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Am Wochenende oder wenn ich frei hatte, schloss sie sich oft im Keller ein. Dort malte sie oder formte Figuren aus Lehm. Etwas das mein Vater mir gegenüber als „produktive Selbsthilfe“ bezeichnete, ohne dass ich es genau verstanden hätte. Sonntags hatte ich die Angewohnheit, mich faul auf dem Ledersofa im Wohnzimmer zu wälzen. Meine Mutter nutzte die Gelegenheit, kam die Treppen herauf geschlichen und zeigte mir, stolz lächelnd, was sie geschaffen hatte. „Was denkst du? Wie findest du es?“, sagte sie ganz außer Atem. In ihren Händen lagen ein paar Figuren. Ein bisschen hatten sie die Gestalt von kleinen Männern mit Hüten oder die von Giraffen mit langen Hälsen, nur waren die Gliedmaßen unvollständig ausgebildet und ineinander verschränkt. Ich nickte aufmunternd. Unzählige Figuren reihten sich auf der Anrichte im Flur bereits aneinander, traurige Seelen, wie aus einem einem der Horrorfilme entsprungen. •

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2017 Word for Work Workshop ebook  

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