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Interview

Hatten Sie schon immer ein Talent für Klangfarben oder haben Sie daran besonders gearbeitet?

fasziniert, dass man alles letzten Endes auf drei Akkorde reduzieren kann. Alles in der tonalen Welt entsteht aus der Entfaltung von drei Akkorden, damit habe ich mich lange beschäftigt. Arbeiten Sie mit der SchenkerAnalyse?

Wie kann man das? Ich verstehe nicht, wie man sie anwenden kann. Ich denke, je besser du ein Stück kennst, desto freier wirst du damit umgehen. Das war ein Problem, als ich anfing. Viele Kritiker haben mir vorgeworfen, ich würde versuchen, originell zu sein. Dafür loben die Kritiker Musiker, die langweilig spielen, als klar und mit Sinn für Struktur usw. Ich finde es nicht intellektuell, wenn man etwas stur geradeaus spielt, das hat nichts mit Interpretation zu tun. Aber Sie wählen in letzter Zeit auffällig langsame Tempi, Sie gehen immer mehr mit der Lupe an Haydn, Schumann, Schubert. 10 concerti Juni 2013

Ein Stück muss sich vor mir ausziehen. Mein Ton klingt länger als der von vielen anderen Pianisten. Und ich will diese Ruhe haben, langsame Tempi geben mir eine Ruhe, es muss wie eine Landschaft wer-

»Früher hatte ich Angst, Risiken einzugehen« den, wie eine Bruckner-Sinfonie, eine solche Atmosphäre versuche ich zu schaffen. Ich kann nur so spielen. Manches Stück kann ich einfach nicht schneller spielen. Aber mit dem ersten Satz der Sonate D 894 auf meiner Schubert-CD bin ich nicht mehr zufrieden, der ist zu langsam. Die anderen Sätze sind okay. Wissen Sie, früher hatte ich Angst, Risiken einzugehen. Es war mir wichtig, was die Welt über mich sagt, besonders die Fachleute. Aber nachdem mein Sohn gestorben war, war mir das plötzlich egal.

Warum spielen Sie seit einigen Jahren nur noch aus den Noten?

Ich habe früher immer auswendig gespielt. Aber vor fünf Jahren habe ich Kollegen gefragt: Kannst du mir sagen, wo welcher Akzent im Notentext steht? Keiner konnte das. Ich habe sie gefragt: Sind die Akzente, die dynamischen Bezeichnungen usw. weniger wichtig als die Noten? Alle sagen: Sie sind genauso wichtig. Aber niemand kümmert sich um sie. Das ist ein Verbrechen, finde ich. Wenn du die Noten vor dir hast, siehst du diese ganzen Angaben. Aber Sie könnten doch mit den Noten arbeiten und ohne auf die Bühne gehen.

Soll man so viel Zeit darauf verwenden, all diese Akzente auswendig zu lernen? Dafür ist

Foto: Eric Brissaud

Sprachen lernen, Klavier spielen, schreiben, Bodybuilding: Tzimon Bartos Tagesablauf ist geprägt von Disziplin

Meine Lehrerin war sehr konservativ. Sie kam aus der russischen Schule, wo man nie zu leise spielen darf, es muss immer weit tragen. So habe ich auch lange gespielt. Heute finde ich, das hört sich alles technisch brillant an, aber irgendwie flach. Erst mit Anfang 30 habe ich angefangen, wieder so zu spielen, wie ich es ganz früher wollte. Aber was ich meiner Lehrerin zugestehen muss: Sie hat mir einen schönen Klang gegeben. Das ist, als würde man Ballett studieren. Man geht nicht einfach so, man muss lernen, wie man geht. So ist es auch am Klavier. Man muss lernen zu singen. Und ein Fortissimo so zu spielen, dass es den Ohren nicht weh tut.

concerti - Das Berliner Musikleben Juni 2013  

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