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-HEIMATGEDICHTlandesprachlich: junge, man sieht es doch immer schon kommen alles zieht vorbei,wenn ich übern hund komm` komm` ich doch auch übern schwanz schlimm ist nur, was man im herbst nicht verbrennen kann an den rändern franste das plane aus ins krause, ins dickicht, ins drohen der diaspora abseits der markierten linien nur dichtes grün, grimms wald die blaue ader auf dem handrücken einer großvatergegend und teil der topographie einer kindheit: ein undichter alter, der sein wasser nicht halten kann gleichgültigkeit definierte den grenzwert in den ohrfeigen an den feldmarken waren die überlieferungen manifestiert blaugraue laken lagen auf den wiesen und wurden nicht trocken die nachbarin packte die koffer schlimmer als feuer


wenn der dämmer an den gebäuden einmal bis zum sockel stand, und das gemäuer sich dran besoff ging das dunkel nie mehr raus nicht mit wärme, nicht mit licht für ein paar tage kamen die fremden und bauern, die man sonst nie fern ihrer felder sah, mümmelten verächtlich: war schon mal schlimmer und schritten deichgrafengleich davon übers wasser nach einer woche verdorrte der kleiige ort und ging wieder auf in ödnis wie reisig machen wir einen strich unter all die liegen- land- und rechenschaften und notieren als summe: fremd bis auf fünf stellen genau hinter dem komma.


-Gatterdrück deine knöchel tief in den winter wenn der tag ausblutet in dämmer wenn du versinkst in den verwehungen der worte du dich krümmst unter der last des trauermantels ist -gehüllt in eine netzhautdein augapfel mir sonne genug mach dich aus dem staub auf den atlanten schnitz dich aus hirnholz von eibe und mammut wenn du strauchelst über die vergänglichkeiten am bordstein sich die balken des giebels biegen unter dem gewicht der daune und der kürzeste weg zwischen zwei fehlversuchen ist immer ein hoffen hast du dich noch nie mit geschlossenen augen gesehen


-Übergangwar das wirklich schon morgen dass sich das winterliche wasser im fluss verdickt und die treibenden container und kisten langsamer ziehen mit ihrer schwereren last war das wirklich schon morgen bricht das frühe licht das bild für gegenwart zu splittern von neuen ideen streut eine möglichkeit seine samen die überdauern im frost unter laub es wird gestern das flatternde tuch eingeholt und die feuchte verblichene fahne der letzte schritt des tanzes schwer und das glas der kuppel trüb


es ist wirklich gerade jetzt dreht sich die bühne ins dunkel und hinter der leinwand probieren die schatten ihr flüstern jetzt

zögern die funken zu fliegen und die flamme frisst nur noch sparsam geschriebenes trocknet nur langsam und nichts verscharrt und begräbt sich mehr leicht

heute ist wieder der erde das eigene geheimnis genug


-Ansichtsexemplarschwelbrände und freudenfeuer die teure wahrheit zwischen den seiten verkümmert zu einem postkartenspruch wo ein weg ist ist auch ein fallstrick und am straßenrand blühen schon wieder die gräben leg dieses gedicht zu den lottoscheinen und den nicht eingelösten losen die vergilben im licht ein traum braucht dich nicht um geträumt zu sein irgendeine schuld passt dir immer und der spiegel zeigt höhnisch den glücklichen mann vor der ahnung spießrutenläufe und ehrenrunden und immer zeit zum bluten aus aufgemalten wunden


-Wärmestromdichtejetzt ist es endlich absehbar nach anfänglicher trägheit das verbluten der uhren in der lupe das rinnen des stroms gewinnend an fahrt wir sind endlich weit genug von den quellen hinter den ersten schnellen schließlich eine neue frequenz wir gehen auf und unter landen weit genug vom brandherd uns wärmequelle selbst wir gehen auf grund auf den wellen der welke mond löst sich endlich in zeit


Künstler Walter Brusius, geboren 1950, studierte ab 1973 Malerei, Kunst & Design an der FH Köln. Brusius war Meisterschüler von Werner Schriefers und lebt seit 1983 als freischaffender Künstler in Bad Kreuznach. Neben seiner Beschäftigung mit der Malerei und der Grafik ist Walter Brusius auch schriftstellerisch tätig. 1999 wurde er mit dem Kulturpreis der Stadt Bad Kreuznach ausgezeichnet. Die Illustrationen zu diesem Band sind seinem Album: Die räuberische Prinzessin entnommen.

Autor Matthias Engels, geboren 1975, lebt mit seiner Familie in Westfalen. Er erlernte zunächst den Beruf des Buchhändlers und veröffentlicht eigene literarische Texte seit der Jahrtausendwende. Mehrere Romane und Lyrikbände liegen vor. Die Lyrik betrachtet Matthias Engels als seine literarische Wurzel und als unmittelbarstes, wenn auch komplexestes Medium. Die Gedichte in diesem Band entstanden in den vergangenen zwei Jahren.


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