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titel-Interview

hat, das man aber nicht entwickelt, wird kein Glück der Welt helfen, weil Talent allein nicht ausreicht. Wiederum Glück allein reicht auch nicht, denn früher oder später bemerken auch die dümmsten Menschen den Betrug. Also ja, Glück gehört dazu, aber man kann darauf keine Karriere aufbauen, geschweige denn irgendetwas anderes. Man kann nur hoffen, das Glück auf seiner Seite zu wissen. Manchmal hat man den Eindruck, die Klassikwelt teilt sich in zwei Hälften: den „Teppich“ des soliden Repertoirebetriebs und die High-Society-Sphäre der Stars, wie Sie einer sind. Wie nehmen Sie das wahr?

Gibt es in Uruguay, abgesehen vom Tango, Musik, die Sie den ignoranten Europäern dringend ans Herz legen würden?

Da gibt es viel gute Musik und exzellente Musiker – da ist zum einen natürlich Jorge Drexler, der einen Oscar für den Original-Soundtrack von „Die Reise des jungen Che“ gewann; Ru20 concerti Juni 2013

Talent, Glück und Beharrlichkeit – bei Erwin Schrott kommt alles zusammen

ben Rada, der ein ganz erstaunlicher Percussionist ist, wurde beim Latin Grammy für sein Lebenswerk ausgezeichnet; Los Olimareños waren eine der wichtigsten traditionellen Musikgruppen in Lateinamerika. Und natürlich Alfredo Zitarrosa, der möglicherweise der einflussreichste Popularmusiker war. Ich könnte noch viele aufzählen … Einer der wichtigsten Fürsprecher der uruguayischen Musik sind Sie selbst – Sie singen ja auch Tango, tanzen Sie auch manchmal mit Ihrer Frau?

Ich bin übrigens ziemlich stolz darauf, ein Fürsprecher der uruguayischen Musik zu sein, aber gerechterweise muss man sagen: Der Tango gehört auch den Argentiniern! Aber zum Tanzen haben wir wirklich

keine Zeit, die geht für Familie und Engagements drauf.

»Man kann nie sagen: Jetzt hab‘ ich‘s geschafft« Nerven Sie eigentlich solche Boulevardfragen?

Die Boulevardpresse besteht ja praktisch nur aus Privatreports und Paparazzifotos. Es gibt sie, aber mir ist diese Art von Journalismus fremd, da ich nicht an den Privatangelegenheiten von mir unbekannten Menschen interessiert bin. Aber diese Boulevardjournalisten sind in der Regel sehr viel schlauer als das, was sie uns als Klatsch verkaufen, und da sie ohnehin überall auftauchen, wo man ist, kann man sie auch

Foto: Fabrice Dall´Anese

Ehrlich gesagt: völlig anders. Ich kann die Leute nur in gute und schlechte einteilen, und dazu gehören auch gute und schlechte Sänger, Musiker, Künstler. Prominenz ist vergänglich, man kann Jahrzehnte ein Star sein oder einfach nur ein paar Tage, und man kann nie wissen, wann dieses Sterngeflimmer verblasst. Andererseits verblasst gute Musik nie, egal wer musiziert. Ein guter, solider „Teppich“ von Repertoiretheatern in der Provinz und Musikschulen erscheint mir noch immer der beste Weg, um Musikalität überall zu verbreiten.

concerti - Das Berliner Musikleben Juni 2013  

Klassikmagazin concerti - Das Berliner Musikleben. Alles über Klassik in Berlin und Umgebung. Jeden Monat neu und kostenlos an über 1500 Aus...

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