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PDF-Ausgabe eines vergriffenen Titels der Zeitschrift f端r Kulturaustausch


editorial

Gab es einen Moment, an dem die Amerikaner beschlossen, die Welt zu führen? Nein. Im Ersten Weltkrieg wurden sie gerufen und kamen. In den Zweiten Weltkrieg traten sie ein, weil sie selbst angegriffen wurden. Erst der Fall des Eisernen Vorhangs machte die USA zur unangefochtenen Nummer eins. Doch damit ist es vorbei. Heute erheben neue Mächte wie China und Indien Ansprüche und Amerika ist geschwächt: durch 9/11, die Bush-Jahre und die Finanzkrise. Zbigniew Brzezinski, altgedienter Globalstratege und Berater Barack Obamas, würde sagen: Am Ende läuft es immer darauf hinaus, dass der Stärkste den Weg weist. Wie aber kommt die Stärke zurück? Zum Beispiel durch ein anderes Verständnis von Leadership, das uns Obama gerade zeigt: eines, das nicht die Stärke betont, sondern den Willen zum Gespräch. Uns interessiert die Frage: Muss und kann sich Amerika neu erfinden? Dazu geben unterschiedlichste Autoren Auskunft. Der Soziologe Richard Sennett sagt: Obama allein kann es nicht schaffen. Die Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally erklärt, warum sich alle Amerikaner für bewundernswert halten. Und der Journalist Michael Levitin beschreibt das veränderte Familienbild in den großen amerikanischen Romanen: Die Familie stehe nicht länger für Loyalität und Stärke, sondern sei ein Ort großer Unruhe und unterdrückter Sehnsüchte. Ein Zeichen des Wandels ist schon länger zu sehen: US-Fernsehserien, die den American Way of Life ironisch betrachten, sind weltweit unglaublich erfolgreich – etwa jene über die exzentrischen Desperate Housewives oder den tablettenabhängigen Arzt Dr. House. Vor der Erneuerung kommt immer die Selbstkritik. Die Welt schaut weiter nach Amerika.

Fotos: Ali Ghandtschi(1), Catalin Abagiu (2), Xinhuanet (3) Regine Mosimann /Diogenes Verlag (4)

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Von Melissa Farlow stammen die Fotos für den Hauptteil dieses Hefts. Auf die Frage, ob wir auch zwei Bilder ihres Mannes Randy Olson zeigen dürften, sagte Farlow: „Ask him.“ Machten wir. Olsons Antwort kam prompt: „It’s all up to Melissa.“

Jenny Friedrich-Freksa

Falk Hartig, ehemaliger Volontär der Redaktion, ist zurzeit in China – als erster westlicher „visiting fellow“ der Nachrichtenagentur Xinhua. Mit im Bild: sein Chef Cui Jizhe. Für diese Ausgabe hat Hartig zwei Beiträge verfasst (S.9 und 79).

Joey Goebels Roman „Heartland“ erschien in diesem Frühjahr auf Deutsch. Für uns hat der amerikanische Autor eine Typologie bekannter US-Charaktere geschrieben: vom College-Girl über den Gangsta bis zu den Küstenintellektuellen.

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Good Morning, America Über ein Land im Aufbruch, einen Präsidenten, der die Welt verändern will – und eine Welt, welche die amerikanische Vormachtstellung anzweifelt

Fotos: Sharon Dominick/ istockphoto.com (1), Christoph Schreiner (3) F1ONLINE (4)

Thema: USA, Seite 14-66

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Inhalt 6 8 9 10 11

Die Welt von morgen Top Ten: Die meistangebauten Pf lanzen in Togo Kulturleben Fokus: Vereinigte Arabische Emirate Wählen in: Kirgisistan

THEMA

Good Morning, America

Fotos: Sharon Dominick/ istockphoto.com (1), Christoph Schreiner (3) F1ONLINE (4)

16 „Wir werden in Zukunft nicht führen“ Interview mit Richard Sennett 22 America first von Marcia Pally 24 Kein Mix von Jerome Krase 28 „Ich bin für die Todesstrafe“ Interview mit Vicky Walser-Bryant 29 Wofür steht Amerika? von Christian Parenti 31 „Grün muss besser sein“ Interview mit Joel Makower 32 Verdrängte Leidenschaften von Erica Jong 33 „Manche denken, die Nazis hätten die Mauer gebaut“ Interview mit Christopher G. Sandeman 36 Eine schrecklich nette Familie von Michael Levitin 38 „Der Jazz wuchs in uns heran“ Interview mit Little Jimmy Scott 41 Masse statt Klasse von Timothy W. Donohoe 44 Notizen von der Front von Nicholas Kulish 48 In Zukunft zu zweit von Shen Dingli 51 „Warum sollte ich euch wählen?“ von Mary C. Joyce 52 Die USA im weltweiten Vergleich 53 Zahlen und Fakten 54 Die Macht der Trägheit von Rashid Khalidi 58 „Obama hat andere Probleme“ von Beatriz Sarlo 59 Das Ende der Arroganz von Nancy Snow 62 „Das neue Amerika gibt es nicht“ Gespräch mit Irene Dische

M ag a z i n 66 69 70 71 73 74 75 76 78 79 80 81 82 83 86 88 89 90 96 98

Die Welt als Spielplatz von Christoph Schreiner „Islamische Lebensführung“ Interview mit Bekim Agai „Das Mittelmeer: ein Friedhof“ Interview mit Flavio Di Giacomo Es ist was passiert von Nicoleta E şinencu Maus auf Bierdeckel von Rosa Gosch „Google ist ein Parasit“ von Henry Porter „Google bedroht unsere Freiheit nicht“ von Andrew Keen Zeitenwende von Jos de Mul E-Mails aus Pakistan von Harald Husemann „Außer Marxismus geht alles“ Interview mit Daniel A. Bell „Wir wollen Fragen stellen“ Interview mit Don Edkins Lauter erste Geigen von Jamiliya Garayusifili Impressum Leserbriefe / Kommentare Das Kloster Caşin in Bukarest von Radu Paraschivescu Köpfe Pressespiegel Bücher Neuerscheinungen Weltmarkt

Diese Ausgabe enthält eine Beilage des Fördervereins für das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa).

Bitte nicht ausziehen! Erica Jong erklärt, warum Amerikaner so prüde sind

Medien am Golf Weshalb die Emirate schlechte Publicity fürchten

Die Welt als Spielplatz Wie verschiedene Kulturen mit Kindern umgehen

Übung macht den Meister Tanja Dückers bespricht das neue Buch von Peter Sloterdijk

Thema: Seite 32

Fokus: Seite 10

Magazin: Seite 66

Bücher: Seite 90

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Die Welt von morgen

Großbritannien: Apotheke statt Amt Die Erstellung von Personalausweisen mit biometrischen Daten wird ab Herbst in einem Modellversuch erprobt: Dann können sich Einwohner von Manchester bei Postämtern oder Apotheken auf freiwilliger Basis ihre Fingerabdrücke einscannen lassen. 2012 wird der biometrische Ausweis für alle Briten verpflichtend eingeführt.

Brasilien: Computerzuwachs

Chile: Schwarzes Gold Die ersten fünf Trüffel wurden in Chile Anfang Juni 2009 gefunden. Private Unternehmen und das chilenische Landwirtschaftsministerium haben vor fünf Jahren mit dem Trüffelanbau begonnen, erste Funde wurden aber erst nach zehn Jahren erwartet. Künftig könnten 40 bis 60 Kilogramm des „schwarzen Goldes“ produziert werden. Landwirtschaftsministerin Marigen Hornkohl vergleicht den Trüffelsegen sogar mit einem Erdölfund.

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Jeder dritte Brasilianer besitzt statistisch gesehen einen Computer. Knapp 60 Millionen PCs waren im Mai 2009 nach einer Studie der Getúlio- Vargas-Stiftung in Gebrauch. Setzt sich der derzeitige Trend weiter fort, wird 2012 jeder zweite Bewohner Brasiliens einen Rechner besitzen. Zum Vergleich: Weltweit kommt ein Computer auf vier Menschen.

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Botswana: Weniger Diamanten, weniger Jobs Als größter Diamantenproduzent der Welt halbiert Botswana in diesem Jahr die Produktion der Edelsteine. Nur noch rund drei statt bisher sechs Tonnen sollen 2009 gefördert werden. Grund für den drastischen Rückgang ist die sinkende Nachfrage in den westlichen Ländern. In Botswana haben aufgrund der Absatzkrise bereits 4.500 Menschen ihren Job in der Diamantenindustrie verloren. Australien: Von der Sonne profitieren Australien will die größte Solaranlage der Welt bauen. Die Kosten für das Projekt im Bundesstaat Victoria liegen bei umgerechnet 800 Millionen Euro. Die Anlage wird Strom in Höhe von bis zu 1.000 Megawatt produzieren und so rund 800.000 Haushalte versorgen. Damit erzeugt sie dreimal mehr Energie als die bisher größte Anlage in Kalifornien liefert.

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Top Ten D i e m e i s t a n g e b a u t e n P f l a n z e n i n T o g o

1 Manioc – Maniok 795.371 Tonnen

2 Ignames – Yamswurzel

648.248 Tonnen

3 Maïs – Mais 590.106 Tonnen

4 Mil – Hirse 259.564 Tonnen

5 Riz usiné – Reis 85.540 Tonnen

6 Haricot – Bohne 67.325 Tonnen

7 Arachide – Erdnuss 42.648 Tonnen

8 Taro – Wasserbrotwurzel 17.747 Tonnen

9 Voandzou – Erderbse 4.541 Tonnen

10 Patate douce – Süßkartoffel 3.989 Tonnen

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Maniok

Maniok ist ein Knollengewächs, der kleine Bruder der Yamswurzel, die bis zu drei Kilo schwer werden kann. Maniok findet man in fast allen Regionen Togos. Es enthält viel Stärke und ist gegenüber langen Trockenperioden und kargem Boden unempfindlich. Maniok wird das ganze Jahr über, hauptsächlich für den Eigengebrauch, angebaut. Beliebte Gerichte aus Maniok sind Foufou und Gari. Foufou ähnelt dem europäischen Kartoffelpüree. Gari ist eine Art Mehl, das durch Röstung der Wurzelknolle gewonnen wird. Die Togolesen essen es auf Gemüsesoße gestreut oder auch als Brei. Maniok wird aber auch gekocht, frittiert oder getrocknet. Nur roh sollte man die Wurzelknolle nicht verzehren, denn sie setzt die giftige Blausäureverbindung Zyanid frei.

4 Hirse Die Hirse gehört mit Mais und Reis zu den Getreidesorten in Togo und wird im ganzen Land angebaut. Als anspruchslose Pf lanze gedeiht sie auch dort noch, wo andere Getreidearten wegen Wassermangels eingehen. Durch Dreschen werden die Körner nach der Ernte von den Schalen getrennt. Dann werden sie gewaschen, geröstet und getrocknet. Neben dem Verzehr in Eintöpfen oder als Beilage wird Hirse auch zu Alkohol verarbeitet. Um Bier zu brauen, werden die Körner zwei Tage lang in heißem Wasser gegärt und dann weitere zwei Tage gelagert – je länger, umso stärker der Alkoholgehalt. Das fertige Bier wird durch ein feines Netz gesiebt, um es f lüssiger zu machen. Der übrig gebliebene Brei wird getrocknet und an die Tiere verfüttert.

Quelle: Ministerium für Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei Togo, Statistik der am häufigsten angebauten landwirtschaftlichen Produkte 2008



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Die Erdnuss findet man in allen Regionen Togos. Sowohl der Anbau als auch die Ernte sind sehr arbeitsintensiv: Vor der Aussaat muss der Boden aufgelockert werden, die Ernte ist Handarbeit. Die Pf lanze ist aufgrund der einzigartigen Struktur ihrer Wurzel imstande, auch einem noch so dürftigen Boden lebenswichtige Nährstoffe zu entziehen. Die kleine Frucht hat einen hohen Fettgehalt, weshalb die Togolesen aus ihr Pflanzenöl gewinnen. Beliebt sind auch die würzigen Erdnusssnacks, die togolesische Frauen auf dem Markt anbieten. Ein traditionelles togolesisches Gericht ist die Erdnusshühnersuppe: ein Schmorgericht aus Hühnchen und Zwiebeln in einer mit Erdnussbutter verdickten Tomatensoße. Mmmh! Zusammengestellt von Young-Sim Song

Fotos: copy left (1), (3), M.E./PIXELIO (2)

7 Erdnuss

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Kulturleben

Fotos: Dr. Barbara Rocksloh-Papendieck (1), E. Sakata (3)

was anderswo ganz anders ist

Wie Frauen in Mali sich etwas leisten können

Weshalb man in China die Zahl 250 meidet

Warum in Island die Liebe lange hält

In der Spargruppe von Penda Alpha aus dem Dorf Tissi haben sich 17 Frauen zusammengeschlossen. Jeden Dienstag zahlt jede Frau umgerechnet 75 Cent in die Kasse ein und jeden Dienstag erhält reihum eine von ihnen die Sparsumme von etwa 13 Euro. „Tontine“ heißen diese Gruppen, die sich aus Frauen derselben Nachbarschaft, Altersgruppe oder dem gleichen Gewerbe zusammenschließen. Durch diese Art zu sparen realisieren die Frauen mit kleinen Beiträgen eine größere Summe. Ohne die Kontrolle und Hilfe der Gruppe wäre das Sparen für Penda Alpha zu schwierig und andere Kreditmöglichkeiten hat sie nicht. Von dem Geld kauft sie Kleidung. „Bei uns zahlen die Frauen selbst für ihre Kleidung und die ihrer Kinder. Dass der Ehemann dabei hilft, ist selten.“ Ist die letzte Teilnehmerin in den Genuss der Auszahlung gekommen, findet sich immer eine neue Gruppe zusammen. „Mama“ nennen die Frauen die gewählte Präsidentin ihrer Tontine. Die Mama kassiert die Beiträge, zählt das Geld und zahlt aus. Tontinen gibt es auch in den Städten. In Bamako trifft sich eine Gruppe von 20 Tuchfärberinnen jeden ersten Samstag im Monat bei der Frau, die die Ausschüttung erhält. Die Reihenfolge wird vorab ausgelost. Jede Frau zahlt umgerechnet 75 Euro ein. Die Auszahlung liegt hier bei 1.500 Euro. Damit lassen sich schon größere Geschäfte finanzieren, städtische eben.

Dass die Chinesen zahlengläubig sind, ist bekannt. Die Olympischen Spiele begannen am 08.08.2008, weil die Acht auf Chinesisch wie das chinesische Wort für „wohlhabend“ klingt. Eine gar nicht harmlose Zahl ist in China hingegen die 250, denn sie bedeutet „Trottel“ oder „Dummkopf“. Es kursieren verschiedene Erklärungen, warum das so ist. Die wohl bekannteste ist diese: Zur Zeit der Streitenden Reiche, in den Jahren 470–221 vor Christus, herrschten in China verschiedene Könige, die alle Beamte oder Berater um sich versammelt hatten, so auch der König des Staates Qi. Dessen Berater und Freund Su Qin wurde ermordet und der König ersann eine List, wie er den Mörder fassen könnte. Er verkündete, dass Su Qin ein Feind des Staats gewesen sei und er den Mörder deshalb mit 1.000 Goldstücken belohnen wolle. Daraufhin meldeten sich gleich vier habgierige Halunken. Der König fragte sie, wie er nun herausfinden soll, welcher von ihnen das Gold verdient habe. „Ganz einfach“, sagten die vier, „jeder von uns bekommt 250 Goldstücke.“ Da rief der König seine Wachen und befahl: „Bringt diese vier 250er weg und tötet sie!“ Möglicherweise steht seither die 250 für „Dummkopf“ und wird eben gemieden. In Zeiten des real existierenden Kapitalismus gibt es in den Läden jedenfalls nichts, was 250 Yuán kostet.

Partnerschaften halten in Island besonders lange. Einen Trauschein benötigen die meisten isländischen Paare dafür allerdings nicht. Männer und Frauen gehen dort auch ohne offiziellen Segen meist für sehr lange Zeit gemeinsame Wege. Und auch die verheirateten Paare trennen sich selten. Im europäischen Vergleich hat Island eine der niedrigsten Scheidungsraten. Viele mögen nun behaupten, dass Island als eine kleine Insel mit nur rund 320.000 Bewohnern einfach ein zu geringes Angebot an potenziellen Partnern biete. Falsch. Eine Erklärung für das erfolgreiche Leben zu zweit findet sich vielmehr in der isländischen Mentalität. Die Isländer sind sehr ehrlich und direkt. Sie sagen frei heraus, was sie denken. Vor allem auch, was ihnen nicht passt. Das sind gleich zwei wichtige Eigenschaften für eine glückliche Beziehung. Außerdem musste das isländische Volk in der Vergangenheit stets kämpfen, um den widrigen Lebensbedingungen auf der Nordatlantik-Insel zu trotzen und überleben zu können. Das prägt die Isländer auch heute noch. Dort gibt man nicht so schnell auf, selbst dann nicht, wenn mal ein raueres Lüftchen in der Partnerschaft weht. Das hat mir an dem kleinen nordischen Volk immer sehr imponiert. Dass ich selbst seit 48 Jahren glücklich mit einer Isländerin verheiratet bin, ist deshalb wohl auch kein Zufall.

Barbara Rocksloh-Papendieck ist promovierte Soziologin und arbeitet seit 1994 im Norden Malis in der Armutsbekämpfung, Kleinbewässerung und Frauenförderung. Kulturaustausch 1/09

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Falk Hartig, geboren 1979, Sinologe und Journalist, arbeitete von Februar bis Mai 2009 als „Medienbotschafter“ der Robert-Bosch-Stiftung bei der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua in Peking.

Wladimir Ashkenazy , geboren 1937 in Gorki, ist ein russischer Pianist und Dirigent. Seit 1972 hat er die isländische Staatsbürgerschaft.



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Fokus: Vereinigte Arabische Emirate

etablieren. 2008 wurde der Startschuss für das Projekt „2Four54“ gelegt – so soll dort die neue Medienstadt heißen, benannt nach dem Die Finanzkrise erreicht die Emirate: Warum die Herrscher am Golf Längen- und Breitengrad, auf dem sich die Angst vor den Medien bekommen – und was sie dagegen tun Hauptstadt befindet. Die Journalistin Rym Ghazal von der Zeitung The National in Abu Dhabi urteilt, man habe die Macht der Medienmaschinerie lange Zeit wohl unterschätzt. „Jetzt“, so Ghazal, „will Abu Dhabi, das ölvon Constantin Schreiber reichste der Emirate, mit einem beachtlichen Das gleißende Sonnenlicht spiegelt sich in der worfen werden, in das zu investieren sich Budget die Dubai Media City überflügeln.“ Dabei ist es um die Pressefreiheit in den Glasfassade der Media City, doch schon ab vier lohne. „Dubai“, so Ghanem Nuseibeh, Analyst Uhr nachmittags wird es dunkel um den Ge- von „ Political Capital“, einem ungarischen Emiraten nicht sehr gut bestellt. Die Journabäudekomplex. Dann verschwindet die Sonne Think Tank mit Golf-Fokus, „ist im Grunde listenorganisation „ Reporter ohne Grenzen“ bereits hinter einer Front von Hochhäusern, eine Erfindung der Medien, geschaffen und veröffentlicht ein jährliches Ranking aller die die Media City um gut 40 Stockwerke geformt durch Werbung und Marketing.“ Länder nach dem Grad der Pressefreiheit. überragen. Als das Medienzentrum Dubais Die meisten großen internationalen TV- und Die Vereinigten Arabischen Emirate belegen 2001 gegründet wurde, war in weitem Um- Nachrichtenstationen haben sich inzwischen in diesem Ranking nur Platz 69 von 173. Bekreis nur menschenleere Weite, die Wüste in der Dubai Media City niedergelassen, von sonders die inländischen Medien sind dabei der Arabischen Halbinsel. Jetzt ist, so weit CNN und BBC über Thomson-Reuters bis hin die Hauptadressaten der Beschränkungen: das Auge reicht, alles zubetoniert, ein künst- zu al-Arabiya und Deutsche-Welle-TV. Der Eine umfangreiche Internetzensur blockiert licher Yachthafen befindet sich zahlreiche Webseiten, darunter in unmittelbarer Umgebung. Nachrichtenseiten. Auch wenn Dubai wuchs über Jahre im eigentlich nur als zu freizügig Zeitraffertempo mit jährlich 12 empfundene bildliche DarstelProzent Bevölkerungsanstieg lungen im Visier der Zensoren und 15 Prozent Wirtschaftsstehen sollen, werden häufig steigerung. Doch das Wunim Zuge der Tilgung von zu der in der Wüste beginnt zu viel bloßer Haut auch nachrichflimmern. Die Wirtschaft der ten- und informationsrelevante Vereinigten Arabischen EmiInternetseiten unzugänglich rate bricht genauso ein wie an gemacht. Dies geschieht zum anderen Orten der Welt. WeBeispiel häufiger mit der Intergen des hohen Anteils an Exnetseite der Bild-Zeitung. Nicht pats allerdings mit besonders nur die Bilder kaum bekleideter dramatischen Auswirkungen. Frauen, sondern ganze ArtiAllein für 2009 und 2010 rechkel erscheinen als weiße leere nen Forschungsinstitute mit Flächen. einem Bevölkerungsrückgang In die Wüste geschickt: In den Emiraten werden die Medien immer stärker kontrolliert Abgesehen von der direkten in Dubai von etwa 10 Prozent. Informationssperre durch die Baustellen stehen still, Projekte werden ab- Plan, Dubai nicht nur zu einer Handels- und Zensur sind darüber hinaus der freie Inforgesagt. Nur berichten sollte man darüber Finanzdrehscheibe aufzubauen, sondern auch mationszugang und die Bereitstellung von besser nicht. zu einem „media hub“, scheint aufgegangen. Informationen in vielen Fällen strafrechtlich Maßgeblich beteiligt am Aufstieg zur GolfDiesen Erfolg wollen andere in der Region sanktioniert. Negative oder kritische Äußemetropole waren die Medien. Von Anfang an nachmachen. Dubais größter Gegenspieler rungen über die herrschenden Familien der sollten sie das Bild des glitzernden Dubai in im Kampf um Medienpräsenz ist Abu Dhabi, verschiedenen Emirate werden in der Regel die Welt transportieren. Der Startschuss für die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen mit Ausweisung bestraft. Im Frühjahr 2009 das PR-Projekt Dubai fiel im Jahr 2000 mit der Emirate. Misstrauisch beäugten die Herrscher machte der Fall eines Mitglieds der HerrEröffnung des Hotels Burj al-Arab. Rund um dort von Anfang an Dubais Transformation scherfamilie von Abu Dhabi Schlagzeilen, die futuristische Konstruktion, die ein Segel in ein „Disneyland am Golf“ – so der häufige der in der Wüste einen Afghanen foltern ließ. nachahmt, sollte das Bild eines aufstrebenden, Vorwurf. Abu Dhabi will sich als stilvoller Videoaufnahmen kursierten auf Youtube. In liberalen, zukunftsgewandten Emirats ent- Gegenentwurf auf der Arabischen Halbinsel einheimischen Medien tauchte das Thema

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Foto: George Diebold/gettyimmages.de

Bilderverbot

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Fokus: Vereinigte Arabische Emirate

nicht auf – die Journalisten hätten sich strafbar gemacht. Seit dem Frühjahr 2009 bestehen zudem neue Tendenzen, die Arbeit von Journalisten vor Ort zu erschweren: Der Strafrechtskatalog, der bestimmte Tätigkeiten der Arbeit von Journalisten unter Strafe stellt, wird zurzeit kräftig ausgeweitet. Schuld daran ist die Finanzkrise und ihre negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate. In Zeiten der Krise setzen die Herrscher am Golf auf eine stärkere inhaltliche Kontrolle, wie Ghanem Nuseibeh beobachtet: „Neue Gesetzesentwürfe sehen hohe Geldstrafen vor für Berichterstattung, die den politischen und wirtschaftlichen Interessen entgegenläuft. Das kann so ziemlich alles sein, je nachdem, wie die Berichte von der jeweiligen Aufsicht ausgelegt werden. Der rechtliche Rahmen droht zu einer willkürlichen Strafverfolgung von Journalisten zu führen.“ 500.000 Dollar sollen künftig als Strafe gegen Medienunternehmen verhängt werden können, sollte etwas Kritisches in der Berichterstattung gefunden werden – in jedem einzelnen Fall. Die Rolle, die Medien in einem westlichen Politik- und Gesellschaftsgeschehen spielen, nämlich hoheitliches Handeln medial zu kontrollieren und Diskussionen in der Öffentlichkeit zu verbreiten, soll in den Vereinigten Arabischen Emiraten gerade verhindert werden. Zudem trifft die westliche Vorstellung von Journalismus auf eine Umwelt, in der traditionell Dissens hinter verschlossenen Türen im Kreise des Stammes gelöst wird und nicht in öffentlichen Debatten. Für Fernseharbeit kommt erschwerend das Bilderverbot des Islam hinzu, das am Golf, mehr noch als in anderen Teilen der islamischen Welt, von vielen Menschen besonders stark verinnerlicht wird und sich auch auf die Arbeitsebene auswirkt. Dass die neue Medienstrategie den Vereinigten Arabischen Emiraten nutzen wird, bezweifeln viele, zum Beispiel auch Christian Koch vom Gulf Research Center, einem regierungsunabhängigen Think Tank in Dubai: „Die Vorgehensweise fördert Gerüchte, weil alle denken, dass man etwas zu verbergen hat, dass man nicht offen und ehrlich ist, sondern die Lage schönredet. Es wäre viel nützlicher, zuzugeben, dass es auch Probleme gibt.“ Darüber hinaus gibt es in jüngster Zeit auch Kulturaustausch 1/09

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Wählen in: Kirgisistan Kaum angekündigt, schon entschieden – so lassen sich die anstehenden Staatspräsidentenwahlen in Kirgisistan kurz beschreiben. Als eine von 15 postsowjetischen Republiken bemüht sich das Land seit 1990, Marktwirtschaft und Demokratie aufzubauen. Das Fehlen demokratischer Traditionen und die starke regional ausgeprägte Klanstruktur lassen Kirgisistan jedoch zunehmend in Autokratie versinken. Im Frühjahr 2005 machte das Land weltweit Schlagzeilen. Gefälschte Parlamentswahlen lösten eine soziale Revolte, die Tulpenrevolution, aus. Der Staatspräsident Askar Akajew musste Kirgisistan umgehend verlassen. Kurmanbek Bakijew, einer der Anführer der kirgisischen Opposition, wurde neuer Ministerpräsident und Staatspräsident. Die erhofften demokratischen Veränderungen blieben jedoch aus. Der Autokratie von Askar Akajew folgte die von Kurmanbek Bakijew. In Kirgisistan entscheidet die Staatsmacht über den Zugang zu Ressourcen und über Verteilungsmechanismen. Präsident Bakijews ehemalige Verbündete, die sich beim Verteilen des Staatskuchens benachteiligt fühlen, werfen ihm nun vor, er befolge demokratische Gründsätze nicht. Sie fordern seinen Rücktritt und organisieren große Protestkundgebungen. Die kirgisische Opposition stellt einen Zweckverband einflussreicher Politiker und Unternehmer dar. Durch geschickte politische Schachzüge gelang es dem derzeitigen Staatspräsidenten Bakijew, die Opposition zu schwächen. So wurden einige Oppositionelle gefügig gemacht, indem sie zu hohen Staatsbeamten ernannt wurden. Almasbek Atambajew bei-

Tendenzen, ausländischer Medien stärker zu kontrollieren und gegebenenfalls zu sanktionieren. Exemplarisch für eine befürchtete härtere Gangart gegenüber ausländischen Journalisten stehen die in diesem Frühjahr gesammelten Erfahrungen der BBC. In ihrem TV-Magazin Panorama berichtete der britische Nachrichtensender über die Lebensbedingungen in Dubais Arbeitslagern, den Trabantensiedlungen, in denen Hunderttausende Gastarbeiter aus Süd- und Südostasien leben, die auf den Baustellen der Golfmetropole arbeiten. Die strahlende Fassade Dubais bekam Kratzer. Der BBC drohte für ihren Standort

spielsweise hatte 2007 das Ministerpräsidentenamt inne; Omurbek Babanow wurde im Januar 2009 zum ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt. Gegen andere bedeutende Oppositionelle werden Prozesse angestrengt oder ihre Unternehmen unzähligen Steuer- und Finanzinspektionen unterzogen. Ein durchdachter politischer Zug ist auch der Termin der vorzeitigen Staatspräsidentenwahlen in Kirgisistan. Am 20. März 2009 legte das kirgisische Parlament den Tag der Wahlen für den 23. Juli 2009 fest. Dieser Termin verschafft Kurmanbek Bakijew zwei Vorteile: Zum einen kann sich die Opposition in so kurzer Zeit kaum auf die anstehenden Wahlen vorbereiten, zum anderen will sich Kurmanbek Bakijew zum Staatspräsidenten „gekrönt“ sehen, bevor die Weltwirtschaftskrise ernsthaft zuschlägt. Kirgisische Gastarbeiter überwiesen 2008 1,2 Milliarden US-Dollar in die Heimat. Wegen der Weltwirtschaftskrise kehren viele von ihnen nun nach Kirgisistan zurück. Das Ausbleiben ihrer Überweisungen wird für das Land mit einem Bruttosozialprodukt von 4,9 Milliarden US-Dollar recht spürbar sein. Neue soziale Unruhen könnten entstehen. Die aktuelle Situation lässt die Ergebnisse der Wahlen vorausahnen: Kurmanbek Bakijew wird mit 70 bis 85 Prozent der Stimmen wiedergewählt werden. Ein ernst zu nehmendes Rennen bleibt aus. Denn die Wähler können keinen Unterschied zwischen Bakijew und der Pseudoopposition erkennen. Kanat Kulzhanov, geboren 1981, ist Übersetzer und Berater politischer Stiftungen. Er lebt in Chaldovar, Kirgisistan.

in der Media City von Dubai die Sendelizenz entzogen zu werden. Für die Emirate geht es um viel. Sie verdanken den Medien ihren Aufstieg zu einem globalen Erfolgsmodell und internationalen Vorbild. Mit ihrer neuen Medienstrategie setzen sie dieses Konzept aufs Spiel – im Inland wie im Ausland. Constantin Schreiber, geboren 1979, ist Jurist und Journalist. Derzeit ist er im Auswärtigen Amt für Medienprojekte Deutschlands in der arabischen Welt zuständig. Davor war er Korrespondent des arabischen TV-Programms der Deutschen Welle in Dubai.

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Fokus: Paraguay

Regenwaldvernichter Wie der Sojaboom die Landschaft und Gesellschaft in Paraguay verändert

von tiMo berGer Gelbe Körner rieseln durch zwei Hände. Rod-

ney Villalba, Spross einer paraguayischen Unternehmerfamilie, die seit Jahren in das boomende Sojageschäft investiert, begutachtet vor einem Getreidesilo eine Stichprobe des heute angelieferten Sojas. Ein paar der Bohnen sind schwarz, andere vertrocknet. Das Soja habe dieses Jahr eine mindere Qualität, sagt Villalba, und die Ernte falle geringer aus – eine Folge der Dürre, die Paraguay diesen Sommer über fest im Griff hält. Wir sind in Puerto Antequera, im Departamento San Pedro, am Getreidehafen der Grupo Severo Villalba, von der Hauptstadt Asunción aus 300 Kilometer oder vier Stunden Autofahrt über die neue asphaltierte Überlandstraße nach Norden. Eine trockene Hitze liegt in der Luft. Eigentlich wäre jetzt, Ende April, die Zeit, in der es in dem südamerikanischen Binnenland am meisten regnen müsste. Der Hafen in Antequera wurde 2006 eingeweiht. Vergangenes Jahr wurden hier 60.000 Tonnen Getreide, 40 Prozent der Gesamtproduktion des Departamentos, in die flachen Frachtschiffe verladen, die es den Río Paraguay hinunter zu argentinischen Häfen transportieren, von wo aus es hauptsächlich nach Europa exportiert wird. Rodney Villalba schätzt, dass in Antequera dieses Jahr 15 Prozent weniger Soja verschifft werde. Dennoch, wenn es nach dem Sojaunternehmer geht, soll das Departamento San Pedro in den nächsten Jahren zu einem der Spitzenproduzenten der Hülsenfrucht aufrücken. Die diesjährige Dürre, davon ist Villalba überzeugt, sei ein normales Phänomen: „Alle fünf bis sechs Jahre bleibt hier der Regen aus.“ Ganz anders sieht das Oscar Meza. Der Agraringenieur, der das staatliche Programm für landwirtschaftliche Entwicklung leitet, sitzt in einem verdunkelten Büro in Asunción. Obwohl es noch früh am Morgen ist,

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läuft der Ventilator schon auf Hochtouren. Für Mesa steht die Dürre mit dem Sojaanbau in Zusammenhang. Die Abholzung großer Landesteile für die Ausweitung der Plantagen und Viehweiden habe zu ungewöhnlichen Klimaveränderungen geführt. Insgesamt sei eine Steigerung der Wetterextreme zu beobachten. In der Tat hat Paraguay sein Antlitz in den vergangenen Dekaden stark verändert. Noch 1945 standen im fruchtbaren Ostteil des Landes acht Millionen Hektar Wald. 2008 sind nur noch etwas weniger als eine Million Hektar davon übrig. Paraguay, ein Land so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen, ist in derselben Zeit zum sechstgrößKleinbauern ten Sojaproduzenten weltweit aufgestiegen. Bei den Ausfuhren ist das Land nach den USA, Brasilien und Argentinien sogar auf den vierten Platz vorgerückt. Die Sojabohne ist nicht nur das bedeutendste Exportprodukt, sie ist mit knapp 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion auch der zentrale Pfeiler der paraguayischen Wirtschaft. Die steigende Nachfrage nach Tierfutter und Agrartreibstoffen lässt die Preise für die Hülsenfrucht auf dem Weltmarkt steigen. Die eiweiß- und ölhaltige Bohne wird ausgepresst, das Sojaöl als Nahrungsmittel und Treibstoff verkauft. Was übrig bleibt, dient als Futtermittel in der Tiermast der großen europäischen Fleischfabriken. Ende der 1960er-Jahre begann der extensive Sojaanbau. Oscar Meza erzählt, dass die Regierung des deutschstämmigen Diktators Alfredo Stroessner von 1966 bis 1968 eine „grüne Revolution“ angestoßen habe, die Mechanisierung der bis dahin kleinbäuerlich geprägten Landwirtschaft. Oberste Priorität habe die Ausweitung des Weizenanbaus

gehabt, weil das Land bis dahin auf Importe angewiesen war. Doch da das Getreide im subtropischen Klima Paraguays nur im Winter wachse, habe man nach einem Anbau für den Sommer gesucht und mit Soja die geeignete Pflanze gefunden. In den vergangenen Jahren ist mit den steigenden Preisen für Soja auf dem Weltmarkt das Geschäft immer lukrativer geworden. Multinationale Konzerne wie Cargill und Monsanto, Dreyfuss und die Archer Daniels Midland Company engagieren sich in Paraguay. 95 Prozent des angebauten Sojas, schätzt Rodney Villalba, sei genetisch verändert. Saatguthersteller wie Monsanto lieferten zum transgenen Samen gleich passend darauf abgestimmte Pflanzenschutzmittel. Denn die riesigen Sojamonokulturen sind sehr anfällig für Schädlinge. Die Schattenseiten des Sojaanbaus werden in Paraguay zunehmend sichtbar: Agraringenieur Meza beklagt, dass im Zuge des Booms auch Wälder in Gebieten gerodet worden seien, deren Böden nicht für den Ackerbau geeignet wären. Riesige Flächen mit sandigen Böden

und ihre Familien blockieren die Zufahrt zu Ländereien würden so der Erosion ausgesetzt. Der Niederschlag wasche die Böden aus, transportiere Sediment in Bäche und Flüsse. Viele Gewässer seien inzwischen versandet. Soja ist ein Devisenbringer für die klamme paraguayische Staatskasse. Die paraguayische Zentralbank schätzt, dass trotz Dürre und des aufgrund der Finanzkrise gesunkenen Weltmarktpreises dieses Jahr die Sojaexporte einem Wert von 963 Millionen US-Dollar entsprächen. Zwar wären das 36 Prozent weniger als im Vorjahr, aber immer noch mehr als 2007. Warum vom Sojageschäft dennoch nur wenige Menschen in Paraguay profitieren, erklärt Ricardo Rodríguez Silvera, ein Wirtschaftswissenschaftler und international tätiger Berater: Soja sei ein „exkludierendes und konzentriertes Produkt“, das die Bevölkerung nicht integrierte. Die zum Teil mehrere Hundert Hektar großen Plantagen erforderten nur wenige Arbeitskräfte: Ein, zwei Männer Kulturaustausch1/09

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Karte: Instituto de Bio-Tecnología Agrícola INBIO

Fokus: Paraguay

könnten mit den entsprechenden Maschinen 500 Hektar bewirtschaften. Außerdem erhebe der paraguayische Staat sehr geringe Steuern auf die Produktion und – anders als die Nachbarländer – keinerlei Abgaben auf die Ausfuhr. Rodríguez Silvera rechnet vor, dass die Armut in Paraguay in den vergangenen Jahren – trotz des landwirtschaftlichen Booms – zugenommen habe. „Mehr als eine Million Menschen leben in extremer Armut, weitere anderthalb Millionen unter der Armutsgrenze.“ 2,5 Millionen Arme von 6,5 Millionen Einwohnern insgesamt sei definitiv zu viel, findet der Wirtschaftswissenschaftler: „Das ist das erbärmlichste Anzeichen dafür, dass unsere Gesellschaft gescheitert ist und es dem Staat nicht gelungen ist, ein Modell zu installieren, das diese Bevölkerungsteile integriert.“ Es verwundert nicht, dass sich auch in der Bauernschaft mittlerweile Widerstand gegen die Sojamonokulturen regt. Paraguay ist bis heute eine stark agrarisch geprägte Nation. Fast 40 Prozent der Einwohner leben noch auf dem Land – eine Ausnahme im zunehmend verstädternden südamerikanischen Subkontinent. Doch auch in Paraguay nimmt die Landflucht zu. Die Bauernvereinigungen geben die Schuld den großen Sojaplantagen, die die ursprüngliche bäuerliche Kultur und Subsistenzwirtschaft verdrängen. Vertreter von Bauernvereinigungen und Basisbewegungen aus dem ganzen Land treffen sich Ende April ein Wochenende lang in Guayabí, einer Stadt im Departamento San Pedro, und diskutieren über die Lage der Kleinbauern. Vergangenes Jahr wählten viele von ihnen den Mitte-Links-Kandidaten Fernando Lugo zum neuen Präsidenten Paraguays. „Eine Stimme für den Wandel“, versprach die Kampagne des ehemaligen Bischofs. Doch heute, fast zehn Monate nach seinem Machtantritt, ist man skeptisch. Viel bewegt, so die einhellige Meinung, habe der neue Präsident nicht. In die Schlagzeilen kam das Land nur wegen der unehelichen Kinder, die Präsident Lugo noch als Geistlicher in die Welt gesetzt hat. Die Bauern in Guayabí fordern, dass der Präsident sein Wahlversprechen einer Landreform endlich einlöse. Auch der massive Pestizideinsatz auf den großen Plantagen, der in den umliegenden Dörfern zu Krankheiten Kulturaustausch 1/09

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und Missbildungen führt, ist ein Thema. Für eine Flächennutzung im Osten Paraguays kleinbäuerliche Gemeinschaft, so der Bauernaktivist Miguel Ángel Insfrán, sei es eine große Bedrohung, wenn Ländereien ungenutzt in ihrer Nähe lägen. „Das Land kann jeder Zeit in eine Sojaplantage verwandelt werden. Und dann weht die Chemie herüber.“ Deshalb kommt es immer wieder zu Landbesetzungen. Zwischen Guayabí und Requena haben sich 100 Familien an der Straße Hütten gebaut und besetzen die Zufahrt zu einer Länderei. „Seit sieben Jahren kämpfen wir hier schon“, erzählt ein Mann in einem Mischmasch von Guraní und Spanisch. Noch Städtische Fläche Wald Wasser steht Wald hinter ihm, EuSoja Andere Nutzung kalyptus. Als die Familien das Land besetzten, hieß es, der Besitzer wolle es in eine Quelle: Instituto de Bio-Tecnología Agrícola 2008 Sojaplantage verwandeln. Nur noch 12 Prozent des ursprünglichen Flächen in Privathand zu enteignen. Auch Waldes sind in San Pedro übrig geblieben. wenn Präsident Lugo immer wieder bekräfManuel Barrera, ein 53-jähriger Bauer aus San- tigt – wie zuletzt Ende Mai gegenüber der tani, einer Stadt zehn Kilometer südwestlich argentinischen Zeitung Clarín –, dass eine von Guayabí, kann sich noch an viel Wald, umfassende Landreform ein „unverzichtbarer kristallklare Bäche mit Fischen, Wildtiere, Teil“ seiner Regierungsagenda sei. 85 Prozent die man jagen konnte, und Wildfrüchte erin- der landwirtschaftlichen Flächen, rechnete nern. Neben dem Wald ist auch das Land, das das Staatsoberhaupt zur Begründung seiner die Campesinos selbst heute besitzen, knapp Pläne vor, seien im Besitz von nur 2,5 Prozent geworden. Von den ursprünglich 20 Hektar der Bevölkerung. Eine „Ungleichheit“, die man Land, das die Siedler in der Vergangenheit ein- langsam korrigieren müsse. Ob die Kleinbaumal vom Staat zugeteilt bekamen, ist aufgrund ern jedoch noch viel Zeit haben zu warten, der Erbteilung nicht mehr viel übrig. Fünf bis ist fraglich. Immer mehr von ihnen fliehen sechs Familien, so Barrera, lebten jetzt auf vor Armut und Umweltgiften in die großen derselben Fläche. Die Böden seien ausgelaugt Städte, wo sich die meisten von ihnen in den und brächten kaum noch Ertrag. schnell wachsenden Slums der Außenbezirke Die Kleinbauern und Landlosen fordern wiederfinden. deshalb neues Ackerland von der Regierung. Doch die Regierung habe das staatliche Land Timo Berger, geboren 1974 in Stuttgart, arbeiverkauft an die großen Soja- und Viehbarone, tet in der Redaktion von KULTURAUSTAUSCH. sagt Miguel Ángel Insfrán. Und bislang habe Im April 2009 reiste er im Rahmen des Projekts sie auch keine Initiative gezeigt, altes Land „Die Kunst der Unabhängigkeit“ des Goethewieder urbar zu machen oder unproduktive Instituts durch Paraguay.

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Links: Junge bereitet sich auf seinen Spieleinsatz beim Baseball vor. Laurel Hill, Meadowlands, New Jersey Rechts: Golden Gate Bridge, San Francisco, Kalifornien

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Good Morning, America Es sieht nicht gut aus f체r die Vereinigten Staaten: Das Desaster des Irakkriegs und die Finanzkrise bescheren den USA ernsthafte Probleme, und weltweit haben sie stark an Ansehen verloren. Aufstrebende L채nder wie China und Indien stellen die amerikanische Vormacht in Frage. Und einer soll nun alles richten und die Nation neu erfinden: Pr채sident Barack Obama. Doch wie sehen die Menschen in den USA derzeit ihr Land? Ein Themenschwerpunkt 체ber Amerika

Alle Bilder im Hauptteil von Melissa Farlow und Randy Olson

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Einleitung

„Wir werden nicht mehr führend sein“

Herr Sennett, Sie haben eine Menge Gemeinsamkeiten mit Barack Obama: Sie stammen beide aus Chicago, sehen gut aus und haben wichtige Dinge zu sagen ... Oh nein, nein. Er sieht viel besser aus!

Richard Sennett, geboren 1943 in Chicago, ist Professor für Soziologie an der New York University und der London School of Economics. Er hat an der Harvard Universität promoviert und das New York Institute for the Humanities mitbegründet.

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Aber Sie beide haben einen sozialen Aufstieg hinter sich. Sie lebten in Ihrer Kindheit einige Jahre in einem Chicagoer Armenviertel. Heute sind Sie ein weltbekannter Soziologe. Sind Barack Obama und Sie nicht gute Beispiele für den Weg nach oben? Ich möchte lieber kein Beispiel sein. Aber auch Barack Obama ist der Armut nicht entflohen. Er kommt aus einer sehr gebildeten Familie und ging auf sehr gute Schulen. Das ist in der afroamerikanischen Gesellschaft von Bedeutung, deshalb ist er dort mit seiner Herkunft auch kein Vorbild. Aber seine Frau ist es. Michelle ist tatsächlich in sehr bescheidenen Verhältnissen groß geworden und entspricht der Vorstellung von den unbegrenzten Möglichkeiten, die Menschen in Amerika haben. Gibt es den Amerikanischen Traum noch? Kann man vom Tellerwäscher zum Millionär werden? Die Geschichte vom Selfmademan ist im Großen und Ganzen eine Fantasie über Mobilität. Für jene, die schon seit Generationen hier leben, sieht es mit dem Wahrheitsgehalt dieser Vorstellung nicht sehr gut aus. Für die meisten ist die Mobilität nach unten wahrscheinlicher als die nach oben. Aber für Immigranten spielt die Mobilität nach oben noch eine große Rolle und da funktioniert sie auch. Einwanderer steigen in den Vereinigten Staaten eher von der Arbeiterklasse in die Mittelschicht auf. Die Koreaner sind ein herausragendes Beispiel dafür: Bei ihrer Ankunft zumeist wirklich benachteiligt, gelingt es ihnen oft, ein nor-

males Leben in der Mittelklasse aufzubauen. Das gilt auch für viele Menschen aus Mittelamerika. Wie gehen die Amerikaner damit um, dass der Amerikanische Traum sich fast nur noch für Einwanderer erfüllt? Haben Sie die Filme von Spike Lee gesehen? Ja. Dann kennen Sie die Antwort: Die höhere soziale Mobilität der Einwanderer führt zu Ressentiments ihnen gegenüber. Das ist einer der Gründe, warum der 3.000 Meilen lange Zaun an der Grenze zu Mexiko gebaut wird: um die mexikanischen Arbeiter draußen zu lassen, die darauf brennen zu arbeiten und gebraucht werden. Aber es gibt so viel Feindseligkeit, zum Beispiel in der amerikanischen Rechten. Ausländer werden für die zur Obsession. Warum funktioniert das Prinzip Selfmademan bei den Immigranten, aber nicht mehr bei den in Amerika Geborenen? Immigranten sind sehr unternehmerisch orientiert. Man braucht schon eine gewisse Energie und Antrieb, um die eigene Kultur zu verlassen und in ein fremdes Land zu gehen. In unserer Vorstellung sind Immigranten oft arbeitsunfähige Subjekte, die von den Gezeiten der Geschichte irgendwohin gespült worden sind. In Wahrheit aber sind die meisten Einwanderer, die aus wirtschaftlichen Gründen immigriert sind, in hohem Maße kämpferisch und voller Energie. Wer sehr viele Stunden für sehr wenig Geld schuftet, tendiert oft auch dazu, mit seinen Kindern strenger zu sein. Die Kinder sollen beweisen, dass sich der Kampf gelohnt hat, deshalb wird sehr viel mehr familiärer Druck auf sie ausgeübt, etwas zu erreichen. Das sind keine Menschen, die zugrunde gehen. Sie haben einen sehr starken Willen. Gibt es bei den weißen Amerikanern einen Mangel an Willen und Energie? Wir haben hier eher den Eindruck, die Amerikaner seien sehr motiviert, energiegeladen und sportlich. Wenn ein Volk durch Sport gesunden könnte, dann wären die Amerikaner ein sehr gesundes Volk. Das Problem mit dem Sport ist: Es können nur ganz wenige darin sehr erfolgreich sein. Aus dem gleichen Grund ist auch Barack Obama als Vorbild problematisch. Man kann natürlich sagen: Wenn ein schwarzer Mann Präsident werden kann, dann können das alle Schwarzen. Er ist aber nur einer von 300 Millionen Amerikanern. Die Kommunen haben es versäumt, den armen, den schwarzen und den lateinamerikanischen Kindern sehr viel bodenständigere Signale zu geben, was aus ihnen werden könnte. Das ist wiederum

Foto: London School of Economics

Ein Gespräch mit Richard Sennett über amerikanische Träume, Analphabetismus und Eliten

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etwas, das die Koreaner gut können. Das Vorbild ihrer Eltern zeigte diesen Kindern: Du musst dich anstrengen und es einmal besser haben. Wir widmen unser Leben deiner Vervollkommnung in der nächsten Generation. Was wäre ein gutes reales Vorbild für ein Kind im Schwarzen-Ghetto? Für arme Menschen ist es tatsächlich schwierig, wahre Vorbilder zu finden. Es könnte jemand sein, der es geschafft hat, Sekretärin zu werden oder Laborant, der Fähigkeiten und Praxis erworben hat, die es ihm erlauben, gute Arbeit zu leisten und sich selbst zu respektieren, statt in der Anarchie zu leben, die für die meisten Afroamerikaner Alltag ist. Vorbilder müssen einem möglichen Leben entspringen, statt unerreichbare Träume zu sein.

nicht verzichten können. Aber wir brauchen jetzt Verzicht. Und wir bräuchten Arbeiter, wie es sie in Nordeuropa gibt. Das mag Ihnen merkwürdig vorkommen. Aber wenn Sie in einer Gesellschaft leben würden, in der die Menschen zu einem Drittel nahezu Analphabeten sind, ein weiteres Drittel sehr armselige mathematische Fähigkeiten hat und vielen das Lesen von mehr als drei Seiten in einer Zeitung Schwierigkeiten bereitet, dann haben Sie eine ernste Situation. Wenn Sie die elitären Zentren der Vereinigten Staaten einmal verlassen, dann finden Sie viele Kommunen, wo genau das der Fall ist. Man braucht Disziplin und einen Einstellungswandel, um dem zu begegnen.

Welche Einstellungen müssen sich verändern? Amerikaner sind weder dumm noch faul. Sie leben nur In Ihrem Buch „Handwerk“ beschreiben Sie einen grundlegenden leider in einer Kultur, die es versäumt hat, ihnen dabei zu menschlichen Impuls: den Wunsch, eine Arbeit nur um ihrer selbst helfen, Fähigkeiten herauszubilden, die man braucht, um willen gut auszuführen. Identifizieren sich die Amerikaner noch in der modernen Welt zu überleben. Ich bin sehr besorgt darüber, dass dieses Land nicht sehr gut gerüstet ist für mit ihren Jobs? Nicht sehr viele. Das ist ein seltenes Phänomen ge- die Herausforderungen, die sich ihm stellen. Im letzten worden und keinesfalls ein charakterliches Versagen der Jahr gaben die Schuldistrikte 600-mal mehr Geld für Menschen. Unsere Kultur ist nicht so eingerichtet, dass den Bau von Sportanlagen aus als für wissenschaftliche handwerkliche Werte von der Gesellschaft begünstigt wer- Labore. Genau hier muss sich in der politischen Kultur den. Geschätzte 40 Prozent der Jobs, die in den letzten etwas ändern. Damit solche Entscheidungen anders ausfallen, muss man die Werte der Menschen verändern. Vielleicht Ein Mann allein kann unmöglich das ganze wird die Arbeitsmarktkrise die senile System in Form bringen Menschen dazu bringen, stärker darauf zu achten, dass ihre Kin20 Jahren entstanden sind, sind sogenannte McJobs, also der lesen lernen und grundlegende Fähigkeiten in Matheniedrigste Dienstleistungen. Darin Erfüllung zu finden, matik und im Schreiben erwerben. Das könnte tatsächlich ist sehr schwer. Hier kommt auch wieder die Konkurrenz ein Effekt der Krise sein – wenn die Amerikaner nur nicht zwischen Ausländern und Einheimischen ins Spiel, weil diese seltsame Fahrlässigkeit gegenüber den Grundlagen viele der Dienstleistungsjobs, die eine Lehre erfordern von Lebensqualität hätten. – etwa im Gesundheitswesen – an Ausländer gehen. Diese haben ihre Fähigkeiten in einem anderen Land erworben Was meinen Sie damit? Amerikaner konsumieren Unmengen an Spielzeug, und kommen damit in die USA. Sie sind mit weniger Lohn zufrieden, weil der immer noch höher ist als das, was sie Glitterkram und Luxusartikeln. Außerdem sind die USA zu Hause verdienen könnten. Ich habe versucht herauszu- im Zweiten Weltkrieg nicht so zerstört worden wie Eufinden, was das für Menschen sind, die Computerrepara- ropa. Amerika verfügte nach dem Krieg über ernorme turen anbieten, ein sehr modernes Handwerk. 40 Prozent Ressourcen und eine sehr starke Wirtschaft, und für 40 der Menschen, die darin ausgebildet sind, wurden nicht oder 50 Jahre war das genug. Die Maschine lief von allein. Als sie langsam abtakelte, erlaubten massive Kredite den in den USA geboren. Menschen, weiter zu konsumieren, ohne zu erkennen, Was könnte ein amerikanischer Weg sein, um die Wertschätzung dass sie in Schwierigkeiten sein könnten. Erst in den letzten neun Monaten gab es ein großes Erwachen: Man sah von Arbeit wieder zu steigern? Ich glaube, wir müssen mehr wie die Deutschen werden. plötzlich, dass man auf einer Zeitbombe gesessen hatte. Diese Erkenntnis bedeutet, seine Lebensweise zu ändern, sparsamer zu werden und weniger zu konsumieren. Dies Meinen Sie etwa: strebsam und diszipliniert? Wenn man sich in einer lähmenden Situation befindet, sind aber tief verwurzelte Gewohnheiten. Sie aufzugeben braucht man Disziplin. Wenn man die Kosten für eine bedeutet eine tiefe Erschütterung. sehr exklusive Lebenshaltung tragen kann, muss man Kulturaustausch 111/09

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Veröffentlichungen von Richard Sennett:

„Handwerk“, Berlin Verlag, Berlin, 2008. „Die Kultur des neuen Kapitalismus“, Berliner Taschenbuchverlag, Berlin, 2007. „Der flexible Mensch”, Berlin Verlag, Berlin, 2000.

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Einleitung

neue hoch„Wir werden 10.000 Schulen renovieren, und Labore moderne Klassenzimmer, Bibliotheken Millionen bauen und das Lernen von mehr als fünf .09) 24.01 ss, Addre ly Schülern verbessern.“ (First Week Das klingt nicht gerade optimistisch, was die Zukunft angeht. Es tut mir wirklich leid, ich will gar nicht so negativ klingen. Aber was mich wirklich wahnsinnig macht, ist dieser komische feudale Komplex der Deutschen, anzunehmen, dass jetzt, wo es einen neuen Präsidenten gibt, die Vereinigten Staaten völlig anders sein werden. Das ist in der gegenwärtigen Situation total unrealistisch. Die ganze Welt glaubt, dass Barack Obama die Vereinigten Staaten verändern wird. Sie nicht? Auch wenn wir wahrscheinlich den besten Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg haben, den kompetentesten und intelligentesten, ist es unmöglich, dass er allein das ganze senile System in Form bringt. Ein großer Teil unseres Sozialkapitals, die sozialen Netzwerke und Beziehungen, ist über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Eine ganze amerikanische Generation hat die Kosten dafür getragen, dass das Land eine Supermacht war. Aber die Bildung ist in die Niveaulosigkeit versunken. Auch das Gesundheitssystem ist heruntergekommen. Wenn man sehr reich ist, kann man sich hervorragend behandeln lassen, aber die Versorgung der normalen Bevölkerung geht vor die Hunde und das kann man den Amerikanern physisch ansehen. Nur durch eine Veränderung an der Spitze lässt sich dieser eingetretene strukturelle Niedergang nicht umkehren. Das ist eine sehr passive Phantasterei: Jemand anderes wird es für dich schon richten.

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künftig keine Führungsrolle in der Welt mehr spielen.

Sehen Sie Bereiche, in denen die USA auch in Zukunft führend sein werden? Wirtschaftlich sicher nicht. Die Chinesen und die Inder kommen. Es ist wahr, dass die Amerikaner das 20. Jahrhundert verschlafen haben. Selbst die Wirtschaft der Europäischen Union ist größer als ihre eigene. Davor kann man nicht länger die Augen verschließen.

Wird es zu einer neuen Allianz zwischen Europa und Amerika kommen – einem „neuen Westen“? Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Die Gefahr für die USA besteht darin, mehr und mehr isoliert zu werden, dass Europa mehr nach Osten schaut und seine wirtschaftliche Zukunft nicht in einer transatlantischen Allianz mit den Vereinigten Staaten sieht. Wissen Sie, ich wurde in Amerika geboren und habe dort fast mein ganzes Leben lang gelebt. Ich wünsche mir, dass es dem Land in Zukunft gut gehen möge, aber ich denke, es wird noch weiter abrutschen. Es gibt keinen gottgewollten Grund, warum dieses Land irgendwie anders sein sollte als andere Mächte.

Aber kann ein mitreißender Mensch wie Barack Obama die Bürger denn nicht motivieren? Wenn Obama Erfolg haben will, wird er die Menschen motivieren müssen, selbst aktiver werden zu wollen. Dafür hat er aber nur maximal acht Jahre Zeit. Aber das Bildungssystem zum Beispiel hat die letzten 30 bis 40 Jahre stetig abgebaut. Das sehen Sie in Europa aber nicht, weil Sie nur die amerikanische Elite sehen.

Was sollte man Ihrer Meinung nach gegen die soziale oder kulturelle Krise unternehmen? Man muss die Schulen stärken. Das ist essenziell. Und man muss einen Weg finden, wie man den mittlerweile 47 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung Zugang zur Gesundheitsversorgung verschafft. Das Geld, das ausgegeben wird, um das Finanzsystem zu stützen, fehlt bei den Sozialausgaben. Das hätte ich anders gemacht. Ich hätte die Banken ruhig ein bisschen geschwächt dastehen lassen und mehr Geld in Bildung und Gesundheitsversorgung investiert. Inzwischen gibt es meinem Eindruck nach auch einiges Bedauern in Washington darüber, dass so viel Geld in die Rettung der Banken gesteckt wurde – Hunderte Milliarden Dollar, um eine alte Ordnung wiederherzustellen. Viele in Washington würden sich, wenn sie die Uhr zurückdrehen könnten, nicht mehr so stark von der Ideologie leiten lassen, die verlangt, dass das Finanzsystem gestärkt wird.

Stimmt, genau die sehen wir: hervorragende Universitäten wie Harvard oder Stanford, und dafür bewundern wir die USA. Ist das falsch? Dieses Bild führt in die Irre. Für mich sind insbesondere Deutschland und Frankreich sehr viel modernere Länder als die Vereinigten Staaten. Wir sind ein Land, in dem immer noch die Hälfte der Menschen glaubt, dass man die Bibel wörtlich nehmen muss und es die Evolution nicht gegeben hat. Diese Art der Ignoranz mit Harvard, Stanford und den anderen Top-Universitäten in Einklang zu bringen, fällt schwer. Die Kultur der USA ist für die Außenwelt sehr irreführend. Schon deshalb wird das Land

Ist dies aus Angst geschehen oder weil andere Ideen fehlten? Als die Krise begann, wurde aus der ersten Reaktion ein Handlungsmuster für alles, was folgte: In der Finanzkrise müssen wir die Banken retten. Als Obama die Macht übernahm, zeichnete sich ab, dass der Rest der Wirtschaft ebenfalls einbrechen würde. An diesem Punkt hätte man sich anders entscheiden können: zum Beispiel, die Rettungspläne aufzugeben und das Geld zu sparen. Oder mit dem ganzen kapitalistischen Betrieb einen Neuanfang zu wagen. Aber es gab so viel mehr Impulse zur alten Ordnung, dass man zunächst nicht sehr kreativ war. Das hat sich inzwischen geändert, doch jetzt gibt es viel weniger Kulturaustausch 111/09

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Geld, mit dem man agieren kann. Präsident Bush hat uns diese schreckliche Krise hinterlassen und wir stehen vor einer ethischen Aufgabe. Es geht um nichts weniger als das Fundament: Was macht eine Kultur überlebensfähig?

Text „Der Gangsta“: Joey Goebel, Übersetzung: Andreas Bredenfeld

Es ist also nicht nur ein Wandel in der Politik notwendig, sondern ein Wandel der Mentalität. Ja – und der Art und Weise, in der die Gesellschaft organisiert ist. Die Amerikaner haben zum Beispiel eines der kürzesten Schuljahre von allen entwickelten Ländern, mit den längsten Ferien. Unsere Kinder sind nur etwa acht Monate des Jahres in der Schule. Zehn Monate Schule sollten es mindestens sein, aber das können wir uns nicht leisten. Und so etwas geschieht in der selben Gesellschaft wie der, die Milliarden Dollar in die Absicherung der Ban-

USA existiert kein sozialer Zusammenhalt. Hier liegt die Betonung auf Differenzierung. An der Spitze steht eine sehr kleine Elite mit einer elitären Mentalität, die darauf zielt, der Masse zu entfliehen. Amerikanische Eltern aus der Mittel- und Oberschicht halten von frühester Kindheit an Ausschau nach dem richtigen Kindergarten, der die Kinder befähigt, auf die guten Grundschulen zu kommen, damit sie dann die besten Oberschulen besuchen können, die sie entsprechend vorbereiten auf die Top-Universitäten. Das ist eine intensiv wetteifernde Gesellschaft.

Gibt es diese Konkurrenz auch zwischen den Städten, die zu mächtigen Finanzzentren werden, und den ländlichen Gegenden, die an Einfluss verlieren? Sie reden jetzt über Globalisierung, aber ich denke anders über die Zukunft der Metropolen. Sich ausdehnende StädWenn man nur an der Handlungsfähigkeit der Elite te mit Menschen, die über lange interessiert ist, kann man ein Land schnell ruinieren Distanzen pendeln, sind nicht sehr nachhaltig. Wir erleben geken investiert. Auf lange Sicht ist es wichtiger, dass junge rade die Anfänge einer Umgestaltung der amerikanischen Menschen zur Schule gehen, und dieses Geld hätte das Städte: Sie werden infolge der ökologischen Krise wieder kompakter. In 30 Jahren werden sie ganz anders aussehen ermöglicht. als jetzt. Vermutlich wird die heute entvölkerte Ostküste Wenn es wahr ist, dass im Zeitalter der Globalisierung 30 Prozent zwischen Boston und Washington wachsen und die Städte der Arbeitskraft eines Landes ausreichen, um die Wirtschaft am im Süden, wie zum Beispiel Atlanta, die heute enorm in Laufen zu halten, und die anderen 70 Prozent eigentlich über- die Breite gewuchert sind, werden sich als unwirtschaftlich herausstellen. Die Städte werden sich rückwärts flüssig sind – wie kann da mehr Bildung helfen? Seit einiger Zeit existiert die Vorstellung, dass man die entwickeln: zu Orten, die eher aussehen wie im letzten globale Wirtschaft mit sehr wenigen Arbeitern am Laufen Jahrhundert. halten könnte. Aber das stimmt nicht in Bezug auf das Das Interview führten Jenny Friedrich-Freksa Am-Laufen-Halten einer Gesellschaft. Es ist zwar richtig, und Karola Klatt dass Globalisierung nicht viel Arbeitskraft braucht, aber wenn man die Zahl der Lehrer und die Zahl der Krankenschwestern verdoppeln oder verdreifachen wollte – und das müsste man tun, wenn man eine angemessene Gesundheitsversorgung für alle gewährleisten wollte –, dann braucht man mehr Menschen. Wenn man dagegen DER Gangsta Der Gangsta ist das, nur an der Handlungsfähigkeit einer Elite interessiert was herauskommt, wenn der Amerikaner seine Neigung zum ist, kann man eine Gesellschaft sehr schnell ruinieren, Machotum auf die Spitze treibt: ein Mann, der mit Freuden im und das ist gerade passiert. Die USA haben ein sehr viel Feuergefecht stirbt, weil ihn irgendjemand in der Disco verseernsteres Problem mit sozialer Ungleichheit, als Sie sich hentlich angerempelt hat. Derart besessen ist der Gangsta von das vermutlich vorstellen. Das Gefälle zwischen Harvard dem, was er „Respekt“ nennt. Der Gangsta ist üblicherweise ein und einer gewöhnlichen Universität oder zwischen dem Schwarzer, der erkannt hat, dass Drogenhandel (und/oder das Zentrum von New York und dem Leben in einer herunRappen über die eigene Großartigkeit) seine einträglichste Kartergekommenen Stadt in der Mitte des Landes ist enorm. riereoption ist. Der Gangsta kann auch ein Weißer sein, dessen Hier existiert Ungleichheit in einem Ausmaß, wie es sie Minderwertigkeitskomplex allerdings doppelt so groß ist, weil in Europa einfach nicht gibt. Wenn man nur auf die ameer weiß: Er wird niemals schwarz sein. Aber egal, ob schwarz rikanischen Elite-Unis schaut, sieht man diese Klassenungleichheit nicht. oder weiß, der Aufzug ist der gleiche: Schlabberkleidung, Jeans, die so weit nach unten hängen, dass man seine Boxershorts Warum ist diese hervorragende wissenschaftliche Elite nicht in sieht, eine ganze Sammlung von Goldketten – und Tattoos, die der Lage, den Graben zu überwinden? er vielleicht eines Tages bereut. Die Spitze hilft dem unteren Ende nicht, weil sie es nie gelernt hat. Wichtig war immer nur das Gegenteil. In den Kulturaustausch 111/09

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Einleitung

Kann uns mal jemand den amerikanischen Patriotismus erklären? Einige Betrachtungen über den Nationalstolz von Marcia Pally Die amerikanischen Flaggen, die vielerorts in Vorgärten we-

Marcia Pally, geboren in New York, ist Professorin für Kulturwissenschaft an der New York University und Fellow am New York Institute for the Humanities. 2007 war sie Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin und wird dies auch 2010 wieder sein. Sie schreibt unter anderem für The New York Times, The Nation, Internationale Politik und Cicero. Marcia Pally lebt in New York.

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Das zweite Merkmal des amerikanischen Patriotismus wird häufig als verblendeter „Exzeptionalismus“ abgetan. Dieser besagt: Wirtschaftsliberalismus und politische Freiheit sind die besten Garanten für ein gutes Leben und die Amerikaner dessen beste Botschafter. Wirtschaft und Politik ergänzen sich als Freiheiten synergetisch. Umgekehrt sieht man den wirtschaftlichen und politischen Illiberalismus, etwa in Form von Kommunismus oder militantem Islam, als existenzielle Bedrohung, die Wohlstand und Freiheit gefährdet – zu Hause wie auch jenseits der Grenzen. Nicht nur die begüterten Klassen, sondern auch die amerikanische Arbeiterschaft unterstützt dieses verschmolzene System seit mehr als einem Jahrhundert. Für Gewerkschaftsführer wie Samuel Gompers, den Populisten William Jennings Bryan und den radikalen Bauernvertreter Jerry Simpson waren liberale Märkte der Schlüssel zu steigenden Einkommen und einer guten Regierung. Amerikas Glaube an die Symbiose von Wirtschaft und Politik schuf auch die Grundlage für seine missionarische Außenpolitik — die aufrichtig empfundene Verpflichtung, die Volkswirtschaften der Welt nach Möglichkeit zu liberalisieren und diese, wenn sie in autarke Hände fallen, zu befreien. Diese Verpflichtung war die Basis für die Bemühungen der USA am D-Day, während der Berliner Luftbrücke und im Koreakrieg, aber auch für die Tragödien in Vietnam und für hundert Jahre Ausbeutung in Lateinamerika. Die Energie, das Selbstvertrauen und die optimistische Haltung des amerikanischen Individualismus sowie der wirtschaftliche und politische Liberalismus, der daraus erwächst, sind das, was die Amerikaner an sich selbst lieben. Diesen Schuh müssen sich die Politiker anziehen, wenn sie

hen und auf Autos prangen, gelten als Symbol eines gro­ ßen Gefühls. Ernsthaft, stolz und republikanisch. Ganz richtig ist dies aber nicht. Zwar ist der amerikanische Patriotismus ernsthaft und stolz, aber keineswegs die Prämie der konservativen Partei. So mancher Gewerkschafter, in dessen Familie man seit Franklin Roosevelts Zeiten die Demokraten wählt, trägt auf seiner Baseballkappe stolz die Flagge zur Schau. Patriotismus ist in Amerika keine Parteienfrage. Er ist Teil der Zivilreligion. Und das will in der religiösesten Nation der Welt schon etwas heißen. Amerikaner jeder Couleur halten sich für etwas äußerst Bewundernswertes, was geradezu von einer heiligen Aura umgeben ist. Das meinen die Amerikaner auch, wenn sie sagen, dass sie ihr Land lieben. Sie dauern fort, landauf und landab, während die Regierungen kommen und gehen. Die Parteien nun versuchen, amerikanische Werte für ihre politischen Kampagnen in Beschlag zu nehmen. Wem das gelingt, der gewinnt. Es ist ein Kennzeichen des amerikanischen Patriotismus, dass das, was für die Amerikaner Wert besitzt, im Volk begründet ist und nicht in der Regierung. Die Amerikaner sind schlimmstenfalls narzisstisch, aber nicht unterwürfig oder machtergeben. Tritt ein Problem auf, so wird dies als Systemstörung wahrgenommen, die die Regierung zu beheben hat, so sie nicht abgewählt werden will. Sie wird als letzte Instanz erst in die Pf licht genommen, Amerikaner jeder Couleur halten sich für wenn der Einzelne, die Zivilgeetwas äußerst Bewundernswertes, was geradezu sellschaft oder die örtlichen Bevon einer heiligen Aura umgeben ist hörden die betreffende Aufgabe nicht bewältigen. Das Misstrauen der Amerikaner gegenüber dem Staat, die Menschen für sich gewinnen wollen. Über weite Streentstanden während der Revolution gegen die Briten und cken des 19. Jahrhunderts traten beide Parteien für nahezu ebenso am nordamerikanischen Grenzland, setzt sich fort unregulierte Märkte ein und im Zuge der Ausweitung der im Transzendentalismus der Vorkriegszeit, in den Mythen Bürgerrechte wurde die Politik immer liberaler. Die wirtund Wirklichkeiten des Wilden Westens und im heutigen schaftliche Not, die zur „Progressive Era“ zwischen 1900 Ruf nach „wenig Staat“. Nach Meinung der Amerikaner ist und 1914 sowie zur Depression von 1929 bis 1941 führte, es viel besser, auf das Volk zu bauen — nicht nur deswegen, brachte allerdings einen Wandel mit sich. Die Demokraten weil der Staat suspekt ist, sondern weil die Amerikaner, verknüpften Freiheit, Selbstvertrauen und Antiautoritarisindividualistisch und selbstsicher wie sie sind, sich selbst mus mit dem Wunsch, sich von wohlhabenden Eliten und ausländischen Feinden zu befreien. Der Staat sollte nicht ohnegleichen kompetent und gut finden.

Foto: Peter Peitsch/peitschfoto.com, Text „Die Soccer Mom“: Joey Goebel, Übersetzung: Andreas Bredenfeld

America first

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Die Soccer Mom Ob ihre Kinder wirklich Fußball spielen, ist unerheblich. Die Soccer Mom ist eine Mittelschichtmutter und Chauffeurin ihrer Kinder, die, so scheint es, ein erheblich bewegteres Leben haben als sie selbst. Im Gegensatz zu konservativen Politikern, für die der Begriff „Familienwerte“ lediglich Wahlkalkül ist, glaubt die Soccer Mom tatsächlich daran. In Shorts und weißen Tennisschuhen strebt sie nach Perfektion. Ihre größte Fähigkeit aber ist es, weniger perfekten Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen.

möglichst klein sein, um etwa den Einzelnen sich selbst Zweimal im 20. Jahrhundert, in den Krisensituationen zu überlassen, sondern groß genug, um vor raubtierhaften der „Progressive Era“ und der Depression, haben die DeKonzernen, Faschismus und Kommunismus zu schützen. mokraten die Nation davon überzeugt, dass liberale und Mit dieser Vision stellten die Demokraten von 1932 bis individualistische Möglichkeiten des staatlichen Schutzes 1968 mit Ausnahme der Eisenhower-Jahre die Präsidenten bedürfen. Wer diesen Anspruch aufrechterhält, steht aber und bei allen Wahlen zwischen 1932 und 1994 mit zwei im Konflikt mit Amerikas Mitte-Rechts-Weltanschauung. Auch Obama geriet sofort unter Beschuss. In seinem Ausnahmen die Mehrheit im Repräsentantenhaus. Mitte der 1960er-Jahre waren die Demokraten nicht in Vorschlag, zumindest einigen der 13 Millionen illegalen der Lage, die Inflation zu zügeln, die OPEC zu kontrol- Zuwanderern die Staatsbürgerschaft zu verleihen, sahen lieren oder die produzierende Industrie vor Billigimpor- viele Amerikaner eine Neuauflage der „Almosen“ der Bürten zu schützen. Lyndon B. Johnsons Great-Society-Pro- gerrechtsära. Auf YouTube riefen junge Männer zum Kampf gegen gramme wirkten wie staatliche Almosen für die Armen – angesichts des Prinzips der Eigenverantwortung ein den Kommunismus auf. Obamas Konjunkturpaket sei eine Verstaatlichung der Banken und der Autoindustrie, Gräuel für die Amerikaner. Die Demokraten versagten in Vietnam und 1979 in so der Tenor. Man möge zu den Waffen greifen und sich Iran. Zu diesem Zeitpunkt bekräftigten die Republikaner verteidigen! In der Tat wird der Streit um die Frage, wie Freiheit Amerikas traditionellen Liberalismus neu. Freie Märkte und „wenig Staat“ wurden als Blüte eines selbstverant- und Liberalismus zu fördern seien, auf dem Feld der Wirtwortlichen Individualismus bezeichnet. Dies leuchtete der schaft ausgetragen. Ebenso wie Teddy Roosevelt 1912 und Nation ein – zumal in den 1980-er Jahren, als mittlere Franklin D. Roosevelt 1933 regte Obama ein erhebliches Gesellschaftsschichten und Gewerkschaften anfingen, in Maß an staatlicher Regulierung an – nicht um den Liberalismus zu Fall zu bringen, sondern um ihn wieder den Aktienmarkt zu investieren. Außenpolitisch forderten die Republikaner einen Staat, aufleben zu lassen. Kurz nach seiner Amtseinführung der Amerikas Mission des „Liberate and liberalize“ – po- forderten die Republikaner Steuersenkungen. An dem litische Befreiung bei gleichzeitiger Liberalisierung der Tag, an dem die Frist für die Abgabe der Steuererklärung Märkte – verwirklicht. Den Kommunismus zu besiegen ablief, wurden in Amerika mehr als 750 Anti-Steuer-De– diese Weltanschauung wurde 1991 für den zweiten Golfkrieg Die Niederlage der Republikaner war keine Absage (Kuwait befreien und dafür soran Eigenverantwortlichkeit, sondern Ausdruck des gen, dass sein Öl den liberalen Zorns auf die Bush-Regierung Weltmärkten erhalten bleibt) und 2003 für den Irakkrieg (den Irak befreien und dafür sorgen, dass sein Öl auf die liberalen monstrationen veranstaltet. In Anlehnung an die Revolte Weltmärkte zurückkehrt) ausgeweitet. Mit dieser Vision von 1773, bei der aus Protest gegen britische Steuern ganze waren die Republikaner von 1968 bis 1992, mit Ausnah- Schiffsladungen Tee in den Hafen von Boston geworfen me der Amtsperiode Jimmy Carters, und dann wieder von wurden, nannte man sie „Tea Parties“. Ein Transparent 2000 bis 2008 Herren im Weißen Haus und kontrollier- in Boston behauptete, das „D.C.“ hinter Washington stehe ten von 1994 bis 2006 beide Kammern des Kongresses. für „District of Communism“, ein anderes Transparent in Die Niederlage der Republikaner im November 2008 Alabama zeigte die Worte „Sieg Heil, Herr Obama“. Faktisch werden nach Obamas Steuerplänen die Steuwar keine Absage an Eigenverantwortlichkeit, Freiheit oder Liberalismus. Sie war Ausdruck des Zorns auf die ern für 95 Prozent aller Arbeiterfamilien gesenkt. Die Bush­-Regierung, die diese Werte nicht in die Tat umgesetzt Steuererhöhung für diejenigen, die mehr als 373.000 hatte. Im Irak wirkten die USA nicht mehr wie Befreier. Dollar pro Jahr verdienen, beträgt drei Prozent und beAngesichts der Finanzkrise, zu der es unter Federführung deutet einen im Vergleich zu Europa denkbar niedrigen der Republikaner gekommen war, war die amerikanische Spitzensteuersatz von 39 Prozent. Wenn Obama das Volk Wirtschaft nicht länger ein Ort vielfältiger Chancen. auf Dauer für sich gewinnen will, muss er es wie Franklin Der Präsidentschaftskandidat John McCain konnte keine D. Roosevelt davon überzeugen, dass seine RegulierungsMehrheit davon überzeugen, dass die Republikaner Hüter politik es nicht ersticken wird. Die Republikaner haben und Vollzieher der patriotischen Werte sind. Diesen Ur- es leichter: Sie müssen die Amerikaner nur an ihre patriWettstreit der amerikanischen Politik hat Barack Obama otischen Leidenschaften erinnern. für sich entschieden. Doch kann er seinen Sieg auf Dauer Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld behaupten? Kulturaustausch 111/09

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Veröffentlichungen von Marcia Pally:

„Lob der Kritik. Wa­ rum Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf“ (Berlin Verlag, Berlin, 2003). „Die hintergründige Religion. Der Einfluss des Evangelikalismus auf Gewissensfreiheit, Pluralismus und die US-amerikanische Politik“ (Berlin University Press, Berlin, 2008). „Warnung vor dem Freunde. Tradition und Zukunft US-amerikanischer Außenpolitik“ (Parthas, Berlin, 2008). „Liebeserklärungen aus Kreuzberg und Manhattan“ (Berlin University Press, Berlin, 2009).

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Einleitung

Kein Mix von Jerome KraSe Ich fahre häufig mit einem öffentlichen Bus, dessen Fahrt-

Jerome Krase, geboren 1943 in New York, ist Soziologe und Murray Koppelman Professor am Brooklyn College of the City University of New York. Seine Arbeitsschwerpunkte sind urbanes Leben und Kultur, insbesondere hat er über ethnische Nachbarschaften in den USA und anderen Ländern geforscht. Krase lebt in New York.

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USA einer Minderheit an. Die größte und am schnellsten wachsende Gruppe waren mit 45,5 Millionen Personen (15 Prozent der Bevölkerung) die Hispanics. Den zweiten Platz belegten mit 40,7 Millionen (13,5 Prozent) die Schwarzen, gefolgt von der am zweitschnellsten wachsenden Gruppe der Asiaten mit 15,2 Millionen (5 Prozent). 2008 sagte das Statistische Bundesamt der USA vo­raus, dass im Jahr 2042 mehr als die Hälfte der Bevölkerung einer dieser Minderheiten angehören und dieser Anstieg vor allem zuwanderungsbedingt sein wird. Doch nationale Bevölkerungsprognosen lassen oftmals einen falschen Eindruck entstehen. Deswegen habe ich meine Sicht auf die „Vielfalt in Amerika“ im H-Net (Humanities and Social Sciences Online) folgendermaßen zur Diskussion gestellt: „Ich schreibe einen Artikel über ethnische Vielfalt in den USA und werde darin metaphorisch behaupten, dass man, würde man unser Land aus der Ferne betrachten, den Eindruck gewinnen könnte, Amerika sei ausgesprochen

route in einem fast ausschließlich weißen Teil des New Yorker Stadtteils Brooklyn beginnt und durch afroamerikanische, karibische, mexikanische, pakistanische, jüdisch-orthodoxe und chinesische Viertel führt, um schließlich in einem russisch-ukrainischen Bereich namens „Little Odessa“ zu enden. Beim Ein- und Aussteigen an den einzelnen Haltestellen scheinen die Fahrgäste sich zu vermischen, aber selten reden sie miteinander. Für mich ist dieser Bus ein passendes Bild für die amerikanische Gesellschaft. Seit der letzten großen Einwanderungswelle von 1880 bis 1929 hat Amerika trotz aller Verschie- Der Großteil der Minderheiten lebt an der Peripherie denheiten funktioniert. Denn es Amerikas, in New Mexico und Hawaii ist so organisiert, dass man, um seine Ziele – Wohlstand, Bildung, einen Platz zum Leben oder Sicherheit – zu erreichen, mit durchmischt. Bei näherem Hinsehen stellt man aber fest, Menschen zusammenarbeiten muss, die anders sind als dass die Diversität nicht gleichmäßig verteilt ist und dass man selbst. sich an den ‚bunt gemischten’ Orten die ethnische Vielfalt Schon vor der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten jeweils ganz unterschiedlich zusammensetzt; dass die sowurde viel über die wachsende ethnische Vielfalt in Ame- ziale Durchmischung unter den 20- bis 30-Jährigen der rika gesprochen. Erklärt wurde diese zumeist mit dem Mittelschicht und oberen Mittelschicht mit College-AusAusmaß der Einwanderung. Doch der Anteil der in einem bildung und Bürojobs sehr ausgeprägt ist, dass ich aber anderen Land geborenen Bevölkerung ist heute weit gerin- davon ausgehe, dass dies nach wie vor in Amerika nicht ger als vor hundert Jahren. Die gesteigerte Wahrnehmung die Norm ist.“ der Vielfalt hängt vielmehr mit anderen Faktoren zusamDaraufhin wurde ich förmlich überschwemmt mit Beimen: Zum einen stammen die sogenannten „Neuesten spielen für die eingeschränkte Vielfalt auf lokaler Ebene Amerikaner“ nicht mehr mehrheitlich aus europäischen und mit Hinweisen auf Spannungen zwischen alten und Ländern, sondern vor allem aus Asien. Aber auch Ängste neuen Gruppen sowie innerhalb einzelner Minderheiten. nach dem 11. September 2001 und eine nicht immer po- Schon 2007 hob David Minckler in seinem Bericht „U.S. sitive Bewertung der Diversität unter den Amerikanern Minority Populations Continues to Grow“ hervor, dass die haben die ethnische Vielfalt in den Blick gerückt. Minderheiten, obwohl sie mehr als ein Drittel der GesamtDoch wie kam es überhaupt zu der veränderten eth- bevölkerung ausmachen, nicht gleichmäßig über das Land nischen Zusammensetzung der Bevölkerung in den USA? verteilt sind, sondern an der Peripherie der kontinentalen Das Einwanderungs- und Nationalitätengesetz ersetzte USA und in Hawaii leben. Hispanics sind in Kalifornien, Mitte der 1960er-Jahre eine seit einem Jahrhundert gelten- Texas und Florida anzutreffen. In New Mexico bilden de, nach Herkunftsländern aufgeschlüsselte Quotenrege- sie mit 44 Prozent sogar die größte Bevölkerungsgruppe. lung. Diese hatte Einwanderungswillige aus Europa stark Schwarze leben vor allem an der Ostküste und im Süden begünstigt. 1965 traten dann Obergrenzen für die östliche sowie in zwei Grenzstaaten des Mittleren Westens – Miund die westliche Hemisphäre in Kraft. Damit war der chigan und Illinois. Die kleinste Minderheit, die Asiaten, Weg frei für bis dahin unterrepräsentierte Personengrup- stellen fast 40 Prozent der Bevölkerung auf Hawaii. Weipen. 2007 gehörte so bereits jeder dritte Einwohner der tere „asiatische Schwerpunkte“ sind die Westküste, New

Foto: Tim Philo

Warum Amerika sich ganz anders zusammensetzt, als es Bevölkerungsstatistiken vermuten lassen

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York, New Jersey, Texas und Illinois. Kalifornien und Texas beheimaten fast ein Drittel der gesamten Minderheitenbevölkerung des Landes, während die Staaten im Mittleren Westen und im äußersten Nordosten dagegen den höchsten Prozentsatz an weißen Einwohnern aufweisen. Die im „American Community Survey“ von 2006 geschätzten 37,5 Millionen in fremden Ländern geborenen Einwohner der USA dürften in den Staaten mit großem Minderheitenanteil wie Kalifornien, New York, Texas, Florida und New Jersey sowie in Illinois zu finden sein. Kalifornien, Hawaii, New Mexico und Texas werden bereits jetzt als „Majority-Minority States“ bezeichnet, weil dort die „Minderheiten“ die (weiße) Mehrheitsbevölkerung zahlenmäßig bereits überholen. Die Weißen nicht lateinamerikanischen Ursprungs, die derzeit etwa 70 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, werden 2050 also voraussichtlich kaum die Hälfte der Bevölkerung stellen. In einem Artikel für die Los Angeles Times zitierte Ricardo Alonso-Zaldivar den Demografen William Frey mit der Aussage: „Es wird ein weißes, ergrauendes Mittelklasse-Amerika geben und daneben ein neuartiges, globalisiertes Amerika, das die Oberhand gewinnen wird.“ Positiv ist zu vermerken, dass die Zuwanderung für einen anhaltenden Bevölkerungszuwachs in den USA sorgt und Steuerzahler hervorbringt, die die Gesundheitsversorgung und die soziale Sicherung für die – zumeist weißen – älteren Menschen finanzieren. Negativ zu bewerten sind die entlang der ethnischen Grenzen geführten Debatten in Kalifornien, wo Vermögenssteuerzahler nicht mehr für Schulen zahlen wollen, deren Schülerschaft einen anderen ethnischen Hintergrund hat. Ich erwarte, dass die Beziehungen zwischen Zuwanderern und im Lande geborenen Amerikanern spannungsgeladener werden und die Konkurrenz zwischen Minderheits- und Mehrheitsgruppen zu Problemen führt. Eine „Regenbogenkoalition“ aus Latinos und Schwarzen ist, wie Nick Corona Vaca in seinem Buch „The Presumed Alliance“ schreibt, bislang ausgeblieben. Stattdessen habe „überraschenderweise ein Wettstreit um Macht und Ressourcen zu Konflikten geführt. Viele Afroamerikaner sehen im Zuwachs der Latinos eine Bedrohung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Errungenschaften.“ Wenn Amerikaner die ethnische Vielfalt ihres Landes beschreiben, greifen sie oft auf alltägliche Gegenstände zurück: Schmelztiegel, Salatschüssel oder Schmortopf werden zu Bildern, um das Verhältnis zwischen der Mehrheit und den Minderheiten in der Gesellschaft, zwischen Zuwanderern und Alteingesessenen zu erfassen. Wie funktionieren diese Symbole und was sagen sie Kulturaustausch 111/09

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aus? Der „Schmelztiegel“, in dem alle Zutaten zu einem Ganzen geformt werden, steht für die Assimilation, die „Salatschüssel“ ist ein Bild für den Multikulturalismus: Verschiedene Zutaten werden zwar gemischt, bleiben aber klar erkennbar. Zwischen diesen beiden Polen steht der „Schmortopf“ des Kulturpluralismus: Zwar sind auch nach dem langsamen Garen die Zutaten noch voneinander unterscheidbar, sie haben jedoch eine ähnliche Geschmacksnote erhalten. Befürworter der Assimilation finden, dass Zuwanderer mit der Gesellschaft verschmelzen sollten. Die Anhänger des Multikulturalismus plädieren dafür, die Verschiedenartigkeit der einzelnen kulturellen Gruppen zu wahren. Das Beibehalten von Zuwandererkulturen wird heutzutage durch Kommunikations- und Verkehrstechnologien erleichtert, die dafür sorgen, dass die Zuwanderer mit ihren Herkunftsländern in Verbindung bleiben können. Die Lebenswirklichkeit im Alltagsamerika entspricht allerdings eher dem Modell des Kulturpluralismus. Während der Assimilationismus Verschiedenheit verabscheut und der Multikulturalismus sie schwärmerisch zum Ideal erhebt, erkennt der Kulturpluralismus den positiven Wert der Vielfalt an, allerdings nur im Zusammenklang mit übergreifenden „amerikanischen“ Werten. Wie eingangs bemerkt, könnte man aus der Ferne meinen, die in den amerikanischen „Schmelztiegel“ geworfenen neuen Elemente würden sich vermischen, bei näherer Betrachtung erscheinen sie aber als Teile eines sich rasch verändernden Puzzles. Gerade deswegen sehe ich die Gefahr, ins andere Extrem zu verfallen: Wir sollten uns nicht naiv auf ein multikulturelles Modell festlegen, das die Verschiedenheiten über die Gemeinsamkeiten stellt. Auch weiß heute niemand, ob die unvermeidliche „Neue Mehrheit“, also die Minderheiten von Asiaten,

Veröffentlichungen von Jerome Krase:

„Italian Americans Before Mass Migration: We‘ve Always Been Here“ (mit Frank B. Pesci und Frank Alduino (Hg), Bordighera Inc, West Lafayette/ USA, 2008). „Ethnic Landscapes in an Urban World“ (mit Ray Hutchison (Hg.), Emerald Group Pub Ltd, Bingley/UK, 2007).

einer um„Niemand war ein größerer Befürworter Glaube ich fassenden Einwanderungsreform als ich. ne zu bauen? daran, dass es der richtige Weg ist, Zäu www.usatoday.c om) Nein , ich glaube nicht daran.” (30.06.2007, Schwarzen und Latinos zusammen, nicht die gesellschaftlichen Spielregeln verändern wird. Angesichts der urbanen Durchmischung der gebildeten Jugend der Mittelschicht und oberen Mittelschicht, die ausersehen ist, unsere sich stets wandelnde Gesellschaft anzuführen, erscheint mir dies allerdings sehr zweifelhaft. Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

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Das amerikanische Bundesamt für Landnutzung überwacht mit Helikoptern den Bestand wilder Mustangs und treibt sie zur Zählung und Überführung in andere Weidegebiete. Winnemucca, Nevada

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Gesellschaft

„Ich bin für die Todesstrafe“

Vicki Walser-Bryant wurde 1958 in Owosso im Bundesstaat Michigan geboren, wo sie heute noch lebt. Seit 1995 bekennt sie sich zum Christentum. Sie arbeitet als Christliche Rednerin, Bibellehrerin und Buchhändlerin und verfasste die beiden Bücher „For Such a Time as This“ (Xuton Press, Longwood, 2007), ein Gebetbuch für jeden Tag, und „About Face!“ (Xuton Press, Longwood, 2009), ein Buch über christliche Glaubensinhalte.

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nische Steuerzahler zahlt für alles. Wir zahlen für ihre Anwälte; wir zahlen für ihre Gefängnisse. Wenn Todesstraffälle verhandelt und abgeschlossen würden, dann entstünden keine Extrakosten.

Sie befürworten die Todesstrafe? Ja, ich bin für die Todesstrafe, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens steht es so in der Bibel. Ich glaube fest daran, dass die Heilige Schrift die Idee gutheißt, Menschen hinzurichten. Zweitens ist meiner Meinung nach das System der Berufungsverfahren vollkommen lächerlich und es kostet ein Vermögen, die Leute jahrelang zu versorgen und ihre Fälle immer wieder zu verhandeln.

Aber das Berufungsverfahren, gerade in Fällen mit Todesstrafe, ist ein wichtiges Instrument, um über den begründeten Zweifel hinaus festzustellen, ob ein Mensch schuldig ist oder nicht. Unser Rechtssystem basiert darauf, dass einer Jury, die aus unseren Mitbürgern besteht, die Beweise vorgelegt werden. Wenn eine Jury dann aufgrund unwiderlegbarer Beweise zu einem Urteil kommt und der Verurteilte weiterhin von steuerfinanzierten Mahlzeiten in steuerfinanzierten Gefängnissen lebt, dann läuft hier mit Sicherheit etwas schief.

Welche Stellen in der Bibel sind es, die Ihrer Ansicht nach die Todesstrafe ausdrücklich gutheißen? Die Lehren des Alten Testaments – das Mosaische Gesetz – befürworten den Gebrauch der Todesstrafe. Manche Dinge sind nie veraltet: Die zeitlosen Wahrheiten des Alten Testaments gelten noch immer. Leute fragen oft: „Was ist, wenn ein Unschuldiger getötet wird?” Ich denke, dass so etwas sehr, sehr selten vorkommt. Es ist etwas, woran sich die Leute festklammern, um ihren gefühlsmäßigen Widerstand gegen die Todesstrafe zu untermauern.

Seit die Todesstrafe 1976 in den USA wiedereingeführt worden ist, sind 124 Menschen aus dem Todestrakt freigesprochen worden. Bringt es Sie nicht um den Schlaf zu denken, dass Unschuldige womöglich exekutiert worden sind? Deswegen sagte ich ja auch: „unwiderlegbare Beweise“. Es ist mir bewusst, dass es in der Vergangenheit nicht all die DNS-Beweise gab, über die wir heute verfügen und dass ein paar Fehler gemacht worden sein könnten. Aber heutzutage können wir mit dieser Technologie zweifelsfrei feststellen, ob ein Mensch schuldig ist.

Sie erwähnten die Kosten, die durch die jahrzehntelange Inhaftierung der Gefangenen und ihre Berufungsverfahren entstehen. In New Jersey entschied der Gesetzgeber im Jahr 2007 den Gebrauch der Todesstrafe in diesem Bundesstaat einzustellen. Ein Hauptgrund war die Feststellung, dass es pro Jahr und Gefangenem über 30.000 Dollar mehr kostet, ein Todesstrafverfahren durchzuführen als lebenslange Haft. Ich verstehe Ihren Einwand, aber schauen Sie sich doch einmal das Rechtssystem mit all den Anwälten an – es arbeitet nicht effizient. Es ist das reinste Chaos. Die Berufungsverfahren dauern 30 oder 40 Jahre, anstatt dass eine Jury in einer Verhandlung aufgrund der Beweise ein Urteil fällt, das dann schnell vollstreckt wird. Der amerika-

Was halten Sie von dem Ungleichgewicht zwischen der Anzahl Weißer und Schwarzer, die zum Tode verurteilt werden? Ich glaube, dass die schwarzen Anführer den Schwarzen ständig sagen, dass ihnen die Gesellschaft etwas schuldet anstatt ihnen klarzumachen, dass ihnen alle Türen offen stehen – ihr lebt in Amerika! Hier könnt ihr tun, was ihr wollt, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Mir hat auch keiner Geld gegeben. Alles, was ich in meinem Leben tue, tue ich, weil ich es auf mich genommen habe. Hatten Sie einen besonderen Beweggrund Christin zu werden? Ich würde sagen, Gott hat mich lange Zeit verfolgt und schließlich erwischt. Ich stamme aus keinem streng christlichen Elternhaus, ich war alleinerziehend und führte kein besonders gutes Leben. Aber dann habe ich einen Mann geheiratet, der heute seit 25 Jahren trocken ist. Wir haben zur gleichen Zeit zu Christus gefunden. Jetzt betreiben wir in unserer Heimatstadt seit drei Jahren einen christlichen Buchladen. Das Interview führte Robert S. Eshelman Aus dem Englischen von Rosa Gosch

Foto: Robert S. Eshelman

Die Buchhändlerin Vicki Walser-Bryant erklärt, warum sie als Christin Hinrichtungen befürwortet

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Wofür steht Amerika? Jeder US-Bürger stellt sich unter seinem Land etwas anderes vor. Ein paar Ansichten

von Christian Parenti Die Kluft zwischen Symbolen und ihrer Substanz gibt es

Foto: Jessica Dimmock, Text „Küstenintelektuelle“: Joey Goebel

Christian Parenti wurde 1969 in Vermont geboren. Er promovierte 2000 in Sozio­ logie an der London School of Economics. Parenti arbeitet unter anderem für Fortune, Playboy, Salon und The London Review of Books. Zuletzt erschien „The Freedom: Shadows and Hallucinations in Occupied Irak“ (The New Press, New York, 2004). Parenti lebt in New York.

in jeder Nation. Alle geben sie vor, die Freiheit zu verteidigen, und verhalten sich dann doch scheinheilig. In den Vereinigten Staaten ist das Verhältnis zwischen Symbol und Substanz besonders komplex. Wer sind die Amerikaner nun eigentlich? Und vor allem: Wofür stehen die USA heute? Diese Fragen sind umso interessanter angesichts der Wahl von Barack Obama, unserem ersten afroamerikanischen Präsidenten. Ich habe drei Personen zum heutigen Amerika befragt: einen ehemaligen Polizisten, der mittlerweile Psychologie unterrichtet, einen Banker, der einer Spezialeinheit der US Army angehörte und im irakischen Falludscha ein Bein verlor, und schließlich eine junge Wissenschaftlerin indischen Ursprungs, deren Eltern einst aus Westbengalen in die Vereinigten Staaten einwanderten. Carlo Defazio begann Ende der 1960er-Jahre in Pittsburgh seine Arbeit als Polizist. Heute lehrt der 64-jährige Amerikaner Psychologie an einem College in Las Vegas im Bundesstaat Nevada. Als sei Amerika mit einem einzigen Wort nicht zu erfassen, kommen Defazio auf die Frage, wofür die USA heute stehen, gleich eine ganze Reihe von Schlagwörtern in den Sinn: „Imperium, Anmaßung, Konsum, Verschwendung, Individualismus, Korruption, Diskriminierung, Vorurteile, Ungleichheit, Unterdrückung, Indoktrinierung, Kontrolle, Desinformation, Fehlerziehung, entfesselter Kapitalismus, Gier, Ausbeutung und Oligarchie.“ Als junger Polizeibeamter wurde Defazio durch einen Schuss schwer verletzt. In seinem 16. Dienst-

jahr stieg er aus seinem Beruf aus. Der Auslöser war ein entsetzlicher Vorfall: Ein Mann hatte mehrere Kinder vergewaltigt und ermordet. Defazio und sein Kollege ertappten den Mann auf frischer Tat, als er gerade die Leiche eines 11-jährigen Jungen in eine Mülltonne warf. „Wir haben ihn bis in seine Wohnung verfolgt“, erinnert sich Defazio. „Er versteckte sich unter seinem Bett. Ich hielt ihm meine Pistole ins Gesicht, und mein Kollege sagte, ich solle ihn töten. Niemand hätte sich darum geschert, wenn wir ihn umgebracht hätten.“ Aber er ließ den Kindermörder leben. Zwei Wochen später begann Defazio zunächst als Sozialarbeiter. Als ich ihn nach dem Wandel frage, für den Obama steht, bleibt er ungerührt. „Die USA sind kein faires Land“, sagt er. „Die Karten sind gezinkt – zu Ungunsten der Armen. Daran wird sich auch mit Obama nichts ändern.“ Der Exsoldat und Bankkaufmann Matt Bacik ist anderer Ansicht. 2005, während seiner Zeit als Hauptmann der US Army Rangers, fuhr der 29-Jährige sein Fahrzeug in der Nähe von Falludscha über eine Sprengladung. Sein Bein wurde zertrümmert und unterhalb des Knies amputiert. Captain Bacik schied aus der Armee aus, besuchte eine kaufmännische Schule und wurde Banker. Man bot ihm eine Stelle bei Lehman Brothers an, kurz bevor die Firma zusammenbrach. Mittlerweile lebt er in Alabama, wo er sich gerade als Militärzulieferer selbstständig macht. „Ich weiß, was Amerika mir bedeutet. Ob ich auch weiß, was Amerika für andere bedeutet – da bin ich mir nicht so sicher“, sagt Bacik. „In meinen Augen stehen die USA für Chancen und Freiheit. Die Meinung der Mehrheit hat sich da allerdings wohl geändert. Amerika steht heute vor allem für Anspruchsdenken.“ Obamas Wahl verkörpere diesen Wandel. „Viele Leute sind für Freiheit und Chancen, bis es mit ihnen bergab geht. Dann stellen sie Ansprüche an den Staat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass

Küstenintellektuelle Dass die Küstenintellektuellen an einem Ort leben möchten, wo Intelligenz als Vorteil und nicht als „schwuchtelhaft“ gilt, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Ihre Brillen und Turnschuhe von urbanem Chic transportieren aber auch einen Anflug von Überlegenheit. Sie würden es niemals öffentlich zugeben, aber sie haben das unausgesprochene Gefühl, außerhalb von New York oder Los Angeles könne sich nichts wirklich Wichtiges ereignen. Die Ironie besteht darin, dass keiner von ihnen ursprünglich aus New York oder L.A. kommt. Sie stammen allesamt aus den kleinen, in ihren Augen stupiden und bedeutungslosen Städten des mittleren Westens, und vielleicht würde das Kernland der USA nicht an Braindrain leiden, wenn sie nicht alle der gleichen Regel ihres Stereotyps gefolgt wären: dass Intellektuelle unbedingt den Ort wechseln müssen.

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unsere Vorfahren etwas anderes im Sinn hatten, als sie in zurückgekommen, weil sich ihnen hier Chancen bieten, dieses Land kamen.“ Baciks Vorfahren stammen mütterli- die sie anderswo einfach nicht haben“, sagt Biswas. „In cherseits aus Irland, während die Familie seines Vaters in traditionellen Gesellschaften sind Chancen mit Wohlstand und ererbtem Status verknüpft.“ den 1920er-Jahren aus der Slowakei einwanderte. Sie selbst wurde zwangsverheiratet, ließ sich aber von Ich frage ihn, wofür Amerika seiner Meinung nach stand, als er im Irak und in Afghanistan diente. „Mein Er- ihrem Mann scheiden. „Traditionelle Gesellschaften lasfahrungshorizont war beschränkt, ich hatte die ganze Zeit sen diese Art von persönlicher Freiheit und Autonomie ein Gewehr in der Hand“, erzählt Bacik. „Viele Menschen nicht zu“, sagt Biswas. Nicht nur in Indien, sondern auch dort waren von unserer Regierung sichtlich frustriert. in südeuropäischen Ländern wie Griechenland dürften Andererseits sah ich sie T-Shirts mit AC/DC- Aufdruck unverheiratete Frauen nicht allein leben, sondern müssten tragen. Sie schienen die amerikanische Kultur also zu mögen.“ Er „Wäre ich dunkelhäutig, würde ich vielleicht überlegt und sagt dann: „Letztnicht sagen, dass Amerika für Chancenreichtum lich steht Amerika für verantund Wandel steht“ wortliches Handeln. Daran habe ich mich stets gehalten, und nach diesem Grundsatz erziehe ich auch meine beiden Töchter. bei ihren Familien bleiben. „Wenn man in einem solchen Wenn man schlechte Entscheidungen trifft, kommt auch Umfeld aus einer arrangierten Ehe aussteigt, wird man Schlechtes dabei heraus. Wenn man dagegen vertretbare von der gesamten Gesellschaft verachtet und verhöhnt. In Amerika ist das anders“, erklärt die Wissenschaftlerin. Ich Risiken eingeht, wird man belohnt.“ Padmini Biswas, deren Eltern aus Westbengalen frage sie, wie sie die lange Geschichte der Rassendiskrieinwanderten, hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem minierung in den USA sieht. „Natürlich gibt es hier UnLand. „Ich wurde sehr traditionell erzogen. Meine Eltern gleichheit, Rassismus und Unterdrückung“, meint Biswas. sahen die amerikanische Kultur ausgesprochen kritisch. „Wäre ich dunkelhäutig, würde ich vielleicht nicht sagen, Ihnen schien sie heruntergekommen, für sie waren alle dass Amerika für Chancenreichtum und Wandel steht. Menschen hier süchtig und verwahrlost. Und in gewisser Aber als Einwanderer kann man sich in die Gesellschaft Weise stimmt das ja auch. Ich bin in diesem Land so vielen integrieren und in einer Weise Teil von ihr werden, wie Drogenabhängigen begegnet – und das deutet doch darauf dies in den meisten europäischen Ländern nicht möglich hin, dass viele in ihrem Innersten unglücklich sind. Man wäre.“ Nicht zuletzt angesichts der langen Tradition des könnte also sagen, dass Amerika für den restlosen Verfall politischen Kampfes und des gesellschaftlichen Wandels der Menschlichkeit steht, für Mutlosigkeit und Verzweif- in Amerika, wie er sich in der Bürgerrechtsbewegung auslung.“ Dies, so räumt Biswas dann ein, sei jedoch nur eine drückte, gelangt sie zu dem Schluss: „Als Einwanderer, Seite der Medaille. „Auf der anderen Seite steht Amerika als Farbiger, bekommt man von Amerika vielleicht einen für Wandel. Das soll sich jetzt aber nicht so anhören wie Tritt, aber man kann auch zurücktreten.“ eine Werbung für Obama.“ Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld Die Akademikerin, die von einer Konferenz zurückgekommen ist, bei der es um die Belange von Einwanderern aus Südostasien ging, forscht über dieses Thema derzeit im Rahmen ihres Aufbaustudiums in New York. „Viele Menschen, die ich bei dieser Konferenz getroffen habe, sind abgeschoben worden, aber danach wieder in die USA

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Der DICKE AMERIKANER Für Europäer personifiziert dieser Mann Amerika vielleicht am besten: der übergewichtige Mann mit all seinen Exzessen, der mehr zu sich nimmt, als er sollte, und sich auf diesem Weg zu einem Ekelpaket entwickelt. Der stereotype fette Amerikaner ist ein unzivilisierter Gammler, der infolge seiner Ignoranz und Trägheit dick geworden ist. Fairerweise muss jedoch gesagt werden, dass er seine Pfunde womöglich aufgrund bestimmter gesundheitlicher Probleme behält, unabhängig davon, wie sehr er sich bei McDonald’s gehen lässt. Und im Unterschied zu den kompakteren Städten in Europa legen die weitläufigen amerikanischen Städte im Alltag eher das Autofahren nahe als die Bewegung. Dennoch ist Fettleibigkeit ein zunehmend verbreitetes Problem unter amerikanischen Kindern. Andererseits wette ich: Unser Präsident ist garantiert dünner als Ihrer.

Text „Der dicke Amerikaner“: Joey Goebel, Übersetzung: Andreas Bredenfeld

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rgiewir tschaft „Um die Schaffung einer sauberen Ene hsten drei zu beschleunigen, werden wir in den näc eugung alterJahren unsere Kapazitäten bei der Erz Addre ss, 24.01.09) nativer Energien verdoppeln.“ (First Weekly

„Grün muss besser sein“ Umweltfreundlichkeit lässt sich gut verkaufen. Doch Green Marketing funktioniert nicht immer. Ein Gespräch mit dem Experten Joel Makower

Joel Makower, geboren 1952 in Oakland, Kalifornien, wo er heute noch lebt, studierte Journalismus an der University of California, Berkeley. Heute ist Makower leitender Redakteur der Webseite www.GreenBiz.com, außerdem betreibt er das Blog „Two Steps Forward” (www. readjoel.com). Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Strategies for the Green Economy“ (McGraw-Hill, New York, 2008).

Die USA galten lange nicht als Vorreiter in Sachen Umweltschutz. Wie erklärt sich der derzeitige Siegeszug der „Green Products“? Das sogenannte Green Marketing ist in den USA mittlerweile weit verbreitet, dennoch gibt es nicht viele Erfolgsgeschichten. Und wenn, findet man diese bei kleineren Unternehmen mit einem angesagten Image, so wie bei Ben & Jerry’s Eiscreme, Stonyfield Farm Yogurt oder Patagonia Clothing. Von einer Ökostrategie profitieren insbesondere Marken im Lebensmittelbereich, die den Begriff „green“ mit „gesund“ in Verbindung bringen. Für große Unternehmen ist das weitaus schwieriger: Konsumenten und Umweltschützer argwöhnen schnell, dass die großen Firmen sich zwar als Saubermänner darstellen, in Wirklichkeit aber keine sind. Ist dieser Argwohn berechtigt? Viele große Unternehmen verfolgen durchaus umweltfreundliche Ziele wie die Reduzierung von Treibhausgasen oder die Entwicklung energieeffizienter Produkte – allerdings ziehen sich solche Prozesse oft über Jahre hin. Hinzu kommt, dass sich viele dieser Errungenschaften nicht direkt in den Produkten zeigen. Wenn ein Bierhersteller Dosen mit 30 Prozent weniger Aluminium verwendet, ist das beachtlich, bedenkt man die Energieintensität der Aluminiumherstellung. Dennoch erhält das Produkt kein Ökolabel. Die Diskrepanz zwischen dem Handeln der Unternehmen und dem Eindruck der Verbraucher macht Green Marketing so schwierig. Nur einige haben damit Erfolg gehabt, viele haben aufgegeben.

Foto: Privat

Was macht eine erfolgreiche GreenMarketing-Kampagne aus? Sie muss das Etikett „green“ als Äquivalent für „besser“ kommunizieren. Nur wenige

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US-Konsumenten kaufen umweltfreundliche Produkte allein der Umwelt zuliebe. Dieses Label kann sogar abschreckend wirken, weil einige umweltfreundliche Produkte als minderwertig gelten. Es müssen weitere Eigenschaften mit „green“ assoziiert werden, etwa dass ein Produkt besser funktioniert, billiger in der Anschaffung oder im Gebrauch ist, länger hält oder modischer ist. Das ist Toyota mit dem „Prius“ gelungen, Procter & Gamble hat es mit seinen Kaltwaschmitteln geschafft, die zwar teurer sind, aber durch Energieeinsparung die Kosten wieder wettmachen. Bei manchen grünen Initiativen scheint es aber nur um den Marketingeffekt zu gehen: Bei den „Green Car of the Year Awards“ etwa tauchen immer wieder nur wenig umweltfreundliche Geländewagen auf. Inwiefern wird das Etikett „green“ missbraucht? Das Etikett „green“ ist so inflationär verwendet worden, dass es mittlerweile praktisch inhaltsleer ist. Fast alles kann „green“ oder „sauber“ sein. Das „Greenwashing“ – also das Verkörpern eines sauberen Images nach außen ohne entsprechende Substanz – ist leider sehr verbreitet. Inwiefern ist die grüne Welle in den USA eher eine Art LifestyleBewegung und damit wenig authentisch? In Milieus mit gehobenem Einkommen und Lebensstil kann man in der Tat von einem grünen Lifestyle-Trend sprechen. Aber es gibt eine wachsende Bewegung, die einen nachhaltigen Lebensstil für alle möglich machen will. Der Bürgerrechtler Van Jones, mittlerweile Mitglied der Obama-Administration, hat die Organisation „Green For All“ ins Leben gerufen, die umweltfreundliches Wirtschaften mit der Verbesserung der Lebensbedingungen von armen Menschen verbinden möchte. Wie groß ist die Bereitschaft, für ein Ökosiegel mehr zu zahlen? Nicht besonders groß, vor allem während der aktuellen Finanzkrise. Außer bei Biokost, dafür bezahlen viele Menschen mehr Geld, weil ihnen die Gesundheit ihrer Familie wichtig ist. Aber große Produzenten betonen, dass Ökoware nicht teurer als normale Produkte sein sollte. Und sie finden Wege, solche Ökoprodukte ohne Aufschlag anzubieten. Wie nachhaltig wird die Ökobewegung in den USA sein? Ich glaube, sie wird noch einige Zeit anhalten. Mittlerweile hat sich ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für die Umwelt entwickelt, das noch lange Zeit prägend sein wird. Das Interview führte Jörg Frommann

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Gesellschaft

Verdrängte Leidenschaften von Erica Jong

Erica Jong wurde in New York geboren. Sie studierte Englische Literatur an der Columbia University. Jong schreibt Romane und Sachbücher und ist die Autorin von sechs preisgekrönten Gedichtbänden. Zu ihren bekanntesten Werken zählen „Angst vorm Fliegen“ (Fischer, Frankfurt am Main, 1973), „Keine Angst vor Fünfzig“ (Hoffmann und Campe, Hamburg, 1995) und „Der Teufel in Person“ (Hoffmann und Campe, Hamburg, 1999). Zuletzt erschien die Gedichtsammlung „Love Comes First“ (Tarcher Penguin, New York, 2009).

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Während Europäer mit nackten Brüsten am Strand kein Problem haben, kichern Amerikaner bereits über jede versehentliche Brustentblößung. Aber wieso? Liegt es an unserem puritanischen Erbe? Zeugt es von der Jugendlichkeit unserer Kultur? Wir Amerikaner sind ewig Pubertierende. Wir geloben Enthaltsamkeit und verfallen doch in Promiskuität. Unsere Religion ist die Ambivalenz und ewige Unzufriedenheit die Folge. Wir tun gern so, als wäre Begierde für uns kein innerer Antrieb. Dabei werden wir von uneingestandenen Leidenschaften heimgesucht. Überaus deutlich trat diese sexuelle Funktionsstörung in der Hatz auf Bill Clinton zutage. Was sich zwischen ihm und Monica Lewinsky abspielte, war absolut pubertär. Ebenso wie die Empörung, die sich daran entzündete. Clinton wurde für einen nicht vollzogenen Geschlechtsverkehr abgestraft — viel Lärm um nichts also. Seine Aussage „Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau“ entsprach der Wahrheit. Gerettet hat es ihn freilich nicht. Ein gefülltes Törtchen ist uns lieber als eine nackte Brust. Frauen, die in der Öffentlichkeit stillen, sind für uns eine echte Prüfung. Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir Säugetiere sind. Wir möchten uns nicht mit unseren Vorfahren, den Affen, identifizieren. Dies erklärt vielleicht auch die Verrückten, die Darwins Evolutionstheorie leugnen. Wir möchten Engel sein und keine Affen. So vieles in der amerikanischen Gesellschaft ist mir ein Rätsel. Einerseits nehmen wir für uns in Anspruch, Verfechter des Lebens zu sein, andererseits verschwenden wir unseren Staatshaushalt für einen endlosen Krieg und lassen zu, dass es aufgrund der Nationalen Schusswaffenvereinigung (NRA) auf unseren Straßen, in unseren Schulen und sogar in unseren Nationalparks Sturmwaffen gibt. Kein zweites zivilisiertes Land ist so waffenverliebt wie wir. Kein zweites zivilisiertes Land streitet mit der Wissenschaft über den Ursprung unserer Spezies. Welches andere Land hätte das Mormonentum hervorbringen können, einen Kult, der ein spezielles Gewand zum Bedecken der Körperblöße vorschreibt und zugleich die Kinderehe legitimiert? Zwar haben wir gebildete Eliten, die ähnliche Positionen vertreten wie die Eliten in Europa, aber sie können sich bei uns nie recht durchsetzen, weil unsere Kultur aus-

gesprochen primitiv ist. Hinzu kommt der Körperkult der Amerikaner, ihre Leidenschaft für Fitness, gebräunte Haut und trainierte Muskeln. Dieser Kult besteht Seite an Seite mit einer epidemieartigen Fettleibigkeit. Wir sind Fitnessanbeter und pochen gleichzeitig auf unser amerikanisches Recht, uns den Magen mit ungesundem Essen vollzuschlagen. Dieses Paradox sorgt dafür, dass wir mit unseren Körpern garantiert unglücklich sind. Womöglich wollen wir sie gerade deshalb verstecken. Wir sind Spezialisten im Selbstekel. Nach Aussagen von Statistikern machen stets 70 Prozent unserer Bevölkerung eine Diät. Zumindest vormittags, um dann nachts Junkfood zu fressen. Das ideale Rezept fürs Elend! Kein Wunder, dass sich die meisten unserer Bestseller damit beschäftigen, wie man sich und sein Leben optimiert. Wir kaufen diese Bücher, anstatt unsere Gewohnheiten zu verändern. Unsere Ziele in Sachen Körperschönheit sind auf lange Sicht unerreichbar: Zähne weiß wie unser Kühlschrank, schlanke Taille, Riesenbrüste, strammer Hintern, schlanke Schenkel, makellose Haut. Was ist dies anderes als eine totale Ablehnung des eigenen, mit Mängeln behafteten Menschseins? Was sind wir doch für eine sonderbare Nation! Doris Lessing, eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, hat es gewagt, über die Unmöglichkeit zu schreiben, körperliche Vollkommenheit zu wahren. Die Heldin ihres Buches „Der Sommer vor der Dunkelheit“ verzichtet auf gefärbte Haare, Make-up und andere weibliche Rituale zur Verschleierung des Älterwerdens. In „Das Tagebuch der Jane Somers“ erforscht sie furchtlos die Hinfälligkeit des Körpers. Lessing ist sich bewusst, dass körperliche Perfektion ein Irrglaube ist. Warum sind wir uns dessen nicht bewusst? Bis der Körper stirbt, altert er. Solange wir nicht akzeptieren, dass wir altern, sind wir dazu verdammt, uns über weite Strecken unseres Lebens elend zu fühlen. Für mich ist der amerikanische Kult des perfekten Körpers darum ein „Streben nach Unglück“ — und damit das genaue Gegenteil jenes „pursuit of happiness“, das unsere Verfassung verheißt. Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld Foto: Bryan McClellan

Prüderie und Selbstekel: Über das Körpergefühl der Amerikaner

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„Manche denken, die Nazis hätten die Mauer gebaut“ KZ-Gedenkstätte, Kneipentour und Autobahn: Der Reiseveranstalter Christopher G. Sandeman erklärt, was amerikanische Touristen in Deutschland sehen wollen

Foto: Justin Moore

Christopher G. Sandeman, geboren 1978 in Horesham, England, wuchs in der Nähe von New York auf und lebt heute in Berlin. Nach einem PsychologieStudium an der amerikanischen Universität Yale machte sich Sandeman 2004 als Stadtführer selbstständig und gründete „New Berlin Tours“, das innerhalb von sechs Monaten zum größten Stadtführungsunternehmen der deutschen Hauptstadt wurde.

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Herr Sandeman, deutsche Touristen erkennt man dem Klischee nach an Tennissocken in Sandalen, Japaner am Fotoapparat. Woran erkennt man den amerikanischen Touristen? Auf jeden Fall an den Flipflops, selbst bei Regen. Wir sind auch ziemlich laut. Das stört wahrscheinlich andere Leute, aber wir haben eben eine sehr offene Kultur und äußern es deutlich, wenn wir etwas gut finden. Ansonsten bringen europäische und auch australische Touristen ein besseres Verständnis für europäische Geschichte mit und stellen weniger – um es mal deutlich zu formulieren – blöde Fragen. Das Ausbildungssystem in den USA konzentriert sich stark auf die Geschichte der Vereinigten Staaten, deshalb kommt es schon mal vor, dass US-Touristen denken, die Nazis hätten die Mauer gebaut, um sich gegen die Russen zu verteidigen. Wichtig ist aber nicht, wie viel man weiß, sondern dass man lernen will. Wenn wir uns einer Sache nicht sicher sind, dann schämen wir uns nicht nachzufragen. Auch das ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Worum geht es US-Touristen, wenn sie das Ausland bereisen? Sehr viele Amerikaner kommen nach Europa, um mehr über ihre eigenen Wurzeln zu erfahren. Das merken wir besonders in Schottland und Irland. Meine Kollegen dort erzählen mir oft von US-Gästen, die behaupten, sie seien ja eigentlich Iren oder Schotten. Das hat psychologische Ursachen: Wir wissen nicht genau, woher wir kommen, und versuchen uns zu definieren. Außerdem geht es amerikanischen Touristen natürlich um Sightseeing und tatsächlich auch um einige bekannte Klischees: Sie wollen auf jeden Fall ein deutsches Bier trinken, wenn sie in Berlin oder München sind. Manche mieten sich extra schnelle Autos, um auf

der Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren zu können. Das geht in den USA ja nicht. Was erwarten die Amerikaner auf ihren Führungen? Normalerweise gibt es eine Liste mit Dingen, die sie in jedem Fall sehen wollen. In Paris den Eiffelturm, in London den Big Ben, und wenn sie nach Deutschland kommen, wollen sie unbedingt eine KZ-Gedenkstätte besuchen, meist Sachsenhausen oder Dachau. Die DDR interessiert die meisten Amerikaner eher weniger, weil sie kaum etwas über sie wissen. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Schauen Sie mal, wie viele Hollywood-Filme es über die DDR gibt und wie oft Indiana Jones gegen die Nazis gekämpft hat. Was nehmen US-Amerikaner von ihren Europa-Reisen mit nach Hause? Ich denke, dass Amerikaner zwar dazu neigen, andere Leute etwas vorschnell zu verurteilen, es gleichzeitig aber auch anerkennen, wenn etwas besser ist als in Amerika, zum Beispiel das öffentliche Verkehrssystem. Genauso offen werden aber auch Dinge kritisiert, beispielsweise der Service hierzulande. Aber dass die USA zum Beispiel dringend ein Multiparteiensystem brauchen, werden Amerikaner wohl nie aus einer Auslandsreise schließen. Man darf nicht vergessen, US-Bürger haben nur wenige freie Tage im Jahr und fühlen sich daher auch im Urlaub unter Zeitdruck – da wird oft nur an der Oberfläche gekratzt. Die modernen USA sind geschichtlich gesehen ein sehr junges Land. Wie empfinden US-Amerikaner das „alte Europa“ mit seiner vergleichsweise langen Geschichte? Amerikaner werden von der geschichtsträchtigen Kultur in Europa oft etwas überwältigt, ganz besonders in Deutschland. Leider überdeckt die NS-Zeit in der Wahrnehmung oft die anderen Epochen deutscher Geschichte, aber wir versuchen den Leuten natürlich nahezubringen, dass dieses Land andere interessante und auch positive Dinge erlebt hat. Wenn Sie für Barack Obama eine Berlin-Tour gestalten müssten, wie sähe die aus? Der Schwerpunkt würde natürlich auf den Stätten liegen, an denen sich deutsch-amerikanische Geschichte widerspiegelt: Rathaus Schöneberg, Checkpoint Charly und so weiter. Und da ich weiß, dass Obama „Chicken“ mag, würde ich ihn zur Gaststätte „Henne“ bringen, da könnte er den besten Broiler in ganz Deutschland probieren. Das Interview führte Jörg Frommann

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Familie vor ihrem früheren Haus in Mud, West Virginia. Um einer Erzmine Platz zu machen, musste die Familie wegziehen. Das Oberste Gericht von West Virginia entschied inzwischen, dass dies unrechtmäßig ist

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Kultur

Eine schrecklich nette Familie von Michael Levitin Es sollte die Leser zeitgenössischer amerikanischer Li-

Michael Levitin wurde 1976 in Maine, Kalifornien geboren. Er erlangte an der University of California Santa Cruz einen Bachelor in Geschichte und an der Columbia University einen Master in Journalismus. Levitin war als Journalist in Bolivien, Barcelona, Puerto Rico und Prag tätig. Er lebt und arbeitet seit 2005 als Kulturjournalist in Berlin, unter anderem für die Newsweek, die Financial Times und die Times Literary Review.

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für jeden inklusive Gesellschaft zu werden, deren Identität und Stärke darauf beruhen, dass ihre Geschichte sich aus Millionen Geschichten zusammensetzt, die wir laufend neu entdecken. Wahrscheinlich wird diese feierliche multiethnische Identität Amerikas nirgendwo sonst mehr erklärt als in der aktuellen Literatur – insbesondere im Familienroman. Eine Reihe der sogenannten Autoren aus Minderheiten (vereinfacht gesagt all jene, die weder weiß noch männlich sind) haben ihre Kultur, Region oder Identität durch Familienromane in die amerikanische Landkarte eingezeichnet. Jane Smileys zum Beispiel beschreibt in „Tausend Morgen“ Kämpfe und dunkle Vergangenheit einer Bauernfamilie aus Iowa auf Grundlage von Shakespeares Tragödie „König Lear“. Siri Hustvedt bedient sich in „Was ich liebte“ ihrer persönlichen Biografie in Verbindung mit dem Holocaust als Rahmen für eine Familiengeschichte im modernen New York. Und Dorothy Allisons „Kuckuckskinder” erzählt eine tragische Familiensaga über Gewalt und Missbrauch im ärmlichen Süden. Und das sind nur einige wenige weiße Autorinnen. Amy Tans Bestseller „Töchter des Himmels” von 1989 beleuchtet das Leben von vier chinesischen Immigrantenfamilien, Nobelpreisträgerin Toni Morrison betrachtet in „Menschenkind“ die zerstörerischen Auswirkungen der Sklaverei anhand der Erfahrungen einer verfolgten Familie schwarzer Frauen und Sandra Cisneros „Caramelo” erzählt eine mexikanisch-amerikanische Familiengeschichte über den unaufhörlichen Versuch, die extremen Unterschiede von zwei Heimatländern in Einklang zu bringen. Es ist ein Merkmal unserer Zeit – wiederzufinden in MySpace und Facebook, in Blogs und persönlichen Webseiten –, dass immer mehr Leute damit beschäftigt sind, ihre persönliche Geschichte zu verbreiten. Im Zeitalter

teratur nicht überraschen – obwohl ich selbst zugegebenermaßen überrascht bin –, dass drei der letzten sieben Pulitzer-Preise für Romane an Werke gegangen sind, die dem Genre „Familienroman“ zuzuordnen sind. Mit jedem neuen familienhistorischen Roman entwickelt sich die Identität unseres Landes weiter. Offensichtlich bleibt die uralte Frage „Was ist ein Amerikaner?“ für die amerikanische Fantasie so spannend wie eh und je. Für den Fall, dass es in Vergessenheit geraten ist, eine kleine Auffrischung: Jeffrey Eugenides’ „Middlesex“ erzählt 2003 die Geschichte eines Detroiter Zwitters griechischer Abstammung vor dem Hintergrund der Flucht seiner Großeltern aus dem Krieg 1922. Der Gewinner von 2005, „Gilead“ von Marilynne Robinson, schildert drei Generationen einer Priesterfamilie in einer Kleinstadt in Iowa während der Bürgerkriegszeit. Und letztes Jahr nahm der 40-jährige Junot Díaz für seinen Bestseller „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ den Preis entgegen – einen Roman über Leben und Träume eines jungen dominikanischen Amerikaners, dessen Familiengeschichte von Trujillo-Diktatur und Kolonialismus überschattet wird. US-amerikanische Autoren finden in ihren bunten Familienvergangenheiten den Stoff für ihre Werke. Amerika ist mittlerweile, vielleicht jetzt mehr denn je, in seine Vielfalt verliebt; man könnte sogar sagen, wir sind ihr verfallen. Die Anfänge dieser Sucht liegen in den 1960er-Jahren, als Mittlerweile ist Amerika in seine Vielfalt verliebt; die dominierende amerikanische man könnte sogar sagen, wir sind ihr verfallen Kultur des weißen männlichen Protestanten – von der Wissenschaft bis zur Wirtschaft, vom Berufsleben bis hin zu digitaler Zerstreuung und dem zunehmenden Verlust den Filmen, die wir sahen und den Büchern, die wir lasen direkter menschlicher Kontakte hat es den Anschein, als – Risse bekam. Die wachsenden Minderheiten forderten sehnten wir uns nach Aufmerksamkeit. Während wir immer lautstarker, mit ihren Geschichten gesehen, gehört, eine dienstleistungsorientierte Kultur entwickeln und verstanden zu werden. Seitdem hat die starke Verflechtung immer mehr von uns selbst und unseren Bedürfnissen von ethnischen, geschlechterspezifischen und anderen als Individuum besessen sind, lässt sich bei den AmerikaIdentitäten tatsächlich eine neue amerikanische Erzähl- nern erstaunlicherweise gleichzeitig auch ein Verlangen form gewoben. Langsam und stetig – und am deutlichsten erkennen, neue Formen unserer Kultur zu vereinen. Mit in der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten im vergan- Google und Wikipedia ausgestattet war es niemals eingenen Herbst – erfüllt sich Amerika seinen Traum, eine facher, historische Familienfiktion bunt und geschicht-

Foto: Robert Leslie

Was der amerikanische Familienroman über die Vereinigten Staaten aussagt

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lich korrekt zu gestalten. Die heutige Vielfalt und Popu- einzufangen. Das literarische Kräftespiel, das das Buch zu larität des Familienromans geht noch weiter: Es ist der einem Verkaufsschlager machte, ist leicht zu erkennen: Versuch der Amerikaner, ihre eigene Geschichte richtig „Die Korrekturen“ sind aktuell, paranoid, darauf aus, ein zu erfassen. möglichst weites Feld der amerikanischen Kultur abzudeWir erinnern uns an unsere Vergangenheit und schrei- cken. Die Charaktere sind gleichzeitig hip und schreckben über sie so, wie wir uns wünschen, dass sich auch lich. Die Dialoge, das Tempo, die Tiefe, der Witz und die anderen daran erinnern – zum Teil wahr und zum die Dramatik sind auf eine Weise ausbalanciert, die sich Teil erfunden. Die heutige amerikanische Gesellschaft frisch, authentisch und einzigartig amerikanisch anfühlt. ist die größte, sonderbarste, chaotischste Gesellschaft der Franzens neuem Bild der amerikanischen Familie würWelt. Sie bietet dem Schubladendenken die Stirn. Jeder- den die meisten Amerikaner wahrscheinlich zustimmen. mann und keiner gehört dazu. Der Einheitsgedanke ist Es spiegelt die Realität von heute wider: Weit weg vom unabdingbar verknüpft mit dem Pluralitätsgedanken, aus traditionellen Einheits-, Loyalitäts- und Stärkegefühl, das vielen Kulturen zu bestehen. Dies ist hauptsächlich der Grund, Obamas Geschichte ist so faszinierend wie warum der fiktive Familienroein moderner amerikanischer Familienroman man heute Amerikas multikulturelle, multi­ethnische Antwort auf die überragende Frage ist: Wer bin ich und wie bin die amerikanische Familie einst repräsentiert hat, ist die ich hierhergekommen? Man könnte meinen, dass in einer Familie eine entrückte und verschmähte Erscheinung in so komplexen und heterogenen Kultur wie unserer nichts der modernen amerikanischen Gesellschaft geworden. Barack Obamas aufrichtige Memoiren „Ein amerikaden Amerikanern mehr geholfen hat, zu erkennen, was es bedeutet, Amerikaner zu sein, als der oftmals wehtuende nischer Traum“ waren lange vor seiner Präsidentschaftskandidatur erfolgreich. Obwohl das Buch kein Roman war, und enthüllende Familienroman. In William Faulkners Trilogie „Das Dorf“, „Die Stadt“ beinhaltete es viele der Gegensätze und Verflechtungen, und „Das Haus“ kämpfen auf dem erfundenen Schauplatz die man im modernen amerikanischen Familienroman Yoknapatawpha County der Snopes-Klan und andere zer- wiederfindet: das Aufeinanderprallen von zwei Familien rüttete Südstaatenfamilien gegen das Nachwirken von radikal unterschiedlicher Kulturen – Kenia und Kansas –, Missbrauch, Erniedrigung, Rivalitäten und Sisyphusar- das Versagen, als Familie zu bestehen oder als Sohn seinen beit an. In diesen Romanen erfasst Faulkner den amerika- Vater kennenzulernen, sich entwurzelt fühlen, rassische nischen Pathos in einer Tiefe wie kaum ein anderer Autor und religiöse Unklarheit, der Tod beider Eltern und das Heranreifen zu einem schwarzen amerikanischen Mann. vor oder nach ihm. Der Versuch zeitgenössischer Autoren, die Dunkelheit, Obamas Geschichte fasziniert und inspiriert Millionen welche die amerikanische Gesellschaft – insbesondere die – und beweist, dass eine vielfältige Herkunft nicht nur amerikanische Familie – umgibt, in etwas anderes zu ver- etwas ist, das man tolerieren sollte, sondern als entscheiwandeln, spiegelt die Veränderungen unserer Werte und denden modernen Vorzug sehen muss. Die Popularität des Kultur im letzten halben Jahrhundert wider. Seit Viet- Familienromans bewirkt etwas Ähnliches: Sie zeigt uns, nam hat Amerika internationales und moralisches Anse- dass jeder ein weiteres bislang unbekanntes Kapitel der hen eingebüßt. Es ist eine von Begierden vereinnahmte, amerikanischen Geschichte zu erzählen hat, wenn man im Konsum verlorene Gesellschaft geworden, und viele ihm nur die Möglichkeit dazu gibt. der einst vorherrschenden sogenannten Familienwerte Aus dem Englischen von Young-Sim Song wurden aufgegeben oder verwandelt. Der wahrscheinlich erfolgreichste Familienroman jüngster Zeit, der diesen Verfall der modernen amerikanischen Familie und die Werteverschiebung darstellt, ist Jonathan Franzens „Die Korrekturen.” Die Amerikaner haben jahrelang auf einen Roman wie diesen gewartet und kauften Millionen Exemplare. Was machte ihn so besonders? Es scheint, dass es Franzen gelungen ist, die Stimmung von gewalttätiger Unruhe und unterdrückter Sehnsüchte sowie die neurotische, aufgewühlte, ungesunde Chemie der amerikanischen „Durchschnittsfamilie“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Kulturaustausch 111/09

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Weiterlesen:

Dorothy Allison: „Kuckuckskinder“, Goldmann, München, 2002. Sandra Cisnero: „Caramelo“, Goldmann, München, 2003. Junot Díaz: „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“, Fischer, Frankfurt, 2009. Jeffrey Eugenides: „Middlesex“, Rowohlt, Reinbek, 2003. Jonathan Franzen: „Die Korrekturen“, Rowohlt, Reinbek, 2002. Siri Hustvedt: „Was ich liebte“, Rowohlt, Reinbek, 2003. Toni Morrison: „Menschenkind“, Rowohlt, Reinbek, 1992. Barack Obama: „Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie“, Hanser, München, 2008. Marilynn Robinson: „Gilead“, Brendow Verlag, Moers, 2006. Jane Smileys: „Tausend Morgen“, Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin, 2004. Amy Tan: „Töchter des Himmels“, Goldmann, München, 1992.

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Kultur

„Der Jazz wuchs in uns heran“

Jimmy Scott wurde 1925 in Cleveland, Ohio, geboren. Von Geburt an litt er unter dem Kallmann-Syndrom, einer Hormonkrankheit, die eine hohe Stimme verur­ sacht. Bekannt wurde er in den 1940erJahren als Sänger der Lionel Hampton Band („Everybody’s Somebody’s Fool“). Sein Album „All the Way“ (1992) wurde für den Grammy nominiert. 2007 erhielt er die NEA Jazz Masters Fellowship. Heute lebt er mit seiner Frau Jeanie in Las Vegas.

Herr Scott, Sie sind einer der bedeutendsten Jazzsänger der Vereinigten Staaten und nun schon seit über 70 Jahren Musiker. Was waren für Sie die größten Veränderungen in dieser Zeit? Viele Menschen haben unter der Rassentrennung gelitten. Es tat weh, aber man konnte nichts dagegen tun; sich einzumischen hätte mehr Probleme verursacht. Ich selbst habe es nicht so gespürt, da war Musiker zu sein von Vorteil. Manchmal haben Leute in den Clubs die Nase gerümpft, weil man schwarz war. Aber andere hatten es viel schwerer. Sie wurden gar nicht erst in die Clubs hineingelassen. Haben sich diese Entwicklungen auch im Jazz widergespiegelt? Oh, auf jeden Fall! Es gibt viele Musiker, die am Spielen gehindert wurden, weil sie schwarz waren. Umso mehr haben sie sich aber bemüht weiterzumachen. Sie haben Dinge im Jazz hervorgebracht, die diese Erlebnisse wiedergaben. Man konnte die Entschlossenheit, ein Bestandteil des Jazz-Business bleiben zu wollen, in der Musik hören. Wann hat sich die Situation für schwarze Musiker verändert? Es gab glücklicherweise Leute wie die weißen Jazzmusiker Artie Shaw und Woody Herman. Aus Liebe zur Musik stellten sie schwarze Musiker ein und gründeten in den 1930er-Jahren die ersten integrativen Bands. Dieser Schritt in einer Zeit, in der weiße Musiker eigentlich nichts mit schwarzen Musikern zu tun haben wollten, war gut. Heute ist das ganz anders. Natürlich sind wir froh darüber, dass es keine Rassentrennung mehr gibt; aber es war auch ein Lernprozess. Was bedeutet Jazz für die USA? Jeder Amerikaner ist mit Jazz in Berührung gekommen. Irgendwann haben alle einmal

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mitgemacht – haben den Lindy Hop (Tanzstil der 1920erbis 1940er-Jahre, Anmerkung d. Red.) gelernt und all die anderen Tänze, die sich mit der Musik entwickelt haben. Der Jazz war der Vater aller Musikarten, die sich in diesem Land gebildet haben – des Blues, des Rock ’n’ Roll. In diesem Land ist eine Menge Musik entstanden. Wieso gerade in den USA? Das, was man musikalisch ausdrückt, ist das, was man fühlt – es kommt aus dem Herzen. Ich kann Ihnen das nicht anders erklären: Das ist in etwa so, wie ich Ihnen nicht sagen kann, wie Sie sich zu fühlen haben. Es liegt vielleicht an verschiedenen Dingen, mit denen wir aufgewachsen sind, zum Beispiel den Big Bands. Während wir heranwuchsen, wuchs die Musik in uns heran. Jazz wird oft als Musik der Intellektuellen betrachtet. Sehen Sie das auch so? Die Schöpfer der Musik waren nicht die reichen Menschen mit hoher akademischer Bildung, sondern die ärmsten, am wenigsten gebildeten Menschen, erzogen vom Straßen- und Nachtleben. Aber die Reichen haben sie begeistert angenommen. Jazz wurde für jeden gespielt. Wie ist es heute mit dem Nachwuchs? Gestern hatte ich einige Kids hier. Und es war erstaunlich, wie sehr sie an Musik interessiert sind. Wir hatten früher Lehrer, die uns ermutigt haben. Aber den Jugendlichen heutzutage fehlt das, was ich traurig finde. Haben die USA noch eine Führungsrolle aus kultureller Perspektive? In der Vergangenheit war der Einfluss der USA sehr stark. Amerikanische Musik beeinflusst immer noch viele Musiker in der Welt. Auch wenn mir unter den heutigen Künstlern keiner einfällt, der die Musikwelt so nachhaltig prägen könnte wie die Originale. Gibt es ein neues Amerika mit Barack Obama? Er wird auf jeden Fall Veränderung bringen. Er will ein Land, in dem jeder seinen Teil beiträgt. Ja, es gibt ein neues Amerika und es wird offensichtlich an der Vielfalt der Menschen, die Barack Obama gewählt haben. Es gibt mehr Akzeptanz, was für Amerika und das amerikanische Volk spricht. Viele destruktive Dinge wurden eliminiert. Allerdings müssen wir noch abwarten und schauen, wie dieses Amerika angenommen wird. Das Interview führte Young-Sim Song

Foto: Kemper Music Group & CINEO FILM

Der Sänger Little Jimmy Scott über die Liebe zur Musik, Rassentrennung und das neue Amerika

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mit marta und lion feuchtwanger von SAID

gleich kommt der delphin der deutsch spricht stumm setzt er sich in seine ecke bis mein arbeitspensum bewältigt ist dann steigen wir zum ozean hinunter er nimmt mich bei der hand und erzählt von emigranten sie sprachen deutsch und zählten laut die tage die nächte verbrachten die feindlichen ausländer leise in ihren häusern wir sitzen in den klippen und fordern die brandung heraus er zeigt sein zerknittertes foto mit marta und lion in marta sei auch er ein wenig verliebt gewesen doch mit der zeit sei auch diese liebe verblasst wie sein deutsch gleich fragt der alte delphin zum xten mal ob deutschland sich geändert hätte ob noch gelegentlich nazis vom himmel fielen ob er deutschland auch einmal besuchen sollte dann beklagt sich mein delphin dass immer weniger menschen sich für seine fragen interessieren auch ich kehre ja bald zurück zum alten kontinent

SAID wurde 1947 in Teheran geboren und lebt im deutschen Exil in München. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet.

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Kultur

Masse statt Klasse von Timothy W. Donohoe

Timothy W. Donohoe wurde 1967 in Columbia, Missouri, geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in New York. Er lebt und arbeitet als freier Autor, Dolmetscher und Übersetzer in Berlin.

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zu heizen und zu kühlen und müssen aufwendig instand gehalten werden. Die Alteingesessenen in den Außenbezirken betrachten ihre Gegend zudem als unberührbares Ganzes, erbaut in Zeiten, in denen Architekten und Bauherren gleich großes Interesse am attraktiven Äußeren ihrer Nachbarschaften hatten. Diese älteren Einwohner fühlen sich verunsichert von den neuen Einwanderern, Menschen mit geringen Einkommen und schlechten Englischkenntnissen. Zahlreiche Alteinwohner wollen die neueste Entwicklung ihres Bezirks nicht mehr miterleben und verkaufen ihr Anwesen. Und dann gibt es noch die Bauunternehmer, die in der Erwartung der nächsten Einwanderer leerstehende Häuser aufkaufen, abreißen und Fertigplattenbauten hochziehen. Hunderte solcher Einheiten werden jährlich gebaut. Die Gewinnspanne ist riesig: Wo früher eine Familie wohnte, entstehen acht und mehr getrennte Wohnbereiche. In den „Outer Boroughs“ ist aufgrund der Abrisse ein Kul-

Wenn Europäer an New York denken, dann denken sie vor allem an Manhattan. Tatsächlich aber leben die meisten New Yorker, vom Sanitärinstallateur zum Kaufmann, vom Schullehrer zum Börsenmakler, in den „Outer Boroughs“, den Außenbezirken der Metropole. Diese Stadtteile sind im Gegensatz zu dem Bild, das in vielen Hollywoodfilmen gezeichnet wird, nicht kriminell oder chaotisch, keine NoGo-Arreale für Weiße, sondern aufgeräumt und mit Bauten aus vier Jahrhunderten amerikanischer Architektur geschmückt. New York enthält mehr historische Viertel als jede andere Großstadt der USA und ein guter Teil liegt in Brooklyn, Queens, auf Staten Island und in der Bronx. Vor 50 Manhattan ist voll, übrig bleiben die Jahren standen noch über 60 alt„Outer Boroughs“. Wo früher eine Familie wohnte, niederländische Landhäuser in entstehen acht getrennte Wohnungen Brooklyn, heute sind es allerdings weniger als 20. Ganze Straßenzüge dieser Häuser im Queen Anne-, Tudor- und Arts-and- turkampf ausgebrochen, die Verteidiger des Bezirks auf der einen, die Bauunternehmer auf der anderen Seite, die Crafts-Stil werden jährlich abgerissen. Warum? Entwicklung, sagen die einen, andere machen zuletzt eingewanderten Bürger in der Mitte, zu Unrecht die vor Kurzem geplatzte Immobilienblase verantwortlich, beschuldigt oder opportunistisch umworben. Im Internet finden sich Vertreter aller Positionen. die Einwanderung, Spekulation, Gier oder schlichtweg die Ignoranz gegenüber dem kulturellen Wert dieser Archi- Der Journalist Kevin Walsh dokumentiert auf www.fortektur. Schätzungen zufolge wird New Yorks Bevölkerung gotten-ny.com die Veränderung der Stadt. Auf queenscrap. innerhalb der nächsten zwei Dekaden von acht auf neun blogspot.com werden Bauunternehmer und der AusverMillionen Einwohner ansteigen. Aber wohin mit den Zu- kauf an den Pranger gestellt. Der Pfarrer Dennis Dillon gezogenen? Manhattan ist voll. Die Vororte Manhattans versucht auf www.dddb.net (Develop Don’t Destroy Broosind für die meisten Neuankömmlinge, die aus Entwick- klyn) zwischen Anwohnern und Baufirmen zu vermitteln lungs- und Schwellenländern stammen, zu teuer. Übrig und Wendy Takahisa und Christopher Kui unterstützen bleiben nur die „Outer Boroughs“. Der Druck, zahlreiche asiatische Einwanderer beim Bau nüchterner Nutzarchigünstige Wohneinheiten zu schaffen, kommt von der tektur unter www.aafe.org (Asian Americans for Equality). Dienstleistungsindustrie und den mittelgroßen UnterVielleicht wird am Ende weniger das Engagement der nehmen, die nach billigen Arbeitskräften verlangen. Die Anwohner als die Finanzkrise dafür sorgen, dass ein gröArbeitnehmer des Niedriglohnsektors kommen aus Süd- ßerer Teil von New Yorks Bausubstanz gerettet wird: Es und Ostasien, zum Teil aus dem Nahen Osten und der fehlt schlicht an Investitionskapital. Und ja, selbst in ManKaribik. Sie träumen vom besseren Leben, von Geld und hattan ist man mittlerweile auf die Abrisswelle aufmerkAufstiegschancen. Eine saubere, moderne Wohnung hat sam geworden: Gleich vier dort ansässige Organisationen dabei oberste Priorität. setzen sich für den Erhalt historischer Bauten ein. ManDoch genau darin liegt auch das Problem: Die Au- hattan scheint seine zu Unrecht ein wenig vergessenen ßenbezirke bieten zwar genügend Wohnraum, der für Geschwister endlich mehr zu beachten und den biogradas Einkommen dieser jüngsten Einwanderungsgruppen fischen Wert ihrer Architektur anzuerkennen. jedoch zu teuer ist. Historische Häuser sind groß, teuer Aus dem Englischen von Adina Mohr

Foto: Privat

Kulturkampf um New Yorks Architektur: Was passiert, wenn einer Stadt preiswerter Wohnraum fehlt

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Ein Kanufahrer durchquert die Stromschnellen im Rogue River, Oregon

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Kreuzschiffe laufen in Ketchikan, Alaska, ein

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Kultur

Der Journalist Nicholas Kulish hat eine Satire über den Irakkrieg geschrieben. In seinem Roman „Last One In“ erzählt er, wie der LifestyleReporter Jimmy als Kriegskorrespondent in den Irak geschickt wird. Da Jimmy sich während eines Angriffs versteckt hat, wird er vorübergehend von der eigenen Armee festgenommen. Im folgenden Auszug wartet er auf seine Freilassung und spricht mit einem irakischen Gefangenen

Nicholas Kulish, geboren 1975 in Washington D.C., ist Korrespondent der New York Times in Berlin. 2003 begleitete er als „Embedded Journalist“ eine Truppe der US-Marine in den Irak und berichtete als Kriegskorrespondent für das Wall Street Journal. Gleichzeitig begann er mit der Arbeit an dem Roman „Last One In“ (HarperCollins, New York u.a.), der 2007 auf Englisch erschien.

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„Kann ich jetzt gehen?“, fragte Jimmy die Wache. „Sir, wir sorgen dafür, dass Sie fortgebracht werden.“ „Ich bin bei den Marines. Kann ich nicht zurück zu meiner Einheit?“ „Sir, ich habe den Auftrag auf Sie aufzupassen, bis Sie fortgebracht werden.“ Zusammen mit vier Irakern saß Jimmy am Straßenrand. Sie trugen die letzte Heilsarmee-Mode, alte Jeans und Hemden, die direkt aus den Achtzigern stammten. Der Mann neben ihm hatte eine Weste von Christian Dior an, die der Designer wohl eher für Frauen entworfen hatte. Im Gegensatz zu Jimmy, der beobachten konnte, wie die Marines ausrückten, trugen die anderen Gefangenen leere Sandsäcke über den Köpfen. In der Mitte, wo die Augen sein mussten, hatte man die Säcke mit Isolierband abgeklebt. Auf Arabisch murmelte der Mann mit der Weste seinem Kameraden etwas ins Ohr, dann drehte er sich um und fing an, auf Jimmy einzuflüstern. „Ich verstehe Sie nicht“, sagte Jimmy. Der Mann gab noch mehr unverständliches Gemurmel von sich. „Ich verstehe nichts, kein einziges Wort“, sagte Jimmy nun lauter. „Englisch?“, fragte der Mann. „Amerikaner.“ Der Sandsack drehte sich zu ihm um, aber er bezweifelte, dass der Mann durch das Leinen etwas erkennen konnte. „Reporter.“ Er wusste von keiner militärischen Anweisung, wie man mit gefesselten Angehörigen einer fremden Armee in Kapuzen redete. Die Gefangenen sahen alle schrecklich heruntergekommen aus, dreckig, verlumpt und mager. Ihre Hosen waren zu kurz und ihre Knöchel so dürr, dass er froh war, dass die Männer noch Hemden trugen. „Soldat?“, wurde er gefragt. „Journalist“, antwortete Jimmy. „Zivilist.“ „Und warum gefangen?“ „Ich bin kein Soldat. Die wissen nichts, vermutlich haben

sie einfach keine Ahnung.“ Er hörte auf. Genau genommen war der Mann ja nicht Jimmys Feind. Jimmy gehörte nicht zur kämpfenden Truppe. Und es schien ihm grob, seinem gefesselten Nachbarn die Konversation zu verweigern, selbst wenn es sich um einen irakischen Soldaten handelte. „Sie schreiben Wahrheit. Das irakische Volk wurde angegriffen. Deshalb Sie gefangen.“ „Ich denke, die haben einfach keine Ahnung. Ich blick’ ja selbst nicht durch.“ Der Mann schwieg. „Amis greifen Iraker an. Grundloser Überfall. Wir kämpfen für unser Land. Wir verteidigen uns.“ „Das scheint Ihnen ja gut zu gelingen, nicht wahr? Na ja, wie dem auch sei ...“, sagte Jimmy höflich. „Wir werden kämpfen!“, wiederholte der Mann. „Na, dann los.“ Jimmy starrte auf die Handschellen des Mannes. „Lassen Sie sich von mir nicht aufhalten.“ Der Kriegsgefangene drehte den Kopf, aber alles, was Jimmy erkennen konnte, war das stumpfe Grau des Sacks und das silbrige Isolierband. Mit einer Geste, die Jimmy als reuevoll-kläglichen Fatalismus deutete, bewegte der Kopf den Sack vor und zurück. „Ami go home“, sagte er. „Wir brauchen euch nicht.“ „Würde ich ja gern, aber ich bin genauso gefesselt wie ihr“, sagte Jimmy. „Wie heißen Sie?“ „Mohammed.“ „Mohammed, ich rede nicht gern darüber.“ „Über ‚grundlose Aggression’ der Amis?“ „Ja, genau“, sagte Jimmy. „Sie können doch nicht ...“ „Genug“, sagte er. „Aber ...“ „Weshalb sprechen Sie überhaupt mit mir? Da sind doch noch drei richtig nette Kerle aus Ihrer eigenen Armee, die genauso gegen die ‚unprovozierte Aggression der Amis’ kämpfen. Reden Sie doch mit denen.“ Der irakische Soldat murmelte etwas Unverständliches – und zwar so leise, dass Jimmy nicht einmal ausmachen konnte, in welcher Sprache. Der Sack dämpfte seine Worte, weshalb es noch schwerer wurde, überhaupt etwas zu verstehen. „Ich halte diese Kerle einfach nicht mehr aus“, sagte der Iraki. „Seit einem Monat wir sitzen in diesem Riesenloch. Keine Ahnung, was ich da noch sagen soll. Immer das Gleiche. ‚Meine Frau, meine Frau, ich will zu meiner Frau.’ ‚Für einen Bissen Hühnchen kämpfe ich gegen die Amis – auf Leben oder Tod.‘“ „Ich kann’s mir vorstellen“, sagte Jimmy. „‚Meine Kinder, ich muss zu meinen Kindern.‘ Oder, oder:

Foto: Privat

Notizen von der Front

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liebt Daddy Bush Saddam. Saddam kämpft gegen Iran, er ‚Wir müssen nach Basra und uns betrinken.‘“ „Fluchen. Heulen. Schimpfen. Darin sind die Marines ist Daddy Bushs Freund. Saddam krallt sich Kuwait, und alles geht den Bach runter.“ auch ganz groß“, erwiderte Jimmy. „Daran erinnere ich mich noch“, sagte Jimmy. „Mein Englisch ist katastrophal.“ „Wenn ihr über uns regiert, baut Baby Bush vielleicht „Nein“, sagte Jimmy. „Es ist doch wirklich sehr gut.“ „Dreizehn Jahre habe ich kein Englisch gesprochen“, sagte überall im Irak Basketballplätze. Das wäre doch gar nicht so schlecht.“ Mohammed. „Ich habe in den USA studiert.“ „Oh.“ Jimmy stellte sich vor, wie irgendwo in Idaho ein „Ich kann’s ja mal vorschlagen.“ irakischer Erwachsener in Dior-Weste auf einem High- „Sie sind kein Dummkopf. Ich mag Amerikaner.“ schoolgang den Spind schließt. Klar, als Austauschschüler „Sie mögen Amerikaner? Ich dachte, Sie wollten uns umwird er jünger gewesen sein, und vermutlich besser ge- legen.“ kleidet. Es sei denn, seine Gastfamilie bestand aus lauter „Die Fedajin wollten die Attacke. Die sind wirklich verSadisten. „Ich haben Basketball für die „Ich mag Diners“, erzählte Mohammed. Wichita State University gespie„Direkt an der Straße, Tag und Nacht geöffnet und lt. Das ist schon lange her. Als die Kellnerin nennt einen ‚honey‘.“ Iraker und Amerikaner noch Freunde waren. In Englisch bin ich eine Katastrophe jetzt. Beim Basketball auch. Ich hätte rückt. Sie schnappen sich unsere Uniformen. Sagen, sie zur Olympiade gesollt. Gegen Michael Jordan spielen. Jetzt wollen im Kampf gegen euch fallen. Sie erschießen Hauptmann, als der nicht angreifen will.“ wir haben nicht einmal Mannschaft.“ „Tut mir leid.“ Jimmy war gar nicht aufgefallen, wie groß „Ihr wolltet gar nicht kämpfen?“ der Gefangene war. Seine langen Beine waren zu einem „Ich schon“, antwortete Mohammed. „Sie marschieren in halbherzigen Schneidersitz verknotet. Er hatte es so noch mein Land. Erobern es. Da ich muss kämpfen. Aber ich weniger bequem als seine kleineren Kumpane, wenn man mag Amerikaner. Immer so freundlich.“ „Ach, wirklich?“ hier überhaupt von bequem reden konnte. „Ich mag Diners“, erzählte Mohammed. „Direkt an der „Ich glaube, jetzt bin ich zu alt.“ „Na ja – das kann ich so nicht erkennen – Sie verstehen Straße, Tag und Nacht geöffnet. Die Kellnerin nennt einen ‚honey‘ und fragt, wo man herkommt. Und sie schenkt – wegen des Sacks. Wie alt ...“ „Fünfunddreißig. Zu alt, glaube ich. Aber dieser Michael immer Kaffee nach, so viel man will, man bezahlt nur den ersten.“ Jordan, der spielt noch mit vierzig.“ „Wenn Sie so spielen, ist’s kein Problem.“ Der Himmel war „Herr Reporter“, schaltet sich die Wache ein. „Die wollen fleckenlos rein und die Sonne schlug ungehindert auf sie mit Ihnen reden.“ nieder. Jimmy schwitzte wie verrückt, er spürte, wie er „Eine Minute noch“, erwiderte Jimmy. Sonnenbrand bekam, und fragte sich, wie heiß es wohl „Sofort heißt sofort und nicht in einer Minute“, setzte es unter dem Sack war. Als ob er ohnmächtig werden würde, von der Wache. schwankte einer von Mohammeds Landsleuten hin und „Ich versuche gerade mit ...“ „Sie wollen, dass die Marines warten, während Sie mit her, bis er sich schließlich an seinen Nachbarn lehnte. „Ich fürchte, mit Jordan kann ich nicht mithalten. Aber dem Hadschi da reden?“ Die Wache riss Jimmy am Arm okay.“ Mohammed drehte den Kopf wieder ein wenig, als hoch und führte ihn von den Gefangenen weg. wollte er sich orientieren. „Zehn Jahre ist her, seit ihr uns „Fünfunddreißig ist nicht zu alt“, rief Jimmy nach hindas letzte Mal angegriffen habt. Das waren meine besten ten. Jahre.“ Der Sack schüttelte sich wieder vor und zurück. „Seien Sie nett zu dem Kerl“, erklärte Jimmy der Wache. „Warum bloß dürfen die Amis so ahnungslos sein und „Er spielt Basketball. Ging in den USA zur Schule.“ „Ist mir scheißegal.“ trotzdem alles machen? Nicht Sie. Die Amis.“ „Seien Sie einfach ein bisschen nett zu ihm.“ „Ist schon gut. Ich nehm’s nicht persönlich.“ „Er würde Sie umlegen, wenn er nicht gefesselt wäre. Oh„Nein“, sagte Mohammed. „Sie sind ein kluger Kerl.“ „Da bin ich mir nicht so sicher. Ich sitze im Nirgendwo ne Scheiß.“ auf einer Piste mitten in der Wüste, gefesselt von meiner „Gut“, sagte Jimmy. Wenn man das so sah, hatte man es als Marine wohl leichter. Und vermutlich stimmte es sogar. eigenen Armee.“ „Ihnen ist der Irak ganz einfach egal. Das ist etwas andeAus dem Englischen von Hans Jürgen Balmes res als dumm“, beharrte Mohammed. „In den Achtzigern Kulturaustausch 111/09

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Ruhepause nach einem langen Tag: Soldaten im Einsatz als Feuerwehrm채nner bei der Bek채mpfung eines Waldbrandes am Clear Kreek, Idaho

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Politik

In Zukunft zu zweit von Shen Dingli Als einzige Supermacht der Welt erleben die Vereinigten

Shen Dingli, geboren 1961 in Schanghai, ist promovierter Physiker und Direktor des Zentrums für Amerikastudien sowie Professor für internationale Beziehungen und Dekan des Instituts für Internationale Studien an der Fundan Universität, Schanghai. Er leitet seit 1991 Chinas erstes universitäres Programm zu Rüstungskontrolle und Regionaler Sicherheit und spezialisierte sich auf die nuklearen Beziehungen, sowie die Außen- und Verteidigungspolitik Chinas und der USA. 2002 beriet er den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan.

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Der freie Kapitalismus Amerikas ist durch die andauernde Finanzkrise infrage gestellt. Menschliche Gier, mangelnde angemessene staatliche Regulierung und die Auswirkungen des 11. September 2001 auf das Konsumund Sparverhalten kulminierten in einer beispiellosen Wirtschaftskrise, die die Glaubwürdigkeit und Tragfähigkeit des US-amerikanischen Kapitalismus auf den Prüfstand stellt. Ein Mangel an Zukunftstechnologien verschlechtert die Situation noch und macht deutlich, dass die Institutionen der USA vor einer wesentlichen Erneuerung stehen. Das erklärt, wie Präsident Obama in so kurzer Zeit an die Macht gelangen konnte. Sein Zugeständnis an den Wandel ist frischer Wind für das Bild Amerikas in der Welt. In den vergangenen Monaten stellte Obamas Administration die Beziehung zu Russland wieder her und diskutiert die schwierigen Themen Raketenabwehr in Mitteleuropa und die NATO-Mitgliedschaft Georgiens. Die Vereinigten Staaten besserten rasch das transatlantische Verhältnis zu ihren NATO-Alliierten und verpflichteten sich wieder einem multilateralen Außenpolitikkonzept. Ungeachtet des Führungswechsels im Weißen Haus sta-

Staaten von Amerika eine entscheidende Zeit des Wandels. Wirtschaftlich betrachtet sind sie immer noch eine weltweit unübertroffene und konkurrenzlose Macht. Die Wirtschaft der USA ist etwa dreimal größer als die der zweit- und drittplatzierten Länder Japan und China. Das Pro-Kopf-Einkommen der amerikanischen Bevölkerung ist um 20 Prozent höher als das der Japaner und sogar 13Mal höher als das der Chinesen. Nur wenige Länder haben ein größeres Pro-Kopf-Einkommen, diese sind dann aber gemessen an der Bevölkerungszahl wesentlich kleiner als die Vereinigten Staaten. 47 Prozent des Weltverteidigungshaushalts gehen auf das Konto der Vereinigten Staaten, die das einzige Land der Welt sind, das außerhalb des eigenen Territoriums verschiedene regionale Kommandos, bis in den Weltraum hinein, Bislang ist nicht abzusehen, ob die führt. Die USA scheinen als einVereinigten Staaten die tief liegenden Fehler zige Nation in der Lage zu sein, im freien Kapitalismus beheben können kurzfristig überall einen Krieg führen zu können – der Irakkrieg war solch ein Beispiel. Doch neuerdings begegnen der Su- bilisierte Washington mit Nachdruck die Beziehungen zu Peking. Präsident Obama hat zudem seine versöhnende permacht auch ernst zu nehmende Herausforderungen. Die amerikanische Demokratie vermochte Präsident Hand in Richtung Iran, Kuba und Venezuela ausgestreckt, Bushs Krieg gegen den Irak nicht zu verhindern. In Krisen- zum Dialog aufgerufen und sogar die Vision einer atomzeiten, wie nach den Terroranschlägen vom 11. September waffenfreien Welt unter US-amerikanischer Führung 2001, versäumte es die US-Demokratie, eine angemessene entworfen. Die globale Stellung der USA ist in einem langsamen Verteidigungsstrategie auszuarbeiten. Der Einmarsch in den Irak erfolgte ohne Mandat der Vereinten Nationen und Wiederaufbau begriffen und zeigt jetzt schon eine neue ohne ausreichenden Beweis für eine vom Irak ausgehende konstruktive Kontur. Ob die US-amerikanische Wirtschaft Gefahr, die einen Präventivkrieg gerechtfertigt hätte. ihre bislang schwerste Krise heil überstehen wird, ist alBushs Regierung baute Gefangenenlager in Guantanamo les andere als sicher. Noch haben die Vereinigten Staaten und anderswo und verletzte die Rechte der Inhaftierten. nicht zu ihrer besten Zeit, der Clinton-Ära, zurückgefunObgleich Obamas Administration den Rückzug aus dem den. Außenpolitisch hoffen sie, wieder eine Hauptrolle zu Irak ankündigte, hat sich die amerikanische Seite bislang spielen, vorausgesetzt, sie bewältigen ihren Krieg gegen weder vor dem Irak und der Welt für den Bruch des inter- den Terror im Irak und in Afghanistan; bislang jedoch ist nationalen Friedens entschuldigt noch sich verpflichtet, nicht abzusehen, ob sie die tief liegenden Fehler des freien die Kriegstreiber vor den Internationalen Strafgerichts- Kapitalismus beheben können. hof zu bringen. Auch über Reparationen an den Irak wird nicht geredet. Der Schaden, den die Demokratie und die Die Vereinigten Staaten verlieren vor diesem Hintergrund Führungsrolle der USA in der Welt dadurch nahm, lässt einiges an Macht und Vitalität und auch die Volkswirtsich weder schnell noch einfach beheben. schaften der westlichen Industrienationen entwickelten

Foto: Wang Kai Photo Shop

China ist nicht mehr bereit, die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten zu akzeptieren

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„In Asien bietet ein ökonomisch pulsiere

ndes, politisch

in den letzten Jahrzehnten ihre Wettbewerbslstand und aktiveres China Möglichkeiten für Woh fähigkeit nur schleppend, sodass die führenden aktivere Rolle Kooperation. Die USA müssen dor t eine sieben beziehungsweise acht Industrienationen übernehmen.“(The Chicago Council, 23.04.2007) immer weniger die Weltwirtschaft und -sicherheit definieren. Stattdessen müssen wir immer Obwohl der Verteidigungshaushalt lediglich ein Viertel stärker die G13- beziehungsweise G20-Länder vom US-amerikanischen ausmacht, verdoppelt er sich alin Betracht ziehen, wenn wir Entwicklungen der le vier Jahre und vervierfacht sich alle acht Jahre. China Weltwirtschaft vorhersagen wollen. Asien wird bei dieser Plattenverschiebung der Welt- visiert somit 280 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 an machtzentren immer bedeutender. Ostasien ist zu einem – was den US-Ausgaben im Jahr 2000 gleichkommt. UnMotor der Weltökonomie geworden, mit Japan, China und berücksichtigt dabei bleiben die Kosten für Forschung und Korea als Hauptakteuren der gegenwärtigen Industrialisie- Entwicklung aus nicht militärischen Einrichtungen wie rungswelle. Japan und Korea sind aufgrund ihres ökonomischen Chinas Bürde, die Massen Arbeit Gewichts und Pro-Kopf-Einkomsuchender Menschen, ist für die Zusammenarbeit mens bereits OECD-Mitglieder. mit dem Westen ein Pluspunkt Chinas Entwicklungstempo ist mittlerweile so eindrucksvoll, dass seine Wirtschaft im laufenden Jahr diejenige Japans auch die Pensionen für militärisches Personal in zivilen überholen könnte und somit weltweit nur noch den USA Abteilungen und die sich durch die unterschiedliche Kaufkraft beider Nationalwährungen ergebende Differenz. den Vortritt lassen müsste. In Asien finden sich drei der vier Nationen versammelt, die gemeinsam mit Brasilien weltweit das schnellste Tem- Solch ein Wachstum bleibt nicht ohne Auswirkungen. po des Wirtschaftswachstums vorweisen. Ihre massiven Der langfristig beobachtbare Rückgang der US-amerikamenschlichen Ressourcen – im Falle Chinas und Indi- nischen Wirtschaft schreitet unaufhaltsam voran, wähens – oder natürlichen Ressourcen – im Falle Russlands rend die ostasiatischen Ökonomien und die neuen Indus– beschleunigten ihre Entwicklungsgeschwindigkeit. triemärkte Brasilien, Russland, Indien und China sichtbar 2008 wies China noch immer ein jährliches Wachstum werden. Bis zum November 2008 konnte man durch das von neun Prozent auf, was sich bei gleichzeitiger Rück- chinesische Wirtschaftswunder an die Entstehung eines läufigkeit aller anderen Wirtschaftsmächte eindrucksvoll ernst zu nehmenden Konkurrenten für die USA glauben. ausnimmt. Doch dieses chinesische Phänomen ist unter Umständen Die Weltordnung befindet sich mitten in einer Um- nicht nachhaltig. Nicht nur die wichtigsten westlichen strukturierung. Ob mit oder ohne Abschwung, China hat Ökonomien sind im Sumpf der Finanzkatastrophe stecken gute Chancen zwischen 2020 und 2030 zur US-Ökono- geblieben, auch Chinas Leistungsfähigkeit ist infrage gemie volumenmäßig aufzuschließen. Das kann als sicher stellt. Chinas Wachstum im Bruttosozialprodukt fiel von gelten in Zeiten, in denen das westliche Kapital die güns- 13 Prozent im Jahr 2007 auf neun Prozent im Jahr 2008 tigen Arbeitsressourcen sucht, die der chinesische Markt zurück. Im ersten Quartal 2009 betrug das Wachstum im Überfluss zu bieten hat. Solange China offen bleibt, sogar nur noch 6,1 Prozent. wird sich seine traditionelle Bürde an Massen mittelloser, Chinas hohe Abhängigkeit vom Export hat den enormen Arbeit suchender Menschen in einen Pluspunkt für die Aufschwung seiner Wirtschaft hervorgebracht. Während wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen wan- nunmehr in den Vereinigten Staaten und anderen westlideln. Mit dem Anschluss Chinas an die Größe der US- chen Nationen das Vertrauen in den Konsum sinkt und es Wirtschaft wäre das Volumen der Europäischen Union notwendig wird, die nach China ausgelagerten Produktioder das dreifache Japans realisiert. Berücksichtigt man, onen rasch zu reduzieren, steht China vor seinem eigenen dass Chinas Wirtschaft bereits viermal so groß wie jene strukturellen Problem: einem Mangel an ausreichendem Indiens ist, erscheint es wahrscheinlich, dass der Abstand Binnenkonsum trotz großer Kapitalmengen. zu Indien noch größer wird, wenn Peking in der Dekade China wird aus verschiedenen Gründen nicht in der 2020 bis 2030 Washington erreicht. Lage sein, Amerika kurzfristig zu verdrängen. GrundAuch bei den Verteidigungsausgaben ist Chinas Wachs- sätzlich vermochte China es bislang nicht, eine Kultur tum beeindruckend. Chinas offizieller Verteidigungshaus- technologischer Innovation zu etablieren, um damit seine halt liegt mit 70 Milliarden US-Dollar weltweit an dritter Wirtschaft durch eigene Kraft aufzuwerten. Zudem minStelle, hinter den Vereinigten Staaten und Großbritannien. dern die schreckliche Umweltzerstörung und ökologische Kulturaustausch 111/09

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Das College-Girl Der Zweck des College besteht natürlich darin, die eigene Ausbildung voranzutreiben, doch das College-Girl (und übrigens auch der College-Boy) hat diesen Gedanken erst nachträglich. Dies kommt auch in seinem Outfit zum Ausdruck. Zum Unterricht erscheint es in Trainingshose und Flipflops – bisweilen auch in Schlafanzughose. Nur zu Saufpartys ist sein Aufzug vorzeigbar. Es nutzt den Umstand, der Kontrolle der Eltern entzogen zu sein, voll aus und gerät außer Rand und Band. Das College-Girl nennt das „Experimentierphase“, weil das auch im Fernsehen so heißt. Die Entfernung zwischen College und Elternhaus verhält sich direkt proportional zum Ausmaß des „Experimentierens“. Die Zahl der Zeitzonen zwischen College-Girl und Eltern wiederum ist identisch mit der Zahl seiner Sexualpartner pro Semester. Bedenkt man allerdings die gegenwärtige Wirtschaftslage und die Tatsache, dass sein Abschluss höchstwahrscheinlich wertlos sein wird, ist dies vielleicht der richtige Ansatz.

Schädigung Chinas schlicht und ergreifend seine Chan- und Bildungsvorteil – all das verleiht den Staaten einen cen auf nachhaltige Entwicklung, was unter den aktuellen sicheren Vorsprung. Auf chinesischer Seite haftet der Umständen der Finanzkrise noch deutlicher wird. Obwohl hartnäckige Pro-Kopf-Nachteil: Knappheit an natürlichen China theoretisch die Hoffnung hegt, in ein bis zwei Jahr- Ressourcen – sauberes Wasser eingeschlossen –, Mangel zehnten Amerika wirtschaftlich zu überholen, muss sei- an Energiereserven und prekäre Bildungsressourcen im ne Wirtschaft mindestens zwei große Probleme lösen: Sie Vergleich zu den USA und nicht zuletzt die Notwendigkeit steht vor beispiellosen Umweltaufgaben und ebensolchem der Erneuerung von Chinas Sozialethik und Moral, ihre Energiebedarf. Ohne diese Herausforderungen zu lösen, Anpassung an die moderne Zeit. könnte die weitere ökonomische Entwicklung Chinas eine Doch China muss nicht auf die Zeit warten, in der es eiUmweltkatastrophe und soziale Instabilität herbeiführen ne globale Rolle spielt. Durch die Einberufung der Sechsund erscheint schon deshalb unerreichbar. Ein unwill- Parteien-Gespräche, in denen das Kernwaffenprogramm kommenes Szenario für China und den Rest der Welt, Nordkoreas Gegenstand war, hat es bereits eine entscheidas nur durch internationale Zusammenarbeit verhindert dende und konstruktive Rolle in der nord­ostasiatischen werden kann. Sicherheit übernommen ebenso wie durch die Entsendung Präsident Obama hat die Umweltpolitik seines Vorgän- von Schiffen in den Golf von Aden zum Schutz internatiogers zurückgenommen und verfolgt nun die Reduzierung naler Gewässer vor Piraten. Es befinden sich zudem mehr von Treibhausgasen, was auf chinesischer Seite Handlungsdruck Peking wird Washington herausfordern, auch und -chancen zugleich erzeugt: wenn China so schnell kein globaler Konkurrent für die Ausgaben für den Umweltdie USA sein wird schutz zu erhöhen und sich darin zu beschränken, immer mehr Wohlstand zu generieren. Es ist klar in Chinas Interesse, chinesische Friedenstruppen im Auftrag der Vereinten Nadieses lieber früher als später zu tun. Obgleich es China tionen in Konfliktregionen, Darfur eingeschlossen, als aus schwerfallen wird, CO₂-Mengen in einem Post-Kyoto-Pro- jedem anderen Land. Nicht zuletzt ist China der größte tokoll festzuschreiben, wird es dieser Nagelprobe auf der Geldgeber unter den Entwicklungsländern mit einem ofKlimakonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen fiziellen Betrag von 29 Milliarden US-Dollar Hilfsgelder im Dezember dieses Jahres kaum entgehen können. für andere Entwicklungsländer. Kurzsichtigkeit kann China nicht zu einer Position Auch wenn China in absehbarer Zeit kein globaler unter den zwei wirtschaftlich stärksten Länder der Welt Konkurrent für die USA sein wird, wird Peking Washingverhelfen. Daher muss die Regierung ein Gleichgewicht ton auch in Zukunft herausfordern. Präsident Bushs unzwischen ihrem kurzfristigen Interesse, Arbeit und Wohl- heilvolle und einseitige Außenpolitik schadete dem Ansestand zu schaffen, und dem langfristigen Ziel der Nach- hen der Vereinigten Staaten und führte bereits zu einem haltigkeit herstellen, da beide essenziell für den sozialen wachsenden chinesischen Einfluss in der Welt, genauso Frieden sind. wie das erfolgreiche Wirtschaftswachstum Chinas globaDie Vereinigten Staaten müssen auf ihrer Seite eine le Position stärkte. Die konsequente chinesische ZurückFührungsrolle bei der Einschränkung von CO₂-Emissi- haltung führte zu einer relativen Akzeptanz seines friedonen übernehmen und andere Länder dazu veranlassen, es lichen Aufstiegs durch die Vereinigten Staaten und seine ihnen gleichzutun, jedes im Rahmen seiner ökonomischen Alliierten. In ein bis zwei Jahrzehnten werden die USA Möglichkeiten. Sollten die USA es nicht schaffen, mit noch immer die dominierende Weltmacht sein, während China zu einem beidseitigen Einvernehmen zu gelangen, China zunehmend nach Ebenbürtigkeit strebt. könnte das zu einem globalen Desaster führen, denn beide Länder sind Hauptverursacher von Treibhausgasen. Aus dem Englischen von Adina Mohr Zumindest für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte werden die Vereinigten Staaten von Amerika die einzige Supermacht bleiben. Ihre natürlichen Ressourcen, die geostrategische Ausrichtung, die politischen Institutionen, die technologischen Innovationen und ihr Forschungs-

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Text „Das College-Girl“: Joey Goebel, Übersetzung: Andreas Bredenfeld

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„Warum sollte ich euch wählen?“ Mary C. Joyce erklärt, wie mit Neuen Medien Wahlkämpfe gewonnen werden

Foto: Marleen Frontzeck/ Golem.de

Mary C. Joyce, geboren 1981, lebt in New Jersey. Sie hat den Einsatz neuer Medien für die Obama-Wahlkampagne geleitet. Joyce gründete die Nichtregierungsorganisation DigiActive, mit der sie weltweit Basisbewegungen berät, wie sie das Web 2.0 strategisch und politisch nutzen können.

Frau Joyce, Sie haben während Barack Obamas Präsidentschaftswahlkampf den Einsatz neuer Medien koordiniert. Haben Sie den Kandidaten auch persönlich getroffen? Nein. Als ich zum Obama-Wahlkampfteam stieß, war es bereits sehr groß. Ich habe ihn bei Veranstaltungen gesehen, aber ihm nie die Hand geschüttelt. Trotzdem wusste ich, dass ich ein Teil dieser Bewegung war, die er ins Leben gerufen hatte, um Amerika zu verändern. Und das war sehr beflügelnd. Ein wichtiger Teil der Kampagne war die Einbindung sozialer Netzwerke: Auf Facebook unterstützen mehr als sechs Millionen Nutzer Obama. Wie viele Menschen haben versucht, den Eindruck zu erwecken, der Kandidat sei 24 Stunden am Tag online? Mehr als 50. Wenn Wähler unsere E-Mails oder SMS bekamen, haben sie aber nicht wirklich erwartet, mit dem Kandidaten direkt in Kontakt zu treten. Wir haben sie gebeten, mitzumachen, sich aktiv einzubringen, mit eigenen Ideen Obama zu unterstützen. Ein Redenschreiber Obamas, Jon Favreau, ist jetzt 27 Jahre alt, so alt wie Sie. Ist dies typisch für amerikanische Wahlkämpfe? Es gehört zur amerikanischen Kultur, dass junge Leute in Wahlkampfteams arbeiten. Am Obama-Wahlkampf war vielleicht das Besondere, dass uns viel Verantwortung gegeben wurde, etwa beim Entwerfen von Strategien. Jeder in der Abteilung „Neue Medien“ war jünger als 35 Jahre: der Direktor, sein Stellvertreter, die Blog-Leitung, die Online-Leitung. Lebt denn diese teilhabende Demokratie weiter, seitdem Obama in Amt und Würden ist? Über die Webseite „Organizing for America“, geleitet vom Democratic National Commit-

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tee, können Wähler, die Obama unterstützt haben, sich weiter engagieren und Veranstaltungen organisieren. Was war Ihr größter Erfolg im Neue-Medien-Team? Unser größter Erfolg war natürlich, dass Obama die Wahl gewonnen hat. Was auch ziemlich viel Spaß gemacht hat: Wir haben den Vizepräsidentschaftskandidaten per SMS verkündet. Normalerweise wird solch eine wichtige Information einigen Journalisten mitgeteilt, die sie dann übers Fernsehen oder das Radio verbreiten. Aber wir verschickten sie an ganz normale Leute: Sie waren die Ersten, die es erfuhren. Wir haben so deutlich gemacht, dass neue Medien sich dadurch auszeichnen, dass sie einen direkten Kontakt zu den Wählern herstellen können – und dass diese dadurch Teil der Kampagne werden. Seit wann werden in amerikanischen Wahlkampagnen die Wähler über neue Technologien mobilisiert? Die erste Web-2.0-Kampagne führte Howard Dean, als er sich um das offizielle Kandidatenamt der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahlen 2004 bewarb. Diejenigen, die ihn unterstützten, waren sehr aktiv und organisierten sich selbst. Es gab und gibt noch immer die Webseite www.meetup.com, wo jeder Veranstaltungen ankündigen konnte, die Howard Dean unterstützten, und andere dazu einladen. Auch wenn er mit seiner Kampagne nicht erfolgreich war – er verlor gegen Senator John Kerry –, hat sie auf die politischen Möglichkeiten von sozialen Medien aufmerksam gemacht. Wie werden sich politische Kampagnen in Zukunft verändern? Sie werden partizipativer und mehr und mehr von unten kommen. Das hoffe ich zumindest, nicht nur weil es möglich sein wird, mit Millionen Menschen zu kommunizieren, sondern weil diese Menschen erwarten, dass sie „Teilnehmer“ sind. Wenn eine Kampagne nur lautet: „Wähle mich“, werden die Wähler sagen: „Ihr beteiligt mich nicht, warum sollte ich euch wählen?“ In Deutschland sind viele Politiker von neuen Technologien begeistert, haben aber dann Angst vor Kommentaren und direkter Kritik. Viele Blogs bestehen nur aus Pressemitteilungen. Wenn man neue Medien ohne die richtige Geisteshaltung verwendet – dazu gehören Engagement, Machtteilhabe, Interaktion, Gespräch –, werden sie nicht wirklich anschlagen. Wenn Politiker privat SMS benutzen, wissen sie, wie interaktiv dieses Medium ist. Genau das müssen sie auch bei politischen Kampagnen wissen. Das Interview führte Nikola Richter

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Die USA im weltweiten Vergleich Länder mit der grössten Pressefreiheit

Die am wenigsten korrupten Staaten der Welt

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1. Island 7. Belgien 13. Kanada 20. Deutschland 36. USA 56. Chile 66. Libanon 82. Brasilien 126. Kambodscha 173. Eritrea

1. 13. 17. 25. 30. 49. 78. 103. 140. 149.

Finnland Deutschland USA Israel Tschechien Türkei Algerien Honduras Kongo Myanmar

(Reporter ohne Grenzen) 2009

Anteil an Frauen im tertiären Bildungssektor (Hochschulen) Platz Land

Anteil in Prozent

1. Saint Lucia 4. Guyana 10. Estland 14. Schweden 21. USA 24. Italien 27. Frankreich 38. Finnland 53. China 57. Japan

84,0 % 68,7 % 61,6 % 59,6 % 57,4 % 57,0 % 55,3 % 53,9 % 47,1 % 45,7 %

2006

2004 bis 2008

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Island Niederlande Ecuador Schweden Irak Deutschland USA Russland Brasilien Indien

Anteil in Prozent

52,38 % 26 % 20,16 % 13,46 % 9,45 % 5,2 % 3,17 % 2,27 % 1,75 % 1,65 %

Militärausgaben

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USA Russland Deutschland Frankreich Großbritannien Niederlande Italien Spanien Ukraine Schweden

Land

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Die zehn grössten Waffenexporteure der Welt

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

Anzahl Frauen im Parlament

Platz Land

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

USA Großbritannien China Frankreich Japan Deutschland Russland Saudi Arabien Italien Indien

in Billionen Dollar

547,0 59,7 58,3 53,6 43,6 36,9 35,4 33,9 33,1 24,2

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Zahlen und Fakten Kalifornien (939.899); Detroit, Michigan (916.952); Jacksonville, Florida (805.605) Einwanderer: derzeit 4,31 Migranten pro 1.000 Einwohner Staaten mit der höchsten Einwandererquote:

Kalifornien (27,4 %), New York (21,8 %), New Jersey (19,9 %), Nevada (19,4 %), Florida (18,9 %), Hawaii (17,3 %), Texas (16,0 %) Analphabetenrate: 1 % (15 Jahre und älter) Teenagergeburten (15- bis 19-Jährige): 4,2 %

aller Geburten Obdachlose: 754.147

ohne Alaska und Hawaii

Bevölkerung: Insgesamt 304.059.724 Einwohner, davon Weiße: 242.639.242, Schwarze oder Afroamerikaner: 39.058.834, Indianer und Alaska-Ureinwohner: 3.083.434, Asiaten: 13.549.064, Hawaiianer and andere Pazifik-Insulaner: 562.121 Einwohner: circa 30 pro Quadratkilometer. 80 Prozent der Bevölkerung lebt in städtischen Ballungsgebieten Einwohnerreichste Staaten: Kalifornien: 36.756.666 Einwohner, Texas: 24.326.974, New York: 19.490.297, Florida: 18.328.340, Illinois: 12.901.563 Landessprache: Englisch Sprachen: Englisch: 82,1 %, Spanisch: 10,7 %, andere indoeuropäische Sprachen: 3,8 %, asiatische Sprachen: 2,7 %, weitere Sprachen: 0,7 %. Hawaiisch ist offizielle Sprache im Bundesstaat Hawaii Religionen: 62 % der Bevölkerung gehören 238 Religionsgemeinschaften an, davon 26 % der römisch-katholischen Kirche, 27,5 % protestantischen Gemeinschaften (Baptisten, Methodisten, Lutheraner, Presbyterianer), 2,6 % sind Juden Nationalfeiertag: 4. Juli, Independence Day (seit 1776) Staatsform/Regierungsform: Präsidiale Republik mit balancierter Gewaltenteilung Staatsoberhaupt: Barack Hussein Obama, 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Amtsantritt: 20.01.2009 (erste Amtszeit) Parlament: Kongress mit zwei Kammern: Senat (100 Sitze), Repräsentantenhaus (435 Sitze) Parteien: Demokratische Partei (hat derzeit die Mehrheit der Sitze in Repräsentantenhaus und Senat) und Republikanische Partei (auch GOP, „Grand Old Party“, genannt) Die grössten Städte: New York City, New York (8.274.527

Einwohner); Los Angeles, Kalifornien (3.834.340); Chicago, Illinois (2.836.658); Houston, Texas (2.208.180); Phoenix, Arizona (1.552.259); Philadelphia, Pennsylvania (1.449.634); San Antonio, Texas (1.328.984); San Diego, Kalifornien (1.266.731); Dallas, Texas (1.240.499); San Jose,

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Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze (offizielle Armutsgrenze etwa für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern: 21.027 Dollar jährlich): 12,5 % Kriminalität: Pro 100.000 Einwohner 474 Gewalttaten (Mord, Vergewaltigung, Raubüberfall, schwere Körperverletzung) im Jahr Kriminellste Städte: 1. Detroit, Michigan (2.419 Gewalttaten pro 100.000 Einwohner im Jahr); 2. St. Louis, Missouri (2.481); 3. Memphis, Tennessee (1.989); 38. Los Angeles, Kalifornien (787); 49. New York City, New York (638) Gefängnisse: 1.821 Einrichtungen, 1.321.208 Insassen Vollzogene Todesstrafen im Jahr 2008: 37, davon in Texas: 18; in Virginia: 4; in Georgia und South Carolina: jeweils 3; in Florida, Mississippi, Ohio und Oklahoma: jeweils 2; in Kentucky: 1 Anzahl GefangEner, die zum Tode verurteilt sind:

3.220 Bruttoinlandsprodukt: 14,29 Billionen US-Dollar Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 47.000 US-Dollar Produktivste Staaten: Kalifornien (1,813 Billionen US-

Dollar), New York (1,103 Billionen US-Dollar), Texas (1,142 Billionen US-Dollar) Bruttoinlandsprodukt nach Sektoren:

Landwirtschaft (1,2 %), Industrie (19,6 %), Dienstleistung (79,2 %) Arbeitslosenquote: 8,9 % im April 2009 Frauenanteil an den Beschäftigten: 46,7 % Exporteinnahmen: 1.300.497,5 Millionen US-Dollar (Jahressumme 2008) Wichtigste Medien: Die drei nationalen Fernsehkonzerne ABC, CBS, NBC, die 24-Stunden-Nachrichtensender Fox News, CNN, MSNBC, der öffentliche Informationskanal C-SPAN, das öffentliche Fernsehnetzwerk PBS, der nicht kommerzielle Radiosender NPR, die überregionalen Tageszeitungen USA Today, Wall Street Journal, New York Times, Washington Post und Los Angeles Times und die politischen Wochenmagazine Time Magazine und Newsweek Quellen Text: Auswärtiges Amt, Bureau of Labor Statistics, Migration Policy Institute, The World Factbook (www.cia.gov), U.S. Census Bureau, U.S. Department of Health & Human Services, U.S. Department of Housing and Urban Development, U.S. Department of Justice Karte: Westermann Verlag, Braunschweig 2009

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Politik

Die Macht der Trägheit

von Rashid Khalidi

Rashid Khalidi, geboren 1948 in New York, ist Professor für Arabische Studien an der Columbia University und Herausgeber des Journal for Palestine Studies. 1991 nahm er als palästinensischer Vertreter an den Friedensgesprächen in Madrid teil. Bis 2005 unterrichtete er an der University of Chicago, wo er mit dem damaligen Senator, Barack Obama, befreundet war. Khalidi lebt in New York.

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Bei ihrem Amtsantritt fand die Regierung Obama einige schwierige Probleme vor, um die sie sich nun kümmern muss, doch wenige sind so kompliziert und verworren wie die Krisen, mit denen sich die Vereinigten Staaten im Na­ hen Osten konfrontiert sehen. Die Vereinigten Staaten sind erst während und nach dem Zweiten Weltkrieg zur Weltmacht und zu einer Macht im Nahen Osten geworden. Auch waren sie außerhalb der überschaubaren Einflusssphären in der Karibik und auf den Philippinen nie eine Kolonialmacht im klassischen Verständnis. Die USA Die Regierung Bush hat, indem sie den Einmarsch in Afghanistan und den Irak und deren Besetzung beschloss und die Regierung dieser Länder von Grund auf neu organisieren wollte, die USA in ein beispielloses Abenteuer gestürzt – in einem Teil der Welt, in dem sie, anders als Großbritannien und Frankreich, etwas Vergleichbares noch nie versucht hatten. Es muss sich erst noch zeigen, ob die Regierung Obama den ultimativ nutzlosen und zum Scheitern verurteilten neokolonialen Kurs wirklich nachhaltig ändern wird, den George W. Bush in dieser Region unter dem Deckmantel der „Staatenbildung“ für die USA festgelegt hat. Auch wird man sehen müssen, ob die neue Regierung den massiven Einsatz US-amerikanischen Militärs und der Marine fortsetzen wird, der in den letzten zwei Jahrzehnten das Gebiet zwischen Nordafrika und dem Nahen Osten bis nach Zentralasien umfasste und bei Weitem größer ausfällt als zu Zeiten des Kalten Kriegs. Die Mächte der Trägheit sind in Washington groß und der Präsident hat viele Schlachten zu schlagen. Neben den schwerwiegenden Problemen, welche die Auseinandersetzungen im Irak und in Afghanistan mit sich bringen, gibt es für amerikanische Politiker im Nahen

Osten noch einige andere Schwierigkeiten, darunter die verzerrte Wahrnehmung des arabisch-israelischen Konflikts. Die amerikanische Politik weigert sich insgesamt anzuerkennen, dass die Aktionen Israels – etwa die Besetzung des Westjordanlandes und die Errichtung von Siedlungen sowie Kriege im Gazastreifen und Libanon – den amerikanischen Interessen zutiefst schaden. Diese absichtliche und umfassende Blindheit wird von einer offensiv agierenden israelischen Lobby befördert, die nicht die tatsächlichen Meinungen jener repräsentiert, für die sie angeblich spricht, nämlich vor allem die jüdische Gemeinde Amerikas. Die meisten Mitglieder dieser Gemeinde sind aufgeschlossener als die Hardliner, welche die Lobby mit ihren rechten Ansichten dominieren. Diese Lobby war in einer ganzen Reihe von Fällen völlig einverstanden mit der neokonservativen Vorgehensweise der Bush-Regierung – von der Iran-Politik bis zum Irak-Krieg und dem arabisch-israelischen Konflikt. Aber die US-amerikanischen Juden haben mit einer überwältigenden Mehrheit für Obama gestimmt, trotz beharrlicher Versuche, ihn als einen verkappten Muslimen darzustellen, als propalästinensisch und als nicht so vorbehaltlos auf Seiten Israels. Ich bezweifle, dass diese Entkoppelung,

müssten die Einheit der Palästinenser statt ihre Spaltung fördern die eines von vielen subtilen Anzeichen für eine möglicherweise veränderte Einstellung vieler Amerikaner in Sachen Palästina und Israel ist, vom kompetenten Team des Präsidenten übersehen worden ist. Das bereitet den Boden für eine Änderung der Politik – sofern man jemals den anhaltenden Konsens der Idiotie, wenn es um Palästina und Israel geht, in Washington wird überwinden können. Falls die Regierung Obama eine ernsthafte Lösung des Israel-Palästina-Konflikts anstrebt, wird sie folgende Punkte beachten müssen: Erstens müssten die USA die Einheit der Palästinenser statt ihre Spaltung fördern, wie das seit 2006 geschieht. Zweitens müssten sie Israel gegenüber klarmachen, dass die Fortsetzung seiner Politik der Besetzung und Besiedlung illegal ist, langfristig unhaltbar und den amerikanischen Interessen schadet und dass die USA Israel nicht länger stillschweigend und finanziell unterstützen werden. Das gesamte illegale Netz israelischer Siedlungen, das eine halbe Million Israelis im Westjordanland umfasst – die fast 42 Jahre alte Grundlage für eine Kontrolle, die über vier Millionen Palästinenser ausgeübt wird –, muss man so schnell wie möglich loswer-

Foto: Alex Levac

Obama hat den Nahost-Konflikt zur Chefsache erklärt: In den vergangenen Monaten wurde ein Sondergesandter ernannt, die beteiligten Regierungschefs nach Washington eingeladen und der Druck auf Israel, seine Siedlungspolitik zu ändern, erhöht. Erklärtes Ziel der USA ist die ZweiStaaten-Lösung. Aber welche tief verwurzelten Verhaltensmuster müssen durchbrochen werden, um dieses Ziel zu erreichen?

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es ist untrag„Die Situation des palästinensischen Volk Palästinenbar. Und Amerika wird der Hof fnung der nen Staat nicht ser auf Würde, Chancen und einen eige 04.06.2009) den Rücken zukehren.“ (Islam-Rede in Kairo, den, sofern man die Gewalt verringern und die Hoffnungen auf eine Zwei-Staaten-Lösung wieder stärken will. Auch wenn zahlreiche realistische Beobachter meinen, dass die Zeit für eine solche Lösung schon lange vorbei sei. Schließlich müssen sich die Vereinigten Staaten auf eine umfassende, multilaterale Vorgehensweise mit gro­ßer internationaler Beteiligung einlassen, bei der die Beendigung der israelischen Besatzung und Kolonisierung und entsprechende palästinensisch-israelische Vereinbarungen sowie Friedensschlüsse zwischen Israel, Syrien und dem Libanon einander ergänzen würden. Schlussendlich muss all das mit einer Entspannungspolitik gegenüber dem Iran verknüpft sein, einer Beendigung des Kalten Kriegs in Kleinformat, der zwischen Washington und Teheran herrscht. Beängstigend groß erscheint dieses Bündel an Aufgaben nicht zuletzt deshalb, weil die Angelegenheit so viele schwer einzuschätzende und mächtige regionale Akteure mit einschließt und weil man so viele konventionelle Glaubenssätze zum Nahen Osten über Bord werfen müsste, die in Washington als Wissen durchgehen. All dies wird noch dadurch verkompliziert, dass die palästinensische Nationalbewegung ihre größte Krise seit 1948 durchmacht, eine, die die Palästinenser letztlich selbst überwinden müssen. Das scheinen die zersplitterten palästinensischen Führungsriegen momentan aber nicht leisten zu können. Lässt sich die palästinensische Einheit nicht auf einer neuen soliden Grundlage wiederherstellen, droht ein politischer Niedergang, wie dies bereits nach 1948 der Fall war – und an der harten Realität der Palästinenser wird sich nichts ändern. Zugleich muss man sagen, dass die Vereinigten Staaten und die meisten größeren regionalen Mächte wie Israel, Iran, Syrien, Ägypten und Saudi-Arabien die Spaltungen im palästinensischen Lager erbarmungslos für ihre eigenen Ziele ausgenutzt haben, ganz zu schweigen von Israels systematischer Eliminierung einer Generation palästinensischer Führer nach der anderen. Wenn es noch Hoffnung auf eine palästinensische Einheit geben soll und auf Frieden zwischen Palästinensern und Israelis, müssten alle Beteiligten aufhören, die palästinensische Zerstrittenheit zu fördern. Diese Politik hängt mit der Konfrontation zwischen den USA und Iran zusammen – womit Schluss sein muss, wenn sich irgendetwas in der Region zum Besseren verändern soll. Es bleibt anzumerken, dass die Lösung der großen Probleme zwischen Israel und Syrien nur gelingen könnte, wenn sie Teil eines umfassenden Ansatzes zur Lösung Kulturaustausch 111/09

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des arabisch-israelischen Konfliktes insgesamt wäre und mit einer Einigung zwischen Palästinensern und Israelis einherginge. Wird die syrische Angelegenheit als Vorwand dafür benutzt, dass man die Angriffe Israels auf Palästinenser oder ihren mangelnden Verhandlungswillen eben nicht anspricht oder sogar Gewinn daraus zieht, indem man versucht, Damaskus und Teheran auseinanderzubringen, wird dies schlimme Folgen haben und die Lage noch verschlechtern. Schließlich muss noch, wenn irgend möglich, eine Entwicklung Irans zur Atommacht verhindert werden – so wie jede Art der Verbreitung von Atomwaffen in dieser unruhigen Region. Dieses Problem gilt es im Kontext sowohl der Verringerung des Nuklearwaffenarsenals der Großmächte als auch der Bemühungen zur Einschränkung auf regionaler Ebene anzugehen. Mit Blick auf letzteren Punkt müsste man nicht nur über die Atom-Ambitionen Irans sprechen, sondern auch über die beträchtlichen Nukleararsenale von Israel und Pakistan, die beide Iran und andere regionale Mächte beunruhigen. All dies würde eine Beendigung des Kalten Kriegs im Kleinformat zwischen Amerika und Iran voraussetzen, was eine extrem schwierige Aufgabe ist. Sollte ein solch ehrgeiziger Ansatz fehlschlagen oder sabotiert werden, ob nun durch Israel, Iran oder Washington, wären die Alternativen höchst unangenehm: eine Atommacht Iran, die sehr schnell losschlagen könnte, vor allem wenn regionale Konflikte nicht entschärft werden, und ein Angriff auf Iran, ob durch Israel oder die USA. Letzteres hätte sehr schwerwiegende Auswirkungen, darunter die unabänderliche Entschlossenheit einer verbitterten iranischen Führung, Atomwaffen zu bekommen, koste es, was es wolle – ein Bestreben, das am Ende wohl erfolgreich wäre und unabschätzbare Folgen hätte. Wenn die neue Regierung den politischen Kurs der Vorgängerregierung im Sinne der hier vorgeschlagenen Richtung ändert, dann könnten die USA den Nahen Osten in den kommenden Jahren auf positive Weise mitgestalten. Eine solche Veränderung würde sowohl von den meisten Mächten im Nahen Osten als auch von den meisten anderen Ländern, die Interessen in dieser Region verfolgen, begrüßt. Sollte ein Bruch mit der fehlgeschlagenen Politik früherer Regierungen dennoch nicht gelingen, würde das unvermeidlich eine weitere Verringerung des amerikanischen Einflusses mit sich bringen, weitere schwere Probleme für die USA und den Nahen Osten und einen weiteren Stabilitätsverlust für die Region.

Veröffentlichungen von Rashid Khalidi:

„Sowing Crisis: American Dominance and the Cold War in the Middle East“ (Beacon Press, Boston, 2009). „The Iron Cage: The Story of Palestinian Struggle for Statehood“ (Beacon Press, Boston, 2006). „Resurrecting Empire: Western Footprints and America’s Perilous Path in the Middle East“ (Beacon Press, Boston, 2004).

Aus dem Englischen von Loel Zwecker

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Preisgekrรถntes Rennpferd in Ashford Stud, Kentucky

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Politik

„Obama hat andere Probleme“

Beatriz Sarlo, geboren 1942 in Buenos Aires, lebt dort als Professorin für Argentinische Literatur. Sie befasst sich mit der Geschichte der Medien-,­ Film- und Pop- sowie der urbanen Kultur. Sie unterrichtete in Columbia, Maryland und Berkeley und war Simon Bolivar Professor für Lateinamerika-Studien an der University of Cambridge. Sie erhielt Stipendien des Wilson Center, Washington, und der GuggenheimStiftung.

Frau Sarlo, Sie haben sich in Ihren Kolumnen viel mit den USA beschäftigt. Wie ist das aktuelle Verhältnis von Lateinamerika zu den USA? In jedem Fall muss man unterscheiden zwischen dem Grad an Hegemonie, den die USA auf Mittelamerika, auf einige Zonen der Anden und auf das südliche Südamerika ausüben. Ihr Verhältnis zu Argentinien etwa kann man nicht vergleichen mit dem zu Mittelamerika, wo die USA in der Vergangenheit mehrfach militärisch interveniert haben. Oder mit Kuba, wo sie bis heute einen Militärstützpunkt unterhalten. Die USA wiederum blicken allein schon aus Gründen der Entfernung zu ihrem nächsten Nachbarn, Mexiko. Für Brasilien, die Nation mit dem größten Potenzial in Lateinamerika interessieren sie sich kaum. Für Argentinien, ein zweitrangiges Land, also noch viel weniger. Wie erklären Sie sich die in Umfragen sehr starken antiamerikanischen Ressentiments in Argentinien? Die USA werden in Argentinien nicht geliebt. Warum? Weil die Parteien – nicht nur die der Linken, sondern auch die demokratischen – die militärischen Abenteuer der USA im Rest Lateinamerikas immer verurteilt haben. Und aus dem umgekehrten Grund sind Hugo Chávez und Fidel Castro zwei äußerst beliebte Figuren: Weil sie die USA auf der internationalen Bühne angreifen. So ist Argentinien, das nie eine US-Intervention erlebt hat, paradoxerweise eines der Länder, in denen die USA in Meinungsumfragen bei der Bevölkerung auf die höchste Ablehnung stoßen. Sie selbst sind in Argentinien eine Person, die öffentliche Debatten anstößt. Wie schätzen Sie die Situation der Intellektuellen in den USA ein?

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Intellektuelle Debatten in den USA sind schwierig. Der Raum für Debatten in den Tageszeitungen ist beschränkt und Intellektuelle brauchen Medien, Tageszeitungen oder kleine Zeitschriften. Im Unterschied zu den Zeitungen in Argentinien, Brasilien und Uruguay fragen die wichtigen Tageszeitungen in den USA, die Washington Post und die New York Times, also die Medien, die eine öffentliche Sphäre erzeugen, selten bei Intellektuellen um Gastbeiträge an. Zum Glück existiert heute die Möglichkeit, dass Intellektuelle als angegliederte Blogger zumindest in den Online-Ausgaben dieser Zeitungen publizieren. Auch die Idee eines großen Austausches zwischen Politikern und Intellektuellen ist schwer aufrechtzuerhalten. Obama hat zwar Intellektuelle in sein Team geholt, aber er hat auch viele „Washingtoner“, ohne die er auch gar nicht regieren könnte. Alles in allem habe ich den Eindruck, dass die USAmerikaner politische Fragen vor allem an den Universitäten debattieren. Allerdings werden auch da die Räume für solche Auseinandersetzungen immer weniger. Was denken die Menschen in Argentinien von Barack Obama? In Argentinien haben alle Politiker neuerdings einen Blackberry. Und sie sind jetzt auch auf „Facebook“. Das ist der erste „Obama-Effekt“. Aber es gibt auch andere: Die Menschen in Argentinien verspüren eine große Sympathie für Obama. Ich denke aber, aus den falschen Gründen. Viele Argentinier halten Obama für einen Underdog, der eine Wahl gewonnen hat. Aber Obama ist Anwalt, er hat eine Parteikarriere hinter sich und er hat sich gegen Hillary Clinton durchgesetzt. Doch das wird nicht gesehen. Wie wird sich das Verhältnis von den USA und Lateinamerika künftig gestalten? Die USA haben zurzeit sehr viele Probleme in anderen Weltregionen, Südamerika steht nicht auf ihrer Prioritätenliste. Obama hat seinen Fokus gesetzt: der Nahe Osten, Israel, die moderaten islamischen Länder, Afghanistan. Auch gibt es zurzeit in Lateinamerika kein Problem für die USA: Die Beziehung zu Mexiko ist so weit stabil, das Land ist durch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA ein vitaler Teil der nordamerikanischen Wirtschaft. Hugo Chávez ist aufgrund des gesunkenen Ölpreises gezähmt. Ungelöst sind aber weiterhin die Probleme Afrikas. Ich hoffe, dass Obama dafür aufgrund seines eigenen Familienhintergrunds eine größere Sensibilität hat. Denn die weißen Westler haben den Kontinent dem Niedergang überlassen. Das Interview führte Timo Berger

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Crítica, Argentinien

Beatriz Sarlo über antiamerikanische Ressentiments in Lateinamerika

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Das Ende der Arroganz Wie Obama die Public Diplomacy der Vereinigten Staaten auf den Kopf stellt

von Nancy snow

Foto: Syracuse University New York

Jeden Tag, wenn ich durch die Räume meines Bungalows

Nancy Snow, geboren in Augusta, Georgia, ist Privatdozentin und unterrichtet Public Diplomacy an der Newhouse und Maxwell School der Syracuse University in New York. Sie studierte Deutsche Politik und Geschichte in Berkeley, Regensburg, Bayreuth und Freiburg und promovierte im Fach Internationale Beziehungen an der American University in Washington, D.C. Sie ist Mitglied des Centre on Public Diplomacy der University of Southern California und des Public Diplomacy Council der George Washington University. Sie lebt in New York.

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gehe, werde ich an die Public Diplomacy vergangener Zeiten erinnert, das heißt an die Wege, die US-amerikanische Regierungen im Interesse ihrer Außenpolitik gegangen sind, um mit den Bürgern in anderen Gesellschaften zu kommunizieren und sie für sich zu gewinnen. An meinen Wänden hängen vier Poster des Künstlers Norman Rockwell aus New England. Rockwell hat 1941 die Reihe „Vier Freiheiten“ im Auftrag der US-Regierung illustriert. Inspiriert von der Antrittsrede des neuen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, sind auf den Postern vier Dinge dargestellt: die Freiheit der Rede, die Freiheit der Religion, die Freiheit von Not und die Freiheit von Furcht – erste globale Prinzipien einer universalen Menschenrechtserklärung für die Nachkriegszeit. Doch noch nicht einmal ein Jahr später, am 7. Dezember 1941, sollten die Vereinigten Staaten von Amerika den berüchtigten Angriff auf Pearl Harbour erleben. Die vier Freiheiten Roosevelts inspirieren die Public Diplomacy der Obama Ära. Und eine davon ganz besonders. Bereits bei den Vorwahlen zu den letzten Präsidentschaftswahlen bestimmte die rooseveltsche Freiheit von Furcht den Grundtenor. Während einer Debatte mit Hillary Clinton im Januar 2008 in Kalifornien machte Obama seine Haltung zum Irakkrieg deutlich und erklärte, die Truppen nach Hause holen zu wollen. Weiter sagte er: „Ich möchte nicht nur den Krieg beenden. Ich möchte die Denkweise, die uns den Krieg überhaupt erst beschert hat, beenden.“ Diese Denkweise ist, obwohl zu diesem Zeitpunkt nicht explizit ausgeführt, die Bush-Doktrin mit einem Schwerpunkt auf Präventionskriegen und politischen Alleingängen. Die USA wandten diese Doktrin bei der Irakinvasion an – eine Aktion, die man aufgrund der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen für notwendig hielt. Als jedoch keine derartigen Waffen gefunden wurden, fiel die Rechtfertigungsgrundlage der Invasion in sich zusammen und das amerikanische Volk begann an der Glaubwürdigkeit der Bush-Cheney-Administration zu zweifeln. Obamas Präsidentschaftskandidatur war ein historischer Präzedenzfall und wenig erfolgversprechend. Als Präsidentschaftskandidat brach er mit den Methoden der vergangenen acht Jahre und nutzte sowohl moderne Kom-

munikationsmedien wie Facebook, YouTube und SMS als auch die gute alte Mundpropaganda. Obama sprengte alle Erwartungen und leitete eine neue Ära ein, die schnell als die Obama-Doktrin bekannt wurde und neuen Regeln folgt. Die erste dieser Regeln lautet: Pragmatismus geht vor Ideologie. Obamas Beraterkreis gestaltet seine Public Diplomacy in scharfem Kontrast zu derjenigen Bushs und seines Nachfolgers, John McCain. „Wir sind kein ideologisches Volk. Wir haben gesunden Menschenverstand und sagen ,Was wird funktionieren?‘ und ,Lasst uns versuchen zu verstehen.‘ In seiner Antrittsrede vom 20. Januar 2009 wiederholte Obama diesen Grundgedanken: „An diesem Tag sind wir zusammenkommen, um das Ende von engstirnigen Klagen und falschen Versprechungen zu verkünden, von gegenseitigen Schuldzuweisungen und abgenutzten Dogmen, die viel zu lange unserer Politik die Luft abgeschnitten haben. [...] Wir suchen einen neuen Weg nach vorn, gegründet auf gegenseitigem Interesse und Respekt.“ Diese Worte richteten sich nicht nur an Bush und seine gescheiterte Politik der Spaltung. Vielmehr waren sie Zeichen für ein neues globales Bekenntnis, die beschädigten internationalen Beziehungen zu reparieren. Der neue Pragmatismus schloss die Anstrengung ein, die Hand auszustrecken und Republikaner ins Kabinett zu holen. Die auffälligste Berufung war die Ernennung des republikanischen Gouverneurs von Utah, Jon Huntsman, zum amerikanischen Botschafter in China. Im Mai 2009 änderte Obama seine Position zu Fotos von Gefangenen im Irak und in Afghanistan, die von amerikanischen Soldaten misshandelt wurden. Eigentlich hatte er versprochen, die Aufnahmen im Sinne des Freedom of Information Act der American Civil Liberties Union zu veröffentlichen. Auf Anraten seiner Militärberater zog er dieses Versprechen jedoch wieder zurück. Zu groß war die Gefahr, dass die Fotos für Propagandakampagnen militanter Extremisten genutzt werden könnten. Obamas liberale Basis enttäuschte diese Entscheidung, die wiederum deutlich zeigt, wie sehr der Präsident von politischem Pragmatismus geleitet wird. Eine Eigenschaft, die ihn die Wahl überhaupt erst gewinnen ließ. Eine weitere Regel der Obama-Doktrin ist: Dialog vor schneller Aktion. Der Präsidentschaftskandidat Obama wurde für sein Versprechen, mit den Feinden der USA zu reden, ohne Bedingungen zu stellen, häufig verspottet. Nicht nur die konservativen Republikaner verurteilten diesen Plan. Auch Obamas Gegnerin aus den eigenen Reihen, die jetzige Außenministerin Hillary Clinton, hielt sein Vorhaben für gefährlich und falsch. Obama antwortete

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DEr Redneck Der amerikanische Redneck, auch bekannt als Country Boy, Good Ol’ Boy oder Bauerntölpel, gedeiht in den unendlichen Weiten zwischen Ost- und Westküste. Er ist ein einfacher Mann und stolz darauf. Das könnte man als einnehmende Eigenschaft gelten lassen, wäre da nicht jene Schlichtheit des Gemüts, die es möglich machte, dass George W. Bush nicht nur einmal, sondern zweimal gewählt wurde. Der Redneck glaubt wie der Gangsta, wenngleich auch dessen Erzrivale, an die Männlichkeit als höchste Tugend. Alle Klischees vom Redneck treffen zu: Er liebt Pick-up Trucks, Countrymusic und Schusswaffen. Er hasst Abtreibungen, Homosexuelle und Bücher. Nur wenige Rednecks sind tatsächlich von Hass erfüllte Kleingeister. Viele sind höflich und wohlmeinend. Manche aber sind die unheimlichsten Amerikaner überhaupt, und doch absolut überzeugt von ihrer eigenen Tugendhaftigkeit.

„Persuader-in-Chief: Global Opinion and Public Diplomacy in the Age of Obama“ (Nimble Books, Ann Arbor, 2009). „Routledge Handbook of Public Diplomacy“ (zusammen mit Philip M. Taylor, Routledge, New York, 2008). „The Arrogance of American Power: What U.S. Leaders are Doing Wrong and Why it’s our Duty to Dissent“ (Rowman & Little-field, Lanham, 2006).

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auf diesen Angriff, indem er deutlich machte, mit dem alten Führungsstil brechen zu wollen: „Ich glaube, Senatorin Clinton und ich haben unterschiedliche Meinungen über Treffen mit unseren Gegenspielern. Ich denke, starke Länder mit starken Präsidenten treffen ihre Gegner und sprechen mit ihnen. Wir sollten uns davor nicht fürchten. Und wir sollten sowohl in Debatten um den zukünftigen Präsidenten als auch als Präsident dem amerikanischen Volk sagen, wie unsere Außenpolitik aussieht und was wir tun werden. [...] Und ich glaube daran, dass wir eine fundamentale Veränderung brauchen, um uns aus dem tiefen Loch, in das George Bush uns katapultiert hat, herauszuholen. Und genau dafür brauchen wir diese Art von „Wir sind kein ideologisches Volk. Wir aggressiver Diplomatie. [...] Nur haben gesunden Menschenverstand und fragen: dadurch werden wir letztendlich ‚Was wird funktionieren?‘“ sicherer leben. Wir haben den anderen Weg ausprobiert. Er hat nicht funktioniert.“ ne Angst die Macht der USA nutzt, dabei jedoch durch Die Außenpolitik des Präsidenten bestimmt die Pu- praktische Grenzen sowie eine Dosis Selbsterkenntnis geblic Diplomacy der neuen Regierung. Und das, obwohl bremst wird.“ Obamas Ernennung von Richard Holbrooke, die Methode, den Präsidenten als Chefdiplomaten ein- George Mitchell und Hillary Clinton, dreier Urgesteine zusetzen, unter George Bush scheiterte. Obama verleiht amerikanischer Außenpolitik, zeigt, welches Gewicht er der amerikanischen Diplomatie seine persönliche Note, auf die auswärtigen Beziehungen legt. Allerdings setzt er indem er unter anderem sein erstes Interview als Präsident den Schwerpunkt auf Zusammenarbeit mit Verbündeten dem arabischen Fernsehsender al-Arabiya gibt, persische und Partnern sowie auf die Wiederherstellung von AlliNeujahrsgrüße direkt an das iranische Volk sendet und anzen, die während der angespannten Jahre der Bushin Ankara türkische Studenten trifft. Das amerikanische Doktrin in die Brüche gegangen sind. Seine neueste GehilVolk reagiert auf diesen internationalen Präsidenten mit fin Judith McHale, Ministerin für Public Diplomacy und sehr großer Zustimmung – und das in einer Zeit, in der Public Affairs, will „weniger vorgeben und mehr zuhören“. McHale kommt eigentlich aus der Privatwirtschaft. Sie die nationale und weltweite Wirtschaft erschüttert ist. Dritte Regel der Obama-Doktrin: das Ende der Ar- war Chefin des Senders Discovery Communications und roganz amerikanischer Macht. Präsident Obama ist arbeitete zuvor als Chefberaterin des jugendorientierten es gelungen, die Unstimmigkeiten in den internatio- Musiksenders MTV. Wie der neue medienaffine Präsident nalen Beziehungen mit einer ausbalancierten Rhetorik zu hält auch McHale die neuen Kommunikationstechnologien besänftigen. Diese Rhetorik signalisiert Demut gegenü- für einen entscheidenden Wendepunkt in dem Bemühen ber der alten Arroganz der Vereinigten Staaten, die durch um bessere interkulturelle und internationale Kommunidie Vorstellung, die Gegenspieler der USA müssten sich kation. ändern, angeheizt wurde. Im April 2009 betonte ObaAus dem Englischen von Nina Wendrich ma in Straßburg: „In den USA schafft man es nicht, die

Text „Der Redneck“: Joey Goebel, Übersetzung: Andreas Bredenfeld

Veröffentlichungen von Nancy Snow:

Führungsrolle Europas in der Welt zu begrüßen. Statt die aufsteigende Union zu feiern und nach einer Partnerschaft mit ihr zu streben, um gemeinsam Herausforderungen entgegenzutreten, gab es Zeiten, in denen Amerika Arro­ganz gezeigt hat und herablassend, ja sogar spöttisch reagierte.“ Er fügte hinzu: „Genauso gibt es in Europa jedoch auch einen Antiamerikanismus, der häufig beiläufig ist, aber ebenso heimtückisch sein kann. Statt das Gute, das Amerika so oft in der Welt tut, anzuerkennen, gab es Zeiten, in denen die Europäer Amerika für alles Schlechte die Schuld gaben.“ Das stereotype USA-Bild thematisiert er ein weiteres Mal gegenüber einer Gruppe von Studenten in Ankara am 9. April 2009: „Ich weiß, dass es Stereotype von Amerika gibt. Und ich weiß, dass viele von ihnen nicht über direkten Austausch und Dialog entstanden sind, sondern auf Fernsehserien, Filmen und Fehlinformationen basieren. Diese Dinge suggerieren oftmals, dass Amerika egoistisch und grob geworden ist oder dass der Rest der Welt uns egal ist. Ich bin hier, um euch zu sagen, dass das nicht das Land ist, das ich kenne und liebe.“ Ein begrenzter Machtansatz in der US-Außenpolitik ist das letzte große Prinzip Obamas. Politische Beobachter wie E. J. Dionne von der Washington Post halten seine neue Außenpolitik für „eine Form von Realismus, der oh-

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Ein Mรถnch zieht sich zu seiner Initiationsfeier an. Shasta Abbey, Mount Shasta, Kalifornien

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Politik

„Das neue Amerika gibt es nicht“

Irene Dische, geboren 1952 in New York als Tochter deutschjüdischer Emigranten, lebt seit knapp 30 Jahren als Schriftstellerin in Berlin und in den USA. Neben Romanen und Erzählungen schreibt sie Reportagen wie für DIE ZEIT über den Parteitag der Republikaner 2004 und ihre Erlebnisse als Wahlkampfhelferin für Obama 2008.

Die Heldin Ihres neuen Buchs „Clarissas empfindsame Reise“ tourt während des Wahlfrühlings 2008 von Liebeskummer getrieben durch die USA und projiziert ihre Träume auf Obama. Geht das derzeit noch vielen Amerikanern so? Das glaube ich nicht. Es sind die Europäer, die sich Obama als Projektionsf läche vorstellen. Aber das entspricht nicht meiner Erfahrung. Ich war als Wahlhelferin für Obama im Süden der Staaten, wo ich mich nicht auskannte. Das war für mich wie Afrika. Ich musste Sprache und Sitten neu lernen. Erst einmal sagt man dort nicht „hello“, man sagt „God bless you“. Anstatt „good bye“ sagt man „Jesus loves you“. Ich bin in New York aufgewachsen und habe mich immer in europäisch angehauchten Metropolen und unter gebildeten Leuten aufgehalten. Ich bin nie mit solchen Menschen zusammen gewesen: weiß, arm, ungebildet. Christlich mit Südstaatenakzent. Wie haben Sie Politik dort erlebt? Ich hatte jedes Vorurteil über diesen White Trash. Nach einiger Zeit habe ich aber zu meinem Schrecken festgestellt, dass diese Leute mehr über die politische Situation und das, was sie eigentlich wollen, nachgedacht haben als ich. Diese Leute haben die Reden von Obama im Internet gelesen und haben sich dann überlegt: Den wähle ich. Das war ein viel größerer Denkprozess als in New York. Weil sich die Leute im Süden mehr von Obama erhofften? Nein, sie erhofften sich nicht mehr. Ihre Situation hatte sich einfach dadurch, dass sie George W. Bush vertraut hatten, verschlimmert. Ihr Vertrauen war dahin. Und der republikanische Kandidat John McCain war für sie sozusagen Bush – nur älter. Und da haben sie gesagt: Nein!

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Sie sahen in Obama also keinen Messias? Nein. Ich war für den SPIEGEL im August 2008 auf der Versammlung der Demokraten in Denver, Colorado. Das politische Ressort hatte auch ein paar Mitarbeiter dorthin geschickt. Unsere Berichte haben sich total widersprochen und ich bekam ein Ausfallhonorar. Was das politische Ressort geschrieben hatte, sagte mir dann auch hinterher jeder Deutsche: Obama ist der Messias, die dumme blinde Hoffnung. Im Gebäude, wo sich die ganzen Ausschüsse trafen, war alles ganz anders als in der Haupthalle. Im Bauernausschuss etwa sahen die Leute einfach, dass Obama die Bereitschaft besaß, ihnen zuzuhören. Er war für sie nicht der Messias. Da spielten eher praktische Dinge eine Rolle. Sie haben Obama als jemanden gesehen, der ihnen von Nutzen sein kann. Gibt es das „neue Amerika“, von dem so viele reden, also gar nicht? Nein. Aber trotzdem haben riesige Veränderungen stattgefunden. Welche konkreten Veränderungen beobachten Sie? Ein Beispiel: Als Wahlkampfhelferin wurde ich auch in die schwarzen Gegenden geschickt. Da waren wir immer zu zweit, weil es wirklich ein hartes Pflaster war. Dort traf ich unter anderem auf eine sehr konservative Lehrerin. Sie war vielleicht 35 Jahre alt und hatte immer Bush gewählt. Ihrer Aussage nach hatte sie durch großes Glück die schlechteste Grundschule in einer schlechten Stadt erwischt: Orlando. Dort sind alle Eltern drogenabhängig und schon Siebenjährige hantieren mit Schusswaffen. Zwei Jahre vor der Wahl ist dann ihr Auge auf Obama gefallen. Sie sagte sich: Wenn so jemand im Amt wäre, würde das „meinen“ Kindern gut tun. Und dann fing diese Republikanerin an, für Obama zu arbeiten. Später erzählte sie mir, dass die schwarzen Jugendlichen aus den Prob­ lemvierteln zwei Wochen nach der Wahl alle in kleinen Anzügen herumliefen. Obama hat ihnen eine Perspektive gegeben. Plötzlich hatten sie jemanden, mit dem sie sich identifizieren konnten. Viele Schwarze haben sich anders gefühlt. Und ich denke, auch viele Weiße. Glauben Sie, Obama wird das Bild, welches das Ausland von den USA hat, nachhaltig verändern können? Ich hoffe doch. Weil Obama ein Schwarzer ist, kann man jetzt nicht mehr so schnell sagen: „Ach, das rassistische Amerika.“ Amerika zu hassen ist ein klein bisschen schwieriger geworden.

Foto: Dominique Nabokov

Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Irene Dische über das Versagen der Intellektuellen und den Mythos der Meinungsfreiheit

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War der Sieg von Obama auch ein Zeichen dafür, dass die Einwanderer in den USA einen größeren Einfluss haben? Ich halte das für Quatsch. Es ist altbekannt, dass Immigranten meistens konservativ wählen, nicht liberal. Ich habe das auch an meinen Großeltern gesehen. Im Großen und Ganzen sind die Einwanderer eine sehr konservative Gemeinschaft. Welche Rolle spielen heute die Intellektuellen in den USA? Die Intellektuellen in Amerika sind eigentlich diejenigen, die versagt haben, und diejenigen, die ich verantwortlich mache für das, was unter Bush passiert ist. Ich erinnere mich, dass der Journalist und Schriftsteller Ian Buruma nach dem 11. September eine Rede gehalten hat, dass in den Irak einmarschiert werden soll, weil es dann in puncto Freiheit einen Dominoeffekt in den arabischen Ländern geben würde. Ian Buruma und ich waren einmal richtig befreundet. Ich ging zu ihm und sagte: „Glaubst du inzwischen an die gute Fee und andere Märchen? Was erzählst du denn da?“ Ich verstehe ja nichts von Politik, aber es war leicht zu verstehen, dass Buruma da träumt. Sie vermissten unter Intellektuellen den kritischen Geist? Die Intellektuellen waren einfach patriotisch. Mein Freund Art Spiegelman beispielsweise konnte seine kritischen Cartoons zu Bush nicht mehr im New Yorker veröffentlichen. Der Chefredakteur David Remnik hat zu Spiegelman gesagt: „Jetzt ist nicht die Zeit, unseren Präsidenten zu kritisieren.“ Zwei Jahre später hat er aber selbst dauernd gegen Bush geschrieben. Das sind Opportunisten. Herrscht jetzt mit dem neuen Präsidenten Obama eine Aufbruchstimmung unter den Intellektuellen? Sagen wir so: Unsere Intellektuellen sind anpassungsfähig. Es ist nicht wie in Deutschland, wo man das Gefühl hat, dass eine offene Diskussion stattfindet. Ich habe eine simple Theorie: Die Intellektuellen in Amerika sind verängstigt, ehrgeizig und unkollegial. Der Normalmensch dagegen ist unglaublich großzügig, neugierig und aufgeschlossen. In Deutschland ist es umgekehrt: Die Intellektuellen sind aufgeschlossen, neugierig und großzügig. Die Leute auf der Straße aber sind ängstlich und konzentrieren sich auf ihre Jobs. Obwohl Sie seit über 30 Jahren in Deutschland leben, betrachten Sie die USA als Ihre Heimat. Lieben Sie Ihr Land? Ich weiß eigentlich nicht, wie das gehen soll. Erst einmal ist es so ein Riesenland. Die Leute dort sind sich ihrer Herkunft sehr bewusst. Die Italiener beispielsweise sind patriotisch, wenn es um italienische Dinge geht. Jeder hat Kulturaustausch 111/09

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„Wir werden dieses Land verändern und

die Welt.”

2008) (Während des Wahlkampfs im April

seine Wurzeln woanders. Da ist Patriotismus schwer. Nach dem 11. September habe ich von Hippokrates, dem ersten Arzt, der Prosa über Krankheiten geschrieben hat, seine wunderschöne Sprache abgeguckt und in einer Erzählung über den Patriotismus geschrieben: „Vaterlandsliebe – eine Krankheit, vier Verläufe – nach Auszügen aus den hippokratischen Epidemien“. Da gibt es vier Fälle von richtig argem Patriotismus und es wird beschrieben, wie sich die Menschen von ihm erholen. Die Sache mit dem Irakkrieg war für mich so eine sehr unangenehme Art von Patriotismus oder Nationalismus. Das klingt so, als ob Sie Patriotismus grundsätzlich ablehnen. Patriotismus ist zweifellos ein Fluchtort. Das finde ich wiederum vollkommen legitim. Ich selbst würde meinen US-amerikanischen Pass auch nie aufgeben. In dieser Hinsicht bin ich selbst patriotisch. Welche Idee hält die USA heute zusammen? Die Amerikaner kultivieren einen Mythos, das ist die Meinungsfreiheit. Aber die gibt es ja bei uns schon lange nicht mehr. Man kann in den USA nichts schreiben, was anstößig ist. Daran hat auch der neue Präsident Obama nichts geändert.

Veröffentlichungen von Irene Dische:

„Ein fremdes Gefühl oder Veränderungen über einen Deutschen“ (Berlin Verlag, Berlin, 1993). „Großmama packt aus“ (Hoffmann und Campe, Hamburg, 2005). „Lieben. Erzählungen“ (Hoffmann und Campe, Hamburg, 2006). „Fromme Lügen. Sieben Erzählungen“ (Hoffmann und Campe, Hamburg, 2007). „Clarissas empfindsame Reise“ (Hoffmann und Campe, Hamburg, 2009).

Gilt das für alle Medien? Das Fernsehen ist okay, viel besser als in Deutschland. Die ganze Opposition zu Bush fand dort statt. Die Literatur ist erbärmlich. Dort will man immer alles keimfrei machen, weil in den USA niemand mehr Bücher kauft. Die Verlage sind abhängig davon, dass Bücher von Bibliotheken erworben werden. Und die Bibliotheken kaufen nichts, was anrüchig ist. In meinem Roman „Großmama packt aus“, der sich in Deutschland 700.000 Mal verkauft hat, enthält der erste Satz im Deutschen das Wort „Spermiendichte“. Da haben sie mir in den USA gesagt: Das geht nicht im ersten Satz. Da würden die Bibliothekare das Buch nicht kaufen. Das ist ärgerlich und ein bisschen absurd. Das Interview führten Carmen Eller und Rosa Gosch

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48.000 Menschen versammeln sich zum j채hrlich Ende August stattfindenden Burning Man-Kunstfestival in Black Rock Desert, Nevada

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In Europa

Forum

Das Mittelmeer: ein Friedhof Vor europäischen Urlaubs­ küsten sterben massenhaft Migranten Es ist etwas passiert Junges Theater aus der Republik Moldau

Magazin Hochschule

Programme

Bücher

Wie verändert Google die Welt? Henry Porter und Andrew Keen kommentieren

E-Mails aus Pakistan Was ein Professor als „Gast­ arbeiter“ an einer Universität in der Wüste erlebte

„Wir wollen Fragen stellen“ Der südafrikanische Filme­ macher Don Edkins bringt Filme unters Volk

Zeitenwende Jos de Mul beschreibt unser zukünftiges Zeitempfinden

„Außer Marxismus geht alles“ Daniel A. Bell ist der erste westliche Professor für Poli­ tische Philosophie in China

Lauter erste Geigen Eine aserbaidschanische Violinistin erzählt vom Kultur­ austausch im Konzertsaal

Stratege und Schwerenöter Peter Burghardt über die Biografie des lateinameri­ kanischen Befreiers Simón Bolívar Üben, üben, üben Tanja Dückers rezensiert Peter Sloterdijks Buch „Du musst dein Leben ändern“

Taxifahrer: Regelmäßig erzählten sie während der Fahrt Marie und Julius mit Händen Wer eine Weltreise unternimmt, ist mit Einheimischen schnell auf Tuchfühlung. und Füßen Geschichten, versuchten sich in Fernab der Heimat gibt es nicht nur andere Sprachen und Lebensstile. Auch mit kleinen Zauberkunststücken, schenkten ihKindern geht man überall anders um nen Süßigkeiten oder hielten eigens irgendwo an, um ihnen eine Kleinigkeit zu kaufen. In Amman lag ein aus Bagdad geflohener ArchiVon Christoph Schreiner tekt, der aus Angst vor Verfolgung nachts nur mit der Pistole unterm Kopfkissen schlief, stundenlang auf dem Sofa in der Hotellobby und schaute sich ComicFünf und drei waren Marie und Julius, als wir im Sommer 2008 zu unserer Weltreise aufbrachen. Auf uns warteten Länder wie Usbekistan, filme mit ihnen an. In Aqaba spielten die Bediensteten in unserem Vietnam, Australien und Iran. Wir starteten ohne große Sorgen, aber kleinen Strandhotel mit den Kindern Fußball und im südomanischen mit „Hundemarken“ für die Kinder, auf denen Telefonnummern und Fischerdorf Sadah brachten Fischer ihnen das Meer und seine LebeAdressen verzeichnet waren – falls sie uns irgendwo verloren gingen. wesen nahe. In Omans Weihrauchstadt Salalah kaufte ihnen ein betBenutzt haben wir sie nie. Eine von Tropenmedizinern bestückte Rei- telarmer Inder, den wir ein Stück im Auto mitgenommen hatten, eine seapotheke war auch im Gepäck. Tüte Popcorn. Und eines Abends saß dort ein Muscheltaucher neben Unsere Kinder sortierten Länder nach Tieren: Kängurus gab es in uns am Strand und wich tagelang nicht mehr von uns – wegen Marie Australien, Löwen und Elefanten in Namibia, Esel in Syrien und Jorda- und Julius. In der iranischen Wüstenstadt Yazd spielte ein im Hotel jobbennien und Moskitos fast überall. Oder sie maßen Länder daran, ob es in der Student tagelang fast ohne Worte mit ihnen. ihnen ein Meer gab oder eine Wüste. Darum gruppierten sie dann ihre Wo auch immer man sich den Kindern widmete, tat man es nie aus Eindrücke: Marie interessierte sich für traditionelle Kleider, Julius Gefälligkeit, war es nie Mittel zum Zweck. Wenn Marie oder Julius begeisterte sich für Autos oder Spielzeug. Fremden ihre Fundsachen zeigen wollten – Strandgut wie Muscheln, Ich fragte mich oft, wie unsere Kinder das Unterwegssein erlebten Plastikärmchen von Puppen, Blätter, Stöcke und Sandrationen, die sie und ob sie mit jedem neuen Land das Geschehene vergaßen. Vieles auf Spaziergängen gesammelt hatten, taten sie es in einem arabischen verschwindet, wo immer Neues sich vordrängt. Mehr als wir knüpften Land. In Südostasien versuchten sie es gar nicht erst. Die Aufmerksamkeit konnte aber auch lästig sein, wenn die MenMarie und Julius Erinnerungen an Personen. Ein Land war ihnen auf dieser Reise umso präsenter, je näher wir einzelnen Menschen kamen. schen die Kinder nur als Mini-Exoten aus Europa im Visier hatten. Unsere anfängliche Angst, die Kinder nicht ein Jahr lang beschäftigen Vor allem in Iran, wo uns in einem Monat deutlich weniger Touristen und bei Laune halten zu können, erwies sich als unbegründet. Überall als anderswo begegneten und schon gar keine mit kleinen Kindern, spielten sie mit dem, was sie fanden. waren Marie und Julius häufig nur Attraktionen. Wenn ich in Damaskus, Teheran oder Vientiane auf einem Spielplatz Ihr blondes Haar wurde ihnen zum Verhängnis: Unentwegt wollte saß und den Kindern beim Schaukeln zusah, dachte ich manchmal: man sie anschauen, ablichten, anfassen. Manchmal fühlten wir uns in Zeige mir die Spielplätze eines Landes und ich sage dir, was ihm seine solchen schaulustigen Szenen wie ihre Bodyguards. Während Julius den Rummel um ihn halbwegs genoss und für jedes Foto ein routiKinder bedeuten. Fast überall – ob in Usbekistan, Namibia, Iran, Syrien, Jordanien, niertes Lächeln auflegte, reagierte Marie allergisch und ging bald nur Oman, Laos oder Vietnam – gaben diese Gerüstansammlungen ein noch mit Kopftuch auf die Straße. Vergeblich hielt sie Ausschau nach armseliges Bild ab. Selten gab es mehr als drei Spielgeräte, dazu oft dunklen Kinderperücken. defekt, verdreckt und selbst in den Hauptstädten so dünn gesät, dass man für jede Schaukel dankbar sein musste. Nirgends ging man herzlicher mit den Kindern um als im arabischen 01 In Namibia mit dem Hotelangestellten Thomas Raum. Vor allem die Männer. In Shiraz, Salalah oder Aqaba genauso 02 Einkaufstour auf dem Eselsrücken – Marie und Julius wie in Ramsar, Muskat oder in Amman. Zum Beispiel die arabischen erkunden einen Souk im syrischen Aleppo

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Fotos: Christoph Schreiner

Die Welt als Spielplatz

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In Syrien und Jordanien, wo man es schneller respektierte, wenn sie sich gegen ein Foto oder eine Berührung wehrte, schrie dieses schüchterne Mädchen auf einmal Leute an, die ihr zu nahe kamen. Mit der Zeit tat sie es schon vorsorglich und lernte schnell, was „Ich will das nicht“ auf Farsi und Arabisch heißt. Erst als wir in Südostasien eintrafen, fühlten sich die Kinder wieder unbehelligt. Von jenem in Laos typischen Übergriff abgesehen, wo man sich im Zweifelsfall durch einen Griff zwischen die Beine zu versichern suchte, ob ein Kind Junge oder Mädchen war – wie auch bei Julius mit seinen langen

Haaren. War man darüber empört, wurde man nur voller Unverständnis angelächelt. Konnte im Jordantal unser Auftauchen ein Dorf kurzzeitig in Ausnahmezustand versetzen und ließ sich in Aleppo oder Damaskus kein Souk durchqueren, ohne dass unsere Kinder umgarnt und beschenkt wurden, so begegnete man ihnen in Südostasien verhalten, ja gleichmütig. In Hanoi nahm man kaum Notiz von ihnen, genauso wenig wie im Norden Vietnams oder in Laos. Mit einem Lächeln wurden die Kinder dort wohl hin und wieder bedacht. Man kümmerte sich aber nicht weiter um sie. Bis auf einen Mönch in Laos, der in einem 01 Tempel lange mit Marie über seinen Glauben sprach. Der Mönch behandelte sie als Person. Was nachhaltigen Eindruck auf sie machte. Zu einer eindrücklichen Begegnung kam es in Vietnam. In Hanois „Morning Star Kindergarten“ trafen unsere Kinder auf Sky, eine Waise, die aus einem der Bergvölker im Nordwesten Vietnams stammte. Hätte sie nicht Pflegeeltern, die von den USA aus ihre von immer neuen bürokratischen Hürden verhinderte Adoption vorantrieben und sowohl Kindergartenplatz als auch eine Betreuerin bezahlten, wäre Sky in ein Kinderheim gesteckt worden. In Südostasien wirkt es häufig so, als würden die Kinder einfach mitlaufen als Schatten der Eltern. In Laos sitzen

In Südostasien wirkte es häufig so, als würden die Kinder einfach mitlaufen als Schatten ihrer Eltern

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sie über Stunden hinweg stumpfsinnig neben ihren Vätern oder Müttern. Kollektive Regungslosigkeit: Niemand spielt mit den Kindern, niemand erzählt ihnen etwas oder liest ihnen vor. Die Menschen in Überlandbussen wirken zu erschöpft von der Mühsal ihrer arbeitsreichen Tage, um diese Ruhepause anders zu nutzen, als zu schlafen oder ihren Gedanken nachzuhängen. Ganz anders in Afrika. In Namibia bastelte ein Hotelangestellter unseren Kindern eine Blechblume und führte sie in die Kunst des Besenkehrens ein. Es war dasselbe Hotel, in dem Marie und Julius eines Abends einen Verkaufsladen aufbauten – bestückt mit Zeichnungen, Fundstücken und Basteleien. Niemand aus den Reihen einer soeben eingetroffenen Studiosus-Reisegruppe kaufte ihnen etwas ab. Man schien eher pikiert. Das afrikanische Hotelpersonal hingegen fand Vergnügen an ihrem Bauchladen, bewunderte die Auslagen ausgiebig und kaufte reihum. In Otjikondo, im tiefsten Namibia, wurden wir dank der Engländerin Gillian drei Tage auf dem Gelände einer Missionsschule aufgenommen. Mit ihrem Mann Rainer Stommel, der in den 1950er-Jahren als Missionar aus Deutschland nach Namibia kam, sich in Gillian verliebte und sie heiratete, leitet die Engländerin seit gut 15 Jahren die Einrichtung.

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dort abends für die Kinder. Mit solcher Hingabe, dass es einen schauerte. Den Refrain, in dem ihre Namen vorkamen, singen die Kinder noch heute. Christoph Schreiner, geboren 1964, arbeitet als Kulturredakteur bei der Saarbrücker Zeitung. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ist er seit August 2008 auf Weltreise. Im Juli 2009 wird die Familie nach Deutschland zurückkehren.

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Fotos: Christoph Schreiner

Als wir ankamen, drang aus den kreisförmig angelegten Klassensälen kaum ein Laut nach außen. Auch im Speisesaal, wo die Kinder jeden Abend einen Plastikteller voll Maisbrei leerten, taten sie dies wortlos. Erst nach dem Dankgebet ließen sie draußen ihrem Temperament freien Lauf. Es sind Kinder aus allen Schichten und Ethnien, die in Otjikondo sieben gemeinsame Jahre verbringen und dadurch gute Aussichten haben, in diesem Land nicht unterzugehen. Unsere Kinder halfen im Schulgarten mit, gruben Erde um und sahen, wie die Kinder hier unter der gnadenlosen namibischen Sonne ihr Gemüse anbauten. Das beeindruckte sie tief. Genauso wie ein 80 Kilometer südlich von Otjikondo von den Stommels mitten in einen Slum hineingebauter Kindergarten in Khorixas. Dort gibt man 25 Kindern eine Perspektive. An einem Ort, an dem schon morgens selbst gebrautes Maisbier die Runde macht und viele Menschen fast nichts zu essen haben. Wo es unendlich viel Zeit gibt, aber keine Hoffnung. Nachdem wir durch diesen Wellblechhüttenslum, in dem kein Baum wuchs, gefahren waren, spielten unsere Kinder ein paar Tage lang, sie seien arme Waisenkinder und müssten ihr Geld selbst verdienen. In Sydney sagte unsere Tochter zum ersten Mal seit acht Monaten: „Hier ist es wie zu Hause.“ Die Menschen hatten auf einmal wieder dieselbe Hautfarbe, die Bürgersteige waren blitzblank und die mit Rasen bestandenen Vorgärten akkurat geschnitten. Zugleich war all das verschwunden, was unser Leben in der Fremde bisher geprägt hatte: 03 Marie mit usbedas Gewusel, Gehupe, Geschiebe, kischen Mädchen die Straßen mit ihren überquellen in Samarkand den Läden, das synästhetische Aroma der Fremde: Geruchsmischungen aus 04 Taxi in Teheran Parfum, Gewürzen, Blüten, Müll und Zweitaktergemischen; sich permanent überlagernde Geräuschkulissen aus Karaokeklängen, Motorengeheul und Stimmengewirr. Weg war das pulsierende Leben Arabiens und Asiens, das kein Klischee, sondern eine Grundkonstante in der Wahrnehmung dieser Kulturräume ist – auch unsere Kinder erlebten dies so. Eines aber war überall gleich: Ganz selbstverständlich gehörten Kinder dazu, überall waren Marie und Julius willkommen. Wenn man aus Deutschland kommt, wo Kinder oft genug Störfaktoren sind, lernt man das zu schätzen. Den tiefsten Nachhall aber hatte bis heute ein Abend ganz zu Anfang unserer Reise. In der usbekischen Stadt Samarkand wohnten wir in einer kleinen Pension mit Innenhof, bewachsen wie ein kleiner Garten Eden. Zwei Pakistani, die mit uns dort logierten, sangen und trommelten

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„Islamische Lebensführung“ Fast jeder in der Türkei kennt die Bewegung um den islamischen Prediger Fethullah Gülen – in Deutschland ist sie nahezu unbekannt. Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Bekim Agai

Bekim Agai, geboren 1974 in Essen, arbeitet seit 2003 als wissenschaftlicher Assistent am Orientalischen Seminar der Universität Bonn. Er hat über die Gülen-Bewegung promoviert.

Die Anhänger Fethullah Gülens bilden eine einflussreiche Gruppe in der türkischen Gesellschaft. Was ist unter dieser Bewegung genau zu verstehen? Gülen-Bewegung, das ist ein sehr weiter Begriff. Zum einen sind das die Leute, die Fethullah Gülen als islamischen Prediger und Ideengeber verehren. Gülen wirbt für ein friedliches Miteinander der Religionen. Er steht für einen Islam, der sich mit der Moderne vereinbaren lässt. Wichtigstes Ziel seiner Anhänger ist es, bessere Bildungsmöglichkeiten zu schaffen. Dann gibt es aber auch Leute, die sich nicht eingehender mit Gülens Lehren beschäftigen, aber die Bewegung und ihre Projekte interessant finden.

Foto: Privat

Was für Projekte sind das? Die Gülen-Bewegung gründet Schulen und Universitäten, hat eigene Medien, etwa Zaman, die größte Tageszeitung der Türkei, und engagiert sich stark im interreligiösen Dialog. Wie viele Gülen-Anhänger gibt es in der Türkei und woher kommt das Geld für die Projekte? Es gibt keine formelle Mitgliedschaft. Entsprechend kann man keine genauen Zahlen nennen. Manche verbringen ihr gesamtes religöses Leben mit anderen Anhängern der Bewegung, andere gehen einfach zweimal die Woche als Nachhilfelehrer an ein Institut, das Gülens Ideen nahesteht. Privatleute unterstützen die Bewegung in großem Umfang. Kulturaustausch 111/09

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Es gibt keine genauen Mitgliederzahlen? Das wirkt nicht besonders transparent. In der Türkei hat man gelernt, dass eine zentrale Organisationsform in politisch unsicheren Zeiten nicht das geeignete Modell ist. Das heißt zum Beispiel: Die Gülen-Schulen versuchen, autonom und dezentral organisiert zu sein und damit ihre Handlungen selbst zu verantworten. Kritiker unterstellen der Bewegung, sie verfolge eine „geheime Agenda“. Was ist damit gemeint? Manche der extremsten Kritiker mutmaßen, was die Bewegung nach außen hin vertrete, spiegele nicht ihre wahre Intention wider. Und die bestünde darin, die säkulare Ordnung in der Türkei zu stürzen und das Land zu islamisieren. Meiner Ansicht nach geht dies absolut am Staatsverständnis der Bewegung vorbei. Wie sieht Fethullah Gülen das Verhältnis zwischen staatlichen Gesetzen und islamischen Prinzipien? Gülen geht davon aus, dass das staatliche Recht überall einzuhalten ist, weil die Einhaltung der staatlichen Ordnung die Aufgabe eines Muslims ist und alles andere dem Islam mehr schaden als nutzen würde. Die GülenBewegung ist weltweit aktiv und auch in anderen Ländern gilt dieses Prinzip: Staatsrecht ist immer einzuhalten. Welchen Stellenwert hat die Scharia in der GülenBewegung? Scharia ist ja nicht allein das Strafrecht, sondern bedeutet ganz allgemein islamische Lebensführung und ist ein zentraler islamischer Begriff. Gülen sagt, dass die Scharia primär das Verhältnis von Mensch zu Gott berührt und sie so umfassend ist, dass einzelne Aspekte gegeneinander abgewogen werden sollten. Auch wenn Gülen zum Beispiel das Tragen des Kopftuchs als islamische Pflicht ansieht, riet er Studentinnen in der Türkei,

die zwischen Exmatrikulation oder dem Kopftuch wählen mussten, dass die islamische Pflicht des Wissenserwerbs höher einzustufen sei. Die Diskussion um rechtsrelevante Teile der Scharia umgeht er, indem er auf den Vorrang des staatlichen Rechts verweist. Gülen gilt als äußerst charismatisch und wird als spiritueller Führer verehrt. Verhindert das eine kritische Auseinandersetzung? Ich denke, dass es bei einzelnen Themen abweichende Meinungen der Anhänger gibt, diese aber nicht öffentlich diskutiert werden. Eine direkte Zurückweisung von Gülens Ideen gibt es sicher nicht, denn das würde als Angriff gegen seine Person verstanden werden. Hierfür ist in der Bewegung kein Platz. Wie wird die Rolle der Frau in der Gülen-Bewegung gesehen? Gülen schreibt auf seiner Homepage, die Frau könne „in öffentlichen Ämtern nicht das gleiche Engagement wie der Mann an den Tag legen“. Gülen hat ein konservatives Frauenbild, das von Geschlechterkomplementarität ausgeht. Er findet: Manche Aufgaben bewältigen Männer besser, andere Frauen. Damit ist er bestimmten katholischen Positionen nicht fern. Die Gülen-Bewegung ist sicher nicht feministisch. Gleichzeitig muss man sehen, dass viele Frauen in der Bewegung Milieus entstammen, in denen bis vor Kurzem höhere Bildung für Frauen nicht selbstverständlich war. Ich nehme an, dass es einen Wandel durch Bildung geben wird. Die Frauen sind heute lokal sehr viel aktiver als noch vor zehn Jahren, doch insgesamt nach außen wenig sichtbar. Bessere Bildung gilt einerseits als zentrales Ziel der Bewegung. Andererseits schreibt Gülen, er glaube nicht an Darwins Evolutionstheorie. Gülen steht der Evolutionstheorie skeptisch bis ablehnend gegenüber. Darwins Evolutionstheorie ist in Westeu­ropa ein Marker für die Moderne geworden. Die Öffentlichkeit wird hier sicher eine klare Posititionierung einfordern, vor allem wenn die Bewegung künftig noch stärker in der Bildung aktiv ist. Das Interview führten Carmen Eller und Jenny Friedrich-Freksa

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Anzahl der zwischen 2006 und April 2009 geborgenen Leichen aus dem Mittelmeer

„Das Mittelmeer: ein Friedhof“ Vor Europas Urlaubsküsten ertrinken massenhaft Migranten. Ein Gespräch mit Flavio Di Giacomo, Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Rom, über Leichen an Lieblingsstränden Wie viele Migranten sind bereits ertrunken? Manche Schätzungen liegen bei 15.000 Migranten, die bei der Überfahrt von afrika nach Europa ertranken. Die Dunkelziffer ist riesig. Wir können nicht alle Toten zählen. Oft wissen wir gar nicht, dass Boote unterwegs sind. Wenn eines untergeht, ist es sehr schwer, die Leichen zu finden. Das Mittelmeer wird zu einem Friedhof. Wie wirkt es auf Touristen, wenn vor ihren Lieblingsstränden Wasserleichen treiben? Wenn beispielsweise bei Lampedusa Leichen herausgefischt werden, dann an einem Teil des Piers, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die Touristen bekommen davon also nichts mit. Die Toten können die Urlaubsfreude nicht trüben? nein. Vor ein paar Jahren hatte ich ein sehr eindrückliches Erlebnis. Touristen verließen den Hafen von Lampedusa für eine Tour um die schöne insel. Da kam ihnen die Küstenwache mit einem Boot voller Migranten ent-

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gegen. Die beiden Boote kreuzten sich und die Touristen schossen Fotos. Die fanden das einfach exotisch. Wie haben Sie selbst gestrandete Migranten erlebt? Diese Menschen haben nichts, wenn sie an Europas Küsten landen. nur die Kleider an ihrem Leib. Manchmal sind sie dehydriert und in sehr schlechter körperlicher Verfassung. Es deprimiert mich zu sehen, wie sie in beschädigten Booten ihr Leben riskieren. Wer nimmt die gefährliche Überfahrt auf sich? Meistens reisen Männer, seltener Frauen. Manche Migranten sind noch minderjährig. aber wir haben eine interessante Beobachtung gemacht, als wir die zahl der ankömmlinge in Lampedusa 2007 und 2008 verglichen haben. im vergangenen Jahr kamen zehnmal so viele Frauen aus Subsahara-afrika auf die insel wie vor zwei Jahren. Welche Gründe vermuten Sie dafür? Wir fürchten, dass diese Frauen potenzielle

Opfer von Prostitution sind. Sie erzählen immer die gleiche geschichte: dass sie für die Reise nicht bezahlen, sondern ein guter Mann das für sie übernimmt. Mithilfe der Behörden klären wir die Frauen über Risiken auf. Wir wissen auch, dass Migrantinnen sich manchmal auf der Reise von nigeria nach Libyen prostituieren, um für die Überfahrt zu „zahlen.“ Sollte man Urlauber stärker mit diesen Problemen konfrontieren? Das Problem sind nicht die Touristen, die nur fünf Tage bleiben, sondern die öffentliche Meinung. Da sind Migranten nur zahlen. Die Leute haben keine Vorstellung davon, warum diese Menschen ihr Land verlassen und wie sie leiden. auch die italiener sind nicht glücklich über die Migranten – schon gar nicht in der Krise. Was hat sich mit der Finanzkrise verändert? Die Menschen sorgen sich mehr um Jobs und ihre Sicherheit. Sie betrachten Migration zunehmend als invasion. Diese Menschen sind aber in der Regel keine Kriminellen. Sie flüchten vor schrecklichen Lebensbedingungen und brauchen Hilfe. So wie sie träumen wir ja alle von einem besseren Leben. Das Interview führte Carmen Eller

Karte: Diercke Weltatlas, Westermann Verlag, Braunschweig 2009 Grafik: Janine Sommer

Quelle: UNITED Intercultural for Action – European network against nationalism, racism, fascism and in support of migrants and refugees in Amsterdam

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Gas und Geschichte – Szenen aus „Gegenmittel“

Es ist etwas passiert Für „After the Fall“, ein Theaterprojekt des Goethe-Instituts, schrieben junge Dramatiker aus 15 europäischen Ländern Stücke über Europa nach dem Mauerfall. Ein düsteres Panorama liefert die moldauische Dramatikerin Nicoleta Eşinencu. In „Gegenmittel“ reflektiert sie Momente vor und nach 1989: die Katastrophe von Tschernobyl 1986, das Moskauer Geiseldrama 2002 oder den Giftanschlag auf den späteren ukrainischen Präsidenten 2004. Und eines Tages erhält Vater ein Telefonogramm vom Kulturministerium: „Sie müssen dringend in die Ukraine. Wenn Sie dorthin gehen, kann ich ihnen eine Reise ins ausland verschaffen. Bitte nehmen Sie Rotwein mit.“ nach drei Tagen stieg Vater in den zug. Er fuhr nach Tschernobyl, zusammen mit 32 anderen Musikern und Tänzern, um die Katastrophenhelfer aufzumuntern. Überall waren Fernseher zurückgelassen worden, und Möbel, und autos ... wenn du etwas von dort nahmst, nahmst du den Tod mit dir.

Fotos: Iulia Popovici (1), Florin Tabirta (2)

Das haben sie aber erst viel später bemerkt. am 5. Januar kam er nach Hause, vergrub seine Kleidung, die er angehabt hatte. Es tat ihm leid, sie vergraben zu müssen. Es waren neue Kleider gewesen. Damals begann Vater zu husten, aber wir merkten nicht, dass Vater starb. Seitdem er von dort zurückkam schlief Vater nie mehr im selben Bett mit Mutter. Mutter ging weg.

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Und wenn dich jemand mitten in der nacht weckt und fragt, was du im Falle einer chemischen Verseuchung tust, musst du wissen: Wenden Sie die individuellen Schutzmaßnahmen an (gasmasken, gaze-Watte-Masken, Handtücher). Falls der geruch weiter besteht oder stärker wird, verlassen Sie das kontaminierte gebiet senkrecht zur Windrichtung hin. aCHTUng ! Die giftwolke erstreckt sich über große Entfernungen, bleibt in geschlossenen Räumen hängen, auf Plätzen, in Tälern, in Schluchten, in Untergeschossen. Und eines Tages kann es jedem passieren, in Urlaub zu fahren und bei der Rückkehr direkt in die Pressekonferenz zu platzen und nicht die geringste ahnung über die neuen Vorschriften zu haben. Und jemand gibt ihm eine Mitteilung, in der steht, dass den Ostberlinern erlaubt wird, über die grenze zu gehen, und niemand sagt ihm, dass neue Vorschriften vorbereitet werden, an die sich die grenzsoldaten halten werden. Und weil dir niemand die detaillierten anweisungen gibt und du wieder keine ahnung hast, wann die neuen Vorschriften in Kraft treten, kannst du ruhig antworten: „Soviel ich weiß, treten sie sofort in Kraft, jetzt gleich.“

„gegenmittel“ wurde unter der Regie der autorin nicoleta Eşinencu mit der von ihr gegründeten Theatergruppe Mobile European Trailer Theatre (METT) im november 2008 in Chisinau uraufgeführt. Eşinencu sagt über ihr Theaterstück „gegenmittel“: „Es geht um Beeinflussung und Bewachung, um geheimnisse in einer gesellschaft, in der das Leben einer Person wenig zählt.“ Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse: www.after-the-fall.eu

Und das ist nicht das Schlimmste, das dir passieren kann, wenn du aus dem Urlaub zurückkommst. Einigen passiert es, dass sie ihre Frau mit einem anderen im Bett finden. Einigen passiert es, dass sie ihren Frauen glauben, obwohl sie im Bett mit einem anderen erwischt wurden. Einigen passiert es, dass sie diese Dinge nie erfahren, niemals.

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Und wenn dich jemand mitten in der nacht weckt und fragt, was du im Falle einer chemischen Verseuchung tust, musst du wissen: Beim Verlassen des kontaminierten gebiets ist es notwendig, die Kleidung zu säubern. Schütteln Sie aufmerksam die Kleider aus, wischen Sie die Schuhe ab. Falls auf der Haut Tropfen von dem Schadstoff sind, tupfen Sie die Tropfen mit einem Papierstück ab (es ist verboten, sie abzuwischen, sonst vergrößert sich die betroffene Stelle). anschließend waschen Sie die Stelle mit Wasser. Und eines Tages kann es jedem passieren (...) am Rande von Chisinau, im Hof eines Hauses, explodierte gestern ein Branntweinkessel. Bei der Explosion kamen zwei Menschen ums Leben, darunter ein zehnjähriges Kind. Die Polizei ermittelt. Und eines Morgens siehst du, dass du nicht mehr zu deiner Mutter gehen kannst. (...) Und abends im Radio: Der ambulanz der Blutbank, die Blut transportierte zu den Krankenhäusern in Transnistrien, wurde heute die Einfahrt auf das Territorium Transnistriens verweigert. Die gründe für den zwischenfall sind noch unbekannt. (...) Für Staatsbürger der Republik Moldau, die nach Rumänien einreisen, ist das Visum kostenlos. Der ukrainische Präsident wurde während der Wahlkampagne vorsätzlich mit Dioxin vergiftet. Einer von neun Bewohnern der deutschen Hauptstadt wünscht sich, dass es die Berliner Mauer wieder geben würde. nach der russischen Offensive in georgien gibt es keine Chancen mehr, dass die nabucco-Pipeline, die Europa mit gas aus zentralasien und dem Mittleren Osten beliefern sollte, noch gebaut wird.

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Wir empfehlen die Verwendung eines elektrischen anzünders. Und eines Tages kann es jedem passieren, dass man verdammt noch mal an einem Theater vorbeigeht und vor einem Poster haltmacht. Du hast noch nie Theater gemocht, noch schlimmer: Du hasst Theater, seitdem sie dir in der Schule auf die Finger schlugen, damit du ins Theater gehst mit der ganzen Klasse. anwesenheit war verpflichtend. Und eines Tages siehst du verdammt noch mal vor dem Theater ein Poster und du denkst, dass es ganz toll wäre, wenn du deinem Kind eine Überraschung machen und ihm eine Theaterkarte kaufen würdest. Und nachdem du es ins Parterre setzt und ihm sagst, dass du es später mit dem auto abholst, gehst du ruhig nach Hause und beginnst erneut mit dem ablesen der zähler. 1941 2002 2004 Und als das Telefon klingelt, hörst du dein Kind, aber glauben Sie nicht, dass es die einzige geisel im Theater war, und wir haben alles erdenklich Mögliche getan. nachdem du auflegst, gehst du direkt in die Küche und drehst den gashahn auf und du schaust in die augen deiner Frau, die unentwegt wiederholt: esistetwaspassiertesistetwaspassiertesistetwaspassiertesistetwas

Methan ist ein farbloses, geruchloses gas, leichter als Luft. Es ist nur schwach löslich in Wasser (unter 1 Prozent), aber es ist gut in alkohol und äther löslich. Beim Brennen hat es eine kleine Leuchtkraft, es strahlt viel Wärme aus (8560kcal/m3). und du drehst das gas auf esistetwaspassiertesistetwaspassiertesistetwaspassiertesistetwas Aus dem Rumänischen von Marina Neacşu Nicoleta Eşinencu, geboren 1978 in der moldauischen Hauptstadt Chişinău, studierte Theaterwissenschaft und Bühnenbild an der Staatlichen Kunstuniversität. Ihr Stück „FUCK YOU, Eu.ro.pa“ gewann den Theaterpreis dramaAcum und löste wegen seiner europakritischen Inhalte heftige Debatten in Rumänien und der Republik Moldau aus. Bis Juni 2009 war Eşinencu Stipendiatin am Künstlerhaus Edenkoben.

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Studenten von vier Kunsthochschulen haben für das Auswärtige Amt die „DeutschlandKollektion“ kreiert Bierdeckel. Wofür sie schon alles herhalten mussten: Steuererklärungen, Kartenhäuschen und jetzt auch noch Außenpolitik. Letzteres zumindest ist die Rolle, die das Auswärtige Amt den runden Alleskönnern in ihrer aktuellen Serie von „Kontaktpflegegeschenken” zugedacht hat. In Zusammenarbeit mit Studenten von vier deutschen Kunsthochschulen – der Universität der Künste Berlin, der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, der Folkwang Hochschule Essen und der Burg Giebichenstein Halle – ist die „DeutschlandKollektion 2009” entstanden. Sie soll eine zeitgemäße und pfiffige Alternative zu den offiziellen Werbegeschenken im In- und Ausland sein. Es gibt Regenschirme mit den wichtigsten Vokabeln zur Völkerverständigung in verschiedensten Sprachen (leider ohne Lautschrift), Grußkarten mit Gummibärchen in Schwarz-Rot-Gold und originelle Bierdeckel mit Symbolen deutscher Alltagskultur vom Gartenzwerg über den Fischerdübel bis hin zur Kuckucksuhr.

Insgesamt besteht die Kollektion aus 28 Teilen. Dabei fehlen auch nicht die typischen Gastpräsente wie Büromaterialien, Süßigkeiten und Spiele. Doch Altvertrautes taucht unter neuem Namen auf. Ein profanes Klebeband heißt plötzlich „KultStreifen”, ein Daumenkino zur Kunst des Schuhplattlers wird zum „German Blockbuster”, Heftklammern werden „Bündnispartner” und ein „Stresemann“ ist nicht länger Beinkleid, sondern aufblasbare Laptoptasche. Alles folgt der Devise „Klug gedacht und im Land gemacht“. Die Bleistifte schmücken Zitate von Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Christian Morgenstern. Viele der von den Studenten vorgeschlagenen Aussprüche von Ludwig Mies van der Rohe, Lukas Podolski oder Loriot setzten sich im Auswärtigen Amt allerdings nicht durch. Loriots Diktum „Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos” entsprach wohl nicht dem Bild eines dynamischen, innovativen und weltoffenen Deutschlands, welches das Amt nach außen tragen möchte. „Aber die Kollektion hat nicht allen Witz eingebüßt”, so das Team von der Folkwang Hochschule, „sie ist noch neu und frisch, obwohl der Mops nicht drin ist.“ Das stimmt. Wer allerdings wenig Deutsch spricht, – was auf viele Beschenkte zutreffen dürfte – wird den Wortwitz oft nicht verstehen. Die „DeutschlandKollektion“ wurde im April 2009 bei der Kulturkonferenz „Menschen bewegen“ im Auswärtigen Amt vorgestellt. Rosa Gosch

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Forum: Wie Ver ändert Google Die Welt?

„Google ist ein Parasit“ von Henry Porter leisten konnten, auch wenn die Suchmaschine ihre ersten Mal mit Google in Berührung kam, war ich Existenz bedrohte. Das Geschäftsmodell, demzufolge sprachlos. Mich faszinierte die Schnelligkeit dieser man mit guten Umsätzen honoriert wird, wenn man Suchmaschine und auch ihr Name, der an einen gutnur genug Zeit, Geld und Energie aufwendet, galt nicht mehr. Die Menschen erwarteten alles für nichts. artigen Riesen aus einer Geschichte von Roald Dahl denken ließ. Was könnte die jugendliche Kühnheit des Autoren wie J. K. Rowling sehen, wie PrivatInternets besser verkörpern als dieses grandiose Proleute ihre Bücher auf Scribd.com veröffentlichen. gramm, mit dem man innerhalb von Millisekunden Musiker und Filmschaffende sind mit Raubkopien kostenlos das Wissen der Welt finden konnte? ihrer Werke konfrontiert und Zeitungen werden Henry Porter, geboren 1953, praktisch genötigt, ihr teuer recherchiertes MateNiemand recherchierte mehr im Internet, sondern arbeitet seit 1992 als Herausman „googelte“ das Thema, über das man mehr erfahrial zu verschenken. Der Einzige, der damit Geld geber der britischen Ausgabe ren wollte. Schon damals hätte mir auffallen sollen, von Vanity Fair. Porter ist po- verdient, ist Google. Im vierten Quartal des verdass Google auf dem Weg zur weltweiten Vorherr- litischer Kommentator für den gangenen Jahres betrugen die Einkünfte 5,7 Millischaft war, und hätte ich nur einen Augenblick da- Observer und Autor von sechs arden Dollar und inzwischen sitzt das UnternehRomanen. Er lebt in London. men auf einem Geldberg von 8,6 Milliarden Dollar. rüber nachgedacht, wäre mir klar geworden, dass der Der Herausgeber des Wall Street Journal hat das gutartige Riese sich zu einem Ungeheuer entwickeln und zwei Dinge infrage stellen würde, die mir sehr am Herzen Unternehmen jüngst als „Bandwurm“ bezeichnet. Mit Recht. Letztlich ist Google ein Parasit. Es erzielt gewaltige Werbeeinliegen: Privatsphäre und eine freie Presse. Googles jugendliche Vitalität ging einher mit einer nicht min- nahmen, indem es die Arbeit anderer auflistet und darum herum der jugendlichen Respektlosigkeit gegenüber allem bisher Dage- Werbung verkauft. Google ist wie ein cleverer, angriffslustiger Elfjähriger. Und die wesenen. Insbesondere gegenüber den Risiken und Fertigkeiten, den Fehlschlägen und der harten Arbeit, mit denen die Inhalte Entwicklung seiner Moral und seines sozialen Verantwortungsgeverbunden waren, die Google für seine Nutzer mit Wegweisern fühls ist, wie häufig bei verzogenen Wunderkindern, durch den ausschilderte. Gleichzeitig verkaufte der Suchdienst Werbung an Erfolg verkümmert – in diesem Fall durch die Erfahrung, in nur Personen oder Unternehmen, die in seinen Auflistungen an pro- einem Jahrzehnt die führende Weltmarke zu werden. Der beunminenter Stelle erscheinen wollten. Daran ist natürlich nichts aus- ruhigendste Aspekt dabei ist das Gefühl, dass Konventionen und zusetzen – außer dass Google die heiklen Beziehungen ignoriert, Gesetze für Google nicht gelten. Darum ist den Verantwortlichen die außerhalb seiner eigenen Begehrlichkeiten existieren. Google bei Google auch nicht aufgefallen, dass der Dienst StreetView Menmachte aus diesem Tugendmangel eine Tugend, indem es sagt: Wir schen verärgern könnte, die nicht wollen, dass andere sie kontrolsind der Türöffner, wir zeigen euch den Weg, aber hier endet auch lieren. Griechenland hat StreetView mit der Begründung verboten, unsere Verantwortung. Was ihr macht, wenn ihr die Tür durch- dass es gegen Datenschutzgesetze verstoße, aber in Großbritannien schritten habt, ist eure Sache. haben, obwohl dort die gleichen Gesetze gelten, nur wenige DorfMillionen von Menschen, die mit dem World Wide Web groß bewohner protestiert, als die Google-Kamerafahrzeuge damit begeworden waren, applaudierten der Freiheit, die Google zu ver- gannen, ihre Häuser zu fotografieren. körpern schien. Bücher, Filme, Musik und Zeitungsinhalte gab Google kann die Argumente gegen StreetView nicht nachvollziees nun umsonst. Dass Google Riesenmengen an Daten über die hen. Ebenso wenig kann es verstehen, warum es keine Daten über Suchaktivitäten jedes Einzelnen sammelte, um sie später für sei- die Suchaktivitäten der Nutzer speichern sollte. Sein moralisches ne gewerblichen Zwecke zu nutzen, schien für diese Leistung ein Sensorium ist wie bei den meisten Elfjährigen nicht gut entwickelt. geringer Preis. Und wen kümmerte schon, dass Google mit einer Wir müssen hoffen, dass Google eines Tages erwachsen wird, aber rabiaten Prinzipienlosigkeit seine Seiten für den chinesischen In- das dürfte wohl erst passieren, wenn es seine ersten Fehlschläge und Enttäuschungen erlebt – die beiden Voraussetzungen, um selbst ternetdienst zensierte? Was niemand bemerkte, war, dass aus Google schnell mehr wur- Inhalte zu kreieren und ein reifer Mensch zu werden. de als ein Türöffner für die Milliarden Webseiten dieser Welt. Es besaß nun ein Monopol, das zu ignorieren sich nur noch wenige Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

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Foto: Jerry Bauer

Als ich in der Woche des 11. September 2001 zum

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Forum: Wie Ver ändert Google Die WElt?

„Google bedroht unsere Freiheit nicht“ von Andrew Keen

Foto: Privat

Als ich im Sommer 2006 „The Cult of the Ama-

dem Konzept statischer Webseiten, die von Googleteur“ („Die Stunde der Stümper“) schrieb, warnSpider indexiert werden können. Inzwischen wird te ich im Kapitel „1984 Version 2.0“ vor Google als das Internet jedoch von einer neuen technologischen einem digitalen Big Brother, einem gefährlichen Umwälzung revolutioniert – vom „Real-Time Web“, Monopolisten, der den Informationsmarkt vereiner Art endlosem Strom an aktuellen Daten. Soziale Mediennetzwerke wie Facebook oder Twitter gehen einnahmt und unsere Kultur, unsere Wirtschaft gegenwärtig dazu über, immer mehr Informationen und unsere Freiheit zerstört. Ich folgerte, dass die in Echtzeit zu liefern, und etablieren auf diese Weise Raubritter des „Googleplex“ gestoppt werden müssten, bevor sie herkömmliche Medien in den Konein konkurrierendes System zum Google-Netzwerk. Andrew Keen, geboren 1960, Twitter hat sich gar eine eigene Echtzeit-Suchmaschikurs getrieben und uns alle ausspioniert hätten. ist ein britisch-amerikanischer ne angeschafft und sich damit als die wohl ernstes Jetzt – drei Jahre später – stelle ich fest, dass ich Unternehmer, Buchautor, mich geirrt habe. Zwar ist Google im Sommer 2009 Publizist und Internetkritiker. te technologische und kommerzielle Bedrohung in nach wie vor ein äußerst mächtiger Teilhaber der Stellung gebracht, mit der sich Google je konfrontiert „Die Stunde der Stümper“ (Hanser, München) erschien sah. Internetwirtschaft, aber die Tage seines monopolis2008. Er lebt in Berkeley. Politiker rund um den Globus werden sich inzwitischen Kampfes gegen Kultur und Wirtschaft sind schen der Bedrohung von Wirtschaft, Kultur und gezählt. Google bedroht nicht länger unsere Freiheit. Denken Sie sich Google als Äquivalent zu Microsoft 2.0. Ende Freiheit durch Google bewusst. Insbesondere Regierungen in der der 1980er-Jahre, bevor sich das Internet zum weltweiten elek- Europäischen Union haben die Entwicklung von Google schon imtronischen Netzwerk entwickelte, fürchteten wir alle Bill Gates’ mer argwöhnisch verfolgt. Mittlerweile richtet nun auch die neue Microsoft als monströsen Monopolisten. Inzwischen nimmt sich US-Administration unter Barack Obama ihr Augenmerk auf GoogMicrosoft wie ein zahnloser älterer Mitbürger aus. Microsoft hat les monopolistische Neigungen. So haben in den letzten Monaten ein dreifaches Problem: Zum einen hat das Unternehmen neben sei- US-Wettbewerbshüter gleich zwei Untersuchungen gegen Google ner Cash Cow, den Windows-Betriebssystemen, nie einen zweiten eingeleitet. Zum einen wird die für den Buchsuchdienst „Google echten Renner entwickelt. Zweitens wurde Microsoft vom Internet Book Search“ mit Autoren und Verlegern ausgehandelte Vereinbakalt erwischt, das den Wert seiner Desktop-Technologie in erheb- rung unter die Lupe genommen; zum anderen wird geprüft, ob lichem Maße ausgehöhlt hat. Drittens haben Regierungen in aller die Tatsache, dass zwei Google-Vorstandsmitglieder zugleich im Welt auf die Bedrohung durch Microsoft reagiert und den mono- Vorstand von Apple sitzen, ein Wettbewerbshemmnis darstellt. polistischen Tendenzen des Unternehmens durch neue gesetzliche 2006 hatte es noch den Anschein, als bestünde Googles gefährlichstes Monopol in seiner Magnetwirkung auf Talente. Das UnterRegelungen Zügel angelegt. Was Microsoft widerfahren ist, widerfährt derzeit Google. Eben- nehmen kaufte die klügsten Köpfe vom Markt und verleibte seiner so wie Microsoft hat Google es versäumt, sein Beinahe-Monopol rasch wachsenden Belegschaft die besten Techniker und Designer in der Suchmaschinentechnologie in andere Bereiche zu transpo- ein. Inzwischen aber entlässt Google Mitarbeiter und verliert im nieren. Die Übernahme des nach wie vor unrentablen YouTube großen Stil talentiertes Personal an Internetrivalen wie AOL oder für 1,6 Milliarden Dollar war beschämend. Jüngst räumte Google an attraktivere Start-ups in Silicon Valley wie Twitter. Es geht gar zudem ein, dass das Unternehmen mit seinem Versuch, eine Wer- das Gerücht, Googles „heilige Dreifaltigkeit“, bestehend aus den beplattform fürs Radio aufzubauen, gescheitert ist. Google-Bücher, beiden Firmengründern Larry Page und Sergej Brin sowie Chief Google-Handys, Google-Nachrichten und Google-Sonstwas sind Executive Officer Eric Schmidt, würde bereits Pläne schmieden zum großen Teil bloß technische Theorie und keine geschäftliche für ihre Zukunft nach Google. Die glorreichen Zeiten von Google Praxis. In Wahrheit könnte Google ein echtes Medienunternehmen gehören der Vergangenheit an. Das Unternehmen leidet an vorzeisein, aber abgesehen von seiner Suchmaschine betreibt die Firma tigem Zahnausfall. kein einziges Mediengeschäft mit Erfolg. Noch unheilvoller für Google ist, dass das Kronjuwel des UnterAus dem Englischen von Andreas Bredenfeld nehmens, seine Suchmaschine, drauf und dran ist, von neuen Technologien überholt zu werden. Googles Suchmaschine basiert auf Kulturaustausch 111/09

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Zeitenwende Wie die digitale Revolution unsere Wahrnehmung von Geschichte verändert

über John F. Kennedy an, als die Freundin meiner 16Der Computer ist eine Zeitmaschine. Er verwandelt jährigen Tochter erklärte: „Den Schauspieler kenne unsere Wahrnehmung und er verändert unser Verich, der hat auch in ‚Forrest Gump‘ mitgespielt.“ Sie ständnis von Zeit. Mehr noch: Er untergräbt unser historisches Bewusstsein. Die digitale Welt revolutihatte diesen Film von 1994, in den historisches Filmoniert unsere Zeiterfahrung. material kopiert wurde und in dem die titelgebende Hauptfigur dank kunstvoller Schnitt- und CollageIn der westlichen Kultur ist das aus dem Altertum technik allerlei Berühmtheiten trifft, als Zehnjährige stammende zyklische Geschichtsverständnis unter auf Video gesehen. Es war ihre erste Begegnung mit Einfluss der christlichen Heilsgeschichte zunehmend dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten. Wähder Überzeugung gewichen, dass sich Geschichte in eiJos de Mul wurde 1956 im rend Kennedy für meine Generation noch in erster ner unumkehrbaren, geradlinigen Bewegung vollzieht. niederländischen Terneuzen Linie eine historische Persönlichkeit darstellt, ist er Dieses historische Bewusstsein, das seinen Ursprung geboren. Er lehrt Philosophie im 19. Jahrhundert hat, begreift die Wirklichkeit nur an der Erasmus Universität in für ihre Generation, die inmitten digitaler Medien in ihrer chronologischen Entwicklung. In den Geis- Rotterdam (www.demul.nl). aufgewachsen ist, ein kulturelles „Gen“, das auf unterschiedliche Art und Weise mit unzähligen andeteswissenschaften interpretierte man Sprache, Moral oder Kunst aus ihrer Geschichte heraus. Aber auch in den Natur- ren Elementen kombiniert werden kann. In der Popmusik kennt wissenschaften setzte sich die historische Herangehensweise durch. man diese Technik als Samplen. Da die Tonaufnahme wie auch Darwins Evolutionstheorie ist hierfür ein Paradebeispiel. Materie, die Fotografie und die Einstellung im Kinofilm immer häufiger Leben und Bewusstsein lassen sich demnach nur anhand der Ent- mit digital bearbeiteten oder gänzlich computergenerierten Bilwicklung erklären, die sie seit dem Urknall vor fast vierzehn Milli- dern, Animationen und Geräuschen vermischt werden, lässt sich arden Jahren durchlaufen haben. Für moderne Menschen ist dieses immer schwerer feststellen, ob die Samples ihre Wurzeln in einer Weltbild selbstverständlich und sie können sich schwer vorstellen, historischen Wirklichkeit haben. Selbst Nachrichten werden heudie historische Brille wieder abzusetzen. Dabei ist Werden Historiker in hundert Jahren wissen, das historische Bewusstsein ein verhältnismäßig neues Phänomen und es ist fraglich, ob es das 21. was in der Vergangenheit echt war – und was Jahrhundert überleben wird. Denn in den Künsten, digital entstand? in den Wissenschaften und zunehmend auch in unserem Alltag entwickelt sich ein neues Gefühl. Der Motor dieser te meist digital bearbeitet. So verschwimmt auch der traditionelle Unterschied zwischen den Genres. Davon zeugen neue Formate wie Entwicklung ist die Zeitmaschine Computer. In der digitalen Welt ist Information nur noch lose mit ihrem etwa das Reality-TV oder „fiktive“ Dokumentarfilme. Angenommen, es gibt in hundert Jahren noch immer Historiker, materiellen Träger verbunden und kann deshalb einfach und schnell kopiert werden. Das hat allerhand Vorteile, macht es aber so muss man bezweifeln, dass sie dann in der Lage sein werden, andererseits unmöglich, ein Gefühl für Geschichte zu empfinden, auf der Grundlage eines Trägers festzustellen, was authentisch etwa wie wenn man einen vergilbten Brief mit seinem charakteris- und was der digitalen Phantasie entsprungen ist – wenn sie tischen Geruch in Händen hält. überhaupt feststellen können, dass es sich um ein Produkt aus Diese neue Erfahrung beschränkt sich aber nicht nur auf den unserer Zeit handelt. Der digitale Archäologe der Zukunft wird Umgang mit dem Computer, sondern betrifft auch ältere Medien. Vergangenheit lediglich anhand der verwendeten Software rekonVor einigen Jahren sah ich mir im Fernsehen eine Dokumentation struieren können.

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Foto: Bart Alexander de Puij

von Jos de Mul

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Forum

Doch bereits lange vor dem Computerzeitalter ließen sich kubistische und surrealistische Collagen als eine Übung in posthistorischer Anordnung interpretieren. Der auf dem Prinzip der Montage basierende Film ist von allen analogen Kunstformen vielleicht jene mit den stärksten posthistorischen Zügen. In der Musik hat uns der Komponist John Cage wie kein anderer auf eine posthistorische Erfahrung vorbereitet. Als ein Zuhörer ihn nach einer seiner Zufallskompositionen verzweifelt fragte, ob seine Musik eigentlich noch einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende besäße, antwortete Cage: „Selbstverständlich, aber nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge.“ Auch in der Literatur treffen wir Im digitalen Zeitalter ist der Manipulationswert auf entsprechende Beispiele. Man denke nur an Jorge Borges’ Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ über eines kulturellen Produkts ausschlaggebend eine posthistorische Bibliothek, in der neben allen Psychologe Abraham Maslow hat einmal gesagt, für jemanden, der existierenden auch alle noch möglichen Bücher versammelt sind. nur einen Hammer habe, sehe alles aus wie ein Nagel. In einer Walter Benjamin prägte in den 1930er-Jahren den Unterschied Kultur, deren wichtigstes Werkzeug der Computer darstellt, wird zwischen dem Kulturwert und dem Ausstellungswert von Kunstdie ganze Welt zu einer Datenbank, deren Elemente nach Belieben werken. Das vormoderne Kunstwerk war einmalig in Zeit und kombiniert werden könen. Dem heutigen Stand der Neuropsycho- Raum. Um etwa die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci bewunlogie zufolge arbeitet unser Gedächtnis auf dieselbe Art und Wei- dern zu können, muss man sich in den Pariser Louvre begeben. Das se. Erinnerungen sind nicht fix und fertig im Gehirn gespeichert, änderte sich Benjamin zufolge aber durch das Aufkommen modersondern werden jedes Mal auf Grundlage der vorhandenen „Daten- ner Reproduktionsmittel. Von einer Radierung, einem Roman oder bank“ neu konstruiert. Film gab es plötzlich viele identische Exemplare. Der ästhetische Auch in der Molekulargenetik verliert die geschichtliche Ab- Wert richtete sich jetzt nicht mehr nach dem Kulturwert, sondern folge an Bedeutung. Organismen werden als mehr oder weniger nach dem Ausstellungswert, also nach der Art und Weise, wie das zufällige Neukombinationen von Bausteinen aus dem Genpool ver- Werk in seiner reproduzierten Form ankommt. Im digitalen Zeitalter ist der Manipulationswert eines kultustanden. Wo der Evolution zufolge das Entstehen und Aussterben biologischer Arten ein unumkehrbarer historischer Prozess ist, rellen Produkts ausschlaggebend. So wie ein Text auf CD-ROM aufbetrachtet das posthistorische Bewusstsein die tatsächliche Evolu- grund erweiterter Suchmöglichkeiten wertvoller ist als auf Papier, tion als nur eine von unzähligen möglichen Konfigurationen des so wird auch der ästhetische Wert eines Kunstwerks zunehmend Genpools. Noch dazu als eine, an die wir dank genetischer Mani- von seinem Manipulationswert abhängen. Das hat auch wirtschaftpulationsmöglichkeiten nicht mehr gebunden sind. liche Gründe, weil sich etwa zum digital manipulierbaren Film Steven Spielbergs Film „Jurassic Park“, in dem mithilfe kon- leicht ein Computerspiel produzieren lässt. Der ästhetische Wert servierter DNA Dinosaurier wieder zum Leben erweckt werden, des posthistorischen Kunstwerks indes bemisst sich an dessen Verzeigt, welche posthistorischen Empfindungen diese Technologien mögen, immer neue Formen anzunehmen. Zukünftig werden wir heraufbeschwören. Auch wenn wir es hier nur mit einem Produkt aus der Sehnsucht nach Einmaligkeit vielleicht gegen die digitale aus der Hollywood-Traumfabrik zu tun haben – die tatsächliche Manipulierbarkeit kämpfen. Produktion von modifizierten Organismen, transgenen LebensWem angesichts der posthistorischen Zukunft mulmig wird, formen und anderen Hybriden ist in vollem Gang. Unsere Zukunft der kann sich vielleicht mit dem Gedanken trösten, dass diese die wird eine verwirrende Mischung aus historischen und posthisto- historische Erfahrung nicht völlig verdrängen wird. Auch die lirischen Lebensformen zutage fördern. Auch der menschliche Kör- neare Geschichtsauffassung ersetzte die zyklische Zeiterfahrung per verwandelt sich zunehmend in einen Träger posthistorischer nicht vollständig. Tag-und-Nacht-Rhythmus oder der Kreislauf der Jahreszeiten blieben wichtig. Und auch der posthistorische Mensch Information. Wenn etwa Personen, die mittels plastischer Chirurgie „rekom- wird in der digitalen Welt noch mit dem historischen Lauf der Dinbiniert“ worden sind, ein unangenehmes Gefühl hervorrufen, liegt ge konfrontiert. Spätestens bei seinem Tod. das weniger an den moralischen Zweifeln, die wir gegenüber solchen Eingriffen hegen, oder an einer ästhetischen Abwehrhaltung. Aus dem Niederländischen von Annalena Heber Vielmehr läuft das, was wir sehen, dem historischen Bewusstsein zuwider. In der digitalen Welt büßt der Unterschied zwischen „Original“ und „Kopie“ – und damit auch jener zwischen „früher“ und „später“ stark an Bedeutung ein. Während sich bei einem Gemälde oder einem auf Papier verfassten Brief das Alter des Originals und jenes der Kopie dank des materiellen Trägers recht genau ermitteln lassen, sind das digitale Original und seine Kopie qualitativ nicht voneinander zu unterscheiden. Die Musikindustrie kann davon ein Liedchen singen. Die Verwirrung wird noch größer, wenn diese post­historische Erfahrung auf die Realität übertragen wird. Der US-amerikanische

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Hochschule

Professor Harald Husemann mit zwei Studentinnen (oben), Mittagsgebet an der Islamia Universität (unten)

E-Mails aus Pakistan Im Herbst 2008 lehrte der Anglistikprofessor Harald Husemann an der Islamia Universität in Bahawalpur in der pakistanischen Provinz Punjab. Seine Notizen sandte er in E-Mails nach Hause. Einige Auszüge Von Harald Husemann

Am ersten Tag Blumen in meinem Büro. Man trifft sich jeden Morgen für 15 Minuten zum Tee. Mittags kommt man für 30 Minuten zum bescheidenen Imbiss zusammen, den alle durch gemeinsame Umlage finanzieren. Kollegen suchen mich mehrfach täglich im Büro auf und fast jeden Abend lädt mich einer in seine Familie zum Dinner ein. „Renowned Scholar of International Repute“, so vermarktet man mich. Hinter der Formulierung steckt orientalische Rhetorik, der Wunsch, mir zu schmeicheln und – wenn’s denn jemand glaubt – mich als Dekoration für das eigene Institut zu (be-)nutzen. Ich war bei einem Kollegen zum Abendessen eingeladen. Ich aß mit dem Gastgeber und seinen beiden kleinen Kindern. Die kochende Hausfrau hörte ich zwar, sah sie aber den ganzen Abend lang nicht. Andererseits: Meine Kollegin Sabiha trägt kein Kopftuch, tätigt die Bankgeschäfte für ihren reichen alten Vater und hat mich schon zweimal ohne Begleitung in ihrem Auto mitgenommen. Die vorderen Seitenfenster ihres Autos hat sie auf der Fahrerund der Beifahrerseite schwarz verklebt. Als Lehrmaterial brachte ich den Film von Ken Loach „Ae Fond Kiss“ mit. Storyline: Ein Sohn pakistanischer Einwanderer in Großbritannien verliebt sich in die katholische

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Lehrerin seiner Schwester an einer englischen Schule. Adeeb und eine Kollegin werden den Film ansehen. Wenn er Liebesszenen oder Sex enthält, werden diese herausgeschnitten, bevor ich ihn zeigen darf. In einer städtischen Government School für Mädchen testeten und interviewten Adeeb und Kollegen am Samstagnachmittag 130 Schülerinnen für die Aufnahme in ein von den USA finanziertes Programm, das unterprivilegierten Kindern Englisch beibringen soll. Zehn schlecht bezahlte und qualifizierte Lehrerinnen unterrichten 1.400 Schülerinnen in Klassenräumen mit defektem Mobiliar. Abends besuchten Adeeb und Kollegen eine ländliche Schule für Jungen, in der zehn Lehrer 400 Jungen unterrichten. Der bescheidene Wohlstand des Kollegen Munawur zeigt sich darin, dass er ein leichtes Motorrad fährt. Er bezieht ein Nebeneinkommen aus der Vermietung von Geschäftsräumen. Seine Mieter sind säumige Zahler. Deshalb besucht er sie ohne Ankündigung, und fordert Bargeld. Manchmal nimmt er mich mit. Wer blamiert sich schon gerne vor einem Ausländer? Pakistan hat eine noch weitgehend traditionsgebundene patriarchalische Gesellschaft, in der Respekt und Ehrfurcht eine große Rolle spielen. Respekt gebietet den Studenten, bei Eintritt eines Dozenten aufzustehen und zu warten, bis dieser sie auffordert, sich zu setzen. Respekt bedeutet auch, dass ich unter den hungrigen Augen aller beim Essen immer zuerst bedient werde. Ein Graus für einen Beamten, der sich bei der Wahl des Gemüses nicht entscheiden kann. Da ich als Gast ein Freund Allahs bin, werde ich bis zur Selbstaufopferung des Gastgebers als solcher behandelt.

Mein Kollege Irshad fragte mich nicht, sondern teilte mir mit, dass er mich als Keynote Speaker zu einer Konferenz in Hyderabad über Schulen in Pakistan angemeldet habe. Schon im vergangenen Jahr erlebte ich solche Schnellkurse im Politikerdasein: Aus dem Stegreif in wohlgesetzten Worten zu allem Wichtigen nichts sagen. Nach einer Feier im Department schenkte Adeeb mir eine schwere Glasplatte mit einem gravierten Koranvers. Als ich im Begriff war, diese unter meinen Stuhl zu stellen, stoppte mich ein Kollege. Der Koran und heilige Verse dürfen nicht unter Kniehöhe gelegt werden. Ich kann und will die schwere Glasplatte aber nicht im begrenzten Reisegepäck mitnehmen. Wie kann ich die heilige Glasplatte und eine schwere Plakette von der Konferenz in Hyderabad pietätvoll entsorgen? Harald Husemann, geboren 1938, ist Professor für Englische Literatur und Landeskunde an der Universität Osnabrück. Die Islamia Universität hat ihn für das Frühjahr 2010 erneut eingeladen. Husemann wird das Angebot annehmen.

Fotos: Harald Husemann

Der neue Campus der Islamia Universität wird auf vielen Quadratkilometern in der Wüste erbaut und liegt 15 Kilometer außerhalb der Stadt. Man wollte mich im Gästehaus auf dem neuen Campus unterbringen. Professor Adeeb, mein Betreuer und Bewacher, meinte, dort sei ich „sicherer“. Ich fühlte mich dort gefangen und schaffte es, wieder in mein „altes“ Gästehaus in der Stadt gebracht zu werden.

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Hochschule

„Außer Marxismus geht alles“ Daniel A. Bell lehrt als einziger westlicher Wissenschaftler Politische Philosophie an einer chinesischen Elite-Universität. Ein Gespräch über die Freiheit der Lehre und die soziale Rolle des Lehrers

Daniel A. Bell wurde 1964 in Montreal geboren. Seit Anfang der 1990er-Jahre unterrichtete er in Singapur und Hongkong. Seit 2004 lehrt er an der Tsinghua Universität in Peking politische Philosophie.

Foto: Wu Zhou (1), Katherine Traut, Universität Kapstadt (2)

Professor Bell, warum unterrichten Sie in Peking Politische Philosophie? Ich interessiere mich für chinesische Po­ litik und Philosophie. Hier vor Ort habe ich die Möglichkeit, die kulturellen und gesell­ schaftlichen Veränderungen hautnah mitzu­ erleben. Allerdings unterrichten Sie in einem autoritären Staat die künftige Elite. Macht Ihnen das keine Probleme? Ich unterrichte verschiedene Ideen und Konzepte, das hat nichts damit zu tun, den Herrschenden zu dienen. Im Westen meint man oft, es gebe zur liberalen Demokratie keine Alternative. Das sehe ich anders. Eine Alternative könnte zum Beispiel in einem konfuzianisch geprägten System bestehen. Was können Sie unterrichten? Fast alles. Dieses Semester spreche ich über die griechische Demokratie, über John Locke, der die Verfassungen der Vereinigten Staaten und Frankreichs beeinflusst hat, oder John Stuart Mill, für den der Begriff der Freiheit zentral war. Nur Marxismus darf ich nicht lehren. Das ist immer noch die offizielle Ideo­ logie, da hat man Angst, dass ich eine ande­ re Interpretation anbieten könnte. Aber im Vergleich zu meinen Erfahrungen in Singa­ pur gibt es hier sehr viel weniger politische Kontrolle, solange man mit einem Thema Kulturaustausch 111/09

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nicht offizielle Glaubenssätze infrage stellt. Menschenrechte oder Demokratie – kein Pro­ blem! Wie gehen Sie mit Taiwan, Tibet oder Tian’anmen um? Direkt spreche ich diese Themen nicht an. Neben der politischen gibt es auch die kultu­ relle Komponente: Dafür braucht es soziales Vertrauen zwischen Studenten und Lehrer. Wenn das da ist, werden auch sensible The­ men angesprochen und man spricht offener. Wie verhalten sich die Studenten? Die Studenten wissen, wie sie sich verhalten sollen. Jeder weiß, wie man geblockte Internet- seiten umgeht, und zum Marxismus-Unter­ richt geht man eben, weil er Pflicht ist. Wie ist das Verhältnis zwischen Dozent und Student? Es gibt nach wie vor Respekt vor dem Ler­ nen und dem Lehrer. Wie gesagt, wenn Ver­ trauen da ist, ist auch Kritik möglich, ohne die soziale Harmonie zu gefährden. Außerdem ist

der Dozent auch für die moralische Entwick­ lung seiner Studenten zuständig. Das ist wohl ein Unterschied zum Westen. Wie sieht das konkret aus? Wir sprechen viel mehr miteinander. Wenn Studenten Entscheidungen treffen müssen oder Probleme in der Liebe haben, suchen sie Rat bei ihren Dozenten. Welchen sozialen Status hat ein Dozent in China? Zyniker würden sagen, wenn man auf das Gehalt schaut, haben Dozenten keine be­ sondere Stellung. Aber insgesamt wird man durchaus respektiert, vor allem von den ein­ fachen Leuten. Manchmal bieten Unterneh­ men sogar Lehrer-Rabatte an. Das gibt es im Westen nicht, oder? Genießen Sie mehr Freiheiten als Ihre chinesischen Kollegen? Manche behaupten das. Aber es gibt auch chinesische Kollegen, die viel kritischer und offener sind als ich. Ich höre manchmal auch, ich sei zu zurückhaltend. Aber auch ich muss etwas aufpassen. Mein Visum wird immer nur für ein Jahr verlängert und wenn das nicht passiert, habe ich ein großes Problem. Das Interview führte Falk Hartig

Lernen von Professorin Cooper Afrika war in der europäischen Vorstellung immer ein verklärter Ort, zum Beispiel ein unberührtes Land voller Tiere, bewohnt von unzivilisierten Wilden. Dieser Mythos erlaubte es den europäischen Mächten, sich Teile des Kontinents anzueignen. In meinem Seminar „Problematising the Study of Africa“ zeige ich, dass die grundlegenden Begriffe und Ideen von Disziplinen, in denen über Afrika geforscht und gelehrt wird, wie Afrikanische Geschichte oder Sozialanthropologie, während

der Kolonialzeit und der Jahre der Apartheid entstanden sind. Deshalb müssen wir die theo­ retischen, politischen und kulturellen Annahmen genau hinterfragen. Macht wird nicht nur durch Armeen und Waffen ausgeübt. Sie steckt in Sprache und vermittelt sich durch Symbole und Vorstellungen, durch Wissenschaft und Kunst. Wenn wir die Interessen aufdecken, denen Wissenschaft unter dem Deckmantel der Unparteilichkeit dient, können wir die Autorität erkennen, die sich bis heute im ererbten europäischen Wissensschatz fortsetzt. Brenda Cooper lehrt African Studies an der Universität Kapstadt.

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Kulturprogramme

Der südafrikanische Dokumentarfilmer Don Edkins nutzt ein mobiles Kino, um Menschen für Themen wie Demokratie oder Aids zu interessieren. Ein Gespräch über Filme im Gefängnis, die Gründe von Armut und die Macht der Bilder

Don Edkins wurde 1953 in Kapstadt geboren, wo er auch heute lebt. Er leitet das Filmprojekt „Why Democracy?“ und produzierte die Dokumentarfilmserie „Steps for the Future“ über Aids in Afrika. Mobiles Kino unter afrikanischem Himmel – eine Vorführung in Lesotho Sie haben Dokumentarfilme produziert, in denen Aidskranke aus Südafrika offen über ihre Situation sprechen. Wo zeigen Sie diese Filme? Wir haben ein mobiles Kino, das wir auch im Freien aufschlagen können. Wir gehen damit in Gemeindesäle, Krankenhäuser, Ge­ fängnisse oder Polizeireviere. Die Filme sind nicht didaktisch. Sie sprechen Gefühle und Gedanken an. Nach den Vorführungen sind immer Fragen möglich; Moderatoren leiten die Diskussion. Interessieren sich Menschen, die in großer Armut leben, für Ihre Filme? Wer hungrig ist, möchte natürlich keinen Film sehen. Man kann aber nichts isoliert be­ trachten. Ich denke, Gründe für Armut sind auch Mangel an Information und fehlende Beteiligung an der Macht. Ein Film kann ei­ ne Basis sein, um Veränderungen in Gang zu bringen.

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Wie haben Sie reagiert? Unser Moderator musste die Menschen mithilfe der Gefängnisverwaltung beruhi­ gen, was auch gelang. Wenn ein Zuschauer den Mut hat, zu sagen: Ich bin einer von denen im Film, dann ist die Diskussion hin­ terher unglaublich fruchtbar. Am Ende kom­ men die Leute zusammen und sagen: Jetzt verstehe ich alles ein bisschen besser. Für Ihr zweites großes Projekt „Why Democracy?“ befragten Sie Menschen aus der ganzen Welt nach ihren politischen Ansichten. Was reizt Sie am Filmstoff Demokratie? Der Begriff „Demokratie“ wird auf der ganzen Welt gebraucht und missbraucht. Die Projektidee entstand kurz nach der Ent­ scheidung der USA, den Irak anzugreifen. Wie kann eine Nation, deren grundlegende Prinzipien Unabhängigkeit, Menschen­ rechte und Demokratie heißen, einen Krieg im Namen der Demokratie beginnen? Wir wollten Gespräche in Gang bringen.

Sie leben in Kapstadt. Welche Vorstellungen von Demokratie gibt es in Südafrika? Wir haben in Südafrika seit 15 Jahren Demokratie. Die Leute haben aber nicht gelernt, dass zur Demokratie unbedingt Respekt und Toleranz gehören. Vielleicht Was möchten Sie mit Ihrem mobilen Kino erreichen? gibt es deshalb so viele fremdenfeindliche Die Aufgabe eines Filmemachers ist es, Fragen Gewalttaten. zu stellen. Filme sind Teil eines Lernprozesses. Sie können Menschen dazu anregen, ihre ei­ Passt die Demokratie also gar nicht zu Afrika? In traditionellen afrikanischen Gesell­ genen Antworten zu finden. Einmal kam von einer Zuschauerin die Frage: Ich bin HIV- schaften gibt es durchaus die Vorstellung, positiv, mein Partner ist negativ, wie können dass ein Stammesoberhaupt für die Men­ wir trotzdem ein Baby haben? Unsere Mode­ schen Verantwortung trägt und ausgewech­ selt werden kann, wenn er versagt. Dieses ratoren beantworten solche Fragen. System wurde in der Moderne transformiert. Erzeugt diese Offenheit auch Konflikte? Heute haben wir Diktatoren in Afrika, die Ja. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wir zeigten von sich behaupten, Demokraten zu sein. in einem Gefängnis in Lesotho den Film „A Wie Robert Mugabe, das Staatsoberhaupt Fighting Spirit“ über einen Menschen, der von Simbabwe. Solche Widersprüche können HIV-positiv ist. Bei der anschließenden Dis­ die Menschen nicht miteinander in Einklang kussion stand ein Häftling auf und sagte den bringen. anderen: „Ich bin auch HIV-positiv.“ Das er­ zeugte eine sehr gespannte Stimmung. Sein Das Interview führte Carmen Eller Zellengenosse fuhr ihn an: „Das hast du mir nie gesagt, du hast mich in Gefahr gebracht.“ Weitere Informationen unter: www.whydemocracy.net

Foto: Carmen Eller (1), Max Edkins (2)

„Wir wollen Fragen stellen“

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Kulturprogramme

Lauter erste Geigen Zum Musikfestival Young Euro Classic kommen jedes Jahr internationale Jugendorchester nach Berlin. Eine Geigerin aus Aserbaidschan berichtet von ihren Erfahrungen Von Jamiliya Garayusifili

Foto: Privat

Musik spielt in meiner Familie eine große Rolle. Meine Mutter ist Pianistin und mein Vater Klarinettist. Sie arbeiten beide an einer Musikakademie. Schon als Kind hörte ich klassische Musik, besonders gerne die von Bach. Ich selbst habe im Alter von sechs Jahren angefangen, Geige zu lernen. Ich suchte mir dieses Instrument aus, weil ich es am meisten mochte. Heute gehe ich in eine spezielle Schule mit Musik als Schwerpunkt. Sie ist nach dem hier sehr bekannten Sänger Bul-bul benannt. In Aserbaidschan können wir uns aussuchen, ob wir vormittags oder nachmittags zur Schule gehen. Für mich ist der Nachmittag praktischer. Ich übe also schon am Morgen zu Hause Geige, dann fahre ich zur Schule,

wo um 14 Uhr der Unterricht beginnt und bis 18 Uhr dauert. Wir haben natürlich auch andere Fächer wie etwa Mathematik, aber der Schwerpunkt ist der Musikunterricht. Nach der Schule übe ich wieder. Ich schaue dabei eigentlich nie auf die Uhr, weil ich beim Musizieren die Zeit vergesse. Ich spiele in zwei Orchestern. Eines davon wurde im vergangenen Jahr extra gegrün­ det, um am Young Euro Classic-Festival in Berlin teilnehmen zu können. Wir spielten dort sowohl klassische Stücke von Schubert und Mozart als auch Werke der aserbaid­ schanischen Komponisten Kara Karajew und Fikret Amirow. Letztere stehen in der Tra­ dition von Üsejir Hadschibejow, der bereits Mitte des vergangenen Jahrhun­ derts gestorben ist. Er war der Erste, der klassische Musik und traditionelle aserbaidschanische Musik zusammenbrachte. Das hat zu einem sehr interessanten und spannenden Ergebnis geführt. Der größte Moment während des Festivals war für mich unser Konzert. Eigentlich dachte ich, dass ich beim Festival viele junge Musiker aus unterschiedlichen Ländern treffen würde. Aber lei­ der waren wir nur für drei Tage in Berlin zu Gast. Im Hotel tra­ fen wir Musiker aus der Türkei. Die aserbaidschanische Sprache gleicht der türkischen, sodass es einfach war, sich zu unterhal­ ten. Wir redeten vor allem über Musik, Dirigenten und über die Stücke, die wir jeweils auffüh­ ren wollten. Sie besuchten sogar unser Konzert und wir fühlten uns dadurch sehr von ihnen un­ Der Traum der 16-jährigen Jamiliya: eine internationale terstützt. Karriere als Violinistin Kulturaustausch 111/09

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Bisher hatte ich noch nicht die Gelegenheit, zusammen mit ausländischen Musikern zu spielen. Einen musikalischen Austausch zwi­ schen internationalen Musikern stelle ich mir interessant vor und ich wünsche mir das sehr. Musik ist eine eigene Sprache, die man in der ganzen Welt versteht. Ich merke das, wenn ich im Ausland spiele. Wie die Menschen auf meine Musik reagieren, wie sie applaudieren. Das ist für mich sehr wichtig. Mit aserbaid­ schanischen Orchestern war ich bereits in Moskau, Berlin, Paris, Straßburg, Stockholm und Brüssel. Ich würde sehr gerne einmal in einer Moschee bei uns auftreten, aber das geht leider nicht, da dort ausschließlich tra­ ditionelle nationale Instrumente und Musik erlaubt sind. Der Islam ist in Aserbaidschan Staatsreligion, aber längst nicht so streng wie in anderen Ländern, etwa in Iran. Frauen kön­ nen hier unverschleiert auf die Straße gehen und tun, was sie möchten. Neben klassischer Musik mag ich ehrlich gesagt auch Bands wie Tokio Hotel oder Cine­ ma Bizarre. Ansonsten fahre ich gerne Skate­ board. Ich liebe es außerdem, zu malen und Sprachen zu lernen. Meine Muttersprache ist Aserbaidschanisch, ich spreche aber auch Rus­ sisch und Englisch. Mit Deutsch möchte ich im nächsten Jahr anfangen. Viele Menschen in Aserbaidschan lernen die deutsche Sprache und vielen gefällt die deutsche Kultur. Protokolliert von Christine Müller Jamiliya Garayusifili wurde 1994 in Baku, Aserbaidschan, geboren. Dort lebt sie auch heute. Sie geht noch zur Schule und spielt als Violinistin in zwei Orchestern. Garayusifili steht im „Goldenen Buch der aserbaidschanischen Talente“. Das Young Euro Classic-Festival feiert zehn-

jähriges Jubiläum. Vom 7. bis 23. August 2009 spielen Jugendorchester aus der ganzen Welt in Berlin. Das Festival wird aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und von Unternehmen und Stiftungen gefördert. Weitere Informationen unter: www.youngeuro-classic.de

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DIE NEUE TAZ MIT

SONNTAZ

Lernen Sie die taz neu kennen mit dem 5 Wochen Abo f端r nur 10 Euro. T (030) 25 90 25 90 | abo@taz.de | www.taz.de/neuetaz MAG2_usa.indd 82

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leseRBRIeFe / KoMMeNTARe

Berichtigung

1/2009 – Thomas Hummitzsch: „Burma – ein Zerrbild“ In der Besprechung des Bildbandes „Burma - Myanmar. Im Herzen eines unbekannten landes“ von Thomas Hummitzsch ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Das Vorwort zum Buch hat Ma Thanegi verfasst und von ihr stammen auch die in der Rezension erwähnten Zitate. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Friedliches Miteinander 2/2009 – Mamoun Fansa: „Fabelhafte Verwandtschaft“

Dass die orientalische Fabeldichtung auch die unsere so positiv beeinflusst hat, ist sicher vielen Bürgern nicht bewusst. Den Artikel mit den eindrucksvollen Bildern las ich mit großem Interesse. Wie nahe wir uns heute weltweit im täglichen leben sind, wird uns beim Betrachten der gelungenen schilderung im gleichen Heft klar, zu deren Verständnis es nicht einmal gegenseitiger sprachkenntnisse bedarf. Ich freue mich über jede neue Ausgabe der Kulturzeitschrift und die ausgezeichnete Themenwahl. Nur der Kulturaustausch kann ein friedliches Miteinander der Völker erwirken. Henning Pfeifer, Kronberg

Weit geflogen

ifa-Ballon landet in Frankreich Beim ifa-Fest am 23. April in Berlin ließen die Gäste Hunderte von luftballons steigen. Die Redaktion von KulTuRAusTAuscH erreichte später folgender Brief: „Guten Tag, der Ballon ist am 24.04.2009 in Frankreich angekommen. Mein Name ist emmanuel Giroudiere und ich wohne in einem kleinen Dorf zwischen st. etienne und lyon. Bis bald.“ Auf telefonische Nachfrage fanden wir heraus: emmanuel Giroudiere ist 32 Jahre alt und arbeitet als Jäger.

Leserbriefe bitte an: leserbrief@ifa.de

KULTURAUSTAUSCH Zuletzterschienenehefte: 2/2009 Treffen sich zwei – Westen und Islam

1/2009 Menschen von morgen – 17-Jährige erzählen aus ihrer Welt

4/2008 Atatürks Erben – Die Türkei im Aufbruch

3/2008 Wir haben die Wahl – Von neuen und alten Demokratien

2/2008 Heiße Zeiten – Wie uns das Klima verändert

1/2008 Ganz oben – Die nordischen länder

4/2007 Frauen, wie geht’s ?

3/2007 Toleranz und ihre Grenzen

2/2007

Foto: Privat

unterwegs – Wie wir reisen

Zu bestellen bei conbrio@pressup.de Weitere Informationen unter www.ifa.de Kulturaustausch111/09

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Impressum

Termine

Impressum

Ausschreibung Künstler, Nichtregierungsorganisationen, Regierungsinstitutionen und Unternehmen aus der arabischen Welt können sich mit Kunstprojekten (Film, Darstellende und Visuelle Kunst, Literatur und Forschung) um finanzielle Unterstützung beim Arabischen Fonds für Kunst und Kultur (AFAC) bewerben. Der AFAC ist eine private Stiftung mit Sitz in Amman, die von der EU unterstützt wird. Einsendeschluss ist der 31. August 2009. Weitere Informationen unter: www.arabculturefund.org

KULTURAUSTAUSCH – Zeitschrift für internationale Perspektiven erscheint vierteljährlich mit dem Ziel, aktuelle Themen der internationalen Kulturbeziehungen aus ungewohnten Blickwinkeln darzustellen. Autoren aus aller Welt tauschen sich über Wechselwirkungen zwischen Politik, Kultur und Gesellschaft aus. Die Zeitschrift erreicht Leser in 146 Ländern. Ein Schwerpunktthema in jeder Ausgabe fokussiert die wachsende Bedeutung kultureller Prozesse in der globalisierten Welt. KULTURAUSTAUSCH wird vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und dem ConBrio Verlag in Public Private Partnership herausgegeben und durch das Auswärtige Amt finanziell unterstützt. Das Institut für Auslandsbeziehungen engagiert sich weltweit für Kulturaustausch, den Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermittlung außenkulturpolitischer Informationen. Als führende deutsche Institution im internationalen Kunstaustausch konzipiert und organisiert das ifa weltweit Ausstellungen deutscher Kunst, fördert Ausstellungsprojekte und vergibt Stipendien. Das Institut für Auslandsbeziehungen bringt Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in internationalen Konferenzen und Austauschprogrammen zusammen und unterstützt die zivile Konfliktbearbeitung. Es engagiert sich in vielfältigen Projekten mit nationalen und internationalen Partnern wie Stiftungen und internationalen Organisationen. Die ifa-Fachbibliothek in Stuttgart, das Internetportal www.ifa.de und die Zeitschrift KULTURAUSTAUSCH gehören zu den wichtigsten Informationsforen zur Außenkulturpolitik in Deutschland.

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Herausgeber: Institut für Auslandsbeziehungen Generalsekretär Ronald Grätz Chefredakteurin: Jenny Friedrich-Freksa Redaktion: Carmen Eller, Karola Klatt Mitarbeit: Timo Berger, Rosa Gosch, Claudia Kotte, Adina Mohr, Christine Müller, Young-Sim Song, Nina Wendrich Redaktionsassistenz: Birgit Hoherz Gestaltung: Heike Reinsch Schlussredaktion: Kathrin Kurz Redaktionsbeirat: Theo Geißler, Verleger, Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrates, Regensburg Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun Redaktionsleiter SWR International, Stuttgart Dr. Peter Münch Süddeutsche Zeitung, München Annette Priess Auswärtiges Amt, Berlin Dr. Claudia Schmölders Kulturwissenschaftlerin Humboldt-Universität zu Berlin Prof. Dr. Olaf Schwencke Präsident der Deutschen Vereinigung der Europäischen Kulturstiftung für kulturelle Zusammenarbeit in Europa, Berlin Ilija Trojanow Schriftsteller

Redaktionsadresse: Linienstr. 155 10115 Berlin Telefon: (030) 284491-12 Fax: (030) 284491-20 E-Mail: kulturaustausch@ifa.de www.ifa.de Leserbriefe: leserbrief@ifa.de Objektleitung: Sebastian Körber Institut für Auslandsbeziehungen Charlottenplatz 17 70173 Stuttgart Tel. (0711) 2225-0 Fax: (0711) 2264346 E-Mail: info@ifa.de Verlag: ConBrio Verlagsgesellschaft mbH Brunnstr. 23 93053 Regensburg Telefon: (0941) 945 93-0 Fax: (0941) 945 93-50 E-Mail: info@conbrio.de Lithografie: Kartenhaus Kollektiv Regensburg Druck: Aumüller Druck Regensburg Anzeigenakquise: Elke Allenstein Telefon: (0178) 8769869 E-Mail: allenstein@conbrio.de Abonnement und Vertrieb: PressUp GmbH Telefon: (040) 41448466 E-Mail: conbrio@pressup.de Postvertriebszeichen: E 7225 F ISSN 0044-2976 KULTURAUSTAUSCH erscheint vierteljährlich. Bezugspreis pro Jahr (4 Hefte): 20 Euro und Zustellgebühr. Preis Einzelheft: 6 Euro. Bestellungen über den Verlag oder den Buchhandel.

Foto: Al Haosh/ AFAC

Fachliteratur im Internet Wer im Internet nach Literatur zu Themen der Auswärtigen Kulturpolitik, zu sicherheits- oder entwicklungspolitischen Fragen sucht, kann dies nun über ein neues Fachportal tun. IREON ermöglicht Zugriff auf Fachdatenbanken und Bibliothekskataloge. Auch die Volltext-Versionen internationaler Abkommen sind integriert. Das Portal ist ein Angebot des Fachinformationsverbundes Internationale Beziehungen und Länderkunde (FIV), eines Zusammenschlusses von zwölf führenden deutschen Fachinformationseinrichtungen. Weitere Informationen unter: www.ireon-portal.de

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Kulturorte

Radu Paraschivescu über das Bukarester Kloster Caşin Mit 13 ist die Ehe ein Märchen. Ich wollte damals nicht nur ein Mädchen, sondern gleich eine Straße, ein Kloster und eine Gegend zur Frau nehmen. Wenn aber Körper und Geist noch zart sind, verwechselt man die Gefühle mit den Wörtern und die Liebe mit dem Begehren. Das Mädchen hieß Narcisa und blühte inmitten der Blumen auf dem Hof. Ich sah sie jedes Mal, wenn sie hinausging, zwischen Rosen, Dahlien und Lilien aufgehen. Die Straße wurde von Bäumen bewacht und von Düften betört. Mächtige Linden streckten ihre Wurzeln unter dem Asphalt des Bürgersteigs hervor und lockten die Unaufmerksamen in ihre Falle. Ich war noch nie in Narcisas Haus gewesen, hatte aber schon oft mit offenen Augen von einem Angriff geträumt – als Ritter gerüstet, sie schüchtern wartend hinter dem Fenster im ersten Stock. Zwischen uns – als Despot und Drache – ihr Vater mit messerscharfem Lächeln, den Körper herausfordernd nach vorn gebeugt. Nachdem ich den grausamen Wächter besiegt hatte, erklomm ich die schneckenförmige Treppe. Ich ergriff Narcisas Hand, wir stoben aus dem mit Blumenfröhlichkeit angesteckten Haus und hielten erst auf den Treppen des Klosters Caşin. Nicht weit von uns prangte der Triumphbogen am Rande des Herăstrău-Parks in Bukarests schickem Norden. So drückend er an den Krieg erinnerte, so diskret murmelte das Kloster vom Frieden. Im Zweiten Weltkrieg hatten Nonnen hier Kinder versorgt. Die Eingangssäulen, gewunden wie das Schicksal selbst, wachten über unser Zusammenkommen. Wir wandten unsere Gesichter einander zu, als gehörten wir ins Happy End eines Films. Seitdem sind 35 Jahre vergangen. Das Kloster ist immer noch dort, der Hüter eines Berges von Träumen. Die Kuppel ist mittlerweile grün, als hätten die Bäume ringsum ihr einen Teil ihres Blattwerks geliehen. An den Säulen lehnen Liebende der Nacht. Vor dem Kloster ist inzwischen ein Rugbyfeld aufgetaucht – eine Frechheit, die sich die Gegenwart gegenüber der Vergangenheit erlaubt. Immer wenn ich dort vorbeigehe, fühle ich meine Wangen glühen und mir scheint, als rufe mich Narcisa, versteckt in einer duftenden Lindenkrone.

Aus dem Rumänischen von Adina Mohr

Foto: Andrei Gamart

Radu Paraschivescu, geboren 1960 in Bukarest, studierte englische und französische Philologie und lebt als Schriftsteller, Übersetzer und Journalist in der rumänischen Hauptstadt. Seit 2003 arbeitet er als Redakteur für den Verlag Humanitas, wo 2006 sein Buch „Kursbuch des Grobians“ („Ghidul nesimtitului“) erschien, eine ironische Betrachtung rüpelhaften Benehmens, das in Rumänien zum Bestseller wurde.

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Köpfe

Clowns ohne Grenzen

Politisches Theater

Anita Fricker bringt Menschen in schwierigen Zeiten zum Lachen

Erde aus allen Ländern Mit einem Ohr auf der Erde, so lag sie als Kind oft im Garten ihrer Eltern, erzählt Li Koelin. Seit 1989 lebt die niederländische Künstlerin in Berlin, vor einem Jahr zog sie nach Neukölln. Ein bunter Bezirk, der auch ihr aktuelles Projekt „Die Erde ist unteilbar“ inspiriert hat. Anlass war das Festival „48 Stunden Neukölln“, das dieses Jahr unter dem Motto „Humus“ steht. „Menschen aus 160 Nationen wohnen in Neukölln“, erfuhr die Künstlerin vom Berliner

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Der Nächste, bitte Die Probleme mittelloser Marokkaner kennt Basma keit in rumänischen Waisenhäusern, Armut Koubaiti, 24, gut. Alle drei Monate bietet die Medizinin Romasiedlungen oder Hoffnungslosigkeit studentin aus Rabat zusamauf deutschen Kinderkrebsstationen. Überall men mit Kommilitonen offene gilt: „Der Clown darf Dinge ansprechen, die Sprechstunden in den Armenandere nicht ansprechen dürfen – so kann er manchmal Grenzen überschreiten.“ vierteln ihrer Heimatstadt an. Die angehenden Der nächste Auslandseinsatz wird Anita Ärzte organisieren im Rahmen ihres Vereins Fricker und Clowns ohne Grenzen im Janu­ „Essor“ auch Spendenaktionen für Problemar nächsten Jahres nach Sri Lanka führen patienten. Die Initiative finanziert sich allein – bei dieser Gelegenheit kooperieren die durch Spendengelder.Koubaiti meint: „Wir Spaßmacher mit den belgischen „Clowns et helfen lieber langsamer und bleiben dafür Magiciens sans Frontiers“. unabhängig.“

Landesamt für Statistik. „Das Nomadische, das hier zusammentrifft, hat anderswo seine Wurzeln“, davon ist Koelin überzeugt. Um diese Wurzeln symbolisch sichtbar zu machen, will die Künstlerin Erde aus den 160 Herkunftsländern der Neuköllner sammeln. Sie hat dafür alle Botschaften angeschrieben und um Erde gebeten. Mittlerweile hat sie Zusagen von 35 Ländern. Erde ist für Koelin, deren Großeltern Bauern waren, ein lebendiger Stoff. Für die Präsentation ihrer Sammlung will sie in einem Glas Erde aus allen Ländern zusammenmischen: Bei aller Verschiedenheit sollen die Neuköllner so über die Heimaterde vereint sein.

Schule im Senegal Aykan Bacaksoy ist einer der ersten Teilnehmer von „Kulturweit“, dem Freiwilligendienst des Auswärtigen Amts. Ab September 2009 unterstützt der 19-Jährige auf einer Militärschule bei Saint-Louis im Senegal ein Jahr lang die Deutschlehrer vor Ort. Bacaksoy hofft, während des Freiwilligendienstes besser Französisch und Englisch zu lernen und Erfahrungen im Unterrichten zu sammeln. „Als Deutscher türkischer Eltern möchte ich vor allem vermitteln, wie multikulturell Deutschland ist.“

Fotos: Privat, Timo Berger (2)

„Ein Clown holt einen ins Hier und Jetzt“, sagt die Mainzerin Anita Fricker, Gründungs- und Vorstandsmitglied von Clowns ohne Grenzen. Der gemeinnützige Verein organisiert seit 2007 Clowntheater für Menschen in Armut, Krankheit oder anderen schweren Zeiten. Lachen soll dabei helfen, die Probleme für einen Moment zu vergessen: „Dass man speziell für die Menschen da ist, freut sie ungemein, und das lassen sie einen auch spüren“, so die 35jährige ausgebildete Schauspielerin. Berührungsängste gab es vor allem bei den Kindern, für die Fricker in den vergangenen Jahren in Waisenhäusern, Schulen und Kli­ niken in Deutschland und Osteuropa gespielt hat, kaum. Auf ihren Reisen führen Fricker und ihre Kollegen zusätzlich zum Programm auch interessierte Erwachsene vor Ort in die Kunst des Clowntheaters ein. In Planung sind darüber hinaus eigenständige Ausbildungs­ projekte. Auch außerhalb des Vereins arbeitet Fri­ cker hauptberuflich als Clown: in Kranken­ häusern, Kindergärten und sozialen Einrich­ tungen. Die Clownsmaske hilft der Schauspie­ lerin, die nötige Distanz zu wahren, um mit den oft schweren Schicksalen ihrer jungen Zu­ schauer besser umgehen zu können: Einsam­

Seit 2001 Boote mit Flüchtlingen aus dem Irak acht Tage lang nicht an der australischen Küste anlegen durften, interessiert sich die Australierin Christine Bacon für Menschen auf der Flucht. Sie studierte Forced Migration in Oxford und rief das Projekt „Actors for Human Rights“ ins Leben. Mit über 350 Schauspielern und Musikern macht sie Menschenrechte zum Theaterthema. Die Resonanz ist riesig: „Die Menschen sind geschockt und bewegt“, sagt Bacon. In ihrem nächsten Projekt will sie Gesetze zur Terrorbekämpfung unter die Lupe nehmen.

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pressespiegel

Internet-Piraten

Tödliche Tradition

Oberster Kulturchef

Hohe Strafen für die Betreiber der schwedischen Internettauschbörse „Pirate Bay“

In einem osttürkischen Dorf sterben 44 Menschen bei einem Massaker auf einer Hochzeitsfeier

Rocco Landesman soll die wichtigste Kulturbehörde der Vereinigten Staaten leiten

Ein schwedisches Gericht hat einen verheerenden Schlag gegen das Austauschen von Dateien im Internet getätigt, indem es Gefängnisstrafen gegen die Gründer von „Pirate Bay“ verhängte – eine Grundsatzentscheidung mit vermutlich lang anhaltenden internationalen Auswirkungen. Der schwedische Richter verurteilte die vier Männer hinter „Pirate Bay“ […] wegen Begünstigung Tausender Fälle von Copyright-Verletzungen.

Laut Innenminister Atalay ging es um eine Familienfehde ohne terroristischen Hintergrund, um eine Tragödie im privaten Bereich sozusagen. Verständlich, dass die türkische Regierung den Fall gerne derart heruntergespielt dargestellt wissen möchte. Aber die Umstände werfen doch ein grelles Licht auf ein Land, das seit Langem Kandidat für die Mitgliedschaft in der EU ist.

Rocco Landesman, ein Impresario vom Broadway mit schillernder Persönlichkeit und unverblümter Offenheit, ist von der Obama-Administration auserwählt worden, das National Endowment for the Arts zu leiten. […] Wenn seine Nominierung vom Kongress bestätigt werden sollte, wird Landesman die Behörde wohl wachrütteln. Sie ist die größte Kulturorganisation des Landes mit einem Budget von 145 Millionen Dollar. Dennoch wird sie von vielen lediglich als passiver Geber staatlicher Mittel gesehen.

Matt Hartley in THE GLOBE AND MAIL (Toronto) vom 16.05.2009

Es klingt alles immer so süß. „Pirate Bay“, Piratenbucht, nennt sich die mit 25 Millionen Nutzern weltgrößte Anleitungsbörse für Film- und Musikdiebstahl im Internet – und weckt damit Assoziationen wie Schatzinsel oder Fluch der Karibik. [...] An edle Wilde sollen wir dabei denken, die für so rückwärtsgewandte Konzepte wie geistiges Eigentum einfach kein Verständnis mehr haben. Susanne Gaschke in DIE ZEIT (Hamburg) vom 23.04.2009

Wir leben in einer Welt digitaler Inhalte [...], doch immer noch glauben viele in der Unterhaltungsindustrie, sie könnten sich dieser neuen Realität verweigern und irgendwie alle Vorteile der digitalen Distribution nutzen, ohne die Kehrseiten zu erleben.

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Bill Thompson in NEW STATESMAN (London) vom 30.04.2009

Thomas Mayer in DER STANDARD (Wien) vom 06.05.2009

Gerade im Südosten der Türkei hat der Staat wenig Interesse daran, die Entwaffnung von Milizen voranzutreiben. [...] Die türkischen Medien weisen darauf hin, dass das Dorf Bilge, in dem sowohl Täter als auch Opfer zu Hause waren, ein „Dorfschützer”-Ort ist, der direkt der lokalen Gendarmerie untersteht. Kai Strittmatter in SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (München) vom 06.05.2009

Wie wäre es, wenn wir über unsere Wahrnehmung der Gewalt diskutierten? Darüber, wie die meisten von uns [...] dazu tendieren, Gewalt auf der Basis ihrer Herkunft zu legitimieren? Wenn der Ausgangspunkt der Gewalt die männlichdominierte Kultur ist, wird sie meistens legitimiert; ist der Ausgangspunkt der Staat und sein Apparat, dann zum Teil; und wenn es die terroristische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist, dann kaum. Ayse Karabat in SUNDAY’S ZAMAN (Istanbul) vom 10.05.2009

Uns wird ein Bild vorgegaukelt: Legionen von Internet-Kriminellen mit den Fingern auf ihren Trackpads, die Musik mittels BitTorrent herunterladen und niemals für irgendetwas zahlen. Das Fitzelchen guter Nachricht in diesem Tal der Finsternis ist der stetige Anstieg digitaler Musikverkäufe. Millionen von Internet-Gutmenschen mit den Fingern auf ihren Trackpads, die für die Musik, die sie mögen, bezahlen.

Eine viel bessere Idee, Tötungen im Zusammenhang mit Frauen zu verhindern, wäre doch, weibliche Säuglinge gleich nach der Geburt sechs Fuß tief zu vergraben oder gewaltsam abzutreiben, sobald das Geschlecht feststeht. So können wir politisch unsachgemäße Diagnosen verhindern und behaupten, dass „solche schrecklichen Dinge doch auch in der Europäischen Union geschehen“.

Sean Michaels in THE GUARDIAN (London) vom 21.04.2009

Burak Bekdil in HÜRRIYET (Istanbul) vom 13.05.2009

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David Ng in LOS ANGELES TIMES vom 13.05.2009

Von Landesman wird erwartet, dass er sich starkmacht für mehr Geld für die Künste. Für gute administratorische Fähigkeiten oder diplomatisches Geschick ist er weniger bekannt. Eher schon für seine Energie, seinen Intellekt und seine respektlose – mitunter wehtuende – Offenheit. Robin Pogrebin in THE NEW YORK TIMES vom 12.05.2009

Ob auch Washingtons Bürokraten sein ener­ gisches, unkonventionelles Kulturunternehmertum, das sich mit diplomatischen Finessen nicht abzugeben braucht, schätzen lernen, könnte selbst bald ein spannendes Drama abgeben. Jordan Mejias in FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 15.05.2009

Selbst wenn er den Weg der Reform gehen würde, käme er nicht sehr weit. Würde eine zukunftsfähige Kunst […] neu geboren werden, würde das National Endowment for the Arts seine raison d’être verlieren und Bürokratien sind instinktiv unwillig die Probleme zu lösen, deretwegen sie finanziert werden. Michael Knox Beran in NATIONAL REVIEW ONLINE (New York) vom 28.05.2009

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Bücher

Stratege und Schwerenöter 200 Jahre nach seinem Tod wird Simón Bolívar als Befreier Lateinamerikas mehr gefeiert denn je. Der Kulturwissenschaftler Norbert Rehrmann untersucht die Ikone in einer kritischen Biografie Von Peter Burghardt

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ine Auferstehung aus dem Grabe ist im magischen Realismus der lateinamerikanischen Literatur jederzeit vorstellbar. In dem Buch „Die Harfe und der Schatten“ des Kubaners Alejo Carpentier zum Beispiel steigt der Entdecker Christopher Kolumbus aus seiner Gruft und nimmt im Vatikan an Beratungen über seine Seligsprechung teil. Verblüfft erfährt der Tote, wie ihn seine Fürsprecher moralisch verklären und dann doch Zweifel an seiner irdischen Vergangenheit hegen. Ein Ausflug dieser Art in die gegenwärtige Welt der Lebenden wäre erst recht einem anderen Granden der Geschichte zu gönnen. Simón Bolívar, der Vater eines gewichtigen Teils der südamerikanischen Unabhängigkeit, würde mit vermutlich ähnlicher Überraschung erleben, wie er es bald 200 Jahre nach seinem Tod mancherorts zum Nationalheiligen geschafft hat. Vor allem daheim, im aktuellen Reich seines selbsternannten Wiedergänger Hugo Chávez.

Foto: UKI/interbrigadas.com

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alb Venezuela trägt unterdessen seinen Namen, damit hätte Bolívar seinerzeit nicht rechnen können. Er starb verarmt in kolumbianischer Tristesse und war zu Lebzeiten mehrmals aus der Heimat geflüchtet, ehe sein Feldzug durch die heutigen Nationen Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien gelang. Knapp zwei Jahrhunderte später machte Chávez Venezuela zur Bolivarischen Republik Venezuela. Schulen verwandelten sich in Bolivarische Schulen, Kindergärten in „Simoncitos“, die schwache Währung bekam den etwas irreführenden Titel „Bolívar Fuerte“, „Starker Bolívar“. Eine Hauptstraße von Caracas heißt schon länger Avenida Bolívar und der Hauptplatz im Zentrum Plaza Bolívar, in der Mitte steht natürlich eine Bolívar-Statue, alles Treffpunkte rotbekleideter Chavisten. Seine stundenlangen Kulturaustausch 111/09

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as für eine Renaissance! Selbst Chávez’ rätselhaftem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ dient der vielseitige Eroberer als Modell, dabei hatte er mit dem Fußvolk eher wenig zu tun gehabt. Simón José Antonio de la Santísima Trinidad de Bolívar y Palacios wurde 1783 als Sohn eines eingewanderten Großgrundbesitzers geboren. Der nachmalige Feldherr war ein Spross jener verwöhnten Elite, die Chávez für die Ursache der kontinentalen Übel hält. Der Bolívar-Clan genoss Reichtum und Bildung, der clevere Simón bekam die besten Lehrer, darunter den prominenten Simón Rodríguez. Er reiste und vergnügte sich nach Belieben. Er erbte Ländereien, Residenzen, Minen, Plantagen, wobei ihm wegen Verschwendungssucht und Spendiergeist irgendwann das Geld ausging. Jedenfalls „war es dem Sprössling einer reichen Kreolenfamilie nicht in die Wiege gelegt, zum Amerika-Befreier zu werden“, wie Rehrmann vermerkt. Seine Sippe litt keineswegs unter dem kolonialen Joch und die elitäre Herkunft

Reden hält der presidente bevorzugt vor einem Ölgemälde des libertadors. Und am Mausoleum mit den mutmaßlichen Resten wiederholte Chávez den römischen Schwur seines Idols: Er werde nicht ruhen, „bis wir die Oligarchie, die deinen Traum verriet und dein vor 200 Jahren begonnenes Werk zerstörte, restlos beseitigt haben“, was die venezolanische Oberschicht getrost als Drohung verstehen darf. An diesen vorläufigen Gipfel der BolívarManie knüpft der Kulturwissenschaftler Norbert Rehrmann zu Recht seine exzellente Biografie der Ikone. Das Phänomen haben Heerscharen von Historikern und Mit Ausnahme von Che Guevara wird wohl Schriftstellern kein anderer Freiheitsheld mit solch vor ihm untersucht – in Gabriel religiöser Inbrunst bewundert und benutzt García Márquez’ Werk „Der General in seinem Labyrinth“ wurde die traurige und Weltsicht begleitete den späteren Waisen Schluss-etappe des Anden-Napoleon auf li- auf seiner kurzen und intensiven Odyssee. terarisches Weltniveau gehoben. Aber angeDennoch wandte sich niemand so entschlossichts der Politwende in Bolívars ehemaligem sen gegen das Königreich „aus dem Land hinter Revier gab es nun erst recht Anlass für eine den Pyrenäen“ wie dieser begüterte Bonvivant, zeitgenössische Betrachtung. Außer vielleicht der die Spanier fortwährend als „Henker“ und dem ewigen Guerillero Che Guevara wird ja „Tiger“ bezeichnete. Das Urteil traf zu: 90 vor allem von den neuen Revolutionären um Prozent der südamerikanischen Ureinwohner Chávez kein anderer Freiheitsheroe mit solch wurden von den Konquistadoren massakriert, religiöser Inbrunst bewundert und benützt. es war einer der schlimmsten Völkermorde Sogar Rehrmanns Buch „Die Lebensgeschichte der Weltgeschichte. Nur war und ist die kreodes Mannes, der Lateinamerika befreite“ trägt lische Minderheit politisch oft nicht weniger eine kleine Überhöhung im Titel, denn Bolí- ignorant, darunter leidet die Region bis heute. var war trotz seiner Abstecher in den Norden Bessergestellte Kreise von Caracas oder der vor allem in Südamerika erfolgreich. Doch bolivianischen Stadt Santa Cruz vermitteln der Autor beschreibt sehr schön und frisch, zuweilen den Eindruck, als seien der ehemawie es dieser Stratege und Schwerenöter aus lige Fallschirmjäger Chávez oder der frühere bestem Hause trotz aller Rückschläge zum Kokabauer Evo Morales vom Himmel gefallen Seriensieger über die spanische Kolonialmacht – viele verstehen nicht, dass beide Aufsteiger und Herrn über vier Staaten brachte, vom Produkt der sozialen Verhältnisse sind, weil sie Vertriebenen zum Kultobjekt von links und die Slums meistens nur vom Hörensagen kenrechts, von Künstlern und Literaten. nen und sich in ihren Villen hinter Mauern vor

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der Realität verschanzen. Jedenfalls – Bolívar hasste die Iberer der Madre Patria, obwohl er außer Rom, London und dem revolutionären Paris auch gerne Madrid aufsuchte, am Hofe Federball spielte und sich später in eine verheiratete Spanierin verliebte. Ein lebensfroher Heißsporn also ritt gegen das spanische Weltreich an und legte „den Grundstein für die Freiheit Südamerikas“. Er propagierte einerseits die Ideale Voltaires und Montesquieus und hielt andererseits an einer Zwei-Klassen-Gesellschaft und an einem autoritären Zentralismus fest. Die napoleonischen Krönungen im fernen Europa stießen ihn ab und zogen ihn an. Allerdings erlebte schon Bolívar in jenen Jahren, dass ohne weitläufige Basis kein Staat zu machen ist. Entscheidenden Beistand leisteten ihm zwischenzeitlich die wilden Reiter des venezolanischen Tieflands und einstigen Sklaven. Der „Krieg auf Leben und Tod“ war sein Elixier. Über die Schlachtfelder von Boyacá bis Carabobo gelangte er bis 1824 an die Spitze von Neu-Granada, Venezuela, Peru und Bolivien. Der cäsarische Taktiker begrub ein spanisches Imperium, in dem die Sonne nicht untergegangen war. Vor allem für Neulinge schildert Rehrmann wunderbar die Chronologie der Niederlagen und Triumphe. Und widmet sich besonders Ehrgeiz und Machtinstinkt dieses Latin Lovers mit seinen ständigen Affären, die ihn ebenso auslaugten wie der ständige Einsatz an allen Fronten. „Soldat am Tag. Liebhaber in der Nacht“ – Bolívar war passionierter Schürzenjäger und ruhmverliebter Krieger, begabter Tänzer und getriebener Solist. Ehrgeizig, eitel, besessen. Ein Rhetoriker, der großartige Texte schrieb und flammende Reden hielt, dessen wohlfeile Inhalte aber nicht immer zu seinem Handeln passten. Ein egomanischer Aristokrat, der laut eigener Beschreibung selbst im Kugelhagel meditieren konnte. Ein frühreifer, machtgieriger und am Ende tragischer Supermacho mit eisernem Willen, der bald ahnte, dass er irgendwann stürzen würde. Eine Persönlichkeit, so gegensätzlich wie Lateinamerika. Machiavelli Bolívar gab den liberalen Erneuerer „gegen die infame Sklaverei“. Und lebte Klassendünkel und absolutistische Repression. Er propagierte hier regelmäßige Wahlen und dort die starke Führerfigur, zu viel Demokratie

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waren ihm und seinem Gefolge stets suspekt. hoben Bolívar zum „nobelsten Sohn“, zum „geEr predigte, dass er „die totale Macht verab- nialen Alleskönner“, zur „göttlichen Stimme“. scheue“, und riss sie immer wieder an sich: Gabriel García Márquez verlieh ihm in seinem „Solange ich das Schwert in der Hand halte, feinsinnigen und kritischen Roman „das Maxigibt es hier weder Tyrannen noch Anarchie.“ mum an Ruhm, das jemals einem Amerikaner, Er witterte, vielfach zu Recht, überall Feinde lebendig oder tot, zuteil wurde“. Konservative und verräterische Partner bis Rivalen wie Politiker und Rebellen bedienen sich gleicherSantander, San Martín, Sucre. „Ich fürchte den maßen. Für Spötter Karl Marx war Bolívar Frieden mehr als den Krieg“, gab Bolívar zu. ein „despotischer Möchtegerndiktator“, doch Grundzüge eines klassischen Caudillo. Auch selbst mit Marx wird die Allzweckwaffe am an diesen Gegensätzen orientiert sich Hugo Vorabend des 200. Unabhängigkeitsjubiläum Chávez, der alle möglichen Abstimmungen kombiniert. Bolívars widersprüchliche Zitate gegen die Opposition gewinnt und gleichzeitig finden in unterschiedlichen Lagern nach Beden Rechtsstaat aushöhlt. lieben Verwendung. Selten war Simón Bolívar Rehrmann analysiert Erfolg und Versagen dermaßen populär wie unter Chávez, Morales einer ebenso beeindruckenden wie kuriosen und den anderen Reitern einer linken Welle, Gestalt. Es ist die Geschichte einer sagenhaften die traditionelle Parteien und Präsidenten Reise mit tragischem Ende, weil Bolívar die hinwegspülte. Rehrmann beschreibt sehr schön, wie der Tagespolitik ungleich schwerer fiel als der permanente Kampf. „Südamerika ist von uns reiche Kreole Bolívar mit ideologischen Verunregierbar“, klagte er, als die Selbstzweifel renkungen auf diese Weise auch zum Heroen und K rank heiten überhandnahmen. Seine ständigen Affären laugten Rehrmann schreibt vom „Niedergang ihn ebenso aus wie der ständige Einsatz eines polit ischen an allen Fronten Projekt s, das zu einer offenen EinMann-Diktatur verkam“. Die glorreichen Siege der Entrechteten wurde. Seine Reste, oder das, mündeten in Bruderkämpfe und Separationen, was man dafür hält, ruhen in einem Mausoin Bolívars Depressionen und den frühen und leum in seiner Geburtsstadt Caracas. Hugo einsamen Tod 1830 in der kolumbianischen Chávez steht gerne andächtig mit Staatsgästen Karibik. Der idealistische bis größenwahn- dort, und er kam sogar auf die Idee, Bolívars sinnige Traum vom vereinten Lateinamerika wahre Todesursache von Wissenschaftlern und künstlichen Megagebilde Großkolumbien untersuchen zu lassen. Es würde ihn nicht zerfiel womöglich für immer. Unterdessen wundern, wenn sein Vorbild einst von finstesind das rechts regierte Kolumbien und das ren Mächten der Bourgeoisie vergiftet worden links regierte Venezuela eher zerstritten und wäre. Man darf gespannt sein, was ihm sonst ein Regionalpakt unter dem Kürzel ALBA noch alles einfällt. Ansonsten hält der coman(Morgenröte) vereint im Namen des toten dante Chávez dem libertador stets einen Stuhl Visionärs hauptsächlich Caracas, Havanna, frei, heißt es. Falls es eines Tages klappt mit Managua und Quito. Trotz vieler Gemeinsam- der Rückkehr. keiten und Ansätzen weitreichender Unionen werden sich die lateinamerikanischen Länder Peter Burghardt arbeitet als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Buenos Aires. anders als Europa nicht einig. Dennoch verschaffte der umstrittene Erlöser von der spanischen Knute dem Subkontinent Simón Bolívar. Die Lebensgeschichte des Mannes, der Lateinamerika befreite. Von NorSelbstbewusstsein und schuf eine Führerfigur, bert Rehrman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin die heute mehr gepriesen wird denn je. Die 2009. postume Verehrung fasziniert Rehrmann und mit ihm den Leser besonders. Dichter von José Martí bis zu Rubén Darío und Pablo Neruda erKulturaustausch 111/09

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Üben, üben, üben Training macht den Menschen. Peter Sloterdijk plädiert in seinem aktuellen Buch für eine neue Anthropologie Von Tanja Dückers

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enn einer polarisiert, dann der 1947 in Karlsruhe geborene und dort an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung lehrende Philosoph Peter Sloterdijk. Für die einen ist der Kopf der Fernsehsendung „Das Philosophische Quartett“ eine unumstößliche intellektuelle Instanz, für die anderen ein profilneurotischer Hansdampf in allen Gassen. Während seine „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), eines der meistverkauften philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts, für die einen eine Bibel ist, haben sich andere von ihm wegen seiner vermeintlich sozialdarwinistischen und biologistischen „Regeln für den Menschenpark“ (1999) abgewandt. Keinesfalls leugnen lässt sich allerdings, dass Sloterdijk brisante Themen der Zeit stets früher als andere erfasst. So sprach er 2006 in „Zorn und Zeit“ hellsichtig über die erst zwei Jahre später virulent werdende Finanzkrise, identifizierte „Kollapsverzögerungen in gierdynamischen Systemen” und „Schneeballsysteme, die dem Selbstbetrug von Zinsenjägern zugrunde liegen“. In seinem neuen Buch beschäftigt sich Sloterdijk mit der postsäkularen Wende in Zeiten

zeichnet. Von diesem „Vertikalstreben“ nimmt er an, dass es oft genug mit Religiosität und Glauben verwechselt wird. Der Begriff des Übens ist dabei nicht oder nicht nur im pädagogisch-praktischen Sinne zu verstehen – er hat als zentraler Aspekt der prekären Conditio humana existenzielle Relevanz: Üben meint die menschliche Einsicht in die zwingende Notwendigkeit der Selbst- und Fortbildung. Der auffordernde Titel seines gut 700-seitigen Werks „Du musst Dein Leben ändern“, ist dem Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“ von Rainer Maria Rilke entlehnt. Die stille Betrachtung des Torsos, der wie ein Meditationsgegenstand auf Rilke gewirkt zu haben scheint, löste im Dichter eine intensive Selbstbefragung aus. Diesen Impuls des Nicht-Verharrens und des ebenso unbequemen wie pionierhaften Aufbruchs zelebriert Sloterdijk in seinem neuen Werk – jenes „Vertikalstreben“, ohne das die Menschheit sich nicht weit vom Neandertaler entfernt hätte. Entsprechend weit geht Sloterdijk in seinen Betrachtungen zeitlich zurück: Seine rasante, ausufernde, aber niemals uninteressante Ideenund Verhaltensanalyse führt ihn von den Arenen der Antike zu den frühen Christen, Sloterdijk erhebt eine Übungskultur zum vom Karma indischer Teleologie zu Kafkas Ideal, die in der Askese und Versenkung Hungerkünstler, von ihre Methode findet sezessionistischen Künstlerfiguren um der globalen Krise, der angeblichen Rückkehr 1900 zur modernen Arbeits- und Eventgeder Religion. Dieser Themenkomplex ist ein- sellschaft. Unzählige kulturgeschichtliche gebettet in Sloterdijks Beschäftigung mit dem Exkurse – vom Yogi zum Astronauten – sind kontinuierlichen Streben des Menschen nach lose über den Lern-, Ausbildungs- und ÜbungsVeränderung, nach Optimierung seines a begriff miteinander verbunden. Dabei bekennt sich Sloterdijk zum „Kontinupriori fragilen Daseins. Der Autor konstatiert eine Art sozialpsychologische Evolution, die um kumulativen Lernens, das wir Aufklärung er als permanentes Üben oder auch als nur nennen“. Er glaubt, dass die Einsicht in die dem Menschen eigenes „Vertikalstreben“ be- Selbstbildung des Menschen von der prekären Kulturaustausch 111/09

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Übung macht den Meister „immunitären Verfassung“ des Menschen abgeleitet sei: von seiner anthropologischen Schutzbedürftigkeit und Todesfurcht, die ihn zur beständigen Optimierung seiner Lebensumstände treibe. Den Begriff der Anthropotechnik erklärt Sloterdijk als „die mentalen und physischen Übungserfahrungen, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren“. Hier kommt der Gedanke zum Ausdruck, dass alles menschliche Streben und Üben aus dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit resultiert und dass somit die gesamten Errungenschaften unserer Kultur Ergebnisse dieses Bewusstseins sind. Dem lebenslangen Lernen liegt also ein identitätsstiftender Kern zugrunde. In Sloterdijks Tour de force durch die abendländische Philosophiegeschichte steht ein Denker eindeutig im Zentrum: Friedrich Nietzsche. Mit ihm teilt der Autor die berühmte vitalistische Melancholie, und wie Nietzsche glaubt Sloterdijk, dass der dringend benötigte Ausbruchsimpuls aus dem Gedanken „So kann es nicht weitergehen“ geboren ist: „Es lässt sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.“ Mit Rekurs auf Nietzsches „Übermenschen“ präzisiert Sloterdijk den Kerngedanken seiner philosophischen Handlungsanweisung: „Subjekt wird hiernach, wer (...) vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden übertritt.“ Der Mensch selbst, so der reichlich hoffnungsvolle Anspruch an individuelle Autonomie, bestimmt also die Maßstäbe seines Handelns und nimmt sein Leben, in Sloter-

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dijks Worten: seine Übungszone, in die Hand. Immerhin, Sloterdijk meint nicht mehr als eine Utopie zu entwickeln. Die Ähnlichkeit zwischen seinem „übenden Menschen“ und Nietzsches „Übermenschen“ ist dennoch augenfällig und irritierend. Sloterdijk ist bemüht, die Kontroverse um die vermeintlichen biologistischen Implikationen der „Regeln für den Menschenpark“ nicht wieder aufflammen zu lassen: „Der ‚Übermensch‘ impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: ein akrobatisches Programm.“ Zwar rückt er den Begriff der Leistung in den Vordergrund, doch ist damit weder eine sportliche Wettkampfmetaphorik gemeint noch Leistung im Sinne einer profitorientierten kapitalistischen Gesellschaft. Letzterer attestiert er eine kardinale Verirrung und Fehlleitung, weil sie die Selbsterkennungs- und Lernkultur umgemünzt habe zu Übungen, die nicht länger spirituell-individuelle Ziele verfolgten, sondern lediglich materielle. Was Sloterdijk dagegen zum Ideal erhebt, ist eine Übungskultur, die in der Askese und Versenkung ihre Methode findet – wie am Beispiel von Rilke, den der antike Torso auch hätte kaltlassen können. Die Moderne hat nach Sloterdijk zwar kollektive Anrührungen wie die frenetische Bewunderung von Sportstars hervorgebracht. Allerdings produziert die stille Sehnsucht qua Massenkult und Profitstreben nur noch abrufbare Gefühle, die kein kritisches (Selbst-)Veränderungspotenzial mit sich bringen. Von Nietzsches „Zarathustra“ entlehnt Sloterdijk die Forderung, dass der Mensch sich hinauf- statt fortzupflanzen habe, denn dadurch werde die alte Vertikalität der gesellschaftlichen Hierarchie abgelöst. Und wie Nietzsche – allerdings nicht mit dem Übermenschen, sondern dem schöpferischen, demütigen„homo artista“ – wendet er sich gegen die Religion: „Nicht nur der ermattete homo faber, der die Welt im Modus ‚Machen‘ vergegenständlicht, hat seinen Platz im Zentrum der logischen Bühne zu räumen, auch der homo religiosus, der sich mit surrealen Riten an die Überwelt wendet, darf den verdienten Abschied nehmen.“ „Du musst dein Leben ändern“ ist eine flammende Abhandlung mit aufklärerischem Impetus gegen postsäkulare neoreligiöse Ten-

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denzen, wie sie derzeit salonfähig sind, gegen Mehrzahl der Gläubigen scheint die jeweilige die modische, Wellness-orientierte Sinnsuche Konfession eher als Mittel zur ritualhaften und gegen einen Glauben, den man sich aus- Ordnung ihres Lebens zu fungieren denn als suchen kann und der eher ein Element des wirklich spirituelles Substrat. Abschließend plädiert Sloterdijk mit Verve postmodernen „Anything goes“ zu sein scheint für eine „Ausweitung der Übungszone“, wobei als lebensreformatorische Notwendigkeit. In seiner Einleitung „Zur anthropotech- er wieder auf einen Künstler, in diesem Fall nischen Wende“ schreibt Sloterdijk: „Ein den Schriftsteller Houellebecq, rekurriert. Der Gespenst geht um in der westlichen Welt – das übende Mensch ist für ihn die Voraussetzung Gespenst der Religion.” Zu Recht kritisiert er aller Kultur, lebender Ausdruck von allem die Rückkehr der Religionen als neue alte Sinn- Nicht-Festgelegten und somit Zukunftsfägaranten und vermeintliche Ordnungsstifter higen. Er plädiert jedoch auch für die Ausbilin Zeiten der Krise(n). Anders als das Gespenst dung eines weltumspannenden, der Solidarität des Kommunismus, das im Jahr 1848 kein Wie- verpf lichteten „Ko-Immunismus“, für die derkehrer war, werde der aktuelle Spuk seiner Ausweitung von Menschenrechten und die wiedergängerischen Natur vollauf gerecht. Protektion der Schutzbedürftigen. „Die Mächte des alten Europa haben sich zu Es scheint, als wolle Sloterdijk den Leser aus einer pompösen Willkommensfeier verbündet seiner Passivität und Paralyse reißen und ihn – auf ihr versammeln sich ungleiche Gäste: an den lern- und veränderungsfreudigen Überder Papst und die islamischen Gelehrten, die Übungsmenschen in ihm selbst erinnern. amerikanischen Präsidenten und „Du musst dein Leben ändern“ ist eine die neuen KremAbhandlung mit aufklärerischem Impetus lherren, a lle Metterniche und Guizots unserer Tage, die französischen Ku- Denn am Ende steht hinsichtlich der Analyse, ratoren und die deutschen Soziologen.“ Vom dass es so nicht weitergehe, die Notwendigkeit alten unbedingten Vorwärts seien nur noch eines disziplinierten Aufbruchs mit dem Ziel homöopathische Dosen spürbar: „Es fehlt des „Überlebens aller“. nicht mehr viel, und die letzten HoffnungsImmerhin kann man über den Aufklärer Sloheger aufklärerischen Stils ziehen sich aufs terdijk nicht sagen, dass er ein Amish man sei, Land zurück, als wären sie die Amish der der aus einer Eremitenklause spreche. Trotz Postmoderne.“ gelegentlicher Dramatisierung und, dem Sujet Religionen definiert Sloterdijk als statische, entsprechend, bisweilen etwas überspannten „mehr oder weniger missinterpretierte anthro- „Vertikalstrebens“ bietet „Du musst Dein potechnische Übungssysteme und Regelwerke Leben ändern“ eine äußerst lohnenswerte zur Selbstformung im inneren wie äußeren Lektüre und, wie gewohnt, unvergleichliche Verhalten“. Sie haben nach Sloterdijk stets sprachspielerische Virtuosität. etwas Pathologisches an sich. Einer zunächst kleinen Gruppe gelinge es, ihre Anschau- Tanja Dückers, geboren 1968, lebt als freie ungen, so erratisch sie auch seien, mit der Aura Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt veröffentliabsoluter Wahrheit auszustatten. In einem chte sie die Essaysammlung „Morgen nach eindrücklichen Kapitel erläutert Sloterdijk Utopia“ (Aufbau, Berlin, 2007) und den Roman „Der längste Tag des Jahres“ (Aufbau, Berlin, die Genese einer Religionsgemeinschaft am 2006). Beispiel der Scientology-Sekte. Entgegen allen Statistiken über Zulauf zu den Konfessionen Du musst dein Leben ändern. Über Anthrobehauptet er, dass eine Rückwendung zur potechnik. Von Peter Sloterdijk. Suhrkamp, Religiosität ebenso wenig möglich sei wie eine Frankfurt, 2009. Rückkehr der Religion: „Weil es keine Religion und keine Religionen gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme.” Denn – so kann man ihn verstehen – für die Kulturaustausch 111/09

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Tiefe persische Nacht Mahmud Doulatabadis Roman „Der Colonel“ erzählt vom Untergang einer Familie und dem Zerfall der iranischen Gesellschaft Von Claudia Kotte

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s ist eine Szene, wie sie düsterer kaum sein könnte: schwarze Nacht, unablässiger Regen, zersprungene Fensterscheiben, ein verrostetes Blechdach, zwei bewaffnete Männer. Inmitten der Tristesse ein Colonel, ein gebrochener, alter, verwirrter Mann. Vor Angst zitternd, ketterauchend, soll er in dieser Nacht den Leichnam seiner hingerichteten Tochter Parwaneh abholen und unter die Erde bringen. Hacke und Schaufel muss er erst besorgen, um vor Anbruch des neuen Tages ein Grab auszuheben. So endlos wie der Regen ist auch der Erzählfluss in Mahmud Doulatabadis jüngstem Roman „Der Colonel“, der keine Kapitel kennt. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich ununterbrochen, der Erzähler wechselt von der dritten Person zur ersten Person und wieder zurück, so quälend sind die verschiedenen Stimmen und Erinnerungsfetzen, die ihn überkommen. Autorität besitzt der Colonel trotz seines Titels keineswegs. Stattdessen wird er beherrscht von der Vergangenheit, ist seinen Schuldgefühlen hilflos ausgeliefert: „Angst fließt wie ein Strom in seinem Innersten.“ Sein Bemühen um soldatische Disziplin und Selbstbeherrschung ist vergebens in einer Gesellschaft, die von Verlogenheit, Intrigen und grausamer Gewalt beherrscht wird. Doulatabadi, der wohl prominenteste lebende Autor in Iran, hat über 25 Jahre an seinem neuen Roman gearbeitet, und das merkt man ihm an. „Der Colonel“ ist ein Stimmengewirr der inneren Monologe und ein Drama vom Ausmaß klassischer Tragödien. Erst allmählich verdichten sich die Bruchstücke und Erinnerungsfetzen der Hauptfigur zu einem Tableau des Iran im 20. Jahrhundert. Dort war der Colonel in der Armee des Schah tätig, verweigerte jedoch bei der Rebellion in der Provinz Dhofar im Westen des Oman den Befehl: Bei dem von den Kolonialmächten Kulturaustausch 111/09

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eingefädelten Aufstand wollte er nicht Seite an Seite mit den Engländern kämpfen. Der Colonel ist Patriot; sein Held ist der ehemalige Premier Mossadegh, der Anfang der 1950erJahre die iranische Ölindustrie verstaatlichen wollte und vom amerikanischen Geheimdienst gestürzt wurde. Die Befehlsverweigerung ist nicht sein einziges Verbrechen: Der Colonel hat seine angeblich untreue Frau vor den Augen seines ältesten Sohnes Amir getötet. Später denunziert er unter politischem Druck seine Kinder. Seine Erinnerungen, rückblickend aus den 1980er -Ja h ren erzählt, sind der Versuch, mit dievor den ser Schuld fertig zu werden. Geblieben sind i h m z wei von fünf Kindern. Sein ältester Sohn Amir hat sich vor einem Jahr in den Keller zurückgezogen, wo er von Albträumen verfolgt langsam wahnsinnig wird. Auch ihn holen die Schrecken der Vergangenheit ein. Als Jugendlicher schloss er sich revolutionären Kreisen an, kämpfte gegen den Schah und landete als politischer Häftling im Gefängnis, wo er seinen Vater wiedertraf. Unter Folter wurde er verhört, später nutzt sein ehemaliger Folterer, der Geheimdienstler Khazar Djavid, den Kontakt, um im Haus des Colonel unterzutauchen. Weil Khazar vermeiden will, dass ihn die Geschwister Amirs verraten, tötet er kurzerhand die jüngste Schwester Parwaneh. Der zweitälteste Sohn des Colonels, Mohammad Taghi, wird 21-jährig im Februar 1979 nach dem Sieg der Revolution von der neuen Macht liquidiert, während der jüngste Sohn Masud im ersten Irakkrieg durch eine Kugel völlig entstellt wird: Hand und Unterarm fehlen, die Gedärme sind heraus-

gerissen, das Bein ist am Knie abgetrennt. Dem Leichnam setzt man schließlich einen fremden Kopf auf. Es sind diese stummen Bilder, die Doulatabadis Roman auszeichnen – wenn sich etwa der vom Regen durchnässte Colonel wie eine Leiche in ein Bettlaken hüllt und am Ofen aufwärmt; wenn er Fäulnis, Verwesung, Schweiß und Regen beschwört, die gleichsam durch die Buchseiten aufsteigen. Sprachlich schlicht, emotionslos und ohne zu moralisieren schildert Doulatabadi menschliche Abgründe und Brutalität eindringlich und zeitlos. Vergangene Grausamkeiten erschließen sich dem Leser erst allmählich und sind fast nie explizit. Realität und Wahnsinn verschwimmen im Verlauf des Romans immer mehr. Der Colonel, der ständig das blutige unheilvolle Messer vor sich sieht, mit dem er seine Frau getötet hat, fantasiert in einer seiner letzten Wahnvorstellungen, sein Haus würde von nun an als Irrenanstalt genutzt. In der buchstäblichen

Der Colonel hat seine Frau Augen seines Sohnes getötet und seine Kinder denunziert Finsternis des Romans flackern einzig die Märtyrer-Denkmäler in gleißendem Licht auf, mit denen der für das Vaterland Gefallenen gedacht wird. Was bleibt? Die Toten zu begraben und sich selbst zu töten, um zumindest nicht von fremder Hand zu sterben. So wählen am Ende sowohl Amir als auch der Colonel den Freitod. Im Iran liegt das Manuskript dieses bitteren Romans bei der Zensurbehörde und wurde bislang nicht zur Veröffentlichung freigegeben. So erscheint der persische Roman – dem Unionsverlag sei Dank – in weltweiter Erstausgabe auf Deutsch. Der Colonel. Von Mahmud Doulatabadi. Aus dem Persischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Bahman Nirumand. Unionsverlag, Zürich, 2009. Claudia Kotte ist Übersetzerin und freie Mitarbeiterin bei KULTURAUSTAUSCH.

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Neuerscheinungen

Kunst der DDR

Kulturpolitik

Deutschland – Frankreich

Public Diplomacy

Als Aushängeschild der DDR brachte die Kunst neben dem Sport einen politischen Prestigegewinn und war nicht zuletzt eine wichtige Devisenquelle für die DDR. Gleichzeitig barg der Kunst- und Kulturaustausch aber auch Sicherheitsrisiken. Als es Ende der 1970er-Jahre zum großen Durchbruch der DDR-Kunst auf der 6. documenta in Kassel kam, war das vor allem der Leipziger Schule zu verdanken. In der internationalen Kunstszene hatte die DDR-Kunst jedoch eher einen „Exotenstatus“. Die Studie arbeitet die Besonderheiten der Auswärtigen Kulturpolitik der DDR heraus, die gekennzeichnet war durch das Fehlen nicht staatlicher Akteure, eine eingeschränkte Öffentlichkeit und die Abgrenzung zur Konkurrentin BRD. Weitere Schwerpunkte der Untersuchung sind die Kunstbeziehungen mit Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Darüber hinaus zeigt der Autor auf, welche Rolle die Kunst als Instrument der Auswärtigen Kulturpolitik in der Weimarer Zeit und der Zeit des Nationalsozialismus spielte und wie sie sich in beiden deutschen Staaten nach 1945 entwickelte. (Cz)

Kultur ist Ländersache. Lediglich im Bereich der Auswärtigen Kulturpolitik liegt die Zuständigkeit beim Bund. Seit den 1990er-Jahren hat der Bund jedoch seine Kulturkompetenzen sichtbar ausgedehnt, wie am Beispiel der Städte Bonn und Berlin, der Einrichtung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Gründung der Bundeskulturstiftung deutlich wird. Auf der internationalen Ebene kam nach dem Vertrag von Maastricht die Europäische Union als weiterer Partner hinzu. Welche Konsequenzen hatte diese Entwicklung für die Kultur? Wird die Bundeskompetenz im Rahmen der AKP durch die Initiativen der EU bedroht? Diesen Fragen geht Frank Sommer in seiner Hildesheimer Dissertation nach. Er warnt davor, einseitig auf der Länderhoheit in Kulturfragen zu beharren. Durch Bund und EU konnten viele kulturelle Projekte und Vorhaben finanziert werden, die sonst keine Chance auf eine Realisierung gehabt hätten. Auch eine Konkurrenz zwischen EU und Bund in der AKP kann er nicht feststellen, dazu fänden die außenkulturpolitischen Aktivitäten der EU in zu bescheidenem Umfang statt. (Cz)

Worin unterscheidet sich der Aufbau des französischen Staats vom deutschen Föderalismus? Wie ist die Stellung der Frau in den Gesellschaften dies- und jenseits des Rheins? Welche Rolle spielt der Umweltschutz in beiden Staaten? Wie sieht ein typischer Schultag in Deutschland und in Frankreich aus? Wie viele Käsesorten gibt es in Frankreich und was macht eine deutsche Kaffeetafel aus? In leicht verständlicher Form informiert das vorliegende Buch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland. Neben politischem System, staatlichem Aufbau, Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt, Schule, Ausbildung, Studium bietet der Reader auch Informationen, Analysen und Kommentare zu Kultur und Kulturpolitik, Sprache, deutsch-französischen Initiativen und Kulturprojekten. Ein Abschnitt ist dem Thema Essen, Trinken und Geselligkeit in beiden Ländern gewidmet. Das Buch ist in deutscher und französischer Sprache verfasst und wendet sich an Lehrer und Professoren, Schüler und Studenten, Politiker und allgemein an deutsch-französischen Themen interessierte Leser. (Cz)

Die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift The Annals, die von der American Academy of Political and Social Science an der University of Pennsylvania herausgegeben wird, widmet sich ausschließlich der Public Diplomacy. Teil eins diskutiert theoretische Aspekte des Themas und enthält Beiträge zu sozialwissenschaftlichen Konzepten, Modellen und Methoden sowie zu Komponenten von Public Diplomacy wie Kulturdiplomatie, internationalem Austausch und Auslandsmedien. Weitere Aufsätze beschäftigen sich mit der Rolle von Soft Power in den Außenbeziehungen und der Abgrenzung zu Smart und Hard Power. Teil zwei des Schwerpunkthefts thematisiert die Instrumente von Public Diplomacy wie Nation Branding, neue Technologien des Auslandsrundfunks sowie Austauschprogramme. Teil drei enthält Fallstudien zur Public Diplomacy in Kuba, Venezuela und China. Darüber hinaus wird der Zusammenhang von internationalen Austauschmaßnahmen und dem USA-Bild im Ausland diskutiert. Ein sehr leserfreundlicher vierter Teil fasst strukturiert die einzelnen Aufsätze zusammen. (Cz)

Points de vue – Sichtweisen. France – Allemagne, un regard comparé = Deutschland – Frankreich, ein vergleichender Blick. Von Frank Baasner, Bérénice Manac‘h und Alexandra von Schumann. NDV, Rheinbreitbach, 2008. 269 Seiten.

Public Diplomacy in a Changing World. Hrsg. von Geoffrey Cowan, Nicholas J. Cull, Sage, Thousand Oaks/Cal., 2008. 317 Seiten.

Kunst als Botschafter einer künstlichen Nation. Studien zur Rolle der bildenden Kunst in der Auswärtigen Kulturpolitik der DDR. Von Christian Saehrendt. Steiner, Stuttgart, 2009. 197 Seiten.

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Kulturpolitik als Bewährungsprobe für den deutschen Föderalismus. Von Frank Sommer. Lang, Frankfurt/Main, 2008. IX, 339 Seiten.

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Neuerscheinungen

Kulturpolitik

China lokal

Auslandsrundfunk der USA

Agenda 21 für Kultur, Creative Class, Dialog der Kulturen, Multikulturalität, Staatsziel Kultur, Urheber- und Leistungsschutzgesetz, Weltkulturerbe-Konvention der UNESCO – das sind nur einige der über 160 Stichwörter zur zeitgenössischen kommunalen, regionalen und nationalen Kulturpolitik in Deutschland. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Themen europäischer Kulturpolitik. Neben sachlichen Stichwörtern werden auch Institutionen wie Mittlerorganisationen, Kulturinstitute, Kulturstiftungen und europäische Einrichtungen berücksichtigt. Das Handbuch bietet hilfreiche Orientierungen für die kulturpolitische Praxis. Es richtet sich insbesondere an Studierende, Kulturpolitiker, Journalisten, aber auch an die interessierte Öffentlichkeit. In kurzen, knappen Artikeln wird alles Wissenswerte zum Stichwort zusammengestellt. Weiterführende Literaturhinweise ermöglichen eine vertiefte Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema. Das Handbuch versteht sich als „Rüstzeug für den kulturpolitischen Diskurs auf nationaler und europäischer Ebene“. Mit einer ideengeschichtlichen Einführung zum Staatsziel Kultur stimmt Olaf Schwencke in das Thema ein. (Cz)

Mit dieser Studie, die von Juli bis Oktober 2008 erstellt wurde, liegt zum ersten Mal eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung zum Thema deutsch-chinesische Kommunalbeziehungen vor. Sie macht deutlich, wie sich die Interessen auf deutscher und chinesischer Seite ergänzen, und benennt das Verhandeln auf gleicher Augenhöhe als wesentlichen Erfolgsfaktor für eine Kommunalpartnerschaft. Weiter empfehlen die Autoren die Ansiedlung kommunaler Beziehungen auf der politischen Leitungsebene sowie die Einbeziehung von China-Experten in die Vorbereitung und Durchführung interkultureller Schulungen. Die Studie ordnet die deutsch-chinesischen Städtepartnerschaften historisch ein, beschreibt die geografische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der deutschen und chinesischen Städte und kategorisiert die Partnerschaften nach Kriterien wie Entstehung und Ziele, Felder und Aktivitäten, Akteure und Finanzierung. Ergänzt wird die Darstellung durch eine Stärken- und Schwächenanalyse aus Sicht der deutschen Partner sowie eine Zusammenfassung mit Empfehlungen der Autoren. (Cz)

Angesichts des sinkenden Ansehens der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren zählt der amerikanische Auslandsrundfunk zu den Bereichen, die am dringendsten reformiert werden müssen. Zurzeit teilen sich fünf Akteure die Aufgabe, amerikanische Standpunkte und Interessen in der Welt zu vertreten: die staatlichen Einrichtungen Voice of America (VOA), Radio and TV Marti und die privat organisierten, aber staatlich finanzierten Radio Free Europe/Radio Liberty, Radio Free Asia und Middle East Broadcasting Networks mit Radio Sawa und Alhurra Television. Worin sollte heute eine zeitgemäße Mission des amerikanischen Auslandsradios und -fernsehens bestehen? Wie und mit welchen Zielen muss der Auslandsrundfunk restrukturiert werden? Wissenschaftler und Praktiker geben in ihren Beiträgen Antworten auf diese Fragen und zeigen auf, welche Herausforderungen sich dem amerikanischen Auslandsradio und -fernsehen in Zeiten der Neuen Medien und des Internets stellen. (Cz)

Kulturpolitik von A-Z. Ein Handbuch für Anfänger und Fortgeschrittene. Von Olaf Schwencke, Joachim Bühler und Marie Katharina Wagner. B&S-Siebenhaar-Verlag, Berlin, 2009. 164 Seiten.

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Deutsch-chinesische Kommunalbeziehungen. Motivationen, Strukturen, Aktionsfelder. Von Ulrich Held, Rita Merkle. Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, Bonn, 2008. 100 Seiten.

Local Voices, Global Perspectives. Challenges Ahead for U.S. International Media. Hrsg. von Alan L. Heil.Public Diplomacy Council, Washington, D.C., 2008. VII, 183 Seiten.

Kino in Europa Welche Funktionen übernimmt der Film bei der europäischen Integration und dem Aufbau einer europäischen Identität? Welchen Beitrag leistet dabei die Filmpolitik als Teil der Kulturpolitik der Europäischen Union? Wie kann Filmpolitik die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Films sicherstellen? Diesen Fragen geht die Autorin in ihrer Dissertation nach, die sie 2008 an der Universität Erlangen-Nürnberg vorgelegt hat. Sie beschreibt Strukturen und Entwicklungen in den Bereichen Filmproduktion, Filmdistribution und Filmtheater in Europa, benennt die Programme und Akteure der europäischen Filmpolitik und geht auf die indirekten Instrumente der Filmförderung wie Quotenpolitik und Steueranreize ein. Weitere Untersuchungsgegenstände sind die internationalen Koproduktionen sowie die Fördermaßnahmen und filmpolitischen Konzepte in einzelnen Ländern wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien. (Cz) Europäische Filmpolitik. Film zwischen Wirtschaft und Kultur. Von Viktoria Isabella Wasilewski. UVK-Verl.-Ges., Konstanz, 2009. 400 Seiten. Alle Titel sind in der Bibliothek des ifa ausleihbar. www.ifa.de/b/index.htm Auswahl: Institut für Auslandsbeziehungen, Gudrun Czekalla, Christine Steeger-Strobel Annotationen: Gudrun Czekalla (Cz)

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Diesmal: Recycelte Flipflops

Ich war eine Badelatsche

Stellen Sie sich vor, Sie liegen unter Palmen im weißen Sand, vor Ihnen einzigartige Korallenriffe, hinter Ihnen riesige Mangrovenwälder und mit den Wellen schwappen Hunderte von Flipflops an den Strand. So ähnlich ergeht es den Bewohnern der Nordküste Kenias schon seit Jahren. Etwa 200.000 ausgelatschte Treter werden hier jedes Jahr angespült – aus Indonesien, Malaysia, Thailand, Sri Lanka, Madagaskar, Mosambik und Tansania. Und die sind nicht nur ein optisches, sondern auch ein ökologisches Problem, denn der Gummimüll versperrt den vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten den Weg zu ihren Brutstätten. Die Bewohner von Kiunga an der Nordküste Kenias schlagen nun auf Initiative der Meeres­ schützerin Julie Church zwei Fliegen mit einer Pantolette, indem sie Trash zu Cash machen. Sie sammeln die Badelatschen am Küstenstreifen und in den Slums von Nairobi, desinfizieren sie, zerschneiden sie, kleben sie zu Blöcken zusammen und verarbeiten sie. Dabei entstehen Ohrringe, Handtaschen, Mousepads, Untersetzer, Tierfiguren und andere Gummi-Accessoires. So haben die Schildkröten freie Bahn und die kenianischen Küstenbewohner Einkommen und Beschäftigung.

Wie aus alten Schuhen hübsche Dinge entstehen

Claudia Kotte Gummi-Delphin und Co können über das Internet bestellt werden bei www.uniquecodesigns.com

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Freizeit Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben – von gar nichts über Shopping zu exotischen Hobbys, Ehrenämtern oder Familienleben. Erlaubt ist, was gefällt. KULTURAUSTAUSCH fragt, was Menschen neben der Arbeit machen und welche Freizeitstile unterschiedliche Kulturen prägen.

Rot ist die Liebe Seit Jahrhunderten färben sich Frauen in Korea die Fingernägel mit Blumenblüten. Was die Haltbarkeit der Farbe über das Glück in der Liebe verrät.

Indische Bücherwürmer In der indischen Kinderliteratur überraschen Verleger mit neuen Themen für junge Leser: Bücher über Kriegstraumata oder Ökologie.

Türkisch akademisch Wie Studenten des Masterstudiengangs „Sprache, Kultur, Translation“ an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ihre bikulturellen Wurzeln für die Karriere nutzen.

Ein Themenschwerpunkt über freie Zeit

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Die Ausgabe 4/2009 erscheint am 1. Oktober 2009.

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2009/3 – Good Morning America – Ein Land wacht auf  

Es sieht nicht gut aus für die Vereinigten Staaten: Das Desaster des Irakkriegs und die Finanzkrise bescheren den USA ernsthafte Probleme, u...

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