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de l’autonomie

N°3 april 2006

Übersicht Die Arbeit am Gedächtnis in der Ergotherapie – Frau Caudmont, Ergotherapeutin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 Es waren einmal... die fünf Sinne – Frau Arnold, Psychologin

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Erinnerungspflege heißt Erinnerungen wecken an eine glückliche Spanne Zeit – Frau Thomas, Pflegedienstleitung Direktionsbeauftragte Uelzechtdall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Herr Doktor, ich leide an Gedächtnisschwund – Herr Pichot, Arzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Die Luxemburger Alzheimer-Vereinigung – Herr Engel, Generaldirektor der Vereinigung ALA . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Videogramm “J’avais 20 temps en ce temps-là” Herr Deloge – Für Ihre Entspannung . . . . . . . . . . . . . 12 Redaktionsvorstand: Die Mitarbeiter des Netzwerkes HELP Verantwortlicher Herausgeber: José Luxen, Direktor Réseau Help Adresse der Redaktion: 54, rue Emile Mayrisch L-4240 Esch-sur-Alzette Tel. 26 70 26 Ausführung: Paprika plus Esch/Alzette • www.paprika.lu Druckerei: Watgen Luxembourg • Tel. 43 84 86-1 Die „Cahiers de l’autonomie“ erscheinen 6 Mal pro Jahr. Die Veröffentlichung der Texte geschieht mit Verantwortung der verschiedenen Autoren. Auflage: 5.000 Exemplare.

Vorwort

Gedächtnis Marcel Proust schreibt in seinem Buch: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“:

“Erinnerung, ist das Seil, heruntergelassen vom Himmel, das mich herauszieht aus dem Abgrund des Nicht-Seins” Wir alle leben mit unseren Erinnerungen, den guten und den schlechten, und möchten sie in keinem Fall missen. Unsere Erinnerungen geben uns das Gefühl und die Gewissheit, daß wir leben und mit fortschreitendem Lebensalter runden sie unser gelebtes Leben ab. Wie mag es einem Menschen gehen, welcher nicht mehr eintauchen kann in seine Vergangenheit, sich einfach nicht mehr erinnern kann, das Seil verloren hat , welches ihn vor dem Abgrund des Nicht-Seins „rettet“. U. Thomas Direktionsbeauftragte HELP - Uelzechtdall


Ergotherapeutin

Die Arbeit am Gedächtnis in der Ergotherapie Bericht von Caroline Caudmont, Ergotherapeutin des Netzwerkes Help-Doheem versuergt, Universitätsdiplom der Neuropsychologischen Klinik

Wem ist es nicht schon mal passiert, Gedächtnislücken zu haben, wie zum Beispiel Schlüssel vergessen oder das Suchen nach der verlegten Brille...

Gegenstände, wie Backofen oder Rasierapparat. Die Situation wird aber vor allem dadurch erschwert, dass der oder die Betroffene, sich der Tatsache nicht bewusst ist.

Häufigeres Auftreten dieser Gedächtnislücken bringt oft viele Fragen und Ängste mit sich...

Bei konsequentem Gedächtnisverlust können die Ursachen sehr unterschiedlich sein; wir sprechen von leichtem kognitivem Defizit oder von Demenz, wie bei der Alzheimer Krankheit.

Vergessen wir nicht, dass dieser Aufmerksamkeitsmangel häufiger vorkommt, wenn wir sehr beansprucht sind, aber auch mit zunehmendem Alter.

Die Rolle des Ergotherapeuten ist es, diese Störungen zu verringern. Hier einige Möglichkeiten, , die den Alltag erleichtern können, sog. mnemotechnische Mittel:

Tatsächlich verringert sich die Kapazität des Gehirns ab dem Alter von 65 Jahren, was zu Schwierigkeiten beim Speichern neuer Informationen führt. Manchmal vergisst die ältere Person, wer am Morgen da war, um ihr beim Waschen zu helfen oder sie erinnert sich nicht, wann der Ergotherapeut, der Arzt oder ihr Sohn kommen soll...

Nehmen wir als Beispiel Herrn A.

Aber sie erinnert sich bestens an Ereignisse ihres Lebens, Orte, die sie besucht hat oder Schulen, auf denen sie gewesen ist. Ausserhalb dieser “normalen” Phänomene gibt es Gedächtnisverluste, die das alltägliche Leben sehr beeinträchtigen. Diese Probleme breiten sich auch auf andere intellektuelle Funktionen aus, wie die Organisation oder die Planung des Lebensalltags, die Benutzung alltäglicher 2

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Das vom Ergotherapeuten angebotene Hilfsmittel ist ein Fragebogen, der der Autoevaluation des Gedächtnisses dient, wovon M.A. und seine Familie profitieren.

Hier einige Ratschläge an M.A.: • Namen und Gesichter: Bsp.: bei Familientreffen kann M.A. die Vornamen der Familienmitglieder, die er nicht so oft sieht, und die Namen noch unbekannter Personen nicht behalten. Das ist ihm peinlich. Deshalb nimmt er nicht mehr an Unterredungen teil.

(unten als M.A bezeichnet). M. A. hat Probleme sich in der Zeit zurechtzufinden, zu wissen, wo er seine Sachen ablegt, die Namen seiner Freunde zu behalten, usw. Dieses permanente Vergessen gibt ihm das Gefühl, zu nichts mehr zu taugen. Er ist bereits morgens früh beim Aufstehen entmutigt und traut sich nichts mehr zu. So entsteht ein Mangel an Aktivität. M.A. hat angefangen, zusammen mit seinem Therapeuten eine Liste der Aktivitäten zu erstellen, die er regelmässig vergisst, was seine Autonomie beeinträchtigt. Hierbei stellte sich heraus, dass es noch viele Dinge gibt, die er sehr gut beherrscht. Die Auflistung dieser Dinge hat sein Selbstwertgefühl bestärkt.

Rat des Ergotherapeuten: sich auf Bilder basieren, mit Assoziationstechniken Personen, deren Name behalten wird, mit Namen von „neuen“ Personen in Verbindung bringen. Auf die Wichtigkeit beharren, die Namen vor und während der Unterhaltung zu wiederholen. Für M.A haben wir Fotos seiner Familie mit den Namen genommen und diese dann sortiert.

• Termine: Bsp. M.A erinnert sich nicht, ob der Heilgymnastiker heute Morgen kommt, oder ob er heute Nachmittag etwas unternehmen sollte. Er erinnert sich nicht an ein Datum, an einen Wochentag, ein Jahr...


Pflicht um stets die gleiche Uhrzeit, in Verbindung mit einem bestimmten Ereignis des Tages. M.A. leert also seinen Briefkasten, wenn z.B. die Krankenschwester gegangen ist, oder giesst die Pflanzen nach der wöchentlichen Gartensendung im Fernsehen.

• Lokalisieren der Objekte : Bei M.A. handelt es sich darum, sich daran zu erinnern, wo er seine Brille abgelegt hat. Rat des Ergotherapeuten: Zurückgreifen auf eine externes Hilfsmittel, wie bspw. eine Agenda (z.B. von Help) oder ein Kalender. Das Benutzen einer dieser Gedächtnisstützen sollte nach genauer Berechnung des Bedarfs erfolgen und man sollte Übung in der Anwendung haben. Alle Personen mit denen M.A. zu tun hat, sollten ihn ermuntern, seine Agenda zu benutzen. Ausserdem sollte man ihn regelmässig nach dem Datum fragen, danach, wer am Morgen gekommen ist, und so sein Gedächtnis stimulieren. Wenn er die Antwort nicht weiss, kann er in seiner Agenda nachsehen.

• Routinemässige Pflichten: zB. die Blumen giessen oder den Briefkasten leeren Rat des Ergotherapeuten: das Benutzen externer Hilfsmittel, wie die Agenda oder Gedächtnisstützen, die die Möglichkeit bieten, aufzuschreiben, was erledigt ist. Eine Liste der zu erledigenden Dinge während des Tages erstellen und aufschreiben, wenn sie erledigt sind. Ebenfalls sollten interne Strategien genutzt werden wie z.B. das Erledigen einer bestimmten

Rat des Ergotherapeuten: man sollte Objekte nicht willkürlich ablegen, sondern immer an einem Ort, der einen Bezug zur Funktion der Objekte darstellt: Objekte die man häufig verlegt, z.B. die Agenda, sollten mit greller Farbe gekennzeichnet werden, einen strategischen und logischen Ort wählen für Dinge, die oft und plötzlich abgelegt werden. M. A. benutzt seine Brille um morgens die Zeitung zu lesen, also wird er sie auf den Tisch legen, wo er meistens liest.

• Konzentration: M.A. konnte während einer Aktivität nicht länger als 10 Minuten aufmerksam bleiben, denn er hatte das Gefühl zu vergessen, oder die Anweisungen nicht zu behalten, oder aber er verlor die Geduld wegen seiner Vergesslichkeit. Rat des Ergotherapeuten: es ist wichtig, die Aufmerksamkeit, die auf die Informationen gerichtet ist aufrecht zu erhalten und diese Informationen mit bestehenden, bedeutenden Kenntnissen zu verknüpfen.

M.A., anstatt an das Versagen zu denken und seine Aktivitäten einzustellen, konzentriert sich in konsequenter Weise auf die erhaltenen Informationen. Er kann sich so wesentlich länger konzentrieren.

Dank dieser verschiedenen Mittel hat M.A. sein Selbstvertrauen wieder gefunden, nimmt teil an Unterhaltungen, hat wieder Freude am Ausgehen. Natürlich vergisst er ab und zu etwas, aber er hat gelernt es in seiner Agenda nachzuschlagen, was eine grössere Autonomie im Alltag bedeutet.

Unsere Schlussfolgerung Alle diese kleinen Ratschläge sind nur ein kleiner Überblick über die Hilfsmittel, die der Ergotherapeut in Punkto Rehabilitation des Gedächtnisses anbieten kann. Diese werden auf Basis einer Bedarfsanalyse und unter Berücksichtigung der Einschränkungen der Person angewandt, in Interaktion mit den Lebensgewohnheiten und der Umgebung. Diese einmal entwickelten Mittel können regelmässig angewandt werden, sowohl von der betroffenen Person, ihrem direktem Umfeld als auch ihrem Betreuerteam (Krankenschwester, Ergotherapeut,...). Es ist sehr wichtig jeden in den Prozess einzubeziehen, der an der Pflege der Person beteiligt ist. Vielleicht haben Sie oder Ihre Angehörigen noch andere Probleme als die im Beispiel vorgestellten. Es ist auf jeden Fall wichtig, einen Arzt aufzusuchen und später einen Ergotherapeuten, wenn die Probleme Ihren Alltag behindern.

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Psychologin Das Gedächtnis, oder genauer gesagt die Gedächtnisse, sind ausgedehnte und komplexe Themen. Im Alter ist es normal, dass manche Erinnerungen

Photo: Jules Toussaint - Luxembourg

zerbröckeln, vergehen. Die Erinnerungen, die an unsere persönliche Erfahrung gebunden sind, bleiben jedoch meist erhalten.

Es waren einmal ... Ich möchte Ihnen zwei Überlegungen unterbreiten; die eine betrifft das Kurzzeitgedächtnis, die andere das Langzeitgedächtnis. Das Kurzzeitgedächtnis empfängt permanent Informationen über die 5 Sinne, Sicht, Gehör, Fühlen, Geruch und Geschmack. Alles, was wir mit unseren fünf Sinnen gut wahrnehmen, können, werden wir leicht behalten. Wenn ich also, zum Beispiel, meine Zeitung neben dem Obstkorb ablege, der auf dem Möbelstück nahe der Eingangstür in der Küche steht, sollte ich meine Umgebung beobachten, indem ich, zum Beispiel, Farbe und Muster des Platzdeckchens, das unter dem Korb liegt, betrachte, ich fühle mit meinen Finger dieses Deckchen, dass meine Grossmutter für mich gestickt hat; dann schaue ich mir die Möbel an, die Küche,... indem ich mir diese ebenfalls genau einpräge, wird mein 4

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Gedächtnis all diese Parameter speichern. Wenn ich dann lesen und meine Zeitung nehmen will, werden all diese gespeicherten Informationen mir helfen, mich daran zu erinnern, dass meine Zeitung neben dem Körbchen auf dem Möbelstück nahe der Eingangstür in der Küche liegt. Um uns leichter und besser erinnern zu können, sollten wir unserer Umgebung gegenüber wieder aufmerksam werden; wir sollten unsere fünf Sinne wiederentdecken; wieder lernen zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu fühlen. Diese sensorische Stimulation erlaubt es, die Sinne zu wecken oder wiederzuerwecken, die durch schlechte Angewohnheiten träge geworden sind und so, Anhaltspunkte herzustellen, die das Erinnern erleichtern, und uns helfen diese Erinnerung zu behalten.

Tatsächlich beobachten wir unser Umfeld nicht alle auf die selbe Art und Weise: für den Einen ist wichtig, was er sieht, dies wir er beachten; diese Person wird sich besser an Visuelles erinnern; für den Anderen besteht die Welt vor allem aus Tönen und er ist sehr sensibel gegenüber dem, was er hört; seine Erinnerung wird begünstigt werden durch Geräusche; für einen Dritten ist am wichtigsten, was er fühlt und empfindet; er erinnert sich eher an das Gefühlte. Für die meisten unter uns geschieht diese Analyse unbewusst, ohne dass wir es merken. Dennoch haben einige unter uns nur einen einzigen Sinn entwickelt (einen sog. dominanten Sinn). Diese Wahrnehmung durch nur einen "einzigen Sinn" beeinträchtigt die Informationen, die im Gedächtnis gespeichert werden und als Erinnerung wiederkehren.


Bericht von Régine Arnold Psychologin und Diplomorthophonistin, Koordinationspsychologin der psycho-geriatrischen Tagesstätte in Steinfort

Das ganze Leben hindurch werden wir beeinträchtigt: die Sicht verschlechtert sich, das Gehör ist nicht mehr so fein, Geschmacks- und Tastsinn werden gröber. Wenn wir die Welt nur mit einem einzigen Sinn wahrnehmen und dieser sich verschlechtert, so wird es auch umso schwieriger für uns, uns auf die Welt einzustellen und unsere

Die zweite Überlegung betrifft das Langzeitgedächtnis: Während unseres gesamten Lebens speichern wir Erinnerungen. Mit dem Alter trübt sich das Kurzzeitgedächtnis. Die Erinnerungen bleiben jedoch. Manchmal tauchen sie im Alltag auf: wir wissen nicht mehr, was wir am Morgen gegessen

die fünf Sinne... haben, aber wir erinnern uns an unsere Mutter, an ihre Art, abends mit uns zu kuscheln oder uns ein Butterbrot zu schmieren; wir sehen Bilder von unserem Vater, wie wir spielten, Bilder von unserem Haus mit dem Garten, indem es sich so angenehm lebte; wir hören das Geschrei unserer Geschwister, wenn sie uns neckten...

„Wahrnehmung der Welt“ wird reduziert. Um uns hiervor zu schützen, sollten wir unsere Wahrnehmungsfähigkeit ausbauen. Wir sollten die Welt sehen, sie hören und uns auf unsere Empfindungen einlassen. So werden wir verschiedene Schlüssel entwickeln, verschiedene sensorische Tasten, vergleichbar mit Tasten eines Klaviers, wenn die eine nicht mehr funktioniert, können wir immer noch die andere benutzen.

Indem wir auf die Lebensgeschichte der Person eingehen, mit der wir in Verbindung treten wollen, erlauben wir der Person sich als existente Person zu fühlen, als jemand mit einer Vergangenheit, einer Gegenwart und einer Zukunft. So vermenschlichen wir die Beziehung und die Person wird eine Dame oder ein Herr bleiben, in seiner Gesamtheit und seiner Vielfalt. Mit einer alten Person in die Vergangenheit einzutauchen, bedeu-

tet für diese Person nicht nur angenehme Momente zu verbringen, sondern erlaubt ihr ebenfalls in eine vetraute Welt einzutauchen und so mit gestärktem Selbstvertrauen ihre Einschränkungen und Schwächen zu überwinden. Für eine ältere Person ist es kaum mehr möglich sich neue Strategien anzueignen, um im täglichen Leben zurecht zu kommen, aber es ist durchaus möglich, bei einer desorientierten Person Erinnerungen zu wecken an Mittel und Wege, die sie in früheren Zeiten angewandt hat, um ihre Ängste zu besiegen. Also ist es wichtig, alle unsere Sinne zu „kitzeln“ und zu mobilisieren, um so die „Speicherfähigkeit“ unseres Kurzzeitgedächtnisses zu erhöhen und somit unsere Flexibilität auf unvorhersehbare Ereignisse, die uns das Leben oft beschert, zu reagieren. Frühe Erinnerungen bleiben intakt. Vergessen wir nicht, dass jeder von uns eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft hat und es ist diese Zeitlinie, die uns zum vielseitigen, einzigartigen menschlichen Wesen macht.

Benutzen Sie alle Ihre Sinne ! les cahiers de l’autonomie

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Krankenpflegerin

Hier war ich als Kind zu Hause. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. In unserer professionellen Arbeit mit alten und dementen Menschen treffen wir immer öfters auf Klienten, die Ihre Erinnerung verloren haben. Unzählige BetreuerInnen stehen vor der täglichen Herausforderung diesen Menschen zu helfen sich zu erinnern. Wir treffen Sie sowohl in den Tagesstätten als auch bei unseren Dienstleistungsangeboten im “Maintien à domicile” an. Die sinnvolle Gestaltung der geplanten Stunden beim “Garde à domicile“ und im Tagesablauf vom “Centre de jour spécialisé”, hat sich das Pflegenetz HELP zu einer ernsten Aufgabe gemacht und bietet zu diesem Thema auch Fortbildungen an, z.B Erinnerungspflege-Biografiearbeit. Die Umsetzung dieses Wissens kann aber nur sinnvoll erfolgen, wenn die pflegenden Angehörigen offen für die biografisch – orientierte Arbeit sind und den Betreuern wichtige Lebensdaten Ihrer Ange6

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hörigen zur Verfügung stellen. Wenn wir ansatzweise die Lebensgeschichte unserer Klienten kennen, können wir ganz gezielt mit unserer Betreuung auf die Bedürfnisse unserer alten Menschen eingehen. Einige Beispiele: Heimat wo bist du, Mühsal oder Selbstverwirklichung?  Wo liegt der Geburtsort? Gab es Geschwister? Waren sie verheiratet?  Wo wurde die Kindheit verbracht?  Gab es einen Beruf?  Wer waren die wichtigsten Menschen im Leben?  Wann wurde das erste Geld verdient?  Gibt es Erinnerungen an die glücklichste Zeit im Leben?  Welche Kino und Fernsehfilme wurden am liebsten gesehen?  Welche Freunde gab es und wo leben sie heute?  Was war die Lieblingsspeise? Auszug: In Würde altern. Doris Tropper.

Man kann die genannten Beispiele noch weiterführen. Deutlich wird, dass solche Befragungen sehr hilfreich im Umgang mit alten und dementen Menschen sind, um an deren Lebensgeschichte anzuknüpfen und in ein Gespräch zu kommen. Beispiel: Seit einigen Wochen betreuen wir eine Dame, welche in ihrer Vergangenheit gerne zum Angeln ging und auch Zuhause ein Aquarium hatte. Da wir schon längere Zeit ein kleines Aquarium anschaffen wollten, nahmen wir diese Information, welche wir mittels einer Biografieerhebung erfahren haben, mit Freude auf und kauften mit der Dame die nötigen Utensilien ein. Mittlerweile haben wir viel über Fische, weibliche und männliche erfahren, wie man ein Aquarium bepflanzt und pflegt. Die Klientin konnte so eine ihrer Kompetenzen sinnvoll einsetzen, ganz zur Freude aller Beteiligten.


Erinnerungspflege heißt Erinnerungen wecken an eine glückliche Spanne Zeit.

U. Thomas, Pflegedienstleitung, Direktionsbeauftragte, Asbl Uelzechtdall

Weitere Beispiele von Betreuungsangeboten, welche nur im Kontext mit Biografieerhebungen sinnvoll sind:  Themenzentrierte Dias ansehen – Jahreszeitliche Bilder gekoppelt mit passenden Geschichten, Liedern und Gesprächen;  Gemeinsames Singen von alten bekannten luxemburger Liedern, wobei das Gedächtnis trainiert wird, wenn die Texte mit gelesen werden können.  Sprichwörter ergänzen – auch hier wird die Erinnerung an früher angeregt;  Alte Feste und Bräuche aufgreifen; im Gespräch wird ermittelt, wie früher gefeiert wurde;  Alte Koch – und Backrezepte

im Gespräch „beleben„ und nachkochen/backen.  Düfte und Essenzen zur Riechprobe anbieten. Dadurch können verlorengegangene Duftnuancen wieder erkannt werden.  Alte bekannte Spiele spielen. Spiele anbieten, welche das Gedächtnis aktivieren, Spiele einsetzen welche Fragen zur Lebensgeschichte ermöglichen, immer im Einverständnis mit dem Klienten.  Die Heimat besuchen, Fotoalben ansehen, Erinnerungskisten zusammenstellen, Angehörige zum Kaffeenachmittag einladen und noch vieles mehr ist möglich. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass der alte Mensch sich wohl fühlt und gerne an diesen Aktivitä-

ten teilnimmt. Vieles wäre noch zu sagen und zu erklären. Die wohl wichtigste Frage, welche immer wieder im Raum steht ist: „Warum gehen Erinnerungen verloren?“ Medizinisch ist das große und kleine Vergessen zu erklären, emotional für die Betroffenen und deren Angehörige oft nicht zu fassen. In unserer Arbeit sind die kleinen Erfolge wichtig. Wenn es uns gelingt den betroffenen Menschen im jeweiligen Augenblick „zu erreichen“ und Erinnerung zu wecken an eine glückliche Spanne Zeit (Zitat), haben wir unser Ziel erreicht.

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témoignage

Herr Doktor, Ich leide an Gedächtnisschwund Doktor Pichot, Artz, Spezialist in Neurologie, Hôpital Princesse Marie-Astrid, Niederkorn Gedächtnislücken sind ein Kriterium bei der Diagnose von Alzheimer. Sie sind besonders ausgeprägt, wenn man an dieser Krankheit leidet.

heit über Defizite zu schaffen, aber auch, erhaltene Fähigkeiten hervorzuheben. Dies ermöglicht eine umfassende Diagnose mit anschliessenden Therapievorschlägen.

Zu den bedeutungsvollsten Gedächtnisstörungen gehören Schwierigkeiten, neue Informationen aufzunehmen, das Vergessen kürzlicher Ereignisse und das Vergessen der zu erledigenden Dinge. Sie sind von Anfang an verbunden mit einer Desorientierung in Raum und Zeit.

Heute wird das Gedächtnis nicht mehr als unhabhängiges Körperteil angesehen, sondern als zusammenhängende Funktionen, bestehend aus verschiedenen, relativ unabhängigen Systemen, wie uns Frau Arnold in dieser Nummer darlegt.

Die klinische Bewertung des Gedächtnisses ermöglicht es, sich Klar-

Es gibt ein Bedeutungsgedächtnis, (das Erinnern an Worte, Ideen,

Informationen von der Aussenwelt

sensorisches Gedächtnis 200 Millisekunden – 3 Sekunden Kurzzeitgedächtnis Arbeitsgedächtnis 20 – 30 Sekunden

Wiederholungsgestik

Langzeitgedächtnis Episodisches GedächtnisErinnerungen in Zeit und Raum

Semantisches GedächtnisAllgemeinwissen Kultur

Die Informationssuche ist bewusst und beabsichtigt. Verbale Antwort möglich temporäres Gedächtnis

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permanentes Gedächtnis deklarativ / explizit

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Prozedurales Langzeitgedächtnis

Eine bewusstes ‘Daran Erinnern’ ist nicht notwendig permanentes Gedächtnis nicht deklarativ / implizit

Gedanken), ein autobiografisches Gedächtnis, ein Arbeitsgedächtnis und ein episodisches Gedächtnis. Letzteres erlaubt es uns, spezifische Informationen aufzunehmen in einem Raum - Zeit - Kontext. Es wird benutzt, um sich an kürzlich Geschehenes zu erinnern. In den meisten Fällen liegt das Nachlassen dieser Fähigkeit den Beschwerden der Patienten und ihres Umfeldes zugrunde. Im Falle von Beschwerden werden verschiedene Gedächtnistests angewandt, um zwischen einem objektiven Ursprung, der weiterer Forschung bedarf, und einem Aufmerksamkeitsdefizit zu differenzieren. Tatsächlich kommen viele Patienten zur Behandlung wegen Konzentrationsstörungen oder Vergessen im Berufsleben. Die durchgeführten Tests ermöglichen es herauszufinden, ob eventuell eine versteckte Depression vorliegt oder beruflicher Stress (was häufig der Fall ist), Beschwerden, die eine nichtmedikamentöse Behandlung erfordern. Weiterhin verschaffen diese Tests Klarheit darüber, in wiefern der Patient an Alzheimer leidet oder an dem Risiko jemals von dieser Krankheit betroffen zu sein. Tatsächlich können Vitaminmangel, hormonelle Störungen,


wie z.B. Schilddrüsenprobleme, oder Schlafstörungen ausgeprägte Gedächtnisprobleme mit sich bringen, die einer spezifischen Behandlung bedürfen. Zeigt der Befund keine Auffälligkeiten kann man durch Scanner und besser noch durch ein IRM eine detailliertere Diagnose stellen und bestimmen ob die Erkrankung hervorgerufen wird durch frühzeitiges Altern, wie z.B. bei der Alzheimer Krankheit, oder vaskulären Ursprungs ist (Schwierigkeiten durch Artherosklerose, Diabetes, unüberwachter Bluthochdruck... Symptome, die einer spezifischen Behandlung benötigen). Um Gedächtnisprobleme sinnvoll behandeln zu können, ist also ein komplettes „Check up" notwendig. Nur dann kann die Diagnose: Alzheimer gestellt werden.

Aber wieso ist es so wichtig, eine Diagnose zu stellen? Es gibt heute medikamentöse Behandlungen, die zwar die Alzheimer Krankheit nicht heilen können, die jedoch eine signifikante Verlangsamung der Evolution der Krankheit ermöglichen. Diese Medikamente sind AntiCholinesterasiker und hemmen das Abnehmen des Acetyl Cholin, ein Vermittler des Gedächtnisses. Je eher die Diagnose gestellt wird, umso erfolgreicher und effektiver wird die Behandlung sein. Man sollte jedoch nicht verkennen, dass es andere Arten der Demenz gibt. Die Alzheimer Krankheit stellt nur 50% der Demenzen dar. Die Mechanismen des Werdegangs der Alzheimer Krankheit sind komplex.

So kann man z.B. auch unter einer verworrenen Demenzen leiden. Logischerweise variiert die Betreuung von Patient zu Patient und ist abhängig von der Entwicklung der Krankheit. Die Evolution der Alzheimer Krankheit ist gekennzeichnet durch eine Verschlechterung der Autonomie sowie durch Verhaltensstörungen. Diese stellen eine Warnung für das Umfeld, solange die Diagnose noch nicht gestellt ist. Die Betreuung ist umfassend, medikamentöser oder nichtmedikamentöser Art. Es ist wesentlich, dem Betreuer beizustehen, sowohl auf psychologischen Plan wie auch auf materieller Ebene. Die Behandlung mit Anti-Cholinesterasiker hat zum Ziel, die Gedächtnisstörungen zu stabilisieren, die Autonomie zu fördern. So stellt sie eine Erleichterung für die Familie dar. Die Verhaltensstörungen können mit Thymoregulmatoren, wenn nötig auch mit Neuroleptika behandelt werden. Dies ermöglicht es dem Patienten zu Hause zu bleiben. In fortgeschrittenem Stadium kann „Mémantine” gegeben werden,

Frontalschnitt des Hypocampusses - Zerebrales IRM dessen Ziel es ist, den cytotoxischen Effekt und den vorprogrammierten Tod der Zellen einzuschränken. Die Wirkung des Medikaments ist allgemein anerkannt ist. Es erhöht die Autonomie des Patienten erhöht. Genau wie für Anti-Cholinesterasik kommt die Krankenkasse auch für „Mémantine” auf. Zusätzlich kann die Unterstützung eines professionellen Netzes eine wahre Erleichterung darstellen. Die Bereitstellung von professionellem Pflegepersonal, Krankenschwestern, Ergotherapeuten, Heilgymnastikern und Freiwilligen trägt signifikant dazu bei, soziale Bande zu erhalten

Schlussfolgerung Die Evolution unserer Kenntnisse und der unserer Therapeuten bringt uns dazu, Risikofaktoren in Zukunft besser zu verhindern, ermöglicht uns ein vorzeitiges Erkennen der Krankheit und somit die rechtzeitige Behandlung. Spezifischen Behandlungen sind erhältlich für die verschiedene Formen von Demenz und in Abhängigkeit ihres Evolutionsstadiums. Die Mechanismen der Alzheimer Krankheit werden immer bekannter und in der Forschung werden neue therapeutische Ziele gesetzt. In unserer Gesellschaft ist der Respekt der Senioren von größter Bedeutung. Verlust von Autonomie oder Gedächtnisprobleme sind ein Grund, eine multidisziplinarische Betreuung einzuschalten, um so ein Zuhausebleiben der alten Person so lange wie möglich zu ermöglichen.

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témoignage Die Luxemburger Alzheimer-Vereinigung

Die ala (Association Luxembourg Alzheimer) ist ein auf die Betreuung demenzkranker Menschen spezialisiertes Hilfs- und Pflegenetz, welches allen Betroffenen landesweit alle von der Pflegeversicherung vorgesehenen Dienste anbietet. Seit ihrer Gründung 1987 setzt sich die ala auf nationaler und internationaler Ebene für die Belange all jener Personen ein, welche an einer Demenz (z.B. vom Alzheimer-Typ) leiden, sowie für die Angehörigen dieser Personen. Als Vereinigung bietet die ala darüber hinaus den Betroffenen kostenlos Hilfsmassnahmen an, welche über die von der Pflegeversicherung abgedeckten Dienste hinausgehen, wie Selbsthilfegruppen und Fortbildungsveranstaltungen für die Angehörigen. Die ala verfolgt folgende Ziele: " Aufklärung der Bevölkerung über die Problematik der Demenz, " Aufbau von Selbsthilfe- und Beratungsgruppen, die den Familienangehörigen adäquate Hilfe bieten, " Zusammenarbeit mit den sozialen und medizinischen Institutionen, den Gesundheitsberufen und allen öffentlichen Instanzen, um die Lebens- und Existenzbe10

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dingungen der Kranken zu verbessern, " Gründung zusätzlicher Tagesstätten und Entwicklung neuer komplementärer Strukturen zur Aufnahme von dementen Personen, " Ausbau der Heimhilfe- und Heimpflegedienste, " Einführung eines erweiterten Ausbildungszyklusses für die Mitarbeiter des Pflegepersonals der Institutionen und der Heimhilfe- und Heimpflegedienste, um dessen Wissen und somit Verstehen, Umgang und Betreuung der dementen Person anzupassen, " Ausbau der Bettenzahl in den Pflegeheimen sowohl für Langzeit- als auch für Kurzzeitaufenthalte (Ferienplätze), " Beteiligung an der allgemeinen Verbesserung der Lebensund Existenzbedingungen aller kranker Menschen in unserem Land. L’Association Luxembourg Alzheimer BP 5021 • L-1050 Luxembourg Tel.: 42 16 76-1 Fax: 42 16 76-30 www.alzheimer.lu info@alzheimer.lu


Stellungnahme von Herrn Engel Generaldirektor der Vereinigung Wie spielt sich der erste Kontakt mit Ihrer Vereinigung ab? Oft gibt es Befürchtungen, Angst, denn die Alzheimer Krankheit wird immer noch als ein reales Tabu gehandelt, eine Krankheit von der man nicht sprechen will, da sie mit vielen Klischeevorstellungen behaftet ist. Jedoch ist diese Angst vor einer möglichen Diagnose oft unbegründet, denn sie beruht oft auf falschen Voraussetzungen in Bezug auf Gedächtnisverlust. Die erste Aufgabe unseres Dienstes besteht darin, die Person zu beruhigen und die Situation der Person zu analysieren. So oder so muss die Diagnose von einem Arzt gestellt werden und ist von grosser Wichtigkeit für eine effektive Behandlung und Betreuung. Jedoch deuten wir folgende Punkte als erste Anzeichen: das Vergessen eines kürzlichen Ereignisses, Schwierigkeiten sich in ungewohnter Umgebung zurechtzufinden, Probleme beim Ausführen von Routineaktivitäten, Mangel an Interesse gegenüber Arbeit und Hobby, Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen.

Wieso ist die frühzeitige Diagnose so wichtig? Wird die Diagnose frühzeitig gestellt, wird die Betreuung optimal sein und die Lebensqualität aller - des Patienten und seiner Familie- wird verbessert und an die Person sowie an sein Umfeld angepasst.

Ausserdem können die verschiedenen Fachleute, die die Betreuung übernehmen praktische Ratschläge und Empfehlungen geben, betreffend der zukünftig zu nehmenden Dispositionen, der Medikamente, die die Evolution der Krankheit verlangsamen; nützliche Empfehlungen für den Patienten sowie für seine Familie. Die begleitende Rolle der Familie ist nicht zu unterschätzen und wird immer in den Prozess mit einbezogen.

Welche praktischen Ratschläge würden Sie den Familien geben, die eng mit einem Alzheimer Erkrankten zusammenleben? Für die Familien gibt es Gesprächsrunden, abendliche Zusammentreffen, wo viele Informationen und Ratschläge angeboten werden. Das Austauschen verschiedener Erfahrungen ist sehr bereichernd! Die Ratschläge entspringen oft einer situationsangepassten Überlegung und sind oft individuell, doch nachfolgende Beispiele sind einfach auszuführen und können für alle bequem sein: Zuhause: • eine ausreichende Beleuchtung wählen und düstere Räume und Orte vermeiden, • vermeiden Sie rutschige Böden und nehmen Sie die Teppiche weg, • sorgen Sie für einen Schutz der elektrischen Herdplat-

ten, • bevorzugen Sie eine grosse Wanduhr,... In der Organisation des Tages, der Aktivitäten: • die Tagesaktivitäten sollten regelmässig sein, wie z.B. den Tag mit Zeitung lesen beginnen • bieten Sie einen Tagesplan an, • sich mit den Gewohnheiten des Patienten vertraut machen und darauf eingehen, denn der Patient handhabt die Dinge besser, die er kennt, die biografische Arbeit ist in diesem Zusammenhang sehr interessant. Für eine bessere Kommunikation: • gegenüber der Person stehen um zu kommunizieren, Augenkontakt suchen, • klar und deutlich, in kurzen Sätzen sprechen, in derselben Sprache, • vermeiden Sie unnütze Diskussionen, die Konfrontation, wechseln Sie lieber das Thema...

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Cahiers de l'autonomie n03 - Gedächtnis  

Les Cahiers de l'autonomie Gedächtnis Wir alle leben mit unseren Erinnerungen, den guten und den schlechten, und möchten sie in keinem Fall...

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