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Standpunkt Wie Sie mit dem Ausblick Investoren Einblicke gewähren

Standpunkt

Von Michael Diegelmann, Vorstand, und Stefan Bulfon, Consultant, cometis AG Gerade das Erstellen des Ausblicks (Guidance) stellt viele Unternehmen beim Verfassen der Quartalsberichte vor die größte Herausforderung. Die Finanzabteilung ist bemüht, einen möglichst moderaten Ausblick zu geben, um auf der sicheren Seite zu sein. Die IR-Verantwortlichen hingegen wollen das Unternehmen deutlich bullisher präsentieren, um nicht verhaltener zu wirken als die Konkurrenz. Nicht selten mündet dies in einem Kompromiss, nach dem Motto: „Das Unternehmen erwartet einen Umsatz in der Größenordnung des Vorjahres mit einer Schwankungsbreite von +/- 20%.“ Es bedarf jedoch keiner großen Investmenterfahrung um zu erkennen, dass ein solcher Ausblick wohl kaum Expertise erfordert. Dabei stellt gerade der Ausblick ein ausgezeichnetes IR-Tool dar, um dem Finanzmarkt zu signalisieren, wie gut man Betrieb und Marktumfeld kennt. In diesem Zusammenhang ist das englische Wort Guidance besonders treffend, da „to guide“ (lenken/steuern) den Sinn und Zweck der Sektion verdeutlicht. Nämlich, das Unternehmen gemeinsam mit den Stakeholdern sicher und unaufgeregt in eine unbekannte, aber einschätzbare Zukunft zu steuern. Niemand erwartet in einem extrem volatilen Marktumfeld ernst zu nehmende Vorhersagen für die nächsten 12 oder gar 24 Monate. Daher setzen sich gerade solche Unternehmen wohltuend von der Kaffeesatz lesenden Konkurrenz ab, die erläutern, warum die Visibilität für seriöse Prognosen derzeit nicht ausreicht. Eine Guidance sollte nur so weit reichen, wie die Visibilität es zulässt – im Zweifelsfall nur bis zum Folgequartal. Des Weiteren sollte der geplante Ausblick eng mit der Finanzabteilung abgesprochen werden. Die Werthaltigkeit vergangener Ausblicke sollte ebenfalls überprüft und Abweichungen gegenüber den ursprünglichen Planungen offen gelegt werden. Natürlich ist auch dann noch keine Punktlandung gewährleistet. Ein möglichst nachvollziehbares und immer wiederkehrendes Vokabularium kann hier Abhilfe schaffen. Anhand der vergangenen zehn Prognosen sollte eine Liste des bis dato eingesetzten „Annäherungsvokabulariums“ erstellt werden. An dieser Stelle kommt das Maß an Kreativität beim Verfassen der Quartalsberichte zum Vorschein: Von „bis zu“, „um die“, „ca.“, „im Bereich von“, „knapp unter“ bis hin zu „etwa“ wird alles Mögliche

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Michael Diegelmann

Stefan Bulfon

vertreten sein. Als Test dient der Vergleich des Ausblicks mit den später tatsächlich gemeldeten Zahlen. Das „Annäherungsvokabularium“ sollte nun auf ein paar Begriffe reduziert und in Zusammenhang gebracht werden mit prozentuellen Abweichungen. Gemeint ist eine Art internes Wörterbuch mit Einträgen wie:

Annäherungsbegriff Deutsch

Englisch

Beispielhafte zulässige

im Bereich von

around

bis zu

up to

deutlich über/unter

clearly exceeding/under

+/- 7%

knapp über/unter

just over/under

+/- 3%

maximale Bandbreite +/- 5% - 10%

Ob die geeigneten Wörterbucheinträge mit den passenden Prozentbereichen gefunden wurden, kann leicht überprüft werden. Man nehme einfach eine historische Meldung und formuliere sie mit dem neuen Vokabular um. Wenn es für die vergangenen Ausblicke gut gepasst hätte, wird es auch für zukünftige Guidances anwendbar sein. Finanzmarktteilnehmer sind erstaunlich lernfähig. Sie werden ihr neues Vokabularium schnell zu interpretieren wissen. Mit derart offenen und klaren Ansagen können Unternehmen ihre Glaubwürdigkeit langfristig erhalten und so das Vertrauen gegenüber dem Kapitalmarkt deutlich stärken.


Standpunkt: Wie Sie mit dem Ausblick Investoren Einblick gewähren