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CRITICA–ZPK I/ 2014

Die Relativität des Zeitraums in der Kunst nach 1950 von Danièle Perrier

Erste Darstellungen des

nach rechts und jenes der alten Frau

Generationenwechsels auf und wird

Zeitraums: Die Entstehung eines

nach links. Der schnelle, entschlossene

dadurch zum Symbol der Evolution.

Begriffs

Gang hat etwas Unaufhaltsames und

Im Gegensatz zu Chronos, der sich

deutet auf eindrückliche Weise auf den

zyklisch selbst regeneriert indem er

Zeit

ist

heraus

aus

unserem

primär

als

Verständnis

Dauer

fassbar,

Fortschritt der Zeit ohne Wiederkehr,

Generation für Generation die eigenen

etwa als Lebensdauer, als histori-

was

wird,

Kinder verschlingt, projiziert Hommage

scher Zeitabschnitt oder Epoche, als

dass keines der Gesichter nach vorne

à New York in der Selbstauflösung seine

Geschichte der Menschheit und jene

schaut. Auffallend ist die Energie, die

Ableger in die Zukunft. Sie führen ein

des Kosmos. Als solche werden immer

die Figur ausstrahlt, das Motorische

eigenständiges Leben, sind aber auch

neue Dimensionen der Zeitmessung

ihrer Gehbewegung. Das Verstreichen

als Ausdehnung der Hommage und

erschlossen,

die

ins

dadurch

unterstrichen

Unermessliche

der Zeit wird somit als aktiver Vorgang

ihrer Erweiterung in die Zeit zu ver-

münden, so, dass der Zeitbegriff sich in

dargestellt. Dies verbindet die Skulptur

stehen. Der Begriff der Zeit bildet hier

ihnen wieder auflöst als eine Ewigkeit.

mit einem berühmten Werk des 20.

kein geschlossenes System, sondern er

Umgekehrt erlauben die modernen

Jahrhunderts, Hommage à New York 1 von

folgt dem Prinzip der Evolution. Neu

Messgeräte

präzisere

Jean Tinguely. Diese Maschine, die sich

bei Tinguely ist der Einsatz der reellen

Zeitmessung und eine Untergliederung

während der Eröffnungszeremonie der

Bewegung. In dieser Hinsicht steht er

in immer kleinere Zeiteinheiten. Wir

Weltausstellung in New York 1959 selbst

in der Tradition jener Werke, die seit

sind bereits bei Nanosekunden an-

zerstörte, erhob durch die Loslösung

der Erfindung der Chronophotographie

gelangt. Ob lang oder kurz die Dauer

von der Figuration die Darstellung der

durch Etienne-Jules Marey und jene des

wird als lineare Entwicklung begriffen,

Vergänglichkeit des Lebens auf eine

Stroboskops den Bewegungsablauf in

die sich aus der Vergangenheit in die

Meta-Ebene. Aus der Allegorie von da-

seiner zeitlichen Entwicklung begreifen.

Zukunft entwickelt, manchmal auch

mals wurde eine moderne Metapher

Diese neuen Techniken ermöglich-

als wiederkehrender Zyklus. Die alten

für den Zeitablauf. Das Memento

ten eine neue Form der Zeitmessung,

Griechen stellten die Zeit in Form von

Mori bezieht sich hier nicht auf das

jene der Zeitspanne. Die Zeitspanne

Chronos, der seine Kinder verschlingt

Leben, sondern auf die Endlichkeit

kann als jene Zeiteinheit definiert wer-

dar und legten somit den Akzent auf

des Kunstwerkes. Bei „Hommage à

den, die notwendig ist, um eine be-

Evolution und Revolution, d.h. auf den

New York“ kommt noch eine zusätz-

stimmte Distanz zurückzulegen oder

Zyklus von Leben und Tod als immer

liche Komponente hinzu: indem es

um einen Bewegungsablauf

wiederkehrender Prozess. Die Neuzeit

sich selbst zerstört, produziert es aus

zuführen. Zeit an Distanz gemessen

hingegen nahm die Lebensdauer des

den Überbleibseln neue Plastiken wie

setzt Bewegung voraus. Diese entwi-

Einzelnen als Maßstab und verstand

Klaxon . Der Vorgang greift die Idee des

ckelt sich von einem Punkt zum an-

eine

immer

die verstreichende Zeit als Prozess des Verfalls, was sich in Darstellungen der drei Zeitalter und in den Memento Mori widerspiegelt. In Andrea Riccios dreiköpfige Hekate aus dem 16. Jahrhundert ist das Gesicht des Kindes nach rückwärts gedreht, jenes der jungen Frau

2

1  Hommage to Jean Tinguely’s Hommage to New York , 1960 - Künstlerfilm von Robert Breer (1926 - 2011), 1960, erwähnt in: Christina Bischofberger: Jean Tinguely, Werkkatalog Skulpturen und Reliefs, Band 1, 1982, S. 111-113. 2  Jean Tinguely, Klaxon, 1960, Museum Tinguely, Basel, Abb. in: Christina Bischofberger: Jean Tinguely, Werkkatalog Skulpturen und Reliefs, Band 1-3, 1982, Nr. 1124.

durch-

deren, linear oder auch nicht. Die Chronophotographien

von

Etienne-

Jules Marey und Eadweard Muybridge stellen beide den Bewegungsablauf dar und implizit die zu ihrer Ausführung notwendige Zeit. Diese Zeitmessung hebt sich von der ersten dadurch ab,

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