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JUNI 2010

Das Berliner Musikleben

Daniel Barenboim Musik ist nicht elitär András Schiff

Bach ist wie ein Seelenbad Christina Pluhar

Es geht um wirklich gute Musik

KOSTENLOS Jeden Monat neu


Denken. Fühlen. Wissen. Berlin hat gute Einstellungen.

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

W

ährend die Natur sich endlich zur Entfaltung entschließt, neigt sich alljährlich mit dem Reigen der Pro­ grammvorstellungen für die kommende Sai­ son gleichzeitig die laufende Spielzeit dem Ende zu. Wie immer sind die Ausblicke beein­ druckend, wenn im musikalischen Kräftemes­ sen der Veranstalter wohlklingende Namen in großer Zahl die Konzertsäle und Opernbühnen beehren und ausgefeilte Programmideen und Konzepte Neu­ gierde wecken. Dass das Entwerfen spannender Programme bei manchen Komponisten sich fast von selbst ergibt, manchmal aber auch eine „Kunst wie das Kochen“ ist, weiß der Pianist András Schiff zu berichten, den wir zum Interview tra­ fen und für den jeder Tag mit einer Stunde Bach beginnt. Für das Titelinterview galt es in diesem Monat buchstäblich in die Ferne zu schweifen und die Reise nach Mailand anzutreten, wo Daniel Barenboim mit dem Rheingold in die Neuproduktion des Ring des Nibelungen startet, den die Mailänder Scala und die Staatsoper Unter den Linden koproduzieren. Dass ich dabei in Mailand nicht nur vom strömenden Regen, sondern auch mit der Nachricht empfangen wurde, dass die eingeplante Vorstellung des Simon Boccanegra wegen eines Streiks abgesagt werden musste, wurde durch ein spannendes Gespräch mit Maestro Barenboim und den anschließenden Probenbesuch des Rheingold mehr als wettgemacht. Dabei war auch zu erfah­ ren, welche Rolle Anton Bruckner dabei gespielt hat, dass Daniel Barenboim sich neben dem Klavierspiel für eine Laufbahn als Dirigent entschieden hat und wie wichtig es ist, Freiheit und Disziplin zusammen zu bringen. Sie werden selbst sehen: Der kommende Monat hat vor seinem Schluss­ akkord noch reichlich zu bieten. Ich wünsche Ihnen viel Lesefreude und einen musikalisch reichen Monat Juni!

Titelfoto: Peter Adamik

Ihr

Gregor Burgenmeister Herausgeber 3


iNHalt

inhalt das Berliner Musikleben im Juni 2010

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christina Pluhar durch die tanze Welt

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Alban Gerhardt in die Ferne mit dutilleux

Fotos: Warner Music, Marco Borggreve, markus brรถhl - artists and concerts

Daniel Barenboim Mit Bruckner und Beethoven


Inhalt

3 Editorial 4 Inhalt 6 Die Welt in Noten – Kurz und knapp 8 „Bach am Morgen ist wie ein Seelenbad“ Der Pianist András Schiff über Spielfreude, Holzhacken und den größten Komponisten der Musikgeschichte 14 West-östliche Diva Die Komponistin Unsuk Chin 16 Mit ganzer Seele Die Pianistin Lisa de la Salle auf großer Brandenburg-Tournee 18 Pariser Verhältnisse in Peru Offenbachs La Périchole an der Komischen Oper 20 „Musik ist nicht elitär“ Daniel Barenboim über seinen neuen Ring und das Kosmische in der Musik Beethovens 26 Serenade im Schloss Das Berliner KammerOrchester lädt nach Charlottenburg 28 Die Vollendung des 19. Jahrhunderts Arnold Schönbergs monumentales Chorwerk Gurrelieder im Konzerthaus 30 Erfolg mit den Weibern Der Komponist und Dirigent Otto Nicolai

32 „Es geht darum, wirklich gute Musik zu machen“ Die Harfenistin Christina Pluhar über Freiheit, U-Musik und ihre besondere Verbindung zu Potsdam 36 Cup der Guten Hoffnung Am 11. Juni beginnt die Fußball-WM. Zeit für einen Blick auf Südafrikas Musik­kultur. 38 Klassik unter Palmen Im Spielstättenporträt: Eines der bestgehüteten Geheimnisse Potsdams: Der Palmensaal im Neuen Garten 40 Langzeitstudenten der nordischen Musik Im Ensembleporträt: Das Berliner Sibelius Orchester wird 30 Jahre alt 42 „Zu wissen, was man gerade macht, ist schwierig“ In der Reihe Blind gehört: Der Cellist Alban Gerhardt hört CDs seiner Kollegen, ohne dass er erfährt, wer spielt

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Rubrik CD-Rezensionen Das Klassikprogramm Impressum Vorschau

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Kurz & Knapp

Die Welt in Noten Neuigkeiten aus dem Musikleben

Alte Musik in Steglitz Bereits zum 18. Mal finden vom 9. bis 13. Juni die „Steglitzer Tage für Alte Musik“ statt. „Musik – Szene – Chor“ lautet der Schwerpunkt der Solisten-, Chor- und Orchesterkurse, in denen Szenen aus Jean-Philippe Rameaus Hippolyte et Aricie erarbeitet werden. Das Ergebnis der Arbeit wird am 13. Juni im Konzert vorgestellt – zum Auftakt musizieren am 10. Juni die Dozenten im Gutshaus Steglitz, und Radio-Moderator Bernhard Morbach stellt Leben und Werk des französischen Barockmeisters vor. Infos unter: Tel. (030) 90299 - 6356

Es gibt nur ein einziges Dorf in Brandenburg, von dem man eine Gründungsurkunde hat! Am 26. Juni 1360 wurde ein Hof des Tempelordens in ein Bauerndorf umgewandelt: Rixdorf, Kern des heutigen Neukölln. Das wird natürlich rauschend gefeiert! Zur Eröffnung des Kunst- und Kulturfestivals „48 Stunden Neukölln“ steigt am 25. Juni um 18.30 Uhr auf dem Richardplatz das „große Rixdorfer Festkonzert“, unter freiem Himmel bei freiem Eintritt. Über ein Dutzend BläserEnsembles gehen auf die Reise durch 650 Jahre Musikgeschichte. Infos unter: www.48-stunden-neukoelln.de 6

Fotos: PD, Kai Bienert, Ilona van genderen-Stort, JKB

650 Jahre Rixdorf


Kurz & Knapp

Mit dem Fahrrad um die Welt Round-the-World-Tickets sind eine schöne Sache. Zumindest eine musikalische Weltreise kann man am 20. Juni in Potsdam schneller, gesünder und kostengünstiger haben: beim Fahrradkonzert der Musikfestspiele Sanssouci. Vom Luisenplatz (am Brandenburger Tor) können Sie den ganzen Tag auf drei Routen durch Potsdam fahren und an Stationen wie dem Chinesischen Haus, der Dampfmaschinen-Moschee oder dem Tropenhaus Musik, Lesungen, Führungen oder Kulinarisches genießen. Infos unter: www.musikfestspiele-potsdam.de/fahrradkonzert

Singende Manager gesucht Sind Sie eine Führungskraft in Wirtschaft oder Gesellschaft und haben eine Leidenschaft für Chorgesang? Dann machen Sie doch mit beim LeaderChor Berlin 2010. Vier Tage lang, vom 28. bis 31. Oktober 2010, werden 40 Auserwählte mit Simon Halsey, dem Chefdirigenten des Rundfunkchors, Werke von Mendelssohn, Byrd, Copland u.a. „wie die Profis“ erarbeiten und in einem öffentlichen Abschlusskonzert aufführen. Infos unter: www.rundfunkchor-berlin.de/leaderchor 7


interview

„Bach am Morgen ist wie ein Seelenbad“ Der Pianist András Schiff über Spielfreude, Holzhacken am Klavier und warum vielleicht Johann Schmidt der größte Komponist der Musikgeschichte ist von Arnt Cobbers

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Foto: Roberto Masotti/ECM Records

ndrás Schiff gilt als der Intellektuelle unter den Pianisten, als nachdenklicher Analytiker, der sich gern zyklisch in die Werke Bachs, Beethovens, Schuberts und anderer Großer versenkt. Sein Spiel ist jedoch alles andere als trocken. Auch im Gespräch erweist sich der 56-jährige Ungar, der in London und Florenz lebt, als Mann mit feinem Humor. Seinen ruhig und in dezentem Tonfall gesprochenen Sätzen, die er aus einem frappierend großen deutschen Wortschatz schöpft, schickt er manchmal ein geradezu schelmisches Lächeln hinterher. Herr Schiff, ist Bach der größte Komponist? Ja. Das steht für mich außer Frage. Es gibt andere großartige Komponisten, aber die wären alle einverstanden. Haydn, Mozart, Beethoven, Bartók – sie kommen alle von Bach. Bach kommt natürlich auch irgendwoher, aber das ist schwerer zu definieren. Bach verkörpert den Gipfel der europäischen Musikgeschichte, und seitdem kamen noch weitere große Berge hinzu. Und in ihnen allen suchen Sie die Spuren von Bach.

Es stimmt, ich suche die Bachische Ur-Linie in den Komponisten. Liszt zum Beispiel hat meiner Meinung nach wenig mit Bach zu tun, und mit Liszt, Berlioz, Wagner habe ich wenig zu tun, ich mag diese Musik nicht besonders. Hängt das mit Ihrem Studium zusammen? Ja, ich bin schwer beschädigt aus meiner Jugend. An der Franz-Liszt-Musikhochschule tönte aus jedem Zimmer Liszt, meist sehr schlecht gespielt. Das ist nicht die Schuld von Liszt, ich sehe heute ein, was für wunderbare Werke er geschrieben hat. Aber eine tiefe Antipathie ist geblieben. Brendel und Barenboim haben mir stundenlang gepredigt, ich müsse Liszt spielen. Doch ich bin stur geblieben. Wir haben solch ein Riesenrepertoire, da muss jeder sich etwas aussuchen – ohne sich zu spezialisieren. Ich spiele sehr viel. Aber einiges eben nicht: Nichts von Liszt, nichts von Rachmaninow, nichts von Ravel, den ich sehr bewundere, aber er wärmt mein Herz nicht. Spielen Sie jeden Tag Bach? Jeder Tag beginnt mit einer Stunde Bach. Das ist ein Ritual. Präludien und Fugen, Partiten, Suiten, egal was. Mit 18 Jahren habe ich auf9


Interview

gehört mit technischen Übungen. Ich fand das menschenunwürdig, diese Etüden und Tonleitern, stundenlang. Das ist wie Holzhacken, das hat mit Musik nichts zu tun. Bachische Musik ist komplett, da ist alles drin inklusive diesem Teil, dass ein Mensch, der aufsteht und noch müde und steif ist, sich intellektuell, emotional und physisch lockert. Bach am Morgen ist wie ein Seelenbad.

Sie haben sich nacheinander intensiv mit Bach, Mozart, Schubert, Beethoven beschäf­ tigt. Warum erarbeiten Sie die Werke ein­ zelner Komponisten so gern zyklisch? Aus Neugierde. Es interessiert mich einfach, nicht nur einzelne Werke zu studieren, sondern das Ganze. Davon profitiert das einzelne Werk. Alles hängt mit allem zusammen, die einzelnen Gattungen im Werk eines Komponisten, die Werke seiner Zeitgenossen und Vorgänger, die Geschichte, die anderen Künste, die Philosophie, die Wissenschaft. Das hört nie auf. Lesen Sie viel? Unglaublich viel. Ich gehe leidenschaftlich gern ins Museum, in Bibliotheken, ins Kino, ins Theater. Ich sammle Inspiration und Impulse. Was genießen Sie mehr: das Konzert oder das Studium der Werke? Beides ist schön. Ich mag die Analyse sehr, ich mache auch gern Lectures. Aber ein Konzert soll ein Erlebnis sein. Besonders schön 10

finde ich manche Konzerterlebnisse mit Bach, weil die Bachische Musik es schafft, eine Gemeinde zu bilden zwischen Bach, den Interpreten und der Zuhörerschaft. Wie ein Gottesdienst im besten Sinne. Diese Musik zieht einen nicht herunter, sondern erhebt einen, sie erfüllt einen mit positivsten Gedanken. Die Winterreise ist ein erschütterndes Erlebnis, es ist schwer, danach noch frei zu atmen. Bei Bach ist das anders.

„Das Tänzerische ist auch in Bachs Musik immer da“ Gottesdienst klingt so ernst. Bach hat auch Humor. Er ist oft wie ein Bauer, verwurzelt in der Erde. Das schönste ist, dass diese zwei Welten, das Sakrale und das Säkulare, wunderbar koexistieren. Im Wohltemperierten Klavier gibt es passionsartige Sätze und in der Matthäus-Passion Tanzsätze. Bei Bach kommen Intellekt und Emotion zusammen, und sogar eine Freude an der Beweglichkeit. Das Tänzerische des Barock ist auch bei Bach immer da.

Foto: Roberto Masotti/ECM Records

Ist Ihnen Bach immer leicht gefallen? Bei Bach habe ich mich immer wie ein Fisch im Wasser gefühlt. Sehr viele Musiker sagen, es falle ihnen schwer, Fugen zu lernen. Ich fand das nie, das ist Glücksache. Die Fuge aus Beethovens Hammerklaviersonate ist ein sauschweres Stück, aber wenn man sein Leben lang sehr strenge Bachfugen gespielt hat, dann ist die viel freiere Beethovensche Fuge relativ einfach.


interview

Ohne Spielfreude geht es nicht? Die ist sehr wichtig. In fast allen Sprachen „spielt“ man ein Instrument, im Englischen, Französischen, Ungarischen, Russischen. Nur das italienische suonare kommt von Ton. Die Sprache zeigt uns, dass das spielerische Element eine wichtige Rolle spielt. Wer kann am besten spielen? Ein Kind. Das Kindliche, Spielerische müssen wir uns bewahren, auch wenn wir im Laufe des Lebens viel lernen und Ernst, Tiefe und andere Dimensionen hinzukommen. Ich habe immer die alten Meister bewundert, die das Kindliche und eine Altersweisheit zugleich in sich haben. Wie wichtig ist Ihnen die Person Johann Sebastian Bach? Wichtig. Aber leider oder Gott sei Dank wissen wir unglaublich wenig über Bach. Da kann man spekulieren. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie dieser Mensch bei so einer Familie mit so vielen Kindern – die sind ja wild – so ruhig arbeiten konnte. Seine Handschrift ist wunderbar klar, da gibt es kaum eine Korrektur. Zudem hat er sein Leben lang von französischen und italienischen Meistern gelernt und kopiert. Er war nie außerhalb Deutschlands und doch bestens vertraut mit der Musik Europas. Das ist wirklich unglaublich. Gut, es heißt oft, dieses oder jenes Werk stamme nicht von Bach. Aber jemand hat all diese Werke geschrieben. Wenn die h-Moll-Messe jetzt von Herrn Johann Schmidt stammt, dann ist Johann Schmidt der größte Komponist der Geschichte. Aber ich glaube doch, sie stammt von Bach. Dass man so wenig von Bach weiß – gibt Ih­ nen das mehr Freiheiten? Dass wir so ein unglaublich lebendiges Bild von Schubert oder Beethoven haben, ist eine große Hilfe, aber auch eine Beschränkung. Bei Bach muss man viel mehr Vorstellungskraft und Phantasie haben, um lebendig zu musizieren und etwas aus diesem Notenbild zu erschaffen, aber diese Freiheit

ist auch toll. Eine Bachische Fuge kann sehr überzeugend gespielt werden in sechs verschiedenen Tempi, in sechs verschiedenen Charakteren. Wenn Sie dagegen bei einem Mozart-Klavierkonzert das Tempo nur ein bisschen falsch nehmen, dann spürt jeder musikalische Mensch sofort, da stimmt etwas nicht, das atmet nicht richtig. Bei Bach ist die Toleranzgrenze viel weiter, was Dynamik, Artikulation, Tempi, Tonfall betrifft. Piotr Anderszewski hat mir kürzlich gesagt: Bach hat solch eine Suite an einem Tag ge­ schrieben – und ich ringe monatelang um die Interpretation. So ist es eben. Bach war ein einmaliges Genie. Und es war eine andere Zeit. Bach hat nicht auf die heilige Inspiration gewartet, er

„Zu viel Respekt ist besser als zu wenig“ musste jeden Sonntag eine Kantate abliefern. Wenn man heute ein neues Werk spielt, kann es passieren, dass man den letzten Teil erst am Morgen vor dem Konzert bekommt. Aber niemand kennt es, und es muss heute erklingen. Wenn man eine Englische Suite spielt, sind die Erwartungen andere. Ich teile das Dilemma. Vielleicht haben wir manchmal zu viel Respekt. Aber zu viel Respekt ist besser als zu wenig. Selbst die Gestaltung Ihrer Konzertpro­ gramme überlassen Sie den Komponisten: Funktionieren denn die Französischen Suiten am besten in der Reihenfolge von 1 bis 6? Wenn man so einen Bach-Zyklus macht: ja. Es ist sehr wichtig, danach die große Französische Ouvertüre zu spielen, weil man nach so vielen relativ intimen Stücken ein großes, repräsentatives Werk braucht. Bei den Beet­ hoven-Sonaten bin ich nach langem Nachdenken zu dem Ergebnis gekommen, dass 11


interview

die chronologische Reihenfolge am meisten überzeugt. Man kann Beethovens Evolu­tion folgen, die Werke unter einer Opusnummer bleiben zusammen. Aber ich entwerfe auch sehr gern Programme. Das ist eine Kunst wie das Kochen. Ein Programm sollte nie bloße Unterhaltung sein. Die Leute sollen sich wohlfühlen, das ist mir sehr wichtig, aber ich will es mir und ihnen nicht zu leicht machen. Wenn Sie mehrere Wochen lang nur Beet­ hoven oder Bach spielen, kommt da nicht irgendwann der Punkt, an dem Sie sagen: Jetzt muss ich mal was anderes spielen? Sechs Wochen nur Beethoven ist nicht zuviel. Wenn die Musik so gut ist, ist das kein Problem. Da bin ich ein Snob, ich spiele nur gute Musik.

„Programme entwerfen ist eine Kunst wie das Kochen“ Haben Sie noch einen großen Zyklus vor sich? Nein. Vielleicht ist wirklich eine Lebensphase vorbei. Das ist ein gutes Gefühl, ich langweile mich überhaupt nicht. Ich werde weiterhin Bach und Beethoven spielen, ich lerne gerade die Diabelli-Variationen, die ich nie gespielt habe. Und ich bin dabei, die Kunst der Fuge zu studieren. Aber ich bin noch nicht sicher, ob das überhaupt ein Konzertprogramm wird. Ich möchte viel mehr Schumann spielen, auch Debussy beschäftigt mich sehr. Ich möchte mehr neue Musik spielen, ich möchte mehr dirigieren, aber nicht zu sehr. Von den zeitgenössischen Komponisten schätze ich Kurtág am meisten, im Januar habe ich in Salzburg ein Stück von ihm uraufgeführt. Musik von heute fasziniert mich, aber es ist nicht meine Muttersprache. Bei mir dauert es lange, ein neues Stück zu lernen. Aber das macht nichts. 12

Sie machen das aus Freude an der neuen Musik? Manchmal fühle ich mich schon schuldig, dass ich nicht mehr Neues spiele. Aber ich warte auf Stücke, wo ich mit Leib und Seele dabei sein kann. Am liebsten wäre ich Komponist, nur habe ich dafür leider wenig Talent. In der Literatur, im Film, in der Musik muss es weiter gehen. Was wir am meisten brauchen, sind großartige neue Werke. Allerdings: Musik muss leben. Ein Bild hängt in der Gemäldegalerie, und jeder kann es sich anschauen. Musik muss zum Klingen kommen, sonst lebt sie nicht. Werden Sie künftig mehr dirigieren? Es ist wie eine Epidemie, wir Pianisten wollen alle dirigieren. Es macht auch viel Spaß. Ich bin über die Klavierkonzerte von Bach, Mozart, Beethoven zum Dirigieren gekommen. Ich habe immer leidenschaftlich Kammermusik gespielt, und ich habe mein eigenes Kammerorchester gegründet, um vergrößerte Kammermusik zu spielen. Aber es ist ein sehr mysteriöser Beruf, dieses Dirigieren. Es ist eine psychologische Arbeit mit Menschen – das ist wunderbar. Aber für den Orchesteralltag fehlt mir die dicke Haut, und ich bin überhaupt kein Diktator. Ich brauche einen Klangkörper, mit dem ich gut kooperieren kann. Ich kann mir vorstellen, dass ich mehr dirigieren werde. Aber nicht, dass ich aufhöre, Klavier zu spielen. Konzert- & CD-Tipp Mi. 9.6.2010, 20:00 Uhr Kammermusiksaal Schiff spielt Bach I András Schiff (Klavier) Johann Sebastian Bach: Französische Suiten Nr. 1-6 & Französische Ouvertüre

J.S. Bach: Sechs Partiten András Schiff (Klavier) ECM


HERAUSRAGENDE NEUHEITEN BEI SONY CLASSICAL MURRAY PERAHIA PERAHIA SPIELT CHOPIN Limitierte 5 CD-Edition mit Perahias Interpretationen von Werken Chopins, mit denen er bereits bei seinen Konzerten Publikum und Presse gleichermaßen begeisterte. „Wo nötig bleibt Perahia nichts schuldig an Bravour und heroischer Größe. Aber die Nachtseiten dieser Musik, bei der die Poesie ins Visionäre umschlägt, die bringt er zum Ausdruck wie kein zweiter.“ Stuttgarter Zeitung 88697648232

www.murrayperahia.de

KONZERT 25.05.10 BERLIN, KONZERTHAUS

ROBERT SCHUMANN DIE MEISTERWERKE AUF 25 CDs

Mit Arcadi Volodos, Evgeny Kissin, Arthur Rubinstein, Vladimir Horowitz, James Levine, Thomas Quasthoff, Nikolaus Harnoncourt, Christoph Eschenbach, die Deutsche Kammerphilharmonie, Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Wiener Symphoniker, Christian Gerhaher, Nathalie Stutzmann, Trio Opus 8, Ensemble Incanto u.v.a.

www.sonymusicclassical.de

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Nur für kurze Zeit gibt es die limitierte Edition zum 200. Geburtstag des großen Romantikers. Die hochwertige Box enthält auf 25 CDs die wichtigsten Werke Schumanns, sowie ein umfangreiches Booklet mit Informationen über sein Leben und seine Meisterwerke.


sinfonik

West-östliche Diva

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ie türmt Erfolg auf Erfolg, ihr Ansehen wächst von Jahr zu Jahr. Die seit 1988 in Berlin lebende Koreanerin Unsuk Chin wird derzeit hoch gehandelt, und das nicht etwa, weil sie einer bestimmten Sekte angehören oder den Minderheitenschutz von Modernisten genießen würde – Chins Karriere beruht ausschließlich auf ihrer Fähigkeit, Musik von faszinierender Farbigkeit und Dichte zu schreiben, ohne neo-impressio­nis­tische Nebelwölkchen zu er­zeugen. Ihre Werke sind fließende, leuch­ tende Klang­skulpturen, dabei sehr plastisch und greifbar. Sie beeindrucken hartnäckige Brucknerianer genauso wie snobistische Adorno-Nachbeter. „Für mich liegt der Sinn eines Werkes darin, etwas Neues auszudrücken, das noch nicht da gewesen ist“, sagt Unsuk Chin. Und genau das kann sie meisterhaft. International bekannt wurde Chin 1991 durch ein Stück namens Akrostichon-Wortspiel, sieben kurze Sätze für Sopran und Ensemble. Es dokumentiert ihre Vorliebe für Anagramme, Palindrome und ähnliche Buchstabenkünste, denen sie freilich mehr abzugewinnen versteht als ein bloß intellektuelles Vergnügen; Akrostichon-Wortspiel 14

lässt gerade durch seine sinnliche Aura aufhorchen und wurde nicht zuletzt deswegen von Dirigenten wie Simon Rattle und Kent Nagano aufgeführt. Als „Ausdrucksmusik“ möchte Chin ihre Werke allerdings nicht verstanden wissen. Für sie ist Musik „eine im Wesentlichen abstrakte Kunst, deren Ausdruckskraft gerade im Suggerieren, in der Andeutung, nicht in festgelegten Botschaften besteht.“ Gelegentliche expressive Ausbrüche wirken dann aber umso stärker inmitten einer elegant-distinguierten Klang­ architektur. Der definitive Durchbruch kam 2007 mit Alice in Wonderland, zwei Stunden Oper, randvoll gefüllt mit originellen Einfällen, aus denen andere Komponisten zehn Bühnenwerke gebastelt hätten. Die Bayerische Staatsoper hob Alice in Achim Freyers kongenialer Regie aus der Taufe, die Zeitschrift Opern­welt kürte das Werk flugs zur „Uraufführung des Jahres“ (eine Neuinszenierung ist ab 11. Juni in Genf zu sehen). Daneben entwickeln sich derzeit einige Orchesterwerke Chins zu echten Rennern, vor allem das artistische, zwischen dramatischen Eruptionen und glitzernden Sphären angesiedelte Violinkonzert (2001) und das 20-minütige Rocaná (2008),

Foto: Eric Richmond

Die Komponistin Unsuk Chin bringt europäische und asiatische Traditionen ebenso zusammen wie Avantgardisten und konservative Hörer von Volker Tarnow


sinfonik

eine geheimnisvolle Klangphantasie, die von der quecksilbrigen Instrumentation und von permanenten Crescendi bzw. Zoom-Effekten lebt. Auch mit dem Doppelkonzert für Klavier und Schlagzeug (2002), dem Cellokonzert (2008) und dem Konzert für chinesische Sheng (2009) gelangen Chin brillante Beiträge zum aktuellen Repertoire. Unsuk Chin wurde 1961 in Seoul geboren und kam dort in Kontakt mit traditio­ neller koreanischer Musik, und zwar dank ihres Lehrers Sukhi Kang, der in Berlin bei Isang Yun studiert hatte. Ihr Unterricht bei György Ligeti in Hamburg ab 1985 bestärkte sie darin, Musik jenseits mitteleuropäischer Dogmen zu schreiben. Trotz dieser Anregung und trotz ihrer Liebe zu balinesischer Gamelanmusik mied sie lange Zeit exotische In­s­trumente. Erst Wu Wei, Meister auf der chinesischen Mundorgel, inspirierte sie kürz-

lich zu ihrem Sheng-Konzert. „Ich persönlich empfinde mich weder als Asiatin noch als Europäerin“, sagt Chin. „Selbstverständlich bin ich stark von europäischer Musik beeinflusst und komponiere Musik, die gewissermaßen in dieser Tradition steht. Außerdem ist europäische Musik längst ein Teil der globalen Kultur geworden.“ Andererseits ist ihr natürlich bewusst, dass diese Musik nicht erst seit Messiaen, Ligeti, Takemitsu und Yun, sondern schon seit Debussy ostasiatische Elemente aufgesogen hat. Bezeichnungen wie „Weltmusik“ oder „Postmoderne“ lehnt Chin jedoch entschieden ab, wie sie überhaupt mit der deutschen Kategorisierungswut nichts anfangen kann. Man solle es der Zukunft überlassen, für unsere Epoche einen Sammelbegriff zu finden, denn so sei das schließlich immer gelaufen – „Bach hätte sich ja selbst wohl nicht als barocken Komponisten bezeichnet.“ Konzert- und CD-Tipps Mi. 2.6.2010, 20:00 Uhr Konzerthaus (Großer Saal) Seoul Philharmonic Orchestra Viviane Hagner (Violine), Wu Wei (Sheng), MyungWhun Chung (Leitung) Werke von Debussy, Chin & Ravel Di. 8.6.2010, 20:00 Uhr Philharmonie Deutsches Symphonie-Orchester Berlin Vadim Repin (Violine), Kent Nagano (Leitung) Werke von Beethoven, Chin & Strauss

Chin: Violinkonzert & Rocaná Viviane Hagner (Violine), Orchestre symphonique de Montréal, Kent Nagano (Leitung). Analekta

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Klaviermusik

Mit ganzer Seele

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uf Amerika- oder Ostasien-Tournee gehen alle erfolgreichen Musiker früher oder später. Aber eine Tournee durch das Land Brandenburg? Lise de la Salle schafft auch das! Mit dem Brandenburgischen Staatsorchester und Howard Griffiths wird die französische Star-Pianistin im Juni fünfmal Beethoven oder Mozart spielen – in Frankfurt, Potsdam, Brandenburg/Havel und Chorin. „Mein Leben ist schon verrückt: Beim Los Angeles Philharmonic Orchestra war ich dreimal im ausverkauften Riesensaal der Star, fünf Tage später habe ich in einer Kirche in Nürtingen gespielt, wo mich kaum einer kannte. Und nun sitze ich hier mitten in Berlin in diesem wunderbar verrückten Hotel. Ich mag diese Mischung.“ Lise de la Salle hat inzwischen fast alle Berliner Konzertorte durch. Als wir uns im März treffen, steht gerade ihr Debüt in der Komischen Oper bevor, und das „verrückte Hotel“ ist das Westin Grand mit seinem zu DDR-Zeiten verschwenderisch angelegten Foyer. Unter Fachleuten gilt de la Salle als Riesen-Talent, ihre CDs und Konzerte werden hymnisch gefeiert. Mit 21 ist sie schon fast ein alter Hase im Musikgeschäft. 16

Geboren in Cherbourg, aber noch im ersten Lebensjahr nach Paris umgezogen, wuchs sie in einer musikverrückten Familie auf. „Ich habe Musik gehört, so lange ich denken kann. In unserer Wohnung stand das Klavier meiner Großmutter, auf dem ich noch heute arbeite, und ich habe so lange gebettelt, bis ich Unterricht bekam, Gruppenunterricht. Und als der Lehrer uns Kinder in der zweiten Stunde fragte, was wir mal werden wollten, habe ich angeblich geantwortet: Pianistin. Das war für mich immer klar.“ Mit acht kam Lise de la Salle aufs JugendKonservatorium, mit neun hatte sie ihren ersten Konzertauftritt. Mit zehn verließ sie die normale Schule und begann mit Fernunterricht per Post – in Frankreich nicht völlig ungewöhnlich. Klavierunterricht erhielt sie privat von Pascal Nemirovski, und eher der Form halber ging sie mit 15, wieder mit Sondergenehmigung, ans Conservatoire supérieur. Mit 14 lernte sie ihren (Münchner) Konzertagenten kennen – „ein wunderbarer, kluger Mann, der mir geraten hat, mich langsam zu entwickeln“ – und erhielt einen CDVertrag beim renommierten Label naive. Mit 18 schließlich machte sie neben ihrem Abitur auch ihren Hochschulabschluss.

Foto: Stéphane Gallois

Die Pianistin Lise de la Salle auf großer Brandenburg-Tournee von Arnt Cobbers


klaviermusik

Sie zog in eine eigene Wohnung, begann ihr eigenes Geld zu verdienen und trennte sich von ihrem Lehrer. „Ich wollte lieber was Dummes auf eigene Verantwortung machen als immer das Richtige unter Anleitung von anderen. Aber ich habe es nie bereut. Manchmal spiele ich meiner Mutter vor, die großartige Ohren und keine Ahnung von der Klaviertechnik hat. Das ist sehr gut, weil sie nur von der Musik her denkt. Sie gibt mir wichtige Anregungen.“ Im Konzert wirkt Lise de la Salle ernst und selbstbewusst. „Da bin ich völlig auf die Musik fokussiert, und da fühle ich mich sehr sicher. Aber eigentlich bin ich gar nicht so selbstbewusst und gefestigt. Ich glaube, die Gefahr, dass ich abhebe, ist nicht groß.“ Sitzt man ihr im Gespräch gegenüber, erlebt man sie als kluge, reflektierende Musikerin, die aber auch gern lacht und jugend-

lich-fröhlich plaudern kann. Und die ihr Leben genießt. „Ich liebe es, auf der Bühne zu sein. Was da passiert, ist eine Art Magie. Ich habe natürlich eine Interpretation im Kopf. Aber dann versuche ich, meinen Kopf leer zu machen und zu spielen, als würde ich das Stück gerade erst entdecken. Das ist sehr spannend.“ Ihr Repertoire ist breit, ihre Programme sind oft überraschend kombiniert: Bach mit Liszt, Rachmani­now mit Ravel,­Mozart mit Prokofjew. „Ich will die Zuhörer auf eine ungewöhnliche Reise mitnehmen. Und ich spiele nur das, was mir wirklich wichtig ist. Bei einem Büffet pickt man sich doch auch die leckersten Sachen heraus. Es gibt so viele wunderbare Werke von Bach bis Messiaen.“ Gerade hat sie ihre fünfte CD aufgenommen, Chopin solo und mit Orches­ter. „Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich Chopin aufnehmen soll, von dem doch jede Note schon Hunderte Male aufgenommen worden ist, bis ich zu dem Schluss gekommen bin: Das Leben geht weiter und verändert sich, und deshalb gibt es immer neue Sichtweisen. Es geht in der Musik nicht um Besser oder Anders, sondern um die Frage des eigenen, persönlichen Weges. Das wichtigste ist, dass man Musik mit seiner ganzen Seele macht.“ Konzert-Tipps Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt Howard Griffiths (Leitung), Lise de la Salle (Klavier) Fr. 18.6.2010, 19:30 Uhr Konzerthalle „Carl Philipp Emanuel Bach“ Frankfurt/Oder Sa. 19.6.2010, 19:30 Uhr Nikolaisaal Potsdam Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll Mahler: Sinfonie Nr. 5 cis-Moll Fr. 25. & Sa. 26.6.2010, jeweils 19:30 Uhr CulturCongressCentrum, Brandenburg/Havel So. 27.6.2010, 15:00 Uhr Zisterzienser-Kloster Chorin Mozart: Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur KV 271 „Jenamy“ Mahler: Sinfonie Nr. 5 cis-Moll

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Oper

Pariser Verhältnisse in Peru Die Komische Oper Berlin zeigt Offenbachs unbekanntes Meisterwerk von Volker Tarnow

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Spiel mit Maskierung und Demaskierung enthüllt die Verlogenheit der königlichen wie privaten Herrschaftsverhältnisse. Fandangos, Boleros und Kastagnetten sind keine folkloristische Tonstaffage, sondern verhöhnen den gespreizten Stolz der Spanier. Die Aufführung der an musikalischen Höhepunkten überreichen Opéra bouffe liegt in den Händen Markus Poschners. In diesem Punkt dürfen wir schon heute sicher sein, bes­ ten Offenbach und reichlich Esprit parisien geboten zu bekommen.

opern-Tipp So. 6.6.2010, 19:00 Uhr Komische Oper Offenbach: La Périchole – Premiere Markus Poschner (Leitung), Nicolas Stemann (Inszenierung), mit Karolina Gumos, Johannes Chum, Roger Smeets, Christoph Späth u.a. Weitere Aufführungen: Mi. 9. , Mo. 14., Fr. 18., Di. 22., Sa. 26. & Di. 29. 6. sowie Fr. 2., So. 4. & So. 18.7.2010

Foto: Porträtsammlung Friedrich Nicolas Manskopf der Universitätsbibliothek der J. W. Goethe-Universität Frankfurt

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ossini nannte ihn den „Mozart der Champs-Elysées“, Nietzsche war entzückt von La Périchole und La Grande Duchesse de Gérolstein, Karl Kraus, Gus­ taf Gründgens und Max Reinhard haben sich immer wieder mit Offenbach beschäftigt, aber heute bekommen wir in Deutschland selten anderes zu sehen als Orphée aux Enfers und Les Contes d’Hoffmann – nicht eben viel angesichts von fast 100 Operetten und Bouffonnerien aus der Feder des französischen Kölners. Umso erfreulicher, dass sich jetzt die Komische Oper an eines der unbekannten Hauptwerke Offenbachs wagt, an die 1868 geschriebene La Périchole. Offenbach zu inszenieren ist bekanntlich kein Kinderspiel. Die erforderliche Balance zwischen Tiefsinn und Schwachsinn, zwischen unterschwelliger Sozialkritik und gedankenloser Lebenslust zu finden, fällt hierzulande merklich schwer. In Paris inszenieren sich seine Stücke nach wie vor von selbst. Die Opéra Comique hat vor drei Jahren vorgemacht, wie Périchole als Revue über die Bühne rauschen kann. In Paris gibt es halt auch solche genialischen Knallchargen wie Patrick Rocca, der den Don Andrès de Ribeira mit geradezu unanständiger Intensität verkörperte. Dieser Don Andrès, Vizekönig Perus im 18. Jahrhundert, ist natürlich eine Parodie auf Napoleon III., ein nach der Liebe seines Volkes gierender Despot. Er holt sich die fast verhungerte Straßensängerin Périchole (von „perra chola“ = eingeborene Hündin) als Konkubine in den Palast, bekommt aber unerwartete Probleme mit ihrem Liebhaber Pichillo, der ebenfalls Despot ist, nämlich Liebestyrann, aber außerdem Charakter hat. Ein doppelbödiges


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titEl-iNtErViEW

„Musik ist nicht elitär“ daniel Barenboim im Gespräch mit concerti über seinen neuen Ring, die Koexistenz von leidenschaft und disziplin in der Musik und das Kosmische in der Musik Beethovens von Gregor Burgenmeister

Herr Barenboim, was sagen Sie zu den hie­ sigen Turbulenzen an der Scala? ach, wissen Sie, die abgesagten Vorstellungen sind nur ein teil des Problems. insgesamt ist die Situation schon dramatisch, denn es geht um die Beziehung zwischen der unbedingt notwendigen Unabhängigkeit der Häuser und einer Stiftung. im Gegensatz zu Berlin mit drei opernhäusern einer Stadt in einer Stiftung ist es in italien 20

insofern dramatischer, als dass hier alle vierzehn opernhäuser des ganzen landes in einer Stiftung sind. dabei ist jedes Haus ein Unikat, hat andere Bedürfnisse, muss ein eigenes Profil entwickeln und kann nicht bloß ein teil einer Stiftung sein. die Stiftung in Berlin war ein Verteidigungsmechanismus gegen die leute, die mit der idee gespielt haben, ein Haus zu schließen, was katastrophal gewesen wäre. aber irgendwann muss man noch einmal darüber nachdenken, was das bringt. Muss nicht gerade die Oper als elitäre Insti­ tution angesichts der Finanzkrise ihre Exis­ tenz besonders rechtfertigen? Natürlich ist die oper verhältnismäßig teuer, da nur ein kleiner Prozentteil der Bevölkerung die oper wirklich braucht. aber man darf nicht vergessen, dass die Musik vor allem deshalb teuer und elitär wird, weil es zu viele Menschen gibt, die keinen Kontakt zur Musik haben, da sie keine musikalische Erziehung bekommen. Man bräuchte nicht einmal viel Geld für die dringend notwendige investition in die musikalische Erziehung vom Kindergarten an. dann wird sich diese Frage nicht mehr stellen. denn Musik

Foto: Felix Broede

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aniel Barenboim ist bekanntlich ein viel beschäftigter Mann. deshalb musste das interview auch in Mailand stattfinden, wo der Maestro für die Proben der Neuinszenierung des Rheingold weilt, dessen Premiere allerdings aufgrund von Streik ebenso abgesagt wurde wie die aufführung des Simon Boccanegra am Vorabend des Gesprächs, das erst mit Verzögerung begann – eine spontane Pressekonferenz und die idee der Musiker, der Stadt Mailand Probenbesuche als Ersatz für das Ungemach zu schenken, warfen alle Zeitpläne um. als endlich auch die obligatorische Zigarre brannte, entstand ein ausführliches Gespräch in Herrn Barenboims Garderobe in der Scala.


titel-interview

Passt da nicht der Ring thematisch beson­ ders gut in unsere Zeit? Ja, mit Sicherheit. Wagner ist so wichtig geblieben, weil er sich mit universellen Themen beschäftigt hat. Der Ring ist nicht einfach nur eine Geschichte, sondern beschäftigt sich mit den Problemen der Menschheit und der menschlichen Existenz. Ich finde es erstaunlich, dass man im Gegensatz zu vor fünfzig Jahren heute auch in viel kleineren Häusern den Ring sehen kann. Es ist wunderbar, dass es heutzutage auch für kleinere Häuser möglich und auch notwendig geworden ist, den Ring aufzuführen. Wie hat sich Ihr Ring-Bild im Laufe der Jah­ re geändert? Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil wir jetzt mit dem neuen Rheingold erst anfangen. Mein erster Ring war 1988 in Bayreuth, der zweite 1993 bis 1996 an der Staatsoper, beide Male inszeniert von Harry Kupfer. Sie hatten viel Gemeinsames, aber auch jeder für sich viel Neues. Bei meinem ersten Ring sprach ich noch weniger gut Deutsch als jetzt. Deshalb war das Rheingold damals 22

für mich schwieriger als heute, da es ja ein Konversationsstück ist. Natürlich ist der gesamte Ring stark vom Wort abhängig. Vor allem bei Rheingold und Siegfried kann man nicht nur von der Musik ausgehen, während in der Walküre und Götterdämmerung die Musik oft eine sehr klare Idee vom Ausdruck gibt. Insofern haben all diese Jahre mir geholfen, das Stück ein bisschen besser zu verstehen. Ich bin sehr gespannt auf die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Guy Cassiers, der wirklich eine ganz neue und moderne, im wahrsten Sinne des Wortes „Vorstellung“ von dem Stück hat. Er will das Stück für die Ohren und Augen „von heute“ erzählen, und das finde ich ganz toll. Was hat Sie dazu bewegt, einen neuen Ring in Angriff zu nehmen? Vor zwei bis drei Jahren haben wir angefangen über den neuen Ring zu sprechen. Für die Scala bestand eine große Notwendigkeit an einer Neuinszenierung, da der Ring hier seit 40 Jahren nie vollendet worden war. Außerdem war die Idee einer Koproduktion und engen Kooperation zwischen den zwei Theatern eine verlockende Idee. Wird man Sie nach über zehn Jahren wieder einmal in Bayreuth erleben? Ich weiß es nicht. Von 1981 bis 1999 war ich 18 Jahre lang jedes Jahr in Bayreuth. Ich habe so viel dort dirigiert und gelernt und hatte eine sehr enge und fruchtbare Zusammenarbeit mit Wolfgang Wagner. Man soll zwar niemals „nie“ sagen, aber im Moment habe ich keine Pläne dafür. Aber ich beobachte das dortige Geschehen mit großem Interesse. Es sind dort einige Leute tätig, die ich sehr schätze, wie zum Beispiel Andris Nelsons, der den neuen Lohengrin dirigieren wird. Das interessiert mich natürlich sehr. Wie kam es zur Gegenüberstellung von Beet­ hoven und Bruckner im nun anstehenden Zyklus mit der Staatskapelle?

Foto: Max Lautenschläger

an sich ist nicht elitär, ganz im Gegenteil. Es sind die Menschen, die sie elitär machen, indem sie die Musik nicht für alle darstellen. Italien hat der Welt Jahrhunderte lang musikalisch so viel gegeben. Und deshalb hat das Land, genauso wie Deutschland, Österreich und Frankreich eine größere Verantwortung für die Kultur und ganz besonders für die Musik. Rein ökonomisch gesehen sind Kürzungen im Kulturbereich falsch. Es wäre viel besser gewesen, wenn man früher in die Erziehung investiert hätte, so dass jetzt das Kulturbudget hier in Italien nicht bei miserabel kleinen 0,23 Prozent läge. Warum will man gerade da Kürzungen vornehmen? Es ist so, als ob Sie sagen würden: „Ich kann mir nicht mehr erlauben, so schön angezogen zu sein, deshalb kaufe ich mir jetzt neue Socken, sie sind ja schließlich billiger. (lacht)


titel-interview

sellschaft der Musikfreunde in Wien spielen. Daher lag es nahe, den Bruckner-Zyklus, allerdings aus Zeitgründen nur von der 4. bis zur 9. Symphonie, auf die Bühne zu bringen. Daraufhin stellte sich die Frage, womit man Bruckner koppeln könnte. So kamen wir auf die Beethoven-Klavierkonzerte, die ich mit der Staatskapelle in Berlin schon seit Jahren nicht mehr gespielt habe. Leider gibt es keine interessanten künstlerischen Argumente für diese Kopplung, außer der Tatsache, dass Beethoven historisch gesehen so unerhört wichtig war, dass kein Komponist einen Ton schreiben konnte, ohne an ihn zu denken.

Der Ausgangspunkt war ein ganz praktischer und logistischer. Die Staatsoper sollte ursprünglich schon im Juni geschlossen werden, was noch in der eigentlichen Saisonzeit gewesen wäre. Wir hatten daher zwei Möglichkeiten: Entweder wir gehen auf Tournee, oder wir beginnen ein großes konzertantes Projekt in Berlin, denn die Philharmonie war zu diesem Zeitpunkt frei. Wir hatten sehr gute Erfahrungen mit dem Mahler-Zyklus gemacht, den ich mir damals mit Pierre Boulez geteilt hatte. Außerdem denke ich schon seit meiner Kindheit zyklisch. Auch die Wagner-Opern habe ich zyklisch aufgeführt, genauso wie Schönberg oder Elliott Carter, der für mich einer der wichtigsten Komponisten der heutigen Zeit ist. „Warum nicht Bruckner“, dachte ich mir also. Ich hatte schon einige Bruckner-Symphonien mit der Staatskapelle für CD und auf Tourneen gespielt. Und wir werden 2012 den gesamten Bruckner-Zyklus zum 200. Jubiläum der Ge-

Welche Rolle spielt das Werk Anton Bruck­ ners für Sie? Bruckner ist einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt angefangen habe zu dirigieren. Ich hab mich in Bruckner verliebt, da war ich 14 oder 15 Jahre alt, als ich die 9. Symphonie zum ersten Mal gehört habe. Die ganze Welt von Bruckner hat mich fasziniert. Und wie Sie wissen, hat Bruckner nichts für Klavier geschrieben. Daher hab ich mir gedacht: „Wenn ich irgendwann einmal Dirigent werde, möchte ich Bruckner dirigieren.“ So habe ich Ende der 60er und Anfang der 70er sämtliche Bruckner-Symphonien dirigiert. Die Staatskapelle ist aufgrund Ihrer Beschäftigung mit Wagner, Schönberg und Mahler für dieses Repertoire prädestiniert. Bruckner war total fasziniert von Wagner und von seiner Musik. Ich finde, dass die Orchester, die sich mit Wagner-Opern beschäftigen, eine besondere Flexibilität bei Bruckner-Symphonien aufweisen. Auch die Wiener Philharmoniker sind ein Beweis für diese Flexibilität, die andere, rein symphonisches Repertoire spielende Orches­ter nicht haben. Ich hatte das Glück, den gesamten Bruckner-Zyklus dirigieren und aufzunehmen zu dürfen sowohl mit dem Chicago Symphony Orchestra als auch mit den Berliner Philharmoniker, zwei großen und berühmten sogenannten „Bruckner-Orches­ 23


titel-interview

Zwei Schallplatten-Boxen, mit denen ich auf­ wuchs, haben mich sehr geprägt: Die Beetho­ ven-Klavierkonzerte mit Otto Klemperer, auf der Sie Klavier spielen, und die mit Ihnen am Pult und Artur Rubinstein am Klavier ... Aber Sie leiden hoffentlich nicht an Schizophrenie ... (lacht) Nein, nein, keine Sorge! Später durfte ich dann Ihren Sonaten-Zyklus in der Staatsoper und auch die Klavierkonzerte z.B. beim RuhrFestival erleben. Wie hat sich denn Ihr Beet­ hovenbild im Laufe der Jahre gewandelt? Oh, das ist eine ganz große Frage. Ich weiß nicht, wie ich sie beantworten soll. Mein Beet­hovenbild hat sich schon entwickelt, obwohl der Ausgangsgedanke, was in dieser Musik steckt, sich nicht sehr geändert hat. Mein Vater, der ja auch mein Klavierlehrer war, hat mir beigebracht, die Musik Beethovens als etwas Kosmisches anzusehen. Eine Beethoven-Sonate war für mich schon als Kind nicht nur eine spielerische Sache. Ich hab auch den späten Beethoven sehr früh gespielt, was auch Kritik hervorrief. Arturo Benedetti Michelangeli, der in der Jury saß, als ich Beethovens letzte Sonate op. 111 für mein Diplom in der Akademie in Rom spielte, erklärte mir später, als wir zusam24

men auftraten, dass er es absolut undenkbar fand, dass ein 13-jähriges Kind sich mit dem späten Beethoven beschäftigt. Das Bewusstsein um den kosmischen Inhalt dieser Musik hat sich also seit meiner Kindheit nicht geändert, allerdings in der Realisierung schon vieles. Ich glaube, ich habe nun mehr Mut und ein natürliches Gefühl, was die Freiheit betrifft. Man spricht immer über Tempo und Geschwindigkeit, analysiert dann genau, dass man mit 20 eine Minute und zwei Sekunden gebraucht hat, jetzt aber eine Minute und 20 Sekunden oder nur 35 Sekunden ... als ob das wichtig wäre. Ich meine also nicht Freiheit im Tempo, sondern Freiheit im Ausdruck! Und ich habe auch mehr und mehr gelernt, wie wichtig Disziplin ist und wie man diese unbedingt notwendigen Elemente Freiheit und Disziplin zusammenbringen kann. Oder Leidenschaft und Disziplin, wenn Sie so wollen. Es sind Elemente, die nicht so selbstverständlich immer Hand in Hand gehen, sondern fast eher immer gegeneinander wirken. Es ist schön, wenn man als Mensch den Kopf verliert, sich verliebt und eine einmalige Leidenschaft erlebt. Na-

Foto: Monika Ritterhaus

tern“. Aber die Beschäftigung mit Wagner bringt spürbar noch eine zusätzliche Qualität hinein. Natürlich ist die Welt von Bruckner eine sehr komplizierte, denn die Form ist eher barock. Im Gegensatz dazu ist die musikalische Sprache pures 19. Jahrhundert. Das ist schon eine komische Mischung zwischen Barock und Romantik. Hinzu kommt noch etwas, was sehr schwierig zu beschreiben ist, etwas Atmosphärisches, Psychologisches. Das kommt aus dem Mittelalter, von den großen Chorälen. Diese drei Dinge haben mich an Bruckner fasziniert: Mittelalter, Barock und Romantizismus innerhalb eines Stücks! Das ist ein Reichtum, der für mich so eigentlich nur bei Bruckner existiert!


titel-interview

türlich leidet dann als Erstes die Disziplin. Man ist nicht mehr dazu fähig, diszipliniert daran zu denken, was noch zu tun ist. Das ist absolut menschlich, aber in der Musik müssen Disziplin und Leidenschaft permanent koexistieren. Vielleicht habe ich das auch etwas gelernt in den Jahren. Heutige junge Musiker scheinen mir mehr Wert auf technische Perfektion zu legen. Was heißt denn „technische Perfektion“? Fingerfertigkeit ist nicht „Perfektion“. Oft wird beispielsweise die Dynamik oder die Länge der Töne nicht perfekt respektiert. Nehmen Sie das Legato-Spiel – ist das Technik oder Musizieren? Es ist wie der Unterschied zwischen Information und Erziehung. Die jungen Musiker heute sind bestens informiert, was die Töne betrifft. Das beherrschen sie, und da gibt es viele und immer mehr davon. Das ist ja auch das Problem der Orchester, da haben Sie ein Probespiel, und die Leute spielen einfach nur die Töne „technisch perfekt“. Aber nicht mehr. Das ist wirklich eine Verdünnung der musikalischen Botschaft. Andererseits soll man auch nicht pessimistisch sein. Es entspricht nicht meinem Stil und meiner Persönlichkeit zu sagen, dass früher alles besser war. Ich genieße es, von jungen Leuten manchmal ganz frische Impulse zu bekommen. Wenn ich jedoch Leute höre, die ohne jede Überlegung spielen, das stört mich wahnsinnig. Ich kann sehr gut leben mit anderen musikalischen Auffassungen. Aber ich kann und will auch nicht leben mit Musikern, die keine Auffassung haben, wo es nur um eine Präsentation von Tönen geht. Auch wenn sie gut gespielt sind. Was bedeutet dies für junge Musiker heute? Wissen Sie, wir Menschen schimpfen immer über andere Dinge und geben moralische Verantwortung Dingen, die keine moralische Verantwortung besitzen können. Ist ein Hammer etwas, womit sie jemanden erschlagen können, oder etwas, womit sie

eine Schule bauen? Die Verantwortung dafür trägt nicht der arme Hammer, sondern wir! Das Internet ist ja eine phantastische Sache. Was können wir nicht für Informatio­ nen bekommen. Aber je mehr Information verfügbar ist, desto intensiver muss man das Verständnis von den Zusammenhängen der Information entwickeln. Und das Gleiche haben wir in der Musik. Diese Suche nach Zusammenhängen, die nicht mehr so da ist wie früher, das stimmt schon, das ist die Verarmung der Musikwelt für mich. Kann Musik diesen verantwortungsvollen Umgang mit Informationsüberfluss lehren? Ja natürlich. Bei jedem Werk trägt man die Verantwortung, wie man damit umgeht, was man darin sieht und wie viel davon heraus kommt. Ein Piano nach einem Pianissimo ist doch anders als ein Piano nach einem Fortissimo. Man muss die Zusammenhänge begreifen und eine Erklärung dafür haben. Ihre kann dabei ganz anders sein als meine, aber eine Beobachtung muss von uns beiden da sein, sonst ist es nur Information. Sie haben also noch Hoffnung für die Musik? Ja, absolut. Und für die Menschen auch! Vielen Dank für das Gespräch. Konzert-Tipps Beethoven-Bruckner Zyklus mit der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim (Leitung & Klavier) Philharmonie Berlin, jeweils 20:00 Uhr am: So. 20.6.2010 Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur & Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur „Romantische“ Mo. 21.6.2010 Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll & Bruckner: Sinfonie Nr. 5 B-Dur Di. 22.6.2010 Beethoven: Violinkonzert D-Dur & Bruckner: Sinfonie Nr. 6 A-Dur mit Frank Peter Zimmermann (Violine) Fr. 25.6.2010 Beethoven: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur & Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur Sa. 26.6.2010 Beethoven: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll So. 27.6.2010 Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur & Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll

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sinfonik

Serenade im Schloss Das Berliner KammerOrchester lädt nach Charlottenburg von Philip Kelm

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Konzert-Tipp Fr. 4.6., Sa. 5.6. und So. 6.6.2010, jeweils 19:00 Uhr Schloss Charlottenburg Charlottenburger Serenadenkonzerte Berliner KammerOrchester, Roland Mell (Leitung) Werke von Wagner, NIelsen, Mendelssohn u.a.

Foto: Berliner KammerOrchester

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in Orchester, das nicht durch staatliche Mittel unterstützt wird, sondern sich selbst aus Konzerterlösen sowie Spenden und Mitgliedsbeiträge von Freunden und Förderern finanziert, ist ein weißer Rabe in unserer Orchesterlandschaft. Nur wenigen dieser Orchester gelingt es, langfristig erfolgreich zu arbeiten. Dass es dennoch funktioniert, beweist das 1994 nach 20-jähriger Pause wiedergegründete Berliner Kammer­Orchester. In seinen Konzerten an ungewöhnlichen Orten wie dem EuropaCenter oder dem Flughafen Tempelhof, aber auch bei Festivals oder Open-Air-Veranstaltungen legt das Ensemble Wert auf die Pflege der Musikgeschichte seiner Heimatstadt, indem immer wieder Werke Berliner Komponisten auf den Programmen erscheinen. Und mit der sehr internationalen Schar der Musiker aus vier Kontinenten gelingt es ihm regelmäßig, ein großes Publikum für seine anspruchsvollen Programme zu begeistern.

Auch bei den Serenadenkonzerten im historischen Festsaal des Schlosses Charlotten­ burg erwartet das Publi­kum keine EasyListening-Mu­sik in his­torischem Ambiente, sondern eines der Schwergewichte der romantischen Liedliteratur, Richard Wagners Wesen­donckLieder. Wagner schrieb die Lieder, die teilweise als Studien zu Tristan und Isolde dienten, 1857/58 im Schweizer Exil, in Liebe (ob unerfüllt oder nicht, da streiten die Historiker) zu und auf Texte von seiner Gastgeberin Mathilde Wesendonck. Solistin des Abends ist die Sopranistin Silvia Weiss, die schon mit Nikolaus Harnoncourt und Christian Thielemann zusammen arbeitete. Dazu gibt es mit Mozarts Divertimento B-Dur abendliche Unterhaltungsmusik auf dem höchsten Niveau, das dieses Genre in der Musik­geschichte überhaupt erreicht hat. Berliner Töne kommen von Felix Mendelssohn Bartholdy mit der achten Streicher­sinfonie aus dem Jahre 1822.


schleswig-holstein musik festival

bobby mcferrin 10. 8. neumünster 11. 8. lübeck Bobby McFerrin und die NDR Bigband Gil Goldstein Leitung Bobby meets Chopin € 10,- bis 62,-

elı¯na garanˇ ca 22.7. hamburg Elı¯na Garanˇ ca und das Mariinsky Theatre Symphony Orchestra Valery Gergiev Dirigent Sommernachtsgesang € 18,- bis 128,-

philippe jaroussky 6. 8. kiel 7. 8. lübeck Philippe Jaroussky und Anima Eterna Brügge Jos van Immerseel Orgel und Leitung »Opium für die Ohren« € 18,- bis 62,-

10. juli – 29. august karten: 0431- 570 470 www.shmf.de


Chormusik

Die Vollendung des 19. Jahrhunderts Arnold Schönbergs monumentales Chorwerk Gurrelieder wird im Konzerthaus aufgeführt von Eckhard Weber

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wird eine mittelalterliche Legende erzählt, die heimliche Liebe des Königs Waldemar IV. Atterdag zur jungen Tove Lille. Als Tove auf Geheiß der eifersüchtigen Königin Helvig zu Tode kommt, hadert Waldemar mit Gott und klagt ihn an. Nach seinem eigenen Tod zieht der König als Geist auf der Suche nach Tove ruhelos durchs Land. Die Gurrelieder gehören noch der spätromantischen Klangwelt von Schönbergs Verklärter Nacht op. 4 (1899) und seiner sinfonischen Dichtung Pelleas und Melisande (1903) an. Dirigent Lothar Zagrosek, der in diesem Monat im Konzerthaus die Gurrelieder aufführt, sieht bei diesem Werk die

Foto: Arnold Schönberg Center Wien

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s ist eines der gigantischsten Werke der Musikgeschichte. Gut 600 Chorsänger und rund 150 Orchestermusiker sind für eine Aufführung von Arnold Schönbergs Gurreliedern nötig, dazu fünf Gesangssolisten und ein Sprecher. Das Orches­ ter wartet mit acht Flöten, drei Oboen, zwei Englischhörnern, sieben Klarinetten, drei Fagotten, zwei Kontrafagotten, zehn Hörnern, je sieben Trompeten und Posaunen, einer Kontrabasstuba, vier Harfen, Celesta und achtzig Streichern auf. Hinzu kommt eine umfangreiche Schlagzeugbatterie, darunter sechs Pauken, Xylophon, Tamtam und „schwere Eisenketten“. Schönberg führte in seinen Gurreliedern die geballte Klangkraft und den Farbreichtum des spätromantischen Orchesters in eine neue Dimension. Ursprünglich als Klavierlieder konzipiert, konnte der Schnellschreiber Schönberg die Komposition zum größten Teil 1900 und 1901 fertig stellen. Die Instrumentation, die die Klangfluten des romantischen Orches­ ters endgültig ausreizt, war jedoch erst 1911 vollendet. Die Textvorlage der Gurrelieder fand Schönberg in der Novelle En cactus springer ud des Dänen Jens Peter Jacobsen. Darin


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beiden widerstrebenden musikalischen Strömungen des 19. Jahrhunderts endgültig ausgesöhnt: „Die durch konsequente thematische Arbeit erreichte Synthese von klassizistischer Brahms-Schumann-Tradition mit der durch Wagner und Liszt vertretenen neudeutschen Richtung führt zu einem weit in die Zukunft weisenden Orchesterklang.“ Als die Gurrelieder 1913 unter der Leitung von Franz Schreker im Wiener Musikverein uraufgeführt wurden, hatte Schönberg mit kleiner dimensionierten Werken wie dem Klavierliederzyklus Fünfzehn Gedichte aus „Das Buch der hängenden Gärten“ längst die „Emanzipation der Dissonanz“ eingeleitet. Während Schönbergs Uraufführungen sonst regelmäßig für Tumulte, Skandale und Häme sorgten, wurden die Gurrelieder ein großer Erfolg. Schönberg aber blieb sich treu und verbeugte sich nur vor dem Orchester, nicht vor dem Publikum. „Wie üblich, wurde ich nach diesem großartigen Erfolg gefragt, ob ich glücklich sei. Aber ich war es nicht. Ich war ziemlich gleichgültig, weil ich voraussah, dass dieser Erfolg keinen Einfluss auf das Schicksal meiner späteren Werke haben würde.“ Schönberg sollte Recht behalten: Einen Monat später, am 31. März 1913, als in einem Konzert die Kammersymphonie op. 9 gespielt wurde, gab es wieder Proteste und sogar Schlägereien. Konzert- und CD-Tipp Sa. 12.6., 20:00 Uhr & So. 13.6.2010, 16:00 Uhr Konzerthaus (Großer Saal) Schönberg: Gurrelieder Konzerthausorchester, Estnischer Nationaler Männerchor, Rundfunkchor Berlin, Damen des Prager Philharmonischen Chores, Lothar Zagrosek (Leitung), Melanie Diener (Sopran), Claudia Mahnke (Mezzosopran), Daniel Kirch & Daniel Ohlmann (Tenor), Ralf Lukas (Bariton), Udo Samel (Sprecher) Schönberg: Gurrelieder u.a. mit Karita Mattila (Tove), Anne Sofie von Otter (Waldtaube), MDR Rundfunkchor Leipzig, Ernst Senff Chor Berlin, Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle (Leitung). EMI

25 YEARS

südtirol classic festival MERANER MUSIKWOCHEN

24.08. - 27.09.

24.08. THE CLEVELAND ORCHESTRA FRANZ WELSER-MÖST Schubert: Symphonie Nr. 4, R. Strauss: Ein Heldenleben

26.08. I MUVRINI

„gioia“ - open air concert & fireworks for the festival silver jubilee

03.09. ROYAL PHILHARMONIC ORCHESTRA LONDON - PINCHAS ZUKERMAN

Beethoven: Ouvertüre „Egmont“ op. 84, Bruch: Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 in G-Moll op. 26, Mendelssohn: Symphonie Nr. 4 in A-Dur op. 90 „Italienische“

06.09. DIE 12 CELLISTEN DER BERLINER PHILHARMONIKER J.S. Bach, Mendelssohn, Poulenc, Piazzolla, Blacher, Morricone, Presley, Gershwin

14.09. LUZERNER SINFONIEORCHESTER

JAN LATHAM KÖNIG FAZIL SAY - PATRICIA KOPATCHINSKAJA Fazil Say Project: Mussorgsky: Dance of the Persian Slave Girls, Fazil Say: Konzert für Violine und Orchester „1001 Nights In The Harem“ (Italienische Erstaufführung), Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 in C-Moll op. 37

16.09. LUZERNER SINFONIEORCHESTER

JAN LATHAM KÖNIG - FAZIL SAY Fazil Say Project: Fazil Say: Konzert für Klavier und Orchester „Silk Road“ (Italienische Erstaufführung), Mozart: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 21 in C-Dur KV 467, Sonate für Klavier in A-Dur KV 331 „alla turca“, Symphonie Nr. 41 in C-Dur KV 551 „Jupiter“

20.09. BAYERISCHES STAATSORCHESTER

KENT NAGANO Beethoven: Symphonie Nr. 1, Bruckner: Symphonie Nr. 7 24.09. KREMERATA BALTICA - GIDON KREMER

27.09. GOTHENBURG SYMPHONY ORCHESTRA

CHRISTIAN ZACHARIAS - SOLVEIG KRINGELBORN Richard Strauss: Vier letzte Lieder, Mahler: Symphonie Nr. 4

INFO: www.meranofestival.com info@meranofestival.com - Tel +39 0473 212520


Geburtstag

Erfolg mit den Weibern

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r gilt als eines der One-Hit-Wonder der klassischen Musikgeschichte: Otto Nicolai, dem 1849 mit seinen Lustigen Weibern von Windsor die deutsche Komische Oper schlechthin gelang. Doch obwohl es eigentlich keine geringe Leistung ist, mit einem einzigen Werk Operngeschichte geschrieben zu haben, ist das Ansehen des am 9. Juni 1810 in Königsberg geborenen Nicolai gering geblieben. Was irgendwie zu seiner Biographie passt. Sein Vater, selbst ein wenig erfolgreicher Musiker, wollte ihn mit brachialen Methoden zum Wunderkind machen. Stattdessen muss Otto mit 15 das Gymnasium verlassen, weil er dem Druck nicht mehr stand hält. Er flieht nach Breslau und Stargard, wo er per Gerichtsbeschluss durchsetzt, vom gewalttätigen Vater entfernt leben zu dürfen. In Berlin findet er dann in Carl Friedrich Zelter einen väterlichen Freund, der seine Ausbildung vorantreibt. 1834 wird Nicolai Organist in Rom. Dort beschäftigt er sich mit den Meistern der Renaissance – und bekommt eine große Chance: 1837 wird er als Kapellmeister ans Wiener Kärntertor­theater berufen. Nicolai bleibt allerdings nur ein Jahr, weil sein Vertrag nicht verlängert wird. Er 30

geht zurück nach Italien, wo er erste, noch italienische Opern komponiert (das Libretto zu Nabucco lehnt er allerdings 1840 ab – zu viel „Wüten, Blutvergießen, Schimpfen, Schlagen und Morden“ – ein gewisser Verdi nutzt stattdessen die Chance) und sich mit einer der begehrtesten Sängerinnen seiner Zeit verlobt: Erminia Frezzolini. Doch die verdirbt 1841 erst die Uraufführung seines Il proscritto und ehelicht tags darauf einen Tenor – Nicolai bleibt zeitlebens Junggeselle. Er kehrt zurück nach Wien, scheitert dort aber anscheinend an Intrigen. Und als er 1847 endlich in Berlin als Kapellmeister zu Amt und Würden kommt, überlebt er die (auch nicht berauschende) Uraufführung seiner Lustigen Weiber nur um zwei Monate. Noch nicht einmal seine Berufung in die Akademie der Künste am 11. Mai 1849 darf er noch erleben, er stirbt am selben Tag. Ein echter Pechvogel? Als Komponist war ihm in der Tat wenig Glück beschieden – von seinen 235 überlieferten Werken ist außer dem einen fast nie etwas zu hören. Doch da war noch eine zweite Karriere: die als Kapellmeister. Derselbe Otto Nicolai ist nämlich der Mann, der als Begründer der Wiener Philharmoniker gilt. Mit seinen Philharmonischen Kon-

Foto: PD

Dem Komponisten, Dirigenten und klassischen One-Hit-Wonder Otto Nicolai zum 200. Geburtstag von Klemens Hippel


GEBUrtStaG

zerten begann er 1842 in Wien das moderne Konzertleben in unserem Sinne. damit leistete er einen bedeutenden Beitrag dazu, dass die Musiker sich aus dem Status als angestellte in Hoforchestern zu lösen begannen und selbstständige Profi-Musiker wurden. Es war otto Nicolai, der für ein Konzert mit Beethovens neunter Symphonie dreizehn mehrstündige Proben durchsetzte – eine revolution in einer Zeit, in der man solch ein Werk höchstens einmal probte und Musiker ihre Noten manchmal erst am Konzerttag erhielten. Es war Nicolai, der durch solche Probenarbeit die Spielqualität in öffentlichen Konzerten auf ein Niveau hob, das unser modernes Konzertleben erst ermöglichte. Und nicht nur mit seiner arbeit setzte er Maßstäbe: in stets modischer Garderobe

dirigierte er seine Konzerte mit einem versilberten taktstock – ein Gerät, an dessen Verbreitung er ebenfalls großen anteil hatte. Kurz, Nicolai ist einer der Mitbegründer des Berufs und auch des images des Kapellmeisters: Mit seinem abschiedskonzert in Wien verdiente er ein ganzes Jahresgehalt, und seine Eitelkeit war in der ganzen Branche berüchtigt – in Wien, wo es seit kurzem eine Beethovengasse gab, wollte er unbedingt in der Nicolaigasse seine Wohnung nehmen. Einige Jahrzehnte später geboren (oder mit einem längeren leben beschenkt), hätte Nicolai als einer der ganz großen Kapellmeister in die Geschichte eingehen können. als Komponist war ihm nur die eine Sternstunde der Weiber vergönnt. Er selbst hat seine eigene Bedeutung sehr genau gesehen, wie ein Brief an seinen Vater beweist: dem gibt Nicolai 1838 einen rat „als Kapellmeister und als Musikkenner, der ich zu sein glaube, wenn ich auch selbst kein großer Komponist bin“. KONZErT- & cD-TiPP Mi. 9.6.2010, 19:00 uhr Berliner Dom Ein Abend für Otto Nicolai! Staats- und Domchor Berlin, Sing-Akademie zu Berlin, Berliner Domkantorei, Kammersymphonie Berlin, Kai-Uwe Jirka (Leitung) Nicolai: Messe D-Dur, Kirchliche Fest-Ouvertüre, Psalmen & Te Deum Nicolai: Sinfonie D-Dur, Ouvertüren u.a. Bamberger Symphoniker, Karl Anton Rickenbacher (Leitung) Virgin Classics

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iNtErViEW

„Es geht darum, wirklich gute Musik zu machen“ die Harfenistin Christina Pluhar über Freiheit, U-Musik und ihre besondere Verbindung zu Potsdam von Arnt Cobbers

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Foto: Marco Borggreve

’arpeggiata ist eines der spannendsten und erfolgreichsten Ensembles der alten Musik. Gegründet wurde es im Jahr 2000 in Paris von der österreichischen lautenistin und Harfenistin Christina Pluhar. am 12. Juni werden l’arpeggiata bei den Musikfestspielen Sanssouci auftreten, beim open air im Schlosspark vor der orangerie.

Frau Pluhar, Sie verbindet eine besondere Beziehung zu Potsdam? die Festivalleiterin, Frau Palent, war die erste Veranstalterin in deutschland, die l’arpeggiata eingeladen hat, und das verbindet natürlich. Wir fühlen uns da sehr aufgehoben und kommen immer wieder gern – es ist ein wunderbares Festival. das Programm „Einmal um die tanze Welt“ ist eine Kreation speziell für das Festival, das in diesem Jahr ja unter dem Motto „Sehnsucht nach der Ferne“ steht. das open air wird mit einem Feuerwerk enden, und wir werden dazu improvisieren. darauf freuen wir uns schon sehr. außerdem haben wir tänzer aus verschiedenen Kulturen eingeladen, es kommt zum Beispiel ein derwisch, und wir spielen orientalische Musik, was für uns neu ist.

Ist L’Arpeggiata eine feste Gruppe, und wie arbeiten Sie innerhalb der Gruppe? Es gibt einen Stamm von festen Musikern, der in den zehn Jahren zusammengewachsen ist, dahinter stecken einfach viel arbeit und das Vergnügen am gemeinsamen Musikmachen. aber es spielen nicht immer dieselben Musiker, die Besetzung kann je nach Programm von sechs bis vierzig Personen variieren. die Konzeption der Programme, die arrangements usw., das mache alles ich. aber die realisierung erfolgt in der gemeinsamen arbeit, da kommen impulse von allen. Und wir machen immer wieder Programme, zu denen wir Künstler einladen, die wir noch nicht kennen. Wir lieben es sehr, Musiker aus anderen Sparten, tänzer, Jazzmusiker, wen auch immer, einzuladen und mit ihnen zu improvisieren, von ihnen zu lernen. aber es gibt auch rein barocke Programme wie Monteverdis Marienvesper und andere, die fest in der italienischen Musik von 1600 bis 1650 verankert sind. das ist die Musik, zu der wir uns am meisten hingezogen fühlen. Ist es ein gewichtiger Teil Ihrer Arbeit, Werke aufzuspüren? 33


interview

Was fasziniert Sie so an der Alten Musik? Es ist eine Kombination von vielen Punkten. An erster Stelle die Musik selbst, die einfach wunderschön ist. Aber auch die Klangfarben der Instrumente, die sehr menschlich und sanft, sehr berührend und ausdrucksvoll sind. Die Zupfinstrumente zum Beispiel klingen völlig anders als die heutigen Zupfinstrumente, und vom Zink sagte man im 17. Jahrhundert, dass er die menschliche Stimme am besten nachahmen könne. Das kann unglaublich unter die Haut gehen. Ich fühle mich in diesem Klang einfach wohl und auch in der rhythmischen und harmonischen Sprache dieser Musik. Man hat besonders im 17. Jahrhundert sehr viel Improvisationsfreiheit und Gestaltungsmöglichkeiten, weil vom Komponisten wenig vorgegeben ist: Besetzung, Klangfarben, Interpretation – da hat man als kreativer Musiker sehr, sehr viel Spielraum. Wie viel ist denn festgelegt, wenn Sie auf die Bühne gehen? Die Struktur fixiere ich meist, damit ich einen dramatischen Bogen hineinbekomme, aber innerhalb dieser Struktur gibt es die völlige Freiheit, und die wird auch fleißig ausgenutzt. (lacht) Die Soli klingen jeden Abend anders? Völlig, absolut. Das ist das, was Spaß macht. 34

Viele Ihrer Stücke gehen in die Beine, man­ che Basslinien gibt es genauso im Jazz oder in der Popmusik. Liegt das an Ihren Arran­ gements oder meinen Sie, es hat damals wirklich so geklungen? Wir machen keinen Crossover, auch wenn wir uns ab und zu Ausflüge erlauben. Denn manchmal bekommt man tatsächlich, wenn man einen Ausflug in eine andere Sprache macht, ein völlig anderes Bild auf das Notenmaterial. Aber in den Elementen, die man nicht aufschreiben kann, gibt es Berührungspunkte zu anderen improvisatorischen Stilen. Ich glaube, dass Jazz und Pop viel aus der Alten Musik genommen haben. Gewisse harmonische oder rhythmische Floskeln, die es damals gab, gibt es heute noch immer in

Foto: Marco Borggreve

Unbedingt. Ich bin eine begeisterte Forscherin – weil ich es wahnsinnig spannend finde, wenn man in einer Bibliothek sitzt und die Handschriften der Komponisten in der Hand hat, die aus einer ganz anderen Zeit stammen. Durch die Originale bekommt man einen ganz anderen Zugang zum Repertoire. Es gibt aus dem 17. Jahrhundert immer noch unglaublich viele Stücke zu entdecken. Oft ist es ja so, dass man mit einem bestimmten Ziel in die Bibliothek geht und tausend andere spannende Sachen findet.


interview

uns aber auch frei, dieses Gebiet manchmal zu verlassen. Ist Ihre Musik vielleicht auch deshalb so tanzbar, weil Sie keine Berührungsängste zur Volksmusik, zur „U-Musik“ des 17. Jahr­ hunderts haben? Das bin nicht ich, sondern es sind die Komponisten des 17. Jahrhunderts, die sich dieses Materials bedient haben. Deshalb tun wir das auch. Machen Sie als Lautenistin und Harfe­nistin heute noch in anderen Konstellationen Musik? Ich habe das viel gemacht, bevor ich meine eigene Gruppe gegründet habe. Das war sehr wichtig für mich, man lernt viel von der Begegnung mit anderen Musikern und Dirigenten. Aber die Arbeit mit L’Arpeggiata nimmt mich zu 200 Prozent in Anspruch. Das einzige, was ich außerdem noch mache, ist, dass ich weiterhin Barockharfe an der Hochschule in Den Haag unterrichte. Das tue ich sehr gern. Ist Paris ein guter Standort für Alte Musik? Ja, es ist wunderbar, deshalb lebe ich ja dort. Das ist wirklich sehr stimulierend. der lebendigen Musik. Das ist sozusagen lebendiges Barock. (lacht) Natürlich haben sich die Sprachen anderweitig entwickelt, aber man findet Berührungspunkte. Sie machen einfach nur Alte Musik? Vielleicht ist der Begriff Alte Musik überholt, er klingt alt und verstaubt. Inzwischen hat sich die Alte Musik zu einer eigenen musikalischen Sprache entwickelt. Es geht nicht mehr nur um die Aufführungspraxis, sondern darum, dass man mit dem alten Material wirklich gute Musik macht. Unser Spezialgebiet ist die italienische Musik des 17. Jahrhunderts, in der wir uns sehr gut auskennen. Wir bedienen uns der Ergebnisse unserer Forschungsarbeit, fühlen

Konzert- und CD-Tipp Sa. 12.6.2010, 22:00 Uhr Orangerie Sanssouci (Open Air) Musikfestspiele Sanssouci: Einmal um die Tanze Welt – Von Flamenco bis Derwisch L‘Arpeggiata: Christina Pluhar (Theorbe, Barockgitarre, Leitung), Lucilla Galeazzi (Gesang), Elisabeth Seitz (Psalterium), Marcello Vitale (Barockgitarre) u.a. und internationale Tänzer Weitere Infos zu den vom 11.-27.6. stattfindenden Musikfestspielen Sanssouci im Kalender ab Seite 50 und unter: www.musikfestspiele-potsdam.de Via Crucis L‘Arpeggiata, Christina Pluhar, Philippe Jasroussky, Nuria Rial u.a. Werke italienischer Komponisten des 17. Jhd. und traditionelle Musik aus Italien & Korsika. Virgin Classics 35


fussball-WM

Cup der Guten Hoffnung

B

eim Confed-Cup 2009 konnten Aktive und Fernsehzuschauer erstmals die Vuvuzela erleben, diese unmenschlich tönende Plastiktrompete, die zur Grundausstattung eines jeden Fußballfans in Johannesburg und Pretoria gehört. Das Anti-Instrument wurde über Nacht zum bekanntesten südafrikanischen Musikexport – hinter Miriam Makeba selbstverständlich – und durfte auch nicht fehlen, als die Musiker des Miagi Jugendorchesters 2009 durch Berlins Innenstadt zogen. Südafrikas Musik ist freilich ohne Vuvuzela schon eigenartig genug. Ihr Einfluss auf die schwarze Musik Nord- und Südamerikas beispielsweise war gering, denn der Süden Afrikas spielte kaum eine Rolle im transatlantischen Sklavenhandel. Er wurde vielmehr selbst geprägt von Sklaven aus Indien, Madagaskar und Zentralafrika, die oft in Spelunken oder in Privatorchestern reicher Holländer musizierten. Die erste Kolonialmacht hinterließ besonders tiefe Spuren durch ihre calvinistische Kirchenmusik. So begann der Prozess einer kontinuierlichen Entfremdung selbst bei den Zulu, Zwazi, Venda und Tsonga relativ früh. Auch Kapstadt, über Jahrhunderte gerühmt als „Tavern of the seas“, trug 36

wesentlich zur Verbreitung neuer Ideen und nicht zuletzt europäischer Musik bei. Bereits 1831 spielte das African Theatre den Freischütz. 1811 hatte es das erste Orchesterkonzert gegeben, und 1826 war die erste Musikakademie gegründet worden. 1893 baute sich Kapstadt sein Opernhaus, 1905 nahm das Musikkonservatorium seinen Lehrbetrieb auf und 1910 das College of Music. Dessen Gründungsdirektor William Henry Bell, ein gebürtiger Engländer, lieferte 1927 mit seiner atmosphärisch dichten South African Symphony ein typisches Beispiel für Kolonialmusik – afrikanisch ist an diesem Werk rein gar nichts. Immerhin bemühte sich Bell um eine gewisse Nähe zu seiner Wahlheimat, während „eingeborene“ Weiße wie Arnold van Wyk und John Joubert auch den leisesten Stimmungs-Exotismus ablehnten und lieber britischen Mus­ tern folgten. Hubert du Plessis hingegen spielte gelegentlich die patriotische Karte. Richtig gestochen hat auch sie nicht – weder das Cape Philharmonic Orchestra (gegründet 1914) noch das in Johannesburg angesiedelte National Symphony Orchestra (gegründet 1946) haben Werke dieser drei im Repertoire.

Foto: Kai Bienert/Young Euro Classics

Am 11. Juni beginnt die Fußball-WM in Südafrika. Das Gastgeberland ist chancenlos, aber vielleicht weckt das Ereignis etwas Interesse an seiner Musikkultur von Volker Tarnow


fussball-WM

immer reichlich Magie entfaltet. Den gegenläufigen Weg schlug Kevin Volans ein: Der Stockhausen-Schüler wollte Europas Musik afrikanisieren. Zu diesem Zweck überformte er westliche Stilistik mit traditionellen Eigenarten der Venda- und Basotho-Musik, also mit wechselnden Taktbetonungen, nicht-funktionaler Har­monik und Repetitionen ohne jede Entwicklung. Das Kronos-Quartett machte 1987 Volans’ erstes Streichquartett White man sleeps zum Welt­hit. Mittlerweile lebt Kevin Volans in Irland, und sein Versuch, die europäische und Rot, laut und Kult: Die südafrikanische Vuvuzela, hier gespielt von einem Musiker des Miagi Youth Orchestra während der Young Euro Classic 2009 afrikanische Ästhetik zu versöhnen, erscheint ihm heute etwas naiv. Dennoch ruht auf Komponisten Etwas besser erging es Gideon Fagan, der 1941 mit Ilala einen haltbaren Beitrag zur wie ihm die Hoffnung, dass Südafrika mit seiner Musik irgendwann zur Weltspitze Nationalromantik lieferte; benannt ist das überwiegend lyrisch-impressionistische, aufschließen kann. Schneller jedenfalls als mit seinem Fußball – das grün-gelbe Team aber auch Schlagwerkattacken aufbietende liegt in der FIFA-Weltrangliste derzeit auf Tonpoem nach dem Sterbeort Livingstones Platz 90. Trotz Vuvuzela. am Bangweolo-See. 1977 vollendete Fagan seine harmonisch mehr wagende Karoo Symphony, eine Evokation der wüstenähCD-Tipps lichen Landschaft im Inneren Südafrikas, die auf subtile Klangwirkungen vertraut Fagan: Ilala Bell: A South African Symphony und alles Folkloristische meidet. National Symphony Orchestra Angesichts der vielen Weißen im Land SABC, Richard Cock, Peter Marchbank (Leitung) und ihrer Dominanz kann die musikalische Marco Polo Verwestlichung Südafrikas nicht verwundern. Sie erstreckt sich bis tief in die schwarIbrahim: African Symphony zen Milieus hinein. Wenn der Jazz-Pianist Münchener Rundfunkorchester, Abdullah Ibrahim (ehemals Dollar Brand) Barbara Yahr (Leitung) Enja seine Mixturen aus Ellington und MarabiTanzmusik für Symphonieorchester arrangieren lässt und das ganze auch noch AfriVolans: White man sleeps can Symphony nennt, dann haben wir es mit sowie Werke von Maraire, Hakmoun, Addy, Suso und El Din einem zwar extremen, doch sehr typischen Kronos-Quartett Opus der „Regenbogennation“ zu tun – das Nonesuch bei allem Schielen nach dem Erfolg noch 37


Spielstättenporträt

Klassik unter Palmen Eines der bestgehüteten Geheimnisse Potsdams: Der Palmensaal im Neuen Garten von Arnt Cobbers

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Und bewahrt sich so seinen verwunschenen Charme. Die Kronleuchter sind verschwunden, die kostbaren Vasen ebenfalls, wenn sie auch zum Teil ersetzt wurden. Ansonsten aber zeigt sich der Saal wie zu Friedrich Wilhelms Zeiten: als Kunstwerk aus kostbaren Hölzern, mit Wandvorlagen in Palmenform, zwei prächtigen Eisenöfen, überfangen von Decken­gemälden mit musizierenden Putti, zur mittäglichen Sonne hin geöffnet durch große Fenster und an den Schmalseiten ge­ rahmt von den Sälen der Orangerie, den Winterquartieren der exotischen Pflanzen. Durch den Ostflügel mit seinem „ägyptischen Portal“ führt heute auch der Weg in den Saal. Nur hundert Zuschauer finden während der Festivalkonzerte rings um die Bühne Platz, weitere achtzig Stühle werden in den Oran-

Foto: Mathias Marx

D

umm gelaufen. Da baute sich der musikbegeisterte König, kaum dass er den Thron bestiegen hatte, ein prächtiges neues Palais mit einem prächtigen marmornen Konzertsaal – und als er sein geliebtes Cello anspielte, merkte er, dass die Akustik nicht recht geeignet war. Also packte er es wieder ein und wartete zwei weitere Jahre, bis man ihm einen neuen Konzertsaal erbaut hatte. Ebenso prächtig, doch diesmal aus Holz. Vier Jahre musizierte er hier nach Herzenslust, dann starb er, und Palais wie Konzertsaal fielen in einen Dornröschenschlaf, aus dem ihn nur ab und zu und für kurze Zeit ein Nachfahre jenes Königs erweckte. Das Marmorpalais erstrahlt seit kurzem wieder in alter Pracht und zieht die Besucher in Scharen an. Der Konzertsaal Friedrich Wilhelms II. aber ist noch immer ein Geheimtipp. Anfang der 90er Jahre liebevoll restauriert, wird das Kleinod im Sommer von den Musikfestspielen Sanssouci bespielt. Den Rest des Jahres wird es nur ab und an für Vorträge und private Veranstaltungen genutzt.


PEAK.B

geriesälen aufgestellt. Doch auch von dort hört man bestens – wie der Saal überhaupt eine hervorragende Akustik hat. Friedrich Wilhelm II. hatte so viel Freude an seinem sommerlichen Konzertsaal – den Winter verbrachte er im Stadtschloss Berlin –, dass er jeden Abend ein Konzert stattfinden ließ und dazu „die besten musikalischen Kräfte kommen hieß“, wie eine zeitgenössische Quelle es formuliert. Seine Hoheit dürfte eifrig mitmusiziert haben, schließlich galt er als ausgezeichneter Cellist, dem Leute wie Haydn, Beethoven und Dittersdorf ihre Werke widmeten und der sich einen Hofkompositeur im fernen Madrid leistete: den großen Cellovirtuosen Luigi Boccherini. Und vielleicht war es auch kein Zufall, dass die königliche Mätresse, die spätere Gräfin von Lichtenau, eine Musikertochter war. Seien wir also Friedrich Wilhelm II. dankbar, dem Neffen Friedrichs des Großen und Schwiegervater Königin Luises, den seine kurze, eher unbedarfte Regentschaft von 1786 bis 1797, seine zahllosen Liebschaften und sein Hang zur Völlerei um einen glänzenderen Nachruhm brachten. Ohne ihn wären Berlin und Potsdam um das Marmorpalais und den Palmensaal ärmer, die Pfaueninsel und das Wahrzeichen Berlins und Europas schlechthin, erbaut vom Architekten des Palmensaals, Carl Gotthard Langhans: das Brandenburger Tor.

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Konzert-Tipps Sa. 12.6.2010, 17:00 Uhr Neuer Garten (Palmensaal) Jules Verne: In achtzig Tagen um die Welt Friedhelm Ptok (Rezitation), Peter A. Bauer (Schlagins­ trumente aus aller Welt: Marimbaphon, TamTam u.a.) Fr. 18.6.2010, 20:00 Uhr Neuer Garten (Palmensaal) Lord Nelson am Nil Dorothee Mields (Sopran), Daniel Sepec (Violine), Gesine Queyras (Violoncello), Christine Schornsheim (Hammerflügel), Dominik Maringer (Rezitation) Werke von Haydn, Kauer, Vanhal & Fontane Fr. 25.6.2010, 19:30 Uhr Neuer Garten (Palmensaal) Morgenlandfahrt Andreas Wolf (Bassbariton), Christoph Ulrich Meier (Klavier). Lieder von Aufbruch und Wanderschaft

Gropiusstadt: Lipschitzallee 69 Märk. Zentrum: Senftenberger Ring 15 Neukölln: Donaustraße 52 Rudow: Krokusstraße 95 Wilmersdorf: Nestorstraße 6

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ensembleporträt

Langzeitstudenten der nordischen Musik Das Berliner Sibelius Orchester wird 30 Jahre alt von Antje Rößler

S

den Orchestervorstand leitet. „Zwölf Jahre lang war es ein Studentenorchester; dann ist der Altersdurchschnitt nach oben geklettert.“ Der Name des Ensembles ist Programm. „Der Gründer und erste Chefdirigent, Andreas Peer Kähler, liebte den finnischen Komponisten Jean Sibelius“, erzählt Brockdorff. „Im Orchester versammelte er Gesinnungsgenossen.“ Neben Stücken seines Namenspatrons spielte das Ensemble in den ersten Jahren viele Werke unbekannter skandinavischer Komponisten, darunter auch deutsche Erst-

Foto: Berliner Sibelius Orchester

chüler- und Studentenorchester gibt es zuhauf. Was aber wird aus musizierfreudigen Amateuren, wenn sie die Altersgrenze dafür überschreiten? Beim Berliner Sibelius Orchester bleiben sie einfach dabei. Einst studierten sie an der Freien und der Technischen Universität, einige sogar an einer der beiden Berliner Musikhochschulen – heute sind sie bis zu 45 Jahre alt und musizieren nach wie vor gemeinsam. „Vor 30 Jahren wurde das Sibelius Orchester gegründet“, sagt Johann-Friedrich Brockdorff, der

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ensembleporträt

aufführungen. Aber trotz aller Vielfalt war das nordische Repertoire irgendwann erschöpft. Kählers Nachfolger gingen andere Wege. Etwa Wladimir Jurowski, der das Orchester von 1993 bis 1996 leitete. Er setzte den Schwerpunkt auf osteuropäische Musik. Das etwa 70-köpfige Orchester tritt regelmäßig im Konzerthaus und in der Philharmonie auf. „Wir wollen nicht nur das geläufige Abonnement-Programm anbieten“, sagt Brockdorff, der seit 19 Jahren als Hornist dabei ist. „Wichtige Projekte waren zum Beispiel die deutsche Erstaufführung eines Stücks des georgischen Komponisten Giya Kantscheli oder eine Uraufführung des Finnen Leif Segerstam.“ Seine Dirigenten wählt sich das selbstverwaltete Ensemble in Eigenregie. Derzeit amtiert der Australier Stanley Dodds als bereits 13. Chefdirigent des Sibelius Orchesters. „Die Dirigenten nutzen das Orchester zum Üben, für Proben im Rahmen ihres Studiums oder als Sprungbrett für die Arbeit mit Profi-Orchestern“, so Brockdorff. „Wir Musiker profitieren wiederum von den frischen Impulsen der verschiedenen Dirigentenpersönlichkeiten.“ Stanley Dodds, im Hauptberuf Geiger bei den Berliner Philharmonikern, leitet das Si148x70_KUK Töne:148x70 11.11.2009 17:29 Seite 1 belius Orchester seit 2002. „Es braucht Ge-

duld, Zuversicht und intensive Probenarbeit, um ein Amateur-Orchester zu leiten“, sagt er. „Wir setzen für jede Aufführung mindestens zehn Proben an, erreichen damit aber auch erstaunliche Resultate“. Geprobt wird jeden Dienstagabend. Aber nur während des Semesters – das ist ein Relikt aus den studentischen Anfängen. Getragen wird das Orchester vom Engagement aller Beteiligten – und den Konzerteinnahmen. Die Musiker erhalten kein Honorar, Dirigent und Vorstand arbeiten ehrenamtlich. Durch die Ausgaben für Noten, Aufführungsrechte, Werbung und Saalmieten wird der Etat des Orchesters jedoch stark strapaziert. Um so dankbarer ist das Orchester, dass es vom Bezirk Tempelhof-Schöneberg einen Probenraum gestellt bekommt. „In den Proben herrscht immer eine tolle Atmosphäre“, schwärmt Chefdirigent Stanley Dodds und fügt hinzu: „Neue Mitglieder sind stets willkommen. Gerade suchen wir vor allem Kontrabässe.“ Konzert-Tipp Di. 1.6.2010, 20:00 Uhr Konzerthaus (Großer Saal) Berliner Sibelius Orchester Stanley Dodds (Leitung) Atterberg: Sinfonie Nr. 1 h-Moll Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur

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„Zu wissen, was man gerade macht, ist schwierig“ Der Cellist Alban Gerhardt hört CDs seiner Kollegen, ohne dass er erfährt, wer spielt von Klemens Hippel

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Foto: Markus Bröhl - artists and concerts

it Alban Gerhardt Musik zu hören ist ein Erlebnis. Mal hört der 1969 in Berlin geborene Cellist ganz aufmerksam zu, ohne etwas zu sagen. Dann wieder sagt er voraus, was gleich passieren wird. Er hat immer die Noten parat, um seine eigene Auffassung zu belegen. Rennt los, um eine eigene Aufnahme zum Vergleichen zu holen (die er genauso kritisch beleuchtet wie fremde: „Ich vibriere da für meinen Geschmack auch zu viel“ oder: „Da sind wir auch viel zu langsam“ ). Oder er spielt gleich auf dem Cello vor, wie man es nicht machen soll und wie er es sich stattdessen vorstellt. Die Begeisterung für die Musik reißt ihn mit – jede Aufnahme, denke ich oft, würde er am liebsten als Anlass nehmen, sich gleich wieder selbst an diese Musik zu machen.

Bach: Cellosuite Nr. 6, Präludium Sigiswald Kuijken (Schulter-Cello) Accent 2009

Was ist das – ein Barockcellist, der auf einem „cello piccolo“ spielt? Ein Schulter-

Cello! Jedenfalls klingt es etwas dürftig. Sobald er auf die tieferen Saiten geht, hat das Ins­trument gar keine Sonorität mehr. Ein Barockcellist wie Anner Bylsma ist dagegen unglaublich klangvoll. Und rein musikalisch finde ich die Aufnahme eher unbefriedigend: Das ist fast wie ein Springtanz gespielt. Man kann beinahe ein Metronom danach stellen. Das ist natürlich Ansichtssache, aber gerade Barockcellisten spielen diese Bachpräludien ja ziemlich frei. Ich habe mit diesem Stück mal Unterricht bei Walter Levin gehabt. Und der hat gesagt, dass alle Bachpräludien wie große Fantasien seien und auch so gespielt werden sollten. Wie eine sehr fantasievolle und freie Einleitung. Das hier ist dagegen ganz streng. Und die Artikulation ist ein bisschen stereotyp (stellt die Aufnahme ab). Das geht dann wohl auch so weiter. So wurde Bach früher oft gespielt. Mit einer geistigen Unfreiheit im Kopf und ohne eigene Kreativität. Deswegen habe ich diese Musik nicht gemocht. Aber vielleicht sage ich das auch nur, weil ich eine ganz eigene Meinung habe, wie das gespielt werden soll. Wenn ich das Stück nicht kennen würde, würde ich diese Art zu spielen vielleicht akzeptieren. 43


blind gehört

Haydn: Konzert C-Dur, 3. Satz Sol Gabetta (Cello), Kammerorchester Basel, Sergio Ciomei (Leitung). Sony Classical 2009

Das hört man jetzt oft: Die Solisten spielen mit einem Barockorchester, wissen aber nicht, was sie machen sollen. Dann kommt erst so ein non-vibrato-Ton, und dann holen sie doch den romantischen Klang her­ aus. Ich glaube, ich weiß, wer das ist. Ein kleiner Ton ohne Tiefe. Ist das Sol Gabetta? Das Orchester artikuliert gut, aber sie bleibt die ganze Zeit in der Saite drin. Sie spricht nicht. Gleichzeitig fehlt auch der große Klang – dann muss man es machen wie Rostropowitsch, der artikuliert auch nicht, aber er badet im Klang. Hier klingt es niedlich und verspielt, ohne echte Substanz zu haben. Aber das ist auch ein sehr schweres Stück. Ich habe sie für Ihren Mut bewundert, diesen dritten Satz bei der Echo-Preisverleihung zu spielen. Der ist so gefährlich. Ich habe das Konzert neulich aufgeführt: Das ist wie ein Ritt auf einem Vulkan. Es ist natürlich sehr sauber und mit schönem Ton musiziert, aber ich habe vor einiger Zeit Daniel Müller-Schott mit diesem Stück gehört – der macht das sehr viel besser. Haydn: Konzert D-Dur, 1. Satz Emanuel Feuermann (Cello), Symphony Orchestra, Malcom Sargent (Leitung) 1935. Naxos 2000

Das ist ja süß – jetzt macht das Orchester wieder Tempo – und der Cellist besteht auf seinem. Aber ein guter Klang, schön in der Saite. Keine Ahnung wer das ist – ein Franzose? Ich rate mal – ist das Feuerman? Das wurde damals alles live aufgenommen und war gleich perfekt. Ich habe mal Norbert Brainin vom Amadeus-Quartett eine Beet­ hoven-Sonate vorgespielt, und der ist ein44

geschlafen. Als er wieder aufwachte, hat er gesagt: Sie erinnern mich an Emanuel Feuer­ mann. Weil ich damals noch wie ein alter Cellist gespielt habe. Das war genau meine Klangvorstellung: Dieses sehr intensiv in der Saite spielen, mit eher engem Vibrato. Mein Lehrer Boris Pergamenschikow hat dann versucht, mehr „Wind“ in den Ton zu bringen. Das ist jedenfalls mit ganzem Herzen so gespielt, wie Feuermann denkt, dass es sein soll. Was bei Sol Gabetta vielleicht auch interesanter wäre: Wenn sie nicht mit einem Barockorchester spielen, sondern voll romantisch loslegen würde. – So habe ich auch lange Barockmusik gespielt, limitiert, ohne wirklich barock zu sein, weil man denkt: Man darf nicht richtig. Wir Streicher sind halt gewohnt zu vibrieren. Und wenn man das Vibrato „abstellt“, stellt man oft auch den rechten Arm aus. Walton: Cello-Konzert, 1. Satz Daniel Müller-Schott (Cello), Oslo Philharmonic Orchestra, André Previn (Leitung). Orfeo 2006

(nach einem Takt) Oh, ich liebe das Stück. (hört lange zu) Und ich weiß schon, wer das ist, der gefällt mir mit Haydn besser. Das ist zuviel Aufwand. Und es ist leider 15 Schläge zu langsam. Das richtige Tempo ist, glaube ich, 66, das Orchester tupft nur so und das Cello legt sich dann oben drauf. (spielt vor) – Das machen die Cellisten immer: Sie versuchen alle wie verrückt, die leeren Saiten zu vermeiden, aber wenn sie dann auf das a in der fünften Lage kommen, spielen sie es als Flageolett. Wie im zweiten Thema vom BrahmsDoppelkonzert. Bin nur ich das, der das doof findet? Die vibrieren erst wie die Weltmeister, und dann kommt dieses Flageolett. Das muss doch dieselbe Farbe behalten. Aber er spielt natürlich super Cello. – Man muss nicht stupide dem Metronom folgen. Aber man muss doch versuchen zu verstehen, was der Kom-


blind gehört

ponist für ein Gefühl haben wollte. Hier ist das so ein schwebendes Gefühl. Nicht „rumpumpum“, sondern über der Erde, ganz luftig. Aber ich glaube, alle Aufnahmen sind in diesem zu langsamen Tempo. Neulich hat das jemand bei mir im Unterricht auch so gespielt. Ich hatte das Stück fünf Jahre nicht gemacht und habe dann das Metronom rausgeholt, um zu gucken, ob ich spinne, aber es stimmte. Die spielen 54, und das Stück bekommt dadurch etwas sehr Elegisches. Aber in der Partitur steht 66-69. Das Konzert wird vielleicht auch deswegen so selten gespielt, weil schon Piatigorsky das Stück breiter angelegt hat, so dass es ein bisschen langweilig wird. Walton: Cello-Konzert, 1. Satz Gregor Piatigorsky (Cello), Boston Symphony Orchestra 1957. RCA 2005

Das ist schon spannender, oder? 20 Schläge schneller. Müller-Schott ist der bessere Cellist, musikalisch macht es bei Piatigorsky mehr Sinn. Aber wer bin ich, dass ich weiß, wie‘s „richtig“ ist? Klar, Piatigorsky ist der Widmungsträger. Nur darauf kannst du nicht bauen. Das ist wie bei den Komponisten: Sind die ihre besten eigenen Interpreten? Sie können es sein, aber in dem Augenblick, wo sie am Dirigierpult stehen oder am Instrument sitzen, sind sie genau denselben Zwängen und Problemen ausgesetzt wie jeder Interpret: Er spielt und merkt gar nicht genau, was er macht. Dieses sich von oben Beobachten und Wissen, was man gerade macht, ist schwierig. Schostakowitsch: Cellokonzert, 3. Satz/2. Satz Han-Na Chang (Cello), London Symphony Orchestra, Antonio Papanno (Leitung). EMI 2005

Sehr gut! – Super, wie sie den Tempowechsel hier machen. Das war ein bisschen hart,

hatte aber einen guten Zug. Dieses Konzert ist ja gar nicht so schwer, aber der Solist ist einfach super gut zusammen mit dem Orchester. Das ist oft ein Problem bei diesem Stück. Hören wir mal den langsamen Satz. – Das fängt so wunderschön an – das Vibrato auf dem a ist toll – und dann kommt er auf den dritten Finger und macht sowas! Jeder Finger hat ein anderes Vibrato. Anfangs ist das die perfekte Farbe, wie bei einem Gebet, schöner kann man das gar nicht spielen. Und dann kommt dieses Schlackern rein. Schade, der hört sich nicht zu. Das ganze könnte mehr Legato haben, und das Tempo ist auf der langsamen Seite. Aber das ist bisher der beste Cellist. Auch dynamisch ist das viel flexibler als in den Beispielen bisher. Han-Na Chang? Erstaunlich! Ich dachte erst beim dritten Satz, es wäre Capuçon. Den habe ich noch nie gehört, aber alle erzählen, dass er ziemlich laut und sehr gut spielt. Aber der langsame Satz ist sehr sensibel musiziert. Jetzt ist das Tempo wieder besser – das ist ja unbarmherzig schnell, was Schostakowitsch vorschreibt. 66! Und das hier ist gut 50. Das muss wohl an der Aufführungstradition liegen. Rostropowitsch spielt, glaube ich, noch langsamer. Aber das gefällt mir gut. Die Jury soll ja geweint haben, als Han-Na Chang mit elf Jahren beim Rostropowitsch-Festival gespielt hat. konzert- & CD-Tipps So. 13.6. 2010, 17:00 Uhr Potdam Erlöserkirche Eröffnung der Brandenburgischen Sommerkonzerte Mo. 14.6. 2010, 20:00 Uhr Berlin Philharmonie Deutsches Symphonie-Orchester Berlin Alban Gerhardt (Violoncello), Ingo Metzmacher (Leitung). Werke von Debussy, Dutilleux & Beethoven Sa. 24.7. 2010, 20:00 Uhr Radialsystem Alban Gerhardt (Violoncello) J.S. Bach: alle Cello-Suiten Prokofjew: Cellokonzert & Symphonisches Konzert Alban Gerhardt (Cello), Bergen Philharmonic Orchestra, Andrew Litton (Leitung). hyperion

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rEZENSioNEN

Die Welt ist eine Scheibe die interessantesten Cd-Neuerscheinungen des Monats Leichtfüßig Noch bevor die deutsche Kammerphilharmonie Bremen und Paavo Järvi mit ihrem Cd-Zyklus Furore machten, bewiesen das Swedish Chamber orchestra und sein dänischer Chefdirigent thomas dausgaard, dass kammerorchestrale transparenz den Beethoven’schen Sinfonien ganz neue Facetten abgewinnen kann. Nach den Schumann-Sinfonien widmen sie sich nun Schuberts „großen“ Sinfonien 8 und 9. Nur 38 Musiker zählt das einzige skandinavische Profi-Kammerorchester, aber das ist nicht zu wenig. durchweg rasch und leichtfüßig, aber nie leichtgewichtig, dramatisch, aber nie pathetisch und mit viel liebe fürs detail ist ihre Einspielung rundum überzeugend. (aC)

Trost mit Drive

Fünfte mit Humor

Musik ist eine große trösterin. das wussten schon die italiener des 17. Jahrhunderts und stellten die Passion Christi in Mysterienspielen, volksfestartigen Mischungen aus Schauspiel, tanz und Musik, dar. in ihrem neuen Projekt baut sich Christina Pluhar mit Werken von Biber, Monteverdi, Merula und traditionellen korsischen Stücken einen eigenen ebenso ergreifenden wie erhebenden musikalischen „Kreuzweg“. das Ensemble l’arpeggiata spielt mit drive und Freude am Wohlklang, und die beiden Vokalsolisten Nuria rial und Philippe Jaroussky lassen noch das kälteste Herz höher schlagen. das dicke Booklet unterfüttert das Projekt musikwissenschaftlich, eine Bonus-dVd dokumentiert in 16 Filmausschnitten zehn Jahre l’arpeggiata. (aC)

Was wäre, wenn in Beethovens fünfter Sinfonie gar nicht das Schicksal an die Pforte klopfte? Sich der Wiener Meister stattdessen voller ironie und Humor mit dem legendären Klopfmotiv befasst hätte?, fragt sich Giovanni antonini in dieser aufnahme und bietet gleich die antwort: mit einer frischen, leichten, vielfarbigen, tiefsinnigen und doppelbödigen interpretation der Fünften, wie man sie noch nie gehört hat. antonini folgt lieber E.t.a. Hoffmanns romantischer deutung des Werkes als unserer Vorstellung eines verbitterten, vom Schicksal geplagten Misanthropen, der sich heldenhaft seinem Schicksal stellt. Sehr zum Vorteil eines Klassikers, in den hier viele neue Einsichten geboten werden. (KH)

Via crucis Nuria Rial (Sopran), Philippe Jaroussky (Countertenor), L’Arpeggiata, Christina Pluhar (Leitung) Virgin Classics 46

Beethoven: Sinfonien Nr. 5 & 6 Basler Kammerorchester Giovanni Antonini (Leitung) Sony Classical

Foto: Per Morten Abrahamsen

Schubert: Sinfonien 8 & 9 Swedish Chamber Orchestra Thomas Dausgaard (Leitung) BIS


Rezensionen

Höchstgenuss

Mystische Einfachheit

Bergsteiger wünschen sich nichts sehnlicher als klare Sicht: Philippe Jordan, der frischgebackene Musikdirektor der Pariser Oper, erweist sich in der ersten Einspielung mit seinem neuen Orchester als ein idealer Schweizer Bergführer, der die Franzosen mit überlegenem Weitblick auf die alpinen Gipfel führt, die Strauss in seiner sinfonischen Dichtung so suggestiv beschwört. Die Plas­tizität des Klangbildes ist vorbildlich, die Strukturen wachsen organisch in den Himmel. Jordan versteht es, die französische Clarté seiner Musiker mit jener Emphase zu verbinden, die er für Wagner und Strauss empfindet. Zwischen Orchester und Chef glüht ein heißer Draht. (PK)

Fragt man Musiker nach den bedeutendsten lebenden Komponisten, fällt immer auch der Name Henri Dutilleux. Dabei hat der Franzose in 94 Lebensjahren nur wenig komponiert, sein Oeuvre für Klavier füllt gerade mal eine CD. Doch selbst die kürzesten Miniaturen entführen den Zuhörer in eine je eigene, geradezu mystische Klangwelt, sei sie nun geprägt von fast Satie’scher Einfachheit oder, später, einer harmonisch freien, verdichteten Sprache. Alte-Musik-Fachmann Robert Levin ist eng vertraut mit Dutilleux und dessen Musik, und wenn schon der Komponist selbst sagt, man könne diese Musik kaum besser spielen, kann man guten Gewissens von einer Referenzaufnahme sprechen. (AC)

Strauss: Eine Alpensinfonie KUSHPLER_ANZ_01:Layout 1 06.05.2010

Dutilleux: D’ombre 16:14 Uhr Seite 1 et de silence

Orchestre de l’Opéra National de Paris, Philippe Jordan (Leitung). naive

Robert Levin (Klavier) ECM

CD JETZT NEU BEI CAPRICCIO

„Die Zwillinge mit dem Bühnen-Gen“

Hamburger Abendblatt

S L AV O N I C S O U L S · S L A W I S C H E S E E L E N

ZORYANA & OLENA KUSHPLER

TSCHAIKOWSKY · MUSSORGSKY RACHMANINOV · RIMSKY-KORSAKOV


Rezensionen

Mit Styl und Geschmack

Geburtstagsgeschenk

Für seine Zeitgenossen – und noch lange danach – stand Louis Spohr als Komponist auf Augenhöhe mit Weber, Schumann und Mendelssohn. In den Zeiten spätromantischer Riesenorches­ ter aber verschwanden seine feingeistigen, im Klassizismus wurzelnden, dabei durchaus emotional packenden Sinfonien von den Spielplänen. Immerhin in die CD-Player kehren sie nun nach und nach zurück, Howard Shelley und dem Orchestra della Svizzera Italiana sei Dank! Spohrs Sechste ist eine Kurio­ sität: eine „Historische Symphonie im Styl und Geschmack vier verschiedener Zeitabschnitte“: der Zeiten Bachs/Händels, Haydns/ Mozarts, Beethovens und schließlich der „allerneuesten Periode 1840“. (AC)

Kurz und knapp „Schumann“ haben Tzimon Barto und Christoph Eschenbach ihre CD genannt, auf der sie eine Lanze für den späten Schumann brechen, indem sie sein letztes vollendetes Werk, die Geistervariationen, als Mittelteil in ein „Klavierkonzert“ aus den beiden Konzertstücken für Klavier und Orchester von 1849 und 1853 einfügen. Nachdenklich und entrückt, resigniert aber gleichzeitig zufrieden, abgeklärt und nicht mehr ganz von dieser Welt klingt Schumanns Musik in dieser sehr gelungenen Interpretation des amerikanischen Pianisten und seines deutschen Dirigenten – ein überzeugendes Plädoyer für einen Schumann jenseits des Klavierkonzert-Dauerbrenners. (KH)

Spohr: Sinfonien 3 & 6, Ouvertüre „Der Fall Babylons“ Orchestra della Svizzera Italiana Howard Shelley (Leitung) hyperion

Schumann: Geistervariationen, Konzertstücke für Klavier und Orchester u.a. Tzimon Barto (Klavier), Christoph Eschenbach (Klavier & Leitung), NDR Sinfonieorchester. Ondine

Kaleidoskop

Vivaldi empfindsam

Einen unglaublichen Stimmumfang, Einfühlungsvermögen in die darzustellenden Figuren und ihr Seelenleben, eine faszinierend wandelbare Stimme und brillante Technik – Patricia Petibon hat alles, was man für die Barockoper braucht. Und die ganze Welt dieser Oper, vom Beginn des 17. Jahrhunderts bis Händel, präsentiert sie auf ihrer neuen CD. Wobei gegen die unbekannten Arien der frühen Barockopern, von Stradella oder Sartorio, Händels bekanntere Werke beinahe blass wirken. Was Petibon an Emotionen und Freiheit des Ausdrucks bietet, ist ein wundervolles Plädoyer für die frühe Barockoper. Aber auch in der Musik Marcellos, Scarlattis, Vivaldis und Händels weiß sie zu glänzen. (KH)

Drei Sinfonien, ein Geigenkonzert, ein Oboenkonzert und ein Doppelkonzert für Flöte und Cembalo: Mit diesem farbigen Programm porträtiert das 1997 gegründete Helsinki Baroque Orchestra den Komponisten Johan Agrell (1701-1765). Der Pfarrerssohn aus dem schwedischen Östergötland wirkte die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland, zunächst am Hof in Kassel, später als Musikdirektor in Nürnberg. Vom sprühenden Charme eines Vivaldi bis zur stimmungsvollen Atmosphäre des deutschen empfindsamen Stils reicht die Skala von Agrells phantasievoller Musik, für die sich die jungen Finnen mit viel Charme und Temperament einsetzen. (DH)

Rosso – italienische Opernarien Werke von Stradella, Sartorio, Händel u.a. Patricia Petibon (Sopran), Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon (Leitung). Deutsche Grammophon

Agrell: Orchestermusik Sirkka-Liisa Kaakinen-Pilch (Violine), Pauliina Fred (Flöte), Jasu Moisio (Oboe), Helsinki Baroque Orchestra, Aapo Häkkinen (Cembalo & Leitung). Aeolus

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Rezensionen

Schumann noch originaler

Schubert ganz innig

Was ein Jubiläums-Jahr so alles ans Licht bringt: Robert Schumanns drei Streichquartette wurden zu Claras Geburtstag im September 1842 im privaten Kreise uraufgeführt und lagen im Januar­ 1843 im Druck vor – dazwischen aber hatte Schumann Anregungen und Kritik seines Freundes Felix Mendelssohn Bartholdy aufgegriffen. Das Leipziger Streichquartett präsentiert nun die Quartette 1 und 2 erstmals in der jeweils ersten, etwas längeren Fassung. Doch auch abgesehen von diesen editorischen Finessen ist die Einspielung der Leipziger spannend und einfühlsam. Gleiches gilt für die „Zugabe“: das populäre Klavierquintett mit Christian Zacharias. (HM)

Schon die ersten Takte kann man sich kaum inniger gespielt vorstellen. Und so bleibt es die ganze CD, trotz aller dynamischen und emotionalen Ausbrüche. Das Schubert-Spiel des Duos Julia Fischer/Martin Helmchen geht zu Herzen, und genau so muss es sein. Die Münchner Geigerin und der Berliner Pianist harmonieren ideal miteinander, mal verschmelzen sie ihren Ton, dann wieder werfen sie sich munter die Bälle zu. Denn wenn auch die Wehmut dominiert, die Schubert’sche Keckheit kommt hier nicht zu kurz. Ein Überraschung bietet das dritte Werk: die f-Moll-Fantasie für zwei Klaviere – Julia Fischers CD-Debüt als Pia­nistin. Auch das kann sie! (HM)

Schumann: Streichquartette (Nr. 1 & 2 in der Erstfassung), Klavierquintett Leipziger Streichquartett, Christian Zacharias (Klavier) MDG

Schubert: Werke für Violine und Klavier Vol. 2 Julia Fischer (Violine) Martin Helmchen (Klavier) PentaTone

Media vita

Wagnerisimo

Welch wunderbares Vokal­ ensemble für diese Musik: Warm und weich klingen auch die höchsten Höhen, die extremsten Querstände, in denen John Sheppards (1515-1558) Werke schwelgen. Nicht metallisch, kalt und hart, wie man die Musik der Tudorzeit zu hören gewohnt ist. Diese völlig unangestrengte Entspanntheit kann sich nur ein Ensemble leisten, für das die extremen Sprünge, der ungeheure Tonumfang der Melodien und der komplexe Kontrapunkt kein Problem darstellen. Und ganz nebenbei erzeugen die gerade vierzehn Sänger von stile antico einen Klang von erstaunlicher dynamischer Differenziertheit, auf den mancher großer Chor neidisch sein könnte. (KH)

Seit dem Erfolg seiner Pagliacci haftet ihm das Etikett des Verismo an. Dass Ruggero Leoncavallo mehr konnte als Probleme im Schaustellermilieu naturalistisch zu veropern, zeigt seine historische Oper I Medici. 1893 uraufgeführt, war sie als Grundstock eines italienischen Rings geplant. Das hört man: Leoncavallo hat seinen Wagner gut studiert, aber auch Verdi. I Medici beginnt mit einer versuchten Vergewaltigung während der Jagd und endet mit einem Mord in der Kirche. Der Machtkampf zwischen Papst und den Medici bietet aufgeheizte Operndramatik. Plácido Domingo und Carlos Álvarez überzeugen als charakterstarke Medici-Brüder. Alberto Veronesi bringt die Orchesterfarben zum Blühen. (EW)

Sheppard: Media vita und andere liturgische Werke Stile antico harmonia mundi

Leoncavallo: I Medici Plácido Domingo, Carlos Álvarez, Daniela Dessì u.a., Orchestra e Coro del Maggio Musicale Fiorentino, Alberto Veronesi (Leitung). Deutsche Grammophon 49


Vorschau

concerti im Sommer

Der Sommer ist Festivalzeit: Kristjan Järvi dirigiert die Baltic Youth Philharmonic bei Young Euro Classic, Midori ist zu Gast bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten, und Matthias Kirschnereit gastiert beim Bebersee Festival und in Putbus auf Rügen. concerti – Das Berliner Musikleben erhalten Sie im Abonnement sowie kostenlos an allen Veranstaltungsorten, Konzert- und Theaterkassen, im Fachhandel, Kulturinstitutionen, Bildungseinrichtungen, Hotels, Restaurants und Cafés. 82

Fotos: Timothy Greefield-Sanders, Peter Rigaud, www.matthias-kirschnereit.de

Die Ausgabe Juli/August 2010 erscheint am 25. Juni


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JUNI 2010

MAI 2010

Das Berliner MusikleBen

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DAS BERLINER MUSIKLEBEN

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DAS BERLINER MUSIKLEBEN DAS BERLINER MUSIKLEBEN

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Musik ist nicht elitär

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Hören - Schauen - Genießen! Rolando Villazón aus dem Gran Teatre del Liceu, Barcelona (2005) DVD 2672779

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Natalie Dessay aus dem Theater an der Wien (2009) 2 DVD 6961379

www.natalie-dessay.de

Joyce DiDonato & Juan Diego Flórez aus dem Covent Garden, London (2009) 2 DVD 6945819

www.joyce-didonato.de

Foto: © Liceu Barcelona & A. Bofill

concerti - Das Berliner Musikleben Juni 2010  

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