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Foto: Marco Borggreve/Virgin Classics

ja gewissermaßen auch Orchesterstücke, einige Suiten hat er später für Orchester bearbeitet, die erklangen dann in seinen Opern. Und da finde ich es interessant, dass man hier auf dem modernen Klavier auch solche Orchesterfarben hört, die verschiedenen Instrumente. Ich spiele das aber etwas anders, die Verzierungen sind bei ihr nicht so sehr im barocken Stil – und den Barockstil habe ich lange studiert. Es ist zwar nicht möglich, auf einem modernen Klavier wie ein Cembalist zu spielen, aber ich mag barocke Verzierungen. Die Aufnahme ist wunderbar, und es gibt nicht so viele Pianisten, die Rameau aufnehmen. Weil in den 60er Jahren die Spezialisten aufkamen, Cembalisten und Barock-Dirigenten. Vorher hat man alles gespielt, Scarlatti, Rameau, Couperin. Doch in den 60ern gab man uns Pianisten zu verstehen, unser Stil sei nicht korrekt gewesen. Viele Cembalisten sind aufgetreten und die Pianisten sind verstummt, fast 50 Jahre lang. Als ich 2002 Rameau aufnahm, dachte ich mir: Vielleicht ist es jetzt eine gute Zeit, diese Musik wieder zu spielen. Wer weiß, vielleicht hätten ohne meine Einspielung Angela Hewitt oder andere Pianisten Rameau gar nicht gespielt.

Chopin: Préludes op. 28 Nr. 4 e-Moll & Nr. 11 B-Dur Martha Argerich (Klavier) Deutsche Grammophon 1984

Das ist eine Schülerin von Martha Argerich. Woran ich das merke? Das Rubato zum

Ein Franzose für das französische Repertoire: Alexandre Tharaud

Beispiel ist sehr virtuos, es gibt an manchen Stellen dieses Loslassen. Das Spiel ist sehr in­spi­ riert, wie ein Tier, sehr instinktiv. Vielleicht ist es auch Argerich selbst, aber dafür erkenne ich den Klang hier nicht genug. Ich glaube aber, dass es eine Frau ist. Weil... weil sie so spielt wie eine Hexe. Es ist diese Art, zu sagen: Ich vergesse alles und fange an zu spielen. So ein besonderer Drang, zu leben, nach dem Motto: Ich werde morgen sterben, also lass mich spielen! Ich mag diese Interpretation, weil die Pianistin hier die Partitur aufschlägt und einfach losspielt, also mit großer Spontaneität.

Debussy: Préludes „La Danse de Puck“ & „Des pas sur la neige“ Pierre-Laurent Aimard (Klavier) Deutsche Grammophon 2012

(unterbricht nach wenigen Takten) Der Klang ist wundervoll, alles ist sehr überlegt, alle Nuancen sind perfekt. Alles ist perfekt. – Aber ich mag Debussy viel sinnlicher, ich brauche da mehr Bewegung. Für mich ist das hier zu streng, ein wenig

zu hart, zu ordentlich, da ist keine Magie. Das ist jetzt aber nur meine persönliche Einstellung, und ich bin nicht Claude Debussy. Ich spiele sehr viel französische Musik, viel Debussy, da habe ich meine ganz eigene Art und Weise. Vielleicht muss ich die ganze CD hören, um diese Interpretation zu verstehen. Ich bevorzuge Pianisten wie Benedetti Michelangeli oder Marcelle Meyer, die die Noten nicht spielt, sondern singt. Bei ihr vergesse ich das Klavier. In dieser Aufnahme höre ich das Klavier noch, dabei würde ich lieber andere Instrumente hören wollen, die Natur, den Wind, in Des pas sur la neige würde ich gerne den Schnee hören. Aber das hier ist mir zu perfekt, zu konkret. Ich möchte jetzt allerdings nicht sagen, wen ich hier vermute, ich will zu niemandem gemein sein. Aimard sagen Sie – ja, das hätte ich auch gesagt. Er ist ein fantastischer Pianist, doch ich finde, Debussy braucht mehr. Dabei bin ich mir aber auch nicht sicher, es ist nur meine Meinung, mein persönlicher Geschmack, vielleicht ist es in Wirklichkeit eine fantastische Version. Juni 2013 concerti  29

concerti - Das Berliner Musikleben Juni 2013  

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