bestehenden Rahmen bleibt, kann Thomas zurzeit aber noch nicht absehen: „Ich weiß nur, dass es weiter handgefertigte Gitarren sein werden!“ Eins ist aber klar: „Als Aushängeschild für den deutschsprachigen Raum kann ich mir keinen Besseren als Farin vorstellen. Was die Persönlichkeit angeht, wird Farin immer derjenige bleiben, vor dem ich mich verneige und nur sagen kann: 'Danke für die tolle Zusammenarbeit!' – auf immer und ewig. Ich glaube nicht, dass sich das noch mal wiederholen wird. Ich weiß nicht, ob ich heute noch weiter Gitarren bauen würde, wenn Farin nicht seinen Gitarrenbautrieb an mir ausgelassen hätte …“ www.cyanguitars.com Evil Acker & Susi S. Und was macht die Gitarren so einzigartig? Der Typ ist einfach … der baut jede Gitarre persönlich per Hand; in jeder steckt er selber drin, mit seinem Herzblut. Der Typ ist super! Wie er ausgerastet ist, als Mastodon, diese ganz berühmte Metalband, plötzlich seine Gitarren gespielt hat! Und wenn dir nach zehn Jahren mal die Bünde abreißen, dann nimmt er das persönlich, der Untergang! Vor einem Jahr habe ich in Hamburg gespielt, und die Bünde an meiner schwarzen Gitarre waren nach 17 Jahren runter. Thomas meinte dann gleich: „Wo ist die, ich mach dir das!“ – und ich so: „Ja, okay, ich hol die nächste Woche wieder ab.“ Am gleichen Abend hat er noch angerufen, dass er Nachtschicht gemacht hat und ich die Gitarre abholen kann. Der lebt das, diese Gitarren! Absolut super, was er da macht, atemberaubend. Allerdings macht er natürlich eigene Designs, deshalb spielen wir bei Bela die CyanGitarren nicht, weil Bela gerne klassische 60s-Designs auf der Bühne hat. Da legt er Wert drauf, und deshalb spielen wir da andere Gitarren. Bela spielt Italia, ich spiele eine SG, Olsen spielt Jazzmaster und SG.

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RÄTSEL

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KREUZWORTRÄTSEL Ihr habt es so gewollt, und nun sollt ihr es auch haben. Wir wünschen euch schon jetzt viel Spaß beim Lösen des ersten Kreuzworträtsels in der DIE PRAWDA! Wenn ihr alles richtig aufgelöst habt, kommt am Ende sogar ein schmuckes Lösungswort heraus. Das richtige Lösungswort könnt ihr dann auf www.daeof.de bis zum 31. Juli 2010 im entsprechenden Formular eintragen und am Ende mit Glück eine von zehn „Rod loves you“Promo-CDs gewinnen.

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8 Auftaktort der »Tour-Tour« Vorname vom Produzent Praeker 47 Bela-B-Song 48 Hans Runge Single von die ärzte 49 50 7 11 Erstes Wort im Song 51 »Shit Peace« 15 17 - … singt »Am besten heute 52 Nacht!« 19 - Stadt der schönsten Brüste 55 53 54 12 21 - Er nahm die Brille mit … 56 57 (Nachname) 22 - … Spakowski 58 24 - Helden von Bela und Rod 59 20 60 27 - Wer war beim Friseur? 5 28 - »Roboter-Punker« trinken es 61 17 30 - Album von die ärzte LÖSUNGSWORT 36 - Bassist bei Depp Jones 37 - FURT-Single 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 40 - Dem Beatles-Sänger seine Frau (Nachname) 41 - Manager in den 80ern (Vorname) SENKRECHT 26 - Gefährtin von Daniela 42 - Bedient die Schießbude im FURT 29 - Beliebtes Wort auf der Bühne 44 - Abwärts-Album 2 - KISS-Cover von die ärzte 31 - Bela B singt Iggy Pop 45 - Grammatikalisch »falsch« auf (Originaltitel) 32 - Abkürzung »Wenn alle Männer …« dem »Code B«-Album 3 - Song vom Album »Debil« 33 - Duett-Partnerin von Bela B 48 - Support auf der »Boys want 4 - Ein Hiddentrack 34 - Besungenes Obst von die ärzte fun«-Tour 6 - Gas & B-Seite 35 - »Rettet die Wale« auf Japanisch 50 - »Doppelt gemoppelt« eine Single 7 - Studio in Berlin Kreuzberg 38 - Geburtsland von Rod 51 - Single von die ärzte mit 8 - Belas Muse 39 - Dem wahren Heino sein Vorname Steckdose 9 - … Ludwig 43 - Album mit Sicherheitsnadel auf 53 - Bela als Wachmann Herrhaus 10 - Oktoberfesthit von die ärzte dem Cover 54 - Haus- und Hofgrafiker 13 - Gabi & … 46 - Mit dabei bei »Besserwisserboy« 55 - Abkürzung »Frauenunion« 14 - Booker der die ärzte 47 - Lichtmann von die ärzte (Nachname) 58 - Vorname des Herrn Schunder 18 - Song auf »Planet Punk« 49 - Guter FURT-Song ;) 59 - Der … (unveröffentlichter Song) 20 - Bei FURT am Bass 52 - Füße vom … 60 - 98er Tour-Support aus Wiesloch 23 - Posaune im FURT (Vorname) 56 - Frühere Plattenfirma 61 - FURT-Song vom Ponyhof 25 - Brutal schneller Lärm 57 - »Ratte in Rollsplitt« von …

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90 HERRMANN BRÄUER – Haarweg zur Hölle In einer Zeit, in der man so einigen alten Rockhelden vorwiegend in Realityshows (Hallo, Bret Michaels!), Werbung (Alice! What the fuck, Alice?) oder, äh, Homevideos begegnet (Tach, Tommy Lee), ist Hermann Bräuers Roman eine wohltuende Mischung aus Nostalgie und Wahrheit. Wir be nden uns in der Mitte der 80er, einer musikalischen Ära, in der die Männer an den Klampfen, hinter den Schießbuden und an den Mikrofonen nicht nur für Lärmbelästigung, sondern auch für einiges an Umweltverschmutzung sorgten. Hair Metal nannte sich das vermutlich FCKW-reichste Musikgenre, das es je gab; die Haare waren so breit und hoch wie lang, die Klamotten bunt und das Make-up ebenso. Und trotzdem ging es neben den ganzen Äußerlichkeiten doch auch ums gnadenlose Rocken. Ebendieser Stilrichtung haben sich die Jungs der anfangs „Llord Nakcor“ (Tipp: Rückwärtslesen hilft!) genannten Münchner Nachwuchsband verschrieben - mit unverhofft schnellen Karrierehochs und, Musikbusiness und Management sei Dank, auch entsprechenden Tiefs. Die Story funktioniert allerdings nicht nur als äußerst amüsante Schilderung einer Musikszene, an die sich manche auch heute noch nur mit Grauen erinnern. Sie ist gleichzeitig auch eine sehr treffende Zeichnung des Musikgeschäfts, wie es sich auch heute nicht wirklich anders darstellen dürfte. Lediglich der Schluss des Romans wirkt etwas abrupt, was aber angesichts des ähnlich plötzlichen Endes der Hair-Metal-Ära auch wieder irgendwie passt … Natollie STEFFEN LANGNER – Dresden-Krimi: Mord im Schwimmbad „Mord im Schwimmbad“ von Steffen Langner, Jungautor und Dresdener DÄOF-Mitglied, ist eine spannende Mord-Geschichte, die den Leser durch eine faszinierende Stadt führt. Ein toter Wirtschaftsberater im Schwimmbad und drei Verdächtige, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: der Bademeister, dessen Mordmotiv sich nicht erschließt, die Haushälterin, die sich als Geliebte entpuppt, und ein ehemaliger Häftling, der in ominöse Geschäfte mit dem Opfer verwickelt war.

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BUCH ZUM LESEN Kommissar Larssen, ständig unter dem Druck seines Vorgesetzten und der Politik, kommt bei seinen Ermittlungen nicht nur dem Mörder auf die Spur, sondern entdeckt auch nach und nach die unter den Teppich gekehrten Probleme Dresdens. Der etwas altmodisch wirkende Kommissar nimmt den Leser auf einen kostenlosen Stadtrundgang mit und kommentiert dabei die vielen architektonischen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Stadt, denen er durchaus kritisch gegenübersteht. Bei Besuchern der Elbufer-Konzerte dürften die detaillierten Beschreibungen verschiedener Schauplätze Erinnerungen wecken. Langner gelingt es jedoch, ein Bild dieser Stadt zu zeichnen, sodass sie für den Leser sichtbar wird, ohne dass dieser jemals dort gewesen sein muss. Er scheut sich nicht, gesellschaftspolitische und aktuelle Probleme der Stadt beim Namen zu nennen, und macht dadurch aus der Geschichte mehr als nur einen Krimi mit überraschendem Ende. Dosi HITMAN – My Real Life in the Cartoon World of Wrestling „Wrestling? Das ist doch das mit den halb nackten Männern, die so tun, als würden sie sich verprügeln?“ Wer das so sieht, kann diese Rezension getrost überspringen. Wer allerdings vor zehn, fünfzehn Jahren regelmäßig vor dem Fernseher hing, um auf Tele 5, RTL2, tm3 oder später DSF die WWE (damals noch WWF) zu verfolgen, wird dieses Buch lieben. Eine kurze Vorwarnung jedoch an diejenigen, die mit ihrer Wrestling-Fan-Zeit abgeschlossen haben: Es könnte zu Rückfällen kommen. Bret „The Hitman“ Hart ist eine Legende - der Beste, den es gibt, gab und geben wird! In seiner Autobiogra e beschreibt er seine Karriere als Wrestler: Angefangen mit der Kindheit als Sohn von Ringerlegende Stu Hart und seinem ersten professionellen Kampf 1978 bis hin zu seinem Schlaganfall und Karriereende 2002 wird man an viele legendäre Matches erinnert, aber natürlich auch an die Schattenseiten wie den skandalösen „MontrealScrewjob“ oder den Tod seines Bruders Owen. Das Interessanteste an dem Buch ist aber der Blick hinter die Kulissen. Bret Hart beschreibt sehr gut, wie das „Leben in der Zeichentrickwelt des Wrestlings“ wirklich abläuft: das ständige Unterwegs-Sein, die Verletzungen, Medikamente und Drogen, die Gemeinschaft und der Konkurrenzkampf, die Einsamkeit, die Sehnsucht, nach Hause zu kommen, gleichzeitig aber auch die Leidenschaft und Verbundenheit zum Business. Natürlich bietet das Buch als Autobiogra e eine eher einseitige

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BUCH ZUM LESEN

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Sicht, und Personen wie Vince McMahon oder Shawn Michaels haben vermutlich ganz andere Ansichten als Bret, aber dennoch ist dieses Buch absolut zu empfehlen, um auch mal hinter die Kulissen zu schauen - und nicht immer nur auf die halb nackten Männer im Fernsehen. Das Buch ist bisher leider nur auf Englisch erschienen, eine deutsche Version ist derzeit nicht geplant. Susi S.

MUSIK ZUM HÖREN JOHNNY CASH – American VI: Ain't No Grave Der Mann, die Legende – und das wohl letzte Kapitel seiner Karriere. Mit der sechsten Ausgabe der „American Recordings“-Reihe wird nun der Schlussstrich unter die erfolgreiche Zusammenarbeit von Erfolgsproduzent Rick Rubin mit dem 2003 verstorbenen Johnny Cash gezogen. Es handelt sich hierbei um die letzten Songs des „Man in Black“, und das spürt man auch. Wenn Cash Songs wie „For the good times“ von seinem Freund Kris Kristofferson mit Textzeilen wie „Lay your head upon my pillow“ singt, dann kann man sich in etwa vorstellen, wie viel Schmerz ihm der Verlust seiner geliebten und wenige Monate vor ihm verstorbenen Frau June Carter bereitet hat. Trotz der traurigen Stimmung der Platte entlässt sie einen am Ende doch mit einem positiven Gefühl der Zuversicht und der Gewissheit, dass uns dieser Ausnahmekünstler zu seinen Lebzeiten alles gegeben hat, was er konnte. In seiner Eigenschaft als einer der größten „Singer of Songs“ wird sein Name wohl ewig weiterleben. R.I.P., Mr. Cash. www.johnnycash.com

Evil Acker

Um eine von drei CDs zu gewinnen, beantworte auf www.daeof.de folgende Frage: Wie wurde Johnny Cash in seiner Kindheit genannt?

Leiss“ aufgehört haben. Dieses Mal wirkt das Gesamtwerk aber stimmiger und könnte sogar fast als Konzeptalbum angesehen werden. Die zentralen Themen Angst, Flucht und Sehnsucht ziehen sich gleich durch mehrere Songs des Albums und beweisen einmal mehr, dass Turbostaat die etwas andere Band in diesem Genre ist. Ein Markenzeichen der Truppe aus dem hohen Norden bleiben die merkwürdigen Songtitel wie „Oz Antep“ oder „Pennen bei Glufke“. Dahinter verbergen sich aber immer noch eindringliche Punknummern, die so nur von Turbostaat stammen können. www.turbostaat.de

Evil Acker

Auch hier verlosen wir drei CDs. Die Frage: Welche bekannte deutsche Blondine wird in einem Turbostaat-Song erwähnt?

TOCOTRONIC – Schall und Wahn Wer „Kapitulation“ für das Tocotronic-Album schlechthin hält, wird „Schall und Wahn“ lieben. Musikalisch haben die vier der Hamburger Schule nun wohl endgültig ihren Abschluss gemacht. Von ruhigen, zweifelnden Tönen bis hin zur Rockoper ist alles auf dem Album vertreten. Raue Gitarren spielen mit zaghaften StreicherEinsätzen. Folk und Indierock wechseln sich ab mit schroffem Garagensound. Geprägt wird auch dieses Album von der Stimme und den Texten des Herrn Dirk von Lowtzow. Lyrisch erwachsene Songs sind gemischt mit Aufrufen zu „Oszillieren“, „das Schloss zu stürmen“ oder „es nicht selbst zu machen“ - mit Ausnahme der Selbstbefriedigung. Selbstironie kommt im Song „Keine Meisterwerke mehr“ zur Geltung. Dabei haben sie doch genau dies mit ihrem neuen Album geschaffen: ein Meisterwerk! www.tocotronic.de

Evil Acker

TURBOSTAAT – Das Island Manøver Und auch hier gibt es drei CDs zu gewinnen:

Alle Macht dem Turbostaat! Die fünf Flensburger haben wieder ein neues Flaggschiff vom Stapel gelassen. Auf dem „Island Manøver“ machen sie da weiter, wo sie beim Vorgänger „Vormann

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Das Cover der Single „Im Zweifel für den Zweifel“ ist mit der Arbeit eines Hamburger Künstlers geschmückt. Wie heißt dieser?

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OPUS MEDICUS

OPUS MEDICUS Wieder einmal ein paar interessante Fakten über einige Lieder aus den Federn BFRs!

Die ewiGe maitreSSe

Album „Jazz ist anders“, 2007 Rod: Ein kurzer, einfacher Song. Bela hatte einen guten Text dazu, und er hat es auch sehr gut gesungen.

heY huh (in ScheiBen)

Album „Die Bestie in Menschengestalt“, 1993 Bela: „Ein Text muss her, ein Text muss her … ach, da is er ja!“ So ungefähr ist das damals gelaufen.

chile 3

Album „5, 6, 7, 8 Bullenstaat“, 2001 Rod: Ich war 14, als ich den Song schrieb, die Akkordfolge war damals so ziemlich das Beste, was ich spielen konnte. Der Text war zu der Zeit natürlich extrem aktuell, denn die 80er-Jahre waren so ziemlich die dunkelste Zeit des chilenischen PinochetFaschismus. Menschen „verschwanden“, und ein ganzes Land lebte mit der Angst, dass es am nächsten Tag an der Tür klopft und Herren in Zivil reinkommen, um einen in eine geheime Folteranstalt zu bringen und anschließend in einer verlassenen Gegend zu verscharren.

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JaG ÄlSkar SVeriGe!

Album „Geräusch“, 2003 Farin: Ich fand Norwegen immer doof.

VermiSSen, BaBY

Album „Planet Punk“, 1995

Bela: In Rods Demo war der Satz „You're gonna miss me“ drin. Daraus hab ich dann einen kompletten Macho-hochzwölf-Text geschrieben. „You're gonna miss me“ taucht öfter mal als Line in seinen Demos auf, siehe auch den Anfang von „1/2 Lovesong“, wo ich die Zeile auch behalten habe.

Die ÄrZte

Sampler „Wenn kaputt dann wir Spaß – Berlin Punk Rock 1977-1989“, 2002

Farin: Wir haben uns in der Anfangszeit sehr mit uns selbst beschäftigt (nein, nicht was IHR jetzt denkt), und zu einer anständigen Superheldenband gehörte auch ein Song über uns. Übrigens meines Wissens das einzige Mal, dass der Name „Ärzte“ von uns wörtlich eingesetzt wurde – wahrscheinlich geriet der Song deshalb bandintern schnell in Vergessenheit. Welche Liner-Notes wünscht ihr euch? Schreibt an prawda@daeof.de

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DIE WAHRHEIT

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HADERN MIT GOTT – DARF MAN DAS? Gut möglich, dass sehr viele DÄOFMitglieder diese Frage gleich mal mit einem „Nö!“ beantwortet haben. Ist auch ihr gutes Recht. Ich antworte meinerseits mit einem schüchternen „Hmmmjavielleichteigentlichschon?“ und gehe zum Weitertippen in Deckung. Mit „Gott“ ist hier natürlich die heilige Dreifaltigkeit BelaFarinRod gemeint – den schlechten Witz von wegen „Faltigkeit“ erspare ich mir jetzt, wobei: Ups, da war er ja schon. Ähem. Und ebendies mag der eine oder die andere schon wieder gar nicht witzig nden – die ärzte werden nicht alt, die ärzte sind wie guter Wein, der mit den Jahren immer besser wird! Zugegeben, der Scherz ist schlecht. Aber mir geht es mehr darum, dass ich es als mein gutes Recht betrachte, die drei Herren auch mal als die alten Säcke zu bezeichnen, die sie meiner Meinung nach sind. Und dass ich auch mal sagen darf: Nee, der Song ist doof. Die Ansage war nicht witzig. Das Shirt ist hässlich.

Kann ich, muss ich aber keineswegs. Und darf mich trotzdem weiter „Fan“ nennen. Persönlich bin ich der Ansicht, dass mich diese Band unter anderem begeistert, weil sie eben die Idee der blinden Begeisterung gerne mal ad absurdum zieht, wie man das auch bei ihren Konzerten immer wieder erleben darf. Als Beispiel sei hier nur die „P egeleicht“-Aktion der letzten Tour genannt. Das nde ich bei die ärzte echt klasse, diese Bereitschaft zur Selbstironie und den Mut, ebendiese auch ihren Fans abzuverlangen. Weniger klasse nde ich manches andere. Politische Ansagen? Klar, durchaus angebracht, die Band bezieht da ja auch in ihren Songs Stellung. Populistische Slogans, wenn auch linksgefärbter Art? Na ja, geht halt auf der Bühne nicht

Kann ich natürlich jederzeit machen. Hindert mich keiner daran. Kriege dann aber vermutlich von manchen Fans einen auf den Detz, weil ich den Humor der Band nicht verstehe und mich damit als Fan selbst disquali ziert habe. Nur: Muss ich denn als Fan alles verstehen, mich über alles amüsieren und allem zustimmen, was meine musikalischen Helden so von sich geben? Ich nde ja: nein.

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DIE WAHRHEIT

© Martin Eberle

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Blumfeld

anders, differenzierte Abhandlungen lassen sich da schlecht unterbringen. Trotzdem brauch ich das nicht. Das gilt auch für Gedisse in die Richtung anderer Künstler – ja, ist meistens durchaus witzig, und ja, man ist da ja selbst nicht besser, aber irgendwie kriege ich da halt auch immer wieder dieses „Da sollten sie eigentlich drüber stehen“Gefühl. Die sind schon so lange dabei und selbst mittlerweile so etabliert, das sollten sie nicht nötig haben. Auch wenn sie damit größtenteils recht haben … Ich zum Beispiel mag den einen oder anderen Blumfeld-Song. Farin augenscheinlich nicht. Damit hab ich per se auch gar kein Problem, ich nde es aber halt einfach schade, wenn andere Ärzte-Fans sich ohne weitere Informationen seiner Meinung anschließen, weil er sich ja nicht irren kann. Er ist ja Farin. Also, nicht dass man Blumfeld jetzt zwingend toll nden sollte – aber man kann sie sich ja vielleicht mal anhören, bevor man sich ein Urteil bildet? Meines Erachtens ist es z. B. auch etwas fragwürdig, wenn man nur wegen Farin zum Pescetarier, Vegetarier oder gar Veganer wird oder sich entschließt, nach dem Straight-Edge-Prinzip zu leben. Ich meine, dass man dem großen Vorbild nacheifern will, ist absolut verständlich – ich war in den 80ern Teenie und Madonnafan, es gibt diverse Fotos, die

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niemals jemand je wieder zu Gesicht bekommen wird, glaubt mir! –, aber ist es der richtige Beweggrund? Klar, bei den meisten kommt dann auch noch die ethische Überzeugung dazu, was sicher absolut lobenswert ist. Aber nur weil FU so lebt, muss ich doch noch lange nicht auf meine Currywurst verzichten, nde ich. Mmmmh, Currywurst. JEHOVA, JEHOVA! Und um dann auch noch mit dem größten Frevel um die Ecke zu kommen: Ich kann auch gar nicht beurteilen, ob Sahnie nun wirklich so ein Arsch war oder einfach nur zum falschen Zeitpunkt in der falschen Band. Ja, von dem, was man von anderen Zeitgenossen so hört, war der junge Mann wohl wirklich nicht zwingend angenehm, aber ich war nicht dabei, und irgendwie erscheint es mir folglich nicht richtig, hemmungslos in den Chor der „Arschloch, Arschloch!“-Sänger einzustimmen. Ich bin auch kein St.-Pauli-Supporter. Hey, ich kenne sogar Ärzte-Fans, die Bayern-München-Sympathisanten sind (Name der Redaktion bekannt)! Und mein Musikgeschmack unterscheidet sich nicht nur bei Blumfeld zum Teil geradezu eklatant von dem der Bandmitglieder. Das alles ist für mich absolut okay so, andere Fans mögen diese Haltung als unhaltbar betrachten und der Meinung sein, dass das ja wohl ganz und gar nicht geht. Und auch das ist absolut okay so.

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DIE WAHRHEIT Jeder hält sich vermutlich selbst für den einzig wahren die ärzte-Fan und benutzt seine Einstellung als Messlatte, und das ist auch sein gutes Recht. Doch stellen sich mir immer wieder Fragen, was man als Fan denn darf und was nicht: Darf ich FURT-Songs, in die Farin augenscheinlich sein tiefstes Inneres gekippt zu haben scheint, nur grenzenlos klischiert und kitschig nden? Darf ich Belas Haltung in Bezug auf sein Privatleben irgendwie inkonsequent nden? Ist es okay, wenn ich es irgendwie doof nde, dass Rod für NIL Werbung gemacht hat und dass ich es verstehen kann, dass andere sein Gerauche auf der Konzertbühne missbilligen, nicht zuletzt, weil das den Nebenmann beim Konzert gerne auch zum fröhlichen Mitrauchen animiert? Oder bin ich dann schon wieder kein „richtiger“ Fan mehr? Darf ich unter diesen Umständen überhaupt noch Teammitglied des Fanclubs sein? (Die Antwort auf diese letzte Frage lautet übrigens: Ja, darf ich. Einer muss ja auch die ganzen schlechten Fans repräsentieren, hö hö hö.) Und warum kratzt mich das überhaupt? Nun, man will sich ja dann doch irgendwie irgendwo einordnen können. Fansein bringt ja auch immer ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl mit sich, auch wenn wahrscheinlich jedem klar ist, dass bei einer so bekannten Band wie den die ärzte in Bezug auf die Fans zwangsläu g die Bilbo-Beutlin-Maxime gilt: „Ich kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.“ Ich bin aber auch nicht der Meinung, dass ich mich als „mündiger Fan“ auszeichne, nur weil ich nicht immer mit die ärzte übereinstimme und mir auch keine große Mühe gebe, dies zu tun. Das ist halt bei mir so, das hat sich so ergeben. Deswegen sind die Leute, die alles super nden, was die drei Herren so tun und sagen, doch nicht zwingend unmündiger – und nein, das ist meiner Ansicht nach auch keine Generationenfrage. Natürlich hat man in jüngeren Jahren noch eher die Tendenz, sich allumfassender für etwas zu begeistern und manche Dinge ungefragt

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95 hinzunehmen, weil sie von der angebeteten Person so dargelegt werden. Aber es gibt ja auch viele erwachsene DÄ-Fans, die rückhaltlos zu 100 Prozent hinter allem stehen, was die Band so macht. Deswegen sind sie ja nicht naiv oder doof – im Gegenteil, in gewisser Weise sind sie zu beneiden, denn ein solches Fan-Dasein müsste doch eigentlich die pure Freude sein. Man würde sich nicht bei manchen Aktionen die Frage stellen: „Hm, ist das noch die Band, in die ich mich damals so gnadenlos verguckt habe? Und wenn nein, mag ich sie dadurch weniger, oder ist sie einfach nur anders oder sogar besser?“. Nein, man könnte sich einfach sagen: „Ärzte? Geil!“ Ein solch reines, ungetrübtes Fanleben, das ich halt als die ärzte-Fan nicht (mehr) führe, stelle ich mir manchmal wirklich schön vor. Na ja, wenn da nicht die Stänkerer wie ich wären. Die können einem ja jede Freude vergällen. Und Blumfeld hören die auch noch … Natollie PS: Bezüglich dieses Themas sei aber auch noch kurz angemerkt (und nicht mal im Hinblick auf die ärzte), dass der Umkehrschluss des Artikels nicht gilt. Nur weil man Fan einer Band ist und etwas, was diese Band veranstaltet, gut ndet, bedeutet das nicht, dass man unre ektiert alles abfeiert, was diese Band tut und sagt. „Du ndest das nur toll, weil du Fan bist.“ ist also grundsätzlich kein valides Argument, denn man kann noch so sehr darüber nachdenken und sich seine Gedanken machen – wenn man eine Band gut ndet, kann es durchaus passieren, dass man auch hier und da mal ein, zwei Dinge gut ndet, die diese Band tut. Oder auch ein paar mehr. Sonst wäre man ja nie Fan geworden. PPS: Übrigens gilt auch der Umkehrschluss in die andere Richtung nicht. Nur weil man gleich alles hinterfragt, was die Band so tut, und zur Sicherheit erst mal alles prinzipiell scheiße ndet, ist man auch nicht zwingend ein toller Fan. Vielleicht ist man da dann einfach mittlerweile Fan der falschen Band.

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GEBOREN

GEWINNER

ZU VERLIEREN!

Hier sind die Au ösungen und Gewinner zu den Fragen aus DIE PRAWDA # 6: BELA B: Welche Farbe ergibt sich, wenn man schwarz und weiß mischt? Antwort: grau Gewinner: das_Ela (# 9236), BELindA (# 8470) ABWÄRTS: In welchem Abwärts-Song, bei dem auch Rod mitwirkte, tauchte die Zeile „Komm mach mit, sei auch dabei!“ bereits schon mal auf? Antwort: „Sicherheit“ (Album „NuProp“) Gewinner: ThielschY (# 8649), Darth Bela (# 2977), Cassü (# 4339) JÖRG BUTTGEREIT: Wer drehte den Film über Jörg Buttgereits Theaterstück „Captain Berlin vs. Hitler“, der jetzt auf DVD erschienen ist? Antwort: Thilo Goosejohann Gewinner: Dagro (# 264), Rebell 13 (# 572), Mysteryfritz (# 325) SOILENT GRÜN:

UNZUCHT: Wie heißt der Gitarrist von Unzucht? Antwort: De Clercq Gewinner: loverboyandi (# 2079), Mystique (# 3754), LauriTheVamp (# 8041) KISS: Aus welchem KISS-Song wurde das Unfallgeräusch im die ärzte-Song „Mein Freund Michael“ gesampelt? Antwort: Detroit Rock City Gewinner: Bastimentos (# 9784), shmieh (# 9917) FURT: Welche berühmte Skateboard-Legende kann man mit einem Greifvogel in Verbindung bringen? Antwort: Tony Hawk (Hawk bedeutet auf Deutsch Habicht oder Falke) Gewinner: SrStefanie82 (# 1103), Tamara (# 8885), steeefan (# 8973), Jezz (# 1958), Julcsi (# 8791) Einen herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner! RÄTSEL-AUFLÖSUNG AUS PRAWDA # 6, S. 27:

Welcher amerikanische Schauspieler spielte die Hauptrolle in dem Film „Jahr 2022 … die überleben wollen“? Antwort: Charlton Heston Gewinner: mama-master (# 5036), Päpstin (# 984), Skyper (#257), Bönx (# 8700), dawn13 (# 344) FLIX: Was wollte der Flix unbedingt in die DDR reinschmuggeln? Antwort: einen Spielzeugpanzer Gewinner: marcel1602 (# 3465), Lebo (# 6599), Anni_H (# 9921) ANDREAS PUCHEBUHR: Was für ein Landsmann ist Hulapoko? Antwort: Peruaner Gewinner: poool (# 6710), blacksheep (# 7919), frühling. (# 8877) THE BUSTERS: Das wievielte Studioalbum der Band ist „Waking the dead“? Antwort: das 13. Gewinner: Zimtstärn (# 7267), Finchen94 (# 9936), Fara (# 852)

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die arzte

SIND

ELTON: „… meine Jugend. Ich kann mich noch an meine erste Klassenfahrt nach Olpe erinnern, wo wir die „Debil“ rauf und runter gehört haben. Ich bin mit ihnen aufgewachsen.“

Der gebürtige Berliner, der im Norden Deutschlands aufgewachsen ist, ist bekennender St.-Pauli-Fan und wurde als Praktikant von Stefan Raab im Jahr 2001 bekannt. Den Namen Elton bekam er durch seine äußerliche Ähnlichkeit mit dem Musiker Elton John. Mittlerweile ist der Showpraktikant erfolgreich als Moderator in diversen Comedyformaten und ab Herbst 2010 in der bekannten Kindershow „1, 2 oder 3“ tätig.

MILAND „MILLE“ PETROZZA: „… schon super! Früher waren die ja immer die „Kompromiss“-Band. Also wenn die Freundin mit zu Slayer gegangen ist, musste man dafür mit zu die ärzte. Aber das war damals schon ganz cool, und heute sind BelaFarinRod immer noch großartig und von den großen deutschen Kapellen die mit den, mit Abstand, klügsten Texten. Kreator nden die ärzte also gut!“

Mille ist Sänger der Thrash-Metal-Band Kreator aus Essen. Die Kapelle wurde bereits im Jahr 1982 als Schülerband gegründet und kann eine erfolgreiche Laufbahn in der deutschen Metal-Szene vorweisen. Das aktuelle Album „Hordes of Chaos“ (2009) wurde von Moses Schneider (bekannt auch als Produzent der Beatsteaks) produziert und erlangte eine hohe Platzierung in den deutschen Album-Charts.

IMMER NOCH DIE BESTE BAND DER WELT!

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CRÄDITS

DIE PRAWDA - den die ärzte ihr of zielles Fan-Magazin ist ein weißes Rauschen im Blätterwald, erzeugt vom DÄOF - den die ärzte ihrem of ziellen Fanclub. DIE PRAWDA entstand durch kollektive Zusammenarbeit der DIE PRAWDARedaktion unter tatkräftiger Mitarbeit von: Eline Bakker, Stephanie Bindel, Ruth Fuchss, Steffy Marschall, Natalie Springhart, Thorsten Springhart, Thorsten Struwe, Stefan Üblacker und Doris Zikeli. Diese Ausgabe der DIE PRAWDA wäre nicht ausgekommen ohne: Farin Urlaub, Bela B Felsenheimer, Rodrigo González, Tabea, Bang Bang Benno @ Völker hört die Tonträger/Büro Axel Schulz, Schwarwel & Sandra @ Glücklicher Montag, Barbara @ Rodrec., den Der T!!!, Fettes Brot, Rafael @ Fettes Brot Schallplatten, Thomas Harm, Micki Meuser, Gary Schmalzl, Holly Burnette, Kurt Krömer, Attac, Ju Keutner @ Universal Music, KIM?, Tocotronic, Turbostaat, Johnny Cash (R.I.P.), Bret „The Hitman“ Hart, Steffen Langner, Hermann Bräuer, Elton, Mille, Dunkelziffer e. V., Bettina Pfeiffer und alle Fans, deren Fotos und Texte hier zu nden sind. Danke, Grüße und ein Hoch auf: Auge, Patty, Kiki, Dagmar Grosser, Axel Schulz, Ravel, Jürgen Reichert, Lula, Los Helmstedt, das FURT, Abwärts, Saskia & Crew von Bananatexx für die DÄOF-Uniform, The Busters, Tanja Struwe, Bine Henn, International Blähboy Lord Nibbler, Bruce Jebediah Spongebob, Düsseldorf am Rhein, Böllen im Schwarzwald, Wutha-Farnroda in Thüringen, Hilden Rock-City, Rockin'-Walldorf, Bunga-Low-Town Wuhlheide, das Telefonbuch von Goslar, Berlin-Kreuzberg (du Muschi), Big Bad Bonn, Bacharach am Rhein und natürlich die besten Fans der Welt. Ausgabe # 8 | 2010 von DIE PRAWDA erscheint am 20. Dezember 2010. GEWINNSPIELE: Einsendeschluss aller Gewinnspiele ist der 31. Juli 2010. Um an den Gewinnspielen teilzunehmen, musst du dich auf www.daeof.de einloggen und das entsprechende Formular abschicken. Anmerkung am Rande: Die DIE PRAWDA wurde wieder auf FSC-zerti ziertem Papier gedruckt und unter Druckbeschallung von Wohlstandskinder, Kumpelbasis, Dendemann und anderen wunderbaren Klängen gelayoutet.

Postfach 30 04 51 | 53184 Bonn DÄOF im Internet: www.daeof.de - info@daeof.de Bankverbindung: DÄOF – den die ärzte ihr of zieller Fanclub e. V. Kto.-Nr.: 789044500 | BLZ: 30070024 Deutsche Bank AG Düsseldorf IBAN: DE79300700240789844800 BIC: DEUTDEDBDUE

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Der Casting-Wahn greift um sich, und auch wir können uns dem nicht ganz verschließen. Anders als bei anderen Formaten kommen wir aber ohne piepsig vorgetragene Styleberatungen und Psychospiele aus. Wir wollen nur euch und euren Körper – eingehüllt im feinsten DÄOF-Zwirn. Für unseren neuen Kleiderkammer Print- und Online-Katalog suchen wir coole DÄOF-Models – Jungs wie Mädchen – die unsere aktuelle Kollektion dem interessierten Publikum vorführen. Der Fantasie für eure Darbietung sind dabei keine Grenzen gesetzt. Seid vor allen Dingen kreativ und schickt uns bis zum 31. August 2010 einfach euer Bild im DÄOF-Zwirn (egal ob Jacke, T-Shirt, Top, Kapu etc.) an kleiderkammer@daeof.de. Die schönsten Bilder kommen dann in den neuen Online-Katalog und erstmalig verfügbaren Flyer. Wir sind gespannt auf eure Looks!

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Prawda #7  

Themen: Interview mit Bela B; Die Gefährten: Der T!; Bela goes Theater; Interview: Fettes Brot; 10 Jahre Attac; Interview: Micki Meuser; Uns...

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