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blind gehört

„Musikalisch hatten es die Protestanten besser“

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udolf Kelber war zunächst acht Jahre Kapellmeister an den Opernhäusern in Gelsenkirchen und Heidelberg, ehe er 1982 als Kantor und Organist an die Hauptkirche St. Jacobi kam. Der aus Bayern stammende Altmeister unter den Hamburger Kirchenmusikern ist ein Mann mit breitem musikalischen Horizont und feinem Humor. So brachte er Werke von Messiaen, Elgar und Lloyd Webber zur Hamburger Erstaufführung, begleitete Stummfilme, komponierte eine Messe über Melodien von Lennon/McCartney und spielt Jazz und Tango auf der Orgel. Er unterrichtet Orgelspiel an der Hochschule für Künste Bremen. Bach: Jauchzet, frohlocket! aus dem Weihnachtsoratorium Arnold Schönberg Chor, Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt (Leitung) 2006. deutsche harmonia mundi/Sony

Das sind historische Instrumente, die Pauke ist zu laut. Ein kleiner Profi-Chor. Der oder die Kollegin bemüht sich um einen differenzierten Neuansatz, aber es müsste großräumiger gestaltet werden, und die Verläufe sind zum Teil gegen den Text: Bei „Verbannet die 36

Klage“ muss man den Höhepunkt auf „Klage“ setzen, nicht auf „bannet“. Im Orchester macht jeder sein eigenes Ding, die Instrumente werden nur mit Mühe zusammengehalten. Ich würde vermuten, das ist kein ganz großer Name. Harnoncourt, wirklich? Jetzt, wo ich es weiß, würde ich sagen, das ist der Versuch, ein altbekanntes Stück neu zu durchleuchten. Da kommt man manchmal auf komische Sachen, wenn man es immer wieder anders machen will. Ich war oft in Harnoncourts Vorlesungen in Salzburg, er ist phantastisch als Dozent. Eine durchsichtige Gestaltung strebe ich für meinen Teil auch an und arbeite, wenn es das Budget zulässt, mit historischen Instrumenten, aber den Artikulationsmöglichkeiten sind in einer Kirche mit vier Sekunden Nachhallzeit Grenzen gesetzt. Man muss etwas vergröbern und darf nicht zu schnell sein. ... Am Anfang meiner Tätigkeit an St. Jacobi habe ich mich gegen das jährliche Weihnachtsoratorium gewehrt. Ich habe andere Stücke gemacht, zum Beispiel Berlioz‘ L’enfance du Christ oder Saint-Saëns oder Barockes. Aber die können das Weihnachtsoratorium nicht ersetzen, die volle emotionale Portion gibt einem nur dieses Stück. Nun habe ich damit Frieden geschlossen. Ich mache aber gern zum ersten

Foto: Christine von Seth

Rudolf Kelber, Kirchenmusikdirektor an der Hauptkirche St. Jacobi, hört und kommentiert CDs seiner Kollegen, ohne dass er erfährt, wer spielt von Arnt Cobbers

concerti - Das Hamburger Musikleben Dezember 2011  

Klassikmagazin concerti - Das Hamburger Musikleben. Alles über Klassik und Jazz in Hamburg und Umgebung. Jeden Monat neu.

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