Page 143

Zeitgleich kehrte aus dem Afghanistan-Krieg eine ganze Generation junger, traumatisierter Männer heim, für die es keine Arbeit gab und für die Waffengewalt Alltag war. Die örtlichen Autoritäten teilten das Territorium des Landes wie eine Packung Cracker unter sich auf, Banden lieferten sich Schießereien auf offener Straße, die Polizei - im Grunde auch nur eine der Banden. Mein schmaler, kluger Vater schlief mit einer Waffe unter dem Kopfkissen. (Etwas, was er noch lange Zeit später tat, als wir schon längst nicht mehr dort waren.) Dann kam ich zur Welt und mein Vater hörte von einem auf den anderen Tag auf zu rauchen. Ich war sein erstes Kind. Seine Freunde und er verkauften alles, was sie auftreiben konnten auf dem Schwarzmarkt. Kopierer, Seife, Schuhe. Sie fuhren einmal die Woche nach Polen und Weißrussland, luden das Autos voll mit allem, was ihnen verkaufbar erschien. Meine Schwester wurde eingeschult. Ich lernte laufen und sprechen und lesen. Meine Eltern entschieden, dass es für uns Zeit wurde, das sinkende Schiff zu verlassen. Sie verkauften das Haus und das Auto meines Vaters für eine lächerliche Summe und wir zogen nach Deutschland, nach Berlin, wo die Eltern meiner Mutter schon seit einigen Jahren lebten. Wie viele andere Ukrainer auch. Nur eine Geschichte unter vielen.

Die Wahrscheinlichkeit, an Leukämie, Schild- oder Lymphdrüsenkrebs zu erkranken, ist sehr hoch, wenn man im Strahlungsgebiet einer Nuklearkatastrophe lebt. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist erhöht, wenn man radioaktiv verseuchtes Obst oder Gemüse zu sich nimmt. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, ist sehr hoch, wenn man in Kontakt mit Uran kommt. Wer einer erhöhten Dosis radioaktiver Strahlung ausgesetzt war, erkrankt mit hoher

143

Profile for cusoa

2017 Word for Work Workshop ebook  

2017 Word for Work Workshop ebook  

Profile for cusoa