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Hundert Jahre Wandel und Innovation. Von den Z端rcher Ziegeleien zur CONZZETA.


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Eine Laune der Erdgeschichte als unternehmerische Chance


Was die Gletscher vor 15 000 Jahren übrig liessen, wurde zum Rohstoff für den Häuserbau. Aber die primäre Quelle des Roh­­ stoffs, die Molasse, entstand ungleich viel früher. Dazwischen liegen 20 Millionen Jahre ... 100 Jahre Conzzeta

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Eine Laune der Erdgeschichte als unternehmerische Chance

... Erdgeschichte. Damals muss es eine ­riesige Schwemmebene mit mäandrie­ renden Flüssen vom Alpenrand bis zum Schwarzwald gegeben haben. Aus den Alpen führten die Ströme Geschiebe, Sand und tonhaltige Schlämme heran, die sich zu Nagelfluh-, Sandstein- und Mergel­ schichten verfestigten. Am Ende der letz­ ten Vergletscherung zogen sich die Glet­ scher schnell aus dem Alpenvorland zurück. Jetzt präsentierte sich der eisfreie, hauptsächlich aus Molasseschichten auf­ gebaute Üetliberg als scharf gekerbter, nahezu vegetationsloser Hügelzug.

Der Verwitterungsvorgang der weichen Molassemergel war unter diesen Umstän­ den gewaltig. Von den steilen Bergflanken wälzten sich nach jedem Regen Schlamm­ ströme zu Tal. Später waren die Flanken des Üetlibergs mit Föhren- und Birken­ wäldern bewachsen. Als diese kurzfristi­ gen Klimaveränderungen zum Opfer fie­ len, kam es zu erneuten Abschwemmungen von Lehm. So entstand mit der Zeit am Fuss des Üetlibergs, zwischen dem ­Triemli und der heutigen Zürcher Allmend, eine bis zu 50 Meter mächtige Lehmschicht: Rohstoff, aus dem die Menschen seit der Zeit der Kelten und der Römer mithilfe des Feuers Steine und Ziegel fertigten.

Der feinste Ton befand sich an den tiefsten Stellen des Tales. Das war prak­ tisch, denn dort verliefen auch die Flüsse, in unserem Falle die Sihl. Auf dieser wur­ den Baumstämme geflösst, die man als Brennstoff für die Ziegelöfen brauchen konnte. Nicht die Lehmlager bestimmten also die Standorte der frühesten Ziegel­ hütten, sondern die Nähe des Flusses und damit die Möglichkeit des billigen Holz­ transports. Insgesamt blieb die Ziegelei bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein ein Gewerbe von untergeordneter wirt­ schaftlicher Bedeutung, denn die Siedlun­ gen waren klein, es wurde relativ wenig

Die Erdschichten des Üetliberghanges 869 M.ü.M.

Ehem. Lehmgrube Binz Üetliberglehm (ca. 15 000 bis 9000 Jahre alt) Sihl Sihlschotter Moräne Eiszeitliche Ablagerungen, Deckenschotter (ca. 800 000 Jahre alt) Obere Süsswassermolasse (Mergel und ­Sandsteine, ca. 15 Mio. Jahre alt)

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Reppisch

Üetliberg

ehem. Lehmgrube Binz

Sihl

Der sehr hochwertige Lehm am Fusse des ­Üetlibergs ist ein Kind des Üetlibergs selbst. ­Verwitterung und Regen spülten Jahr für Jahr den Lehm die Hänge hinunter, bis eine 50 Meter dicke Lehmschicht am Rand des ­Tales liegen blieb. Der Boden für die Zürcher ­Ziegeleien war damit ­bereitet. (Schema überhöht)


Stadtansicht von Zürich um das Jahr 1500.

Ziegler an der kurzen Leine Zum ersten Mal wurde Lehm in der Zürcher Gegend im 14. Jahrhundert genutzt. Aus dem Jahre 1364 stammt ein Aktenvermerk über ein Lehen – heute würde man sagen: eine Konzession – an drei Ziegler, die miteinander die «Herrenhütte» betrie­ ben. Sie gehörte dem Gemeinwesen und wurde zur Nutzung verliehen. Die Zeiten für diese Unternehmensgründung waren günstig, denn 1280 und 1313 hatte es in Zürich verheerende Stadtbrände gegeben. Die Häuser waren damals aus Holz gebaut und mit Schindeln oder Stroh gedeckt – eine zu leichte Beute der Flammen. Der Rat der Stadt ordnete an, dass neue Häuser bis zum ersten Stockwerk aus Stein zu bauen und mit Ziegeln zu decken sind. Diese Vorschrift bildete die Geschäftsgrundlage für die unternehmerischen Ziegler. Doch das zünftisch organisierte Gemeinwesen hielt diese an der kurzen Leine. Die Ziegler waren auf das Brennholz aus den nahen städ­ tischen Wäldern an der Sihl angewiesen; im Gegenzug wurden sie gezwungen, ihre Produkte zu regulierten Preisen zu verkaufen. Über Jahrhunderte hinweg sind die Akten voll von Streitigkeiten um angemessene Preise, vor allem dann, wenn der nachwachsende Wald geschont werden musste und Holz knapp war. Im Süden der Stadt Zürich, im heutigen Stadtteil Wiedikon, bestanden zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert immer bis zu zehn Ziegelhütten, ausnahmslos Kleinbetriebe, in denen mühsame Handarbeit verrichtet wurde. Neben Mauersteinen entstanden Hohl- oder Klosterziegel, die nach und nach durch die Flach- oder Biberschwanzziegel verdrängt wurden. Ziegelei war meist ein Nebenerwerb von Landwirten.

gebaut. Und wenn, dann wurden die von den Flüssen und Gletschern gratis ver­ frachteten Bollensteine sowie Holz bevor­ zugt. Wenn eine Lehmgrube erschöpft war, wurde sie zugeschüttet und an die Landwirtschaft zurückgegeben. Noch bau­ ten die privaten Ziegelhütten öffent­lichen Grund auf Lehensbasis ab. Das änderte sich erst mit dem Aufkommen der mecha­ nischen Ziegeleien nach 1850. Die dazu nötigen hohen Investitionen zwangen die Unternehmer, sich die langfristige Rohstoff­ versorgung durch Landkäufe zu sichern. Handziegelei – ein mühsames ­Geschäft Der Ziegler presste den zubereiteten Lehm in eine Form aus Holz oder Eisen und strich das überquellende Material mit einem ­Buchenscheit glatt; von daher stammt auch der alte Ausdruck «Ziegelstreicher». Die Fertigkeit des Meisters bestand darin, dass er die für den Abfluss des Regen­ wassers nötigen Rillen mit den Fingern so gleichmässig wie möglich anbringen und die für die Befestigung der Ziegel ­nötigen «Nasen» massgenau von Hand formen konnte. Die noch nassen Ziegel wurden auf Bretter gelegt und zuerst ins Trockengestell, später in den Brennofen geschoben. Die Handziegelei war ein Saison­geschäft: Im Winter wurde der Lehm

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Eine Laune der Erdgeschichte als unternehmerische Chance

In der Binz entstand 1865 die Mechanische Backsteinfabrik. Der eckige Kamin gehörte zur Dampfmaschine, der runde Hochkamin – im Bild rechts beim ­Abbruch erkennbar – zum Brennofen. Die Mechanisierung ermöglichte einen gewaltigen Produktivitätsfortschritt zu Beginn der gründerzeitlichen Baukonjunktur.

Heimatdorf Hoch rauchen dort Kamine Geschäft’ger Industrien, Wo sie dem Schoss der Erde Den kalten Lehm entzieh’n. Fünf sind es der Fabriken – Ob die Produkte rot, Verdienen dort der Väter Zu Hunderten ihr Brot. Der Wiedikoner Dichter J. Hasler in der ­Chronik der ehemaligen Gemeinden Wiedikon und ­Aussersihl, 1911.

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Die Arbeiter der Ziegelei Heurieth (1905) mit ihren Werkzeugen und den dort produzierten Backsteinen.


gestochen, aufbereitet und gebrannt. Im Sommer wurden die Backsteine und Ziegel geformt und getrocknet. Ein guter Hand­ ziegler mit seinen Gehilfen schaffte auf diese Weise eine Tagesproduktion von etwa 1000 Dachziegeln oder 1200 bis 1500 Backsteinen. Aber er hatte, was die Produktivität betraf, keine Chance gegen die mechanischen Ziegeleien, die nach 1850, pünktlich zum gründerzeitlichen Bauboom, die Branche zu dominieren be­ gannen. Massgebend waren zwei Erfin­ dungen: die Strangpresse und der kon­ tinuierlich brennende Ringofen, der den Brennstoff besser ausnützte. Die erste mechanische Ziegelei in Zürich wurde 1850 eröffnet (Ziegelei Albis­hof). 1865 folgte die mechanische Back­steinfabrik (gegründet 1861), die ebenfalls mitten im Lehmabbaugebiet am südwestlichen Siedlungsrand gelegen war. Ein Baumeister, der sein Geschäft erwei­ tern wollte, war der Gründer der Dampf­ ziegelei im Heurieth (1875). Im gleichen Jahr entstand in der Nachbarschaft die Ziegelei im Tiergarten als Zweigwerk der Mechanischen Backsteinfabrik. Der für die

«Der Ziegel ist gemacht am letzten Tag des Jahres 1549.» An besonderen Tagen, hier also zur Jahreswende 1549/50, verewigten sich die Handziegler in Form ­kurzer Kommentare in ihrem Werk. Dieser Dachziegel kam bei einer Dachsanierung am linken Zürichseeufer zum Vorschein.

Herstellung der Falzziegel benötigte rote Ton wurde aus entfernteren Gruben (Her­ dern, Sihlfeld) herangeschafft; die Ziegelei im Tiergarten verfügte deshalb ab 1899 als erste über einen eigenen Bahnan­ schluss. Schliesslich errichtete auch die älteste Zürcher Ziegelei, Albishof, 1892 mit der Ziegelei im Giesshübel einen mo­ dernen Betrieb, der sich unter anderem – wenn auch zu einem kleinen Teil – der Herstellung von Spezialsteinen für den Kaminbau widmete. Damit kehrte das Ge­ schäft des Zieglers an eine der ersten Fertigung­stätten in Zürich zurück, denn bereits 1543 brannte die Familie Bär ihre Ziegel aus dem Lehm am Giesshübel. Das Zeitalter der Maschinen Im heraufkommenden Zeitalter der Indus­ trialisierung standen die Handziegler auf

Ein früher Backstein der Mechanischen Back­ steinfabrik mit den­ ­Initialen M und B ­sowie dem Zürcher Löwen.

verlorenem Posten. Einer nach dem ande­ ren zog sich aus dem Geschäft zurück. Viele waren Landwirte, die im Neben­ erwerb Ziegel hergestellt hatten. An ihre Stelle traten kapitalkräftige Investoren, vorab Bauunternehmer, die ihre Wert­ schöpfungskette verlängern und sich die Kontrolle über einen ihrer wichtigsten Werkstoffe sichern wollten. Die Produk­ tivität der neuen mechanischen Ziegeleien betrug ein Mehrfaches der umständlichen Handziegelei. So stellte die Mechanische Backsteinfabrik schon mit ihrer ersten ma­ schinellen Ausrüstung bis zu 25 000 Stück Ziegel oder Backsteine am Tag her, zehn­ mal so viel wie ein eingespieltes Hand­ zieglerteam. Zugleich wurden die Kapazi­ täten energisch hochgefahren. Zürich wuchs durch die Eingemein­ dung von elf Vorortsgemeinden entschei­ dend (1893) und wurde nach schweize­ rischen Massstäben eine Grossstadt. Ab Mitte der 1880er-Jahre stieg mit den Ein­ wohnerzahlen die öffentliche wie die pri­ vate Bautätigkeit. Das Baugewerbe und mit ihm die Ziegeleiindustrie antworteten mit ständigen Neuinvestitionen und Kapa­ zitätserweiterungen, teilweise weit über den Bedarf hinaus. Von 1890 bis 1896 stie­ gen die Kapazitäten der schweize­rischen

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Ziegeleiindustrie um insgesamt 60 Pro­ zent – eine Folge der ständigen Rationa­ lisierungsschritte. Als die Banken 1898 das Spekulationsfieber auf dem Baumarkt durch Kreditrestriktionen dämpften, bra­ chen viele Bauunternehmen zusammen. Auch die zuvor hoch rentablen zürcheri­ schen Ziegeleiunternehmen gerieten in eine gefährliche Absatzkrise. Die Überproduktion wurde noch ver­ schärft durch aggressive Importe auswär­ tiger Anbieter, die unter den gleichen ­Problemen litten. Die Folge war ein rück­ sichtsloser Preiskampf, der groteske Blüten trieb. 1900 wurde im Ziegelei-Quartier Wiedikon mit dem Bau der Bühl-Schulhäu­ ser begonnen. Baugewerbe und Bevölke­ rung waren hell empört, als sie ­bemerkten, dass die preisbewussten städtischen Beam­ ten die dafür benötigten Backsteine aus­ gerechnet bei der als besonders aggressiv bekannten Aussenseiter-Ziegelei Wettswil eingekauft und die vor der Haustür liegen­ de Backsteinfabrik Binz nicht berücksich­ tigt hatten. Absatzkrise + Preiskampf = Kartell Überproduktion und gedrückte Preise ­riefen nach Selbsthilfe. 1903 wurde die ­Genossenschaft Zürcherischer Ziegelei­

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Lehmabbau in der Grube Binz (Zürich) um 1900. Die über das Gelände verstreuten fossilen Baumstrünke haben die Lehmströme, die den Üetliberg herabkamen, vor rund 9000 Jahren unter sich begraben.

besitzer gegründet, die nichts anderes war als ein Preis- und Konditionenkartell mit strenger Marktaufteilung und Sanktions­ gewalt. Ähnliche Zusammenschlüsse wa­ ren schon früher in der Ostschweiz gebil­ det worden; die West-, die Zentralschweiz und das Mittelland folgten einige Jahre später. Zu den Selbsthilfemassnahmen der regionalen Kartelle gehörte auch, dass nach Möglichkeit jeder in Schwierigkeiten geratene oder im Generationenwechsel steckende Betrieb aufgekauft und still­ gelegt wurde. Aus den zeitgenössischen Quellen geht hervor, dass der Kapazitäts­ abbau sogar wichtiger war als die Kont­ rolle der Preise und Konditionen. Der Zürcher Genossenschaft gehör­ ten sieben konkurrierende Betriebe an. Sie setzten Mindestpreise fest; die drei Stadt­ zürcher Unternehmen und ihr Aussenseiter­ konkurrent Wettswil gingen noch einen Schritt weiter, indem sie 1908 ein gemein­

sames Verkaufsbüro einrichteten, das un­ ter einem eigenen neuen Markennamen auf dem Markt auftrat: Zürcher Ziegeleien. Das war aber nur der erste Schritt zur engeren Zusammenarbeit. Zwei Jahre ­zuvor hatte die kleinste unter den drei Stadtzürcher Ziegeleigruppen, die Dampf­ ziegelei Heurieth, zwei wichtige En­t­­­wick­ lungsschritte vollzogen: Sie wurde voll­ ständig elektrifiziert – und sie öffnete ihren Verwaltungsrat für zwei prominente Vertreter der Ostschweizer Ziegelei­ industrie. Die jungen Brüder Ernst und Jacob Schmidheiny übernahmen die Füh­ rung des Unternehmens und engagierten sich damit im wichtigsten Baumarkt der Schweiz. Schon ein Jahr später fusionier­ ten sie Heurieth mit der Albishof-Gruppe. Die neue Firma Ziegeleien Albishof-­ Heurieth AG wurde mit einem Kapital von


Vom Ringofen zum Tunnelofen

Schema des Ringofens nach Friedrich Hoffmann (Quer- und Längsschnitt).

Neben der um 1854 erfundenen Strangpresse, die einen kon­ tinuierlichen, formgenauen Lehmstrang erzeugt, war der Ring­ ofen, von Friedrich Eduard Hoffmann 1858 in Preussen paten­ tiert, der wichtigste Schritt auf dem Weg von der Hand- zur mechanischen Ziegelei. Die mechanische Backsteinfabrik in der Binz verfügte bereits über diese Einrichtung zum effizienten und kontinuierlichen Brennen von Ziegeln und Backsteinen. Der Ringofen besteht aus einem grossen Kreis oder Oval mit 12 bis 24 Brennkammern, die voneinander getrennt der Reihe nach mit dem Brenngut beschickt werden. Das Feuer wird ohne Unterbruch in Richtung des Luftstroms im Kammerkreis geführt. Es wandert innerhalb einer bis zwei Wochen um das Rund und brennt die in den Kammern eingeschlossenen Ziegel bei rund 1000 Grad Celsius. Durch ein intelligentes System von Be- und Entlüftungsleitungen erwärmen die gebrannten Ziegel die Zuluft für das Feuer und kühlen sich dabei ab, während die heissen Abgase die Rohlinge trocknen und vorerhitzen. Der kontinuierliche Brand sparte ernorm Brennstoff und lie­ ferte eine regelmässige Qualität der Ziegel. Er ermöglichte zu­ gleich die mengenmässige Ausdehnung der Ziegelproduktion. Die nächste Entwicklungsstufe war der Tunnelofen. Das Brenngut wird dabei auf feuerfeste Wagen geladen, deren Plateau zugleich den unteren Abschluss des Ofens bildet. Die Wagen ­werden nacheinander durch den Brennkanal geschoben. Die oft über 100 Meter langen Tunnelöfen erhöhten die Produktivität der Ziegeleien nochmals wesentlich.

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einer Million Franken ausgestattet; das Aktienkapital der Heurieth von nominal 220 000 Franken wurde mit 330 000 (in Aktien der neuen Firma) bezahlt, was in Anbetracht der schwierigen Zeiten in der Branche Eindruck machte und wohl die Bereitschaft für weitere Konsolidierungs­ schritte erhöhte. Es war das erste grosse geschäftliche Projekt der beiden Schmidheiny-Brüder, die 1905 nach dem Tod ihres Vaters, des Firmengründers Jacob Schmidheiny I., ­gemeinsam die Leitung der von ihm auf­ gebauten Ziegeleibetriebe in St. Gallen und im Rheintal übernommen hatten. Zwar schied Ernst Schmidheiny schon 1907 als Gesellschafter aus dem Ostschweizer Fir­­ menverbund aus, blieb aber im Geschäft mit den Stadtzürcher Ziegeleien. Jeden­ falls hatten die beiden jungen Unter­neh­ mer im neuen Markt ein starkes Signal gesetzt und sich Respekt verschafft. Zement, der mächtige Konkurrent Dabei wurden die Sorgen der Branche nicht kleiner. Die Konsolidierung wurde noch beschleunigt durch die analoge ­Entwicklung bei der Zementindustrie, die als gefährlichste Konkurrentin des Back­ steins gesehen wurde und der sich Ernst Schmidheiny fortan widmen wollte. Er glaubte an die Zukunft des Zements und

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Hauptmann Ernst und Oberleutnant Jacob Schmidheiny (rechts) im Jahr 1903. Der Zusammenschluss der zürcherischen Ziegeleiunternehmen zu den Zürcher Ziegeleien war ihr erstes grosses gemeinsames Projekt nach dem Tod ihres ­Vaters Jacob Schmidheiny.


Soziales Reizklima in der Belle Époque

Das Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl am Ende des 19. Jahrhunderts. Die bescheidenen Arbeiterhäuser (rechts) werden durch rationelle Wohnblöcke (links) ersetzt.

«In Zürich, wo die verstärkte Urbanisie­ rung um die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, wurden Wachstum und die ­modernen Erscheinungen der Grossstadt ­zunächst freudig begrüsst und gefördert. Doch um die Jahrhundertwende nahmen Kritik und Ernüchterung überhand. Die enormen sozialen und räumlichen Verän­ derungen, die innerhalb kürzester Zeit das vertraute Lebensumfeld revolutioniert hatten, brachten Verunsicherung, Orien­ tierungsverlust und soziale Spannungen mit sich. Gewohnte Bilder verloren ihren Wert, und die alteingesessenen Bürger kannten ihre Heimatstadt bald nicht mehr wieder. Im Fin de Siècle breiteten sich Zivi­ lisationskritik und Ablehnung der Gross­ stadt aus. Brennpunkt der Auseinander­ setzungen und Hauptfokus der Stadtkritik war die Entwicklung der Arbeiterstadt­teile: Die starke bauliche Verdichtung, die pro­ visorischen und beengten Wohnverhält­ nisse und der hohe Mobilitätsgrad lösten umso grössere Beunruhigung aus, als sie mit einer schnellen politischen Mobilisie­ rung der Arbeiterschaft einhergingen.» Aus Daniel Kurz: Die Disziplinierung der Stadt – Moderner Städtebau in Zürich 1900 – 1940, 2008.

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sah die Konkurrenzsituation zum ange­ stammten Ziegeleigeschäft durchaus klar. Zugleich sagte er aber immer wieder, man könne Erfindungen mit Zukunftspotenzial nicht bekämpfen; man müsse vielmehr versuchen, sie in die Hand zu bekommen. Aber auch in der Zementindustrie brachten die Überkapazitäten die Preise ins Wanken. 1910 brach deren Syndikat zusammen. Zugleich begann die Epoche des armierten Betons. Die Ziegelei wurde von allen Seiten angegriffen. Doch am Beispiel der drei Stadtzürcher Ziegelei­ unternehmen konnten die betriebswirt­ schaftlich und technisch modern ausge­ bildeten Schmidheiny-Brüder zeigen, wie man solche Strukturprobleme lösen konn­ te und wo die wunden Punkte lagen: zum Beispiel beim zu stark differenzierten Sor­ timent und bei zu geringen Stückzahlen. Allein in den drei benachbarten Zürcher ­Firmen wurden damals 160 Sorten Back­ steine und sogar 200 verschiedene Typen von Dachziegeln hergestellt. Rationalisie­ rung tat dringend not, und auf allen Seiten gab es Unternehmer, die auch angesichts der kritischen Weltlage – Deutschland und Frankreich befeindeten sich zunehmend – die Dinge zu Ende zu denken vermochten. Ernst Schmidheiny gelang es, seine Kolle­ gen und Konkur­renten von den Vorzügen eines Zusammenschlusses samt betriebs­ wirtschaftlich gesteuerter Sortiments­ bereinigung zu überzeugen; er hatte dies

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schliesslich im eigenen Ostschweizer Un­ ternehmen ­zusammen mit seinem Bruder Jacob Schmidheiny II. auch gerade durch­ gezogen. Der Schwung der Gründungsstunde Zweieinhalb Monate, bevor der deutsche Kaiser Wilhelm II. mit militärischem Ge­ pränge Zürich und die Schweiz besuchte, entschlossen sich die Besitzer der Ziege­ leien Albishof-Heurieth und Mechanische Backsteinfabrik Zürich, zu fusionieren. Im Zunfthaus zur Zimmerleuten wurden die nötigen Beschlüsse einstimmig ge­ fasst. Anwesend waren 35 Aktionäre, die ­78 ­Prozent des Kapitals der beiden Gesell­schaften vertraten. Der Schwung der Gründungsstunde wurde ausgenützt. Wenige Wochen später schloss sich auch die Mechanische Ziegelfabrik Wettswil dem neuen Unternehmen an. Noch im gleichen Sommer folgte Hermann KellerMalzacher, dessen Ziegelei Teufen (ZH) bis anhin in der von seinem Bruder beherrsch­ ten Gruppe Pfungen beheimatet war. Keller-Malzacher vermittelte auch gleich den Kontakt zu dem in Hypothekarprob­ lemen steckenden Eigentümer der Ziege­ lei Rafz, die wegen ihrer erheblichen Vor­ räte an rotem Lehm begehrenswert schien, zumal die entsprechenden Vorräte der

Zürcher Ziegeleien im Sihlfeld zur Neige gingen. Diese Akquisition gab den Aus­ schlag für den Bau einer Feldbahn in Rafz und für die Ausstattung der Zürcher ­Fabriken Binz und Tiergarten mit Indus­ triegleisen. Zusammen produzierten die Betrie­ be der neu formierten Gruppe nun 30 Mil­ lionen Stück Ziegel und Backsteine pro Jahr, ohne ihre Kapazitäten voll auszulas­ ten. Mit acht Werken in Stadt und Land, vom Süden bis zum äussersten Norden des wirtschaftsstärksten Kantons der Schweiz, rechtfertigte die Firmengruppe den Namen, den sie sich im Zunfthaus zur ­Zimmer­leuten selbstbewusst gegeben hatte: Zürcher Ziegeleien. Zugleich waren durch die Schmidheiny-Connection die Weichen gestellt für eine noch umfassen­ dere Kooperation mit den Ostschweizer Ziegeleien, ja für eine gesamtschweize­ risch wirksame Marktbereinigung und ­einen wirksamen Gebietsschutz. Schon lange vor dem grossen Zu­ sammenschluss waren Mitglieder der Schmidheiny als treibende Kräfte für das sich formierende Kartell aufgefallen. Ernst Schmidheiny, der sich ab 1907 dem kon­ kurrierenden Zement widmete, war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er 1899 eine Umfrage unter 82 schweizerischen Zie­ geleibesitzern über Grundsatzfragen der Marktordnung durchführte. Genau die


Bührer-Zickzack-Ofen (Ende 19. Jh.), eine Weiterentwicklung des Rundofens. Der Grund­ riss – den man heute für ornamentale Kunst halten könnte – zeigt die Wege der «Rauch-, Warm- und Nassluft» durch das Fundament des Ofens. Schon da­ mals war man auf effi­ ziente Ausnützung des Brennstoffs bedacht. Erstmals wurde im Raum Zürich auch die Restwärme eines Brennofens genutzt. Der Kanal nach rechts führte die heisse Luft in die angeschlossene Trocknerei, wo die ­nassen Ziegel vor dem Brennen ihr überschüs­ siges Wasser abgaben.

Hälfte sprach sich für allgemein verbind­ liche Preis- und Produktionsregeln aus. Das war der Anstoss für die Gründung des Verbandes Schweizerischer Ziegel- und Steinfabrikanten, der in den Folgejahren das Herz des gesamtschweizerischen Zie­ gel- und Backsteinkartells bildete. Spätes­ tens mit dem Ersten Weltkrieg wurde die von langer Hand vorbereitete Konsolidie­

rung Tatsache. Von 1911 bis 1923 ging die Zahl der Ziegeleien in der Schweiz von 191 auf 99 zurück; es verschwanden prak­ tisch sämtliche als Nebenbetriebe von Landwirten geführten Kleinziegeleien.

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Mammut macht Kunden zu Freunden

In Unterwäsche stehen zweihundert Kunden auf einem Gletscher, stundenlang. Dann ist das Foto im Kasten. Für diesen Klick sind sie von weit her in die Schweiz gereist ... 100 Jahre Conzzeta

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Mammut macht Kunden zu Freunden

... Regelmässig wollen zwischen 2000 und 4000 Leute auf den spektakulären Fotos sein, mit denen ­Mammut kommuniziert. Die Schweizer Bergsport- und OutdoorMarke ist Kult. Es ist die Marke, die Kunden zu Freunden macht. In den Berg­ hütten sieht es manchmal aus wie in einem Mammut-Shop. Jacken, Helme, Schuhe, Seile – fast alles von Mammut!

«Wir sind der bunte Hund in der Hightechlandschaft von Conzzeta», lacht CEO Rolf Schmid. Der Hund kann ihm gar nicht bunt genug sein. Denn der Marketingauftritt der Trendsportmarke passt haargenau zum Zielpublikum: Bergsteiger und OutdoorSportler sind leistungsorientiert, selbst­ bewusst, gesellig, manchmal übermütig – aber kritisch und unerbittlich, wenn es um die Qualität ihrer Ausrüstung geht. Das Seil muss halten, schliesslich hängen sie mit ihrem Leben dran. In Seon, dem schweizerischen Hauptsitz der Mammut Sports Group, werden jedes Jahr sieben Millionen Meter Seil geflochten. Das Seil als roter Faden Mit Seilen hat auch alles angefangen. Im Jahre 1862 gründete ein gewisser Kaspar Tanner in Dintikon eine handwerkliche Seilerei. Der Betrieb gedieh und wuchs. 1878 fand er ein grösseres Domizil im benachbarten Städtchen Lenzburg. Daraus wurde 1919 die Seilerwarenfabrik AG Lenzburg, die ab 1968 Arova Lenzburg AG hiess und am Ende zur Textilindustrie­ gruppe Heberlein gehörte. 1982 kam sie zu den Zürcher Ziegeleien, die damals zu diversifizieren begannen, weil auf dem Bau immer weniger Backsteine und Ziegel gebraucht wurden. «Mammut-Everest» war ursprünglich der Markenname eines Bergseils, das seit 1955 mit grossem Erfolg hergestellt wurde und bei Alpinisten in aller Welt einen legendären Ruf genoss. Daneben produzierte Arova Seile für industrielle Zwecke, aber

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auch Kälberstricke. 1999 trennte sich die Arova nicht nur vom angestammten, unrentabel gewordenen Industriebereich, sondern auch von ihrem Namen. Der Sportteil von Mammut zählte damals 30 Mitarbeitende, und der Betrieb schrieb rote Zahlen. Der strategische Entscheid lau­ tete: Wir setzen ausschliesslich auf Bergsport. Seither ist Mammut der Marken­ begriff für ein Sortiment, das weltweit bei den Bergsportlern und -wanderern die Trends setzt: mit Jacken, Hosen, Sportund Bergschuhen, Schlaf- und Ruck­säcken, Kletterseilen, Karabinerhaken, Helmen und elektronischen Lawinensuchgeräten. Heute sind 400 Mitarbeitende am Werk, die über 200 Millionen Jahresumsatz erwirtschaften, Tendenz stark steigend. Das Matterhorn im Hintergrund «Als Schweizer Unternehmen, sozusagen mit dem Matterhorn im Hintergrund, bringen wir für das Outdoor-Geschäft eine besondere Glaubwürdigkeit mit», betont Rolf Schmid. Er war die treibende Kraft bei diesem radikalen Richtungswechsel und sieht sich seither «nicht als Manager, sondern als angestellter Unternehmer». Im Rückblick gesehen hat Arova/Mammut mit der Verwandlung des produktionsorientierten Industriebetriebs in eine marketinggetriebene, stark markenorientierte Organisation ab 1996 genau das richtige Zeitfenster erwischt. Die Produkte haben inzwischen höchste Standards erreicht; so


Jacob Schmidheiny mit ­Mammut-CEO Rolf Schmid (Mitte) bei einem Interview mit dem bekannten ­Fern­sehjournalisten Röbi ­Koller (rechts).

Kaspar Tanner (ganz rechts) gründete 1862 die erste Seilerei von Mammut.

Um 1940: Noch werden die Seile von Hand geschlagen, gespleisst und geknotet.

Die eigene Fertigung im schweizerischen Seon, vom Garn bis zur Konfektion, garantiert die hohe Qualität der Bergseile von Mammut. Alle Seile bestehen aus ­einem elastischen Kern (weiss) und einem schützenden Mantel, der darum geflochten wird. Gut 7000 Kilometer Seil entstehen jährlich auf diese Weise.

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Mammut macht Kunden zu Freunden

gehörte Mammut zu den Ersten, die GoreTex anwendeten. Bekannte Marken wie Fürst (Rucksäcke), Raichle (Schuhe) und Toko (Skiwachs) wurden integriert, Letz­ tere allerdings nur vorübergehend. Als fest­ ­stand, dass Toko zu klein war, um von ­einem 15- zu einem 100-Millionen-Unter­nehmen zu wachsen, wurde die M ­ arke 2010 an den norwegischen Markführer Swix verkauft. Rolf Schmid sagt dazu: «Es war nicht unser Kerngeschäft; es war Chemie und damit unglaublich komplex.» Mammuts Kerngeschäft ist alles, was es zwischen Meereshöhe und 8000 Metern über Meer zum Wandern, Bergsteigen, Klettern und Überleben braucht. Die weltweite Outdoor-Szene hat nicht nur Geld, sondern auch immer mehr freie Zeit – und immer diese ungestillte Sehnsucht nach dem Einmaligen, der beson­ deren Leistung, nach Nähe zur Natur, nach dem unvergesslichen Erlebnis. Zugleich ist diese ­Szene kritisch, anspruchsvoll und schwierig zu erreichen. Es sieht so aus, als habe Mammut den Weg gefunden, um mit diesen herausfordernden Kunden entspannt zu kommunizieren. Lady mit Dackel auf dem Mount ­Everest Viele Outdoor-Fans nutzen besonders intensiv das Internet und die Social Media, tauschen Erfahrungen aus, lassen sich online mobilisieren, nicht zuletzt für die alljährlichen Test-Events von Mammut. Hier

hakt die Kommunikation von Mammut ein, und die Erfolge sind so, dass es nationale und internationale Marketingpreise dafür gegeben hat. Und manchmal streift Mammut mit seinen Kampagnen auch die Grenzen des Surrealen. 2006 gab eine britische Lady von 85 Jahren namens Mary Woodbridge bekannt, sie wolle den Mount Everest in der Direttissima besteigen und ihren Dackel Daisy mitnehmen. Die Nachricht ging um die Welt. In Dutzenden von Internetforen wurde das Projekt mit einer Mischung aus Neugier und Amüsement diskutiert – bis herauskam, dass alles eine Erfindung des Mammut-Marketings war. Die Kernbotschaft lautete: Verlasst euch am Berg nicht einfach auf gutes Material, sondern respektiert eure persönlichen Grenzen! Zum Mammut-Markenkult gehören inzwischen die Test-Events. Kaum war der erste im Internet ausgeschrieben, meldeten sich mehrere Tausend Interessenten an. Dabei waren nur rund 200 Plätze zu vergeben. Alle, auch die vielen Abgewiesenen, spürten: Die glauben an ihre Produkte und riskieren etwas – denn ein Versagen von Seilen, Schuhen, Jacken hätte sich in der Szene in Windeseile herum­ gesprochen. Die Tests gelangen, die Events wurden jährlich wiederholt. Jetzt wird am Ende jedes dieser Testwochen­ enden ein «key visual» produziert, das

verrückte, ­ausser­gewöhnliche Bild, das die Werbung für die nächste Kollektion dominiert: 200 Ski­tourenfahrer in knallroten Hosen, pfeil­förmig aufgereiht, auf dem Tiefschneefeld vor dem Piz Julier in Grau­bünden. Oder 30 Bergführer in Reih und Glied – auf dem schwindelerregenden Grat des «Kleinen Kamels» am Furkapass im Herzen der Schweizer Alpen. Die Botschaft kommt einwandfrei herüber: Ungewöhnliche Produkte verdienen einen ungewöhnlichen Auftritt. Leistungsträger schaffen ­Glaubwürdigkeit Inzwischen sind viele erfolgreiche Solisten und Leistungsträger der globalen Berg-

Die skurrile Geschichte von Mary Woodbridge amüsierte Tausende und warb witzig für Mammut.

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Das «Making of» eines spektakulären Werbefotos von Robert Bösch: Zuerst werden die Seile ­montiert und die Darsteller auf eine Reihe gebracht.

Zusammenrücken – sichern – Seillänge justieren! Die spektakulären Mammut-Fotos erfordern ­Geduld und Massarbeit, ehe sie um die Welt gehen.

Der grosse Augenblick: 30 unerschrockene Alpinisten schweben zwischen Himmel und Erde. Die Botschaft des Bildes: Mammut absolut alpin!

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Giatin et as sumendaepero Ceribus de con etusam, volores tioru Giatin et as sumendaepero Ceribus de con etusam, volores tiorum m

Die ganze Welt auf einem Gletscher: So symbolisiert Mammut seinen Anspruch, eine der weltweit 足f端hrenden Marken f端r Bergsport zu sein.


Mit starkem Schuhwerk extreme Höhen meistern: Ein ­anderes Sujet aus der Fotoserie von Robert Bösch, die um die Welt ging. Schauplatz war das «Kleine Kamel» im Furkagebiet.


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Gifpfeltreffen nach Mammut-Art: spektakulärer ­Schauplatz (Jungfrau-Gebiet), extremer Blickwinkel, tollkühne Models und ein Fotograf, der den richtigen Moment erwischt ...


Wie stark muss eine Marke sein, die es fertigbringt, dass zweihundert Menschen in Unterwäsche auf einen ­Gletscher steigen und sich barfuss fotografieren lassen?


Mammut macht Kunden zu Freunden

steiger- und Kletterszene für Mammut als Markenbotschafter unterwegs: Stephan Siegrist, Daniel Arnold, David Lama, Anna Stöhr und viele andere. Ihre Leistungen mögen für den Durchschnittsbergsteiger unerreichbar sein. Aber sie setzen Massstäbe und wirken als Vorbilder. Wer die Eigernordwand in weniger als zweieinhalb Stunden durchsteigt und dabei der ­Mammut-Ausrüstung vertraut, gibt ein Statement ab, das weit glaubwürdiger ist als jede Werbeaussage. Oder in den Worten von Rolf Schmid: «Wir stricken eben keine blosse Marketingmasche, sondern stellen Produkte her, die bringen, was sie bringen müssen. Wenn Produkt und Kommunikation miteinander übereinstimmen, werden unsere Storys akzeptiert. Mit den spektakulären Fotoinszenierungen des weltberühmten Alpinfotografen Robert Bösch bringen wir zum Ausdruck, dass Mammut etwas Besonderes ist.» Das urige Markenbild aus der Schweiz hat die Outdoor-Fans in aller Welt an der Seele gepackt. Mammut bedeutete alles, was sie in ihrem Leben brauchen und ­wollen: Stärke, Durchhaltewillen, Leidens­ fähigkeit. Outdoor wurde weltweit zum grossen Freizeittrend, vor allem in den reifen Gesellschaften, wo die Grundbedürfnisse gedeckt sind – ausser dasjenige nach der elementaren Leistung, dem Ungewohn-

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Bergsportler suchen kompetente Beratung. Mammut schult und unterstützt seine ­Vertriebspartner, ­damit der Kunde die für ihn richtige Wahl ­treffen kann.

ten, dem Abenteuer. Outdoor fängt beim Bergwandern an und endet beim Eisfallklettern und anderen Extremsportarten. Fairness und Offenheit als ­Kernkompetenzen Mammut unterstützt die Projekte seiner Markenbotschafter mit Equipment und Geld. Die Verhältnisse in diesen Seilschaften sind transparent. «Durch ihre Medienpräsenz bringen die Bergsteiger zurück, was wir investiert haben. Das ist ein faires Geschäft auf Gegenseitigkeit», betont Rolf Schmid. Er weiss, dass seine Kunden kritisch sind, dass manche Hochleistungsbergsteiger nicht gern auf der gleichen Stufe stehen wie die markenbewussten Stadtwanderer, die Mammut auch braucht,

um seine Wachstumsziele – derzeit um die 10 Prozent Jahr für Jahr – zu erreichen. Der Spagat zwischen Extremen und dem Durchschnitt, zwischen Idealen und Realität ist enorm. «Unsere Antwort ist Offenheit und Fairness», betont Rolf Schmid; «das verlangen unsere Kunden zu Recht.» Konkret bedeutet das: Mammut kommuniziert offen, wo die in der Schweiz entworfenen und geprüften Produkte konfektioniert werden: in Portugal, in Lettland, in der Türkei und, ja, auch in China. Es versteht sich von selbst, dass Mammut unter scharfer öffentlicher Beobachtung steht. Die entwicklungspolitische Organisation «Erklärung von Bern» hat 29 inter­


na­tio­nale Outdoor-Firmen auf ihre soziale Verantwortung (fairer Handel, Arbeits­ bedingungen in den Herstellerwerken, Umweltbewusstsein usw.) untersucht. Zusammen mit einer kalifornischen Marke schnitt Mammut am besten ab und erreichte die Kategorie «gut, aber noch verbesserungsfähig». Womit Rolf Schmid einverstanden ist. Im Hauptsitz in Seon im Schweizer Kanton Aargau wird an neuen Projekten gearbeitet, zum Beispiel an einem lückenlosen Herstellungsnachweis für jedes Mammut-Produkt im Internet. Auch die Fälscher mögen Mammut Beim Vertrieb verlässt sich Mammut auf den Fachhandel, weil Teile des Angebots, vor allem technische Artikel, sehr beratungsintensiv sind und die Kunden von den Verkäufern alpinistische Kompetenz erwarten. Folglich bleibt Mammut den aggressiven Sportfachmärkten und deren Preiswettbewerb fern. Seit 2009 gibt es in Deutschland, der Schweiz und Asien ausserdem Mammut-Markenshops im ­ Franchising-System. Hoch sind die Marktanteile in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland. In den USA ist Mammut der grösste europäische Outdoor-Anbieter, aber das Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Gross sind die Erfolge in Japan und Korea. In China ist der Absatz noch verhalten, «weil der Markt noch reifen muss», wie Rolf Schmid sagt. «Die Leute haben noch zu wenig Zeit für Outdoor-

Aktivitäten.» Dafür ist Mammut bereits eine andere, besondere Form der Anerkennung zuteil geworden. Zuerst hat man sich in der Firmenzentrale klammheimlich gefreut, inzwischen ist man verärgert: ­Chinesische Profifälscher haben Mammut entdeckt und vor allem Kleider und Rucksäcke auf den Markt gebracht. Dieser Entwicklung wird nun in den aktuellen Kollektionen gezielt entgegengesteuert, indem einige der exklusiveren Artikel mit einem zusätzlichen Kopierschutz in Form eines Holospots versehen wurden. CEO Rolf Schmid sieht das Problem pragmatisch: «Wenn andere versuchen, uns zu kopieren, haben wir alles richtig gemacht.»

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