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RGS Mildstedt – ein Beispiel für ein Netzwerk zwischen Schule, Beruf und Umwelterziehung

Seit 1998 haben sich die Lehrer Christen Hingst, Hans Holm, Frauke Weißhaar und Ulf Westphal der Schule Mildstedt daran gemacht, ein Netzwerk für unsere Schüler aufzubauen, das den Übergang von der Schule zum Leben nach der Schulzeit mit der beruflichen Ausbildung oder der schulischen Weiterbildung erleichtert. Das Grundprinzip basiert auf der pädagogischen Erkenntnis, dass Schüler nicht nur kognitiv Schule erleben dürfen, wie es heutzutage ausschließlich geschieht, sondern das ganzheitliche Lernen mit Kopf, Herz und Hand erfahren müssen. Gerade dieser reformpädagogische Ansatz mit dem ganzheitlichen Lernen ist leider heutzutage einer zu starken fachlich orientierten Verwissenschaftlichung des Unterrichts gewichen und berücksichtigt zu wenig die Tugenden der Pädagogik. Schüler lernen für das Leben und müssen stärker am Schulleben teilhaben. Schlüsselqualifikationen wie z.B. Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und Hinführung zum Lernen sind die wichtigen Inhalte, die vermittelt werden müssen. Der Fachunterricht hilft dabei dem Schüler, seinen Horizont zu erweitern und Zusammenhänge zu erkennen, Urteilsfähigkeit zu erlangen. Dieses fordert von uns Lehrern eine andere Sichtweise von Unterricht. Nicht das einzelne Fach steht im Vordergrund, sondern die Sicht auf die Ganzheitlichkeit ist das Ziel. Schüler brauchen je nach Lernmöglichkeiten vielschichtige Angebote, ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erkennen und weiterzuentwickeln. Fächerübergreifende Lernangebote, offene Lernformen, Einbindung der Schüler in Planung und Organisation etc. fördern die Eigenverantwortung und Identifizierung der Schüler mit der Schule und später mit dem Betrieb. Schüler müssen erfahren, dass Schule wichtig für den weiteren Lebensweg ist. Gerade diese Erkenntnis hat uns gelehrt, dass die Identifizierung mit der Schule eine Grundvoraussetzung für das positive Lernen ist. Dabei spielen die Klassengemeinschaft und gemeinsames Lernen eine zentrale Rolle, um neben den fachlichen Kompetenzen soziale Kompetenzen zu erlangen. Klassenfahrten und Wandertage unterstützen die Zielsetzung und zeigen zudem, wo weitere pädagogische Arbeit zu leisten ist.


Betrachten wir den heutigen Schulalltag, so stellen wir immer wieder fest, dass die Schulen in Deutschland zu wenig auf die Berufsorientierung eingehen. Das führt später oft zu einer viel zu hohen Abbrecherquote im beruflichen Ausbildungsbereich. Unter anderem liegt es auch an der Hilflosigkeit der Eltern, ihre Kinder optimal zu unterstützen. Deshalb entwickelte sich an unserer Schule im Laufe der Jahre ein Netzwerk mit Fachunterricht, Lernen im Biotop (Bauen und bebaute Umwelt), Schülerfirmen Cox&Co (Apfelmosterei) und Summ&Söt (Schulimkerei), Präsentation eines Schulprojektes etc..

Alle Unterrichtsbereiche wurden mit der Berufsorientierung verzahnt und auf die Entwicklungsphasen der Schüler abgestimmt. Das Ergebnis ist ein Berufsorientierungskonzept ( http://www.schulemildstedt.de ), das zusätzlich vom Berufsberater des Arbeitsamtes und von drei Berufseinstiegsbegleitern begleitet und unterstützt wird. Unsere drei Berufseinstiegsbegleiter haben in unserer Schule ein eigenes Büro mit festen Öffnungszeiten. So können die Schüler ab Klasse 8 sich bei der Praktikumssuche oder der Suche nach einer Ausbildungsstelle oder einem Schulplatz beraten lassen. Dieses wird sehr gerne angenommen. Ab der 7. Klasse erhalten Schüler Einblicke in Berufe und Unternehmen und bewerben sich um einen Praxistagplatz am Ende des Schuljahres. Parallel erhalten alle 7. Klässler eine technische Grundbildung im Fach Technik. Das bedeutet, ab der 8. Klasse arbeiten die Schüler ein halbes Jahr einmal in der Woche (momentan jeden Mittwoch)in einem Betrieb und lernen einen Beruf kennen. Am Ende des 1. Halbjahres suchen sie in Absprache mit dem Klassenlehrer/ WiPo-Lehrer einen neuen Praxistagplatz für das 2. Halbjahr. Hier haben die Schüler eine weitere Möglichkeit, einen anderen Beruf in einem anderen Betrieb kennen zu lernen. Parallel dazu absolvieren die 8.Klässler im 2. Halbjahr das zweiwöchige Betriebspraktikum, in dem ein dritter Beruf ausprobiert wird. Am Ende des Schuljahres ist die Berufsorientierung bei den meisten abgeschlossen. Im 9. Schuljahr absolvieren die


Schüler im November ein zweites Betriebspraktikum, ebenfalls zwei Wochen. Ansonsten nehmen sie am Wahlpflichtunterricht in der Schule teil. Zusätzlich arbeitet die Schule eng mit dem HGV Mildstedt (Handelund Gewerbeverein) zusammen und veranstaltet jährlich eine AZUBIBÖRSE, auf der regionale Betriebe Ausbildungsmöglichkeiten unseren 8. und 9. Klässlern vorstellen. Ab 2012 wird es dann zwei AZUBIBÖRSEN – eine im Frühjahr und eine im Herbst – geben.

Der Entscheidung, einen Beruf kennen zu lernen, gehen viele Gespräche über Berufsbilder und das Erkennen eigener Fähigkeiten und Fertigkeiten voraus. Mit dieser intensiven Vorarbeit fällt es den Schülern meist leicht, einen Beruf zu erkunden. Die nächsten Hürden bestehen für den Schüler darin, sich eigenverantwortlich auf die Suche nach einem Betrieb zu machen und sich um den Praktikumsplatz zu bewerben. Das setzt natürlich voraus, dass in der 8. Klasse das Thema Bewerbung im Deutschunterricht behandelt wird. So lernen unsere Schüler gleichzeitig, mit Erfolg und Misserfolg bei Bewerbungen richtig umzugehen. In dieser Phase werden sie ständig von uns Lehrern und von den Berufseinstiegsbegleitern begleitet und unterstützt. Mit der Versetzung in die 9. Klasse beginnt für die Schüler der Bewerbungszeitraum für eine Ausbildungsstelle. Diejenigen, denen das Lernen leicht fällt und die weiterführende Schule, die Berufsfachschule zur Erlangung des mittleren Bildungsabschlusses, besuchen möchten, bewerben sich im Februar um einen Schulplatz. Und für die Schüler, die keine Ausbildungsstelle und/oder den Hauptschulabschluss nicht erlangen, erhalten Unterstützung durch den Berufsberater und den Berufseinstiegsbegleitern und werden über die Schulzeit (bis zu 2 Jahren) hinaus von ihnen betreut. Zukünftige Auszubildende werden in den ersten 6 Monaten ihrer Ausbildung ebenfalls von den Berufseinstiegsbegleitern begleitet. So erreichen wir, dass alle Schulabgänger untergebracht sind. Und, was sehr wichtig ist, verzeichnen wir Dank der intensiven Berufsorientierung seit Jahren kaum Abbrecher bei den Auszubildenden. Durch die Praxistage und die Betriebspraktika erfährt der Schüler, ob das Berufsfeld in seine zukünftige Berufsplanung passt oder nicht. Er lernt schon in der Schulzeit für sich ein Ausschlussverfahren anzuwenden. Welche Rolle im Netzwerk


spielt dabei das Biotop Hollebusch

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Der Schule angegliedert ist das ca.2ha große Schulbiotop Hollebusch. Es wurde ursprünglich in den 1970-iger Jahren im Zuge des Schulneubaus nur als Lebensraum angelegt. Es wurde mit Bäumen bepflanzt und sollte sich selbst entwickeln. Doch es kam im Laufe der Zeit durch die Ortsnähe zu Umweltproblemen. Ein pädagogisches Konzept musste her. Das wurde fortan unter dem Begriff „Lebenswelt“ den Schülern zugänglich gemacht. Umwelterziehung und die nachhaltige Erhaltung eines Biotops standen nun im Vordergrund. Heute bietet das Biotop Hollebusch den Lehrern vielfältige Möglichkeiten fächerübergreifende Projekte im ganzheitlichen Sinne umzusetzen. Projektbeispiele sind der Bau des Solarhauses, der Köhlerhütte, der Grasdachhütte und der Bau des wabenförmigen Bienenhauses. Von der Planung bis zur Fertigstellung nehmen unsere Schüler aktiv teil. Sie fertigen Bauzeichnungen an, bauen Modelle, messen die bebaute Fläche ein, setzen sich mit der Bauthematik auseinander, machen den Aushub, erstellen das Fundament und stellen das Bauvorhaben fertig. Oft füllt das Projekt mehrere Schuljahre aus. Landschaftpflege und Holzbewirtschaftung stehen ebenfalls auf dem Stundenplan, wie Knicks pflegen, Benjishecke erhalten, forstpflegerische Arbeiten, Weiden einflechten und die Teichpflege mit ihren Zuund Ablaufgräben. Desweiteren bauen und reparieren Schüler Lehmbacköfen– unsere Eigenentwicklung - und backen mit ihnen Pizza oder Brote. Ganz nebenbei lernen die Schüler richtig Feuer zu machen. Uns ist dabei wichtig, dass unsere Schüler vor allem handwerklichtechnische Fähigkeiten und Fertigkeiten an sich selbst erkennen und diese weiterentwickeln können. Für Förder- und Hauptschüler, aber mittlerweile auch für Realschüler sind es unabdingbare Voraussetzungen. So lernen die Schüler, sich selbst einzuschätzen und können auf dieser Grundlage für sich entscheiden, welche Berufsfelder für sie in Frage kommen. Es ist also ein weiterer Baustein für die berufliche Zukunft. Die folgende Grafik verdeutlicht die Rolle des Biotop Hollebusch in unserem Netzwerk.


Handlungsorientiertes Lernen im Schulbiotop Hollebusch Umwelt- und Naturschutz erleben, begreifen und bewahren Probleme erkennen und lösen

VI

VII

Prinzip der Nachhaltigkeit

V

Jahreszeiten

IV

Handwerkliche Grundtechniken als Hilfe der Berufsorientierung

III

Unsere Zukunft positiv gestalten Austausch und Kooperation zwischen Lernorten

Angepasste Technik (AT)

II

„Dritte Welt“-Bezug

Traditionelle und in Vergessenheit geratene Handwerks- und Kulturtechniken

Urelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde I

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VII I

Kompetenzen – Schlüsselqualifikationen – Ziele - Absichten Gesellschaft: lokal - global

Didaktik

Lehrplan Christen Hingst 11/2007


Ein wichtiges Element im Biotop ist die Teamarbeit. Schüler müssen lernen, im Team Aufgaben gemeinsam zu lösen und erfahren schnell, wie ihnen dieses gelingt. Wir sprechen hier von beruflich-sozialer Kompetenz. Dieses ist oft eine weiteres Kriterium bei der Einstellung eines zukünftigen Auszubildenden. Ganz nebenbei lernen Schüler Techniken kennen und einzusetzen, um z. B. die Umwelt zu entlasten. Zusammenhänge werden deutlich, das eigene Handeln wird reflektiert. Ein weiterer Aspekt spielt ebenfalls eine wichtige Rolle auf dem Weg zum Leben nach der Schule: Schüler lernen körperliche Arbeit zu schätzen und ihre körperliche Ausdauer zu konditionieren. Schüler, die diesen Lernprozess durchlaufen, zeigen sich im Fachunterricht oft motivierter und zufriedener...und entdecken vielleicht ihr Berufsziel!

Welche Rolle spielen die Schülerfirmen Cox & Co

Summ&Söt

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Seit 2009 hat die RGS Mildstedt zwei Schülerfirmen in ihrem Programm. Schüler wie Lehrer lernen gemeinsam eine Firma zu führen. Bei Cox&Co ist der Weg von der Pflege der Streuobstwiesen mit alten Obstbaumsorten, die sich im nahen Schulbereich befinden, über die Obsternte, die Verarbeitung der Äpfel vom Waschen, Häckseln, Pressen, Erhitzen, Abfüllen in Flaschen und Etikettieren zum Vermarkten der Produkte die Möglichkeit, den Schülern Zusammenhänge aufzuzeigen. Unter der Webadresse http://www.coxundco.de wird unsere Firma näher dargestellt. Es ist kein Planspiel für eine fiktive Firma, sondern es sind reale Schülerfirmen, die sich finanziell selbst tragen sollen. Interessant dabei ist, dass die Schüler sich mit der Arbeit identifizieren und ihre Ideen miteinbringen und so ein Berufsfeld kennenlernen. So ganz nebenbei erfahren sie auch, wie wichtig es ist, alte Obstsorten zu erhalten und diese für eine Vermarktung zu verarbeiten. Mittlerweile unterstützt ein ortsansässiger Lebensmittelmarkt beim Verkauf des Apfelsaftes. Viele Senioren u.a. nutzen dieses Angebot. Schularbeit hat somit auch eine soziale Komponente! (siehe Fachcurriculum). Summ&Söt ist die zweite Schülerfirma, die als Firma ebenfalls seit 2009 geführt wird. Die Schulimkerei existiert aber seit 1998. Die


Schüler erlernen vor allem den Umgang mit Bienenvölkern ab der 7. Klasse. Mit Theorie und Praxis führen sie die Bien durch das Bienenjahr. Bewirtschaftung, Königinnenabfolge, Schwarmarbeiten und Ablegerbildung, die Honigraumerweiterung und Honigernte mit Schleudern, Sieben, Rühren und Abfüllen in Gläsern, das Etikettieren und die Vermarktung sind die Kernaufgaben der Schüler. Unter der Webadresse http://www.summundsoet.de finden sich weitere Informationen. Auch hier sind wir dabei aussterbende Bienenrassen zu retten und stehen kurz davor, die heimische nordische Biene oder auch dunkle Biene genannt wieder einen Lebensraum zu geben, um nachhaltig eine alte Nutztierrasse zu retten. Bei der Schülerarbeit stellen wir schon seit Jahren fest, dass sich die Schüler sehr interessiert und motiviert engagieren und sich auch wie selbstverständlich außerhalb der Schulzeit der Imkerarbeit widmen. Auch hier lernen unsere Schüler einen Beruf, nämlich den des Imkers und die Bewirtschaftung kennen (siehe Fachcurriculum). Beide Firmen sind also ein wichtiger Bestandteil des Netzwerkes, dass Schülern den Weg ins Berufsleben erleichtert. Die Vermittlung einer Lebenswelt bedeutet für den Schüler, Verbindlichkeiten erleben, Wahlmöglichkeiten zu haben und Interessen zu erkennen. 05/2011 Ulf Westphal


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