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h ö r e n & s e h e n

Die Christoph-Schlüren-Kolumne

Unerhörtes & neu Entdecktes

Flötenkönigin, Leichen­ reiter und zeitlose Referenz Von der Zähmung der Eleganten aus der Holzblasfamilie

M

ozart, der der Flöte ihre wichtigsten Konzerte 2008 verstorbenen Freundes Pehr Henrik Nordgren, des eigentümschenkte, sprach von einem „Instrument, das ich lichsten finnischen Komponisten seit Sibelius, vor. Diesmal sind es nicht leiden kann“. In der Tat gibt es kein Instru- zwei späte Klavierkonzerte – das zweite Konzert mit Streichern und ment, das von so vielen gespielt wird und dabei Schlagzeug von 2001 und das Konzert für die linke Hand von 2004 –, so wenige große Musiker hervorgebracht hat. die von Henri Sigfridsson vortrefflich gespielt werden, und der Nun fiel mir zufällig ein Album in die Edith Södergran-Gesangszyklus op. 123, „es GIBT kein Instrument, Hände, das all diese Erfahrungen schlagarden Monica Groop innig darbietet. Das tig obsolet macht: Für Evidence haben die Orchester versteht diese Musik in einer das von so vielen gespielt brasilianische Flötistin Raquele Magalhães authentischen Weise, die fernab aller Rouwird und dabei so und die serbische Pianistin Sanja Bizjak tinen der Welt liegt. Nordgrens Tonspradas Duo-Album „Patchwork“ aufgenomche vereinigt abgründige Tragik und Verwenige groSSe Musiker men, dessen Qualität alles überstrahlt, was zweiflung über das Leiden in der Welt mit hervorgebracht hat.“ ich seit Jahrzehnten an Flötenmusik gehört verwegen hintergründigem Humor zu habe. Das vortrefflich zum Durchhören einer magischen Klangwelt, die Cluster als geeignete Programm vereinigt George Enescus Cantabile et Presto lebensdurchpulste Wesenheiten erstehen lässt, verrätselte Absurdiund die Sonaten von Erwin Schulhoff, Sergei Prokofjew und des pol- täten organisch integriert und in der so kargen wie leidenschaftlinisch-stämmigen US-Amerikaners Robert Muczynski (1929–2010). chen Melodik an Mussorgski anzuknüpfen scheint. Im Linke-HandRaquele Magalhães besticht mit einer so kraftvollen wie geschmei- Konzert, basierend auf einer japanischen Geistergeschichte von Lafdigen und unerschöpflich vielseitig nuancierten Tongebung, mit cadio Hearn, entführt uns der „Leichenreiter“ in die unendlichen lebendig erfülltem Forte und ätherisch feinstem PianisWeiten des Unterbewusstseins. simo, mit kristallklarer Artikulation und biegsam gegenAm 6. November 2012 starb der große ungarische wärtigem Ausdruck in jedem Augenblick. Blitzsauber Pianist und Dirigent Zoltán Kocsis, der die letzten 20 und rhythmisch makellos ist ihr Spiel ohnehin. Mit Jahre die Geschicke der Ungarischen NationalphilharmoSanja Bizjak hat sie eine Partnerin von pianistisch höchsnie in Budapest lenkte. Bei Celestial Harmonies ist das tem – und äußerst verfeinertem Karat, die sie nie überletzte Vermächtnis dieser legendären Zusammenarbeit deckt, die nie das Klavier schlägt und deren Bewusstsein erschienen, aufgenommen im Sommer vergangenen Jahfür die melodische und harmonische Gestaltung, für die res. Neben Franz Liszts fahl schillernden Trois Odes funèkontrapunktische Struktur in kultiviertester Weise bres (ohne Gesang) erklingt das 1. Klavierkonzert von geschärft ist. Die beiden zusammen bilden eine fantasJohannes Brahms, gespielt von Sándor Falvai. Alle Beteitisch eingespielte Einheit, welche mit Klarheit und Tiefligten agieren auf singulärem Niveau, die kontrapunktigang ebenso wie mit Spontaneität und sanglicher sche Faktur des Kopfsatzes habe ich nie so klar und sinnEmphase fesselt. Jeder einzelne Satz ist in seinem spezifällig gehört, das Spektrum vom machtvollen Pesante bis fischen Charakter verwirklicht, und neben der sinfonizur Zartheit der lyrischen Themen ist in höchster Könschen Dimension der großen Prokofjew-Sonate ist es nerschaft und erlesener Kultur, mit Liebe zu jedem Detail vor allem die so kapriziöse wie zusammenhängend verwirklicht und vermittelt unwiderstehlich den großen dichte Musik von Muczynski mit ihren herrlich empfunZusammenhang. Eine zeitlose Referenz. ■ denen Dissonanzen, die besonders fasziniert. Raquele Magalhães & Sanja Bizjak: „Patchwork“ (Evidence) Juha Kangas, der große Streichorchestermentor, Pehr Henrik Nordgren: „Storm – Fear“ (Alba) legt mit dem von ihm 1972 gegründeten Ostrobothnian Kocsis & Falvai: „Brahms & Liszt“ (Celestial Harmonies) Chamber Orchestra eine weitere CD mit Musik seines 43

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crescendo Premium 1/2017  

crescendo ist Deutschlands spannendstes Klassik-Magazin. Schwerpunkt der Ausgabe 01/2017 ist das Thema Musik und Gender.

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