Page 221

Natalie hatte der Ausgang unseres Kräftemessen wütend gemacht: „Bestimmt hat er absichtlich verloren“. Sie warf mir einen bösen Blick zu. „Ein echter Gentleman“, sagte Amelie und lächelte mir zu. Plötzlich wusste ich nicht mehr wohin mit meinen Händen. Eben noch waren sie ein Teil meines Körpers gewesen, über den ich nicht nachzudenken brauchte. Jetzt fühlten sie sich falsch an, als gehörten sie jemand anderem. Ich stemmte sie hinter mir in den Boden, um mich abzustützen aber sie waren verschwitzt; ich rutschte weg und fiel auf den Rücken. Ich drehte mich zu den anderen aber Natalie hatte in ihrem Eifer nichts bemerkt. Dann sah ich zu Florian und er erwiderte meinen Blick, betrachtete mich auf eine Weise, die ich als Verwunderung deutete aber mich beschlich eine Ahnung, dass mehr dahintersteckte. Nur kam ich nicht darauf, was es war. Es ist manchmal seltsam, wie wenig man einen Menschen versteht, den man schon zu lange kennt. Oder verliert man erst recht den Blick für das Offensichtliche? Viel später erst wurde mir die ganze Tragweite meiner Blindheit bewusst. Vorerst benahm ich mich wie üblich. Ich verbrachte die restlichen Ferien bei Florian. Meine Mutter wusste die meiste Zeit nicht, dass ich zu ihm ging oder mich überhaupt woanders aufhielt. Wenn ich morgens das Haus verließ, schlief sie noch oder saß mir gegenüber am Frühstückstisch und stellte ständig sich wiederholende Fragen. Manchmal lächelte sie versonnen. Irgendwann begann die Schulzeit von neuem und auch dann sah ich sie nicht jeden Tag.

221

Profile for cusoa

2017 Word for Work Workshop ebook  

2017 Word for Work Workshop ebook  

Profile for cusoa