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für sich einspannen. Also lenken wir den ganzen Tross an Aufmerksamkeit auf unsere Kinderhilfsstiftung. Die haben wir im Mai letzten Jahres gegründet und konnten bereits für mehrere Projekte auf der ganzen Welt Gutes tun, zum Beispiel für die SOS-Kinderdörfer und ein Kinderkrankenhaus in Annas Heimat Sankt Petersburg. Diese Partnerschaft mit Anna Netrebko steht häufig im Mittelpunkt der Berichterstattung. Kommt die Kunst dabei zu kurz?

Eigentlich kommt eher die Presse zu kurz, nicht die Kunst. Die Journalisten verpassen die Chance, über etwas zu berichten, was das Leben verschönert, und das ist nun mal die Musik. Die Kunst ist etwas Bleibendes und wird immer da sein. Worum ich mich kümmere, ist die Kunst des Singens, denn das ist, was ich liebe. Alles drumherum ist mir unwichtig.

»Mein Jetset besteht aus meiner Familie, meinen Freunden« Sie sind überall unterwegs. Ist dieser Jetset keine Bedrohung für die Sängergesundheit?

Ich glaube, Sie haben eine zu extravagante Vorstellung von meinem Alltag. Mein Jetset besteht aus meiner Familie, meinen Freunden und meinen Kollegen, aus Theatern, für die ich arbeite. Ich singe für das Publikum und versuche, das musikalische Erbe der Komponisten zu bewahren. Das ist ganz bestimmt keine Gefahr für meine Gesundheit, ganz im Gegenteil.

Ich meinte eher das viele Herumreisen, das Atemlose.

Reisen ist ein Teil der Arbeit, das können Sie entweder akzeptieren oder gleich aufhören. Eine große Opernkarriere können Sie nicht aus dem Stillstand aufbauen. Einige Ihrer Kollegen müssen kürzertreten, weil sie dem großen Druck, überall auf der Welt ständig 100 Prozent geben zu müssen, schon physisch nicht gewachsen sind.

Es ist weniger die Frage, ob man einem großen Druck standhält, sondern vielmehr die Tatsache, dass manche Leute – Künstler, Publikum, Journalisten – zu vergessen scheinen, dass Opernsänger keine Übermenschen sind. Wir singen für unseren Lebensunterhalt. Es ist ein Beruf, kein Wunder. Manchmal braucht man nur die Dinge zu verlangsamen, um zu merken, dass die Überzeugung, alles anzunehmen, was einem angeboten wird, schädlich ist. Man muss gut auswählen, um dann dort die 100 Prozent geben zu können, wofür man sich entschieden hat. Das ist alles. Sie sind vor allem im Mozartfach zu Hause. Wie stark werden Sängerwünsche im Musikgeschäft ernst genommen?

Ich singe nur Rollen, von denen ich weiß, dass ich sie singen kann, für die meine Stimme geeignet ist. Es gibt keinen Krieg zwischen „meinem Einfluss“ und dem „großen Geschäft“. Welche Rollen würden Sie noch gern singen?

Das sind in der Tat nicht wenige. Ich studiere zurzeit Verdis

neunte Oper, die Titelpartie Attila – ich freue mich auf Berlin! Am Royal Opera House in Covent Garden kommt die Sizilianische Vesper heraus. Und ich habe auch angefangen, Wotan zu lernen. Wie halten Sie es mit Neuer Musik?

Ich finde, es gibt nur gute und schlechte Musik, das ist keine Frage der Entstehungszeit. Wenn die Musik gut ist, ist es egal, von wann sie stammt oder welchem Genre sie angehört. Wir müssen immer daran denken, dass das, was wir heute als Klassiker betrachten, früher neu war. Es ist Platz für alles, und es gibt keinen Grund, sektiererisch zu sein. Konzert-TIPP

Di. 4.6.2013, 20:00 Uhr Admiralspalast Rojotango. Erwin Schrott u.a. Mi. 19. & Fr. 21.6.2013, 19:30 Uhr Philharmonie Verdi: Attila Chor & Orchester der Deutschen Oper Berlin, Pinchas Steinberg (Leitung) mit Erwin Schrott, Dalibor Jenis u.a. CD-Tipp

arias Arien von Mozart, Verdi, Massenet, Boito, Gounod, Sorozabal & Gomes Erwin Schrott (Bassbariton) ORF Radio-Symphonieorchester Wien Daniele Rustioni (Leitung) Sony Classical Online-Tipp

Video: Erleben Sie Erwin Schrott mit seiner Rojotango-Show! Scannen Sie den Bild-Code mit einem Smartphone und einer App für QR-Codes oder geben Sie www.concerti.de/schrott in Ihren Browser ein. Juni 2013 concerti   21

concerti - Das Berliner Musikleben Juni 2013  

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