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Das Land der Im Gegensatz zur unbesiedelten Antarktis leben in der Arktis rund eine Million Menschen.

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Bilder Heinz Storrer, Schweizer Familie

Menschen

Die Dänen nennen es «Grünland», die Einheimischen «Kalaallit Nunaat», «Land der Menschen»: Rund 57 000 leben in Grönland – vor allem von der Fischerei, wie hier in Ilulissat.

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«Geboren wurde ich in Ukkusissat, und hier werde ich auch sterben», sagt Karl-Ole Petersen. Und er meint es so ernst, wie ein Siebzehnjähriger etwas nur ernst meinen kann. Von ganzem Herzen. Er registriert den fragenden Blick. «Lach nicht!», wehrt er ab. «Hier lebt meine Familie. Hier leben meine Freunde und Verwandten. Hier sind wir eine einzige grosse Familie.» Das ist nicht wirklich erstaunlich bei knapp zweihundert Einwohnern, die diese kleine Gemeinde an der Westküste Grönlands zählt. Immerhin sind die Hälfte davon Kinder. Das macht Mut und verspricht etwas für eine Zukunft, die lange Zeit alles andere als rosig aussah. Denn eine Gemeinde im Niemandsland zu unterhalten, kostet Geld. Viel Geld. So viel Geld, dass die Dänen sich in den 1950er Jahren – nicht aus Boshaftigkeit, sondern in bestem Wissen und Gewissen – daran machten, die Menschen umzusiedeln und in Neubauwohnungen in den wenigen Städten des Landes unterzubringen. Was natürlich schiefging. Wie sollte sich ein Inuit in einer Dreizimmerwohnung ohne Garten zurechtfinden, wenn vor seinem kleinen Haus früher zwanzig, dreissig Schlittenhunde herumstreunten und das Meer mit seinen reichen Fischgründen gerade mal einen Steinwurf entfernt war? Diese Entkolonialisierung, die einherging mit einer wirtschaftlichen Öffnung des Landes, zeitigte für die traditionelle Jägergesellschaft der Inuit denn auch dramatische Folgen. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Menschen ins Industriezeitalter katapultiert. Diese Umwälzungen schufen zwar bessere Lebensbedingungen und Ausbildungsmöglichkeiten nach dänischen Massstäben, führten aber auch zu einer tiefgreifenden nationalen Identitätskrise. Alkohol und Kriminalität wurden zum Problem. Das Bild vom betrunkenen Eskimo – ein Wort, das in Grönland selber verpönt ist – prägte das Image der Menschen, die in Europa, Amerika und Russland oberhalb des Polarkreises zu Hause sind. Eine Million «Arktiker» Rund eine Million Menschen insgesamt leben gegenwärtig in der Arktis. Zu den so genannten Polarvölkern gehören die Nenzen im Nordwesten Sibiriens, die bis heute ihre traditionelle Lebensweise, Sprache und Kultur am erfolgreichsten bewahren konnten im Vergleich zu den anderen sibirischen Eingeborenenvölkern wie Jakuten und Ewenken. Neben den Samen in Skandinavien und Russland zählen die Inuit in Kanada, Alaska, Grönland und im nordöstlichen Sibirien zu den in unseren Breiten bekanntesten Polarvölkern. Das 150 000 Menschen 14

zählende Volk der Inuit haben sich in der Inuit Circumpolar Conference (ICC) zusammengeschlossen, um ihre gemeinsame Identität zu stärken. Was ihnen ganz gut zu gelingen scheint. So zeigt auch Grönland heute wieder deutlich mehr Selbstbewusstsein. Man ist stolz darauf, Grönländer zu sein, und man glaubt an die Zukunft eines Landes, in dem unter erschwerten Bedingungen ein Alltag gelebt wird, der dem unseren gar nicht so unähnlich ist. Das gilt auch für den jungen Karl-Ole Petersen, der zwar bald in Dänemark studieren, aber ganz bestimmt wieder in sein kleines Nest zurückkehren wird. «Hier schlägt mein Herz», sagt er. «Schau dich doch um: Wo findest du eine so fantastische Natur – und so nette Nachbarn?» Ein Laptop oder ein Ticket in die USA? «Hier lebt meine Seele», sagt auch Malik Jakob Pedersen, der in Ilulissat, etwas weiter südlich, als Touristenführer arbeitet. Doch Malik, was auf Grönländisch so viel wie «Welle» bedeutet, sieht auch die Schattenseiten seiner Heimat. «Natürlich ist es nicht einfach, in Grönland zu leben. Im Winter ist es kalt und dunkel. Ich mag diese Zeit nicht so. Sie drückt aufs Gemüt und macht uns bleich. Wir sehen dann aus wie Zombies.» Dann möchte Malik regelmässig in den Süden, wo es warm und schön ist. Oder in die USA, von denen er schon lange träumt. Doch eben jetzt hat der 26-Jährige in Ilulissat eine eigene Wohnung bezogen und muss sich entscheiden: «Will ich einen neuen Laptop? Will ich einen Kühlschrank? Oder kaufe ich mir ein Ticket und reise nach Baltimore?» Seine Chancen, als ausgebildeter Tourismusfachmann in Ilulissat ein Auskommen zu finden, stehen zurzeit gar nicht schlecht. Der Ort ist Ausgangspunkt für die spektakulärsten Touristenattraktionen des Landes: das Inlandeis und den Eisfjord. Wer immer eine Kreuzfahrt nach Grönland macht: hier wird er bestimmt landen. In Ilulissat drückt das Inlandeis, das 85 Prozent des Landes bedeckt, Richtung Meer. Der Ilulissat-Gletscher, Sermeq Kujalleq, bewegt sich dabei mit einer Geschwindigkeit von annähernd zwanzig Metern pro Tag vorwärts. Und irgendwann kommt es zum grossen Abbruch. Dann donnern die Eisberge ins Meer und treiben als

Bringen eigene Kultur und westliche Lebensart immer besser unter einen Hut: Karl-Ole Petersen engagiert sich als Touristenführer in Ukusissat, wo sich die Bewohnerinnen den Besuchern auch mal «ausserplanmässig» in der traditionellen Tracht präsentieren.


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geballte Masse in die Bucht. Das ist so einzigartig, dass der Eisfjord im Jahr 2004 als Weltnaturerbe auf die entsprechende Unesco-Liste gesetzt wurde. 80 Kubikmeter Eis für jeden Menschen Lediglich 341 700 Quadratkilometer (ungefähr die Grösse Deutschlands) oder knapp 16 Prozent der Fläche Grönlands sind eisfrei. Der Rest ist Gletscher, wo man die zweitgrössten Eisdicken der Welt findet; nur die Antarktis auf der anderen Seite der Erdkugel weist mit über 4500 Metern eine noch dickere Eisdecke auf. Würde das gesamte Inlandeis Grönlands schmelzen, sagt man, so würde der Wasserstand weltweit um sechs Meter steigen, und die Insel dürfte sich um Hunderte von Metern heben. Das Inlandeis ist weniger eine Folge des heutigen Klimas, es ist ein Überbleibsel der letzten Kaltzeit, die vor etwa

11 500 Jahren geendet hat. Seit 2004 schmilzt das Eis tendenziell deutlich schneller als davor – was im Zusammenhang mit der Klimadebatte verständlicherweise viel zu diskutieren gibt. «Für jeden Menschen der Welt gäbe es ein Stück grönländisches Inlandeis von 80 Kubikmetern», erklärt Malik und lächelt dabei so stolz, als trüge er höchstpersönlich die Verantwortung dafür. Bis zu 3500 Meter dick soll es an seiner tiefsten Stelle sein. Im Sommer, wenn sich die Temperaturen über längere Zeit deutlich über dem Gefrierpunkt bewegen, schmilzt es an der Oberfläche, und es bilden sich leuchtend-blaue Seen, in denen – wie schillernde und funkelnde Kristalle – Eisblöcke schwimmen. Genauso dramatisch präsentiert sich die bizarre Eislandschaft aber auch dann, wenn man sich mittendrin befindet.

Spitzbergen: Eisbären, Eisberge und ein Kino

Postkarten von der Insel Spitzbergen ist seit über hundert Jahren ein beliebtes Reiseziel. Kein Wunder, kann man doch schon seit 1897 seine Postkarten auf dem Archipel einwerfen. Gründe, um hinzufahren, gibt es aber noch eine ganze Menge mehr!

Drei Flugstunden von Oslo entfernt liegt Longyearbyen. 40 Kilometer Strasse, ein Kino und ein Kindergarten, ein Schwimmbad und eine Tankstelle stehen der wachsenden Bevölkerung zur Verfügung, die bald die sagen-

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hafte 2000er-Marke knacken wird. Freilich: die Frage ist berechtigt, was man als Mensch auf dem 78. Breitengrad sucht. Zehn Monate Winter sind kein Zuckerschlecken, und wenn es im Sommer zu schneien beginnt, so freut

das vermutlich auch niemanden. Und doch: Spitzbergen, das wegen seiner Gipfel an der Westküste so heisst, ist ein fantastisches Reiseziel. Bereits 1892 umrundete der Passagierdampfer «Admiral» das Archipel zum ersten Mal,


Wie jetzt zum Beispiel: «Schau dir das an», sagt Malik, während das kleine Ausflugsboot an majestätischen Eisbergen vorbei tuckert. «Kannst du dir etwas Grossartigeres vorstellen?» Schwerlich. Die Szenerie ist so unwirklich, dass den Besuchern meist nur noch eins bleibt: ehrfürchtiges Staunen. Kaum verwunderlich, dass der Tourismus in Ilulissat (zumindest für grönländische Verhältnisse) boomt und ein solches Potenzial hat, dass man sich bereits überlegt, den internationalen Flughafen von Kangarlussuaq, knapp oberhalb des Polarkreises, weiter in den Norden zu verlegen: eben, nach Ilulissat. «Macht doch Sinn», meint Malik, «schliesslich kommen die Touristen ja wegen unserer Eisberge hier oben nach Grönland.» Und während ihr Schiff vor Ilulissat vor Anker liegt, nützen die meisten die Gelegenheit, einen Rund-

und fünf Jahre später wurde ein Postamt eingerichtet, damit die Reisenden den Zuhausegebliebenen ihre begeisterten Grüsse senden konnten. Begeistern lassen kann man sich der ganzen Küste entlang: Eisberge, Packeis, kalbende Gletscher, Eiswüsten und spektakuläre Fjorde sind das eine, was der Archipel zu bieten hat. Das andere sind die Wanderungen zu Aussichtspunkten, an Steinstränden mit sibiri-

schem Treibholz und Walskeletten entlang, der Besuch alter Trapperhütten und historischer Zeugen der frühen Expeditionen. Ach, und ja, wundern soll man sich nicht, wenn die Führer auf Landgängen ein Gewehr mit sich tragen. Es handelt sich um eine Vorsichtsmassnahme, denn die Büchsen halten das beinahe faszinierendste Argument für eine Spitzbergenreise auf Distanz: die Eisbären. Etwa 4000 Exemplare

«Im Winter sehen wir aus wie Zombies»: Doch Grönland zu verlassen käme für Malik Jakob Pedersen nie in Frage.

leben hier, und trotz ihrer maximal 800 Kilo Gewicht schaffen sie rasante 60 km/h Spitzengeschwindigkeit. Doch Angst ist fehl am Platz: Eisbären interessieren sich für Seerobben, nicht für Touristen. Das Erlebnis, einen Eisbären an Land oder auf einer treibenden Eisscholle beobachten zu können, ist die Vorsichtsmassnahmen jedoch allemal wert – und schmückt den Postkartentext ausserordentlich.

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gang in der drittgrössten Stadt Grönlands zu machen. Und sich darüber zu wundern, dass es hier eine Infrastruktur gibt, die durchaus europäische Züge hat: Supermarkt, Schule, Fabriken, Tankstellen – in einem Land notabene, in dem kaum eine Strasse mehr als ein paar Kilometer über den Stadtrand hinaus führt. In den Gärten der bunten Fertighäuser aus Holz blühen ein paar arktische Weidenröschen, die grönländische Nationalblume. Und die Leidenschaftlichen unter den Hobbygärtnern ziehen in kleinen Gewächshäusern Pflanzen, die dem arktischen Klima ansonsten nie standhalten könnten. Tete-Michel Kpomassie kam weder der Eisberge noch der bunten Städte wegen: Er kam wegen der Schlangen. Besser: weil es in Grönland eben keine Schlangen gibt. Und er wurde berühmt: als «Afrikaner in Grönland». Zuerst bei den Menschen in Grönland. Viel später auch in seiner Heimat Togo und vielen anderen Ländern, wo sein Buch – eben: «Ein Afrikaner in Grönland» – publiziert wurde. Das hat er eigentlich für die Kinder seiner afrikanischen Heimat geschrieben, damit sie sich eine Vorstellung machen können von einem Land, in dem die Temperatur statt plus 30 oft minus 30 Grad misst. Und in dem es garantiert keine Schlangen gibt. Schliesslich wurde es in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und zum Bestseller. Wenn Grönland eine Frau wäre … «Wenn Grönland eine Frau wäre», sagt der 66-jährige Togolese, «wir wären das perfekte Paar. Grönland ist meine grosse Liebe, meine lebenslange Leidenschaft.» Tete machte sich als 16-Jähriger aus purer Panik davor, von einer Schlange gebissen zu werden, von seiner Hauptstadt Lome aus auf die Reise, fest entschlossen, Grönland zu erreichen. Es dauerte fünf Jahre, bis er dort ankam. Zu einer Zeit, als hier noch keine Touristen unterwegs waren. Die Kinder, die noch nie einen Schwarzen gesehen hatten, rannten davon. «Sie glaubten, ich sei der Teufel und werde sie auffressen», lacht Tete. Doch bald haben sie ihn geliebt. Weil er sich für das unwirtliche Land mit seinen besonders gastfreundlichen Menschen wirklich interessierte. Nicht nur aus Abenteuerlust wie ein Grossteil der Polarforscher vor ihm. Sondern aus Neugierde. Tete lernte leben wie die Inuit und arbeiten wie die Inuit. Und das bedeutete damals vor allem: fischen und jagen. Noch heute lebt Grönlands Wirtschaft vor allem vom Fang von Krabben und Heilbutt. Seit Anfang der 1990er Jahre gewinnt aber auch der Tourismus an Bedeutung. Doch Grenzen sind hier eng gesetzt. Allein die kurze Sommersaison, die nach wie vor bescheidene Infrastruktur und die schwere Zugäng18

«damit die Besessenheit aufhört!» Sechs Monate dauert ein Tag am Nordpol, und der Wind weht immer nur aus Süden. Um dies zu erleben, muss man nicht länger Extrem-Abenteurer mehr sein. Was treibt den Menschen, seinen Fuss dorthin zu setzen, wo noch keiner war? Der tiefste Urwald, der höchste Gipfel, die dunkelste Tiefsee: Auch der Nordpol gehört in diese Liste. Viele Männer fanden in der Vergangenheit den Tod auf der hektischen Suche nach dem Nordpol. Wer ihn eigentlich als Erster fand, weiss man bis heute nicht. Robert Edwin Peary behauptete jedenfalls, am 7. April 1909 zusammen mit den vier Inuit Etschingwäh, Sieglu, Utäh und Uquiäh am Nordpol gestanden zu haben, am Tigishu, wie ihn die Inuit nennen: am Grossen Nagel. Aber ob es wirklich der Amerikaner war, der in der Weite des Packeises den 90. Breitengrad erreichte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Was auch egal ist. Denn auf jeden Fall endete damit der Wettlauf, an dem so viele Männer teilnahmen, die am «Polfieber» litten. Der Norweger Fridtjof Nansen, der 1893 mit seinem Schiff «Fram» über den Nordpol driften wollte, beschrieb dieses Fieber in seinem Tagebuch mit folgenden Worten: «Man muss den Pol erreichen, damit die Besessenheit aufhört.»

«Grönland ist meine grosse Liebe»: Der Afrikaner Tete-Michel Kpomassie machte sich mit 16 auf den Weg nach Grönland, wo er nach fünf Jahren ankam und später immer wieder zurückkehrte.


Wissenschaftlich gesichert jedenfalls ist die Überfliegung des Nordpols im Jahr 1926 durch Umberto Nobile, Roald Amundsen und Lincoln Ellsworth an Bord der «Norge». Nachgewiesen ist auch, dass 1937 sowjetische Wissenschaftler zum Nordpol flogen und diesen betraten. Erneut zum Ziel eines Wettlaufes wurde die Arktis erst in den 50ern, als die Amerikaner während des Kalten Krieges als Erste ein Atom-U-Boot,

die USS Nautilus, auf 90 Grad nördliche Breite tauchen liessen. Tauchen können heute auch die Passagiere des Eisbrechers Yamal am Nordpol. Das atombetriebene, 150 Meter lange Schiff mit fast 5 Zentimeter dicken Stahlpanzerwänden fährt genau hundert Gäste an den Punkt, von wo der Wind immer aus Süden weht. Wenn der Kapitän an Bord ankündigt, dass der 90. Breitengrad erreicht sei, gehen die Passagiere –

sofern es die Witterungsverhältnisse erlauben – von Bord und feiern die Ankunft auf dem Dach der Welt mit einem üppigen Picknick am Pol. Und wer es sich zutraut, steigt ins Polarmeer, das an dieser Stelle 4000 Meter tief ist. Das Polfieber kann man sich dabei nicht holen. Höchstens eine zünftige Erkältung.

lichkeit vieler Orte sorgen dafür, dass es in Grönland nie einen Massentourismus geben wird. Massentourismus wird es nie geben Dass der Tourismus überborden könnte, davor fürchten sich die Grönländer kaum. Im Gegenteil: Vielerorts kommt ganz schön Abwechslung ins Dorfleben, wenn mal ein Kreuzfahrtschiff anlegt. So wie in Ukkusissat, wo sich das ganze Dorf für die Besucher von der MS Fram herausgeputzt hat und jeder zweite eine offizielle Funktion zu erfüllen scheint. «Ukusissat Tourist Service» steht auf dem Schildchen, das auch der junge Karl-Ole Petersen stolz trägt. Und, Karl-Ole, was macht denn dein Dorf so einzigartig? «Wir», sagt Karl und lächelt verschmitzt.

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Das Land der Menschen