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Komplementärgeld Eine PowerPoint-Präsentation des MoneyMuseums

In der Konjunkturkrise der späten 90er-Jahre erlebten Komplementärwährungen weltweit eine Renaissance. Viele lokale und regionale Initiativen schufen zusätzlich zu den staatlichen Währungen private Tauschmittel, die durch Konventionen als Geldersatz innerhalb einer eng begrenzten Gemeinschaft funktionierten. Mit Komplementärwährungen können all jene, die aus verschiedenen Gründen – zum Beispiel Arbeitslosigkeit – nur geringen Anteil haben am offiziellen Geldsystem, in einen lokalen Markt eingebunden werden, auf dem sie durch eigene Arbeitsleistung die Chance haben, ihren Lebensstandard zu erhöhen.

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Komplementärgeld Eine Ergänzung unseres Währungssystems

In diesem Kapitel gehen wir folgenden Fragen nach: - Welche Alternativen zum westlichen Geldsystem haben sich in anderen Kulturen entwickelt, und wie hängen Gesellschaftsstruktur und Geldsystem zusammen? - Wie funktioniert ein Tauschring, was ist Schwundgeld und welche Theorie steckt dahinter? - Welche Möglichkeiten zur Thesaurierung beziehungsweise Altersvorsorge gibt es bei der Verwendung von komplementären Währungen?

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Seit dem 17. Jahrhundert erhoben europäische Staaten den Anspruch, nur das eigene Geld solle auf ihrem Staatsgebiet umlaufen.

Der französische König Ludwig XIV. (16431715) in vollem Ornat und auf einer Münze.

Unser westliches Geldsystem blickt auf eine lange historische Entwicklung zurück. Kursierten bis in die frühe Neuzeit hinein viele verschiedene Münzen unterschiedlicher Herkunft auf dem Markt nebeneinander (vgl. dazu «Kleine Geldgeschichte»), begann der Staat in der Phase des Absolutismus die alleinige Kontrolle über alle Aspekte seiner Währung an sich zu ziehen. Heutzutage entscheidet der Staat, welche Münzen und Banknoten auf seinem Staatsgebiet umlaufen dürfen. Er lässt sie herstellen und zieht als Teil der Staatseinkünfte den Schlagschatz ein (vgl. dazu «Basiswissen Geld» Kapitel 3: «Warum hat der Staat ein Interesse, das umlaufende Geld zu kontrollieren?»). Eine Zentralbank beaufsichtigt die umlaufende Geldmenge. Wie empfindlich europäische Staaten auf einen Eingriff in ihre Finanzhoheit reagieren, wird deutlich durch die Geschwindigkeit, mit der im 19. Jahrhundert die gerade erst aufgekommene Papiergeldausgabe vom Staat monopolisiert wurde. Schliesslich waren die ersten «Banknoten» – wie ihr Name schon sagt – zunächst ausschliesslich von Banken als besonderer Service für ihre Kunden ausgegeben worden. Abbildungen - Münze: Frankreich, König Ludwig XIV. (1643-1717), Ecu aux trois couronnes, 1709. Vorderseite. - Ausschnitt Gemälde: König Ludwig XIV. von Hyacinthe Rigaud, 1701 (Paris, Louvre).

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I. Komplementärgeld am Beispiel

Chinas

In China zum Beispiel war es der Zentralregierung über Jahrhunderte hinweg unmöglich, die gesamte Bevölkerung ausreichend mit Tauschmitteln zu versorgen – einerseits wegen der Grösse des Reiches, andererseits wegen den beschränkten technischen Möglichkeiten der Zeit. So entstand in China ein Geldsystem, das bis ins 19. Jahrhundert kaum Gemeinsamkeiten mit dem Westlichen aufwies.

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In China entwickelte sich ein völlig anderes Geldsystem als im Westen.

In China kursierten über Jahrhunderte verschiedene Geldformen nebeneinander. Manche dieser Zahlungsmittel wurden vom Staat ausgegeben, andere von privaten Kaufleuten oder Bankiers. Abbildungen - Münze: China, Tang-Dynastie, Kaiser Gaozu (618-627), 1 Ch'ien (Käsch). Vorderseite. - Silberbarren: China, Qing-Dynastie, Sycee in Bootsform, 19. Jahrhundert

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Ob schwer oder leicht, ob alt oder neu: jede Käschmünze war gleich viel wert.

China, Tang-Dynastie, Kaiser Gaozu (618-627), 1 Ch'ien (Käsch).

Die chinesische Zentralregierung hatte das Monopol auf der Produktion von Kleingeld: runden Bronzemünzen mit einem viereckigen Loch, die bei uns heute als «Käsch» bekannt sind. Solche Käschmünzen liefen in China über mehr als 2000 Jahre lang um, und es war nicht ungewöhnlich, dass eine Münze über mehr als hundert Jahre in Umlauf blieb. Käschmünzen dienten als Wertmassstab, wobei jeder Käsch den gleichen Wert besass, gleichgültig ob er alt oder neu, schwer oder leicht war. Anders als in Europa war in China also nicht der Wert des Materials entscheidend, sondern allein der Nennwert des Geldes. (Heutzutage ist das allerdings nichts Besonderes mehr, weil unser modernes Zahlungssystem genauso funktioniert). Eine einzelne Käschmünze stellte einen geringen Wert dar, so dass diese Bronzemünzen hauptsächlich für «kleinere» Geschäfte eingesetzt wurden: Sie dienten zur Bezahlung des Tageslohns, oder man kaufte damit die tägliche Nahrung auf dem Markt. Für grössere Transaktionen griff man auf Käschschnüre zurück, auf die 100 oder 1000 Käschmünzen aufgezogen waren. Steuern und andere Abgaben hingegen zahlte man in Naturalien - je nach Gegend oder Epoche zum Beispiel in Form von Seidenballen, Tee oder Reis. Abbildung - China, Tang-Dynastie, Kaiser Gaozu (618-627), 1 Ch'ien (Käsch).

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In China bezahlte man bereits im 10. Jahrhundert mit Papiergeld.

China, Ming-Dynastie, Kaiser Taizu (13681398), 1000 Ch'ien (Käsch).

Weil es ihnen an Kupfer zur Münzausgabe mangelte, gaben die Kaiser der SongDynastie (960-1279) im 10. Jahrhundert Papiergeld aus. Die Noten sollten das umlaufende Münzgeld nicht ersetzen, sondern waren als Kreditgeld gedacht: die Noten sollten später wieder gegen Münzgeld eingetauscht werden können - was allerdings nie geschah. Die auf die Song folgende Yuan-Dynastie (1271-1367) setzte Papiergeld als allgemein gültiges Zahlungsmittel in Umlauf, wobei ihnen Silber als Deckung diente. Die abgebildete Note stammt aus der Zeit der Ming-Dynastie (1368-1644), und ist das älteste erhaltene Papiergeld weltweit. Die Note war 1000 Käsch wert, was durch 10 Käschschnüre à je 100 Käsch illustriert ist. Abbildung - China, Ming-Dynastie, Kaiser Taizu (1368-1398), 1000 Ch'ien (Käsch). Vorderseite.

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Silberbarren wurden in China privat hergestellt. Die Produktion wurde vom Staat genau überwacht.

China, Qing-Dynastie, Silberbarren in Bootsform, 19. Jahrhundert.

Kupfermünzen und Papiergeld wurden durch privat produzierte Silberbarren ergänzt, deren Gewicht von staatlicher Seite garantiert wurde: Jeder Produzent musste auf seinem Barren exakt angeben, welcher Bankier, welcher Schmied in welchem Jahr und in welchem Distrikt den Barren hergestellt hatte. War daran etwas zu bemängeln, so wurden die Verantwortlichen von staatlicher Seite zur Rechenschaft gezogen und schwer bestraft. Damit kursierten in China unterschiedliche Geldformen, welche die vier verschiedenen Funktionen von Geld in unterschiedlichem Masse erfüllten (siehe dazu «Basiswissen Geld», 1. Kapitel: Wofür wird Geld in unserer Gesellschaft benutzt?): 1. Tauschmittel 2. Wertmesser 3. Thesaurierungsobjekt 4. Sühnemittel Abbildung - China, Qing-Dynastie (1644-1911), Silberbarren in Bootsform, 19. Jahrhundert. Vorderseite.

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1. Funktion: Tauschmittel.

Als Tauschmittel konnte vieles nebeneinander eingesetzt werden: Für grosse Geschäfte Silberbarren, Seide oder Geldscheine, für die kleinen Geschäfte des Alltags die Käschmünzen oder verschiedene Naturalien, zum Beispiel Reis oder Tee. Abbildungen - Münze: China, Tang-Dynastie, Kaiser Gaozu (618-627), 1 Ch'ien (Käsch). Vorderseite. - Silberbarren: China, Qing-Dynastie, Sycee in Bootsform, 19. Jahrhundert. Vorderseite. - Papiergeld: China, Ming-Dynastie, Kaiser Taizu (1368-1398), 1000 Ch'ien (Käsch). Vorderseite. - Ballen chinesischer Seide. - Chinesischer Puer Blättertee - Chinesischer weisser Reis


2. Funktion: Wertmesser.

Als einheitlicher Wertmesser dienten die K채schm체nzen. Abbildung - China, Tang-Dynastie, Kaiser Gaozu (618-627), 1 Ch'ien (K채sch). Vorderseite.

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3. Funktion: Thesaurierungsobjekte.

Als Thesaurierungsobjekte benutzten Privatleute und Staat Seidenballen und Silberbarren, denn die Käschmünzen stellten einen zu geringen Wert dar, um gespart (thesauriert) zu werden. Die staatlichen Geldscheine andererseits verloren ständig an Wert, und mussten in regelmässigen Abständen umgetauscht werden; auch sie eigneten sich damit nicht zum Sparen. Abbildungen - Silberbarren: China, Qing-Dynastie, Sycee in Bootsform, 19. Jahrhundert. Vorderseite. - Ballen chinesischer Seide.

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1. Funktion: Tauschmittel.

Als Sühnemittel galt, was gerade an Zahlungsmitteln vorhanden war. So zahlten zum Beispiel die Bauern - also der allergrösste Teil der Bevölkerung - ihre Strafen in Naturalien wie Reis oder Tee. Vornehmere Familien, etwa der Beamten- oder Kaufmannsstand, zahlte mit Käschmünzen, Papiergeld oder Silber. Mit seinen verschiedenen Geldern verfügte China über ein flexibles System von staatlichen und privaten Geldmitteln, die nebeneinander – sozusagen komplementär – eingesetzt wurden. Abbildungen - Münze: China, Tang-Dynastie, Kaiser Gaozu (618-627), 1 Ch'ien (Käsch). Vorderseite. - Silberbarren: China, Qing-Dynastie, Sycee in Bootsform, 19. Jahrhundert. Vorderseite. - Papiergeld: China, Ming-Dynastie, Kaiser Taizu (1368-1398), 1000 Ch'ien (Käsch). Vorderseite. - Ballen chinesischer Seide. - Chinesischer Puer Blättertee - Chinesischer weisser Reis


Exkurs: Die protestantische Arbeitsethik und das westliche Geldsystem

Kulturelle, politische und geografische Gegebenheiten liessen in China ein vรถllig anderes Geldsystem als das westliche entstehen. Welchen Einfluss kulturelle Voraussetzungen auf die Entwicklung von Tauschmitteln und ihren Einsatz haben kรถnnen, soll in diesem Abschnitt gezeigt werden. Hier geht es um die Entstehung unseres eigenen aktuellen Wertsesystems.

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Christus teilt den drei mittelalterlichen Ständen – der Geistlichkeit, den Rittern und den Bauern – ihre Aufgaben zu.

Das christliche Weltbild des europäischen Mittelalters verband den Erwerb göttlicher Gnade mit demütigem Verharren eines Jeden in seinem angeborenen Stand, also gerade nicht mit dem Streben nach immer mehr. Es verbot den Gewinn aus Geldbesitz, also das Zinsnehmen, und misstraute dem als zu leicht beweglich empfundenen Münzgeld. Unser heutiges Weltbild hat sich allerdings, nicht zuletzt durch die Kirchenkritik der Reformation, weit von diesem mittelalterlichen Wertesystem entfernt. Abbildung - Christus teilt den drei Ständen des Mittelalters ihre Funktionen zu: Links der geistliche Stand: Tu supplex ora (du sollst beten). Rechts der Fürstenstand: Tu protege (du sollst Schutz gewähren). Unten die Bauern mit der zweizinkigen Haue: Tuque labore (und du sollst arbeiten).

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Max Weber (1864-1920).

Im Jahr 1920 äusserte der Soziologe Max Weber (1864-1920) in seinem Werk «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» die These, dass die calvinistische Prädestinationslehre unsere Vorstellungen von Pflicht, Arbeit und Gewinn geprägt habe. Die Prädestinationslehre lässt sich auf folgende Punkte reduzieren: 1. Gott ist allwissend. 2. Gott ist gerecht. Daraus folgt 3: weil Gott allwissend ist, weiss er, wer sich in seinem Leben als Christ bewähren wird und damit für das Himmelreich bestimmt ist. Weil Gott gerecht ist, belohnt er jene, die sich bewähren werden, schon im Diesseits. So gelten all jene, die über Wohlstand verfügen, als von Gott anerkannte Kandidaten für das Himmelreich. In diesem Weltbild gilt als gerecht und lohnend, was hinterher in Franken und Rappen ausgedrückt werden kann. Was keinen finanziellen Gewinn bringt – z. B. die Betreuung von Kindern, Alten und Kranken, künstlerische oder musische Betätigung – wird als zweitrangig betrachtet. Natürlich wurde dieses Wertesystem seit der Reformation immer wieder kritisiert. Dennoch orientiert sich das westliche Ideal bis heute an Geld und Leistung. Wer Vermögen erworben hat und über finanzielle Ressourcen verfügt, erfährt Hochachtung. Gleichzeitig unterstützt unser Zinssystem Besitzenden. Wer Geld verleiht, beziehungsweise auf der Bank anlegt, der erhält dafür Zinsen. Wer dagegen sein Konto überzieht, zahlt dafür Zinsen. Das ist ein Problem nicht nur für verschuldete Privatpersonen, sondern auch für viele Länder der Dritten Welt, die durch die hohen Zinsen, die sie für ihre Schuldendienste zu leisten haben, nicht in der Lage sind, die geringen Einkünfte in einen Aufbau der Infrastruktur zu investieren.

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II. Das Wirtschaftssystem von

Palau

Nicht immer und 체berall war es selbstverst채ndlich, Gelderwerb und Geldbesitz weit oben im Wertesystem zu positionieren. Es gibt viele Beispiele von anderen Wertesystemen.

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Die Inselgruppe Palau liegt in der S端dsee.

An dieser Stelle stellen wir das Sozial- und Geldsystem von Palau vor, einer Inselgruppe in der S端dsee.

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In Palau unterstützt jede Frau die Familie ihres Bruders.

Während in Europa die Kleinfamilie aus Vater, Mutter und Kindern im Zentrum steht, beruht in Palau die soziale Struktur auch heute noch auf dem von Frauen beherrschten Klan. Innerhalb dieses Klans besteht eine enge Verbindung nicht zwischen Eltern und Kind, sondern zwischen Bruder und Schwester. Die Schwester ist verpflichtet, ihren Bruder zu unterstützen. So muss sie ihm zum Beispiel die Ehe finanzieren, und das ist eine teure Angelegenheit. Denn die Ehefrau, die aus einem andern Klan stammt, erhält von ihrer Schwägerin nicht nur bei der Heirat Geld, sondern auch für jedes Kind, das sie zur Welt bringt. Bei einer Scheidung oder dem Tod eines der beiden Ehepartner ist eine weitere Zahlung der Schwester an die Schwägerin, beziehungsweise an ihren Klan, fällig. Die Ehefrau ihrerseits gibt das erhaltene Geld aus, um ihren eigenen Bruder zu unterstützen, während die Schwester das Geld für die Zahlungen von der Schwester ihres eigenen Ehemanns empfängt. So ist jedes weibliche Mitglied der Klans von Palau in ein Netz von Tauschbeziehungen eingebunden. Ansehen gewinnt diejenige, die sich bei ihren Ausgaben am grosszügigsten zeigt.

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Das Frauengeld auf Palau heisst Toluk. Nicht sein Besitz verschafft Anerkennung, sondern das Weitergeben.

Palau, Toluk, spätes 19. oder frühes 20. Jahrhundert.

Die Frauen unterstützen ihre Brüder, bzw. Schwägerinnen, mit einem nur von den Frauen benützten Frauengeld. Es heisst Toluk, und nicht sein Besitz bringt Prestige, sondern sein Weggeben. Ein Toluk ist eine aus dem Panzer der Meeresschildkröte hergestellte Schale, die einen hohen Wert verkörpert. Abbildung - Palau, Toluk, spätes 19. oder frühes 20. Jahrhundert.

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Solche Schalen wechseln nur zwischen Frauen den Besitz.

Bildquelle: Das Fenster 147, Abb. S. 5

Solche Schalen wechseln nur zwischen Frauen den Besitz. Abbildung - Palauanerin mit zwei Toluk-Schalen. Quelle: Das Fenster 147, Abb. Seite 5.

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Palauanerin mit einer Kette von runden Glasperlen.

Bildquelle: Das Fenster 147, Abb. S. 3

Die Männer von Palau benutzen eine andere Form von Geld, die Udoud. Allerdings wird auch über diese Geldform von den Frauen kontrolliert. Es handelt sich um Glasperlen und um durchbohrte Teile von Glasarmreifen, die im 15. Jahrhundert von chinesischen und malaiischen Händlern nach Palau gebracht wurden. Die Glasperlen werden eingesetzt, um Handwerker für ihre Dienste zu entlohnen, Nahrungsmittel zu kaufen und Frauen für den sexuellen Akt zu bezahlen. Für ihre sexuellen Dienste werden übrigens nicht nur fremden Frauen bezahlt, sondern auch die eigene Ehefrau. Abbildung - Palauanerin mit einer Kette von runden Glasperlen. Quelle: Das Fenster 147, Abb. Seite 3.

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Das wertvollste Geld von Palau sind aus alten Armreifen geschnittene Perlen.

Bildquelle: Das Fenster 147, Abb. S. 4

Das wertvollste Zahlungsmittel sind die «Perlen», die aus alten Glasarmreifen geschnitten werden. Sie werden auf höchster Ebene an andere Klans weiterverhandelt – sie dienen etwa als Reparationszahlung nach einem verlorenen Krieg, werden einem anderen Klan für Hilfe bei der Errichtung eines Versammlungshauses gezahlt, oder für Landkäufe eingesetzt. Abbildung - Perle, aus einem alten Glasarmreif geschnitten. Quelle: Das Fenster 147, Abb. Seite 4.

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Traditionelle palauanische Zahlungsmittel.

Geld wie das von Palau hat eine völlig andere Funktion als unser westliches Geld. Das zeigt sich schnell, wenn wir diese Geldform mit den vier Charakteristika des Geldes vergleichen, die wir im Teil «Basiswissen Geld» vorgestellt haben. Abbildungen - Palau, Udoud aus verschiedenen Glasperlen, 20. Jahrhundert. - Palau, Toluk, spätes 19. bis frühes 20. Jahrhundert. - Palau, Udoud aus einer Armreifen-Perle.

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Vergleich der Funktionen des westlichen und des palauanischen Geldes.

Wertmassstab

Westliches Geldsystem

Geldsystem von Palau

ja

nein

1. Wertmassstab: Das traditionelle Geld von Palau stellt keinen Wertmassstab im westlichen Sinn dar. Die Höhe der Zahlung richtet sich nicht nach dem Wert der Leistung oder des Gegenstandes, sondern nach überkommenen Bräuchen und nach dem Prestige, das eine Geberin erhalten will. So kann die Bezahlung einer Leistung völlig unterschiedlich ausfallen, je nachdem welchen sozialen Status eine Geberin für sich beansprucht.

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Vergleich der Funktionen des westlichen und des palauanischen Geldes. Westliches Geldsystem

Geldsystem von Palau

Wertmassstab

ja

nein

Tauschobjekt

ja

nein

2. Tauschobjekt: Auf Palau wird das traditionelle Geld nicht als Tauschobjekt für den täglichen Bedarf benutzt. In vorkolonialer Zeit produzierte jede Familie genug Nahrung für sich selbst, heute arbeiten die Bewohner von Palau genau wie wir auch und erhalten dafür Dollars, um ihre tägliche Nahrung zu kaufen.

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Vergleich der Funktionen des westlichen und des palauanischen Geldes. Westliches Geldsystem

Geldsystem von Palau

Wertmassstab

ja

nein

Tauschobjekt

ja

nein

Thesaurierungsobjekt

ja

ja

3. Thesaurierungsobjekt: Das M채nnergeld von Palau kann durchaus als Thesaurierungsobjekt (Wertanlagemittel) bezeichnet werden. Noch heute sind die alten Perlen als Statusobjekte hoch gesch채tzt. Der Verkauf von alten Armringen erzielt manchmal Summen von vielen Tausend Dollars. Das Frauengeld gewinnt dagegen seine Thesaurierungsfunktion nur, indem man es ausgibt, denn f체r jedes bei einem traditionellen Anlass ausgegebene Toluk kommt mindestens der gleiche Betrag zur체ck, wenn die Geberin den gleichen Anlass feiert.

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Vergleich der Funktionen des westlichen und des palauanischen Geldes. Westliches Geldsystem

Geldsystem von Palau

Wertmassstab

ja

nein

Tauschobjekt

ja

nein

Thesaurierungsobjekt

ja

ja

Sühneobjekt

ja

ja

4. Sühnegeld: Als Sühnegeld wurde traditionell das Männergeld verwendet. Es wurde auf einem Toluk präsentiert, um die sozialen Bindungen wieder herzustellen: Das Männergeld bezahlte den Schaden, das Toluk förderte die Versöhnung.

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Vergleich der Funktionen des westlichen und des palauanischen Geldes. Westliches Geldsystem

Geldsystem von Palau

Wertmassstab

ja

nein

Tauschobjekt

ja

nein

Thesaurierungsobjekt

ja

ja

Sühneobjekt

ja

ja

Gemeinschaftsbildend

nein

ja

Neben diesen vier Funktionen erfüllt das Geld von Palau noch weitere Aufgaben, die unser westliches Geldsystem nicht berücksichtigt: das Frauengeld stärkt den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft. Ausserdem ist nicht nur der Besitz des Geldes, sondern vor allem der grosszügige Umgang damit dem Prestige förderlich.

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Vergleich der Funktionen des westlichen und des palauanischen Geldes. Westliches Geldsystem

Geldsystem von Palau

Wertmassstab

ja

nein

Tauschobjekt

ja

nein

Thesaurierungsobjekt

ja

ja

Sühneobjekt

ja

ja

Gemeinschaftsbildung

nein

ja

Prestigeobjekt

ja, bei Besitz

ja, bei Weitergabe

Heute hat sich unser westliches Geldsystem weltweit durchgesetzt. In manchen Teilen der Welt hat sich parallel dazu noch das traditionelle Geldverständnis erhalten. Gerade im Vergleich mit diesen verschiedenen, geografisch oft eng begrenzten ökonomischen Systemen wird deutlich, dass dem westlichen Geldsystem der soziale Aspekt vollständig abhanden gekommen ist.

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III. Alternativen zum westlichen Wirtschaftssystem

Seit die Monetarisierung sich Mitte des 19. Jahrhunderts n. Chr. in Westeuropa und Nordamerika vollst채ndig vollzogen hat, haben Denker immer wieder an Konzepten gearbeitet, die dem westlichen Geldsystem andere und neue Ideen gegen체berstellen. Die verschiedenen Vorstellungen betonen unterschiedliche Aspekte des Geldes.

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1. Der neue Wertmassstab

Terra

Spätestens seit dem Ende des Ersten Weltkrieges (1914-1918) besteht das westliche Umlaufgeld nicht mehr aus Gold und Silber, und die Bindung an den Goldstandard – die Verpflichtung, dass umlaufendes Papiergeld bis zu einem bestimmten Prozentsatz durch Gold gedeckt sein muss – wurde seit den 1970er-Jahren in den meisten Ländern aufgehoben (in der Schweiz seit 1997). Doch wie kann unser Geld noch Wertmassstab sein, wenn kein realer Gegenwert mehr vorhanden ist? Alle anderen Massstäbe sind über existierende Objekte oder jederzeit nachvollziehbare Messungen definiert. So liegt das Urkilogramm im Tresor des Internationalen Büros für Mass und Gewicht in Sèvres bei Paris, und der Meter wird angegeben als die Strecke, die das Licht im Vakuum in einer Zeit von 1/299.792.458 Sekunde zurücklegt. Was aber ist der «reale» Wert eines Dollars oder eines Franken, wenn die Währungen jederzeit durch eine Deflation Wert gewinnen oder durch eine Inflation Wert verlieren können?

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Was ist der reale Gegenwert einer Währung?

Die verschiedenen Wertmesser wie Franken, Euro, Dollar oder Yen, sind heute also höchst ungenau. Deshalb schlug der belgische Wirtschaftstheoretiker Bernard A. Lietaer vor, ein neues, inflationssicheres und beständiges Mass einzuführen: den Terra.

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1 Terra entspricht einem genau festgelegten Warenkorb.

Die «Welt»-Währung (terra = lat. Welt) ist an den exakt feststellbaren Wert eines festen Warenkorbs gebunden. Bernard A. Lietaer griff dafür eine im Jahr 1933 in Frankreich publizierte Idee wieder auf. Damals bestimmte man als Gegenwert eines Terra folgende Produktpalette: 300 mg Feingold, 2 Kilogramm Getreide, 200 Gramm Fleisch, 1 Liter Wein, 3 Kilogramm Stahl, 200 Gramm Baumwolle, 200 Gramm Kupfer, 1 Kilometertonne (= die Transportkosten von einer Tonne Ware um einen Kilometer), 10 Kilowattstunden und eine halbe Arbeitsstunde.

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1 Terra entspricht einem genau festgelegten Warenkorb. 1 Terra = 1/100 Unze Feingold 2 Kilogramm Getreide 200 Gramm Fleisch 1 Liter Wein 3 Kilogramm Stahl 200 Gramm Baumwolle 200 Gramm Kupfer 1 Kilometertonne 10 Kilowattstunden 1/2 Stunde Arbeit

Der Terra könnte als reine Buchwährung neben den traditionellen Landeswährungen existieren und als Wertmassstab und Tauschmittel eingesetzt werden.

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2. Alternative

Tauschmittel

Die meisten Theoretiker beschäftigen sich mit dem Einsatz alternativer Geldformen und Verrechnungssysteme als Tauschmittel. Weit verbreitet haben sich dabei TauschbÜrsen und Lokal- bzw. Regionalgeld.

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a: Tauschringe

2007 gab es in der Schweiz 26 Tauschringe. Diese konzentrierten sich vor allem auf die st채dtischen Agglomerationen. So befanden sich allein im Grossraum Z체rich und Winterthur acht, in der Region Basel vier Tauschringe. Dies ist nicht verwunderlich, denn gerade in st채dtischen Zentren sind die Nachteile unseres Wirtschaftssystems am schnellsten und sp체rbarsten wahrzunehmen.

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Alternativen als Tauschmittel.

Die auf Gewinn ausgerichtete Wirtschaft stellt an die Arbeitnehmenden höchste Anforderung. Wer diese nicht erfüllt, läuft in Gefahr, ausgemustert zu werden. Längere Arbeitslosigkeit führt oft in die Sozialhilfe, zu Armut und Isolation. Aber auch andere Menschen geraten in Armut – sei es, weil sie sich der Kinder- oder Altenbereuung widmen, einer Ausbildung nachgehen, oder aus Altersgründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Tauschringe und andere Organisationen suchen Auswege aus diesem Dilemma. Die Idee ist, dass nicht im allgemeinen Wirtschaftsleben integrierte Menschen oft eines im Überfluss haben: Zeit. Diese Zeit kann in einem Tauschring umgesetzt werden. Homepages: Siehe www.tauschnetz.ch --> Links

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Zeit als Tauschmittel.

Das Prinzip ist einfach: A ist von Beruf Friseuse. Sie bietet an, den Mitgliedern ihres Tauschrings die Haare zu schneiden. Die Zeit, die sie dafür aufwendet, erhält sie als Gutschrift auf ein Konto deponiert. Für diese Stunden, die sie durch Haareschneiden verdient hat, kann A nun die Angebote jedes anderen Mitglieds im Tauschring in Anspruch nehmen. Vielleicht möchte sie lernen, die Gitarre zu spielen; vielleicht sollte ihr Garten umgegraben werden, oder sie braucht einen Babysitter, oder sie möchte ihr Französisch auffrischen.

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Alle besitzen Fähigkeiten, die sie in einem Tauschring einbringen können.

Jeder von uns besitzt besondere Fähigkeiten, erlernte oder angeborene. In einem Tauschring können wir sie gegen die Fähigkeiten anderer eintauschen. Dabei entfällt zumeist die unterschiedliche Bewertung, wie sie die Wirtschaft kennt. Wer einen Computer programmieren kann, wird nicht automatisch höher eingestuft als ein Tauschringteilnehmer, der handwerkliche oder soziale Leistungen bietet. Auf dem Prinzip der Nachbarschaftshilfe basierend, treffen Menschen, die sich vorher nicht kannten, zusammen und helfen dem nächsten, um selbst Hilfe zu erhalten. Dabei wird die Qualität der geleisteten Arbeit häufig als besser empfunden als die von gekaufter Leistung, weil Leistung im Tauschring nicht unter Zeitdruck erbracht werden muss. Homepage: http://www.tauschkreis.ch/

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b: Lokalgeld

Unser Einkaufsverhalten ist von bestimmten grundsätzlichen Erwägungen geprägt. Bei den Meisten beeinflusst hauptsächlich der Preis einer Ware den Kauf: Wir kaufen dort, wo wir glauben, eine Ware am günstigsten zu erhalten. Erst in zweiter Linie überlegen wir, wo wir gerne einkaufen.

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Grossverteiler haben riesige Einkaufsvolumina und können deshalb die Ware günstig weitergeben.

Dieses Einkaufsverhalten führt dazu, dass im Zeichen des Preiskampfs die grossen Ketten die Gewinner sind. Durch ihre riesigen Einkaufsvolumina und in Verbindung mit dem kaum existierenden Service können sie die Ware günstig an den Endverbraucher weitergeben.

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Detaillisten bieten eine ausgesuchte Auswahl, persönliche Beratung, guten Service und Nähe zum Kunden.

Die kleinen Einzelhändler können in diesem Wettbewerb nicht mithalten. Dabei hätten auch sie vieles zu bieten: Eine ausgesuchte Auswahl, persönlichen Service, gute Beratung, die Nähe zum Kunden.

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Das Verschwinden der kleinen Läden führt zu einer Verödung der Innenstädte.

Auch den Stadtverwaltungen macht diese Entwicklung Angst. Schliesslich führt die Vernachlässigung der lokalen Einzelhändler auf die Dauer zu einer Verödung der Innenstädte, wenn alle Einkäufe nur noch in den grossen Einkaufsmärkten in den Gewerbegebieten getätigt werden und die Einzelhandelsgeschäfte von den wenigen restlichen Kunden nicht mehr leben können.

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Lokalgeld läuft in bestimmten Geschäften eines genau definierten geografischen Raumes um.

Als Lösung dieses Problems wird immer häufiger die Einführung von Lokalgeld vorgeschlagen. Lokalgeld ist Geld, das nur in einem ganz bestimmten geografischen Raum und bei einer ganz bestimmten Sorte von Geschäft umlaufen kann.

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Lokalgeld läuft in bestimmten Geschäften eines genau definierten geografischen Raumes um.

Lokalgeld bietet dem Kunden entweder finanzielle Vorteile, so z. B. Rabatte auf den Einkauf mit Lokalgeld oder Treueprämien. Oder er unterstützt mit der Benutzung von Lokalgeld Vereine, Schulen und andere Institutionen vor Ort. Der Laden, der Lokalgeld akzeptiert, hofft auf eine grössere Kundenbindung. Sinn des Systems ist es, die Kunden und ihre Geschäfte durch das Geld zu einer Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft zu machen, die sich miteinander identifiziert.

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Einige Tauschringe wollen verdiente Stunden mit Lokalgeld gleichsetzen.

In einigen Regionen denkt man darüber nach, die Stunden, die man im Tauschring erwirbt, mit Lokalgeld gleichzusetzen. Dadurch könnte der Tauschringteilnehmer nicht nur auf Gegenleistungen hoffen, sondern auch Waren durch seine Arbeit verdienen. Es sind vor allem steuerliche Fragen, die hier noch zu klären sind, denn durch das private Geld verliert der Staat die Kontrolle über die erwirtschafteten Einkommen. Es wird sich zeigen, in wie weit solche Kombinationen möglich sein werden.

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IV. Das historische Vorbild: das Frei- oder Schwundgeld des

Silvio Gesell Bereits w채hrend der Weltwirtschaftskrise von 1932/1933 gab es erste Versuche mit Regionalgeld. Diese waren beeinflusst von den Freigeldtheorien des Kaufmanns, Finanztheoretikers und Sozialreformers Silvio Gesell (1862-1930).

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Kaufmann, Freigeldtheoretiker und Sozialreformer: Silvio Gesell (1862-1930).

Silvio Gesell hatte die Annahme formuliert, dass der Mensch in Krisenzeiten dazu tendiert, sein Geld nicht auszugeben, sondern für die eigene Notlage zu horten. Dies entzieht dem Markt Geld, wenn es dringend gebraucht würde. Man müsse also den Wirtschaftsfluss sichern, indem man dem Markt ein Tauschmittel zur Verfügung stellt, das sich nicht horten lässt oder dessen Hortung durch negative Zinsen bestraft würde. Dieses Tauschmittel wurde Frei- oder Schwundgeld genannt.

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Die WÄRA war ein so genanntes Frei- oder Schwundgeld.

Am 20. Oktober 1929 wurde die «WÄRA-Tauschgesellschaft» gegründet; zwei Jahre später gehörten ihr bereits rund 1000 Firmen im damaligen Deutschen Reich an. Als Tauschmittel benutzte die WÄRA-Tauschgesellschaft die WÄRA, die als Freigeld oder Schwundgeld konzipiert war.

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Frei- oder Schwundgeld verlor jeden Monat ein Prozent seines Wertes.

Schwundgeld war Geld, das jeden Monat 1 Prozent seines Wertes verlor: Für jeden Monat, in dem eine WÄRA-Note in Umlauf bleiben sollte, musste ihr Besitzer zusätzlich eine Wertmarke kaufen, und auf den WÄRA-Schein aufkleben. Damit sollte verhindert werden, das WÄRA gehortet wurden, und der Geldumlauf sollte beschleunigt werden.

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Schwanenkirchen im Bayrischen Wald.

Der Durchbruch gelang der WÄRA in dem kleinen Ort Schwanenkirchen im Bayerischen Wald. Dort hatte der wichtigste Arbeitgeber, ein Braunkohlenbergwerk, Konkurs anmelden müssen. Die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an, was natürlich auch Auswirkungen auf die anderen Betriebe und Geschäfte von Schwanenkirchen hatte. Das Dorf drohte in die Armut abzusinken. Max Hebecker, ein Bergbauingenieur und überzeugter Anhänger der Freiwirtschaftslehre, versuchte, diesen Teufelskreis aufzuhalten. Er kaufte das Bergwerk für 8'000 Reichsmark, und finanzierte den Betrieb des Bergwerks mit einem Kredit der WÄRA-Tauschgesellschaft. Der Kredit belief sich auf 50'000 Reichsmark, die zum Teil in Reichsmark, zum grösseren Teil aber in WÄRA ausgezahlt wurden. Das Braunkohlenbergwerk in Schwanenkirchen begann wieder zu arbeiten und beschäftigte zunächst 45, wenig später bereits rund 60 Bergwerksarbeiter – und das in einer Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen Niedergangs. Die Arbeiter wurden zu zwei Drittel in WÄRA bezahlt, was die Geschäfte von Schwanenkirchen zwang, WÄRA zu akzeptieren, wollten sie nicht Kunden verlieren. Damit entstand in Schwanenkirchen ein schwunghafter Handel auf WÄRA-Basis. Das Experiment wurde im Ausland bekannt, was gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Behörden auf die Vorgänge in Schwanenkirchen lenkte. Diese erhoben am 5. August 1931 Strafantrag gegen den Bergwerksdirektor Max Hebecker wegen unbefugter Ausgabe von Banknoten und Betrug! Das Gericht weigerte sich, der Anklage nachzugehen. So erliess der Reichsfinanzminister am 30. Oktober 1931 eine Verordnung, dass auch die WÄRA als Notgeld zu definieren und damit von staatlicher Seite bewilligungspflichtig sei; die WÄRA-Tauschgesellschaft wurde verboten.

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Wörgl im Tiroler Inntal.

Damit war das WÄRA-Experiment gescheitert. Aber in österreichischen Wörgl hatte man von dem Freigeld-Experiment gehört; als dort im Jahr 1932 die lokale Zementund Zellulosefabrikation stark zurückging und die Gemeindekasse wegen des Steuerwegfalls und der gestiegenen Kosten für die Arbeitslosenunterstützung praktisch kein Geld mehr in der Kasse hatte, griff der Bürgermeister von Wörgl, Michael Unterguggenberger, die Idee des Schwundgelds auf.

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Auch das Freigeld von Wörgl war ein Erfolg.

Er führte den Wörgler Schilling ein, und bezahlte damit umfangreiche Arbeitsbeschaffungsmassnahmen. Die Arbeitslosenquote sank von 21 auf 15 Prozent und noch heute steht in der Stadt eine mit Freigeld erbaute Brücke. Das Freigeld hatte also auch in Wörgl Erfolg, was dazu führte, dass mehr als einhundert österreichische Gemeinden dem Beispiel von Wörgl folgen wollten. Aus Frankreich reiste der Finanzminister an, um sich über den Erfolg zu informieren und selbst in den USA diskutierten Wirtschaftswissenschaftler, ein ähnliches Geld einzuführen. Doch auch in Österreich wehrte sich der Staat gegen diese Form des privaten Geldes: Die Österreichische Notenbank AG erhob vor Gericht ihren Anspruch auf die alleinige Ausgabe von Geld. Der zuständige Verwaltungsgerichtshof verbot am 18. November 1933 jede Form von privatem Geld. Die Ausgabe des Wörgler Schillings und all seiner Nachahmungen wurde eingestellt.

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1934 wurde in der Schweiz die WIR WirtschaftsringGenossenschaft gegr체ndet.

Das dritte Beispiel f체hrt in die Schweiz. Hier rief im Oktober 1934 der Lehrer und Sozialreformer Werner Zimmermann (1893-1982) die WIR WirtschaftsringGenossenschaft ins Leben. In ihr waren vor allem kleine und mittelst채ndische Unternehmen organisiert, die so versuchten, der herrschenden Geldknappheit eine Alternative entgegenzusetzen.

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Das Buchgeld WIR gibt es heute noch: 2006 wurden Zahlungen in der Höhe von 1,67 Milliarden WIR getätigt.

Im Unterschied zu der WÄRA und dem Wörgler Schilling war WIR als Buchgeld konzipiert. Eine Zentrale verwaltete die Guthaben aller Teilnehmer; Anfang 1935 gehörten 1700 Betriebe in der ganzen Schweiz der WIR-Genossenschaft an, Ende des Jahres sogar schon 3000. Auch in der Schweiz wehrte sich die Notenbank gegen das Schwund- und Freigeld. Sie hatte am 21. Juni 1934, noch vor der Gründung der WIR-Genossenschaft, eine «Vereinigung für gesunde Währung» gegründet, die kapitalkräftig und politisch aktiv das alternative Geld bekämpfte. Dieser Vereinigung gelang es, die Schweizerische Bischofskonferenz zu einer öffentlichen Verurteilung der Freiwirtschaftslehre zu bewegen. Damit machte sie die vielen Priester, die sich bis dahin aus sozialen Gründen aktiv für den WIR eingesetzt hatten, mundtot. Im Jahr 1936 gelang der «Vereinigung für gesunde Währung» ein doppelter Schlag gegen die WIRGenossenschaft: Am 19. Juni 1936 erliess der Bundesrat ein Gesetz, das all diejenigen mit einer Strafe bedrohte, die «vorsätzlich unwahre Tatsachen verbreiteten, die geeignet waren, den Landeskredit zu schädigen oder das Vertrauen in die Landeswährung zu untergraben». Damit war eine rechtliche Handhabe gegeben, gegen die aktiven Anhänger der Freiwirtschaftslehre vorzugehen. Gleichzeitig lief ein Verfahren, die WIR-Genossenschaft gerichtlich verbieten zu lassen. Das scheiterte, doch die Genossenschaft musste sich fortan dem Schweizerischen Bankgesetz unterstellen. Das war langfristig gut für den WIR. Es gibt ihn nämlich noch immer, allerdings seit 1948 nicht mehr als Schwundgeld; heute ist WIR an den Schweizer Franken gekoppelt. Im Jahr 2006 benutzten 73'134 Firmenkunden ihr Konto, um Zahlungen in WIR in Höhe von 1,67 Milliarden CHW (Schweizer Wir) zu tätigen.

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V. Thesaurierung im Zeichen von Komplementärgeld

Ungelöst lässt die Diskussion über komplementäre Geldformen bisher das Problem der Thesaurierung: weder Schwund- noch Regionalgeld eignen sich zum Sparen. Es bleibt also nur der Rückzug auf Gold und Sachwerte? Oder gibt es eine Alternative?

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Die sich verändernde Alterspyramide hat Auswirkungen auf den Generationenvertrag.

Durch den Rückgang der Geburtenraten scheint es vor allem in den reichen Industrienationen nicht mehr länger möglich zu sein, den Generationenvertrag einzuhalten. Seitdem wächst im reichen Westen die Angst vor einem Alter in Armut. Es stellt sich die Frage nach anderen Formen von Altersvorsorge. Viele staatliche Einrichtungen können schon jetzt nur noch ein Minimum an Betreuung gewährleisten, und die meisten Menschen sind während ihres Erwerbslebens nicht in der Lage, genug Geld anzusparen, um sich ein privates Pflegeheim leisten zu können.

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Die Währungseinheit der Pflegewährung Fureai Kippu ist eine Stunde Arbeit für einen älteren, hilfsbedürftigen Menschen.

Eine Anregung, wie man dieses Dilemma lösen könnte, kommt aus Japan. Dort wurde Mitte der 90er-Jahre Fureai Kippu eingeführt, eine Art Pflegewährung. Die Währungseinheit ist eine Stunde Arbeit für einen älteren, hilfsbedürftigen Menschen. Japan hat weltweit den zweithöchsten Anteil alter Menschen an der Bevölkerung. Als die japanische Wirtschaftskrise der 90er-Jahre einen Wohlstandseinbruch brachte, begann man über neue Formen der Altersvorsorge nachzudenken.

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Eine neue Form des Generationenvertrags aus Japan scheint die Pflegelücke für alte Menschen zu füllen.

Das Grundproblem ist zum Einen die Tatsache, dass immer mehr Menschen aus beruflichen Gründen nicht in der Nähe ihrer Eltern leben, und sie so nicht durch gelegentliche Hilfestellung unterstützen können. Zum Anderen haben viele alte Menschen keine Nachkommen, die sich um sie kümmern. Dies gleicht das Fureai Kippu genannte System aus. Es ermöglicht es dem einzelnen, solange er dazu fähig ist, anderen Hilfe zu leisten. Diese Hilfe wird ihm – je nach Tätigkeit und Dauer – auf einem Konto gut geschrieben. Er kann die geleisteten Stunden auf seinem Zeitkonto thesaurieren und dann, wenn er sie selbst braucht, seinerseits nutzen. Möglich ist es auch, sie auf andere Menschen zu übertragen: So kann z. B. ein junger Mensch, der weit von der Heimat seiner Eltern lebt, einem fremden Menschen Hilfe leisten und die Stunden, die er in diese Pflege investiert, seinen Eltern zur Verfügung stellen. In Japan ist dieses System ein grosser Erfolg, vor allem, weil viele alten, hilfsbedürftige Menschen Helfer bevorzugen, die in Fureai Kippu entlohnt werden und nicht in traditionellen Yen. Der Grund liegt vermutlich darin, dass die Hilfe der «freiwilligen» Pfleger eine andere, persönlichere Komponente hat als die von «bezahlten» Pflegediensten. Ende des Jahres 2004 hat auch China das System der Pflegewährung eingeführt.

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VI. Eigenes

Geld

f端r jeden Zweck

Es kann nicht das Ziel sein, das westliche Geldsystem von heute auf morgen auf alternative Zahlungssysteme umzustellen. Die Anwendung von verschiedenen Geldformen f端r verschiedene Zwecke ist aber durchaus w端nschenswert.

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Schon heute zahlen wir in verschiedenen Gesch채ften mit unterschiedlichen Zahlungsmitteln.

Schon heute ist es uns selbstverst채ndlich, in unterschiedlichen Gesch채ften mit unterschiedlichen Zahlungsmitteln zu zahlen.

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Es spricht nichts dagegen, gleichzeitig viele verschiedene Geldformen zu benutzen.

Es ist durchaus vorstellbar, dass in Zukunft für verschiedene Lebensaspekte verschiedene Zahlungsmittel gebraucht würden. So würde der Bürger, die Bürgerin, vielleicht weiterhin ihre Löhne in der Landeswährung beziehen, um davon Steuern, Wohnung und das Lebensnotwendige zu kaufen. Daneben könnte sich der eigene Wohlstand durch Tauschringe heben, und in der Region die Landeswährung durch regionales Geld ersetzt werden. Wer seinen Urlaub im Ausland bucht, wird in Terra rechnen und in Terra bezahlen. Und neben die traditionellen drei Säulen der Rente wird noch eine vierte treten, ein Zeitkonto, das nur mit selbst geleisteten Stunden aufgefüllt werden kann. Durch ein Zusammenwirken vieler verschiedener, komplementärer Geldformen könnte unser traditionelles Geldsystem entlastet werden – und es könnte auch die Angst gemildert werden, die unser Leben heute stärker und stärker beherrscht: in Zukunft nicht mehr genug Geld zu haben, um das eigene Leben zu bestreiten.

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MoneyMuseum Kurs 5: Komplementärgeld  
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