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Heimerziehung der Inneren Mission von Claus Olsen Soziale Erschütterungen

Die Zeit von 1790 bis 1840 war für die unteren Schichten der Bevölkerung Schleswig-Holsteins geprägt von sozialen und ökonomischen Krisen. Eine langsame Besserung trat erst in den 40er Jahren und besonders nach 1850 ein. Doch dann zeichnete sich eine neue Soziale Frage ab, die in unser Jahrhundert hineinreichte. Die Industrialisierung und Technisierung. Die Entfaltung der modernen Gesellschaft und die Probleme des Industrieproletariat führten zu neuen sozialen Umbrüchen, die überkommene Lebensformen ablösten. Vor 1870 schien die Gesellschaft statisch und geordnet, in der jeder wußte, in welchen Stand er gehörte und welchen Normen er unterworfen war. Doch es hatte sich bereits eine Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung Bahn gebrochen, die für die Zeitgenossen beängstigend war. Die politischen und sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse waren längst labil und brüchig. Weite Bevölkerungskreise zogen in die Städte und führten einen Kampf um die nackte Existenz. Gleichzeitig strebte das Bürgertum zu einer ihm gemäßen Stellung in der Gesellschaft, zumal immer mehr Kaufleute zu Reichtum und Einfluß gekommen waren, zumindest vor 1807 und dann gemeinsam mit Unternehmern mit Beginn der Frühindustrialisierung ab 1840. Demgegenüber gab es immer wieder Hungerzeiten, so 1818, 1831 und 1847. Die Bevölkerung Flensburgs hatte sich seit 1770 von rund 7000 Einwohnern auf 11.000 um 1800 fast verdoppelt. Die Wirtschaft und insbesondere der Handel Flensburgs blühte und prosperierte nach 1790, die Kaufleute verdienten im Überseehandel ein Vermögen. Flensburg wurde in dieser Zeit zu einer boomenden Stadt. Immer mehr Menschen zogen hierher und fanden Arbeit innerhalb der Stadtmauern. Deshalb wurde der Wohnraum knapp, die Preise für Nahrungsmittel stiegen an. Wer konnte, kaufte sich Häuser und vermietete, zumal auch der Wert der Häuser enorm anstieg. Die Verdienste der Häuserbesitzer wurde auch durch eine Verknappung des Wohnraums künstlich geschürt. Niemand durfte für den Rat der Stadt außerhalb der Stadtmauern bauen, und in der Stadt war eine weitere Bebauung in den engen Hinterhöfen nicht mehr möglich. 1

Als 1795 die Lebensmittelpreise in Flensburg steil anstiegen, kauften Flensburger Kaufleute und Kornbrenner Getreide in großem Stil auf und horteten es, um Spekulationsgewinne zu erwirtschaften. Schiffszimmerleute, Maurer und viele andere Handwerker waren am 1. Juni 1795 mit ihrer Geduld am Ende. Es kam zu einem Hungeraufstand, weil die Löhne im Verhältnis zu den Brotpreisen und Mieten nicht besser wurden und weil man einen gerechten Preis für das Grundnahrungsmittel Roggen wollte. Auch in Flensburg hatte sich nämlich inzwischen herumgesprochen, daß in den Jahren zuvor in Paris der "Pöbel" die Macht besaß, die Preise für Grundnahrungsmittel einzufrieren und Köpfe rollen zu lassen. Der Speckhändler Jacob Schmidt wurde gezwungen, seine ganzen Speckvorräte billig abzugeben, 2

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Flensburg, Geschichte einer Grenzstadt, S. 229, S. 265, S 267: Einwohner 1845 14 932; 1835 12438;1803 10 700; 1769 6800.

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Stender-Petersen, Ole: Die Hungerunruhen in Flensburg 1795, in: Demokratische Geschichte X, S. 23ff; Flensburg, Geschichte einer Grenzstadt, S. 230 ff.


andere Händler mußten sich verpflichten, Brotgetreide günstig abzugeben. Der Schustermeister Mahrt verkündete bei dieser Gelegenheit lauthals: "Nun soll alles in Flensburg einen besseren Schick kriegen, nun wollen wir regieren." Das hätte er besser nicht gesagt. Als die Flensburger Obrigkeit den Aufstand niedergedrückt hatte, wurde er zusammen mit anderen Rädelsführern hart verurteilt. Er erhielt sechs Jahre Zuchthaus, weil man ihn für einen Anhänger der Französischen Revolutionäre hielt. Er saß seine Strafe im Flensburger Zuchthaus ab. Dabei hatte er noch Glück. Sieben andere wurden zur "Sklaverei" verurteilt. Das bedeutete verschärfte Festungshaft in Rendsburg mit harter Zwangsarbeit. Die Verurteilten waren die ersten, die wom Bürgertum wegen ihrer abweichenden politischen Meniung bestraft wurden. Es war nicht mehr die Auseinandersetzung zwischen Feudalherren und bürgerlichen Kräften. Nach den Unruhen gab der Rat endlich in der Lebensmittel- und Wohnungsfrage nach. Die nächsten Jahre kaufte der Magistrat Korn auf und gab es zu Festpreisen ab. Außerhalb der Stadtmauer durfte nun doch gebaut werden. Das war die Geburtsstunde der Flensburger Neustadt. Die Glanzzeit kaufmännischen Wirkens ging ein Jahrzehnt später auch für Flensburg zu Ende. Bisher hatten die Kaufleute trotz der Napoleonischen Kriege wegen der geschickten Neutralitätspolitik Dänemarks am Krieg gut verdient. Nun brachte die Kontinentalsperre Frankreichs den Gesamtstadt 1807 in eine Zwickmühle. Der dänische König entschied sich für Frankreich, England raubte die dänische Flotte und ließ Handelssegler erbarmungslos kapern. Das waren keine guten Zeiten für Handel und Gewerbe. Die Verluste der Flensburger Handelshäuser waren gewaltig, das dänische Geld verlor ständig an Wert, die Steuern stiegen und das Ganze endete 1813 im dänischen Staatsbankrott. Anfang März 1808 rückte der französische Marschall Bernadotte mit 32 000 französischen und spanischen Soldaten in Flensburg ein. Ein Teil der französischen Truppen logierte bei Flensburger Bürgern und blieb einige Monate in der Stadt. Schon vorher hatten sich viele Fremde in der Stadt herumgetrieben. Niemand durfte ihnen Unterkunft gewähren, besonders die Gastwirte wurden ermahnt, kein "Gesindel" zu beherbergen. Bewaffnete Patrouillen durchkämmten die Umgebung. Sie sollten herumtreibende Soldaten aufgreifen. 3

Die Kriegszeit führte zu ungeheuren sozialen Verwerfungen; die Armut nahm in erschreckendem Maß zu und forderte die Obrigkeit zu Maßnahmen gegen das allgemeine Elend. In Flensburg war zum Beispiel 1804 fast jedes zehnte Kind nicht ehelicher Herkunft. Diese soziale Entwicklung ist nicht nur für Flensburg charakteristisch; sie gilt allgemein. Während es noch 1770 im ländlichen Raum Holsteins fast keine uneheliche Geburten gab, stiegt die Zahl alleinerziehender Mütter beständig an. In den Städten schritt diese Entwicklung schnell voran. 35 % aller Kinder in Paris waren nichtehelich geboren, in Hamburg waren es 16 % und in 4

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Flensburg, Geschichte einer Grenzstadt, S. 240.

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Flensburg, Geschichte einer Grenzstadt, S. 249.

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Hinweise in Jahrbuch Geschichte###################

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München 33 %. Den Frauen traute man die Erziehung ihrer Kinder nicht zu, sondern die Armenpfleger übergaben sie Familien zur Betreuung, oder die Kinder kamen ins Waisenhaus. Nach der Konfirmation zahlte die Armenkommission nicht mehr für die Kinder, sie mußten dann bei einem Lehrherrn unterkommen, der nicht selten die Lehrzeit einfach verlängerte, um die Kosten für die Übernahme dieser Kinder auszugleichen. Bei derart ansteigenden Zahlen der nichtehelichen Geburten wurde die anderweitige Betreuung zu einem selbst geschaffenen Problem, auf das das städtische Armenwesen nicht vorbereitet war, zumal die Betreuung durch ehrenamtliche Kräfte geschah. 7

In den Napoleonischen Kriegen wurde das Elend noch gesteigert. Die katastrophalen Folgen des Krieges sah man in Deutschland zuerst in Württemberg und in Sachsen. Die Auflösung staatlicher Ordnung während des Krieges und die Herrschaft nackter Gewalt zur Massenkriminalität führen mußte. In Deutschland hatten die Kriege, die Napoleon führte, um Frankreichs Vorherrschaft in Europa zu sichern, besonders in Sachsen und in den süddeutschen Staaten und im Rheinland schlimme soziale Folgen. Sie wirkten noch mehrere Jahrzehnte nach. Nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt 1806, die zum vollständigen Zusammenbruch Preußens führte, waren besonders die Kinder die Leidtragenden. die Zahl der unehelichen Geburten waren stark angestiegen, viele Väter als Soldaten eingezogen, die Mütter überfordert. In den Dörfern und Städten hinterließ die durchziehende Soldateska ein abgrundtiefes Elend. Seuchen und Krankheiten grassierten. Kinder irrten auf den Schlachtfeldern umher und Jugendliche schlossen sich zu Banden zusammen, die die Landstraßen unsicher machten. Armut, aber auch Unrecht und obrigkeitliche Willkür führten so manchen in die Verzweiflung. Bettelei und Räubereien gehörten zur Tagesordnung. Die verarmten Gemeinden waren hilflos und zu arm, um eine Armenfürsorge aufrecht zu erhalten. Überhaupt war man auf die sozialen Umwälzungen nicht vorbereitet. Die Kriminalität stieg an und die allgemeine Armut und der Verfall waren eine der Ursache für Gaunerkarrieren. Die verstärkt auftretende Gewalttätigkeit und das ansteigende Verbrechen stellte die vormoderne Gesellschaft vor Herausforderungen, denen sie nicht gewachsen war. Eine flächendeckende polizeiliche Ermittlungsarbeit gab es noch nicht. Wenn jemand die Stadt wechselte, hatte er es schon mit einer anderen Obrigkeit zu tun und eine Kriminalpolizei gab es noch nicht; sie wurde gerade erst in Paris von Vidocq, einem ehemaligen Sträfling als Spitzeldienst geschaffen. Im alten Preußen kannte man solche modernen Polizeimethoden noch nicht. Missetäter wurden eingefangen und exemplarisch bestraft zur Abschreckung anderer. Überall in Deutschland fanden Banden nach dem Vorbild Johann Bücklers (1783 - 1803) zusammen, der als Schinderhannes ab 1800 mit organisierten Straßenräubereien im Hunsrück und im Taunus für Schrecken gesorgt hatte. Als in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1811 neun Räuber ein Haus in Stockelsdorf bei Lübeck überfielen, gingen sie erwerbsmäßig brutal und überlegt zu Werke. Einer der Täter brach ein Loch in die Hausmauer und ließ seine Spießgesellen herein. Die Gauner überwältigten die Hausbewohner, zogen den Hausherren über einen Haublock und malträtierten ihn solange mit einer Schaufel, 8

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Johann Hinrich Wichern: Ausgewählte Schriften Bd. 3,Gütersloh, 1979, S. 234. Krüger, Rainer: Der Stockelsdorfer Raub von 1811, in: Demokratische Geschichte X, S. 35 ff.


bis sie herausbekamen, wo Schmuck und Wertsachen versteckt waren. Doch die Räuberbande hatte diesmal kein Glück. Schon am nächsten Tag flog die Gesellschaft auf. Der Räuberhauptmann Peter Maus und seine Kumpane hatten sich in der Schulzischen Wirtschaft, einer üblen Spelunke im benachbarten Lübeck, zurückgezogen und gerade die Beute verteilt, als die Lübecker Polizei zugriff. Dieser Erfolg war nur möglich geworden, weil ein französischer Polizeispion den entscheidenden Hinweis gegeben hatte. Peter Maus war scheinbar bei den Behörden anderer deutscher Länder kein Unbekannter, hatte er doch nach den Aussagen eines geständigen Gefährten unter dem Aliasnamen „Anton Heinze“ mit Schinderhannes selbst zusammengearbeitet. Zusammen mit den acht Männern wurden auch noch weitere Verdächtige verhaftet und die Freundinnen der Bande: Elsabe Catharina Wagner, Anna Elisabeth Winter, Anna Sophie Rieck, Hanne Christine Behrens, Therese König, Anne Christine Schüler, Catharina Sophie Petersen und die schwangere Rachel Herz, die ein Kind dabei hatte, wurden zusammen mit den gefaßten Männern nach Kiel transportiert und dort inhaftiert, weil man das Stockelsdorfer Gutsgefängnis für zu unsicher hielt. Doch auch das Kieler Gefängnis war nicht ausbruchsicher. Therese König, die man allgemein„die Französin“ nannte, Friedrich Behrens und Hinrich Köster, genannt „der Holländer“ ließen sich an zusammengeknoteten Decken vom Dach des Gefängnisses auf die Straße hinunter und verschwanden. Ein weiterer Häftling beging Selbstmord. Bei den anschließenden Gerichtsverfahren wurden die Bandenmitglieder hart bestraft, nur Elsabe Wagner und Anna Winter kamen zusammen mit zwei Männern davon. Anne Behrends wurde zu 8 Jahren Zuchthaus in Neumünster verurteilt, Anne Schüler verschwand für vier Jahre hinter den Mauern des Glückstädter Zuchthauses, Catharina Petersen erhielt drei Jahre und Rachel Herz, die inzwischen ihr Kind zur Welt gebracht hatte, wurde mit ihren zwei Kindern außer Landes gejagt. Die beteiligten Räuber wurden zunächst alle zum Tode verurteilt, und später zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. Nur den Räuberhauptmann traf die Strenge der überkommenen Gesetze. Er wurde 1818 geköpft und sein Körper auf das Rad geflochten, wo er vermoderte. Michael, der Freund Rachels, trat seine Strafe in der berüchtigten Kopenhagener Festung „Raspelhaus“ an. Dort hatte er es noch besser getroffen. in Paris hätte man ihn mit anderen Sträflingen zu einer langen Kette zusammengeschmiedet und durch ganz Frankreich geführt, um ihn außer Landes zur Galeerenarbeit zu nutzen. Schon 1819 wurde er ins Kopenhagener Zuchthaus verlegt, doch nun rührte sich in seiner Sache nichts mehr. Erst dreißig Jahre später brachte man ihn 1841 in die Strafanstalt nach Glückstadt. Dort blieb er weiter in Haft. Sein letztes Gnadengesuch stellte1848. Es wurde abschlägig beschieden, weil ein mit dem Gaunerleben vertrauter Verbrecher, so befand die Regierung in Kopenhagen, der öffentlichen Sicherheit gefährlich werden könnte. Die Gefängnisstrafe diente also nicht nur der Sühne, sie sollte auf andere Verbrecher abschreckend wirken und war vor allem als Schutz der Gesellschaft gedacht. Wer zum Gauner und sozial ausgegrenzten Missetäter wurde, dem war eine Rückkehr in die Gesellschaft fast nicht mehr möglich, denn Ansätze zu einer staatlichen „Fürsorge“ gab es noch nicht. Wer einmal kriminell geworden war, von dem wurde erwartet, daß er nach Verbüßen einer Strafe wieder rückfällig würde und der Gesellschaft nicht nur zur Last fallen, sondern sehr bald seinem Gewerbe als Dieb oder Räuber nachgehen werde. Auch wenn Michel aus der Strafhaft entlassen worden wäre und das „lebenslänglich“ tatsächlich nicht lebenslang gewesen wäre, hätte er keine Chance auf Resozialisierung gehabt. Keine Gemeinde war bereit, solche Menschen aufzunehmen. Wer aus der Haft entlassen wurde, fand kaum


Arbeit. Er hätte dazu zum Beispiel bei einer Arbeit als Knecht in der Landwirtschaft ein Dienstbuch vorlegen müssen, aus dem die Haftstrafe hervorgegangen wäre. Es blieb nur der Weg weiterer krimineller Aktivitäten als Ganove außerhalb der Gesellschaft. Es war schien daher naheliegend, ein Gnadengesuch abzulehnen, weil es für eine weitere Karriere als „Gewohnheitsverbrecher“ viele Beispiele gab, auf die man verweisen konnte. Claus Fischer aus Atzbüll in Angeln war zum Beispiel ein solcher Fall. Als er wegen verschiedener Delikte nach einer längeren Zuchthausstrafe , die er in Glückstadt abgesessen hatte, wieder in Angeln auftauchte, wollte niemand etwas mit ihm zu tun haben, also begann er wieder mit Gelegenheitsdiebstählen und Straßenraub. In seiner Verzweiflung baute er sich auf halber Strecke zwischen Schleswig und Flensburg in der Nähe von Tordschell eine Räuberhöhle. In dieser waldreichen Gegend richtete er sich in dichtem Gebüsch eine unterirdische Wohnung mit Stube, Bett, Küche und Schornstein ein und machte die Straßen der Umgegend unsicher. Um ihn zu fassen, unternahmen Gendamerie und Militär regelrechte Treibjagden. Als er schließlich erwischt wurde, verurteilte man ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe auf der Festung Helsingör. Von dort versuchte er sogar zu fliehen. Er verschaffte sich ein Butterfaß und verschloß es luftdicht. Mit dieser Tonne im Arm stützte er sich ins Meer und hoffte, bei Westwind die schwedische Küste erreichen zu können. Doch die Strömung dort ist sehr stark. Claus Fischer blieb seither verschollen. 9

Die beiden Kinder Rachels und Michels, die das Gefängnis gewissermaßen von Kindesbeinen an gewohnt und sogar darin eine Zeitlang aufgewachsen waren, hatten wohl kaum eine Chance auf Besserung ihres Elends. Ihnen konnte man schon fast eine sozial abweichende Karriere vorhergesagten werden, weil sie äußerst ungünstigen Einflüssen ausgesetzt waren. Diebstähle, Widerspenstigkeit und Gewaltbereitschaft waren zu erwarten und mußten die Kraft der Mutter übersteigen, die sich in einem Teufelskreis befand. Doch eine wirkliche Hilfe für die Kinder fehlte Hilfe für solche schwer geschädigten Kinder. Wenn dann diese Kinder erwachsen wurden und durch aggressive Äußerungen, fehlende Motivation zum Lernen und Arbeiten zusammen mit einem scheinbar nicht zu zügelndem Freiheitsdrang auffielen, waren erzieherische Bemühungen bereits zu spät und eine weitere kriminelle Karriere vorhersehbar. Die Zeitgenossen fragten aber zumeist nicht nach den Ursachen der Fehlentwicklung. Abweichendes Verhalten galt es zu „korrigieren“. Dabei waren die pädagogischen Bemühungen des Staates von außen nach innen gerichtet. Dem Delinquent trat die staatliche Macht entgegen, seine innere Entwicklung wurde nicht gesehen. Als in Paris das 13jährige Straßenkind Béasse 1840 wegen einiger Delikte vor seinem Richter stand, ergab sich folgendes Verhör: „Der Vorsitzende: Man muß zu Hause schlafen. Béasse: Habe ich den ein Zuhause? Sie leben in ständiger Landstreicherei. - Ich arbeite, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Was ist ihr Beruf? - Mein Beruf ? Erstens habe ich mindestens 36 Berufe und zweitens arbeite ich bei niemandem. Schon seit einiger Zeit habe ich meine Jobs. Ich habe meine Tage- und meine Nachtarbeiten. Am Tage verteile ich z. B. kleine kostenlose Druckwerke an alle Passanten; ich laufe hinter den ankommenden Postkutschen her, um Gepäck zu tragen; oder ich mache auf der Avenue de Neuilly meine Kunststücke; in der Nacht habe ich die Theater; ich öffne die Wagentüren; ich 9

Cronik des Kirchspiels Esgrus, Bd. II/2, S. 1086 f.


verkaufe Kontrollkarten; ich bin voll beschäftigt. - Es wäre besser für Sie, in einem guten Haus untergebracht zu sein und dort die Lehre zu machen. - Ach was, ein gutes Haus, eine Lehre, das ist mir zu blöd. Und dann noch der Herr Meister, ein ewiges Murren und Brummen und keine Freiheit. Fragt nicht Ihr Vater nach Ihnen? Ich habe keinen Vater mehr. - und Ihre Mutter? - Auch nicht mehr, weder Verwandte noch Freunde, frei und unabhängig. Die Verurteilung zu zwei Jahren Besserungshaft nahm Béasse gelassen: „Zwei Jahre, das sind nur 24 Monate. Also gehen wir.“ Béasse steht offensichtlich am Beginn einer kriminellen Karriere, die durch die „Besserungshaft“ wohl kaum gestoppt werden kann. Im Gegenteil, in der Haft in der Gemeinschaft mit Erwachsenen wird der Jugendliche eine „Schule des Verbrechens“ durchmachen, gebessert wird er dadurch nicht. Damit war ein unheilvoller Prozeß in Gang gekommen. Ein vernachlässigtes Kind ohne Zuhause treibt sich auf der Straße herum und schlägt sich mit kleineren Betteleien, Handreichungen und Diebstählen durch, um in der Großstadt zu überleben. Der Staat antwortet auf dieses Verhalten mit repressiven Strafinstrumenten, die wiederum ein weiterer Abstieg des Jungen in die Kriminalität fördert. Verarmte, verelendete Kinder und Jugendliche ließen sich so nicht aus den menschenunwürdigen Lebensumständen und der Verwahrlosung retten. Aber es wird deutlich, daß der Staat pädagogisch eingriff. Er wollte mit der Strafe die zwangsweise Disziplinierung des Jungen erreichen, um ihn zu einem fleißigen und ordentlichen Leben zu bringen. Der Gedanke, den Menschen durch totale Institutionen zu bessern, war da, es fehlten aber an geeigneten Institutionen. Denn es wurde Unterschied zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gemacht. Der Jugendliche wurde gewissermaßen als kleiner Erwachsener gesehen und so behandelt. Unterschiedslos nahm das Gefängnis neben kriminellen Erwachsenen auch psychisch kranke Jugendliche und Schwererziehbare auf. Damit war das Gefängnis oder „Zucht- und Arbeitshaus“ nicht nur Strafanstalt, sondern auch eine Bewahranstalt für Unangepaßte und für Menschen, die der Gesellschaft zur Last fielen. 10

Als zweite Institution neben den Zuchthäusern gab es nur Waisenhäuser für Kinder. Sie waren überwiegend von pietistischen Kreisen gegründet worden. Johann Heinrich Pestalozzi sah in ihnen ein Mittel, verarmte Kinder zu versorgen und sie zu vernünftigen Menschen heranzubilden, indem sie durch die Anstalt aus ihrem menschenunwürdigen Lebensumständen errettet wurden. Die Gründungen der Waisenhäuser ging auf Hallensischen Theologen August Hermann Francke (16631727) zurück. Er hatte Waisenkinder in eine Armenschule aufgenommen, um sie zur „Gottseligkeit“ zu führen. Dort erhielten sie Unterricht im Rechnen, Lesen, Schreiben und Handarbeiten. Sie wohnten im Waisenhaus, das allein durch mildtätige Gaben und ohne staatliche Unterstützung auskommen mußte. In der Nachfolge Franckes gründeten Flensburger Pietisten 1725 das Flensburger „Armen-, Waisen- und Werkhaus“. Es sollte nicht nur bedürftige Waisenkinder aufnehmen, sondern auch abschreckend wirken. Man wollte den müßigen oder nur noch zum Schein arbeitsuchenden, im Grunde genommen jedoch der „Faulheit“ ergebenen Bettlern 11

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Zitiert nach Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängisses. Frankfurt a. M. , 1975, S. 375 f.

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Zimmermann, Harm-Peer: Die Waisenhäuser in Flensburg 1725 - 1813 und Husum 1773 1828. In: ZSHG, Bd.118, 1993, S. 135 f.

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Beyreuther, Erich: Geschichte der Diakonie und Inneren Mission in der Neuzeit, Lehrbücher für die diakonische Arbeit, hrsg. von Hans Christoph von Hase, Bd. 1, Berlin 1962, S. 34 f.


das Handwerk legen. Nach 1760 richtete dann der Flensburger Magistrat im zweiten Stock noch ein Zuchthaus für Bettler und Kriminelle ein. Das Waisenhaus war für Kinder bis zur Konfirmation gedacht. Dort lebten 35 Mädchen und Jungen, die zu frommen Menschen mit untadeligem Lebenswandel erzogen werden sollten. Der Werktag begann für die Kinder um sechs Uhr mit dem Aufstehen. Nach dem Waschen versammelten sie sich zum Singen, Beten und Bibellesen in der Lehrstube. Um sieben begann der Schulunterricht mit Religion. Es wurden bis 9 Uhr Stücke aus dem Katechismus geübt. Anschließend wurde bis zum Mittagessen gerechnet und gelesen. Nach dem Mittagessen und der Mittagsruhe fand der Schreibunterricht statt mit einer Pause am späten Nachmittag. Der Tag endete mit dem Vorlesen eines Kapitels aus der Bibel um sechs Uhr abends. Sonntags gingen die Kinder geschlossen zur Kirche. Faulheit und Ungehorsam wurde nicht geduldet. Wer nicht genügend lernte, mußte statt des Mittagessens mit einer Scheibe trockenen Brotes auskommen, bis die Lektion gelernt war. Bei völligem Ungehorsam sah die Hausordnung die Bestrafung mit dem Stock vor. Half auch das nicht, mußte der kleine Frevler mit einer hölzernen Tafel draußen vor der Tür eine Stunde stehen oder zwei Tage mit Wasser und Brot im Gefängnis zubringen. In der Zeit von 1760 bis 1861 unterhielt die Stadt im Gebäude eine Zwangsarbeitsanstalt und nach 1820 wurde dort die Armenspeisung für Flensburg vorgenommen. Für alle auffälligen Erwachsenen, für Waisenkinder und Wahnsinnige stand damit in Flensburg eine Einrichtung zur Verfügung. Das „Zuchthaus“ lag in der Stadt und man sparte Transportkosten zum Zuchthaus nach Glückstadt. Wahnsinnige oder Menschen die von „Melacholie oder Nervenschwäche befallen“ waren, wurden bis 1820 dem Zuchthaus zugefügt, wenn sie nicht mehr in den Familien bleiben konnten. Erst danach wurde in Schleswig eine entsprechnde Unterbringung möglich. Auch für Alte und Hilfsbedürftige gab es keine differenzierten Institutionen. Eine institutionelle Trennung zwischen Armen- und Altenpflege findet erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt. Bis dahin ############# 13

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Viele Waisenkinder kamen durch die Vermittlung von Armenpflegern als „Kostkinder“ in Familien unter. Ihren Unterhalt zahlte die Armenkasse, die sich das Geld bei der Familie wieder holten, was aber bei der allgemeinen Armut aussichtslos war. In den Waisenhäusern lebten nur die Kinder, für die man keine Familie fand. Oft gehörten dazu uneheliche Kinder oder Kinder armer Leute, die man den Eltern weggenommen hatte. Viele Mütter unehelicher Kinder arbeiteten als Mägde. Sie mußten ihr Kind abgeben. Die Pflegekosten für ein einziges Kind konnte den Jahreslohn der Mutter übersteigen

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Zimmermann, Harm-Peer: Die Waisenhäuser in Flensburg 1725 - 1813 und Husum 1773 1828. In: ZSHG, Bd.118, 1993, S. 143.

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Petersen, H. F.: De sönderjyske vajsenhuse, in: Sönderjyske Aarböger, 1962, S. 77.

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A. a. O., S. 157.

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Kirchhoff, Theodor: Die frühere Irrenpflege in Schleswig-Holstein. In: ZSHG. Bd. 20. 1890. S. 178 f.


Diese Armenfürsorge gab es schon seit der frühen Neuzeit. Zuvor gab es keine Differenzierung der Hilfebedürftigen Sie wurde zunächst von der Kirche getragen, ging aber immer mehr in den Hoheitsbereich der Gemeinden und Städte übergetragen. Nach 1832 wurden die Städte und Gemeinden ganz für die Armenpflege zuständig. Die Flensburger Pastoren der drei Hauptkirchen blieben daher aus Protest der Armenkommision einige Zeit fern . Das Armenwesen stand nun ganz unter der Aufsicht des Magistrats. In der Armenkommision blieben aber die drei Hauptpastoren Mitglieder. Das „Armengeld“ wurde bei allen Bürgern als Steuer erhoben. Doch diese Mittel reichten nicht aus, das Armenwesen blieb auf die Unterstützung wohlhabender und wohltätiger Bürger und ihrer Stiftungen angewiesen. Dafür war die Not der unteren Schichten zu groß. 17

Nach der großen Hungersnot erhielten 1832 10 % der Flensburger Unterstützungen aus der Armenkasse. Die Namen der Empfänger konnte jeder im „Flensburger Wochenblatt für Jedermann“ lesen. Die Hilfe bestand vor allem in der Ausgabe von Suppe, die am Waisenhaus zu bekommen war. Kleidung wurde nur in den seltensten Fällen ausgegeben und erst dann, wenn die alte nicht mehr zu flicken war. Zur Kontrolle der Armen waren über 40 Armenpfleger unterwegs, denn niemand sollte mehr erhalten, als dringend erforderlich war. Die Armenfürsorge war rigide. Als Abschreckung diente ein Arbeitshaus für Erwachsene und die Armenarbeitsanstalt für Kinder . Dort konnten Arme eingewiesen werden, um sie zur Arbeit zu erziehen. Die Unterstützung eines Gesunden sollte gering und seine Überwachung so genau sei, daß dem Hilfsempfänger ein beständiger Ansporn sein sollte, von öffentlichen Unterstützung loszukommen. 18

Die Rettungshausbewegung

Der Pastor Johann Hinrich Wichern (1808 - 1881) wurde einer der Wegbereiter der modernen Sozialpädagogik. Mit der Gründung des Rauhen Hauses in Hamburg Horn betrat er pädagogisches Neuland und entwickelte den den Gedanken der Inneren Mission. Damit gab er wichtige Impulse für christlich - soziale Bewegungen und zu einem umfassenden diakonischen Werk. Wichern selbst hatte die Armut erfahren. Als sein Vater sich mühsam vom Mietkutscher und Schreiber zum Notar emporgearbeitet hatte und es der Familie endlich besser ging, verstarb der Vater früh. Nun verarmte die Familie unaufhaltsam. Nur durch unermüdlichen Arbeitseinsatz konnte Wichern neben der Beschäftigung als Erzieher „ungezogener, durchtriebener Buben“ noch Theologie studieren. Nach seinem theologischen Examen besuchte er 1832 als Mitarbeiter des Hamburger Pastors und Erweckungspredigers Rautenberg Familien in den Slums des Hamburger Zentrums. Hier im "Gängeviertel", einem wilden, unübersichtlichen Armenquartier sah er grauenvolle Zustände, in denen Kinder aufwachsen mußten, deren Familien durch die Lebensumstände längst zerrüttet waren. 19

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Flensburg, Geschichte einer Grenzstadt, S. 248. Flensburg, Geschichte einer Grenzstadt, S. 230. Beyreuther, S. 90 f. Er verfaßte eine Niederschrift mit dem Titel: "Hamburgs wirkliches und geheimes Volksleben. Es ist die erste Analyse über das Leben in einer Großstadt am Anfang der Moderne.


Wie schon so oft besuchte Wichern wieder einmal eine Familie in ärmlichsten, elenden Verhältnissen. Sein Weg führte ihn in eine enge Durchpassage mit hohen Häusern zu beiden Seiten, links und rechts Wohnung über Wohnung. Alle verschachtelt und verwinkelt. In dieser drangvollen Enge war ein bürgerliches Leben in geordneten Verhältnissen so gut wie ausgeschlossen. Die scheußlichsten Gerüche machten das Atmen schwer. Qualvoll enge, düstere Gäßchen zweigten von der Straße ab, die übersät war mit Unrat und Dreck, den man einfach dorthin gekippt hatte, denn eine Kanalisation gab es nicht. Überall standen Fenster und Türen offen und die Leute schauten ungeniert in die Nachbarbehausungen. "Als ich in einen dieser Gänge eingetreten war, waren links und rechts Fenster geöffnet." berichtete Wichern später. Überall stritten und lärmten Kinder, dazwischen Alte und Kinder, Dirnen und Bettler. Noch tiefer drang Wichern in diese unwirtliche Wohngegend vor. Immer enger standen die Mietshäuser zusammen. Ihm stockte fast der Atem in dieser stickigen Enge: "Hier wohnte rechts die gesuchte Familie in einer förmlichen Höhle; im unteren Teil der elenden Baracke war fast im Finstern ein zusammengelaufenes Paar einquartiert, eine Hühnerleiter führte nach oben, wo wieder zwei bis drei voneinander unabhängige Partien ihr Obdach hatten; alles strotzte von Schmutz aller Art an den Wänden, Fenstern, Fußböden." Fünf Kinder hausten hier mit ihren drei Müttern. Dazwischen zwei Jugendliche die miteinander auf engstem Raum leben mußten. "Frechheit, Verzweiflung und völliger Stumpfsinn warfen dunkle Schatten auf die Gesichtszüge der Versammelten, um das Bild des leiblichen und sittlichen Elends, das hier hauste, zu vollenden." 21

Ein anderes Mal berichtete er von einem Besuch in einer anderen Wohnung: "Tür und Fenster war geöffnet, Geplärre und Geschwätze schallte uns von innen entgegen; ein Teil der Kinder folgte mit in das Zimmer." Ein redseliger Nachbar stand in der Mitte, und sprach mit vier Weibern, die um einen Kaffeetisch mit Säuglingen an der Brust zusammengerückt waren... Es möchte schwierig sein, das Gewirre und die Verwicklung der Sündenfäden, die hier ein einem Knäuel zusammengewickelt uns umgaben, von diesem Punkt aus darzustellen. Wir wollen deswegen denselben Ort einige Wochen später als damals uns vergegenwärtigen, wo ein großer Teil dieser Wohnung im Innern eine neue Gestalt angenommen hatte. die Bewohner des Hofes waren meistens dieselben geblieben, nur hatten sie die Wohnungen, die Säle und Buden anders verteilt, wie dieser Wechsel bis auf heute nach einigen Unterbrechungen öfter wiederholt ist.. Dadurch kam eine Reihe von Kindern miteinander in eine neue Berührung, die zueinander zu ihren sogenannten Eltern vielleicht in dem merkwürdigsten Verwandtschaftsverhältnis stehen, das nur gefunden werden kann. 22

Wicherns Vorstellungswelt war geistesgeschichtlich geprägt von der protestantischen Lebenseinstellung zur Arbeit. Die Arbeit verstand er als Mittel zum asketischen Leben. Sie war auch eine präventive Maßnahme gegen sittlichen Verfall und Anfechtungen gottgewollten Lebens und damit ein von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens. Im Umkehrschluß des paulnischen Gedankens, "wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", galt für die Konzeption des Rettungshausses 23

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aus: Wichern, Sämtliche Werke Band 4,1 S. 240.

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aus: Wichern, Sämtliche Werke Band 4,1 S. 90.

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Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Die protestantische Ethik I, eine Aufsatzsammlung, hrsg. v. Johannes Winckelmann, Gütersloh 1991, 8. Auflage, S. 168 f.


die sinnvolle Beschäftigung der Zöglinge. Damit hielt für jeden Insassen ohne Unterschied Gottes Vorsehung eine Arbeit als Berufung und Befehl bereit. In diesem Sinne ging es darum, die Jugendlichen auf den Berufsweg vorzubereiten. War das erreicht, konnten sie auf den Weg eines gottgefälligen Lebens zurückgebracht werden. War den Kindern dieses Ziel nahegebracht, führte das Streben nach der göttlichen Gnade zu einer ständigen Selbstkontrolle und Reflexion des eigenen Handelns. Die Zöglinge sollten sich von innen heraus diziplinieren. Damit war eine völlig neue pädagogische Idee entstanden, die weit in die Zukunft wies. Damit war das Kind überhaupt als eigenständiges Wesen, als Individum entdeckt. Es mußte so beeinflußt und erzogen werden, daß es von sich aus zu einem nützlichen Wesen entwickelte. Damit war Wicherns Konzept gerade nicht eine von außen an das Kind herangetragene Strafe oder Korrektion gesellschaftlich abweichenden Verhaltens. Das sozial problewmatische Kind sollte nicht weggeschlossen werden, um erzieherisch unter Druck und Gewaltanwendung zu wirken. Die Rettungshäuser hatten bezeichnenderweise keine Mauern und waren auch keine Strafanstalten für jugendliche Übeltäter. Es waren auch keine Internatsschulen. Dann hätte die Vermittlung von Kenntnissen im Vordergrund gestanden. Die Rettungshäuser wollten und sollten den ganzen Menschen erkennen und ganzheitlich formen. Gleichzeitig mußten auch die Mitzöglinge in den Prozeß der Selbstkontrolle einbezogen werden Wichern selbst sah den harmonischen, organischen Gleichklang von Arbeit, Schule und Rettungshaus-Familie. Eine Einheit, die sich lebendig durchdringen sollte. Die Anstalt war für ihn keine reine Lehranstalt, die Kinder sollten aber auch nicht außerhalb am normalen Schulalltag teilnehmen. Das hätte ihre Arbeit im Tagesablauf unorganisch unterbrochen. Die Arbeit sollte aber keine entfremdete sein, sondern in einer engen Beziehung zur Hausgemeinschaft stehen. Eine im Rettungshaus aufgetragene Arbeit durfte auch nicht dem Zweck dienen, Geld zu verdienen. Die Zöglinge sollten schon gar nicht nach auswärts zum Arbeitseinsatz in eine Fabrik gegeben werden. Auch geistlose Arbeiten, wie Kuhhaarzupfen, Wollsortieren, Fußmattenknüpfen und Pappschachtelfabrikation standen seinem Erziehungsgedanken entgegen. Sie gehörten zu den Maßnahmen der staatlichen Korrektions- und Besserungsanstalten sowie den Armenarbeitshäusern. Auch das Ausleihen der Zöglinge an Fabriken zur Ausnutzung ihrer Arbeitskraft lehnte Wichern entschieden ab. Die Arbeit mußte daher im Heim selbst für die Familie als selbstversorgende Einrichtung erfolgen. Die Zöglinge sollten zu handwerklichen, land- und hauswirtschaftlichen Beschäftigung angehalten werden. 24

Das Rettungshaus funktionierte als Organismus, wie eine große Familie, in der jeder für den anderen einstasnd mit dem Hausvater als Zentrum. Gemeint war nicht die bürgerliche Familie, sondern das "ganze Haus" unter Einschluß des Personals, also der pädagogischen Gehilfen. Damit war die "Familie" des Rettungshauses nicht nur Solidargemeinschaft und sozialer Mikrokosmos, sondern auch Wohnung, allernächste Heimat und Schutz der Kinder. Das Familienoberhaupt, der "pater familias", bestimmte darin alles und hatte die Fürsorgepflicht für die Seinen. Diese Vorstelung war tief verwurzelt in der vormodernen bäuerlichen Lebensform. Die idealisierte Hofgemeinschaft umfaßte 12 Personen: Den Vater des ganzen Hauses mit seiner Frau, den Kindern und möglicherweise den Altenteilern und zwei bis vier

24

Wichern, Johann Hinrich: Rettungsanstalten als Erziehungshäuser (1868), in: J.H. Wichern, Sämtliche Werke, hrsg. von Peter Meinhold, Bd. VII, Hamburg, 1975, S. 467 f.


Knechten und Mägden. Das war eine Schicksals-, Lebens und Produktionsgemeinschaft mit klaren Aufgabenteilungen und Machtstrukturen.

25

Von der Familie ausgehend mußte sich alles organisieren. Der Hausvater verantwortete die Arbeit im Rettungshaus. Sie war ein Mittel zur Erziehung der Schutzbefohlenen und zugleich ein höheres Gut als ein Mittel zum Geldverdienen. Ein Kapital, das unverlierbar in den eigenen Händen liegen sollte, dessen Bewahrung einen guten Namen begründete, um später in Ehren ein selbstverdientes Brot zu essen. Die "Familie" war die Erziehungsanstalt, die so lange nachhalf, den Zögling auf den besseren Weg zu bringen, bis aus dem Faulen ein Fleißiger geworden war. Der tägliche Dienst im und für das Haus sollte die Grundbedürfnisse der Familiengemeinschaft befriedigen und die Genügsamkeit als hohes Gut einer dienenden Liebe den Kindern aufzeigen. Daraus resultierte die Wertschätzung der Arbeit und des durch Arbeit erreichten Eigentums. Den Zöglingen sollte so das Eigentum wieder wert und heilig werden. Der Schulunterricht fand im Rettungshaus selbst statt

Die Fürsorge- und Erziehungskonzeption des Rauhen Hauses fußt auf der Erkenntnis, daß die Zöglinge sich einer Selbstdisziplinierung unterwerfen sollen. Damit wird das Rettungshaus eine selbstregulierte Einheit, die durch Subjektivierung nach innen wirken wollte. Wenn ein Zögling Gottes Gebote übertrete, so meinte Wichern, so geschehe die wirksamste Bestrafung von innen heraus. Die Strafe von außen durch den Erzieher erwirkt allenfalls einen größeren Widerstand gegen die Erziehung. Der Zweck war dann erreicht, wenn der Gestrafte die Strafe in sich selbst fortsetzt, um eine äußere Bestrafung wegfallen zu lassen. Bei den Bestrafungen unterschieden Wichern und seinMitarbeiter die Freiheitsentziehung, die körperliche Züchtigung und die Züchtigung mit dem Wort. Die Entziehung von Freiheit wurde in der bürgerlichen Gesellschaft die Geburtsstunde der Gefängisse und löste als Strafe die archaische Marter ab.

26

Die körperlichen Züchtigungen lehnte Wichern ab. Er konnte dabei auf Frankreich verweisen, wo es insgesamt nicht mehr üblich war, durch Schläge zu bestrafen. Im Rauhen Haus ließ er die Strafe durch die Zöglinge bestimmen, wenn ein Kind sich falsch verhalten hatte. "Die ältesten Zöqlinge sollten selber die Strafe bestimmen, gingen deswegen allein und hatten nach einer Viertelstunde sinnige, aber harte Strafen ausgedacht. Als sie dieselben aber mit eignem Munde dem Straffälligen ankündigen sollten, schwiegen alle, bis Einer, der früheren eignen, viel größeren Verschuldungen eingedenk, plötzlich um Vergebung für ihn bat - eine Wendung, welcher keiner erwartet hatte." Derartige Straffestsetzungen wurden hinfällig, sobald die Zöglinge ihre gegenseitige Erziehung selbst in die Hand nahmen. "Der Hauptzweck dieser Vereinigung der Kinder bestand darin, einander in der Besserung 27

25

Siehe ZGSHG, 1996, besprechung eines

26

Anhorn, Roland: Sozialstruktur und Disziplinarindividuum. Zu Johann Hinrich Wichems Fürsorge- und Erziehungskonzeption des Rauhen Hauses, Egelsbach b. Frankfurt, 1992, S. 174 f.

27

Wichern, Sämtliche Werke, Bd. 4/1, S. 135.


des Lebens und Aufrechterhaltung des neu gewonnenen Sieges beizustehen durch gegenseitiqes Ermahnen, Bitten und Aufmerksammachen." Das Ziel der Wichernschen Pädagogik war es, möglichst ganz auf die traditionellen Strafmittel der körperlichen Züchtigung zu verzichten oder stattdessen symbolische Strafakte einzuführen wie zum Beispiel ein Schweigegebot und die Isolation. Körperliche Züchtigung sollte nicht Teil der Hausordnung sein. Waren sie dennoch unumgänglich, so wollte Wichern damit nur zur Erweckung der Seele nutzen, um dann weitergehend darauf zu verzichten. Er ermahnte die Erzieher immer wieder, möglichst von schweren körperlichen Züchtigungen abzusehen, die ihm als Barbarei an der kindlichen Seele erschien. 28

Johann Hinrich Wichern selbst sah die Einzelschicksale, er stellte keine allgemeine soziale Theorie auf, wie es ein Jahrzehnt später Friedrich Engels tat, sondern half unmittelbar dem Menschen in seinem Schicksal. 29 Wichern nahm Anteil an den "Ruinen einer zerfallenen Menschennatur" und wollte bei der "Bändigung der wilder Seelen" 30 helfen. im Rauhen Haus Das Rauhe Haus in Hamburg war 1833 zunächst als Rettungshaus entstanden und wurde die Geburtsstätte der Inneren Mission. Dennoch diesen Kindern auf Dauer einen Neubeginn zu ermöglichen, erkölärt sich vor allem aus dem religiösen Erweckungsgedanken. Es ging primär um die Rettung der Seelen dieser Kinder vor der Verdammnis. Das war praktische Missionstätigkeit. Wichern wollte den Menschen von innen heraus verändern, statt ihn durch äußere Zwänge zu bessern, ihn von außen nach innen bessern zu wollen. Damit wurden die Zöglinge als Individuen behandelt. Ihre Erziehung setzte bei ihren individuellen Besonderheiten an und berücksichtigte ersmals auch ihr soziales Umfeld. Die Z ögli nge sollten von innen heraus genesen, der Eiunzelne durch die Gnadce Gottes gerettet werden. Bei der Konzeption des Rauhen Hauses Das Rettungshauses richtete sich an Waise unterschied sich von den Waisenhäuser seiner Zeit durch die Aufnahme von verwahrlosten Kindern. Es war aber keine Strafanstalt, kein Arbeitshaus und keine Armenschule. Das Rettungshaus sollte mmehr sein als eine vorübergehende Herberge für umherstreifende, bettelnde Kinder. Der Rettungshausgedanke knüpfte zwar an die Unterbringung von verwaisten Kindern in Familien durch die Armenfürsorge an, war aber im Kern eine moderne auf Dauer ausgerichtete Fürsorge- und Korrektionsanstalt, die im Kern auf verwahrloste Kinder als Zielgruppe gründete. Damit war das Rettungshaus keine Gefängnis, in das zufällig auch Kinder gerieten. Kinder wurden nicht mehr als kleine Erwachsene gesehen sondern in ihrem sozialen Umfeld, das sie erst in die Verwahrlosung trieb.Es war auch keine reine Schule. Es sollte aber eine Harmonie 28

Vgl. : Anhorn, Roland: Sozialstruktur und Disziplinarindividuum. Zu Johann Hinrich Wichems Fürsorge- und Erziehungskonzeption des Rauhen Hauses, Egelsbach b. Frankfurt, 1992, S. 168.

29

Vgl. Janssen, Karl: Einleitung zu J. H. Wichern, Ausgewählte Schriften, Bd. 1, Gütersloh 1979, S. 45 ff.

30

Wichern, Sämtliche Werke 4,1 , S. 152.


der christlichen Familie wieder herstellen mit der Einheit von Wohnen, Erziehung und Schule, die ebenfalls im Rettungshaus eingerichtet wurde. Diese Konzeption war eine romantische Verklärung einer heilen Welt, die bereits der Vergangenheit angehörte und rückwärts gewandt war zu einer Zeit, in der bereits vieles aus den Fugen geriet. Die Flensburger Pastoren und das Religionsblatt

Die Gründung des Rettungshauses "Martinsstift"

Am 25. Februar 1845 trafen sich zum ersten Mal fünf Männer zusammen, um einleitende Schritte zu beraten. Ein Statut für einen zugründenden Verein wurde beschlossen und ein Grundstück auf dem Johannisfeld außerhalb der Stadt ins Auge gefaßt, auf dem der Bau entstehen sollte. Dort sollten die Zöglinge mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt werden. Im April des gleichen Jahres unterschrieben bereits 116 Flensburger als Förderer der Stiftung. Am 300. Todestags Martin Luthers am Mittwoch, den 18. Februar 1846 trafen sich einige Männer in den oberen Räumen der Harmonie in der Flensburger Großen Straße zur Gründung des Vereins für das „Martinsstift bei Flensburg“. Sie gedachten des Glaubens, den Martin Luther an seinem Todestag offenbart hatte und verabschiedeten das vorbereitete Vereinsstatut. Probst Volquardts hielt die Eröffnungsrede. Zunächst waren es 30 Männer mit sozialem Engagement, die sich zusammengefunden hatten, aus ihrer Mitte wählte die Versammlung einen Ausschuß von 10 Personen, unter denen ein Geistlicher, ein Jurist, ein praktizierender Arzt, ein Volksschulehrer, ein Mitgleid des Flensburger Armenkollegiums und ein Bausachverständiger waren. Dieser Ausschuß sollte an die konkrete Planung des Hauses gehen. Dem Verein standen drei Direktoren vor, als „Wortführer“ Probst Volquardts, Pastor Wildhagen als Sekretär und als Kassierer J. J. Holdt. Danach ging alles sehr schnell. Der Magistrat der Stadt Flensburg überließ dem Verein eine bis dahin zur Schreibschule des Krirchspiels St. Johannis gehörige Lücke auf dem Johannisfel. Die Parzelle war sehr unfruchtbar und nur schwer landwirtschaftlich zu nutzen. Der Verein konnte den Grund für 20 Jahre pachten. Der Magistrat wollte aber im Grunde keine Verpflichtungen aus dem Unterhalt der Anstalt eingehen. Er fürchtete die Folgekosten und befürchtete etwaiige Schulden aus dem Unternehmen. So wurde das Institut eine reine Privatsache engagierter Flensburger Bürger, die durch ihre Spenden den Bau des Heimes ermöglichten. Zu den Initiatoren der ersten Stunde zählten Amtmann v. Warnstedt, Jusitzrat Callisen, Justizrat Holm, Justizrat Niemann, Probst Volquardts, Pastor Achenfeldt, Pastor Valentiner, Pastor Hartz, Pastor Wildhagen, Pastor Lorenzen in Adelby, Dr. Diedrichsen, Dr. Herrmannsen, Ober- und Landgerichtsadvocat Bremer, Deputierten-Ältermann H. P. Hansen, Holdt, Maurermeister N. Andresen und J. J. Elvers. Das Statut wurde im Altonaer Merkur, dem am häufigsten in der Provinz verbreiteten „Intelligenzblatt“, veröffentlicht. Auch die Flensburger Bevölkerung erhielt Nachricht von der Gründung im Wochenblatt für Jedermann. 31

32

31

Altonaer Mercur, Sonnabend, 24.03.1846.

32

Flensburger Wochenblatt für Jedermann. Jg. 66; 14.02.1846.


Die Gründungsväter wollten ihre Rettungsanstalt als ein Werk des Glaubens und der Liebe verstanden wissen. Sie bezeichneten es ausdrücklich als ein Zweig der „inneren Mission“. Damit hatten sie erstmalig in Schleswig-Holstein den Gedanken der Diakonie ins Leben gebracht. Nur in Lübeck, das damals nicht zu SchleswigHolstein zählte, gab es mit den „Fischerhütten“ bereits ein Rettungshaus. Der weltlichen Zweck der Anstalt wurde im Sinne Wichern in die Satzung aufgenommen. Er spiegelt die Argumentation Wicherns über den Rettungshausgedanken wider. Es sollten „sittlich verwahrloste Kinder beiderlei Geschlechts“ aufgenommen werden. Das Rettungshaus sollte eine Zufluchtstätte, die an die Stelle der elterlichen Fürsorge und Gewalt tritt. Im Unterschied zu Waisenhaus sollten nur verwahrloste Kinder aufgenommen werden. Von den staatlich eingerichteten Strafanstalten unterschied sich diese neue Einrichtung dadurch, daß die Kinder frei waren und sie keiner Strafe ausgesetzt werden sollten. Die Vereinsgründer sahen ein echtes Bedürfnis nach einer solchen Anstalt im Herzogtum Schleswig. Es gab in ihren Augen viele Beispiele für Menschen, die als Kinder „auf die Bahn sittlicher Verderbtheit geriethen, sich zu Verbrechern ausgebildet haben und oft noch im jugendlichen Alter zu vieljähriger Zuchthausstrafe verurtheilt werden.“ Ihnen war außerdem besonders in der Stadt aufgefallen, daß viele Kinder armer Leute nicht durch die Obrigkeit zu disziplinieren waren. 33

Im Rettungshaus wollte man die Kinder im nötigsten Schulunterricht unterweisen und sie zur körperlichen Arbeit anhalten und vor allem durch eine christliche Erziehung sittlich auf sie einwirken: „Eingedenk der Wahrheit, daß es unmöglich ist, ohne Jesum Christum und sein Wort mit wahrem ausdauerndem Segen an irgend einer Jugend, geschweige denn an den Kindern des Elends zu arbeiten.“ Damit war von den Gründungsvätern der Anstalt ein neuer Gedanke zu den Wichernschen Pädagogik hinzugetreten. Es war die Bedeutung des Wortes für die christliche Lebenshaltung. Damit knüpften sie an Claus Harms an und standen in der Tradition der Lutheraner. Zumindes an diesem Punkt versuchten sie die Synthese der Vorstellungen von Harms und den Gedanken von Wichern zu vollziehen. Die Ausführung in der Praxis wurde dann jedoch ähnlich gehandhabt wie in den anderen Rettungsäusern auch. DieVorstellung, das die Predigt auf die problematischen Kinder und Jugendlichen den Einfluß haben würde, den die Flensburger Pastorenschaft erhoffte, zerschellte an der Erziehungspraxist. Bei der Gründung des Vereins konnten die Initiatoren sicher sein, das reichlich mildtätige Gaben für diese neue Sache der inneren Mission fließen würden, zumal bisher für die äußere Mission beachtliche Spenden eingeworben worden waren, die an Missionsstationen in Afrika und Amerika geflossen waren. Die Gründer selbst stifteten den bisher mit dem Religionsblatt erwirtschafteten Gewinn von 1600 Mark. Diese Summe war natürlich viel zu gering, um den Bau des Hauses angemessen zu finanzieren, ein laufender Betrieb war überhaupt nicht möglich. Daher kam bei der Vereinsgründung dem Engagement sozial denkender Flensburger Bürger besondere Bedeutung zu. Hier konnten sich vermögende Flensburger mildtätig erweisen und ihren Bürgersinn demonstriern. Wesentlichen Anteil hatten dabei die Legate und einmaligen Stiftungen einzelner Honoratioren. Sie wurden als „Wohltäter“ des Vereins. Der angestrebte Bau mußte sogar ganz auf die Stadt verzichten, die sich 33

Flensburger Wochenblatt für Jedermann. Jg. 66; 14.02.1846.


finanziell nicht beteiligte. Sie stellte nur das Grundstück, alles andere mußten die Bürger selbst leisten. angesehen. Zunähst waren erhebliche Zweifel, ob es gelingen könnte,für dieses Werk der inneren Mission genügend Geldmittel aufzutreiben, doch nach einer Veröffentlichung im Religionsblatt und einer entsprechenden Werbung über die Pröbste in den Kirchengemeinden, kammen doch Gelder zusammen. Der Baumeister Andresen zeichnete einen ersten Entwurf der neuen Anstalt und die Stadt konnte dazu gewonnen werden, einen passenden Bauplatz auf dem Johannisfeld zur Pacht zu übertragen. Das Gebäude gestattete eine weite Fernsicht auf die Stadt. Im Süden und Osten wurde ein großer Garten angelegt. Ein Gärtner stiftete die ersten 1000 Bäume zur Anpflanzung des Geländes. Die angrenzende Wiese wurde zur Gewinnung von Heu gepachtet, denn auf dem Martinsstift sollten Kühe gehalten werden. Die Adelbyer Bauern erbrachten ihren Anteil am Bau des Hauses, indem sie von den umliegenden Ziegeleien über 70 Fuhren unentgeltlich heranfuhren Das eingeschössige Haus war bescheiden , es hatte ähnlich wie die Bauernhäuser in Angeln einen Haupteingang in der Mitte. Darüber befanden sich in einem Giebelzimmer wurde das Schulzimmer und Bodenraum zum Trocknen der Wäsche eingerichtet. Im Haus waren die Räume für die Familie des Vorstehers und vier Räume für die Kinder. Der Vorsteher der Anstalt wurde vom Vereinsvorstand benannt und hatte seine Wohnung im Haus zu nehmen. Die Erziehung, die Hausordnung und die Art des Unterrichts lagen in seinem Ermessen. Über die Aufnahme von Kindern entschied das Direktorium, wobei die Kinder der Stadt vorrangig berücksichtigt werden sollten. Kinder, für die die Armenkasse zu zahlen hatte, wurden nur aufgenommen, wenn die Kasse ein Jahr im voraus das Kostgeld bezahlteErkrankte Kinder wollte man nicht aufnehmen, doch behinderte sollten berücksichtigt werden. Bei der Aufnahme eines Kindes waren der Taufschein, eine Bescheinigung über die Vaccination gegen die Pocken und ein Gesundheitsattest vorzulegen. Die körperliche Untersuchung der Kinder erfolgte durch den im Vereinsvorstand gewählten Arzt. Die Kinder des Martinsstiftes, die „Martinstiftler“, wurden in der Regel nach der Konfirmation entlassen, wenn sie bis dahin eine geeignete Lehrstelle gefunden hatten, sonst war es durchaus möglich, daß sie länger im Heim blieben.. Eine vorzeiteige Entlassung war nicht vorgesehen, die Eltern konnten in der Anfangszeit aber ihre Kinder wieder zurücknehmen, wobei keine vorausbezahlten Kostgelder ausbezahlt wurden. Insgesamt wollte der Hausvater mit seiner Frau den Kindern soweit möglich die Eltern ersetzen. Während der Dauer des Heimaufenthaltes trug das Martinsstift alle Kosten der Erziehung und Verpflegung der Zöglinge. Die Angehörigen konnten ihre Kinder sehen, allerdings erst nach vorheriger Anmeldung., während andere Personen überhaupt keinen Zutritt erhielten.


Frau Paulsen ging nach Kaiserswerth. Dort hatte durch die Aktivitäten Pfarrer Theodor Fliedners (1800 – 1864) der Gedanke eines neuen Diakonissenamtes, eine entscheidende Ausprägung erfahren. Es wurde die Urzelle der modernen Krankenpflegeausbildung und der Diakonissenanstalten. Fliedner holte sich bei seinen Reisen nach England entscheidende Eindrücke bei dem reformerischen Produzenten Robert Owen, welche Umwälzungen die Industrialisierung für Deutschland bringen würde. Er arbeitete zunächst mit entlassenen weiblichen Strafgefangenen und eröffnete eine Kleinkinderschule und dann die 1836 ins Leben gerufene „Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen“. Sie war konzipiert als Krankenpflegeausbildung für unverheiratete evangelische Frauen. Fliedner schuf aus den nur am Rande der Gesellschaft geduldeteten Krankenwärterinnen die anerkannte Berufung als „Diakonissen“. Damit konnten Frauen innerhalb der Kirche nicht nur eine Aufgabe und einen Beruf wahrnehmen, sie waren auch zu Diakonissinen berufen. In dem Diakonissenmutterhaus in Kaiserswerth erhielt die zukünftige Rettungshausmutter eine Ausbildung in Krankenpflege und Hauswirtschaft. Ihr gelang damit auch der gesellschaftliche Aufstieg, zumal viele Schülerinnen in Kaiserswerth aus Bürgerhäusern stammten. Die Funktion der Hausmutter war allerdings innerhalb der patrialchalischen Struktur der Kirche klar definiert. Sie sollte in der Auffassung Fliedners die Gehilfin des Hausvaters und sein Ratgeber sein. Die Leitung des Rettungshauses sah er genauso wie Wichern beim Hausvater. 34

35

Bei der Berufung des ersten Rektors der Diakonissenanstalt in Flensburg griff man übrigens auf die bewährte Verbindung zur Bruderschaft in Neinstedt Neinstedt am Harz zurück. Die Neinstedter Anstalten waren ebenfalls als Rettungshaus nach dem Vorbild des Rauhen Hauses 1850 von Philipp Nathusius gegründet worden, der dort Ländereien besaß. Dort entwickelte sich auch baled ein Brüderhaus. Die ersten Inspektoren wechselten in das Pastorenamt über. Anders als das Martinsstift hatten sie schon bald für die Anstalten eine überregionale Bedeutung erreichen können, weil sie eine Brüderschaft bildeten. Ab Als der Gründer 1872 starb, übernahm Dr. Hardeland die Leitung des Hauses. Damit glaubt man in Flensburg, in ihm einen geeigneten Vorsteher der neuen Landesdiakonissenanstalt zu haben, obwohl er körperlich stark angeschlagen war, denn er litt an „Kopfreißen“. Tatsächlich bekleidete er nur einige Monate seine neugewonnene Position. Er segnete noch die ersten beiden Flensburger Diakonissinen ein, ehe im Zerwürfnis wieder Flensburg verließ. 36

Von der Stadt konnte ein Stück Land auf dem Johannisfeld an der Eckernförder Landstraße auf 20 Jahre gepachtet werden; Spenden und Legate schufen die finanzielle Grundlage. Zum Leiter der Anstalt wählte man den Schuhmacher Paulsen aus Preetz, der sich vor Antritt des Amtes bei Wichern im Rauhen Hause in Horn bei Hamburg einige Wochen aufgehalten hatte. Diese Wahl erwies sich als glücklich, Paulsen zeigte sich in aufopfernder Tätigkeit der Aufgabe gewachsen. Er wurde eifrig von seiner Frau unterstützt, die ihre Ausbildung durch Pfarrer Fliedner an der Diakonissen-Anstalt in Kaiserswerth erhalten hatte. Der Hausvater beschäftigte die 34

Beyereuther, Geschichte der Diakonie, S. 64 f.

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Jenner, Harald: Diakonissenanstalt Flensburg, Schriften der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte, Nr. 44, Flensburg, 1992, S. 46 f.

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Jenner, Harald: Diakonissenanstalt Flensburg, Schriften der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte, Nr. 44, Flensburg, 1992, S. 69 f.


Zöglinge mit nützlicher Arbeiten auf dem Felde oder im Garten und gab ihnen an den Werktagen Schulunterricht. Am 8. Juli 1847 wurde das Martinsstift mit zwei Zöglingen eröffnet. Die Zahl der betreuten Kinder stieg schnell, 1849 waren es 14, 1851 lebten elf Knaben und sechs Mädchen im Haus. Das Anstaltsgebäude erwies sich bald als zu klein, bereits im Sommer 1849 wurde ein eigenes Wirtschaftsgebäude erbaut, damit schuf man Platz für 24 Zöglinge. In den fünfziger Jahren hatte das Martinsstift, das ein Privatunternehmen war, mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Hausvater wurde zum Rauhen Haus geschickt, um sich nach mehrwöchentlichem Aufenthalt von Wichern ein Zeugnis seiner Befähigung ausstellen zu lassen. Auch die Einordnung der Anstalt in die Ortgemeinde stammt von dem Vorbild des Rauhen Hauses. Bis zur Schließung der Anstalt wurden die Zöglinge am Sonntag in die Johanniskirche geführt. Am 19. April 1847 wurde das einfache Gebäude bereits gerichtet. ‘Am 8. Juni kamen die ersten drei Kinder ins Heim. Hausvater wurde Schuhmacher Paulsen. Er blieb es 29 Jahre lang und wurde 1876 von Bergmann abgelöst. Die jährliche Generalversammlung des Vereins fand von da ab bis zum Ende der Erziehungstätigkeit immer am Todestag Luthers statt. Die Schleswig-Holsteinische Erhebung 1848 sowie der Brand einer Scheune, die 1856 neu errichtet werden mußte, störte die Entwicklung der Einrichtung. Sie war zunächst nur für die Aufnahme von 12 Kindern gedacht, erwies sich während der Schleswig- Holsteinischen Erhebung 1848 bereits als zu klein, weil laufend neue Kinder angemeldet wurden, die man nicht ablehnen wollte. Im Haus hatten sich zunächst auch die Wirtschaftsräume und Arbeitsräume für die Kinder befunden. 1849 wurde eine Scheune errichtet und eine Werkstatt. Der Wirtschaftsraum wurde nun so verwandt, daß die Mädchen gänzlich getrennt von der Knabenfamilie untergebracht waren. Die Zahl der betreuten Kinder stieg schnell, 1849 waren es 14, 1851 lebten elf Knaben und sechs Mädchen im Haus. Das Anstaltsgebäude erwies sich bald als zu klein, bereits im Sommer 1849 wurde ein eigenes Wirtschaftsgebäude erbaut, damit schuf man Platz für 24 Zöglinge. In den fünfziger Jahren hatte das Martinsstift, das ein Privatunternehmen war, mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Martinsstift hatte damit 24 Plätze. Die Zahl der untergebrachten Kinder stieg rasch an. Ende 1848 waren es 13, 1950 waren 18 Kinder dort. Drei Knaben wurden aus Flensburg aufgenommen und einer aus Preetz. Die vier aufgenommenen Mädchen kamen aus Flensburg, Kiel Apenrade und Eckernförde. Damit mußte der erste pädagogische Gehilfe eingestellt werden. Man fand einen Webergesellen aus Adelby, der schon länger in den Dienst der Inneren Mission treten wollte. Er konnte die Kinder im Weben, Nähen, Spinnen und Stricken beschäftigen. Die Kleidung der Kinder wurde damit aus eigener Produktion möglich. Die ersten von Pastor A. Wildhagen am 11. März 1849 konfirmierten Kinder waren drei Jungen, die 1832 / 33 geboren waren und aus Flensburg und Sonderburg stammten. Sie waren wie überhaupt fast alle Kinder aus der Unterschicht. Als Beruf der Väter ist angegeben: Tagelöhner, Schneidermeister, Shcuhmachergeselle, Arbeitsmann und Schmied 1856 waren 24, 1862 38 Kinder im Heim. Damit war die Kapazität des alten Gebäudes erschöpft und eine Erweiterung der Anstalt wurde beschlossen, damit sie 50 Kinder aufnehmen konnte. Doch schon 1869 lebten 50 Jungen und 20 Mädchen


im Haus. Eine Erweiterung der Gebäude und der Neuerwerb weiterer Ländereien wurden notwendig. Bis zum Kriegsende 1918 waren rund 1000 Kinder im Heim gewesen. Seit 1876, als Bergmann Hausvater wurde, stand die Einrichtung in enger Beziehung zum Bruderhaus von Neinstedt im Harz, das die drei männlichen Mitarbeiter stellte. Außerdem war im Ersten Weltkrieg ein verheirateter Knecht auf dem Hof und mindestens eine Gehilfin. Die Dienstmädchen wurden aus früheren Zöglingen rekrutiert. 1879 gerieten kurz nacheinander zwei Scheunen in Brand und mußten wieder aufgebaut werden. 1880 waren die Scheunen ersetzt; 1898 wurde eine Familienwohnung für den verheirateten Knecht; 1899 ein drittes Knabenhaus mit einem Schulzimmer für die schwächeren Kinder; 104 wurde ein schöner Neubau als erstes Knabenhaus mit Familienwohnung für Hausvater Bergmann errichtet. 1905 Entstand das Hauptgebäude mit Wirtschaftsräumen, Speise- und Festsaal und Aufenthaltsort für die weiblichen Zöglinge, so daß diese von den drei Knabenabteilungen völlig getrennt war. Für Neuanpflanzungen, Spielplätze und Badeeinrichtungen wurde gesorgt. Die Kinder wurden von zwei Ärzten und einem Zahnarzt versorgt. 1878 wurde die Anstalt eine juristische Person und erhielt Geschenke und Stiftungen in größerem Umfang. Ihr Vermögen betrug 1911 183 774 Reichsmarkt. Ab 1910 übernahm der Regierungspräsident in Schleswig die Oberaufsicht, während die Schulverhältnisse der Anstalt unter der Aufsicht des Flensburger Stadtschulrates standen. #S. 331 #Während des Ersten Weltkrieges kam es zu größeren Schwierigkeiten, weil das Hauselternpaar völlig allein stand. Alle Gehilfen waren zum Kriegsdienst eingezogen worden, während gleichzeitig die Zahl der Zöglinge auf 150 anstieg.

Die Entwicklung der Einrichtung

Wilhelm Gelbke (1877 - 1934)der nach 1911 die Nachfolge Bergmanns antrat, war ebenfalls Neinstedter Bruder. Er war Ustrungen im Südharz aufgewachsen und nach seiner Lehrzeit in das Brüderhaus in Neinstedt am Harz eingetreten. Dort erhielt er eine mehrjährige praktische und theoretische Ausbildung zum Diakon. Nach einer längeren Tätigkeit in Bernburg kam er 1902 zusammen mit seiner Frau zum Martinsstift nach Flensburg. Seine Kinder wurden hier geboren.

Bis zum ersten Weltkrieg wuchs die Zahl der betreuten Kinder auf 187 an. In den schweren Kriegszeiten standen Hausvater und seine Frau allein ohne Hilfe. Das Hauptgebäude von 1905


Durch die Änderungen der Fürsorgegesetze. Bereits 1899 war der Bau eines dritten Knabenhauses beschlossen worden, weil die Nachfrage nach Heimplätzen immer mehr gestiegen war. Durch die Einfühürung des Fürsorgegesetzes 1901 war ein Neubau eines weiteren Hauses dringend notwendig. Die Nutzung des Gebäudes war. Allgemein bewirkte die gesetzliche Änderung einen ständig steigenden Bedarf auch an Fachpersonal für die Innere Mission. Von allen Kreisen der Provinz trafen Anfragen nach Unterbringungsmöglichkeiten ein, viele Kinder mußten zurückgewiesen werden, weil kein Platz und kein Personal vorhanden waren. Die Neinstedter Anstalten konnten keinen dritten Gehilfen schicken, weil überall die Nachfrage nach pädagogisch vorgebildeten Heimerziehrn angestiegen war. In der Anstalt arbeitete der Gehilfe Lulei. Der zweite Mitarbeiter Kotsch wurde 1903 nach Nienstedt zurückgerufen. An seiner Stelle kam der spätere Hausvater Wilhelm Gelbke. Im Februar 1901 waren 68 Zöglinge in der Anstalt untergebracht, davon 61 Jungen und 7 Mädchen. Bei den 15 Neuaufgenommenen schickte der Landeshauptmann 15, die preußische Regierun 5, der schleswig-holsteinische Erziehungsverein 3, Lübeck 2, Kiel 3 und Flensburg 6. Zwei Zöglinge wurden von ihren entnervten Eltern gebracht. Um die Jahrhundertwende war im Vorstand der Anstalt von den Gründungsvätern nur noch der Lehrer J.J. Callsen, der 1901 Schriftführer des Vereins wurde. Nachgerückt waren die Pastoren Andresen und Peters. Pastor Andresen war weit über Flensburg hinaus als engagierter Theologe und Schriftsteller bekannt. In seiner Zeit als Pastor in St. Johannis (1890 - 1928) war er zeitweilig Redakteur der Schleswig-Holsteinischen Kirchen- und Schulblattes. Er gehörte dem nationalistischen, deutsch-nationalen Flügel der Kirche anund wurde als Stadtverordneter erstes NSDAP-Mitglied des Flensburger Magistrats. Generalsuperintendent Kaftan, mit dem er häufig aneinandergeriet, schrieb in einen seiner Visitationsberichte 1916: „Hier ist ein lieber Mensch und ein verdrehter Theologe.“ 37

Dem Vorstand gehörten weiter an der Kornbrenner und Geschäftsmann Herm. G. Dethleffsen, der Nachbar Andreas Fabian und der Frauenarzt und Gynäkologe Dr. Mensinga (1836-1910), der überregional durch seine Maßnahmen zur Geburtenkontrolle bekannt war. Mensinga nahm im Heim die ärztliche Überwachung der Einrichtung wahr. In seinem Gesundheitsbericht von 1903 zählte er die Haupterkrankungen der Kinder auf. Es waren vereinzelte Fälle von Krätze und Tbc. 38

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Der Privatier Bunzen, der 1916 verstarb, kümmerte sich um die Verbesserung der landwirtschaftlichen Nutzung. Es wurden 30 ha bewritschaftet, von denen 24 ha Eigenland waren. Zum Martinsstift gehörten 1902 zwei Pferde, 11 Kühe, drei Starken, zwei Kälber, vier Schweine, zwei Sauen und drei Schafe. 40

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850 Jahre St. Johannis in Flensburg. Aus der Chronik der Kirchengemeinde St. Johannis von Holger Hoffmann.

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Jahresbericht 1901/02.

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Pastoratsarchiv St. Johannis: Martinstift 61 b/1.

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Jahresbericht 1901/02.


Das Pferdegespann wurde von einem fest angestellten Arbeiter geführt, der auch im Stift wohnte. Die Handarbeit in der Landwirtschaft wurde von den Zöglingen erledigt, die von Gehülfen angeleitet und beaufsichtigt wurden. Durch den Einsatz Bunzens wurde die Landwirtschaft rationalisiert und erbrachte für den Eigenbedarf im Wirtschaftsjahr 1902 2100 Liter Milch, 783 Pfund Butter und 100 Sack Kartoffeln. Der große Gemüsegarten versorgte die Bewohner mit dem enötigten Gemüse und Obst. Es wurden drei Kühe, 5 Schweine, 6 Kälber und ein Schaf auf dem Hof geschlachtet. Die Landwirtschaft erwirtschaftete durch den Verkauf von Naturalien sogar einen Überschuß von 600 Mark.

Fürsorgeerziehung

In diesen Anfangsjahren des Fürsorgegesetzes herrschte ein Andrang wie nie zuvor. Man ging dazu über, die von den Behörden zugewiesenen Kinder wieder weiter zu vermitteln, vor allem in die Familienpflege oder man gab sie in die Elternhäuser zurück. Von den 50 Zöglingen, die 1903 aufgenommen wurden, verblieben nur 30 in der Einrichtung. Der Heimalltag sah gleichförmig aus. Im Sommer wurden die Kinder wochentags um 5.30 Uhr mit einer Glocke geweckt. Sie hatten sich sofort von „ihrem Lager“ zu erheben. Jedes Kind ging dann zu seinem Waschtisch wusch sich und machte anschließend das Bett, wobei die Kleinen von den Großen unterstützt werden mußten. „Nachdem Mund und Zähne gereinigt sind, treten die Kinder zusammen und sprechen das Morgengebet und wünschen dem Bruder und sich untereinander: Guten Morgen!“ Ab 6 Uhr begannen die Kinder für eine halbe Stunde mit dem Aufräumen und dem Saubermachen, während 6 bis 8 Jungen draußen die Kühe melkten. Um 6.30 Uhr trafen sich alle Kinder im Untergeschoß des Haupthauses im Speisesaal zum gemeinsamen Frühstück mit anschließender Morgenandacht. Von 7 Uhr bis zum Schulbeginn um 7.30 Uhr machten die Kinder ihre Hausaufgaben. Danach fand der Schulunterricht des Hausvaters bis 12.00 Uhr im großen Saal des Haupüthauses im zweiten Stock statt. Die Schulstunden waren im Rhythmus von 45 Minuten aufgeteilt, mit längeren Pausen. Diese Zeit galt als Schulzeit. In der einklassigen Heimschule war für die Unterstufe 22 Wochenstunden und für die Mittelstufe 28 Wochenstunden vorgeschrieben. Nach dem Schulschluß war das gemeinsame Mittagessen, und ab 12.30 Uhr für die meisten eine Stunde Freizeit, während andere im Wechsel für das Reinigen der am Vormittag benutzten Räume und für den Küchendienst eingeteilt waren. Von 1.30 Uhr bis sechs Uhr waren die Kinder mit Haus- und Hofarbeiten beschäftigt, unterbrochen wurde die Tätigkeit von einer halbstündigen Vesper um vier Uhr nachmittags. Von sechs Uhr bis 7 Uhr war Freizeit. Danach war für eine halbe Stunde Abendbrotszeit, an die sich eine Abendandacht anschloß. Abends um halb acht wurden die Hausarbeiten des Schulunterrichts erledigt. Danach wuschen sich die Kinder, erhielten den Abendsegen und gingen ins Bett. Der Samstag war ein normaler Werktag, nur erhielten die Kinder an diesem Tag neue Wäsche, machten gründlich sauber und wurden gebadet. In den Wintermonaten verkürzte sich die Arbeitszeit um eine halbe Stunde, weil die Kinder bis sechs Uhr im Bett bleiben durften. An Sonn- und Festtagen standen die Kinder immer um sieben Uhr auf. Nach dem Frühstück zogen sie älteren Kinder ihre Sonntagskleider an und gingen um 9 Uhr zur Stadt, um am Gottesdienst in der St. Johanniskirche teilzunehmen.


In den Schulferien waren die Kinder in der Landwirtschaft beschäftigt. Als Freizeitbeschäftigung wurden längere Spaziergänge angeboten. Die wenigen Mädchen in der Anstalt wurden nicht in der Landwirtschaft eingesetzt, sondern im Haus unter Aufsicht der Hausmutter zur Hausarbeit angehalten. 41

Die Strafordnung des Martinsstiftes sah eine Reihe von Erziehungsmitteln vor, die abgestuft eingesetzt wurden. Bei kleineren Schwierigkeiten entzogen die Erzieher die Vergünstigungen, wie zum Beispiel die Zuteilung von Obst, der Verlust der wenigen Freistunden, in denen zusätzlich gearbeitet werden mußte. Schwerwiegendere Erziehungsprobleme wollte man mit dem Entzug von Essen bestrafen. Die Kinder erhielten nur noch trockenes Brot beim zweiten Frühstück und bei der Vesper, zu den Essenszeiten wurden ihre Missetaten öffentlich angesprochen und sie erhielten einen „Verweis“. Beondere „Missetaten“ wurden mit bis zu zweitägiger Einschließung „korrigiert“. Geschlagen wurde dann mit einem Rohrstock von 1 cm Stärke. Die kleinen Diliquenten erhielten bis zu zehn Schläge auf das Gesäß oder Rücken. Essensentziehung und Einschließungen mußten in einem eigens geführten Strafbuch eingetragen werden. die Schläge mit dem Rohrstock notierte der Lehrer im Klassenbuch. Eine Besonderheit stellte die Erziehung der Mädchen dar, die noch bis Anfang der 20er Jahre betrieben wurde. Bei den Mädchen sahen die Behörden oftmals die sexuelle Verwahrlosung. Der Weg in die Prostiution war oftmals schon beschritten, ehe die Mädchen in die Fürsorgerziehung kamen. Maria , die als 18jährige ins Martinstift kam, hatte schon viel durchgemacht. Einmal ließ sie sich im ersten Weltkrieg von Matrosen in einem Seesack auf das Kriegsschiff „König Wilhelm“ schmuggeln lassen, das im Kieler Hafen vor Anker lag, um ihrem „Dirnengewerbe nachgehen zu können.“ Als sie im Martinstift ankam, war sie modisch gekleidet. Beim Umziehen entdeckte die Hausmutter schmutzige, zerrissene Strümpfe. Sie war schwer an Syphilis erkrankt und mußte zu einer längeren Behandlung mit Quecksilber ins städtische Krankenhaus in Flensburg gegeben werden. Auch ihr Sohn Franz, der 1924 geboren wurde, wurde Martinstiftler, nachdem er zuvor im Kinderheim gewesen war. 42

Meistens erfolgte die Einweisung der Mädchen wegen der schlechten häuslichen Verhältnisse. Amalie schrieb 1917an Hausvater Gelbke, nachdem sie ihren gewalttätigen, herzlosen Vater, ein Lübecker Buchbinder, besucht hatte: Wie gut ich es bei Ihnen gehabt habe.“ Ihre Geschichte war bedrückend. Als ihre Mutter gestorben war, zog eine Haushälterin zu ihrem Vater, die sie mißhandelte. Trotzdem blieb sie eine gute Schülerin. Als sie sich hilfesuchend an das Lübecker Jugendamt wendet, glaubt man ihr nicht. Schlimmer noch, nachdem man den Vater gehört hatte, wurde ihr ein „unwiderstehlicher Drang zum Lügen“ bescheinigt, der als Grund für die Fürsorgeerziehung herhalten mußte. 43

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Pastoratsarchiv St. Johannis: Martinstift „Haus- und Strafordnung des Martinsstiftes zu Flensburg, genehmigt vom Regierungspräsidenten am 8. März 1912.

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Name geändert.

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Archiv Martinstift, F 1263.


In den letzten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts und bis zur Weimarer Zeit brachten den Wandel von der liberalistischen Armenfürsorge zur Wohlfahrtspflege. Gleichzeitig wurde eine Verwaltung geschaffen die die gesetzlichen Grundlagen in behördliches Handeln umsetzte. Ein erster Schritt war die Umstellung der regiden Armenfürsorge, die nur langjährige Gemeindmitglieder berücksichtigte durch das Unterstützungswohnsitzgesetz, das mit der Reichsgründung 1871 in ganz Deutschland eingeführt wurde. Damit wurde die bereits seit 1842 in Preußen geltende Bestimmung allgemeines Prinzip, daß den Armen Unterstützung gewährt werden mußte, wenn sie zwei Jahre ortsansässig waren. Jedem hilfsbedürftigen Deutschen war Wohnraum, der unentbehrliche Lebensunterhalt, die Pflege bei Krankheit und ein Begräbnis zu gewähren. 44

Es blieb bei den ehrenamtlichen Armenpflegern, erst langsam entschlossen sich größere Städte, besoldete Armenaufseher einzustellen, die die Arbeit der ehrenamtlichen Armenpfleger unterstützten und Kontrollbesuche bei den Bedürftigen machten.

S. 266 S-H Erziehungsverein Gründer und langjähriger Vorsitzender Kaftan Hauptziel Rettung und Pflege in der Gefahr der Verwahrlosung befindlichen Kinder des Landes. Es handelte sich um arme oder verwaiste oder durch „Verschulden“ der Eltern gefährdete und mißratene Kinder. S. 266 Anfang des 19. Jahrhunderts suchten viele Arme die Unterstützung der Städte und Gemeinden, die sie nur in sehr kargem Umfang erhielten. Besonders die Landgemeinden versuchten, diese Ausgaben zu sparen. Viele Kinder von Trinkern waren zu versorgen. Die Gemeinden gaben die Kinder in öffentlichem Aufgebot an den Mindestbietenden in Pflege. Auch mindestanforderungen an kindgerechte Umgebung gab es nicht. Arme Leute schickten ihre Kinder zum Betteln und Landstreichen aus. Größere Gemeinden mußten Armenschullehrer einstellen. Gegen Ende des Jahrhunderts scheint im übrigen Deutschland die Verwahrlosung größer gewesen zu sein, als im noch nicht so industrialisierten Schleswig-Holstein. Von den 164 Rettungshäusern, die es 1881 in Preußen gab, entfielen auf SchleswigHolstein nur eins: das Martinsstift, abgesehen vom Baur´schen Rettungshaus bei Altona, das aber nur Kinder aus Altona aufnahm und den Fischerhütten in Lübeck, die ebenfalls als Rettungshaus gegründet worden waren. Zwangserziehungsgesetz von 1878: Kinder unter 12 Jahren, die eine strafbare Handlung begangen hatten, konnten von der Obrigkeit zur Verhütung weiterer sittlicher Verwahrlosung in eine geeignete Familie oder in eine besserungsanstalt gebracht werden. Das Gesetz genügte aber nicht bei den gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit. Wenn ein Kinde noch kein Vergehen begangen hatte, so konnte es trotz Gefährdung nicht unter Fürsorgeaufsicht gestellt werden, man mußte warten, bis eine Straftat vorlag. Außerdem war nicht geregelt, was mit den Kindern zu geschehen hatte, die nach ihrem 12 Lebensjahr ein Vergehen oder Verbrechen begingen. Sie konnten allenfalls ins Gefängnis eingeliefert werden. # Seite 267# Erst das Zwangserziehungsgesetz von 1900 verbesserte die Lage in der 44

André, Günter: Sozialamt. Eine historisch-systematische Einführung in seine Entwicklung. Weinheim,1994, S. 14 ff.


Fürsorgeerziehung. Die staatliche Fürsorge konnte jetzt auch einschreiten, ohne daß eine strafbare Handlung vorlag, die Altersgrenze lag jetzt genau wie heute bei 18 Jahren. Kaftan sah die Sache trotzdem drastisch: Ein Kind müsse in den Dreck geworfen werden, ehe ihm staatliche Fürsorge zuteil wurde. Doch schon Wichern hatte für eine wirksame Erziehungsarbeit bei Kindern den Grundsatz aufgestellt, daß vorbeugen besser als retten sei. Der pädagoge Zeller meinte, daß die Familie das Rettungshaus sein sollte. Aus diesen Gedanken heraus entstand im Jahr 1881 der Schleswig-Holsteinische Erziehungsverein, der von dem Reigierungs- und Schulrat D. Theodor Kaftan ins Leben gerufen wurde. Kaftan hatte schon vorher die Erziehungsysteme in Dänemark, Deutschland und der Schweiz auf einer umfangreichen Studienreise kennengelernt und dabei die Überzeugung gewonnen, daß eine geregelte erzeihungsarbeit an der gefährdeten Jugend notwendig wurede. In schleswig-holsteinischen Gefängnissen der damaligen Zeit saßen ungefähr 150 jugendliche Gefangene ein. Der Erzeihugnsverein wurde am 26. Januar 1881 in Rendsburg gegründet#Seite 268#Der Erziehungsverein setzte sich zum Ziel, . die Umsetzung des Zwangserziehungsgesetz von 1878 zu fördern und vornehmlich den Kindern zu helfen, die vom Gesetz nicht erfaßt wurden. Für Schleswig-Holstein konnte der Verein aber nur in der Heimerziehung tätig werden, weil der Landesdirektor eine eigenständige staatliche Organisation zur Unterbringung der Zöglinge aufgebaut. Auch das Försorgererzeiehungsgesetz von 1900 wurde nicht in die Hände der Inneren Mission gelegt, wie in anderen preußischen Provinzen, sondern wurde vom Staat organisiert. Der Landeshauptmann organisierte die Unterbringung und Beaufsichtigung der Zwangszöglinge über Vertrauensmänner. Nur für die Anstaltserziehung nahm er Vereine und Anstalten der Inneren Misdsion in Anspruch. Der Erziehungsverein kümmerte sich deshalb vor allem um verwahrloste Kinder, die nicht unter die staatliche Fürsorgerziehung fielen

Fürsorgeerziehungsgesetz von 1900

Das Fürsorgegesetz von 1900 fand seine Erweiterung im Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922. In der Weimarer Republik sollte das „Recht des Kindes auf Erziehung gewährleistet werden. Damit wuchs die Bedeutung der Jugendämter, die die Familien bei Schwierigkeiten in der Erziehung unterstützen sollte und vor allem Erziehunghilfe bei Fehlentwicklungen schwererziehbarer Kinder leisten wollte. Die Sozialpädagogik wurde als neue pädagogische Disziplin entdeckt. Sie sollte alles umfassen, was nicht Schule und nicht Familie war. Es bildeten sich rasch neue Arbeitsfelder heraus, wie die Fürsorgeerziehung, die Familienfürsorge, Erziehungsberatung oder Schulgesundheitspflege. Die Heimerziehung wurde rasch professionalisiert und differenziert. Ganz verschiedene pädagogische Schulen begannen, sich für problematische Jugendliche zu interessieren und entwickelten die Heimerziehung als neues Arbeitsfeld. Auch politische Parteien und Srömungen interessierten sich mehr und mehr für die Fürsorgeerziehung, so das liberale Bürgertum, die Sozialdemokraten und die Kommunisten. 45

45

Peukert, S. 27 f.


Letztere konnten auf Anton Semjonowitsch Makarenko (1888 - 1939) verweisen. Makarenko hatte den "Aussichtslosen" (Besprisornyje), elternlose herumstreuende Jugendliche ohne Halt in seiner Gorki - Kolonie eine neue Chance gegeben. Statt sich zu Horden zusammenzuschließen und die Bevölkerung zu terrorisieren, wollte er sie zu nützlichen Mitgliedern des „Kollektives“ machen. Seine Vorstellungen orientierten sich an der Ideologie der bolschewistischen Revolution. Doch auch er scheiterte mit seinen pädagogischen Grundsätzen der Gewaltfreiheit an der Unangepaßtheit dieser wilden Jugendlichen, die keine Autorität mehr dulden wollten: „Da stürzte plötzlich das pädagogische Fundament, auf dem ich stand, mit krachendem Getöse zusammen. Ich befand mich in einem leeren Raum. Das schwere Rechenbrett, das auf meinem Tisch lag, flog plötzlich nach Ossadtschijs Kopf, verfehlte das Ziel, krachte gegen die Wand und fiel zu Boden. Außer mir vor Erbitterung suchte ich auf meinem Tisch nach einem schweren Gegenstand, packte aber plötzlich einen Stuhl und stürzte damit auf Ossadtschij... Ich kam zu mir.“ Diese Aggressivität führte zu einem Autoritätsgewinn Makarenkos und stabilisierte den inneren Zusammenhalt der Kolonisten. 46

Die folgenden Jahre wurden dann eine Zeit der Reformpädagogik an der Schnittstelle zwischen Jugendstrafvollzug und Fürsorgeerziehung. Die Reformpädagogen wollten nun ihrerseits die Situation der Unterschichts Jugendlichen unter liberalerem Gesichtspunkten bessern. Bereits Anfang des Jahrhunderts hatte Hermann Lietz ( 1868- 1919) Erfahrungen mit der neuen Erziehungsidee der Landerziehungsheime als idealer Schule gesammelt, die Unterricht und Erziehung in idealer Weise verbinden sollte. Diese Erfahrungen übertrugen andere Reformpädagogen auf die Fürsorgeerziehung. Die Vorstellung, der Fürsorgezögling sei an der Entfaltung seiner Persönlichkeit nur durch die widrigen Lebensumstände gehindert, führte zu einem neuen Erziehungideal, Jugend könne am besten durch Jugend geführt werden. In reformpädagogisch geführten Heimen gab es deshalb eine Mitverwaltung der Zöglinge und man begann, sich sehr viel mehr für die persönliche Sicht der Fürsorgezöglinge über den Heimalltag zu interessieren. Peter Martin Lampel, ein ehemaliger Reichswehroffizier und dann zur Linken konvertierter Freikorpsmann, sammelte Berichte der Zöglinge 1929. Er hatte als Hospitant in „Struveshof“ das Vertrauen der Jungen gewonnen und ihre Erzählungen aufgeschrieben und dann veröffentlicht. Er schrieb über seine Erfahrungen sogar das Theaterstück „Revolte im Erziehungshaus“, das sich mit der Heimerziehung kritisch auseinandersetzte. Der Aufsatz des Jungen Willi M. ist charakteristisch für die auffälligeren Zöglinge, die sich dem Anstaltssystem nicht anpassen wollten und immer wieder entwichen. Der Bericht zeigt deutlich, wie soziale Probleme von einer Generation auf die andere weitergegeben werden.: „Ich bin der Sohn einer Frieda L., ich bin geboren am 23.3.10. Mein Vater kenne ich nicht, ich glaube es war ein Bauer mit Namen Winter. Meine Mutter war damals in einer Anstalt, wo sie bei dem Bauer als Dienstmädchen angestellt wurde, sie hatte sich in den Sohn des Bauer verliebt, und auf einmal war es geschehen... Ich kam gleich nach dem Waisenhaus in der Alten Jacobstraße, wo meine Großmutter mich nach drei Wochen abholte und bis vierzehn Jahren erzog. Dann nahm ich mir eine Arbeit an als Schlächterlehrling. Dort hatte ich ein halbes Jahr gelernt, auf einmal war 46

Makarenko, A. S.: Der Weg ins Leben. Ein pädagogisches Poem, Berlin und Weimar 1976, S. 111.


mir die Arbeit über, und ich hörte einfach auf zu lernen... In mehreren Wochen hatte ich meinen Lohn verbraucht, und da bekam ich Furcht und dachte gleich, daß das Jugendamt mich in eine Anstalt bringt. Ich borgte mir ein Fahrrad, welches ich mir für 50 Pfennig pro Stunde lieh, mein Freund tat dasselbe, auf diesem Fahrrad fuhren wir auf Wanderschaft... wir verkauften unsere Räder für 25 Mk., dann fuhren wir weiter per Bahn... Ich wurde in Kassel aufgegriffen... Also sie brachten mich auf den Alexanderplatz, auf das Polizeipräsidium, wo sie mich nach vier Tagen abholten und mich nach dem Lindenhof brachten. Von da aus kam ich nach Templin, wo ich elf mal entlaufen bin, wegen Mangel an Essen, dann wurde ich nach Berlinchen gebracht. Dort gefiel mir es ganz gut, bis auf das eine. Das war die Hausmutter, hauptsächlich. Dort war ich netto ein dreiviertel Jahr, bis es mal plötzlich zu einer Revolte kam... Vier verweigerten die Arbeit, sangen politische Lieder, brachen die Räucherkammer auf und suchten den Schnaps. Das hatte ein Junge verraten. Auf einmal stürzte sich alles auf den Jungen. Man bearbeitete ihn mit Knüppel, wo ich auch mit bei war... bis nachher das Überfallkommando gerufen wurde. Die Anführer wurden dem Gefängnis übergeben, und die anderen Jungen kamen alle nach Struveshof.“ „Als ich in Struveshof eingeliefert bin, wurde ich der dritten Familie zugeteilt. Es wollte mir garnicht gefallen. Das Leben da draußen gefiel mir besser Am ersten Tage meines Hierseins in Struveshof, es war gerade Abend, gingen wir um neun Uhr zu Bett. Der Erzieher hatte gerade die Tür abgeschlossen, da ging mit einem Male das Zigarettenrauchen los. Im Nu war der Schlafsaal blau... Der Hausvater legte mir sofort ans Herz nicht zu türmen. Ich versprach es ihm auch. Aber Gedanke auszurücken war schon lange in mir erwacht. Da ich noch nicht mit die Wege Bescheid wußte, so überredete ich noch einen Jungen, mit mir zu entlaufen. Wir kamen unaufgefordert aus dem Haus raus. Wir freuten uns riesig und im Geiste schon in Berlin. Kurz vor Groß-Beeren hielt uns ein Bahnbeamter an. Wir liefen über den Bahnsteig, und kaum waren wir drüben, sahen wir zu unserem Schrecken Herrn B., unseren Hausvater, vor uns mit dem Rade. Vor uns sahen wir einen ziemlich großen Teich. Wir warteten durch. Mein Kumpan konnte nicht mehr, denn er bekam schwere Herzstiche und blieb liegen, und ich blieb bei ihm stehen, bis der Hausvater heran war. In Struveshof angekommen, wurde ich wieder der dritten Familie zugeteilt.. In der Familie angekommen, nahmen mich gleich ein paar Jungens in Empfang und nahmen mich vor. Zwei Wochen hielt ich es ganz gut aus, Aber der Gedanke zu türmen wachte in mir wieder auf.. Diesmal wußte ich schon mehr Bescheid, wie man nach Berlin kommt. Jetzt war ich schon zwei Wochen in Berlin. Zu Hause durfte ich nicht gehen, und was sollte ich jede Nacht Bodenplatte schieben? Ich ging wieder nach dem Heim Lichtenberg und meldete mich dort als entlaufen aus Struveshof.. Dann wurde ich durch einen Transporteur wieder der Anstalt Struveshof übergeben. Auch im Martinstift war das größte Problem bei den Jungen das „Entweichen“. In der Familienchronik läßt sich das gut nachvollziehen. Die Aufzeichnungen wurden penibel von Bruder Späth geführt, der ein Schmiedegeselle aus Segeberg war. Am 25.2.1913 lief Hans Nielsen das erste Mal fort und wurde erst am 4.3. wieder aufgegriffen. Doch schon fünf Tage später unternahm er einen erneuten Fluchtversuch, der aber vorzeitig vereitelt wurde. Nun wurde er isoliert in der Krankenstube der I. Familie im oberen Stockwerk untergebracht, zumal die Erzieher festgestellt hatten, daß er an Krätze litt. Trotzdem konnte er fliehen. Er band Socken


und Laken zusammen und gelangte ins Freie. „Nachdem Hans Nielsen wieder einige Unarten vollbracht hatte, wurde er am Donnerstag den 20. 3. durch den Hausvater wieder der Anstalt zugeführt.“ Am 23. März konnte er erneut entweichen, obwohl er in einer verschlossenen Dachkammer untergebracht war. Er löste einige Dachpfannen, kletterte aufs Dach und von dort über eine Luke auf den unverschlossenen Boden.

Viele Jugendliche kamen zum Martinstift, weil eine Besserung durch die Fürsorgeerziehung von vorneherein angenommen wurde. Nun bekam die Drohung, die in vielen Familien ausgesprochen wurde: „Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Martinsstift!“ eine besondere Bedeutung. Es konnte schnell gehen mit der Einweisung in die Erziehungsanstalt. Ein Vater schrieb kurz vor Weihnachten 1901 an „die löbliche Direction“, nachdem sein neunjähriger Stiefsohn Johannes wieder etwas angestellt hatte: „Nun steckt garnicht gutes in dem Jungen und macht er tagtäglich nur böse Streiche und wirklich Böses. So hat er mir sowie meiner Frau, meinem Vater und Schwester Geld gestohlen, Spielsachen woanders etc. Schlägt groß und klein, schlägt Fenster ein, dreht Wasserleitungen auf, hat bei einer Kindervorstellung im Sansoire einem kleinen Mädchen das Jacket zerschnitten...hören tut er garnicht mehr.“ Und zu allem Überfluß läuft der Junge auch noch weg, wenn der Vater ihn bestrafen will. Der Vater sieht keinen anderen Ausweg mehr, als wenn der Junge zum Martinstift kommt. Sollte er sich dort in einem Jahr gebessert haben und wieder „moralisch und christlich gediehen sei“, könne er ja zurück kommen. Besonders in der Zeit des ersten Weltkrieges überlegten die Vormundschaftsgerichte nicht lange. Viele Väter waren „im Felde“, die Mütter manchmal überfordert. So zum Beispiel die Hamburgerin Anna H. Ihr Sohn stahl geringere Geldbeträge und verkauft Haushaltsgegenstände seiner Eltern. Er schwänzte die Schule und trieb sich umher. Grund genug für das Altonaer Königliche Amtsgericht, die Fürsorgeerziehung anzuordnen: „Bei dem ganzen Charakter des Jungen bietet nur noch eine strenge Anstaltserziehung Aussicht, daß er nicht völlig verdirbt.“ 47

Die Reformpädagogen brachten die Diskussion um die Rettungshäuser in Schwung und waren der Anlaß für ihre allgemeine Krise, die letztlich zum Ende dieser Heime führten. Kritik und Krise der Rettungsanstalten hatte seine Ursachen in der Entwicklung seit der Jahrhundertwende. Durch die allgemeine Euphorie in der Heimerziehung waren die Rettungsanstalten extrem expandiert. Die Ausbildung des Personals hatte dem nicht Schritt halten können. Es gab nicht genügend Personal und der Rettungshausgedanke Wicherns war überhaupt nicht mehr umsetzbar. Hatte sich Wichern tatsächlich einen Familienersatz für die untergebrachten Kinder gedacht, hatten in der Krisensituation im Ersten Weltkrieg zum Beispiel im Martinsstift 180 Kinder nur die Hauseltern als Bezugspersonen. Eine sinnvolle pädagogische Arbeit war unter diesen Umständen fast unmöglich geworden. Trotzdem zum Beispiel im Martinsstift Beachtliches geleistet wurde, und ein liberaler Geist herrschte, sah in anderen Rettungshäusern die Situation anders aus. Dort 47

Archiv Martinstift, F 4542


herrschte war ein harter Drill an der Tagesordnung, der mit einer Prügelpädagogik durchgesetzt wurde, die in einer demokratischeren Gesellschaft an ihre Grenzen stieß. . Gerade diese Reformversuche und die Krise der Rettungshäuser führten zu einer kritischen Situation der Fürsorgerziehung Ende der 20er Jahre. Sowohl in den Rettungshäusern als auch in den reformpädagogischen Anstalten kam es in der Folgezeit zu Revolten, die in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wurden. Es wurde immer schwerer, die Autorität des Erziehers aufrechtzuerhalten. Besonders die Rettungshäuser in Waldhof-Templin und in Rickling kamen in den Strudel skandalträchtiger Auswüchse. Die Vorwürfe gipfelten darin, daß Anstaltsinsassen mit Fäusten, Knüppeln und Lederriemen traktiert wurden. Die SPD-Fraktion im Preußsischen Landtag richtete sogar eine Anfrage an den Minister für Volkswohlfahrt. Es kamen staatsanwaltliche Ermittlungen in Gang. Am Ende des Prozesses reichten die vorgebrachten Anschuldigungen zwar nicht für eine Verurteilung, führten aber zu einer öffentlichen Debatte über die Fürsorgeerziehung. Damit war die „Musterfürsorgeanstalt“ Rickling diskreditiert. Ihr Leiter, der Pastor Johannes Vogt wurde wegen seiner wirtschaftlichen Tüchtigkeit als Stinnes der Inneren Mission“ geschmäht und offensichtliche Mängel der Rettungsanstalten waren offenkundig geworden. Die Angriffe wurden zwar auf den Zerstörungswillen von Seiten eines kommunistischen „Drahtziehers“ geschoben, doch das Ricklinger Rettungshaus hatte einen irreparablen Schaden in seiner Reputation erlitten. Zur Diskussion stand die autoritäre, monarchistische „Prügelpädagogik“, die mehr und mehr in eine hitzige öffentliche Diskussion geriet. Der Heimskandal in Rickling war nur ein Auslöser einer viel tiefer liegenden politischen Auseinandersetzung zwischen dem bürgerlich-monarchistischen Kräften und der Linken. Denn bereits seit 1919 hatte das Burschenheim in Rickling in der Kritik gestanden, als Fürsorgezöglinge in den Revolutionswirren geflohen waren und sich hilfesuchend an den Arbeiter- und Bauernrat wandten. Die Räte untersuchten daraufhin die Anstalt. Doch dort war man sich seiner Sache sicher. Schuld sei die „nach dem Ersten Weltkriege eingetretene allgemeine Zerrüttung von Ordnung und Moral“, die auf die Fürsorgezöglinge übergegriffen habe. Man glaubte sich im Recht und wies die Vorwürfe als linkes „Störmanöver“ zurück. Nur einige wenige Erzieher wollten einen neuen Stil in die Fürsorgeerziehung bringen: Der junge Erzieher Gustav Wolf wollte „von einer reinen ‘Aufsicht’ und sehr autoritären Art im Umgang mit den Minderjährigen“ wegkommens und eine freiere, tolerantere Erziehung einführen. Die Haustüren sollten am Tage nicht mehr verschlossen sein und das Redeverbot bei den Mahlzeiten wurde abgeschafft, ebenso die körperlichen Züchtigungen. Er besann sich im Grunde wieder auf Wichern. die Jugendlichen von „innen“ heraus zu bindenund zu beeinflussen. Die Freizeitaktivitäten sollten wie bei den Wandervöglen zum Gemeinschaftsgefühl beitragen. Durch Singen, Musizieren und durch literarische Abende wollten diese jungen Brüder erzieherisch wirken. Doch sie waren die Ausnahme. Andere reagierten auf Widersetzlichkeiten mit Fußtritten, Schlägen, Beleidigungen und Kahlscheren. Besonders drastisch ging es 48

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Peukert, S. 244 ff. Epha, Oskar: Der Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Festschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens des Landesvereins am 30. September 1975, S. 33.

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Ricklinger Bruderbrief Nr. 559 vom Dezember 1981, S. 49 ff.

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Häusler, Michael: Dienst an Kirche und Volk. Die deutsche Dakonenschaft zwischen beruflicher


auf dem Gelände von Falkenhorst zu. Dort stand die sogenannte „Burg“. Sie enthielt 30 vergitterte Einzelzellen für „besondere Fälle“, wie sehr renitente und häufiger entwichene Fürsorgezöglinge. Unter den Zöglingen gab es den „Ehrenkodex“: „Wer nicht einmal in der Burg gewesen ist, ist überhaupt kein Kerl“ Meistens war sie voll belegt. Im späteren Prozeß gaben die Erzieher und der Hausvater lediglich gelegentliche Schläge zu, und das Gericht stellte fest, daß die Angeklagten nicht aus grausamen, sadistischen Motiven mißhandelt hätten sondern daß für sie die körperliche Züchtigung ein Teil ihrer Erziehungsmethode war. Eine Reaktion auf die öffentliche Kritik war 1929 ein vollständiges Verbot der körperlichen Züchtigung durch das preußische Wohlfahrtsministerium. 52

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Ludwig S. kam 1901 im Arbeitervorort Harburg zur Welt. Im Februar 1902 wurde Ludwig dort getauft und wie alle Kleinkinder gegen Pocken geimpft vom Geheimen Sanitätsrat Dr. Dempwolff. Die Wiederholungsimpfung fand dann in Rickling statt, als Fürsorgezögling. Der Vater war von Beruf Schlosser, kam aber mehrere Male mit dem Gesetz in Konflikt und mußte immer wieder Gefängnisstrafen absitzen. In dieser Zeit ist die Mutter mit den Kindern völlig überfordert, weil sie selbst hinzuverdienen mußt, um sich und die Kinder zu ernähren. Ludwig besucht nur noch unregelmäßig die Schule, weil er zu Hause auf seine jüngeren Geschwister aufpassen mußte. Er entwickelte sich mit neun Jahren immer mehr zu einem Sorgenkind, treibt sich viel auf der Straße herum, findet Kontakt zu älteren Kindern und besucht mit ihnen Theater, raucht und trinkt Bier. Im Sommer 1910 bricht er zusammen mit einem Freund mehrere Gartenlauben auf, entwendete dort ein Stück Bleirohr und verkaufte es. Als Laufjunge eines Kolonialwarenhändlers kassiert er 3,60 Reichsmark und unterschlägt das Geld. Das Jugendgericht beschließt dehalb 1911, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen und ordnet die Zwangserziehung an. Ludwig soll in einer geeigneten Familie oder in einer Besserungsanstalt untergebracht werden. Als keine Familie gefunden werden kann, kommt nur die Heimunterbringung in frage. 55

Hugo Paschke vom Bremer Verein für entlassene Gefangene betreute die Familie. Er hörte von der Möglichkeit, daß auch Bremer Kinder nach Rickling ins neue Rettungshaus kommen könnten. So wurde Ludwig der allererste Zögling im Knabenrettungshaus“ Thetmarshof, einem Rettungshaus, das nach dem erstes Segeberger Hospital von 1152 wurde om Probsten Thetmar geleitet, der „Seele der Caritas - Liebestätigkeit in Neumünster. Gegründet wurde. Dort wurde er mit neun Jahren am 22. April 1911 aufgenommen. Er wurde gewogen und sein Gewicht in den Akten festgehalten, wie bei den folgenden Zöglingen auch. Bei der Eingangsuntersuchung bemühten sich die Erzieher, etwas über die schulischen Leistungen und die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder zu erfahren. Es Emanzipation und kirchlicher Formierung (1913-1947), Stuttgart/Berlin/Köln 1995, S. 113. 52

Ricklinger Bruderbrief Nr. 559 vom Dezember 1981, S. 53.

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Epha, Oskar: Der Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Festschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens des Landesvereins am 30. September 1975, S. 35.

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Häusler, Michael: Dienst an Kirche und Volk. Die deutsche Dakonenschaft zwischen beruflicher Emanzipation und kirchlicher Formierung (1913-1947), Stuttgart/Berlin/Köln 1995, S.113.

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Name geändert.


wurden einfache Rechenaufgaben gestellt und etwas diktiert. Für die Aufnahme wurde bereits ein Intelligenztest nach „Ziehen Intelligenzprüfung“verwendet. Es wurde ein Lückentext vorgegeben, der ergänzt werden sollte. Ein bruchstückhafter Aufsatz Ludwigs zum Thema „Reisen“ als Eingangstest ist erhalten geblieben. Er zeigt die Träume des kleinen Ludwig und seine schulischen Schwierigkeiten: „Luftschiff - Ich möchte mit nach Metz hin fahren und nach Berlin und dann nach Schweden und nach dem ?? fahren. Und wider zurück fahren.“ Ludwig durfte bei guter Führung jeden Monat einen Brief nach Hause schreiben und einen bekommen. Pakete konnte er nur mit der Zustimmung der Heimleitung bekommen, ein Inhaltsverzeichnis mußte beiliegen. Besuch durfte der Junge nur einmal pro Monat nach vorheriger Ankündigung bekommen. Der Vater wollte sich nicht damit abfinden, daß sein Sohn ins Heim gekommen war und glaubte, daß er schlecht behandelt würde. Aber seine Einflußnahme wurde unterbunden. Selbst konnte er nicht den Sohn besuchen, dafür war die Reise von Bremen nach Rickling zu weit und zu teuer. Außerdem konnte er nur einmal am ersten Sonntag im Monat zu seinem Sohn. Er schrieb also nach Rickling. Doch der Brief wurde geöffnet und mit einem Begleitschreiben vom Hausvater zurückgeschickt: „Es ist ja schön, wenn sie sich um ihn sorgen, aber das, was ich eingeklammert habe, darf Ludwig nicht lesen.“ Der Vater werde über das Heim sicherlich anders denken, wenn er einmal kommen sollte und sich einen eigenen Eindruck verschaffen könne. Darum bitte ich Sie, schreiben sie Ludwig einen recht netten Brief in den nächsten Tagen und kommen Sie dann zum Besuch... Ludwig hat es bei uns gut.“

Ludwig war von seiner Familie isoliert und erfuhr nicht einmal, daß die Familie umgezogen war. Sein Brief an seine Mutter Wilhelmine kam im August 1913 unzustellbar zurück, die Familie war unbekannt verzogen. Der Brief lag verschlossen in den Akten. Es war ein von den Erziehern durchgesehener und zensierter Brief: „Liebe Eltern es geht mir sehr gut hoffentlich Euch auch. Den 31 Juli machten wir ein Ausfug dieser war sehr gut ich habe im Schießen denn zweiten Preis gekriegt. den habe ich im schnellfeuer geschütz gekriegt. Ludwig war zunächst renitent und aufsässig und vor allem sehr streitsüchtig. Im Jahr 1912 erhielt er verschiedene Strafarbeiten wegen Ungehorsam, Faulheit und Betrug. Auch im Heim kam es zu kleinen Diebstählen. Sie wurden mit 10 Stockschlägen bestraft. Seine Beurteilung für das Jugendamt Bremen fiel entsprechend negativ aus. Seine Führung lasse viel zu wünschen übrig, es fehle ihm an der Wahrhaftigkeit. Er beging kleinere Diebereien, weshalb er besonders streng beobachtet wurde. Zur „Festigung seines Charakters“ sei es daher notwendig, daß der Junge bis auf weiters im Heim bleibt.“ Viele Schwierigkeiten mit Ludwig wurden allerdings nicht weitergemeldet. Er stahl alles, wenn man ihm dazu die Gelegenheit gab. Im Sommer 1913 lag der Bruder Gericke mit einer starken Erkältung im Bett. Morgens wachte er auf und sah plötzlich


Ludwig in seinem Zimmer. Der Junge fragte ihn freundlich: „Darf ich Ihnen die Stiefel putzen?“ Der Angesprochene wurde sofort mißtrauisch, weil er seine Stiefel immer selbst geputzt hatte. Als der Junge das Zimmer verlassen hatte, untersuchte der Diakon sofort sein Portemonnaie. Es fehlte ein Zehnmarkstück. Sofort lief er hinter Ludwig her und stellte ihn zur Rede. Der gab schließlich zu, das Geld gestohlen zu haben. Er hatte es im Strumpf unter der großen Zehe versteckt. Auch im folgenden Jahr gingen die Erziehungsprobleme weiter. Aus einem verschlossenen Schrank im Schlafsaal wurde 20 Mark gestohlen. Sofort geriet Ludwig in Verdacht. Man konnte ihn aber nicht auf frischer Tat ertappen. Ludwig versteckte das Geld und verhielt sich unauffällig. Im Juli 1914 mußte sich im Zuge der Mobilmachung auch einer der Erzieher des Heims, der Bruder Poggemeier, beim Militär melden. Ein anderer Sozialpädagoge, es war der spätere Leiter des Martinsstiftes Gericke, begleitete ihn und nutzte die Gelegenheit zur Kontrolle der Zöglinge. Im Pastoratsgarten legte er sich hinter einer Hecke auf die Lauer. In der Dämmerung war er mit seiner grünen Kleidung kaum zu sehen. Plötzlich sah er Ludwig aus dem Gebüsch springen, der in großer Hast die Erde aufwühlte und sofort wieder zuschüttete. Als er den Pädagogen entdeckt hatte, ging er lächelnd auf ihn zu. Gericke: „Was hast du da gemacht?“ Ludwig antwortete völlig unbefangen: „Da habe ich Murmeln versteckt, die jetzt verschwunden sind. Gericke durchsuchte die Taschen des Jungen, fand aber nichts. Auch im Boden war nichts. Doch einige Wochen später wurde Ludwig dann doch erwischt. Zwei Zöglinge waren ausgerissen und wieder bei Bordesholm von einem der Erzieher eingeholt worden. Sie hatten 3,50 Mark bei sich und gestanden, das Geld von ihm bekommen zu haben. Zuerst bestritt Ludwig alles, doch dann gab er endlich zu, das Geld aus dem Wandschrank weggenommen zu haben. Den Schlüssel hätte er „gefunden“. Einer der Ausreiser wurde ins Burschenheim versetzt. Er meinte beim Weggang, im Pastoratshühnerstall seien noch 80 Pfennig versteckt, die dann auch gefunden wurden. Er fügte sich nach Ansicht seiner Pädagogen leidlich in die Anstaltsordnung. In der heimeigenen Schule machte er keine Fortschritte. Zur Konfirmation am 1. April 1917 suchte Pastor Voigt für Ludwig als Konfirmationsspruch einen Vers aus der Offenbarung des Johannes aus: „Halte was du hast, daß Niemand deine Krone nehme.“ Für den 16jährigen Ludwig wird es problematisch. Er kann als Heranwachsender nicht mehr im Knabenheim bleiben. Entweder bekam er jetzt eine Chance als Lehrling in der Umgebung von Rickling, oder der Heimaufenthalt mußte verlängert werden. Doch die Umstände waren nicht glücklich für ihn. Nur unter Mühen machte der Hausvater eine Lehrstelle bei dem Schmied L in Groß Niendorf ausfindig. Der Ausbildungsvertrag wurde geschlossen und dem Jugendamt Bremen zur Genehmigung übersandt. Ludwig trat die Stelle am 28. April 1917 an. Dafür wurde er vom Heim entsprechend ausgestattet mit zwei Sonntagsanzügen, Arbeitssachen, sechs Hemden, vier Paar Strümpfen, sechs Taschentüchern, einer Unterhose, zwei Paar Sonntagsschuhen, zwei Mützen und mit Kamm, Zahnbürste, Schlips und Kragenknöpfen im Gesamtwert von 171 Mark. Sehr schnell geriet aber Ludwig mit dem dort ebenfalls beschäftigten Gesellen in Streit. Eine Zusammenarbeit wurde für Ludwig unmöglich und er mußte von der


Heimleitung am 1. Mai 1917 wieder abgeholt werden. Die Suche nach einem neuen Lehrmeister wurde fortgesetzt, sie blieb aber letztlich erfolglos, weil die Meister in der Umgebung größtenteils zum Heeresdienst eingezogen worden waren und andere wohl bei der großen Auswahl an Bewerbern den Fürsorgezögling nicht nehmen wollten. Ende Mai 1917 mußte Johannes Voigt deshalb dem Bremer Jugendamt mitteilen, daß für Ludwig trotz aller Bemühungen keine Lehrstelle gefunden werden konnte. Dem Amt deutete er an, daß für Ludwig nur noch das Burschenheim in Rickling in Frage kommen könnte. Diese Burschenheim hatte 30 Plätze für männliche, konfirmierte Zöglinge, die noch nicht 18 Jahre alt waren, also noch unter die Fürsorgeerziehung fielen. Ludwig schrieb im Dezember 1917 nach seinem Ausscheiden aus dem Heim an den Hausvater Ljunggren: „Geliebter Hausvater! Endlich nehme ich die Feder zur Hand, um für ein paar Zeilen zu schreiben. Hoffentlich sind sie gesund und munter, was bei mir der Fall ist. Ich möchte noch nachträglich einen Herzlichen Glückwunsch aussprechen. Geliebter Hausvater ich möchte nur mitteilen, daß ich auf das Jugendamt war, wegen meinem geburtsschein da ist mir gesagt wordendaß er noch in Rickling sei. darum möchte ich nur fragen, ob sie mir den Geburtschein so schnell wie möglich herschicken wollten ich muß ihn mähmlich nötig haben. Auch möchte ich fragen, wegen meine zwei Hosen die sie mir noch schicken wollten ob sie nich so feundlich sein wollten und mir die auch schicken denn ich bin darum sehr verlegen. Lieber Hausvater grüßen Sie Hausmutter Bruder Gericke die Brüder und meine Kammeraden und nochmal einen Herzlichen Dank von ihrem Freund Ludwig. Der Hausvater konnte ihm nicht helfen, die Geburtsurkunde fand sich nicht in den Unterlagen. Trotzdem schickte Ludwig an seinen ehemaligen Erzieher nach Rickling eine besonders schmucke, gediegene Jugendstilkarte mit Einlageblatt, die ein kleines Vermögen gekostet haben dürfte: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstage wünscht Sie Ihr Freund Ludwig S.“ Das Motto daneben wünschte sich Ludwig wohl auch für sein eigenes, problematisches Leben: „Hör meiner Wünsche frohe Kunde: „Vollkommnes Glück sei Dein Geleit, Und froh und heiter sei jede Stunde, Von Deiner ganzen Lebenszeit“. Ein kleine handschriftliche Notiz des Hausvaters findet sich zum Schluß im blauen Aktenordner des Zöglings: „Ende 1920 oder Anfang 1921 befindet sich Ludwig S. wegen Diebstahls im Gefängnis (Strafanstalt) Oslebshausen, Staat Böhmen. Die Fürsorgeerziehung hatte keinen Erfolg gehabt, der Junge trat in die Fußstapfen seines Vaters. Als Hausvater war Ljunggren, ein Bruder der schleswig-holsteinischen Bruderschaft eingestellt worden. Vorsteher der Ricklinger Anstalten war der Pastor von Rickling, Johannes Voigt, der einer der aktivsten Verfechter der Inneren Mission in SchleswigHolstein war. Das Heim sollte eine Musteranstalt der Inneren Mission sein . Deshalb achtete die Heimleitung sehr genau auf die Einhaltung der staatlichen Vorschriften. Die Erziehung im Heim war streng.

Hinzu kamen wirtschaftliche Schwierigkeiten im Gefolge der Weltwirtschaftskrise. Die staatlichen Ausgaben für die Fürsorgererziehung wurden drastisch gesenkt und


Sparmaßnahmen führten zu tiefen Einschnitten. Das Ergebnis war eine Notverordnung zum Reichjugendwohlfahrtsgesetz im Jahre 1932, die unter anderem die Entlassung von „Unerziehbaren“ aus der Fgürsorgerziehung vorsah. Fürsorgeerziehung durfte nun nicht mehr ausgesprochen werden, wenn sie „keine Aussicht auf Erfolg“ habe. Damit war der Weg frei für die nationalsozialistische Aussonderung der „Unerziehbaren“. Die nationalsozialistische „Fürsorge“

Nach der Machtergreifung änderte sich auch vieles innerhalb der diakonischen Einrichtungen und für die freien Vereine. Sie sahen sich der im Jahr 1932 gegründeten Volkswohlfahrt der NSDAP gegenüber, die alle freien Wohlfahrtsbestrebungen gleichschaltete. Der Zweck der Volkswohlfahrt leitete sich aus der nationalsozialistischen Ideologie ab, wie sie Hermann Althaus, einer der Wohlfahrtsfunktionäre 1941 so formulierte: „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt wird die Sorge für alle Erbgesunden, die durch ihre Leistungsfähigkeit von Bedeutung für die Gesamtheit des Volkes sind, beanspruchen, während die Betreuung der Erbkranken und Asozialen aus dem Barmherzigkeitsmotiv heraus eine Aufgabe der kirchlichen Liebestätigkeit in Verbindung mit der Mindestleistungen gewährenden behördlichen Fürsorge sein kann.“ 56

In der Fürsorgeerziehung kam es zu einer Wende. Der einzelne Jugendliche stand nicht mehr im Mittelpunkt von Erziehungsmaßnahmen. Es ging nun darum, die „Volksgemeinschaft“ vor den „Asozialen“ zu schützen. Der Heimfürsorgezögling wurde zu einem Objekt furchtbarer Behörden, die ihre „Fürsorge“ ihm gegenüber letztlich in seiner Vernichtung, seiner „Unschädlichmachung“ sah. Den äußeren Übergriffen versuchte die Diakonie durch eine gemeinsame Arbeitsgemeinschaft der missionarichen und diakonischen Verbände und Werke der Deutschen Evangelischen Kirche“ 1934 zu begegnen. Der nationalsozialistische Staat bemühte sich nun darum, den Einfluß der diakonischen Einrichtungen in der geschlossenen Fürsorgeerziehung zurückzudrängen. Immerhin stellten diakonische Einrichtungen 212 000 Betten in diakonischen Einrichtungen zur Verfügung. Viele Rettungshäuser konnten dem Druck des nationalsozialistischen Staates nicht entgehen und wurden geschlossen. Der Staat übernahm ihre Aufgaben. So auch in Schleswig-Holstein. 57

Die beim Centralausschuß für die Innere Mission inzwischen auf Druck der Deutschen Christen erzwungenen Veränderungen, nach denen es einen "Reichsführer der Inneren Mission" gibt, sollten durch Richtlinien auch auf Landesebene analog durchgesetzt werden. Die Innere Mission wurde 1934 nach dem Führerprinzip umgestaltet. Der neue „Landesverband für Innere Mission unterstand dem "Landesführer der Inneren Mission ' der Direktiven vom „Reichsführer der Inneren Mission“ empfing und dem ein "Landesführerrat" beratend zur Seite stand. Dieses Amt übernahm der zuvor von der 56

Zitiert nach: Günter André, Sozialamt, S.

57

Beyreuther, S. 200.

81.


„braunen Synode“ vom 12. 9.1934 aus seinem Amt gejagte Bischof D. Adolf Mordhorst. Die Geschäftsführung des Landesverbandes übernahm der Kirchenjurist und Konsistorialrat Dr. Epha. Diese Neuorganisation stand im Zusammenhang mit der Gleichschaltung der Wohlfahrtspflege, ganz, wie es sich die braunen Machthaber vorstellten. Sie erkannten nur noch ihre eigene NS Volkswohlfahrt an, die erst 1931 lokal gegründet worden war, das Deutsche Rote Kreuz, die Innere Mission und den Caritasverband, während die Arbeiterwohlfahrt verboten wurde. Diese Veränderungen wurden zunächst in der Inneren Mission begrüßt. Die „deutschen Christen“ hofften auf eine Stärkung der kirchlichen Arbeit und auf einen Rückzug der staatlichen Fürsorge, zumal Hermann Göring die staatliche Wohlfahrt als „verhängnisvollen Fehlschlag“ bezeichnet hatte. Die Ankündigung, man wolle nun freie Träger zurückgreifen, interpretierten viele in der Diakonie so, daß ihre Arbeit damit gemeintwäre. Die Nationalsozialisten hatten dabei aber nur die Förderung ihrer eigenen NSV (Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt) im Auge. Als die Innere Mission diese Gefahr erkannte, war es längst zu spät. Bis zum Ende des „1000jährigen Reiches“ begann nun ein Kampf ums Überleben der diakonischen Arbeit. 58

59

Dabei spielten die Fürsorgeämter durch ihre Zuweisungspolitik eine entscheidende Rolle. Problematische Fälle wurden an die Rettungshäuser abgegeben, während die einfacheren Erziehungsfälle in den Landeserziehungsheimen untergebracht wurden. Die Ricklinger Anstalt wurde bereits 1934 geschlossen. Die verbliebenen Jungen kamen zusammen mit dem Diakon Ernst Gericke, (*1890 in Braunschweig) zum Martinsstift. Gericke wurde im November 1934 nach dem Tod Wilhelm Gelbkes neuer Hausvater. Viel schwerwiegender als der äußere Druck des Staates auf die Kirche machten sich die inneren Verflechtungen zum Nationalsozialismus bemerkbar. Bereits 1934 berief der Centralausschuß für die Innere Mission einen ständigen „Ausschuß für die Fragen der Rassenhygiene und Rassenpflege“. Mitarbeiter der Inneren Mission bekannten sich offen oder versteckt zur Rassenideologie und sympatisierten als „deutsche Christen“ mit den braunen Machthabern. Die Frage der Sterilisation erklärte die Innere Mission für rechtens und trat für die „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ ein, ganz wie es die braunen „Herrenmenschen“ wünschten. Nur der Sohn des Anstaltsgründers der Betheler Anstalten Franz von Bodelschwingh rief zum entschlossenen Widerstand, als die Nazis zur „Vernichtung unwerten Lebens“ schritten und Tausende Kranker ermorden ließen. 60

In der Fürsorgeerziehung ging es immer mehr um das Ausgrenzen „unverbesserlicher“ Jugendlicher. Schwererziehbare „Asoziale“ sollten verwahrt werden, um Schaden von der Allgemeinheit abzuwenden. „Eine weitere schwere Schädigung des Volkskörpers bedeutete die Fortpflanzung dieser körperlich und geistig minderwertigen Menschen.“ Die liberalen Fürsorgeerzieher hatten immer das Recht des Einzelnen und seinen Schutz vor staatlichen Repressalien betont. Die 61

58

Schröder, Johannes: Diakonie im Lande zwischen Nord- und Ostsee. Neumünster 1986, S. 34; Epha, Oskar: Der Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein in der Zeit der Weimarer Republik un des Dritten Reiches. Festschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens des Landesvereins am 30. September 1975, S. 9.

59

Häusler, Michael: Dienst an Kirche und Volk. Die deutsche Diakonenschaft zwischen beruflicher Emanzipation und kirchlicher Formierung (1913 - 1947). Stuttgart/Berlin/Köln 1995, S. 177 ff.

60

Beyreuther, S. 201.


Nationalsozialisten pochten auf den „Nutzen der Allgemeinheit“. „Dem Nationalsozialismus gilt der Einzelne nichts, wenn es um die Gemeinschaft geht.“ Auch liberalere Instiutionen, wie der deutschen Verein für Erziehung, schwenkten auf die neue Linie ein und forderten schon im Juni 1933 ein Bewahrungsgesetz. Der Respekt vor der persönlichen Freiheit des Einzelnen sei eine irregeleitete Humanität gewesen. Soziale Probleme wollte man nun administrativ lösen, es kein Platz mehr im Führerstaat sein für auffälliges Verhalten. Wer nicht in dieses neue Bild vom „Führerstaat“ paßte, sollte ausgesondert werden. Die Fürsorgeerziehung wurde nur noch für „brauchbare“ Zöglinge angewandt, die übrigen sollten in Bewahrungsheime kommen. „Die große Zahl der Fälle mit zweifelhaftem oder vorläufig negativem Erfolg stellt die Fürsorgeerziehung immer wieder vor die Frage, ob noch eine Besserung von der Zukunft zu erwarten ist oder nicht. Hier aber zeitigt das früher so stark vernachlässigte erbbiologische Unterscheidungsmerkmal ganz neue Gesichtspunkte und praktische Ergebnisse Zeigt sich hier nach mehrjähriger Anstaltserziehung, also planmäßiger Ausschaltung der früheren schlechten Milieueinflüsse, eine absteigende Entwicklungslinie, so prüft die Fürsorgeerziehungsbehörde an Hand ihrer Unterlagen bzw. der Jugend- oder Gesundheitsamtes die Erbwertigkeit des Elternhauses.“ Der Fürsorgezögling wurde vollends zu einem Objekt staatlicher Repressalien. Durch das „Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des Deutschen Volkes“ (Ehegesundheitsgesetz) und dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde der Rassenwahn der Nazis zum staatlichen Handeln umgemünzt. Die Wohlfahrtspflege arbeitete mit den Gesundheitsämtern an der Umsetzung der „rassenhygenischen„ Ideologie. Vor unerwünschten „minderwertige“ Bevölkerungsgruppen, zu denen neben jüdischen Mitbürgern, Sinti und Roma auch Landstreicher und Prostituierte sowie schwererziehbare Jugendliche gezählt wurden, vor den „Volksschädlingen“ sollte die „Volksgemeinschaft“ geschützt werden. Für mißliebige Jugendliche war die zwangsweise Sterilisation vorgesehen. 62

63

64

Der logische Endpunkt dieses Terrors war die Einrichtung von Konzentrationslagern für Jugendliche unter Bewachung der SS. Zur Vollstreckung der „Vorbeugehaft“ wurde 1940 das Konzentrationslager Moringen in Niedersachsen für männliche Jugendliche ab 16 Jahren eingerichtet. Im April 1942 befanden sich 489 Jungen dort und wurden Prof. Robert Ritter, dem Direktor des kriminal - biologischen Instituts des Reichssicherheitshauptamtes „untersucht“. „Das Menschenmaterial ... auch aüßerlich im Durchschnitt einen sehr schlechten Eindruck (dformierte Schädel, Unterwüchsigkeit usw. ) Wir sahen eine Reihe von Zigeunern und Zigeunermischlingen, einige Judenmischlinge und sogar zwei Negerbastarde.“ 65

Ritter entwickelte ein eigenständiges rassistisches Selektionverfahren. Die Jungen wurden zunächst in einen „Beobachtungsblock“ eingewiesen. Von dort wurden sie in 61

Peukert, Detlev: Grenzen der Sozialdisziplinierung. Aufstieg und Krise der deutschen Jugendfürsorge 1878 bis 1932.Köln, 1986, S. 275.

62

Peukert, Detlev: Grenzen der Sozialdisziplinierung. Aufstieg und Krise der deutschen Jugendfürsorge 1878 bis 1932.Köln, 1986, S. 287.

63

Peukert, Detlev: Grenzen der Sozialdisziplinierung. Aufstieg und Krise der deutschen Jugendfürsorge 1878 bis 1932.Köln, 1986, S. 277.

64

Vgl. André, Günter: Sozialamt. Eine historisch-systematische Enführung in seine Entwicklung. Weinheim 1994, S. 77 ff.

65

zitiert nach: Peukert, Detlev: Grenzen der Sozialdisziplinierung. Aufstieg und Krise der deutschen Jugendfürsorge 1878 bis 1932.Köln, 1986, S. 289.


den U-Block („Untaugliche“), S-Block („Störer“), D-Block („Dauerversager“) oder FBlock („Block der Erziehungsfähigen“) verteilt. Unter Zwang sollte der Widerstand der Zöglinge gebrochen werden. Nur die Insassen des F-Block hatten eine Chance auf ein Überleben, den anderen drohte die Vernichtung. Wenn die Eltern der Zöglinge einen Antrag auf Weihnachtsurlaub aus der Heimerziehung beantragten und gleichzeitig verdeckt ein Verfahren zur Sterilisierung lief, konnte es durchaus vorkommen, daß die Fürsorgeerziehungsstelle in Kiel anfragte, ob der Zögling „fortpflanzungsgefährlich“ sei. Der entmenschlichten, rassistisch begründeten Fürsorgesystem des nationalsozialistischen Staates konnten sich auch die Rettungshäuser nicht entziehen. Die rassistischen Deutungsmuster „ererbter“ Asozialen Verhaltens wurde auch vom Heimvater des Martinstiftes übernommen. Seine „Beurteilungen“ sind immer mehr vom Vokabular , wobei dem Hausvater nicht klar gewesen sein dürfte, daß ungünstige Beurteilungen auch letztlich zur Ermordung der Zöglinge führen konnte. 66

„E. ist ein Artistenkind. Der Vater ein ewig herumreisender Jahrmarktskünstler, die von ihm längst geschiedene Mutter eine Ungarin. Viel gute Eigenschaften konnte er von vornherein nicht erben. Sein zappeliges Wesen, sein unvollkommenes Sprechen, lassen erkennen, dass ein richtiger Gebrauch der deutschen Sprache seinem inneren Wesen fremd ist...Es wird lange dauern, bis es gelingt, aus ihm einen nach deutschen Begriffen brauchbaren Menschen zu machen... Er ist trotz fast arischen Aussehens ein Zigeunerblut... wenn er frei ist, dann ist es aus. Dann wird er bald bei Budenbesitzern und Zirkusleuten sein, und da wird er bleiben.“ E. war vom „Landesaufnahme und Erziehungsheim“ Schleswig im Mai 1936 nach Flensburg gekommen. Die Eltern blieben in Ungewißheit, was aus ihrem Sohn geworden war: „Auf dem Schreiben von Schleswig bekam ich die Nachricht, daß mein Sohn Eugen sich dort nicht mehr befindet, sondern in Flensburg ist. Nun möchte ich gerne wissen, wie es meinem Sohn geht... Mit deutschem Gruß“. „Eugen ist gesund“, schrieb der Hausvater zurück. 67

Immer wieder scheint bei Einschätzung der Kinder deren „Minderwertigkeit“ im Sinne der Ideologie von der „Volksgesundheit“ durch. „Willy R. ist ein zartes Kind von asthenischem Körperbau. Er leidet an Drüsentuberkulose... Willy ist Hilfsschüler. Seine Leistungen sind gering... Er lebt still und froh vor sich hin. Er hat keine Feinde“, schrieb Hausvater Gericke über seinen Zögling. Über seine Zukunft des kleinen Brillenträgers, der oft an Schmerzen litt, urteilte er: „Gäbe man ihn in eine Pflegestelle, würde man den Jungen dort sofort liebgewinnen. Bald aber würden die Eltern durch seine überaus geringe Brauchbarkeit im praktischen Leben wie in der Schule sehen, welche Last sie sich mit diesem fröhlichen Häuflein Unglück aufgeladen haben Als der behandende Hausarzt Dr. Jepsen im Dezember 1937 einen sechswöchigen Kuraufenthalt in einem Heim für „skrophulöse Kinder“ anordnet, enscheidet das Jugendamt Hamburg: „Da es sich um einen debilen Hilfsschüler handelt, der lt. psychiatrischem Gutachten nicht förderungswürdig ist und da zur Zt. keine dringende Veranlassung zu einer Verschickung besteht, muß der beantragte Kuraufenthalt abgelehnt werden.“ 68

66

Archiv Martinstift, F 2566; No. 373

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Archiv Martinstift, F 2011.

68

Archiv Martinstift, F 2080


Willy hatte keinen Kontakt zu seiner Mutter. Erst über das Jugendamt erfuhr er ihre Anschrift und erhielt zu Weihnachten den langersehnten Brief: „Dein Brief hat mir Freude gemacht, sehe ich doch, daß Du noch an mich denkst. Auch ich habe oft an Dich gedacht, nur habe ich in den letzten Jahren so viel durchgemacht, und Du warst ja auch so weit weg, daß ich Dich nicht besuchen konnte. An schreiben habe ich garnicht gedacht, da Du doch damals als ich Dich zuletzt besuchte noch garnicht in der Fibel lesen konntest, und Du warst da schon 10 Jahre alt... Wenn Du nun weiter fleißig und brav bist, so sollst Du auch öfter von mir hören.“ Der Hausvater brachte Willy 1940 bei dem Bauern H. in Boelschuby unter. Der Bauer H. war als Pflegestelle von der NSDAP anerkannt. Das Amt für Volkswohlfahrt in Schleswig, das der NSDAP-Gauleitung in Schleswig-Holstein unterstellt war, hatte nichts einzuwenden. Bauer H. wollte Willy bald nicht mehr, sondern brachte ihn zum Nachbarn. Nun fehlte ihm die Arbeitskraft, die er ausnutzen konnte. Sein Brief an das Martinstift verrät viel von seiner Verschlagenheit, aneinandergereiht schreibt er die Gedanken auf, die ihm kommen: „Ich möchte mal nachfragen, ob bei Ihnen ein für uns passender Junge dazwischen ist, nun ist die Sache so. Wir haben einen Kriegsgefangenen bestellt, ist aber noch keiner gekommen, wir hatten einen, der war Schlosser, er wurde mit 4 seiner Kammeraden anderswohin geschickt. Nun meint der Ortsbauernführer, es könnte noch lange dauern, ehe unser Lager wieder voll belegt wird, da die Gefangenen scheinbar knapp wären.. Allein wird uns die Arbeit zu viel, wir hätten Willi lieber behalten sollen, wenn nur geringe Aussichten auf Gefangene wäre wenn wir dann d. Jungen einen anderen Platz, oder wieder nach d. Martinstift zurückschicken könnten wenn mal ein Gefangener kommen sollte, wäre uns angenehm, weil unser Sohn jetzt konfirmiert ist u. dies Jahr noch gar nicht stark ist - Heil Hitler H.“ Hausvater Gerike schrieb zurück: Im Augenblick habe ich n och einen Jungen da... Wenn sie ihn haben wollen, schreiben oder telefonieren sie sofort. Sonst ist er weg!“ 69

Rudolf Henry von H. wird in den Berichten als „Bettnässer, Hilfschüler, körperlich schlapper Schüler“ geschildert- er sei eine „merkwürdige Mischung von Dummheit, Albernheit und Altklugheit“: „Ein passiver, asozialer Typ, der der Oeffentlichkeit lebenslang zur Last fallen wird.“ Nach seiner Entlassung aus dem Martinstift beschäftigt ihn ein Landwirt in Keelbek. Henry wird dann bei einem Einbruchsdiebstahl in Eggebek gefaßt und kommt in Untersuchungshaft. Über die Familienverhältnisse urteilt der Hausvater: „Beide Eltern sind sterilisiert. Der Vater ist ein blasser, asthenisch gebauter Mensch, übernervös, willensschwach und leicht beschränkt. Der Ehe sind 5 Kinder entsprossen, von denen die älteste Tochter Helga in den Alsterdorfer Anstalten wegen Geistesschwäche untergebracht ist... Ich halte Rudolf von H. für erbkrank und seine Sterilisierung deshalb für geboten.“ 70

Immer wieder veranlaßt oder empfhielt der Hausvater die Sterilisierung seiner Schutzbefohlenen. „Helmut J. ist 1917 in E. geboren. Er entstammt einer miserablen Familie. Die Mutter war ein `Undiert´. Sie stahl wie ein Rabe, war verdreckt und faul und nur als Hure zu 69

Archiv Martinstift, F 2080

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Archiv Martinstift, F 2092


gebrauchen. In der Inflationszeit mußten die Dorfbewohner ihretwegen 6 Mann mit geladenen Gewehren Wache gehen. Sie kam mit Rendsburger Einbrechern zusammen. Einmal gab es ein richtiges Feuergefecht mit einer von ihr geführten Bande, wobei auch ein Dorfbewohner durch einen Schuß in den Fuss verwundet wurde. Der Vater war ein als Dieb bekannter arbeitsscheuer Mensch. Im Hause herrschte eine Schweinewirtschaft. Im Martinsstift ist H. nun nicht als ein so gefährlicher Bursche erschienen, wie man nach den wenigen Hinweisen auf seine Abstammung glauben sollte.“ Zum Schluß des Berichts heißt es. „Die Frage nach seiner Sterilisierung ist bei J. zu bejahen.“ Friedrich K. unehelich geboren. Mutter sittlich tiefstehend. Wohnung und meistens auch die Kinder unglaublich verschmutzt. Hilfsschule besucht. Schulleistungen völlig ungenügend! Hetzer. Seine Wehleidigkeit grenzt an Hysterie, ihr muss mit Schärfe begegnet werden. Neigt zu phantastischen Erzählungen. Begeht Schlechtigkeiten und spielt dann den Unschuldigen. Beim Basteln ungeschickt.“ „Der Junge ist in Schleswig - Hesterberg wegen Aussichtslosigkeit weiterer unterrichtlicher Bemühungen vorzeitig ausgeschult. Nach seiner Entlassung aus der Fürsorgeerziehung wird F. K. auf den Gedanken, zu arbeiten, nicht verfallen. Schlimm ist, daß neben dem intellektuellen ein moralischer Schwachsinn einherläuft. Kühl stiehlt.“ 71

Zusammenfassend stellte Hausvater Gericke fest: „Ich halte Friedrich K. für erbkrank und muss die Frage seiner Sterilisierung bejahen.“ Die Fürsorgeerziehungsbehörde in der Kieler Gartenstraße reagierte am 2. September 1936 und teilte dem Hausvater mit, daß er Junge zusammen mit seinem Bruder als „erkrankverdächtig“ dem zuständigen Amtsarzt gemeldet worden sei. Mit der Sterilisation wartete die Behörde, doch der Hausvater faßte beharrlich nach und schrieb im Juli 1937: „Ich sehe, daß Kühl noch nicht sterilisiert ist und bitte das Jugendamt in Hamburg, die nötigen Schritte zur Einleitung des Verfahrens zu tun.“ Doch die Behörde reagiert nicht. Friedrich K. wird zu einem Bauern in den Landkreis Flensburg gegeben, um dort gegen Taschengeld mitzuhelfen. Dort gibt es sehr bald Schwierigkeiten mit dem Jungen. Die Frau des Bauern erzählt dem Hausvater. „Ik kann Se dat överhaupt ni wedderseggen, wat de Bengel to mi seggt hett, un wat he mi vertellt het. Dat heff ick ni mal minen Mann seggen könen, un jemand Fremdes kann ick dat all lang ni seggen. Wenn dat Schwien met en Fruensminsch tosamen kümmt, denn vertellt he Geschichten, datt dat ni to begriepen ist, ei so en sössteinjährigen Bengel sowat kümmt. Un dat geit los, sobald man mit em alleen ist, un nimmt garkeen Enn. Hier ward se all wild op em!“ Als Reaktion auf dieses Verhalten forderte Hausvater Gericke erneut vom Landesjugendamt in Hamburg, die Sterilisation doch endlich vornehmen zu lassen. Friedrich konnte nun nicht länger bei dem Bauern bleiben und wurde zu einem anderen Bauern in der Nähe von Niebüll gegeben. Im Schreiben an diesen neuen Arbeitgeber wird der Hausvater sehr deutlich: „Ich habe einen 16jähhrigen Jungen, der aber stramm genommen werden muß, frei. Er muss monatlich 15 Reichsmark haben und alles frei. Der Junge ist geistig beschränkt, kann aber bei allem ganz gut mithelfen. Allein gelassen tut er aber nicht viel. Ausserdem muss man ihm auch hinsichtlich seines Betragens fest auf dem Dache sitzen. Besonders Frauen und Mädchen gegenüber wird er leicht frech und zudringlich. „ Das Urteil über seinen Zögling hatte der Hausvater also längst gefällt. Im internen Erziehungsbericht heißt 71

Archiv Martinstift, F 2662


es: „Das schlimmste war seine sexuelle Lüsternheit und seine Hemmungslosigkeit beim Erzählen sexueller Schweinereien. Er hat sich dadurch bei H. unmöglich gemacht, und ich befürchte, er verdirbt sich damit auch die ihm schon neu besorgte Stellung bei Bauer J. in L... So bietet der Jugendliche ein unerfreuliches Bild. Ich habe schon wiederholt darauf hingewiesen, dass seine Sterilisation erfolgen muss, und bitte nunmehr, ihn schleunigst dem zuständigen Amtsarzt als erbkrankverdächtig zu melden.“ Nun kam die Sache ins Rollen. Das Gesundheitsamt in Niebüll forderte die Akte des Jugendlichen an und gab die Angelegenheit an das Erbgesundheitsgericht in Flensburg weiter. Dort bearbeitete der Amtsrichter Piening die Angelegenheit. Er hatte sich beriets bei der Blut- und Boden- Sach Reichserhobgesetzt für die braunen Machthaber verdient gemacht, Nebenher war er auch noch im Vorstand des Vereins Martinsstift. „Und dann komme ich zum Bauern und dann ist mein Wunsch, Gerüstarbeiter zu werden.“ Auch Heinrich Friedrich Z. kam in die aberwitzige Maschinerie des Sterilisationsverfahrens. Er wurde 1924 in Altona geboren. Sein Vater, ein ehemaliger Heizer, stützte als Gerüstbauer von einem Baugerüst und starb an den Unfallfolgen, als Heinrich noch klein war. Heirich war etwas dicklich und besuchte die Hilfsschule in Altona. Er kam dann in die Fürsorgeerziehung und wurde im Landesaufnahme- und Erziehungsheim in Schleswig-Hesterberg aufgenommen, das die Nationalsozialisten zu einem Mamutheim mit 400 Fürsorgezöglingen aufgebaut hatten. In der Beurteilung werden die geringen Schulkenntnisse hervorgehoben. „Im Lesen, Schreiben und Rechnen faßt de Junge langsam auf. Er behält aber mit einer gewissen Treue das eimal richtig Erfaßte. Eine persönliche Zuwendung zu dem weichen und schwachen Knaben ist nötig, da er schwer ansprechbar ist. Henry ist ein gutmütiger, etwas stumpfer Junge, ohne charakterliche Abartigkeiten.“ Große Probleme hatte Henry mit dem Schönschreiben. Er brauchte sehr lange, um etwas von der Tafel abzuschreiben. Das Schreibpapier ist mit Tintenklecksen übersät. Seine ungelenke, aber lesbare Schrift krakelig und unbeholfen. Damit erregte er aufs Äußerste das Mißfallen des Hausvaters Gericke. Alles, aber auch alles in der Vorstellungswelt des Hausvaters bringt Henry durcheinander, denn er entspricht so garnicht den Vorstellungen von einem guten, sauberen, ordentlichen, sportlichen „Arier“. Henry schreibt an seine Mutter: Liebe Mutti, schickst du mir Packet“. Die Karte ist völlig verdreckt, zerknittert, vieles nicht zu lesen. Der Hausvater nimmt sie zu den Akten als Beweis für die angebliche „Erbkrankheit“ Henrys und schriebt am 9. Januar 1937 an den Oberpräsidenten in Kiel: „ „Der 12 jährige Junge, nun fast 6 Jahre beschult, schreibt folgende Karte an seine Mutter (siehe Anlage!). Dazu ist er weinerlich, will alles, was seine Kameraden ihm tun, alles, was er im Hause tun muss, seiner Mutter schreiben.“ Besonders angeekelt war der Hausvater von dem Verhalten des Jungen, der oft die Hosen vollmachte. Es handele sich um einen „asozialen“ Junge, „der wohl kaum einmal selbst durch das Leben kommen wird.“ Henry schreibt mittlerweile fehlerfreie Diktate: „Die Deutschen in Böhmen. Nach dem Diktat von Versailles sind diese Deutschen, die man Sudetendeutschen nennt, unter die Herrschaft der Tschechen gekommen. 3 ½ Millionen deutsche Brüder müssen nun unter der rohen Gewalttätigkeit von 7 Milliionen Tschechen leiden. Unser Führer


Adolf Hitler will die an den Sudetendeutschen verübten Grausamkeiten und Ungesetzlichkeiten nicht länger mehr ansehen. Er verlangt das sudetendeutsche Gebiet für Deutschland zurück.“ (27.9.1938) Auch Schulfragen beantwortet er: „Wie heißt unser Führer“ Antwort: „Adolf Hitler“ - Welches waren seine ersten Mitarbeiter?“ - „Rudolf Hess Ludendorf, Franz von Pappen“. Immer wieder schreibt seine Mutter, eine „energische Frau“, an das Martinstift und bittet um Urlaub für ihren Sohn. Zu Ostern darf der Junge reisen, doch im November 1938 schreibt Gericke: „Eine Beurlaubung des Jugendlichen kann ich nicht empfehlen.“ Anfang Februar läuft Henry Richtung Altona und kommt bis Großsolt. „Als Grund für sein Davonlaufen gibt Z.. an, immer von den Kammeraden geneckt zu sein. Sie hätten immer Goldhenry zu ihm gesagt, was sich auf sein Zeug- und Bettenvollmachen bezieht. Heil Hitler!“ Auf Antrag durfte seine Mutter zur Konfirmation nach Flensburg in die St. JohannisKirche fahren. Wärend der Hausvater mit Frau z: über die Konfirmation verhandelt, hat er bereits ganz andere Post vom Vorsitzenden des Erbgesundheitsgerichts, Amtsgerichtsrat Piening: „XIII 47/39 - Vertraulich...Unfruchtbarmachung...bitte ich um tunlichste Beschleunigung.“ Und dafür sorgte der Hausvater: „Das Wollen ist bei ihm gering. Das ist wohl sein Hauptfehler. Denn er müßte körperlich und selbst geistig weit mehr leitsten, als er es tatsächlich tut, wäre er nicht so träge, gleichgültig und apathisch... Ermahnungen und Belehrungen hört er geduldig mit an, befolgt sie aber nicht. Bei Bestrafungen schreit er mörderisch; sie nutzen aber ebensowenig wie die Ermahnungen. In praktischer Arbeit ist Henry Z. nicht nur träge sondern daneben noch ungeschickt... Ich persönlich halte Henry Z. für erbkrank und seine Sterilisation für geboten.“ Martinstift - Der Hausvater: „Der Jugendliche Henry Z. - 37/861 - kommt am 1. April 1939 zu dem Bauern L. in J. im Landkreise Flensburg. Als Lohn kann ich höchstens 10 RM im Monat bei gänzlich freien Kassen vorschlagen. Vertrauensmann: Amtsleiter der NSV., Lehrer Westphal in J.“ Martinstift - Der Hausvater: „Sehr geehrte Frau Z.! Die Urlaubsgenehmigung für Henry traf erst am ersten Ostertage hier ein. Ich habe ihn dann so schnell wie möglich hinkommen lassen. Von rechtswegen hätte er nun heute schon wieder hier sein müssen. Denn er soll die ihm verschaffte Stelle antreten.“ Martinstift - Der Hausvater:„Der Jugendliche Henry Z. - 37/861 ist am 24. April 1939 aus seiner Dienststelle bei dem Bauern Willi L. in J. entlaufen. Bei einer abendlichen Streife um das Martinsstift herum wurde er gesehen und, weil er weglief, eingefangen. Ich habe ihn am 25.April 1939 seiner Dienststelle wieder zugeführt. Z. gibt an, entwichen zu sein, weil ihn sein Mitknecht geschlagen habe. Der Vertrauensmann wird der Sache auf den Grund gehen und eventuell für Abhilfe sorgen. Heil Hitler!“ Martinstift - Der Hausvater: „Der Jugendliche Henry Z. - 37/861 - ist auf den 10. Mai 1939 vor das Erbgesundheitsgericht Flensburg geladen. Es ist mit dem Vertrauensmann Lehrer Westphal in J. vereinbart, dass dieser ihn zur rechten Zeit


abschickt, wonach ich ihn in Flensburg in Empfang nehme und zum Gericht begleite.“ Martinstift - Der Hausvater: „Der Jugendliche Henry Z. - 37/861 - ist am 13. Mai 1939 wieder einmal aus seiner Stelle bei dem Bauern Willi L. in J. davongelaufen und hat sich ins Martinstift begeben. Z. hatte nach Auskunft des Fürsorgers nicht die geringste Ursache für sein Tun. Er soll da aber arbeiten, und das will er nicht.“ „Geschäftsnummer: XIII. 47/39. Beschluß. Auf Antrag des Amtsarztes in Flensburg hat das Erbgesundheitsgericht Flensburg in der Sitzung vom 10. Mai 1939 durch den Amtsgerichtsrat Piening als Vorsitzender, dem Midizinalrat Dr. Rockstroh und den Arzt Dr. Link als Beisitzer beschlossen: Der Zögling Henry Friedrich Z. in J. ist gemäß § 1 des Gesetzes vom 14. Juli 1933 unfruchtbar zu machen. Gründe: Wie die vor dem Gesundheitsamt vorgenommene Intelligenzprüfung ergeben und die gerichtliche Vernehmung bestätigt hat, ist der Zögling Z. geistig stark beschränkt. Er besitzt nur geringes Schulwissen. Wenn er auch einfache Arbeiten verrichten kann, so versagt er doch überall, wo es auf etwas Denkfähigkeit ankommt. Der geistige Mangel ist von Anfang an vorhanden gewesen. Es handelt sich um angeborenen Schwachsinn. Die beantragte Unfruchtbarmachung mußte deshalb angeordnet werden. Falls Sie mit der angeordneten Unfruchtbarmachung nicht einverstanden sind, können Sie gegen den Beschluß Beschwerde einlegen und so eine Entscheidung des Erbgesundheitsobergerichts in Kiel herbeiführen. Die Beschwerede muß spätestens binnen zwei Wochen seit Zustellung des Beschlusses bei dem Erbgesundheitsobergeroicht in Kiel oder dem Erbgesundheitsgerich in Flensburg eingegangen sein. Wenmn Sie aber, wie ich nach Ihren bisherigen Erklärungen annehme, mit der beschlossenen Unfruchtbarmachung einverstanden sind und keine Beschwerde einlegen wollen, dann wollen Sie dem Erbgesundheitsgericht sofort mitteilen, daß Sie auf Rechtsmittel gegen den Beschluß ver zichten. Dadurch können Sie erreichen, daß das Verfahren wesentlich beschleunigt wird.“ Martinstift - Der Hausvater:„Urschriftlich mit 2 Anlagen - Einschreiben (30.Mai 1939) Herrn Lehrer W. Westphal in J. mit der Bitte sehr ergeben weitergereicht, Henry Z. entsprechend aufzuklären. Sollte er keine Beschwerde einlegen wollen, so muss er in den nächsten 14 Tagen nach Flensburg in die Diakonissenanstalt zur Sterilisation kommen. In diesem Falle bitte ich, mich vorher genau zu verständigen, damit ich ander Bahn sein und Z. in die Diakonissenanstalt bringen kann. Bitte Verschwiegenheit bedenken! Heil Hitler Gericke, Hausvater“ „Lieber Herr Gericke! Z. kommt am Vormittag mit dem Zug ab 15.30 h nach Flensburg. Ich werde Z. am Dienstag davon in Kenntnis setzen. Der Beschluß ist ja schon rechtskräftig. Wollen Sie bitte Z. am Bahnhof in Empfang nehmen. Heil Hitler! W. W.“ „‘Altona, den 3.6.39 - Wehrter Herr Gericke Es wird nun doch mal zeit das ich von Henry nachricht bekomme wo er ist. Ich meine seine Rente von 34,40 geht doch bis 15 Jahre also könnten Sie doch da von etwas Taschengeld geben zum Schreiben wenn er nicht hat und ich denke er ist beim Bauern hoffentlich hat er es nicht schlecht getroffen ich bin schon völlig krank das er nicht einmal schreibt - G. Z.“ Martinstift - Der Hausvater:„Fl. 4.6.1939 Frau Z., Altona - Selbstredend hat Ihr Sohn Henry Zeit und Geld genug, Ihnen zu schreiben. Sie wissen ja aber doch selbst, das


bei ihm eine erhebliche Geisteschwäche vorliegt, und dann seine Gleichgültigkeit und Trägheit, besonders, wenn das von ihm so gehasste Schreiben handelt. Henry war schon mal hier und ist beim Bauern noch dicker geworden, als er schon war. Ich muss seinem Pfleger mal schreiben, dass er Henry ganz gehörig auf den Schwung bringt; denn ohne Druck schreibt er ja doch nicht. Er sit bei Willy L. in J., Post T., im Landkreis Flensburg. Heil Hitler!“ Martinstift - Der Hausvater: „Flensburg, den 4.Juni 1939 - Henry Z. - 37/861 - ist wegen erblichen Schwachsinns zur Sterilisation verurteilt und muss sich bis zum 10. Juni 1939 zur Vornahme derselben in der Diakonissenanstalt in Flensburg einfinden. Der Vertrauensmann ist entsprechend benachrichtigt und aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Z. rechtzeitig abgeschickt wird, und dass ich Nachricht bekomme und den Jungen auf dem hiesigen Bahnhofe in Empfang nehmen. An das Landesjugendamt Abteilung für Oeffentliche Erziehung in Hamburg 21.“ Martinstift - Der Hausvater: „Der Jugendliche Henry Z. - 27/1355 - ist heute, am 15. Juni 1939, aus der Diakonissenanstalt nach erfolgter Sterilisation entlassen. Der Dienstherr will ihn auf keinen Fall wieder aufnehmen. Der Vertrauensmann könnte ihm wohl einen neuen Posten besorgen, lehnt das aber ab. Er, der mehr als 20 Fürsorgezöglinge betreut und lange Lehrer und Erzieher im Martinstift war, sagt, dass ihm ein so fauler, dickfelliger und schmieriger Bengel wie Z. noch nicht vorgekommen sei, und dass er keinen anderen Menschen mehr mit ihm anführen wolle. Ich verstehe das vollkommen und halte es für aussichtslos, einen neuen Unterbringungsversuch zu machen. Z. muss entweder in ein Pflegeheim oder in ein Heim für Asoziale gebracht werden. Das kann aber nur geschehen, wenn der Jugendliche sofort in eine geeignete Anstalt kommt, wo er kurz gehalten und energiesch zur Arbeit gezwungen wird. Auch darf ihn der mütterliche Einfluss nicht irre machen! - Im Martinsstift kann der Junge nicht bleiben. Unsere Abteilung arbeitet nicht geschlossen, und Z. arbeitet nur, wenn jemand hinter ihm steht und ihn treibt. An das Landesjugendamt in Hamburg 21“ „Gemeindeverwaltung der Hansestadt Hamburg Sozialverwaltung II 6 38/35 Hamburg, den 30. Juni 1939. An das Martinsstift b. Flensburg. Betr. Hans S., Henry Z. Das Landesjugendamt teilt mit, dass Hans S. in die Alsterdorfer Anstalten und Henry Z. in das Jugendheim Wulfsdorf b/ Ahrensburg versetzt werden sollen. Ich bitte, die Jungen am 6. Juni 1939 an den Zug 12 Uhr 55 Bahnhof Flensburg bringen zu lassen. Sämtliche Papiere und Sachen sind mitzugeben. I. A. Wetzel“ Henry Z. ist am 19. Januar 1944 bei Dolgowo für „Führer und Vaterland„ gefallen. Ein großer Teil der Hamburger Jungs kam auch direkt über das „Waisenhaus Hamburg - Landheim am Ochsenzoll“ des Jugendamtes Hamburg. Doch nach 1934 wurden die Zuweisungen weniger und die Zahlungen der Fürsorgeämter immer schleppender. 1935 lebten nur 35 Zöglinge im Heim bei 90 Betten. Der Hausvater Gericke bemühte sich daher um die Aufnahme von „20 schwachsinnige Pfleglinge“ Diese Krise war eine Folge der seit 1931 stark zurückgehenden Zuweisungen für die Rettungshäuser insgesamt, weil sie in der öffentlichen Diskussion stark kritisiert wurden. Es kamen aber nur vereinzelt Pfleglinge. Einer von ihnen war Hartmut J., 72

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Pastoratsarchiv St. Johannis, Akte Martinstift (1928 - 34).


der sogar in bei einem Bauern in Angeln als Knecht untergebracht wurde, mußte aber zurück zum Martinstift wegen „zu geringer Brauchbarkeit“. Bei der Sterilisierung des Jungen ist wieder der Lehrer W. aus J. behilflich, der als Vormund bestellt wird.

Gericke blieb fest im Glauben an den Führer und schrieb im Mai 1942 drohend an einen ehemaligen Martinstiftler: „Du wirst doch nun auch wohl wissen, dass in Deutschland kein Platz für unehrliche Menschen und Tagediebe mehr ist. Also mit festem Willen an die Arbeit. Dann wirst du es schaffen.“ Dem Hausvater kamen Gedanken, wie er die Arbeit noch weiter durchstehen sollte. „Von der alten Frische ist manches vergangen. Da habe ich viel erlebt und habe viel ertragen und mich immer sehr viel ärgern müssen. Das geht nicht spurlos an einem vorüber. Manchmal frage ich mich mit leisem Bangen, wie lange ich das wohl noch aushalte. Oft komme ich mir wie erledigt vor. Mein ganzes Sein steht in Gottes Händen. Er hat mich bisher geleitet. Ihm vertraue ich weiter. Das Haus war 1940 mit 91 Jungen belegt. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Im Martinsstift mußten die Kinder aber nicht vor den alliierten Luftangriffen in den eigens dafür gebauten Luftschutzkeller 73

Es herrschte Mangel an Wäsche, Seife, Zeug, Schuhen und Haushaltsreinigern. Wie eh und je sah der Heimalltag gleichförmig aus, wie bereits seit fast hundert Jahren. Morgens um 6 Uhr war allgemeines Aufstehen, danach machten die Jungen ihre Betten und den ihnen zugeteilten Bereich des Zimmers oder der Treppenhäuser. Nach dem Frühstück um 7. Uhr gab es eine Andacht und danach begann in der heimeigenen Schule, die jetzt „Volksschule Martinsstift“ hieß, der Unterricht. Um 10 Uhr gab es eine Frühstückspause und wurde bis 12 Uhr fortgesetzt. Nach dem Mittagessen war von zwei bis vier Uhr Arbeit auf dem Hof und in der Landwirtschaft. Nach der Vesper um 4 Uhr konnten sich die Jungen erholen bis zum Abendessen, das um 8 Uhr abends eingenommen wurde. Als Abwechslung konnten die Jungen manchmal einen Film sehen, wie zum Beispiel 1937 „Sport und Soldaten“. Sie mußten dazu mit den Erziehern eine Stunde zu Fuß in die Stadt laufen. Das Essen schmeckte den Zöglingen nicht immer: „Sonntag haben wir Rababersuppe gekriegt mehr Wasser als Rababer, und dann gab es Kartoffeln und angebrannte Mehlsuppe. Heute den 13.5.35 bekamen wir Magermilreis versalzen und Pelkatoffel. Morgen gibt es Magermilch und Schwarzbrot mit Magarine. Den Brief, den ich gestern geschrieben habe hat der Hausvater mir dicktiert.“ Später, im Krieg fielen die ersten ehemaligen Zöglinge an der Front, unter ihnen Julius Johann C. aus Tönning. Er ertrank 1941 in Ostpreußen. 74

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In der nationalsozialistischen Zeit wurden die Jungen überwiegend über das Landesaufnahme- und Erziehungsheim Schleswig-Hesterber übernommen, das immer mehr als Verteilstelle der Heimerziehung in Schleswig-Holstein wurde. Kurt W. beboren 1925 in Altona, war einer der Fälle, bei dem nicht klar wird, warum der 73

Archiv Martinstift, No. 1992 (F 2456).

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Archiv Martinstift, Nr. 1992; (F 2456)

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Archiv Martinstift, No. 1978

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Archiv Martinstift, No. 1897.


Junge in der Maschinerie der Heimerziehung kam. Als er 1934 als Schulversager nur unregelmäßig zur Schule kam und schließlich andere Kinder mit Steinen bewarf, wurde er vom Amtsgericht Altona-Blankenese der Fürsorgeerziehung überwiesen. Er kam im Juni 1934 nach Schleswig - Hesterberg und wurde im Oktober einem Bauern in Joldelundfeld als Pflegekind übergeben. Als auch dort die Probleme wuchsen, kam er nach Schleswig zurück und wurde 1937 dem Martinstift übergeben. Im März 1940 wurde er nach Hause entlassen. Das 1934 aus der „Landesheilanstalt“ für pflegebedürftige Kinder auf dem Hesterberg entstandene Landesaufnahme- und Erziehungsheims wurde zu einem landeseigenen Erziehungsheim. Zu den geistig oder psychisch kranken Kindern und Jugendliche, die man als „Pfleglinge“ bezeichnete, kamen aus dem in Selent aufgelösten dortigen Landeserziehungsheim. von nun an wurden die Kinder und Jugendlichen immer wieder verlegt und umverteilt. In einem sich ewig drehenden Karussell wurden sie hin und her verteilt. die Unterscheidung zwischen „Zöglingen“ und „Pfleglingen“ verwischte. Im Grunde ging es um die Aussonderung oder im unsäglichen Sprachgebrauch der Nationalsozialisten um „Auslese“ von „Minderwertigen“ der Volksgemeinschaft. Pflegline und schwererziehbare Zöglinge waren „Ballast“ für die Gesellschaft, so meinte man. Zwangsläufig folgte der „Auslese“ und der Eugenik die „Ausmerze“ mit der Euthanasie. Aus der Landeserziehungsanstalt auf dem Schleswiger Hesterberg wurden 1941 44 und 1944 53 „lebensunwerte“ Jugendliche durch eine „gemeinnützige Krankentransport -GmbH“ mit alten Post-Omnibussen abgeholt. Sie fuhren in den Tod. Man vergaste sie durch einströmendes Kohlenmonoxyd in einem Kellerverlies der Tötungsanstalt Bernburg - mit Sichtfenster. Diese sogenannte „T4“-Aktion wurde nach massiven kirchlichen Protesten abgebrochen, doch sie war das Präludium zum Holocaust an den europäischen Juden. 77

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Als überall im Deutschen Reich die Rettungshäuser geschlossen wurden, kam auch für das Martinsstift das Aus. Von den Erziehern waren nur noch Wilhelm Gelbke jun. und Herr Steen auf dem Stift beschäftigt, die anderen männlichen Bediensteten waren zum Heeresdienst eingezogen worden. Am 24. Februar 1942 wurden die letzten Heimbewohner nach Hamburg verlegt. oder kamen nach Schleswig-Hesterberg. Das Haus stand leer und sollte nach dem Ende des Frostes im Zuge militärischer Maßnahmen umgebaut werden. Nur der Hausvater wickelte die Geschäfte noch ab, bis auch er im Sommer 1942 mit seiner langjährigen Arbeit aufhörte. Danach wurde er „Hilfsschullehrer“ der Pezzalozi-Schule in Flensburg. Bis zu seiner Pensionierung war er dort als Klassenlehrer tätig. Für die Innere Mission und die Diakonie war die Befreiung 1945 ein Neubeginn auf neuer Grundlage. Der Rettungshausgedanke wurde nicht wieder aufgegriffen, sondern die Arbeit auf einer breiteren Ebene neu begründet. Der neugebildetete Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland beschloß, ein Hilfswerk der Kirche zu gründen, um allen Hilfsbedürftigen ohne Ansehen der Person, des Standes, der 77

Der Hesterberg. 125 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik in Schleswig. Eine Ausstelllung. Katalog, Schleswig 1997, S. 30 f.

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Der Hesterberg. 125 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik in Schleswig. Eine Ausstelllung. Katalog, Schleswig 1997, S. 344 f.


Konfession oder Nation in leiblicher und seelischer Not beizustehen. In Schleswig Holstein wurde das Hilfswerk in Flensburg Ende September 1945 gegründet. Zur feierlichen Eröffnung trafen sich Vertreter der Kirche, der Militärregierung, der Behörden, Ämter und Fürsorgeorganisationen im Gemeindehaus von St. Marien. Den Vorsitz führte der Präsis der vorläufigen Kirchenleitung, der spätere Bischof Halfmann. Er erklärte die Notwendigkeit, ein Hilfswerk zu gründen: „Wenn der Staat immer mehr Aufgaben übernahm, die von freien Organisationen getragen wurden und die Nazis ihre gewaltige Macht und auch Propagandakunst für die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) einsetzten, müssen wir zugeben, daß Großes geleistet wurde, aber es bleibt die Frage nach dem Ergebnis. Das Ergebnis war und ist: Totaler Staat - totaler Krieg - totaler Zusammenbruch - totales Elend! Die NSV war mit ein tragender Pfeiler in dem System, unter dem das deutsche Volk begraben liegt. Wenn die Kirche jetzt mit ihrem Hilfswerk an die Öffentlichkeit tritt, dann nicht etwa, um sich einer herrenlos am Wege liegenden staatlichen Angelegenheit zu bemächtigen, sondern um die Gesinnung der Brüderlichkeit, des Dienstes und der Liebe zu wecken.“ Er machte damit die entschlossene Abkehr von dem bisher beschrittenen Irrweg der „deutschen Christen“ deutlich. Zum ersten Beauftragten des Hilfswerks wurde Pastor Dr. Mohr bestimmt, der bereits Vorsitzender des Vereins Martinsstift gewesen war. Dr. Mohr sah als vordringlichste Aufgabe des Hilfswerks die Nothilfe für Flüchtlinge, Kriegsversehrte, Gefangene und elternlos gewordene Kinder, die eine neue soziale Existenz bekommen sollten. Er rief dazu auf, in allen Kirchen des Landes die Kollekten für dieses Werk zu verwenden. Die Arbeit müsse sich auf den Geist Wicherns und Bodelschwinghs berufen und von der Liebe Christi getragen sein. Die ersten Aufgaben des Hilfswerks waren in Schleswig-Holstein die Pflege und Ausbildung der Schwerbeschädigten und Körperbehinderten und die Einrichtung von Schulen für heimatlose Jugendliche. Dort sollten die Schüler die Möglichkeit erhalten, ihren Schulabschluß nachzuholen. 79

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Nachrichtenblatt der Militärregierung vom 1. Oktober 1945 und Flensburger Tageblatt vom 20.04.46.


Heimerziehung Innere Mission Schleswig-Holstein