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„Eine dualistische Persönlichkeit“ der Pianist andrej Hoteev über Swjatoslaw richter von Jürgen Kesting

lob für einen Pianisten lautete: „Er spielt mit singenden Fingern.“ Mein erster Ein­ druck von Swjatoslaw richter in den frühen sechziger Jahren: Er spielte die kleine a­dur­ Sonate op. 120 von Schubert und die a­dur­ Sonate op. 82 von Prokofjew. Unvergeßlich, wie er die obere Stimme der Schubert­Sona­ te „gesungen“ hat. Es war wie das leuchten eines Sonnenstrahls.

Weil Pianisten von Sängern in Fragen der Phrasierung lernen? Unbedingt, das ist sehr wichtig. das höchste 16

Welche Interpretationen haben Sie besonders beeindruckt? Einer der stärksten Eindrücke war Prokof­ jews sechste Sonate. ich erinnere mich, dass er im ersten Satz eine Saite zerrissen hat – an der Stelle, an der Prokofjew „col pugno“ verlangt: mit der Faust. Ebenso wichtig wa­ ren Beethovens as­dur­Sonate op. 26 und die c­Moll­Sonate op. 111, Schumanns Noveletten und die Préludes von Claude debussy.

Foto: Andrej Hoteev

H

err Hoteev, Sie spielen ein Konzert zur Erinnerung an Swjatoslaw Richter. Wann haben Sie ihn getroffen, welche Rolle spielt er in Ihrem Leben? ich bin in St. Petersburg, damals leningrad, geboren. als Studenten hatten wir das Ge­ fühl, dass das musikalische leben in Moskau stattfand. absolventen des leningrader Kon­ servatoriums – Pianisten wie Maria Yudina oder Vladimir Sofronitzky – sind nach Mos­ kau gegangen, ebenso bedeutende Sänger, die für mich musikalisch sehr wichtig waren.

Haben Sie ihn oft erlebt? Ende der sechziger und anfang der siebziger Jahre habe ich fast alle seine Konzerte in le­ ningrad gehört, es mögen zehn gewesen sein. ich habe in ihm einen lehrer gesehen. ich war fasziniert von seiner intensität, von sei­ ner art, mit dem ganzen Körper zu spielen.


concerti - Das Hamburger Musikleben Juni 2010