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FS 13 Cyrill ChrĂŠtien

Transithotel im Steinbruch

Cyrill ChrĂŠtien

Transithotel im Steinbruch Eine typologische Spekulation

Hochschule Luzern


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Transithotel im Steinbruch Eine typologische Spekulation

Student Cyrill Chrétien Zentralstrasse 12 6036 Dierikon

Begleitperson Thesis Dr. Oliver Dufner Begleitperson Projekt Prof. Johannes Käferstein

Hochschule Luzern Technik & Architektur Technikumstrasse 21 6048 Horw

Master in Architektur Frühlingssemester 2013

5. Juli 2013

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Buchdruck: von Ah Druck AG Kernserstrasse 31 6060 Sarnen www.vonahdruck.ch Digitaldruck Euroskala Papier: 120 g/m2 DCP weiss, holzfrei 3


INHALT

EINLEITUNG

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EINE TYPOLOGISCHE SPEKULATION Thesisbuch

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Einführung Tourismus Die Genese einer neuen Hoteltypologie Eine typologische Spekulation - Ordnung / Unordnung - Global / Lokal - Illusion / Realität Zwischenfazit

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TRANSITHOTEL IM STEINBRUCH Thesisprojekt

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Ausgangslage und Programm Ort und Kontext Volumetrische Setzung Erschliessung und Zugänglichkeit Räumliche Disposition Tragstruktur und Materialität Haustechnisches Konzept

75

109

RESÜMEE

117

QUELLENANGABEN / ANHANG

125

23 27 33 45 57 69

77 79 83 87 97

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EINLEITUNG Ein stillgelegter Steinbruch direkt am Vierwaldstättersee sowie die Bauaufgabe „Hotel“ – diese beiden Bestandteile umreissen im Wesentlichen die vorgegebene Ausgangslage für die vorliegende Thesisarbeit. Aufgrund dieser Konstellation überrascht es nicht, dass sich für den Einstieg in diese Aufgabe durchaus unterschiedliche Herangehensweisen anboten. So begann die thematische Recherche ursprünglich mit einer Analyse des Steinbruches und seiner Geschichte, der topografischen Lage des Bauplatzes sowie der Hotellandschaft am Vierwaldstättersee. Schon bald entwickelten sich aus diesen Gedanken auch einige übergeordnete Fragestellungen. Diese beschäftigen sich mit der Geschichte, der Gegenwart und vor allem auch der Zukunft des Tourismus in der Schweiz und insbesondere auch jenem in der Zentralschweiz. Hier ein Hotel zu bauen bedeutet nämlich zuerst einmal die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen im Tourismus zu kennen und diesen mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu begegnen.

Abb. 01 | Aufnahme des Steinbruches Eichwald, Brunnen (2013)

Global gesehen befindet sich der Tourismus seit einigen Jahren in einem Umbruch. Immer mehr Personen aus den Mittelschichten aufstrebender Schwellenländer wie China oder Russland leben in einem gewissen Wohlstand und können sich im Zuge dessen interkontinentales Reisen leisten. Die Zahlen von inländischen und europäischen Touristen in der Schweiz stagnieren hingegegen seit Jahren oder sind gar rückläufig.1 Die Schweiz als traditionelles Tourismusland hat demnach ein grosses Interesse daran, sich bei den neuen, aufstrebenden Reisenationen wie China, Indien, Russland oder Brasilien langfristig als führende europäische Tourismusdestination zu positionieren. Gelingt ihr das nicht wunschgemäss, geraten aufgrund der grossen volkswirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus in der Schweiz ein ganzer Wirtschaftszweig und viele tausende Arbeitsplätze in Gefahr.

Dieser Umstand wurde in den letzten Jahren durch zahlreiche Studien belegt und äussert sich beispielsweise auch in der aktuellsten Beherbergungsstatistik des Bundesamtes für Statistik. (vgl. BFS 2012) 1

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In diesem Dunstkreis wird die Schweizerische Tourismusdebatte auch immer wieder durch Themen wie aktivem Naturraum- und Landschaftsschutz sowie einem ökologisch vertretbaren Tourismus angeheizt. Diese Interessen lassen sich meistens nur schwer mit einer touristischen Wachstumsstrategie vereinen. Inhärenter Bestandteil dieser Debatte ist auch die zunehmende Zersiedelung der Schweiz und die in diesem Zusammenhang im Jahr 2012 erfolgte Abstimmung zur Zweitwohnungsinitiative. Einen breiten Konsens scheint es jeweils über die Wichtigkeit und den Erhalt des einzigartigen und unersetzlichen Kapitals der „Naturlandschaft Schweiz“ zu geben. Welche Gebiete genau, in welcher Form und mit welchen Mitteln in Zukunft zu schützen oder weiterzuentwickeln seien, darüber gehen die Meinungen jedoch weit auseinander.

Beim Bürgenstock Resort handelt es sich um einen Investor aus Katar, welcher rund 485 Millionen Schweizer Franken in die neuen Hotelanlagen investiert. Das neue Resort soll dereinst über rund 400 Zimmer verfügen. 2

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Die Hotellerie wird in Zukunft zweifellos Investitionen tätigen müssen, denn schon bald werden viele Hotelanlagen den veränderten Anforderungen nicht mehr genügen. Bereits jetzt befinden sich in der Zentralschweiz einige Hotelprojekte in der Planungs- oder Bauphase, darunter auch Grossprojekte wie das Hotelresort auf dem Bürgenstock. Nicht selten stehen hinter derartigen Projekten finanzstarke Investoren aus China, Russland oder den Golfstaaten.2 Lage, Standort, Grösse und Programm sowie viele weitere Faktoren der Hotelplanung hängen dabei jeweils stark mit der angestrebten Kundschaft zusammen. Für die Zukunft zeichnen sich einige erfolgsversprechende Geschäftsmodelle ab, in allen Fällen scheint aber


die Spezialisierung auf ein einzelnes, spezifisches Kundensegment von Vorteil zu sein. Hotels für einen „universellen“ Touristen der Zukunft werden kaum erfolgreich sein, wo doch auch der Tourismus einem steten Individualisierungsprozess unterworfen ist.3 Auch dieser Faktor ist Teil der Ausgangslage für die Untersuchungen in dieser Thesisarbeit. Die Arbeit ist im Wesentlichen in zwei Kapitel gegliedert. Sie umfasst einen theoretischen Teil (Thesisbuch) sowie eine ausführliche Dokumentation des erarbeiteten Projektentwurfs (Thesisprojekt). Die beiden Kapitel sind dabei aber keinesfalls als isolierte Gedankengänge zu verstehen. Vielmehr ist die gesamte Arbeit von einer inkrementellen Vorgehensweise geprägt. So umfasst der Theorieteil neben einem kurzen Abriss über die Tourismusgeschichte auch die aktuellsten Tourismusstatistiken sowie einen Überblick über die Schweizerische Hotellandschaft. Darüber hinaus werden über eine „typologische Spekulation“ Hypothesen für eine mögliche Neuinterpretation der Bauaufgabe „Hotel“ formuliert. Diese gelangen anschliessend, zusammen mit den gewonnenen Erkenntnisse der Analysephase, mittels einem architektonischen Projektentwurf zu ihrer praktischen Anwendung. Dabei spielt nicht zuletzt auch der vorgegebene Bauplatz, der stillgelegte Steinbuch Eichwald in Brunnen, eine prägende Rolle. Im Zentrum steht die Frage, mit welchen architektonischen Mitteln sich das typologisch neuartige, grosse und komplexe Programm an diesem konkreten Ort umsetzen lässt.

Dies zeigt auch eine aktuelle Studie des BAK Basel im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO, bei welcher die zunehmende Individualisierung des Reisens als einer von vier grossen Trends bezeichnet wird. (vgl. Hunziker 2012, S.127ff) 3

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EINE TYPOLOGISCHE SPEKULATION Thesisbuch

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Abb. 02 | Das Hospiz auf dem grossen St.Bernhard (um 1900)

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Abb. 03 | Ankunft einer Postkutsche in Berg端n (Lithografie, 1870)


EINFÜHRUNG TOURISMUS Erste Spuren des Tourismus in der Schweiz Über lange Zeit reisten Menschen ausschliesslich zu bestimmten Zwecken. Gerade im alpinen Raum war Reisen dabei mit erheblichem Aufwand und nicht zu unterschätzenden Gefahren verbunden. Unterkünfte gab es ausserhalb von grösseren Siedlungen zu dieser Zeit nur selten.4 So lassen sich erst im späten Mittelalter in einigen Badekurorten erste Spuren eines aufkommenden „Fremdenverkehrs“ in der Schweiz erkennen.5 Später rückte der Alpenraum im Zuge der Reformation ins Interesse der Wissenschaft. Zahlreiche Humanisten und Naturforscher konnten durch ihre begeisterten Reiseberichte aus dem alpinen Raum das verzerrte Bild der „mysteriösen“ und „schrecklichen“ Alpen etwas relativieren. Diese Neuentdeckung des Alpenraums hatte bald darauf die wagemutigen Erstbesteigungen der höchsten Alpengipfel zur Folge.6 Um 1750 diente das Reisen also nicht mehr nur wissenschaftlichen Zwecken. Angehörige der gehobenen Bürgerschicht leisteten sich von nun an das Reisen aus purem Vergnügen und zur Erweiterung des persönlichen Horizonts.7 Nach der Revolutionszeit in Europa nahm der Tourismus in der Schweiz erst nach dem Wiener Kongress 1815 langsam wieder Fahrt auf, vorerst vor allem am Genfersee, im Berner Oberland und am Vierwaldstättersee. Begünstigt wurde die Entwicklung des Tourismus dabei insbesondere durch die fortschreitende Industrialisierung und den daraus resultierenden technischen Fortschritten. Als Beispiel dafür können der Ausbau von zahlreichen Passstrassen für den Postkutschenverkehr (ab 1805), die ersten Schweizer Dampfschiffe (1830) sowie die ersten Eisenbahnlinien (1850) genannt werden.

Meist dienten zu dieser Zeit kleine Herbergen, Pfarrhäuser oder Hospize als Zufluchtsorte. 5 vgl. Flückiger-Seiler 2005, S.14 6 vgl. ebd. S.15 7 Dazu gehörte auch die „Grand Tour“, welche vor allem junge Briten aus wohlhabendem Hause zum Abschluss ihrer akademischen Ausbildung durch Europa unternahmen und so den Alpenraum und auch die Schweiz kennenlernten. Vom Begriff der „Grand Tour“ leitete sich später auch der Begriff des „Tourismus“ ab. (vgl. ebd. S.17) 4

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Die touristische Nutzbarmachung der Schweiz Der Aufschwung des Tourismus hatte zur Folge, dass viele der einfachen Gasthäuser den gestiegenen Komfortansprüchen nicht mehr genügen konnten und so, vorerst in den grösseren Städten, Hotelbauten an ihre Stelle traten. Waren Gasthäuser einige Jahre zuvor noch stark an traditionellen Bauten der Region orientiert, entwickelten die ersten grösseren Hotelbauten immer stärker eine ganz eigenständige typologische Ordnung.8 So wurde beispielsweise die funktionale Trennung in Gast- und Servicebereiche erkennbar, der Gastwirt von früher entwickelte sich langsam zum Hotelier und es entstanden neue, dienende Berufe wie Kellner oder Zimmerdame. Die neue Bauaufgabe des Hotels brachte sogleich auch erste zögerliche Annäherungen an eine entsprechend repräsentative Architektursprache mit sich.9 Die neue Infrastruktur erlaubte es, dass sich die Tradition der „Sommerfrische“ ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend auch in den Schichten der Aristokratie und des wohlhabenden Bürgertums verbreitete. Diesen Umstand nutzte auch der Brite Thomas Cook, als er um 1856 in England die Pauschalreise erfand und bereits 1863 erstmals Touristen durch die Schweiz führte.

In Luzern entstand zu dieser Zeit beispielsweise das Hotel Schweizerhof als Idealtyp eines „Hotels am Seeufer“. 9 Verbreitet war zu dieser Zeit vorrangig eine klassizistische Architektursprache. 10 Beispielsweise Vitznau, Brunnen oder Flüelen aufgrund der Rigi-Bahnen, der Axenstrasse oder der wichtigen Gotthardroute. 8

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Zur selben Zeit etablierten sich entlang der neu entstandenen Fremdenverkehrslinien auch erste Ferienorte.10 Die dortigen Hotelbauten waren in ihrem Ausmass aber oft wesentlich bescheidener als ihre städtischen Pendants und in ihrer architektonischen Ausformulierung zudem noch stark den regionalen Bautraditionen verhaftet. Dies änderte sich jedoch während der ersten grossen Hotelbauwelle zwischen 1860 und 1875, als auch in den Ferienorten grossvolumige Hotelbauten erstellt wurden. So konnte sich immer stärker eine neue, eigenständige Architektursprache für den Typus Hotel etablieren,


Abb. 04 | Das Hotel Waldstätterhof in Brunnen (um 1870)

welche massgeblich von Einflüssen aus der Palastarchitektur der Renaissance und des Barock geprägt war.11 Aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, beispielsweise dem Börsenkrach von 1873, fand die rege Bautätigkeit in der Schweizer Hotellerie dann aber ein zwischenzeitliches Ende und erholte sich erst um 1880 wieder, als mit dem Beginn der Belle Epoque die nächste grosse Wachstumsphase eingeläutet wurde. Nun waren die Hotelneubauten primär von historisierenden Stilen geprägt und es wurden, wie aus einem Baukasten, von anderen Stilen adaptierte Bauteile entnommen und neu zusammengefügt. Während der Belle Epoque entstand so auch die Typologie des Grand Hotels. Innert kurzer Zeit entstanden an vielen exklusiven Lagen in der Schweiz riesige Hotelpaläste. Doch nicht nur die äusserlichen Merkmale von Prunk und Reichtum, auch die räumliche Disposition der Grand Hotels orientierte sich klar an feudalistischen Vorbildern. Die anwachsende Bedeutung von Gesellschaftsräumen und eine sich immer stärker artikulierende Trennung von „Bühne“ und „Hinterbühne“ führten zu einer Art Inszenierung des adeligen Lebensstils. Der Gast sollte

Zudem etablierte sich in einigen Regionen ein Schweizer Holzstil (später Heimatstil), abgeleitet aus einer romantisierenden Vorstellung von Natur und Alpenwelt. Dieser „Swiss-Chalet“ Stil avancierte gar zum Exportschlager. Bekannt ist auch die etwas humoristische Bezeichnung dieses Stils als „Zimmermannsgotik“. (vgl. Flückiger-Seiler 2005, S.27) 11

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Abb. 05 | Der B端rgenstock mit seinen Hotelanlagen (um 1910)

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Abb. 06 | Luftaufname von St. Moritz (um 1934)


sich in diesen Schlössern des Grossbürgertums wie ein König auf Zeit fühlen.12 Viele Hotels wurden zu regelrechten Grossbetrieben und der Tourismus etablierte sich zunehmend als wichtige Dienstleistungsbranche in der Schweiz. Dadurch wurden aber zu dieser Zeit auch vermehrt Stimmen laut, welche die grossen Auswirkungen des Tourismus auf Landschaftsbild und gesellschaftliche Strukturen kritisierten.13 Zur wachsenden Kritik trug wohl auch der Umstand bei, dass grossvolumige Hotelkästen zunehmend auch ausserhalb der Städte und Ferienorte platziert wurden. Da Grand Hotels wie eigene, kleine Welten weitgehend unabhängig von ihrer Umgebung funktionieren, errichtete man diese fortan an attraktiven und exklusiven Lagen wie beispielsweise an Bergflanken oberhalb von Seen. An den neuen Standorten genoss man neben den üblichen Vorzügen des Grand Hotels vor allem auch die unverbaute, weitläufige Aussicht und die ruhige Lage. So entstanden in rascher Folge grosse Hotelbauten auf der Rigi, in Morschach, Seelisberg oder auf dem Bürgenstock.14 Besser betuchte Touristen entflohen so den immer stärker wachsenden Ferienorten und fanden in den abgeschiedenen Grand Hotels einen exklusiven Rückzugsort. Die Zeit um die Jahrhundertwende kann durchaus als wichtige „Prägephase“ des Tourismus in der Schweiz bezeichnet werden, da sich in der bürgerlichen Gesellschaft erstmals eine Art „Touristenklasse“ bilden konnte.15 Der ungebremste Aufstieg manifestiert sich auch in Zahlen. Nur schon in Luzern verzehnfachte sich zum Beispiel zwischen 1860 und 1914 die Anzahl angebotener Gästebetten auf 8‘600. Dabei stieg die Anzahl Betten pro Hotel im Durchschnitt gar von 9 auf 77.16

Daher erstaunt es auch nicht, dass gerade zu dieser Zeit viele Hotels mit Namen wie „Palace“ oder „Royal“ entstanden. (vgl. Flückiger-Seiler 2005, S.15) 13 Aus diesem Anlass wurde 1905 auch der Schweizer Heimatschutz gegründet. 14 Die sich rasch entwickelnden Bergbahnen beflügelten diese Entwicklung zusätzlich. Bereits um 1870 wurden gewisse Anlagen für einzelne Hotels errichtet. 15 Allerdings gehörten dieser zu jener Zeit kaum mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung an. (vgl. Spode 2011, S.11) 16 vgl. ebd. S.15 12

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Abb. 07 | Zeichnung von Armin Meili f端r einen Vorschlag zur Umgestaltung des Grand Hotels in St. Moritz (1945)

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Abb. 08 | Fotografie des Hotel Alpina in M端rren (um 1927)


Übergang zum Massentourismus Vor dem ersten Weltkrieg erreichte der Tourismus in der Schweiz seinen vorläufigen Höhepunkt.17 Mit dem zweiten Weltkrieg fand aber auch die goldene Ära der Grand Hotels ein Ende. Dies hing stark damit zusammen, dass sich die bisherige „Touristenklasse“ in der Zwischen- und Nachkriegszeit zunehmend auch auf die bürgerliche Mittelschicht auszuweiten begann. So wurde nach und nach eine „Demokratisierung des Konsums“ und damit auch des Reisens eingeleitet.18 Aus diesem Grund, und auch durch anklingende Einflüsse der Moderne, war auch die Architektur nach dem ersten Weltkrieg einem Paradigmenwechsel unterworfen. Der Historismus der Belle Epoque wurde klar abgelehnt und eine neue, ehrliche und fortschrittliche Architektur propagiert. Dieser Baufunktionalismus, welcher das Serielle und Fabrikmässige nicht mehr länger hinter einer historisierenden Schale verhüllen wollte, sondern es ästhetisch gar noch zu überhöhen versuchte, setzte sich trotz anfänglicher Skepsis schliesslich vielerorts durch.19 Die öffentliche Debatte um das mittlerweile skeptisch betrachtete bauliche Erbe aus der Belle Epoque bewog den Bundesrat 1944 dazu, eine Qualifizierung aller bestehenden Hotelbauten durch den Architekten Armin Meili vorzunehmen zu lassen und Vorschläge für eine „Säuberung der Baukörper von den unzweckmässigen und hässlichen Zutaten aus dem Ende des letzten Jahrhunderts“ auszuarbeiten. In der Folge kam es dadurch zu zahlreichen Hotelabbrüchen und Sanierungen und gipfelte schliesslich 1951 mit der vom Schweizer Heimatschutz inszenierten und finanzierten Aktion zur „Säuberung des Rigi Gipfels“.20,21

Die einschneidenden Folgen des erfolgten touristischen Ausbaus liessen dabei ins Bewusstsein rücken, dass sich die Landschaft in der Schweiz wohl nur dann auch in Zukunft touristisch vermarkten lasse, wenn sie über weite Strecken ihre optische Unberührtheit erhalten kann. (vgl. Fröhlich 1996, S.6) 18 vgl. Spode 2011, S.18f 19 vgl. ebd. S.19 20 vgl. Rucki 2012, S.208ff. 21 Erst ab 1975 erlebten die Grand Hotels der Belle Epoque durch einen zunehmend neutralen und forschenden Blick ihre Rehabilitation. 17

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Abb. 09 | Hotel Donatz in Samedan (um 1930) Abb. 10 | Hotel Hauser in St. Moritz (um 1975)

Kritisch äusserte sich zur neu aufkommenden kommerziellen Massenkultur im Tourismus bereits um 1960 der Soziologe Hans-Joachim Knebel:„Strukturwandlungen im modernen Tourismus: Anonymisierung und Entindividualisierung - das Hotel bewirtet nicht, sondern fertigt ab.“ (vgl. Spode 2011, S.23) 23 vgl. ebd. S.24 24 vgl. ebd. S.27 22

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Nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich die bereits in der Zwischenkriegszeit angeklungene „Demokratisierung des Reisens“ in vielen Teilen Westeuropas und Amerikas endgültig durch. Im Zuge des globalen wirtschaftlichen Aufschwungs trat der weltweite Massentourismus endgültig seinen Siegeszug an.22 Diese Entwicklungen manifestierten sich beispielsweise im Mittelmeerraum, wo in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Tourismusdestinationen entstanden. Hotelanlagen und Ferienresorts schossen aus dem Boden und prägen seither das Landschaftsbild durch ihr uniformes Erscheinungsbild nachhaltig. Auch der Wintertourismus liess einige Jahre später, beispielsweise in den französischen Alpen, innert kurzer Zeit ganze Retortenstädte wie Flaine oder Avoriaz entstehen.23 Die Schweiz blieb von diesen Entwicklungen zwar nicht vollends verschont, trotzdem kann hierzulande festgestellt werden, dass zumindest bis heute die „industrielle“ Beherbergung eine „mittelständisch-handwerkliche“ noch nicht verdrängt hat.24


Aktuelle Trends und Tendenzen für die Zukunft Momentan wird die Tourismusdebatte vor allem von ökologischen und gesellschaftspolitischen Themen dominiert. Beispielsweise steht im Rahmen der globalen Klimaveränderung immer stärker die Frage nach einem ökologisch vertretbaren Tourismus im Zentrum der Diskussion. Auch die fortschreitende Zersiedelung der Schweiz und damit der Disput um Zweitwohnungen und „kalte Betten“ stellen zurzeit kontrovers diskutierte Themen dar. Nicht zuletzt herrscht auch eine gewisse Skepsis gegenüber touristischen Grossprojekten von ausländischen Investoren. Ungeachtet dieser Herausforderungen ist die Schweiz gezwungen, sich intensiv Gedanken über die touristische Zukunft des Landes zu machen, da sich der globale Tourismus momentan in einem strukturellen Umbruch befindet. Über Jahrzehnte stammten die meisten Touristen in der Schweiz aus dem Inland oder den angrenzenden europäischen Ländern. Zwar dominieren, gemessen an den absoluten Zahlen, auch heute noch Touristen aus Deutschland, Grossbritannien oder Frankreich den Schweizer Tourismusmarkt. Doch im Zuge der globalen Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte können sich heute auch immer mehr Touristen aus Ländern wie China, Indien oder Brasilien Reisen nach Europa und in die Schweiz leisten. Diese „neuen Entdecker“ formieren sich zusehends zu einer zweiten, globalen Welle des Massentourismus. Sie schätzen die Schweiz als ein gut organisiertes, sauberes und sicheres Reiseland. Die grosse landschaftliche Vielfalt auf kleinstem Raum mit ihren Bergen, Gletschern und Seen ist aber auch heute noch das grösste touristische Kapital der Schweiz und macht sie im Ausland zu einem beliebten Reiseziel.25,26

Alle Daten und Fakten wurden der aktuellen Beherbergungsstatistik des Bundesamtes für Statistik entnommen (vgl. BFS 2012) 26 Diese Tendenzen wurden auch in einer ausführlichen Studie des BAK Basel im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO erwähnt (vgl. Hunziker 2012) 25

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Die Schweizer Hotellerie sieht sich aufgrund dieser tiefgreifenden strukturellen Veränderungen in den nächsten Jahren mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Dabei gilt es zu beachten, dass sich die neuen Touristen aufgrund ihres differenten kulturellen Umfeldes oftmals stark von den bisherigen Gästen unterscheiden. Ein Umstand, auf welchen es aus Sicht des Gastgebers zwingend Rücksicht zu nehmen gilt. Beim Blick auf die Schweizer Hotellandschaft fällt auf, dass zwar ein breit gefächertes Angebot an verschiedenen Hotels vorhanden ist, diese jedoch meistens eine relativ geringe Anzahl an Betten aufweisen. So hat ein Schweizer Hotel im Durchschnitt gerade einmal 27 Zimmer und über die ganze Schweiz gesehen haben gerade einmal 75 Hotelbetriebe mehr als 150 Zimmer. Die zehn grössten Hotels der Schweiz mit ihren rund 400-700 Zimmern liegen dabei ausschliesslich in der Nähe der Städte Genf und Zürich.27 In den traditionellen Ferienregionen wie Berner Oberland, Graubünden oder Vierwaldstättersee

Ihre Grösse und Lage lässt sich wohl durch die geografische Nähe zu den internationalen Flughäfen von Genf und Zürich sowie den sich dort befindenden Hauptsitzen von grossen, internationalen Konzernen und Organisationen erklären. 28 vgl. Shao 2012 29 Das System der Volumen- oder Kontingentsbuchungen wird auch bei den Flugtickets angewandt. 27

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sind die Hotels hingegen tendenziell kleiner. Am Vierwaldstättersee gibt es beispielsweise gerade einmal fünf Hotels, welche mehr als 150 Zimmer aufweisen. Gerade in diesen touristisch attraktiven Regionen wären allerdings einige grössere Betriebe mit rund 1000 Betten wünschenswert, da es so für die grossen Reiseveranstalter möglich wäre, Kontingentsbuchungen vorzunehmen und den Reisenden günstige Pauschaltarife anbieten zu können.28,29 Schliesslich drängt sich auch - die kontroversen Diskussionen aus der Belle Epoque oder den 60er Jahren lassen grüssen - erneut die Frage auf, wie sich derartig grosse Bauvolumen sinnvoll in die Landschaft einbinden lassen. Denn sowohl bei Umwelt- und Landschaftsschützern wie auch bei der Bevölkerung lösten beinahe alle grösseren Tourismusprojekte der letzten Jahre Unmut und Widerstand aus.


Abb. 11 | vgl. Schmid 2012, S.2 Abb. 12 | vgl. BFS 2012, S.10 Abb. 13 | vgl. ebd. S.10

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DIE GENESE EINER NEUEN HOTELTYPOLOGIE Die Erkenntnisse des ersten Kapitels deuten für die nächsten 20 Jahre auf einen einschneidenden Strukturwandel im Schweizer Tourismus hin – insbesondere aufgrund neuer Gästegruppen aus dem nichteuropäischen Ausland. Zu den Herausforderungen dieses Wandels gehören beispielsweise die Entwicklung von neuen Beherbergungsformen für eine steigende Anzahl an Gästen, die Anpassung des Angebots auf veränderte Kundenbedürfnisse und nicht zuletzt auch das Wahrnehmen einer ökologischen Verantwortung aufgrund der immer grösser werdenden Auswirkungen des Massentourismus auf den Natur- und Landschaftsraum. Da der globale Tourismusmarkt aber gleichzeitig auch zunehmend von einem Individualisierungsprozess geprägt ist, wird man als Schweizer Hotelier nicht allen neuen Kundenbedürfnissen in gleichem Masse gerecht werden können. So scheint es für die Genese eines neuen Hotelkonzeptes in erster Linie wichtig zu sein, sich auf eine spezifische Kundenschicht zu konzentrieren.30 Die folgende Untersuchung beschränkt sich daher in erster Linie auf Gruppenreisende mit einer kurzen Aufenthaltsdauer in der Schweiz. Bei dieser spezifischen Zielgruppe handelt es sich um ein Gästesegment, welches aufgrund der stark ansteigenden Zahl an asiatischen Reisenden in der Schweiz zunehmend an Wichtigkeit gewinnen wird. Um ein spezifisches Hotelkonzept für dieses Kundensegment und den Standort in Brunnen erarbeiten zu können, scheint es zunächst sinnvoll, exemplarisch einen „typischen Gast“ des Hotels kennen zu lernen. Diese Untersuchung soll Auskunft über seinen kulturellen Hintergrund, seine Ziele und Wünsche für den Aufenthalt in der Schweiz sowie sein spezifisches Reiseverhalten geben.

30

vgl. Frick et al. 2007, S.48

24


Das Profil eines „typischen Gastes“ Der typische Gast des „Transithotels“ ist ein chinesischer Staatsbürger und gehört zur aufstrebenden Mittelschicht. Er wählt wie die meisten seiner Landsleute für seine erste Europareise ein Multi-Destinationsangebot zum preiswerten Pauschaltarif.31 Im eigenen Reisecar besucht man dann im Gruppenverband während knapp zwei Wochen Sehenswürdigkeiten in rund zehn europäischen Ländern. Der Aufenthalt in der Schweiz beträgt dabei rund 36h und beinhaltet meistens eine Hotelübernachtung. Fast genauso wichtig wie Berge und Schnee ist den Chinesen in der Schweiz auch das Shopping. Insbesondere Luxusgüter wie Uhren und Schmuck sind beliebt, da diese in China mit hohen Steuern belegt und deshalb sehr teuer sind. Wie bei allen Aktivitäten während ihrer Reise gibt es aber auch fürs Shopping meistens nur ein kleines Zeitfenster.32

Neben einem guten PreisLeistungs-Verhältnis bietet diese Form der Reise zusätzlich auch den einfacheren Erhalt eines Visums sowie organisatorische Vorteile wie z.B. eine chinesisch sprechende Reiseleitung. 32 Für das Shopping in der Schweiz haben die Chinesen in der Heimat oft lange gespart und geben so laut einer Studie rund 350.- CHF pro Tag aus. (vgl. Schmid 2012) 31

25

Die kulturellen Unterschiede zu den bisher bekannten Touristen in der Schweiz offenbaren sich auch in den Essgewohnheiten der chinesischen Gäste. So sind in einigen Bereichen leichte Anpassungen des traditionellen Angebots nötig. Ganz allgemein wird von vielen Chinesen in den Restaurants eine chinesische Übersetzung der Speisekarte erwartet. Viele chinesische Touristen sind zudem aufgrund von Nahrungsmittelunverträglichkeiten bezüglich des Essens etwas heikel und ziehen es deshalb vor, auch auf Reisen ausschliesslich chinesische Küche zu geniessen. Andere hingegen sind nicht abgeneigt, im Sinne einer „exotischen Erfahrung“ einmal eine kleine Portion des ungewohnten Europäischen oder Schweizer Essens zu


kosten. In der Regel schätzen Chinesen zudem die Erweiterung des Frühstückangebotes und geniessen am Morgen gerne eine warme Reissuppe. Die momentanen Diskrepanzen von Angebot und Nachfrage im gastronomischen Bereich äussert sich heute beispielsweise darin, dass momentan viele chinesische Reisegruppen vor dem Check-In ins Hotel noch einen kurzen Halt in einem China-Restaurant machen.33 Ein Hotel, welches sich speziell auf chinesische Gruppenreisende ausrichtet, sollte aber neben den veränderten Essgewohnheiten auch noch andere Ansprüche der Chinesen an eine Beherbergung kennen. Rasche Check-In und Check-Out Vorgänge werden aufgrund der knapp bemessenen Zeit ebenso vorausgesetzt wie hilfsbereites und freundliches Personal. Sehr erfreut sind sie zudem über chinesische Sprachkenntnisse beim Hotelpersonal, zumindest an der Rezeption oder im Hotelrestaurant. Was die Beherbergung betrifft gelten die chinesischen Gäste, gerade bei Gruppenreisen als sehr preissensibel. Sie geben ihr Geld lieber für Shopping und Souvenirs, Sightseeing-Erlebnisse oder Essen aus, denn ihr Hotelzimmer sehen sie sowieso jeweils nur für ein paar wenige Stunden. Es genügt also eine einfache und zweckmässige Ausstattung der Zimmer. Gern gesehen sind aber beispielsweise Wasserkocher, Reiseadapter oder Einweg-Toilettenartikel. Gerade bei Gruppenreisen sind zudem zwei Einzelbetten anstelle eines Doppelbettes vorzusehen, da sich die Mitglieder der Reisegruppen vor der Reise oft nicht kennen.34

Dies zeigt sich beispielsweise in einer Reportage der TV-Sendung 10vor10, welche eine chinesische Reisegruppe 36 Stunden auf ihrer Reise durch die Schweiz begleitete. (vgl. Bucher 2010) 34 Diese und viele weitere Informationen über die spezifischen Bedürfnisse der chinesichen Gäste finden sich in einer Broschüre von hotelleriesuisse (August 2012) 33

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EINE TYPOLOGISCHE SPEKULATION Da die typischen Gäste des Transithotels nun etwas besser bekannt sind, stellt sich die Frage, welche Art der Beherbergung für dieses Gästesegment geeignet wäre und ob die Schweizer Hotellerie derartige Produkte bereits anbietet. Die spezifischen Bedürfnisse der Zielgruppe müssen daher erst einmal in eine genauere Vorstellung eines architektonischräumlichen Programms übersetzt werden. Einer der wichtigsten Ansprüche der chinesischen Gruppenreisenden ist es, für die Hotelübernachtungen möglichst wenig Geld auszugeben. Da sich dies in vielen Fällen nur über Kontingentsbuchungen der Reiseveranstalter bei den Schweizer Hoteliers erreichen lässt, scheint grundsätzlich schon einmal klar zu sein, dass sich das angestrebte Konzept des Transithotels eher für ein grosses Hotel mit vielen Zimmern eignet. Über die ganze Schweiz gesehen sind jedoch nur ganz wenige grössere Hotels vorhanden, und gerade in der Zentralschweiz, einer der touristisch attraktivsten Gegenden der Schweiz, gibt es kaum Hotels mit mehr als 150 Zimmern. Ein realistischer Zielwert für das angestrebte Programm eines Transithotels wären hingegen rund 500 Zimmer oder 1000 Betten.35 Als zweites wichtiges Kriterium sind die speziellen Reisegewohnheiten der Chinesen zu beachten. Dazu gehört neben der Formierung zu einer organisierten Reisegruppe insbesondere auch die Art der Fortbewegung im Reisecar. Dies ist für die chinesischen Pauschaltouristen die speditivste und daher auch am meisten verbreitete Art der Fortbewegung in Europa. Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, werden

35

vgl. Shao 2012

28


Sehenswürdigkeiten, Hotels und Chinarestaurants zielstrebig mit dem Car angesteuert. Bei einem Grosshotel wie dem geplanten Transithotel in Brunnen würde dies aber aufgrund einer Vielzahl von zeitgleich eintreffenden Reisecars zu grossen Schwierigkeiten führen. Um Check-In und Gepäckhandling zu vereinfachen ist demnach eine terminalähnliche Lösung anzustreben, bei welcher die Reisecars in eigenen Buchten anhalten und auch während der Nacht stehen bleiben können. Noch wichtiger als eine preiswerte und moderne Unterkunft ist für die meisten Chinesen aber natürlich die Naturlandschaft der Schweiz und – fast genauso wichtig - viele, attraktive Shop-

29

36

vgl. Bucher 2010

pingangebote. Diese befinden sich im Moment primär in den Altstädten und werden dort während des kurzen Sightseeings zielstrebig angesteuert. Aufgrund des dicht gedrängten Zeitprogramms der Reisegruppen fehlt jedoch oft die Zeit für ein ausgedehntes Shoppingvergnügen, weshalb die teuren Luxusartikel meistens „im Vorbeigehen“ gekauft werden müssen.36 Genau aus diesem Grund lagern sich nun vermehrt auch an den touristischen Hotspots wie auf dem Titlis oder der Jungfrau Ladenlokale mit ihren touristischen Angeboten ein. In der Konsequenz bestünde also auch für das Transithotel die Möglichkeit, als Ergänzung des Raumprogrammes eine Auswahl an Shoppingmöglichkeiten anzubieten. Dort könnten die bei den Touristen so beliebten Marken wie Victorinox, Rolex oder Lindt&Sprüngli in einer Art „Dependance“ kleinere


Ladengeschäfte als Ergänzung zu ihren städtischen Mutterhäusern betreiben. Analog dazu könnten sich, als Alternative zu einem einzelnen, grossen Hotelrestaurant mit europäisch geprägter Karte, viele kleinere Gastronomiebetriebe mit einem breiten Angebot an verschiedenen Speisen und Getränken in den gemeinschaftlichen Bereichen des Hotels einmieten. Als ideale Ergänzung zu Shopping und Gastronomie bieten sich schliesslich auch noch Nutzungen für abendliche Unterhaltung oder Erholung an. Schon dieses in groben Zügen umrissene Raumprogramm macht deutlich, dass das Konzept des „Transithotels“ weit über das Angebot eines klassischen Hotels hinausgeht. Sicherlich ist bereits heute eine Tendenz zur Erweiterung von Raumprogramm oder Dienstleistungsangebot bei vielen Hotels erkennbar, beispielsweise in Form von Tagungs- und Seminarräumen, Spa-, Fitness- oder Wellnessbereichen. Doch in diesem Ausmass wäre das symbiotische Ineinandergreifen von Beherbergung, Shopping und Gastronomie in der Schweiz bisher sicherlich ein Einzelfall. Dies umso mehr, da in diesem Zusammenhang auch eine Neuinterpretation der gängigen „typologischen Grammatik“ eines Hotels angestrebt wird. Diese schliesst neben dem erweiterten Raumprogramm zusätzlich auch noch weitere Punkte wie die Situierung, Erschliessung und Organisation des Gebäudes sowie dessen architektonische Ausformulierung im Innen- und Aussenraum mit ein.

30


Inspirationsquellen für eine architektonische Weiterentwicklung des Typus Hotel sind schon nur durch die angestrebte Erweiterung des Raumprogrammes genügend vorhanden. Durch die grosse Anzahl an Gästen und ihrer kurzen Aufenthaltsdauer wird das Transithotel zudem (stärker als es ein Hotel ohnehin schon ist) zu einem transitorischen Ort, einem

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Raum des Übergangs und des Temporären. So können auch philosophische und soziologische Studien zur Produktion, Wirkung und Wahrnehmung solcher Räume zu einer Sensibilisierung für dieses Thema beitragen. Darüber hinaus scheint es sinnvoll und nötig, sich für die architektonisch-räumliche wie aber auch für die technisch-organisatorische Genese der neuen Typologie des Transithotels an verwandten Bauaufgaben wie Flughafenterminals oder Shoppingcenter zu orientieren und sich von deren typologischen Eigenheiten inspirieren zu lassen. Dabei geht es sowohl um das Erkennen einzelner, spezifischer Merkmale wie aber auch darum, diese in einem grösseren Zusammenhang zu begreifen und sie schlussendlich mittels eines Projektentwurfs zur neuartigen Typologie des Transithotels zusammenzuführen.


Methodisches Vorgehen Die folgende typologische Spekulation gleicht in methodischer Hinsicht einer global ausgerichteten und bewusst offen gehaltenen Tour d’Horizon. Ziel dabei ist es, bei diesem sinnlichen und lustvollen Streifzug durch thematisch verwandte Themengebiete Inspiration und Denkanstösse zu gewinnen, aber auch die bereits vorhandenen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Objekten zu erkennen. Somit kann es sich jedoch keinesfalls um eine umfassende oder gar abschliessende Untersuchung handeln. Dies wäre bei einem derart vielschichtigen Thema aber ohnehin weder möglich noch sinnvoll. Die Betrachtung findet aber keineswegs nur fixiert auf typologisch verwandte Einzelgebäude statt sondern richtet den Fokus bewusst auch auf städtebauliche, wirtschaftliche oder soziologische Aspekte. Ein Mindestmass an gedanklicher Ordnung erfolgt dabei mittels einer thematischen Gliederung in eine Reihe von übergeordneten Begriffspaaren – Ordnung/Unordnung, Global/Lokal und Illusion/Realität. Innerhalb dieser drei Begriffspaare werden exemplarisch jeweils drei einzelne Objekte oder Untersuchungsgegenstände analysiert.

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Abb. 14 | Haupthalle der Grand Central Station, New York

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ORDNUNG / UNORDNUNG Die Konzeption der neuen Typologie des Transithotels erfordert aufgrund ihrer Fokussierung auf Reisegruppen mit einer kurzen Aufenthaltsdauer ohne Zweifel eine dezidierte Auseinandersetzung mit Fragen der Organisation und der Infrastruktur. Doch nicht nur die reine Grösse des Hotels und die dementsprechende Versorgung einer grossen Anzahl an Gästen spielen dabei eine Rolle. Auch die häufigen Gästewechsel, die An- und Abreise im Gruppenverband oder die vielfältigen Nebennutzungen im Hotel bedingen ein Augenmerk auf die funktionalen Abläufe im Innern des Hotels.37 Im Wesentlichen geht es also um die Suche nach Ordnungsprinzipien und ordnenden Strukturen, welche die verschiedenen Kreisläufe im Innern des Transithotels untereinander zu koordinieren vermögen. Für die folgende Untersuchung steht dabei die Frage im Zentrum, wie mit architektonischräumlichen aber auch mit technischen Mitteln diese Aufgaben bewältigt werden können. Die Analyse erfolgt anhand von drei unterschiedlichen Infrastrukturbauten - dem Port Authority Busterminal und der Grand Central Station in New York, sowie dem Terminalbau Dock Midfield am Flughafen Zürich.

Als (teilweise) gebautes Manifest gilt in diesem Zusammenhang die Feriensiedlung „Prora“ auf Rügen. (Clemens Klotz, 1935 -1939). Der propagandistische Bau folgt dabei streng den funktionalen Anforderungen um jährlich bis zu 400΄000 Urlauber aufnehmen zu können. (vgl. Spode 2011, S.21f) 37

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Abb. 15 | Zugangssituation zum Port Authority Bus Terminal

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Abb. 16 | Historische Aufnahme des Port Authority Busterminals


Port Authority Busterminal / New York In Bezug auf die Organisation von unterschiedlichen betrieblichen Abläufen, von Ankunfts- und Abfahrtssituationen sowie dem kurzzeitigen Transitaufenthalt in einem Gebäude lohnt sich der Blick auf grössere Bus-, Bahn- und Flughafenterminals. Zunächst soll dies am Beispiel des berühmten New Yorker „Port Authority Bus Terminals“ geschehen, notabene eines der weltweit grössten Busterminals überhaupt. Es wurde 1950 im Herzen von Manhattan an der Ecke 42nd Street/8th Avenue eröffnet. Schon damals nahm es die Fläche eines ganzen Blocks ein (ca. 270m x 80m) und wurde 1979 sogar noch um einen Annexbau erweitert. Täglich verkehren ab den 223 Bussteigen rund 7‘200 Autobusse und Reisecars und befördern so an einem durchschnittlichen Tag etwa 200‘000 Fahrgäste.38 Aufgrund dieser immens hohen Zahlen stehen nun bei der Betrachtung derartiger Gebäudetypologien zwei konkrete Fragen im Zentrum. Wie muss ein Gebäude räumlich organisiert sein, damit der Durchlauf einer grossen Anzahl von Reisenden möglichst reibungslos verläuft und mit welchen entwerferischen und planerischen Massnahmen kann dieses Ziel erreicht werden? Prinzipiell ist eine horizontale Schichtung der verschiedenen Nutzungen erkennbar. So befinden sich auf der Ebene der Stadt und über alle vier Gebäudeseiten verteilt zahlreiche Zugänge. Das zweigeschossige Erdgeschoss beinhaltet diverse Nutzungen wie Läden, Schnellrestaurants oder

vgl. Artikel zum Port Authority Busterminal auf Wikipedia 38

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Ticketautomaten. Darüber folgen auf zwei weiteren Geschossen die über 200 Bussteige, welche über zahlreiche vertikale Erschliessungen wie Rolltreppen und Lifte erreicht werden. So finden alle horizontalen Bewegungen der Reisenden innerhalb des Gebäudes nicht auf der Ebene der Bushaltestellen sondern in der darunter liegenden „Shopping-Ebene“ statt. Über den zwei Geschossen der Bushaltestellen befinden sich auf dem Dach des Gebäudes sowie im Annexbau rund 1250 PKW-Parkplätze. Die Untergeschosse beinhalten einige weitere Haltestellen von lokalen Busrouten sowie Schalteranlagen und die Zugänge zu mehreren Linien der New Yorker Subway. Eine wesentliche Massnahme für die Organisation des Gebäudes und der betrieblichen Abläufe scheint also das „Abheben“ der Ebene der Bushaltestellen zu sein. Dies geschieht primär zum Vorteil einer besseren Zirkulation der Reisenden in den Erdge-

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schossen und damit auf den wirtschaftlich interessanteren Ebenen der Stadt und des Konsums. Doch auch verkehrstechnische Gründe dürften bei diesem Entscheid eine wichtige Rolle gespielt haben. Viele Busse gelangen nämlich nicht über das lokale Strassennetz Manhattans ins Busterminal sondern über eigens erstellte, grosse Zufahrtsrampen. Diese führen, ähnlich wie die Geleise eines Bahnhofes, direkt in den Bauch des Terminals. Anschliessend gelangen die Busse über diese Rampen auch wieder nach draussen und sind direkt mit dem Lincoln Tunnel und den verschiedenen Highways verbunden. Besonders für die Fernverkehrslinien ist diese ausgeklügelte Organisation der Zu- und Abfahrtssituationen wertvoll, erreicht man damit doch eine weitgehende Unabhängigkeit von der lokalen Verkehrslage.


Grand Central Station / New York Seit ihrer Eröffnung 1913 ist die „Grand Central Station“, an der Anzahl der Geleise gemessen, der grösste Bahnhof der Welt. Auf zwei Ebenen befinden sich 44 Bahnsteige, an welchen insgesamt 67 Geleise enden. Zwar verkehren mittlerweile viele Fernverkehrszüge an andere Endbahnhöfe wie die Penn Station, trotzdem ist die Grand Central Station, insbesondere aufgrund der vielen Pendlerzüge aus den Suburbs auch heute noch stark frequentiert. Ausserdem markiert sie einen der wichtigen Knotenpunkte im städtischen U-Bahn Verkehr. Auch bei diesem Bau lassen sich einige Aspekte erkennen, welche exemplarisch die Situierung, die innere Organisation und die räumliche Struktur von stark frequentieren Gebäuden auszeichnen. Die räumliche Grunddisposition stammt dabei, anderst als die äussere Hülle im Stile der Beaux-Arts, von den Architekten Reed & Stem. Sie verstanden das Gebäude primär als einen Infrastrukturbau und verfolgten daher als oberste Maxime die Entflechtung der verschiedenen Kreisläufe von Auto-, Fussgänger- und Zugverkehr. Das Ausmass ihrer Bemühungen ist heute aber nur noch bedingt sichtbar, da sich ein Grossteil des Bauvolumens im Untergrund befindet.39 Das Gebäude reicht aufgrund vieler unterirdischen Ebenen so tief in die Erde wie kein anderes Gebäude in New York und reicht im Untergrund von der 42. bis zur 50. Strasse.40 Im Laufe der Zeit hat sich die Grand Central, auch aufgrund der zentralen Lage in der Stadt, über ihre Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt hinaus zu einem wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt entwickelt. Heute ist sie nicht mehr nur ein Bahnhof sondern beherbergt auch fast 70 verschiedene Ladengeschäfte, Restaurants und Bars. So scheint hier der Zugverkehr für viele

Eine Ausnahme bildet dabei die wohlproportionierte Haupthalle mit ihren imposanten Ausmassen von 113m x 36m x 37m. 40 vgl. Haberlik 2008, S.24ff 39

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Besucher beinahe zur Nebensache zu verkommen. Anschaulich führt einem das heutige Raumprogramm der Grand Central vor Augen, wie eng öffentlicher Personenverkehr und Konsum in der heutigen Gesellschaft miteinander verbunden sind. Vergleichbar mit den Rail-Citys in der Schweiz oder auch mit sämtlichen internationalen Flughäfen geht es den Betreibergesellschaften heute nicht mehr primär darum, den Gast so rasch wie möglich von A nach B zu befördern, sondern ihm dabei auch noch ein möglichst grosses Angebot für den Konsum von Waren und Dienstleistungen zu unterbreiten. Die Planungsprämissen eines solchen Objekts scheinen sich in den letzten 100 Jahren doch beträchtlich geändert zu haben. Trotzdem ist die Grand Central Station aber auch rückbli-

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ckend und weit über einen architektonisch-gestalterischen Gesichtspunkt hinaus gesehen ein interessantes Analyseobjekt. Der zielgerichtete Einsatz von ordnenden und strukturierenden Elementen im Umgang mit einer immensen Masse an Reisenden wird nämlich auch aus heutiger Sicht deutlich. Was beim Port Authority Busterminal über das Abheben der Bussteige gelingt - nämlich die möglichst ungehinderte Zirkulation der Menschenmassen - wird bei der Grand Central Station primär über die riesige Querhalle erreicht. Über grosse Bogenfenster an der Ost- und Westseite wird die Halle mit ausreichend Tageslicht versorgt. Das Prinzip der zentralen Zirkulationsfläche funktioniert bei der Grand Central auch deshalb so gut, da die Halle, im Gegenteil zu vielen anderen heutigen Bahnhofshallen, weitgehend befreit von statischen oder temporären


Einbauten ist. Auch tangieren weder kommerzielle Nutzungen noch Automaten oder Sitzbänke diesen Bereich. Erneut ist bei diesem Objekt eine Organisation in unterschiedlichen Layern erkennbar, welche in den meisten Fällen aber ungesehen unterhalb der Erdoberfläche verlaufen. Da die Zirkulation der Reisenden so primär in vertikaler Richtung erfolgt (Rolltreppen, Lifte), können trotz vieler verschiedener Zug- und U-Bahnlinien die Umsteigezeiten relativ kurz gehalten werden.

Abb. 17 | Treppenanlage in der Grand Central Station, New York

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Abb. 18 | Aussenbereich des Dock Midfields mit Zufahrtstunnel

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Abb. 19 | Wartebereiche auf der Ebene des Abflugs


Dock Midfield / Zürich Eröffnet wurde das Dock Midfield im Jahr 2004 als fünfte und bisher letzte grosse Erweiterungsetappe des Flughafens Zürich. Heute wird es täglich von bis zu 35‘000 Reisenden genutzt. Wie eine Insel liegt es abgeschnitten vom Rest der Flughafeninfrastruktur inmitten der Rollfelder. Dieser Umstand erforderte zunächst eine unterirdische Verbindung zu den alten Terminalgebäuden. In diesem Tunnel verlaufen alle technischen Installationen, automatische Kofferbänder sowie ein Personentransportsystem, die Skymetro. Die mehrgeschossige Ankunftshalle der Skymetro bildet dabei auch gleich das Zentrum des 500m langen und 35m breiten Baukörpers.41 Grundsätzlich ist auch hier wieder eine Organisation in verschiedenen, übereinander liegenden Schichten erkennbar. Neben der angesprochenen Station der Skymetro befinden sich im Untergeschoss vor allem Technikräume. Das Erdgeschoss, direkt angebunden an die Rollfelder, beinhaltet die grossen Gepäcksortieranlagen sowie weitere Betriebsräume. Darüber folgen die beiden Ankunfts- und Abflugsebenen und schliesslich das etwas zurückversetzte Dachgeschoss mit Lounges und Besucherterrassen. Die äussere Gestalt des Dock Midfield entwickelt durch ihre Kubatur, die strukturelle Regelmässigkeit und Repetition sowie die Materialisierung in Stahl und Glas zwar durchaus Präsenz, gibt sich aber nach aussen hin dennoch ruhig und zurückhaltend. Von Effekthascherei oder einer übertriebenen Zeichenhaftigkeit kann hier wahrlich nicht die Rede

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vgl. Spühler et al 2002, S.17

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sein. Die Architekten verstehen dies als eine Art „Poetik des Alltags“. Ihrer Ansicht nach könne sich eine Architektur demnach als poetisch kennzeichnen, wenn sie „die Bedingungen und Regeln ihrer Produktion verdeutlicht, vor allem die Verhältnisse, unter denen sie entstanden ist.“42 Diese pragmatische Grundhaltung setzt sich auch im Innenraum fort. In vielen Bereichen konnte beim Dock Midfield die Absicht „den Aspekt der Wirtschaftlichkeit mit dem Wunsch nach gestaltbildender Identifikation in Einklang zu bringen“ erstaunlich konsequent umgesetzt werden. So wird auf ein verwirrendes, labyrinthisches Raumgefüge verzichtet und die Wegführung der Passagiere stattdessen als Raumsequenz im Sinne einer „promenade ar-

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43

43

vgl. Spühler et al 2002, S.15 vgl. ebd. S.15

chitectural“ gestaltet.43 Die regelmässig gesetzten, massiven Erschliessungskerne sowie grosse, bepflanzte Innenhöfe sorgen im Abfluggeschoss für eine spürbare Rhythmisierung des langen Baukörpers. Auch die grosszügigen Sichtbezüge zum Aussenraum tragen zur guten Orientierung innerhalb des Gebäudes bei. Den langen horizontale Erschliessungswegen, welche bei Flughafenterminals aufgrund des grossen Platzbedarfs der Flugzeuge im Aussenraum typischerweise auftreten, wird (wie bei fast allen Flughäfen) zusätzlich mit technischen Massnahmen wie Rollbändern entgegengewirkt. Die typologische Eigenart der langen Erschliessungswege bietet gleichzeitig aber auch Vorteile für die Betreiber, indem sie diese für einen gezielten Einsatz von Werbung und kommerziellen Angeboten nutzen können.


Abb. 20 | Querschnitt durch das Dock Midfield, Mst. 1:1000 Abb. 21 | Gep채cksortieranlage im Untergeschoss des Dock Midfield

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Emge 1990 S. 103

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Abb. 22 | Benidorm in einer aktuellen Luftaufnahme (2010)

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GLOBAL / LOKAL Im Rahmen der typologischen Spekulation soll über den Massstab des Einzelgebäudes hinaus auch ein Grundverständnis für die vielfältigen Auswirkungen des Phänomens des Massentourismus erreicht werden. Dies scheint durchaus wichtig zu sein, um den Projektentwurf des Transithotels schliesslich mit einer gewissen Ernsthaftigkeit in einem lokalen aber auch in einem übergeordneten Kontext verankern zu können. Auch wenn die neue Typologie des Transithotels lediglich als „Antwort“ auf die sich bereits im Gange befindlichen strukturellen Veränderungen im Tourismus verstanden werden kann, so wird es die weitere Entwicklung des Massentourismus in der Schweiz wohl eher begünstigen als bremsen. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Massentourismus muss demnach bei der typologischen Spekulation des Transithotels ebenfalls einen wichtigen Bestandteil darstellen. Hierbei scheint ein temporärer Massstabssprung sinnvoll, denn die Auswirkungen des Massentourismus reichen weit über architektonische Fragen am Einzelobjekt hinaus. Die Einflussnahme des Massentourismus auf Siedlungs- und Landschaftsräume interessiert dabei genau so wie auch wirtschaftliche oder soziologische Fragen. Anhand von drei exemplarisch ausgewählten Tourismusdestinationen (Benidorm, Avoriaz, Tirol) werden diese Aspekte in der folgenden Untersuchung beleuchtet.

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Abb. 23 | Benidorm (um 1965) 47

Abb. 24 | Benidorm (2010)


Benidorm / Spanien Am Beispiel des spanischen Küstenortes Benidorm zeigt sich anschaulich, wie einschneidend sich das Gesicht eines Ortes durch den Massentourismus verändern kann. In den 1950er Jahren noch ein kleines Fischerdorf, entwickelte sich Benidorm in den folgenden Dekaden in rasantem Tempo zu einer riesigen Feriendestination. Unzählige Hochhäuser schossen innert weniger Jahren aus dem Boden und heute weist Benidorm, in Relation zu seiner Einwohnerzahl, gar die weltweit grösste Hochhausdichte auf. 140 der 200 grössten Hochhäuser von Spanien stehen hier auf engstem Raum beisammen.44 Benidorm zählt nach offiziellen Angaben nur rund 68‘000 Einwohner, während den Sommermonaten sind es aber um die 1.5 Mio. Menschen, welche die Stadt (zumindest temporär) zur Metropole anwachsen lassen. Auch wenn Benidorm mit seinem kometenhaften Aufstieg zur Feriendestination für die Masse keineswegs alleine dasteht, so kann es doch in mannigfacher Hinsicht als exemplarisches Beispiel für verfehlte Entwicklungen im Massentourismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts angesehen werden. Dies betrifft zum Beispiel die Politik, welche anfangs nicht einmal Bauvorschriften erliess. Da die verfügbare Landesfläche zwischen Küste und Gebirge rar und daher kostbar war, regulierte sich die Entwicklung Benidorms in der Folge selbständig. Im Laufe der Jahre orientierte man sich beim Ausbau der touristischen Infrastruktur also lediglich an den beiden Prinzipien Masse und Vertikalität.45,46

vgl. Schüle 2010 Das Architekturbüro MVRDV versteht Benidorm als Teil eines einzigen, urbanisierten Küstenstreifens, welcher sich von der französischen Grenze bis nach Gibraltar zieht und deren Besitzer keine nationale Wirtschaft sondern die Ströme des globalen Kapitals sind. Dies geht aus der Studie „Costa Iberica - Upbeat to the Leisure City“ hervor. (vgl. MVRDV 1998) 46 vgl. Schüle 2010 44 45

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Abb. 25 | Collage von MVRDV in ihrer Studie „Costa Iberica Upbeat to the Leisure City“

Dies geschieht primär über die Anzahl an Hotelbetten. Benidorm weist dabei nach Paris und London die dritthöchste Hotelbettenanzahl in ganz Europa auf. (vgl. Schüle 2010) 47

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Den kritischen Stimmen von Umwelt- und Naturschützern zum Trotz scheint man in Benidorm keineswegs unglücklich über die erfolgten Entwicklungen der letzten gut 50 Jahre zu sein. Es scheint sogar, als sei eher das Gegenteil der Fall. Denn seit Beginn des touristischen Ausbaus orientierte man sich hier konsequent an der aufkeimenden Reiselust der gesellschaftlichen Mittel- und Unterschicht und schuf zielgerichtet die entsprechenden, preisgünstigen Urlaubsangebote.47 Dass diese aggressive Expansionsstrategie allerdings ziemlich augenfällig auf Kosten von wertvollen natürlichen Ressourcen geschah, lässt sich wahrlich nicht von der Hand weisen. Daher gilt Benidorm gewissermassen auch als Mahnmal für die potenziellen Auswirkungen einer touristischen Expansionsstrategie.


Avoriaz / Frankreich Vergleichbar mit der Sommersaison an den spanischen oder italienischen Mittelmeerküsten lässt sich im alpinen Raum auch in den Wintermonaten die fortschreitende Entwicklung und die weitreichenden Auswirkungen des Massentourismus nachweisen. In den französischen Alpen entstanden beispielsweise in den 1960er Jahren ganze Retortenstädte, welche innert kurzer Zeit und direkt auf den Berggipfeln quasi „aus dem Nichts“ aus dem Boden gestampft wurden. Als anschauliches Beispiel dafür kann der Ferienort Avoriaz im Skigebiet „Portes du Soleil“ genannt werden. Ursprünglich als das „Saint Tropez de Neige“, einem exklusiven Ferienort für die High Society der 60er Jahre geplant, liegt Avoriaz oberhalb der Ortschaft Morzine auf dem Gebiet des Departements Haute-Savoye, nahe der Schweizer Grenze. Avoriaz wurde auf einer ehemaligen Alpweide als autofreie Ferienstadt konzipiert, welche nur über eine Luftseilbahn von Morzine aus zu erreichen ist. Skipisten und Lifte verlaufen zwischen den zahlreichen Hotel- und Ferienhausanlagen. Einige der bis zu 16 Geschosse hohen, grossmasstäblichen Hotelbauten wurden aus Gründen der Inszenierung ganz bewusst dramatisch nahe an die Abhänge der Bergkanten gesetzt. Die fragmentierte und immer wieder auf die Topografie abgestimmte Volumetrie der Gebäude führt dazu, dass die Bauten mit dem felsigen Hintergrund der Bergwelt verschmelzen.48 Dies fällt einem besonders bei der Ankunft auf, beim Blick aus der Luftseilbahn hinauf nach Avoriaz. Zum Eindruck des „Verschmelzens“ von Fels und Gebäudekörpern trägt auch die Materialisierung bei. Die Trag- und Raumstrukturen wurden dabei aus ökonomischen Gründen in Stahlbeton errichtet.

48

vgl. Messmer et al. 2011

50


Anschliessend griffen die Architekten und Investoren abei der Gestaltung der Fassaden aber auf eine Art „Lokalkolorit“ zurück, indem sie die Oberflächen in den meisten Fällen grossflächig mit einem Kleid aus Holzschindeln versahen. Diese haben mittlerweile, im Laufe der letzten 50 Jahre, eine silbern schimmernde Patina angenommen.49

51

49

vgl. Messmer et al. 2011

Sowohl die grosse Homogenität in der Erscheinung dieses Tourismusortes, wie auch die deutlich artikulierte Suche nach einer aktiven und permanenten Verbindung mit der Topografie ist für eine „Retortenstadt“ im Tourismussektor sicherlich eine bemerkenswerte Qualität. Diese liegt wohl zu einem grossen Teil darin begründet, dass praktisch alle Gebäude innerhalb von wenigen Jahren und von denselben Architekten und Investoren geplant und realisiert wurden. Trotzdem dass bei diesen Hotelbauten aus der Pionierzeit des winterlichen Massentourismus eine gewisse Ästhetik also nicht von der Hand zu weisen ist, kann auch die interessante volumetrische Ausformulierung sowie die Umhüllung derselben mit lokal typischen Materialien nicht über den doch etwas surrealen Charakter solcher Retortenstädte hinwegtäuschen.


Abb.26 | Luftaufnahme Avoriaz

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Abb. 27 | Après-Ski Bar im Tirol

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Abb. 28 | Etappenweiser Ausbau der touristischen Infrastruktur


Tirol / Österreich In der Schweiz und später auch in Österreich führte der boomende Wintertourismus in den 1950er und 1960er Jahren ebenfalls zu einer vermehrten Bautätigkeit im hochalpinen Raum. Diese manifestierte sich allerdings nicht wie in den französischen Alpen in der Entstehung von ganzen Retortenstädten. So entwickelte sich in Österreich beispielsweise im Laufe der Jahre eine ganz eigenständige Form des touristischen Ausbaus. Hier lässt sich bis heute eine touristische Infrastruktur nachweisen, welche mehrheitlich aus einem kleinbürgerlichen oder sogar bäuerlichen Hintergrund hervorging. Sie entstand mehrheitlich ohne Bezug zu den akademischen Gestaltungsdiskussionen der Moderne und besteht vorrangig aus einer Vielzahl von kleineren Bauvolumen, welche sich in ihrer Gestaltung stark an einer ortstypischen und traditionellen Architektursprache orientieren. Begründet werden kann dies beispielsweise mit den privaten und daher begrenzten Investitionsmöglichkeiten sowie einer eher lokal ausgerichteten Baubranche. Der rustikale Chalet-Stil sprach zunächst vor allem deutsche Gäste an, welche in ihrer Wahrnehmung wohl auch von den Heimatfilmen der Nachkriegszeit geprägt waren.50 Durch die steigende Anzahl an Gästen sowie neuen räumlichen Anforderungen wie Wellness- oder Restaurantbereiche musste die touristische Infrastruktur im Laufe der Jahre jeweils schrittweise umgebaut oder erweitert werden. Dies führte und führt auch heute noch in vielen Fällen zu einem heterogen

50

Zinganel 2008, S.26-37

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anmutenden „Flickwerk“ welches sich einerseits in Gebäudestruktur und Erscheinungsbild der jeweiligen Gastbetriebe manifestiert, sich andererseits aber auch auf das gesamte Ortsund Landschaftsbild einer Tourismusdestination auswirkt. Diese Konstellationen stellen sowohl als physische Objekte wie auch als gesellschaftliche Systeme „Wucherungen“ dar und wirken so fast wie eine Antithese zur modernen Maxime der „Reinheit der Formen“. Auch von den Retortenstädten in den französischen Alpen grenzt sich diese Form des touristischen Ausbaus klar ab, da sie ganz wesentlich auf dem Prinzip einer hohen Partizipation der Bevölkerung aufbaut.51

vgl. Zinganel 2008, S.26-37 Mit dieser Thematik setzt sich beispielsweise der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner auseinander. (vgl. TV-Beitrag in der Sendung „Kulturplatz“ vom 18.01.2013) 51 52

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Diese Art der touristischen Einflussnahme setzte sich in weiten Teilen von Österreich und teilweise auch in der Schweiz bis heute praktisch unverändert fort. Mittlerweile wird das typische Erscheinungsbild vielerorts sogar ganz bewusst romantisiert und als wertvolles Kapital wahrgenommen. So stellt die rustikale Gemütlichkeit oftmals einen wichtigen Bestandteil des touristischen Standortmarketings dar. Da gerade an den Stellen der grössten „Wucherungen“ auch die grösste Abhängikeit vom Tourismus besteht, sind kritische Stimmen zur Expansion des Tourismus aber eher selten.52


Abb. 29/30 | „Hinter den Bergen“, Fotografien von Lois Hechenblaikner (2009)

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Abb. 31 | Innenraum der New South China Mall in Dongguan, China

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ILLUSION / REALITÄT Das letzte Begriffspaar der typologischen Spekulation fokussiert wieder stärker auf die Produktionsbedingungen und Wahrnehmbarkeit von Innenräumen. Bei den drei untersuchten Objekten unterscheiden sich diese nicht selten ganz wesentlich von der Gestalt, welche im Aussenraum offenbart wird. Schnell wird deutlich, dass die Genese dieser inneren Welten, dieser Mikrokosmen, bei weitem nicht nur durch architektonischgestalterische Prämissen determiniert sind. Zunehmend spielen dabei auch psychologische Aspekte eine wesentliche Rolle. Die Wahrnehmbarkeit der Innenräume wird dabei aus verschiedenen Gründen und mit unterschiedlichen Mitteln bewusst manipuliert. Die Realität, unter welcher der Raum produziert wurde, wird bewusst durch einen „Schleier der Illusion“ verhüllt. Die genauen Umstände dieses Prozesses gilt es zu überprüfen und zu ergründen. So soll die zu erzeugende räumliche Stimmung innerhalb des Transithotels und insbesondere auch die Rolle, welche die Architektur bei deren Genese einzunehmen vermag, besser eingeschätzt werden können. Dies geschieht anhand von drei Beispielen, welche auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken. Es handelt sich dabei um das Shopping Center „Mall of America“in Bloomington (Minnesota), das Kreuzfahrtschiff „Allure of the Seas“ sowie das „Venetian Resort“ in Las Vegas.

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Abb. 32 | Luftbild des Southdale Center in Edina, Minnesota

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Abb. 33 | Innenaufnahme des Southdale Center in Edina, Minnesota


Shoppingcenter: Mall of America / Minneapolis Die erste Shopping Mall der USA, das Southdale Center, entstand 1956 in Edina, einem Vorort von Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota. Sie wurde von Victor Gruen geplant, welcher als einer der Begründer der Shopping-Mall-Typologie angesehen werden kann. Die Bauaufgabe des Einkaufszentrums verstand er nicht einfach nur als „Konsumtempel“ sondern vielmehr als eine Neuinterpretation eines städtischen Marktplatzes, eines sozialen, kulturellen und urbanen Raumes. Damit wollte er den grossflächig angelegten amerikanischen Vorstadtsiedlungen zu einer Art „Stadtzentrum“ verhelfen – einem Ort der Begegnung und des Austausches. Bei der Southdale Shopping Mall in Edina artikulierten sich diese Absichten ein erstes Mal auch räumlich. Die wohl wichtigste Neuerung war dabei das Etablieren eines zentralen Platzes, welcher als Bühne für Shows und Events genutzt werden konnte. Gruen erweiterte zudem die kommerziellen Flächen um ein zweites Geschoss und wertete die öffentlichen Zirkulations- und Aufenthaltsbereiche durch natürlichen Lichteinfall, Sitzmöbel oder Bepflanzungen auf. Zudem sorgte eine Klimaanlage ganzjährlich für angenehme Temperaturen.53 Schnell entwickelte sich dieses auf den amerikanischen „Way of Life“ abgestimmte Konzept in der Folge weiter, getrieben von wirtschaftlichem Aufschwung und einer schier ungebremsten Konsumlust. Es entstanden immer mehr und immer grössere Malls. An vielen Orten führte dieser erbarmungslose

53

vgl. Wall 2008, S. 76ff

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Verdrängungskampf schliesslich aber auch zum finanziellen Kollaps einzelner Malls.54 Mittlerweile entstehen anstelle von klassischen Shopping Malls immer öfter sogenannte „Urban Entertainment Center“. Diese zeichnen sich durch eine Erweiterung des Angebots im Bereich von Freizeit und Unterhaltung aus. Dabei handelt es sich beispielsweise um Kinos, Schwimmbäder, Casinos oder Freizeitparks.55 Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Nutzungen sowie ihre räumliche Disposition haben dabei nur den Zweck, den Kunden länger und konsumfreudiger im Gebäude halten zu können. Dieses Prinzip scheint auch bei der Mall of America in Bloo-

Dem Phänomen dieser sogeannten „Dead Malls“ ist mittlerweile sogar eine eigene Webseite gewidmet. (www. deadmalls.com) 55 In der Schweiz erkennt man diese Entwicklung beispielsweise an den Einkaufszentren Sihlcity (Zürich) oder Westside (Bern). 56 vgl. Jahn 2006 57 Sie gilt jedoch bereits seit ihrer Eröffnung 2005 aufgrund einer Leerstandsquote von 99% als eine „Dead Mall“. 54

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mington, Minnesota sehr gut zu funktionieren. Sie wurde 1992 eröffnet und zählt heute rund 40 Mio. Besucher jährlich. Auf 390‘000m2 kommerzieller Fläche arbeiten rund 12‘000 Angestellte in mehr als 500 verschiedenen Läden und Gastronomiebetrieben. Abgesehen von den Einzelhandelsnutzungen befinden sich in der Mall of America auch Attraktionen wie ein grosser Vergnügungspark, ein Sea Life Center oder ein LEGO Flagship Store. Zudem finden auf grossen Bühnen täglich Shows und Konzerte statt.56 Doch trotz ihren beachtlichen Dimensionen kann es die Mall of America zumindest flächenmässig nicht mit den grössten Malls weltweit aufnehmen. Diese stehen heute vornehmlich im asiatischen Raum. So auch die flächenmässig momentan grösste Shopping Mall der Welt, die New South China Mall in Dongguan, nahe Hongkong.57


Abb. 34 | Beispiel einer „Dead Mall“, die Dixie Square Mall in Harvey, Illinois Abb. 35 | Eingangsportal der Mall of America in Bloomington, Minnesota

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Abb. 36 | Einfahrt der „Allure of the Seas“ in den Hafen von Fort Lauderdale in Florida

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Abb. 37 | Central Park an Bord der „Allure of the Seas“


Kreuzfahrtschiffe: Allure of the Seas / Fort Lauderdale Galten Kreuzfahrten noch vor 50 Jahren als elitäre Reiseform, entwickelten sie sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zu einem massentauglichen Tourismusangebot.58 Kreuzfahrtschiffe können heute als artifiziell erzeugte Traumwelten verstanden werden, Inseln der Glückseligkeit, fernab von allen Problemen und Einschränkungen des Alltags. Dabei wird das Surreale immer stärker auf die Spitze getrieben, wie ein Blick auf das derzeit grösste Passagierschiff der Welt, der „Allure of the Seas“, zeigt. Das Schiff der amerikanischen Reederei „Royal Caribbean International“ wurde für über 900 Millionen Dollar im finnischen Turku gebaut und 2010 im Heimathafen Fort Lauderdale in Betrieb genommen.59 Die 16 Decks des 360m langen Gigaliners bieten Platz für 6‘300 Passagiere und 2‘100 Crewmitglieder.60 Diese gigantischen Ausmasse ermöglichten es, im Innern des Schiffes gewissermassen eine „schwimmende Stadt“ mit Einkaufsstrassen, Piazzas und Konzertsälen entstehen zu lassen. Das Schiff verfügt sogar über einen reich bepflanzten Park, an welchen auch die innseitig liegenden Kabinen grenzen. Das Angebot an verschiedenen Attraktionen kann sich mühelos mit einem Vergnügungspark messen. Kletterwände, Wellenreiten, Eislaufen oder Minigolf – kaum eine Aktivität scheint auf hoher See nicht möglich zu sein. Ergänzt wird das Angebot durch unzählige Einkaufsmöglichkeiten und Gastronomiebetriebe. Zudem sorgen Animationsprogramme, Shows und Konzerte für Unterhaltung rund um die Uhr. Für die Passagiere sind so die angesteuerten Häfen schon lange

Spätestens in den 1980er Jahren gelang den Kreuzfahrten dank TV-Sendungen wie „Love Boat“ (im deutschsprachigen Raum als „Traumschiff“ bekannt) der endgültige Durchbruch. 59 Wie viele andere Fracht- und Passagierschiffe fährt aber auch die „Allure of the Seas“ nicht unter ihrer eigentlichen Heimatflagge sondern unter jener der Bahamas, einer sogenannten „Billigflagge“. Dies hat zum Zweck die liberalen Steuer- und Arbeitsrechtsgesetze dieser Staaten ausnutzen zu können. 60 vgl. Schärer 2013 58

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Abb. 38 | Mehrstöckiger Shoppingbereich im Innern der „Allure of the Seas“.

Bei Themenkreuzfahrten wie Single-, Kulinarik-, Wellnessoder Musikkreuzfahrten können im „artifiziellen“ Umfeld des Schiffes ganz bewusst alle Komponenten der Reise fein aufeinander abgestimmt werden. Diese „perfekte Illusion“ sorgt für eine überdurchschnittlich hohe Kundenzufriedenheit. 61

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nicht mehr das wichtigste Argument für die Wahl einer Kreuzfahrtgesellschaft, der Weg wird gewissermassen zum Ziel der Reise. Das spezifische Thema der Kreuzfahrt sowie die Exklusivität und die Breite des Rahmenprogrammes auf den Schiffen ist für viele das wichtigste Kriterium.61 Ein beachtlicher Teil des Umsatzes wird mittlerweile nicht mehr über die Ticketpreise sondern über die zahlreichen Bordangebote generiert, welche die Gäste permanent zum Konsum ermutigen. Die artifiziell gestaltete Umgebung kann dabei ganz wesentlich zum gewünschten Konsumverhalten beitragen. Diese Mechanismen der Raumproduktion ähneln dabei jenen bei Shopping-Malls, wird doch auch hier durch die bewusste Beeinflussung der Raumwahrnehmung und eine Überflutung an bewusst eingesetzten Reizen „räumliche Illusion“ erzeugt.


Casino-Resorts: The Venetian / Las Vegas Das Venetian ist mit seinen über 7000 Zimmern das grösste Hotel der Welt. In Las Vegas befindet es sich mit dieser enormen Grösse aber in guter Gesellschaft, stehen hier in der Wüste Nevadas doch gleich 14 der 20 grössten Hotels der Welt. Dass gerade dort eine derart hohe Dichte an Grosshotels entstehen konnte, lässt sich wohl primär auf die Legalisierung des Glücksspiels 1931 zurückführen, womit der Grundstein zur Gambler-Stadt Las Vegas gelegt wurde. So gehört heute zu jedem grossen Hotel in Las Vegas auch ein eigenes Kasino, mit welchem rund ein Viertel der Einnahmen generiert wird.62 Doch auch grosse Showproduktionen und Revues gehören mittlerweile zum festen Angebot eines jeden Grosshotels am Strip. Der Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Hotels und ihren Angeboten führte schliesslich dazu, dass diese sich vermehrt voneinander abzugrenzen versuchten. So orientiert sich das Venetian Resort, welches 1999 eröffnet und 2007 erweitert wurde, ganz am italienischen Vorbild von Venedig. Dieses vorgegebene Thema äussert sich zum Beispiel über die optische Erscheinung der Gebäude und die Einrichtung der Zimmer, die Ausrichtung der Shows und Attraktionen, das gastronomische Angebot bis hin zu den Uniformen der Angestellten. Darüber hinaus wurden im Innen- und Aussenraum des Venetian sogar zahlreiche Kanäle angelegt, auf welchen man sich in Gondeln durch das Hotelgelände fahren lassen kann. Auch die Rialtobrücke oder der Campanile, der bekannte Glockenturm vom Markusplatz, wurden in Las Vegas nachgebaut - wenn auch in einem etwas kleineren Massstab.63 Auch wenn sie sich durch ihr optisches Erscheinungsbild nach aussen also scheinbar unterscheiden, so funktionieren diese

Eine vergleichbare Entwicklung erfolgte auch in Macao (China) oder Nassau (Bahamas), wo durch die Legalisierung des Glücksspiels riesige CasinoHotels entstanden. 63 In Las Vegas befinden sich zudem auch Abbilder des Eiffelturms (Hotel Pais) oder der Cheopspyramide (Hotel Luxor). 62

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Abb. 39 | Das Venetian Resort in Las Vegas bei Nacht.

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„Entertainment Resorts“ doch allesamt nach demselben Muster. Mit dem Ziel, dem Kunden während seines Aufenthalts möglichst viel Geld abnehmen zu können, wird ihm, ähnlich wie auf Kreuzfahrtschiffen, ein umfängliches Angebot an Unterhaltung angeboten. Das Resort muss zu keiner Tages- oder Nachtzeit verlassen werden, denn neben Kasinos und Shows locken innerhalb des Hotels auch zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten, Wellnessbereiche oder eine Vielzahl an unterschiedlichen Gastronomieangeboten.64 So entsteht eine Art „Mikrokosmos“, welcher eine grosse Unabhängigkeit von seinem direkten Umfeld suggeriert.65 So ist es einerseits das Raumprogramm, andererseits aber auch die Produktion der einzelnen Räume selbst, welche hier voll darauf ausgelegt sind, die konsumfreudigen Kunden möglichst lange im Gebäude halten zu können. Durch das bewusste Spiel mit bekannten Bildern im Kopf der Gäste wird von den einzelnen Hotels dabei eine möglichst grosse Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit angestrebt. Als das eigentliche Produktionsmittel dieser Räume artikuliert sich hierbei also in erster Linie die Erzeugung einer Illusion, noch stärker als dies bei vielen Shopping-Malls oder Kreuzfahrtschiffen der Fall ist. Als Gast wähnt man sich in einer eigenen, glitzernden und schillernden Scheinwelt. Die Realität der „echten Welt“ wird im Innern des Hotels bewusst ausgeblendet (oder mit Illusion überblendet) und ist für den Gast nicht mehr sichtbar.

Das Venetian hat eine eigene „Lord of the Dance“ Gruppe und zeigt täglich Shows der „Blue Man Group“ sowie das Musical „Das Phantom der Oper“. 65 Diese Haltung passt in gewisser Weise zu Las Vegas, da sich auch die Stadt selber durch ihre Lage inmitten der Wüste Nevadas weitgehend von der Aussenwelt abgenabelt befindet. 64

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ZWISCHENFAZIT Die Recherche zur Geschichte und zur gegenwärtigen Situation des Schweizerischen Tourismus sowie die typologische Spekulation konnten in vielen Bereichen eine Vielzahl von Inspirationen und Informationen für die Konzeption der neuen Typologie eines Transithotels liefern. Diese analytisch geprägte Vorgehensweise führt gewissermassen dazu, dass eine Vielzahl von architektonisch relevanten Teilaspekten angeschnitten wurden, welche es nun noch tiefer zu betrachten und aufeinander abzustimmen gilt. Aus diesem Grund soll nun im zweiten Teil der Arbeit versucht werden, die theoretischen Grundlagen anhand eines architektonischen Projektentwurfes an einem real existierenden Bauplatz in die Praxis umzusetzen. Da auch der architektonische Projektentwurf als inhärenter Bestandteil der typologischen Spekulation angesehen werden muss, kann eine vollständige Synthetisierung der Erkenntnisse daher erst zum Schluss der Arbeit erfolgen.

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TRANSITHOTEL IM STEINBRUCH Thesisprojekt

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Abb. 40 (S.72-73) | Blick auf das Transithotel, Visualisierung (2013) Abb. 41 | Orthofoto der Gemeinde Brunnen mit Kennzeichnung des Steinbruchs Eichwald (Quelle:www.maps.google.ch)

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AUSGANGSLAGE UND PROGRAMM Aufgrund der theoretischen Untersuchungen über die Zukunft der Schweizer Hotellerie im ersten Teil der Arbeit entstand zunehmend die Überzeugung, dass die heutigen Hoteltypologien den kommenden Herausforderungen nicht mehr im gewünschten Masse gewachsen sein werden. Als eine von zahlreichen möglichen Massnahmen reifte so der Entschluss zur Entwicklung des Programms eines Grosshotels, welches speziell auf die Bedürfnisse von Gruppenreisenden mit kurzer Aufenthaltsdauer zugeschnitten ist. Dies wiederum führte zu einer „typologischen Spekulation“ und dem Versuch, inspiriert von verwandten Bauaufgaben, die neuartige Hoteltypologie des „Transithotels“ zu entwickeln. Mit der folgenden Entwurfsaufgabe werden die dabei gewonnenen Erkenntnisse an einem konkreten Ort, dem stillgelegten Steinbruch Eichwald in Brunnen, bezüglich ihrem räumlicharchitektonischen Potenzial befragt. Dabei steht unter anderem die Frage im Zentrum, mit welchen architektonischen Mitteln ein derart umfangreiches und komplexes Programm bewältigt werden kann. Auch die Suche nach einem der Aufgabe entsprechenden Ausdruck im Innen- und Aussenraum ist Teil dieser Untersuchung. Schliesslich muss das Projekt auch in konstruktiver und technischer Hinsicht die Anforderung an ein modernes Hotel erfüllen können.

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Abb. 42 | Situationsplan der Gemeinde Brunnen, Mst. 1:25‘000

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ORT UND KONTEXT

Geografische Lage Die Ortschaft Brunnen liegt im Herzen der Zentralschweiz, direkt am Ufer des Vierwaldstättersees. Einst als Ufersiedlung entstanden, entwickelte sich die Ortschaft im 19. und 20. Jahrhundert zum zweitwichtigsten Tourismusort am Vierwaldstättersee. Zu dieser Entwicklung trugen auch die Gotthardroute, die Axenstrasse oder wichtige Eisenbahn- und Dampfschiffrouten bei. Brunnen ist durch seine zentrale Lage ideal ans schweizerische Schienen- und Strassennetz angeschlossen. Durch die direkte Uferlage geniesst man sowohl auf das mittlere Seebecken im Westen wie auch auf den Urnersee im Süden eine unvergleichliche Aussicht auf den See und die Bergwelt. Etwas ausserhalb der Siedlungsstruktur von Brunnen in Richtung Gersau gelegen befindet sich das Gebiet des Steinbruchs Eichwald. Ursprünglich wurde dieser Steinbruch, wie viele andere in der Region auch, während vieler Jahre zum Abbau von Kieselkalk genutzt. Im Zuge der Stilllegung vor 25 Jahren wurde die am Ufer verlaufende Kantonsstrasse durch einen Galeriebau aus Beton und einen terrassierten Schutzwall vor allfälligen Steinschlägen geschützt. Seither wird das Areal des ehemaligen Steinbruches von der Gemeinde als Deponiefläche genutzt und ist ost- und westseitig durch einen Zugangstunnel erreichbar. Die Topografie des Steinbruchareals wird primär durch einen Ausläufer des Rigimassivs sowie die Uferlinie des Vierwaldstättersees definiert. Es ergibt sich eine steil abfallende Hanglage welche nach Süden orientiert ist. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees befindet sich eine deutlich weniger steile Hanglage auf deren Kuppe sich Ausläufer des kleinen Dorfes Seelisberg befinden.

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Abb. 43 | Aussenvisualisierung vom See, Blickrichtung Nord

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Der Ort wird neben den topografischen Gegebenheiten vor allem auch stark durch seine Geschichte geprägt. Der jahrelange Abbau von Gestein manifestiert sich in einer steilen, rauhen Felswand, welche einen unwirklichen Kontrast zum umliegenden, dicht bewaldeten Hang bildet. Insbesondere vom See aus ist der Steinbruch Fallenbach deshalb als eine „klaffende Wunde“ in der Landschaft lesbar. Diese bizarre Szenerie lässt den Ort als sehr eigenständig und prägnant erscheinen. Dazu trägt auch der vor rund 25 Jahren aufgeschüttete, terrassierte Schutzwall bei, welcher eine grosse, artifizielle Ebene rund 30m über dem Seespiegel bildet. Insbesondere an dieser Stelle empfindet man den gesamten Ort als etwas „entrückt“ vom Rest der Umgebung. Es ist gewissermassen eine eigene, kleine und auch etwas bizarre Welt.


VOLUMETRISCHE SETZUNG Der Entscheid, an diesem Ort ein Grosshotel zu planen beeinflusst natürlich auch die Überlegungen zur volumetrischen Setzung eines entsprechend grossen Bauvolumens ganz wesentlich. Grundsätzlich stellt sich dabei die Frage, ob man die dominante Präsenz der Felswand über eine architektonische Intervention noch zusätzlich dramatisieren möchte oder ob sich nicht doch eher eine pragmatische und integrative Strategie anbieten würde. Dabei gilt zu beachten, dass bereits die „offene Wunde“ des Steinbruches selbst eine Art „Landmark“ bildet und dabei in grossem Masse identitätsprägend wirkt. Die Felswand wird damit zu einem wichtigen Anziehungsund Orientierungspunkt in der Umgebung, welche insbesondere vom See aus permanent wahrgenommen werden kann. Aufgrund dessen muss eine derartige Funktion nicht mehr explizit durch die Ausbildung oder Setzung des Gebäudevolumens übernommen werden. So scheint es reizvoller zu sein, das grosse Volumen optisch eher zu verkleinern und zurückhaltend erscheinen zu lassen um damit einen stimulierenden Kontrast zum unwirklichen und bizarren Kontext der Felswand zu bilden. Die vor 25 Jahren entstandene, künstliche Ebene über dem Seespiegel dient dabei als Ausgangspunkt. Das gegen aussen eher zurückhaltende, einfache und schlichte Volumen besetzt die Ebene vollflächig und nimmt in gewisser Hinsicht eine weitere artifizielle Überformung derselben vor. Für die Ausformulierung des Gebäudekörpers werden die horizontalen Referenzlinien des Ortes wie beispielsweise die Oberfläche des Sees oder die treppenartige Terrassierung des aufgeschütteten Schutzdammes thematisch aufgegriffen.

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So resultiert schliesslich ein liegender, rund 180m langer und 25m hoher Baukörper, welcher seitlich über die Bruchkanten des ehemaligen Steinbruches herausragt. Dadurch gelingt es, das Volumen auf natürliche Weise mit dem Kontext zu verzahnen. Durch die Klarheit seiner horizontalen Ausrichtung wird ganz bewusst ein spannungsvoller Kontrast zur Vertikalität der Felswand dahinter aufgebaut. Die „offene Wunde“ des Steinbruchs bildet auf diese Weise, obwohl sie nach wie vor dominant in Erscheinung zu treten vermag, lediglich den Hintergrund des Eingriffs - sie wird sozusagen zur „Kulisse“. Dieser Haltung liegt die Überzeugung zugrunde, dass ein stehendes Volumen oder eine direkte bauliche Intervention an der Felswand die Brisanz der örtlichen Situation unnötig

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dramatisieren würde. Im Gegenzug dazu können mit einem formal zurückhaltenden, liegenden Volumen die Qualitäten dieser eigenen kleinen Welt, die Ruhe und „Entrücktheit“ bewahrt werden.


Abb. 44 | Konzeptbild, Besetzung der k端nstlichen Ebene mit einem steinernen Balken

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Abb. 45 | Bestehende Galerie, Blick Richtung Brunnen

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ERSCHLIESSUNG UND ZUGÄNGLICHKEIT Erschliessung von der Strasse Der Bauperimeter ist durch seine Lage etwas ausserhalb von Brunnen zu Fuss nur mühsam erreichbar. Problemloser ist hingegen die Erschliessung für den motorisierten Nah- und Fernverkehr. Von Brunnen aus, wo sich auch der Autobahnanschluss an die A4 befindet, ist der Steinbruch Eichwald bequem über die Kantonsstrasse erreichbar. Diese führt, wunderschön dem Seeufer folgend, danach weiter nach Vitznau, Gersau und Weggis. Da sich das Angebot des Grosshotels primär an Reisegruppen richtet und diese fast ausschliesslich per Car anreisen, kann die verkehrstechnische Erschliessung des Hotels also als optimal angesehen werden. Da sich der Baukörper nicht direkt an der Kantonsstrasse, sondern auf der künstlich angelegten Aufschüttung 30m über dem See befindet, ist der Zugang zum Hotel nur über die beiden Tunnels möglich. Deren Dimension ist glücklicherweise auf grosse Lastwagen ausgelegt, weshalb sogar das Kreuzen von zwei Reisecars innerhalb der Tunnels problemlos möglich ist. Im Bauch des Hotels befindet sich ein riesiges Busterminal, welches im Maximalbetrieb 14 Reisecars und zahlreiche Taxis und Kleinbusse aufnehmen kann. Da die Ankünfte von Reisegruppen oft erst spät abends erfolgen, können die Cars auch während der Nacht im Terminal stehen bleiben und ihre Reise am nächsten Morgen direkt fortsetzen.

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Busterminal Die Organisation des Terminals ist darauf ausgelegt, ein bequemes und sicheres Ein- und Aussteigen der Passagiere sowie ein einfaches Handling der Gepäckstücke zu gewährleisten. Auch das Rangieren der Reisecars ist innerhalb des Busterminals problemlos möglich. Anders als bei einer einzelnen Bushaltestelle behindern sich dank dieser grosszügigen Terminallösung die einzelnen Cars nicht gegenseitig. Da beim grössten Hotel der Schweiz und 1000 Betten gleichzeitige Ankünfte oder Abreisen nicht zu vermeiden sind, ist eine derartige Terminallösung nicht nur nötig sondern auch sinnvoll. Das Busterminal bietet zudem auch einige Kurzzeitparkplätze für Reisecars an. In diesem Fall dient das Transithotel als eine Art „Raststätte“, mit zahlreichen Möglichkeiten für Shopping, Imbiss oder eine entspannende Massage mit Blick auf den Vierwaldstättersee.

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Auch die gesamte Anlieferung und Entsorgung des Hotels erfolgt über die beiden Tunnels und das grosse Busterminal. Da durch die Grösse des Hotels mit einem intensiven Warenumschlag zu rechnen ist, sind sowohl im östlichen wie auch im westlichen Teil des Hotels grosse Anlieferungsbuchten für Lieferwagen vorhanden. Auch die Zugänge für die Wartung der haustechnischen Anlagen erfolgt direkt über das Busterminal. In einem zweiten Parkgeschoss unter dem Terminal gibt es zusätzlich noch eine zweispännig organisierte Tiefgarage für ca. 100 PKW’s. Diese kann zwar auch von Hotelgästen benutzt werden, ist jedoch in erster Linie für das Hotelpersonal gedacht. Dieses gelangt über zwei Treppen- und Liftkerne direkt in den internen Kreislauf des Hotels ohne dabei die Eingangslobby passieren zu müssen.


Abb. 46 | Querschnitt durch die Zimmertrakte und das stützenfreie Busterminal, Mst. 1:1‘400 Abb. 47 | Grundriss UG mit Bustrminal, Check-In und Serviceräumen, Mst. 1:1‘400

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Abb. 48 | Situationsplan mit Dachaufsicht, Mst. 1:2‘000

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RÄUMLICHE DISPOSITION Grundsätzliches Die räumliche Disposition des Transithotels besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen. Einerseits ist dies ein 180m langer Riegel, welcher die Geometrie von Seeufer und Hauptstrasse übernimmt. Als zweites Element können die Zimmertrakte bezeichnet werden, welche (um 90 Grad abgewinkelt) zwischen der Felswand und dem Riegel „eingespannt“ werden. So entsteht eine kammartige Form und zwischen den Zimmertrakten bilden sich grosse Lichthöfe, welche zur Felswand hin offen bleiben. So besteht eine wesentliche typologische Eigenart des Transithotels darin, dass die meisten der rund 500 Zimmer gar nicht auf den See ausgerichtet sind, sondern lediglich einen Aussenraumbezug zu den Innenhöfen aufweisen. Dies liegt im wesentlichen darin begründet, dass dadurch eine grosse Anzahl an Zimmern in einem kompakten Volumen untergebracht werden kann und diese einfacher zu erschliessen sind. Durch die vielen Zimmer können zudem die Preise tief gehalten werden, was einem der wichtigsten Bedürfnisse der angesprochenen Zielgruppe entspricht. Des weiteren werden die gemeinschaftlichen Bereiche, welche sich im Längsriegel befinden, wesentlich aufgewertet. Einerseits durch ihr grosszügiges Angebot an Flächen und unterschiedlichen Nutzungen, andererseits vor allem aber auch durch den permanenten Aussenraumbezug.

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Zimmertrakte Insgesamt gibt es sechs Zimmertrakte, welche sich durch die unterschiedliche Geometrie von Felswand und Längsriegel in ihrer Länge etwas voneinander unterscheiden. Sie sind allesamt über sechs Geschosse organisiert und weisen insgesamt eine Kapazität von 432 Doppelzimmern auf. Die Zugänge zu den Trakten befinden sich auf den beiden Hauptgeschossen des Gemeinschaftsriegels. Jeder Trakt besteht primär aus einer 5.5m breiten, massiven Megastruktur, welche über alle Geschosse verläuft und zahlreiche Funktionen erfüllt. Einerseits ist sie statisch wirksam und leitet die Lasten des jeweiligen Zimmertrakts in die Felswand und den Längsriegel. Andererseits bildet die Megastruktur in der Mitte jedes Traktes auch den Erschliessungsgang und nimmt zudem die Nasszellen und alle weiteren technischen Installationen in sich auf.

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Die einzelnen Zimmer sind einfach und zweckmässig eingerichtet. Sie bestehen aus einer Nasszelle mit WC, Waschtisch und Dusche sowie zwei Einzelbetten und einem Einbaumöbel mit TV und Minibar. Über die leichte Abwinklung der Zimmerwände werden direkte Einblicke zwischen den Zimmern vermieden und es entsteht zudem ein Ausblick auf die nächtlich erleuchtete Felswand. Der kleine Balkon ermöglicht darüber hinaus einen Austritt und den Blick in den Innenhof.


Abb. 49 | Axonometrischer Querschnitt durch die Zimmertrakte Abb. 50 | Grundriss der 1. Hauptebene, Mst. 1:1‘400

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Abb. 51 | Axonometrischer Querschnitt durch den Gemeinschaftsbereich Abb. 52 | Grundriss der 4. Obergeschosses (2.Hauptebene), Mst. 1:1‘400

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Gemeinschaftsbereiche Durch das erweiterte Nutzungsangebot mit Shopping, Gastronomie und Unterhaltung kommt den gemeinschaftlichen Bereichen des Transithotels eine sehr grosse Bedeutung zu. Einen grossen Teil ihres kurzen Aufenthaltes werden die Gäste in diesen Bereichen des Hotels verbringen. Grundsätzlich erstrecken sich die gemeinschaftlichen Flächen über vier Geschosse, welche allesamt über Rolltreppen miteinander verbunden sind. Die Ankunft erfolgt im Busterminal im Untergeschoss, wo auch das Check-In erfolgt und das Gepäck abgegeben wird. Anschliessend gelangt man über zwei grosse Rolltreppen oder per Lift in die erste Hauptebene. Schon bei der Ankunft erlebt man so den grossen, fast sakralen Hauptraum des Hotels, welcher sich über eine Länge von fast 130m erstreckt und mehr als 20m hoch ist. Mit der Ankunft auf der ersten Hauptebene erlebt man dann auch den grosszügigen Aussenraumbezug, welcher in der Folge permanent spürbar bleibt und in den oberen Geschossen gar als Terrasse nutzbar wird. Die Hauptgeschosse bieten in erster Linie Platz für Ladenlokale und kleinere Gastronomienutzungen wie Cafés, Bars oder Schnellrestaurants. An den beiden Stirnseiten des Gemeinschaftsriegels befinden sich die volumenmässig grösseren Hauptnutzungen. Auf der ersten Hauptebene sind dies zwei Kinosäle und ein grosser Veranstaltungssaal für 450 Personen, auf der zweiten Hauptebene zwei grosse Restaurantnutzungen.

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Zusätzlich zu den Zimmern in den Zimmertrakten werden im Gemeinschaftsriegel auch einige Suiten angeboten. Da sich diese aber nicht in allen Geschossen befinden und sie auch nicht über die ganze Länge des Gebäudes verteilt sind, wird die Raumhöhe der beiden Hauptebenen immer wieder leicht komprimiert, was nicht zuletzt auch zur Rhytmisierung des langgezogenen Gemeinschaftsbereiches beiträgt. Die Suiten sind durch ihre Orientierung zum See und einem grösseren Aussenraum etwas komfortabler als die normalen Doppelzimmer. Sie können daher als diversifizierende Erweiterung des Zimmerangebotes gesehen werden.

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Erschlossen werden sie über Treppen aus den gemeinschaftlichen Bereichen sowie über Liftanlagen. Da die Gänge zu den Zimmern, ähnlich wie bei den Atrium-Hotels von John Portman in den USA, balkonähnlich angelegt sind, erlauben sie visuelle Bezüge zur zentralen Haupthalle. Maximal sind 64 Doppelzimmer (je 27m2) mit Terrasse und Seeblick möglich, allerdings sind die Zimmer dank der Tragstruktur des Gebäudes flexibel einteilbar. So können anstelle von vier nebeneinander liegenden Doppelzimmern auch zwei Juniorsuiten (je 54m2) oder eine Präsidentensuite (je 108m2) angeboten werden.


Abb. 53 | Grundriss des 3. Obergeschosses, Mst. 1:1‘400 Abb. 54 | Grundriss des 2. Obergeschosses, Mst. 1:1‘400

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Servicebereiche Neben den Zimmertrakten und den gemeinschaftlichen Flächen im langgezogenen Riegelbau sind die Servicebereiche des Hotels die dritte wichtige Komponente der räumlichen Disposition. Sie erstrecken sich im Wesentlichen über die drei Untergeschosse, doch auch in den Obergeschossen sind vereinzelt Räume vorhanden, welche der Bewirtschaftung des Hotels dienen. Dort befinden sich diese Räume wie Housekeeping oder kleinere Küchen dann ausschliesslich im Bereich der raumhaltigen Megastruktur. In den Untergeschossen existiert hingegen eine ganz eigene Welt, welche von den Hotelgästen in der Regel gar nicht wahrgenommen wird. Fein aufeinander abgestimmte Arbeitskreisläufe und ihre entsprechenden räumlichen Sequenzen bestimmen hier den architektonischen Entwurf. Gerade bei einem Grosshotel müssen diese Faktoren unbedingt berücksichtigt werden, damit ein ernsthafter Projektentwurf ausgearbeitet werden kann.

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Wichtig sind aufgrund der Grösse und des Angebots des Hotels aber nicht nur Serviceräume, Wäschereien oder Küchen sondern auch Zimmer für die Angestellten, Büroflächen oder Pausenräume. Diese Räumlichkeiten sind auf zwei Untergeschosse verteilt und an die inneren Kreisläufe des Personals angebunden (Verbindungen zur Tiefgarage der Angestellten, Reception, etc.). Zudem sind sie allesamt in der Nähe der Hauptfassade angeordnet und profitieren so von ausreichend Tageslicht sowie der Möglichkeit des manuellen Lüftens.


Bruttogeschossflächen UG 1 | Tiefgarage

3‘120 m2

UG 2 | Busterminal

6‘240 m2

UG 3 | Servicegeschoss

1‘940 m2

UG 4 | Servicegeschoss

4‘380 m2

OG 1 | Hauptebene 1

5‘700 m2

OG 2 | Zimmertrakte + Suiten

3‘190 m2

OG 3 | Zimmertrakte + Suiten

5‘000 m2

OG 4 | Hauptebene 2

6‘360 m2

OG 5 | Zimmertrakte + Suiten

3‘790 m2

OG 6 | Zimmertrakte + Suiten

5‘890 m2 45‘610 m2

Zimmerangebot (Maximalbelegung) TYP 1 | DZ Standard (21m2 / Bergsicht) TYP 2 | DZ-Suite (27m2 / Seesicht)

432 Stk. / 864 Betten 64 Stk. / 128 Betten 496 Stk. / 992 Betten

Zimmerangebot (Ausgewogen) TYP 1 | DZ Standard (21m2 / Bergsicht)

432 Stk. / 864 Betten 24 Stk. / 48 Betten

TYP 2 | DZ-Suite (27m / Seesicht) 2

TYP 3 | DZ-Juniorsuite (54m / Seesicht) 2

TYP 4 | DZ-Präsidentensuite (108m / Seesicht) 2

14 Stk. / 28 Betten 2 Stk. / 4 Betten 472 Stk. / 944 Betten

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Abb. 55 | Axonometrische Darstellung der einzelnen Bestandteile des Konstruktionsprinzip


TRAGSTRUKTUR UND MATERIALITÄT Strukturelle Grundidee Das riesige Gebäudevolumen von über 200‘000 m3 und das sehr heterogene Raumprogramm erfordern auf struktureller Ebene ein klares und möglichst flexibles Grundprinzip. Dieses muss beispielsweise grosse, stützenfreie Räume wie das Busterminal im UG ermöglichen, gleichzeitig aber auch Platz für kleinere Nutzungen wie Ladenlokale oder Hotelzimmer bieten. Darüber hinaus soll die Gebäudestruktur eine prägende räumliche Wirkung entfalten und mit einer gewissen Massivität, Ruhe und Gelassenheit, gewissermassen einen Kontrastpunkt zu der bunten Vielfalt der Ladengeschäfte, Restaurants und Unterhaltungsnutzungen bieten. Die Tragstruktur des Gebäudes (insbesondere die raumhaltigen Megastrukturen) werden dabei zusätzlich auch mit Funktionen wie Haustechnik, Erschliessung oder Fluchtwegen aufgeladen und werden so zum multifunktionalen Element. Das 180m lange Gebäude wird zu diesem Zweck auf einem regelmässigen Grundraster mit einem Sprungmass von ca. 4.75m aufgebaut. Die einzelnen Teile der Gebäudestruktur lassen sich dabei prinzipiell auf drei Elemente reduzieren: Megastruktur, Substruktur und Füllungen. 98


Megastruktur Die Megastruktur besteht zunächst einmal aus den in Massivbauweise erstellten Untergeschossen. Dort befinden sich alle dienenden Nutzungen wie Küchen, Serviceräume, Büros oder Angestelltenzimmer. Darüber ragen ab der ersten Hauptebene sechs schmale und als seitlicher Abschluss zwei „doppelte“ Megastrukturen hervor, welche lediglich durch die querliegende Haupthalle des Hotels durchtrennt werden. Statisch definiert diese Struktur das primäre, lastabtragende Tragwerk des Hauses und ist mit entprechend dimensionierten, massiven Betonwänden in Ortbauweise ausgeführt.

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Doch die Megastruktur erfüllt neben ihren statischen Aufgaben auch noch weitere Zwecke. Einerseits finden sich in ihrem Innern alle Liftschächte und Fluchttreppenhäuser des Gebäudes. Andererseits werden innerhalb der Megastruktur sämtliche haustechnischen Leitungen im Gebäude verteilt. Dies geschieht in erster Linie über eine Vielzahl von vertikalen Steigschächten. Im Bereich der Zimmertrakte nimmt die Megastruktur sogar den Erschliessungsgang und die Nasszellen der zweibündig organisierten Zimmerstruktur in sich auf. Als weitere wichtige Funktion dient die Megastruktur im Bereich des Gemeinschaftsriegels zur Strukturierung und Rhythmisierung des langgezogenen Raumes.


Abb. 56 | Längsschnitt durch den Gemeinschaftsbereich, Blick Richtung Berg, Mst. 1:1‘400 Abb. 57 | Längsschnitt durch den Gemeinschaftsbereich, Blick Richtung See, Mst. 1:1‘400

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Abb. 58 | Querschnitt im Bereich der Substruktur, Mst.1:1‘000 Abb. Abb. 59 | Querschnitt im Bereich der Megastruktur, Mst.1:1‘000

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Substruktur Die Substruktur besteht im Grundsatz aus einer regelmässigen Stützen-Träger-Konstruktion und befindet sich jeweils zwischen den massiven, raumhaltigen Scheiben der Megastruktur. Somit werden die fast 20m breiten Abstände zwischen den einzelnen Teilen der Megastruktur in vier kleinere „Bahnen“ unterteilt, welche jeweils das regelmässige Sprungmass von ca. 4.75m aufweisen. Dies ist eine Spannweite, welche später problemlos von vorfabrizierten Deckenelementen überspannt werden kann. Die ortbetonierten Träger weisen eine statische Höhe von ca. 0.5m auf und überspannen in der Regel Distanzen von maximal 7.50m. Bei grösseren Distanzen (vor allem im Bereich der grösseren Nutzungen wie Kino oder Theatersaal) erhöht sich die statische Höhe der Träger auf 1.50m. Die Träger verlaufen (analog zur Megastruktur) allesamt in Querrichtung und dienen so als Schiene für die vorfabrizierten Deckenelemente, welche später als Füllung zwischen den Trägern eingesetzt werden können. Die Träger bleiben dabei von unten sichtbar und tragen so auch an der Decke dazu bei, dass die grossen Räume visuell rhythmisiert werden. Die Konzeption der Substruktur hat zur Folge, dass die Bereiche zwischen den massiven Megastrukturen relativ frei eingeteilt werden können und Platz für die unterschiedlichsten Nutzungen bieten. Dies insbesondere auch deshalb, weil alle haustechnischen Anlagen an die Megastruktur angeschlossen werden können.

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Füllungen Die Füllungen komplettieren das konstruktive Prinzip des Gebäudes. Sie lassen sich im Wesentlichen in raumdefinierende und diverse andere Füllungen unterscheiden. Raumdefinierende Füllungen sind weitgehend vorfabrizierte Bauteile aus unterschiedlichen Materialien, welche sich ins konstruktive Prinzip von Mega- und Substruktur einsetzen lassen und in ihrer Funktion schliesslich eine raumdefinierende Wirkung haben. Dies betrifft zum Beispiel die Aussenwände der Zimmertrakte oder die Trennwände zwischen den einzelnen Suiten im Gemeinschaftsbereich. Auch die vorfabrizierten Deckenelemente, welche in die Träger der Substruktur eingesetzt werden, gehören zu dieser Kategorie der Füllungen. Zusätzlich können auch alle Fensterfronten oder opake Aussenwandelemente Füllungen (nordseitige Wände zu den Innenhöfen) zu den raumdefinierenden Füllungen gezählt werden.

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Die weiteren Füllungen sind beispielsweise vorgehängte Betonelemente für die Fassade, die inneren Brüstungselemente der Balkone, Treppenläufe oder Geländer. Sie können aufgrund der hohen Stückzahlen ebenfalls in idealer Weise vorfabriziert werden und verringern durch das Prinzip des Montagebaus die Bauzeit. Zudem lassen sie sich im Falle von räumlichen Umstrukturierungen innerhalb des Hotels leicht ersetzen oder verändern.


Abb. 60 | Ausschnitt Fassade, Mst. 1:250 Abb. 61 | Ausschnitt Grundriss, Mst. 1:250

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Abb. 62 | Fassade des Transithotels, Mst. 1:2000

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Aussenwirkung und Fassade Die Hauptfassade des Transithotels müsste anstatt als Einzelschicht wohl eher als rund 3.5m tiefe räumliche Zone verstanden werden, welche sich vor den Megastrukturen hindurch über die volle Länge von 180m entwickelt. Dabei liegt die klimatische Grenze in den unteren Geschossen an der Aussenseite - in den oberen Geschossen an der Innenseite dieser Raumschicht. So entstehen dort, wie auch bei allen Suiten, grosszügige, gedeckteTerrassenbereiche. Die grosse, südöstlich ausgerichtete Hauptfassade lässt durch ihre grosse Transparenz viel Licht in den Innenraum dringen. Zusätzlich lässt sich so aus dem Innenraum die Schönheit der umliegenden Landschaft permanent und aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen. Die strukturelle Ordnung des Gebäudes dringt dabei bis an die äusserste Schicht der Fassade, indem sich das regelmässige Sprungmass der Tragstruktur über die 20m hohen, vertikalen Betonelemente im Aussenraum artikuliert. Staketengeländer und vorgehängte Betonsturzelemente strukturieren den Gebäudekörper im Gegensatz dazu in horizontaler Richtung. Das Transithotel, welches sich rund 30m über dem Seespiegel befindet, ist von der Strasse aus kaum erkennbar und wird daher in erster Linie vom Wasser aus wahrgenommen. So treten beispielsweise die blütenweissen Sonnensegel der Fallarm-Markisen in einen formalen Dialog mit den Segelschiffen auf dem See.

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Materialkonzept Das Materialkonzept des Transithotels in Brunnen ist in engem Zusammenhang mit den im Hotel angebotenen Nutzungen zu verstehen. Diese verunklären vor allem auf den beiden Hauptgeschossen die räumliche Wahrnehmung durch auffällige und grelle Schaufenster, Leuchtwerbungen oder Produkteauslagen. Daher soll mit dem Materialkonzept eine eher zurückhaltende Strategie verfolgt werden.

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Des weiteren hat auch das Konstruktionsprinzip des Gebäudes einen grossen Einfluss auf die Wahl der verwendeten Materialien. Dieses setzt in einigen Fällen die Verwendung von Beton voraus, beispielsweise aus Gründen der Statik oder des Brandschutzes. Da zudem viele Elemente wie Decken oder Brüstungen aus vorfabriziertem Beton gefertigt werden, wird eine Kombination von unterschiedlichen Betonoberflächen angestrebt. Ergänzt werden diese Oberflächen in den Gemeinschaftsbereichen mit hellen Terrozzoböden, welche das Licht bis tief ins Innere des Gebäudes bringen können. In den Zimmern wird hingegen mit Böden, Deckenverkleidungen oder Möbeln aus hellen Hölzern versucht, ein gewisses Gegengewicht zu den kühlen Oberflächen des Betons zu erreichen.


Abb. 63 | Visualisierung der grossen Speisesaals mit Seeblick

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Abb. 64 | Schema Modula GT

Modula GT

Quelle

Umwandlung

Speicher

Heizung Kälte (Winter/Sommer)

Erdwärme (Fels)

Wärmepumpe

Technischer Speicher

Lüftung

Aussenluft über Erdregister

Lüftungsgerät mit WRG

Verteilung

Raum

2-Rohr-System

Bodenheizung oder Flächenheizkörper

Kanalsystem

Quellluftauslass

Aussenluft

Abluft

Sanitär Toiletten

Regenwasser

Filter

R-Speicher

Kaltwasserleitung

Toiletten

Sanitär

Netz

Druckreduzierventil

Kombispeicher resp. Boiler

Warmwasserleitung

Armaturen

Kaltwasserleitung

Trennsystem

Elektro

Netz

Fäkalleitung

HV

Photovoltaik

Notstromanlage mit Dieselbetrieb

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230 V Netz

Verbraucher


HAUSTECHNISCHES KONZEPT

Grundsätzliches Konzept Bereits die Absicht, eine Vielzahl an Reisenden in einem grossen und vergleichsweise kompakten Bauvolumen beherbergen zu können, sollte durchaus als Teil einer ökologischen und energetischen Grundhaltung verstanden werden. Dieses Konzept erlaubt es, nicht nur die Auswirkungen auf das Landschaftsbild wesentlich zu minimieren, sondern hat gleichzeitig auch grosse Vorteile im Bezug auf den Energiehaushalt zur Folge. Das grosse Bauvolumen erfordert es aber auch, dass einem sinnvollen Miteinbezug des Haustechnikkonzeptes bereits schon zu Beginn eine grosse Beachtung geschenkt wird. Dies vor allem deshalb, weil technischen Anlagen aller Art bei derart grossen Gebäuden mittlerweile eine sehr grosse Wichtigkeit haben und den architektonischen Entwurf deshalb in vielen Bereichen stark beeinflussen. Dieser frühe Miteinbezug der technischen Installationen in den Entwurf führte schliesslich dazu, dass die Haustechnik in eine symbiotische Verbindung mit der Tragstruktur des Gebäudes gebracht werden konnte. Vor allem die ortbetonierten, raumhaltigen Megastrukturen nehmen dabei eine zentrale Funktion ein, da in ihnen die Leitungen sowohl in vertikaler (Steigschächte) sowie auch in horizontaler (Geschossverteilungen) Richtung geführt werden können. Zudem sorgen sie mit ihren massiven Betonwänden auch für eine ausreichend grosse thermische Speichermasse. Durch die Konzentration der haustechnischen Anlagen innerhalb der Megastrukturen wird für die restlichen Flächen eine grösstmögliche Nutzungsflexibilität erreicht.

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Energiequellen und Zentralen Für die Erzeugung von Heizwärme und Warmwasser, aber auch für die grossen Lüftungsgeräte mit WRG sowie die Hauptzuleitungen von Luft, Strom und Wasser befinden sich im Untergeschoss des Transithotels zwei grosse Haustechnikzentralen. Baugleich ausgestattet übernehmen sie jeweils die Hälfte der haustechnischen Aufgaben des Transithotels. Sie befinden sich an den Stirnseiten des 180m langen Riegelbaus, weisen eine Nutzfläche von je rund 350m2 auf und verfügen über eine lichte Raumhöhe von 5m. Innerhalb des Raumes gibt es dabei jeweils ein- und zweigeschossige Bereiche. Eine optimale Zugänglichkeit ist gewährleistet, einerseits aus den Servicebereichen des Hotels, andererseits aber auch, beispielsweise für Wartungsarbeiten durch externe Betriebe, direkt aus dem Busterminal. Die Heiz- und Brauchwarmwassererzeugung erfolgt kombiniert über mehrere grosse, thermische Wärmepumpen und KombiSpeicher.66 Als Energiequelle dient dazu Erdwärme, welche

Zu Beginn wurden auch Lösungen wie Fernwärme oder ein Blockheizkraftwerk geprüft. Die Fernwärmeleitung hätte aber ebenso wie die Gasleitung des BHKW zuerst von Brunnen aus erstellt werden müssen, zudem sprechen hohe Unterhaltskosten und die Abhängigkeit von Erdgas gegen den Betrieb eines BHKW. 66

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über entsprechende, rund 200m tiefe Bohrlöcher aus dem Fels bezogen wird. Die Bohrungen befinden sich direkt in der Felswand auf Höhe der Trägerrippen des Busterminals. Pro Träger werden rund 6 Löcher in unterschiedliche Richtungen in den Fels gebohrt. So kann aus den insgesamt 36 Bohrungen genügend Energie bezogen werden um die thermischen Wärmepumpen zu betreiben. Die Luft wird an einer zentralen Position vor dem Gebäude über grosse Schächte eingesogen und danach in zwei Richtungen über ein rund 90m langes Erdregister in die beiden Haustechnikzentralen geleitet. Durch diese Massnahme kann die Luft im Erdreich vortemperiert werden. Im Sommer kühlt sie sich um einige Grad ab, im Winter wird sie hingegen durch die Umgebungstemperatur des Erdreiches etwas aufgewärmt. Danach wird die Zuluft in grossen Lüftungsgeräten aufbereitet


(die Lüftungsgeräte verfügen über eine Wärmerückgewinnung) und anschliessend im Gebäude verteilt. Da es sich beim Transithotel um ein sehr grosses Gebäude mit vielen Nutzern handelt, gilt es im Bezug auf den Strombedarf als Grossverbraucher. Daher wird für die elektrotechnischen Installationen grundsätzlich eine Trafostation benötigt. Diese befindet sich wiederum in zweifacher Ausführung in einem abgetrennten Bereich der beiden Haustechnikzentralen.

Abb. 65 | Modellfoto des Transithotels

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Abb. 66 | Visualisierung einer Junior-Suite mit Seeblick

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Verteilung und Verbraucher Die beiden Haustechnikzentralen im Untergeschoss sind über eine horizontale Verteilschicht im Deckenbereich des Busterminals miteinander verbunden. Sie misst im Querschnitt rund 7m x 1.5m, was das problemlose Nebeneinander einer Vielzahl von Leitungen ermöglicht. Diese horizontale Verteilschicht verläuft über die ganze Länge des Gebäudes und verbindet so alle Steigzonen des Gebäudes mit den Haustechnikzentralen. Über diese grundsätzliche Organisation der Verteilung gelangen alle Medien über die Steigschächte in den Megastrukturen in die entsprechenden Geschosse des Transithotels. Dort befinden sich an gut zugänglichen Stellen die jeweiligen Unterverteilungen. In den Zimmertrakten erfolgt die Verteilung der Medien dann über eine heruntergehängte Decke im Bereich der Eingangszonen / Nasszellen der Zimmer. In den Räumen des Gemeinschaftsriegels, zu welchen auch die Suiten zu zählen sind, werden die Medien hingegen über die vorfabrizierten Deckenelemente verteilt. Falls innerhalb der Deckenelemente derartige Lüftungskanäle, Wasserleitungen oder Kabeltrassen installiert werden, können Verblendungselemente angebracht werden, damit die haustechnischen Installationen nicht mehr auf den ersten Blick sichtbar sind.

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Sonnenschutz und passive Sonnenenergienutzung Die grosse Transparenz der Fassade des Transithotels bringt für den Innenraum eine Vielzahl von Vorteilen wie beispielsweise viel Lichteinfall oder einen permanenten Bezug zum Aussenraum. Allerdings haben die grossen Fensterflächen zur Folge, dass dem Schutz vor einer sommerlichen Überhitzung eine grosse Bedeutung zugemessen werden muss. Die Art des gewählten Sonnenschutzes soll dabei auch als ein gestalterisches Mittel eingesetzt werden und im Innen- wie auch im Aussenraum zum eigenständigen architektonischen Ausdruck des Transithotels beitragen. Dies geschieht bei der Hauptfassade des Hotels mit sogenannten Fallarm- oder Knickmarkisen. Diese lassen sich elektrisch regeln und rasten in verschiedenen Positionen ein. So ergeben sie, auch aufgrund der weissen Farbe der Stoffbahnen, je nach Tageszeit, Sonnenstand und Belegung des Hotels ein ganz unterschiedliches Fassadenbild. Sie spenden Schatten und schützen so vor sommerlicher Überhitzung im Innenraum. Darüber hinaus dienen sie auch als Blendschutz.

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Schliesslich trägt auch die Tragstruktur des Gebäudes ganz wesentlich zum passiven Sonnenschutz bei, da sie im Bereich der Fassade durch die vorspringenden Geschossdecken eine Art Brise-Soleil bildet und eine teilweise Verschattung der Fassade zur Folge hat. Insbesondere die Massivität der Megastruktur ist darüber hinaus auch noch als thermische Speichermasse wirksam.


Abb. 67 | Querschnitt durch den Gemeinschaftsbereich, Mst. 1:250

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Abb. 68 | Lobby des Hyatt Regency Hotels in San Francisco - John Portman Associates (1974)

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RESÜMEE Zusammenfassung der Erkenntnisse Der architektonische Projektentwurf für das Transithotel im Steinbruch Eichwald in Brunnen stellt wesentlich mehr als den blossen Transfer einiger theoretischen Erkenntnisse des ersten Teils der Arbeit in eine architektonische Anwendung dar. Vielmehr soll das Transithotel als ein weiteres Untersuchungsobjekt der typologischen Spekulation verstanden werden. So können nun im abschliessenden Resümee alle untersuchten Objekte, auch das Transithotel, miteinander in Beziehung gesetzt werden, wobei eine Synthetisierung aller Teile der Arbeit angestrebt wird. Zusammenfassend gesehen lassen sich, trotz teilweise grosser Unterschiede in der Entstehungszeit, der Bauaufgabe, oder der geografischen Lage, zwischen den einzelnen Untersuchungsobjekten durchaus Gemeinsamkeiten erkennen. Bei allen analysierten Objekten geht es dabei beispielsweise um Möglichkeiten des Umgangs mit einer grossen Anzahl an Menschen. Etwas überspitzt könnten diese Bauten also allesamt als Logistikbauten verstanden werden, sei es nun ein Hotel, ein Flughafen oder eine Retortenstadt. Darüber hinaus definieren sie allesamt Räume, welche von einer modernen und postmodernen Gesellschaft hervorgebracht wurden. Diese weisen eine ganz bestimmte Raumcharakteristik auf, welche man als „transitorisch“ bezeichnen könnte, da sie von einer gewissen Anonymität und Eigenschaftslosigkeit geprägt sind.67 Weiter kann konstatiert werden, dass sich die einzelnen

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vgl. Augé 2012

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Bauaufgaben und Typologien im Laufe der Jahre, bedingt durch eine Vielzahl von äusseren Einflüssen, stark verändert haben und sich die einzelnen Nutzungen zunehmend synthetisieren.68 So sind Bahnhöfe und Flughäfen heute zu einem wesentlichen Teil auch Shopping Center, Malls werden zu urbanen Freizeitparks und auf Kreuzfahrtschiffen finden sich Theatersäle, Parks oder Eislaufanlagen. Somit bildet die typologische Spekulation des Transithotels und der damit angestrebte Nutzungsmix in diesem Zusammenhang also keine grössere Überraschung. „Junkspace“ - So bezeichnet Rem Koolhaas die hypermodernen Räume, welche durch das Gewimmel von Stilrichtungen, der Werbung und Beschriftung sowie dem Nebeneinander von teuren und billigen Materialien gekennzeichnet sind. (vgl. Angélil 2002, S.12) 69 „Wie der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre anhand seiner Untersuchungen der Produktionsbedingungen des Raumes aufzeigt, kann die physische Realität, die uns umgibt, als das Abbild vorherrschender sozio-ökonomischer Strukturen verstanden werden“. (Angélil 2002, S.12) 68

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Vielmehr kann sie als ein Zeichen unserer Zeit, ein Produkt unserer „hypermodernen“ Gesellschaft verstanden werden.69 Die Analyse der einzelnen Objekte zeigt deutlich, dass sich die Bedingungen der Raumproduktion in den letzten Jahrzehnten einschneidend verändert haben und mittlerweile weit über rein architektonische Komponenten hinausreichen. Immer stärker folgt die Produktion der Räume dabei nicht mehr gestalterischen Richtlinien, sondern in erster Linie den vom Kapital vorgeschriebenen Regeln. So treten an die Stelle von klar gegliederten Räumen welche eine gute Orientierung ermöglichen immer öfters komplexe Raumfiguren, welche durch den bewussten Einsatz von zusätzlichen äusseren Reizen ein Gefühl von Desorientierung aufkommen lasssen. So wird ganz


bewusst die Wahnrnehmung des Raumes manipuliert und damit die Menschen, in Kombination mit immer umfangreicheren Raumprogrammen, permanent zum Konsum animiert. Diese Mechanismen der Raumproduktion funktionieren inzwischen in vielen Teilen der globalisierten Welt praktisch identisch und so entstanden in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von „selbstähnlichen“ Räumen. Anschaulich zeigt sich dies am Beispiel von Flughäfen, wo sich während des Aufenthalts im Innenraum jeweils kaum feststellen lässt, an welchem Ort auf der Welt man sich gerade befindet. Auch der globale Massentourismus scheint im Wesentlichen diesen Gesetzmässigkeiten zu folgen. Darüber hinaus ist die räumliche Grammatik der Tourismusbauten zusätzlich aber auch auf das Prinzip der „Sehnsuchtsproduktion“ ausgerichtet.70 So sind auch die Sehnsüchte der Touristen heute nicht mehr ortsspezifisch oder standorttypisch geprägt, sondern können als „global“ und „austauschbar“ bezeichnet werden. Die weltweit nach einem ähnlichen Muster aufgebauten Tourismusarchitektur wird deshalb, wenn überhaupt, „nur noch mit entsprechenden „Destinationsmasken“ überzogen um auf emotionaler Ebene einen (scheinbaren) Bezug zu einem „typisch regionalen“ Charakter einer Destination herzustellen.“71

Die „Sehnsuchtsproduktion“ im modernen Tourismus funktioniert primär über visuelle Kanäle aber auch über das Weitergeben von Erfahrungen und Erzählungen. (vgl. Zinganel 2006) 71 Zinganel 2006 70

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Rolle der Architektur Bei den Betrachtungen zu den aktuellen Bedingungen der Raumproduktion im Spannungsfeld von Massentourismus und Konsumgesellschaft stellt sich ganz deutlich die Frage nach der Rolle, welche die Architektur in diesem Zusammenhang einnehmen kann. Auf den ersten Blick scheint es, als verliere sie tendenziell eher an Bedeutung und müsse sich zunehmend anderen Planern unterordnen, welche Besucherströme und Konsumverhalten besser steuern können. Manchmal könnte man gar vermuten, die Architektur sei zum Zweck eines ikonografischen „Brandings“ heute ausschliesslich noch für ein ansprechendes Äusseres verantwortlich, was sich dann ebenfalls wieder vermarkten und zu Geld machen liesse.72 Doch die Kompetenzbereiche des Architekten sind wesentlich

In diesem Zusammenhang kann beispielsweise das Einkaufszentrum „Westside“ in Bern von Daniel Liebeskind genannt werden. 73 Aufgrund der engen Platzverhältnisse in den amerikanischen Grossstädten strebte Portman mit seinen Hotels in die Höhe und schuf im Zentrum der Gebäude riesige, vertikale Atrien. Von dieser grossen räumlichen Qualität profitierten viele Bereiche des Hotels wie Eingangsbereich und Lobby, die Gänge zu den Zimmern oder auch die dramatisch inszenierten Liftanlagen. 72

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vielschichtiger als auf den ersten Blick befürchtet. Dies äussert sich beispielsweise über die grosse Verantwortung, welche der Architekt in Themenbereichen wie Kontext, Siedlung oder Städtebau wahrzunehmen hat. Das dabei äussere Bedingungen durchaus befruchtend für den Entwurf sein können, zeigt ein Beispiel aus den USA, wo in den 1970er Jahren der Architekt und Developer John Portman die neue Hoteltypologie des „Atriumhotels“ entwickelte.73 Auch der Entwurf des Transithotels in Brunnen reagiert auf veränderte äussere Bedingungen. In diesem Fall handelt es sich um den strukturellen Umbruch in welchem sich der Schweizer Tourismus zurzeit befindet. So versucht die Typologie des Transithotels dezidiert auf die Bedürfnisse eines neuen, stark wachsenden Gästesegments in der Schweiz einzugehen. Dabei wurde versucht, die Architektur


von Beginn weg konsequent als die entscheidende Komponente zu verstehen, welche die vielen unterschiedlichen Facetten des Programms synthetisieren kann. So konnte trotz einem anspruchsvollen, hybriden Programms eine hohe räumliche Qualität erreicht werden. Dies gelingt beispielsweise durch die strukturierende und rhythmisierende Wirkung der konstruktiven Mega- und Substruktur, welche eine klare Orientierungsmöglichkeit schaffen konnte. Zusätzlich sorgt auch die deutliche Aufwertung der gemeinschaftlichen Räume so wie der permanente Bezug zum Aussenraum für einen klar ersichtlichen, räumlichen Mehrwert beim Transithotel.

Abb. 69 | Atrium des Marriott Marquis Hotel in Atlanta- John Portman Associates (1985)

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Kritik und Schlusswort Ist das Konzept des Transithotels tatsächlich eine mögliche Art den neuen Herausforderungen im Schweizer Tourismus in Zukunft zu begegnen? Zwar kann diese Frage mit der vorliegenden Untersuchung nicht abschliessend oder mit Sicherheit beantwortet werden. Dies mag damit zusammenhängen, dass dieses gedankliche Experiment bewusst auf einer spekulativen Vorgehensweise beruht. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die Prognosen für die Entwicklung des Tourismus in der Schweiz auf klaren Fakten beruhen, auch wenn eine genaue Vorstellung ihres Ausmasses aus heutiger Sicht oftmals schwer fällt. So lässt die Auseinandersetzung mit den Phänomen des „Massentourismus“ sowie der tief in der Gesellschaft verankerten „Kultur des Konsums“ momentan auch viele Fragen offen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das „mögliche Szenario“ des Transithotels in Brunnen in diesem Zusammenhang bewusst eine Provokation darstellt, da es sich in radikaler Weise an den aktuellen Bedürfnissen des Schweizer Tourismusmarktes orientiert. Idealerweise können so die transitorische Raumcharakteristik, die im Innenraum entstehende „Kultur des Konsums“ sowie das grossvolumige, von weitem sichtbare Bauvolumen als Grundlage für eine Reihe von weiterführenden, kontroversen Diskussionen dienen. Erst durch diese individuelle und kritische Auseinandersetzung kann schliesslich eine persönliche Haltung gegenüber der zukünftigen Ausbreitung des Massentourismus in der Schweiz eingenommen werden.

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Meiner Meinung nach ist das Konzept des Transithotels in Brunnen in vielen Bereichen eine durchaus sinnvolle Antwort


auf die aktuellen Herausforderungen in der Schweizer Tourismusbranche. Es befriedigt zielgerichtet die Bedürfnisse eines bestimmten Gästesegments und hat durch dieses klar ausgerichtete Konzept grundsätzlich gute wirtschaftliche Aussichten. Die neue Bedeutung der gemeinschaftlichen Hotelbereiche sowie deren attraktive Ausrichtung zum See verleihen dem Hotel zudem eine eigenständige und ansprechende architektonisch-räumliche Identität. Darüber hinaus kann das Transithotel auch ökologischen Kriterien genügen, da es auf kompaktem Raum eine Vielzahl an Touristen beherbergen kann. Aufgrund seiner Lage im stillgelegten Steinbruch Eichwald beeinträchtigt das grosse Bauvolumen zudem auch die kleinteilige Siedlungsstruktur von Brunnen nicht. Die Arbeit macht in vielen Bereichen deutlich, dass es sich beim Massentourismus in erster Linie um ein gesellschaftliches Phänomen handelt. Mittlerweile ist unser Wohlstand und die persönliche Mobilität dermassen hoch, dass das Reisen für viele Menschen nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken ist. So sind in Zukunft nicht nur Hoteliers oder Architekten sondern die ganze Gesellschaft gemeinsam gefordert einen Weg zu finden, den kommenden Herausforderungen im Massentourismus zu begegnen. Gerade in der Schweiz, wo der Tourismus mittlerweile zu einem derart wichtigen Wirtschaftszweig angewachsen ist, kann man sich dabei eine abwartende und passive Haltung in dieser Frage ganz einfach nicht erlauben. Welche neuen Formen der Beherbergung sich schliesslich durchsetzen werden kann nicht prophezeit werden - doch die typologische Spekulation des Transithotels ist zumindest schon einmal ein Anfang.

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Abbildungsverzeichnis Alle nicht explizit aufgef端hrten Darstellungen wie Fotos, Plandokumente, Renderings oder Schemata stammen aus eigener Darstellung und entstanden im FS 2013 (Cyrill Chr辿tien, 2013)

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Abb. 02 | Fl端ckiger-Seiler 2005, S.14 Abb. 03 | Rucki 2012, S.20 Abb. 04 | Fl端ckiger-Seiler 2005, S.139 Abb. 05 | ebd. S.34 Abb. 06 | Rucki 2012, S.165 Abb. 07 | ebd. S.213 Abb. 08 | ebd. S.202 Abb. 09 | ebd. S.205 Abb. 10 | ebd. S.226 Abb. 11 | Schmid 2012, S.2 Abb. 12 | BFS 2012, S.10 Abb. 13 | ebd. S.10 Abb. 14 | http://goo.gl/87XKN (28.06.2013) Abb. 15 | http://goo.gl/Apsvd (28.06.2013) Abb. 16 | http://goo.gl/WJDyr (28.06.2013) Abb. 17 | http://goo.gl/bUCm0 (28.06.2013) Abb. 18 | http://goo.gl/ZHdwN (28.06.2013) Abb. 19 | http://goo.gl/NYcMx (28.06.2013)


Abb. 20 | Sp端hler et al. 2002, S.71 Abb. 21 | ebd. S.53 Abb. 22 | http://goo.gl/h8mu7 (28.06.2013) Abb. 23 | http://goo.gl/q6pwK (28.06.2013) Abb. 24 | http://goo.gl/0uxee (28.06.2013) Abb. 25 | http://goo.gl/9tztA (28.06.2013) Abb. 26 | http://goo.gl/BhGyj (28.06.2013) Abb. 27 | http://goo.gl/JuXUE (28.06.2013) Abb. 28 | http://goo.gl/DPp2u (28.06.2013) Abb. 29 | http://goo.gl/SYbdp (28.03.2013) Abb. 30 | http://goo.gl/0DGdp (28.06.2013) Abb. 31 | http://goo.gl/xBd62 (28.06.2013) Abb. 32 | http://goo.gl/3N1cV (28.06.2013) Abb. 33 | http://goo.gl/3QKu5 (28.06.2013) Abb. 34 | http://goo.gl/XogBK (28.06.2013) Abb. 35 | http://goo.gl/SPTT7 (28.06.2013) Abb. 36 | http://goo.gl/k0u1U (28.06.2013) Abb. 37 | http://goo.gl/f3haP (28.06.2013) Abb. 38 | http://goo.gl/IVnUQ (28.06.2013) Abb. 39 | http://goo.gl/aiVBC (28.06.2013) Abb. 68 | http://goo.gl/HFPbt (28.06.2013) Abb. 69 | http://goo.gl/nyGOR (28.06.2013)

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Danksagung An dieser Stelle möchte ich mich bei Prof. Johannes Käferstein, Dr. Oliver Dufner und Caspar Schärer für die intensive Betreuung und Unterstützung während dieser Arbeit bedanken. Die vielen sachdienlichen Hinweise, aber auch die aufmunternden und motivierenden Worte haben mir bei der Auseinandersetzung mit dem Thema sehr geholfen und der Arbeit immer wieder zu neuen Facetten verholfen. Darüber hinaus gilt ein grosser Dank meinem nahen persönlichen Umfeld. So möchte ich mich vor allem bei meiner Freundin ganz herlich für die unermüdliche Unterstützung und das grosse Verständnis bedanken, welches sie mir im Laufe dieser Arbeit und des ganzen Architekturstudiums entgegen gebracht hat. Auch meiner und ihrer Familie gebührt ein grosses Dankeschön, da ich in allen Situationen stets auf ihre Unterstützung zählen konnte. Vielen herzlichen Dank!

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Redlichkeitserklärung Hiermit versichere ich, dass die vorliegende Arbeit mit dem Titel: „Transithotel im Steinbruch - eine typologische Spekulation“ selbstständig durch mich verfasst worden ist, dass keine anderen Quellen und Hilfsmittel als die angegebenen benutzt worden sind und dass die Stellen der Arbeit, die anderen Werken – auch elektronischen Medien – dem Wortlaut oder Sinn nach entnommen wurden, unter Angabe der Quelle als Entlehnung kenntlich gemacht worden sind.

_____________________________________ Cyrill Chrétien

Luzern, 5. Juli 2013

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