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Wenn wir zusammen vor dem Fernseher saßen, lagen Natalie und Amelie ausgestreckt vor uns, die Beine ineinander verknotet, und flüsterten sich Dinge ins Ohr, nur um uns wahnsinnig zu machen. Die Filme dagegen waren wirklich unglaublich schlecht: B- Movies oder wie man manchmal sagt CMovies, bei denen die Schauspieler selbst die Kamera hielten, komplett vorhersehbare Horrorfilme und ähnliche Sachen. Das bedeutete kreischende Jugendliche und beruhigendes Rascheln aus der Chipstüte, wenn einer darin nach Kartoffelchips fischte. Es gab ohnehin Spannenderes, als die Filme zu verfolgen: Wir hatten ein Spiel daraus gemacht, die anderen offen herauszufordern und uns gegenseitig aufzuziehen. Aus dem Sprüchen entwickelten sich Wettkämpfe, die oft ein großes Geschrei auslösten. „Mal sehen, wer stärker ist“, sagte Amelie, als ich ihr die Tüte wegreißen wollte und sie meine Hand fest packte. Die Stimmung schaukelte sich hoch. Natalie schwebte über uns wie eine Drohne, kreischte unverständliches Zeug und feuerte uns an. Wir einigten uns darauf, unseren Streit durch Armdrücken zu entscheiden. Ich verlor und musste der Siegerin einen Kuss auf die Wange drücken. Die Röte stieg mir ins Gesicht und ich wusste nicht, ob wegen des Kusses, den ich hastig hinter mich gebracht hatte oder weil ich geringere Kraft besaß. Immerhin war sie zwei Jahre älter. Amelie saß im Schneidersitz und lächelte mich triumphierend an. Ich konnte ihren Blick kaum erwidern und schaute verlegen zur Seite.

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