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Matthias Engels

Neues vom Leben

- Ein Brief aus der Provinz-

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Lieber Christian, 2


ich habe gesehen, dass heute dein Geburtstag ist. Ich übertrage das Datum schon seit Jahren jeden Silvesterabend auf den neuen Kalender. Ich weiß, es ist lange her und du hast sicher gedacht, du hörst nie wieder etwas von mit, aber dieses Jahr möchte ich den Anlass nutzen und dir herzlichst gratulieren. Ich denke noch oft an dich, auch, wenn du es vielleicht nicht glaubst. Wenn ich aus dem Fenster schaue, was ich häufig tue, und ein Auto trägt das Kennzeichen unserer Stadt, dann fällt mir immer ein, wie viel du mir bedeutet hast. Bei mir ist in der letzten Zeit vieles falsch gelaufen. Beruflich bekam ich lange kein Bein auf den Boden. Neulich hatte ich aber ein gutes Angebot. Ich sollte gleich die Geschäftsleitung eines Ladens übernehmen. Mit den Männern ist es auch so eine Sache. Mein Freund ist für längere Zeit verreist, deshalb bin ich viel alleine. Aber so habe ich auch Zeit, dir endlich zu schreiben. Ich bin viel herumgezogen in den letzten Jahren. Mittlerweile lebe ich richtig in der Provinz, in einer kleinen Wohnung. An und für sich habe ich alles, was ich brauche und bin ganz zufrieden. Wie es dir wohl gehen mag habe ich mich oft gefragt. Es ist jetzt 11 Uhr 24 an diesem Junitag, deinem Geburtstag. Die kaputte Temperaturanzeige auf dem Dach der Sparkasse gegenüber zeigt seit Tagen minus 60 Grad und ich friere 3


prompt. Aber ich gehe auch im Sommer mit einer Wärmflasche ins Bett, wahrscheinlich schlechte Durchblutung. Chris, ich sitze hier und schreibe diesen Brief und schon wieder trinke ich Kaffee. So wie jetzt ist es meistens. Der Fernseher ist eingeschaltet, obwohl mich das Programm eigentlich gar nicht interessiert, aber irgendeine Tiersendung läuft schließlich immer und eine Tasse Kaffee steht vor mir. Ich trinke viel zuviel davon, obwohl jede zweite Tasse kalt wird und im Ausguss landet. Weißt du eigentlich, wie viele Handgriffe nötig sind, um Kaffee zu kochen? Ich weiß es, ich habe sie gezählt, es sind neunzehn. Kanne raus, Wasserhahn auf, Wasserhahn zu, Maschine auf, Wasser rein, Kanne rein, Filter nehmen, Filter rein, Kaffeedose nehmen, öffnen, Löffel nehmen, dreimal einen Löffel Kaffee einfüllen, Löffel weglegen, Dose schließen, wegstellen, Maschine zu und Knopf auf An stellen. Manchmal kommt es mir eben so vor, als lägen zwischen dem, was ich will und mir Tausende von nötigen Handgriffen, deshalb zähle ich sie oft und selbst, wenn es weitaus weniger sind, scheint es mir unerreichbar. Für einen schlichten Kaffee neunzehn Handgriffe tun zu müssen erscheint vielleicht noch nicht allzu viel, aber überleg mal, wie viele dann für eine warme Mahlzeit, einen gedeckten Apfelkuchen oder ein sauberes Badezimmer nötig sind. Ich habe das alles schon mal gezählt, meistens waren es mir zu viele. Christian, ich habe mir vorher überlegt, was mit diesem Brief 4


alles passieren könnte. Ob er dich überhaupt erreichen wird. Du könntest längst umgezogen sein und dein Nachsendeantrag erloschen. Mir fiel ein, deine Mutter nach deiner Adresse zu fragen, aber ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt noch lebt und ob sie noch bei euch zu Hause wohnt. Du könntest ihn auch gar nicht annehmen wollen, weil du nach all der Zeit nichts mehr von mir hören willst, so unverständlich wäre das nicht. Du siehst, es ist gar nicht so einfach, wie man sich das zuerst vorstellt, nach Jahren wieder einfach so im Leben eines Anderen aufzutreten und ich weiß sehr genau darum. Deshalb schreibe ich auch keinen Absender auf diesen Brief, denn ein: Empfänger unbekannt verzogen oder: Annahme verweigert würde ich nur sehr schwer ertragen. Soll er eben auf ewig in den Tiefen der Postlagerräume oder irgendwann im Müll landen, wenn du ihn nicht erhältst. So bekomme ich wenigstens einen Teil der Ungewissheit zurück, in der du leben musstest, mich und meinen Verbleib betreffend. Ich bin ja plötzlich verschwunden damals, ich weiß. Du hast das damals nicht verstanden, wie alle anderen und jetzt muss ich sagen, ihr hattet alle Recht. Du hattest Recht. Du kanntest Tom ja vom Sport und wusstest, wie er war. Ich dachte damals, ich wüsste es auch, aber offenbar hatte ich mich geirrt. Ach, Chris, die erste Zeit war es wie im Traum, wir liefen beide auf einer soliden Handbreit Luft damals. Keinen Moment habe ich an die Anderen gedacht, die ich einfach so zurückgelassen 5


hatte. Wir sind durch die Gegend gezogen, heute Hamburg, morgen Berlin, dann München; Städtetrips, immer in den besten Hotels, Shopping. Wir haben eine Menge Geld ausgegeben für Kino, Klamotten, Feiern, keine Ahnung, woher er das eigentlich hatte. Nach einer Weile wollte er nicht mehr in die Städte. Er mietete uns etwas in einem Vorort von Hannover, wirklich schäbig, aber selbst da hab ich noch nichts verstanden. Eines Tages, als ich vom Einkaufen kann, nur ein paar Kleinigkeiten, weil mir die Decke auf den Kopf fiel, war die Polizei da. Noch am selben Tag war er weg. Ich hätte zurückkommen können, wirst du sagen, aber ich habe mich so geschämt. Erinnerst du dich noch, wir waren wie Geschwister, damals. Du bist ja nicht viel älter und ich bin bei euch ein- und ausgegangen, als wäre ich bei euch zu Hause, weil meine Mutter soviel arbeiten musste. Weißt du noch, wie wir den Kirschbaum der Nachbarin leergeräumt habe? Wir waren wohl sieben oder acht. Deine Mama hatte gesagt, die Nachbarin habe angerufen und darum gebeten, dass wir die Kirschen pflücken, bevor sie verfaulen. Die alte Frau war uns unheimlich, weil sie so unglaublich alt war und wir ihr Genuschel nicht verstanden. Sie hat uns gesagt, wir sollten keine Kerne herunterschlucken, weil uns dann Kirschbäume im Bauch wachsen könnten. Weißt du noch, Christian, wie du absichtlich alle Kirschen mit Kern heruntergeschluckt hast, weil du es 6


unbedingt ausprobieren wolltest? Ich hab dich gewarnt, dass du Bauchschmerzen kriegen würdest, aber du wolltest ja einen Baum im Bauch. Ich weiß noch, wie wir herumgelaufen sind, damals. Früher waren die Kinder viel mehr draußen, fällt mir auf. Hier siehst du fast keine auf der Straße spielen, es hat sich viel verändert. Wir haben manchmal etwas Geld von deiner Mama bekommen, nur ein paar Pfennige, die für Bonbons aus dem Büdchen am Park reichten, aber wir sind damit herumstolziert, als sei es ein Vermögen und die ganze Welt stünde nur für uns bereit. Die Münzen fühlten sich warm an durch das dünne Innenfutter der Tasche meiner kurzen Hose, richtig heiß, als würden sie glühen. Weißt du noch, wie du mich damals verteidigt hast, als der alte Herr Fuhrmann auf eurer Straße hinter uns her war, weil wir angeblich in seinem Vorgarten herumgetrampelt sein sollten. Er hat uns den ganzen Weg bis zu eurem Haus gejagt, seinen Gehstock schwingend und sich bei deiner Mama über uns beschwert. Sie hat uns gefragt, ob wir es gewesen sind und wir haben beide den Kopf geschüttelt. Sie ist dann mit uns hin und hat dem alten Fuhrmann gesagt, sie läge ihre Hand für uns ins Feuer. Du hast dich runtergebeugt und den Abdruck des Kinderfußes im Blumenbeet untersucht. Du hast erst deine Sandale und dann meine daneben gehalten, um zu beweisen, dass wir es nicht gewesen sein konnten. Der Alte musste schließlich zugeben, dass er uns zu Unrecht verdächtigt hatte 7


und rang sich sogar eine leise Entschuldigung ab. Deine Mutter war stolz auf dich und ich hab dir das nie vergessen. Im Fernsehen läuft gerade ein Film über die Tierwelt Australiens. Das erinnert mich daran, dass wir früher unbedingt dorthin wollten, du weißt es sicher noch. Heute würde mich das wieder reizen, einfach neu anzufangen. Einen neuen Namen, ein neues Leben. Irgendwo dort lebt ja noch ein Cousin meiner Mutter. Er war in den Fünfziger Jahren ausgewandert. Manchmal schrieb er uns und seine Briefe auf dem hauchdünnen, blauen

Luftpostpapier

fand

ich damals

ungeheuer aufregend. Mittlerweile muss er allerdings steinalt sein oder vielleicht ist er sogar schon tot. Er hieß eigentlich Jürgen Sallermann und meine Mutter nannte ihn immer noch den Jürgen, obwohl er sich dort John Salomon nannte und immer für einen jüdischen Emigranten gehalten wurde. Das war ihm unangenehm und ich glaube, er hat es bereut, diesen Namen gewählt zu haben. Weißt du, woher das Känguru seinen Namen hat? Sie haben es eben in der Sendung gesagt. Die weißen Siedler fragten die Eingeborenen, wie das komische Tier hieße und sie haben in ihrer Sprache geantwortet: Känguru, das heißt: Kann nicht verstehen.

Nach der Geschichte mit Tom bin ich allein weitergezogen. 8


Ganz weit weg, hab ich mir gedacht und einen Job auf Sylt angenommen. Dort hab ich eine Saison in einem Hotel gearbeitet. Ich wollte etwas Geld verdienen und neu anfangen, aber das Leben da war so teuer, dass nicht viel zum Sparen übrig blieb. Als die Zeit vorbei war, wusste ich nicht wohin. Meine Mutter war inzwischen gestorben und mein Vater so komisch, das wir uns nicht mehr verstanden. Es hat mich dann in die tiefste Provinz verschlagen, dorthin, wo ich nie hin wollte. Aber es war mir echt, hier würde mich niemand suchen. Ich habe es mit einem Blumenladen versucht, aber der ist schnell pleite gegangen, dann fand ich eine Arbeit in einer Trinkhalle. Chris, in den Spätschichten hab ich soviel Angst gehabt wie noch nie in meinem Leben. Die Säufer und die Jugendlichen haben mehr geklaut als gekauft und ich hab nie etwa gesagt. Bald hatten sie das natürlich verstanden und angefangen, ganze Kisten Bier rauszutragen. Sie haben noch Dankeschön gerufen, wenn sie rausgingen. Als ich die fehlenden Beträge in der Kasse nicht mehr von meinem Lohn ergänzen konnte, hat mein Chef mich natürlich rausgeworfen. Mann, Chris, ich bin sogar zu Über30-Partys gegangen, mit „DJ Frankie spielt Hits der Achtziger“ und so, aber alles, was dabei herauskam, war, dass ich anfing zu rauchen und mir ein Typ mein Handy klaute. Jetzt bin ich schon sechs Jahre hier, in einem Ort, der Herzlake heißt. Ulkiger Name, ich weiß! Ach Chris, was soll ich lügen! Es gibt keinen Freund und der Laden, 9


den ich übernehmen sollte, war nur der Ein-Euro-Shop eines russischen Unternehmers, der Goldschmuck trug und sich die Augen schminkte, aber etwas Besseres finde ich nicht. Wenn ich durch mein Viertel laufe und all die Plakate sehe, auf denen verlorene Katzen oder entflogene Papageien gesucht werden, würde ich mich gerne auf die frei gewordene Stelle bewerben. Ich hab zwei Zimmer über einem chinesischen Schnellimbiss in der Baustraße. Ist dir schon mal aufgefallen, dass so ziemlich jede Stadt eine Baustraße hat und die immer in der schlechtesten Gegend liegt? Chris, ich bin geschwätzig wirst du sagen und lachen. Im Fernsehen lacht gerade der Kookaburra. Das ist ein Vogel, der immer früh morgens singt und das klingt wie Lachen. Die Aborigines glauben, ein Gott hätte es ihm befohlen, damit die Menschen den Sonnenaufgang nicht verschlafen. An Australien sieht man sehr gut, wie blöd wir manchmal sind. Die Siedler haben das Kaninchen mitgebracht, weil es das dort nicht gab, aber kaum hatten sie ein Pärchen ausgesetzt, hatten sie eine Kaninchenplage. Ihnen fiel nichts besseres ein, als auch noch kleine Raubtiere aus Europa zu holen. Das Frettchen, das Wiesel und den Hermelin. Nur, dass die nicht nur die Kaninchen jagten, sondern auch viele einheimische Tiere, die daraufhin ausstarben. Wusstest du schon, dass der Hermelin seines weißen Fells wegen eher durch Feuer als durch Schmutz geht? Das hab ich mal in einem Buch gelesen. 10


Chris, immer, wenn ich an einem Buchladen vorbeigehe, denke ich daran, wie wir beide davon geträumt haben, einmal unseren eigenen aufzumachen. Liest du immer noch soviel? Bestimmt! Weißt du, oft stelle ich mir vor, dass du es trotzdem getan hast, ohne mich, und jetzt in deinem eigenen Geschäft stehst, umgeben von Büchern. Anders kann ich mir dich eigentlich gar nicht vorstellen. Bei mir ist es leider nicht mehr so weit her mit der Literatur. Ab und zu kaufe ich ein billiges Taschenbuch aus der Ramschkiste vor unserem Schreibwarenladen, aber kaum, dass ich es aufgeschlagen habe, lege ich es wieder weg. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Dafür habe ich letztlich unser Telefonbuch gelesen, lach nicht, aber, wenn man allein ist, hat man manchmal komische Ideen. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich darauf kam, aber ich hab wohl gedacht, wenn ich

Jemanden

fände,

der

mein

Geburtsdatum

als

Telefonnummer hätte, der müsste doch etwas mit mir gemeinsam haben. Also hab ich nur die Nummern gelesen, von der ersten angefangen, auf der Suche nach der 16175, 16. Januar 1975, du weißt ja, da bin ich geboren. Es hat eine ganze Weile gedauert, aber es gab tatsächlich Jemanden mit dieser Nummer. Ziemlich weit hinten, bei T., aber als ich diesen Eintrag las, war es ein Getränkeservice, vermutlich betrieben von einem Osteuropäer, mit drei C`s und vier Z`s und da dachte ich an der Idee wird wohl doch nicht soviel dran sein. Weißt du noch, Chris, wie wir immer auf der Baustelle gespielt 11


haben, wenn die Handwerker weg waren? Wir haben uns in eines der schon fertigen Zimmer des Neubaus gesetzt und so getan, als wäre es unser Haus. Wir saßen zwischen den nackten Wänden auf den harten, blanken Boden und haben uns geschworen, dieses Haus zu kaufen, wenn wir groß sind. Du warst damals immer schmutzig vom Spielen und verstrubbelt. Deine Mama hatte gesagt, wenn man sich nie die Haare kömmt, dann nisten irgendwann Vögel darin und von da an hast du dich geweigert, sie mit einem Kamm an dich heranzulassen, weil du unbedingt ein Vogelnest auf dem Kopf haben wolltest. Du, ich wüsste gerne, wer jetzt in diesem Haus wohnt. Als er fertig war und irgendeine Familie dort eingezogen war, hast du sogar den dicken Markus Brockmann von deinem Taschengeld bezahlt, damit er ihnen die Fensterscheiben einschmeißt, denn in deinen Augen war es unser Haus. Ich bin zuviel alleine, Christian. Denn ich kenne kaum Jemanden in der Stadt. Letztes Jahr im Sommer habe ich zwei Fliegen unter einem umgestülpten Glas gefangen und ihnen Namen gegeben. Die eine nannte ich Hoffnung und die andere Verzweiflung. Ich wollte sehen, welcher zuerst die Luft ausgeht, aber als ich nach einer Weile nachsah und beide tot am Boden lagen, konnte ich sie nicht mehr unterscheiden. Abends gehe ich oft runter in den Imbiss unten im Haus. Die haben Mittagstisch ab 3 Euro 50, billige Nudelgerichte und ab und zu gibt mir einer ein Getränk aus. Man kennt sich 12


mittlerweile ein wenig. Eine Zeitlang war es fast so etwas wie eine Familie. Der Laden gehört Mario und Andi, zwei netten Typen aus dem Osten und hinter dem Tresen steht Rita, mit der ich mich auch gut verstehe. Letzten Winter kam Ken manchmal mit zu mir rauf. Er hat dort gekellnert. Ken war Japaner und hieß eigentlich Kenzaburo, aber das war Rita zu lang und deshalb hat sie ihn Ken genannt. Es war schön, abends nicht allein zu sein und für ihn war es wohl auch praktisch. Er sprach nicht viel deutsch, war manchmal etwas aufbrausend und glaub mir, was man über Asiaten im Bett sagt, stimmt völlig. Seit Weihnachten kam er plötzlich nicht mehr, war einfach weg. Über den Jahreswechsel bin ich dann aus Scham in meiner Wohnung geblieben, aber irgendwann musste ich ja wieder raus und bin schließlich doch wieder runter gegangen. Andi, Mario und Rita haben nichts gesagt. Hast du schon mal vom australischen Leierschwanz gehört? Ich sehe ihn gerade im Fernsehen. Es ist ein Vogel, der perfekt Handyklingeltöne imitieren kann. In den letzten Jahren hat er sich die Melodien vieler verschiedener Hersteller angeeignet und in den australischen Städten greifen neuerdings ständig Leute nach ihren Mobiltelefonen, obwohl es nur der Vogel ist, der sein Revier markiert. Weißt du noch, wie du damals die Kondome im Nachttisch deiner Mutter entdeckt hast und sie mir zeigtest, als wir beide allein bei euch zu Hause waren, während deine Mutter 13


einkaufte? Wir wussten nichts damit anzufangen damals, auch nicht mit dem, was auf der Verpackung stand. Du wolltest eines stehlen, aber ich habe gesagt, ich will das nicht. Von deinem Onkel bekamst du immer dieses komische Magazin mitgebracht, in dem totale Unsinnsmeldungen und abstruse Kuriositäten standen; von der Spinne in der YuccaPalme,

Yeti-Sichtungen

in

New

York

und

dem

Elefantenmenschen. Du hast mir oft daraus vorgelesen, im Rohbau auf der Baustelle, obwohl mir das Angst machte. Ich erinnere mich noch heute an die Geschichte vom Wolfsjungen, der mit einem dichten schwarzen Pelz am ganzen Körper zur Welt gekommen war. Da war auch ein Foto. Der Junge, mittlerweile in unserem Alter, in Kleidern, die den unseren ähnelten, nur, dass bei ihm dicke, schwarze Haare aus den Ärmeln und dem Kragen seines T-Shirts quollen und sein Gesicht bis auf ein paar grüne Augen unter dem Fell fast nicht erkennbar war. Als ich an diesem Abend im Bett lag, habe ich meinen ganzen Körper nach Haaren untersucht und tatsächlich an Stellen, die bis dahin glatt und weich gewesen waren, einen Anflug von Flaum entdeckt. Ich war sicher, dass es die ersten Anzeichen dafür waren, dass ich in absehbarer Zeit auch ein Wolfskind sein würde. Die nächsten Tage habe ich dann nur lange Hosen und Oberteile mit Ärmeln getragen, obwohl es schon warm war. Ich wollte nicht, dass du erfährst, was mit mir los war. Auch eine andere Geschichte aus deinem komischen 14


Magazin ist bei mir hängen geblieben. Es war eine Meldung über siamesische Zwillinge, die auf an den Köpfen aneinander gewachsen waren. Wir hatten noch die davon gehört, ich erinnerte mich nur, dass meine Mutter den Begriff einmal verwendet hatte, als sie über dich und mich sprach. Ich weiß noch, wie wir darüber gesprochen und schließlich beschlossen haben, selbst siamesische Zwillinge zu werden. Es schien uns ein wunderbarer Gedanke. Es war in der Nacht, in der ich bei dir übernachten durfte. Wir wussten ja, dass, wenn man sich geschnitten hatte, aus dem Blut zuerst eine Kruste und irgendwann neues Fleisch wird. Als wir endlich ins Bett durften, haben wir uns beide mit einem Messer, dass wir deiner Mutter aus der Küche gemopst hatten, in die Handflächen geritzt und uns dann hingelegt, uns fest an den Händen haltend. Wir wollten die ganze Nacht nicht loslassen, so dass unser Blut fest und neues Fleisch werden würde. Wenn wir lange genug durchhielten, zwölf Stunden schienen uns eine ausreichend lange Zeit, dann wären wir morgens miteinander verwachsen und folglich siamesische Zwillinge. Als wir morgens mit verschmierten Handballen aufwachten und merkten, dass einer von uns losgelassen hatte, waren wir enttäuscht, aber zweifelten keineswegs daran, dass es hätte klappen müssen. Christian, findest du nicht auch, dass das Leben früher irgendwie einfacher war? Alles war so klar. Man machte seine 15


Schule, am Ende musste man sich entscheiden, geht man ins Büro oder macht man was mit seinen Händen. Die Einen wählten dann die Technik AG, die anderen lernten Maschine schreiben. Man suchte sich eine Lehrstelle und in aller Regel wurde

man

übernommen.

Viele

Mädchen

wurden

Verkäuferinnen oder Friseusen und machten das, bis irgendein Mann kam und sie heiratete. Manche gingen weiter zur Schule, das waren die, die sich noch nicht entscheiden konnten. Wenige hatten damals schon was mit Computern im Kopf, aber das waren ohnehin die, die nie eine Freundin hatten und mit denen kaum einer reden wollte. Bald hatte man seinen Job und gewöhnte sich an fünf Tage Arbeit und zwei Tage Wochenende. So war es doch noch bei unseren Eltern und unseren älteren Geschwistern. Alles war gut. Das alles ist heute ganz anders und ich hab das Gefühl, ich komme nicht mit, mit den ganzen Weiterbildungen, Umschulungen und Lebensabschnittsgefährten. Aber es geht wohl nicht nur mir so! Manchmal bin ich ganz froh, dass es keinen Mann in meinem Leben gibt. Man denkt doch dann immer nur ans Abnehmen und das gute Aussehen. Außerdem mögen Männer im Allgemeinen selten Tiersendungen und irgendwann schiebt man sich nur noch gegenseitig die Schuld an den Kratzern im Zerahnfeld zu. Ich glaube, ich muss jetzt schließen. Nicht, dass es einen 16


Grund gäbe, wegen dem ich Schluss machen müsste. Ich bin ja mit nichts beschäftigt. Alle anderen haben ständig etwas zu tun, aber ich nicht. Es gibt keine Termine, keine Verpflichtungen, nicht einmal einen Töpferkurs oder ein Fitnessstudio, dass ich vorschieben könnte. Abgesehen davon, dass ich es mir nicht leisten könnte, verspüre ich keine Lust auf all das. Ich denke einfach, ich habe genug erzählt. Wahrscheinlich viel zu viel. Schließlich weiß ich gar nicht, ob du all das wissen willst und eigentlich wollte ich dir ja nur gratulieren. Also Chris, ich lass es jetzt gut sein! Was ich sagen wollte, war: Meine Glückwünsche zu deinem Geburtstag und alles Gute von mir! P.S.: Ein Brief fällt in einen Kasten. Ein Briefkasten wird geleert. Tatsächlich wird eine Karte aus diesem Kasten irrtümlich nach Thailand verschickt, obwohl als Adresse ein nah gelegener Ort in Friesland angegeben ist. Dem besagten Brief jedoch widerfährt dieses Schicksal nicht. Aus Herzlake geht er erst nach Haselünne, dann nach Lingen und weiter in die kleine niederrheinische Stadt, deren Postleitzahl vorne auf dem Umschlag als Zieladresse steht und die höchstens dadurch bekannt ist, dass vor mehr als einem Jahrzehnt der Turm der Kirche am Marktplatz unerwartet einstürzte, wobei gottlob keine Personenschäden entstanden. Lediglich das Auto des Küsters erlitt einen Totalschaden. In der niederrheinischen Stadt ist 17


jedoch seit Jahren niemand mehr mit dem Namen des angegebenen Empfängers gemeldet. Am Ort der Zieladresse wohnt niemand dieses Namens. Einem findigen Zusteller fällt jedoch ein, im Nachbarhaus zu fragen, dass seit einigen Monaten von der Nichte der vor kurzem verstorbenen ehemaligen Eigentümerin bewohnt wird. Diese erinnert sich an eine Familie diesen Namens, die tatsächlich in dem Haus nebenan lebte, jedoch nun schon seit mehreren Jahren verzogen ist. Es habe einen Sohn mit dem Namen gegeben, erfährt der Zusteller, der Frau ist jedoch über dessen Verbleib nichts bekannt. Die Mutter lebe im Altersheim, soweit sie informiert sei. Im Normalfall wäre der Brief an dieser Stelle zum Absender zurückgekehrt. Da dieser jedoch fehlt und gerade keine Hochsaison, wie etwa in der Weihnachtszeit herrscht, betreibt die Post eine Recherche, die sowohl die Altersheime der Stadt, als auch länger zurückliegende Nachsendeanträge einschließt. Auf verschlungenen Wegen landet der Brief schließlich Hunderte von Kilometern vom niederrheinischen Städtchen mit erheblicher Verzögerung auf dem Schreibtisch des Marketingbeauftragten einer Stadt im Dreieck Frankfurt-Mannheim-Heidelberg. Der Beauftragte ist Mitte Dreißig, sein Geburtstag liegt erst anderthalb Wochen zurück.

Nach

einer

Einzelhandelslehre

in

einem

Spielwarenladen, noch am Niederrhein, hat es ihn doch noch zum Studium nach Heidelberg verschlagen. Er, nun Germanist, 18


hat sich dort verliebt und verheiratet. Er hat vor einigen Jahren seinen Geburtsnamen abgelegt und trägt nun den in seiner Region wohlklingenderen der Ehefrau, der Tochter des Bürgermeisters

der

Stadt.

Mit

etwas

Hilfe

seines

Schwiegervaters gelangte er auf den Posten in der Stadtverwaltung, den er nun inne hat. Es ist ein Montag nach einem langen Wochenende, welches sich wegen eines Brückentages ergeben hatte. Mit den beiden Kindern war man im Tierpark, sowie zu einem langen Spaziergang am Rhein gewesen. Der Fluss war von jeher ein wichtiger Bezugspunkt des Mannes gewesen und blieb dies auch hier. Er sieht gegen 11 Uhr den Brief ohne Absender auf seinem Tisch. Er liest den Namen, der mit seinem nur noch den Vornamen Christian gemein hat und glaubt erst an eine Falschzustellung. Als er jedoch die Adresse prüft und feststellt, dass es sein alter Name und seine alte Adresse ist, wird ihm klar, dass es tatsächlich ein Brief an ihn ist. Der Poststempel teilt ihm die Herkunft des Briefes mit Herzlake mit, einem Ort, den er einmal im Straßenatlas gesehen hat, als er den Besuch eines Seminars im Weser-Bergland plante. Er verbindet keine Person seiner Kenntnis damit, ist dementsprechend befremdet. Der Brief liegt den Tag über ungeöffnet auf seinem Schreibtisch, während er seine Arbeit verrichtet. Er gibt Pressemeldungen

heraus,

er

führt

zahlreiche

Telefongespräche. Der Feierabend rückt näher, der Brief liegt 19


in Sichtweite, bleibt aber unberührt, bis er ihn am Nachmittag in seine Aktenmappe packt. Die Mappe nimmt er mit ins Auto, während der Heimfahrt liegt sie auf dem Beifahrersitz. Zu Hause landet sie auf dem Tischchen im Flur, wie immer, und verbleibt dort bis zum nächsten Morgen, denn der Abend ist mit dem gemeinsamen Abendessen, dem Zubettbringen der Kinder und dem Fernsehen mit der Ehefrau ausgefüllt. Beim Auspacken der Akten in seinem Büro fällt er ihm wieder in die Hände. Da der richtige Moment nicht kommen will, beschließt er, ihn einfach jetzt zu lesen. Der Brief ist lang und kommt von weit her. Es dauert lange, ihn zu lesen. Es stehen Neuigkeiten darin, die ihn nicht betreffen und doch mit ihm zu tun haben. Neues und ganz Altes, wie aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Neues von einem Leben, dass nicht seines ist und doch irgendwie seinem zumindest verwandt. Es ist der richtige Brief für einen Dienstag nach einem Montag nach einem langen Wochenende; in der Mitte eines Arbeitstages in der Mitte des Jahres. Vielleicht in der Mitte eines Lebens. Der Mann stellt erneut fest, dass es keinen Absender gibt. Antworten könnte er nicht, ohne vorher Recherchen zu betreiben, deren Erfolg nicht einmal garantiert wäre. Eine Antwort wäre auf jeden Fall höflich, vielleicht nötig, aber alles hat seine Zeit.

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Neues vom Leben