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2009/4

C LASS AKTUELL

CLASS a k t u e l l Association of Classical Independents in Germany

Großer Weihnachtskalender Festliche Musik statt Schokolade

Felix Mendelssohn Bartholdy Portrait eines Genies

SINNLICHKEIT DES KLANGES Arabella Steinbacher debütiert bei PentaTone

Rossini Spumante kredenzt vom Ma’alot Bläserquintett

Labelportrait MARSYAS stellt sich vor

Carmina Burana Faszinierende Kraft des Mittelalters

Saitensprung Stephen Marchionda: Scarlatti für die Gitarre

Klang des 18. Jahrhunderts vom Casal Quartett

Mannheimer Geniestreich Gian Francesco de Majo

William Youn – Als Pianist geboren


IM VERTRIEB VON:

Seine Musik huldigt der Schรถnheit Venedigs ... In tiefer Verbundenheit zu Ermanno Wolf-Ferrari hebt Friedrich Haider einen weiteren Schatz.

WORLD PREMIERE RECORDING

FRIEDRICH HAIDER dirigiert

ERMANNO WOLF-FERRARI SUITE VENEZIANA PAV 0902

Wolf-Ferrari Edition


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CLASS a k t u e l l iat ion of soc Cl As

Der Liebling der Klassikhörer ist bekanntlich das Klavier. Bachs Goldberg-Variationen, Mozarts Klavierkonzerte, Beethovens späte Sonaten, Chopins Préludes – hier schlägt das Herz des Klassikfreunds besonders laut und zügellos. Denn das Klavier, der Flügel, das Pianoforte, es ist das komplette Instrument: ein Ein-Mann-Orchester, ein KompositionsTheater, die ganze Palette des musikalisch Möglichen. Der mutige Mensch, der sich ans Klavier setzt, wird dort zum Hochleistungssportler, der jede Bewegung seiner vier Extremitäten in musikalische Bedeutung überträgt. Das Klavier – ein natürliches Organ des Homo musicus.

CLASS aktuell 4/2009 Inhalt 4

Als Pianist geboren William Youn

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Rossini Spumante kredenzt vom Ma’alot Bläserquintett

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Kladrei, Klavier, Klafünf

Im Klang des 18. Jahrhunderts Casal Quartett auf Jacobus Stainer Instrumenten

Weil Pianisten so tapfer und draufgängerisch sind, haben sie sich in der Vergangenheit auch im Kriege besonders hervorgetan und bezahlten dies zuweilen mit dem Verlust ihrer Unversehrtheit. Besonders die bei Pianisten extrem mutige rechte Hand war stark gefährdet. Ein berühmtes Beispiel ist der Pianist Paul Wittgenstein, der zwar zu Weihnachten 1915 aus dem Krieg nach Hause durfte, jedoch ohne seinen rechten Arm. Wittgenstein hatte aber sonst nichts Ordentliches gelernt und wollte daher auch weiterhin Klavier spielen, das heißt in seinem Fall: Kladrei, denn eine seiner vier Extremitäten war ja nicht mehr vorhanden. Und weil seine Familie viel Geld besaß, konnte er sogar Werke für seine Bedürfnisse in Auftrag geben. Ihm verdanken wir Kompositionen von Britten, Hindemith, Korngold, Prokofjew, Ravel, Richard Strauss und vielen anderen – alle für die linke Hand. Der Pianist Otakar Hollmann erlitt im Krieg dasselbe Schicksal wie Wittgenstein, besaß aber weniger Geld. Als er beim Komponisten Janácˇek ein Kladreistück bestellte, verspottete der ihn nur: Mit einer Hand zu spielen sei so unmöglich wie Tanzen auf nur einem Bein. Das war natürlich gemein von Janácˇek, politisch unkorrekt und auch in der Sache nicht ganz treffend. Denn ein einhändig gespieltes Klavier ist immer noch zu Dingen fähig, von denen andere Instrumente, etwa die Blockflöte, nur träumen können. Später, im modernen Jazz, wurde das Pianospiel mit nur einer Hand (allerdings der rechten) geradezu Mode: Der Pianist Art Tatum hat gerne die jüngeren Kollegen parodiert, indem er sich beim Spielen auf die linke Hand setzte. Auch Janácˇek hatte irgendwann ein Einsehen und schrieb für Hollmann sein Capriccio. Es gibt aber auch Menschen, die überhaupt nicht Klavier spielen können. Für sie erfand der weise Fortschritt einst das Pianola, das Selbstspielklavier. Um die Klangeffekte dieses Zauberkastens zu verbessern, haben die Klavierwalzenhersteller gerne Oktavdoppelungen und Schmucktöne hinzukomponiert, die auch ein unversehrter menschlicher Pianist nicht hätte greifen können: Da stahl sich unversehens eine dritte Hand auf die Klaviatur und machte das Klavier zum Klafünf. Komponisten wie Cowell, Hindemith, Nancarrow haben aus den Möglichkeiten der mechanischen Musik sogar eine ganz neue Gattung entwickelt, sozusagen die Klavielmusik, die aus der anatomischen Begrenzung menschlicher Extremitäten ins Abstrakte entflieht. Michael Nyman dagegen vertraut lieber den Fortschritten der Humangenetik: Er schrieb für den Science-Fiction-Film „Gattaca“ ein Impromptu für einen 12-fingrigen Pianisten. Die Welt der Musik bietet also immer wieder unerhörte Überraschungen, sicherlich auch in diesem Heft. Es grüßt beidhändig Ihr Hans-Jürgen Schaal

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Neu getönt und fühlbar emotional Schönberg auf historischen Flügeln: Hardy Rittner

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Sinnlichkeit des Klanges Arabella Steinbacher debütiert bei Pentatone

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Zum Verschenken eigentlich zu schade… Musikalischer Adventskalender für besondere Momente

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Felix Mendelssohn Bartholdy Portrait eines Genies

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Carmina Burana Faszinierende Kraft des Mittelalters

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Labelportrait MARSYAS stellt sich vor

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Saitensprung Stephen Marchionda: Scarlatti für die Gitarre

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Mannheimer Geniestreich Gian Francesco de Majo

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Klang und Stimmung Stefan Blunier präsentiert „sein“ BOB mit Schönberg

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CLASS-Blickpunkte Neuheiten vorgestellt von CLASS aktuell

Hier irrte CLASS: In unserer letzten Ausgabe kündigten wir die BIS-CD 1493, Vol. 19, der C.P.E. Bach-Einspielung von Miklós Spányi irrtümlich als letzte CD dieser Reihe an. Das ist nicht richtig. Sie können sich noch auf 11 weitere CDs in dieser Serie freuen. Auflage: 134.700 Titelfoto: Irene Zandel Grafik: Ottilie Gaigl CLASS Association of Classical Independents in Germany e.V. Bachstraße 35, 32756 Detmold www.class-germany.de · class@class-germany.de

AUSGABE 2009/4

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WILLIAM YOUN

Als Pianist geboren

Aktuelle Konzerte: William Youn 25. 27. 08. 19. 03.

10. 10. 12. 12. 01.

2009 2009 2009 2009 2010

Barnstedt, Deutschland Brixen, Italien Dresden, Deutschland Seoul, Süd-Korea Pleyel Gesellschaft, Österreich

Ende Februar Konzerte beim Yamaha Festival in Korea 06 .03. 2010 07. 03. 2010 25. 04. 2010

Philhadelphia, USA Philhadelphia, USA Lugano, Italien (Live on Radio)

mehr Informationen unter www.quint-essenz.com

Foto: © Irene Zandel

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n die Wiege wurde ihm die Liebe zum Klavier nur bedingt gelegt. Die Eltern besaßen drei Schallplatten mit klassischer Musik: den Soundtrack zu Milos Formans Amadeus-Film, Schuberts Arpeggione-Sonate mit Mstislav Rostropowitsch und eine CD mit BachChorälen – die Mutter sang in der Kirche. Ein Instrument gab es lange nicht. Trotzdem sagt William Youn, der damals noch Hong Chun Youn hieß, er sei mit westlicher Musik aufgewachsen. Die habe er früh viel besser gekannt als die koreanische, über die man leider wenig erfahre in der Schule. „Wenn wir im Kindergarten Lieder sangen, begleitete uns die Lehrerin am Klavier. Dieser Klang hat mich unglaublich fasziniert. Ich habe mich einfach hingesetzt und herumprobiert: wie klingt eine traurige Harmonie, wie eine fröhliche.“ Als er seine Schwester zur Klavierstunde begleitet und im Nebenzimmer klimpert, wird die Lehrerin hellhörig, rät den Eltern nachdrücklich, dem Jungen Unterricht geben zu lassen. William ist neun und spielt seit drei Jahren, als die University of Arts in Seoul einen Studiengang für begabte Kinder einrichtet, wo er sofort genommen wird. Eigentlich ist er ein ganz normales Kind, das wenig Lust zum Üben hat, von den Eltern auch nicht gedrängt wird. „Die wollten nie ein Wunderkind aus mir machen. Ich war ziemlich faul, habe aber schon damals schnell gelernt, konnte immer gut vom Blatt spielen.“ Mehr wohl als die

Eltern glaubt der Junge an sich und seine Begabung. Er ist elf, als er zum ersten Mal öffentlich auftritt, mit dem Symphonieorchester von Seoul und Mozarts C-Dur-Konzert KV 467. Zwei Jahre später geht er in die USA, auf Einladung der koreanischen Klavierprofessorin Wha Kyung Byun, die seit Jahren in Boston unterrichtet. „Als ich ihr in Korea vorspielte, gab sie ganz seltsame Kommentare, die ich nicht verstand. Meinen Eltern sagte sie, ich sei sehr begabt, brauche aber dringend guten Unterricht. Sie besorgte mir ein Stipendium und überhaupt habe ich ihr viel zu verdanken. Im Grunde war sie eine zweite Mutter für mich.“ Eine strenge allerdings. William hat genau eine Chance, binnen Wochenfrist umzusetzen, was sich Frau Byun vorstellt. Gelingt ihm das nicht, wie gleich in der zweiten Stunde mit Schumanns Papillons, wirft ihn die eiserne Lady hinaus und geht in der nächsten Stunde zu etwas Anderem über. Alles zu seinem Besten, versteht sich. Frau Byun will nur vermeiden, dass William unnötig Zeit verliert. Als er sechzehn ist – und schwer pubertiert – organisiert sie ein Vorspiel beim Intendanten des Boston Symphony Orchestra. „Ich war nicht besonders gut vorbereitet, und der Intendant meinte, er wolle mich lieber noch einmal hören. Danach kam sie zu mir und erklärte mir, sie habe begriffen, dass sie mir Zeit lassen müsse. Sie hat mich dann künstlerisch wunderbar gefördert, ohne meine Karriere zu forcieren.“

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Mit achtzehn entschließt sich William, die behütete Bostoner Welt zu verlassen und nach Deutschland zu Karl-Heinz Kämmerling zu gehen – ein Sprung ins kalte Wasser. Er muss die Sprache lernen, kennt niemanden, ist zum ersten Mal ganz auf sich gestellt. Kämmerling hat viele Schüler und ist oft unterwegs. Trotzdem hat er diesen Schritt nie bereut. „Und seit ich in München bin, fühle mich richtig wohl. Meine Lehrerin war enttäuscht, hat aber schließlich verstanden, dass sich das nicht gegen sie richtete.“ Seit 2006 ist William Stipendiat der Piano Academy Lake Como, wo er mit den unterschiedlichsten Lehrern arbeitet, mal mit Dmitri Bashkirov an Klang und Technik tüftelt, mal bei Andreas Staier die Exerzitien strenger Bach-Analyse durchlebt. Es sind sehr gegensätzliche Erfahrungen, nicht ungefährlich und vielleicht nur hilfreich für jemanden, der weiß, wohin er gehen möchte. William gelingt es, die unterschiedlichen Ansichten zu einer Horizonterweiterung zu bündeln: „Letztlich wurde mir klar, dass es immer um Dasselbe geht. Egal, ob es


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Charles Rosen war, der wunderbar sensible Menahem Pressler oder Fou Ts'ong, für mich einer der größten lebenden Pianisten und ein echter Künstler: Alle haben sie mir vermittelt, dass ich meine Ideen, meine Individualität so ausdrücken muss, dass ich verstanden werde. Pianisten müssen ein großes Herz haben!“ Technik ist wichtig, aber auch selbstverständlich. Etwas völlig anderes ist es für William, ein guter Musiker zu sein, jemand, der weniger das Zeug zum Künstler hat als dass er eine Künstler-Seele besitzt. Ein Grund, weshalb William seine Probleme mit Wettbewerben hat, obwohl er genug Preise gewonnen hat. „Die Frage ist doch letztlich, ob ein Juror Äpfel mag oder Birnen. Um jedem zu gefallen, musst du Kompromisse eingehen. Deshalb spielen Wettbewerbsgewinner perfekt, aber oft so, dass es einen überhaupt nicht berührt. Vor allem beim Klavier läuft es leider so.

Frédéric Chopin: Pianokonzerte Nr. 1 & 2 William Youn, Piano Nürnberger Symphoniker / Friedemann Riehle, Ltg. ARS 38 058 (neu erschienen)

Chopin: Nocturne Op. 27 Nr. 2 Polonaise-Fantasie op. 61, Mazurka op. 59 Nr. 1-3 Schumann: Davidsbündlertänze op. 6 Wolf: Aus der Kindheit: Schlummerlied, Scherz und Spiel; Meistersinger-Paraphrase William Youn, Piano ARS 38 074 (erscheint Frühjahr 2010)

Die Masse der Juroren, meistens Klavierlehrer, hat ganz feste Vorstellungen davon, wie sie etwas hören will. Da bleibt kein Raum für Individualität.“ Auch deshalb besteht Williams Leben nicht nur aus Üben. Er geht gerne in die Oper, ins Theater, ins Kino, liest. All das hält er für wichtig für sein Klavierspiel. Entscheidend bleibe die seelische Verbindung zum Publikum. Wer ihn im Konzert erlebt, mit Chopin oder Liszts Benediction de Dieu dans la solitude, der ahnt, was er meint. Perfektion ist ihm wichtig, aber sie sei eben nicht identisch mit guter Technik. „Richtige Töne spielen ist nicht so schwer. Man muss auf eine höhere Ebene gelangen. Es gibt Viele, die keine falschen Noten spielen. Aber die Technik, wie wir sie von Horowitz, Richter, Lipatti oder Myra Hess kennen, bei der es um Farben, um Nuancen geht, um die Fähigkeit, auf dem Klavier zu atmen und zu singen, aus dem Klang eine eigene Sprache zu formen, um den Rhythmus, der ja auch eine Technik ist, das ist vielfach verloren gegangen.“ Vielleicht gehört es zu diesem Verständnis, dass er sich Zeit lässt, auch wenn er 2004 mit 21 Jahren die beiden Chopin-Klavierkonzerte aufgenommen hat, höchst geschmackvoll, mit viel Sinn und Gespür für diese Musik, ohne Sentimentalität, ohne Drücker. Er hat die Konzerte gewählt, weil es Musik eines 20jährigen ist. Für Mozart- oder Beethoven-Konzerte hätte er sich nicht reif genug gefühlt. Und auch vor den Beethoven-Sonaten hat er großen Respekt, was nichts mit Lampenfieber zu tun hat, das er eigentlich nicht kennt. „Ich spiele rund die Hälfte, aber nur Opus 111 spiele ich öffentlich – und denke jedes Mal, eigentlich noch nicht so weit zu sein. Ich würde sie noch nicht aufnehmen. Natürlich klingt auch mein Chopin heute anders. Ich spiele die Konzerte oft, und man wächst mit diesen Stücken. Ich finde Chopins Musik sehr kosmopolitisch und verstehe seine Sprache vielleicht deshalb so gut, weil ich selbst ein Kind unterschiedlicher Kulturen bin.“ Wovon er träumt? Wo er stehen möchte in zehn Jahren? Er, der glaubt, irgendwie als Pianist geboren zu sein, der sich nichts anderes vorstellen kann, für den das Klavier eine Existenzfrage ist? Nach wie vor neugierig möchte er sein, nicht zufrieden mit dem, was er macht, nie das Gefühl haben, gelandet zu sein – und gerade deshalb glücklich. „Es muss immer weiter gehen. Erfolg ist schön, aber nicht entscheidend. Ich träume davon, ein Musiker zu sein, den andere Musiker respektieren. Sie sollen das Gefühl haben, dass ich etwas zu sagen habe.“ Oswald Beaujean

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Rossini Spumante Das Ma’alot Bläserquintett kredenzt feinst arrangierte Bühnenhighlights

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ancredi und Cenerentola in höchster Harmonie. Das garantiert das Ma’alot Quintett, das sich Rossinis Partituren aufs Notenpult drapiert hat, um in schönster 19. Jahrhundert-Tradition der Freiluftdarbietungen von Opernschlagern im Bläsergewand zu frönen. Tancredi verhalf Rossini 1813 zum Aufstieg in die erste Liga der Opernkomponisten in Europa. Seine Stücke dominierten von nun an jahrzehntelang die Spielpläne der großen Bühnen. Unzählige Bearbeitungen seiner Melodien erklangen auf den Tanzböden, in Konzerten bei Freiluftaufführungen und im häuslichen Bereich. So wie man jede Opernpremiere mit Spannung er-

Gioacchino Rossini Harmoniemusik für Bläserquintett La Cenerentola / Tancredi Ma’alot Quintett MDG 345 1583-2

Weitere Einspielungen: Antonin Dvorak Quartett op. 96 / Slawische Tänze, Bagatellen op. 47 (arr. Ulf-Guido Schäfer) MDG 345 1356-2

Astor Piazzolla Histoire du Tango / Tango Ballet, Estaciones Porteñas und Four for Tango (arr. Ulf-Guido Schäfer) MDG 345 1392-2

Ludwig van Beethoven Harmoniemusik / Egmont op. 84 Die Geschöpfe des Prometheus op. 43 Die Ruinen von Athen op. 113 (arr. Ulf-Guido Schäfer) MDG 345 1476-2

www.maalot-quintett.de

wartete, so sprudelten auch die Bearbeitungen aus den Federn der Arrangeure… Was für ein Glück, dass ein WeltklasseBläserquintett einen so hervorragenden Bearbeiter in seinen Reihen hat. Ulf-Guido Schäfer vermag es, die unterhaltsamen Kurzfassungen der Rossini-Werke sich selbst und seinen Kollegen perfekt ins Instrument zu arrangieren. Das perlt und quirlt aus den Lautsprechern, dass es nur eine Freude ist. Und selbst in der berühmten Gewitterszene aus „La Cenerentola“ (hier kann der Hornist mit seinen deftigen „Paukenschlägen“ absolut überzeugen) sind die Naturgewalten kaum zu bändigen. Was für ein Kon-

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trast zu dem wunderbar innig vorgetragenen Liebesduett „Un soave non so che“, das hier wie selbstverständlich ohne Worte mit höchster instrumentaler Delikatesse erlebbar wird. Mich hat am meisten fasziniert, wie frisch diese Opern-Adaptionen auch völlig ohne Text daher kommen. Das mag sicher – auch jenseits allen Primadonnenkults - an der hohen musikalischen Substanz liegen. Aber auch an der hohen musikalischen Kompetenz des Ma’alot Quintetts, dessen Solisten mit hörbarem Vergnügen und einer gehörigen Portion Spielwitz die Partituren meistern. Ein Hörfest ersten Ranges. Lisa Eranos


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Scarlatti, Sammartini, Boccherini, Haydn, Mozart Birth of the String Quartet Casal Quartett SM 126 / Solo Musica

Der Klang des 18. Jahrhunderts Eingespielt auf Jacobus Stainer Instrumenten

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oseph Haydn hat das Streichquartett „erfunden“ – so steht es in jeder Musikgeschichte. Vielleicht noch mit der Einschränkung, dass Luigi Boccherini gleichzeitig mit Haydn an der neuen Gattung experimentiert habe. Und so beginnt die Beschäftigung mit der wohl „klassischsten“ Musik, der des Streichquartetts, stets bei Haydn. Nicht so beim Schweizer casalQuartett, das den ersten Teil seiner Reihe „Der Klang des 18. Jahrhunderts“ mit dem Titel „Die Geburt des Streichquartetts“ bei Haydns Quartett op. 9/4 enden, aber bei Alessandro Scarlatti und Giovanni Battista Sammartini beginnen lässt! Denn so abrupt und ohne Vorgeschichte, wie oft angenommen wird, ist die Gattung eben nicht entstanden: Die Besetzung mit zwei Violinen, Viola und Cello etablierte sich bereits früh in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in italienischen Sinfonien, Sonaten und „concerti a quattro“. Bis zu dieser Musik muss man zurückgehen, wenn man verstehen will, wo das Streichquartett seine Wurzeln hat. Bei Alessandro Scarlattis „Sonate à quattro senza cembalo“ zum Beispiel, in denen zwar keine musikalischen Neuerungen enthalten sind, deren vierstimmiger Satz aber mit einem Instrumentarium realisiert ist, das in Timbre und Klanggestaltung gleichermaßen einheitlich ist. Oder in Sammartinis Streichersinfonie G-Dur, deren abschließendes Menuett auf vergleichbare Sätze Haydns und Mozarts voraus weist. Italienische Musik (vor allem die Werke Sammartinis)

ist es auch gewesen, die Wolfgang Amadeus Mozart lange vor seiner Begegnung mit Haydn und dessen Quartetten zu seinem ersten Streichquartett inspirierten: sein 1770 komponiertes „Lodi“-Quartett KV 80 bildet daher die dritte Etappe der CD. Auch Luigi Boccherinis Quartett op. 2, 1 steht dann noch vor Haydn auf dem Programm: Seine 1761 in Paris gedruckte Quartettsammlung ist deutlich ambitionierter und moderner als die gleichzeitig entstandenen opp. 1&2 von Haydn. Nur ist es Boccherini später eben nicht mehr gelungen, die neue Gattung weiter zu entwickeln. Während Haydn mit den Quartetten op. 9 die seitdem gültige Form des Streichquartetts begründete: In einem viersätzigen Zyklus mit raschen Ecksätzen steht ein Menuett an zweiter, der langsame Satz an dritter Stelle. Ebenso besonders wie der historische Zugang zum Streichquartett ist in dieser Aufnahme auch das klangliche Konzept. Das Quartett musiziert auf vier Instrumenten des bedeutenden österreichischen Geigenbauers Jacobus Stainer (um 1619-1683), dessen obertonreiche Instrumente im 18. Jahrhundert überaus geschätzt waren. Sie galten zeitweise als wertvoller als die Arbeiten Stradivaris, Amatis oder Guarneris. Mit ihnen setzt das casalQuartett ein Klang- und Interpretationsideal um, das sich einerseits am 18. Jahrhundert orientiert und andererseits für die Gegenwart relevant ist. Philip Kelm

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Georg Philipp Telemann Konzerte und Kammermusik Musica Alta Ripa Box mit 5 CDs · MDG 309 1582-2 Limitierte Auflage UVP EUR 39,95

Aktuelle Konzerte: 10. 11. 2009 Leverkusen, Kulturhaus 11. 11. 2009 Wuppertal, Historische Stadthalle 25. 12. 2009 Berlin, Konzerthaus am Gendarmenmarkt 01. 01. 2010 Bielefeld, Oetkerhalle

Foto: Jan Gutzeit

„…eine der edelsten Klassik-Editionen... So farbig, so edel artikuliert, so abwechslungsreich und spannend habe ich diese Musik noch nicht gehört." (ensemble) „…mit unbändiger Musizierfreude, brillanter Virtuosität und großartigem Ensemblegeist!“ (Fonoforum) „In diesen Stücken steckt Suchtpotential." (Stereo)

Neu getönt und fühlbar emotional Rittners Schönberg auf historischen Flügeln

D Louis Vierne Sämtliche Orgelwerke Ben van Oosten an Cavaillé-Coll-Orgeln in Lyon, Rouen, Toulouse & Paris Box mit 9 CDs · MDG 316 1580-2 Limitierte Auflage UVP EUR 69,95 Sämtliche Orgelsymphonien Nr. 1-6 24 Pièces de fantaisie (1926/1927) 24 Pièces en style libre op. 31 Messe basse op. 30 & 62, Trois improvisations, Triptyque, Frühe Werke

„In mustergültiger Aufmachung, audio-visuell ein reines Vergnügen... Ohne Zweifel erweist sich van Oosten als überragender Techniker, als ein Klangchemiker von höheren Gnaden, als behutsam ausleuchten der Künstler.“ (Musica Sacra)

Musikproduktion Dabringhaus und Grimm Tel. 05231-93890

Vertrieb: Codaex Deutschland GmbH Tel. 089-82000233 - Fax 089-82000093 Gramola Wien: klassik@gramola.at MusiKontakt Zürich: info@musikontakt.ch

er frisch gekürte „Echo Klassik“-Preisträger Hardy Rittner präsentiert sämtliche Klavierwerke von Arnold Schönberg – und man höre und staune – auf historischen Instrumenten: Dabei ist diese Idee sehr naheliegend, denn Schönberg ist selbstverständlich in einer spätromantischen Klangwelt aufgewachsen. Die beiden Flügel dieser Einspielung sind Zeitgenossen des Komponisten: Der „Streicher“ aus der Sammlung von Gert Hecher in Wien stammt aus dem Jahr 1870, der liebevoll restaurierte „Steinway“ von MDG wurde 1901 gebaut. Das ideale Instrumentarium, um die musikalische Entwicklung Schönbergs über drei Jahrzehnte nachzuzeichnen. Als Schönberg 1894 seine Drei Klavierstück schrieb, war er als Komponist noch Autodidakt. Brahms und zugleich Wagner waren damals die Vorbilder des 20-Jährigen. Kein Wunder, dass die erst kurz zuvor veröffentlichten Klavierzyklen von Brahms ihre Spuren in Schönbergs früher Komposition hinterließen. 15 Jahre später waren die Drei Klavierstücke op. 11 aus ganz anderem Holz. Schönberg hatte nun eine neue kompositorische Qualität erreicht: Tradierte Tonalität löste sich auf, die Dissonanz emanzipierte sich. Eine radikale Kürze prägen Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 19 aus dem Jahr 1911. Anton Webern ist von dieser Komposition so beeindruckt, dass er sie fortan zum Maßstab seines Handelns macht. Schönberg selbst begibt sich stattdessen auf die Suche nach einer „neuen Ordnung“. Mit den Fünf Klavierstücken op. 23 und der Suite op. 25 scheint er sie Anfang der zwanziger Jahre gefunden zu haben. Nicht nur deutliche Rückbezüge zu Bach machen insbesondere die Suite zu einem gelungenen Beispiel

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Arnold Schönberg: Sämtliche Klavierwerke Hardy Rittner Johann Baptist Streicher Flügel (1870) aus der Sammlung von Gert Hecher, Wien Steinway, D Grand Piano (1901) MDG 904 1593-6 (Hybrid-SACD)

der neoklassizistischen Mode jener Zeit. Als Mittfünfziger stellt Schönberg durch seine Klavierstücke op. 33a und 33b unter Beweis, dass selbst einem ungestümen Neuerer wie ihm das traditionelle Sonaten-Denken nicht fremd ist. Hardy Rittner hat sich innerhalb eines kurzen Zeitraums in die vorderste Reihe der Jungstars gespielt. Seine hochkarätigen und im besten Sinne eigenwilligen Interpretationen der frühen Brahmswerke auf zeitgenössischen Instrumenten gelten seither als Geheimtipp. Er zeigt mit dieser Einspielung, dass er mit den Widrigkeiten des historischen Instruments ebenso gekonnt umgeht wie mit der Perfektion eines ausgereiften Steinway-Konzertflügels. Es sind faszinierende Klangwelten, die hier aufeinander treffen und zu einer kunstvollen Einheit verschmelzen. Lisa Eranos

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Sinnlichkeit des Klanges

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usik- und Kongresshalle Lübeck am 13. Juli 2008 – 3 Sat überträgt „live“ das Eröffnungskonzert vom Schleswig-Holstein Musik Festival. Auf dem Programm stehen das Violinkonzert von Johannes Brahms und Igor Strawinskys „Der Feuervogel“, Christoph von Dohnányi leitet das NDR-Sinfonieorchester. Als Solistin erwartet das Publikum gespannt Arabella Steinbacher, ihr eilt der Ruf voraus, eine der begabtesten jungen Geigerinnen zu sein. Mit gemessenem Schritt betritt sie das Podium, begrüßt den Konzertmeister. Eine kurze Verbeugung, freundliches Lächeln. Dann höchste Konzentration. Das Orchester hebt mit der Einleitung an, Arabella Steinbacher lauscht, schwingt sich ein in das Werk und bereitet sich innerlich auf ihren heiklen Einsatz vor. Hier heißt es auf dem Punkt „voll da“ zu sein, denn wer bei Brahms nicht gleich zu Beginn selbstbewusst auftrumpft, hat verloren in diesem Meisterwerk der Violinliteratur, dass volle Kraft und langen Atem fordert. Souverän und ohne jeden Anflug von Nervosität meistert Arabella Steinbacher diese erste Hürde. Kraftvoll und markant geht sie ihren Part an, spinnt den musikalischen Faden fort, spannt ihn in einem großen Bogen über das ganze Werk. Das Publikum spendet Ovationen und erzwingt eine Zugabe, auch das Orchester applaudiert anerkennend. Wohl jeder im Saal spürte instinktiv: dies war eine Meisterleistung, nichts Alltägliches. Für Arabella Steinbacher war es eine Feuerprobe im Rampenlicht, vor Mikrophonen und Kameras, die gnadenlos sind und denen kein Detail entgeht. Wieder einmal hat sie großes künstlerisches Format bewiesen, wie schon in viele Konzerten zuvor an ersten Adressen in der Musikwelt. 2004 etwa sprang sie in Paris für Kyung-Wha Chung in einem Konzert des Orchestre Philharmonique de Radio France ein, das Neville Marriner leitete. Schon damals reagierte die Presse euphorisch und feierte „eine souverän und ausgereift interpretierende Künstlerin, deren Tonschönheit überwältigend ist“. Arabella Steinbacher spricht nicht gern von einem „Durchbruch“, denn „Highlights“ gab es in ihrer Karriere genug, etwa das Debüt beim Chicago Symphony Orchestra unter Christoph

von Dohnányi 2007 oder in diesem Jahr die Debüts gleich bei drei Spitzenorchestern: dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Charles Dutoit, dem London Symphony Orchester unter Colin Davis, sowie beim Philharmonia Orchestra mit Lorin Maazel und beim Gewandhausorchester mit Riccardo Chailly am Pult. Frühe „Wunderkind“-Geschichten über Arabella Steinbacher gibt es kaum zu erzählen. Sicher zeigte sie schon im Kindesalter ein außergewöhnliches Talent für die Geige. Letztlich ist es aber einer fundierten Ausbildung ohne Hast und Eile zu verdanken, dass sie sich in die Weltspitze empor spielte. Die liebevolle und kluge Führung durch den Vater, der viele Jahre Korrepetitor an der Bayerischen Staatsoper war, und natürlich der Unterricht an der Münchner Musikhochschule bei Ana Chumachenco, einer der bedeutendsten Violinpädagoginnen unserer Zeit, waren für diese stetige Entwicklung mit verantwortlich. Arabella Steinbachers Schallplatten-Karriere begann 2003 unkonventionell mit einer „Live“-Aufnahme des Violinkonzertes von Aram Khatchaturian. Es folgten dann Einspielungen u.a. der selten gespielten Violinkonzerte von Darius Milhaud sowie der Konzerte von Schostakowitsch, Beethoven und Berg.

Antonin Dvorˇák Romanze für Violine & Orchester, op. 11 Violinkonzert a-Moll, op. 53 Karol Szymanowski Violinkonzert Nr. 1, op. 35 Arabella Steinbacher Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Marek Janowski PTC 5186353

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Künftig wird Arabella Steinbacher als Exklusiv-Künstlerin von Pentatone neue Akzente setzen. Das deutet ihre Debütaufnahme mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Marek Janowski bereits an. Hier ist das erste Violinkonzert von Karol Szymanowski ungewöhnlich mit der Romanze op. 11 und dem Violinkonzert von Antonin Dvorák gekoppelt. „Das DvorákKonzert spielte ich zum ersten Mal mit Vierzehn“, erinnert sich Arabella Steinbacher. „Besonders den zweiten Satz mag ich sehr. Die Romanze ist eines meiner Lieblingsstücke, wegen ihrer Schlichtheit und Innigkeit. Das Szymanowski-Konzert erinnert mich an eine Traumwelt, an ein Märchen. Es ist ein sehr phantasievolles Stück voller Kontraste und einer ganz eigenen Note, in dem der Violinpart ungemütlich hoch liegt“. Ein Stück wie für Arabella Steinbacher geschaffen, denn auch in den höchsten Lagen entzieht sie ihrer Stradivari leuchtende, berückend schöne Töne. Romantisches Flair und geigerische Brillanz überall! Die Violinkonzerte von Béla Bartók mit dem Orchestre de la Suisse Romande und Marek Janowski sind bereits eingespielt und werden voraussichtlich im nächsten Frühjahr veröffentlicht. Man darf gespannt sein... Norbert Hornig

Foto: © Jiri Hronik

Arabella Steinbacher debütiert bei Pentatone


Der musikalische Weihn Je zwei Exemplare dieser vorgestellten CDs wollen wir an Sie, unsere Leser, verlosen. Hierzu senden Sie uns bitte eine Postkarte, gerne auch Weihnachtskarte, mit Ihrem Absender und dem Satz: Mein CLASS aktuell lag der Zeitschrift bei. Denn wir möchten gerne wissen, in welcher Zeitschrift Sie CLASS aktuell entdeckt haben.

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Gefilte Fish „farlibt“ – Jewish Love Songs W 109 057 / FARAO classics

„Gefilte Fish“ ist ein jüdisches Festtagsgericht, für das es so viele Rezepte wie Köchinnen gibt. Es ist aber auch ein musikalischer Hörgenuss, ein wahrer Ohrenschmaus: „Farlibt“ – Ein Album voller Seele, Herzblut und Emotionen!

Weihnachtskonzert vom Piccolo zur Kontrabassflöte Münchner Flötenensemble CTH2558 / Bella Musica

Eine kontrastreiche instrumentale Einspielung barocker italienischer Kirchenmusik zum Weihnachtsfest, alter weihnachtlicher Sätze und einem Arrangement alpenländischer, lateinamerikanischer und angloamerikanischer Weihnachtslieder mit dem Münchner Flötenensemble.

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Nikolaus Little Amadeus Alle 13 Folgen der 1. Staffel in deutscher und englischer Sprache, ausgezeichnet mit dem ECHO Klassik. Zusätzlich enthalten: 2 Hörbücher, 2 Hörspiele, 1 interaktives Musikquiz, Titellied als Karaokesong Bestell-Nr. 9005-9 /Gateway4M ISBN 978-3-938185-36-0

Als musikalisches Wunderkind erlebt „Little Amadeus“, der kleine Mozart, im Salzburg des 18. Jh. so manches Abenteuer. Gemeinsam mit seinem besten Freund Kajetan und Hund Pumperl, viel Grips und natürlich seiner magischen Musik findet Amadeus immer einen Ausweg. Seine Kompositionen verzaubern alle Menschen. Selbst Widersacher Devilius und Neffe Mario ziehen daher stets den Kürzeren, wenn Amadeus seine pfiffigen Ideen durchsetzt.

Christmas Piano Weihnachtliche Klaviermusik zu zwei und vier Händen Heide & Christiane Klonz

La Fête de Saint Hubert Messen von Gustave Rochard, Tyndare, Albert Sombrun und Jules Cantin Deutsche Naturhorn Solisten; J. Michel, Orgel

claXL RCD 0705 / claXL

MDG 605 1576-2

Heide und Christiane Klonz haben mit gemeinsamen Konzerten zur Weihnachtszeit eine Tradition begründet, die seit langem ein breites Publikum findet. Dabei werden bekannte und unbekannte Solowerke und Werke für Klavier zu vier Händen aufgeführt, wie sie auf dieser CD nun erstmalig zu hören sind.

Es ist Herbst, wenn Jäger ihren Schutzpatron feiern, sei es in freier Natur oder in feiner Kirchenakustik. Die Deutschen Naturhorn Solisten, sie gelten als absolute Spezialisten auf dem Gebiet des ventillosen Hornblasens, haben diese Tradition aufgegriffen und die schönsten Messen zu Ehren von Sankt Hubertus, zum Teil erstmals auf Parforcehörnern, eingespielt.

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achtskalender Teilnahmeschluss 24. Januar 2010, Poststempel zählt.Wir verlosen ab 14. Dezember wöchentlich. Wenn Sie uns Ihre Wunsch-CD nennen, versuchen wir das zu berücksichtigen. Viel Glück und ein besinnliche Zeit wünscht Ihnen Ihre CLASS aktuell – Redaktion, Bachstraße 35, 32756 Detmold

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3 Weihnachtliche Harfenmusik von Bach, Praetorius, Vulpius, Brahms, Cornelius, Pearsall, Negri, Lawrence-King Andrew Lawrence-King Ambitus 97812

Weihnachten in zarten Harfenklängen

KASSIA – Byzantinische Hymnen der frühesten Komponistin des Abendlandes Ensemble VocaMe

Selection Das Beste aus den Jahren 1990 bis 2007 Rabih Abou-Khalil

CHR 77308 / CHRISTOPHORUS

ENJ-9525 2 / ENJA Records

Bereits 300 Jahre vor Hildegard von Bingen lebte und wirkte die früheste Komponistin der Christenheit: Kassia. Als Kaiser Theophilos der schönen Kassia als Zeichen seiner Brautwahl den goldenen Apfel übergeben wollte, widersprach diese. Die lyrische Schönheit der Musik besingt das Erbe jener Frau, die „zu klug“ war, um Kaiserin des byzantinischen Reiches zu werden.

Der Komponist, Oud-Spieler und vielfache Preisträger Rabih Abou-Khalil steht für eine musikalische Ästhetik ganz eigener Prägung. Nach Kooperationen mit Musikern vieler Stile und Länder war diese Werkschau längst überfällig: ein repräsentativer Überblick über Abou-Khalils vielgestaltiges Werk.

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Tenore & Traverso Johann Sebastian Bach

Arias for tenor transverse flute and basso continuo

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Daniel Johannsen · tenor Annie Laflamme · transverse flute

Tenore & Traverso J.S. Bach: Arien für Tenor und Traversflöte D. Johannsen, Tenor; A. Laflamme, Traversflöte: L. Krommer, Violoncello; M. Krampe, Orgel& Cembalo

Christmas Konzerte und Kantaten Susan Gritton Collegium Musicum 90, Simon Standage

Cov 20909 / Coviello Classics

CHAN 0754 / Chandos

Tenor und Traversflöte – eine ideale Kombination zum Ausdruck von J. S. Bachs besonderer Art, Geistliches in weltlicher Lebensfülle auszudrücken. Als optimale Ergänzung zum Solisten sorgt die Flöte mal mit weichem Klang für pastorale Idylle, um dann wieder mit virtuosen Läufen das himmelwärts Strebende zu unterstützen.

Corellis einzigartiges Konzert zu Heiligabend, ein idyllisches Weihnachtskonzert von Vivaldi und Manfredinis berühmtes Concerto grosso werden komplettiert durch zwei seltener gespielte Kantaten von Telemann und Scarlatti. Es erklingt ein stimmungsvolles Weihnachtsprogramm mit überragenden Musikern.

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Ernst Pepping Motetten: Uns ist ein Kind geboren, Jesus und Nikodemus, Ein jegliches hat seine Zeit, Missa „Dona nobis pacem“ Berliner Vokalensemble, Bernd Stegmann Cantate 58027

Protestantische Klang- und Formensprache des 20. Jahrhunderts

Hintergrundfotos: © Ottilie Gaigl

Lúcia Krommer · violoncello Matthias Krampe · organ & harpsichord


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Wiegenlieder Vol. 1 Mit J. Kaufmann, A. Kirchschlager, C. Prégardien, P. Schreier, R. Trekel, K. Moll, u.v.m. CAR 83001 / CARUS

Die deutschen Schlaf- und Wiegenlieder stellen einen besonderen Schatz und ein wichtiges kulturelles Erbe dar. Die besten Sängerinnen und Sänger mit deutschen Sprachwurzeln, viele davon selbst Eltern, haben ihre Lieblings-Schlaf- und Wiegenlieder aufgenommen. Von jeder verkauften CD gehen 2 Euro an das Projekt „Wiegenlieder“ der Kinderhilfsaktion Herzenssache e.V.

Victoria, Byrd, Martin, Malcolm, Monteverdi, Lassus From the Vaults of Westminster Cathedral The Choir of Westminster Cathedral, Martin Baker

Carl Ditters von Dittersdorf Klavierkonzerte A-Dur und B-Dur Christiane Klonz, Klavier; Oliver Weder, Dirigent; Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt

CDA 67707 / Hyperion

claXL ECD 0910

Eine wunderschöne Auswahl an Werken aus der Renaissance und Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert, die von der Alten Musik inspiriert sind, bringt der Choir of Westminster Cathedral hier zu Gehör. Stimmungsvolle Werke zu Advent und Weihnachten und die Zeit danach, mit denen der Chor berühmt wurde.

Das Klavierkonzert in A-Dur gehört zu den bekanntesten Werken Carl Ditters von Dittersdorfs (1739-1799), nicht zuletzt weil es auch in einer Bearbeitung als Harfenkonzert populär geworden ist. Das B-Dur Konzert scheint Dittersdorf für einen repräsentativen Anlass konzipiert zu haben. Beide Werke werden erstmals auf CD präsentiert.

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Alfred Brendel liest - Volume 2 aus seinem Buch Spiegelbild und schwarzer Spuk

Weihnachtslieder Orphei Drängar, Cecilia Rydinger Alin

MDG 801 1596-2 / ISBN 978-3-941311-65-7

Vom Volkslied bis zum Broadway

BIS-CD-1833

Henry Purcell: King Arthur Aus der Opéra National de Montpellier Le Concert Spirituel, Hervé Niquet GVD 921619D / GLOSSA

Was passiert, wenn sich ein populäres französisches Komikerduo Purcells King Arthur annimmt? Dann darf man sich auf einen jodelnden Hervé Niquet, einen Bühnenarbeiter mit notorisch-künstlerischen Ambitionen, tanzende Mönche und eine ganz ungewöhnliche Umsetzung der berühmten Frostszene freuen. Wer hätte es sich je träumen lassen, dass eine Barockoper vom Unterhaltungswert so nahe an Offenbach bzw. Monty Python heranreichen kann?

Eine überquellende Phantasie, stets humorvoll, augenzwinkernd und doppelbödig. Viele kostbare Kleinode, die selbst bei mehrfachem Wiederhören stets neue Überraschungen und Nuancen bieten. „Brendel at his best“ lautete der Kommentar der Presse.

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Ein Kagel-Schubert-Projekt Sax Allemande

Christmas Carols mit dem Calmus Ensemble

B 108 038 / FARAO classics

CAR 83432 / CARUS

„Teuflisch gut! … Da ist der selten zu hörende, elegante Klang eines klassischen Saxofontrios. Da ist der beziehungsvolle Kontrast zwischen Franz Schubert und Mauricio Kagel. Und da ist die hochintelligente Interpretationskultur des Ensembles Sax Allemande. …“ Hessische-Niedersächsische Allgemeine, 24.09.09

Das von fünf ehemaligen Thomanern gegründete Calmus Ensemble – mittlerweile besteht es aus vier Männern und einer Frau – feiert dieses Jahr sein 10-jähriges Bestehen. Die neue Weihnachts-CD bezaubert mit ihren feinfühligen Arrangements und ist ein weiteres Aushängeschild der Echo Klassik-Preisträger 2009.

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Gustav Mahler Symphonie Nr. 5 Bayerisches Staatsorchester, Zubin Mehta S 108 052 / FARAO classics

Zubin Mehta, Bayerischer Generalmusikdirektor von 1998 bis 2006, ist seit seinem Münchner Abschied regelmäßiger Gast am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Mit der vorliegenden Live-Aufnahme vom Dezember 2008 zeigt „sein“ Orchester seine ganze Klasse und einzigartige klangliche Tradition. Eine musikalische Sternstunde.


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Pacific Trio American Composers Klaviertrios von Gershwin, Bernstein, Copland, Muczynski MAR-1805 2 / Marsyas

Das 1979 in Los Angeles gegründete Pacific Trio (Edith Orloff, Roger Wilkie, John Waltz) hat in den USA, Kanada und Europa mehr als 1.000 Konzerte gegeben. Als Interpreten dieses charmant amerikanischen Repertoires („Porgy and Bess“!) kann man sich kein kompetenteres Klaviertrio wünschen.

Himmlische Weihnacht Gedichte und Erzählungen, gelesen von Christian Brückner Weihnachtliche Musik u.a. mit MusicaAntiqua Köln, Aachener Domchor, Cölner Vokalconsort

PRAGER SPÄTBAROCK, DIE NEUE REIHE BEI SUPRAPHON FESTLICHE KLÄNGE NICHT NUR FÜR ADVENT UND WEIHNACHTEN

Aulos 70003

Weihnachten mit der sicher bekanntesten deutschen (Fernseh-)Stimme

SU 3971

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Alleluja nativitas Coro Euridice di Bologna, Pier Paolo Scattolin Tactus 900002

Weihnachtslieder vom 12. Jahrhundert. bis heute.

J. S. Bach, J. N. David, F. Treiber, A. Busch, E. Bozza Musik für Viola solo Sibylle Langmaack, Viola solo ANTES EDITION BM319261 SU 4002

Wer die Viola für eine größere Violine hält, irrt gewaltig, und doch stand die Viola lange Zeit im Schatten von Violine und Violoncello. Erst im 20. Jahrhundert schufen Komponisten vermehrt Werke für Viola solo.

24 Beethoven, Brahms, Bruckner, Schubert, Schumann Günter Wand Deutsches Symphonie-Orchester Berlin PH09068 (8 CDs) / Profil Edition Günter Hänssler

In seiner letzten Lebensphase, als er die Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern intensivierte, wollte Wand nicht wechselweise die beiden Berliner Orchester dirigieren und dadurch gewissermaßen sich selbst Konkurrenz machen. Er konzentrierte sich mehr und mehr auf das Philharmonische Orchester. Diese Box enthält noch nie veröffentlichte Live-Mitschnitte und ist ein einzigartiges Dokument dieser fruchtbaren Zusammenarbeit.

Hans Werner Henze Sinfonia N. 9 für gemischten Chor und Orchester Rundfunkchor Berlin (Simon Halsey, Chefdirigent; Michael Gläser, Choreinstudierung) / RundfunkSinfonieorchester Berlin, Marek Janowski, Ltg. WER 67222 (CD) / WERGO

Dichtung von Hans-Ulrich Treichel nach dem Roman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers. Den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet.

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SU 3970

Weihnachten

SUPRAPHON a. s. > www.supraphon.com > info@supraphon.cz im Vertrieb von CODAEX DEUTSCHLAND GmbH > Landsberger Str. 492, 81241 München > infode@codaex.com


Psalmen und Motetten Oratorium Christus op. 97 Thomanerchor Leipzig ROP 4029 / Rondeau

Mendelssohn Bartholdy, Ölportrait von Eduard Magnus (1846)

Motetten Münchner Hofkantorei, W. Antesberger SM 128 / Solo Musica

Felix Mendelssohn Bartholdy Ein Wunderknabe feiert ehrwürdigen Geburtstag

Paulus BBC National Orchestra Wales, R. Hickox CHAN 10516 / Chandos

Sinfonie Nr. 4 + Nr. 5 Ungarisches Staatsorchester, Ivan Fischer HCD 12414

Sinfonie Nr. 2, Lobgesang Bergen Philharmonic Orchestra, A. Litton BIS-SACD-1704

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elix Mendelssohn Bartholdy, geboren vor genau 200 Jahren am 3. Februar 1809, ist neben Georg Friedrich Händel und Joseph Haydn der dritte große deutsche Komponist, der in diesem Jahr dank seiner Lebensdaten besonders zu feiern ist. Geboren wurde er als Kind einer berühmten jüdischen Familie in Hamburg. Ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter, später unter anderem von Ludwig Berger und Ignaz Moscheles. Eine öffentliche Schule hat er nie besucht – die Mendelssohn-Kinder wurden mit Privatunterricht erzogen. Aufgrund der französischen Besatzung Hamburgs übersiedelte die Familie bald nach Berlin. Im Alter von neun Jahren trat er zum ersten Mal öffentlich auf, gemeinsam mit seiner Schwester Fanny. In den 1820er und 1830er Jahren unternahm er zahlreiche Konzertreisen durch Frankreich, Italien, England und Schottland. 1833 wurde er Musikdirektor in Düsseldorf und 1835, also etwa 100 Jahre nach Johann Sebastian Bachs Schaffen in Leipzig, wurde er dort zum Gewandhauskapellmeister ernannt und gründete das erste Konservatorium auf deutschem Boden. Damit legte Mendelssohn den Grundstein für die heute renommierte Leipziger Hochschule für Musik und Theater. Das musikalische Leben der Stadt hat er maßgeblich geprägt. Im Frühjahr 1847 erlitt er einen Schwächeanfall, als er vom Tod seiner geliebten Schwester Fanny erfuhr. Er erholte sich nicht mehr davon und starb nach zwei Schlaganfällen am 4. November 1847 in Leipzig. Jubiläen bedeutender Komponisten haben natürlich immer eine Vielzahl von Neuerscheinungen auf dem CD-

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Markt zur Folge. Das ist im Fall Mendelssohn nicht anders. Beginnen wir unsere Rundreise durch die Neuveröffentlichungen mit der Vokalmusik. Hier hat sich Mendelssohn aus Sicht der Nachwelt – neben der berühmten „Sommernachtstraum-Ouvertüre“ – sicher die größten Meriten erworben, und dies nicht nur mit eigenen Werken: Mit der von ihm initiierten Wiederaufführung der „Matthäuspassion“ 1829 in Berlin als Initialzündung ist es letztlich ihm zu verdanken, dass Johann Sebastian Bach nicht dem Vergessen anheim fiel. Dabei hatte Mendelssohn selbst mehr als genug eigenes schöpferisches Potential und schuf hervorragende Vokalwerke wie seine Oratorien. Das 1847 begonnene Oratorium „Christus“ sollte eine Trias vollenden: Deren erste Teile „Paulus“ und „Elias“ sind Hauptwerke der Chormusik des 19. Jahrhunderts. Mendelssohns früher und unerwarteter Tod im November 1847 ließ das Oratorium aber als Fragment zurück, dessen fertig gestellte Teile leider nur selten zu hören sind. Die beiden Teile zur Geburt und zum Leiden Christi geben Anlass zur Vermutung, dass dieses Großwerk unbedingt auf gleicher Qualitätsebene mit dem unmittelbar zuvor entstandenen Elias gelegen hätte. Dies ist nachzuhören auf einer neuen CD des Labels Rondeau (ROP 4029). Thomaskantor Georg Christoph Biller hat die Fragmente von „Christus“ mit den „Sechs Sprüchen“ op.79 kombiniert. In Inhalt und Ausdruck erreicht er eine Einheit, die aus den einzelnen Fragmenten eine überzeugende aufführungspraktische Fassung macht.

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Daneben musizieren der Thomanerchor Leipzig und das Gewandhausorchester sakrale Raritäten aus der Feder des berühmten Leipziger Komponisten. Seine chorsinfonische Vertonung des 42. Psalms, „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“, bezeichnete Mendelssohn selbst als sein „allerbestes Musikstück“ – drei der Sätze waren auf der Hochzeitsreise von Felix und Cecile Mendelssohn Bartholdy entstanden. Geistliche Musik sah sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr den Folgen ausgesetzt, die die romantische Musikästhetik nach sich zog. Die Musik, die sich durch das Fehlen einer konkreten, oft geistlichen, Funktion nicht mehr der Sprache untergeordnet sah, sondern im Gegenteil als geeignetste und damit höchste der Künste eine „Ahnung des Unendlichen“, Unnennbaren hervorzurufen vermochte, war auf dem Wege, zur Kunstreligion zu werden. Mendelssohn Bartholdy wuchs in dieser Umbruchsphase auf. Seine eigenen geistlichen Werke sind stark beeinflusst vom Bewusstsein historischer Vorbilder wie Bach, Händel oder auch Palestrina. Doch verstand er es, nicht einfach in Stilkopie zu verfallen, sondern die alten Formen und Satztechniken mit der Musiksprache seiner Zeit zu verbinden. In diesem Sinne schuf er Motetten, die nun in einer Aufnahme mit der Münchner Hofkantorei unter Wolfgang Antesberger vorliegen (Solo Musica SM 128). Passend zum Mendelssohn-Jahr nimmt Chandos eine seiner renommiertesten Einspielungen, das Oratorium „Paulus“, wieder ins Programm auf (CHAN 10516). Bei seiner Erstveröffentlichung wurde vor allem die geradlinige Ernsthaftigkeit gelobt, die jedes Abgleiten in die Sentimentalität (eine der Hauptfallen bei Mendelssohn) vermeidet. Zu verdanken ist dies neben einer hochkarätigen Solisten-Besetzung (Susan Gritton, Barry Banks u.a.) dem erstklassigen BBC National Orchestra und Chor unter der Leitung des im letzten Jahr tragisch früh verstorbenen Richard Hickox. Wenden wir uns nun dem Instrumentalwerk zu. An erster Stelle stehen da natürlich die Sinfonien als die beherrschende Form orchestralen Musizierens seit der Zeit der Wiener Klassik. Deren Meister und Leistungen nicht gering zu schätzen, sondern als Basis für eigenes Schaffen anzusehen, war stets Mendelssohns Maxime. Und daraus resultierte ein klassizierender Stil, der für die Zeit von etwa 1820 bis 1840 beherrschend sein sollte und ein wichtiges Charakteristikum der Musik Mendelssohns ist. Auf dieser Grundlage entwickelte er aber gleichzeitig Elemente, die für die Formensprache der Romantik vorherrschend werden sollte. Das seinen Werken also oft ein gewisser Dualismus innewohnt, zeigt exemplarisch eine nun auch schon etwas ältere Aufnahme (1983) der 4. („Italienische“) und 5. Symphonie („Reformationssymphonie“) aus dem reichen Fundus von Hungaroton mit einem Iván Fischer in Höchst-

form (HCD 12414). In seiner Interpretation kommt Mendelssohn nicht als Klassiker daher, sondern es werden eben die starken romantischen Momente und Elemente herausgearbeitet. Immer wieder ging Mendelssohn in seinen Symphonien ungewöhnliche Wege. Eine „Symphonie-Kantate nach Worten der heiligen Schrift“ nannte der Komponist seine 1840 geschriebene „Symphonie Nr. 2“ in B-dur mit dem schönen Beinamen „Lobgesang“. Es ist eigentlich seine 4. Symphonie, was die Reihenfolge der Kompositionen betrifft. Vorhergegangen waren die gerade erwähnten und nach heutiger Zählung 4. Symphonie (die „Italienische“) und die 5., die „Reformations-Symphonie“. Kompositorischer Anlass für die 2. Symphonie war die Feier der 400. Wiederkehr der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Mendelssohn entschied sich, nicht dessen Leben zum Thema seiner Komposition zu machen, sondern die Folgen der Erfindung zu reflektieren (Zugang zur Bibel in Deutsch für alle), ein Sieg des Lichts der Erkenntnis über die Finsternis der Unwissenheit. Und so entstand eine interessante Zwitterform – mehr als nur eine Kantate, aber eigentlich zu vokal, um eine „richtige“ Symphonie zu sein. Das Werk wird in einer Einspielung mit großem Chor und international renommierten Solisten (Howartz, Lamore, Prégardien) vom Bergen Philharmonic Orchestra unter Leitung von Andrew Litton aufgeführt, die bei BIS Records erschienen ist (BIS-SACD-1704). Man muss es immer wieder feststellen: kein anderer Komponist – Mozart eingeschlossen – schrieb schon als Kind eine so herausragende Musik wie Mendelssohn. Allein im Alter von elf bis fünfzehn Jahren komponierte er dreizehn Streichersymphonien, fünf Konzerte, vier Singspiele und unzählige Kammermusikwerke, außerdem Klavier- und Orgelstücke, Sololieder und Chorwerke. Viele davon in einer solchen Qualität, dass sie weltweit im Repertoire geblieben sind. Dass ein Junge in diesem Alter bereits so reife und hervorragende Werke wie die frühen Streichersymphonien schreiben konnte, ist ein wahres Wunder – hinsichtlich des Phantasiereichtums und des technischen Geschicks übertrifft er Mozarts Jugendwerke bei weitem. Und doch ist der Salzburger als stilistisches Vorbild stets präsent, zusammen mit Bach, Händel, Haydn und nicht zuletzt Carl Philipp Emanuel Bach. Bei BIS ist eine Aufnahme der Streichersymphonien mit der Sinfonietta Amsterdam unter Leitung von Lev Markiz erschienen. Wer über einen SACD-Player verfügt, kann sich die dreizehn Werke sogar auf nur einer Scheibe ins Haus holen (allerdings ohne Mehrkanal; BIS-SACD-1738). Das Gleiche ist möglich hinsichtlich der Konzerte. Die zwei Violinkonzerte, das d-moll-Konzert für Violine und Klavier mit Streichorchester, die drei Klavierkonzerte und die beiden Konzerte für zwei Klaviere und

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Alle Sinfonien für Streicher Amsterdam Sinfonietta, Lev Markiz BIS-SACD-1738

Alle Konzerte Amsterdam Sinfonietta, Lev Markiz BIS-SACD-1766

Klavierkonzerte Nr. 1 + 2 / Klavierwerke Camerata Salzburg, Ilan Volkov, Ltg. MDG 943 1421-6 (Hybrid-SACD)

Klavierkonzerte op. 25 + op. 40 Sechs Lieder ohne Worte Fumiko Shiraga, Klavier CLA50-2910 / Claves

1. + 5. Sinfonie, Hebriden-Ouvertüre, Ouvertüre zu Ruy Blas A. Seidel, M. Moosdorf, O. Gollej, G. Fauth MDG 307 1469-2


Abbildung im Hintergrund: „Wenn der Abendwind durch die Wipfel...“ Autograph des dreistimmigen Liedes, Foto: Mendelssohn-Haus Leipzig

Sämtliche Klaviertrios Trio Parnassus MDG 303 1241-2

Klaviertrios Hyperion-Trio CTH 2561 / Thorofon

Sämtliche Streichquartette, Vol. 1 Leipziger Streichquartett MDG 307 1055-2

Sämtliche Streichquartette, Vol. 2 Leipziger Streichquartett MDG 307 1168-2

Sämtliche Streichquartette, Vol. 3 Leipziger Streichquartett MDG 307 1056-2

Orchester – alles auf einer SACD (BIS-SACD-1766). Vorgetragen von herausragenden Solisten wie Isabelle van Keulen, Ronald Brautigam, Roland Pöntinen und Love Derwinger. Die Begleitung übernehmen die Amsterdam Sinfonietta, geleitet von Lev Markiz. Besonders interessant sind seine zwei Klavierkonzerte, und dies auch wegen ihrer Entstehungsgeschichte. Das erste Klavierkonzert entstand 1831 während Mendelssohns großer Pilger- und Erkundungsfahrt durch Deutschland, die Schweiz und Italien. Das zweite schrieb er während seiner Hochzeitsreise (am 28.3.1837 hatte er Cécile Charlotte Sophie Jeanrenaud geheiratet) unter südlicher Sonne Italiens. Elisabeth Leonskaja und die glänzend aufgelegte Camerata Salzburg unter der Leitung von Ilan Volkov sorgen in einem SACD-Mitschnitt dieser Werke für Hörgenuss pur (MDG 943 1421-6). Nirgendwo anders als in Venedig hätte Mendelssohn Bartholdy die drei berühmten „Venetianischen Gondellieder“ komponieren können. Untypisch für ein Lied (und die Gondolieres), verzichten sie ganz und gar auf Text. Es sind kleine Miniaturen, mal eben aus dem Handgelenk geschüttelt, der jeweiligen Situation angepasst. Sie gehören zur Gattung „Lieder ohne Worte“, die der Komponist von 1832 an bis zu seinem Lebensende immer wieder als kleine Sammlung von sechs Klavierstücken zur Veröffentlichung freigab – und die jetzt die folgerichtige Ergänzung des Programms bilden. Und nun stellen Sie sich vor, es gäbe keine CDs, keine LPs, ja nicht einmal elektrisches Licht: Was tun Sie denn da als begeisterte Bildungsbürgerin oder Bürger mit musikalischen Ambitionen, wenn Sie neue Werke kennenlernen wollen? Kammermusik mag ja noch angehen, Noten sind schließlich käuflich erhältlich, aber großbesetzte Werke? Konzerte oder Sinfonien? Keine Chance. Es sei denn, der Komponist oder ein Kollege desselben hat eine kammermusikalische reduzierte Fassung im Angebot, die Sie zu Hause im Kreise der Familie oder mit Freunden musizieren können. Ein Klavierkonzert z.B. in der Besetzung Klavier und Streichquartett oder Quintett. Und genau solche Fassungen fanden im 19. Jahrhundert reißenden Absatz, sehr zur Freude der Verlage, die auf diesem Weg preiswert zu einer Zweitauswertung der Partituren kamen. Die japanische Pianistin Fumiko Shiraga hat sich seit einigen Jahren darauf spezialisiert, berühmte Konzerte in solchen Kammerversionen aufzuführen. Cord Garben hat Mendelssohns Klavierkonzerte für Klavier und Streichquintett arrangiert, und Fumiko Shiraga hat diese Fassungen mit dem Nathan Quartett und Bernd Konzett am Kontrabass für Claves eingespielt (CLA50-2910). Als „Zugabe“ bietet die Einspielung noch sechs der berühmten „Lieder ohne Worte“ in einer erlesenen Bearbeitung für Klavier, Violine und Violoncello. Und noch eine Aufnahme mit kleinbesetzten Fassungen großer Orchesterwerke verdient Erwähnung, die

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mit den Musikern Andreas Seidel, Violine, Matthias Moosdorf, Violoncello sowie Olga Gollej und Gerald Fauth, Klavier, für MDG entstand (MDG 307 1469-2) Wenn nur wenige Musiker ein komplettes Orchester ersetzen, zeigt sich die Qualität des Komponisten und der Feinsinn des Arrangeurs. So geschehen bei äußerst gelungenen Kammermusik-Bearbeitungen der 1. und 5. Sinfonie und zweier Ouvertüren für Klavier zu vier Händen, Violine und Violincello, die erst jetzt für die Schallplatte entdeckt wurden. Mendelssohn hatte das Glück, dass schon seine frühesten Kompositionen bei Hauskonzerten im Familienkreis aufgeführt wurden. Der Qualität dieser Werke tut das allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Arrangements der Hebriden-Ouvertüre, der Reformations-Sinfonie und der Ruy-Blas-Ouvertüre sind spieltechnisch äußerst anspruchsvoll und gewähren dem Zuhörer einen ebenso intimen wie faszinierenden Einblick in die kompositorische Struktur. Mit diesen kammermusikalischen Fassungen großbesetzter Werke schaffen wir ganz elegant den Übergang in die „echte“, die originäre Kammermusik. Kammermusikwerke mit Klavier bilden einen wichtigen Teil im reichen und vielgestaltigen Schaffen Mendelssohns. Die Gründe liegen auf der Hand: er war ein glänzender Pianist und hatte schon früh die Gelegenheit, im Berliner Elternhaus und im Konzertsaal mit den besten Musikern seiner Zeit zu konzertieren. Doch erst relativ spät wandte er sich dem Klaviertrio in der klassischen Besetzung Violine, Cello und Klavier zu und schuf zwei Werke (d-moll op. 49 von 1839 und c-moll op. 66, 1845 entstanden). Vorangegangen war ein frühes Trio c-moll (1820, veröffentlicht erst posthum 1971) in der ungewöhnlichen Besetzung Violine, Viola und Klavier. Das Trio Parnassus entführt mit einer Gesamtveröffentlichung des Mendelssohnschen KlaviertrioSchaffens auf (MDG 303 1241-2) in eine bessere Welt – in die des ungebrochenen Schönheitsideals. Klaviertrios spiegeln auf Schritt und Tritt die klassisch-humanistischen Ideale ihres Schöpfers wieder. Mendelssohn vereinigte Gefühl und Geist – ganz so, wie es die anspruchsvolle und hochgebildete Öffentlichkeit Leipzigs verlangte. Kunst war nicht mehr ein oberflächliches Vergnügen, sondern wurde mit Verstand und Vernunft verbunden. Die Uraufführung des d-Moll-Trios fand am 1. Februar 1840 im Rahmen einer „Musikalischen Abendunterhaltung“ in Leipzig statt. Der als Kritiker gefürchtete Robert Schumann bezeichnete das Stück als „das Meistertrio der Gegenwart“ und Mendelssohn als den „Mozart des 19ten Jahrhunderts“ – umgehend eroberte das Werk die Salons und die Konzertsäle der Welt. Eine weitere interessante Einspielung der Klaviertrios ist gerade bei Thorofon erschienen (CTH 2561);

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es spielt das Hyperion-Trio. Interessant vor allem wegen der Kopplung mit dem Klaviertrio des dänischen Komponisten Emil Hartmann, in dem sich deutlich der Einfluss Mendelssohns zeigt. Seit der Zeit der Wiener Klassik galt die Komposition von Streichquartetten als Prüfstein für die Leistungsfähigkeit jedes ernstzunehmenden Komponisten. In der Tat werden bei kaum einem anderen Genre kompositorischhandwerkliche Schwächen so deutlich wie beim Ausbalancieren der vier Stimmen, die, wiewohl eigenständig, eben doch ein harmonisches Ganzes geben müssen. Sämtliche Streichquartette Mendelssohn hat das Leipziger Streichquartett für das Detmolder Label Dabringhaus und Grimm auf vier CDs eingespielt. (MDG 307 1055-2, 307 1168-2, 307 1056-2 und 307 1057-2). Eine dankbare Aufgabe für eines der derzeit besten Quartette (nicht nur) Deutschlands, denn Felix Mendelssohns Meisterschaft dokumentiert sich in der Tat in seinen Quartetten. Heute macht man in dem Alter den Führerschein, in dem Mendelssohn sein erstes Streichquartett, op. 13, vorlegte – so geschehen im Todesjahr Beethovens, 1827. Zwei Jahre später erschien sein EsDur-Quartett als op. 12. Auffällig ist die Seelen-Verwandtschaft beider Werke mit den späten BeethovenQuartetten, mit der Mendelssohn seiner Bewunderung gegenüber den exzentrischen Beethoven-Kompositionen Ausdruck gab. Die Quartette, die Mendelssohn 1839 als op. 44 veröffentlichte und die dem Kronprinzen Oskar von Schweden gewidmet sind, überstrahlen in ihrer melodischen Perfektion und Ausgewogenheit alles bisher Dagewesene. Wie zerrissen, suchend und fragend wirken dagegen die beiden „Pilotkompositionen“, die er als op. 12 und als 18jähriger veröffentlicht hatte. Die bezaubernde Elfenmusik des Sommernachtstraums begegnet uns im Scherzo des e-Moll-Quartettes wieder – kein Wunder, denn diese Werkgruppe entstand 1837, zu einer als Zeit, als der erfolgreiche, von Verlegern gehetzte Komponist endlich ersehnte Ruhe und Harmonie fand: auf seiner Hochzeitsreise. Der Zyklus op. 44 ist in seiner klassizistischen Ausgewogenheit eine wichtige Station des Weges, der im Streichquartett op. 80. Hört man dies zum ersten Mal, überrascht die unerwartet schroffe und hitzige Tonsprache mit vorwärtsweisendem, fast expressionistischem Charakter. In allen vier Sätzen bricht er mit der organischen Harmonie, und das rhythmische Moment tritt in den Vordergrund. Kurze Zeit nach der Vollendung des Werkes, am 4. November 1847, stirbt Mendelssohn in seiner Leipziger Wohnung. Mendelssohn verfügte mit 16 Jahren bereits über mehr musikalische Erfahrungen als so mancher andere Komponist am Ende seines Lebens. Das Leipziger Streichquartett, ergänzt um Matthias Wollong und Yamei Yu, Violine, Hartmut Rohde, Viola und Martin Sanderling, Violoncello beendet die Gesamteinspielung mit dem Oktett

Es-Dur – dem Jahrhundertwerk eines Jugendlichen. Vielschichtig und facettenreich gestalten sich Mendelssohns einzige und einzigartige Streichquintette, die lange Zeit zu Unrecht im Schatten seiner übrigen Kammermusik standen. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass nun eine Neueinspielung der beiden Werke durch das Berliner Streichquintett vorliegt, erschienen auf Audiomax 703 0533-2. Mendelssohn komponierte bereits als 17jähriger das Streichquintett op. 18, zu der Zeit, in der auch seine berühmte Sommernachtstraum-Ouvertüre entstand. Der Verlag zeigte kein Interesse und ließ das Werk drei Jahre unveröffentlicht liegen. Die Verzögerung der Drucklegung hatte auch seine guten Seiten: Mendelssohn fügte in der Zwischenzeit ein wundervolles Adagio hinzu. An Mendelssohns harscher Selbstkritik scheiterten viele seiner schönsten Werke - so auch sein Streichquintett op. 87. Vier Jahre nach seinem Tod konnte es der verblüfften Öffentlichkeit vorgestellt werden als reifes Spätwerk, das während der Arbeit am „Elias“ entstanden war. Die Streichquintette finden sich auch in interessanter Koppelung mit dem kürzlich erst entdeckten und nun ersteingespielten Streichquintett Es-dur von Max Bruch, aufgeführt vom renommierten Henschel Quartett (erschienen auf NEOS 30901 als Hybrid-SACD). Ebenfalls auf SACD liegt eine Einspielung des Klavierquartetts f-moll op. 2 vor, gekoppelt mit einem Klavierquartett von Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Das Valentin Klavierquartett hat die Aufnahme auf Musicaphon M 56890 vorgelegt. Dieses Quartett op. 2 gehört einer Gruppe von drei Klavierquartetten an, mit denen der Knabe Mendelssohn Bartholdy erstmals in Form von Druckausgaben an die Öffentlichkeit trat. Demnach muss der stets selbstkritische Mendelssohn von der Qualität dieser Werke durchaus überzeugt gewesen sein. Die entsprechenden Werke von Louis Ferdinand könnten ihm als Vorbilder gedient haben. Alle drei Werke entstanden innerhalb von nur drei Jahren; von der Presse wurden sie mit einhelligem Lob bedacht, und sie haben seine erste Entwicklungsphase entscheidend mitgeprägt. Mit ihrem weichen, biegsamen Klang, der so wunderbar melancholisch sein kann, war die Klarinette für die Romantiker ein wunderbar geeignetes Ausdrucksmittel. Und so verwundert es nicht, dass auch Mendelssohn, wiewohl der klassizistischen Tradition verpflichtet, sich gern der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Instruments bediente. Der bekannte Klarinettist Dieter Klöcker hat mit dem Consortium Classicum für MDG nun das Gesamtwerk für Klarinette aufgenommen (MDG 301 0974-2). Der junge, erfolgreiche Bankierssohn Mendelssohn fand schon früh einen kongenialen Freund, von dem er schrieb: „Er ist einer der besten Musiker“ – den Klarinettisten Heinrich Joseph Baermann, für den schon

Sämtliche Streichquartette, Vol. 4 Leipziger Streichquartett MDG 307 1057-2

Streichquintette op. 18 + op. 87 Berliner Streichquintett Audiomax 703 0533-2

Streichquartette Nr. 1 + Nr. 2 Henschel Quartett Kazuki Sawa, Roland Glassl NEOS 30901

Klavierquartette Valentin Klavierquartett M 56890 / Musicaphon

Kammermusik mit Klarinette Consortium Classicum AUSGABE 2009/4

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MDG 301 0974-2


Musik zu „Ein Sommernachtstraum“ Alliage Quartett MDG 603 1396-2 MDG 903 1396-6 (Hybrid-SACD)

Lieder ohne Worte Daniel Gortler ROM 7273 / Romeo (2 CDs)

Klavierwerke / Musik von Fanny Hensel Tobias Koch, Pianoforte GEN 89156 / Genuin

6 Sonaten für Orgel op. 65 Nr. 1- 6 Ullrich Böhme, Thomasorganist ROP 6029 / Rondeau

Sämtliche Orgelwerke Rudolf Innig, Klais-Orgel (1910) Beckum MDG 317 0487-2 (4 CDs)

Carl Maria von Weber alle seine Klarinettenwerke Melodie zu Beginn und dem grandiosen Rondo komponiert hatte. Dass auch Baermanns Sohn Carl capriccioso schlägt er den Bogen zu einigen wunderhervorragend Klarinette zu spielen und zu komponieren baren Kleinodien aus der Feder von Mendelssohns wusste, belegt diese Einspielung in eindrucksvoller Schwester Fanny. Und diese steht ihrem Bruder in Weise: Das erstmals auf CD veröffentlichte Duo nichts nach: Koch spielt ihre Werke gleich beseelt und concertant op. 33 gehört in den engen Kreis der in Farben, die seinen fast 200 Jahre alten Flügel wie aus einer anderen Welt klingen lassen. künstlerischen Baermann-Mendelsohn-Liaison. Verlassen wir nun zum Schluss das Klavier im bürUnd nun kommen wir endlich zu Mendelssohns berühmtesten Werk: Der Musik zu Shakespeares „Ein gerlichen Salon und begeben uns in die Kirche – an die Sommernachtstraum“. Aber nicht im Original, sondern Orgel. Die Sechs Sonaten für Orgel op. 65 sind heute aus in einer verblüffenden, faszinierenden Fassung für Saxo- dem Repertoire eines Organisten kaum wegzudenken. phonquartett und Klavier. Das Alliage-Quartett spielt In der Häufigkeit, in der sie aufgeführt werden, sind zusammen mit Jang Eun Bae, auf MDG 603 1396-2 sie mit den großen Orgelwerken Bachs vergleichbar. bzw der Hybrid-SACD MDG 903 1396-6 Schumanns Mendelssohn schuf Werke, die in ihrer Musikalität und Klavierquartett op. 44 und eben den Sommernachtstraum. Ausdruckskraft einen Bogen zwischen Barock und Das Jahr 1843 spielt eine große Rolle in der Romantik spannen, in einer Zeit, in der das Werk Bachs Musikgeschichte. Es ist das Jahr, in dem Adolphe Sax durch ihn wiederentdeckt wurde und in der der Orgel sein neues Instrument zum Patent anmeldete. Es ist das ansonsten wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die sechs Sonaten sind eine Art tour d’horizon Jahr, in dem Robert Schumanns Klavierquintett op. 44 erstmals erklang. Und es ist das Jahr einer ganz be- durch die Orgelmusik des 19. Jahrhunderts: Die wichtigste Traditionsform der Orgel, die sonderen Theateraufführung in Potsdam: Fuge, ist im Schlusssatz der 2. Sonate William Shakespeares Sommernachtsund in dem Mittelsatz der 6. Sonate traum wurde begleitet durch die für prominent vertreten. Auf drei protesdiesen Anlass neu geschaffene Musik tantische Choräle greift Mendelssohn eines gewissen Mendelssohn Bartholdy. ebenso zurück. Die 6. Sonate ist eine Die Verschmelzung von Alt und groß angelegte Choralvariation über Neu, von Tradition und Modernem, „Vater unser im Himmelreich“. steckt im Namen „Alliage“, eine AnIn der CD-Veröffentlichung von spielung auf die feine Legierung, aus Rondeau Production (ROP 6029) erder das Saxophon besteht. Die Musiker klingen die Sechs Sonaten op. 65, intererzeugen mit ihren Instrumenten so viele Klangfarben wie die blank polier- Fanny Hensel geborene pretiert von Thomasorganist Ullrich Mendelssohn (1805 -1847) Böhme, an der Sauerorgel der Thomasten Saxophon-Oberflächen Reflexionen im gleißenden Scheinwerferlicht. Kein Wunder: Ihre kirche zu Leipzig. Die erste Gesamteinspielung sämtlicher OrgelwerDebut-CD wurde mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet. Und für noch etwas anderes wurde Mendelssohn ke von Mendelssohn liegt auf 4 CDs vor, erschienen berühmt: die „Lieder ohne Worte“. Nicht weniger als bei MDG (317 0487-2). Rudolf Innig wählte für diese 48 solcher Klavierminiaturen hat er geschrieben, Aufnahme die Klais-Orgel (1910) in St. Stephanus, zunächst als Geschenk an seine Schwester Fanny. Beckum die in ihrer grundtönigen, orchestralen DisRomantische Musik voll tiefen Gefühls, da braucht position Mendelssohns Klangvorstellung besonders es keine Worte mehr. Die Musik sagt alles aus. So entgegenkommt. Aufgrund der ersten Gesamtausgabe ist es nicht verwunderlich, dass Mendelssohn in der Orgelwerke Mendelssohns von W.M.A. Little war den meisten Fällen denn auch darauf verzichtete, den es möglich, auch die hierin erstmals veröffentlichten Stückchen Namen oder Überschriften zu geben. Wer Früh- bzw. Alternativfassungen der Sonaten-Sätze in diese Welt eintauchen will, dem sei eine Einspie- (Berlin/ Krakau- Manuskript) einzuspielen. Die Auflung mit Daniel Gortler empfohlen, Preisträger vieler nahme gewährt damit einen höchst interessanten international renommierter Wettbewerbe, der bereits Einblick in die Werkstatt Mendelssohns, speziell in mehrfach sämtliche „Lieder ohne Worte“ komplett die Genese der Sonaten. Und damit sind wir am Ende dieses kleinen Rundaufgeführt hat (Romeo ROM 7273, 2 CD). Mendelssohn, der Leidenschaftliche. Felix, der gangs angekommen, der nur ein ganz klein wenig Glückliche. Verschiedenste Facetten in Klavierwerken an der Oberfläche kratzen konnte – die Beschäftigung des wandlungsfähigen Komponisten stellt der Pianist mit diesem faszinierenden Komponisten lohnt allemal Tobias Koch auf seiner neuen GENUIN-CD (GEN 89156) und immer wieder, nicht nur im Jubiläumsjahr 2009. A. Rainer vor – und noch mehr: von der traumverlorenen irischen

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Foto: Heimo Klemm

CLASS a k t u e l l

In fulminanter Besetzung musizierten der Knabenchor Hannover, der Mädchenchor Hannover, die NDR Radiophilharmonie unter der Leitung von Eiji Oue.

Die faszinierende Kraft des Mittelalters – Carmina Burana

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lte Handschriften scheinen naturgemäß der Stoff zu sein, aus dem sich das Faszinosum Mittelalter am effektvollsten speist. So auch beim meistgespielten chorsinfonischen Werk überhaupt. Mit der einerseits skurril und fremd, andererseits zärtlich vertraut klingenden Musik gelang Carl Orff (1895-1982) etwas zu jener Zeit einzigartiges! Keine bedeutende Komposition hat so radikal mit der Tonsprache gebrochen wie die 1937 uraufgeführte Carmina Burana: „Weltliche Gesänge für Soli und Chor mit Begleitung von Instrumenten und magischen Bildern“. Diese Magie ist in der vorliegenden Aufnahme förmlich zu spüren: Die erschütternde Gewalt des Eingangs- und Schlusschores, des Hymnus’ an Fortuna, mit den sperrig sich schiebenden Quinten und Quarten des Chores und die steten

Repetitionen lassen im Chor bereits ekstatische Energieentladungen explodieren. Hier entlädt sich die ganze Kraft und Rohheit des Mittelalters, dessen Lieblichkeit und Milde an anderer Stelle durch die transparenten Knabensoprane brillant nachgezeichnet werden. In der neuen CD-Einspielung treffen zwei renommierten Chöre aufeinander: der Mädchenchor Hannover und der Knabenchor Hannover. Beide werden sie für ihre hervorragende Klangqualität hoch gelobt; beide haben zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Begleitet werden sie von der NDR Radiophilharmonie unter der Leitung ihres international bekannten Dirigenten, Eiji Oue. Das bedeutet gewachsene Souveränität und sprühend lebendiger Elan der Chöre und Motivation im Orchester bis in die Fingerspitzen. Die Aufnahme des Norddeutschen Rundfunks entstand im Großen Sendesaal in Hannover, der optimale Bedingungen für die große Besetzung des Werks bietet. Also: alles schon gehört? Nein! Die bei Rondeau Production erschienene Einspielung ist mit Sicherheit eine der erfrischendsten professionellen Aufnahmen der Carmina Burana, die im Phonohandel greifbar ist. Teres Feiertag

Carl Orff: Carmina Burana Heidi Elisabeth Meier (Sopran), Jean-Sébastien Stengel (Tenor), Stefan Adam (Bass) Mädchenchor Hannover, Knabenchor Hannover NDR Radiophilharmonie, Eiji Oue, Ltg. CD ROP6030 (© 2009)

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Aktuelle Einspielungen: Sabine Meyer: Paris Mécanique Daniel Schnyder: Brass Janina Baechle: Chansons Grises

MAR-1801 2 MAR-1802 2

MAR-1803 2 (SACD)

(„Brass“) folgten und Janina Baechles LiedDebüt („Chansons Grises“) machte den Start ins neue Label perfekt. Ein Name war rasch gefunden: MARSYAS – nach dem mythischen Satyr, der der himmlischen Musik ihren kreatürlichen Ausdruck verlieh, dafür sein Leben opferte und so zum Sinnbild der Freiheit wurde. Inzwischen ist das Label MARSYAS weiter gewachsen und hat sein Profil kräftiger ausgeprägt. Mit dem Arte Quartett aus der Schweiz wurde der Katalog um ein klassisch geschultes Saxophon-Ensemble erweitert, das seit vielen Jahren ein verlässlicher Mitstreiter in aktuellen

Crossover-Abenteuern ist. Ihre neue CD „Different Worlds“ bietet zeitgenössische Musik von Rabih Abou-Khalil, John Zorn und Terry Riley in faszinierenden Bearbeitungen im klassischen Saxophon-Ensembleklang. Ganz der amerikanischen Sphäre widmet sich ein weiteres Kammerensemble, das Pacific Trio aus Los Angeles, eines der renommiertesten Klaviertrios der USA. Sein SACD-Programm mit Werken von Gershwin, Bernstein, Copland und Muczynski weist neben mancher bekannten Melodie aus „Porgy And Bess“ auch handfeste Überraschungen auf, vor allem das selten gehörte Erste Klaviertrio von Robert Muczinsky aus dem Jahr 1966. Ein ganz neues Kapitel eröffnet das Label aus München mit der Liszt Lied-Edition. Die auf sechs SACDs projektierte Reihe soll bis zum Liszt-Jahr 2011 erstmals das komplette Liedschaffen Franz Liszts dokumentieren, darunter etliche Ersteinspielungen. Die ersten beiden Alben erscheinen zum Jahreswechsel 2009/2010 – „Kling leise, mein Lied“ mit dem zuletzt viel gefeierten jungen Bariton Adrian Eröd und „Was Liebe sei“ mit Janina Baechle, der umjubelten Mezzosopranistin der Wiener Staatsoper. Der Klavierbegleiter ist Charles Spencer, der 12 Jahre lang Christa Ludwigs musikalischer Partner war. Entdeckungsfreudige Hörer dürfen sich hier auf viele unbekannte Lied-Preziosen freuen. Jörg Hansen

Pacific Trio: American Composers Gershwin, Bernstein, Copland, Muczynski

Arte Quartett: Different Worlds Rabih Abou-Khalil, Terry Riley, John Zorn

MAR-1805 2 (SACD)

MAR-1804 2

Adrian Eröd: Kling leise, mein Lied

Janina Baechle: Was Liebe sei

MAR-1806 2 Liszt Lied-Edition Vol. 1 (SACD)

MAR-1807 2 Liszt Lied-Edition Vol. 2 (SACD)

Das besondere Label MARSYAS – Unkonventionelles aus München

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n der Jazzwelt ist Enja Records seit 35 Jahren ein klangvoller Name. Amerikanische Jazzstars wie Chet Baker, Kenny Barron, Elvin Jones, Charlie Mariano oder John Scofield haben auf Enja veröffentlicht, aber auch viele Musiker aus anderen Weltgegenden wie Rabih Abou-Khalil, Roberto Fonseca, Renaud Garcia-Fons, Dusko Goykovich und Abdullah Ibrahim. Immer wieder kam es dabei zu Begegnungen zwischen improvisiertem Jazz und zeitgenössischer Konzertmusik, die die Genre-Grenzen auflösten und sinnlos machten. So komponierte Rabih Abou-Khalil, der Oud-Virtuose aus dem Libanon, für das Balanescu Quartett. Daniel Schnyder, Schweizer Komponist und Saxophonist, arbeitete mit dem Absolute Ensemble unter Kristjan Järvi. Abdullah Ibrahim, der Pianist aus Südafrika, spielte mit dem Münchner Rundfunk-Symphonie-Orchester. Und Michael Riessler, der Kosmopolit aus Ulm, nahm mit dem Ensemble 13 unter Manfred Reichert auf, während Ferenc Snétberger, der Gitarrenvirtuose aus Ungarn, mit dem Kammerorchester Franz Liszt ins Studio ging. Und eines Tages war die Zeit einfach reif, dass sich Enja Records ein zweites Standbein in der klassischen und grenzüberschreitenden Konzertmusik zulegte. Michael Riesslers Kooperation mit Sabine Meyers Trio di Clarone („Paris Mécanique“) bildete den Anfang, Daniel Schnyders Kompositionen für Blechbläser

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CLASS a k t u e l l WERGO

NEU BEI WERGO Frederic Rzewski Foto: Connie Dines

The People United Will Never Be Defeated

www.StephenMarchionda.com

Domenico Scarlatti (1685-1757) Sonaten K. 175, 213, 402, 403, 449, 450, 462, 474, 475, 513 (arr. für Gitarre von Stephen Marchionda) Stephen Marchionda, Gitarre MDG 903 1587-6 (Hybrid-SACD)

Saitensprung

D

er Italiener Domenico Scarlatti komponierte in Spanien ab 1738 mehr als 550 Cembalo-Sonaten voller Anklänge iberischen Temperaments. Dass sich diese auch ausgezeichnet auf einer modernen Gitarre aufführen lassen, zeigt der amerikanische, in Spanien lebende Gitarrist Stephen Marchionda, der diese Werke nun erstmals auf einer SuperAudio-CD eingespielt hat. Scarlatti hatte seine Sonaten hauptsächlich als Übungsstücke für Königin Maria Barbara geschrieben, der er Unterricht gab. In vielen dieser Werke kombinierte er seine frühen musikalischen Prägungen mit den Einflüssen des Flamenco, aber auch anderer spanischer Tanzformen zu einem ganz persönlichen Stil. Verblüffend ist, wie Scarlatti dabei volkstümliche Elemente in seine für einen feudalen Rahmen komponierten Sonaten einbaut und alltägliche Klangerfahrungen integriert und imitiert. Als sechstes Kind einer italienischen Musikerfamilie erlebte Domenico Scarlatti nach seiner Übersiedlung auf die iberische Halbinsel

in den königlichen Residenzen von Madrid und Sevilla die spanischen Momente seines Lebens. 300 Jahre später wurde Stephen Marchionda in Granada vom Scarlatti-Virus gepackt. Der klassische Gitarrist mit italienischem und amerikanischem Pass wandelte eigentlich auf den Spuren des Spaniers Manuel de Falla, als er auf die Cembalo-Sonaten Scarlattis aufmerksam wurde. Diese Werke faszinierten Marchionda so sehr, dass er einige für Gitarre arrangierte. Die Gitarre gehört zu Spanien wie kaum ein anderes Instrument. Scarlattis Werke wiederum verkörpern das Lebensgefühl der iberischen Halbinsel ungewöhnlich intensiv. Die Verbindung dieser beiden Elemente, gepaart mit dem höchst virtuosen und klangfarbenreichen Spiel von Stephen Marchionda, zeigt eine ganz andere Seite dieser hervorragenden Werke, die vermutlich niemals zuvor auf Gitarre aufgenommen wurden, die aber so klingen, als wären sie immer dafür bestimmt gewesen. Thomas Trappmann

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WER 67302 (CD)

Kai Schumacher, Klavier

„Ein Meisterwerk“, nennt Bernhard Wambach diese Komposition von Frederic Rzewski auf das chilenische Protestlied „¡El pueblo unido jamás será vencido!“: „Wer dieses Stück interpretieren will, hat nicht nur einen eminenten Text mit pianistischen Höchstschwierigkeiten umzusetzen, sondern er muss auch politische Haltung haben. Ohne ‚Haltung’ ist dieses Stück eines bekennenden Sozialisten nicht interpretierbar.“ – Genau diese Haltung verkörpert Kai Schumacher.

Vertriebe Deutschland: Note 1, 06221/720351 · info@note-1.de Österreich: Lotus Records, 06272/73175 · office@lotusrecords.at Schweiz: Tudor, 044/4052646 · info@tudor.ch

WERGO Weihergarten 5 · 55116 Mainz · Germany service@wergo.de · www.wergo.de

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We l t k l a s s e Brass bei

Gian Francesco de Majo (1732-1770) Alessandro nell´Indie Opera seria in drei Akten Nationaltheaterorchester Mannheim Tito Ceccherini

City Brass Stuttgart Werke von Schnyder, Strauss, von Suppé, u.a.

Wolfgang Bauer ,

Henning Wiegräbe

u.a.

COV 50807

Stefan Heimann,

Christian Lampert,

Russian Romantic Horn Quartets Werke von Rimsky-Korsakov, Tcherepnin, Mitushin, u.a.

Deutsches Horn Ensemble

SACD · COV 50710

(auf original Kruspe-Hörnern)

brass 5.1 Werke von Másson, Respighi, Böhme und Schnyder

Reinhold Friedrich , Mannheim Brass Quintett

i m E x k l u s i v - Ve r t r i e b b e i

Ein Mannheimer Geniestreich G I A N F R A N C E S C O D E M AJ O versöhnt Opernreformer und Belcanto-Fans

D

ie 1760er Jahre waren für die Oper eine Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung. Ein stärker durchkomponiertes Musikdrama statt einer lockeren Folge brillanter sängerischer Glanznummern war das ästhetische Ziel vieler Komponisten wie Christoph Willibald Gluck, die dafür den Bruch mit Konventionen und den Streit mit den Traditionalisten riskierten. Der Neapolitaner Gian Francesco de Majo griff die Reformansätze begeistert auf und setzte sie in seinen Werken um.

Das beste Orchester der Welt De Majo war in der glücklichen Lage, von 1764-1766 in Mannheim mit dem besten Orchester der damaligen Welt zusammenarbeiten zu können – das hat er genutzt, um mit dessen technischen Möglichkeiten eine neue Musiksprache zu etablieren. 1766 wurde seine Oper „Alessandro“ in Mannheim uraufgeführt. Sie basiert auf einem traditionellen Sujet, in dem Alexander der Große als Held verehrt wird, ist in de Majos musikalischer Umsetzung aber alles andere als

konventionell. Die enge Verzahnung der dramaturgischen Elemente und die differenzierte Behandlung des Orchesters schaffen eine neue Klangsprache, ohne dass das Sängerensemble auf die auch beim Publikum beliebten Bravourarien verzichten muss. Kurz nachdem seine Karriere so richtig begonnen hatte, starb de Majo allerdings 38jährig an Tuberkulose. Trotz ihrer damaligen Beliebtheit verschwanden seine Werke bald von den Spielplänen und sind heute weitgehend unbekannt. Mit der Ersteinspielung des wiederentdeckten „Alessandro“ hat das Mannheimer Nationaltheater einen Schatz seiner Geschichte auf höchstem Niveau der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Thomas Jakobi

Aktuelle Aufführungen: 29. 31. 20. 21. 17. 21.

12. 01. 03. 03. 04. 05.

2009 2010 2010 2010 2010 2010

Mannheim Mannheim Winterthur Winterthur Mannheim Mannheim

Cornelia Ptassek als Cleofide

Weitere Informationen: www.CovielloClassics.de www.nationatheater.de

Note 1 Musikvertrieb GmbH · Carl-Benz-Str. 1 69115 Heidelberg · Fon: (06221) 72 03 51 Fax: (06221) 72 03 81 · info@note-1.de · www.note-1.de

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Foto: Nationaltheater Mannheim

SACD · COV 50902

COV 20911 (2CDs) Coviello Classics


CLASS a k t u e l l

Klang und Stimmung Stefan Blunier präsentiert „sein“ Beethoven Orchester Bonn mit Schönberg

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as für ein Programm! Mit seiner ersten Einspielung am Pult des Beethoven Orchesters Bonn stellt uns Stefan Blunier vier wesentliche Phasen im Leben des Komponisten Arnold Schönberg vor. Die Auswahl reicht vom spätromantischen „Notturno“ über die Orchesterlieder op. 8 bis hin zu den atonalen Orchesterstücken op. 16 und der hochromantischen Transkription von Präludium und Fuge BMV 552 von Johann Sebastian Bach, darunter eine veritable Ersteinspielung. Schönbergs „Notturno“ für Harfe, Solovioline und Streichorchester galt lange als verschollen. Die Existenz dieses Werks war allein durch eine Zeitungsnotiz belegt: In ihrer Ausgabe vom 15. März 1896 berichtete die Wiener „Neue Musikalische Presse“ von der Uraufführung der „sehr stimmungsvollen“ Komposition durch das Wiener Dilettanten-Streichorchester „Polyhymnia“ unter der Leitung des Schönberg-Lehrers Alexander Zemlinsky. Anhand originaler Fingersätze in der Violoncellostimme wurde das Stück später identifiziert und ediert. Das Beethoven Orchester Bonn hat dieses Werk nun erstmals aufgenommen. Die spätromantische Harmonik hatte Schönberg schon hinter sich gelassen, als er 1903 bis 1905 die „Sechs Orchesterlieder op. 8“ komponierte, doch frei von jeglicher Tonalität waren diese ersten Vokalwerke für das große Instrumentarium noch nicht. Schönberg selbst sprach später von einem „Schwebezustand“. Bei der Auswahl der Gedichte griff er – wie Mahler – auf Vorlagen aus der Anthologie „Des Knaben Wunderhorn“ zurück. Außerdem vertonte er Gedichte von Francesco Petrarca und von Heinrich

Hart. Genügend Stoff für die inzwischen ins Ensemble der Berliner Oper katapultierte junge Sopranistin Manuela Uhl. 1909 schuf Schönberg die „Fünf Orchesterstücke op. 16“ und dokumentierte damit seine Ankunft in der Atonalität. „Keine Architektur, kein Aufbau. Bloß ein ununterbrochener Wechsel von Farben, Rhythmen und Stimmungen“, erklärte Schönberg in einem Brief an Richard Strauss seine neue Art des Komponierens. So fortschrittlich Schönbergs Weg in die Zwölf-TonTechnik auch war: Er hat sich immer wieder auch der Transkription alter Werke, vor allem des Thomaskantors, gewidmet. So mutet seine Bearbeitung des großen EsDur-Präludiums mit Fuge aus dem Jahr 1929 überraschend an und zeigt doch, wie sehr dieser große Neuerer in der Tradition des 19. Jahrhunderts verwurzelt ist. Ein faszinierendes Programm, faszinierend dargeboten. Thomas Trappmann

12. 12. 2009 Beethoven Competition Konzert 16. 12. 2009 BeethovenNacht www.beethoven-orchester.de

Foto: © Barbara Aumüller

06. 12. 2009 Klassik um 11 mit Haydn & Mozart

MDG 937 1584-6 (Hybrid-SACD)

Weitere Empfehlungen: Ludwig von Beethoven: Leonore (Version 1806) Solisten, Kölner Rundfunkchor, Beethoven Orchester Bonn, Marc Soustrot (Ltg.) MDG 337 0826-2 (2 CDs)

Franz Liszt: Christus (Oratorium) Tschech. Philharmonischer Chor Brno, Beethoven Orchester Bonn, Roman Kofman (Ltg.) MDG 937 1366-6 (3 SACDs)

Ernst Krenek: Karl V. (Oper) Tschech. Philharmonischer Chor Brno, Beethoven Orchester Bonn, Marc Soustrot (Ltg.) MDG 337 1082-2 (2 CDs)

Das Beethoven Orchester Bonn hat eine beeindruckende Diskografie bei MDG vorgelegt. Herausragend die Ersteinspielung der Oper „Leonore“ von Beethoven und „Karl V“ von Krenek (Marc Soustrot), sämtliche Schostakowitsch Symphonien und „Christus“ von Franz Liszt (Roman Kofman). Mehrere internationale Schallplattenpreise begleiten den Weg dieses großen symphonischen Klangkörpers. Dass man sich nicht nur nebenbei intensiv und originell mit dem Thema Nachwuchsförderung auseinandersetzt, führte gerade in Dresden zur Verleihung eines weiteren Echo-Klassik-Preises.

Aktuelle Konzerte: Beethoven Orchester Bonn in der Beethovenhalle Bonn

Arnold Schönberg: 5 Orchesterstücke op. 16; Notturno für Harfe, Solo-Violine und Streicher; 6 Lieder op. 8; Präludium und Fuge BWV 552 (Bach/Schönberg) Manuela Uhl, Sopran Beethoven Orchester Bonn, Stefan Blunier (Ltg.)

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Im Blickpunkt Tasteninstrumente

Der Kopf des Georg Friedrich Händel Eine Erzählung von Gert Jonke Ulrich Tukur, Sprecher Mit Musik von Georg Friedrich Händel Cybele Hörbuch Wort&Musik SACD AB 006 (SACD Hybrid) ISBN 978-3-937794-07-5

Zum krönenden Abschluss des Händeljahres hat das Label Cybele Records nach dem Hörbuch Arnold Schönberg: „Die Prinzessin“ das nächste Hörbuch-Highlight herausgebracht: Der Kopf des Georg Friedrich Händel. Gleich drei Schwergewichte treffen hier aufeinander: Autor Gert Jonke, Schauspieler und Musiker Ulrich Tukur und – wie der Titel bereits verspricht – der Komponist Georg Friedrich Händel. Dieses Hörbuch trifft den Hörer gleich auf mehreren Ebenen im Innersten: Inhaltlich, sprachlich, musikalisch und klanglich: Der Wortmusiker (FAZ) und Textkomponist (taz) Gert Jonke hat sich, im wahrsten Sinne, der Musik verschrieben. „Wenn einer mit Worten Musik machen kann, dann ist es er.“(I. Reiffenstein)

Mit Worten Musik machen Die meisterlich eingesetzte Stimme des Schauspielers und Musikers Ulrich Tukur entfaltet den Farbenreichtum, der Jonkes Erzählung innewohnt. Die größtenteils eigens für diese Produktion eingespielte Musik von Georg Friedrich Händel, interpretiert u.a. von Sopranist Jörg Waschinski und Organist Martin Schmeding an der GottfriedSilbermann-Orgel (1755) in der Kathedrale Dresden, trägt den Hörer auf harmonisch vertrauten Klängen – teils auf historischen Instrumenten – in Jonkes exotisch anmutende Sprachwelten. Lassen Sie sich also verzaubern und tauchen sie ein in dieses vielschichtige Hörerlebnis!

Morton Feldman Späte Klavierwerke Vol. 3 Piano (1977) Palais de Mari (1986) Steffen Schleiermacher, Klavier

Wilhelm Friedemann Bach 12 Polonoises pour le Clavecin Fantasia d-Moll, Sonate Es-Dur Siegbert Rampe, Cembalo und Tangenten-Flügel

MDG 613 1523-2

MDG 341 1592-2

Steffen Schleiermacher gilt als einer der wichtigsten Neue-Musik-Interpreten unserer Zeit. Seine klug disponierte Gesamtdiskographie – auch als Leiter des Ensemble Avantgarde – zeichnet exemplarisch ein faszinierendes Bild der aktuellen Musikströmungen. Nun ist die Einspielung der späten Klavier-Solowerke von Morton Feldman komplett

Herzlichen Glückwunsch, Wilhelm Friedemann: Zum 300. Geburtstag des „Hallenser Bachs“ im Jahr 2010 hat Siegbert Rampe einige Klavierwerke von Johann Sebastians ältestem Sohn erstmals und auf Original-Instrumenten eingespielt. Die Aufnahme zum Jubiläumsjahr ergänzt das vertraute Bild von Wilhelm Friedemann Bach als genialem Improvisator eindrucksvoll um das eines Komponisten, der im Schatten seines Übervaters musikalisch und spieltechnisch außerordentlich anspruchsvolle Werke schrieb.

Silent Moment „Piano“ markiert den Beginn der „Pattern-Kompositionen“, in denen Feldman mit kleinsten Musikfetzen arbeitet, die er ständig variiert, umschichtet und so permanent neu erfahrbar macht. „Piano“ überraschend den Zuhörer dennoch durch Dramatik. Und manchmal wird es dabei auch ungewöhnlich laut. Eine bedeutende archäologische Ausgrabungsstätte im heutigen Syrien mit Fresken voller geheimnisvoller Figuren ist Ideen- und Namensgeberin von „Palais de Mari“. Der Komponist hat es seiner Freundin und Vertrauten Bunita Marcus gewidmet, die es 1986 auch in New York uraufführte. Im Gegensatz zu vielen anderen Feldman-Stücken lässt sich „Palais de Mari“ überraschend leicht hören: Konsonante Intervalle, einfache Melodien und feine Rhythmen vermitteln ein absolutes Wohlgefühl.

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Papa ante portas 12 Polonoises pour le Clavecin gehören in Fachkreisen zu seinen bekanntesten Werken: Wilhelm Friedmann Bach hat diese unterschiedlichen Charakterstücke in zwei Etappen über Jahre hinweg mit großer Sorgfalt auf Papier ausgearbeitet. Er selbst spricht sogar von Konzertstücken, deren Gestus die überschwängliche frühromantische Gefühlswelt gleichsam musikalisch antizipiert. Welchen Gegensatz bilden hierzu die in Dresden entstandene Fantasia und die in Halle komponierte Es-Dur-Sonate aus dem Jahr 1748! Für die Einspielung der Sonate hat Siegbert Rampe einen Original-Tangentenflügel aus dem Jahr 1788 ausgewählt, ein Hammerflügel mit Tangentenmechanik, wie er damals im deutschen Sprachraum Hochkonjunktur hatte. Die 12 Polonaisen und die Fantasie präsentiert uns der Experte für alte Instrumente auf der Kopie jenes Cembalos, das Wilhelm Friedemann Bach 1733 als Aussteuer von seinem Vater erhalten hatte und dessen Original heute im Berliner Musikinstrumenten-Museum zu sehen ist.

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Ludwig van Beethoven Klaviersonaten op. 109, op. 110 und op. 111 Cédric Pescia CLA 50-2903 / Claves

Nach den „Goldberg-Variationen“ (Claves 50-2407), die 2004 den viel beachteten Auftakt zu seiner Zusammenarbeit mit Claves bildete, wagt sich Cédric Pescia nun an die letzten drei Klaviersonaten Beethovens, jene Werke, die so verwirrend, gleichzeitig aber auch von erfrischender Einfachheit sind – und über die schon alles und jedes gesagt wurde. Drei Sonaten, zwischen 1820 und 1822 geschrieben, als Beethoven an seinem „geistigen Testament“ arbeitete, der Missa solemnis. Pescia versteht es, diesen Aspekt mit seinem empfindsamen, auf ergreifende Art nach innen gekehrtem Spiel besonders zu betonen.

Arbeit am Titanen Der Pianist, 1976 in Lausanne geboren, studierte bei Christian Favre am Konservatorium seiner Heimatstadt, später in Genf und schließlich an der Berliner Universität der Künste bei Klaus Hellwig. Er bildete sich weiter u.a. bei Barenboim, Fischer-Dieskau, Gage, Zacharias und dem Alban Berg Quartett. Von 2003 bis 2006 war er Gast der International Piano Academy Lake Como (Italien), wo er bei Bashkirov, Fleisher, Grant Naboré und Staier studierte. Er gewann 2002 den Gina Bachauer Wettbewerb in den USA. Pescia konzertiert weltweit, gibt Meisterkurse in den USA und Europa, und ist neben seiner solistischen Laufbahn auch ein begeisterter Kammermusiker.


CLASS a k t u e l l

MDG 317 1591-2

Für die Einspielung der spätromantischen Orgelsinfonien von Felix Nowowiejski wurde Rudolf Innig mit dem „Echo Klassik“ belohnt. Jetzt ergänzt der erfolgreiche Konzertorganist das Werk mit einer Aufnahme der Konzerte für Orgel solo op. 56 des besonders in der Neuen Welt geschätzten polnischen Komponisten. Die CD enthält zwei Konzerte sowie fünf Präludien aus op. 9. Die Konzerte op. 56 sind 1940 unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Terrors entstanden. Nowowiejski, der bei Max Bruch in Berlin studiert hatte, war aus seiner Heimatstadt Posen nach Krakau ins „Exil“ gegangen. Das erste Orgelkonzert trägt deutlich autobiographische Züge, dagegen greift das zweite Konzert ein Thema der sinfonischen Dichtung Dantes Traum von Piotr Rytel auf, deren Uraufführung Nowowiejski dirigiert hatte. Der Bremer Dom mit seiner imposanten historischen Sauer-Orgel gibt der Aufnahme einen exzellenten klanglichen Rahmen. Insgesamt 100 Register sind verteilt auf vier Manuale und Pedal.

Magic Nine Nachdem Nowowiejski die neun Orgelsinfonien komponiert hatte, nannte er fortan seine großen Orgelwerke „Konzerte“. War es Aberglaube? Wollte er dem größten der Sinfoniker eine Referenz erweisen? Wir können es nicht mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls sind die Orgelkonzerte eine logische Fortführung der Sinfonien und damit zwingende Ergänzung für jeden Schallplattensammler.

Ludwig van Beethoven (1770-1827) Gesamteinspielung der Beethoven-Klaviersonaten? Gerhard Oppitz, Klavier

Francis Poulenc Weltliche Chormusik Norddeutscher Figuralchor Jörg Straube, Ltg.

Best.-Nr. 98.200 / CD-Box (9 CDs) hänssler CLASSIC

MDG 947 1595-6 (Hybrid-SACD)

Gerhard Oppitz hat immer schon ein Faible für Zyklen gehabt, besonders des „klassischen“ Repertoires: Bachs „Wohltemperiertes Klavier“, das Klavierwerk von Mozart, Brahms, Grieg hat er teils auf CD, teils immer wieder im Konzertsaal gespielt. Und natürlich Beethoven! Mit seiner Interpretation der BeethovenSonaten hat er immer wieder das Publikum verblüfft und begeistert. Nun liegen die Aufnahmen auf 9 CDs in einer ansprechenden Box vor.

Geschichten von großer Liebe In nur zwei Jahren hat Gerhard Oppitz alle 32 Sonaten Beethovens eingespielt. Aufnahmeort war das akustisch bekanntermaßen hervorragende Reitstadl in Neumarkt/Oberpfalz, als Aufnahmeleiter fungierte Klaus Hiemann, der in den letzten Jahrzehnten mit zahlreichen namhaften Pianisten und Musikern gearbeitet hat und weiterhin arbeitet. Das Verhältnis zwischen den Beteiligten war ausgesprochen herzlich, ein Glücksfall, wie Gerhard Oppitz meint. Das Ergebnis rechtfertigt die Anstrengungen, denn Beethoven erklingt hier mit einer Natürlichkeit, wie sie nur selten zu hören ist. Er stößt dabei mitten ins Herz der Musik, erlaubt keine Manieriertheiten, sondern erzählt von Beethoven mit einer musikantischen Vertrautheit und Direktheit, der man jahrzehntelange Liebe anhört.

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Gewinner Kategorie Klavier

Jean-Efflam Bavouzet

Angefangen vom ersten Chorwerk des Franzosen, dem vom Männerchor vorgetragenen Chanson à boire, über seine Vertonungen populärer Gedichte bis zu den volksnahen Chansons françaises und der bis zu achtstimmigen Kantate Figure humaine stellt der Norddeutsche Figuralchor unter der Leitung von Jörg Straube die weltliche Chormusik von Francis Poulenc vor – und beweist seine eigene musikalische Vielfalt und große Professionalität.

Chansons populaires Francis Poulenc stammt aus einer sehr musikalischen Pariser Familie. Von Igor Stravinsky und Maurice Chevalier ebenso beeinflusst wie vom französischen Vaudeville stieß der junge Mann bald zu einer Gruppe von Komponisten um Erik Satie und Jean Cocteau, genannt „Les Six“. Ist das der Dunstkreis, in dem sein Trinklied entstand? Die Freundschaft mit Dichtern des Montparnasse, darunter Guillaume Apollinaire, regte ihn zur Komposition zahlreicher Chorwerke an. Die Kantate Figure humaine entstand 1943 als Akt des Widerstandes während der Zeit der deutschen Besatzung. Poulenc vertonte darin Regime-kritische Texte seines Lieblingsdichters Paul Éluard. Die Kantate wurde noch vor Ende des Krieges nach England geschmuggelt, wo sie im Januar 1945 in einer Übersetzung uraufgeführt wurde. Die französische Premiere fand erst im Jahr 1947 statt, also nicht, wie von Poulenc erhofft, am Tage der Befreiung. Das Werk ist gespickt von sängerischen Herausforderungen. Allein im Schlussakkord verlangt die Partitur vom zweiten Sopran ein dreigestrichenes E…

CHAN 10545

Felix Nowowiejski Konzerte für Orgel solo Vol. 1 Konzerte op. 56, 1 + 2 Orgelstücke op. 9 Einzug in den Dom op. 8, 3 Rudolf Innig Sauer-Orgel, Bremer Dom

Chormusik

CLAUDE DEBUSSY Klavierwerke Vol. 5 Transkriptionen – Drei Ballette Khamma / La boîte à joujoux / Jeux

Neuerscheinung von

Benjamin Brittens Fassung der „Beggar’s Opera“

CHAN 10548

Tasteninstrumente

Produktion der Royal Opera London 2009 mit Tom Randle, Sarah Fox, Jeremy White, u.a. / City of London Sinfonia, Christian Curnyn

Codaex Deutschland GmbH Landsberger Straße 492 81241 München infode@codaex.com


Im Blickpunkt Kammermusik

Joseph Haydn Streichquartette Vol. 2 op. 50 No. 1, 4 + 5 Leipziger Streichquartett

Violoncelle à la française César Franck (1822-1890): Sonate für Violine und Klavier A-dur Felix Battanchon (1814-1893):

Ensemble Esteban Werke von Astor Piazzolla, Leo Weiß und Bernfried E. G. Pröve Tango Nuevo Ensemble

MDG 307 1585-2

Zwölf Etüden in der Daumenlage op. 25

MA 00016 / Master Arts

Das Leipziger Streichquartett setzt seine Edition der Streichquartette Joseph Haydns in dessen 200. Todesjahr mit drei Quartetten (op. 50, Nr. 1, 4 und 5) fort. Diese gereiften Werke aus den Jahren 1786/1787 widmete der Komponist dem Preußischen König Friedrich Wilhelm II.

Tauschhandel Die „Preußischen Quartette“ entstanden nach einer offenbar sehr hektischen Phase im Leben des Hofkapellmeisters: Seine Aufgaben für den Fürsten Esterházy ließen ihm über Jahre weder Zeit noch Muße zur Komposition einer Streichquartettserie. Den Impuls zu einer neuerlichen Beschäftigung mit diesem Genre hat möglicherweise Mozart gesetzt. Dieser veröffentlichte 1785 seine „Haydn-Quartette“, in denen sich über die Widmung hinaus auch auffällige musikalische Zitate aus den Werken des Komponistenkollegen befinden. Vielleicht sah Haydn die Zeit für gekommen, dem großen Salzburger mit einer eigenen Komposition zu „antworten“? Die fast 70 CDs des Leipziger Streichquartetts, darunter die hochkarätigen Gesamteinspielungen der Werke von Mendelssohn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Berg, Schönberg und Webern, sind uns noch in bester Erinnerung. Jetzt darf man gespannt auf die Fortsetzung dieser Haydn-Edition warten.

„Souvenir de Beethoven“ op. 8 Martin Rummel, Violoncello Elizabeth Hopkins, Klavier

CDA 67631 / Hyperion

M 56918 / Musicaphon (Ersteinspielung)

Neben der Violinsonate Francks, die hier erstmals in einer Transkription Martin Rummels erklingt, sind die Werke Battanchons eine besondere Entdeckung dieser CD. Über viele Virtuosen des 19. Jahrhunderts ist nur wenig bekannt, sofern sie nicht eine glamouröse Karriere gemacht haben. Felix Battanchon ist einer jener Virtuosen, die dennoch für die Entwicklung ihres Instruments Bedeutendes geleistet haben. Battanchon wurde 1840 Miglied des Orchesters der Grand Opéra. Am Conservatoire als Lehrer tätig, komponierte er hauptsächlich Studienwerke und Salonstücke, von denen zwei auf der vorliegenden CD eingespielt sind. Seine 24 Etüden op. 4 gehörten noch zu seinen Lebzeiten zum Standard des Cellostudiums, sind aber heute fast vollständig in Vergessenheit geraten. „Souvenir de Beethoven” hat den sechsten Satz aus Beethovens Serenade op. 8 für Violine, Viola und Violoncello als Grundlage, wobei festzustellen ist, dass es sich eher eine Bearbeitung des Originals handelt. Lediglich der Schluss ist hinzugefügtes Material. Die zwölf Etüden in der Daumenlage op. 25 gehören zum Besten, was aus pädagogischer Sicht für das Cello geschrieben wurde. Kenner des Cellorepertoires werden eine interessante Mischung zwischen schon in Duports 21 Etüden (Musicaphon CD M56878) vorhandenen Patterns, die klar aus der Tonsprache des 18. Jahrhunderts stammen, und Hinweisen auf die rasante Entwicklung, die dem Cello, seinem Repertoire und seiner Spieltechnik beschieden sein würde, feststellen.

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Robert Schumann Streichquartett op. 41 Nr. 3 Klavierquintett op. 44 Marc-André Hamelin, Klavier Takács Quartett

Dieses Ensemble möchte Menschen für die Sinnlichkeit und emotionale Tiefe des Tangos begeistern. Immerhin wurde der Tango als Genre von der Unesco am 30.9.2009 zum immateriellen Welterbe der Menschheit erhoben.

Pflege eines Weltkulturerbes Das kann bei weitem nicht jede Kunstform von sich sagen. Dem Ensemble Esteban ist es ein Anliegen, den „Tango Nuevo“ durch eigene Werke und innovative Arrangements von weltbekannten Tangokompositionen weiter zu entwickeln und somit der „Tangowelt“ neue Impulse zu geben. Durch die seltene Besetzung aus Gesang, Violine, Vibraphon, Klavier und Kontrabass gelingt den Musikern eine einzigartige Klangaura mit hohem Wiedererkennungswert.

AUSGABE 2009/4

Das großartige Takács Quartett, kürzlich für den Gramophone Award für seine zweite Aufnahme der Brahms Streichquartette nominiert, setzt seine Entdeckungsreise durch die romantische Kammermusiktradition fort. Sie spielen Werke aus dem Jahre 1842, das zu Schumanns „Kammermusikjahr“ wurde, wenngleich es für ihn sehr negativ begonnen hatte. Er kehrte niedergeschlagen von einer Konzertreise seiner Frau Clara alleine nach Leipzig zurück, da der Beifall nur der Pianistin vergönnt war, dem Komponisten aber keine Huldigungen zu Teil wurden. Zu Hause studierte er die Quartette von Haydn, Mozart und Beethoven und fühlte sich beflügelt zu neuen Kompositionen. Die Einflüsse der großen Meister sind in seinem Streichquartett op. 41 Nr. 3 spürbar. Dennoch ist die musikalische Sprache charakteristisch deutlich differenzierter, sie enthält viele besondere Eigenheiten, beispielsweise ist das Scherzo als Variationssatz aufgebaut. Im gleichen Jahr entstand auch das Klavierquartett in Es-Dur op. 44. Es wurde nicht nur zum beliebtesten Kammermusikwerk innerhalb seines Oeuvres, sondern auch zu einem der populärsten Werke dieser Gattung. Eine weitere Komponente hebt dieses Werk heraus: Schumann war der erste romantische Komponist, der das Klavier mit einem Streichquartett kombinierte. Das Takács Quartett wird im Klavierquartett durch den Pianisten Marc-André Hamelin ergänzt. Eine hinreißende Partnerschaft, die in vielen Konzertsälen bereits großen Beifall geerntet hat. Nicht zuletzt deshalb, weil die herausragenden Musiker das Werk in den Mittelpunkt stellen und mit Kompetenz und Leidenschaft alles zu einem Guss formen.


CORO

CLASS a k t u e l l Kammermusik

Rechtzeitig zu Schillers 250. Geburtstag legt das duo pianoworte eine Huldigung an den Weimarer Poeten vor. Da dem lyrischen Werk von Schiller ein geradezu „musikalischer Gestus“ innewohnt, lag es nahe, Komponisten der Gegenwart zu neuen Melodramen nach den bekannten Texten anzuregen.

Schiller beflügelt Der Balladendichter Schiller hatte, einmal abgesehen von dem außerordentlichen metrischen und rhythmischen Reichtum in seiner Lyrik, präzise ästhetische Vorstellungen von den Aufgaben und vor allem von den Wirkungen der Musik. In der Verbindung von Rezitation und Musik entsteht nun die Möglichkeit, Altbekanntes in ungewöhnlichem Licht zu präsentieren. Die ganz unterschiedliche musikalische Herangehensweise von vier renommierten niedersächsischen Komponisten führt zu einem äußerst reizvollen stilistischen Kaleidoskop. – Das mit dem ECHO KLASSIK 2002 ausgezeichnete duo pianoworte widmet sich seit seiner Gründung 1994 einem speziellen Genre: Werke für Sprecher und Klavier. Dabei geht es vor allem um das Anknüpfen an die mittlerweile fast in Vergessenheit geratene Tradition des romantischen Konzertmelodrams. Neben einer umfangreichen Konzerttätigkeit begeistert das duo pianoworte auch bei zahlreichen Rundfunk- und Fernsehsendungen regelmäßig sein Publikum.

COR 16072

„Wein, Weib und Gesang“ Walzer von Johann Strauß (arr. von Schönberg, Berg, Webern, Trojahn & Dott) Thomas Christian Ensemble MDG 603 1590-2

Cantate C 58040

Seit nunmehr über 300 Jahren begeistert die Musik Georg Friedrich Händels ein breites Publikum. Heute ist sie beliebter denn je und man findet sie beinahe überall: auf Opernbühnen, in Kirchen und Konzerten, sogar bei den Fernsehübertragungen der Fußball-Champions-League. Schon zu Lebzeiten wurde Händel in ganz Europa gefeiert, in Hamburg ebenso wie in Italien – man nannte ihn dort den „lieben Sachsen“ (il caro Sassone) – und natürlich in England, seiner Hauptwirkungsstätte. Für das Pfeiffer-Trompeten-Consort lag es daher nahe, im Jahr seines 250. Todestages seine fünfte CD auf Cantate ausschließlich mit Werken des neben Bach bedeutendsten Komponisten des Barock zu gestalten. In zahlreichen Werken setzen die Trompeten die triumphalen Glanzpunkte. Neben dem Hauptwerk – der „Feuerwerksmusik“ – soll ein kleiner Einblick in Händels umfangreiches Schaffen gewährt werden, etwa mit Ausschnitten aus dem Oratorium „Saul“ bis hin zu der „Collection of Original Marches“, einer wohl einzigartigen Zusammenstellung kleiner Kabinettstückchen aus Händels Opern, Oratorien und Instrumentalmusiken. – Das Pfeiffer-Trompeten-Consort wurde von den Brüdern Joachim, Harald und Martin Pfeiffer zusammen mit dem Organisten Peter Schumann an der Heiliggeistkirche in Heidelberg gegründet. Bald gesellte sich der Pauker Mathias Müller hinzu. Bei den eigenen Arrangements ist es dem Ensemble ein besonderes Anliegen, die Möglichkeiten des heutigen Instrumentariums und die barocke Spielpraxis miteinander zu verbinden.

AUSGABE 2009/4

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Kann eine Pleite unterhaltsam sein? Alban Berg, Anton Webern und Arnold Schönberg haben jedenfalls 1921, um ihren „Verein für musikalische Privataufführungen“ vor dem Konkurs zu retten, Adaptionen der populärsten Walzer Johann Strauß’ geschaffen. Das BenefizKonzert und die anschließende Auktion ihrer Partituren waren zwar erfolgreich, doch den Verein konnten sie letztlich nicht retten. Die vier Walzer-Partituren blieben aber erhalten: Das Thomas-ChristianEnsemble aus Wien hat die ungewöhnlichen Arrangements jetzt erstmals auf CD eingespielt.

Johann Sebastian Bach

The Bach Collection Welterfolge feierte das Ensemble „The Sixteen“ mit ihren Aufnahmen der Bachschen Werke, zusammengefasst zur attraktiven Box.

COR 16076

M 56913 / Musicaphon

Georg Friedrich Händel The Trumpet Shall Sound. Music for the Royal Fireworks, Music from Saul, Ode for St. Cecilia’s Day, A Collection of Original Marches u.a. Pfeiffer-Trompeten-Consort

Walzerseligkeit Was kaum jemand weiß: Auch Schönberg hatte eine gehörige Portion Humor: Während einer Tournee seines „Pierrot lunaire“-Ensembles schuf der Meister als Kontrast und seither beliebtes ZugabenStück seine neue Version des „Kaiserwalzers“. Hatte Strauß das Stück für den preußischen Kaiser Wilhelm II. komponiert, machte Schönberg daraus einen Walzer für Österreichs Franz Joseph II., indem er die von Haydn komponierte „Kaiserhymne“ in die Strauß-Vorlage einfließen ließ – was für ein Heidenspaß ... Mit seinen ebenso akribisch wie musikantisch daherkommenden Brucknerund Mahler-Einspielungen hat sich das Wiener Ensemble schon erfolgreich am „Vereins“-Repertoire bedient. Natürlich finden auch bei dieser Einspielung der mit schmelzendem Ton aufspielende Primarius Thomas Christian und seine Kollegen zu einer ebenso faszinierenden Einheit zusammen.

Georg Friedrich Händel

Dixit Dominus Agostino Steffani

Stabat Mater

Ensemble Le Jardin Secret

COR 16074

Schiller beflügelt Thomas Schmidt-Kowalski: Das Lied von der Glocke, op. 115; Matthias Drude: Der Handschuh; Alfred Koerppen: Das verschleierte Bild zu Sais; Christoph J. Keller: Der Taucher; duo pianoworte: Helmut Thiele, Sprecher Bernd-Christian Schulze, Klavier

Cavalli, Sartorio, Schenk, Schmelzer, Fux, Froberger u. a.

Auf Wiener Art Musik vom Habsburger Hof

Codaex Deutschland GmbH Landsberger Str. 492, 81241 München infode@codaex.com


Im Blickpunkt Kammermusik

Kindheitserinnerungen Werke von Mozart, Prokofiev, Schubert, Dolshenko, Bártok, Bloch, de Falla, Janácˇek und Enescu Mikhail Tsinman, Violine Nika Lundstrem, Klavier CM 0022007 / Caro Mitis (2 Hybrid-SACD)

Die Zusammenstellung der hier versammelten Werke ist nicht zufällig. Nur ein einziges Stück ist eigens für Kinder geschrieben, das „Lied des Bachs“ von Dolshenko. Da findet man sich unversehens auf einer durchsonnten Waldlichtung mit zirpenden Zikaden, brummenden Käfern und zwitschernden Vögeln wieder. Aber auch alle anderen Werke befassen sich mit der Kindheit bzw. mit deren Verlust. Es geht darum, was das Wesen der menschlichen Seele ausmacht, was in ihren versteckten Winkeln verborgen liegt, wenn wir uns die äußere Welt erschließen und uns vom „Ursprünglichen“ entfernen und was dann wieder in uns aufflammt, wenn wir Einbußen hinnehmen müssen, darüber, was uns selbst dahin begleitet, wohin für uns nach dem Verlust der Kindheit kein Weg mehr führt. Und es sind auch Werke darunter, die in der Jugend- oder Kinderzeit der Komponisten entstanden (Mozart) und deshalb die kindliche Empfindungswelt zwangsläufig noch in sich tragen. All dies bündelt sich schließlich in Enescus „Impressions d‘enfance“, einer Suite, die der Komponist im fortgeschrittenen Alter schrieb: Kindheit, Folklore, Wiegenlieder, Lieder an den Bach... Es ist eine Synthese aus Weisheit und kindlicher Reinheit, ein bewegendes Danklied für ein erfülltes Leben. Tsinman ist Konzertmeister des Bolshoi Theaters und Mitglied des Moskauer Rachmaninov-Trios. Der Schüler von Bondarenko und Krysa ist seit den 1990er Jahren international bei Wettbewerben (mehrfacher Preisträger) und konzertierend in ganz Europa und Israel hervorgetreten. Auf dieser Aufnahme spielt er zusammen mit seiner Tochter.

Oper

Rohan de Saram Werke von Berio, Gehlhaar, Steinke, Zimmermann, Xenakis, Ruzicka und Pröve Rohan de Saram, Violoncello EZ 25023 / Edition Zeitklang

Der Künstler, 1939 in Sheffield geboren, studierte bei Caspar Cassado in Florenz, später bei Sir John Barbirolli in London sowie bei Pablo Casals in Puerto Rico. Einen Wendepunkt in Rohan de Sarams Karriere bildete 1970 die folgenreiche Einladung von Radio Hilversum, das Werk „Nomos Alpha“ für Cello solo von Iannis Xenakis einzuspielen. Danach begann eine intensive Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten, so Francis Poulenc, Dmitri Shostakovich und Zoltán Kodály, später Boulez, Stockhausen, Ligeti, Berio, Carter, Pousseur, Kagel, Rihm, Ferneyhough und Dillon, um nur einige zu nennen.

Botschafter des Zeitgenössischen Als langjähriges Mitglied des Arditti Quartet (bis 2005) spielte er zahlreiche diesem überragenden Quartett gewidmete Werke als Uraufführung. Aber auch ihm persönlich wurden und werden Kompositionen gewidmet wie z.B. die auf dieser CD enthaltene letzte „Sequenza“ von Berio oder „Racine 19“ von Pousseur.

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Carl Goldmark Merlin Oper in 3 Akten Urfassung von 1886 Welt-Premiere Robert Künzli, Anna Gabler, Brian Davis, Daniel Behle, Gabriela Popescu, Frank van Hove, Sebastian Holecek, In-Sung Sim, Michael Mantaj, Werner Rollenmüller Philharmonischer Chor München, Andreas Herrmann Philharmonie Festiva, Gerd Schaller PH 09044 (3 CDs) / Profil Medien - Edition Günter Hänssler

Wiederbelebung: Einst von Hanslick in den Himmel gelobt, in der Urfassung mehrfach an der Wiener Hofoper mit großem Erfolg aufgeführt, geriet dieses Werk nach Goldmarks Tod in Vergessenheit. Dieser Mitschnitt einer Wiederaufführung in Bad Kissingen aus dem Jahr 2008 zeigt, wie ungerechtfertigt das Vergessen dieser Oper war: Wagnerianisch – dramatisch, aber unterhaltsam - romantisch zugleich, rankt sich die Musik um die Liebesgeschichte zwischen Seher Merlin und der feenhaften Viviane – in der Goldmark eigenen Tonsprache. Der Komponist Carl Goldmark (18301915) hatte sich seine Stellung als Tondichter hart erkämpft. Über zehn Jahre schrieb er an seiner ersten Oper „Die Königin von Saba“ (1875). Er traf den Nerv der Zeit und wurde mit einem Male weltberühmt. Nach diesem durchschlagenden Erfolg seiner ersten Oper, die auch musikalisch vollkommen in die Welt des Orients eintaucht, liess er sich mit der Komposition seiner zweiten Oper viel Zeit. Diese lange Spanne Zeit zeigt sein Bestreben nach detaillierter Feinarbeit in Komposition und Instrumentation sowie die rigorose Selbstkritik. Die neue Oper „Merlin“ verzichtet im Gegensatz zu „Die Königin von Saba“ vollkommen auf die orientalische Lokalfärbung.

AUSGABE 2009/4

Antonio Cagnoni (1828-1896) Don Bucefalo Morace, Girardi, Marsiglia, Date, De Giorgi, Silvestri, De Pace Slowakischer Kammerchor Orchestra Internazionale d‘Italia Massimiliano Caldi CDS 634 / Dynamic (2 CD) (Ersteinspielung)

Am 28 .6. 1847 hatte „Don Bucefalo“ am Mailänder Konservatorium Premiere; es war ein Test des neunzehnjährigen Komponisten und die erste von bis dahin drei Opern, die ihm Erfolg brachte. Gelobt wurde er von der Kritik für die Lebendigkeit, den Witz und man entließ ihn mit dem Wunsch, er möge doch einen Impresario finden, der ihm den Weg in eine öffentliche Theaterkarriere ebnen möge. Tatsächlich wurde „Don Bucefalo“ in der Folge in mehreren italienischen Theatern gespielt, was wiederum Ricordi veranlasste, sich die Verlagsrechte zu sichern. Die komische Oper auf ein Libretto von Calisto Bassi nutzt alle Klischees ihres Genres, spielt aber gleichzeitig damit, indem sie alle Parameter in Frage stellt: Tempi, Rhythmen, Gesangsstile. So erscheint sie gleichzeitig als Synthese wie auch als Überwinderin der zeitgenössischen komischen Oper. Inhaltlich handelt es sich um eine Buffooper, wie man sie sich amüsanter kaum vorstellen kann. Eine unglaubliche Verwicklungsgeschichte mit Täuschungen und Enttäuschungen, witziger Verstellung, gockelhafter Arroganz „besserer Herrschaften“, vermeintlich tumbem Landvolk und so weiter und so weiter. Die Hauptfigur ist Impresario und Gesangslehrer, und letztlich geht es neben den verzwickten Liebeshändeln um die Vorbereitung einer Opernaufführung. Dieser Stoff bot Cagnoni natürlich reichlich Gelegenheit, persiflierend auch in der Musik sich über den Inhalt dieser Schmonzette, aber auch über sich selbst und seine lieben Kollegen lustig zu machen. Beste Voraussetzungen für einen amüsanten Abend.


S PEK T RA L

CLASS a k t u e l l Orchester / Konzert

VOKAL- UND KAMMERMUSIK DER SPITZENKLASSE! S PE K T R A L

LIEDER EINER REISE SONGS OF TR AVEL

Verdi Collection Nabucco; Ernani; Il Corsaro I Vespri Siciliani La Forza del Destino; Verdi Gala Diverse Interpreten

Joseph Haydn (1732-1809) Philemon und Baucis oder Jupiters Reise auf die Erde Genz, Engelhardt, Petryka, Reinprecht, Hoffmann, Beil Vocalforum Graz Haydn Sinfonietta Wien Manfred Huss

CDS 33643 / Dynamic

BIS-SACD-1813

Mit dieser schön und edel ausgestatteten Sammlung zum attraktiven Preis präsentiert Dynamic die Live-Aufnahme von fünf Meisterwerken der italienischen Oper und, mit der Verdi-Gala, fünf Konzerten. Diese wurden live 2004 in einem der Musiktempel aufgenommen, die dem Verdi-Kult gewidmet sind: dem Teatro Regio in Parma, das sich in den letzten Jahren wie kein anderes für das Werk des Komponisten aus Bussetto einsetzt.

Marionetten- oder Puppenspiele waren im Wien des 18. Jahrhunderts sehr beliebt. Es ist daher nicht überraschend, dass auch Haydns Arbeitgeber, Fürst Esterhazy, sich ein besonderes Puppentheater bauen ließ und dass der Komponist immerhin sechs Opern in diesem Genre schuf. Nur eine davon hat komplett überlebt, „Philemon und Baucis“; alle anderen Partituren sind bei dem großen Brand in Esterháza 1779 ein Raub der Flammen geworden. Auch „Philemon und Baucis“ kennen wir allerdings nicht in der Erstfassung, die zu Ehren von Kaiserin Maria Theresia 1773 aufgeführt wurde. Dieses Autograph ist verschollen. Die hier eingespielte Version entstand um 1800 mit Orchesterintermezzi von anderen Komponisten (Gluck und d’Ordonez), wie dies zu Haydns Zeit durchaus üblich war. Auch der Schluss, ein Ballett, stammt nicht von Haydn. Wahrscheinlich war diese Fassung für Paris gedacht. Das Werk – eher ein Singspiel mit gesprochenen Dialogen – ist eine Erzählung mit erhobenem moralischem Zeigefinger, ähnlich Mozarts Zauberflöte. Hermann Beil, der selbst den Merkur spricht, nahm die textliche Einrichtung vor. Die dramaturgischen Schwächen des Stückes werden mehr als wettgemacht durch Haydns Musik: es ist offensichtlich, dass er im Kontrast zu den künstlichen Marionetten mit ihrer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit eine ganz besonders ausdrucksstarke, bewegende Musik schrieb, die man mit Sicherheit, wüsste man es nicht besser, nicht zu einem Puppenspiel erwarten würde.

Verdi kompakt Die Opern-Reihe beginnt mit „Nabucco“, erstmals mit triumphalem Erfolg 1842 an der Mailänder Scala aufgeführt und für Verdi der Durchbruch zu einer beispiellosen Karriere als Opernkomponist und führt über „Ernani“ und „Il Corsaro“ zu den „Vespri Siciliani“ und der „Macht des Schicksals“, Werken, die Verdi schrieb, als er bereits eine internationale Berühmtheit war. Insbesondere die „Macht des Schicksals“ wurde sehr schnell einer der meistaufgeführten Opern Verdis und von den Kritikern unter seine absoluten Meisterwerke eingereiht. Unter den Interpreten dieser Sammlung finden sich so bekannte Künstler wie Cura, Nucci, Nizza, Bruson, Guelfi und Berti. Ein sehr interessantes Angebot nicht nur für ausgewiesene Verdi-Liebhaber, sondern auch für Opern-Einsteiger.

AUSGABE 2009/4

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Joseph Haydn (1732-1809) Die 12 Londoner Sinfonien Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Roger Norrington, Ltg. Best.-Nr. 93.252, CD-Box (4 CDs) SWR music / hänssler CLASSIC

Haydn wünschte sich eine Konzertreise nach England, allerdings waren seine Sprachkenntnisse miserabel. Viele Jahre lebte er abgeschieden am Eszterhazy’schen Hof in Ungarn mit dem Wunsch nach einem neuen Lebensgefühl: „Da siz ich in meiner Einöde – verlassen – wie ein armer Waiß – fast ohne menschliche Gesellschaft – traurig“, schrieb er in einem Brief.

Zum Mitsingen und Tanzen Umso erfreulicher für ihn, dass seine neuen Kompositionen hervorragenden Anklang fanden. Die Engländer liebten „ihren Haydn“ und wollten ihn am liebsten für immer dort behalten. Der König bot ihm sogar eine Wohnung im Schloss Windsor an. Die Londoner Sinfonien zählen zu Haydns Spätwerk. In diesem Werken ist Haydns Meisterschaft auf diesem Gebiet besonders ausgeprägt. Wie kein anderer verbindet er das Einfache mit dem gelehrten Stil und versieht sie mit dem so oft gelobten Witz. Für Sir Roger Norrington war diese Einspielung ein ganz besonderes Anliegen: „Jede Sinfonie von Joseph Haydn tut einem gut. Man will die Melodien mitsingen, zu seinen Rhythmen tanzen und möchte am liebsten inmitten der Vorstellung laut lachen, wenn er einen seiner Scherze macht. Seine Musik ist ebenso unterhaltsam wie erbaulich – eine Bereicherung fürs Leben.“

FR ANZ GRUNDHEBER BARITON MAT THIAS VEIT KL AV IER

Best.-Nr. SRL4-08022: LIEDER EINER REISE. GRUNDHEBER / VEIT

»Eine geradezu mediterran anmutende Gesangskultur.« (Bayern 4 Klassik) S PE KT RA L

FLÖTENTRIOS

AUS F R A NKRE ICH

DAMASE – PIERNÉ – DEBUSSY

MATTHIAS VEIT KLAVIER

DIETER GÖLTL VIOLONCELLO

JÜRGEN FRANZ FLÖTE

Best.-Nr. SRL4-07005: FLÖTENTRIOS. FRANZ / GÖLTL / VEIT

»Was bleiben noch für Wünsche an das musizierende Triumvirat? Zum Beispiel, wann geht es weiter mit der nächsten CD?« (Flöte aktuell) S PE KT RA L

AVE MARIA

GEIS TLICHE LIEDER DER FR ANZÖSISCHEN UND DEUT SCHEN ROMANTIK SACRED SONGS FROM THE FRE NCH AND GERM AN ROM ANTIC REPER TORY

IRIS-ANNA DECKERT, SOPR AN – MARKUS UT Z , ORGEL

Best.-Nr. SRL4-08018: AVE MARIA. DECKERT / UTZ

»Engelsstimme und Orgel – eine himmlisch gute CD.« (Regio-Magazin) Alle Titel des SPEK TRAL-Kataloges finden Sie unter www.spektral-records.de – info@spektral-records.de Exklusiv-Vertrieb für Deutschland

NOTE 1 Musikvertrieb GmbH Carl-Benz-Straße 1 • 69115 Heidelberg • Tel. 06221/720351 Fax 06221/720381 • info@note-1.de • www.note-1.de


Im Blickpunkt Orchester und Konzert

Wilhelm Stenhammar Klavierkonzert Nr. 1 op. 1 Klavierkonzert Nr. 2 op. 23 Seta Tanyel, Klavier Helsingborg Symphony Orchestra Andrew Manze, Ltg. CDA 67750 / Hyperion

Wilhelm Stenhammar (1871-1927) gehört zu den wichtigsten Komponisten Schwedens und war durch seine Tätigkeit als Konzertpianist und Dirigent im skandinavischen Musikleben eine hoch geachtete Persönlichkeit. Stenhammars Schaffen ist stilistisch in der Spätromantik verwurzelt. Zunächst orientierte er sich an Anton Bruckner und Richard Wagner, ließ sich dann aber durch seine Freunde Jean Sibelius und Carl Nielsen zu einem „nordischen“ Tonfall anregen. Klare Musik, ohne reißerische Effekte, mit der Verwendung von Kirchentonarten und volkstümlichen Melodien lassen seine Werke in einer herben Klangqualität von scheinbarer Einfachheit erklingen. Das Klavierkonzert Nr. 1 von Wilhelm Stenhammar wurde hier in einer Version aufgenommen, von der man lange glaubte, sie sei durch Bombenangriffe des zweiten Weltkriegs verloren gegangen. 1983 wurde in der Library of Congress, Amerikas Nationalbibliothek, eine Kopie der Noten entdeckt. Das Opus 1 des schwedischen Komponisten konnte nun wieder in seiner Originalgestalt erklingen: ein Meisterwerk, majestätisch und virtuos zu Beginn, später von nordischer Mystik und im Finale von tiefsinniger Emotionalität. Das zweite Konzert erscheint in völlig anderer Machart – von improvisatorischer Struktur und mit einer stetig steigenden Spannung zwischen Solist und Orchester, die sich erst im virtuosen Finale löst. Beide Klavierkonzerte Stenhammars wurden mit der großartigen Pianistin Seta Tanyel bei Hyperion zum ersten Mal gemeinsam eingespielt.

Hector Berlioz (1803 -1869) Harold in Italien Orchesterstücke aus Opern Jean-Eric Soucy, Bratsche SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg Sylvain Cambreling, Ltg.

Robert Schumann Klavierkonzert op. 54 a-moll Anton Dvorák Klavierkonzert g-moll Martin Helmchen, Klavier Orchestre Philharmonique de Strasbourg / Marc Albrecht, Ltg.

Best.-Nr. 93.241 SWR music / hänssler CLASSIC

PTC 5186333 / PentaTone

Die Programmsinfonie „Harold in Italien“ darf in keiner Berlioz-Sammlung fehlen. Warum? In kaum einer anderen Komposition ist Berlioz' Eigensinn so gut greifbar wie hier. Berlioz' eigene Italieneindrücke kommen zum Ausdruck, wenn das italienische Hochland mit seinem ausgeprägten Volksleben klanglich erscheint – und nicht Bilder aus Lord Byrons „Harolds Pilgrimage“, das Berlioz ursprünglich zur Vertonung anregte. Spannend und Berlioz-typisch ist auch die Rolle der obligaten Bratsche, die allerdings nicht wie in einem herkömmlichen Solokonzert „tonangebend“ auftritt, sondern zurückhaltend und reflektierend.

Glanz in Einsamkeit Solo-Bratschist Jean-Eric Soucy weiß dabei trotzdem zu glänzen – als einsamer und theatralischer Ritter Harold in den Bergen. Der Kanadier Jean-Eric Soucy hat als Solo-Bratschist mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zahlreiche Werke von Berlioz, Bach, Stamitz, Mozart, Benda und Bartók eingespielt. Zuvor war er stellvertretender Solo-Bratschist im Québec Symphony Orchestra sowie im Kammerorchester Les Violons Du Roy, das er zusammen mit Bernard Labadie gegründet hat. Außerdem ist er Gründungsmitglied im Inukshuk String Trio, mit dem er in Europa, Nordamerika und Australien erfolgreich auftritt.

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Robert Schumanns Klavierkonzert op. 54 in a-moll gehört bekanntermaßen zu den meist gespielten Klavierkonzerten unserer Zeit. Schon nach der Uraufführung am 4. Dezember 1845 in Leipzig war der Beifall groß und die Kritiker voll des Lobes. Clara Schumann als Pianistin und Ferdinand Hiller als Dirigent des Gewandhausorchesters hoben das Werk aus der Taufe. Auch Martin Helmchen hat sich dieses Konzertes angenommen. Für den jungen Pianisten gehört Robert Schumann zu den Komponisten, die ihm sehr am Herzen liegen. Dem populären Werk hat Martin Helmchen ein weniger oft gespieltes Konzert gegenübergestellt. Das Klavierkonzert in g-moll von Anton Dvorák. Es ist ein Werk mit ganz deutlichen, individuellen und emphatischen Zügen, die die typische Handschrift Dvoráks tragen. Nach Erscheinen des Werkes wurde diesem eine gewisse „Unspielbarkeit“ vorgeworfen. Auch der Pianist Martin Helmchen hält den Ursatz für „originell und eigentümlich“. Er hat für seine Einspielung aber dennoch den ursprünglichen Klaviersatz Dvoráks ausgewählt und nur an wenigen Stellen Ideen aus der Bearbeitung des tschechischen Pianisten Vilém Kurz verwendet. Dvoráks Originalität ist klar herausgearbeitet und wurde subtil umgesetzt. Martin Helmchen gelingt es, mit hervorragender Technik und intelligentem Spiel Kostbarkeiten der Konzertliteratur zum Leuchten zu bringen. Der Künstler wird kongenial unterstützt vom Orchestre Philharmonique de Strasbourg unter der Leitung von Marc Albrecht.

AUSGABE 2009/4

Neujahrskonzert 2010 Mit Werken von Josef Strauß und Johann Strauß (Vater und Sohn) K & K Philharmoniker Matthias G. Kendlinger Da Capo CD 913

Ein Neujahrskonzert mit Wiener Walzerseligkeit gehört für viele musikliebende Menschen so selbstverständlich zum Jahresablauf wie Sommer und Winter oder Weihnachten und Ostern. Schneetreiben und Nordwind vor der Tür und drinnen reiche Blumenbuketts und Johann Strauß: Da kann das neue Jahr kommen.

Der Zeit voraus Wer es nicht abwarten kann, dem bietet sich jetzt schon die Möglichkeit, das Neujahrskonzert der K & K Philharmoniker aus der Berliner Philharmonie zu erwerben. Natürlich mit Klassikern wie dem „Radetzky-Marsch“, „An der schönen blauen Donau“, dem „FrühlingsstimmenWalzer“ und „G’schichten aus dem Wienerwald“, aber auch eher selten zu hörenden Nummern wie dem „Deutschen Union-Marsch“. Das Ganze mitreißend und authentisch österreichisch musiziert. Orchester und Dirigent haben sich seit 2002 den Ruf erstklassiger musikalischer Interpretationen erarbeitet und in bisher 16 europäischen Ländern mit jährlich über 100 Auftritten unter Beweis gestellt.


CLASS a k t u e l l Orchester und Konzert

Robert Schumann Szenen aus Goethes Faust Royal Concertgebouw Orchestra, Nikolaus Harnoncourt, Ltg. RCO 09001 / RCO Live

Ein hochkarätiges Sängerensemble und das herausragende RCO unter Nikolaus Harnoncourt entfachten einen wahren Sturm der Begeisterung mit ihrer Aufführung der „Szenen aus Goethes Faust“ von Robert Schumann im April 2008. Die Aufnahme wurde nach bewährtem Muster während der Proben sowie des Konzertes mitgeschnitten. Es entstand ein klanglich hervorragendes und musikalisch lebendiges Hör-Erlebnis. Das Werk beginnt mit einer Ouvertüre, die Fausts Grübeln widerspiegelt und mündet in drei Szenen, die opernhafte Züge tragen. Fausts Begegnung mit Gretchen wird in einem Duett umgesetzt, Gretchens Gebet vor der Marienstatue und ihre zunehmende Verzweiflung wird musikalisch durch den Dies-Irae-Chor gesteigert. In der zweiten Abteilung hat die Musik zunächst alles düstere abgeschüttelt. Der Herrscher der Luftgeister, Ariel, und ein anmutiger Geisterkreis betören Faust und versuchen ihn zu neuen Taten zu animieren. Mangel, Schuld, Sorge und Not in Gestalt von „Vier grauen Weibern“ im Dialog mit Faust münden in den Schluss der zweiten Abteilung, der mit „Fausts Tod“ abgeschlossen wird. Mystik herrscht in der dritten Abteilung vor, die Fausts Verklärung bringt. Hier, wo Goethes Gedicht sich immer weiter von rationalem Verstehen entfernt, scheint Schumann sich am wohlsten gefühlt zu haben. Zu den wahrhaft großen Kompositionen gehört der Schlusschor, der Chorus mysticus, der im achtstimmigen Pianissimo einsetzt. Mit tiefster innerer Bewegung und romantischer Innigkeit schließt das Werk.

Pressestimme

Die barocke Posaune Werke von Dario Castello, Daniel Speer, Girolamo Frescobaldi, Heinrich Biber, Giovanni Cesare, Antonio Bertali Christian Lindberg, Barockposaune Mitglieder des Australian Chamber Orchestra BIS-CD-1688

Das Instrument, das wir heute als „Posaune“ bezeichnen, ist in der Tat eine „Trombone“ – eine große Trompete, geeignet, große Säle und weite Räume akustisch zu füllen. Ganz anders im 17. Jahrhundert: klanglich weich und zart waren die eng mensurierten Instrumente dieser Zeit, geeignet, um klanglich mit Viola und sogar Blockflöte zu verschmelzen. Vor mehr als 30 Jahren kaufte sich Lindberg, der für die moderne Posaune und ihr Repertoire so viel getan hat wie kaum ein anderer, seine erste Barockposaune – und seitdem träumte er davon, einmal ein Barockprogramm aufzunehmen. Jetzt ergab sich endlich die Gelegenheit dank seiner begonnenen erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Geiger Richard Tognetti und seinem Australian Chamber Orchestra, die bereits auf BIS-CD-1248 mit einem Programm von Posaunenkonzerten des 18. Jahrhunderts dokumentiert ist. Selbst heute noch stößt die Ausführung eines virtuosen Posaunensolos auf eine Mischung aus Bewunderung und gelinder Überraschung, als ob ein Elefant Skateboard gefahren wäre. Das wäre zur Entstehungszeit dieser Werke nicht passiert, denn als einziges chromatisches Blechblasinstrument war die Posaune immer in kleinen Consorts beheimatet und galt den Komponisten als wertvollstes Blechblasinstrument. Wichtig ist die Wirkung, die man erzielt: eine noch so „authentische“ Interpretation alter Musik bleibt immer unvollkommen, weil die Ohren, auf die sie trifft, Beethoven, Strauss und Michael Jackson gehört haben. Eine gute historische Interpretation ist das Ergebnis von Einfallsreichtum. Womit wir wieder bei Christian Lindberg wären. AUSGABE 2009/4

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Richard Strauss Eine Alpensinfonie op. 64, Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28 WDR Sinfonieorchester Köln Semyon Bychkov

Franz Schubert Fantasie in C-Dur Grand Duo Arpeggione-Sonate Pieter Wispelwey Paolo Giacometti

PH 09065 (Hybrid-SACD) Profil Medien - Edition Günter Hänssler

Onyx 4046

Eine Bergwanderung von Sonnenaufbis Sonnenuntergang, ein Wildbach und Wasserfall, Vögel, Kuhherden, zuletzt ein heftiges Gewitter samt Regen und Sturm – und all das in Tönen! Zum Klingen gebracht von Richard Strauss, einem passionierten Bergsteiger und Orchestermaler, der mit der Alpensinfonie op. 64 seine lange Reihe von Sinfonischen Dichtungen abschloss. „Jetzt endlich“, so äußerte der Fünfzigjährige anlässlich der Uraufführung des Werks, „hab’ ich instrumentieren gelernt“. Bis zu dieser Premiere war es jedoch ein langer Weg. Rückblickend erweist sich der Entstehungsprozess der Alpensinfonie als einer der kompliziertesten im Schaffen des Komponisten, wenn nicht seiner Epoche. Eine Vorahnung gibt ein Brief aus dem Sommer 1879: Da berichtet der fünfzehnjährige Strauss einem Freund von einer Bergtour in den bayerischen Voralpen. Einige Details stimmen mit dem späteren „Programm“ der Alpensinfonie überein: Aufstieg in der Nacht, Gipfelerlebnis, Irregehen, Sturm und Regen. „Am nächsten Tage“, schreibt Strauss, „habe ich die ganze Partie auf dem Klavier dargestellt. Natürlich riesige Tonmalereien u. Schmarrn (nach Wagner)“. Nach dieser Erfahrung samt mehr oder weniger künstlerischer Umsetzung dauert es gut zwanzig Jahre bis zu einer ersten Kompositionsidee.

Zwei Stücke auf seiner neuen Schubert-CD belegen erneut die künstlerische Vielseitigkeit des holländischen Cellisten Pieter Wispelwey. Über viele Jahre hinweg war es sein ungeheuer großer Wunsch, die Fantasie in C-Dur D 934 und das Duo in A-Dur D 574 für Cello zu interpretieren. Die beiden ursprünglich für Violine und Klavier komponierten Werke von Franz Schubert arrangierte der Cellist persönlich für sein Instrument und Klavier. Nun konnten diese beiden Stücke gemeinsam mit dem Pianisten Paolo Giacometti eingespielt werden. Ein besonderes Anliegen war Wispelwey dabei, dass historische Instrumente zum Einsatz kommen, also auch ein Hammerklavier begleitet. Paolo Giacometti erfüllt diesen Wunsch mit kompetenter und einfühlsamer Begleitung. Dass für Pieter Wispelwey auch das richtige Instrument von enormer Bedeutung ist, zeugt einmal mehr vom breiten künstlerischen Spektrum des begnadeten Cellisten, der sich sowohl der historischen Aufführungspraxis als auch der Interpretation modernster Celloliteratur widmet. Seine ungewöhnliche technische wie interpretatorische Meisterschaft kommt in den beiden arrangierten Werken und auch in Schuberts berühmter Arpeggione-Sonate D 821 zu Tage, die er in der bekannten Cello-Fassung spielt. In seiner zweiten Aufnahme beim Label Onyx betört der Weltklasse-Cellist Pieter Wispelwey mit diesem reinen Schubert-Programm erneut die Hörer.


Im Blickpunkt Geistliche Musik und Vokalmusik

Johann Sebastian Bach (1685-1750) Sämtliche Kantaten Vol. 45: Brich dem Hungrigen dein Brot, BWV 39; Es wartet alles auf dich, BWV 187; Gelobet sei der Herr, mein Gott, BWV 129; Sinfonia D-dur, BWV 1045 Nonoshita, Blaze, Kooij Bach Collegium Japan Masaaki Suzuki BIS-SACD-1801

In der Entstehungszeit dieser Kantaten präsentierte Bach nicht mehr jeden Sonntag ein neues Werk aus eigener Feder, sondern machte vielfach Gebrauch von Kompositionen anderer. Einen besonderen Anteil hatten dabei Kantaten des Meininger Hofkapellmeisters und Cousins Johann Ludwig Bach. Insgesamt 18 Kantaten seines Meininger Verwandten haben sich in den Notenbeständen des Thomaskantors erhalten, und auf besonder Weise hat die Beschäftigung mit diesen Werken Einfluss auf Bachs eigenes Schaffen genommen: Verschiedentlich hat er nämlich deren Textquelle für eigene Neukompositionen genutzt, so in BWV 187 und 129. Es handelt sich immer um das gleiche Textschema: Am Anfang steht ein Wort aus dem Alten Testament, in der Mitte ein solches aus dem Neuen Testament und am Schluss ein Choral, verbunden durch frei gedichtete Rezitative und Arien. Die SACD schließt mit einer Sinfonia für Violine und Orchester; einem Einzelsatz, der wohl die Eröffnung einer heute verloren gegangenen Kantate darstellte. Möglicherweise handelt es sich um ein späteres Arrangement eines Frühwerks, denn der virtuose Violinpart scheint unter Einflüssen des italienischen Konzertstils entstanden zu sein. Sicher lässt sich anhand des überlieferten Manuskripts, das nach 150 Takten abbricht, nur sagen, dass diese Fassung (oder was auch immer es sein mag) zwischen 1743 und 1746 entstand, also zu den Spätwerken des Meisters gehört.

Stille Nacht Deutsche Weihnachtslieder Bettina Pahn, Sopran Joachim Held, Laute Best.-Nr. 98.525 / hänssler CLASSIC

Januar 2008 veröffentlichten Bettina Pahn und Joachim Held ihre CD „Deutsche Volkslieder“ (hänssler CLASSIC, 98.284). Die Kritiken waren hymnisch. Spiegel Kultur nannte ihre Volkslieder „kleine Offenbarungen“. Die Zeitschrift Singen und Stimme aktuell zählte die Aufnahme zu den „besten Volksliedereinspielungen seit Fritz Wunderlich“. Nun haben die beiden Musiker ein neues Projekt erarbeitet, das sich ebenso auf das Einfache und Ursprüngliche konzentriert.

Stille Nacht Auf ihrer CD „Stille Nacht“ widmen sie sich deutschen Weihnachtsliedern, kleine Kostbarkeiten geprägt von Hingabe, Liebe, Erfurcht und Freude über das Jesuskind. Das sind Grundgedanken, die keiner Verkünstelung, keiner komplizierten Instrumentierung bedürfen. Gerade die vertraulich anmutende Konstellation von Gesang und Lautenbegleitung trägt die wunderbare und populäre Einfachheit der Lieder weiter. Bettina Pahn passt sich den verschiedenen Ausdruckformen mit einer außergewöhnlichen musikalischen Intuition an. Ihr lyrischer Sopran kann mal innig, mal sehr feierlich klingen. Joachim Helds solistischen Lautenstücke sprühen vor Fantasie. Er setzt die Laute als Begleitstimme zurückhaltend aber sehr kunstvoll und perfekt „dosiert“ ein.

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Johann Sebastian Bach Missa brevis A-dur, BWV 234 Missa brevis g-moll, BWV 235 Miriam Feuersinger, Alex Potter, Hans Jörg Mammel, Markus Volpert Ensemble Orlando Fribourg La Cetra Barockorchester Basel Laurent Gendre CLA50-2907 / Claves

Nach einem ersten Album mit polyphonen Kostbarkeiten des franko-flämischen Komponisten Philippe de Monte (Claves 50-2712) interpretiert das Orlando Ensemble nun eher vernachlässigte Werke aus Bachs Feder, zwei der vier lutherischen kleinen Messen, die sowohl im Konzertbetrieb wie auf Tonträgern leider ein Mauerblümchendasein fristen. Das mag daran liegen, dass weder ihre Bestimmung noch ihr Entstehungsdatum bekannt sind; man weiß lediglich, dass sie zwischen 1735 und 1744 geschrieben wurden. Fast alle Stücke sind von Kantaten übernommen, die Bach zehn oder zwanzig Jahre früher komponiert hatte.

Mauerblümchen eingetopft Es ist sogar möglich, dass die paar wenigen „Original“-Stücke dieser Messen in Wirklichkeit gar keine sind, sondern aus inzwischen verloren gegangenen Kantaten stammen. Das Ensemble Orlando Fribourg widmet sich dem Vokalrepertoire der Renaissance und des Barock und machte in den letzten Jahren vor allem mit seinen Bachinterpretationen auf sich aufmerksam. Das Ensemble, dessen Interpretationen auf eingehenden musikwissenschaftlichen Recherchen basieren, zeichnet sich in seinen Darbietungen durch eine hohe Lebendigkeit aus und strebt höchstmögliche Authentizität an.

AUSGABE 2009/4

Weihnachtslieder vom Volkslied bis zum Broadway Orphei Drängar Ida Falk Winland, Sopran Cecilia Rydinger Alin BIS-CD-1833

Dies ist die dritte Weihnachtsplatte des berühmten, 1853 gegründeten Männerchors bei BIS, nach „Christmas Music“ (BIS-CD-533), die bis heute zum festen Weihnachtsrepertoire gehört, und „Weihnachten in Schweden“ (BIS-CD-1179). Und es ist die erste Aufnahme unter der neuen Leiterin des Chores, Cecilia Rydinger Alin, die an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm Orchesterleitung unterrichtet. Von 1988 bis 2009 war sie künstlerische Leiterin des Chores Allmänna Sången, mit dem sie eine Reihe internationaler Chorwettbewerbe gewann.

Weihnachten – nicht nur in Schweden Das bunt gemischte Repertoire der neuen CD erstreckt sich von Arrangements schwedischer Volkslieder über Weihnachtsklassiker (von „Stille Nacht“ über „Hark! The Herald Angels Sing“ und „Es ist ein Ros‘ entsprungen“), die Tradition der englischen Christmas Carols bis zu Broadway Songs. Schon zu Beginn der CD leuchtet ein Licht der Freude auf: Ida Falk Winlands klarer Sopran lässt den mittelalterlichen Marienkult wieder aufleben, der vielen Weihnachtsbräuchen in der ganzen Welt noch immer seinen Glanz verleiht – dabei kommt dieses Arrangement aus dem modernen Schweden. Den Beschluss macht, für Deutschland sicher ungewöhnlich, ein Tanzlied: „Tomorrow will be my dancing day“ singt das Jesuskind und lädt zu lebhaftem Tanz an seinem Geburtstag ein.


http://www.crescendo.de/html/de/02archiv/2009/crescendo-2009-07/CLASS_aktuell_4-2009  

http://www.crescendo.de/html/de/02archiv/2009/crescendo-2009-07/CLASS_aktuell_4-2009.pdf

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