Page 147

Ich kam aufs Gymnasium, meine Schwester ins Krankenhaus. Ich verlor meinen Schlüssel, meine Schwester ihr Haar. Das sind keine Kausalitäten, nur zwei Dinge, die kurz nacheinander passiert sind. Wenn zwei Sachen nah genug beieinander stehen, klingt es, als hätten sie miteinander zu tun. Daraus bestand plötzlich unser Alltag, aus Dingen, die nebeneinander stehen. Wenn zwei Dinge oft genug nah beieinander stehen, stellt jemand eine Statistik auf. Es war eine zermürbende Phase in unserem Leben. Als hätten wir die ganze Zeit die Luft angehalten. Ich durfte meine Schwester nicht im Krankenhaus besuchen, verbrachte die Nachmittage nun vermehrt bei meinen Großeltern, blieb dort für ganze Wochen. Vielleicht dachten meine Eltern, es sei mir nicht zuzumuten. Dann durfte ich plötzlich doch. Und ich habe mich gefragt, warum auf einmal. Meine Großmutter und ich fuhren mit der U-Bahn in die Stadt. Sie weinte die ganze Fahrt lang, aber vor der Tür des Krankenzimmers hörte sie auf damit. Wenn meine Schwester Fieber hatte, fantasierte sie vor sich hin, als würde sie noch immer träumen, mit halbgeschlossenen, wimpernlosen Lidern. Sie erzählte mir von allem, was sie sah und ich nicht. Einmal erzählte sie: Ein dunkles Pferd habe ihr süße, reife Pflaumen gebracht. Oder: Die Sonne habe rosa geleuchtet, mitten in der Nacht. Soll mir niemand erzählen, dass das irgendeinen Sinn ergibt, dass sie krank wurde und ich nicht. Dass man das hätte vorhersehen, vielleicht sogar abwenden können. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist höher, wenn man ein Mann ist. An Dickdarmkrebs erkranken Männer häufiger als Frauen. Die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, ist wesentlich höher, wenn man weiblich ist. In seltenen Fällen erkranken jedoch auch Männer daran. Die

147

Profile for cusoa

2017 Word for Work Workshop ebook  

2017 Word for Work Workshop ebook  

Profile for cusoa