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57. Jahrgang | 6 Euro

Herausgegeben vom Institut für Auslandsbeziehungen

KULTURAUSTAUSCH Zeitschrift für internationale Perspektiven

In dieser Ausgabe Saskia Sassen: Die globale Frau Daniel Innerarity: Die Angst vor dem Individuum Helen Driscoll: Aggression ist weiblich Jessica Valenti: Zu schön für eine Feministin Christian Parenti: Die verhinderte Moderne Roger Willemsen: Das Spiel ist aus Fan Rong: Was Chinesen über Deutsche denken Abbas Khider: Mein deutscher Pass

Ausgabe 1 v/2007


PDF-Ausgabe eines vergriffenen Titels der Zeitschrift f端r Kulturaustausch


editorial

Lassen Sie mich zu Beginn unseres Frauenhefts einen Mann zitieren: „Alle Frauen sind Meister des geflüsterten Wunschzettels“. Das ist von Heinz Rühmann. Hübsch, nicht? Es muss MeisterInnen heißen, würden FeministInnen jetzt sagen. Und vermutlich auch, dass Frauen nicht flüstern, sondern laut sein sollen, für ihre Rechte kämpfen, „sich was trauen“. Sprechen wir erst mal über den Wunschzettel. Und weil wir in Zeiten der Globalisierung leben, am besten über den internationalen Wunschzettel: Frauen im Sudan wünschen sich etwas zu essen, Frauen im Kongo, den Massenvergewaltigungen zu entgehen. Viele Frauen aus Asien und Osteuropa wünschen sich einen Job in einem reichen Land, Frauen in reichen Ländern wollen genauso gut bezahlt werden wie Männer. Alle Frauen wünschen sich jemanden, der sie liebt, manche wünschen sich ein Kind, andere Verhütungsmittel. Und viele Frauen würden gerne einfach nicht mehr hören, dass sie „zu“ sind: zu emotional, zu männlich, zu weiblich, zu leise, zu laut, zu hübsch oder hässlich. Wie gehen Wünsche in Erfüllung? Frauen versuchen es auf sehr unterschiedlichen Wegen. Manche sind allerdings so geschwächt, dass sie nur versuchen können zu überleben. Andere kämpfen, sind stark, laut, durchsetzungsfähig. Wieder andere flüstern ihre Wünsche beharrlich und haben damit Erfolg. Sind die Wünsche berechtigt? Ja. Man kann das Feminismus nennen. Oder es einfach richtig finden, dass jeder Mensch in seiner Welt gut leben kann und fair behandelt wird. Diese Ausgabe fragt, wie es für Frauen derzeit mit dem guten Leben und der Fairness aussieht. So viel vorab: Es muss besser werden. Das wäre zu schön.

Fotos: Ruth Erdt (Titelbild), Ali Ghandtschi (1), Eden Auerbach-Ofrat (2), © k.c. (3), privat (4)

Von der Israelin Aliza Auerbach stammen die Bilder zum Thema „Frauen“ in dieser Ausgabe. Bevor sie Fotografin wurde, studierte Auerbach Philosphie und Religionsgeschichte. Ihre Arbeiten wurden vielfach international ausgezeichnet.

Ein Mann erklärt die Frauen: Der spanische Philosoph Daniel Innerarity diskutiert mit Christina von Braun und uns auf der Frankfurter Buchmesse (siehe Seite 69). Seinen Beitrag „Ich! Ich! Ich!“ finden Sie auf Seite 62.

Jenny Friedrich-Freksa

Trojaner sind eine Möglichkeit, etwas über Deutschland herauszufinden. Fan Rong arbeitet anders: wissenschaftlich. Als BundeskanzlerStipendiat analysiert er das Deutschlandbild der Chinesen. Das Gespräch mit ihm lesen Sie auf Seite 76.


Frauen, wie geht’s?

Fotos: Oliver Kleinschmidt (1), Adam Joseph (2), Palestinian Media Watch (3)

Welche Wünsche und Hoffnungen, Probleme und Sorgen haben Frauen, weltweit, im Jahr 2007? Thema: Frauen, Seite 14-73


Inhalt 6 8 9 10 12 13

Die Welt von morgen Top Ten: Die größten österreichischen Volksbegehren Kulturleben Fokus: Uganda Wählen in: Nepal Fokus: Pakistan

THEMA

Frauen, wie geht’s?

Die Welt der Frau

16 22 25 26 30 31 32

Die globale Frau von Saskia Sassen Die verhinderte Moderne von Christian Parenti Mütter und Muezzine von Peggy Reeves Sanday Zum Anbeten Frauen in den Weltreligionen Das letzte Tabu von Kaj Björkqvist So sieht´s aus Der Global Gender Gap Report 2006 Zu schön für eine Feministin Jessica Valenti im Interview

Körper

36 38 39 40 42 43 44

Schlagabtausch von Helen Driscoll „Das Recht auf Lust ist politisch“ Interview mit Melek Özman Diagnose Gebrochenes Herz von Karin Schenck-Gustafsson Golden Girls von Clary Krekula Fotografierte Verletzlichkeit Interview mit Chris Buck Für Sie Frauenzeitschriften weltweit Kleider ordnen von Heidemarie Blankenstein

Arbeiten

48 51 53 56 58 59

Oben ohne von Kaisa Kauppinen Die letzte Männer-Vorherrschaft Interview mit Vladimír Špidla Gut geweint ist halb gewonnen von Ron Needs Unabhängig durch Sex von Amir Valle Ansichten äußern in Saudi-Arabien Samar Fatany im Interview Damenprogramm von Ursula Zeller

M agazin 74 76 77 78 80 82 83 84 87 88 89 90 91 92 93 94 96 98 104 106

Summ, summ, summ, Dschihad, summ herum von Volkmar Kabisch „Hitler, Merkel, Schumacher“ Interview mit Fan Rong Dumm bleiben von Verena Radkau Nach den Rechten sehen von Olga Sasuchina und Wilhelm Siemers Abgestempelt von Abbas Khider Wirkung lässt sich feststellen von Ute M. Metje Kulturprozesse sind nicht planbar von Horst Harnischfeger Warm-up im Club Med von Isabel Schäfer Pressespiegel „Die Weißen haben schon alles entdeckt“ Interview mit Michel Foaleng Episoden des Schmerzes von William Billows „Orangenbäume und Betonbrücken“ Interview mit Akram Zataari Anstiftungen zur Demokratie von Christine Müller Impressum Leserbriefe/Kommentare Köpfe Kulturorte: Jørn Riel nimmt Abschied von Ilulissat in Grönland Bücher Neuerscheinungen Weltmarkt

Fotos: Oliver Kleinschmidt (1), Adam Joseph (2), Palestinian Media Watch (3)

Männer und Frauen

62 64 66 67 70 71

Ich! Ich! Ich! von Daniel Innerarity Was ist schon normal? „Ich will emotional sein“ Interview mit Grada Kilomba Gestörte Harmonie von Astrid Lipinsky Hausfrauenprosa von Suzi Feay Das Spiel ist aus von Roger Willemsen

Eine Teilauflage dieser Ausgabe enthält eine Beilage der Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main.

Fernsehfreiheit

Locker bleiben

Dschihad-Biene

Mein neuer Pass

Schöne neue Welt? Zebunnisa Hamid über die Situation der Medien in Pakistan

Warum das Leben als Feministin leichter ist, weiß die Autorin Jessica Valenti

Ein Biene-Maja-Verschnitt erklärt beim Hamas-Sender Al-Aqsa TV Kindern die Welt

Abbas Khider erzählt, wie es ist, vom Iraker zum Deutschen zu werden

Fokus: Seite 13

Thema: Seite 32

Magazin: Seite 74

Magazin: Seite 80


Die Welt von morgen

Dänemark: Schule für Langschläfer Die seit Dezember 2006 unter dem Namen „b-society“ agierende Gewerkschaft für Langschläfer hat erste große Erfolge erzielt: Seit August 2007 gibt es in Dänemark eine B-Schule. Gepaukt wird hier erst ab 10 Uhr.

Albanien: Waffen vernichtet Als erstes Land der Welt hat Albanien seinen Chemie­ waffenbestand vernichtet. Das Land kam einer Ver­­ pflichtung gegenüber der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OVCW) nach. Weltweit verfügen noch fünf Länder über chemische Waffen: die USA, Russland, Indien, Libyen und ein weiteres Land, dessen Name nie genannt wird. Vermutlich handelt es sich um Südkorea.


Iran: Ehe auf Zeit Der iranische Innenminister und Geistliche Pur-Muhammedi will die islamische Tradition der Zeitehe fördern. Zeitehen können für mindestens 60 Minuten und bis zu maximal 99 Jahren geschlossen werden. Mit der Zeitehe will Pur-Muhammedi die zunehmende Prostitution bekämpfen und voreheliche sexuelle Beziehungen legitimieren. Kritik äußerte die Frauenfraktion: Männer könnten sich so nach kurzer Zeit problemlos von ihren Frauen trennen, die dann allein mit den Kindern zurückblieben.

Indien: Kaffeerevolution Im Land der Teetrinker wird immer mehr Kaffee getrunken. Zwar gibt es derzeit erst rund 1.000 Kaffeehäuser im Land, Marktforscher prognostizieren aber, dass sich ihre Zahl in den nächsten 20 Jahren verfünffache. Der Kaffee-Boom trifft vor allem die traditionelle Teewirtschaft.

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China: Aus für Mr Li 273 Millionen Chinesen teilen sich die Nachnamen Wang, Li und Zhang. Das soll sich jetzt ändern, denn die Regierung will mehr Abwechslung in der chinesischen Namenslandschaft. Deshalb soll die Kombination aus väterlichem und mütterlichem Nachnamen jetzt erlaubt werden. Mit der größeren Vielfalt soll vor allem Verwechslung und Betrug entgegengewirkt werden.

Thailand: Keine Todesstrafe für Schwangere In Thailand dürfen schwangere Frauen nicht mehr zum Tode verurteilt werden, sondern erhalten eine lebenslange Haftstrafe. So will es ein neues Gesetz vom Juli 2007. Bislang erhielten Frauen, die zum Zeitpunkt des Prozesses schwanger waren, lediglich einen Aufschub der Todesstrafe von einem Jahr.


Top Ten D ie g r ößt e n ö s t e r r e ic h i s c he n Vol k s b e ge h r e n

1 Gegen Konferenzzentrum

(1982) 25,74 Prozent Stimmbeteiligung

2 Gegen Gentechnik (1997) 21,23 Prozent

3 Schutz des menschlichen Lebens (1975) 17,93 Prozent

4 Pro 40-Stunden-Woche

1 Teurer Konferenzpalast

Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) begründete das 1982 ins Leben gerufene Volksbegehren damit, dass es unverantwortlich sei, 7,5 Milliarden Schilling in ein Konferenzzentrum zu stecken. Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) befürwortete den Bau des Prestigeobjekts neben der UNO-City in Wien jedoch. Das Zentrum sei zur Friedenssicherung, Arbeitsplatzbeschaffung und aufgrund internationaler Verpflichtungen unabdingbar. Im Parlament wurde das mit über 1,3 Millionen Unterschriften größte Volksbegehren verfassungsgemäß diskutiert und dann, wie die meisten Volksbegehren in der Landesgeschichte, ignoriert. Das im Volksmund „Bruneum“ genannte größte Konferenzzentrum Österreichs wurde gebaut und wird seither für internationale Kongresse, Messen und Bälle genutzt.

(1969) 17,74 Prozent

5 Für ORF-Reform (1964) 17,27 Prozent

6 Veto gegen Temelin (2002) 15,53 Prozent

7 Für Sozialstaat Österreich (2002) 12,20 Prozent

8 Gleichberechtigung von Frauen (1997) 11,17 Prozent

9 Anti-Abfangjäger

6 Veto gegen Temelin

2002 sorgte das von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) initiierte Volksbegehren zur Stilllegung des tschechischen Atomkraftwerks Temelin in beiden Ländern für Aufregung. Im Vorfeld hatte die „Kronen Zeitung“ – das auflagenstärkste Medium in Österreich – für die Unterzeichnung geworben. Das Ergebnis waren mehr als 900.000 Unterschriften. Die höchste Beteiligung gab es in jenen Bundesländern, die dem angeblich sicherheitstechnisch mangelhaften AKW Temelin am nächsten liegen. Ebenfalls zur Debatte stand in diesem Kontext der EU-Beitritt Tschechiens, dem nur zugestimmt werden sollte, wenn eine Erklärung Tschechiens vorläge, Temelin auf Dauer stillzulegen. Das österreichische Veto wurde am Ende jedoch nicht eingelegt. Das AKW ist bis heute in Betrieb.

10 Für Pensions-Reform (2004) 10,53 Prozent

8 Frauen-Volksbegehren

Als Reaktion auf die „zunehmend verstummende Frauenbewegung und Frauenpolitik“ gab das Unabhängige Frauenforum (UFF) 1997 den Anstoß für ein Frauenvolksbegehren. „Alles, was Recht ist!“, lautete das Motto des Referendums, das elf Forderungen beinhaltete. Neben Lohngleichheit und Mindestlohn, Pensionsansprüchen und Karenzzeit ging es vor allem um die Festschreibung der Gleichberechtigung als sogenanntes Staatsziel im Bundes-Verfassungsgesetz. Drei Viertel der etwa 650.000 geleisteten Unterschriften kamen von Frauen. Quelle: Österreichisches Bundesministerium für Inneres



Zusammengestellt von Ralf Oldenburg

Kulturaustausch 1v /07

Fotos: Schauer, Public Domain, Margit Feyerer-Fleischanderl

(2002) 10,65 Prozent


Kulturleben was anderswo ganz anders ist

Fotos: Alfred Yaghobzadeh/ SIPA, Gaby Gerster/S. Fischer Verlag

44 45 45 46 46 47 47 48 48 49 49 44 50 51 51 52 53 50 5354 5455 55 56 57 57 58 58 59 59 60 60 61 61 56

Wo Jugendliche im iran flirten

Was die Zahl 52 in italien bedeutet

Warum in äthiopien der Gast gefüttert wird

Jugendliche im Iran lernen sich vor allem im Stau kennen. Sie kurbeln die Scheiben herunter, beginnen durch das Fenster ein Gespräch und reichen bei erfolgter Kontaktaufnahme Zettel mit ihren Handynummern weiter. So frei können sie sonst nur im Internetchat flirten, und niemand kann ihnen etwas vorwerfen: Ruft die Mutter an, die üblicherweise nichts davon wissen darf, ist man gerade auf dem Nachhauseweg. Selbst die Sittenpolizei ist machtlos, bleibt doch die Geschlechtertrennung im Grunde eingehalten. Es sind die Jugendlichen selbst, die den dichten Verkehr gezielt verursachen, um „endlich“ im Stau zu stehen. Alle paar Monate entwickeln sich kaum befahrene Straßenecken zu neuen Flirt-Strecken. Auffallen kann man mit einem teuren Auto und westlicher Musik. Ohne Neuwagen ist man auf seine Fantasie angewiesen: Hier und da lassen sich iranische „Peykans“ (mit einem Trabi zu vergleichen) mit deutschem Kennzeichen unter der viel kleineren iranischen Plakette finden. Das soll den Anschein erwecken, es sei ein importiertes Auto und man komme aus Europa. Ein weißer Verband auf der Nase suggeriert eine Schönheits-OP und steigert die Chancen. Denn OPs sind teuer, ein westliches Phänomen und von der Religion untersagt. Ein kürzlich in Kraft getretenes Gesetz zur strikten Benzinkontrolle – pro Auto 100 Liter Sprit im Monat – könnte das Flirtverhalten der iranischen Großstädter also durchaus beeinträchtigen.

Nicht Fußball, sondern Lotto ist der eigentliche italienische Nationalsport. Die verrücktesten Lottospieler sind die Neapolitaner. Welche fünf von insgesamt 90 Zahlen sie ankreuzen sollen, sagen ihnen ihre Träume und ein seit Jahrhunderten in ganz Italien bekanntes Traumdeutungsbuch, die Smorfia. Darin werden jeder Zahl mehrere Symbole zugeordnet und jedem Symbol mehrere Zahlen. Entscheidend für die richtige Interpretation ist der haargenaue Handlungsablauf des Traums. Ein Beispiel: Nehmen wir an, ein Neapolitaner träumt von seiner Mutter. Aus der Smorfia erfährt er, dass die Zahl 52 der Mutter zugeordnet ist. Doch darf er sich lottozahlentechnisch damit noch lange nicht in Sicherheit wiegen. Es gibt nämlich die unterschiedlichsten Mütter: Spielt die im Traum erschienene Mamma irgendein Spiel, ändert sich die Zahl in 74, und die Bedeutung ist „Sehnsucht nach der Vergangenheit“. Eine gesunde Mutter deutet auf ein „Wiedersehen mit Verwandten oder Freunden“ (48). Aber Vorsicht: Schaut man im Traum aus größerer Entfernung auf die gesunde Mutter, ist die „Rückkehr ins Vaterland“ gemeint (69). Und wenn tatsächlich irgendwo der Hauptgewinn gezogen wird? Dann gibt es in der Lottoannahmestelle, in der das Los abgegeben wurde, einen Tag lang Sekt und Wein gratis, das Fernsehen schaut vorbei und in der nächsten Zeit werden alle Lottospieler ihre Zahlen genau dort auswählen. An solch einem Ort ist das Glück ja quasi garantiert.

Essen ist in Äthiopien ein beinahe ritueller Akt. Man isst zusammen, bricht sozusagen auch heute noch das Brot miteinander. Meistens essen wir eine Art äthiopischen Gulasch mit Injera, einem besonderen Fladenbrot. Dabei ist dieses Brot nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch ein Essinstrument. Die Speisen werden mithilfe des Fladens umwickelt und dann, wie in anderen arabischen Ländern auch, ausschließlich mit der rechten Hand in den Mund gesteckt. Dabei sollte man im Idealfall den Mund nicht mit den Fingern berühren. Da dies wirklich eine Kunst ist, gibt es in Äthiopien die – wie ich finde – sehr schöne Tradition, dass die Hausherrin dem Gast beim Essen hilft. Sie bereitet ihm kleine Röllchen und steckt ihm diese direkt in den Mund. Der Gast wird also als Zeichen der Ehrerbietung gefüttert. Natürlich geht das nicht die ganze Zeit so, sondern lediglich zwei- oder dreimal. Aber man sollte als Gast auf keinen Fall erschrecken und auch nicht ablehnen, wenn man gefüttert wird. Das ist bei uns ein wirkliches Zeichen der Gastfreundschaft.

Pedram Sadough wurde 1982 in Isfahan geboren, ist Filmemacher und studiert derzeit in Weimar.

Ralf Oldenburg, geboren 1968, arbeitete fünf Jahre lang als DAAD-Lektor auf Sardinien. Er lebt in Berlin.

KULTURAUSTAUSCH 1v /07

Asfa-Wossen Asserate, Prinz aus dem äthiopischen Kaiserhaus, wurde 1948 in Addis Abeba geboren. Er ist in Frankfurt als Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten tätig. 2004 erhielt er für sein Buch „Manieren“ den Adalbert-von-Chamisso-Preis.

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Fokus: Uganda

Warum es in Uganda dank Energiesparlampen länger hell bleibt

von Risdel K asasir a Millionen Menschen in Uganda sind momentan gezwungen, mit Holzkohle zu kochen und Kerzen anzuzünden, um abends ihre Wohnungen zu beleuchten. Denn eine fünf Jahre dauernde Dürre hat die Wasserpegel in zwei der wichtigsten Stauseen des Nils so stark gesenkt, dass die zwei Hauptdämme Nalubale und Kiira bei den Wasserfällen von Jinja’s Owen nur noch halb so viel Strom produzieren können. Weil die Wasserkraftwerke Ugandas wichtigste Energielieferanten sind, prägt eine Energiekrise das gesellschaftliche Leben: Unternehmen mussten schließen oder sich unter schwierigen Bedingungen durchschlagen, viele Leute verloren ihre Arbeit, während gleichzeitig die Lebenshaltungskosten immens anstiegen. Zwischen September und Dezember 2006 musste der Staat Steuereinbußen von über zehn Milliarden UgandaSchilling (etwa 50 Millionen Euro) verkraften, weil die Produktion in der Textilindustrie zurückgefahren wurde. Um das Land ausreichend mit Strom zu versorgen, werden 380 Megawatt benötigt, etwa dreimal so viel, wie derzeit erzeugt werden kann. Mittlerweile gehört es daher zum Alltag, dass der Strom gekappt wird. Dreißig Stunden komplette Dunkelheit die Woche sind die Norm – dies spart 140 Megawatt. Als unmittelbare Folge dieser Krise hat die Regierung Initiativen ins Leben gerufen, um in den nächsten drei Jahren 20 bis 30 Megawatt einzusparen. Zudem wird die Nutzung von alternativen Energieformen gefördert, wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum – bis der von der Weltbank gesponsorte Bujagali Wasserkraftdamm 2009 fertig gestellt ist. Kabagambe Kaliisa, Staatssekretär im Energieministerium, glaubt, dass sich der Energiehaushalt stabilisiert, wenn man stärker auf Wärmeenergie setzt, auf Leuchtstofflampen umsteigt oder Wohnungen und Büros

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nur nachts beleuchtet. So wurden letztes Jahr 800.000 Energiesparlampen aus Deutschland importiert, von denen die Hälfte kostenlos an private Haushalte wie auch an Klein- und Großunternehmen in der Hauptstadt Kampala verteilt wurde. Erweist sich dieses Pilotprojekt als erfolgreich, sollen mehr Lampen importiert und auch das Landesinnere beliefert werden. Der Staatsminister für Energie Simon D’Ujang rät zudem, Kleidung nicht im trockenen, sondern im feuchten Zustand zu bügeln: Der Energieverbrauch sei geringer. „Wir befinden uns in einer heiklen Situation“, sagt D’Ujang, „und müssen sparen, wo es nur geht.“ Das Ministerium verteilt in den Straßen von Kampala Broschüren und Flyer mit Tipps zum vernünftigen Umgang mit Strom, wie etwa den Kühlschrank nicht gleichzeitig mit dem Radio oder Fernseher einzuschalten. Die Regierung bekämpft ebenfalls den Energieverlust während der Stromerzeugung und -verteilung, der durch illegales Anzapfen und veraltete Geräte entsteht. „Wir gehen gegen die Stromdiebe vor und ersetzen alte Stromwandler und Kabel. So konnten wir den Stromverlust im letzten Jahr von 31 auf 22 Prozent senken“, sagt Kabagambe. Das Versorgungswerk Umene hat vor zwei Jahren begonnen, Hoch- und Niedrigspannungsleitungen sowie Strommaste und -wandler zu zählen und den Zustand der Geräte zu ermitteln, um künftige Verluste zu vermeiden. Man habe bereits 60 Prozent des Bestandes erfasst, sagt William Tumwine von Umene. Nach Angaben von Shoka Energ y Uga nd a Ltd ., einem Beratungsunternehmen für Lorem ipsum dolor…

Energiefragen, kostet die Überwachung und Erneuerung des Stromnetzes die Regierung über 20 Millionen Dollar. Godfrey Kasibante, Vorsitzender der Verbrauchervereinigung in Uganda, befürchtet daher, dass Kosten für die Instandsetzung des nationalen Stromnetzes auf die Strompreise umgewälzt werden könnten. Diese Befürchtung teilt D’Ujang nicht, denn die Projekte würden von der Weltbank subventioniert. Im Juli 2007 verkündete Energieminister Daudi Migereko, dass die Regierung ein Energieeinsparungsgesetz durchsetzen wolle, um die Bürger zur Befolgung der empfohlenen Maßnahmen zu verpflichten. Ein solches Gesetz betrachten viele jedoch als einen Verstoß gegen die Menschenrechte. Kasibante fragt: „Mit welchem Recht will mir jemand vorschreiben, wann ich den Fernseher einoder ausschalte?“ Der Vorstoß der Regierung sei von Grund auf falsch und zeige lediglich, dass die Regierung im Energiemanagement versagt habe. Eine andere Maßnahme, um den Stromverbrauch zu senken, war die Einführung eines neuen Holzkohleofens zum Preis von sechs Dollar. „Der Ofen ist mit Lehm beschichtet und leitet dadurch Wärme nicht ab“, erklärt James Baanabe, der stellvertretende Beauftragte für Energieeffizienz. Rhodah Mutatina, Bewohnerin eines Vorortes von Kampala, spart dank des neuen Ofens bis zu

60 Prozent der bisherigen Kosten. „Früher habe ich alle zwei Wochen einen Sack Kohle gekauft. Heute hingegen reicht ein Sack für einen ganzen Monat.“ Kulturaustausch 1v /07

Foto: Matthew Bowden

Lichtschutzfaktor


Fokus: Uganda

Nach Angaben des statistischen Amtes werden 70 Prozent der Energie im Land auf der Basis von Holzbrennstoffen hergestellt. Holzkohle wird vor allem in den Großstädten oder als Brennholz in ländlichen Gegenden verwertet. Durch solche Sparkampagnen und durch die

ständig steigenden Strompreise mussten viele Menschen ihre Lebensgewohnheiten ändern. Im Landesinneren und in den westlichen Provinzen von Uganda, wie zum Beispiel in Bushenyi oder Kabale, wo wegen des Ausbaus der Farmen viel Wald abgeforstet wurde, nutzen Leute auch Bioabfälle, um ihre Öfen zu heizen. Eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts Prime Services im Mai 2007 ergab, dass 30 Prozent der in Kampala Befragten sich inzwischen einen anderen Arbeits- und Schlafrhythmus angeeignet haben. Hiervon sind vor allem diejenigen betroffen, die außerhalb der Industriegebiete wohnen. Denn nur die großen Industrien werden tagsüber mit Strom beliefert. So sind immer mehr kleine Unternehmen gezwungen, nachts zu arbeiten. Uganda setzt jetzt vermehrt auf die Erkundung von Gas- und Erdölquellen im Westen des Landes. Ab 2009 sollen täglich Kohlenwasserstoff im Wert von 134.000 Dollar und 4.000 Barrel Öl produziert und damit weitere 50 Megawatt abgedeckt werden. Auch soll die Umsetzung von Biomasse gefördert und professionalisiert werden. Weiter gehört Uganda zu den sonnenreichen Gebieten der Welt mit einer täglichen Sonneneinstrahlung von etwa vier bis fünf Kilowattstunden pro Quadratmeter. Unternehmen, die über Solarbatterien verfügen, bieten ihre Dienste nun verstärkt in ländlichen Gegenden an, um dort den Ausfall der Regierungsinitiativen zur Elektrifizierung zu kompensieren. Andere afrikanische Länder haben schon auf erfolgreichere Stromversorgungsmodelle umgestellt. In Ruanda oder Tansania wurde eine Stromkarte eingeführt, die ähnlich wie eine Telefonkarte funktioniert. Der Strom wird automatisch abgestellt, sobald die im Voraus bezahlten Einheiten verbraucht sind. In Uganda hingegen lesen die Anbieterfirmen den Verbrauch direkt am Stromkasten ab. Weil der Zählerstand oft manipuliert wird, muss die Regierung Verluste hinnehmen.Wie DaKulturaustausch 1v /07

Wählen in: Nepal Seit der Revolution im April 2006 erlebt Nepal massive politische Veränderungen. Nach 238 Jahren soll die Monarchie unter dem derzeit­ gen König Gyanendra abgeschafft werden. Das Volk will einen demokratischen Staat, der die gesamte nepalesische Gesellschaft ange­ messen repräsentiert. Ein neues Grundgesetz soll auch traditionellerweise ausgegrenzte Gruppen wie Frauen, indigene Nationalitäten, Madhesi (eine Volksgruppe aus dem südnepa­ lesischen Gebiet Tarai), Dalits (Unberührbare) und religiöse Minderheiten vertreten. Obwohl diese Gruppen 70 Prozent der nepalesischen Bevölkerung ausmachen, hatten sie bisher kaum politisches Mitspracherecht. Vor allem männliche Vertreter der hohen Hindukasten sowie der oberen Schichten (Brahman, Chhetry, Rana und Tkahkuri) dominierten das politische Geschehen des Landes. Zunächst war der Termin für die Wahl zur ver­ fassungsgebenden Versammlung für Mitte Juni 2007 angekündigt. Doch musste der Wahlter­ min auf den 22. November verschoben werden, da sich die derzeitige Regierung nicht auf ein Wahlsystem einigen konnte und die vorläufige Verfassung nachgebessert werden musste. „Nepali Congress“ (NC) und „United Marxist Leninist“ (UML), die zurzeit in der aktuellen Regierung am stärksten vertretenen Parteien, werden wahrscheinlich die Wahlen gewin­ nen, auch wenn mehr als 40 Parteien für die Wahl registriert sind. Es wird ein gemischtes Wahlverfahren für die 497 Posten in der ver­ fassungsgebenden Versammlung geben: 240 Sitze werden nach dem Mehrheitswahlrecht vergeben, 240 über das Verhältniswahlrecht und 17 Vertreter direkt vom Premierminister nominiert, darunter Menschen- und Frauen­

ve Munangari, Angestellter der tansanischen Botschaft in Uganda, berichtet, wurden erstmalig 1997 in seiner Heimat Maßnahmen zum Einsparen von Energie eingeführt. Zunächst durfte jeder Haushalt nur eine bestimmte Zahl von Glühbirnen verwenden. Wie Uganda heute, hatte Tansania damals Millionen von Energiesparlampen aus den USA und Großbritannien importiert. Die Lage stabilisierte sich aber erst, als man zusätzlich Gas einführte. In Uganda hat sich die Bevölkerung bisher für den Einsatz von Sparlampen und den neuen Holzkohleöfen offen gezeigt, denn diese In-

rechtsaktivisten, Sozialarbeiter und Vertreter der Zivilgesellschaft. Die Liste der Kandidaten, über die mit Verhältniswahl abgestimmt wird, soll die gesellschaftliche Struktur der letzten Volkszählung von 2001 widerspiegeln. Offen ist, was passiert, wenn eine Partei diese An­ forderung nicht erfüllt. Die nepalesische Ge­ sellschaft ist patriarchalisch geprägt und das Engagement von Frauen wird nicht unterstützt. Bisher sind in Nepal nur fünf Prozent Frauen in der Politik zu finden – das ist die niedrigste Quote in Asien. Die Parteien unterscheiden sich vor allem in der Frage nach der zukünf­ tigen Regierungsform: UML und fast alle linken Parteien streben eine demokratische Republik an, aber NC und ihre Splitterpartei „Nepali Congress Democratic“ (NCD) sind noch unent­ schieden zwischen Republik oder konstitutio­ neller Monarchie. Von der verfassungsgebenden Versamm­ lung wird viel erwartet: einen demokratischen Staat zu verkünden sowie das Justizsystem zu stärken. Derzeit wird die öffentliche Ordnung durch Erpressungen, Morde und Separatis­ musforderungen der extremistischen Madhesi in Terai gestört. Die „Maoist Young Communist League“ attackiert Regierungsvertreter und entführt Bauern. Die Regierung muss die ge­ geneinander hetzenden Parteien an einen Tisch bringen, die Unruhen im Land unter Kontrolle bekommen und ein für die Wahlen förderliches Klima schaffen. Sonst könnte es sein, dass die Wahlen wieder nicht stattfinden.

Aus dem Englischen von Nikola Richter Sangeeta Lama ist Redakteurin des nepale­ sischen Umweltmagazins „Hakahaki“. Sie lebt in Kathmandu, wo sie 1969 geboren wurde.

novationen sind billig anzuschaffen und sparen gleichzeitig Kosten. Aber nur wenn auch andere Maßnahmen Erfolg zeigen und andere Energiequellen aufgedeckt werden, wird Uganda seine Energieversorgung auf Dauer sichern können. Denn bereits 2025 wird das Land schätzungsweise 2000 Megawatt Strom brauchen. Aus dem Englischen von Evi Chantzi Risdel Kasasira ist Journalist bei der Tageszeitung „Monitor“ und lebt in Kampala, Uganda.

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Fokus: Pakistan

Kontrollverlust Wie sich in Pakistan die Beziehungen zwischen Regierung und Medien wandeln

von Zebunnisa Hamid Nawazish Ali war Pakistans bekannteste Witwe. In ihrer „Late Night Show“ hat sie bis vor Kurzem, stark geschminkt und in bunte Saris gekleidet, prominente Persönlichkeiten zum nächtlichen Plausch empfangen. Dabei scheute sie sich keineswegs davor, mit ihren männlichen Gästen zu flirten und mit den Frauen kleine Schönheitswettbewerbe auszufechten. Politiker, Intellektuelle und Künstler kamen in die Sendung und störten sich nicht daran, dass die Offizierswitwe eigentlich ein Mann ist. Denn hinter dem fiktiven Charakter der glamourösen Witwe verbirgt sich der bisexuelle Transvestit Ali Saleem, der in Frauenkleidern die Sendung moderierte. Die Talkshow von Saleem wurde ein Hit. Der 28-Jährige quälte seine Gäste mit unbequemen Fragen zur politischen Lage und er kritisierte offen Armee und Fundamentalisten. Hin und wieder versuchte er sogar, eine Diskussion über Sexualität vom Zaun zu brechen. Nachdem die Show zwei Jahre lang zur besten Sendezeit auf dem privaten Sender Aaj TV lief, wurde sie diesen Sommer abgesetzt. Und zwar nicht auf Druck der islamischen Fundamentalisten, sondern der Armee: Diese war nicht glücklich darüber, dass Frau Nawazish ausgerechnet eine Offizierswitwe ist. Ironischerweise ist Saleem im wirklichen Leben der Sohn eines Armeeoffiziers, der die Karriere seines Sohnes voll und ganz unterstützt. Am Beispiel der „Late Night Show“ lässt sich sehr gut der aktuelle Stand der Dinge in Pakistan ablesen. Das rapide Wachstum der Medienlandschaft in den letzten zehn Jahren hat das gesellschaftliche Leben in Pakistan neu aufgemischt und auch einen Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozess in die Wege geleitet. Fernsehen und Radio sind die Informationsquellen schlechthin. Das ist nicht verwunderlich, denn in Pakistan kann nach offiziellen Angaben jeder zweite

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nicht lesen und schreiben. Und der Anteil der Zeitungsleser beträgt nur zehn Prozent. Der Fernsehboom der letzten Jahre war folglich von großer Bedeutung für die gesellschaftlichen Entwicklungen im Land. Bis vor etwa fünf Jahren gab es nur einen staatlichen Fernsehsender, der in seiner Berichterstattung wenig kontrovers und stark regierungsfreundlich ausgerichtet war. Heute kann der Zuschauer zwischen zehn privaten Nachrichtensendern wählen. Hinzu kommen zahlreiche Unterhaltungs- und Musiksender, die meist in Urdu, der offiziellen Landessprache, berichten. In jüngster Zeit senden aber immer mehr Rundfunkanstalten auch in ihrem regionalen Dialekt. Hierdurch hat der staatliche Sender zwar viel Konkurrenz bekommen, in den ländlichen Gebieten aber erfreut er sich immer noch reger Beliebtheit. Die privaten Sender werden eher von den Städtern favorisiert, die zudem über Satellit ihre Programmauswahl vergrößern. Geo TV hat sich als einer der erfolgreichsten Sender im Land etabliert und verfügt mittlerweile auch über einen eigenen Sport-, einen Unterhaltungs- und einen Nachrichtenkanal. Vor einigen Monaten ging das erste englischsprachige Nachrichtenstudio auf Sendung, das sich vor allem an die Mittel- und die Oberschicht richtet. Weitere englischsprachige Sender sind geplant. Die Einführung des privaten Fernsehens hat vor allem den medialen Umgang mit brisanten Themen und Konflikten verändert. Die neue Art der Berichterstattung führte jedoch zu Auseinandersetzungen mit der Regierung, da diese den Inhalt der Beiträge nicht mehr kontrollieren konnte. Als es zum Beispiel 1981 während eines Demokratisierungsversuches zu zahlreichen Demonstrationen gegen den damaligen Diktator Zia ul-Haq kam, waren nur die wenigen Menschen über das Geschehen inormiert, die Zugang zur BBC hatten. Der

Regierung gelang es, gegen die Demonstranten vorzugehen und die Bewegung ohne größere Widerstände zum Kollabieren zu bringen. Diesen Sommer, als der Oberste Gerichtshof den Richter Chaudry wieder einsetzte, obwohl dieser im März 2007 von Präsident Musharraf wegen angeblicher Korruption seines Amtes enthoben worden war, hatte die Regierung kein leichtes Spiel. Die privaten Sender waren schon bei den ersten Protesten zugegen und berichteten live. Es kam zu Massenkundgebungen im ganzen Land. Die Entscheidung musste widerrufen werden. Solche Erfolge sind aber nicht selbstverständlich. Es kommt immer noch vor, dass die Armee Redaktionsräume stürmt, wenn sie mit der Berichterstattung nicht einverstanden ist, so auch bei den Protesten gegen die Suspendierung des Richters Chaudry. Während einer Live-Übertragung drang die Polizei in die Redaktionsräume ein und zerstörte das Arbeitsmaterial. Dieser Angriff wurde von einer Kamera aufgenommen und der Öffentlichkeit gezeigt. Die Entrüstung darüber war so groß, dass Präsident Musharraf sich im Fernsehen entschuldigen und die Bestrafung der Täter veranlassen musste. Die Reaktion von Musharraf zeugt von einem Wandel im Verhältnis zwischen Medien und Regierung. Als Musharraf vor acht Jahren an die Macht kam, erklärte er, dass er Pressefreiheit und Liberalisierung der Medien vorantreiben wolle. Die Situation verschlechterte sich jedoch. Manche Sender sagen, dass sie ständig von der Regierung überwacht werden. Musharraf rechtfertigt diese Kontrollen mit dem mangelnden Verantwortungsbewusstsein der Sender. Eine Sendung etwa zeige tote Menschen nach einem Bombenangriff. Dies sei eine Zumutung für die Zuschauer. Zu ähnlichen Konflikten kam es auch während der Belagerung der Roten Moschee im Juli. Einige Reporter beklagten sich, dass die Behörden sie bei der Arbeit behinderten. Diese wiederum meinten, der Schutz der Geiseln sei wichtiger als die Aufklärung der Öffentlichkeit. Dieses Misstrauen zwischen Regierung und Medien wird gewiss noch einige Zeit für viel Ärger auf beiden Seiten sorgen und auch den bevorstehenden Wahlkampf prägen. Doch nicht nur im Nachrichtenjournalismus lassen sich Fortschritte erkennen. Auch die Unterhaltungsbranche boomt. Die Auswirkungen Kulturaustausch 1v /07


Fokus: Pakistan

durch diese raschen Entwicklungen verschärft. Denn selbst die „modernen“ unter den Eltern beziehen sich sehr stark auf traditionelle kulturelle Werte. So wollen sie zwar einerseits, dass ihre Kinder die bestmöglichste Ausbildung erhalten und studieren, andererseits aber werden eine gute Heirat und die Gründung einer Familie als das Lebensziel schlechthin betrachtet. Die Kinder jedoch wollen meist ins Ausland ziehen, einen gut bezahlten Job haben und möglichst viele Erfahrungen sammeln. Genauso, wie es die Helden ihrer Serien vorleben. Um die Jugend vor den Einflüssen des Westens zu schützen, wurde privaten Sendern anfangs harte Zensur auferlegt. Bis vor einigen Jahren war es ganz normal, dass mitten im Programm auf einmal Bild verzerrende Kästen auftauchten, die vor dem Anblick von zu viel nackter Haut schützen sollten, etwa in Serien wie „Baywatch“. Einige kluge Köpfe Die Regierung hat es aufgegeben, fanden a llerd ings die unmoralischen Szenen zu zensieren heraus, dass man sehr gut durch die Kästen Und dank MTV Pakistan, hat sich eine Mu- blicken kann, wenn man sich ein Stück Stoff sikszene über das gesamte Land verbreitet, vor die Augen hielt. Männer in Cafés scharten wie es sie vorher noch niemals gegeben hat. sich also mit Stoff vor dem Gesicht um einen Zum einen fließen die westlichen Rhythmen Fernseher, um den Anblick einer Pamela Anin die traditionellen Melodien des Landes ein derson am Strand einzufangen. Mittlerweile hat es die Regierung aufgeund bringen neue Musikstile hervor. Zum anderen formen sich überall ganz neue Bands geben, unmoralische Szenen zu zensieren. nach westlichem Vorbild. Dabei versuchen Dies wäre auch lächerlich, kann man doch die jungen pakistanischen Musiker nicht nur heute über hundert internationale Programme zu rocken und zu rappen wie die Kollegen empfangen. So beschwert sich auch kaum jeaus Amerika und England, sie übernehmen mand mehr, wenn Nachrichtensprecherinnen gleich das ganze Repertoire: Outfit, Stil und ihre traditionelle Kopfbedeckung gegen einen eine bestimmte Haltung dem Leben und der Anzug eintauschen. Allerdings darf man trotz allem Wandel nicht vergessen, dass auch Gesellschaft gegenüber. So wird durch die Medien in den ländlichen die fundamentalistische Front im Land sich Regionen das Bewusstsein für die Traditionen der Medien bedient, um ihre Ideologien zu des Landes geweckt und in den Städten die verbreiten. Nicht selten treten sie hierfür in Modernisierung der Gesellschaft vorange- Sendungen auf, deren Macher sie öffentlich trieben. Das führt allerdings dazu, dass die als verwestlicht verurteilen. Das mag zwar Kluft zwischen Land und Stadt, zwischen paradox klingen, aber das Nebeneinander von Arm und Reich, noch größer wird und das entgegengesetzten Ideologien in Pakistan ist Land sich mit neuen Spannungen konfrontiert eine heikle Angelegenheit, die viel Geduld und sieht. Während sich die Städter als modern Einfühlungsvermögen erfordert. Dieser Herausforderung kann nur mit einer betrachten und die Menschen auf dem Land als rückständig, werfen diese ihnen westliche guten Ausbildung der Journalisten begegnet Überheblichkeit und kulturelle Entfremdung werden. Media Studies kann man mittlerweivor. Auch der Generationenkonf likt wird le überall im Land studieren. Doch wir als

Foto: Oliver Kleinschmidt

der Medienrevolution macht sich vor allem bei den Jugendlichen bemerkbar, die heute Zugang zu Sendern aus der ganzen Welt haben. So ist in den ländlichen und konservativeren Gegenden des Landes vor allem die Begeisterung für Indien gewachsen, nicht zuletzt wegen der großen Filmindustrie. Auf einmal wird man sich in Pakistan des gemeinsamen kulturellen Erbes bewusst. Die Mädchen kleiden sich wie ihre Idole aus den Seifenopern, und auf den Handys der Jungs klingelt der neuste Bollywood-Hit. Filme und Musik aus dem Westen hingegen beeinflussen die urbane Mittel- und Oberschicht. Mädchen und Jungen, die tagsüber Jeans und T-Shirt tragen, führen abends auf Partys und in Restaurants die aktuellsten Modetrends vor. Hierzu lassen sie sich von Fashion TV Pakistan inspirieren, einem Sender, der Mode aus der ganzen Welt vorstellt.

Kulturaustausch 1v /07

Ausbilder müssen uns bew usst werden, dass es bei der Ausbildung der jungen Journalisten auch um die Vermittlung einer liberalen Ethik geht. Es ist wichtig, den künftigen Journalisten beizubringen, dass sie alle Meinungen respektieren müssen, sich bei der Berichterstattung nicht von ihren Emotionen treiben lassen, und einen distanzierten Umgang mit ihren Themen finden. Nur eine verantwortungsvolle Berichterstattung wird die Entwicklung zu einer völligen Unabhängigkeit der Medien vorantreiben. Aus dem Englischen von Evi Chantzi Zebunnisa Hamid, geboren 1979, lebt in Lahore. Sie ist Dozentin für Medienwissenschaften an der Beaconhouse National University und schreibt als freie Journalistin für pakistanische Tageszeitungen.

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Die Welt sieht für Frauen sehr unterschiedlich aus: Manche kämpfen gegen Armut, Hunger oder Gewalt, manche für Gleichberechtigung oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wieder andere kämpfen gar nicht. Was Frauen international bewegt und was die Forschung darüber denkt, beschreibt das erste Kapitel unseres Themenschwerpunkts „Die Welt der Frau“. Um Frauen und ihren Körper geht es im zweiten Teil: um Gefühle und Idealbilder, um alte Stereotype und neue Erkenntnisse. Das Kapitel „arbeiten“ erzählt von Frauen im Berufsleben: von guten Hochschulabschlüssen, verhinderten Karrieren und von Wegen zu Erfolg und Unabhängigkeit. Im letzten Teil „Männer und Frauen“ schreiben Männer und Frauen über kleine Unterschiede, große Gefühle – und die Macht eines jeden Individuums.­

Alle Bilder im Hauptteil: Aliza Auerbach


Die globale Frau Von Saskia Sassen Die Rolle der Frau in internationalen ökonomischen Abläufen

Saskia Sassen wurde 1949 in Den Haag geboren. Bis vor kurzem war sie Professorin für Soziologie an der Chicago University und der London School of Economics. Seit Herbst 2007 ist sie für das „Committee on Global Thought“ an der Columbia Universität in New York tätig. Im November 2007 erscheint ihr neues Buch „Das Paradox des Nationalen“ im Suhrkamp Verlag.

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ist schon länger ein Thema der Forschung. Anfangs wollten Wissenschaftler bei der Erforschung der internationalen ökonomischen Entwicklung ein Gegengewicht zu der bis dahin beinahe ausschließlichen und zumeist impliziten Fokussierung auf die Rolle der Männer aufbauen. Dann konzentrierte man sich auf die Kommerzialisierung und Modernisierung der Landwirtschaft. Diese richtet sich heutzutage eher auf den Export und nicht mehr auf die Ernährung der einheimischen Bevölkerung, wie dies bei einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft der Fall war. Ausländische Unternehmen oder nationale Eliten investierten Kapital und der Einsatz bezahlter Arbeitskräfte wurde erforderlich. Diese neue Art der Landwirtschaft ist zum Teil vom Haushalt abhängig, also von der Arbeit der Frauen in der für die Selbstversorgung notwendigen Landwirtschaft, von der Zubereitung von Lebensmitteln, der Gesundheitspflege und der Herstellung von Kleidung. Gerade die „unsichtbare“ Arbeit der Frauen, die für den privaten Gebrauch Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter produzieren, trägt dazu bei, das extrem niedrige Lohnniveau in den – größtenteils auf die Exportmärkte ausgerichteten – kommerziellen Plantagen und Bergwerken zu ermöglichen, den „modernisierten“ Sektor zu finanzieren und die Lohnarbeit der Männer zu unterstützen. In einem zweiten Forschungsstadium ging es um die Internationalisierung der Industrieproduktion und die Feminisierung des Proletariats, die damit einherging. Die Verlagerung industrieller Arbeitsplätze ins Ausland (offshoring), die unter dem Druck billiger Importe erfolgte, mobilisierte in den ärmeren Ländern ganz überwiegend weibliche Arbeitskräfte, die bis dahin weitgehend außerhalb der industriellen Ökonomie verblieben waren. So betrachtet, überkreuzt sich diese Analyse mit innernationalen Fragen, etwa mit der Frage, warum Frauen in gewissen Industriezweigen dominieren, namentlich in der Textilindustrie und in der Montage elektronischer Bauteile – ganz unabhängig vom Entwicklungsstand eines Landes. Aus der Perspektive der Weltwirtschaft betrachtet, ermöglichte die Entstehung eines feminisierten Offshore-Proletariats den Unternehmen, die mächtigen Gewerkschaften

der Länder, aus denen das Kapital kam, zu umgehen, und wettbewerbsfähige Preise für die re-importierten Waren, die im Ausland hergestellt wurden, zu garantieren. Es zeichnet sich jetzt ein drittes Stadium der Forschung über Frauen und die globale Ökonomie ab: anhand von Vorgängen, die gewisse Transformationen der geschlechtsspezfischen Rollenzuweisung (Gendering) in der Wirtschaft, in den Selbstwahrnehmungen der Frauen und in den Vorstellungen der Frauen über ihre Zugehörigkeit betonen. Die neue feministische Forschung über Immigrantinnen untersucht beispielsweise, wie die internationale Migration die Gender-Strukturen verändert und wie die Enstehung transnationaler Haushalte Frauen mehr Macht verleiht, nicht allein, weil sie über ein eigenes Einkommen verfügen, sondern auch, weil ältere patriarchale Kulturen ihrer Herkunftsländer sich allmählich auflösen können, wenn die Männer nicht länger über ihre typischen „Männer-Milieus“ (etwa die Eckkneipe, das Fußballspiel am Sonntag) verfügen. Es gibt eine weitere wichtige neue Forschungsrichtung, die auf neue Formen grenzüberschreitender Solidarität, auf Zugehörigkeitserfahrungen und auf die Enstehung von Identitäten ausgerichtet ist. All diese Vorgänge lassen neue Selbstwahrnehmungen – einschließlich feministischer – erkennbar werden. Frauen beginnen sich selbst als Trägerinnen von Rechten zu erfahren – ganz unabhängig davon, was der Staat oder ihre Ehemänner und Väter sagen. Einer dieser Schauplätze, an dem diese Art der geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen, die ich „strategisches Gendering“ nenne, sichtbar wird, ist die globale Stadt. Es geht über die bekannteren Aspekte des Genderings hinaus: etwa darüber, dass Frauen für dieselbe Arbeit geringere Löhne als Männer erhalten oder das für „frauentypische“ Jobs geringere Durchschnittslöhne gezahlt werden als für „männertypische“ Jobs. Die globalen Städte stellen eine entscheidende Infrastruktur für die spezialisierten Dienstleistungen, die Finanzierung und das Management globaler Wirtschaftsprozesse dar. Damit alle entscheidenden Komponenten dieser Infrastruktur wie am Schnürchen funktionieren, werden viele qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. In der Produktionssphäre globaler Unternehmen wird das Gendering besonders bei der Vermittlungstätigkeit zwischen unterschiedlichen Kulturen (cultural brokering) zu einem strategischen Vorteil, wenn sich gewisse Branchen, Länder oder die Welt der Konsumenten aufgrund der Globalisierung der Aktivitäten eines Unternehmens oder eines Marktes gegenüber neuen Arten von Geschäften, Praktiken und Kulturaustausch 1v /07

Foto: Alan Rusbridger

Haushaltshilfe, Prostituierte, Managerin: warum Frauen zum strategischen Faktor der Weltwirtschaft werden


Die Welt der Frau

Normen öffnen müssen. Qualifizierte Frauen, so nimmt man an, können gut über ausgeprägte kulturelle Grenzen und Unterschiede hinweg Vertrauen aufbauen, gerade bei denjenigen, die neuen globalen Bedingungen und Zwängen unterworfen sind – vielleicht deshalb, weil sie als Frauen (wenigstens in gewisser Hinsicht) als verletzlich gelten. Die vertrauensstiftende Funktion der Frauen zeigte sich selbst bei Firmen der Wall Street, die traditionelle Investoren zu überzeugen versuchten, sich für neuartige Finanzinstrumente zu entscheiden. In der Sphäre der sozialen Reproduktion werden Frauen in der globalen Stadt strategisch eingesetzt, um dem Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften nachzukommen. Einerseits gibt es immer mehr Frauen in hochqualifizierten Berufen, und andererseits bevorzugen sowohl die männlichen als auch die weiblichen hochqualifizierten Arbeitskräfte angesichts ihrer langen Arbeitszeiten und ihrer anspruchs- und verantwortungsvollen Arbeit, in der Stadt zu leben. Die übliche Weise der Haushaltsführung und die üblichen Lebensstile sind für solche Arbeitskräfte inadäquat, und so steigt in den Städten die Zahl von „Haushalten ohne ‚Hausfrau’“ – wie ich sie gerne nenne – heftig an. So wie hochqualifizierte Arbeitskräfte für die Infrastruktur globalisierter Branchen entscheidend sind und wie am Schnürchen funktionieren müssen, müssen aber auch ihre Haushalte wie am Schnürchen funktionieren. Hausarbeit wird zu einer unentbehrlichen Infrastruktur, und Haushaltsangestellte, die die Aufgaben der „Hausfrau“ erfüllen und die sicherstellen, dass in diesen Haushalten alles funktioniert, werden unentbehrlich. Als eine Konsequenz daraus erleben wir derzeit die Rückkehr der sogenannten Dienstbotenklasse in den globalen Städten überall auf der Welt. Diese Klasse besteht weitgehend aus Migrantinnen und Immigrantinnen. Die miserablen Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung dieser Haushaltsangestellten und ihre in vielerlei Hinsicht schutzlos-exponierte Situation sind eine Tatsache. Die Art und Weise, in der diese Frauen in globalisierte Branchen einbezogen werden, lässt ihre entscheidende Rolle unsichtbar werden. Dies hat sowohl mit der Art ihrer Tätigkeit zu tun – dass es Hausarbeit ist, die nur selten als strategisch bedeutsam oder als wesentlich betrachtet wird – als auch mit dem Typus dieser Arbeitskräfte – Immigrantinnen oder Bürgerinnen aus ethnischen Minderheiten. Beide Faktoren tragen dazu bei, ihre strategische Rolle in der globalen Informationsökonomie zu verschleiern. Und sie tragen dazu bei, den geschichtlichen Nexus zwischen der Tatsache, in Wachstumsbranchen beschäftigt zu sein, und der Chance, zu Arbeitspositionen mit größeren Kompetenzen aufzusteigen, zerbrechen zu lassen – im Gegensatz Kulturaustausch 1v /07

zu dem, was historisch betrachtet, in den industrialisierten Ökonomien der Fall war. Der zweite Schauplatz, den ich betrachten möchte, ist die

alternative politische Ökonomie. Sie ergibt sich aus einer Mischung größerer globaler Trends, die in vielen der krisengeschüttelten unterentwickelten Ländern anschaulich werden. Es geht mir hier vor allem um den „globalen Süden“ und den Aspekt der Feminisierung des Überlebens. Hier

Frauen können über kulturelle Grenzen hinweg Vertrauen aufbauen, weil sie als verletzlich gelten entstehen alternative Überlebenskreisläufe für Individuen, Unternehmen und Regierungen. Schulden und Probleme, diese Schulden zu bedienen, sind seit den 1980er Jahren zu einer systemischen Eigentümlichkeit der Entwicklungsländer geworden. Strukturanpassungsprogramme wurden für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu einer neuen Norm, da sie langfristiges Wachstum und eine solide Regierungspolitik auf den Weg zu bringen schienen. Doch all diese Länder blieben heftig verschuldet. Die Absicht solcher Programme war und ist es, die Staaten durch einschneidende Kürzungen in verschiedenen Sozialprogrammen „wettbewerbsfähiger“ zu machen. Bis zum Jahr 1990 wurden beinahe 200 solcher Kreditprogramme aufgelegt. Die Auswirkungen auf die Frauen und auf die Feminisierung des Überlebens ergeben sich durch die besonderen Eigenschaften dieser Schulden, dazu zählen Kürzungen in speziellen Regierungsprogrammen, die über lange Zeit hinweg für Frauen und Kinder entscheidend waren: im Gesundheits-, Bildungs- und Wohlfahrtssystem. Außerdem hat nicht nur die Arbeitslosigkeit der Frauen, sondern auch die der Männer den Druck auf die Frauen steigen lassen. Sie mussten Wege finden, das Überleben des ganzen Haushalts sicherzustellen und die Kosten der Arbeitslosigkeit der Männer abzufedern. Unter diesen Bedingungen sind die Produktion überlebensnotwendiger Nahrungsmittel, informelle Arbeit, Emigration und Prostitution zu Überlebensoptionen für die Frauen und – im weiteren Sinne – auch für ihre Haushalte geworden. Außerdem tragen die Frauen durch diese Überlebensoptionen zu den Einkünften ihrer Regierungen bei, und sie verschaffen den Unternehmen „Geschäftsoptionen“, indem sie illegale Handelsnetzwerke betreiben. Die starke Staatsverschuldung und eine schrumpfende reguläre Ökonomie haben in einer wachsenden Zahl armer Länder – seitens der Regierungen und der Unternehmen – eine sich ausweitende Abhängigkeit von illegalem Gewinnstreben 17


mit sich gebracht. Daher können wir sagen, dass die Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und IWF, indem sie zu den drückenden Schuldenlasten beitrugen, eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von GegenGeografien des Überlebens, des Gewinnstrebens und der Steigerung der Staatseinkünfte gespielt haben. Ein Indiz für das Unvermögen dieser Anpassungsprogramme, das zu leisten, was sie leisten sollten, zeigt sich in der Tatsache, dass Anfang 2006 die führenden Industrienationen offiziell dafür stimmten, den 18 ärmsten Ländern ihre Schulden zu erlassen, und vorschlugen, diesen Schuldenerlass auf mehrere andere arme Länder auszudehnen. Weiterhin hat die ökonomische Globalisierung eine institutionelle Infrastruktur für grenzüberschreitende Finanzströme und globale Märkte bereitgestellt, welche die Aktivität dieser Gegen-Geografien auf globalem Maßstab ermöglichten. Sobald es eine institutionelle Infrastruktur für die Globalisierung gibt, können andere Vorgänge, die im Wesentlichen auf nationalem oder regionalem Niveau abliefen, auf das globale Niveau gehoben werden. Zu diesen Vorgängen gehören die Netzwerke des Frauenhandels für die Sexindustrie, die im Wesentlichen national oder regional waren und jetzt global werden können. Dies ist der Kontext, in dem seit den 1990er Jahren alternative Überlebenskreisläufe entstanden. Dieser Kontext kann als eine systemische Gegebenheit beschrieben werden, die sich durch hohe Arbeitslosigkeit, eine drastische Zunahme der Armut, zahlreiche Konkurse kleiner und mittlerer lokaler Betriebe und schrumpfende staatliche Ressourcen auszeichnet; dies ergab sich aus dem Anwachsen der Staatsschulden, wodurch immer geringere Ressourcen für die Befriedigung sozialer Bedürfnisse aufgebracht werden konnten. So hat sich die Feminisierung des Überlebens über die Privathaushalte hinaus auf

Weise: durch das Geld, das sie nach Hause überweisen und durch die Gewinne der „Frauenhändler“. Wenn diese Geldströme im Vergleich zu den riesigen täglichen Kapitalströmen der globalen Finanzmärkte eher gering sein dürften, können sie für die sich entwickelnden oder ums Überleben kämpfenden Ökonomien eine gewaltige Rolle spielen. Die Überweisungen in die Herkunftsländer sind in einer ganzen Zahl von Ländern eine wichtige Ressource für die Devisenreserven der Regierungen. Die Weltbank veranschlagte 2006 die weltweiten Überweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer auf 230 Milliarden Dollar – gegenüber 70 Milliarden Dollar im Jahr 1998; von diesem Gesamtbetrag gingen 168 Milliarden Dollar in Entwicklungsländer – 73 Prozent mehr als im Jahr 2001. Ein Beispiel dafür sind die Philippinen – das Land mit dem

am weitesten entwickelten Programm für den Export von Arbeitskräften. Die Regierung der Philippinen hat bei der Emigration von Filipino-Frauen in die USA, in den Nahen Osten und nach Japan eine wesentliche Rolle gespielt, und zwar durch die Philippines Overseas Employment Administration (POEA). Sie wurde 1982 gegründet und organisierte und kontrollierte den Export von Krankenschwestern und Haushaltshilfen. Die Regierung der Philippinen verabschiedete ihrerseits Regelungen, die es Agenturen für „Bräute auf Bestellung“ erlaubten, junge Filipinas auf der Basis vertraglicher Vereinbarungen als Ehefrauen für ausländische Männer zu rekrutieren. Die wesentliche Bedingung dafür, dass Familien ihre Töchter gehen ließen oder sie verkauften, war die hoffnungslose ökonomische Situation. In den letzten Jahren haben die Filipinos, die in Übersee arbeiten, im Durchschnitt fast eine Milliarde Dollar nach Hause überwiesen. Doch unter der Regierung von Corazón Aquino führten ab 1989 die Berichte über Missbrauch durch ausländische Im „globalen Süden“ federn Frauen die Ehemänner dazu, dass das „Braut-auf-Bestellung“-Gewerbe untersagt wurde. Jedoch ist Arbeitslosigkeit der Männer ab es beinahe unmöglich, diese Organisationen Unternehmen und Regierungen ausgeweitet. Es gibt jetzt zu beseitigen, und sie sind – unter Umgehung der Gesetze neue Möglichkeiten des Gewinnstrebens und neue Mög- – weiterhin tätig. Die größte Zahl der Filipinas, die durch lichkeiten, nach denen die Regierungen Einkünfte erzielen diese Programme ins Ausland verschickt wurden, arbeitet können, die sich auf die Migranten und insbesondere auf als Haushaltshilfen, insbesondere in anderen asiatischen die Migrantinnen stützen. Ländern. Die zweitgrößte Gruppe stellen die „EntertaiBesonders am Geldtransfer der Immigranten und nerinnen“ dar, die ursprünglich weitgehend nach Japan Immigrantinnen in ihre Herkunftsländer lässt sich die gingen, heute aber in eine wachsende Zahl von Ländern Entstehung einer alternativen politischen Ökonomie „exportiert“ werden, oder von Menschenhändlern dorthin ablesen, die ältere Vorstellungen einer internationalen verkauft werden. Die rapide ansteigende Zahl der MigArbeitsteilung erschüttert und eine Ressource des Über- rantinnen, die als „Entertainerinnen“ ins Ausland gehen, lebens darstellt. Immigrantinnen treten durch das Geld, verdankt sich weitgehend den mehr als 500 „Entertaindas sie nach Hause schicken, auf dem Makro-Niveau der ment-Maklern“, die auf den Philippinen ohne staatliche Entwicklungsstrategien in Erscheinung – Frauen, die zu Billigung arbeiten. Die Arbeit dieser „Makler“ besteht Objekten des Frauenhandels wurden, sogar auf zweierlei darin, Frauen für die Sex-Industrie – vor allem in Japan – 18

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Die Welt der Frau

herbeizuschaffen, wobei diese Industrie im Wesentlichen durch organisierte Gangs aufrechterhalten und kontrolliert wird, und weniger durch das von der Regierung kontrollierte Programm für die Einreise von „Entertainerinnen“. Um zu ermitteln, ob die heutige Weltwirtschaft, die auf der

managerinnen, die meist in nicht-traditionellen Branchen arbeiten. Die zunehmende Verelendung von Regierungen und ganzen Ökonomien im „globalen Süden“, die zu guten Teilen den Politiken der Globalisierung zu verdanken ist, hat die starke Zunahme von überlebensnotwendigen und gewinnbringenden Aktivitäten ermöglicht, welche die Migration von Frauen und den kriminellen „Handel“ mit Frauen einschließen. Eine wachsende Zahl von Menschen-

Finanzbranche und auf spezialisierten Dienstleistungen basiert, tatsächlich Fälle strategischen Genderings einschließt, dürfen wir die Beschreibung der Globalisierung nicht auf die Hypermobilität des Kapitals und die Dominanz der InformationsökonoFrauen werden als „geringwertige“ mien beschränken. Wir müssen vielmehr ökonomische Akteure zur strategischen der Tatsache gerecht werden, dass auch beKomponente der Weltwirtschaft stimmte Arten von Orten und Arbeitsabläufen Teil der ökonomischen Globalisierung sind. Dieser Aufsatz konzentrierte sich auf drei konkrete händlern und Schmugglern beutet Frauen aus, um zu Geld Gegebenheiten: Die eine ist die Globalisierung von meist zu kommen, und viele Regierungen sind in zunehmend älteren überlebensnotwendigen und gewinnbringenden stärkerem Maße von dem Geld abhängig, das diese Frauen Aktivitäten, die heute dazu beitragen, ein globales Angebot nach Hause überweisen. Diese Überlebenskreisläufe sind von niedrig bezahlten weiblichen Arbeitskräften für einen häufig komplex, sie umfassen verschiedene Schauplätze wachsenden Bereich von Arbeiten bereitzustellen, die – his- und verschiedene Sets von Akteuren, die immer globalere torisch gesehen – als Frauenarbeiten konstruiert wurden, Ketten von „Händlern“ und „Arbeitern“ konstituieren. Und dennoch lässt eine Analyse, die diese Prozesse im wie Dienstleistungen und Hausarbeit. Niedrig bezahlte Arbeitskräfte werden in die führenden Branchen integriert, Lichte des strategischen Genderings betrachtet (und nicht aber dies geschieht unter Bedingungen, die sie unsichtbar nur den Opferstatus der Frauen betont), die Tatsache ins werden lassen; dies untergräbt das, was historisch gesehen, Blickfeld treten, dass Frauen als entscheidende Akteure eine Quelle für die Ansprüche der Arbeiter darstellte: dass in neuen und expandierenden Arten der Ökonomie in Erscheinung treten. Gerade durch diese angeblich recht sie nämlich in Wachstumsbranchen beschäftigt waren. Dazu kommt die Feminisierung des Arbeitskräfte-An- „geringwertigen“ ökonomischen Akteure sind entscheigebots durch die im „globalen Norden“ wachsende Nach- dende Komponenten dieser neuen Wirtschaftssysteme frage nach Arbeitskräften im Dienstleistungssektor im aufgebaut worden. Die Globalisierung spielt hier in zweierlei Hinsicht eiweitesten Sinne, nach Kindermädchen, Haushaltshilfen, Reinigungskräften, Restaurantarbeitern, Krankenschwes- ne besondere Rolle, indem sie Verknüpfungen zwischen tern und Sexarbeiterinnen. Dies trug seit den 1980er Jah- den Herkunfts- und den Aufnahmeländern entstehen lässt ren zu einer schroffen Neuausrichtung der Nachfrage und indem sie lokalen und regionalen Praktiken ermöglinach Arbeitskräften bei. In den globalen Städten, die für cht, einen globalen Maßstab anzunehmen. Die Rolle der das globale Großunternehmens-Kapital strategisch ent- Frauen als ausgebeutete Arbeitskräfte in diesen Überlescheidende Schauplätze darstellen, sind diese Dynamiken benskreisläufen und in den niedrig bezahlten Jobs der globalen Städte trägt den Keim zur Politik der Veränderung besonders deutlich zu erkennen. Die dritte Gegebenheit besteht in der steigenden Nach- in sich. Aber um diese Möglichkeiten herauszuarbeiten frage nach Frauen in „Grenzgebieten“ auf hohem Qualifika­ und zu verwirklichen, muss man das Gendering in dietionsniveau: in Branchen der globalisierten Ökonomie, sen Kreisläufen und in diesen Städten als ein strategisches in denen man andere dazu bringen muss, gänzlich neue anerkennen. Entscheidend ist, dass die Machtlosigkeit Auffassungen zu akzeptieren, was in der Ökonomie wün- dieser Frauen komplex und in diesem Sinne politisch ist. schenswert ist, aber auch zunehmend in den internationa- Die Formen von politischen Maßnahmen werden je nach len Beziehungen und in der Außenpolitik, da die Politik Land, Branche und Regierung stark variieren. Es muss immer globaler wird und sich gänzlich neuartigen Proble- hier viel Arbeit geleistet werden. Der erste Schritt wäre, men gegenübersieht. Hier sehen wir die Frau auf höchstem anzuerkennen, dass geschlechtsspezifische RollenzuweiQualifikationsniveau als Vermittlerin, als Schlichterin, als sungen strategisch sein können – doch dieser erste Schritt jemand, der die Akteure auf neuartige Weise zusammen- umfasst bereits eine Politik. bringen kann. Beispiele dafür sind die große Koalition Aus dem Englischen von Johannes Gramm von Angela Merkel und die führenden weiblichen SpitzenKulturaustausch 1v /07

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FuĂ&#x;ballspielerin | USA


Der Kampf um Frauenrechte in Afghanistan ist nicht neu. Er wurde nur noch nie gewonnen Von Christian Parenti Nachdem die Taliban meinen guten Freund und langjährigen

Christian Parenti berichtet für das amerikanische Magazin „The Nation“ aus dem Irak, Afghanistan, Lateinamerika und dem Kongo. Parenti wurde 1969 in Vermont geboren und promovierte 2000 an der London School of Economics in Soziologie. Zuletzt erschien „The Freedom: Shadows and Hallucinations in Occupied Iraq“ (The New Press, New York 2004).

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Kollegen Ajmal Nakshbandi entführt und ermordet hatten, besuchte ich seinen Vater dreimal zu Hause, um ihm mein Beileid auszusprechen und die schönen Erinnerungen an Ajmal mit ihm zu teilen. Ajmals Vater Ghulam Haidar ist ein rauer alter Mudschahedin-Veteran. Wir saßen im Wohnzimmer im ersten Stock des Hauses der Familie Nakshbandi, einem kleinen, von einer Mauer umgebenen Gebäude auf den staubigen Ebenen im Südwesten von Kabul. Die hohen Fenster filterten das schwächer werdende gelbe Licht der Nachmittagssonne; die Schatten der Tauben, die draußen ihre Bahnen zogen, huschten über die Wände. Bei einem der Besuche begleitete mich mein Freund und Kollege Teru Kuwayama, ein Fotograf, der eine beachtliche Summe Dollar mitgebracht hatte, Spenden von New Yorker Journalisten für die Familie des Toten. Terus Mutter hatte ein Geschenk für Ajmals Mutter mitgeschickt. Doch lernten wir weder Ajmals Mutter noch seine junge Witwe kennen. Genaugenommen haben wir keine von beiden auch nur zu Gesicht bekommen. Immer wenn wir kamen, wurden die Frauen vor uns versteckt. Die Situation vermittelt einen Eindruck von der strengen Version von Purdah, dem muslimischen Prinzip des Absonderns und Beschützens von Frauen, wie man es in Afghanistan praktiziert. Dabei handelt es sich um eine Art Apartheid der Geschlechter, eine der schlimmsten Konsequenzen aus einer dörflich geprägten Weltsicht, die sich heute sogar in urbanen Schichten breitmacht. Im ländlichen Afghanistan wird Purdah so streng angewendet, dass viele Männer bis zum Alter von Ende zwanzig keine Frau sehen oder berühren außer ihrer Mutter – oder ihren Schwestern oder Cousinen, sofern diese noch nicht das Pubertätsalter erreicht haben. Viele Frauen in Kabul, die einen Beruf ausüben, tragen keine Burka mehr, andere wiederum verhüllen sich schon deshalb weiterhin, weil ihnen die Belästigungen durch Männer unerträglich werden oder weil ihre Väter oder Brüder darauf bestehen. Nachdem die afghanischen Frauen während der Taliban-Herrschaft brutal unterdrückt wurden, dient das Bestreben, sie zu befreien, nun auch als Rechtfertigung für den Krieg, den die Nato in Afghanistan führt. Präsident

Bush verweist auf die Anzahl der Frauen im Parlament und hebt sie als Zeichen des Fortschritts hervor. Zu den ersten amerikanischen Entwicklungshilfeprojekten gehörte der Bau von 500 Mädchenschulen. Leider konnten sich viele dieser Schulen aufgrund fehlender Mittel keine Lehrer leisten oder wurden später von den Taliban niedergebrannt. 2005 reiste Laura Bush mit großem medialem Aufwand nach Kabul, um die von den USA angeführte Besetzung Afghanistans in ein besseres Licht zu rücken. In einer Rede an der Universität von Kabul sagte sie vor rund 400 Zuhörern: „Die Vereinigten Staaten legen besonderen Wert darauf, dass Frauen die Gesellschaft mitgestalten können, und zwar nicht nur in Kabul, sondern in jeder Provinz.“ Das Schicksal der afghanischen Frauen ist eng mit der Geschichte der Modernisierung des Landes verbunden. Seit etwa einem Jahrhundert bemühen sich Teile der städtischen Eliten und der Mittelklasse, den Einfluss traditionalistischer und religiöser Kräfte auf das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben Afghanistans zu verringern. Für eine Modernisierung engagierte sich auch der liberal eingestellte König Amanullah Khan, der Afghanistan von 1919 bis 1929 regierte. Erst vertrieb er die kriegsmüden Briten, dann reiste er durch Europa, wo ihn besonders die Reformprojekte von Atatürk beeindruckten. Nach seiner Heimkehr strebte er ähnliche Reformen für sein eigenes gebirgiges, ethnisch vielfältiges, in vielerlei Hinsicht unterentwickeltes Land an. Amanullah wollte eine moderne Armee schaffen, eine staatliche Verwaltung, ein Straßennetz; er wollte moderne Industrien ansiedeln. Eine wichtige Rolle bei diesen Bemühungen spielte sein Außenminister, ein glühender Verfechter besserer Bildungschancen für Frauen. Amanullahs Verfassung machte die Grundschulausbildung zur Pflicht. Doch als die Monarchie 1927 die gemischten Schulen in den Dörfern einführte, stellten die Grundbesitzer und Stammesfürsten Lashkars, Verbände von Stammeskämpfern, auf und begannen einen Krieg gegen die schwache afghanische Armee. Als die Stammesrebellionen den König 1929 zum Rücktritt zwangen, wurden viele seiner Modernisierungsund Reformprojekte gestoppt. Neun Monate später hieß der Herrscher in Kabul Bacha-i Saqao („Der Sohn eines Wasserträgers“), ein tadschikischer Krieger. Die Zeit seiner Herrschaft ähnelt dem Chaos, in das die Hauptstadt stürzte, als die Mudschahedin 1992 die Macht übernahmen. Mit anderen Worten, ein in Kabul initiiertes Bemühen zur Emanzipation der afghanischen Frauen führte zu einem Krieg, der einen Rückschlag hinsichtlich der Modernisierungstendenzen insgesamt bedeutete. Kulturaustausch 1v /07

Foto: Jessica Dimmock

Die verhinderte Moderne


Foto: Jessica Dimmock

DIE WELT DER FRAU

Eine ähnlich wichtige Rolle spielte der Streit um die Frau- die Taliban über 300 Schulen, in denen ein gemischter enrechte als Auslöser der antikommunistischen Rebellion Unterricht abgehalten wurde, niedergebrannt. Es gab in den 1980er Jahren. Nach dem kommunistischen Staats- Anschläge auf Politikerinnen. Letztes Jahr wurde Safia streich von 1978 hatten die afghanischen Kommunisten, Ahmed-jan ermordet, die Leiterin des Ministeriums für die Demokratische Volkspartei Afghanistans, ein etwas zu Frauenfragen in der Provinz Kandahar. Zwar gehen heute immerhin 27 Prozent der Sitze in beherztes Programm für soziale Reformen vorgelegt. Die Landreform war durchaus ambitioniert, aber zu schlecht der Nationalversammlung und ein Sechstel der Sitze im geplant, und es mangelte an Institutionen, die man zur Un- Oberhaus an Frauen. Nehmen sie ihre Macht allerdings terstützung des Vorhabens benötigt hätte, örtliche Banken tatsächlich in Anspruch, müssen sie mit dem Zorn ihrer etwa, mit denen man die alten Systeme der Kreditvergabe und der Ertragsteilung hätte Es gibt keine funktionierende ersetzen können. Dass die GrundschulausGesetzesmacht in Afghanistan, nur bildung und Alphabetisierungskampagnen bewaffnete Väter, Brüder und Ehemänner einen gemischten Unterricht von Mädchen und Jungen vorsahen, führte wie schon zu früheren Zeiten zu größeren Stammesrevolten, die Kollegen rechnen. Als Malalai Joya auf Korruption und bald auch noch durch die CIA, die Saudis und Pakistanis Ineffizienz des Parlaments hinwies, wurde sie aus der Versammlung ausgeschlossen und mit Mord und Vergewalunterstützt wurden. Und nun haben die Bemühungen um Frauenrechte, tigung bedroht. Nachdem seit 2003 vier Attentatsversuche die von den berufstätigen Schichten in Kabul und wohl- auf sie verübt wurden, ist sie nun untergetaucht. Auch einige Journalistinnen wurden in den vermeinenden Ausländern ausgehen, einmal mehr eine heftige Reaktion vonseiten des ländlich geprägten Afgha- gangenen Monaten ermordet. Im Juni 2007 erschossen nistans hervorgerufen. Der herausragende Gelehrte Louis Unbekannte Zakia Zaki, die Leiterin eines lokalen RadioDupree spricht von einem „curtain of mud“ („Vorhang senders. Seit dem Fall des Taliban-Regimes 2001 hatte aus Schlamm“), womit er die offenbar unüberwindliche die 35-jährige Zaki den von den USA finanzierten Sender kulturelle Kluft zwischen dem städtischen und ländlichen „Peace Radio“ betrieben, 2005 kandidierte sie für einen Sitz Afghanistan meinte. Von der anderen Seite dieses Vorhangs im Parlament. Sie hatte Drohungen von mächtigen lokalen aus betrachtet, also aus Sicht der paschtunischen Dörfer im Führern erhalten, die wütend wegen ihrer kritischen BeSüden, ähnelt die Besetzung des Landes durch die Nato, mit richte waren. Ein paar Tage zuvor wurde Sanga Amach, die der unter anderem die Ausbildung für Mädchen und eine 22-jährige Nachrichtensprecherin eines privaten FernsehModernisierung der Straßen- und Kommunikationsnetze senders, in ihrer Wohnung in Kabul ermordet. In ihrem Fall gefördert wird, entsprechenden Bestrebungen aus früheren scheint es ein „Ehrenmord“ ihrer männlichen Verwandten Zeiten. Damals hieß es Sozialismus, heute Demokratie, gewesen zu sein, die ihren Beruf und ihr Auftreten in der aber in den Augen der Traditionalisten vom Land ist es Öffentlichkeit als Erniedrigung empfanden. Doch nicht nur die Taliban sind von einem Hass auf ein und dasselbe: Städter und Ausländer versuchen ihre zentralgesteuerten Maßnahmen auf Gebiete und Lebens- Frauen getrieben. Auch die afghanischen Verbündeten der bereiche auszuweiten, die noch von alten Traditionen Nato – die Kriegsherren der Nordallianz, die jetzt die Regieoder von Banden bewaffneter Kämpfer dominiert werden. rung Afghanistans stellt – sind für ihre Frauenfeindlichkeit Und wie bei früheren Modernisierungsbemühungen der bekannt. Man denke nur an Männer wie Marschall MoFall, stellen sich auch den aktuellen Projekten funda- hamed Qasim Fahim, den ehemaligen Verteidigungsminismentalistische, ländlich geprägte Kräfte entgegen. Man ter der Regierung Karzai; oder Burhanuddin Rabbani, ein verweigert der Polizei die Macht der Exekutive, belegt Abgeordneter und ehemaliger Führer der Mudschahedin; den öffentlichen Straßenverkehr mit privaten Steuern und Abdul Raab Rasul Sayaf, ein paschtunischer Krieger und – was am schwersten wiegt – man unterdrückt Versuche, Parlamentarier, Führer einer legendär brutalen Truppe. den Frauen mehr Gleichberechtigung zu verschaffen, All diese Männer besuchten Versammlungen, auf denen mit brutaler Gewalt. In diesem Sinn sind die Gewalt und der Tod und die Vergewaltigung von Malalai Joya gefordert reaktionäre Frauenfeindlichkeit, ein Markenzeichen der wurden. Und alle glauben sie an eine Form der Scharia, die Frauen zu Bürgerinnen zweiter Klasse macht. Taliban, gar nicht so neu. Die Situation der Frauen in Afghanistan ist bestenfalls Wie andere Stammesrebellionen im 20. Jahrhundert ist auch jene der Taliban, die von den Paschtunenstämmen als bedenklich zu bezeichnen. Die meisten afghanischen unterstützt wird, gegen jegliche Gleichberechtigung der Frauen bleiben Analphabetinnen, sind arm und politischer Geschlechter gerichtet. In den letzten drei Jahren haben oder krimineller Gewalt ausgesetzt. Nur 15 Prozent können Kulturaustausch 1v /07

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lesen. In einem UN-Bericht von Ende 2005 wird die Situation der afghanischen Frauen als „eine der schlimmsten weltweit“ beschrieben. Afghanische Frauen haben eine um 20 Jahre niedrigere Lebenserwartung als der internationale Durchschnitt. Die meisten afghanischen Frauen aus ländlichen Gebieten erhalten keine medizinische Betreuung während ihrer Schwangerschaft. In einem Bericht des UN-Entwicklungsfonds für Frauen, der im August 2006 erschien, wird die Müttersterblichkeit auf 1.600 bis 1.900 pro 100.000 lebend geborenen Kindern geschätzt – eine der höchsten Raten weltweit. In allen Kategorien, in denen man Armut misst, befindet sich das Land im Jahr 2006 ganz unten auf dem Human Development Index der UN. Am schlimmsten betroffen sind immer die Frauen. Zwar waren die Taliban repressive Moralisten, die im letzten Jahr ihrer Herrschaft sogar das Drachensteigenlassen, Musikhören und manchmal jegliche Schulbildung von Mädchen verboten. Doch zumindest hielten sie noch eine primitive Form von Gesetz und Ordnung aufrecht.

Demgegenüber hat das neue Regime einen allgemeinen Zustand der Unsicherheit mit sich gebracht, und die Frauen sind hier die verletzlichste gesellschaftliche Gruppe. Berichte über Frauen, die verschleppt, vergewaltigt und verkauft werden, sind inzwischen an der Tagesordnung. Es gibt keine funktionierende Gesetzesmacht in Afghanistan, der Aktionsradius der Nato-Truppen ist zu klein und die örtlichen Polizeibehörden sind meist uniformierte Kriminelle. So haben Frauen fast keinen Schutz außer ihre bewaffneten Väter, Brüder und Ehemänner. Für die meisten Frauen hat der Fall des Taliban-Regimes eine größere Unsicherheit mit sich gebracht. In Anbetracht dieser Situation müssen die Bürger der Nato-Staaten – wie Deutschland und die USA – eine kritische und realistische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen in Afghanistan bewahren. Aus dem Englischen von Loel Zwecker

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Die Welt der Frau

Mütter und Muezzine Wie Matriarchat und Islam in West-Sumatra harmonieren Von Peggy Reeves Sanday Unter Anthropologen als die größte matriarchale Gesell-

Foto: Serge J. Caffie

Peggy Reeves Sanday, geboren 1937, ist Professorin für Anthropologie an der University of Pennsylvania in Philadelphia, USA. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher und Artikel. In ihren kulturvergleichenden Studien untersucht sie anhand von Ursprungsmythen und Sozialstrukturen vor allem die männlichen Machtpositionen und Herrschaftsformen in verschiedenen Gesellschaften. Zwischen 1981 und 2001 lebte und forschte sie fast jeden Sommer in einem Dorf der Minangkabau im Hochland West-Sumatras. 2002 erschien ihr Buch „Women at the Center: Life in a Modern Matriarchy“ (Cornell University Press, Ithaka/NY).

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schaft der Welt bekannt, bildet das Volk der Minangkabau die viertgrößte ethnische Gruppe in Indonesien. Zu ihr zählen vier Millionen Menschen, die in der Provinz von West-Sumatra ansässig sind. Die Minangkabau sind gläubige Muslime, die kulturelle Traditionen aus vor-islamischer Zeit in Form des Adat pflegen – die ungeschriebenen Regeln matriarchaler Bräuche, die von Generation zu Generation überliefert werden und einen festen Bestandteil der Minangkabau-Kultur bilden. Wie hat man sich so etwas vorzustellen? Zum Beispiel erklingt fünfmal am Tag der Muezzin, der zum traditionellen Gebet aufruft. Die Eingangstüren der Häuser hingegen blicken zum Berg Merapi, der heiligen Stätte der Minangkabau aus vor-islamischer Zeit. Dies soll das Wohlergehen der Familien sichern. Inmitten der modernen und traditionellen Häuser, die entsprechend der matrilinearen Tradition von Mutter zu Tochter vererbt werden, befindet sich auch immer ein Gebetshaus. Hier werden junge von älteren Männern in die Lehren des Korans eingeweiht und in den Traditionen und Bräuchen des Adat unterrichtet. Ein altes Sprichwort verdeutlicht, wie Islam und Adat zusammenkamen: „Adat kam herab, Islam kam herauf.“ Denn laut Volksglauben stammen die Regeln des Adat noch aus der vorchristlichen Zeit, als die Minangkabau oben auf den Bergen lebten. Als sich der Islam zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert durchsetzte, kombinierten die Minangkabau beide Praktiken. Sie erklärten die matrilineare Erbfolge als heilig und stellten sie auf eine Stufe mit dem Koran. Weil beide als Gott gegeben gelten, dürfen die zwei Praktiken auch nicht miteinander konkurrieren oder sich widersprechen, sondern müssen harmonisch in Einklang gebracht werden. Wie grundlegend dieses Verständnis für den Erhalt der Minangkabaukultur ist, zeigen die Herausforderungen durch die Moderne. Die Zeremonien des Adat schützen die Männer vor der Verführung durch den fundamentalistischen Islam, indem sie an die kulturellen Wurzeln und das Vermächtnis der mütterlichen Prinzipien erinnern. Andererseits wiederum trägt der Islam mit seinen religiösen Praktiken dazu bei, das Adat vor den Einflüssen einer säkularen Moderne zu bewahren. Stellt der Islam

das geistige Fundament innerhalb der Kultur der Minangkabau dar, so werden die matriarchalen Bräuche des Adat mit der Naturphilosophie gerechtfertigt. Das Nähren und die Fürsorge werden hierbei als wichtigster Pfeiler des Naturkreislaufes betrachtet. Wie die Samen in der Erde, so müssen auch die Kinder genährt werden, damit sie groß und stark werden. In diese Tradition ist auch das matrilineare Erbrecht einzuordnen, mit dem etwa festgelegt wird, dass Männer nach der Hochzeit in das Heim der Ehefrau ziehen. So wird Mutter und Kind im Falle einer Scheidung ein sicheres Obdach garantiert. Sowohl Männern als auch Frauen wird das Recht auf Scheidung zugestanden. Wenn sich eine Frau von ihrem Mann trennen will, stellt sie seine Schuhe vor die Tür. Verlassen Männer ihre Ehefrauen, kehren sie entweder zu ihren Familien zurück und warten, bis beide Familien zusammenkommen und eine Lösung für die Probleme des Paares finden – oder fangen ein neues Leben in anderen Teilen von Sumatra an. Bei einer endgültigen Trennung ist es beiden Geschlechtern erlaubt, eine neue Ehe einzugehen. Einige der älteren Frauen, die ich getroffen habe, waren bis zu fünfmal verheiratet. Man könnte die Kultur der Minangkabau zwar als ein weibliches Herrschaftssystem auslegen, aber der Begriff „Matriarchat“, der in Anlehnung an Patriarchat eine von Frauen dominierte Gesellschaft meint, trifft auf die Minangkabau nicht wirklich zu. Ihre Kultur gründet auf einem ausgewogenen Gemeinschaftssystem, bei dem Männer und Frauen die Aufgaben, bis auf ein paar wenige Ausnahmen untereinander aufteilen. So wird das Zubereiten der Mahlzeiten ausschließlich von den Frauen übernommen, für das Säen und Pflügen hingegen sind die Männer verantwortlich. Stehen wichtige Entscheidungen an, so werden diese von den männlichen Stammesoberhäuptern getroffen, nachdem man sich mit den Frauen beraten hat. Daher schlage ich vor, die Definiton des Begriffes „Matriarchat“ zu überdenken. Denn es hat noch niemals in der gesamten Geschichte der Menschheit eine Gesellschaft gegeben, in der Frauen nach männlichen Dominanzmustern geherrscht hätten. Wie das Beispiel der Minanagkabau zeigt, ist ein Matriarchat vielmehr eine Kultur, die auf Prinzipien und Werte der Mütterlichkeit baut und nicht auf Herrschaft. Aus dem Englischen von Evi Chantzi

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Zum Anbeten Frauen in den Weltreligionen

Gayatri Devi Sinha, geboren 1957 in Mumbai, lebt in Neu-Delhi. Sie ist Kunstkritikerin und Kuratorin, im September 2007 etwa für „Public Places, Private Spaces: Contemporary Photography and Video Art in India“ im Newark Museum, New Jersey. Sie veröffentlichte Studien zu indischer Kunst, indischen Künstlern und Künstlerinnen und der Rolle von Göttinnen.

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Islam: Chadidscha Immer wenn über Polygamie geredet wurde, war meine ägyptische Freundin der Meinung, dass Polygamie den göttlichen Segen hätte, gestützt und vermittelt vom islamischen Recht. Sie änderte ihre Meinung erst, als sich ihr Ehemann eine zweite Frau nahm. Sie hasste ihn dafür. Wie alle muslimischen Frauen, von denen ich weiß, dass sie in polygamen Verhältnissen leben müssen, leidet sie darunter. Sie fühlt sich erniedrigt und ungerecht behandelt. Mit bestimmten Einschränkungen – das gebotene Einverständnis der Frauen macht die Sache für sie meist nicht angenehmer – ist es im Islam dem Mann erlaubt, bis zu vier Frauen zu heiraten. Außerdem erlaubt der Koran (Sure 4, Vers 24) dem Mann, sich Sklavinnen als Konkubinen zu halten. Auch weibliche Kriegsgefangene werden oft als Beute und neues Eigentum angesehen, mit denen der Mann Verkehr haben darf. Hierbei handelt es sich natürlich um untragbare, unmenschliche Zustände, unter denen unzählige Frauen die gesamte Geschichte des Islams hindurch leiden mussten und noch immer leiden müssen. Ein Grund mehr, die erste Frau Mohammeds zu bewundern. Für die Polygamie hatte

Hinduismus: Durga, Kali, Sati Die Größte aller hinduistischen Göttinnen hat 1.001 Namen. Einer ist „Neti Neti“, was soviel heißt wie „weder dieses, noch jenes“. Gleichzeitig ist sie aber auch „Sarvachitarupini“: die, die alles Leben gibt. Angebetet wird sie überall in Indien, als „Durga“, Göttin der Vollkommenheit, die auf einem Tiger reitet und manchmal mehr als vier Arme besitzt (ein Zeichen großer Kraft). Besonders stark wird sie als „Kali“, als schwarze Göttin, die für das Nichtige und Schlechte steht, aber als Herrscherin über die Zeit gilt. Durch ihre starken weiblichen Eigenschaften gilt sie vielen Gläubigen den männlichen Göttern überlegen. Sie vertritt das mütterliche Prinzip und wird gleichermaßen als Mutter Erde angesprochen. Von der heiligen Dreifaltigkeit der männlichen Götter Brahma, Vishnu und Shiva unterscheidet sie sich in ihrer einzigartigen Wandlungsfähigkeit und Immanenz. In der Bhagavatapurana, eine der wichtigsten Schriften für die Göttinnenverehrer, wird die Geschichte erzählt, wie Sati ihren Ehemann Shiva antreibt, dem großen Opferzeremoniell ihres Vaters Daksha beizuwohnen. Shiva aber weigert sich. Schließlich hat ihn Daksha nicht

sie nämlich nichts übrig. Solange sie mit ihm verheiratet war, blieb sie auch seine einzige Frau, und zwar fünfzehn Jahre lang. Ihr Name war Chadidscha bint Chuwailid. Sie war eine stolze, erfolgreiche Geschäftsfrau von ungefähr 40 Jahren, als sie Mohammed als reisenden Kaufmann anheuerte. Später trug sie ihm die Heirat an. Zu diesem Zeitpunkt war er erst 25 Jahre alt. Nach ihrem Tod im Jahr 619 heiratete Mohammed noch mindestens 13 weitere Male. Wobei nicht anzunehmen ist, dass Mohammed über Nacht polygam wurde. Von allem Leid, das er seinen Frauen zugefügt hatte, gibt es reichlich Kunde. Was auch immer genau hinter seiner anfänglich monogamen Einstellung steckte, sie beruhte doch am ehesten auf dem starken und überzeugenden Charakter Chadidschas. Tatsächlich war sie ja auch nicht von ihm abhängig. Eher im Gegenteil. Er war es, der von ihr, ihrem Status und ihrem Vermögen abhängig war. Die Lehre, die alle Frauen hieraus ziehen können, ist die: Wer sich bis zum hoffentlich bald verhängten Verbot (für das es sich zu kämpfen lohnt) nicht mit der Polygamie herumschlagen will, sollte zusehen, nicht vom Ehemann abhängig zu sein. Besonders nicht finanziell.

dazu eingeladen. Über die Zurückweisung ihres Ehemanns seitens ihres Vaters ist Sati so wütend, dass sie die Gestalt von zehn Göttinnen annimmt, um ihre göttliche Macht zu demonstrieren. Sie entfaltet sich in der ganzen Spannbreite weiblicher Erscheinungsformen: von der jungen und schönen Kamala bis zur alten Frau Dhumavati, die auf einer Krähe reitet. Auch die flatterhafte und böse Matangi ist darunter. Sie erscheint mit blutverschmiertem Mund. Auf diese Weise zeigt sie Shiva die Vielseitigkeit der weiblichen Natur. Allerdings sind alle diese Erscheinungsformen voneinander abhängig und bedingen sich. Der Mythos von Sati zeigt auch, wie sich die Göttin mit dem Land identifiziert. Und wie leicht es für ihre Verehrer ist, Zugang zu ihr zu finden. Enttäuscht von der väterlichen Ablehnung stürzt sich Sati in ein Feuer und verbrennt bei lebendigem Leibe. Von wahnsinniger Trauer erfüllt, trägt Shiva ihren Körper mit sich herum, bis Vishnu erscheint und Teile ihres Körpers abschneidet und über eine Landkarte Indiens verstreut. Jeder einzelne dieser Teile markiert einen der 51 heiligen Stätten der Göttin. Diese Tempelstätten werden immer noch häufig aufgesucht, um den Segen für Fruchtbarkeit und eine glückliche Ehe zu empfangen.

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Aus dem Englischen übersetzt von René Haman

Nahed Selim wurde 1953 in Ägypten geboren. Seit 1979 lebt sie in den Niederlanden. Sie arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Journalistin. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt „Nehmt den Männern den Koran!“ (Piper, München 2006).


Die Welt der Frau

Judentum: Chava, Tamar, Ruth Bereits in den ersten Kapiteln des Alten Testaments lesen

wir von Eva, deren hebräischer Name Chava bereits viel aussagt: Sprecherin ist sie, Sinngeberin und Gebärerin. Ja, sie führt Gespräche über Gott und die Welt, wird keinesfalls als Verführerin vorgestellt, während Adam stur und unbeteiligt zuhört. Die Begriffe Sünde und Erbsünde kommen im Text nicht vor. Auch ist im Original keineswegs die Rede von der Frau als Rippe Adams, sondern als Flanke – will heißen: als gleichwertig und unersetzbar. Dass die Sexualität in der Ehe nicht ausschließlich der Fortpflanzung zu dienen hat, sondern auch der Freude aneinander, ist fest in der hebräischen Bibel verankert: So war im alten Israel der jungvermählte Wehrdienstpflichtige im ersten Jahr seiner Ehe vom Militär befreit, „auf dass er mit seinem Weibe fröhlich sei“. Von der Ehe als Fortpflanzungsinstitution ist hier keinesfalls die Rede. Ganz in diesem Sinne sollte man der vielen in der Bibel fast liebevoll geschilderten lockeren Frauen gedenken, die als Mitarbeiterinnen am Heil Israels geschildert werden. Im Stammbaum Jesu erscheinen gleich vier solcher Gestalten:

Aus dem Englischen übersetzt von René Haman

Buddhismus: Yeshe Tsogyal In einer patriarchalen Gesellschaftsordnung entstanden, finden sich in der Geschichte des Buddhismus nicht viele Frauen, die es zu Rang und Namen als Gelehrte oder Heilige gebracht haben. Eine dieser Ausnahmeerscheinungen aus den tibetischen Traditionen des Dharma ist Yeshe Tsogyal, die im 8. Jahrhundert in Zentraltibet lebte. Schon bei ihrer Geburt geschah Wundersames: Die Erde bebte und ein See in der Nähe schwoll an. Mehrere Male verweigerte sie sich einer arrangierten Ehe, um den Weg als buddhistische Nonne zu wählen. Als ein Heiratsanwärter sie entführte, konnte sie mithilfe spiritueller Kräfte fliehen. Schließlich wurde sie eine der Königinnen am Hof des Herrschers Trisong Detsen. Er erkannte ihr spirituelles Potenzial und gab sie zu Padmasambhava, einem heute noch in Tibet verehrten indischen Guru, der den Buddhismus in Tibet lehrte. Tsogyal wurde seine Schülerin und Gefährtin und erhielt seine höchsten Unterweisungen. Der Guru und seine Gefährtin stehen für die Vereinigung des weiblichen und des männlichen Prinzips und damit für die Überwindung weltlicher Dualismen, die den Weg zur Erleuchtung behin-

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Tamar, die Schwiegertochter des Juda, die sich tapfer und listig das ihr zustehende Recht erkämpft; Ruth, die Moabiterin, die Ahnfrau Davids (und somit des künftigen Messias) und ihre rührende Liebesgeschichte mit dem reichen Gutsbesitzer Boas; Rahab, die Hure von Jericho, die Josua geehelicht haben soll; Batshewa, die David eines Abends verführte und die später die Thronfolge ihres Sohnes Salomo gewährleistete. Die Rolle der Frau, der Familie, aber auch des Geschlechtslebens im Rahmen des Heilsplanes Gottes sind in diesen Geschichten unübersehbar. Als die spätere Kirche sich als das „wahre“ und das „neue“ Israel verkündete, wurden Juden – Mann wie Frau – ausgegrenzt und von der gesellschaftlichen Entwicklung ferngehalten. Trotzdem gehörten Frauen zu den Vorkämpferinnen an allen Fronten der Entwicklung, etwa in der Medizin, im Handel, im Schulwesen, in der Dichtung. Die jüdische Frau, sei es in der Orthodoxie wie in der Reformbewegung, hat auch im werdenden Staat Israel ihren Mann gestellt und war wesentlich an der Entwicklung von Kibbuz und Staat beteiligt – bis hin zur Ministerpräsidentin Golda Meir. In der jüdischen Reformbewegung amtieren übrigens heute in vielen Ländern insgesamt 400 Rabbinerinnen.

Ruth Lapide wurde 1929 in Burghaslach geboren. Die jüdische Theologin und Historikerin lebt heute in Frankfurt am Main. Lapide unterrichtet an der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg und veröffentlichte zuletzt „Kennen Sie Adam, den Schwächling?“, „Kennen Sie Jakob, den Starkoch?“ (beide im Kreuz Verlag, Stuttgart 2003).

dern. Nachdem sie die höchste spirituelle Verwirklichung erlangt hatte, scharte Tsogyal unzählige Schüler um sich und etablierte Klöster und Meditationszentren. Als Padmasambhava ins Nirwana eingegangen war, gab sie seine Lehren weiter und festigte den Buddhismus in Tibet. Im ganzen Land versteckte sie Terma, geheime Schätze, welche die Lehren des Guru enthielten. Jeder von ihnen wird irgendwann wiederentdeckt und der Gemeinschaft der Buddhisten zugänglich gemacht. So kann die Lehre ständig erneuert werden. Damit spielte Tsogyal eine entscheidende Rolle in der Verbreitung des Dharma in Tibet. Heute sind Frauen im tibetischen Buddhismus den Männern immer noch nicht gleichgestellt. Sie gelten als unrein und minderwertig, und es heißt, Frauen könnten keine Erleuchtung erlangen. Auch Tsogyal stieß als Frau auf Hindernisse und Argwohn: sie musste sich einer Heirat erwehren, wurde beschuldigt, den König zu verhexen, sie wurde vergewaltigt und ausgeraubt. Doch sie verwandelte das Unheil in etwas Positives. Indem sie diese Grundtugend des Buddhismus zur Perfektion brachte, erlangte sie selbst Erleuchtung und führte sogar ihre Feinde auf den Pfad dorthin.

Nicole Graaf, geboren 1977, studierte Ethnologie und Tibetologie. Sie lebt zurzeit in Peking.

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Mutter mit ihren drei Sรถhnen | Indien


Das letzte Tabu Von Kaj Björkqvist

Kaj Björkqvist, geboren 1949, ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Åbo Akademi University in Vasa, Finnland. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf den Forschungen zu menschlicher Aggression, insbesondere zu den Geschlechtsunterschieden bei aggressivem Verhalten.

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Lange glaubte man, sexueller Missbrauch sei eine ausschließlich männliche Tat, mit Frauen oder Mädchen (und bisweilen Männern oder Jungen) als Opfer. Doch bereits im Laufe der 1980er Jahre entlarvten wissenschaftliche Studien diese Ansicht als Mythos. Als dann 1992 in London eine Konferenz zum Thema „Weiblicher sexueller Missbrauch“ abgehalten wurde, richtete das Radioprogramm „This Morning“ eine Hörer-Hotline zum Thema ein. An einem einzigen Tag gab es über 1.000 Anrufe. 90 Prozent der Betroffenen sagten, sie hätten vorher noch niemandem davon erzählt. Eine Studie bewies, dass Kindern, die ihren Bezugspersonen erzählten, sie seien von Frauen missbraucht worden, in 86 Prozent der Fälle nicht geglaubt wurde. Wie häufig ist der sexuelle Missbrauch durch weibliche Täter? Die Antwort hängt stark von der Definition ab. Die Forscher Fromuth und Burkhart fanden heraus, dass die Verbreitungsrate bei 582 befragten Collegestudenten, abhängig von der jeweiligen Definition des sexuellen Kindesmissbrauchs, zwischen vier und 24 Prozent schwankte. Eine weithin übliche Definition ist die „Ausbeutung eines Kindes zur Befriedigung eines Erwachsenen“. Das Wort Ausbeutung ist jedoch vieldeutig und beinhaltet eine große Bandbreite von Verhaltensweisen: das Entblößen von Genitalien, Streicheln, Voyeurismus, Exhibitionismus, Oralsex, vaginaler oder analer Geschlechtsverkehr. Zudem gibt es ein Altersproblem: Wenn das Kind erst fünf Jahre alt ist, fällt die Einstufung als Missbrauch nicht schwer. Doch was ist, wenn die Frau 20 ist und das Opfer 14-jährig? Die amerikanische Sozialpsychologin Diana Russell hat zahlreiche Erlebnisberichte studiert und kommt zu dem Schluss, dass bis zu 27 Prozent der Jungen und bis zu zehn Prozent der Mädchen durch Frauen sexuell missbraucht wurden. Wie Hastings im Jahr 2000 feststellte, ist in den letzten 20 Jahren die Quote von Kindesmissbrauch durch Frauen enorm gestiegen. Jeder fünfte Missbrauch wird von einer Frau begangen. Dieser wird aber nur selten gemeldet. Männer nehmen im Unterschied zu Frauen sexuelle Erfahrungen als Minderjährige nicht unbedingt als Missbrauch wahr. Werden diese Erfahrungen als Teenager gemacht, können sie durchaus als sexuelle Initiation und nicht als Vergewaltigung empfunden werden. Auf der anderen Seite

ist es für sie oft zu beschämend, sich anderen mitzuteilen, wenn sie beispielsweise von der eigenen Mutter oder einer anderen nahen Verwandten missbraucht wurden. Auf Grundlage des gegenwärtigen Forschungsstandes lässt sich sagen, dass etwa 25 Prozent der Missbrauchsfälle von Frauen verübt werden. Warum ist es so schwer, dies zu akzeptieren? Der Grund ist wohl, dass dieses Verhalten in völligem Widerspruch zum allgemein verbreiteten Bild der Frau als Ernährerin, Versorgerin, Beschützerin steht, die sich mit all ihrer Kraft um die Kinder kümmert. Solche Taten scheinen vollkommen unnatürlich zu sein und allen Instinkten zuwiderzulaufen. Und doch sagte in einer Studie die Hälfte von 50 verurteilten Sexualstraftäterinnen aus, sie habe Vergnügen dabei empfunden, den Opfern Schmerz zuzufügen. Was sind die Hauptmerkmale weiblicher Täter? Noch gibt es zu wenig Studien, um darauf eine klare Antwort zu geben. Man vermutet, dass sie oft selbst als Kind sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt wurden. Häufig war ihre Kindheit von sozialer Isolation und Entfremdung geprägt. Altersgemäßes Sexualverhalten kann durch schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen oder auch durch eigene Eheprobleme verhindert werden. Die Täterinnen leiden zudem oft an fehlender Selbstkontrolle, Alkoholismus oder Psychosen. Die Gründe für weibliche Pädophilie dürften demnach ähnlich gelagert sein wie bei Männern. Eine verstörende Tatsache ist, dass die Täterinnen häufig als Kinderbetreuerinnen arbeiten. Viele Opfer berichten, sie seien während der Tagesbetreuung missbraucht worden. Allgemein können weibliche Sexualstraftäterinnen leichter als Männer in Vertrauenspositionen gelangen, in denen sie Autorität über Kinder haben. Rosencrans fand 1997 heraus, dass Mütter, die ihre Kinder missbrauchen, meist verheiratet und älter sind. In 49 Prozent der Fälle war der Missbrauch auch physisch gewalttätig. Die Folgen für die Opfer können schwerwiegend sein und zu sexueller Disorientierung führen. Das Forschungsfeld des weiblichen Sexualmissbrauchs ist noch relativ jung. Alles deutet aber darauf hin, dass sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen weitaus häufiger vorkommt als früher angenommen. Bedenkt man die Folgen für die Opfer, so muss das Ganze als ein gravieren-des Problem betrachtet werden, das zukünftig nicht unterschätzt werden sollte. Aus dem Englischen von Ralf Oldenburg

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Foto: privat

Neue Wahrheiten: Jeder fünfte Kindermissbrauch wird von einer Frau begangen


Die Welt der Frau

So sieht’s aus

Was der Global Gender Gap Report 2006 über Bildung, Politik und Gesundheit von Frauen verrät:

In Südafrika sind ein Drittel der Parlamentssitze und mehr als 40 Prozent der Ministerposten mit Frauen besetzt.

In Mali heiraten Frauen durchschnittlich mit 18 Jahren und bringen sechs Kinder zur Welt. Acht Prozent der verheirateten Frauen benutzen Verhütungsmittel. In Norwegen heiraten Frauen durchschnittlich im Alter von 31 Jahren. Sie gebären weniger als zwei (1,84) Kinder. 74 Prozent der verheirateten Frauen benutzen Verhütungsmittel. In Angola wurde das Wahlrecht für Frauen im Jahre 1975 eingeführt, in der Schweiz 1971. Neuseeland war das erste Land, das uneingeschränktes Frauenwahlrecht einführ te: In Saudi-Arabien haben Frauen kein Wahlrecht und sind nicht an der politischen Macht beteiligt.

Im Jemen arbeiten sechs Prozent der Frauen an bezahlten Arbeitsplätzen außerhalb des Agrarsektors. 70 Prozent der Arbeit im Agrarsektor wird von Frauen verrichtet. Im Tschad können durchschnittlich dreimal so viele Männer lesen und schreiben wie Frauen; die Alphabetisierungsrate von Frauen liegt bei 13, die von Männern bei 41 Prozent. In Bangladesch bekommen Frauen für die gleiche Arbeit 41 Prozent vom Gehalt der Männer. 31 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer können lesen und schreiben. 22 Prozent der erwachsenen Frauen in Botswana sind arbeitslos. In Mazedonien und Namibia liegt die Frauenarbeitslosigkeit bei 36 Prozent.

Sri Lanka wurde in den vergangenen 50 Jahren insgesamt 21 Jahre von einem weiblichen Staatsoberhaupt regiert. In Spanien sind die Ministerposten jeweils zur Hälfte von Frauen und Männern besetzt. In Österreich haben Frauen im Vergleich zu Män­nern 35 Prozent des Geldes zur Verfügung. In Kenia ist die Verteilung zwischen den Geschlechtern mit 93 Prozent fast ausgeglichen.

In Tansania und Malawi liegt die Erwerbsquote von Frauen bei 95 Prozent. In Ägypten liegt sie bei 27, in Saudi-Arabien bei 22 Prozent. Die Erwerbsquote für Frauen liegt in Belgien bei 44 Prozent.

Auf den Philippinen und in Lesotho haben Männer und Frauen die gleichen Möglichkeiten, Bildungsabschlüsse zu erlangen.

In der Türkei sind sechs Prozent der Stellen für höhere Beamte und Führungspositionen mit Frauen besetzt. In Uruguay sind es 35 Prozent.

Im isländischen Parlament sitzt ein Drittel Frauen, und 27 Prozent der Ministerposten werden von Frauen bekleidet.

In Kolumbien ist ein Drittel der Lehrenden an Hochschulen Frauen. In Georgien und Estland sind es 49 Prozent. Auf Jamaika 60 Prozent. In Kasachstan sind 98 Prozent der Grundschullehrer Frauen. In Kirgisien sind es 96 Prozent. In Albanien 22 Prozent.

Zusammengestellt von Johanna Barnbeck

In Nepal liegt die Arbeitslosenquote von Frauen bei einem, in Pakistan bei 16 Prozent.

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„Sie sehen gar nicht wie eine Feministin aus“

Können Sie mir als Mann bitte erklären: Was ist Feminismus? Ich halte mich gerne an die Lexikon-Definition. Danach ist Feminismus der Kampf für die wirtschaftliche, soziale und politische Gleichstellung der Frauen.

Jessica Valenti, geboren 1978, lebt in New York. Sie studierte Women’s and Gender Studies an der Rutgers University und schreibt für zahlreiche Zeitschriften und Blogs. Unter anderem ist sie Gründerin und Chefredakteurin von www. feministing.com, einer Internet-Plattform, auf der Frauen das Thema „Frausein“ diskutieren, kommentieren und analysieren.

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Ich hatte gehofft, Sie würden es sich nicht so einfach machen. Mir gefällt diese Definition, weil es schwierig ist zu widersprechen. Denn: Wer würde das nicht wollen? Außerdem ist es wichtig, so einfach wie möglich über Feminismus zu sprechen, gerade weil der Begriff absichtlich so verfälscht und verwässert wurde. Verfälscht und verwässert? Sie haben ja auch zuerst gefragt, was Feminismus überhaupt ist. Niemand würde fragen: Was genau heißt das, dass du dich gegen Rassismus engagierst? Aber wenn es um Feminismus geht, scheinen die Menschen nicht zu verstehen, worum es geht. Dabei ist es so einfach. Die Menschen verstehen es nicht? Oder doch eher die Männer? Männer und Frauen gleichermaßen. Es gab eine enorme antifeministische Gegenreaktion. Dabei wurden vollkommen verrückte Stereotype über Feministinnen verbreitet. Und das hat die Menschen einfach verwirrt.

Was machen Sie denn, wenn Sie einen Mann kennenlernen? Klar, der erste Eindruck hat immer mit dem Aussehen zu tun. Aber Frauen werden ausschließlich nach ihrem Aussehen beurteilt. Sogar, nachdem man angefangen hat, miteinander zu sprechen. (lacht) Was steckt hinter der antifeministischen Gegenreaktion? In den 1960er und 1970er Jahren haben die Frauen bedeutende Fortschritte gemacht. Das hat eine Gegenbewegung der Medien und des konservativen Teils der Gesellschaft provoziert. Heute werden zwei Dinge über den Feminismus verbreitet: Entweder, er sei tot und vorbei, oder er sei zu dominant und überlagere alles andere. Ich frage mich, wie das beides gleichzeitig sein kann. Und: Wenn der Feminismus tot und vorbei ist, warum geben sich dann Leute so viel Mühe, ihn zu töten? Und Ihre Antwort darauf ist? Es geht um die Angst davor, Frauen mehr Zugang zur Macht zu gestatten. Männer denken wahrscheinlich, dass sie Macht abgeben und teilen müssen. Es macht auch denen Angst, die starr an alten Geschlechterbildern festhalten. Warum sind sogar Frauen gegen Feminismus? Weil sie auf die antifeministischen Stereotype reinfallen. Viele junge Frauen sehen, dass etwas getan werden muss. Aber ihnen wurde das Wort „Feministin“ so lange als etwas Negatives vermittelt, dass sie sich selbst nie so beschreiben würden. Viele machen feministische Arbeit, sie nennen es nur nicht so. Sie treten ein für freien Zugang zu Verhütungsmitteln, für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, gegen häusliche Gewalt. Das Wort „Feminismus“ zeigt den Frauen: Ihr seid nicht allein. Ich bekomme viele Mails von jungen Frauen, die meine Texte gelesen haben und schreiben: „Hey, cool, ich mach das doch auch, ich wusste gar nicht, dass ich auch eine Feministin bin!“

Welche Stereotypen meinen Sie? Feministinnen hassen Männer, sind gegen Sex, hässlich und humorlos. Der Letzte nervt mich persönlich am meisten. Diese Stereotypen erfüllen eine strategische Aufgabe. Sie sind ein gutes Mittel, um junge Frauen vom Feminismus fernzuhalten. Wenn die Gesellschaft dir sagt, dass dein Wert als Frau darin besteht, gut auszusehen und von Männern gemocht zu werden, warum sollte man dann etwas gut finden, das mit dem Gegenteil verbunden wird?

Cool ist Feminismus auch? Feminismus ist cool, er macht dein Leben besser, auch den Alltag. Man trifft bessere Entscheidungen. Hat besseren Sex. Versteht besser, wogegen man kämpft und wie man am besten mit Widerständen umgeht. Man kann endlich aufhören zu glauben, man sei nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht hübsch genug.

Sie haben leicht reden. Sie sehen ja gut aus. Oh, vielen Dank! Aber egal wie eine Frau aussieht, ich denke, jede Frau spürt, dass sie nach ihrem Aussehen beurteilt wird.

Wirklich? Als Feministin hat man besseren Sex? Ja. Man kann die Doppelmoral überwinden, nach der Frauen keinen Spaß am Sex haben sollen. Nach der man eine Schlampe ist, wenn man zu viel Sex hat. Oder prüde, Kulturaustausch 1v /07

Foto: Adam Joseph

Die amerikanische Autorin Jessica Valenti über alte Rollenbilder, junge Frauen und die Frage, ob Emanzen besseren Sex haben


Die Welt der Frau

wenn man zu wenig hat. Man erkennt, dass es um den eigenen Körper geht. Nicht darum, was andere erwarten. Männer werden auch optisch beurteilt. Gut aussehende Männer verdienen bis zu einem Viertel mehr Geld als unattraktive. Sexismus kann auch Männern schaden, keine Frage. Dieses ganze „sei kein Mädchen“ und „Männer weinen nicht“. Aber ich lese im US-Wahlkampf dauernd über das Dekolleté von Hillary Clinton oder ihre Frisur. Niemand spricht über Barack Obamas Anzug. Nur einmal wurde über John Edwards neuen 400-Dollar-Haarschnitt geredet. Und das war auch Sexismus, weil es der Versuch war, ihn zu verweiblichen. Nach dem Motto: „Schaut euch den Weichling an.“ Nervt es Sie, nach Ihrem Äußeren beurteilt zu werden? Natürlich! Ich hab mich daran gewöhnt, aber es nervt trotzdem und ist so lächerlich. Und zwar egal, ob man wegen seines Aussehens negativ oder positiv beurteilt wird. Ich bekomme oft zu hören: „Hm, Sie sehen gar nicht aus wie eine Feministin.“ Das sollte wohl ein Kompliment sein. Sie möchten nicht, dass jemand Ihnen sagt: „Sie sehen gut aus“? Doch, jeder möchte gefallen. Es ist nur falsch, wenn man vom Aussehen auf die Cleverness, auf politische Ansichten, auf sonstige Fähigkeiten schließt. Was ist das dringendste Problem feministischer Arbeit? In den nächsten Jahren müssen wir uns auf die weibliche Sexualität konzentrieren. Es geht nicht nur um Schwangerschaft, Sex und Verhütung. Es geht um die Hoheit der Frauen über ihren eigenen Körper, ihre Sexualität. Und Armut ist ein wichtiges Problem. Viele der Armen in den USA sind Frauen, das wird ziemlich vernachlässigt. Wo ist Feminismus schon erfolgreich? Ich glaube nicht, dass man das so fragen kann. Eine Menge Leute fragen das und meinen damit: „Warum beharrst du so auf diesem Feminismus-Ding?“ Ein Richter in Nebraska hat kürzlich in einem Vergewaltigungs-Prozess verboten, das Wort „Vergewaltigung“ zu benutzen. Vor Gericht durfte die Frau dann, um zu beschreiben, was ihr angetan wurde, weder „Vergewaltigung“ noch „sexueller Angriff“ sagen, sie musste sagen: „Sex“. Solange es so was gibt, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Klingt nicht sehr optimistisch. Ich bin sehr optimistisch. Auch wegen des Internets. So viele Blogs entstehen, Frauenorganisationen gehen online. So kann selbst eine junge Frau in einer Kleinstadt in Iowa online gehen und sehen, was sich im Feminismus tut. Kulturaustausch 1v /07

Warum zeigt Ihr Buchcover einen nackten Frauenbauch? Der nackte Bauch ist für mich ein traditionell sexistisches Bild, welches das Cover durch den Schriftzug „Feminism“ umdeutet. Frauenkörper werden schon lange dazu benutzt, alles und jeden zu verkaufen, jetzt eben etwas Gutes.

Es geht um die Hoheit der Frauen über ihren eigenen Körper Veröffentlichung von Jessica Valenti:

Werden Sie auch angegriffen? Ja, nachdem ich bei der Talkshow The Colbert-Report aufgetreten bin, bekam ich ein paar hässliche Mails wegen meines Outfits. Vorgeworfen wurde mir, ich hätte einen nuttigen Rock getragen, zu viel Bein gezeigt, und warum ich unbedingt High Heels tragen muss. Zum Kotzen.

Full Frontal Femi­ nism: A Young Woman’s Guide to Why Feminism Matters (Seal Press, Emeryville/CA 2007).

Aber Sie sind nicht beleidigt? Es nutzt ja nichts. Die Leute wollen ja, dass man sich aufregt. Also ist es das Beste, einfach weiterzumachen. Und irgendwie scheine ich ja erfolgreich zu sein, wenn sich Leute über meine High Heels aufregen. Werden Sie gerade zum Vorbild für junge Frauen? Ich möchte viel lieber eine Art Übersetzerin für Feminismus werden als ein Vorbild. Ich möchte etwas, das auf den ersten Blick so sperrig scheint, einfach machen, zugänglich, unterhaltsam. Sollen Frauen Frauen wählen? Nein. Frauen sollten für Politiker stimmen, die Feministen sind. Nur weil jemand Eierstöcke hat, macht ihn das noch nicht zu einer guten Politikerin oder zu einer Feministin. Ich denke, es ist sehr gefährlich, für Frauen zu sein, bloß weil es Frauen sind. Das unterstellt, dass alle Frauen toll sind und großartige Dinge für die Gesellschaft leisten – und das ist natürlich lächerlich. Also nicht Hillary Clinton, weil sie eine Frau ist? Nein, man sollte sie wählen, wenn man ihre Politik gut findet. Gleichzeitig hat die Vorstellung einer ersten Präsidentin etwas sehr Verlockendes. Auch Condoleezza Rice wäre eine Frau als Präsidentin. Ja, aber für mich nicht ganz so verlockend. Wollen Sie selbst in die Politik gehen? Ich glaube, dafür ich bin zu offen, ehrlich und direkt. Das Interview führte Dirk Schönlebe 33


Schaufensterdekorateurin | Deutschland


Schlagabtausch Von Helen Driscoll Beim Begriff „Aggression“ denken wir schnell an Männer,

Helen Driscoll, geboren 1978, erhielt als Psychologiestudentin in Newcastle diverse Auszeichnungen und arbeitet derzeit als Senior Lecturer an der Universität Sunderland in England. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Entwicklungspsychologie. In ihrer Doktorarbeit zum Thema Aggression untersucht sie Geschlechtsunterschiede und soziale Repräsentationen sowie den Umgang mit Aggression in Partnerschaften.

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und was wir unter Aggression verstehen, definiert sich über männliches aggressives Verhalten. Männer neigen mehr als Frauen zu direkter, offener Aggression und sind weltweit für etwa 90 Prozent aller Gewaltverbrechen verantwortlich. Sie führen Kriege, planen Terroranschläge und kämpfen um Status, Gebietsansprüche und letztlich um Frauen. Dieses Verhaltensmuster findet sich in allen Kulturen und historischen Epochen. Aggression und Gewalt scheinen wesentliche Aspekte des männlichen Seelenlebens zu sein. Da überrascht es kaum, dass weibliche Aggression bis vor Kurzem so gut wie gar nicht untersucht wurde. Vielleicht dachten Wissenschaftler schlicht, hier gäbe es nichts zu erforschen. Tatsächlich hat sich die Forschung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei aggressivem Verhalten bislang auf die Frage konzentriert, warum Männer das aggressivere Geschlecht sind. Die allgemeine Gültigkeit dieses Unterschieds deutet auf seinen evolutionären Hintergrund hin. Die Bereitschaft zu aggressivem Konkurrenzkampf bedeutete für Männer einen genetischen Vorteil. Der Wille des Mannes zum Kampf um die Frau hängt mit dem evolutionshistorisch vielleicht wichtigsten Unterschied zwischen den Geschlechtern zusammen: Männer können ihre Nachkommen mit einem vergleichsweise minimalen Aufwand produzieren. Ein Mann muss grundsätzlich nur die Energie für den Geschlechtsakt und zur Produktion von Spermien aufbringen. Demgegenüber muss die Frau eine große, nährstoffreiche Eizelle zur Verfügung stellen und neun Monate der Schwangerschaft investieren, der auch noch eine potenziell gefährliche Geburt folgt. Dieser unterschiedliche Aufwand hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung der Psyche beider Geschlechter. Das Geschlecht, das am meisten investiert, die Frau, wird zum Hauptakteur der Reproduktion, um den sich das andere Geschlecht bemüht. Der geringe notwendige Aufwand für Männer ermöglichte es ihnen, potenziell eine große Anzahl an Nachfahren zu produzieren. Daher machte es hinsichtlich der Fortpflanzung Sinn, so viele fruchtbare Frauen wie möglich zu begatten. Da Frauen hingegen nur eine begrenzte Anzahl von Nachkommen hervorbringen können, gewinnen sie

durch häufige Paarung wenig. Aufgrund dieses Musters, nahm man an, hätten Männer eine Neigung zu aggressivem Konkurrenzverhalten entwickelt, während es für Frauen wenig gab, um das zu konkurrieren sich gelohnt hätte – und sie sich deshalb bloß zu passiven Begünstigten des männlichen Wettbewerbs entwickelt hätten. Dieses Verständnis ist allerdings durch eine Art männliche Psychologie geprägt. Es hat die Stereotypen vom aggressiven, wettbewerbsorientierten Mann und der sanftmütigen, fürsorglichen Frau noch verstärkt. Bilder dieser Klischees haben unsere Kultur nachhaltig geprägt: die Hausfrau aus den 1950er Jahren zu Hause mit ihrem Kind; das Foto einer nackten Frau mit samtener Haut, die eng umschlungen ihr Baby hält. An dieses Gesicht Evas haben wir uns gewöhnt. Entspricht das Bild der Wirklichkeit oder ist es ein Mythos? Die Vorstellung, dass sich eine ganz auf Fürsorge gepolte

Frau aggressiv verhalten könnte, erscheint abstoßend, unangebracht und unvereinbar mit der weiblichen Natur. Doch zeichnet sich in den westlichen Medien neuerdings ein zweites Gesicht der guten alten Eva ab. Englische Zeitungen berichten über gewalttätige junge Frauen, genannt „ladettes“, deren Verhalten eher zu männlichen Stereotypen passt. Dennoch wird dies nicht als Hinweis auf die Unzulänglichkeit herrschender Klischees über die Weiblichkeit gesehen, sondern als Zeichen für die Schwäche der Frauen – und womöglich als Konsequenz einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Frauen gelten oft immer noch als von Natur aus passiv, und so sucht man den Grund für weibliche Aggression in gesellschaftlichen Umständen. In jüngerer Zeit stellt die Wissenschaft das Klischee von der passiven Frau jedoch infrage. Tatsächlich ist in einigen Ländern ein Anstieg der weiblichen Kriminalitä zu verzeichnen. Dennoch sind Männer nach wie vor für die überwältigende Mehrzahl aller Verbechen verantwortlich. Eine Frage wurde jedoch immer außer Acht gelassen. Auch wenn es unstrittig ist, dass ein Wettstreit um möglichst viele Partner Frauen keinen Vorteil bringt, sollte man trotzdem annehmen, dass sie um andere für die Reproduktion wichtige Dinge kämpfen, etwa knappe Ressourcen, einen hohen Sozialstatus oder fähige Männer. Die Professorin Anne Campbell kehrte die Frage nach den geschlechtsspezifischen Unterschieden in Sachen Aggression um. Statt zu erforschen, warum Männer offener aggressiv als Frauen sind, wollte sie wissen, warum Frauen weniger offen aggressiv sind. Sie vermutet, dass Selektionsdruck die Entwicklung von unmittelbar aggressiven Konkurrenzverhalten verhindert habe. Kulturaustausch 1v /07

Foto: privat

Der Mythos von der weiblichen Friedfertigkeit hält sich hartnäckig. Doch Aggressionen sind von der Evolution auch für Frauen vorgesehen


KÖRPER

Warum also könnte offen aggressives Verhalten für Frauen problematisch sein? Menschenbabys kommen nicht zuletzt deshalb als hilflose Wesen zur Welt, weil es eine evolutionäre Entwicklung hin zu größeren Gehirnen gab. Da das Gebären von Babys mit großen Köpfen zu schwer und gefährlich wäre, findet ein Großteil der Hirnentwicklung nach der Geburt statt und Kinder sind über mehrere Jahre auf elterliche Pflege angewiesen. Als das Geschlecht, das den größeren Aufwand in den Nachwuchs investiert, fiel den Frauen die Aufgabe der Betreuung zu. Die Verletzlichkeit von Babys bedeutet daher auch, dass Überleben und Wohlergehen der Mütter an erster Stelle stehen. Ein Vater ist gut, eine Mutter unverzichtbar. Deshalb, meint Campbell, müssen Frauen körperliche Gefahren vermeiden, auch jene, die aus direkt aggressivem Verhalten resultieren. Ich habe die psychischen Mechanismen untersucht, die unmittelbar aggressives Verhalten bei Frauen verhindert, etwa die Hemmung durch Furcht. Frauen fürchten sich eher als Männer, vor allem bei drohender körperlicher Gefahr. Diese Furcht hemmt und verhindert aggressive Regungen. Männer leiden häufiger unter pathologischer Enthemmung, Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität. Das Maß an Enthemmung wird in der Forschung oft als Indikator dafür gesehen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Person Gewaltverbrechen begehen wird. Die Tendenz zur Enthemmung ist bei Männern deutlich höher als bei Frauen. Der Unterschied hinsichtlich direkter Aggression ergibt sich also auch aus einer geringeren Angstschwelle bei Frauen. Doch bedeutet dies, dass Frauen passiv sind? Nein, denn die

weibliche Psyche hat eine Alternative zum inakzeptabel hohen Risiko körperlicher Gewalt gefunden. Frauen neigen zu indirekter Aggression, die verdeckt abläuft, schwieriger zu erfassen ist, aber beträchtlichen Schaden bei den Opfern anrichten kann. Zu diesen Strategien zählen die soziale Ausgrenzung anderer, Klatsch und das Streuen von Gerüchten, die das Ansehen von Rivalinnen beschädigen. Mit solchen Taktiken kämpfen Frauen um die „besten“ Männer, um Status, Ressourcen und Ansehen – ohne körperliche Verletzungen zu riskieren. Manchmal greifen allerdings auch Frauen auf direkt aggressives Verhalten zurück. Über die Gründe hierfür wissen wir erst wenig. Statistiken zeigen, dass Frauen eher zu Eigentums- als zu Personendelikten neigen. Bei knappen Ressourcen kann es auch für Frauen sinnvoll sein, größere Risiken einzugehen und offen aggressiv um die Sicherung von Vorräten zu kämpfen. Über die Bedeutung moderner Anforderungen lässt sich spekulieren. Die Kultur entwickelt sich heute schneller als Kulturaustausch 1v /07

die Biologie, wir leben alle in einer Welt, an die wir uns noch nicht angepasst haben. Zwar hat das 20. Jahrhundert in vielen Gesellschaften die Emanzipation der Frau mit sich gebracht, dafür aber auch neue Belastungen, etwa durch eine Doppelfunktion als berufstätige Frau und Mutter. Auch gibt es weltweit immer mehr alleinerziehende Mütter, von denen viele in absoluter oder relativer Armut leben. Soziale und ökonomische Probleme wie diese können zu einem Anstieg weiblicher Kriminalität führen. Ein kleiner

Frauen kämpfen um Männer, Status, Ressourcen und Ansehen – ohne körperliche Risiken einzugehen Prozentsatz von Frauen verhält sich aber auch unabhängig vom Kampf um knappe Ressourcen gewalttätig und kriminell. Viele dieser Frauen leiden unter den gleichen Störungen der Hemmfunktionen wie aggressive Männer. Insgesamt wäre es eine grobe Vereinfachung zu behaupten, dass Männer das aggressivere Geschlecht seien. Was meinen wir genau mit Aggression? Letztlich fällt jedes

Verhalten unter den Begriff, mit dem man andere absichtsvoll verletzt. Da man lange Zeit nur die männlichen Formen der Aggression erforschte, wurde Aggression mit Blick auf die männliche Psyche definiert. Aggression bedeutet aber nicht nur Mord, Vergewaltigung und andere Arten körperlicher Gewalt. Auch Manipulation, Ausgrenzung, das Verbreiten von Gerüchten und die Anstiftung zur Gewalt sind aggressive Handlungen, und hier haben es einige Frauen zu großer Meisterschaft gebracht. Diese Formen der Aggression wurden auch deshalb so lange übersehen, weil sie verdeckter ablaufen – und weil wir womöglich an die weibliche Tugendhaftigkeit glauben wollen. Ironischerweise kann gerade ihre mütterliche Natur die Frau zur aggressiven Kämpferin machen – als Ausdruck eines fürsorglichen Verhaltens. Obwohl die beiden Gesichter Evas – das der fürsorglichen und jenes der kämpferischen Frau – ein Zeichen für die evolutionär begründete Sorge um Kinder sind, schienen sie lange unvereinbar. Wir stehen erst am Anfang der Erforschung von Evas dunkleren Seiten, dem Produkt einer subtil konstruierten weiblichen Psyche, die darauf ausgerichtet ist, die Vorteile aus aggressivem Verhalten zu ziehen und zugleich die damit verbundenen Risiken zu minimieren. Aus dem Englischen von Loel Zwecker

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„Das Recht auf Lust ist politisch“

Ihr erster Dokumentarfilm heißt „Was ist die Klitoris?“. Was passiert darin? Wir fragten Frauen und Männer auf der Straße, in Universitäten und Cafés, was die Klitoris ist. Der Film zeigt in sieben Minuten, wie groß die Tabus in der Türkei hinsichtlich des Geschlechtlichen, des weiblichen Körpers und des weiblichen Lustempfindens sind. Welche Tabus sind das genau? Die Sexualität der Frau ist im Grunde genommen schon ein absolutes Tabu. Weit verbreitet ist das Bild der Frau als Ehegattin und Mutter. Sie fungiert als asexuelles Objekt, das den Männern ermöglicht, ihre Sexualität auszuleben. Aber alles, was damit zu tun hat, ist ein Tabu: die Jungfräulichkeit, das Annehmen und nicht Verstecken des eigenen Körpers, Sex außerhalb der Ehe, ja selbst das bewusste Erleben von Sex in der Ehe, das Wissen um das Recht auf Genuss beim Sex, das Einfordern desselben ... Sie haben auch eine österreichische Variante des Films gedreht. Was war anders? Die Unterschiede waren nicht so groß: Viele scheuten den offenen Umgang mit dem Thema, hatten Wissenslücken. In Österreich kann man vielleicht nicht von Tabus sprechen, aber von Verschleierung schon. Warum haben Sie sich als Kollektiv organisiert? Wir wollen herausstreichen, wie festgefahren, hierarchisch und frauenfeindlich die Strukturen in der Filmbranche sind. Diese wollen wir aufbrechen und beweisen, dass andere möglich sind.

Seit März 2003 produzieren Melek Özman (Mitte) und das türkische Filmkollektiv Filmmor eigene Filme und organisieren ein Frauenfilmfestival in Istanbul und in der türkischen Provinz. 38

Drehen Sie ausschließlich politische Filme? Geht es um Frauen, wird von ganz rechts bis ganz links immer so getan, als sei das ein unpoliti-

sches Thema. Wir sind sicher: Es ist zweifellos politisch, dass Frauen als Heimarbeiterinnen für die Industrie tätig sind, dass sie eine Klitoris haben und selbstverständlich auch das Recht auf Lust. Sie zeigen Ihren Film auch auf Frauenfilmfestivals, die in kleineren türkischen Städten stattfinden. Wie wird er dort aufgenommen? Dort erhalten wir mehr Resonanz als in großen Städten. Teilweise sind die Ortschaften, die wir besuchen, von jedermann vergessen. Die Leute sind glücklich, dass wir zu ihnen kommen und ihnen zeigen, dass wir sie respektieren. Gibt es auch Probleme? Unsere schlechten Erfahrungen beschränken sich eher auf die Technik. Deshalb haben wir alles gelernt, was mit Technik zu tun hat. Das meiste Wissen bei uns hat eine 25-jährige Kollegin. Einmal ist sie vorher in einen kleinen Festivalort geflogen und die Leute haben nicht geglaubt, dass sie unsere technische Direktorin ist. Im Vorführungssaal ließen die Verantwortlichen sie nicht in den Techikraum. Als wir am nächsten Tag ankamen, erzählten uns die Frauen aus dem Ort, wie viel Kraft es ihnen gegeben hätte, dass sich eine junge Frau gegen die Männer durchgesetzt hatte. Und die Männer mussten sich ihre eigenen Vorurteile eingestehen. Insofern ist nicht nur das Festival, sondern der damit verbundene Prozess sehr wichtig – ein Kommunikations- und Erfahrungsaustausch. Worüber diskutieren die Festivalbesucher besonders viel? In den letzten Jahren ist das politische und öffentliche Interesse am Feminismus gewachsen, auch durch die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union. Frauen entdecken, dass für sie ein anderes Leben möglich ist, eines, in dem sie nicht unterlegen sind, und die Männer treibt das Interesse, welche Gefahren mit diesem neuen Lebenszuschnitt für sie verbunden sein könnten. Letztes Jahr war das Thema des Festivals „Ehre“. In A˘gri ergriff ein Mann das Wort und sagte: „Ich habe einige Zeit in einer Großstadt gelebt und diese Frauen haben ein furchtbares Selbstbewusstsein. Das war für mich sehr beängstigend. Meiner Meinung nach ist es falsch, als Frau mit solch ausgeprägtem Selbstbewusstsein vor einen Mann zu treten.“ Darum geht es immer wieder. In der Türkei gibt es ein Sprichwort: „Wenn ich in diesem Leben mit Glück gesegnet wäre, wäre ich als Mann auf die Welt gekommen.“ Und das heißt, wir Frauen haben ein Problem. Das Interview führten Johanna Barnbeck und Berna Ercan Kulturaustausch 1v /07

Foto: Fiilmmor

Melek Özman, Mitglied des türkischen Filmkollektivs Filmmor, über sexuelle Aufklärung in der Türkei


KÖRPER

Frauen werden anders krank als Männer. Die Gendermedizin weiß warum Von Karin Schenck-Gustafsson

Karin Schenck-Gustafsson, 60, ist Professorin für Kardiologie am Karolinska Institut und der Karolinska Universitätsklinik in Stockholm. Seit den frühen 1990er Jahren forscht sie intensiv auf dem Gebiet der HerzKreislauf-Erkrankungen bei Frauen. Sie ist Gründerin und Leiterin des weltweit ersten Zentrums für Gendermedizin in Stockholm, das mittlerweile Partnerinstitute in Berlin, Wien und den USA hat.

Kulturaustausch 1v /07

Ann ist 60 Jahre alt. Sie ist nie krank gewesen. Sie ist der Nabel einer großen Familie, die geballte Kraft. Als Elin, eine ihrer drei Töchter und alleinerziehende Mutter auf einmal krank wird, kümmert sich Ann um alles. Plötzlich bekommt sie Schmerzen in der Brust, kalten Schweiß und Atemnot. Ihr Mann eilt mit ihr in die nächste Notaufnahme, wo sie kollabiert und an ein Atemgerät angeschlossen wird. Man stellt fest, dass die Pumpleistung des Herzens stark vermindert ist und die linke Herzkammer die Form eines Ballons mit einer sehr schmalen Öffnung angenommen hat. Die Ärzte diagnostizieren bei Ann ein Gebrochenes-Herz-Syndrom (Broken Heart Syndrome), eine gefährliche Akutreaktion mit schwerer Herzinsuffizienz, die vor allem Frauen über 50 befällt. Nach einer Woche ist die Herzschwäche fast verschwunden und die meisten Tests zeigen normale Werte, übrig sind nur extrem hohe Werte an Stresshormonen im Blut. Das Broken Heart Syndrome ist eine neue Krankheit, die zuerst in Japan beobachtet wurde und nun auch nach Europa und Schweden gekommen ist. Verwirrend ist, dass dieses Syndrom nur Frauen mittleren Alters trifft, die schwerem psychischem Stress ausgesetzt waren, etwa durch den Tod eines Angehörigen, einen schweren Autounfall, Sorgen in der Familie, einen Einbruch, Brandstiftung an Haus oder Auto. Untersuchungen dazu, welche Prioritäten Frauen in ihrem Leben setzen, zeigen, dass die Kinder an erster Stelle stehen, dann kommt das Zuhause, die Karriere, das Haustier, der Ehemann und am Schluss sie selbst. Eine entsprechende Untersuchung mit Männern offenbart, dass Männer die eigene Person weiter oben platzieren. Dass die Geschlechter verschieden auf Stress reagieren, ist klar, schließlich sind wir durch unsere Erziehung geprägt, da ist unser genetisches Erbe, da sind unsere Hormone und unsere Geschlechtsrollen. Daher verhält es sich mit Krankheit und Gesundheit bei Männern und Frauen unterschiedlich. Sie erleben auch Schmerzen, Sinneswahrnehmungen, sexuelle Attraktivität oder Elternschaft anders. Das Suchtverhalten ist von Mann zu Frau verschieden, an Kaufsucht leiden vor allem Frauen, an Sexsucht vor allem Männer. Wichtige Geschlechtsunterschiede kommen mit zunehmendem Alter zutage, so erkranken etwa mehr Frauen als Männer an Alzheimer.

Dass Männer und Frauen Krankheit und Wohlbefinden anders erleben, hat viele Ursachen: biologische, genetische, anatomische, physiologische, psychologische, sozialökonomische und kulturelle, beispielsweise ist das Herz von Frauen kleiner und die Blutgefäße inklusive der Herzkrankgefäße sind enger. Frauen haben oft andere Krankheiten als Männer: an rheumatischen Erkrankungen, Multipler Sklerose, Lungenkrebs, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, Depression, brüchigen Knochen, Harninkontinenz, Gallensteinen, Schilddrüsen-Erkrankungen, Schleudertraumata und chronischer Müdigkeit leiden vor allem Frauen. Wenn gendermedizinische Aspekte bei der Krankenpflege berücksichtigt würden, könnte Frauen eine bessere Pflege zuteil werden. Die Beispiele sind zahlreich: Bei einem Zeckenbiss entwickelt sich bei Frauen über 45 Jahren nicht der typische rote Ring um die Bissstelle. Deswegen wird diesen Frauen oft nicht das lebenswichtige Penicillin verabreicht. Oder: Nach der Operation eines Leistenbruchs kommt es bei Frauen öfter zu Komplikationen, weil man sich oft nicht darüber bewusst ist, dass ihre Anatomie anders beschaffen ist, und daher fehlerhaft operiert. Ich fing Anfang der 1980er Jahre an, mich mit gendermedizinischen Fragen zu beschäftigen. In der Kardiologie erlebte ich, dass die Patientin gerne übersehen wurde. Sehr oft war sie zu alt oder litt an zu vielen Erkrankungen, als dass man sich ihrer mit vollem Einsatz angenommen hätte. Man verstand ihre Sprache nicht, die nicht direkt zur Sache kam. Sie klagte bei einem Herzinfarkt weniger über Schmerzen, musste länger auf den Notarztwagen warten und ihr wurde billigere und schlechtere Medizin verabreicht. Sie wurde nicht in Forschungsstudien aufgenommen, meistens aufgrund einer Altersgrenze von 60 Jahren – der weibliche Herzinfarktpatient ist zehn Jahre älter als der männliche. Im Jahr 2001 eröffnete ich am Stockholmer Karolinska Institut das erste gendermedizinische Forschungsinstitut der Welt. Inzwischen haben sich unsere Ideen in Europa ausgebreitet, 2004 wurde an der Charité in Berlin ein Forschungszentrum eröffnet, in Wien eines 2006. In den USA gibt es das Centre of Gender Specific Medicine an der Columbia University. Unsere Hoffnung ist, dass in Europa weitere Forschungszentren eröffnen und der Forschungsrat der Europäischen Union Interesse zeigt, unsere Arbeit zu unterstützen. Denn auf Gendermedizin zu setzen bedeutet, die Gesundheit wie auch die Behandlungsmöglichkeiten von Krankheiten sowohl bei Männern als auch bei Frauen zu verbessern. Aus dem Schwedischen von Annalena Heber 39

Foto: privat

Diagnose Gebrochenes Herz


Erst seit Kurzem werden die Vorteile des Alterns beschrieben Von Clary Krekula Das Altern der Frau ist von vielen Mythen umgeben. Das

Dr. Clary Krekula, geboren 1959, ist Sozialpsychologin und arbeitet als Lektorin für Sozialgerontologie an der Universität Karlstadt in Schweden. In ihren Forschungen untersucht sie vor allem die Geschlechtsunterschiede im Alterungsprozess und die Frage von Identitätsbildungen im Alter.

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ist nichts Neues. Abwertende Vorstellungen hinsichtlich älterer Frauen, welche die männliche Stärke aufweichen und zunichtemachen, können bereits in der antiken Mythologie beobachtet werden. Funde aus noch früheren Epochen deuten darauf hin, dass ältere Frauen hingegen Weisheit und Naturwissen repräsentierten, etwas, das im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten ist. Zurück blieb die Hexe, die Alte, die, statt ob ihres Wissens gewürdigt zu werden, als ein Objekt für Spott und Angst benutzt wird. In zeitgenössischen Darstellungen sehen wir das gleiche Muster. Ältere Frauen sind darin immer noch weitgehend unsichtbar. Wenn sie hervortreten, geschieht das oft auf eine herablassende und distanzierte Weise. Diese Bilder werden unter anderem in Märchen wie dem von Hänsel und Gretel und der schrecklichen Hexe vermittelt oder der bösen Stiefmutter von Aschenputtel. Die früheren Forschungsdarstellungen vom Altern der Frau bildeten keine Ausnahme von diesen Negativbeschreibungen. Ganz im Gegenteil kann die Forschung über Geschlecht und Alter beschrieben werden als eine hegemonische Darstellung der Vorteile der Männer und der Unterlegenheit der Frau. Studien über das Altern der Frau sind meist von der Annahme einer doppelten Gefährdung der Person ausgegangen, einmal durch das Geschlecht, zum anderen durch das Alter. Die Forschung hat die Aspekte vernachlässigt, die älteren Frauen Vorteile gegenüber Männern einräumen, unter anderem was die stärker entwickelten sozialen Beziehungen der Frauen betrifft. Wo Sexismus und Altern eine Wechselwirkung haben, kann für Frauen das Altern problematischer werden. So sind ältere Frauen schlechter gestellt als ältere Männer, was Renten, Gesundheit und den Zugang zur Pflege betrifft. Aufgrund der längeren Lebensdauer der Frauen und Normen, nach denen Frauen einen älteren Partner haben sollen, überleben viele Frauen ihre Männer. Das trägt dazu bei, dass viele Frauen im hohen Alter allein leben und sich in einer schlechten finanziellen Lage befinden. Auch wegen der größeren Verantwortung der Frau für Kinder und Haushalt lässt sich ihre ökonomische Situation in einigen europäischen Ländern dahingehend beschreiben, dass sie entweder Kinder bekommt oder eine Rente.

Dieser einseitigen Elendsbeschreibung widerspricht jedoch die soziogerontologische Forschung, welche die subjektiven Erfahrungen der Frauen in hohem Alter beleuchtet. In diesen Studien wird der späte Lebensabschnitt oft als die beste Zeit des Lebens beschrieben. So betonen Frauen zunehmende Selbsterkenntnis und Unabhängigkeit als positive Aspekte. Vielen Frauen bietet diese Zeit erstmals die Möglichkeit zur eigenen Entwicklung, so dass sie sich neue Rollen durch politisches Engagement, Aktivitäten in der Gesellschaft oder Arbeitsprojekte schaffen können. Positive wie negative Berichte in Bezug auf hohes Alter hängen von der Richtung der Veränderungen ab. Abnehmende Ressourcen wie physische Fähigkeiten, Gesundheit und finanzielle Lage können zu einer Betrachtung des Alters als Untergang führen. Zunehmende Ressourcen wie neue soziale Beziehungen und persönliche Entwicklung tragen zu einer positiven Sicht bei. Auf übergeordneter Ebene ist dieses komplexe Bild vom Altern der Frau abhängig von den gesellschaftlichen Vorstellungen über ältere Menschen allgemein. Stereotype Einordnungen von Eigenschaften oder Aktivitäten als „altersgerecht“ setzen speziell den Frauen Grenzen. So tragen Ansichten, es „schicke sich nicht“ für ältere Frauen, eine neue intime Beziehung einzugehen, dazu bei, dass viele, die möglicherweise gern eine feste Beziehung hätten, die Suche nicht wagen und stattdessen in unerwünschter Einsamkeit weiterleben. Andererseits zeigt dieses Ergebnis, dass ältere Frauen nicht nur als passives Objekt gesellschaftlicher Vorstellungen anzusehen sind, sondern dass sie es auch sein können, die eingrenzende Stereotypen infrage stellen, einigen trotzen und andere aufrechterhalten. Der Mythos, dass es für Frauen aufgrund der verlorenen jugendlichen Schönheit schmerzhafter sei als für Männer, zu altern, ist nur eine Illustration dessen. Natürlich können ältere Frauen die negativen Ansichten hinsichtlich alternder Körper übernehmen und Trauer aufgrund ihres veränderten Aussehens empfinden, weil sie nicht den jugendlichen Schönheitsnormen entsprechen. Gleichzeitig definieren sie aber Teile der Schönheitsnormen neu, so dass Schönheit die gesamte Persönlichkeit mit einbezieht und folglich nicht auf altersrelevante Veränderungen begrenzt ist. Studien zeigen, dass ältere Frauen mit ihrem Körper zufriedener sind als jüngere Frauen. Das Aussehen hat weiterhin Bedeutung, ist aber vielleicht nicht mehr so wichtig wie früher. Parallel zum Aussehen werden andere körperliche Aspekte betont wie Gesundheit und die Fähigkeit, sich trotz physischer Einschränkungen allein behelfen zu können. Zudem werden körperliche Veränderungen als ein unausweichlicher Teil des Älterwerdens akzeptiert. Die Frau, die über Falten, Kulturaustausch 1v /07

Foto: Malou Frez

Golden Girls


Foto: Malou Frez

KÖRPER

schlaffe Haut und eingesunkene Augen seufzt, kann gleichzeitig von der Freude berichten, die es ihr bereitet, einen hübschen Mantel zu tragen oder darüber, dass sie fröhliche Augen und eine gute Körperhaltung hat. Sie kann auch Freude darüber ausdrücken, welches Vergnügen ihr der Körper bei Sexualität oder Sport bereitet oder darüber, dass sie allein ihren Alltag bewältigt. Vieles hängt dabei davon ab, wie altersfreundlich die Lebenswelt allgemein gestaltet ist. Das Projekt AgeFriendly-Cities der Weltgesundheitsorganisation WHO zeichnet weltweit altersgerechte Städte aus. Bewertungsfaktoren sind hierbei unter anderem Sicherheit, Mieten, öffentlicher Nahverkehr und Gesundheitsversorgung. Die einseitigen Darstellungen vom weiblichen Altern bieten Möglichkeiten, Frauen zu kontrollieren, Frauen unterschiedlichen Alters voneinander zu trennen und die Zukunftsvisionen jüngerer Frauen zu begrenzen. Von daher wäre ein Interesse aus feministischer Perspektive zu erwarten, ein facettenreicheres Bild vom Altern der Frau zu erstellen. Doch das ist nicht der Fall, die Geschlechtstheoretikerinnen haben nur ein geringes Interesse für das Älterwerden gezeigt. Die Altersblindheit in der Forschung ist unter anderem damit erklärt worden, dass auch feministische Forscherinnen vom „ageism“ und von der Angst vor dem Alter beeinflusst sind. Außerdem haben sie, unter der Devise „das Persönliche ist politisch“, unterstrichen, dass eigene Erfahrungen in Handlungen und in Forschung umgesetzt werden sollen. Heute, wo die Feministinnen der zweiten Welle selbst älter werden, können wir sehen, wie das Interesse für den Alterungsaspekt in vielen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wächst. Was können wir von der Zukunft erwarten? Subjektive Einschätzungen der eigenen Lage resultieren aus Vergleichen mit Altersgenossinnen, mit der eigenen früheren Lage und aus einer Vorstellung davon, wie man es gern hätte. Dass ältere Frauen heute ihr Altern als positiv beschreiben, zeigt, dass sie die Vorteile im Vergleich zu ihren früheren Lebensverhältnissen sehen – man denke an die Kriegsjahre oder das Eintreten der Frauen auf den Arbeitsmarkt bei unveränderter Hauptverantwortung für Haus und Kinder. Eine zentrale Frage ist also: Werden die zukünftigen älteren Frauen auf ihr Leben als eine schwere Zeit zurückblicken und das Alter als Erleichterung und eine Chance sehen, oder werden sie auf paradiesische Tage zurückschauen, die das Alter nur als Einschränkung und Verschlechterung erscheinen lassen? Die Frage kann nicht beantwortet werden, ohne die sozialen Positionen zu berücksichtigen. Frauen werden auf sehr unterschiedliche Lebensläufe zurückblicken, je nach Klasse, Ethnie, kulturellem Kontext und so weiter. Es wird auch in Zukunft nur wenige einheitliche Erfahrungen von älteren Frauen geben. Sicher haben sich Kulturaustausch 1v /07

die Lebensbedingungen der Frauen deutlich verbessert. Gleichzeitig zeigen sich aber Parallelen über die Zeiten hinweg, unter anderem in der Doppelbelastung der Frau auf der Arbeit und zu Hause. Die zweite Frage betrifft das zukünftige Bild vom Alter. Alte Menschen machen einen wachsenden Anteil an der Bevölkerung aus. Jeden Monat werden eine Million Menschen weltweit 60 Jahre alt, 80 Prozent von ihnen

Ältere Frauen sind mit ihrem Körper zufriedener als junge leben in Entwicklungsländern. Der Bevölkerungsanteil der Menschen über 65 Jahre wird in Afrika voraussichtlich von drei Prozent im Jahre 2000 auf sieben Prozent im Jahre 2050 ansteigen – in Europa hingegen von 15 Prozent auf 28 Prozent. So wird sich auch der Blick auf das Alter wohl verändern. Ältere Menschen könnten zu einem immer wichtigeren politischen und ökonomischen Machtfaktor in der Gesellschaft werden. Dagegen wird argumentiert, dass dies nicht die Mehrheit der Älteren betreffen wird, sondern nur begrenzte Gruppen ökonomisch Privilegierter. Und nicht zuletzt können wir global unterschiedliche Entwicklungen erwarten. Während die Industrieländer auf eine alternde Bevölkerung in einer Gesellschaft mit hoher ökonomischer Entwicklung stoßen, werden die Entwicklungsländer altern, bevor der Wohlstand sich etablieren kann. Veränderte Bevölkerungszusammensetzungen und Geschlechterrelationen bedeuten neue Herausforderungen und Möglichkeiten. Wie diese verwaltet werden, ist eine politische Frage. Die alternde Gesellschaft ist das Resultat von zwei der größten Errungenschaften der Menschheit: erhöhte Lebenserwartung und Geburtenkontrolle. Daher sollte das Ganze nicht als ein Problem betrachtet werden, sondern eher als eine Möglichkeit für weitere gesellschaftliche Entwicklung. Altersfreundliche Gesellschaften nutzen allen Altersgruppen. Sichere Nachbarschaften sind auch sicher für Kinder, hindernisfreie Gebäude und Straßen machen auch jüngere Menschen mit Behinderungen unabhängiger, die örtliche Wirtschaft profitiert von älteren Kunden und Käufern. Wir müssen gegen Altersdiskriminierung ankämpfen und Umgebungen schaffen – räumlich wie organisatorisch –, in denen die Mobilität und Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder gewährleistet ist.

Veröffentlichung von Clary Krekula:

Kvinna i ålderskodad värld. Om äldre kvinnors förkroppsligade identitetförhandlingar, (Woman in age coded world: On older womens embodied identity negotiations) Dept. of Sociology, University of Uppsala 2006.

Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt

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„Am meisten interessiert mich Verletzlichkeit“

Chris Buck, 1964 in Toronto geboren, ist Fotograf. Seit 1990 lebt und arbeitet er in New York und veröffentlicht in Newsweek, Vanity Fair und im Life Magazine. Auch George W. Bush stand bereits für ihn Modell.

Sie fotografieren vor allem Prominente. Wie wollen weibliche Prominente auf einem Foto aussehen? Jung, schlank und sexy – so wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden wollen. Aber auch ohne diese sozialen Zwänge und Rollenbilder wäre das wohl so. Das muss mit dem Paarungsverhalten zusammenhängen und damit, dass Frauen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren am begehrenswertesten sind. Und so wollen sie gezeigt werden, wobei es keine Rolle spielt, ob sie in der Unterhaltungsbranche arbeiten oder nicht. Zumindest gilt das für die westliche Kultur. In Nordamerika sind Frauen, die ihr Haar grau und ihrem Alter entsprechende Kleidung tragen, in der Minderheit. Wie fotografieren Sie Frauen, die nicht jung, schlank und sexy sind, aber dieses Bild von sich in der Öffentlichkeit sehen wollen? Ich bin kommerzieller Fotograf, also muss ich etwas liefern, mit dem sie zufrieden sind. Meine Idealvorstellung aber ist es, ein oder zwei Bilder zu machen, die diesem Wunsch entsprechen und dann noch ein weiteres, echtes Porträt anzufertigen. Eins meiner Vorbilder in der Fotografie ist Irving Penn. Er war Modefotograf und fotografierte

schöne Frauen in schönen Kleidern, die sehr glamourös wirkten. Gleichzeitig schuf er auch Charakterporträts, die von seiner Modearbeit völlig getrennt waren. Er zeigte Frauen als große Frauen mit Tiefgang. Meine Aufgabe als Porträtfotograf ist es, die Persönlichkeit zu zeigen. Was mich dabei am meisten interessiert, ist Verletzlichkeit. Ich möchte die Verletzlichkeit und die Persönlichkeit von Frauen zeigen ohne den Respekt zu nehmen, der ihnen gebührt. Aber das ist nicht das, was die meisten Frauen wollen. Finden Sie, dass Männer eher als Frauen bereit sind, ihre Verletzbarkeit zu zeigen? Männer werden weniger aufgrund ihres Aussehens beurteilt als Frauen. Männer werden anhand ihrer Leistungen beurteilt. Sie fühlen sich eher wohl dabei, als Charakter dargestellt zu werden, als dies bei Frauen der Fall ist. Ich hingegen mag seltsame, schrullige, ältere Typen. Ich wurde schon mehrfach gebeten, Lauren Hutton, Susan Sarandon oder Martha Stewart zu fotografieren, aber sie haben es nie erlaubt. Sie haben meine Arbeiten gesehen und fürchteten, was ich mit ihnen anstellen würde. Welche Frau hat Sie mit ihrer Persönlichkeit beeindruckt? Lisa Kudrow, aus der Fernsehserie „Friends“, war toll. In der Serie spielt sie eine dumme Blondine, aber in ihren Filmen ist sie Charakterdarstellerin. In dem Bild wollte sie den typischen Cheesecake-Stil (Pin-up-Fotografie der 1940er Jahre, Anm. d. R.) persiflieren, in dem Schauspielerinnen so oft fotografiert werden. Sie sagte: „Komm, ich ziehe einen Bikini an, aber da drunter trage ich einen Ganzkörperanzug.“ Für eine junge Schauspielerin war das eine mutige Entscheidung. Ihr Publizist wollte auch nicht, dass sie mit einer Zigarette gezeigt wird, aber ihr war das egal. Gab es schon mal eine ältere Frau, die sich nicht für ihr Alter geschämt hat? Anita Roddick. Eine echte Persönlichkeit. Mit sich selbst zufrieden. Ich bat sie, sich auf die Couch zu legen, und genauso hat sie es gemacht. Das Interview führte Naomi Buck

Lisa Krudow (links) und Lili Taylor (rechts), fotografiert von Chris Buck 42

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Foto: Michelle Golden (1), Chris Buck (2 und 3)

Der Starfotograf Chris Buck über die Frauen vor seiner Linse


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Foto: Michelle Golden (1), Chris Buck (2 und 3)

Für Sie

Die größten Frauenzeitschriften weltweit. Eine Auswahl (von oben links nach unten rechts): Türkei, Iran, Argentinien, Senegal, Deutschland, Oman, Afghanistan (wurde im Mai 2007 eingestellt), Japan, Russland, Finnland, Thailand, Südafrika.

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Kleider ordnen Von Heidemarie Blankenstein

Heidemarie Blankenstein wurde 1944 in Berlin geboren. Sie arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für den Rheinischen Merkur. Ihre Lebensmittelpunkte hatte sie in asiatischen, afrikanischen und europäischen Hauptstädten. Derzeit lebt sie in Berlin.

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Vor einer Viertelstunde bin ich im Sultanat Oman, dem südlichsten Zipfel der Arabischen Halbinsel, gelandet. Exit – zum Ausgang. Milchige Glastüren öffnen sich. Auf vieles war ich vorbereitet – aber nicht auf das: Tausend dunkle Augenpaare starren mich an. Ich muss mich durch ein dichtes Menschenspalier bewegen, vorbei an weißen wallenden Gewändern der Männer und schwarzen Kutten vereinzelter Frauen. Bis zu dieser Flughafen-Glastür dachte ich, in unauffälligem Hosenanzug durchaus korrekt gekleidet zu sein, Arme und Beine sittsam bedeckt. Plötzlich fühle ich mich seltsam nackt, ausgeliefert in einer völlig anderen Welt. Jetzt ist Befangenheit mein Mitbringsel. Ich bin beruflich viel in Ländern unterwegs, in denen italienische Edelschneider oder spanische Konfektionsketten Modernität, Sportlichkeit oder Seriosität signalisieren wollen und sogar in gewisser Weise völkerverbindende Kollektionen entwerfen – aber für welche Völker? Für die Besserverdiener von Berlin, Singapur, Tokio, Madrid, Moskau, New York, London, Paris oder Rom? Zuweilen stecke ich mittendrin, jedes Mal neu verunsichert: Ich bin Deutsche, mir hängt in Geschmacksfragen ein schlechter Ruf an, besonders in Sachen Mode, denn häufig treffe ich meine Kleiderauswahl nach praktischen Aspekten, ganz im Gegensatz und zum Entsetzen meiner romanischen Freundinnen. Die Trendsetter-Rolle liegt mir nicht so, eher die Stimmungslage: Ist mein Dekolleté tief, mein Rock kurz, nenne ich es Freizügigkeit, sogar Befreiung. Es kommt auch vor, dass ich mich modisch wegducken möchte. Dann beneide ich die Araberin unter ihrem weiten Gewand, die schöne Inderin, die nie ihre Beine zeigen wird (wohl aber ihren Bauch), oder die traditionelle Koreanerin, die ihre Hände versteckt hält. Aber was davon auf Männer anziehend wirkt und ob meine Bekleidung irgendeiner Tradition oder Moralvorstellung entspricht, darüber habe ich bisher nie nachgedacht. Im tropischen Reiseziel angekommen, ist es auf einmal so weit: Nachdem mich der klimatisierte Airport-Bereich freigegeben hat, haftet nicht nur mit jedem Schritt meine europäische Robe feuchter an mir, ich empfinde obendrein jeden Blick als stechend. Was ich in diesem Land will, ist für andere nicht zu erkennen, und mit meinem unbedeckten Haar bin ich wohl schon ein beachtlicher Reizfaktor.

Unsicher gehe ich voran. Enthalten diese fremden Blicke Wohlgefallen oder gar Skepsis gegenüber dem Auftreten einer westlichen Frau? Man scheint mir mit den Augen zu folgen, bis ich im Taxi verschwunden bin. Nur einige Flugstunden von Berlin entfernt gilt mein dunkler Hosenanzug als „Männerkleidung“ – nun bin ich laut Islam-Knigge eine der ernsten Bedrohungen islamischer Rechtgläubiger. Ich blättere im „Hijab, der Kleiderordnung der Muslimischen Frau nach Quran und Sunnah“ und bin baff: „Frauen dürfen keine Männerkleider tragen; denn der Prophet verfluchte Frauen, die sich wie Männer kleideten: Werft sie aus euren Häusern!“ Dieses Druckwerk schreibt weiterhin den Frauen in allen Einzelheiten vor, wie sie sich außerhalb des Hauses zu bewegen haben: „Die islamische Frau muss vor den Blicken fremder Männer geschützt werden, weil eine Frau ohne Hijab die Männerblicke auf sich lenkt und dies zu niedrigen Motiven und Begehren der Männer führen kann.“ Folglich geht es bei der Verhüllung der Frau immer um den Mann? Seinetwegen, seines Triebes wegen, seiner frivolen Gelüste wegen müssen meine muslimischen Schwestern in Sack und Asche gehen, müssen bei tropischen Temperaturen unter ihren schwarzen Stoffen wie in einer finnischen Sauna schwitzen? Sind Osteoporose und Rachitis gefährdet, weil kein die Vitamin-D-Produktion anregender Sonnenstrahl ihre Haut trifft? Ich versuche immer wieder, mich in diese bizarre Denkweise hineinzuversetzen. Es will mir nicht gelingen. „Stellt Eure Reize nicht heraus wie in der früheren Zeit der Unwissenheit“ (Sure 33.33), befiehlt der Koran. Welche Zeiten sind gemeint? Jene im Paradies, als unsere Urahnen ungeniert zwischen Apfelplantagen umherirrten, bis Eva Adam verführte, vom Baum der Erkenntnis zu naschen? Oder die antiken Zeiten der griechischen Mythologie, als starke Göttinnen den Männern Beine machten? Das müssen echte Power-Weiber gewesen sein, so dass sich die Männerwelt mit der Erfindung neuer patriarchalischer Religionen an ihnen rächen wollte. Denn eigenartig: Alle drei Religionen des Buches, Judentum, Christentum sowie Islam, pflegen oder pflegten die Unterdrückung der Frau. Sie wurde versteckt und verhüllt. Apostel Paulus befand, dass der Mann Abbild Gottes sei, die Frau nur Abbild des Mannes, sie müsse deshalb ihren Kopf bedecken. Zu Mohammeds Zeiten diente der Schleier der sozialen Abgrenzung und war Frauen aus privilegierten Kreisen vorbehalten. Erst langsam avancierte er zu einem hochaufgeladenen Textil. Verhüllte Musliminnen wirkten auf damalige KoloKulturaustausch 1v /07

Foto: privat

Du bist, was du trägst: was internationale Dresscodes uns erzählen


KÖRPER

nialherren höchst reizvoll. Es kam vor, dass Orientalinnen durch westliche Schwerenöter gezwungen wurden, den Schleier abzulegen, damit voyeuristische Maler und Fotografen Harem-Bilder mit halb nackten Damen produzieren konnten – eine der vielen schlechten Erfahrungen mit dem Abendland, die noch heute das gesellschaftliche Leben in den postkolonialen Staaten der arabischen Welt prägen. Dabei spielt auch die radikale Rückbesinnung auf die islamische Kultur eine wichtige Rolle, geschlechterspezifische Konflikte bleiben tabuisiert. Formen des Widerstandes, die es in den 1.300 Jahren der Geschichte des Islams gab und an denen Frauen beteiligt waren, werden ignoriert. „Die Bedeckung mit Kopftuch und Mantel hebt die Gleichheit der Schwestern im Islam hervor und entlastet vom Leistungsdruck weiblicher Schönheitskonkurrenz“, schreibt die ägyptische Wissenschaftlerin Fadwa El Guind. Sie erklärt weiter: Durch eine bescheidene und anständige Kleidung wolle die Muslima dem Willen Gottes entsprechen. So stehe sie ganz im Gegensatz zu verwestlichter Kleidung, die mit schamloser Entblößung und damit einer Entwürdigung der Frau verbunden werde. Aber gerade im chaotischen Kairo werden die Kleidervorschriften nicht extrem streng gehandhabt, ebenso wenig in Tunesien, in Algerien, Marokko oder dem Libanon. Unterhalb der Corniche von Beirut habe ich im Hochsommer badende Mädchen beobachtet, die in voller Montur inklusive Kopftuch zu schwimmen versuchten. Gleich nebenan räkelten sich am Pool des Hilton-Hotels von der Sonne gegerbte Bikini-Beautys libanesischen Ursprungs. Das Taxi fährt mich vom Flugplatz zur Sultan Qaboos Universität außerhalb der Hauptstadt Maskat im Oman. Es ist das Musterland der streng arabischen Welt in Sachen Reform und Frauenrechte, denn die meisten Omanis gehören einer Art „Dissidenten-Islam“ an, den Ibaditen. Jedes Kind geht zur Schule und die Hälfte der Studenten sind Frauen. „Jede Studentin darf sich nach ihrem Geschmack kleiden“, empfängt mich die freundliche Pressesprecherin Fawzia, „alles ist erlaubt – mit einer Ausnahme: Die Verschleierung ist verboten, denn zu oft wurde bei Prüfungen unter dem schwarzen Tuch gemogelt.“ Weibliche und männliche Studenten sitzen im selben Hörsaal: „Männer vorne, Mädchen hinten.“ Diese Begegnung stärkt mein eigenes Selbstbewusstsein. Zur nächsten Einladung, einem privaten „Coffee-morning“ bei Fatma, der Koran-Lehrerin, gehe ich in einem Kostüm nach westlichem Schnitt – meine Beine sind sichtbar. Aber die anderen Frauen tragen fast alle schwarze, lange Abayas plus Kopftuch. Hat ein Kloster Ausgang? Und doch findet hier Mode statt. Die Damen bewundern die winzigen Unterschiede ihrer Abayas, die kunstvollen Hohlsäume, die gestickten Blüten oder die goldenen Borten. Das hat mein Kulturaustausch 1v /07

Kostüm nicht zu bieten. Unsicher realisiere ich, dass die Anwesenden mich taxieren, mein schlichtes Äußeres einzuordnen versuchen. Irgendwann fasse ich mir ein Herz: „Warum seid ihr hier, unter uns und bei dieser Hitze, so schwarz eingepackt?“ – „Schwester, wir fühlen uns wohl. Außerdem könnte der Gärtner das Haus betreten.“ Wenn zur Kultur eines Volkes seine Selbstdarstellung gehört, dann steckt der feminine Teil der islamischen Länder seine Intimsphäre, seine Scham sehr weiträumig ab. Viel weiter als in der Welt des Westens: Als Samia, die Studentin der Tourismus-Akademie des Sultanats Oman, in einem Bergdorf aufgewachsen, vor einem Jahr bei mir in Berlin ankam, in einer Welt, die ihre Art der gesitteten Bekleidung nicht anerkennt, sogar als minderwertig, als Mode-Muff oder Freiheitsberaubung abtut, war sie schockiert. Mit ihr geriet der Gang durch eine mir sonst vertraute deutsche Fußgängerzone im Sommer zur seelischen Tortur. Durch ihre orientalische Optik bemerke ich die prallen Popos in hautengen Hosen, die knappen Shirts sowie die kurzen Röcke. Unsere „freiheitliche“ Alltagswelt war für Samia wie ein pulsierendes Porno-Poster, auf dem sich die Geschlechter inszenieren. Sie formulierte es sehr deutlich: „So viel Prostitution in eurer Stadt – alle Frauen so leicht zu haben.“ Das hat sie anfangs enorm verwirrt, sie fühlte sich schutzlos. Langsam begann ich zu ahnen, dass Samias schwarze Verhüllung für sie selbst eine doppelte Funktion hat: nach außen geschlechtsneutralisierend, nach innen geschlechtsbetonend. „Meine korrekte Kleidung ist für mich ein Befehl Gottes. Ich will nicht durch meine Weiblichkeit wirken, sondern durch meine inneren Werte. Damit fühle ich mich geborgen und damit werde ich in meinem Dorf – auch in der Universität – von den Männern respektiert.“ Nach und nach begriff Samia dann, dass sie in Berlin nicht bei jedem unverhüllten Hals oder Kopf einer Vergewaltigung ausgesetzt ist. Zurück in Samias Heimat: Als ich dort nach Tagen meine Reise beende und wieder am Ausgangspunkt, also am Flugplatz, eintreffe, befindet sich neben mir der weibliche Part einer jemenitischen Familie. Die Herren sitzen weit abgesondert in ihren weißen Dishdashas, darüber die typische zerbeulte Anzugjacke samt kunstvoll ziseliertem Krummdolch im Gürtel – malerische Gestalten. Sie tun so, als hätten sie mit dem Rest der weiblichen Verwandtschaft in ihren beklemmenden Stoffmassen nichts zu tun. „Meine Tochter Bilqis wird Zahnärztin, sie ist sehr schön“, sagt die Mutter durch ihren Gesichtsschleier hindurch und deutet neben mir auf etwas, das ein Lebewesen sein könnte. Es befindet sich unter einem blickdichten Zelt. „Wirklich?“ „Ja, weil sie so schön ist, darf sie kein Mann sehen.“ „Aha?“ Wieder wendet sich die Mutter an mich und fragt: „Schwester, warum bist du eigentlich nicht verhüllt? Du siehst doch gar nicht so schlecht aus?“ 45


Mutter und Tochter | Guatemala


Frauen im Management sind noch immer eine Seltenheit – wie sich ihre Aufstiegschancen verbessern lassen Von Kaisa Kauppinen Finnland zählt, wie auch die anderen skandinavischen

Dr. Kaisa Kauppinen ist Professorin am Institut für Arbeitsmedizin und Privatdozentin der Universität Helsinki. Sie leitet dort das Forschungsprojekt „work/life-balance“ zur Förderung der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und anderen Lebensbereichen in verschiedenen Lebensphasen und zur Schaffung einer guten und gleichberechtigten Arbeitskultur.

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Staaten, zu den Musterländern der Gleichberechtigung. Das geht aus dem Gender Gap Index hervor, einem vom Weltwirtschaftsforum entwickelten Maßstab zur Erschließung des Gleichberechtigungsdefizits in der Politik, der Gesundheitsfürsorge und des Erwerbslebens. Dem Index zufolge weist Schweden weltweit das geringste Defizit auf, gefolgt von Norwegen und Finnland. Island steht an vierter, Deutschland an fünfter und Dänemark an achter Stelle, während Großbritannien den neunten und Irland den elften Platz belegen. Überhaupt schneiden die Länder der EU im globalen Vergleich sehr gut ab. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2004 sind die meisten finnischen Arbeitnehmer der Ansicht, dass die Gleichberechtigung an ihrem Arbeitsplatz sehr gut oder recht gut verwirklicht sei. Dabei fällt das Urteil der Männer etwas positiver aus (83 Prozent) als dasjenige der Frauen (63 Prozent). Nichtsdestoweniger gilt es aber, über die persönliche Wahrnehmung der Erwerbstätigen hinaus, die gesamte Arbeitslandschaft genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn global wird die Arbeitswelt immer noch von einer Aufteilung in männliche und weibliche Berufsfelder bestimmt. Diese Aufteilung ist besonders in der EU ausgeprägt, wo Frauen größtenteils in den Sektoren Erziehung (79 Prozent), Dienstleistungen (61 Prozent), Handel (48 Prozent) wie auch im Hotel- und Gastronomiegewerbe (48 Prozent) beschäftigt sind. Dagegen bleiben die Hauptdomänen der männlichen Arbeitnehmer weiterhin das Baugewerbe (89 Prozent) und die Verkehrs- und Logistikbranche (74 Prozent). Nur ein Viertel aller Beschäftigten in Europa arbeitet in Berufen, in denen das Geschlechterverhältnis ausgewogen ist. Von dieser geschlechstsspezifischen Aufteilung sind besonders die skandinavischen Staaten betroffen. Einen Grund hierfür bilden mitunter die Strukturen des Wohlfahrtsstaates. Zwar sorgt einerseits der Wohlfahrtsstaat für die kommunale Kinderbetreuung, so dass Frauen ungehindert einer beruflichen Tätigkeit nachgehen können. Andererseits aber bieten seine zahlreichen öffentlichen Dienstleistungssektoren den Frauen einen „idealen“ Arbeitsplatz. So sind in den skandinavischen Ländern durchaus mehr Frauen als in anderen EU-Ländern erwerbstätig,

in leitenden Führungspositionen sind sie jedoch selten anzutreffen. Diese rigide Aufteilung trägt wesentlich dazu bei, dass weiterhin bestimmte Geschlechterstereotype aufrechterhalten bleiben. So gelten Tätigkeiten, in denen viel Expertise und Spezialkenntnisse gefordert werden, weiterhin als „männliche“ Berufe. Hingegen werden die „weiblichen“ Berufe als Arbeitsbereiche wahrgenommen, für die vor allem der Faktor Berufung ausschlaggebend ist. Und das bedeutet, dass für die geleistete Arbeit von einem Ausgleich in Form einer „persönlichen Erfüllung“ ausgegangen wird. Folglich werden ein angemessenes Gehalt oder die Wertschätzung bestimmter Kenntnisse hierdurch zweitrangig. Nicht zuletzt dient diese Bewertung der Berufsfelder weitgehend als Rechtfertigung für die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen. Ein weiteres Phänomen, in dem sich die geschlechtsspezifische Trennung besonders bemerkbar macht, ist die sogenannte senkrechte Segregation. Der Begriff bezieht sich auf die Hierarchien innerhalb einer Organisationsstruktur. Hier lässt sich allgemein feststellen: Je höher man in den Führungsebenen steigt, desto männlicher wird das Terrain. Im Jahr 2006 machten Männer in Finnland etwa 65 Prozent der Führungskräfte und der Beamten in leitender Funktion aus. Interessant ist die Tatsache insofern, als dass bei den Männern der Anteil der Führungskräfte mit zunehmendem Alter steigt, was auf eine erfolgreiche berufliche Karriere schließen lässt. Bei den Frauen hingegen verläuft der berufliche Werdegang weniger dynamisch. Während in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen 27 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen eine leitende Funktion innehaben, sind es bei den 55- bis 64-Jährigen Männern schon 37 Prozent und bei den Frauen nur 17 Prozent. Dennoch kann man hier in den letzten Jahren eine Aufweichung feststellen, da der Anteil der weiblichen Führungskräfte seit 2003 um insgesamt acht Prozent gestiegen ist. Allerdings lässt sich auch innerhalb dieser Sparte ein Trend hin zu typisch weiblichen und typisch männlichen Führungspositionen ausmachen. Frauen leiten häufiger die Finanz-, die Personal- oder auch die Verwaltungsabteilung. Als Chefinnen findet man sie auch in den klassischen Kommunikationsberufen, wie in der Werbung oder der Öffentlichkeitsarbeit. Kaum vertreten sind sie jedoch in der Produktion oder in der IT-Branche. In Finnland etwa beträgt der Anteil weiblicher Führungskräfte im Dienstleistungssektor 31 Prozent, in der Produktion hingegen nur 17 Prozent. Eindeutig in weiblicher Hand liegt das Hotelund Gastronomiegewerbe, wo Frauen im Management mit einem Anteil von 67 Prozent überdurchschnittlich gut Kulturaustausch 1v /07

Foto: Leena Mäki, FIOH

Oben ohne


ARBEITEN

vertreten sind. Trotz der guten Positionierung weiblicher und inspirierend. Frauen erwähnten zudem, dass weibliFührungskräfte innerhalb der öffentlichen Verwaltung, che Vorgesetzte die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz bleibt der Bereich der Rechtsprechung weiterhin die klas- besser förderten. Diese positive Beurteilung von weiblichen Führungssische Männerhochburg. Einzige Ausnahme in Finnland bildet der Oberste Gerichtshof, wo eine Frau das Präsidium kräften gründet nicht zuletzt in denjenigen Eigenschaften, über dreizehn Richter und fünf Richterinnen innehat. Ein die man als typisch weiblich auslegt. So verfügen Frauen weiterer Sektor, in dem Frauen selten den Chefsessel be- allgemein über bessere „soft skills“, das heißt, sie legen setzen, sind private Großunternehmen. Überhaupt stellen viel mehr Wert auf eine rege Gesprächskultur, pflegen den Frauen weniger als zehn Prozent aller finnischen Gene- persönlichen Kontakt zu ihren Mitarbeitern und fördern raldirektoren und Geschäftsführer. Wenn Frauen einem Betrieb vorstehen, dann Weil eine Frau als Vorgesetzte selten ist, handelt es sich meist um ein kleines oder reagiert eine männliche Belegschaft ein mittelgroßes Unternehmen. Im Jahr zunächst mit Faszination und Interesse 2004 wurden nur vier der rund 150 an der Börse notierten finnischen Unternehmen von einer Frau gemanagt, das entspricht etwa drei Prozent ein soziales Klima innerhalb des Betriebs. Allerdings aller Großunternehmen. Hier unterscheidet sich Finnland muss bei dieser Beurteilung berücksichtigt werden, dass kaum vom übrigen Europa, wo der Anteil der Frauen unter Frauen als Vorgesetzte, eben wegen der rigiden Trennung den Spitzenmanagern allgemein bei etwa fünf Prozent liegt der Arbeitswelt in männliche und weibliche Berufsfelder, (USA: 5 Prozent, Großbritannien 2 Prozent, Griechenland meist in anderen Organisationsstrukturen arbeiten als ihre männlichen Kollegen. So leiten sie viel häufiger 8 Prozent, Italien 8 Prozent). Diese Unterrepräsentation des weiblichen Geschlechts kleinere Gruppen und Teams an, was natürlich die diim hohen Management lässt sich mit dem Phänomen der rekte Kommunikation mit den Beschäftigten erleichtert. „gläsernen Decke“ erklären. Diese bildliche Umschreibung Andererseits sollte man sich bei der positiven Bewertung steht für die Tatsache, dass der berufliche Aufstieg von auch der Tatsache bewusst sein, dass Frauen so selten als Frauen schlagartig meist unterhalb der höchsten Füh- Vorgesetzte anzutreffen sind, dass eine männliche Belegrungsebene endet, als befinde sich dort eine unsichtbare schaft auf eine Chefin zunächst mit viel Interesse und Barriere. Um das Phänomen der „gläsernen Decke“ zu Faszination reagiert. ergründen, sollte man sich fragen, ob es Unterschiede Viele Untersuchungen zur Persönlichkeit von weibim Führungsstil von Männern und Frauen gibt, die den lichen Führungskräften haben zudem gezeigt, dass es Aufstieg von Letzteren ins hohe Management beeinträch- sich um durchaus selbstbewusste und stabile Personen tigen. Es liegen zwar zahlreiche Untersuchungen zum mit einer Neigung zu übermäßigem Engagement handelt. Führungsstil von Männern und Frauen in Europa vor, Auch schöpfen sie aus ihrer Arbeit in weitaus stärkerem doch lassen diese nur wenig handfeste Aussagen zu. Schon Maße eine persönliche Befriedigung, als es der Fall bei die Voraussetzungen für eine solche Erhebung sind nicht ihren männliche Kollegen ist. So betrachten weibliche optimal. Denn in der Regel führt eine Frau ein Team an, Führungskräfte ihre Arbeit als eine Quelle der Stärke und das größtenteils weiblich besetzt ist. Nur in seltenen Fällen der Energie. Jedoch sprechen sie vermehrt von Unterbrehat eine Frau den Vorsitz über eine männliche Belegschaft. chungen und Eile während der Arbeit. Das könnte darauf Ähnlich verhält es sich mit männlichen Vorgesetzten. hindeuten, dass Frauen für ihre Mitarbeiter „präsenter“ Auch sie haben meist die Führung über eine Gruppe von sind, sich folglich leichter unterbrechen lassen, um auf Männern. Nach Angaben der EU arbeitet etwa ein Viertel die Belange des Einzelnen einzugehen. Hier zeigen die aller Erwerbstätigen unter der Vormundschaft einer Frau. Studien, dass sich Männer generell besser abgrenzen Allerdings werden nur die Hälfte aller weiblichen und nur können und ihre individuelle Zeit stärker kontrollieren. Es etwa zehn Prozent aller männlichen Arbeitnehmer von muss aber gesagt werden, dass die Hemmschwelle, einen einer Frau geführt. Dieses Verhältnis entspricht in etwa männlichen Vorgesetzten anzusprechen, allgemein um auch der Situation in Finnland. einiges höher ist als bei einer Frau. Dennoch äußerten sich diejenigen Männer, die unter Ein weiterer Faktor, der sich ausschlaggebend für einer weiblichen Vorgesetzte arbeiten, höchst positiv über eine Karriere in den oberen Etagen erweist, ist die Rolle deren Führungsstil. So gaben sie an, mehr Unterstützung der Familie. Das Gefühl, familiäre Verpflichtungen zu und Feedback zu bekommen als von männlichen Vorgesetz- vernachlässigen, ist bei männlichen wie bei weiblichen ten und lobten den weiblichen Gerechtigkeitssinn. Auch Führungskräften gleich stark ausgeprägt. Sowohl Mänempfanden sie das Arbeitsklima generell als entspannt ner als auch Frauen im Management gaben an, dass ihre Kulturaustausch 1v /07

Der Beitrag wurde folgendem Band der Schriftenreihe des Finnland-Instituts in Deutschland entnommen: Marjatta Rahikainen, Kirsi Vainio-Korhonen (Hrsg.), „Arbeitsam und gefügig. Zur Geschichte der Frauenarbeit in Finnland“, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2007.

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Arbeit von Familienangelegenheiten nicht beeinträchtigt werde und es ihnen gelinge, Beruf und Privatleben gut voneinander zu trennen. Hier lässt sich eine Diskrepanz zwischen den Angaben der Befragten und der öffentlichen Wahrnehmung feststellen. Denn allgemein gilt immer noch die Auffassung, dass sich besonders weibliche Führungskräfte von familiären Problemen beeinflussen lassen. Hierin gründet auch einer der wichtigsten Faktoren, der den beruflichen Aufstieg von Frauen erschwert. Denn Erziehungsurlaub und die folgende Inanspruchnahme seitens der Familie erweisen sich immer noch als hinderlich für eine Karriere im Management, die den kompromisslosen Einsatz erfordert. Wie problematisch die Vereinbarung von Beruf und Familie vor allem im Management ist, lässt sich an der Zahl der alleinstehenden weiblichen Führungskräfte, nicht nur in Finnland, sondern auch in ganz Europa ablesen. Das gilt jedoch nicht für Männer: Sie sind in der Regel verheiratet und haben eine Familie. Wie die Statistiken beleuchten, steigen vorzugsweise nur diejenigen Frauen in die Führungsebene auf, die sich für ein Leben allein oder ohne Kinder entscheiden. Dem Gender Gap Index zufolge macht sich hier das Gleichberechtigungsdefizit am stärksten bemerkbar und zeugt von der trotz aller Fortschritte noch existierenden Diskriminierung in der Arbeitswelt. In diesem Zusammenhang ist häufig von einem „Doppelstandard“ die Rede. Gemeint ist die noch allgemein gängige Auffassung, dass eine verheiratete männliche Führungskraft mit Familie für ein Unternehmen eine Ressource sei, eine verheiratete Frau hingegen ein Risiko. Man geht allgemein davon aus, dass eine Familie dem Mann den Rücken freihalte und er sich so ungestört auf seine Arbeit konzentrieren könne. Eine Mutter als Führungskraft hingegen werde immer das Wohl der Familie vorziehen und sich deshalb nicht ohne Kompromisse engagieren können. Diese problematische Verbindung von Familie und Karriere stellt sowohl in der mentalen Vorstellung der Leute als auch im praktischen Leben die größte Hürde für die berufliche Karriere von Frauen dar. In einer Umfrage der finnischen Gewerkschaft für Arbeitnehmer mit einem hohen Bildungsstand gaben 67 Prozent der Befragten an, dass sie die Aufstiegschancen von Frauen für schlechter hielten als diejenigen der Männer. Dabei äußerten sich vor allem Frauen negativ: 75 Prozent fühlten sich gegenüber den männlichen Kollegen im Nachteil. Gründe für die negative Bewertung der Aufstiegschancen von gut ausgebildeten Frauen sind der bereits erwähnte Erziehungurlaub, befristete Stellen im Werdegang, aber auch der Unwille der männlich dominierten Führungsetagen, sich einer Frau zu unterstellen, und nicht zuletzt die einfache Tatsache, eine 50

Frau zu sein. Eine deutliche Minderheit gab an, dass Frauen generell weniger beflissen einer beruflichen Karriere nacheifern, als es Männer tun. Sollen die Aufstiegschancen von Frauen verbessert werden, so müssen sich hierfür sowohl die traditionellen Vorbehalte gegenüber einer weiblichen Führungskraft als auch die Strukturen innerhalb der Unternehmen ändern. Denn sowohl weibliche als auch männliche Führungskräfte arbeiten durchschnittlich 58 Stunden wöchentlich. Ein solches Pensum erlaubt es weder Frauen noch Männern, ihren familiären Verpflichtungen angemessen nachzukommen. Um Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können, ist es wichtig, zwischen allen Beteiligten verbindliche Zeitvereinbarungen zu treffen. Denn Frauen benötigen in der intensiven Familienphase sowohl die Unterstützung seitens der Arbeitsorganisation als auch diejenige der Familie, sprich des Mannes. Erhalten sie diese Unterstützung nicht, so besteht die Gefahr, dass auch engagierte und sehr gut ausgebildete Frauen ihre beruflichen Ambitionen aus den Augen verlieren, beziehungsweise diese ganz aufgeben. Es stellt sich hier die Frage, ob es sich Europa leisten kann, auf das Wissenskapital der gut ausgebildeten Frauen zu verzichten. Ein kleines Land wie Finnland ist auf jede Humanressource angewiesen, um wirtschaftlich auf internationaler Ebene agieren zu können. Daher wurde in den letzten Jahren besonders viel in die Entwicklung von familienfreundlichen Modellen investiert. Wie Untersuchungen und Umfragen aus den letzten drei Jahren gezeigt haben, erwähnen Frauen, die trotz Familie erfolgreich einer beruflichen Karriere nachgegangen sind, kaum die Unvereinbarkeit beider Bereiche. Vielmehr werteten sie ihre familiären Verpflichtungen als ein positives Gegengewicht zu den Anforderungen des Berufsalltags, deuteten diese folglich als eine gute Ressource. Im finnischen Erwerbsleben gibt es zahlreiche positive Trends, welche die Gleichberechtigung der Geschlechter fördern. Mit dem steigenden Bildungsniveau hat sich die Stellung der Frauen im Erwerbsleben und generell in der Gesellschaft verbessert. Trotzdem ist das finnische Erwerbsleben noch immer stark nach Geschlechtern segregiert und segmentiert. Der Anteil von Frauen in Spitzenpositionen beträgt lediglich vier Prozent. Die vielleicht schwierigste Frage ist immer noch die Dreieckstragödie von Beruf, Karriere und Familie und deren Lösung auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Die typische Antwort in Untersuchungen über weibliche Führungskräfte lautet: nicht auf Kosten der Familie, sondern mit ihrer Unterstützung Karriere machen. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara

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„Wir sind die letzte Generation, in der die Männer die Oberhand haben“ Ein Interview mit dem Arbeitskommissar der Europäischen Union Vladimír Špidla

Herr Špidla, in der Europäischen Union verdienen Frauen im Durchschnitt 15 Prozent weniger als Männer. Woran liegt das? Es liegt vor allem an der traditionellen Position der Frauen in der Gesellschaft, an immer noch herrschenden Vorurteilen, aber auch an der Organisation und Struktur unserer Gesellschaft. Die Situation ist leider nicht gut, das Lohngefälle ist ein Beispiel dafür – Deutschland etwa hat ein sehr hohes Lohngefälle von 23 Prozent.

Foto: Europäische Kommission

Sie fordern, dass Menschen, die eine ähnliche Ausbildung haben – etwa ein Mechaniker und eine Krankenschwester – dasselbe verdienen. Wie kann man feststellen, dass Arbeit gleichwertig ist? Arbeitsplätze, in denen traditionellerweise eher Frauen zu finden sind, werden häufig unterschätzt: Krankenschwester und Krankenpflegerin sind qualifizierte Berufe, für die man nicht nur eine gute Persönlichkeit, sondern auch umfassende Fachkenntnisse benötigt. Die Zeit, die man braucht, um einen Beruf zu erlernen, könnte ein Vergleichsmerkmal sein.

Vladimír Špidla ist seit November 2004 EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit. Von 2002 bis 2004 war er als Vorsitzender für die sozialdemokratische Partei Ministerpräsident der Tschechischen Republik. Im Juni 2004 trat er von seinem Amt zurück. Er wurde 1951 in Prag geboren und lebt in Brüssel. Kulturaustausch 1v /07

Dieses Jahr gilt als das „Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle“, dazu gehört auch Ihre Kampagne gegen das geschlechtsspezifische Lohngefälle. Wie geht es jetzt weiter? Viele Mitgliedstaaten unternehmen schon etwas. In Schweden ist ein neues Gesetz gegen das Lohngefälle verabschiedet worden, in Frankreich hat der Präsident Maßnahmen angekündigt, auch in Deutschland wird diskutiert: Der Bau von Kindergarten und Kinderkrippen ist in diesem Kontext sehr wichtig. Meistens setzen sich eher Frauen für diese Dinge ein. Mir kommt es manchmal lustig vor: Wenn jemand von Gendergleichheit spricht, meinen viele, das sei eine feministische Sache. Aber das ist nicht der Fall, sondern es ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Unterstützen Sie die Frauen, weil Sie früher auch unterbezahlt – als Sägewerkarbeiter oder Kulissenschieber – gearbeitet haben? Ja, sicher. Persönliche Erfahrungen sind prägend. Außerdem war meine Frau krank, so dass ich mich stärker in der Familie engagieren musste. Ich habe gesehen, wie hart das ist. Wenn man um 17.30 Uhr nach Hause muss, um die Kinder abzuholen, bleibt nicht viel Zeit für Weiterbildung oder Überstunden. Sie kennen sicher das amerikanische Sprichwort: „Time is money“. In unseren Untersuchungen zeigt sich deutlich, dass Frauen mehr Zeit für die Familie aufbringen als Männer. Frauen, die Teilzeit arbeiten, bringen 25 Stunden wöchentlich für die Familie auf. Wenn sie Vollzeit arbeiten, sind es immer noch 24 Stunden. Männer helfen etwa sieben Stunden in der Familie, egal ob sie Vollzeit oder Teilzeit arbeiten. Während Frauen im Haushalt arbeiten, können Männer zur Fortbildung gehen oder sich anders weiterentwickeln. Diese Zeit, die den Männern zur Verfügung steht, ist auch Geld. Die meisten Entscheidungsträger sind derzeit Männer. Wie können Sie Ihre Kollegen davon überzeugen, öfter zum Wischmob zu greifen oder Staub zu saugen? Für mich steht außer Frage, dass die Zusammenarbeit mit anderen Familienmitgliedern eine normale, sinnvolle, kollegiale und partnerschaftliche Sache ist. Es ist wichtig für alle, die Pflichten und Möglichkeiten gut zu teilen. Wir sind die letzte Generation, in der die Männer die Oberhand haben. Wenn wir in der Zukunft in einer ausgewogenen und konkurrenzfähigen Gesellschaft leben wollen, müssen wir die Chancengleichheit weiterentwickeln. Wie kommen Sie zu der Prognose, dass die Frauen die Männer bald überholt haben? 51


Ungefähr 60 Prozent der Hochschulabsolventen sind bereits Frauen ... Und trotzdem sitzen sie nicht in den Chefetagen. Aber sie erarbeiten sich gerade eine Kompetenz, welche die Männer nicht haben werden. Frauen sind in den Fächern stark vertreten, die man braucht, um an die Macht zu kommen: Sozialwissenschaften oder Jura, aber auch Mathematik und BWL. Männer finden sich überproportional in den Ingenieurwissenschaften, aber der Ingenieur ist gewissermaßen ein Hilfsarbeiter der Macht. Das Knowhow, um Macht auszuüben, geht allmählich auf Frauen über. Das wird man in einigen Jahren klar sehen. Wir stehen vor einer ganz neuen Situation. Vor 20, 30 Jahren war es noch ganz anders. Können Sie die heutige Situation schildern? In vielen Verhandlungen, die ich führe, treffe ich einen Chef oder Minister, umrundet von zehn 30-jährigen Frauen und zwei Männern. Dabei wird deutlich: Die Frauen erlernen jetzt die faktische Kompetenz; auf der mittleren Karriereebene ändert sich bereits die Lage. In den Gewerkschaften und in bestimmten Positionen in der Wirtschaft sind noch zu wenig Frauen in Spitzenpositionen zu finden, das ist traurig und sollte sich ändern. Interessanterweise gibt es in der Türkei mehr Frauen auf diesen Stellen als in der EU. Ich kenne Einkaufszentren und Versicherungsbetriebe in Frankreich und Belgien, die ganz radikal die Löhne angleichen. Sie sagen: Aufgrund der demografischen Entwicklungen brauchen wir in 15 Jahren qualifizierte Leute. Und unsere Frauenfreundlichkeit wird unser Konkurrenzvorteil sein. Das klingt ja sehr positiv. Regelt der Markt alles selbst? Nichts regelt sich von selbst. Und auch Kampagnen und Diskussionen sind keine Allheilmittel, das ist klar. Aber trotzdem können sie die Entwicklung beschleunigen, die guten Praktiken schneller streuen, einige Fragen eröffnen. Erst reden, dann die Lösung. Was können Frauen tun, um nicht unterbezahlt zu werden? Frauen sollten sich qualifzieren, in Gewerkschaften und Betrieben aktiv sein und mit den Methoden, die in demokratischen Gesellschaften zur Verfügung stehen, für ihre Rechte kämpfen zum Beispiel für bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Telearbeit, flexible Arbeitszeiten, Arbeitszeitkonten. Lohnunterschiede kann man nicht mit gutem Gewissen verteidigen. In den meisten Fällen ist es eine Ungerechtigkeit. Interessanterweise ist das Lohngefälle in kleineren und mittleren Unternehmen, wo die Strukturen transparenter sind, geringer.

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Müssen die Frauen ihre Männer erziehen, mit ihnen am gleichen Strang zu ziehen? Ich nenne es nicht Erziehung, sondern Lernprozess. Auch der wird dauern, wenn Geschlechtsstereotype bereits bei der Berufswahl und bei der Bezahlung eine Rolle spielen. Was tut die Europäische Kommission, damit sich diese Stereotypen ändern? Es gibt den europäischen Sozialfonds, um beispielhafte Projekte zu finanzieren. Wir finanzieren auch verschiedene Kampagnen. Wir reden mit den Ministern der Mitgliedstaaten, ermöglichen den Austausch vorbildlicher Ideen und deren Umsetzungen zwischen den Mitgliedstaaten, veröffentlichen Studien, wie die zum Lohngefälle, und vieles mehr. Und wie sähe ein beispielhafter Arbeitsplatz von morgen aus? Wir werden untersuchen, welche Arbeitsplätze in Zukunft entstehen und welche Qualifikationen wir dazu brauchen, etwa im Bereich der Dienstleistungen und Produkte für ältere Menschen oder Ökologie. Heute arbeiten schon ebenso viele Menschen in ökologischen Betrieben wie in der Autoindustrie. Veränderungen der Arbeitsstrukturen kennen wir bereits aus der Geschichte: Am Anfang des 20. Jahrhunderts waren ungefähr 20 bis 30 Prozent der Leute in der Landwirtschaft tätig, jetzt sind es in Europa ungefähr fünf Prozent. Solche Veränderungen muss man rechtzeitig erkennen, unsere Schulsysteme dahingehend organisieren und den Leuten die Möglichkeit geben, andere Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen flexiblere Arbeitsmodelle und Arbeitszeitmodelle, mit der Unterstützung der ganzen Gesellschaft. Ohne Kindergärten und Kinderkrippen ist das unmöglich. Wie flexibel ist der Arbeitgeber „Europäische Kommission“? Die Europäische Kommission ist kein Musterknabe. Aber wir bemühen uns, die Situation zu verbessern und wir haben klare Ziele, die Anzahl der Frauen im mittleren Management zu erhöhen. In den vergangenen Jahren wurden verschiedene flexible Arbeitszeitmodelle, zum Beispiel Flexitime eingeführt: Es gibt Kernarbeitszeiten von 9.30 bis 12.30 Uhr und 14.30 bis 17.30 Uhr, in denen jeder anwesend sein muss, aber Arbeitsbeginn und Arbeitsende sind flexibel, so dass Eltern zum Beispiel ihre Kinder rechtzeitig aus dem Kindergarten abholen können. Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen, aber es tut sich was. Das Interview führte Nikola Richter

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ARBEITEN

Gut geweint ist halb gewonnen Frauen trainiert man anders als Männer: Der ehemalige Coach der britischen Frauenrudermannschaft berichtet Von Ron Needs Es ist wichtig, mit den Gemeinsamkeiten zwischen Frauen-

Foto: Richard Hamersley

Ron Needs, 82, ist Rudercoach und arbeitet seit 1973 für die britische Nationalmannschaft. Ende der 1980er Jahre begann er, Damenmannschaften zu trainieren. Heute lebt er in der Nähe von London und erwägt, bald in Ruhestand zu gehen.

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und Männermannschaften anzufangen. Wenn man sich den Wettkampf auf Weltniveau anssieht, findet man bei jedem Ruderer dieselbe Entschlossenheit, denselben Mut, dieselbe kontrollierte Stärke und den Willen zum Sieg. Spitzensportler wissen, dass das der einzige Weg zum Erfolg ist und sowohl Frauen als auch Männer geben im Rennen alles. Die Begeisterung ist stärker als die Erschöpfung. Was das Alltagstraining angeht, gibt es allerdings Unterschiede. Zunächst einmal sind Frauen besser organisiert. Die meisten Ruderer gehen neben dem Sport ja noch anderen Beschäftigungen nach, und Frauen gelingt es einfach besser, komplizierte Tagesabläufe zu koordinieren. Beispielsweise bringen sie sich ihre Verpflegung zum Training mit, während sich die Herren unterwegs einfach irgendetwas holen. Dafür reagieren Frauen empfindlicher auf Kritik. Sie nehmen sich kritische Worte mehr zu Herzen und grübeln länger darüber nach. Wenn du eine Frau kritisierst, ist es wichtig, erst einmal all die Dinge zu nennen, die sie richtig macht, um dann irgendwann zu dem eigentlichen Problem zu kommen. Es ist allgemein bekannt, dass Frauen eher weinen als Männer. Beim Rudern weinen sie aus Frustration, Enttäuschung, Zorn, weil man sie korrigiert hat oder auch aufgrund von Erfolg. Diese Gefühlsausbrüche spiegeln aber nicht nur ihre Empfindsamkeit wider, sondern auch ihre Hingabe und häufig das Gefühl, besser sein zu müssen, um gewinnen zu können. Den Wert der Tränen erkennt man nicht selten in der Leistung, die danach kommt. Auch hinsichtlich der Gesundheit gibt es Unterschiede. Während der Hochphasen im Training haben die meisten Ruderer ein geschwächtes Immunsystem und müssen sehr achtsam sein. Da neigen die Damen eher dazu, eine Erkrankung zu ignorieren oder so zu tun, als sei alles in Ordnung. Es hört sich komisch an, aber ich glaube, dass Frauen hier einfach stoischer sind. Deshalb muss ein Trainer seine Athleten ganz genau kennen, um zu wissen, ob sie zu krank sind oder zum Arzt müssen. Frauen sind schwerer zu entziffern. Ich glaube, bei Damenmannschaften ist der Teamgeist stärker und damit das Gefühl, die anderen zu enttäuschen,

wenn man ausfällt. Das merkt man auch, wenn sich Damenmannschaften nach Jahren oder Jahrzehnten wiedertreffen. Die enge Verbindung ist sofort wieder da. Männer zeigen ihre Gefühle eher weniger. Dann gibt es das Problem mit Freunden. Die meisten Ruderinnen haben einfach wenig Zeit für eine Beziehung. Sie schlafen, essen, trainieren, essen, trainieren und schlafen wieder. Und falls dann noch etwas Kraft bleibt, treffen sie sich mit Freunden. Die meisten Männer – es sei denn, sie sind selbst Ruderer – haben bald davon genug und verlangen mehr. Ernsthafte Beziehungen sind ein ernsthaftes Problem, denn wenn sie auseinandergehen, sind Frauen schnell am Boden zerstört und können ihre Leistung nicht mehr erbringen. Bis in die 1980er Jahre war das Damentraining in Großbritannien sehr schlecht. Ich habe das als Herausforderung empfunden und mich daher entschieden, es auszuprobieren. Den ersten Sieg der Damen im Leichtgewicht hatten wir bei der Olympiade 1988, und 1997 kam dann auch der Wendepunkt für die offene Gewichtsklasse. Bei der Weltmeisterschaft holten wir Gold und Bronze. Insgesamt habe ich lieber Frauen trainiert. Man muss mit ihnen zwar etwas vorsichtiger umgehen, aber dafür ist der Erfolg umso schöner. Protokolliert von Naomi Buck Aus dem Englischen von Niels Haase

Frauen im Wissenschaftsaustausch Anteile im Stipendienprogramm der Alexander-vonHumboldt-Stiftung von 1997 von 2006 nach ausgewählten Ländern Land

Stipendiaten

davon Frauen (in %)

Bangladesch

44

2,3 %

Ägypten

47

4,3 %

Iran China Nigeria Indien Deutschland

32

6,3 %

775

13,8 %

91

15,4 %

444

16,2 %

1313

18,4 %

333

20,4 %

Großbritannien

136

22,8 %

USA

445

27,2 %

Argentinien

60

33,3 %

Russische Föderation

Frankreich

248

37,5 %

Bulgarien

71

42,3 %

Griechenland

27

48,1%

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Mutter mit ihren zwei Tรถchtern | Jordanien


Unabhängig durch Sex Von Amir Valle Vor 15 Jahren brach die Prostitution verstärkt in den Alltag

Amir Valle wurde 1967 in Santiago de Cuba geboren. Der kubanische Schriftsteller, Sachbuchautor, Literaturkritiker und Journalist erhielt für sein Buch „Jineteras“ in diesem Jahr den Premio Internacional Rodolfo Walsh für das beste Werk der Kategorie Non-Fiction in spanischer Sprache. Es enthält Zeugnisse von Prostituierten, Zuhältern, geheimen Geschäftsleuten, Bordellbesitzern, Betreibern von Travestie-Shows, Anwälten, Angestellten in der Tourismusbranche und Ordnungshütern, die Valle in Interviews gesammelt hat. Valle lebt derzeit in Berlin.

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des Inselstaates Kuba ein. Seitdem gibt es den Jineterismo, – so der kubanische Begriff für Prostitution – sowie ein breites Netz der Korruption, das aus hunderttausenden Kubanern aller sozialen Schichten besteht. Ein Grund dafür ist die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage, die sich bekanntlicherweise seit den 1990er Jahren mit den Veränderungen in den internationalen Machtverhältnissen (einschließlich des Wirtschaftsembargos der USA gegen Kuba) verschlimmert hat. Seitdem ist der Tourismus zur wichtigsten wirtschaftlichen Einnahmequelle der Insel geworden. Die Leichtfertigkeit internationaler Tourismusunternehmen, Kuba weiterhin als ein Land der schönen Strände, Musik und Frauen wie auch der zügellosen Unterhaltung anzupreisen, hat dazu geführt, dass Kuba immer häufiger zum Ziel von Sextourismus wird. War die Prostitution aufgrund von Kampagnen zu Beginn der Revolution zurückgegangen, ist sie nun wieder angestiegen und die Prostituierten haben sich stetig an die neuen ökonomischen Verhältnisse auf der Insel angepasst. In den 1970er Jahren gab es nur einige wenige Prostituierte. Heute sind es um die 20.000, gut organisiert. In jeder Epoche hatten sie andere Namen: Titimaníacas (Liebhaberinnen der politischen „Bosse“ mittleren Ranges), Putishas (Jugendliche, die ihren Körper an die Tausenden von Arbeitern aus der ehemaligen Sowjetunion auf Kuba verkauften), Afroputas (Prostituierte, die sich an die mehr als zehntausend Studenten aus afrikanischen Ländern auf der Insel richteten) und eben Jineteras. Die heutige Bezeichnung für Prostituierte geht auf eine Assoziation mit der Geschichte der Insel zurück. In den Unabhängigkeitskriegen Kubas gegen die spanische Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert ritten die Kubaner zu Pferd und kämpften mit Macheten, einer säbelähnlichen Waffe, gegen die spanischen Truppen, um ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Daher heißt es im Volksmund humorvoll, dass die heutigen kubanischen Prostituierten die Touristen (von denen ein Großteil Spanier sind) „reiten“ (auf Spanisch: jinetear), um ihre ökonomische Unabhängigkeit durch den Sex zu erhalten. So kommt es zu der Bezeichnung „jinetera“ (Reiterin, Kavalleristin), welche die weibliche Form von „jinete“ ist. Allein die einfache Tatsache, dass es zu einem

Spaß geworden ist, einem Mädchen zu sagen: „Wenn du groß bist, musst du Jinetera werden, damit deine Eltern wie Könige leben können”, oder dass schallend gelacht wird, wenn man ein vierjähriges Mädchen fragt, was sie einmal werden will und sie frech „Jinetera” antwortet, zeigt, wie dieses Phänomen das soziale und familiäre Leben bereits gedanklich durchdrungen hat. Vor einigen Jahrzehnten brachte die einfache Erwähnung im Kreise der Familie, dass ein Mädchen oder eine Frau ihren Körper verkaufe, eine Rüge oder auch eine strenge Strafe mit sich. Sich zu prostituieren ist aber leider im täglichen Leben der Kubaner zu einer Möglichkeit geworden zu überleben. Und das in einer Gesellschaft, in der den Theorien des Sozialismus zufolge ein Übel wie die Prositution unvorstellbar ist. Die harte Realität zeigt die zwei schrecklichen Seiten einer schmutzigen und rostigen Medaille. Denn das Problem lässt sich nicht verharmlosen – auch

wenn die kubanische Regierung versucht, das Bild der Reinheit des kubanischen Sozialismus aufrechtzuerhalten. Die fehlende politische Objektivität einem Phänomen gegenüber, das sich in rasender Geschwindigkeit ausbreitet, sofern es nicht bereits in seinen Anfängen aufgehalten wird, ist der Grund dafür, dass in Kuba eine alarmierende Prostitutionsindustrie entstanden ist. Sie umfasst neben den Jineteras und Jineteros auch die Zuhälter und Betreiber von Bordellen, die von der Regierung verboten sind, daneben Restaurants, Travestie-Shows für Touristen, die Wohnungen der Jineteras, das Netz von Anwälten und Staatsfunktionären, die Papieren einen legalen Anstrich verleihen, um das Leben derjenigen, die sich am Geschäft mit dem Körper bereichern, rechtmäßig zu erleichtern, und die unter diesem Deckmantel für einen noch besseren Handel mit den Körpern der Frauen und Männer sorgen, die sich prostituieren. Eine Reihe weiterer Dienstleistungen tragen dazu bei, dass dieser teuflische Mechanismus funktioniert. In dieses Geschäft sind auch einige Minister verwickelt, ebenso eine Gruppe Militärs mit großem Einfluss in der Politik und Regierungsvertreter von hohem Rang, wie es die vielen (öffentlichen oder geheimen) Gerichtsverfahren und Amtsenthebungen wegen Unzucht auf Kuba in den vergangenen 15 Jahren gezeigt haben. Es ist richtig, dass die kubanische Frau zahlreiche Alternativen zur Prostitution hat. Denn der Staat garantiert den Frauen, die heute 70 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung ausmachen, gleiche Einkommens- und Arbeitsmöglichkeiten. Aber leider reichen die Löhne noch nicht einmal, um die elementaren Bedürfnisse zum Überleben Kulturaustausch 1v /07

Foto: privat

Warum kubanische Mädchen als Berufswunsch Prostituierte angeben


ARBEITEN

zu befriedigen. Die schlechten Arbeitsbedingungen, die niedrigen Löhne und die unzureichenden sozialen Unterstützungen haben darüber hinaus dazu geführt, dass viele kubanische Frauen von ihren realen Entfaltungsmöglichkeiten in der kubanischen Gesellschaft enttäuscht sind. Hinzu kommt, dass der kubanische Staat es leider Jahrzehnte lang vorgezogen hat, das Bild der Vollkommenheit der Revolution zu bedienen, anstatt die Existenz von Prostitution öffentlich anzuerkennen. Die Politik reagierte erst, als das Übel schon Wurzeln geschlagen und einen Großteil der Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen hatte. Bis heute gibt es weder eine starke offizielle Politik noch eine soziale Bewegung gegen Prostitution.

Foto: privat

Jede wirtschaftliche Depression lässt soziales Übel – Gewalt, Kriminalität und Prostitution – aufkeimen. Doch das ist nicht der einzige Grund. Möchte man gerecht und objektiv urteilen, sollte man sich ein paar Fragen stellen: Warum prostituieren sich nicht alle Kubanerinnen, die durch geringe oder eingeschränkte Lebensqualität beeinträchtigt sind? Aus welchem Grund zieht es der größte Teil der weiblichen Bevölkerung Kubas vor zu arbeiten, anstatt sich zu prostituieren, wenn doch die häuslichen Verpflichtungen ungefähr im Alter von 22 Jahren beginnen? Wenn es stimmt, dass ein hoher Prozentsatz der kubanischen Jineteras Studentinnen sind oder über eine höhere Schulbildung verfügen, warum ist es der größere Anteil an Frauen mit Berufsausbildung, der sich nicht prostituiert?

Es verbietet sich für sie aus moralischen Gründen. Aus Gründen, die mit Würde und Selbstachtung verbunden sind, nach der – das ist nicht von der Hand zu weisen – schon immer gestrebt wurde, und die in gewisser Weise eine Errungenschaft der kubanischen Familie ist, die den eigentlichen Kern der Gesellschaft darstellt. Was die größte Sorge bereitet, ist die offizielle Rhetorik, die diese komplexe und dunkle Angelegenheit auf zwei Wegen zu verharmlosen versucht: Erstens, indem sie die Ansicht vertritt, es beträfe nur eine vereinzelte, zahlenmäßig kleine Gruppe an Personen, und zweitens, indem sie der Meinung ist, diese Personen werden von der Gesellschaft verabscheut, abgelehnt und verurteilt. Es ist keine vereinzelte Gruppe, soviel weiß man. Und weiterhin hat die große Mehrheit der Kubaner die Jineteras inzwischen in ihrem Kampfgeist und als Mädchen, die tatkräftig nach Lösungen suchen, akzeptiert. Man darf nicht vergessen, dass dies auf Kuba eine Art Überlebenskampf bedeutet. Die Mädchen gelten heutzutage als wichtige Persönlichkeiten, die für ihre Errungenschaften im Lebensstandard und für die Gegenden, in denen sie wohnen, sogar bewundert werden. Die Jinetera ist auf der Insel heute Synonym für eine Person, die es in ihrem Leben zu etwas gebracht hat, sie gibt ein gutes und erstrebenswertes Beispiel ab. Aus dem Spanischen von Sarah Otter


„Autofahren, arbeiten,  Ansichten äußern“

Welche Rolle spielen die Medien für Frauen in Saudi-Arabien? Die Medien spielen eine sehr große Rolle in einer Zeit der Reformen, wie es die unsere ist. Sie lenken den Fokus auf Regierungsinitiativen, die Frauen unterstützen, sich in die Arbeitswelt einzugliedern, sich fortzubilden oder neue Berufssektoren zu entdecken. Denn lange Zeit beschränkte sich ihr Tätigkeitsfeld nur auf Erziehungs- oder Pflegeberufe. Heute hingegen findet man Frauen in Banken, in der IT-Branche oder in der Marktforschung. Wie viele Frauen arbeiten in Ihrem Sender? Die englischsprachige Redaktion ist zum Großteil mit Frauen besetzt; insgesamt sind wir 14. Zwar haben wir auch einige männliche Korrespondenten, aber die betreiben Feldforschung vor Ort, arbeiten also meistens auswärtig. Das hat sich so ergeben, weil es mehr Frauen als Männer gibt, die gut Englisch sprechen können. Daher belegen Frauen die Bürojobs.

Samar Fatany (farbig im Bild) wurde 1955 in Mekka geboren. Sie ist Leiterin der englischsprachigen Redaktion des staatlichen Radios Jeddah und setzt sich als Journalistin für die Interessen der saudi-arabischen Frauen ein. Fatany stammt aus einer saudi-arabischen Botschafterfamilie und wurde in Kuala Lumpur und in Ägypten ausgebildet. Im April 2007 war sie auf Einladung des Instituts für Auslandsbeziehungen im Rahmen des Programms „Mediendialoge: Frauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ in Deutschland, hier bei einem Besuch in der Emma-Redaktion.

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Wie ist das Geschlechterverhältnis in der arabischsprachigen Redaktion? In der arabischen Redaktion arbeiten mehr Männer als Frauen. Aber der Anteil von Frauen wächst ständig, inzwischen machen sie etwa 40 Prozent aus. Erstaunlich viele Frauen arbeiten in den Medien. Irgendwie scheint dies ein Weg für sie zu sein, um ihre Ansichten zu äußern. Und überhaupt üben Frauen viel schärfere Kritik aus als Männer, etwa wenn es um das Autofahren geht oder die Geschlechtertrennung am Arbeitsplatz. Es gibt keinen Grund, weshalb Frauen nicht selbst Auto fahren sollten. Derzeit brauchen

arbeitende Frauen ein eigenes Auto mit Fahrer, weil es kein funktionstüchtiges öffentliches Verkehrsnetz gibt. Das sind zusätzliche Kosten für die Familien. Auch getrennte Büroräume für Männer und Frauen sind sehr teuer. Warum werden Frauen nun stärker gefördert? König Abdullah hatte schon als Kronprinz Reformen initiiert, um Frauen stärker in das gesellschaftliche Leben einzubeziehen. Die Hälfte unserer Bevölkerung ist weiblich, 54 Prozent aller Hochschulabsolventen sind Frauen. Arbeiten diese Frauen nicht, wird wertvolles Humankapital vergeudet. Um ein erfolgreiches und fortschrittliches Wirtschaftsland zu sein, sind wir auf die Arbeit von Frauen angewiesen. Wir sind gerade dabei, das Schulsystem und das Rechtswesen zu reformieren und das Land für Investitionen zu öffnen. Denn wenn wir uns von der globalen Gemeinschaft abschotten, fallen wir weit hinter dem Rest der entwickelten Welt zurück. Oft begleiten Sie König Abdullah bei Staatsbesuchen im Ausland. Was genau ist Ihre Rolle in solchen Delegationen? Vordergründig geht es darum, ein akkurates Bild von Saudi-Arabien und den saudi-arabischen Frauen zu liefern. Das Land schneidet in der Presse schlecht ab, besonders in Amerika. Meist werden wir als Unterdrückte dargestellt, die an starren Auslegungen des Islams hängen, rückständig sind und einen Krieg gegen die Ungläubigen führen wollen. Das spiegelt die Geisteshaltung der Terroristen wider, nicht aber diejenige der saudi-arabischen Bevölkerung. Es ist wichtig, der Welt zu vermitteln, dass viel Fortschrittliches in unserem Land passiert. Aber ein Wandel vollzieht sich nicht über Nacht. Wenn Sie den Westen besuchen und hier Frauen treffen, beneiden Sie diese um das Leben, das sie führen? Ich lerne jedes Mal etwas dazu. Heute haben wir den rbb (Rundfunk Berlin Brandenburg) besucht, und ich habe die Frauenbeauftragte getroffen. Ich fände es sehr gut, einen solchen Posten auch bei uns einzuführen. Denn die Gleichstellung der Geschlechter ist zwar als Ziel im Programm der Regierungspolitik enthalten, aber wird in der Praxis nicht wirklich umgesetzt. Auch haben wir ein großes Problem mit häuslicher Gewalt, und ich finde, dass Interventionsprojekte zur Bewältigung von solchen Problemen hier besser ausgearbeitet sind als bei uns. Da können wir viel lernen. Das Interview führte Naomi Buck

Kulturaustausch 1v /07

Foto: ifa

Was saudi-arabische Frauen wollen, erklärt die Radio-Journalistin Samar Fatany im Interview


ARBEITEN

Damenprogramm Der Jahrhundertsommer der Kunst 2007 war eine Grand Tour der Frauen Von Ursula Zeller

Foto: privat

Dr. Ursula Zeller, geboren 1958, ist Kunsthistorikerin. Derzeit arbeitet sie als Leiterin der Abteilung Kunst des Instituts für Auslandsbeziehungen in Stuttgart.

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Viel war zu hören und zu lesen über die Grand Tour 2007: Die vier Kunst-Großereignisse – Biennale Venedig, Art Basel, Documenta in Kassel und Skulptur-Projekte in Münster – waren ein genialer Werbefeldzug mit Rückbezug auf die Bildungsreisen des europäischen Adels im 18. Jahrhundert. Ein Jahrhundertkunstsommer war vorprogrammiert. Den Reigen eröffnete im Juni 2007 die Biennale Venedig mit 66 Länder-Pavillons. Viele Kritiker sind seit Jahren der Meinung, dass diese nationalen Repräsentationen abgeschafft gehören. Doch bieten sie gerade in diesem Jahr in Venedig die spannendste Kunst. Wo sonst kann sich der Besucher an einem Ort über die zeitgenössische Kunst im Libanon genauso informieren wie über die künstlerische Szene in Usbekistan? Noch nie war im europäischen Herzstück der nationalen Präsentationen die Konkurrenz unter weiblichen Künstlern so groß und so direkt: Tracy Emin präsentiert sich für ihre Verhältnisse eher brav mit sensiblen Zeichnungen im britischen Pavillon, Sophie Calle bespielt mit 107 Interpretationen einer E-Mail grandios den französischen und Isa Genzken besetzt mit Bravour den deutschen Pavillon. Sie vereint unter dem Titel „Oil“ Spiegel, Puppen, Rollkoffer, Affen, Schlaufen, Schutzanzüge, Plastikhelme und vieles mehr zu einer futuristischen Szenerie. Alle diese Objekte stammen aus dem Rohstoff Öl. Sie assoziiert damit den Aufbruch in eine unbekannte Welt, weist aber auch auf die Schattenseiten dieser Ressource, den Krieg um den Rohstoff hin. In der Hauptausstellung fällt Emily Prince auf: Sie stellt akribisch gezeichnete Porträts von im Irakkrieg gefallenen US-Soldaten aus – damit gibt sie den Soldaten, deren Bilder vom Militär unter Verschluss gehalten werden, ihre Würde zurück. Im Moment umfasst ihr Archiv 3.800 Porträts. So verlässt man Venedig mit dem Eindruck, nicht mehr, aber besonders starke Frauen erlebt zu haben. Einige Kritiker meinten, auf der Art Basel die bessere Documenta und die bessere Biennale Venedig erlebt zu haben. Das ist übertrieben, denn die Art Basel bleibt eine Kunstmesse – jedoch die beste ihrer Art. Viele der in Venedig und dann später in Kassel und Münster gesehenen Künstlerinnen und Künstler waren hier zum Teil in großen Projekten auf der Art Unlimited präsentiert. Männer und

Frauen standen gleichgewichtig nebeneinander, ein Trend ließ sich nicht ausmachen. Die Documenta gerierte sich äußerst marktfern: wenig allgemein Bekanntes und wenig heiß gehandelte Namen. Aber sie verzichtet auch auf die große Geste, präsentiert wenig auffällige Werke. Damit ist sie vielen zu unspektakulär. Jede Kritik an der Documenta muss jedoch fairerweise das bewusste Wollen der Kuratoren ins Kalkül ziehen: den Kunstbetrieb zu entschleunigen und wieder Konzentration auf die Kunst zu erreichen. Damit haben Roger Bürgel und Ruth Noack die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt, wenn auch die Antworten nicht immer überzeugen. Auf jeden Fall zeigen sie Werke subtil und differenziert im Kontext. Immer wieder sieht der Besucher dieselben Künstler in unterschiedlichen Zusammenhängen – so wird ein Gesamtœuvre lesbar und erfahrbar. Noack und Bürgel haben zudem bewiesen, dass Kunst der Gegenwart nicht auf Zeitgenössisches beschränkt sein muss. Indem sie auch ältere Werke in ihre Ausstellung aufnehmen, können sie bildnerische Inhalte über historische, geografische und kulturelle Grenzen hinweg verfolgen. Und erstmals wirft die Documenta einen konzentrierten Blick auf die Kunstszene Mittel und Osteuropas. Neben Ai Weiwei sind es dann vor allem die Frauen, die groß auftreten, zum Beispiel Sanja Ivecovic mit ihren frühen konzeptionellen Arbeiten oder dem Mohnfeld, Cosima von Bonin mit riesigen Installationen, Trisha Brown mit ihren zwischen Tanz und Performance angesiedelten Werken – und Charlotte Posenenske als Wiederentdeckung. Das Konzept der vierten Ausgabe der Skulpturenprojekte Münster konzentriert sich auf Künstler, die bisher nicht mit Kunst im öffentlichen Raum hervorgetreten sind. Entsprechend sieht das Ergebnis aus: viel Video, kaum sichtbare Konzeptkunst. Immerhin zeigten sich die Skulptur-Projekte in der Organisation so weiblich wie nie: allein im Kuratorenteam saßen zwei Frauen, der Kurator der früheren Veranstaltungen trat in den Hintergrund. Im Gedächtnis bleiben nicht viele Arbeiten: am eindrücklichsten sicher Martha Roslers Installationen, die sich auf die Stadtgeschichte beziehen. Bei der Biennale Istanbul dominieren auf der Macherseite die Frauen den dort noch immer jungen zeitgenössischen Kunstbetrieb. Auf die Künstlerliste wirkt sich das allerdings nicht aus. Hier entwickelt Hou Hanru in der Hauptausstellung seine „Zone of Urgency“ der Biennale Venedig 2003 weiter: Die Kunst unserer Zeit ist als lauter, schriller Widerschein der Wirklichkeit zu erleben. Wo ein Werk das andere übertönt, werden Fragen der Autorschaft, von weiblich und männlich obsolet. 59


Mutter und Sohn | Irland


Ich! Ich! Ich! Von Daniel Innerarity

Daniel Innerarity wurde 1959 in Bilbao geboren. Er ist Philosophieprofessor an der Universität Saragossa. Derzeit arbeitet er als Gastprofessor an der Sorbonne in Paris. Zu seinen Veröffentlichungen gehören „Ética de la hospitalidad“, „La transformación de la política“, „La sociedad invisible“ und „El nuevo espacio público“. 2002 wurde er mit dem Premio Miguel de Unamuno ausgezeichnet, 2003 und 2004 mit dem Premio Nacional de Ensayo. Er ist Mitarbeiter der spanischen Zeitung El País.

Politik ist heute immer noch Männersache. Daran können auch unsere vielleicht zunehmend gegenteiligen Vorstellungen und jene Statistiken nichts ändern, die etwas anderes zu erkennen meinen. Am deutlichsten zeigt sich diese Ungleichheit heute darin, dass man – ganz im Sinne männlich dominierter Bilder von Wettbewerb und Konkurrenz – von Frauen fordert, was bei Männern als gegeben vorausgesetzt wird. Dabei reproduziert sich dieses Dominanzverhältnis auch im Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter. Auch dieser ist voll von Gemeinplätzen über Männer und Frauen. Wenn die Beteiligung von Frauen in der Politik nicht über ihre Gleichheit, sondern über ihr Anderssein als Frau gerechtfertigt wird, wird damit ein weibliches Rollenmuster bedient, das mal zu ihren Gunsten mal zu ihren Ungunsten ausfallen kann. Im Grunde aber wird es ihnen immer schaden. Diese Ambivalenz kam in der Wahlkampagne der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal in Frankreich deutlich zum Tragen, da Royal gleichzeitig von der traditionellen Frauenrolle profitierte und sie ihr doch zum Verhängnis wurde. Was zunächst als Synonym von Erneuerung und Spontaneität erschien, verwandelte sich letztlich im sorgfältig von ihren Rivalen alimentierten kollektiven Imaginären in Schwäche und mangelnde Vorbereitung. In einer Gesellschaft, in der sexistische Gemeinplätze immer noch allgegenwärtig sind, kann das, was anfänglich als ein Vorteil erschien (Frau zu sein), sich schnell als das größte Hindernis herausstellen. Am Ende lief Royal Gefahr, selber Opfer von Frauen- und Männerklischees zu werden: als Frau allein noch zugestanden zu bekommen, die politische Bühne zu schmücken, sobald sie aufhört, entschlossen aufzutreten. Sehr häufig verschaffen sich Frauen einen Platz in der öffentlichen Sphäre, indem sie sich als apolitische Person darstellen, was ihnen gleichzeitig ermöglicht, Bürgernähe zu bezeugen. Diesen Topos machen sich auch jene Unternehmer, Richter und Journalisten zu eigen, die sich gelegentlich bei Wahlen zu Wort melden und dabei ihren Mangel an politischer Fachkenntnis als Vorteil darstellen. In diesem Fall heißt Frau zu sein, bürgernah zu sein und fernab des Mikrokosmos der Politik zu stehen. Obwohl

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Ségolène Royal mehrfach Ministerin gewesen ist und jener Talentschmiede entstammt, in der ein Großteil der französischen Politiker ausgebildet wurde (die Ecole Nationale d’Administration), präsentierte sie sich im ersten Wahlgang als weniger „fachmännisch/professionell“ und bürgernäher als Dominique Strauss-Kahn oder Laurent Fabius. Es ist nicht verwunderlich, dass ihre Kampagne auf der Idee der „partizipativen Demokratie“ basierte. Denn diese Idee erscheint als quasi natürliche Verlängerung jener Zivilgesellschaft, die Frauen vorbehalten ist. Dahinter steckt eine Auffassung von Geschlechtergerechtigkeit und Frauenförderung, in der Weiblichkeit als Ergänzung zur Politik, als ihre Kehrseite, auftritt. Die amerikanische Historikerin Joan W. Scott hat sehr gut gezeigt, wie Beteiligung von Frauen in der politischen Vertretung nicht etwa mit dem Ziel gefördert wurde, das System der politischen Repräsentation zu verändern, sondern um es infrage zu stellen: Die Frauen würden das Zivilgesellschaftliche in die politische Sphäre einführen, die als künstlich, fachmännisch und bürgerfern vorgestellt wird. Die politischen Widersacher von Royal haben dieses fehlende „professionelle“ Auftreten in politische Leere und Inkompetenz übersetzt. Indem Royal prahlte, nicht auf alles eine Antwort zu haben, wurde ihr zwar jene Sympathie zuteil, die Nicht-Spezialisten zu wecken vermögen. Sie lieferte sich damit aber auch dem Verdacht aus, keine Ahnung zu haben. Was gestern noch ihren Erfolg erklärte (kein geläufiger Politiker zu sein, kein Mann zu sein, sogar überhaupt kein Politiker zu sein), könnte genau das sein, was ihre Glaubwürdigkeit unterminiere. Sie wäre damit in die Falle gegangen, die es Frauen oft erlaubt, die Rolle der „geläufigen Personen“ zu spielen, nur um später als solche ausgeschlossen zu werden. Hierin wird ersichtlich, bis zu welchem Grad unsere Vorstellungswelt mit Gemeinplätzen gespickt ist, die letztendlich männliche Günstlingshascherei huldigt. Die Bedingungen, die politischen Frauen die Tore des Erfolgs eröffnen, können am Ende die sein, die ihre Disqualifizierung rechtfertigen: dass sie – halt einfach – Frauen sind. Vor einiger Zeit hat Michelle Perrot ihre Forschung zur Geschichte der Frauen mit dem Fazit resümiert, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen darin bestehe, dass allein der Mann ein Individuum sei. Das heißt, allein der Mann besitze ein allgemein durchsichtiges Geschlecht, habe sich von seiner Gruppenzugehörigkeit emanzipiert und sei das, was er aus sich macht. Die Frauen wurden aus der Welt der Politik ausgeschlossen, in dem ihnen physisch wie symbolisch die Möglichkeit versperrt wurde, zum IndiKulturaustausch 1v /07

Foto: © k. c.

Frauen, die an die Macht wollen, sollten als Individuen nicht als Frauen auftreten


MÄNNER UND FRAUEN

viduum zu werden. Aus diesem Grund stellt sich die Frage bestimmen. Die Gleichstellung der Geschlechter hätte ihr der Identität allein dann, wenn eine Frau die politische Ziel erreicht, wenn die politische Aktivität von Frauen Bühne betritt, da wir ja schon wissen, dass wir Männer aufhören würde, etwas Gruppenspezifisches und Besonkeine Geschlechtswesen, sondern schlicht und ergreifend deres zu sein. Wenn Frauen Frauenpolitik machen, indem Individuen sind. Die Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sie spezifische weibliche Qualitäten formulieren (Nähe, des Mannes verdanken sich nicht nur dem Umstand, dass Humanität, Alltagsverstand, Fürsorglichkeit, Sensibilität er nicht diskriminiert wird. Denn sein Wert bemisst sich selbstredend danach, Sehr häufig verschaffen sich Frauen was er macht und was für Kompetenzen er einen Platz in der politischen Sphäre, erwirbt. Der Frau hingegen werden solche indem sie als apolitische Personen auftreten Charakteristika zugeschrieben, die es ihr nicht erlauben, sich von ihrer Kondition, Frau zu sein, zu distanzieren: Eine Frau, auch die aller- für das Besondere...), dann schreiben sie Frauen erneut erfolgreichste, wird immer eine Frau bleiben, die Erfolg genau jene Eigenschaften zu, wegen derer ihr Platz in der gehabt hat und nicht – wie im Falle des Mannes – eine Privatsphäre verortet wurde und schließen sie aufs Neue aus der öffentlichen Sphäre aus. Die Erneuerung der Politik Person, die Erfolg gehabt hat. Fairerweise sollte man betonen, dass natürlich nicht wird nicht davon abhängen, ob Frauen eine „weibliche“ alle politisch erfolgreichen Frauen diese selbst auferlegten Politik machen, sondern davon, ob eine effektive GleichGeschlechterstereotypen bedienen. Es gibt viele Beispiele, berechtigung erreicht wird. Die Gleichstellung (Parität) ist in denen Frauen aus dieser Reduktion ausbrechen und wichtig, um die Beteiligung von Frauen in der Politik zu beachtliche politische Innovationen auf den Weg bringen. erleichtern, aber nicht, damit die Frauen als Frauen eine Dies bezeugen nicht nur bestimmte Aspekte des politischen andere Politik machen, die notwendigerweise humaner Profils von Frau Royal selber, sondern auch das der anderen und bürgernäher sein müsste. Präsidentschaftskandidatinnen. Auch auf internationaler Ebene gibt es eine Reihe von Frauen, die ihre öffentliche Worin besteht also die wahrhaftige Macht der Frauen? Erscheinung nicht „feminisiert“ haben und damit mehr Selbstverständlich nicht darin, die Macht der Männer dazu beigetragen haben, den öffentlichen Einfluss von zu kompensieren oder zu korrigieren, sondern darin, sie Frauen zu stärken, als die Differenzpolitiken. Wir sollten ersetzen zu können. Die männliche Herrschaft ist sogar dabei allerdings nicht vergessen, dass es Beispiele sowohl in der Lage, getrost Frauenförderung zu betreiben, ohne aufseiten der Linken als auch aufseiten der Rechten gibt. damit die geschlechtliche Arbeitsteilung infrage zu stellen, Zu den bekanntesten gehören sicherlich Michelle Bachelet auf der ihre Hegemonie gründet. Was wir Männer am und Margaret Thatcher. meisten fürchten, ist nicht etwa eine Frau, weniger noch, wenn sie eine weibliche Frau ist. Was uns am meisten in Die Schlussfolgerung für die Politik könnte folgende sein: Unruhe versetzt, ist ein Individuum. Frauen sollte der Zugang zu den Instrumenten der poliAus dem Spanischen von Anne Becker tischen Vertretung lediglich aufgrund eines soziologischen Faktum ermöglicht werden (dass sie circa 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen, während sie gleichzeitig auf politischen Posten deutlich unterrepräsentiert sind) und nicht aufgrund einer vermeintlichen essenziellen weiblichen Qualität – ihre angebliche Fähigkeit, von Politikern verursachte Missstände kurieren zu können. Frauen sind nicht etwa bürgernäher, sondern leider weiter von der Politik entfernt. Die Politik der „affirmative action“ wird über bloße demografische Statistiken gerechtfertigt, nicht über eine vermeintliche Qualität, die allen Politikerinnen jenseits ihrer persönlichen Eigenschaften zukommen würde. Die Differenz macht Sinn, um Zugänge zu gewährleisten, nicht um politische Handlungsorientierungen zu Kulturaustausch 1v /07

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Was ist schon normal?

In unserem Alltag wiederholen wir männliches und weibliches Rollenverhalten und bestätigen damit bestimmte Geschlechterrollen von Mann und Frau.

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Andere Kulturen halten mehr als zwei Geschlechter für normal. In Indien etwa gibt es das dritte Geschlecht, die Hijras, die keine eindeutig männliche oder weibliche Geschlechtsidentität haben, in Thailand die Katoys (Ladyboys). Das bedeutet: Es gibt mehr als eine Natur.

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Zusammengestellt von Johanna Barnbeck, Illustration: Jost Reckmann

Feministische Theorien sind oft schwer verständlich. Die Philosophin Judith Butler ist eine der radikalsten Denkerinnen und Vertreterin des dekonstruktivistischen Feminismus. Damit auch Sie mitreden können, wenn es um Gender-Theorie geht, hier Butlers wichtigste Theorie in Kürze:


MÄNNER UND FRAUEN

Zusammengestellt von Johanna Barnbeck, Illustration: Jost Reckmann

Männer begehren Frauen, Frauen begehren Männer. Das gilt als normal. Es gibt aber viele weitere Möglichkeiten, etwa Homo-, Bi- oder Transsexualität.

Wer eine gelernte Geschlechterrolle verlässt, bestätigt die Norm meist wieder. Zum Beispiel: Indem eine Frau Männerkleidung trägt, verlässt sie einerseits ihre Frauenrolle. Gleichzeitig bestätigt sie aber die Klischees von männlicher Kleidung.

Wir lernen: Wenn man die Grenzen zwischen Sexualität und Geschlecht freier zieht, wird vieles verhandelbar. Judith Butlers Utopie sind „free floating obsessions“. Jeder kann jeden begehren. So einfach ist das aber nicht. Denn Menschen sind kulturell und sozial geprägt. Diese Prägungen können sie nicht so leicht ablegen. Aber man kann sie sich bewusst machen. Das heißt dann „undoing gender“. Verstanden?

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„Ich will emotional sein“

Frau Kilomba, Sie sind Psychoanalytikerin afrikanischen Ursprungs. Spielen Ihr Geschlecht und Ihre Herkunft für Ihre Arbeit eine Rolle? Beides spielt eine sehr wichtige Rolle. Wir alle sprechen immer von einem ganz bestimmten Standpunkt und einer bestimmten persönlichen Geschichte heraus. In meiner Wirklichkeit als schwarze Frau spielen daher sowohl Geschlecht als auch „Rasse“ eine sehr wichtige Rolle und spiegeln sich in dem, was ich schreibe, wider. Grada Kilomba, geboren 1968 in Lissabon, ist Psychoanalytikerin und Schriftstellerin. Ursprünglich stammt ihre Familie aus den westafrikanischen Inseln Sao Tomé und Principe. Zurzeit lebt sie in Berlin, wo sie unter anderem an der Humboldt- und an der Freien Universität lehrt. Sie arbeitet derzeit an ihrem neuen Buch „Plantation Memories – Episodes of Everyday Racism and Trauma“.

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Was ist wichtiger – Geschlecht oder „Rasse“? Das lässt sich nicht trennen. Hier lag einer der größten Fehler des westlichen Feminismus, der sein Augenmerk auf das Geschlecht gerichtet und „Rasse“ als primäre Kategorie ignoriert hat. Wir müssen begreifen, dass Geschlecht und „Rasse“ immer miteinander verschränkt und untrennbar verbunden sind. Rassistische Konstruktionen basieren auf Geschlechterrollen, und umgekehrt beeinflusst das soziale Geschlecht die Art und Weise, in der „Rasse“ konstruiert wird. Die Mythen der sexualisierten schwarzen Frau, des infantilisierten schwarzen Mannes oder der unabhängigen weißen Frau sind Beispiele dafür, wie Gender- und „Rassen“-Konstruktionen sich überschneiden. Was bedeutet das für die Frauenbewegung? Westliche Feministinnen waren sehr angetan von der Idee der Schwesternschaft. Sie haben alle Frauen als unterdrückte Kollektivgruppe in einer patriarchalischen Gesellschaft gesehen. Diese Idee kann, wenn sie entsprechend kontextualisiert wird, sehr schlagkräftig sein; anderenfalls ist sie eine abwegige und allzu simple Vorstellung, welche die Geschichte von Sklaverei, Kolonialisierung und Rassismus außer Acht lässt, in der weißen Frauen eine Machtposition sowohl gegenüber schwarzen Frauen als auch gegenüber schwarzen Männern eingeräumt wurde. Wir müssen unbedingt lernen, herauszustellen, wie wichtig „Rasse“ in Gender-Beziehungen ist.

Wie beeinflusst das Ihre Arbeit als Wissenschaftlerin? Die akademische Welt ist keine neutrale Sphäre. Sie ist eine weiße Sphäre, die in ihrer Geschichte den Schwarzen beiderlei Geschlechts das Rederecht verweigert und Theorien hervorgebracht hat, die uns als „minderwertig“ konstruiert haben. Die akademische Welt hat darum ein sehr problematisches Verhältnis zum Schwarzsein und schließt unsere Arbeit fortwährend von der offiziellen Agenda aus mit der Begründung, sie sei zu subjektiv oder zu emotional. Diese Dynamik zeigt, wie schwer es der vorherrschenden Wissenschaft fällt, sich auf die Stimmen und Erfahrungen und auf die Wissenschaft von Menschen einzulassen, die kolonialisiert worden sind. Und stimmt das: Ist Ihre Arbeit emotional und subjektiv? Ausgeschlossen und marginalisiert zu sein ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die zur Sprache gebracht und theoretisiert werden muss. Deshalb möchte ich subjektiv und emotional sein. Damit vermittle ich zwar persönliche Informationen, gleichzeitig liefere ich aber auch Beschreibungen von Rassismus und stelle eine historische und soziale Realität dar. Diese Positionierung und die Tatsache, dass ich von einem spezifischen Standpunkt aus spreche, mögen ungewohnt sein, denn weiße Wissenschaftler haben dies lange Zeit nicht getan. Das bedeutet aber nicht, dass deren Diskurse objektiv sind. Schließlich sprechen auch sie von einem sehr spezifischen Standort, wenn sie andere beobachten und beschreiben. Das ist kein neutraler Standort. Das ist Macht. Auch weiße Wissenschaftlerinnen hinterfragen diese Macht. Wir erwarten von weißen Frauen nicht, dass sie eine ähnliche Perspektive einnehmen wie schwarze Frauen. Es kommt sehr häufig vor, dass weiße Frauen Sexismuserfahrungen mit Rassismuserfahrungen gleichzusetzen versuchen, und das ist überaus problematisch. Wir erfahren sowohl Sexismus als auch Rassismus, und das führt zu einer singulären Form der Unterdrückung, die man als „Gendered Racism“ bezeichnet. Darum können und sollten wir keine Gleichsetzungen vornehmen. Wie ist Ihr Verhältnis zu schwarzen männlichen Kollegen? Sehr ausgeprägt. Aufgrund der Gewalterfahrung des Rassismus definieren wir uns sehr viel stärker über Rasse als über Geschlecht und bewegen uns daher gemeinschaftlich als Unseresgleichen. Das hat bei weißen Feministinnen für eine Menge Irritation gesorgt. Das Interview führte Evi Chantzi Kulturaustausch 1v /07

Foto: Oliver Kleinschmidt

Die afrikanische Wissenschaftlerin Grada Kilomba über subjektive Diskurse und Fehler des westlichen Feminismus


M Ä N N ER U N D F RAUE N

Gestörte Harmonie Von Chinas Aufstieg profitieren auch die Frauen. Doch der Männerüberschuss im Land bringt neue Probleme

Foto: privat

Dr. Astrid Lipinsky, geboren 1963, ist Sinologin mit dem Arbeitsschwerpunkt modernes China, Frauen/Gender und Recht. Sie hat mehrere Jahre in China und Taiwan gearbeitet und geforscht. Derzeit forscht sie an der Taiwan Universität, Taipei. Zuletzt erschien von ihr „Der Chinesische Frauenbund. Eine kommunistische Massenorganisation unter marktwirtschaftlichen Bedingungen“ (LIT Verlag 2006).

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Nächstes Jahr wird Frau Liu 40. Sie gehört zu den Haushaltsangestellten, die 70 Prozent der 70 Millionen städtischen Haushalte Chinas dringend und oft vergeblich nachfragen. Sie ist ohne Arbeitgeber „privat“ selbstständig, etwas, was im maoistischen China undenkbar war. Sie stammt aus der Provinz Anhui, deren Kinderfrauen in Peking sehr beliebt sind. Frau Lius Mann und die Kinder leben mit ihr in der Stadt. Wenn sie ihre Arbeitgeberin manchmal so sieht, denkt sich Frau Liu, dass die Frauen vom Land doch zäher sind als die Städterinnen, und auch gleichberechtigter. Ihre Chefin ist eine von den Staatsangestellten beim Frauenverband, die sich ganztags hauptberuflich mit der „Frauenbefreiung“ beschäftigen. Vor der Anstellung bei ihr hatte Frau Liu noch nie von diesem Verband gehört. Sie findet das Verhalten der Chefin typisch für Staatsangestellte auf Lebenszeit: Sie nimmt sich dauernd wegen irgendwelcher Wehwehchen frei und war so oft daheim, dass Frau Liu zuerst meinte, sie sei Vollzeit-Hausfrau. Frau Liu putzt jetzt morgens, weil die Chefin dann im Krankenhaus ist und Fruchtbarkeitsspritzen bekommt. Sie will unbedingt ein Kind, am besten natürlich einen Jungen. 1979 wurde in China die zwingende Ein-KindPolitik eingeführt und hat seit 1982 Verfassungsrang. Seit Ende der 1980er Jahre kippt die Geschlechterbalance bei Geburten: Es werden bis zu 135 Jungen je 100 Mädchen geboren. Im Jahr 2025 wird es in China nach UN-Prognosen 40 Millionen Männer ohne Ehefrau geben. Schon heute werden grenzüberschreitend Frauen nach China gehandelt, die sich oft mehrere Brüder „teilen“, wie auch die Kosten für ihren Kauf. Zwar ist der Frauenhandel verboten, die Händler werden mit dem Tode bestraft, aber er ist ein sehr lukratives Geschäft. Im innerasiatischen Frauenhandel werden größere Summen umgesetzt als mit Drogen oder Waffen. Schon heute gibt es „Junggesellendörfer“, und einige Stimmen sagen, China werde einen Krieg führen müssen, um die unzähligen jungen Männer loszuwerden. Diese Frauenknappheit bedeutet allerdings keine Statusaufwertung. Vielmehr ist eine rein materielle Bewertung der Frauen zu erkennen. Familien setzen ihre Töchter als Alleinverdienerinnen ein oder verkaufen die Mädchen.

2002 trat nach langen Beratungen das erste nationale Bevölkerungs- und Geburtenplanungsgesetz in Kraft. Trotz des Gesetzes schützt der Staat Frauen auf dem Land unzureichend vor der Diskriminierung als Mütter von Töchtern bis hin zur Zwangsscheidung und Ermordung von Frau und Tochter. Die Regierung ist sich der Problematik bewusst, die Ein-Kind-Politik wird gelockert. In manchen Großstädten wie Shanghai sind jetzt sogar wieder zwei Kinder erlaubt. Die Chefin hat Frau Liu erzählt, dass ihr Mann sie in letzter Zeit mit dem Kind ziemlich unter Druck setzt. Sie haben sich gegenseitig ihr Leid geklagt. Frau Liu sagt, dass sie drei Kinder zu versorgen und durchzufüttern hat: ihre Tochter, ihren Sohn und ihren Mann. Mit ihnen zog Frau Liu in die Stadt. Diese Möglichkeit besteht erst seit Mitte der 1980er Jahre, vorher war so ein Umzug nur durch den Abschluss einer Universität möglich. Heute macht die Wanderbevölkerung 18 Prozent der chinesischen Bevölkerung aus. Zwei Drittel sind Männer, aber zunehmend ziehen auch Frauen in die Städte. Entweder begleiten sie ihre Männer, verdingen sich als ungelernte Fließbandarbeiterinnen in den Exportsonderzonen Südchinas oder als Arbeitskräfte in Privathaushalten und der Krankenpflege. Oder sie arbeiten als Hotel- und Barpersonal, als Prostituierte oder Masseusen. Als Familie Liu damals in die Stadt kam, ging der Mann auf den Bau. Dann bekam er es am Rücken. Seitdem hat er keinen richtigen Job mehr. Jetzt hat Frau Liu beschlossen, dass ihr Mann mit den Kindern zurück nach Anhui geht. Er hat natürlich überhaupt keine Lust, aber solange sie das Geld verdient, muss er machen, was sie will. Frau Liu möchte, dass ihre Tochter sich für ein Studium qualifiziert. Das Kind ist fleißig und wirklich klug. Noch im Jahr 2004 waren in der Stadt rund acht Prozent und auf dem Land knapp 17 Prozent der Frauen über 15 Jahre Analphabetinnen, fast doppelt so viele wie Männer. Bisher hat Frau Liu die Zähne zusammengebissen und die städtischen Schulgebühren bezahlt, welche die Schulen für „auswärtige Kinder“ erheben, obwohl das eigentlich verboten ist, zumindest bis zur Mittelschule. Jetzt muss die Tochter aber die Prüfung auf eine Oberschule schaffen, die nicht mehr in die Pflichtschulzeit fällt, und da hat sie nur in Anhui als Einheimische eine Chance. In der Stadt wird von den Auswärtigen eine gesonderte, besonders hohe Punktzahl verlangt, zuzüglich zu exorbitanten Schulgebühren. Für Frauen ist es besonders wichtig, eine höhere Schule zu besuchen. In China gibt es keine Lehre. Mädchen, die mit 16 Jahren die Pflichtschule abgeschlossen haben und dann nicht auf eine Oberschule gehen, können nur un67


gelernt in gefährlichen, schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Allerdings garantiert Bildung gerade Frauen heute keine Berufsarbeit mehr. Bis zu 60 Prozent der Hochschulabsolventen sind nach Abschluss ihres Studiums arbeitslos. Wenn Frauen angestellt werden, dann nur befristet mit einem vertraglichen Schwangerschaftsverbot, um so die Kosten für den gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz zu sparen. Dabei gehört die Berufstätigkeit zum Selbstverständnis der Chinesin, knapp 45 Prozent aller Berufstätigen sind Frauen. Neulich hat Frau Lius Mann was von Scheidung gemurmelt. Frau Liu ist sich ziemlich sicher, dass das eine leere Drohung ist, denn was könnte ihr Mann einer anderen Frau schon bieten? Die Scheidung ist neuerdings in der Stadt große Mode. In manchen Städten wird bis zu ein Viertel der Ehen geschieden. Männer, die sich nicht scheiden lassen, haben oft eine „Zweitehefrau“. Diese Ernai oder Zweite Gattin wohnt nicht mehr wie die Konkubinen früher mit der Erstehefrau zusammen, sie hat heute ein eigenes Apartment. Frau Liu putzt bei einer Ernai, einer hübschen und studierten jungen Frau, und seit einem Jahr hat sie sogar ein Baby! Die Wohnung, viel Marmor, zwei Balkone, 130 Quadratmeter, gehört ihr, der Mann hat sie ihr zum Einstand gekauft. Mit Kind müsse sie beweglicher sein, weshalb er ihr letzten Monat ein Auto mitgebracht hat. Den Führerschein hatte die Ernai schon, das war sein Weihnachtsgeschenk im vergangenen Jahr. Der uneheliche Sohn geht in die englische Kinderkrippe, und seit Neuestem hat das Baby, weil es zweimal gehustet hat, auch noch eine eigene Masseuse, die ins Haus kommt. Nur eine Heiratsurkunde hat die Ernai nicht, braucht sie aber auch nicht. Der Sohn trägt den Namen des Vaters, und die Erstehefrau werde sich noch wundern, wer ihren Mann beerbt! Frau Liu und ihre Chefin haben dagegen nicht das Gesicht und nicht das Alter dafür, Ernai zu werden. Frau Liu hat das aber auch gar nicht nötig. Sie verdient eigenes Geld, und schon Mao hatte ja seine „eisernen Mädchen“, die Züge fuhren und Strommasten reparierten. Allerdings war unter Mao für Frauen auch nicht alles besser. Natürlich hatte er die Frauen aus dem Haus ins Berufsleben geholt, was ein klarer Bruch mit der chinesischen Tradition war. Berufstätigkeit und eigenes Einkommen wurden selbstverständlich. Aber schon unter Mao waren nur wenige Frauen in finanzstarken Staatsbetrieben und viel mehr in unterfinanzierten kommunalen Betrieben tätig. Frauen waren vor allem in sozialen Einrichtungen der Arbeitseinheiten tätig, also genau an den Stellen, die im Zuge der Wirtschaftsreformen als Erstes gestrichen wurden. Einerseits können Frauen so heute selbstständig arbeiten und Karriere machen. Andererseits ist die Frauenarbeitslosigkeit höher als bei Männern, außerdem brauchen sie viel länger, um 68

wieder eine Stelle zu finden. Frau Liu steht zu ihrem Job. Das Leben ist zwar hart, aber trotzdem lebt sie zehnmal lieber in der Stadt, auch wenn sie sich von der glitzernden Auslage in den Schaufenstern nichts kaufen kann. Daheim im Dorf mit seinen Schlammwegen, dem Klobalken über dem Schweinekoben und seinen Traditionen will sie nicht mehr wohnen. Im Dorf, findet Frau Liu, werden die Leute immer rückständiger. Das wenige Geld geben sie aus, um der zukünftigen Braut ihres Sohnes ein Haus zu bauen,

Frauen werden nur befristet und mit einem vertraglichen Schwangerschaftsverbot eingestellt statt ihre Töchter zur Schule zu schicken. Im Dorf sagen sie, das sei ihre Altersvorsorge, denn die Schwiegertochter würde sie im Alter pflegen. In der Stadt dagegen sind die Leute versichert. Auf ihren Sohn braucht sich Frau Liu nicht zu verlassen, und auch nicht schon anfangen, für die Schwiegertochter zu planen, wenn er gerade aus den Windeln ist. Entweder ihr Sohn findet selbst eine Frau, oder eben nicht. Anders als im Dorf braucht sie deshalb keine schlaflosen Nächte zu haben. Es stimmt auch nicht, dass die Stadt für Frauen viel gefährlicher ist. Als Frau Liu letztes Jahr zu Besuch in Anhui war und die Nachbarn besuchen wollte, stand sie vor einem verbarrikadierten Haus. Aus den Andeutungen ihrer Schwester reimte sie sich zusammen, dass die Nachbarstochter auf dem Weg von der Arbeit nach Hause beim Maisfeld überfallen worden war. Warum, tuschelten die Dorfleute, sei sie da auch alleine langgeradelt? Man wisse doch, wenn der Mais hochstünde... Ihre Tochter brachten die Nachbarn weit weg, aber dann setzten ihnen das Geschwätz und die Gerüchte so sehr zu, dass sie auch weggingen. „Natürlich“, meinte Frau Lius Schwester, habe der Verlobte der Nachbarstochter das Eheversprechen gelöst, das könne man ja verstehen, wer wolle schon „ein Paar ausgetretene Schuhe“, eine Frau, von der jeder im Dorf zu wissen glaubt, dass ein anderer sie gehabt hat. Ihre Schulfreundin, Frau Ma, konnte Frau Liu auch nicht treffen. Ihre Schwester behauptete, sie sei krank, und als Frau Liu bei den Mas klopfte, machte niemand auf. Die Tratschtanten, die immer an jeder Dorfecke rumlungern, informierten Frau Liu, dass ihre Freundin aus der Stadt eine üble Krankheit mitgebracht hätte. Deshalb würde auch im Kramladen, den sie mit ihren Ersparnissen eröffnet hatte, niemand einkaufen. Diese Krankheit sei ansteckend, und wer wisse überhaupt, wie die Ma zu ihrem Geld gekommen sei. Sie hatte auch noch vorgehabt, im Dorf zu heiraten! Als ob man hier einen Mann für sie übrig habe! Frau Ma starb wenige Wochen später, und Frau Liu hörte Kulturaustausch 1v /07


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in diesem Zusammenhang zum ersten Mal von Aids. Ende der 1950er Jahre war die Prostitution in China offiziell abgeschafft, seit Beginn der Wirtschaftsreformen 1978 ist sie die am stärksten wachsende Branche. Verboten ist Prostitution in China nicht, bestraft werden Zuhälter und Bordellbetreiber. Prostituierte gelten als Opfer und werden in Lagern umerzogen. Die Nutzung von Kondomen ist nicht verbreitet, das Infektionsrisiko für HIV/Aids ist sehr hoch. 2005 gab es je nach Schätzungen zwischen 650.000 und 1,1 Millionen Menschen mit HIV. 2004 waren 39 Prozent aller registrierten HIV-Fälle Frauen. Das ist eben der Unterschied, überlegt Frau Liu. In der Stadt war sie neulich erstmals bei einer der kostenlosen Untersuchungsstationen im Park, wo Freiwillige den Blutdruck messen und bestimmte Medikamente empfehlen. Oder über Aids aufklären. China hat, vor allem seit der Vierten Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking, zahlreiche Frauenschutzgesetze mit modernster Rechtsterminologie entwickelt. Diese werden über Bücher und landesweite Schulungen verbreitet. Zu häuslicher Gewalt gab es die staatlich geförderte TV-Vorabendserie, „Mit Fremden spricht man nicht“, die über das Verbot und Schutzmöglichkeiten aufklärte. Es gibt Frauennotrufe und psychologische Hotlines, die sich allerdings auch nur in den Städten konzentrieren. Im Dorf dagegen müsste sie erst die zwanzig Kilometer bis in die Kreisstadt kommen und dort zur einzigen Buchhandlung gehen, wo bestimmt kein Frauenbuch im Sortiment ist. Ihre Schwester kannte noch nicht mal die Landfrauen-Monatszeitung „Rural Women Knowing All“, die Frau Liu manchmal liest und ihr sehr empfohlen hat. Erst da hat sie erfahren, dass ihre Schwester kein Geld hat. Wenn sie eins von den von ihr gemästeten Schweinen verkauft, steht ihr Mann daneben und steckt das Geld ein. Die Schwester findet es sogar gut, dass sie ihren Mann wegen jedem bisschen um Geld bitten muss. Sie berichtete von der

erfolgreichsten Frau im Dorf, die als Erste im Gewächshaus Tomaten zog und sie ab Hof verkaufte. Jeder konnte sehen, dass sie das Geld einsteckte. Letzten Winter hat sie dann jemand im Gewächshaus, wo sie übernachtete, weil es dort schön warm war, ausgeraubt und erschlagen. Frau Lius Schwester ist sicher, dass der Täter von auswärts kam, obwohl auch Gerüchte kursieren – im Dorf gibt es immer Gerüchte –, wonach der Dorfvorsteher ausnutzen wollte, dass der Mann der Tomatenbäuerin in der Stadt arbeitet und sich so erhoffte gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Geld und Sex. Ob die Frau denn nicht um Hilfe geschrien hätte? Die Schwester zuckt die Achseln: Vielleicht hat die Frau ja geschrien, aber selbst wenn: Hier im Dorf wäre ihr niemand zu Hilfe gekommen. Die Frau vom Dorfpolizisten beispielsweise schreit natürlich, wenn ihr Mann sie schlägt. Es ist nicht zu überhören, und alle hören weg. Sich bloß nicht in Familienstreitigkeiten einmischen, dass ist sprichwörtliche gute alte Tradition. Sogar was das Wasser angeht, hat Frau Liu es in der Stadt besser. Im Dorf kommt schon lange aus den Wasserhähnen kein Tropfen mehr. Ihre Schwester holt das Wasser mit Eimern aus dem Dorfteich, in dem auch sämtliche Abfälle landen, und Frau Liu konnte sich nicht vorstellen, es zu trinken. Sie hat die Schwester gefragt, wann denn der Wasserwagen kommt, den sie in der Stadt haben, und die Schwester hat sie nur verständnislos angeschaut. Sauberes Wasser? Dann müsste sie über den Berg ins Nachbardorf gehen, wo sie einen Brunnen hätten. Allerdings solle sie lieber nicht sagen, dass sie nicht aus dem Dorf kommt, das hätten die Leute dort nicht gern. Wenn Frau Liu so etwas hört, ist sie froh, nicht mehr im Dorf leben zu müssen. Auch wenn das Versprechen vom Vorsitzenden Mao, wonach den Frauen die Hälfte des Himmels gebühre, auch heute noch nicht viel mit der Realität zu tun hat, ist sich Frau Liu sicher, dem Himmel als Frau in der Stadt doch ein Stück näher zu sein.

KULTURAUSTAUSCH auf der Frankfurter Buchmesse Do, 11.Oktober 2007, 17 Uhr Internationales Zentrum Halle 5, D 901

Fr, 12.Oktober 2007, 11.30 FORUM DIALOG, Halle 6.1 E 905

weitere Veranstaltung des ifa: Fr, 12. Oktober 2007, 12.00, arte-Forum

„Sehen und gesehen werden – Dresscodes für Frauen und was sie bedeuten“

„Kulturoffensive mit Konfuzius“

„Lesen Sie europäisch?“

Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun und dem spanischen Philosophen Daniel Innerarity.

Gespräch mit dem Journalisten Shi Ming, Li Xuetao (chin. Direktor Konfuzius-Institut Düsseldorf), Peter Hachenberg (dtsch. Direktor Konfuzius-Institut Düsseldorf) und Falk Hartig (KULTURAUSTAUSCH).

Gespräch mit Albrecht Lempp (Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit), Florian Höllerer (Literaturhaus Stuttgart) und Dirk Rumberg (Süddeutsche Zeitung).

Moderation: Jenny Friedrich-Freksa, Chefredakteurin KULTURAUSTAUSCH

Moderation: Alexander Freund, DW-Radio/Deutsch

Sie finden uns a m S tand de s Ins t it uts f ür Auslandsbe ziehungen in Halle 5, E 958

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Schreiben Frauen anders als Männer? Eine Debatte aus England Von Suzi Feay

Suzi Feay ist Journalistin und Literaturkritikerin. Sie arbeitet als Feuilletonredakteurin für The Independent on Sunday und lebt in London. 1998 war sie Jurymitglied für den Whitbread-Literaturpreis. Dieser Text wurde erstmals am 20. März 2007 in The Independent (London) veröffentlicht.

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Muriel Gray, Romanautorin, Fernsehmoderatorin und diesjährige Vorsitzende des Orange Broadband Prize for Fiction (bei dem männliche Autoren nicht zugelassen sind), flankierte die Bekanntgabe der Vorauswahl mit dem Vorwurf, dass sich die Autorinnen des diesjährigen Wettbewerbs im Großen und Ganzen durch fehlende Vorstellungskraft auszeichneten und sich zu bemüht auf ihr eigenes Leben und ihre persönlichen Belange beschränkten. Die Autorinnen arbeiteten nicht hart genug daran, sich von ihrem Geschlecht und ihren Lebensumständen zu lösen – sie scheiterten daran, sich Geschichten auszudenken, eine Vorraussetzung für gute, spannende Literatur. Im Jahr 2005, als die Romanautoren Toby Litt und Ali Smith die jährliche Arts Council Anthology für neue Literatur herausgaben, wurde ihre Behauptung, dass „die Beiträge von Frauen enttäuschend häuslich und risikoarm“ seien, heiß diskutiert und weitestgehend verurteilt. Obwohl sich die Kritik nur gegen die Schriftstellerinnen richtete, die Beiträge für die Anthologie eingereicht hatten, übertrug man sie auf alle Schriftstellerinnen, ob tot oder lebendig. Auch verwies Muriel Gray nur auf die für den Orange Prize in Erwägung gezogenen Bücher – und jeder, der je einen wichtigen Preis bewerten musste, wird bestätigen, dass man durch eine fürchterliche Menge aus Morast, gepresst zwischen zwei Buchdeckeln, waten muss. Dennoch werden solche Kommentare gerne auf Schriftstellerinnen en masse bezogen. Die Medien lieben es, wenn sich ein Stutenbeißen abzeichnet. Aber liegt etwas Wahres in der Anschuldigung? Es gibt keinen bestimmten Grund, Literatur von Frauen und Häuslichkeit in Zusammenhang zu bringen. „Oroonoko“ von Aphra Behn (1688), einer der ersten von einer Frau auf Englisch verfassten Romane, ist die packende Schilderung der Gefangennahme eines afrikanischen Prinzes durch englische Sklavenhändler. Er basiert auf den furchtlosen Reisen der Autorin in Surinam. Dennoch diente damals die Tatsache, dass Autorinnen hauptsächlich Alltägliches schrieben – und daher minderwertig seien –, als Argument, um den toten, weißen, männlichen Kanon aufrechtzuerhalten. Bis feministische Lesarten die herabgesetzten Texte neu eröffneten und die zumeist selbsterhaltende, chauvinistische Natur männlicher Kritik aufzeigten.

Jemand müsste schon sehr frech sein, um Jane Austens Werk aufgrund ihrer häuslichen Szenerie entwerten zu wollen – auch wenn sie es selbst als „dies kleine Stückchen Elfenbein“ bezeichnete. Der einzige Roman von Sylvia Plath orientiert sich stark an ihren Erlebnissen als aufgewühlte amerikanische Studentin. Wer aber würde der „Glasglocke“ ihren Esprit, ihren Erkenntnisgehalt und ihre brillant beschreibende Kraft absprechen wollen? Um zu bemerken, dass „sich alles Mögliche auszudenken“ sehr wohl im Bereich des Machbaren für Schriftstellerinnen liegt, schaue man sich nur einmal die Werke von J. K. Rowling und Susanna Clarke an, die sich akribisch komplett neue Welten ausdachten. Und beide Autorinnen leiden unter einem leichten Stigma – nämlich, dass sie „nur“ Fantasy produzieren. Das beliebte Buch „Jonathan Strange und Mr. Norrell“ von Clarke war ein enormer Erfolg, der bei den großen Literaturpreisen übergangen wurde. Vielleicht hat es einfach zu viel Spaß gemacht. Schreiben männliche Autoren nicht auch nur minimal umhüllte autobiografische Fiktion? Natürlich. Und sie werden dafür nicht niedergemacht. Das Leben von Patrick Melrose in der zu Recht gefeierten Buch-Tetralogie über die Familie Melrose von Edward St. Aubyn verläuft in ähnlichen Bahnen wie das des Autors, – obwohl es zugegebenermaßen interessanter ist, darüber zu lesen, wie jemand mit Geld um sich schmeißt, tonnenweise Drogen nimmt und mit der königlichen Familie per Du ist, als wie eine Heldin das Erbrochene ihres kranken Babys von ihrer Schulter wischt. Schriftsteller sind also mit sogenannter häuslicher Literatur auch ganz gut dabei. Man betrachte nur einmal Nick Hornby oder Tony Parsons, nicht zu vergessen Madame Bovary von Flaubert. Unterscheiden sich nun weibliche von männlichen Schriftstellern? Ja: Frauen beschränken sich oftmals auf den alltäglichen Bereich, den Männer gewöhnlich nicht berücksichtigen; um bestimmte Genres auf dem Markt zu bedienen, sind Frauen dazu aufgefordert, Liebesromane zu schreiben, während Männer Abenteuerromane produzieren sollen; wie in „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë neigt Literatur von Frauen dazu, den männlichen Status quo zu untergraben. Nein: kulturelle Merkmale wie Reichtum, Status und Nationalität sind heutzutage wichtiger als Geschlecht; die Brontës und George Eliot haben ursprünglich unter männlichem Pseudonym veröffentlicht – ohne dass jemand die Wahrheit geahnt hätte; menschliche Erfahrung ist universell und Schriftsteller können nichts anderes tun, als über diese Wirklichkeit zu reflektieren. Aus dem Englischen von Johanna Barnbeck Kulturaustausch 1v /07

Foto: The Independent

Hausfrauenprosa


MÄNNER UND FRAUEN

Das Spiel ist aus Warum die Leichtigkeit zwischen Frauen und Männern verloren gegangen ist Von Roger Willemsen

Foto: Ulrich Steinmetz

Dr. Roger Willemsen veröffentlichte zuletzt „Nur zur Ansicht. Gesammelte Essays“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007) und mit Traudl Bünger „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Weltgeschichte der Lüge“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007). Der Autor, Publizist und Moderator wurde 1955 in Bonn geboren und lebt heute in Hamburg.

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Welche Leichtigkeit? Die des 18. Jahrhunderts? Da sitzt Casanova in der Kutsche einer Fremden gegenüber. Gerade hat sie ihr Baby von der Brust genommen, dabei ein wenig Muttermilch verspritzt. Casanova springt hinzu, leckt die letzten Tropfen ab, und alle lachen über die anmutige Szene. In den USA stünde heute ein Schild im Garten des Mannes: „Vorsicht! Hier wohnt ein Sexualstraftäter!“ Friede den Brüsten also, mit denen die Leichtigkeit oft zu tun hatte. Barbusig führt die Freiheit auf Delacroix’ berühmtem Revolutionsgemälde das Volk an, barbusig demonstrierten die Frauen der Studentenrevolte in Deutschland und Frankreich den Zusammenhang von Freiheitskampf und Libertinage. Heute schafft es der Busen nur noch in die Mammografie-Geschichten der Magazine, und der einzige Geist, den er repräsentiert, ist der der Medizinalien und der Körperkultur. Freiheit umweht ihn nicht. Eigentlich existierte die Leichtigkeit zwischen den Geschlechtern vor allem zu der Zeit, da man um sie kämpfte. Luis Malles’ „Viva Maria“ war ein revolutionsromantischer Film um zwei befreite Frauen, personifiziert von Brigitte Bardot und Jeanne Moreau, dann wurde der Filmtitel Name einer politischen Aktivistengruppe der Linken. Der Transfer vom Kino in die Realität schien bruchlos. Die Kultur wirkte noch ansteckend. Heute ist das Sexuelle erschöpft, auspalavert. Die Tabus gebrochen, die Demarkationslinien geschleift, alles gestanden, alles versucht, und die Diskussionen um das Geschlechtliche im Geschlechterverhältnis haben sich in Comedy und Frauenzeitschriften zurückgezogen. Mann und Frau stehen sich pragmatisch gegenüber, investieren in Gefühle und in das, was sie nicht zufällig „Partnerschaft“ nennen, schließen Eheverträge und verteilen die Rollen, für Lebensabschnitte zumindest. Und weil die Stärke der Frauen, die sich in dieser leidenschaftslosen Ebenbürtigkeit spiegelt, Männer besorgt macht, sind vor allem sie es, die die Scheindebatten um konservative Muttertiere führen und von Zeit zu Zeit eine Eva Herman durchs Dorf jagen. Wenn man will, ist dies das letzte Nachbeben gehabter emanzipatorischer Bedrohung: Die konservative Publizistik drängt Frau und Familie wieder in den geistigen Horizont einer Margarine-Reklame, doch sie will nicht passen.

Unmöglich, in den Jahren der sexuellen Lockerung von politischer Befreiung zu sprechen, ohne die der Frau mitzudenken, hatte doch ehemals die gemeinsame Politisierung auch der Geschlechterrollen das Verhältnis zwischen Männern und Frauen unfest, experimentell und aufbruchsartig erscheinen lassen. Dann organisierte sich in Deutschland der Feminismus, und er entpolitisierte sich rasch. Nein, er privatisierte sich sogar. Dreißig Jahre „Emma“ führten dazu, dass man in diesem Land exakt eine Feministin kennt. Ihr Feminismus, an dem Männer anfangs noch hatten teilnehmen wollen, verwandelte sich in einen Schwarzerismus, der schon in seiner gedanklichen Schärfe entschieden hinter der feministischen Publizistik in Frankreich, Italien, Großbritannien oder den USA zurückblieb. In den Jahren, als eine Art Leichtigkeit noch bestand und sich im Geschlechterstreit bewähren musste, war Eitelkeit weiblich und Ehrgeiz männlich, Stutenbissigkeit schrieb man den Frauen zu und kalten Karrierismus nur den Männern. Vorbei, Unisex ist da, und hat auch von den Geschlechtermasken Besitz ergriffen. In den Neunzigern sahen französische Philosophen im Verwischen der Geschlechterdifferenz ein Indiz für barbarische Uniformität und Identitätsverlust. Heute hat sich das Phänomen von den Kleidern und Frisurmoden auf die Charaktere übertragen. Alphatiere überall, auf dem Weltmarkt der Triebökonomie treffen sie sich und fallen metrosexuell übereinander her. Ihre Gleichartigkeit ist komisch und trostlos zugleich und sie organisiert ein Desinteresse an allem Riskanten, Verschwenderischen, Verbotenen. Man ist nicht mehr erotisch, leicht oder spielerisch, der Eros hat keine Aura mehr. Er hat sich versachlicht. Vom Überbau des Bewusstseins, von der Aufklärung und „Empormenschlichung“ hat man keine hohe Meinung mehr. So konnte die Sexualität schließlich die Impulse der Geschäftswelt aufnehmen. Sie folgt Incentives, holt sich, was sie braucht und strebt raschen Erfolg an. Die Ökonomie des Begehrens zwischen Mann und Frau ersetzt alles Sentimentale. Die Leichtigkeit ist einer Mischung aus Fatalismus und Pragmatismus gewichen. Vielleicht wird das Sexuelle erst wieder Aura haben, wenn die politische Korrektheit militanter, der sittliche Konservatismus rigider, die Prüderie öffentlicher Massenkultur noch beißender und eine neue Befreiungsbewegung nötiger wird. Sie wird aber dann den Eros selbst wohl mehr betreffen als das Verhältnis von Mann und Frau. Denn wenn ihr Verhältnis je wieder leicht, spielerisch und variantenreich werden soll, dann erst, nachdem es sich von seiner Verdinglichung, seiner Fixierung auf Effizienz erholt hat. 71


Frauen auf dem Feld | Indien


Magazin In Europa

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Tabus in Schulbüchern Was Lehrwerke verschweigen

Ist Kultur evaluierbar? fragen Ute M. Metje und Horst Harnischfeger

Dorfwissen Über Schulreformen in Kamerun

Großer Schatz Im Libanon entsteht das größte arabische Bildarchiv

Grenzen überschreiten Kwame Anthony Appiah erklärt den Kosmopoliten

Mein Pass Abbas Khider erzält, wie es ist, nicht mehr Iraker sondern Deutscher zu sein

Warm-up im Club Med Isabel Schäfer über die Außenkulturpolitik der EU am Mittelmeer

Hometown Bagdad Wie Bagdader Hochschüler ihren Alltag filmen

Demokratie für alle Wie die politischen Stiftungen im Ausland arbeiten

Säubern und Vernichten Jacques Sémelin analysiert Phänome extremer Gewalt

Summ, summ, summ, Dschihad, summ herum Wie der Sender Al-Aqsa TV Politik im Kinderzimmer macht

von Volkmar K abisch

spannung im Sendezentrum von Al-Aqsa TV in Gaza Stadt. Betrieben wird der Sender von der Hamas, der islamistischen Widerstandsbewegung, die seit ihrem gewaltsamen Sieg über die palästinensische Fatah Mitte Juni 2007 im Gazastreifen die Kontrolle hat. Punkt 17 Uhr erscheint dann in großen arabischen Lettern „Rawad Al Gad“ („Die Pioniere von morgen“) auf unzähligen Mattscheiben im gesamten Nahen Osten. Es folgen 50 Minuten islamistische Erziehungs-Unterhaltung. In akzentfreiem Hocharabisch begrüßt die elfjährige Sara ihr Publikum. Brav schwört sie zu Beginn der Sendung: „Ich möchte denselben Weg wie meine großen Vorbilder Abdel-Aziz Rantisi und Scheich Jassin gehen.“ Die Vordenker der Hamas wurden 2004 von der israelischen Armee gezielt getötet. Neben Sara steht ein Kollege im Kostüm einer Biene, Nahul. Mit piepsiger Stimme und Kopfnicken bestätigt er ihren Aufruf. In dem etwas unförmigen Kostüm, dick und gelb mit schwarzen Streifen, ähnelt Nahul der Biene Maja. International bekannt wurde die Kindersendung im April 2007, als die israelische Organisation „Palestinian Media Watch“ (PMW) Ausschnitte des Programms auf der Internet-Plattform „YouTube“ veröffentlichte. Damals war Nahuls Moderationsvorgänger Farfur zu sehen. Im Kostüm einer Maus erinnerte er deutlich an Disneys Mickey Mouse. 74

Inhaltlich war Farfur allerdings keinesfalls harmlos, er propagierte in der Kindersendung die Vorherrschaft des Islam. Damit löste die Kindershow heftigen internationalen Protest aus. Unter anderem drängte die Tochter des Mickey Mouse Erfinders Walt Disney auf die Absetzung der Sendung. Der Druck zeigte kurzzeitig Wirkung. Farfur wurde vom Sender genommen, indem die Redaktion ihn sterben ließ. In seiner letzten Sendung überreicht ihm sein Großvater Papiere und Schlüssel für das Land seiner Vorväter. „Das Land heißt Tel AlRabi. Leider haben die Juden es, nachdem sie es besetzten, Tel Aviv genannt. Ich will, dass du es beschützt.“ In der nächsten Szene sitzt Farfur vor einem Schreibtisch. Ihm gegenüber, offensichtlich, ein Jude mit schwarzer Sonnenbrille. Dieser möchte das Land für viel Geld kaufen. Farfur verweigert das Geschäft und wird von dem Mann zu Tode geprügelt. Aus dem Studio kommentiert Sara: „Liebe Kinder, wir haben unseren liebsten Freund Farfur verloren. Er ist als Märtyrer gestorben, als er das Land seiner Vorväter verteidigte.“ Nach kurzer Zeit wurde Nahul sein Nachfolger. Auch die Biene ist im Internet zu sehen. In einer Szene werden Nahul und Sara, von „Palestinian Media Watch“ in englischer Sprache untertitelt, zitiert. „Wir werden Al Aqsa (gemeint ist Jerusalem, Anm. d. Red.) von den verbrecherischen Juden befreien, die meinen Großvater und Farfur getötet haben.“

Auf Gazas Straßen kennt fast jeder die TVBiene. Moatas, elf Jahre alt, ist begeistert: „Ich schaue das Programm jede Woche.“ Allerdings fand er die Maus besser. „Die war viel lustiger, wurde ja aber getötet.“ Wer Farfur warum umbrachte, weiß Moatas noch genau. Ein Jude habe ihn wegen seines Landes ermordet. Farfur sei jetzt ein Märtyrer. Die Zielgruppe der Sendung mit der Biene sind Heranwachsende. „Wir wollen Kinder von fünf bis zwölf Jahren erreichen und über die Zustände unter der israelischen Besatzung aufklären“, meint Mohammed Saed, Produktionsleiter bei Al-Aqsa TV. Vom Vorwurf, den Kindern das Gehirn zu waschen, will er nichts wissen. „Mit der Sendung vermitteln wir nur die guten Werte des Islams und des normalen Miteinanders“, entgegnet Saed. In

Fotos: Palestinian Media Watch

Es ist kurz vor 17 Uhr, Freitagnachmittag. An-

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Fotos: Palestinian Media Watch

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50 Prozent der Einwohner das Programm von Al-Aqsa TV“, ist sich Produktionsleiter Saed sicher. Nicht schwer, seitdem die Hamas den einzigen anderen palästinensischen Fernsehsender PBC (Palestinian Broadcasting Corporation) in Gaza geschlossen hat. Auch gibt es nur noch einen örtlichen Radiosender: Al-Aqsa Radio. Für Familie Dschana aus dem Flüchtlingslager Chan Junis ist das begrenzte Medienangebot kein Problem. Fünf der sechs Kinder sehen die „Pioniere“ jede Woche. Lana ist fünf Jahre alt. Auf die Frage nach ihrem Berufswunsch ist sie noch nicht ganz sicher: „Entweder werde ich Kinderärztin oder Märtyrerin“, sagt sie. Dschihadistin ist für „Entweder werde ich Kinderärztin sie weder ein Fremdwort noch eioder Märtyrerin“ ne hohle Phrase. Sie erklärt sofort, man komme dann ins Paradies „Toll hast du das gemacht“, klatscht Sara in zu Allah. „Dort sind überall wunderschöne die Hände. An anderer Stelle ruft Jenin aus Blumen und es gibt leckeres Essen.“ Woher Gaza an und singt ein Lied. „Wir wollen noch sie das weiß? Sie zeigt auf das grüne Hamasmehr Kassam-Raketen werfen und Palästina Basecap ihres Vaters. Lanas Mutter ist über befreien“, trällert das Mädchen. Sara und die Antwort ihrer Tochter nicht erstaunt. Nahul wippen im Takt. „Natürlich will ich, dass meine Kinder leben Wie die Anrufer ausgewählt werden, bleibt und auf eine gute Schule gehen. Damit sie unklar. Ebenso unklar ist, wem der rund um dann studieren können“, sagt sie. Doch selbst die Uhr sendende Privatkanal gehört. Dazu für studierte Doktoren gebe es keine Arbeit möchte bei Al-Aqsa TV niemand genaue Anga- im Gazastreifen. „Die Kinder haben hier ben machen. Die Eigner kämen aus dem Aus- einfach keine Zukunft – wegen der Israelis“, land und seien Sympathisanten der islamisti- fügt sie verbittert hinzu. Als Märtyrerin könschen Politik. Unter den Einwohnern Gazas ne sie wenigstens der Gemeinschaft dienen gilt der Sender als Parteiorgan der Hamas und und versuchen, das Land von der israelischen wird als solcher akzeptiert. Wie viele Kinder Besatzung zu befreien. „Außerdem kommt sie die Show jede Woche sehen, ist nicht genau zu dann ins Paradies zu Allah.“ ermitteln. Fast jeder Haushalt im Gazastreifen Fausi Barhom, Sprecher der Hamas, erklärt hat ein Fernsehgerät. „In Gaza schauen über die Intention der Sendung. „Unser Volk leider Show lernten Kinder wichtige Grundwerte. So riefe Nahul beispielsweise dazu auf, nicht zu stehlen. Nachdem ein kurzer Einspielfilm die tapsige Biene zeigt, wie sie nach einem Picknick im Park die leeren Chips-Tüten liegen lässt, rufen hunderte Kinder kritisierend an. Sara fragt: „Was hat Nahul falsch gemacht?“ Die erste Antwort kommt von Nu’a aus Gaza: „Nahul hat den Müll nicht weggeworfen.“ Applaus von Sara, Nahul hält aus Scham über sein Missgeschick die Hände vor die Augen. Amru, zehn Jahre, aus Nablus bekräftigt die Aussage ihrer Vorgängerin. Dann zitiert sie einen Teil des Koran aus dem Gedächtnis.

Die Biene Nahul und die Moderatorin Sara – Sequenz aus der Kindersendung „Die Pioniere von morgen“ von Al-Aqsa TV. Zu sehen auf „YouTube“ Kulturaustausch 1v /07

det. Deshalb gibt es so viele Märtyrer, die im Kampf mit den Israelis sterben“, erklärt der 46-jährige Vater von sechs Kindern. Mit Kindersendungen wie „Pioniere von morgen“ wollen sie der Welt ihr Schicksal näherbringen und den Brüdern in anderen muslimischen Ländern die Lebensumstände beschreiben. Hamed Abu Harbid, Journalist des erst im November 2006 gegründeten Senders Al-Aqsa TV und nebenbei im Erziehungsministerium tätig, sind Zweifel am Programm mit der Biene Nahul unverständlich. Der Vater von drei Kindern ist überzeugt, dass die Sendung den Kampf gegen Israel hervorragend vermittelt. Politik im Kinderzimmer ist für ihn kein Widerspruch. Die Kinder würden sowieso jeden Tag mit der politischen Realität konfrontiert. Allerdings verdeutlicht die Sendung auch, wie uneins die Palästinenser sind. Zu den prominentesten Kritikern zählt der palästinensische Informationsminister und Menschenrechtler Dr. Mustafa Barghuti. Er hatte bereits im Mai versucht, das Programm abzusetzen. Ein klärendes Gespräch mit dem Al-Aqsa TV Produktionsleiter Mohammed Saed sollte das Ende der Kindershow besiegeln, blieb aber erfolglos. Zwar wurde die Sendung mit der Maus kurzzeitig abgesetzt, aber wenig später kam Nahul, die Biene. Die Sendung ist zu Ende, ungefähr 20 Kinder haben angerufen. Sara verabschiedet sich von ihrem Publikum, auch Nahul winkt zum Abschluss. Die Kameras gehen aus und Sara atmet durch. Neben all den Männern im Studio wirkt sie ein wenig verloren. Sie ist ein ganz normales elfjähriges Mädchen, fast schüchtern. Ihr Hocharabisch hat sie von ihrem Vater gelernt, der an der islamischen Universität in Gaza Arabisch unterrichtet. Diese Sendung zu moderieren bereite ihr auf jeden Fall großen Spaß, weil sie „von Allahs Botschaft erzählen“ könne. Dann muss sie schnell weg – zum Gebet. Volkmar Kabisch, geboren 1984, studiert in Berlin Islamwissenschaften und bereist regelmäßig Israel und Palästina. Er berichtet für deutschsprachige Zeitungen aus dem Nahen Osten.

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„Hitler, Merkel, Schumacher“ Welches Bild die Chinesen von Deutschland haben, erklärt der Germanist Fan Rong

Herr Fan, welches Bild haben die Chinesen von uns Deutschen? Bei 1,3 Milliarden Menschen kann man das natürlich nur schwer verallgemeinern, aber im Grunde sind die Deutschen nach Meinung der Chinesen gewissenhaft, fleißig und ordnungsliebend. Allerdings gelten sie auch als unromantisch.

Das sind ja die bekannten Deutschland-Klischees. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass Chinesen zwar wenig über Deutschland wissen, aber trotzdem ein sehr positives Bild vom Land haben. Woran liegt das? Zwar können neuerdings Chinesen auch ins Ausland reisen und vor allem die Leute in den Küstengebieten Ostchinas haben zunehmend Kontakt mit Ausländern. Trotzdem wird das Bild immer noch stark durch die offiziellen Medien geprägt. Fan Rong, geboren 1979, studierte in Shanghai Germanistik und forscht derzeit als erster Chinese mit einem BundeskanzlerStipendium an der TU Berlin.

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Wie Deutsche (links) und Chinesen (rechts) Parties feiern. Piktogramm der in Deutschland lebenden chinesischen Künstlerin Yang Liu. Weitere Informationen unter www.yangliudesign.com Die Medien stellen Deutschland also gewollt positiv dar? Ich kann nur für die offiziellen Medien sprechen, das Internet habe ich nicht ausgewertet. Da findet man heute einfach zu viele Beiträge. Die Volkszeitung, mit zwei Millionen Lesern auflagenstärkste Tageszeitung des Landes, spiegelt durch die Nähe zur Regierung die offizielle Politik und Sicht der Regierung wider und prägt so auch die Bürger. Mit welchen Darstellungen beeinflussen die Medien das Deutschland-Bild der Chinesen? Es wird sehr viel und regelmäßig darüber berichtet, wie Deutschland seine Vergangenheit aufarbeitet. Daher ist Hitler der bekannteste Deutsche in China. Unabhängig davon, wird diese Vergangenheitsbewältigung bei uns sehr positiv bewertet und diente in den letzten Jahren als Argumentation gegenüber Japan. Japan arbeitet seine Vergangenheit nicht so klar auf, und so wurde Deutschland als Vorbild präsentiert. Wirkt dieses Vorbild auch auf den chinesischen Umgang mit der eigenen Geschichte? Die Aufarbeitung der Geschichte ist in China heute noch ein schwieriges Thema. Differen-

zierte Meinungen zu Mao Zedong zum Beispiel sind nicht mehr verboten. Allerdings gilt nach wie vor der Grundsatz, dass er und seine Zeit zu 70 Prozent positiv und 30 Prozent negativ bewertet werden. Die deutsche Vorbildfunktion gilt somit also vor allem im Umgang mit anderen Ländern. Die Darstellung hat also politische Hintergründe. Das kann man so sagen. China strebt global eine multipolare Welt an und braucht dabei starke Partner. Da Europa, vor allem Deutschland und Frankreich, ähnliche Ansichten vertreten, hat China großes Interesse an guten Beziehungen zu diesen Ländern. Und deshalb werden diese Länder auch positiv in den chinesischen Medien dargestellt. Welches Bild hatten Sie von Deutschland, bevor Sie das erste Mal hergekommen sind? Für mich war Deutschland ein weltweit führendes Industrieland. Aber als ich das erste Mal herkam, war ich sehr erstaunt von der Landschaft und der Landwirtschaft. Man sah kaum Spuren von Industrie, und die Landschaft wurde so schön gepflegt – damit hatte ich nicht gerechnet. Das Interview führte Falk Hartig Kulturaustausch 1v/07

Foto: privat

Welche Deutschen sind in China am prominentesten? Ich habe Shanghaier Studenten nach den ihnen fünf bekanntesten Deutschen gefragt. Mit 20 Prozent lag Adolf Hitler auf Platz 1, gefolgt von Angela Merkel und Michael Schumacher. Karl Marx kam auf den vierten Platz und mit knapp drei Prozent folgte Goethe. Die Chinesen verbinden mit Deutschland den Zweiten Weltkrieg, tolle Autos, Bier und Fußball.


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Dumm bleiben Tabus in Schulbüchern: in der Schule vermitteltes Halbwissen prägt das Geschichtsbild von Generationen

Abb. aus: Giorgio Negrelli: L’esperienza storica (Palumbo Editore, 1997), S. 255

von Verena R adkau „Tabu“ bezeichnet ursprünglich Dinge, die dem weltlichen Zugriff entzogen und damit „unberührbar“ sind; im übertragenen Sinne dann ein gesellschaftliches Verbot. In zentralisierten Bildungssystemen können die Erziehungsministerien durchaus solche Verbote aussprechen. Dazu gehört zum Beispiel das Leugnen des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Die Bezeichnung als Genozid wird auf der politischen Ebene in der Türkei nach wie vor abgelehnt und ist dementsprechend auch nicht in den Geschichtsbüchern zu finden. Hier kann man in der Tat von einem Tabu sprechen. In Westeuropa allerdings unterliegen Schulbücher keiner Zensur. Auch das in den deutschen Bundesländern (noch) übliche Zulassungsverfahren kann nicht als solche bezeichnet werden. Es handelt sich eher um den Versuch, bestimmte Qualitätsstandards zu wahren und sicherzustellen, dass als gesellschaftlich relevant eingestufte Themen die Schülerinnen und Schüler wirklich erreichen. Zulassungsinstanzen sind die Kultusministerien, welche die Gutachter bestellen. Diese achten auf Lehrplankonformität und die angemessene didaktische Umsetzung der Inhalte, aber auch auf Details der Gestaltung.

Was Bilder erzählen: Abbildung aus einem italienischen Schulbuch von 1997 zum Äthiopienkrieg Kulturaustausch 1v/07

In die Schulbuchmärkte Ost- und Südosteuropas ist nach 1989 Bewegung gekommen. Geldspritzen der EU und der Weltbank haben zu einer Diversifizierung geführt; das Schulbuch ist als Wirtschaftsfaktor erkannt. Auch hier dient staatliche Zulassung in erster Linie der Qualitätssicherung. Gesichert werden soll auch, dass früher vernachlässigte Themen, wie zum Beispiel Menschenrechte oder Genderfragen, in den Schulbüchern verankert werden. Schulbücher entstehen in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext, in dem es Konsens darüber gibt, was – zumindest aus Sicht der Eliten – an künftige Generationen weitergegeben werden soll. Es kann ebenso ein „negativer“ Konsens darüber bestehen, was nicht behandelt werden darf, ohne dass überhaupt Verbote ausgesprochen werden müssten. Es gibt also eine subtile Selbstzensur der an der Produktion von Schulbüchern Beteiligten. Die Frage, ob Schulbücher und gerade Geschichtsschulbücher instrumentalisiert werden, kann man bejahen: Sie vermitteln Selbst- und Fremdbilder, sie machen Deutungsund Orientierungsangebote und sind damit nicht die neutrale Autoritätsinstanz, die auch Lehrer und Schüler in ihnen sehen möchten. Diese Instrumentalisierung kann sowohl selbstkritisch als auch affirmativ sein. Einige Beispiele dazu: In Frankreich wurde der Algerienkrieg jahrzehntelang offiziell verschwiegen oder hinter euphemistischen Formulierungen versteckt. Erst 1999 bekannte sich die Nationalversammlung zu der Bezeichnung „Algerienkrieg“. Dies gab den Anstoß zu einer regen öffentlichen Debatte, die nach 2001 auch die Geschichtsbücher erreichte. Aktuelle italienische Schulbücher blenden Massenerschießungen und Giftgasattacken auf die Zivilbevölkerung während des Italienisch-Äthiopischen Krieges in den 1930er Jahren nicht mehr aus – wie das noch

in den 1950er oder 1960er Jahren geschah; von einer neuen Dimension kolonialer Gewalt ist in diesem Zusammenhang heute sogar die Rede. Weitere Beispiele für Selbstzensur und ihre spätere Aufhebung bietet die Arbeit der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission, an der das Georg-Eckert-Institut in Braunschweig beteiligt ist. Zwar gelang es ihr, auch in Zeiten des Kalten Krieges 1976 offizielle „Empfehlungen“ zur zukünftigen Gestaltung von Geschichts- und Geografiebüchern sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite zu publizieren, die durchaus ihren Zweck erfüllt haben. Bestimmte Themen wie „Vertreibung“ oder der „Hitler-Stalin-Pakt“ konnten jedoch zu diesem Zeitpunkt in Polen nicht beim Namen genannt werden und tauchten in polnischen Geschichtsschulbüchern bis zu den 1990er Jahren nicht auf. Im Jugoslawien Titos wiederum wurde die Ermordung italienischer Zivilisten, zum Beispiel in Dalmatien, in Schulbuchtexten dadurch verbrämt, dass man sie zur gerechtfertigten Verteidigung gegen Faschisten umdeutete. Im heutigen Nachfolgestaat Kroatien dagegen wird die Notwendigkeit, dieses Thema in die Schulbücher zu bringen und sich so einer konfliktiven Vergangenheit zu stellen, diskutiert. Und auch in der anfangs erwähnten Türkei gibt es Bewegung. Was die Politik totschweigt, ist in der Geschichtswissenschaft und in Intellektuellenkreisen durchaus Gegenstand von Diskussionen. In absehbarer Zeit werden diese Impulse nicht mehr abgewehrt werden können und die Inhalte von Geschichtsschulbüchern verändern. Verdrängen, Verschweigen und selbst auferlegte Verbote haben viel mit nationalen Vorstellungen zu tun und sind zählebig. Den eigenen positiven Gründungs- oder Erneuerungsmythos, das nationale Selbstbild als Sieger-, aber auch als Opfervolk infrage stellen zu müssen ist ein äußerst schmerzhaftes Unterfangen, das offensichtlich einem Tabubruch gleicht. Verena Radkau ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig.

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Nach den Rechten sehen

ki“ wurde in den 1990er Jahren unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin geprägt. Mit dieser staatsideologischen Identität sollte Putins Partei versucht, bei der Jugend mit nationalistischen Ideen zu punkten. der Zusammenhalt der Russischen Föderation Nicht überall funktioniert das gefördert werden. Seit dieser Zeit gilt der Begriff „russki“ als Betonung des Nationalismus und wird benutzt, um die russische Mehrheit von den anderen Nationalitäten abzugrenzen. von Olga Sasuchina und Wilhelm Siemers Genau an diesem Punkt möchten Iwan DemiAm 2. Dezember 2007 finden in Russland die ins Parteiprogramm von „Einiges Russland“ dow und die Mutterpartei „Einiges Russland“ ansetzen. Die ethnischen Russen sollen die Dumawahlen statt. Die Zielsetzung für die einbezogen werden. Betraut mit der Leitung und Organisation Führung des Staates übernehmen. Doch die kremlnahe Partei „Einiges Russland“ dabei ist klar: Die Zweidrittelmehrheit im Parlament wurde Iwan Demidow. Der frühere populäre Umsetzung des groß angekündigten Projektes soll verteidigt werden. Dafür setzt die Partei Fernsehmoderator ist heute in der „Jungen scheitert am zunehmenden Selbstbewusstsein auf die Mobilisierung der Jugend. Nur jeder Garde“ Koordinator für ideologische und po- der Regionen gegenüber der Zentrale in MosDritte im Alter von 18 bis 25 Jahren geht bisher litische Arbeit. Er soll eruieren, welche natio- kau. Die Ideen werden dort zwar ausgebrütet, zur Wahl. Das soll sich ändern. nale Gesinnung die russische Jugend hat. Das aber an der Umsetzung hapert es mitunter geVor allem die parteieigene Jugendorganisa- Ziel ist klar, die Mutterpartei „Einiges Russ- waltig. Die Realität vor Ort lässt es kaum zu. tion „Junge Garde“ soll die russischen Jugend- land“ will die jungen Wähler, die als weiche Ulan-Ude ist die Hauptstadt der Republik Burjatien, an der Ostlichen politisch fit machen. Doch anhand der seite des Baikalsees. Jugendarbeit der Organisation wird deutlich, Die „echten“ Russen sollen den Staat dass Ideen, die in der Moskauer Zentrale für 21 dieser nationalen gut befunden werden, in den russischen Regi- führen. Die Regionen sind dagegen Republiken gibt es in der Russischen Födeonen keinesfalls mehr kritiklos übernommen werden. Nationalisten gelten, auf sich einschwören und ration. Sie haben ihre Amtssprache, eine VerBekannt wurde die „Junge Garde“ unter an- somit fünf bis sieben Prozent mehr Stimmen fassung und dürfen sogar einen Präsidenten derem durch Protestaktionen gegen das Nach- gewinnen. wählen. Burjatien hat eine Bevölkerung von Dass Demidow dabei nationalistische und knapp einer Millionen Menschen. Russen, barland Estland. Selbst die Sängerin Madonna machte im letzten Herbst bei ihrem Konzert radikale Glaubenssätze propagiert, stört ihn Burjaten, Ukrainer und Tataren leben friedlich in Moskau Bekanntschaft mit den Aktivisten, nicht. Auch die Einmischung anderer Parteien zusammen. Der Präsident der Republik ist die „Madonna, go home“ skandierten. Beim verbittet sich der Politstratege. „Unser Projekt Russe, doch viele aus der politischen Elite sind Versuch die Jugend zu mobilisieren, schreckt ist eine breite Diskussionsrunde, bei der wir Burjaten. Alles ganz normal im asiatischen die Führung der 50.000 Mitglieder zählenden die Führung übernehmen. Andere Parteien Teil Russlands. Bair Angurow ist Burjate und Organisation auch vor Themen wie Nationa- sind deshalb nicht erwünscht“, sagt der 44- Chef der „Jungen Garde“ in seiner Republik. Vom „Russischen Projekt“ hat er noch nie lismus und Rechtsextremismus nicht zurück. Jährige bei der Vorstellung des Projektes. Die Brisanz des Projektes liegt in der Be- etwas gehört. Doch schon der Titel und die Laut Umfragen sympathisieren 15 Prozent der russischen Jugendlichen mit rassistischen tonung der führenden Rolle der ethnischen Thesen machen den 41-Jährigen nachdenkIdeen. Das Moskauer Sowa-Zentrum schätzt Russen. Das ist Zunder für den Vielvölkerstaat lich. „Ich bin mit Projekten dieser Art immer die Zahl russischer Neofaschisten auf 60.00 Russland. Um den Titel „Russisches Projekt“ sehr vorsichtig“, sagt er. Burjatien sei eine der bis 70.000, das Moskauer Büro für Menschen- besser verstehen zu können, lohnt ein Blick in stabilsten Republiken Russlands. Ethnische rechte spricht von 500.000 meist jugendlichen die Linguistik: In der russischen Sprache sind Konflikte gebe es praktisch nicht. Deshalb zwei unterschiedliche Bezeichnungen für die sollte man die Themen Nationalismus und ExRechtsradikalen. Im Februar 2007 wurde das „Russische Staatsbürgerschaft und die Ethnie vorgesehen. tremismus lieber nicht anrühren. „Damit proProjekt“ ins Leben gerufen. Im Rahmen des Im Deutschen gibt es das Wort „Deutscher“. Es voziert man nur die Aktivitäten jugendlicher Projektes sollen sich die Jugendlichen mit der ist eine Person, die im Besitz eines deutschen Rechtsradikaler“, meint der Lokalpolitiker. russischen Nation auseinandersetzen. Mun- Passes ist. Ein deutscher Bürger mit türkischer Dass Burjaten, die asiatisch aussehen, selbst ter werden von den Mitgliedern der „Jungen Herkunft ist ebenso ein Deutscher. In Russland Opfer von rassistischen Übergriffen werden, Garde“ solche nationalen Phrasen wie „Russ- gibt es einen sprachlichen Unterschied: Mit weiß Angurow gleich zu berichten: Vor drei land nur für die ethnischen Russen“ oder „russki“ wird ein ethnischer Russe bezeichnet. Jahren wurden Mitglieder der burjatischen „Nationalismus als Ideologie“ diskutiert. Die Mit „rossiski“, „Russländer“, ist der Bürger Mannschaft im Bogenschießen in der westErgebnisse der Diskussion sollen schließlich der Russischen Föderation gemeint. „Rossis- russischen Stadt Tula von Russen verprügelt. 78

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Foto: Olga Sasuchina (1), www.molgvardia.ru (2, 3)

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Seither sind die Burjaten sensibilisiert für alle Bestrebungen der Russen, ihre ethnische Überlegenheit den anderen Nationalitäten zu demonstrieren. Und Bair Angurow geht in seinen Überlegungen noch weiter: Anstatt sich in Moskau irgendwelche nationalistischen Projekte auszudenken, solle man lieber von der Nationalitätenpolitik in den Republiken lernen. Vor allem in den westrussischen Städten gebe es Fremdenfeindlichkeit. Viele burjatische Eltern würden lange nachdenken, ob sie ihre Kinder zum Studium in eine größere Stadt im Westen des Landes schicken. „Sie haben Angst, dass ihre Kinder aufgrund ihres nichtslawischen Aussehens angegriffen werden“, erzählt Angurow. Aleksej Schtschepetkin in der westsibirischen Stadt Omsk ist froh, wenn Journalisten auf einen Plausch vorbeikommen. Im Sommer Aleksej Schtschepetkin (Mitte) vertritt Putins sei nichts los im Parteibüro der lokalen „Jungen „Junge Garde“ in Omsk Garde“. Aleksej hält als Vizechef die Stellung, sein Chef ist im Urlaub. „Russisches Projekt? Hier hinter dem Ural haben wir nichts von Die Auswahl der Jungpolitiker übernahm die dem Projekt mit einem so nationalistischen „Junge Garde“, sie organisierte das Planspiel Titel gehört“, sagt der 21-jährige Schtschepet- „Politikfabrik“ in den russischen Regionen. kin. Den Titel des Projektes mag der Student Damit hatten zum ersten Mal junge Leute die nicht. „Das Problem des Nationalismus und Chance, bei richtigen Wahlen zu kandidieren. des Fremdenhasses ist bei uns nicht aktuell“, Einzige Teilnahmebedingung: Die Bewerber meint der Sibirier und lobt den Gouverneur sollen zwischen 21 und 28 Jahren sein. Wie des Omsker Gebiets, Leonid Poleschajew. ein Lauffeuer sprach sich das Projekt herum Dieser verfolge eine Politik, die das friedliche und lockte viele Teilnehmer an. Der Omsker Zusammenleben der Nationalitäten unterstüt- Aleksej Schtschepetkin war auch dabei. „Das ze. Deshalb mache es auch gar keinen Sinn, so ist eine einmalige Chance als junger Mann in ein Projekt in Sibirien durchzuführen. Solche die große Politik zu kommen“, sagt er. Das Projekt „Politikfabrik“ bestand aus zwei Diskussionen würden nur die Gewaltbereitschaft rechtsradikaler Jugendlicher steigern, Runden: Zunächst sollten die Teilnehmer eiist Schtschepetkin überzeugt. Doch die Ideen nen Persönlichkeitsfragebogen ausfüllen und seiner Mutterpartei „Einiges Russland“ und die Die Besten der „Politikfabrik“ bekommen Vorschläge seines Idols, einen Listenplatz für die Dumawahl Iwan Demidow, will er dennoch nicht verdammen. Immerhin mache die „Junge Garde“ auch eine 45 Minuten lange Rede vor der Kamera sehr erfolgreiche Projekte, um junge Menschen halten. Die von einer Jury ausgewählten 20 an die Politik heranzuführen. Gewinner kamen in die zweite Runde. Und Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Politsa- da ging es ans Eingemachte. Die Jungpolitiker wod“ (Politikfabrik). Bereits im April 2006 sollten eine ganze Wahlkampagne auf die Beientschied das Präsidium von „Einiges Russ- ne stellen: Unterstützerunterschriften auf der land“, dass auf den Parteilisten bei den Regio- Straße sammeln, ein Wahlprogramm ausarbeinal- und Dumawahlen 20 Prozent der Kandi- ten, medienwirksam karitativen Institutionen daten Jugendliche unter 28 Jahren sein sollen. helfen und letztlich eine inszenierte FernsehKulturaustausch 1v/07

Demonstration der „Jungen Garde“ in Omsk (oben). Iwan Demidow gibt in Moskau die Linie vor (unten) debatte mit dem politischen Kontrahenten überstehen. Für Aleksej Schtschepetkin hat sich die Mühe gelohnt. „Ich war Kandidat bei der Regionalwahl am 11. März 2007 in Omsk“, erzählt er nicht ohne Stolz. Doch leider habe er kein Mandat im Omsker Gebietsparlament gewonnen. Auch auf die Liste zur Dumawahl wird er fehlen. Nur die Besten der „Politikfabrik“ bekommen einen hinteren Listenplatz der Partei „Einiges Russland“ zugewiesen. Auch wenn nur wenige Jugendliche durch die „Politikfabrik“ den Weg in die große Politik finden, zeigt sich doch, dass die Nachwuchsarbeit der Partei in den Regionen funktioniert. Im Gegensatz dazu verdeutlicht das „Russische Projekt“ zweierlei: Zunächst wird deutlich, dass Nationalismus in Russland ein Thema ist, mit dem Politiker in Moskau versuchen, sich zu profilieren. Allerdings wird ebenfalls klar, dass die Regionen der Zentrale nicht mehr stur folgen und vor Ort entscheiden, welche Aspekte der Politik wie umgesetzt werden können. Diese Entwicklung wird im Westen so kaum zur Kenntnis genommen. Olga Sasuchina, geboren 1984, arbeitet als Journalistin in Omsk. Wilhelm Siemers, geboren 1969, ist Redakteur des Jugendjournals vitamin.de in Omsk.

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EUROPA

Abgestempelt

aber von vielen Staaten nicht anerkannt, angeblich weil er nicht fälschungssicher ist. Aber die irakische Regierung kann in dem Chaos Warum ein deutscher Pass das Leben in Deutschland von US-Truppen und Terrorgruppen nicht nicht unbedingt leichter macht – im Ausland aber schon für alle Iraker einen neuen Pass ausstellen. Außerdem geben 99 Prozent der Länder der Erde einem Iraker sowieso kein Visum. Also, weiterhin illegal und zu Fuß. von Abbas Khider All dies erleben die Iraker in der Zeit der Früher reiste man in einer Kutsche, oder ritt sich viele einen Pass besorgt, um nötigenfalls Schnelligkeit. Oder der Schildkröte? Ich war auf dem Pferd, einem Kamel oder einem Esel. aus dem Irak fliehen zu können. Ab 1991 auch einer von ihnen. Nach vier Jahren Reise Heute aber benutzt man ein Fahrrad, Motor- konnte ein Iraker ein Visum bekommen, aber landete ich als Asylbewerber in Deutschland. rad, Auto, Schiff oder Flugzeug. Die Schnel- nur für drei Länder: Jemen, Libyen und Jor- Ich bekam eine Aufenthaltsgenehmigung ligkeit ist das Markenzeichen der modernen danien. Andere Länder wollten einfach kein und einen blauen Pass mit dem Vermerk: Welt, der allgemein gültigen Vorstellung, die irakisches Gesicht sehen. Das elende Leben „Heimatlos“ und „gültig für alle Länder auWelt sei ein kleines Dorf. Das lernen unsere der Iraker in den benachbarten arabischen und ßer Irak“. Ich war froh, endlich einen Pass zu Kinder heutzutage bereits in der Grundschule. afrikanischen Ländern zwang sie, weiter nach haben, mit dem ich mich frei bewegen konnte. Aber, was man ihnen nicht beibringt: Diese Westen zu fliehen. Ohne Visum, also illegal. Aber dieser Pass machte mich doch nicht Schnelligkeit gilt nicht für alle Menschen, und ganz frei. Vor allem nicht in Bayern. Immer die langsame Zeit der Schildkröte gibt wenn die bayerischen Polizisten diesen Pass es auch noch im 21. Jahrhundert. sahen, musste ich eine lange Liste von Diese Zeit kennt der Westteil Fragen beantworten: „Was machen der Erde nicht, sondern nur Sie hier? Wo wohnen Sie? Was der Osten. Aber wie kommt machen Sie beruflich? Wodas? her kommen Sie gerade…“ Ganz einfach. Wenn zum In Passau, wo ich einige Beispiel ein Deutscher nach Monate lebte, wurde ich Osten umziehen will, fliegt mehrere Male durcher einfach dorthin. Die Reisucht und kontrolliert, besonders in der Nähe se dauert normalerweise einige des Hauptbahnhofs. Stunden. Ein Iraker braucht aber Ein Polizist, der mich normalerweise einige Jahre, wenn er nach bereits mehr als zehn Westen umziehen will. Warum? Der DeutMal kontrolliert hatte, sche lebt in der Zeit der Schnelligkeit, der kannte mich im Laufe Iraker in der Zeit der Schildkröte. Die Zeit der Zeit schon sehr gut. der Schnelligkeit kennt jeder im Westen. Sie Einmal wollte mich ein anfunktioniert mit Pass, Visum und Fahrkarte. Aber in der Zeit der Schildkröte ist das nicht Solche­ derer Polizist kontrollieren. so einfach. Reisen Mein „Privatpolizist“ kam dazu: Ein Iraker hat seit 1980 keine Möglichkeit, dauern ­mit „Lass ihn in Ruhe! Den kennen wir einfach einen Pass zu bekommen. Unter dem dem Flugzeug schon!“ Aber in München habe ich keinen Saddamregime von 1980 bis 1991 durfte ein einige Stunden, illegal aber Bekannten bei der Polizei. München ist eben normaler Iraker nicht reisen. Das wollte die Jahre. Auf dem illegalen Weg gibt es zwei größer als Passau. Deswegen muss ich jedes Regierung so, damit alle beim Militär dienten. Möglichkeiten im Angebot der Schlepper: Mit Mal dieselbe Liste von Fragen beantworten. Reisepass war damals ein Fremdwort in der viel Geld erreicht man das Zielland schnell per Es ist nicht empfehlenswert, in der Nähe des irakischen Alltagssprache. Ab 1991 dann Flugzeug. Mit wenig Geld muss man zu Fuß Hauptbahnhofs oder im Stadtzentrum allein durfte ein Iraker zwar einen Pass haben, aber durch die halbe Welt reisen. Die Mehrheit hat als Schwarzhaariger, mit braunem Gesicht die irakische Regierung verlangte eine Million üblicherweise nicht viel Geld; also geht es zu und schwarzen Augen spazieren zu gehen. Dinar, etwa 1.000 US-Dollar als Verwaltungs- Fuß von Ost nach West. Es ist jederzeit möglich und wahrscheinlich, Seit 2003 kann ein Iraker einen neuen dass dich an der nächsten Ecke ein Polizist gebühr für einen Pass. Damals war das für einen Iraker ein Vermögen. Trotzdem haben irakischen Pass beantragen. Dieser Pass wird kontrollieren will. Und das dauert immer 80

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zwischen 15 und 30 Minuten; und manchmal „Ausweiskontrolle! Ihren Ausweis bitte!“ will er sogar deine Unterwäsche kontrollieren. Ich suchte in meinem Geldbeutel. Dasselbe geschieht auch in anderen Ländern, „Woher kommen Sie gerade?“, fragte mich der erste. ob in europäischen oder arabischen. Auf Urlaubsreise in Damaskus musste ich „Aus Berlin!“ am Flughafen ebenfalls eine lange Liste von Der zweite nahm meinen Ausweis, trat einige Fragen beantworten und dazu zwei Stunden Meter zur Seite und betrachtete ihn genau. auf dem Revier der Sicherheitspolizei warten. Dann telefonierte er. Andere Länder erlaubten keine Einreise mit Währenddessen fragte der Erste: „Sprechen dem blauen Pass, wie Ägypten und die gesam- Sie Deutsch?“ ten Golfstaaten. Gleiches gilt für alle osteuro- „Klar!“ päischen Länder. Damals hatte ich das Gefühl, „Wieso, klar?“ man könne nirgendwohin, weil die Welt wie „Wenn ich Ihre Fragen beantworten kann, „ein kleines Dorf geworden ist“, so eng, dass dann heißt das doch, dass ich Deutsch kann, man nirgendwohin umziehen kann. oder nicht? Außerdem bin ich deutscher Endlich aber, nach langem Papierkrieg mit Staatsbürger.“ den deutschen Behörden, bekam ich die deut- „ Ach so!“ sche Staatsangehörigkeit. Ich machte dann Der zweite kam zurück und gab mir den Ausmeine erste Reise mit meinem neuen deutschen weis zurück. „Danke! Sie können gehen!“ Pass. Ich hatte eine Einladung vom „Zentrum Ich ging und hörte hinter mir lautes Lachen der Kulturen“ in Kopenhagen bekommen, der beiden Polizisten. Vielleicht amüsierten sie um dort bei einer irakischen Kulturwoche sich über den schwarzhaarigen Deutschen mit Gedichte zu lesen. Ich kaufte ein Flugticket dem lustigen ausländischen Akzent? Eigentnach Kopenhagen mit Umstieg in Zürich. Ich lich habe ich kein Problem damit, dass mich reiste ohne jegliches Problem. Die Polizei in deutsche Polizisten auslachen. Mein Problem der Schweiz und in Dänemark hat meinen liegt vielmehr darin, dass ich letztlich nur deutschen Ausweis gesehen und mich einfach einen Wunsch habe: einen Monat in meinem per Handzeichen durchgewunken. Bei meiner In Passau wurde ich so oft kontrolliert, Rückkehr landete ich dass mich die Polizisten bereits kannten auf dem Flughafen München. Der Polizist schaute erst meinen Ausweis, Leben, in dem ich nicht von der deutschen dann mein Gesicht an. Er starrte auf seinen Polizei nach meinem Ausweis gefragt werde. Computerbildschirm und suchte fieberhaft. Für mich ist das kaum vorstellbar! Ich glaube, Wahrscheinlich dachte er, es gäbe einen Feh- ich werde diesen Monat niemals erleben! Trotz allem bin ich froh, dass ich nun zuler im gesamten deutschen System. Die Leute in der Warteschlange hinter mir wandten mindest im Ausland keine Probleme mehr sich inzwischen einem anderen Schalter zu. habe, dass ich nicht mehr in die Zeit der Eine halbe Stunde später gab mir der Beamte Schildkröte gehöre, dass ich einfach keinen wortlos meinen Ausweis zurück. Wenigstens größeren Ärger mit den Beamten der Ausmusste ich keine Fragen beantworten. länderbehörde habe und mich den philosoDer deutsche Pass, stellte ich fest, ist wichtig phischen Fragen der deutschen Polizei stellen für mich, wenn ich außerhalb Deutschlands muss. Stattdessen sehe ich mich einer neuen unterwegs bin. Innerhalb Deutschlands ver- Situation gegenüber, von der ich nicht weiß, änderte er nicht viel in meinem Leben, be- wie ich sie nennen soll. Am treffendsten wohl sonders wenn es um Polizeikontrollen geht. einfach „Idiotismus unserer heutigen Welt“. Vor Kurzem kehrte ich nach einem kleinen Ich bekam eine Einladung von einem Freund. Aufenthalt in Berlin mit dem Zug nach Mün- Wohin? Nach Israel! Mein Freund ist Israeli chen zurück. Am Hauptbahnhof München, am und kam auf die für mich sehr verlockende Bahnsteigende kurz vor dem Ausgang standen Idee, ich könne einige Wochen bei ihm in Tel Aviv verbringen. Ich freute mich riesig, zwei Polizisten. Kulturaustausch 1v/07

endlich Israel und Palästina besuchen zu dürfen. Früher, mit meinem irakischen Pass, war das ein Ding der Unmöglichkeit. Mit dem deutschen Pass dagegen kein Problem, dachte ich. Ich habe viele Bekannte in Israel. Die meisten sind Autoren und Journalisten. In Tel Aviv, so hörte ich, gibt es ein Viertel, wo fast nur irakische Juden leben und zahlreiche irakische Geschäfte und Cafés sind. Und trotzdem kann ich nicht dorthin fliegen. Warum? Wegen der Stempel! Die israelische Flughafenpolizei würde nämlich meinen Pass mit einem Ein- und Ausreisestempel versehen, so wie das bei allen deutschen Besuchern üblich ist. Das hieße aber, für den Fall, dass ich anschließend einmal in den Irak oder ein anderes arabisches Land reisen sollte, dass ich dort ganz schnell und einfach eingesperrt werden könnte und man mir unterstellen würde, für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten. Bis sie dann feststellen würden, dass ich ein ganz normaler Mensch bin und keineswegs ein Spion, könnte das schon ein paar Monate dauern. Ebenso könnte es mir in umgekehrter Weise auch in Israel oder den USA mit einem arabischen Stempel ergehen. Also rief ich meinen israelischen Freund wieder an. Er meinte, dass es außerdem noch ein Problem gäbe. „Was für eins denn?“ „Die Flughafenpolizei wird dir sicher eine Menge Fragen stellen. Du hast zwar einen deutschen Pass, aber das heißt noch lange nicht, dass du ein normaler Mensch für sie bist. Dein Name ist arabisch. Dein Geburtsort ist Bagdad. Dein Aussehen! Und dann noch mit deutschem Pass! Das alles auf einmal ist für die Beamten und Polizisten bei uns zu viel!“ Also verzichtete ich auf die Einladung und beschloss, auf eine neue Welt zu warten, in der wir keine Stempel brauchen. Dann werde ich alle Länder besuchen, die ich heute – wie viele andere Menschen – nicht so ohne Weiteres sehen kann. Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, lebt seit 2000 als Schriftsteller in Deutschland. Zurzeit wohnt er in München.

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Wirkung lässt sich feststellen Von Ute M. Metje welche interessen verbinden sie mit dem Projekt? tung“vonstrukturen,Programmen,Projekten,theWelcheKriterienhabensieselbstfürdenErfolgoder menoderProzesseninunterschiedlichstenBereichen, Misserfolg?DieletzteFragestelltdenBezugzurethwieinderEntwicklungspolitik,imgesundheits-und nologischenPerspektivedar,dieeineidealehaltung Bildungswesen und im Kultursektor. Evaluationen für die Erfordernisse von Evaluationen im KultursindsomitabhängigvomKontext(Wassollwiebebereichbietet.sierücktdiesichtweisederakteure wertetwerden?)undvomzweck(Wergibtdenauftrag inszentrum,beschränktsichnichtaufeineEbene, mitwelchenzielen?).BereitshierwirddasProblem sondern lässt Vertreter aller Funktionsebenen und deutlich,dennKulturundderenBewertung,dieimBerufsgruppeneinesunternehmens,einerinstitution, Ute M. Metje, geboren 1956, merauchaufeineKosten-nutzen-analyseabzielt,sind einesProgrammsoderProjektszuWortkommen.Die ist Ethnologin und Kulturwiskeinekongruentengrößen.Derkulturellesektorhat Übertragung und systematische Berücksichtigung senschaftlerin. Sie ist Privatvielmitsubjektivität,mitFreiheitundVielfaltzutun, derDatenausdenverschiedenenPerspektivenund dozentin an der Universität wenigerdagegenmitbetriebswirtschaftlicherKosteninteressen heraus, macht die stärke und besondere Bremen und Mitbegründerin des bremer instituts für kulturnutzen-rechnung. Die Frage lautet, inwieweit sich QualitätderMethodeaus. forschung (bik). Merkmalefindenlassen,umdieWirkungvonKulBeispiel:ineinemkulturellenProjektgingesum turprojektenund-programmenimengerensinnezu diesensibilisierungvonJugendlicheninBerufsschubewerten,undwelcherolleökonomischeaspektedabeispielen. leninhinblickaufgewaltfreiheitsowiereligiöseundsprachliche seitjeherhaftetEvaluationeneindoppeltercharakteran,denn Vielfalt.Expliziteszielwaresdabei,zunächstdiesessozialtraining siewerdensowohlzursicherungderarbeitsqualitätalsauchals zuimplementierenunddafürzusorgen,dassdieschülerregelmäßig Kontrollinstrument eingesetzt. Diese doppelte Funktion macht teilnahmen. implizite ziele waren das aufzeigen von KonfliktEvaluationen so brisant, weil sie immer auch ausdruck eines lösungsstrategien und der abbau von gewaltbereitschaft. Dabei politischenProzessesseinkönnen.MomentanboomtderEvaluati- setztendieimplizitenzielezunächstdieregelmäßigeteilnahme onsmarkt,unddielukrativitätvontheatern,MuseenoderEvents voraus.Diebesondereherausforderunglagdarin,Methodenund stehtnunebenfallsaufdemPrüfstand,dadieöffentlichenKassen Kriterienzuentwickeln,anhandderersichVeränderungeninnerer leersind.DaraufsolltesichdiePraxisjetzteinstellen,denntrotz haltungen messen lassen. Das gesamte Projektsetting legte eine allerverständlichenskepsisundgebotenensensibilitätsindEva- ethnographischausgerichteteEvaluationnahe,inderdieJugendluationenauchimKulturbereichdurchführbar.sichevaluierend lichen in verschiedenen abständen regelmäßig befragt wurden. demKultursektoranzunähern,heißt,neueVerfahrenzuentwickeln zugleichkonntendurchdieteilnehmendeBeobachtungwährend undmiterprobtenMethodenzuexperimentieren,diedennocheine desunterrichtsdiePerspektivenvonschülernundlehrernerhoben systematischeBewertungmöglichmachen. werden.informellegespräche,FeedbackrundensowiedieteilnahKultur ist nicht in die gängigen Kriterien und Verfahren zu meanlehrerkonferenzenbrachtenfundierteErkenntnisseüberdie pressen.FlexibilitätistdahereinenotwendigeVoraussetzungfür akzeptanzundWirkungdessozialtrainings.indiesemFallwaren eingezieltesunddifferenziertesEvaluationsdesign.zentraleFragen daspassgenaueEvaluationskonzeptsowiedieMethodenvielfaltentund Kriterien, die noch vor Beginn der Evaluation, im idealfall scheidend,umdieangestrebtenzieleangemessenzubewerten. partizipativ, also mit allen Projektbeteiligten erörtert werden inBezugaufdieWirtschaftlichkeitvonKulturmusszukünftig sollten,sindfolgende:Definierendergütekriterien:nützlichkeit, dieFrageaufgeworfenwerden,wasunsKulturüberhauptwertist. Durchführbarkeit,Fairnessundgenauigkeit.Weristdiezielgruppe undwelcherolleEinflussgrößenwieKreativität,zufriedenheit,gerespektive,wassollerreichtwerden?hatsichdasProjektrealistische sellschaftskritiksowiegemeinschaftsbildungspielen?Mitanderen ziele gesetzt? Welche Veränderungen können realistischerweise Worten:WelcheKriterienzurBewertungvonKulturbrauchenwir, erwartetwerden,undinwelchemzeitrahmen? auchwennsiesichnichtgeldwertausdrückenlassen?Dassinddie WelchessinddieKriterienfürQualität,Output,Outcomeoder besonderenherausforderungenanEvaluationenimKultursektor. die Wirkung des „Produkts“? Welche rolle spielen betriebswirtschaftliche aspekte? Wer sind die verschiedenen akteure, und

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Foto: Eduard Raab

Im engsten Sinne desWortesmeintEvaluation„Bewer-


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Kulturprozesse sind nicht planbar von Horst Harnischfeger

Foto: Goethe-Institut

In der Geschichte derauswärtigenKulturpolitik(aKP)

der teilnehmer an sprachkursen des goethe-instiin Deutschland wurde immer wieder der ruf nach tuts“stehen.Dielassensichzwarleichtzählen,doch einerEvaluationindiesemPolitikfeldlaut.aberer istnichtausgemacht,dasseinsolcher„Erfolg“auch wurdenichtgehört,schiendochmitderKameralisdem abstrakteren ziel wirklich dient. trotz dieser tikeininstrumentgegeben,mitdemdieMinisterien nichtauszuräumendenschwierigkeitensollteindem eine hinreichende Kontrolle über die Verwendung Bemühen,diezuverfolgendenzielemöglichstklarzu der Mittel hatten. Dabei werden die zuschüsse im definieren,einwesentlicherFortschrittgegenüberden haushaltsplanfürjeweilseinJahrineindetailliertes bisherigenPraktikengesehenwerden. systemderzweckbestimmungen(vonBüromaterial hinsichtlichderEvaluationsmethodensolltevon Horst Harnischfeger, geboren bis Musikveranstaltungen) gegliedert. Der zuweneinem weiten Feld der Möglichkeiten ausgegangen 1938, war von 1976 bis 1996 dungsempfänger darf (von unterschiedlich großen sowie 2003 Generalsekretär werden, um eine aussagekräftige Pragmatik zu Margenabgesehen)dieausgabenansätzenichtüberentwickeln.insbesonderesolltemanbeikulturellen des Goethe-Instituts. Er lehrt schreiten. nachWirtschaftlichkeitoderEffektivität an der Universität Konstanz Projekten eine Evaluation im sozialwissenschaftAuswärtige Kulturpolitik. derMittelverwendungwirdindiesemsystemnicht lichensinne,beiderzahlenalseinzigentscheidendes gefragt.indenletztenJahrenistinsoferneineneuelaErfolgskriteriumgelten,vermeiden.Bewertungenim geeingetretenalsdiegeldgebendenMinisteriendabei kulturellenBereichsolltenkeinereineKosten-nutzen sind,dieKameralistikzugunsteneinerBudgetierungzuverlassen. abwägung sein, bei der teilnehmer oder Publikum hinsichtlich Danacherhältderzuwendungsempfängereinegesamtsummefür ihrerErfahrungenoderEinstellungenbefragtwerden,diedurch dasjeweiligehaushaltsjahrundwirdverpflichtet,mitdiesemgeld dieaktionenderaKPverursachtsind.Vielwichtigeristdieregelbestimmtevereinbartezielezuerreichen.Dieszwingtdiebeteilig- mäßige Beobachtung der aktivitäten auf Basis von indikatoren, tengeldgeberundMittlerorganisationenzueinerDefinitionder dieunmittelbarvondenMittlerorganisationeneingesetztwerden zieleundzurEntwicklungeinesinstrumentariums,mitdemderen (teilnehmerzahlen, intensität von Kursen, Medienberichte vor, Erreichunggemessenwerdenkann.DiezentraleideebeiderBud- währendundnachkulturellenEreignissen,teilnehmerbefragung). getierungbestehtdarin,dassdadurchdiewirtschaftlicheEffizienz DadieinterneBeobachtungundBerichterstattunggegenüberden dereingesetztenMittelerheblichgesteigertwerdenkann.Esgibt geldgebernnichtdiealleinigeEvaluationsmethodebleibenkann dabeizweiProbleme,diebishernurinansätzengelöstsind:Die unddiesozialwissenschaftlichenuntersuchungenlangwierigund DefinitionderzieleunddieFestlegungderinstrumente,mitdenen teuersind,sollteauchhäufigeraufexternensachverstandzurückgeihreErfüllunggemessenwerdensollen.indiesemFeldlauerneine griffenwerden.Dieindenhochschulenweithinangewandtenund reihevonschwierigkeiten,jasogarFallen: inzwischenbewährtenMethodenderEvaluierungdurch„Peers“ Die abstraktesten ziele (zum Beispiel „das ansehen Deutsch- könnteauchimBereichderaKPgenutztwerden,indemetwadas lands“) können als gegenstände in einer Evaluation gemessen Kulturprogramm eines instituts im ausland von sachkundigen werden.nursinddieEinflussfaktorenbeidiesemgegenstandder Personenausdiesemlandbewertetwird.BeiallenBemühungen Messungsozahlreichundkomplex,dasseineursächlichezurück- umEvaluationendarfnichtübersehenwerden,dassalleProgramme führungeinerVeränderungaufdieaKPnichtmöglicherscheint. undEinrichtungenaufMenschenbezogensind,diesienutzenund andersalsbeimnaturwissenschaftlichenExperimentkönnenim mitihnenzusammenwirken.EshängtvonderenfreienWillenund gesellschaftlichenlebenEinflussfaktorennichtausgeschlossenwer- spezifischeninteressenlageab,wassiedarausmachen.Erstinfolge den.DeshalbgehendieMinisterienundMittlermitrechtdenWeg, dessenkannetwasPositivesfürDeutschlandentstehen–odereben zieleaufeinerniedrigerenEbenederabstraktionzudefinieren. auchnicht.alsakteureindiesemBereichsolltenwirbescheiden aberauchhierkannmaningefährlichezirkelschlüssegeraten.sie bleibenundwissen,dasswireinerfürdieEmpfängergutensache bestehendarin,dassbeiderFormulierungvonzielenderenMess- dienen,dievielleichtauchgutfürdaslandist.MitEvaluationen barkeitschonmitgedachtwird.aufderzweitenabstraktionsebene allerartkönnenkeinegarantieundkeineinzahlenauszudrückenkönnteetwadasziel„Förderungderdeutschenspracheimausland“ deErfolgsbilanzgeliefertwerden,wohlabereineständig erscheinen.indernächstenabstraktionsstufekönnte„Vermehrung erneuerteundverbesserteaktionspalette.

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Forum

Warm-up im Club Med Am Mittelmeer wird erstmals eine gemeinsame europäische Außenkulturpolitik sichtbar

von Isabel Schäfer gazin „Mediterraneo“, das in verschiedenen Mittelmeerländern ausgestrahlt wurde. ZivilgesellschaftIrakkrieg – politische Spannungen mit der islamischen Welt haben nach der Jahrhundertwende zugenommen liche Akteure in die Beziehungen zwischen der EU und den südlichen und östlichen Mittelmeerländern und bedrohen die Stabilität und Sicherheit im Mittelmeerraum. Dort, wo das Bollwerk der „Festung Euroeinzubeziehen war ein großes Novum. Bis zu diesem pa“ weiterausgebaut wird, gewinnt der interkulturelle Zeitpunkt wurden die kulturellen Initiativen fast nur Dialog als strategische Komponente der Partnerschaft auf bilateraler Ebene zwischen einzelnen EU-Mitgliedstaaten und einzelnen südlichen und östlichen mit den Ländern des südlichen und östlichen Mittelmeerraums immer mehr Bedeutung. VertrauensgeMittelmeerstaaten realisiert. Mit der Euro-MediterIsabel Schäfer, geboren 1967, winn durch wissenschaftlichen und kulturellen Aus- ist Politikwissenschaftlerin an ranen Partnerschaft werden nun auf europäischer tausch zwischen den Mitgliedern der EU auf der einen Ebene kulturelle Programme und Aktivitäten mit der FU Berlin. Für ihre und Marokko, Tunesien, Algerien, Ägypten, Israel, Drittländern verwirklicht. Dissertation „Vom Kulturkonflikt zum Kulturdialog?“ Libanon, Syrien, Jordanien, den palästinensischen Die Erklärung von Barcelona von 1995 benennt erhält sie den Rave-ForschungsAutonomiegebieten und der Türkei auf der anderen „Kultur“ erstmals und explizit als zentralen Bereich preis 2007. Seite gehört zu den Zielen der Euro-Mediterranen der Zusammenarbeit. Die Initiative, die kulturelle Partnerschaft (EMP), die 1995 mit einer Erklärung in Dimension in die Partnerschaft aufzunehmen, ging Barcelona ins Leben gerufen wurde. vor allem von französischen und spanischen Diplomaten, KulturakDie EMP, auch Barcelona-Prozess genannt, ist das bislang um- teuren und der Europäischen Kommission aus. Dem Konzept liegt fassendste Regionalkonzept der EU für den Mittelmeerraum. Sie be- neben entwicklungspolitischen Zielen und der politischen Ambition, steht aus drei Bereichen: einer Politischen- und Sicherheitspartner- politische Reformen, Pluralismus, kulturelle Vielfalt und Freiheit in schaft, einer ökonomischen und finanziellen sowie einer kulturellen der Region fördern zu wollen, auch der Versuch zugrunde, einen und sozialen Partnerschaft. Zentrales Ziel ist es, Frieden, Stabilität kulturellen Dialog mit der arabisch-islamischen Welt zu führen. und Wohlstand im Mittelmeerraum zu fördern. Die Beziehungen Darüber soll indirekt der Prozess der eigenen kulturellen Identitätszwischen den einzelnen EU-Mitgliedstaaten und den Ländern des formulierung gefördert, der politische Integrationsprozess der EU südlichen und östlichen Mittelmeerraums sind sehr heterogen. Bis unterstützt und inhaltlich neu ausgefüllt werden. In der Auseinanheute besteht im Mittelmeerraum aufgrund historischer Erfah- dersetzung mit dem südlichen und östlichen Mittelmeerraum gilt rungen großes Misstrauen gegenüber europäischen Initiativen. es, das eigene Verhältnis zu Religion, Staat und Menschenrechten zu Eine Mittelmeerpolitik der EG/EU existiert erst seit den 1970er klären. Auch der institutionelle Integrationsprozess wird durch die Jahren. Die kulturelle Dimension der europäischen Politik im kulturelle Partnerschaft indirekt vorangebracht, da Kompetenzen Mittelmeerraum ist seitdem stetig gewachsen. Im Rahmen der neu definiert und verteilt werden. Immer wenn die EU interne inssogenannten MED-Programme konstituierten sich ab 1990 erste titutionelle Fortschritte macht, entstehen neue Impulse für die Miteuro-mediterrane Netzwerke im Kultur- und Medienbereich und telmeerpolitik. Andererseits zwingen die politischen, ökonomischen realisierten gemeinsame Projekte. Beispielsweise organisierte das und kulturellen Entwicklungen im Mittelmeerraum die EU zu rearegionale Netzwerk „Journalism in the Eastern Mediterranean: gieren und ihre Politik ständig neu zu formulieren. Für die EU ist eine gemeinsame Außenkulturpolitik eine große Strategy, Training, Organisation, Networks“ mit Sitz in Amman Fortbildungen und Austauschprogramme für Journalisten aus dem Herausforderung. Insbesondere seit der Debatte über die europäSüden und euro-mediterrane Koproduktionen wie das Fernsehma- ische Verfassung und der Arbeit des europäischen Konvents versucht 84

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Foto: privat

Nahostkonflikt , 11. September, Antiterrorkampf oder


Forum

Europa sich als eine gemeinsame Kulturlandschaft zu definieren und zunehmend gemeinsam nach außen aufzutreten, ohne jedoch kulturelle Differenzen zu verwischen. In einer globalisierten Welt wird kulturelle Außendarstellung immer wichtiger. Die EU verfügt erst über sehr wenige Instrumente einer gemeinsamen Außenkulturpolitik. Kultur ist weiterhin ein Thema, bei dem die EU-Mitgliedstaaten möglichst wenig Souveränität an Brüssel abgeben möchten. Auch wenn eine gemeinsame Außenkulturpolitik offiziell (noch) nicht existiert und auch nicht vorrangiges Ziel der Euro-Mediterranen Partnerschaft ist, betreibt die EU hier doch de facto seit 1995 eine Form von kultureller Außenpolitik gegenüber den südlichen und östlichen Mittelmeerländern. Die arabisch-islamische Welt wird im europäischen Identitätsfindungs- und Integrationsprozess als kulturelles Abgrenzungsmodell benutzt. Die EU betreibt eine ambivalente Mittelmeerpolitik, indem sie einerseits „Europäer“ und „Araber“ auf kultureller Ebene ermutigt, gemeinsam eine euro-mediterrane Identität zu konstruieren, aber andererseits auf politischer Ebene eine reale und klare Grenze im Mittelmeerraum zieht. Während die kulturelle Partnerschaft konzeptionell ein geeignetes Instrument ist, um die freie Zirkulation von Ideen, Werten und kulturellen Produkten im Mittelmeerraum zu fördern, wird die Mobilität von Individuen in der Region durch restriktive Visapolitik und Einreisebeschränkungen massiv eingeschränkt und die „Festung Europa“ ausgebaut. Es existieren verschiedene außenkulturpolitische Ansätze der europäischen Staaten, die sich aus komplexen historischen Prozessen entwickelt haben und über spezifische Charakteristika verfügen. Die bisherigen Beziehungen zwischen einzelnen EU-Mitgliedstaaten und südlichen Mittelmeeranrainern sind eher partikularer und bilateraler Natur. Mit der kulturellen Partnerschaft betreibt die EU nun eine Art „post-souveräne Politik“, zwischen globaler und nationalstaatlicher Politik. Trotz der Differenzen arbeiten die nationalen Kulturinstitute zunehmend in Drittländern zusammen, wie zum Beispiel bei der Gründung eines deutsch-französischen Kulturzentrums in Ramallah. Das Verständnis, nicht nur als Vermittler einer „Kulturnation“ zu agieren, sondern im weiteren Sinne als Vermittler einer, wenn auch künstlich konstruierten, europäischen Kultur, findet sich nicht nur in den Delegationen der Europäischen Kommission, sondern auch unter den kulturellen Repräsentanten der einzelnen EU-Mitgliedstaaten vor Ort. Die kulturpolitischen Kompetenzen der EU haben sich schrittweise im europäischen Integrationsprozess erweitert. Während zu Anfang der EG eine gemeinsame innereuropäische Kulturpolitik noch undenkbar schien, gehört sie heute zum EU-Alltag. In gleichem Maße wuchs die Bedeutung der kulturellen Beziehungen in der EUAußenpolitik. Heute nehmen Drittstaaten an EU-internen Kulturund Wissenschaftsprogrammen teil. So wurde das TEMPUS-Programm zur Förderung der Zusammenarbeit von Universitäten und Kulturaustausch 1v/07

Mobilität von Akademikern auf die Mittelmeerländer ausgeweitet. Bi- oder trinationale Kooperationen von europäischen Kulturinstituten in Drittländern nehmen zu. Diskutiert wird die Idee eines europäischen Hauses oder europäischen Kulturinstituts, das alle EU-Mitgliedstaaten in seinem Gebäude versammeln würde. Die kulturellen Aktivitäten der EU in Drittländern sind eng verbunden mit der Suche nach einer europäischen kulturellen Identität, nach Inhalten und Werten, welche die EU nach außen vermittelt. Kulturelle Referenzen, die in diesem Kontext regelmäßig verwendet werden, sind unter anderem Rationalität, Freiheit, Recht, Pluralismus, Demokratie und Respekt der Menschenrechte. Durch die Interaktion mit den südlichen und östlichen Mittelmeerstaaten im Rahmen der Euro-Mediterranen Partnerschaft kristallisiert sich heraus, was den kulturellen Konsens der EU ausmacht. Doch indem Kultur nach innen Identität erzeugt, stiftet sie nach außen Fremdheit. Das Gleiche gilt für die islamisch geprägte Welt. Umso vorsichtiger und differenzierter muss kultureller Austausch realisiert werden.

Die arabisch-islamische Welt wird im Identitätsfindungsprozess Europas als kulturelles Abgrenzungsmodell benutzt Die kulturpolitischen Aktivitäten der kulturellen Partnerschaft sind eine neue innovative Generation von Kulturprogrammen, die Vorbildfunktion für die Zusammenarbeit mit anderen Drittregionen haben. Mit dem Regionalprogramm „Euromed Heritage“ beispielsweise fördert die EU ein Bewusstsein für Kulturerbe im Mittelmeerraum. Die Zusammenarbeit von Kulturakteuren aus dem Norden und dem Süden wird mit Projekten wie „Museum ohne Grenzen: Discover Islamic Art in the Mediterranean“ gefördert. Die EU gibt den Rahmen vor; diesen nutzen die Kulturakteure und entwickeln eigene Definitionen. Diese sind vielschichtig und verweisen mehr auf die kulturelle Vielfalt als auf eine konstruierte kulturelle Homogenität oder verbindende Elemente. Die Geschichte der Missverständnisse zwischen Europa und der arabisch-islamischen Welt ist lang. Medien sind an der Erzeugung von verzerrten Bildern und gegenseitigen Vorurteilen erheblich beteiligt. Mit dem Regionalprogramm „Euromed Audiovisual“ unterstützt die EU die Entwicklung der Medienlandschaften in den Mittelmeerländern sowie Medienprojekte, die sich bemühen, gegenseitige Vorurteile abzubauen. Neben diesen Programmen wächst die Zahl gemeinsamer Kulturprojekte der europäischen Kulturinstitute, in Zusammenarbeit mit den Delegationen der Europäischen Kommission. Die Tatsache, dass die Delegationen selbst zunehmend Aufgaben übernehmen, die denen der traditionellen Kulturinstitute und Kulturattachés der Botschaften entsprechen, zeugt von einer Europäisierung der Außenkulturpolitik. So gibt es heute in den meisten Delegationen einen EU-Beamten oder einen „Cultural and Information Officer“, der 85


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kulturelleaktivitätenwieFotoausstellungenoderdieunterstützung lokalerKulturprojekteorganisiert.auchdieanna-lindh-stiftung fürdenDialogzwischendenKulturenbasiertaufderideeeines „netzwerksdernetzwerke“. DieaußenkulturpolitischenaktivitätenderEustoßenjedoch auchangrenzen,einerseitsaufgrundinternerschwierigkeiten (inhaltlicher,institutionellerundfinanziellernatur;nationalstaatlichesDenkenundhandeln,KonkurrenzderEuropäeruntereinander),andererseitsdurchexterneschwierigkeiten(globalisierung,kulturelleOmnipräsenzderusa,kulturellezensurin arabischenstaaten,praktischeProblemeimProjektmanagement). DiestrukturelleasymmetrieindenKulturbeziehungenzwischen EuropaunddemsüdlichenundöstlichenMittelmeerbleibtbestehen.DasEngagementderstaatlichenwiefreienKulturakteureaus densüdlichenundöstlichenMittelmeerländerninderkulturellen Partnerschaftbleibtvergleichsweisegering.Demgegenübersteht derpolitischeunwillederEu-Mitgliedstaaten,Kompetenzenin kulturellenFragenandieEuabzugeben.gleichzeitignutzendie Eu-staatenaberdas„systemEu“,indemsiesichEu-Mittelund -strukturenzueigenmachenundsoihrenationalenaußenkulturpolitiken,auchimrahmenderEuro-MediterranenPartnerschaft, weiterverfolgen.aufgrundderregionalenVorgaben(jezweiPartner ausdemnordenunddemsüden)dermeistenProgrammewirddies jedochzunehmenderschwertundnichtnurdieregionaleintegrationzwischennordundsüdimMittelmeerraumgefördert,sondernauchdiezusammenarbeitzwischeneuropäischenPartnern unddamiteuropäischeintegration.angesichtsderfinanziellen zwänge,denendienationalenKulturinstituteunterliegen,wächst dasinteresseandiesenKulturprogrammen.DieMehrheitderfreienKulturakteureinEuropaistdagegeneuropaskeptischundlehnt eineoffiziellegemeinsameeuropäischeKulturpolitikeherab.im sinnedessubsidiaritätsprinzipsistesdeshalbfraglich,obdieEu

teurehabensichdenEuromed-rahmenzueigengemachtunddas MittelmeeralskulturellerBezugspunkthateineEigendynamik entwickelt.DurchdiePartnerschaftwurdengemeinsameregeln geschaffen,zumBeispieldieregelmäßigenmultilateralentreffen aufverschiedenenEbenen.DieEuromed-außenministerkommen jährlichzusammen;FachministerundhoheBeamtetreffensichin unterschiedlichenintervallen.DieletzteEuromed-Kulturminister-Konferenzfand1998statt,einegemeinsameBildungsministerKonferenz2007inÄgypten.Diebeteiligtenakteureentwickeln einenBezugzumeuro-mediterranenrahmenundversuchen,gemeinsameinteressenzudefinieren,wiezumBeispieldenErhalt desmateriellenundimmateriellenKulturerbesimMittelmeerraum, denschutzderFilmproduktionenvoramerikanischerMedienomnipräsenz,oderverbessertearbeitsbedingungenundMobilitätfür Kulturschaffende.EinErfolgderkulturellenEMPist,dassakteure ausverschiedenenBereichenundEbenenindenProzesseingebundenwerden,ausdemökonomischen,politischenundkulturellen Bereich,aufregierungsebeneundnichtstaatlicherEbene.neue netzwerkesindentstanden,bereitsexistierendewurdengestärkt odersindgewachsen,auchwennweiterhinvielseitigeEinschränkungenderMobilitätfürPersonenundkulturelleWerkeexistieren. zahlreicheausbildungsprogrammeundFortbildungenfandenstatt, audiovisuelleProjektemitMittelmeerbezugwurdenunterstützt. insgesamtwirddiekulturelleDimensionderBeziehungenimMittelmeerraumöfterthematisiert. DieMittelmeerpolitikderEugegenüberdensüdlichenund östlichennachbarländernwirdimmerdifferenzierterundschließt immermehrPolitikbereicheein,darunternunauchdiekulturelle zusammenarbeit.DieEuro-MediterranePartnerschafthatzurinstitutionalisierungeinereuropäischenkulturellenaußenpolitikbeigetragen.indiesemrahmenkommenakteureausdeneuropäischen MitgliedstaatenunddensüdlichenundöstlichenMittelmeerländern nunregelmäßigzusammen.Esmussweiterhinumstrukturiert,intensiviertundverbesDie Asymmetrie in den Kulturbeziehungen sertwerden,aberdenansatzderregionalen zwischen Europa und dem südlichen und östlichen zusammenarbeitzugunstenderbilateral, Mittelmeerraum bleibt bestehen eurozentristischkonzipierteneuropäischen einegemeinsameaußenkulturpolitikbrauchtoderdiesenichtlieber nachbarschaftspolitikaufzugebenwäreeinpolitischerVerlustund denEu-Mitgliedstaaten,regionen,Kommunenundvorallemden eineabsageandenVersuch,eineanspruchsvolleeuropäischePolitik nichtstaatlichenakteurenundMittlerorganisationenüberlassen aufallenEbeneninderregiondesMittelmeerraumszubetreiben. soll.Dochsicherist:WenndieEualsglobalerakteuraktivwird insbesonderedasBeispielderkulturellenPartnerschaftbelegt,dass undüberzunehmendeaußenpolitischeKompetenzenverfügt,muss dieKulturbeziehungeneinenwichtigenBeitragfürdieVerbesserung sieauchdiekulturelleDimensionihreraußenpolitischenEntschei- despolitischenKlimasundderBeziehungenzwischenEuropaund dungenundMaßnahmenstärkerberücksichtigen. denislamischgeprägtenMittelmeerdrittländernleistenkönnen.Mit auchwenndiebisherigenErgebnissederkulturellenPartner- derzunahmederaußenpolitischenKompetenzenderEuwachsen schafthinterden1995proklamiertenzielenzurückblieben,sind auchihreaußenkulturpolitischenziele.DiekulturelleEuro-MeindenletztenzwölfJahrendochvermehrtkulturelletransnatio- diterranePartnerschaftistderBeginneinergemeinsamen nalenetzwerkeimMittelmeerraumentstanden.DieKulturak- außenkulturpolitikderEuimMittelmeerraum.

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Kulturaustausch1v/07


Pressespiegel

Spiele am Strand

Super-Kunstsommer 2007

Neue Weltwunder

Russland richtet 2014 die Olympischen Winterspiele in Sotschi aus.

Biennale in Venedig, Documenta, Skulptur Projekte Münster und Art Basel luden diesen Sommer ein.

„Sieben Weltwunder der Neuzeit“ wurden per Internet ermittelt und in Lissabon verkündet.

Russland hat seinen koreanischen Kontrahenten mit finanziellem Einsatz und Sportdiplomatie bezwungen, hat IOC-Mitglieder besänftigt und das Beste aus Putins enormer politischer Schlagkraft und Gazproms finanziellem Beistand gemacht. (…) Um die zunehmend raue und unerbittliche internationalen Wirklichkeit besser zu meistern, müssen zwischenstaatliche Diplomatie und auswärtige Politik gestärkt werden.

Nur alle zehn Jahre stehen die Planeten der Kunstwelt in einer Konstellation, die einer gesellschaftlichen Sonnenfinsternis gleichkommt. Künstler, Kritiker, Kuratoren, Sammler und Sterngucker der Kunstwelt beginnen nächste Woche eine Pilgerreise durch Europa, denn vier der weltweit bekanntesten Kunstereignisse treffen glücklich zusammen.

Jordanier werden den 7. Juli 2007 immer als den Tag in Erinnerung behalten, an dem ihre geliebte antike Felsenstadt Petra zu einem der neuen Sieben Weltwunder gekürt wurde. (...) Die Chinesische Mauer, das Kolosseum in Rom, Brasiliens Erlöser-Statue Christi, Perus Machu Picchu, Mexikos Chichen Itza Pyramide und Indiens Taj Mahal wurden zu den übrigen sechs Wundern der Welt ernannt.

Rob Sharp in THE INDEPENDENT (London) vom 09.06.2007

THE KOREA TIMES (Seoul) vom 05.07.2007

Eine Abstimmung kann man sich künftig sparen. Kampagnen ebenfalls. Wer an den Olympischen Spielen interessiert ist, muss nur einfach eine Summe nennen. Jens Weinreich in BERLINER ZEITUNG (Berlin) vom 06.07.2004

Diese Wahl verändert das Modell der Austragungsorte. Künftig ist es nicht mehr notwendig, den Schnee nahebei zu haben, um Winterspiele auszurichten. Für die nächsten könnten sich auch Málaga oder Almería bewerben (...). Oder Barcelona, das dank der nahen Pyrenäen zur ersten Stadt werden könnte, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele austrägt. Juan Mora in AS (Madrid) vom 06.07.2007

Es war wohl auch ein bisschen arg naiv zu glauben, man könne in einer globalisierten Sportökonomie mit so etwas wie dem olympischen Gedanken allein punkten. Das Salzburg-Konzept von authentischen und überschaubareren Spielen war aus finanzieller Not geboren und vielleicht auch gut gemeint. Mehr nicht.

Foto: Bilderbox

Thomas Neuhold in DER STANDARD (Wien) vom 04.07.2007

Das letzte Mal hat unser Land so gejubelt, als Gagarin in den Weltraum flog. KOMSOMOLSK AJA PRAWDA (Moskau) vom 06.07.2007

Kulturaustausch 1v /07

Das ist ein mittelmäßiges Jahr für die Documenta. Liegt es daran, dass viele gute Künstler auf der 52. Biennale in Venedig sind, die zur gleichen Zeit stattfindet? (...) Von Raum zu Raum wartet das Publikum auf die Überraschung, und sie kommt nicht, oder so selten. Nicolas Mavrikakis in VOIR (Montréal) vom 02.08.2007

Auf der großen europäischen Kunstreise sind die Skulptur-Projekte Münster das Baby: die kleinste, jüngste, bescheidenste und am wenigsten herausgeputzte der internationalen Ausstellungen. (...) Im Gegensatz zu den anderen kommt sie leise und ohne Macken daher, widmet sich den Stimmen der Künstler in gleichem Maße, wie Venedig und Documenta die Souveränität der Kuratoren betonen. Roberta Smith in THE NEW YORK TIMES vom 29.06.2007

Abdul Jalil Mustafa in ARAB NEWS (Dschidda) vom 09.07.2007

Die „Gewinner” wurden durch völlig unzulässige Methoden ermittelt – den Vorlieben von Millionen von Menschen, die online für ihren Lieblingskandidaten stimmten, der – raten Sie mal – sich gewöhnlich als Gebäude des eigenen Landes oder der Region entpuppte. Etliche Länder mit aussichtsreichen Kandidaten kurbelten ihre Regierungs-PR und Vermarktungsmaschinerie an und drängten ihre Bürger, als Gebot des Nationalstolzes ihre Stimme abzugeben. Marcel Berlins in THE GUARDIAN (London) vom 11.07.2007

Das größte Wunder dieses Wettbewerbs war seine Organisation. (…) Einer privaten Firma gelang es, ohne irgendeine Hilfe von nationalen oder internationalen Organisationen, eine internationale Abstimmung zu koordinieren, die 100 Millionen Menschen fesselte. Ein Wettstreit, den manche albern finden mögen, hat 1,6 Prozent der Weltbevölkerung zur aktiven Teilnahme verleitet.

Noch immer spricht man von der Documenta als der größten Kunstschau – ein frommer Wunsch der altgläubigen Kunstwelt. Mit ihren fünf Ausstellungshallen und 113 Künstlern verblassen ihre Zahlen vor der Art Basel, wo heuer 300 Galerien 2000 Künstler gezeigt haben. Und zwar nur erste Sahne. (...) Die Kunstmesse ist inzwischen zum Kanon-Index aufgestiegen. Öffentliche Ausstellungen dagegen machen sich allenfalls noch nützlich als staatlich subventionierte Talentschuppen.

„Dieser Wettstreit wird den Wert der Pyramiden nicht schmälern. Sie sind das einzige wirkliche Wunder der Welt“, beharrt Zahi Hawass, Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung. Der Wettbewerb habe „keinen Wert“, weil „die Massen keine Geschichte schreiben“.

Beat Wyss in SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (München) vom 03.07.2007

Nevine El-Aref in AL-AHRAM (Kairo) vom 12.07.2007

P. Mandravelis in KATHIMERINI (Athen) vom 12.07.2007

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Hochschule

Ein Gespräch mit dem Pädagogen Michel Foaleng über Lehrer und Schulreformen in Kamerun

Lücke. Was etwa vor zwanzig Jahren in Europa wissenschaftlich entdeckt wurde, kommt erst jetzt als Schulwissen zu uns. So bleiben wir rückständig. Warum? Wir sind selber kaum oder gar nicht an Wissensproduktion beteiligt, weil uns dazu die Forschungseinrichtungen fehlen. Außerdem haben wir keine vernünftige Bildungspolitik, kein Management für das Schulwesen.

Dr. Michel Foaleng lebt in Bandjoun/Kamerun, wo er am „Institut Supérieur de Pédagogie“ arbeitet.

Herr Foaleng, Sie leiten seit vier Jahren das „Institut Supérieur de Pédagogie“ in Mbouo-Bandjoun in Kamerun, das die Lehrerausbildung reformieren will. Können Sie die typische Schulbildung in Kamerun beschreiben? Vom ersten Schultag an wird das Kind aufgefordert, alles zu vergessen, was es aus der Familie mitbringt. Es muss Französisch oder Englisch sprechen, als Werte gelten europäische Werte. Ein Beispiel? Was mir persönlich passierte: Ich war in der zwölften Klasse, wir nahmen in Physik ein Gesetz von Newton durch. Da fragte ich den Lehrer: „Wo kann man das anwenden?“ Er sagte: „Das brauchst du nicht zu wissen. Die Weißen haben alles schon entdeckt. Du musst das nur aufschreiben.“ Wir sehen die Welt mit der Brille des auswendig gelernten Wissens und werden nicht dazu aufgefordert, dieses Wissen weiterzuverarbeiten oder gar infrage zu stellen. Zwischen Schulwissen und wissenschaftlichem Wissen klafft eine große 88

Sie haben vor einem Jahr die ersten zwölf Studierenden aufgenommen. Was werden Sie ihnen beibringen? Wir setzen auf die Entfaltung des persönlichen Potenzials des Lernenden statt auf Memorisation. Die Lehrer sollen das, was sie im Klassenraum erzählen, in Verbindung mit dem Dorf- oder Stadtalltag des Kindes bringen. Das ist vielleicht ein großartiger Traum, und es kann sein, dass es Generationen dauert. Aber dahin wollen wir. Im Moment haben wir zu viele Schulabgänger, die nach zwölf Jahren Unterricht zu nichts fähig sind. Woran liegt das? Man wird zur Schule geschickt, damit man am Ende Schreibarbeit im Staatsapparat oder einer Behörde leistet. Aber Ende der 1980er Jahre hat der Staat aufgehört, Leute anzuwerben. Es gibt keine Industrie, keine Arbeitsmöglichkeiten, so dass sich die Leute selbst eine Arbeit schaffen müssen. Man findet Uniabsolventen als Straßenhändler. Das ist Geld-, Hoffnungs- und Potenzialverschwendung. Ihr Institut erarbeitet auch neues Lehrmaterial. Die Lehrbücher der Grundschule werden angeblich von Kamerunern geschrieben, aber das trifft nur zur Hälfte zu. Sie werden immer in „technischer Kooperation“ konzipiert, meis-

tens von französischen Inspektoren. In den Büchern finden sich zwar Bilder des Landes, aber nicht immer positive. Das Dorf hat eher ein negatives Image im Vergleich zur Stadt. Die Kameruner Stadtmodernität ist dann wiederum nur ein Nachbild der Modernität einer ausländischen Stadt. Welches Wissen soll denn Ihrer Meinung nach vermittelt werden? In den vorhandenen Büchern fehlt das indigene Wissen. Plötzlich sind junge, moderne Intellektuelle Experten geworden. Ältere Menschen mit Lebenserfahrung kommen nicht vor. Dieses verstummte Wissen, das langsam ausstirbt, muss verarbeitet werden. Das bedeutet nicht, dass jetzt die Dorfältesten Schulbücher schreiben sollen. Ihr Institut wird vom evangelischen Entwicklungsdienst in Bonn finanziert. Sollte die Lehrerausbildung nicht eine staatliche Sache sein? Der Staat ist momentan nicht in der Lage dazu. Die sechs staatlichen Universitäten können nicht alle Studienbewerber aufnehmen – und es mangelt an Platz für die bereits Immatrikulierten. Den zwei pädagogischen Hochschulen (eine allgemeinbildende und eine technische) fehlt die Kapazität, genug Lehrer auszubilden. Trifft der Satz „L’argent des blancs, c’est facile“ – „Ans Geld der Weißen kommt man leicht“ – also zu? Der Satz ist natürlich etwas sarkastisch. Aber es gibt viele Organisationen oder Institutionen, die am liebsten einen Antrag nach Europa schicken. Sie wissen, dort gibt es viel Geld und es reicht, wenn ich eine Mainstreamidee wie Gender oder Umweltschutz gut verpacke und am Ende einen schönen Bericht schreibe. Könnten Sie private kamerunische Förderer finden? Es gibt zwar eine große Armut in Kamerun, aber auch Leute, die viel Geld haben. Es würde sie nicht umbringen, wenn sie uns jährlich mit 1.000 oder 10.000 Euro fördern würden. Wir erarbeiten gerade ein Konzept, an diese Leute heranzukommen. Das Interview führte Nikola Richter Kulturaustausch 1v /07

Foto: Nikola Richter

„Die Weißen haben schon alles entdeckt“


Hochschule

Episoden des Schmerzes Wie Bagdader Hochschüler ihren Alltag mit der Kamera festhalten

Fotos: hometownbaghdad.com (1), Hertie School of Governance (2)

von William Billows Auftrag der amerikanischen Firma NextNext Entertainment für die NGO-Internetplattform Chat the Planet produziert. NextNext Entertainment ist eine mehrfach ausgezeichnete, internationale Mediaproduktionsfirma, mit Sitz in New York. Gegründet wurde sie von den Kulturaktivistinnen und Dokumentarfilmemacherinnen Laurie Meadoff und Kate Hillis. Chat the Planet sieht sich als sogenannte Global Dialogue Company. „Wir möchten junge Menschen aus der ganzen Welt in den Dialog Der Student Adel zeigt den Ort, an dem ein Kommilitone bringen“, so ihr erklärtes Ziel. durch Raketensplitter starb Die Bagdader Studenten wiederMan könnte meinen, die Welt ist in Ordnung: um versuchen auf unterschiedliche Art und Adel, Ausama und Saif studieren, gehen ins Weise, den Wahnsinn zu stoppen: indem sie Schwimmbad, treffen sich mit Freunden. Sie weitermachen, den Alltag aufrechterhalten. sind Anfang Zwanzig. Doch sie wohnen in „Man kann sich in Bagdad einer Miliz oder Bagdad, einer Stadt, in der das Leben alles einer Band anschließen“, erklärt Adel in einer andere als normal ist – Anschläge, Leichen auf den Straßen, Detonationen auf dem Campus. Die drei jungen Männer haben ihren Alltag Lernen von Professor Preuß mit der Kamera in der Hand festgehalten. Das Somalia, Haiti, Liberia oder Ganze ist seit Kurzem in Episoden im Internet Kosovo: auch innerhalb als „Hometown Baghdad“ zu sehen – drei neue der Staatengemeinschaft Folgen pro Woche – eine Reality Soap im Netz. gibt es ein Prekariat. In der „Brains on Campus“ lautet der makabere Titel UNO-Charta ist indes das einer der Kurzfilme: Er zeigt den IngenieurModell der souveränen Studenten Adel bei einem Spaziergang über Gleichheit aller Staaten das Universitätsgelände, zu dem Platz, an niedergelegt. Ist es noch dem ein Student von Raketensplittern tödlich zeitgemäß? Machen glogetroffen wurde: „Er starb hier, Teile seines bale Herausforderungen Gehirns lagen verstreut herum“, kommentiert wie Aids, Staatszerfall, Terrorismus oder KlimaAdel. Der Dekan sei ermordet worden, sagt er, wandel neue Formen globalen Regierens und eine „es gibt extremistische Gruppierungen, die es Neufassung des Völkerrechts notwendig? Fest auf Studenten und Lehrpersonal abgesehen steht: Der Kosovo-Plan der UNO würde, wenn er haben.“ Ein Freund habe eine Niere verloren, sich umsetzen ließe, einen Staat minderer Souein anderer ein Bein. Der 23-jährige Student veränität schaffen – und der internationalen GeFady Hadid hat hometownbaghdad.com im Kulturaustausch 1v /07

anderen Szene. Er hat sich für das Letztere entschieden: Zu schweren Heavy-Metal-Klängen intoniert seine Band „Songs of Pain“. Konkret geht es in ihnen um Krieg und Zerstörung. Geradezu unschuldig schön dagegen ist eine Episode, welche die jungen Männer beim Baden zeigt. Sie nutzen das Schwimmbad einer Villa in einem der reicheren Viertel der Stadt. Die Bewohner haben sich längst ins Ausland abgesetzt. Planschen, mitten im Unglück – die Szenerie wirkt, als würden hier GroßstadtTwens ihrem Schicksal ein Schnippchen schlagen. Auf den Boden der Tatsachen kommt der Zuschauer allerdings mit „Abdullah Leaves“: Die Folge zeigt den letzten Abend unter Freunden, nachdem einer von ihnen die Koffer gepackt hat, um ins Exil aufzubrechen. Spätestens hier wird klar, wie brüchig das Netz der Freundschaften für die Mittelklasse-Jugend in Bagdad ist: Wer weg kann, der geht. Nach Amman oder Damaskus. Dass Bagdad kein Ort ist, um sich zu amüsieren, weiß jeder. Mit den Video-Clips erfahren die Zuschauer viel über den schwierigen Alltag der Menschen im Irak. Darüber, wie es ist, in einem Bürgerkrieg mit der Gewalt zu leben und täglich Freunde zu verlieren. Die Kamera wandert über die Flure der Uni. Am Schwarzen Brett hängt ein „Abschlusszeugnis für einen verstorbenen Studenten“. „That’s reality! Welcome to Baghdad!“, beendet Adel seinen filmischen Rundgang.

meinschaft mehr Verantwortung aufbürden. Ich plane einen Kurs über die rechtlichen Formen von Global Governance. Hat sich bereits ein Sondervölkerrecht für einzelne Staatenkategorien entwickelt, etwa gegenüber „gescheiterten Staaten“, die ihre Bevölkerungen nicht vor Krisen schützen können? Welche Interventionsmöglichkeiten hat die internationale Gemeinschaft? Ist die Schaffung eines Protektorats zulässig? Wir werden den Diskurs in verschiedenen Rechtskulturen sowie bi- und multilaterale Verträge untersuchen. Und vielleicht ein Idealmodell für verantwortliches globales Regieren herausarbeiten. Ulrich K. Preuß lehrt Demokratietheorie an der Hertie School of Governance in Berlin.

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Kulturprogr amme

Seit über zehn Jahren baut die Arab Image Foundation (AIF) im Libanon das größte Fotoarchiv des Nahen Ostens auf. Ein Interview mit dem Gründer Akram Zataari

Akram Zaatari wurde 1966 in Beirut, Libanon, geboren und studierte dort Architektur. Er ist Gründungsmitglied der Arab Image Foundation.

Negative aufbewahrt, das ist ein unglaublicher Fundus für uns.

Die Arab Image Foundation hat über 15.000 Fotos gesammelt. Was sind das für Aufnahmen? Die Bilder stammen aus der Zeit von 1860 bis 1970 und sind aus dem gesamten Mittleren Osten und aus Nordafrika: Palästina, Syrien, Ägypten, Irak, Iran, Marokko und aus der libanesischen Diaspora in Argentinien, Mexiko, Senegal. Wir sammeln kommerzielle Fotos – Porträts, die im Studio gemacht wurden – und private Aufnahmen von Hochzeiten, Kindern, Beerdigungen.

Was hat er fotografiert? Auf einer Porträtserie sieht man junge Erwachsene, die von der libanesischen Armee eingezogen worden sind. Dann gibt es Aufnahmen mit Männern, die stolz ihre Gewehre in die Kamera halten. Das war in den 1970er Jahren, als es den Palästinensern offiziell erlaubt war, sich zu bewaffnen. Außerdem gibt es Fotos, die ich unter der Überschrift „Spaziergänge“ zusammenfasse. Sie sind wie eine soziologische Studie über das Freizeitverhalten der Libanesen in den 1950er und 1960er Jahren. Die Menschen flanieren im Park unter Orangenbäumen oder laufen über Betonbrücken. Man war draußen mit der Familie – das hat sich geändert, seit man im Libanon auch tagsüber Fernsehen empfangen kann.

Wie finden Sie die Fotos? Durch Reisen. Ich war in Ägypten, Syrien, Jordanien und habe Studios besichtigt oder mir private Familienalben angeschaut. In Saida, einer kleinen Stadt im Südlibanon, habe ich den Fotografen Hashem Al Madani kennengelernt. Er ist heute 79 Jahre alt und hat 1953 ein Studio im Shehezerade-Filmpalast in Saida eröffnet. Madani hat 12.000

Gibt es einen Widerspruch zwischen dem islamischen Bilderverbot und der Fotografie? Der Islam – das sind Araber, Perser, Türken, Kurden. Sie hatten immer schon unterschiedliche Haltungen zum Bilderverbot, zu der Vorstellung, dass der Mensch im Gegensatz zu Gott nur geometrische Muster erschaffen darf. In einigen sehr konservativen Gegenden in der arabischen Wüste gab es zwar Wider-

stände gegen die Fotografie, weil man dachte, ein Foto von der Ehefrau sei so schlimm, wie ohne Schleier das Haus zu verlassen. Aber Fotos werden mechanisch hergestellt. Man hat sie dem Bereich der Wissenschaft zugeordnet, nicht dem der bildenden Kunst, insofern gab es im Islam keinen Konflikt zum Bilderverbot. Sultan Abdul Hamid, der Ende des 19. Jahrhunderts über das Osmanische Reich herrschte, hat die Fotografie sogar sehr gefördert. Wie kam die Fotografie in die arabische Welt? Die Europäer haben in den 1850er Jahren angefangen, biblische Orte oder archäologische Stätten zu fotografieren. Teilweise haben sie Studios eröffnet. Die Araber waren erst Assistenten, dann begannen sie, selbst zu fotografieren. Es gab einen richtigen Foto-Boom, besonders nachdem die Armenier von der Türkei in die arabischen Länder gegangen sind. Sieht man Unterschiede zwischen Bildern von europäischen und arabischen Fotografen? Nein. Die Profi-Fotografen haben wohlhabende Araber, Beduinen, Derwische und Landschaften mit Dörfern fotografiert – Bilder, die als Souvenirs an Touristen verkauft wurden. Welchen Stellenwert hat die Fotografie heutzutage in der arabischen Welt? Leider keinen hohen. Viele Fotografen werfen ihre Sammlungen weg, wenn sie ihr Studio schließen. Deshalb haben wir die AIF gegründet. Wir wollen Fotos als Dokumente der Zeit erhalten. In unserer Zentrale gibt es Räume, in denen wir die Bilder nach internationalen Standards konservieren. Solche Bedingungen findet man nicht einmal bei großen arabischen Zeitungsverlagen. Was geschieht mit den Bildern der Arab Image Foundation? Wir organisieren Ausstellungen auf der ganzen Welt. Langfristig planen wir eine Art Museum in Beirut, in dem unsere Sammlungen für Besucher zugänglich sein sollen.

Eine Fundgrube an Bildern: Hashem Al Madanis Studio in Saida, Libanon 90

Das Interview führte Carola Hoffmeister Kulturaustausch 1v /07

Foto: Randa Shaath (1), © Akram Zataari, Arab Image Foundation (2)

Orangenbäume und Betonbrücken


Kulturprogr amme

Anstiftungen zur Demokratie Ideologische Grenzen zählen nicht: In der Auslandsarbeit wollen alle politischen Stiftungen dasselbe – Demokratie fördern

von Christine Müller Als weltweit einzigartige Einrichtungen gelten die deutschen politischen Stiftungen. Auf der einen Seite gehen sie mit den Grundsätzen ihrer „Mutterparteien“ konform. Auf der anderen Seite betonte das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil von 1986 die satzungsmäßige und organisatorische Unabhängigkeit der Stiftungen. Diese ermöglicht ihnen bei der Arbeit im Ausland oftmals einen größeren Spielraum als den Botschaften, die sich vorsichtiger bewegen müssen. In Zeiten des weltweiten Zusammenwachsens erhalten auch Konflikte eine offensichtlicher internationale Dimension. Die politischen Stiftungen leisten dabei mit ihrer Auslandsarbeit einen nicht zu

unterschätzenden langfristigen Beitrag zur Konfliktprävention: Demokratieförderung ist das große Schlagwort, unter dem sich ihre Arbeit subsummieren lässt, das heißt Regierungs- und Parlamentsberatung, Parteienförderung, Stärkung der Zivilgesellschaft, Forschungsförderung. Als älteste der Stiftungen wurde die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) 1925 gegründet, die jüngste im Bunde ist die PDS-nahe RosaLuxemburg-Stiftung (RLS, gegründet 2000). Formalrechtlich gelten die Stiftungen als Nichtregierungsorganisationen (NRO). Größtenteils werden sie jedoch aus staatlichen Mitteln finanziert. Im Jahr 2005 belief sich der Gesamthaushalt der sechs Stiftungen auf

rund 356 Millionen Euro. Etwa die Hälfte des Etats fließt in die Auslandsarbeit der Stiftungen. Zehn Prozent hiervon finanziert das Auswärtige Amt, den Großteil aber das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung macht sich im Besonderen für Unternehmerverbände stark. Gewerkschaften und freie Medien werden von der FES unterstützt. Heinrich-Böll-Stiftung (Die Grünen) und RLS arbeiten vor allem mit zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen. Rechtsstaatlichkeit wiederum steht im Zentrum des Engagements der Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP). Die Hanns-Seidel-Stiftung (CSU) konzentriert sich auf den selbstständigen Mittelstand. Siehe auch: Dr. Miriam Egger, Die Auslandsarbeit der politischen Stiftungen zwischen Entwicklungs- und Transformationskontext – Eine Untersuchung der Tätigkeit der FriedrichEbert-Stiftung in Lateinamerika und Osteuropa – eine Studie zum organisationalen Lernen http://www.diss.fu-berlin.de/2007/98/

Was politische Stiftungen im Ausland bewegen. Nachgefragt in Brasilien: Reiner Radermacher, Friedrich-Ebert-Stiftung (FES): Wir sehen uns als Wissensvermittler.

Dr. Thomas Fatheuer, Heinrich-Böll-Stiftung (HBS): Es überrascht sicher nicht, dass wir

Es ist ja nicht so, dass wir eine Straße bauen, die dann nach einigen Monaten beendet ist. Unsere Arbeit ist langfristig angelegt. Wir brachten etwa das Staatsministerium für Jugendfragen und Vertreter von Jugendorganisationen zusammen, daraus entstanden Leitlinien zur Jugendpolitik.

den Arbeitsschwerpunkt Ökologie haben. Wir zeigen, dass es zu Großprojekten wie Staudämmen und Atomkraftwerken Alternativen gibt. Die Idee ist nicht, das Modell „grüne Partei“ in die Welt zu schicken. Wir arbeiten zu grünen Themen, aber wir machen keinen Parteiaufbau.

Rainer Erkens, Friedrich-Naumann-Stiftung (FNSt): Auf Grund unseres Budgets arbeiten

Dr. Wilhelm Hofmeister, Konrad-AdenauerStiftung (KAS), Rio de Janeiro: Ohne Parteien

wir nur mit Eliten, die bereits in Amt und Würden sind. Denn wir brauchen ja Leute, die das, was sie bei uns lernen, an andere weitergeben.

funktioniert Demokratie nicht, das heißt, es ist manchmal schwierig zu entscheiden, mit wem man zusammenarbeitet. Manche Vertreter der Regierung mussten vor einigen Jahren wegen korrupter Machenschaften ihr Amt niederlegen, heute sind sie wieder mit von der Partie. In Deutschland wird immer sehr stark in Rechts-Links-Kategorien gedacht. So etwas funktioniert hier nicht, das ist zu deutsch gedacht. An unseren Seminaren neh-

Kathrin Buhl, Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS):

Wir kooperieren vor allem mit NROs, oftmals mit solchen, die aus der Landlosenbewegung stammen.

Kulturaustausch 1v /07

men durchaus auch Personen teil, die in der „Partei der Arbeiter“ organisiert sind, die typischerweise eher FES-nah ist. Erkens (FNSt.): Wir arbeiten nicht mit Parteien zusammen, die politisch links zu verorten sind. Die überlassen wir dann den Kollegen der FES, der HBB oder auch der RLS. Was sollte denen vermittelt werden? Von Privatisierung halten die nichts. Buhl (RLS): Wir würden, wie in Deutschland auch, nicht mit Gruppen zusammenarbeiten, die rassistische, sexistische oder demokratiefeindliche Inhalte vertreten. Die Kontakte zu den anderen Stiftungen sind gut. Erkens (FNSt.): Mit den Stiftungen sind wir immer in Kontakt. Wir kommen uns aber nicht ins Gehege, jeder hat seine Lieblingspartei, -NRO und auch Lieblingsthemen.

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Impressum

Termine

Impressum

Ausstellung: Neugierde wecken statt Ängste vor der Globalisierung zu schüren – das beabsichtigt die 4. Ars Baltica Triennale der Fotokunst mit der Ausstellung „Don’t worry – be curios“. Themen wie die Instrumentalisierung von Religion oder die Konstruktion nationaler Identitäten sollen anhand von Fotografien, Videos und Installationen aus den baltischen Anrainerstaaten dargestellt werden. Die Ausstellung ist vom 12.10.2007 bis zum 20.01.2008 im Pori Art Museum in Pori, Finnland, zu sehen und wird von Culture 2000 der Europäischen Union und der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Weitere Informationen unter: http://www.arsbalticatriennial.org

Kunstfestival: Die „Illustrative“ präsentiert vom 29. November bis 9. Dezember 2007 in Paris eine Werkschau renommierter Illustratoren. Weitere Informationen unter: www.illustrative.de

Herausgeber: Institut für Auslandsbeziehungen Generalsekretär Prof. Dr. Kurt-Jürgen Maaß Chefredaktion: Jenny Friedrich-Freksa Redaktion: Falk Hartig, Ralf Oldenburg, Nikola Richter Mitarbeit: Johanna Barnbeck, William Billows, Evi Chantzi, Elise Graton, Karola Klatt, Claudia Kotte, Sebastian Kubitschko Redaktionsassistenz: Birgit Hoherz, Christine Müller Gestaltung: Oliver Kleinschmidt, Heike Reinsch Schlussredaktion: Gabi Banas Redaktionsbeirat: Theo Geißler, Verleger, Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrates, Regensburg

KULTURAUSTAUSCH – Zeitschrift für internationale Perspektiven erscheint vierteljährlich mit dem Ziel, aktuelle Themen der internationalen Kulturbeziehungen aus ungewohnten Blickwinkeln darzustellen. Autoren aus aller Welt tauschen sich über Wechselwirkungen zwischen Politik, Kultur und Gesellschaft aus. Die Zeitschrift erreicht Leser in 146 Ländern. Ein Schwerpunktthema in jeder Ausgabe fokussiert die wachsende Bedeutung kultureller Prozesse in der globalisierten Welt. Kulturaustausch wird vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und dem ConBrio Verlag in Public Private Partnership herausgegeben und durch das Auswärtige Amt finanziell unterstützt. Das Institut für Auslandsbeziehungen engagiert sich weltweit für Kulturaustausch, den Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermittlung außenkulturpolitischer Informationen. Als führende deutsche Institution im internationalen Kunstaustausch konzipiert und organisiert das ifa weltweit Ausstellungen deutscher Kunst, fördert Ausstellungsprojekte und vergibt Stipendien. Das Institut für Auslandsbeziehungen bringt Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in internationalen Konferenzen und Austauschprogrammen zusammen und unterstützt die zivile Konfliktbearbeitung. Es engagiert sich in vielfältigen Projekten mit nationalen und internationalen Partnern wie Stiftungen und internationalen Organisationen. Die ifa-Fachbibliothek in Stuttgart, das Internetportal www.ifa.de und die Zeitschrift Kulturaustausch gehören zu den wichtigsten Informationsforen zur Außenkulturpolitik in Deutschland. 92

Redaktionsadresse: Linienstr. 155 10115 Berlin Telefon: (030)284491-12 Fax: (030)284491-20 Email: kulturaustausch@ifa.de www.ifa.de Leserbriefe: leserbrief@ifa.de Objektleitung: Sebastian Körber Institut für Auslandsbeziehungen Charlottenplatz 17 70173 Stuttgart Tel. (0711) 2225-0 Fax: (0711) 2264346 Email: info@ifa.de Verlag: ConBrio Verlagsgesellschaft mbH Brunnstr. 23 93053 Regensburg Telefon: (0941) 945 93-0 Fax: (0941) 945 93-50 Email: info@conbrio.de Lithographie: Kartenhaus Kollektiv Regensburg

Michael Häusler Auswärtiges Amt, Berlin

Druck: Aumüller Druck Regensburg

Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun Redaktionsleiter SWR International, Stuttgart

Anzeigenakquise: Elke Allenstein Telefon: 0163/2693443 Email: allenstein@conbrio.de

Cord Meier-Klodt Auswärtiges Amt, Berlin Dr. Peter Münch Süddeutsche Zeitung, München Dr. Hazel Rosenstrauch, Publizistin, Berlin Dr. Claudia Schmölders Kulturwissenschaftlerin Humboldt-Universität zu Berlin Prof. Dr. Olaf Schwencke Präsident der Deutschen Vereinigung der Europäischen Kulturstiftung für kulturelle Zusammenarbeit in Europa, Berlin

Abonnement und Vertrieb: PressUp GmbH Telefon: (040) 41448466 Email: conbrio@pressup.de Postvertriebszeichen: E 7225 F ISSN 0044-2976 KULTURAUSTAUSCH erscheint vierteljährlich. Bezugspreis pro Jahr (4 Hefte): 20 Euro und Zustellgebühr. Preis Einzelheft: 6 Euro. Bestellungen über den Verlag oder den Buchhandel.

Ilija Trojanow Schriftsteller

Kulturaustausch 1v /07


Leserbriefe / KOMMENTAre

Schwierige Reformen 3/2007 – Toleranz und ihre Grenzen In Ihrem sehr guten Artikel „Goldene Regel“ nennen Sie das Prinzip der Wechselseitigkeit als Goldene Regel des menschlichen Zusammenlebens. Sicher ist Ihnen schon aufgefallen, dass in der islamischen Literatur diese Wechselseitigkeit nicht vorkommt, beziehungsweise sich nur auf „Brüder“, also auf Muslime bezieht. Im Koran findet sich kein einziger Vers, der dem von Konfuzius oder Matthäus nah kommt. Daher ist es für den Islam auch schwierig, Reformen zu vollziehen. Ihrer abschließenden Schlussfolgerung, dass trotz einer Trennung von Staat und Religion die

religiöse Substanz des Islam bewahrt werden könne, möchte ich widersprechen. Das Propheten-Vorbild impliziert eben jenen politischen Herrschaftswillen, und der Koran gebietet in Sure 2:193 zu kämpfen, bis der Glaube an Allah da ist und alle Verführung zum Unglauben aufgehört hat. Das ist ein Problem, dem sich die kritisch-historische Koran-Exegese stellen muss. Wie man in der FAZ („Die neue Weltunterordnung“) nachlesen kann, existiert eine solche Herangehensweise an die heiligen Texte des Islam in der arabischen Ulema bis heute nicht, wiewohl einige islamische Gelehrte auch bei Habermas und Adorno studiert haben. Andreas Widmann, Hannover

Gelungene Ausschreibung Zum Wettbewerb „Das schönste ABC der Welt“ Eine ganz tolle und längst fällige Idee. Viel Spaß beim Zusammenstellen, wir freuen uns schon sehr auf dieses einmalige ABC. Eckhard Keller, Ludwigshafen

Leserbriefe bitte an: leserbrief@ifa.de Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe gekürzt wiederzugeben.

Kulturaustausch zuletzt erschienene Hefte: 3/2007 Toleranz und ihre Grenzen

2/2007 unterwegs – wie wir reisen

1/2007 Was vom Krieg übrig bleibt

4/2006 Made in India – Was wir von Indien lernen können

3/2006 Die Zukunft der Stadt – Explodieren Schrumpfen Konkurrieren

2/2006 China – auf dem Weg nach oben 1/2006 Fernbeziehungen – Kommen wir zusammen?

zu bestellen bei conbrio@pressup.de Weitere Informationen unter www.ifa.de Kulturaustausch 1v /07

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Köpfe

Mission Muh

Böses Blut

Nach der Machtergreifung der Roten Khmer

1975 flieht die Familie Truong nach Vietnam, wo Hi-Khan Truong 1977 geboren wird, gelangt dann in ein Flüchtlingslager bei Bangkok und 1979 nach Deutschland. 2001 bereist der als selbstständiger Artdirector arbeitende Hi-Khan Truong erstmals Kambodscha. Zufällig gelangt er in die Region um Phnom Chiso und hält dort spontan eine Unterrichtsstunde vor einheimischen Kindern ab: „Ich konnte beobachten, wie sie hochmotiviert und mit viel Interesse meinen Worten lauschten.“ Nach dieser Erfahrung gründet er Anfang 2002 die Hilfsorganisation „Sorya“. Ziel ist es, die Bildung, die gesundheitliche Versorgung und die Wirtschaft in der 60 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Phnom Penh gelegenen Region voranzutreiben. Gelingen soll dies mit verschiedenen Projekten innerhalb eines begrenzten Aktionsgebietes. Das erste Projekt war ein Schulbau. Kurz darauf wird Mission Muh ins Leben gerufen: die Aufzucht einer Kuhherde, von deren Beständen einzelne Tiere an hilfsbedürftige Familien per Losverfahren als Leihgabe vergeben werden. Gebärt die Kuh ein Kalb, darf die Familie es als Lohn für ihre Mühen behalten und hat damit die Möglichkeit,

sich eine eigene Herde zu ziehen. Der Aufbau einer traditionellen Seidenmanufaktur wird ab 2008 ein weiteres Glied in der Hilfskette bilden. „Die Reaktionen sind grundsätzlich enorm positiv.“ Trotzdem ist sich der heute Dreißigjährige darüber im Klaren, dass „man mit einer zu starken westlichen Einflussnahme auch viele wertvolle Eigenarten das Landes zerstören kann.“ Alte Traditionen im sozialen Umgang miteinander sind in den ländlichen Gegenden Kambodschas noch tief verwurzelt. Aus Deutschland kommt daher nur die von ehrenamtlichen Mitarbeitern ausgearbeitete Strategie. Ausgeführt und initiiert werden die Projekte von einem Mitarbeiterstamm, der zum Großteil aus ehemaligen Absolventen der von „Sorya“ gegründeten Schule besteht.

Lerato Tsebe kämpft für bezahlbare Medikamente für HIV-Infizierte in Südafrika. Die 23-Jährige arbeitet für die „Treatment Action Campaign“. „Mit Medikamenten kann das Risiko einer HIV-Übertragung von der Mutter auf das Kind um die Hälfte verringert werden. Wir koordinieren die Forschung für kostengünstige Medikamente.“ Jeder fünfte Erwachsene ist infiziert, ebenso 200.000 Kinder. „Die Bekämpfung von Aids ist also eine Zukunftsfrage für mein Land.“

Von Bagdad nach Berlin Martin Kobler ist der neue Leiter der Kultur- und Kommunikationsabteilung im Auswärtigen Amt. Der 54-jährige Stuttgarter ist Jurist und ein Kenner der islamischen Welt. Zuletzt war er Botschafter in Bagdad, davor von 2003 bis 2006 Botschafter in Kairo. „Ein ‚Dialog der Kulturen‘ als politisches Konzept läuft Gefahr, in Beschwörungsritualen zu enden. Viel wichtiger ist eine ‚Kultur des Dialogs‘, um unsere Interessen, Aufgaben aber auch Probleme offen miteinander zu besprechen“, sagt Kobler, der sich darauf freut, ab Herbst 2007 wieder in Berlin zu sein.

Doppelt hält besser Afrikas Musikgedächtnis Bereits als Sechzehnjähriger

tanzte Wolfgang Bender zu den damals aktuellen Rhythmen in Nigeria, wo er in den 1960er Jahren zur Schule ging. Die Begeisterung für moderne afrikanische Musik hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Heute leitet er das seit 1991 existierende African Music Archive am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Universität Mainz. Tausende von Schellack- und Vinyl-Platten, Audiokassetten und CDs gehören dort mittlerweile zum Bestand. Und doch ist der Versuch, nicht 94

nur die traditionelle, sondern auch die aktuelle afrikanische Musik zu dokumentieren, „nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der unglaublichen Masse der Produktionen“, so Wolfgang Bender. Sein Anliegen ist es, auch die populäre afrikanische Musik ins wissenschaftliche Interesse zu rücken: „Musikstücke sind für das Leben und die Sozialisation der Menschen oft viel bedeutsamer als das, was die klassischen Ethnologen mit ihren Mikrofonen aufnehmen, und erst recht wichtiger als das, was in Europa unter dem Siegel ‚Weltmusik’ erscheint. Wir brauchen ein anderes, ein offeneres Verständnis dessen, was als ‚echte’ afrikanische Musik zu gelten hat.“

Mariin Ratnik aus Tartu hat mehrere Bälle in der Luft, getreu ihrem Leitsatz „Wer viel macht, der viel schafft“: Die 31-Jährige ist bis zum Herbst 2007 zuständig für Wirtschafts- und Handelsfragen in der estnischen Botschaft in Berlin, studiert nebenher für einen „Master of International Relations“ und nahm am Diplomatenkolleg des Auswärtigen Amtes teil, einer monatlichen Fortbildung für junge Diplomaten aus Osteuropa. Die Diplomatin mit Studentenausweis kehrt im Herbst ins estnische Außenministerium in Tallinn zurück, wo sie die Referatsleitung für EU-Binnenmarktfragen übernimmt. Kulturaustausch 1v /07

Foto (im Uhrzeigersinn): privat, privat, Auswärtiges Amt, Björn Hänssler, privat

Wie Hi-Khan Truong mit einer Kuhherde einem kambodschanischen Dorf hilft


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Kulturorte

Jørn Riel nimmt Abschied von Ilulissat in Grönland An jenem Morgen fühlte ich Wehmut, als ich auf der Schlittenspur von Ilulissat weg und Richtung Inlandeis fuhr. Eine Wehmut, die plötzlich entstand und die nicht verstanden oder erklärt sein wollte. Die Wärme der Schlafpritsche saß noch im Körper, die Wärme der Felle, die bald verschwunden sein würde. Die Wärme von Najaqs Lächeln würde den ganzen Tag über anhalten. Der Schlitten holperte geräuschvoll über das Packeis am Strand, und die Kufen zeichneten zwei Schnitte in das frische Eis des Fjordes. Die Hunde trabten mit erhobenen Schwänzen, eifrig einem neuen Jagdtag entgegen strebend. Die Junghunde liefen verwirrt von einer Seite zur anderen, bis sie ein älterer Hund mit leisem Knurren und belehrend entblößtem Eckzahn zurechtwies. In der Ferne über dem Drachenrücken des Inlandeises begann sich der Himmel zu röten. Ein schmaler Streifen aus Rot, Orange und Golden. Ein leuchtendes Band, das sich oben ausbreitete in einem kunstvollen blassgrünen Faltenwurf, der die Sterne verblassen ließ und der Kimm die Form eines gebogenen Frauenmessers verlieh. Ich fuhr in den Ilulissatfjord hinein. Dem Sermersuaq entgegen, dem Inlandeis, dessen lange grauweiße Zunge an den verwitterten Bergen leckte, und das wie gewaltige Inseln in das stille Wasser des Fjordes stürzte. Wehmut erfüllte mich bei dem Gedanken an meine Abreise. Und ich sah Ilulissat im „Frühlingshut Mit Trauerflor Und Winter an den Füßen Das Gesicht nass von Tränen Weil ich aufbrechen muss.

Foto: Reuters/Bob Strong

Hinter mir weint die Siedlung Ihre rosa Tränen.“ Aus dem Dänischen von Annalena Heber



Jørn Riel wurde 1931 in Dänemark geboren. Als Zwanzigjähriger nahm er an einer Expedition in die Arktis teil und lebte danach 16 Jahre auf Grönland. Heute gehört er zu den bekanntesten Autoren Skandinaviens. Sein letztes Buch „Vor dem Morgen“ erschien im August 2007 als Taschenbuch beim Unionsverlag Zürich. Riel lebt in Malaysia und Südschweden.

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Kwame Anthony Appiah zeigt in seinem Buch „Der Kosmopolit“, was modernes Weltbürgertum ist

Von Karl-Josef Kuschel

L

eicht geht einem die Redewendung „Nichts Menschliches ist mir fremd“ über die Lippen. Doch kennt man ihren Ursprung? Das neueste Buch des in Princeton lehrenden Philosophie-Professors Kwame Anthony Appiah über die „Philosophie des Weltbürgertums“ klärt darüber auf. Es ist nicht die einzige überraschende Information, die wir diesem Buch verdanken. Der Satz stammt aus der Komödie „Der Selbstquäler“ von Publius Terentius Afer, den wir unter dem Namen Terenz kennen. Die Schreibweise des Terenz – seine freie Einarbeitung mehrerer griechischer Stücke in ein einziges lateinisches Stück – wurde von den römischen Literaten als „contaminatio“ bezeichnet, als Vorgang der „Verunreinigung“ also. Für Appiah ist dies ein Schlüsselbegriff des Kosmopolitismus. Vom Kontaminatoren sei er erfunden worden, von Menschen also, die Trennungen und Rein-

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heiten verabscheuen und Mischungen und Vermischungen lieben. Kulturelle Reinheit? Ein Widerspruch in sich! Wir alle lebten bereits, meint Appiah, „ein kosmopolitisches, durch Bücher, Kunstwerke und Filme aus anderen Weltreligionen bereichertes Leben“. Appiahs eigene afrikanische Herkunft ist wichtig für sein Buch. Denn Diskurse über Kosmopolitismus für philosophisch geschulte europäische Intellektuelle sind bekannt. Die europäische Tradition, insbesondere die Errungenschaften der Aufklärung, darunter die Menschenrechtserklärung von 1789 und Immanuel Kants Werk und nicht zuletzt Christoph Martin Wielands kosmopolitische Betrachtungen spielen auch in diesem Buch durchaus eine wichtige Rolle. Aufregend ist aber weniger, was hier an Zitaten von europäisch-amerikanischen Schriftstellern und Philosophen zusammengetragen ist. Mich

haben vor allem die Passagen in den Bann geschlagen, in denen der Verfasser von seiner afrikanischen Herkunft berichtet und diese zum Katalysator des eigenen kosmopolitischen Denkens macht, und zwar derart, dass Appiah „keinen Widerspruch zwischen lokaler Parteilichkeit und universeller Moral“ erkennen kann. Die letzte Botschaft seines Vaters an ihn und seine Schwester? „Denkt daran, dass ihr Bürger der Welt seid!“ Der väterliche Satz wird zum Vermächtnis des jungen Appiah. Er wächst in Kumasi auf, der Hauptstadt der Asante-Region in Ghana. Lebensmittel verkauft in dieser Stadt ein Inder, Reis bezieht man bei „Irani Brothers“, Kleidung bei einem „philosophischen Drusen“ namens Hanni. Häufig besucht man libanesische und syrische Familien. Es sind Muslime und Maroniten. Zu alldem kommen noch „vereinzelte Europäer“: ein griechischer Architekt, ein ungarischer Künstler, ein irischer Arzt, ein schottischer Ingenieur, ein paar englische Anwälte und Richter und an der Universität das bunte internationale Gemisch der Professoren. Gespräche über kulturelle Grenzen hinweg sind von Kindheit an eine Selbstverständlichkeit für den Mann aus Ghana. Reinheit? Trennungen? In Kumasi ist davon keine Spur: „England, Deutschland, China, Syrien, Libanon, Burkina, Elfenbeinküste, Nigeria, Indien – aus jedem dieser Länder könnte ich Ihnen eine Familie Kulturaustausch 1v /07

Foto: Oliver Kleinschmidt

Auf die Mischung kommt es an


Bücher

sieht sich verneint, verlacht, verspottet. Er Glauben nämlich daran, dass trotz allem ein muss sich immer wieder argumentativ und leidenschaftliches Plädoyer für Weltbürgerpolitisch durchsetzen – gegen spalterische tum heute Sinn macht. Radikalismen aller Art. Ohne alle Illusionen über den Zustand unGegen dieses spalterische Denken setzt serer vielfach zerrissenen Welt werden solche Appiah noch einmal ein Gegenbild, das er Kindheits-Erfahrungen nicht anekdotisch verseiner ghanaischen Heimat verdankt. Eines der klärt oder narzisstisch verabsolutiert, sondern, anrührendsten Kapitel im Buch trägt die Über- Ur-Bildern gleich, zu Leitbildern des Denkens. schrift: „Eid al-Fitr bei den Safis“. Gemeint Wer in Verbindungen denkt, in Vernetzungen ist das muslimische Fest, das am letzten Tag und Verknüpfungen, dem ist Kosmopolitismus des Monats Ramadan nach Sonnenuntergang keine schöne Parole, sondern ein Ansporn beginnt. Appiah hat es als Kind Wir haben keine Ahnung von dem, bei seinen musliwas interkulturelles Miteinander seit mischen Vettern Jahrhunderten in Afrika bedeutet gefeiert und so erfahren, was die „großzügige arabische Tradition“ der „Gast- für Verantwortung aus der „Freundlichkeit freundschaft“ an Menschlichkeit ausstrahlt. gegenüber Fremden“. Im zehnten und letzten Seinen Onkel Aviv aus dem Libanon erlebt er Kapitel wird das präzisiert, was der Verfasser als einen „frommen Muslim“, der außerdem „Verpflichtungen gegenüber Fremden“ nennt. auch „tolerant und freundlich“ ist. Unter den Jetzt wird er politisch und ökonomisch konMuslimen gibt es dort – bemerkt Appiah – kret und spricht die sozialen, politischen und „sunnitische und schiitische Gemeinschaften, wirtschaftlichen Probleme Afrikas offen an. die wiederum in Alaviten, Ismaeliten, Zwölfer- Einem Zynismus wird widersprochen, der Schiiten und Drusen unterteilt sind; bei den „Entwicklungshilfe“ als illusionäre SelbstChristen gibt es Römisch-, Armenisch- und täuschung abtut. Zwei Millionen Menschen Syrisch-Katholische, Griechisch-, Armenisch- sterben jährlich an Malaria, 240.000 monatund Syrisch-Orthodoxe, Chaldäer, Maroniten lich an AIDS, 136.000 an Diarrhoe. Millionen und diverse protestantische Kirchen“. Doch Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Onkel Awiv? Er scheint „offen für Menschen Trinkwasser, zu ausreichender Bildung und aller Glaubensrichtungen“. Das macht ihn für notwendigster Krankenversorgung. Wer kosden Verfasser zu einem „typischen Muslim, mopolitisch denkt, denkt zugleich kosmosoziwie man ihn in vielen Ländern und Zeiten zu al. Der Leitgedanke, in den dieses „Plädoyer für Weltbürgertum“ mündet, lautet denn auch: finden vermag“. Appiah schaut auf die Praxis der Menschen „Eine wirklich kosmopolitische Reaktion beund prüft vom Alltag her, wozu Religion Men- ginnt mit dem Versuch, die Frage zu klären, schen inspiriert: „Ich nehme an, wenn wir in warum dieses Kind stirbt. Weltbürgertum hat Amerika gelebt hätten, wäre es irgendwann ebenso viel mit Intelligenz und Neugier zu tun einmal notwendig erschienen, uns christli- wie mit Engagement.“ chen Vettern die Bedeutung des Ramadan zu erklären. Aber wir waren in Ghana, einem Der Kosmopolit. Philosophie des WeltbürgerLand, in dem Christen, Muslime tums. Von Kwame Anthony Appiah. Aus dem und Anhänger der traditionellen Englischen von Michael Bischoff. C.H. Beck, Weltbürgertum hat ebenso viel Religionen Seite an Seite lebten München 2007. mit Intelligenz und Neugier zu tun und die andersartigen Bräuche wie mit Engagement der Nachbarn akzeptierten, ohne Karl-Josef Kuschel ist Theologieprofessor an sonderliche Neugier darauf zu der Universität Tübingen und Vizepräsident der erlöste. Konkurrierende Universalien also prä- zeigen. Tante Grace ging auch während des Stiftung Weltethos. gen unsere Weltgesellschaft. Kosmopolitisches Ramadan jeden Sonntag in die Kirche.“ Onkel Denken ist keineswegs überall akzeptiert, Aviv und Tante Grace: Grenzüberschreiter im geschweige denn gesichert. Der Kosmopolit Kleinen, die im Neffen Großes bewirken: den

nennen, die in Kumasi lebt. Ich könnte AsanteFamilien für Sie finden, die seit Jahrhunderten dort leben, aber auch Hausa-Familien, die gleichfalls seit Jahrhunderten dort ansässig sind. Es gibt in Kumasi Menschen aus sämtlichen Regionen Ghanas, die alle erdenklichen ghanaischen Sprachen sprechen.“ Das alles liest man als westlich-europäisch geprägter Leser mit größter Spannung. Wir haben in der Regel keine Ahnung von dem, was interkulturelles Miteinander seit Jahrhunderten in Afrika bedeutet, längst bevor die Begriffe „Multikulturalismus“ und „Globalisierung“ unsere westliche Diskussion bestimmten. Doch zugleich findet sich im selben Land, das ein Kumasi-Lebensgefühl kennt, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt eine agrarisch geprägte Lebensweise, die weitgehend auf Homogenität beruht. Diese Gleichzeitigkeit von „kosmopolitischer Kontamination“ und „Nischen der Homogenität“ wird für den Autor zum Deutungsschlüssel heutiger Lebenswelten, ob in Asante oder in New Jersey. Mehr noch: Neben interkulturellen Grenzerfahrungen gibt es in derselben ghanaischen Stadt ein interreligiöses Miteinander. In Kapitel neun setzt sich der Autor unter dem Stichwort „Gegenkosmopoliten“ mit den Fundamentalismen islamischer und christlicher Provenienz unserer Zeit auseinander. Den Osama bin Ladens der islamischen Welt stehen die Eric Rudolphs und Timothy McVeighs gegenüber. Der eine ließ während der Olympischen Spiele 1988 in Atlanta eine große Rohrbombe explodieren, der andere tötet bei einem Bombenanschlag auf das Federal Building in Oklahoma City mehr als 150 Menschen. Religiöse Hintergründe auf der einen wie auf der anderen Seite. Ein gegenkosmopolitisches Denken, das von der dualistischen Aufspaltung der Welt lebt: in Gläubige und Ungläubige, Erlöste und Un-

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Erweiterte Ausgabe mit CD-ROM

Atlas der Globalisierung »Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich wirklich über den Zustand unseres Planeten informieren möchten.« Klaus Bednarz

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Der globale Blick


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ng.

Bücher

Vom Hassdiskurs zum Massenmord Der französische Politologe Jacques Sémelin analysiert Phänomene extremer Gewalt Von Mihran Dabag

D

ie seit den frühen 1970er Jahren in anglo-amerikanischen Forschungskontexten entstandenen Comparative Genocide Studies hatten sich zum Ziel gesetzt, die historischen Forschungen zu Holocaust und kollektiver Gewalt durch einen vergleichenden Zugriff und durch eine Einbeziehung soziologischer und sozialpsychologischer Ansätze zu ergänzen. Kennzeichnend waren dabei zunächst einerseits die Methode des Vergleichs von Einzelfällen auf der Ereignisebene und andererseits Versuche, sämtliche Genozide und Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts vergleichend zu beobachten. Diesen Forschungsimpuls aufnehmend – und ihn zugleich überschreitend –, hat sich in den vergangenen zehn Jahren insbesondere auch im deutschen Kontext eine Linie der Genozidforschung etabliert, die explizit Strukturcharakteristika in den Blick nahm. Das jüngst in der Hamburger Edition erschienene Buch von Jacques Sémelin scheint bei einer ersten Betrachtung diesen Leitlinien zu folgen. Anhand von drei historischen Beispielen (der Shoah, dem Genozid in Ruanda und der Gewaltpolitik in Bosnien während der 1990er Jahre) führt Sémelin einen breiten Katalog von Einzelaspekten an, die er vergleichend zu untersuchen beabsichtigt: die Bedeutung von Ideologien; politische Legitimationsmuster; den jeweiligen Kontext internationaler Politik, in denen die Gewalt stattfand; die innere Dynamik der Gewaltpolitik; Fragen nach dem jeweiligen Profil der Tätergruppen und der Einzeltäter. Der zweite Blick zeigt jedoch, dass Sémelin statt einer sorgsamen Erörterung dieser Einzelaspekte eher pauschalisierende Fallvergleiche anbietet, so dass die Analysen selbst schließlich überaus kursorisch, manchmal auch oberflächlich ausfallen. Das theoretisch-methodische Kostüm, in das Sémelin seine Studie kleidet, ist insgesamt Kulturaustausch 1v /07

Aggressionstheorie Alfred Adlers genauso wenig wie die Ergebnisse der umfangreichen psychologischen Aggressionsforschung (unter anderem Bandura, Dollard, Miller et al., Berkowitz). Ein zweiter, höchst kritisch zu betrachtender Aspekt ist Sémelins Auseinandersetzung mit dem Begriff »Genozid«, den er für eine in diesem Kontext untaugliche Kategorie hält und lieber durch die Begriffe »Massenmord« oder »Massaker« ersetzt sehen möchte. Sémelin kritisiert den normativen Charakter des Genozid-Begriffs, der seiner Herkunft aus dem Völkerrecht geschuldet sei. Auch sei der Begriff zu einem »Kampfbegriff« geworden, der letztlich für Interessenpolitiken der Opfergemeinschaften missbraucht werde. Hier zeigt sich die ganze Problematik seines Werks. Statt den Zentralbegriff der Genozidforschung zu schärfen und ihn in differenzierenden Analysen als operationalisierbares Konzept zu etablieren, tendiert Sémelin dazu, diese Kategorie aufzugeben und durch einen weitgehend

recht grobmaschig gewebt. Bewegt scheint er vor allem von der Frage nach der eigentlichen Ursache des Gewalthandelns, denn wie können, so eine seiner zentralen Fragen, »Hassdiskurse« in »Massenmord« umschlagen? Um eine Antwort auf diese Fage nach der Gewaltmotivationen der Täter zu finden, bemüht er die Psychoanalyse. Allerdings werden diese Untersuchungen nur äußerst selektiv rezipiert und verarbeitet. Besonders deutlich wird dies in der Auseinandersetzung mit Freud, dessen Beitrag zum »Verständnis der Gewalt« Sémelin als »enttäuschend« empfindet. DieDie Forschung sollte unterschiedliche se Enttäuschung Gewaltphänomene differenzieren erweist sich dabei jedoch weniger als Resultat einer mangelhaften Qualität der unkonturierten Begriff wie »Massenmord« zu Freudschen Studien als vielmehr das Ergebnis ersetzen. Dabei wäre es gerade die Aufgabe von Sémelins extrem verkürzter und im Detail der Forschungen über kollektive Gewalt und unrichtiger Darstellung der Erörterungen Genozid, die charakteristischen Strukturen Freuds zu Aggression und Aggressionsnei- und Zielsetzungen unterschiedlicher Gegung. Erstaunlich ist dabei, dass Sémelin die waltpolitiken wie Krieg, Bürgerkrieg, Verin diesem Zusammenhang zentralen Studien, treibung, Massaker, »ethnische Säuberung« so »Zeitgemäßes über Krieg und Tod« (1915) und schließlich Genozid zu differenzieren. oder »Das Unbehagen in der Kultur« (1930), Nicht, um diese in ein Ranking, in eine Hierunberücksichtigt lässt. Dabei prüft Freud ge- archisierung des Schreckens zu überführen, rade in Letzterer die Frage einer »natürlichen« sondern um den unterschiedlichen Formen Aggressionsneigung vor dem Hintergrund kollektiver Gewalt wissenschaftlich Rechnung sozialer Bedürfnis- und Befriedigungsaspekte zu tragen. und verbindet gezielt den triebtheoretischen mit einem handlungstheoretischen Ansatz. Säubern und Vernichten. Die politische DimenDadurch stößt Freud auf ein auch im Kon- sion von Massakern und Völkermorden. Von text genozidaler Identitätspolitik wichtiges Jacques Sémelin. Hamburger Edition, Hamburg Element, das Sémelin übersieht: nämlich auf 2007 (Paris 2005). Destruktionsenergien, die aus der Furcht vor Mihran Dabag ist Direktor des instituts für Entfremdung des Selbst entfesselt werden. Diaspora- und Genozidforschung an der RuhrBei seiner Suche nach Antworten auf die Universität Bochum und Träger des Franz-WerFrage nach der menschlichen Aggressivität fel-Menschenrechtspreises 2003. thematisiert Sémelin überdies die vielleicht sogar einf lussreichere psychoanalytische 101


Bücher

Nicht zu fassen Über die Wiederentdeckung des Werks von Amrita Sher-Gil, die zu den Wegbereiterinnen der modernen indischen Malerei gehört

von Martin Kämpchen

I

st es nicht unglaublich, dass eine Frau mit ungarischer Mutter und indischem Vater, die mit 28 Jahren gestorben ist, als eine Wegbereiterin der modernen indischen Kunst in einem Atemzug mit Rabindranath Tagore und Jamini Roy genannt wird? Amrita Sher-Gil ist eine jener genialen Sonderlinge der Kunst, die sich bewußt und radikal außerhalb von Zeitströmungen und Moden stellten, und darum während ihres Lebens wenig oder keine Anerkennung fanden und erst im Rückblick in ihrer künstlerischen Bedeutung und als Initiatoren von Neuem erkannt werden. Amrita Sher-Gil wurde 1913 in Budapest geboren, als Tochter eines aristokratischen und wohlhabenden Sikh, Umrao Singh SherGil, und einer Mutter, Marie Antoinette, aus gehobenen Budapester Gesellschaft. Die ersten acht Jahre ihres Lebens verbrachten Amrita und ihre jüngere Schwester Indira glücklich auf dem Land in Ungarn. Von Anfang war Amritas Leben privilegiert. Der Vater konnte seinen philosophischen Interessen nachgehen, ohne je für ein Einkommen arbeiten zu müssen. Die Mutter schätzte das Partyleben der eleganten High Society, wo immer sie sich gerade befanden, und zog die Töchter nach und nach in ihre Kreise hinein. Die Töchter, stets von Privatlehrern umgeben, lernten früh klassische europäische Musik, und Amrita zeichnete und malte, seitdem sie einen Griffel halten konnte. Die europäische Literatur folgte. Amrita entfaltete einen differenzierten Geschmack für die Meister. Im Jahr 1921 siedelte sich die Familie in Shimla an, der damaligen Sommerhauptstadt des indischen Kolonialreiches in den Himalayas. In der Nachbarschaft der ausladenden Residenz des Vizekönigs bezog die Familie ein stattliches Haus. Als die Eltern 1929 entschieden, dass Amrita ihr Talent in Paris ausbilden solle, fuhr die gesamte Familie mit. 102

bevor sie dort ihre erste Ausstellung eröffnen konnte, starb sie Ende 1941 unter mysteriösen Umständen. War es die Ruhr oder eine fehlgeschlagene Abtreibung? Wird man die Wahrheit nach über 60 Jahren noch herausfinden? Amrita Sher-Gil geistert seit ihrem Tod durch die moderne Kunst wie ein Phantom. Ihre Werke erreichen astronomische Preise. Salman Rushdie vergötterte sie in seinem Roman „Des Mauren letzter Seufzer“ als närrische, nymphomanische Künstlerin. Ihr Werk hat einen festen Platz in der National Gallery of Modern Art (NGMA) in New Delhi. Ihre Rolle als Wegbereiterin ist anerkannt. Ebenso ihre Identität als indische Künstlerin, obwohl sie in Ungarn aufgewachsen und ausgebildet wurde und stilistisch Wesentliches etwa von Gauguin, van Gogh und Breughel in ihre Malerei eingeflossen ist. Doch je länger man sich mit Sher-Gil befaßt, um so deutlicher wird, dass sich ihr Werk gegen jegliches Einordnen in Kategorien sträubt. Sie bleibt ein Enigma. In einer bemerkenswerten Synergie hat nun gleichzeitig in Indien und in Europa eine Neuentdeckung Sher-Gils eingesetzt. Eine repräsentative Ausstellung ihrer Werke fand im Oktober 2006 im Haus der Kunst in München statt. Ein exzellenter, großforma-

An der École des Beaux Arts schrieb sich die 16-Jährige ein und feierte dort als Künstlerin erste Erfolge. In Amrita erwachte die Berufung zur Kunst. Leidenschaftlich, oft geradezu besessen wurde sie. Dabei erinnerte sie sich an die Farben Indiens und entdeckte in ihnen ihr ureigenes Ausdruckmittel. Ihre künstlerische Persönlichkeit, schrieb sie, würde ihre wahre Atmosphäre in den Farben und dem Licht des Ostens finden. Sie kehrte 1934 mit der Familie nach Shimla zurück Die Erfüllung ihrer Indien-Sehnsucht bestätigend, schrieb sie erleichtert: „Ich kann atmen, ich kann mich bewegen und ich kann malen.“ In der anregenden Atmosphäre Shimlas, umgeben von bewundernden Freunden, von zahlreichen Liebhabern und schöpferischen Menschen, „Ich kann atmen, ich kann mich hätte Amrita ein erfülltes bewegen, ich kann malen“ Künstlerleben führen können. Doch das Leben war komplexer. Die Spannungen zwischen der tiger Katalog, der weiterhin als Bildband im gesellschaftlich ambitionierten Mutter und Buchhandel erhältlich ist, dokumentiert die dem philosophischen Vater belasteten sie. Ausstellung. Es ist das einzigartige Verdienst Obwohl Anerkennung nicht ausblieb, war sie des Direktors des Hauses der Kunst Chris auf kleine Kreise beschränkt. Zu Lebzeiten Dercon, dass die Bilder aus der NGMA und aus konnte sie nur wenige ihrer Werke verkaufen. Familienbesitz zusammengetragen wurden. So blieb sie finanziell vom Elternhaus abhän- Angereichert wurden sie mit Familienfotos gig. Als Amrita ihren Vetter mütterlichseits, von Umrao Singh und digitalen Fotocollagen Victor Egan, einen Arzt, heiratete und nach von Vivan Sundaram, dem Sohn von Amritas einem gemeinsamen Jahr in Ungarn mit ihm jüngerer Schwester Indira, selbst bekannter nach Shimla zurückkehrte, wandte sich Marie Künstler in New Delhi. Darum heißen Buch Antoinette in offener Feindseligkeit gegen wie Ausstellung im Untertitel „Eine indische ihren Schwiegersohn. Sie hatte für ihre cha- Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert“. Dank des rismatisch-schöne, geniale Tochter auf eine Engagements von Dercon konnte eine solche bessere Partie gehofft. In Shimla war kein Neuentdeckung in Deutschland beginnen. Bleiben mehr. Amrita und Victor gingen zu Der Bildband bringt auf eindrückliche und Verwandten nach Uttar Pradesh, fanden jedoch komplexe Weise Werk und Leben der Malerin keine befriedigende Umgebung zur künstle- nahe. Während der Ausstellung war ein Film rischen Entfaltung. Schließlich wichen sie in von Navina Sundaram zu sehen, der Tochter die damalige Hauptstadt des Panjab, Lahore, von Indira Sher-Gil, die in Deutschland als aus. Wieder atmete Amrita auf. Doch kurz Fernsehjournalistin Karriere gemacht hat. In Kulturaustausch 1v /07


Bücher

Integration: wie und wie viele?

Abbildungen: National Gallery of Modern Art New Delhi – Courtesy Schirmer/Mosel

„Self-Portrait at Easel“ (1930), „Hill Women“ (1935) und „The Bride“ (1940)

deutscher und englischer Fassung hergestellt, macht er nicht nur mit dem Material der Ausstellung – Gemälde, Fotos und Collagen – vertraut, sondern porträtiert auch die Lebensorte der Künstlerin, vor allem Shimla und Saraya in Uttar Pradesh. Ebenso im letzten Jahr ist die erste ausführliche, wissenschaftlich fundierte englische Biografie Sher-Gils von der indischen Kunsthistorikern Yashodhara Dalmia erschienen. Neben den frühen Lebensdarstellungen, etwa in den Sondernummern der Zeitschriften „Usha“ (1942) „Marg“ (1971), und der von Iqbal Singh (1984), einem Freund Amritas, konnte sich Dalmia auf die unveröffentlichten Briefe an ihren Ehemann Victor stützen. Dalmia lässt Amrita meist selbst durch ihre Briefe sprechen, in der die Spannungen und Ambivalenzen ihres Lebens komplex zur Sprache kommen: die Gewissheit ihres künstlerischen Genius einerseits, der Kampf um Anerkennung andererseits, ihr kompromissloser Nonkonformismus und ihr Upper Class-Partyleben; ihr Mitleiden am Schicksal der armen Bevölkerung, die sie vorzugsweise porträtierte (die Angestellten und Nachbarn der Familie) und ihr eigenes Leiden an Familienzerwürfnissen, ihre Angst, ihre nihilistischen Anwandlungen. Dalmia ordnet Amrita Sher-Gel in unterschiedliche Zusammenhänge ein: in die euro­ päische, auch in die lokale ungarische und die Pariser Kunstszene, sowie in die indische. Sie belegt die Einflüsse der alten Höhlenfresken von Ajanta und die der verschiedenen indischen Miniaturmalstile. Amritas satte, leuchtende Farben erinnern den deutschen Betrachter allerdings auch an Emil Nolde. Kulturaustausch 1v /07

Der Bildband verwirrt auf den ersten Blick, weil er Dokumentation und Fiktion (oder: Wirklichkeit und das Spiel mit ihr) nebeneinander stellt. Den Betrachtern sei geraten, zunächst Amritas Gemälde getrennt anzuschauen, danach die Foto-Dokumente, so dass sie die Kunst und Biografie kennen und verstehen lernen. Danach mögen sie sich auf die Vexierspiele von Vivan Sundaram einlassen, der mit seinen digitalen Collagen von Gemälden und Fotos einen meta-biografischen Zusammenhang evoziert, also eine neues künstlerisches Beziehungsgeflecht. Dem Medium Film gemäß, kann Navina Sundaram in knapp 40 Minuten eine große Anzahl von Gemälden präsentieren, viel mehr als Bildband und Biografie, und sie den dokumentarischen Fotos und den originalen Orten gegenüberstellen. Ihre Betonung liegt weniger auf den inneren und äußeren Spannungen im Leben der Künstlerin als auf der Beziehung zwischen Werk und Wirklichkeit. Die Neuentdeckung Amrita Sher-Gils wird sich fortsetzen, wenn demnächst in Indien unveröffentlichte Briefe erscheinen, herausgegeben von Vivan Sundaram. Amrita Sher-Gil. Eine indische Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert. Mit einem Essay von Deepak Ananth. Einführung von Chris Dercon und Heiko Sievers. Schirmer/Mosel, München 2006. Amrita Sher-Gil: A Family Album/Ein Familienalbum. Ein Film von Navina Sundaram. Haus der Kulturen, München 2006. Amrita Sher-Gil – A Life. Von Yashodhara Dalmia: Verlag Penguin Viking, New Delhi 2006.

Die Zahl der Publikationen zum Thema Zuwanderung wächst unaufhörlich. Da ist es hilfreich, aktuelle Basisinformationen von Vertretern unterschiedlicher Disziplinen gebündelt zu erhalten. Der Band von Karl-Heinz Meier-Braun und Siegfried Frech entwickelt keine neuen Herangehensweisen, sondern fasst faktenorientiert und sehr lesenswert unterschiedliche Standpunkte zusammen. Auch wenn die zwei Kernfragen der Herausgeber – wie viele Einwanderer soll Deutschland aufnehmen, und wie ist die Integration zu gestalten? – sich nicht in allen Beiträgen wiederfinden, so decken die Autoren (Fehl-)Entwicklungen auf und liefern neueste Forschungsergebnisse. Auf Maria Böhmers Präsentation der Integrationspolitik aus bundespolitischer Sicht folgt kontrapunktisch Dieter Oberndörfers Chronik der vehementen Behauptung Deutschlands, kein Einwanderungsland zu sein. Der Autor entlarvt die Terminologie von Anwerbestopp bis Zuwanderungsbegrenzung, benennt einen xenophoben Zeitgeist und plädiert vehement für eine Akzeptanz kultureller Verschiedenheit. Andere Autoren untersuchen die Mode des Begriffs „Parallelgesellschaft“, das Wahlverhalten von Migranten, Bezüge zwischen Arbeitsmarkt und Zuwanderung oder veranschaulichen die Negativberichterstattung der Medien über Einwanderer. Zwei Linguistinnen klagen – entgegen der Defizitannahme zum Spracherwerb – die Unterförderung und Unterforderung von Migrantenkindern an. Ein Blick über den Tellerrand rückt abschließend die deutsche Zuwanderungsdiskussion in ein internationales Licht: Migration als weltweite Herausforderung, der sich die internationale Staatengemeinschaft stellen muss. Claudia Kotte Die offene Gesellschaft. Zuwanderung und Integration. Von Karl-Heinz Meier-Braun und Siegfried Frech. Wochenschau Verlag, Reihe Basisthemen Politik, 2007.

Martin Kämpchen ist Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Er lebt in Santiniketan, Indien.

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Neuerscheinungen

Sprachenpolitik

Europäische Kulturpolitik

Wissenschaftsbeziehungen

Internationale Kulturbeziehungen

Woran liegt es, dass seit 1967 k e i n St u d e n t der Germanistik an den Universitäten der Elfenbeinküste promoviert hat? Mit welchen Schwierigkeiten haben die Studierenden des Faches Deutsch als Fremdsprache in Afrika zu kämpfen? Aus afrikanischer Sicht beschreibt der Politologe und Sprachwissenschaftler Bedi die Verbreitung des Deutschen in Schulen und Hochschulen Afrikas. Er kommt zu dem Schluss, dass die Germanistik einen Beitrag zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen leisten muss, die durch die Globalisierung entstanden sind. Dies könne nur durch die Vermittlung praktischen fachspezifischen Wissens erfolgen. Die Einführung von Computern in den Deutschunterricht und die Einbeziehung von TV- und Rundfunkberichten der Deutschen Welle und deutscher Zeitungen mit Unterstützung der GoetheInstitute könne die Attraktivität des Unterrichts von Deutsch als Fremdsprache deutlich steigern. Fraglich ist allerdings, ob dies auch politisch gewollt ist. Besorgt konstatiert der Autor nämlich eine „Scheu der Deutschen bei der Förderung ihrer Sprache im Ausland“ und bemängelt auch die Zurückhaltung Österreichs und der Schweiz. Dagegen könnte die Kooperation aller deutschsprachigen Länder auf diesem Gebiet viel bewegen. (Cz)

Gibt es in den Mitgliedstaaten der Europäi schen Un ion den politischen Willen zu einer gemei n sa men au ßen k u lt u r politischen Zusammenarbeit? Bleibt neben den unterschiedlichen geografischen und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen in den Mitgliedsländern noch ausreichend Spielraum für eine gemeinsame Auswärtige Kulturpolitik? Schon 2004 wurden in den 25 Mitgliedstaaten der EU die Bereitschaft und das Potenzial für eine kohärente kulturelle Außenpolitik untersucht. Die aktuelle Studie stellt gewissermaßen den Praxistest für die Ergebnisse dieser ersten Studie dar, bleibt allerdings auf die sechs Länder Dänemark, Frankreich, Litauen, Polen, Portugal und Großbritannien beschränkt. Die Bilanz aus diesen Untersuchungen ist gar nicht schlecht und weist mindestens sechs Bereiche aus, in denen ein gemeinsames Vorgehen die internationale Präsenz der EU verbessern könnte. Dazu zählen der Aufbau nachhaltiger Kulturbeziehungen mit Drittländern, die Verbesserung der Völkerverständigung und Krisenprävention durch interkulturellen Dialog, die Informationsverbreitung und optimierte Sichtbarkeit der EU und vor allem ihrer kleineren Mitgliedstaaten, die besseren Handelsmöglichkeiten für die europäischen Kulturindustrien, die größere Expertise im Rahmen des europäischen Kulturerbes und die Verbindung von Kultur und Entwicklung. (Cz)

Seit über zwanzig Jahren beschä f t ig t sich Ulrich Teichler in Analysen und Evaluierun­ gen mit studen­ tischer Mobilität und internationalen Entwicklungen im Hochschulwesen. Mittlerweile sind über 200 Publikationen in mehreren Sprachen zum Thema Internationalisierung der Hochschulen von ihm erschienen. Das vorliegende Kompendium fasst grundlegende Untersuchungen und Überlegungen des Autors zusammen, wobei besonderes Gewicht auf der Darstellung empirischer Ergebnisse liegt. Neben Konzepten zur Internationalisierung und ihren Auswirkungen auf den Alltag der Hochschulen diskutiert er Statistiken und quantitative Übersichten von Mobilität und Auslandsstudium. Auch geht er auf Evaluationsstudien zu studentischer Mobilität und Kooperation in Europa, unter anderem durch ERASMUS, TEMPUS und die Internationale Frauenuniversität, ein. Er fragt nach den Auswirkungen der Programme zur Mobilitätsförderung und untersucht die Konsequenzen der Internationalisierung für die wissenschaftliche Qualität. Weitere Themen sind die Anerkennung und Anrechnung der Auslandsstudien, Einführung von Credits und Vorschläge für ein Hochschuldiplom-Supplement, studienbezogene Formen der Internationalisierung, Mainstreaming der Internationalisierung und künftige Forschungsaufgaben. (Cz)

Die Welterbeliste erhebt den Anspruch, ein differenziertes und ausgewogenes Bild des mensch l ichen Erbes in Ku ltur und Natur wiederzugeben. Doch wie repräsentativ ist die Welterbeliste, wenn drei Viertel der Stätten dem Kulturerbe zuzurechnen sind und davon die Hälfte europäischen Ursprungs ist? In ihrer Dissertation zeichnet Nikola Braun die Entwicklung der Welterbekonvention von 1972 nach, erläutert Auswahlverfahren, Aufnahmekriterien und Bedeutung der Tentativlisten und stellt die Akteure (Vertragsstaaten, Institutionen der Welterbekonvention und Beraterorganisationen) und deren Einfluss vor. Ausführlich beschreibt sie die Reformversuche von 1992 bis heute und die daraus entstandenen Richtlinien zur Umsetzung der Welterbekonvention vom Februar 2005. Insgesamt bescheinigt die Autorin den Reformversuchen einen bescheidenen Erfolg. Sowohl die UNESCO als auch die Welterbeexperten versuchten weiterhin die Auswahl der Stätten in ihrem Sinne zu beeinflussen. Darüber hinaus bestehen nach wie vor divergierende Interessen zwischen dem Welterbekomitee und den Vertragsstaaten, die vor allem nationale Interessen vertreten. Daher fordert die Autorin bei der Entwicklung der Welterbeliste dieselbe Offenheit ein, wie sie bei der Weiterentwicklung des Welterbebegriffs bereits gezeigt wurde. (Cz)

Die Internationalisierung der Hochschulen. Neue Herausfor­ derungen und Strategien. Ulrich Teichler. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2007. 365 Seiten.

Globales Erbe und regionales Ungleichgewicht. Die Repräsentativitätsprobleme der UNESCOWelterbeliste. Nikola Braun. Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2007.

Deutsch in Afrika. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Lasme Elvis Bedi. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2006. 314, XLIV Seiten.

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A Cultural Dimension to the EU‘s External Policies from Policy Statement to Practice and Potential. Rod Fisher. Amsterdam: Boekmanstudies, 2007. 167 Seiten.

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Neuerscheinungen

Sprachenpolitik

Kultur und Entwicklung

Bilaterale Kulturbeziehungen

Bilaterale Kulturbeziehungen

Mit t ler wei le e x i s t ie r e n i n Deutschland mehr Konfuzius-­­Institute als Goet he -I nst itute in China. V ie r c h i ne s i­ schen­ Auslandskulturinstituten in Berlin, Düsseldorf, Erlangen und Hannover stehen nur zwei deutsche Institute in Hongkong und Peking gegenüber. Dabei geht die Geschichte des Deutschunterrichts in China weit in das 19. Jahrhundert zurück. Die vorliegende Aufsatzsammlung ist ein deutsch-chinesisches Gemeinschaftswerk. Die Aufsätze dokumentieren die Geschichte der deutschen Schulen und Hochschulgründungen in China vor und nach dem Ersten Weltkrieg und untersuchen die heutige Situation des Deutschen am Beispiel seiner institutionellen Verankerung in Schulen und Hochschulen. Auf Motive und Funktionen des Deutschlernens gehen die Beiträge ein, die sich mit Berufschancen und Deutschkenntnissen, der Rolle der deutschen Sprache in Unternehmen und der Kommunikation mit China auf Chinesisch, Englisch und Deutsch beschäftigen. Den außenkulturpolitischen Aspekt des Themas beleuchten die Aufsätze zum Deutschland- und Deutschenbild in China. Einen Blick in die Zukunft wirft ein Beitrag zu den Chancen des Deutschen in China angesichts der Verbreitung der englischen Sprache. (Cz)

Wie können Hin­dernisse auf dem Weg z u r E n t­ w i c k l u n g A f r i k as überw u nde n we r d e n ? We l c h e Stärken bringen die afrikanischen Kulturen auf dem Weg zur wirtschaftlichen Ent wick lung des Kontinents ein? Welche Rolle spielen Erziehungs-, Bildungs-, Informationsund Kulturpolitik bei der Modernisierung? Diesen und weiteren Fragen gingen die Autoren im Februar 2005 auf dem Forum von Bamako nach. Themen waren der Einfluss der Globalisierung auf Erziehung und Kulturen in Afrika, das positive Beispiel des wirtschaftlichen Aufschwungs in A sien, die kult urelle und wirtschaftliche Entwicklung auf Mauritius und die Herausforderungen, die nationale Kulturen und Identitäten und der Dialog der Kulturen dem Management in Unternehmen stellen. Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit Kulturpolitik in Afrika, dem Zusammenhang von Kultur und Entwicklung im Kino und den Medien und der Rolle der Kreativindustrien. Die Autoren unterstreichen, dass Entwicklung nur gelingen kann, wenn sie in den nationalen Kulturen der Länder verankert ist. Um sich international zu behaupten, müssen afrikanische Unternehmen Rentabilität und Effizienzdenken in die Kulturen und Mentalitäten integrieren. (Cz)

Von Erbfeinden zu m deut schfranzösischen Tandem – der vorliegende Band dokumentiert die vielfältigen Facetten der deutsch-französischen Beziehungen aus historischer, politikwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Die Vorträge wurden im Rahmen einer Ringvorlesung 2006 an der Universität Erfurt gehalten. Wissenschaftler, Publizisten und Vertreter von Ministerien beschäftigen sich mit der unterschiedlichen Haltung zur EU-Verfassung in beiden Ländern, analysieren die Beziehungen zwischen der DDR und Frankreich und hinterfragen den Beispielcharakter der französischen Familienpolitik. Der Vortrag zu den soziokulturellen Beziehungen beider Staaten macht deutlich, dass der Elysée-Vertrag von 1963 keine Zäsur in den bilateralen Kulturbeziehungen darstellte, sondern Ergebnis der bis dahin erreichten Annäherung, aber gleichzeitig auch Impulsgeber für den weiteren bilateralen Austausch war. Einen Blick von au ßen au f Deut sch la nd u nd Frankreich wagt der Beitrag aus polnischer Sicht. (Cz)

Die deutsche Sprache in China. Geschichte, Gegenwart, Zukunftsperspektiven. Hrsg. von Ulrich Ammon, Roswitha Reinbothe, Jianhua Zhu. Geschichte. München: iudicium, 2007. 353 Seiten.

Culture et développement en Afrique. Hrsg. von Jean-Claude Berthélemy und Abdoullah Coulibaly. Paris: L’Harmattan, 2006. 270 Seiten.

Die ersten Kontakte zwischen Deutschland und Italien nach 1945 fanden zw ischen Indust riellen, Handeltreibenden und Kauf leuten statt. Erst 1951 wurden wieder Botschafter ausgetauscht und gegenseitige Staatsbesuche absolviert. Die Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen kamen erst sehr viel langsamer wieder in Gang. Es dauerte bis 1953, bis die wissenschaftlichen Institute – das Deutsche Historische Institut (DHI), das Deutsche Archäologische Institut (DAI), die Bibliotheca Hertziana und das Kunsthistorische Institut – ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. Der 50. Jahrestag der Wiedereröffnung des DHI war 2003 Anlass für eine Tagung in Rom. Die Vorträge dieser Tagung beschäftigen sich neben dem DAI und DHI mit den deutschen Institutsbibliotheken und der Rolle der „Unione internazionale degli Istituti di archeologia, storia e storia dell’arte“ bei ihrer Rettung und Nutzbarmachung. Weitere Beiträge gehen auf die Entwicklung der Villa Massimo und die Bibliotheca Hertziana ein und beschreiben die Deutsche Bibliothek sowie die deutsche Schule in Rom. Drei übergreifende Beiträge ordnen die Geschichte der einzelnen Institute in den breiteren Rahmen der deutsch-italienischen Beziehungen in den Nachkriegsjahren und die Anfänge der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik in Italien ein. (Cz)

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Deutsche Forschungs- und Kulturinstitute in Rom in der Nachkriegszeit. Hrsg. von Michael Matheus. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 2007. 304 Seiten.

Erbfreunde. Deutschland und Frankreich im 21. Jahrhundert. Universität Erfurt, 2007. 167 Seiten. Alle Titel sind in der Bibliothek des ifa ausleihbar. www.ifa.de/b/index.htm Auswahl: Institut für Auslandsbeziehungen, Gudrun Czekalla, Christine Steeger-Strobel Annotationen: Gudrun Czekalla (Cz)

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Weltmarkt Produkte für Kosmopoliten

Der halbe Freund Für alle, die es satt haben, alleine zu schlafen: Ein einarmiges Kissen aus Japan dient einsamen Singles als Kuschelersatz

Diesmal: Das Boyfriend-Kissen

Stellen Sie sich vor, Sie müssten niemals alleine einschlafen. Ihr Bettgenosse hielte Sie eng umschlungen, würde nicht schnarchen, bliebe Ihnen immer treu, sorge für eine optimale Liegeposition, stärke Ihnen den Rücken, ohne Ihnen je die Decke wegzuziehen. Und sollte es Ihnen doch einmal zu eng werden, schmissen Sie ihn einfach aus dem Bett – ohne dass er einen Mucks von sich gäbe. Dies ist kein Traum, denn seit vier Jahren produziert die japanische Firma Kameo das „kareshi no udemakura“, das Boyfriend-Kissen. Es besteht aus einem halben Männer-Oberkörper, innen und außen aus Polyester, der niedliche zweieinhalb Kilo wiegt. Wie ein echter Mann kann er das Hemd wechseln oder einfach nur ausziehen, ja, es gibt sogar die Pyjamaversion mit Sternchen und eine klassische Oberhemdversion. Ob die japanischen Singles auf dieses Produkt gewartet haben? Sie werden zwar immer mehr – schon 30 Prozent der Gesamtbevölkerung lebten laut „Population Census of Japan“ im Jahr 2006 alleine –, aber gekauft haben das Ding erst 5.000 Menschen. Deshalb: Werden Sie der 5.001ste! Falls Sie befürchten, bei all dem Komfort nicht mehr aufwachen zu können, sollten Sie die Kissenversion mit eingebautem Wecker bestellen: Der Arm wird zur gewünschten Uhrzeit sanft vibrieren und Sie aus Ihren Träumen holen. Im echten Leben sind Sie dann sicherlich so entspannt, dass Sie bald jemanden finden, der mit Ihnen den Arm teilen möchte. Nikola Richter Boyfriend-Cushion etwa 50 Euro (zuzüglich Versandgebühren) über info@glenfield.co.jp

Thema

In Europa

Magazin

Magazin

Ganz oben Nirgendwo steht man der Globalisierung so positiv gegenüber wie im Norden Europas. Kein Wunder: längst haben sich die nordischen Länder zu Wissensökonomien entwickelt und neue Modelle gesellschaftlichen Zusammenlebens erprobt. Was können wir von Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen und Island für unsere Zukunft lernen?

Entspannen, bitte Ian Buruma über die europäische Einwanderungs- und Integrationspolitik, über Panikmache und Laissez-faire, Blue Cards und Green Cards.

Ach, Amerika Der Schriftsteller Benjamin Kunkel erzählt im Interview, was wir von der Post-Bush-Ära erwarten können und wie sich die amerikanische Kulturszene entwickelt.

United States of Africa Wie sich in den afrikanischen Ländern ein panafrikanisches Selbstbewusstsein herausbildet und warum man in Zukunft auch mit der Währung „The African“ wird rechnen können, berichtet Benedikt Franke.

Ein Themenschwerpunkt über die nordischen Länder

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Die Ausgabe 1/2008 erscheint am 7. Januar 2008.

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Foto: ap

Demnächst

2007/04 – Frauen, wie gehts?  

Die Welt sieht für Frauen sehr unterschiedlich aus: Manche kämpfen gegen Armut, Hunger oder Gewalt, manche für Gleichberechtigung oder die V...