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Museum Rietberg Erweiterung Grazioli / Krischanitz Architekten

2002-2006 Eine Architekturkritik von Claus Reuschenbach Diplomwahlfacharbeit Prof. Schett D-ARCH, ETH Z端rich, Diplom 2009


In Anlehnung an die Besitzergeschichte der Villa Wesendonck betiteln die Architekten Alfred Grazioli und Adolf Krischanitz die Entwurfsidee ihrer Erweiterung des Museum Rietberg mit einem Zitat aus Mathilde Wesendoncks Gedicht Treibhaus „Baldachine von Smaragd“. Smaragd nennen die Architekten in der Folge auch den Glaspavillon, die äusserlich einzig sichtbare Architektur. Die vorliegende Kritik deutet diesen literarisch-semantischen Ansatz als die Folge einer paradoxen und allzu einschränkenden Aufgabenstellung. Die Konsequenzen auf die städtebauliche Situation, den denkmalgeschützten Park mit Gebäudebestand und die ausgestellte

oben Glaspavillon und Westfassade Villa Wesendonck links Eingang Gablerstrasse unten Eingangsbereich Gablerstrasse: Oekonomiegebäude, Pergolahof, Villa Wesendonck, Glaspavillon Titel links Rieterpark mit Ostfassade Villa Wesendonck Titel rechts Rieterpark mit Südfassade Villa Wesendonck

Kunst sind weitreichend. Hintergrund Das Ensemble von Villa Wesendonck, Ökonomiegebäude und Pergolahof wurde 1855 vom Architekten Leonhard Zeugheer geplant und zwei Jahre später zusammen mit dem Park damals ausserhalb von Zürich realisiert. Die Steigung zum Park wurde ursprünglich als Rebberg genutzt. 3


links Situation Villa Wesendonck, 1855 Quelle: Bauarchiv d. Stadt Zürich

rechts Stadtpläne von Zürich 1867 und 2008: Überlagerung schwarz: Stadtplan 1867 rot: Stadtgrenze 1867 grau: Stadtplan 2008 grün: Rieterpark mit Villa Wesendonck (1857) Quellen: Bauarchiv d. Stadt Zürich GIS-Zentrum, ARV, Kt. Zürich

unten Villa Wesendonck, um 1865 Quelle: Bauarchiv d. Stadt Zürich


Seither hat sich der städtebauliche Kontext der ge-

bereits äusserst einschränkend: „Allfällige ober-

samten Anlage stark verändert: Die Villa ausserhalb

irdische Eingriffe sollen präzise und sparsam gesetzt

der Stadt ist innert 150 Jahre zu einem Ensemble von

werden. Sie müssen sich an diesem städtebaulich und

Villen und Park innerhalb der Stadt geworden. An-

umgebungsgestalterisch anspruchsvollen Ort dem

grenzend zum Grundstück und innerhalb des Parks

bestehenden Ensemble unterordnen.“1

erfolgten 1888 Veränderungen durch die Erstellung

Weitere Bedingungen ergaben sich durch den gefor-

zweier weiterer Villen: der Villa Schönberg und der

derten Anschluss an die erwähnte frühere unterirdi-

Parkvilla Rieter.

sche Erweiterung im 2. und 3. Untergeschoss und die

Nach der Museumsnutzung der Villa Wesendonck

entsprechende Anpassung des Treppenhauses. Die

1952 folgten mehrere bauliche Anpassungen. Der

Aufgabe umfasste den Neubau, die Eingangssituati-

stärkste Eingriff wurde 1985 mit einer unterirdischen

on, ausdrücklich nur den Eingangsbereichs der Villa

Erweiterung an der Villa Wesenonck vollzogen.

Wesendonck (ehemals Wintergarten) und das Ökonomiegebäude. An der Villa und am Pergolahof sollten

Paradoxe Aufgabenstellung

– ausser Fassadenrenovationen – aus denkmalpflegerischen Erwägungen keine strukturellen Änderungen

Die Notwendigkeit für eine neuerliche Erweiterung

vorgenommen werden.

ergab sich aus den erheblich gestiegenen Besucherzahlen und dem wachsenden Bedarf an Ausstellungs-

Überraschend ist im Zusammenhang mit diesen

und Lagerfläche mit entsprechender technischer

Bedingungen und dem offenbar eng gefassten

Ausstattung.

Bebauungsperimeter die verlangte Neubaufläche von

Der von der Stadt Zürich 2001 ausgeschriebene

2‘500 m2, die den vorhandenen Bestand um mehr als

Projektwettbewerb formulierte die Aufgabenstellung

das Doppelte übersteigt.

1 Präsidialabteilung und Amt für Hochbauten der Stadt Zürich: Erweiterung Museum Rietberg Zürich-Enge. Zürich, 2001, S. 8. unveröffentlichtes Wettbewerbsprogramm

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rechts Eingangssituation Parkseite Glaspavillon und Wintergarten der Villa Wesendonck, Pergolahof und Ökonomiegebäude links Situationsmodell aus dem Projektwettbewerb Quelle: Wettbewerbsprogramm: Erweiterung Museum Rietberg Zürich-Enge Stadt Zürich

unten Situation Quelle: ARGE Grazioli Krischanitz GmbH, Zürich

von links nach rechts Fassadenzeichnungen Villa Wesendonck Leonhard Zeugheer, 1855 Süd, Ost, Nord, West

Glaspavillon

G a b l e r - S t r a s s e

Quelle: Bauarchiv d. Stadt Zürich

Ökonomie-Gebäude

R i e t e r

-

P a r k Villa Wesendonck Villa Schönberg

e s s t r a - S e r b l G a

Parkvilla Rieter

N

e s s r a S t l i ü t G r

S e e - S t r a s s e


Dieses Paradox, einerseits die geforderte enorme

Nord-Süd-Achse, die im Wesentlichen das Verhältnis

Neubaufläche, andererseits die gewünschte Un-

von Park und Gebäude definiert, was in den beiden

terordnung, ist für das Projekt von zentraler Be-

Hauptfassaden (Nordfassade, Südfassade zum Park

detung. Folgenschwer ist die Tatsache, das bereits

mit Loggia) zum Ausdruck kommt. Zweitens, die Ost-

in der Aufgabenstellung des Projektwettbewerbs

West-Achse, die Bezug nimmt zur erschliessenden

eine unterirdische Lösung impliziert ist. Punktuell

Gablerstrasse und eine weitere Schaufassade (Ost-

wird diese Präferenz auch ganz explizit formuliert:

fassade mit zwei Loggien) zum See aufweist. Dieser

„Der Eingangsbereich der Villa Wesendonck und

hierarchischen Organisation untergeordnet sind die

das Ökonomiegebäude können unter Erhaltung der

Westfassade, die durch den ehemaligen Wintergarten

historischen Bausubstanz unterkellert

werden.“2

Der

– also gewissermassen einem Anbau am Hauptkörper

Erweiterungsgedanke von 1985, also die unsichtbare,

der Villa – verdeckt wird und das Ökonomiegebäude,

unterirdische Vergrösserung der Ausstellungsfläche,

welches den Zugang zur Villa von der Gablerstrasse

wird somit fortgeführt. Zu einer grundsätzlichen Neu-

her trennt. Der so intimisierte Raum zwischen Villa

beurteilung der Ausgangslage sah man sich offenbar

und Ökonomiegebäude wird durch den Pergolahof

auch dann nicht veranlasst, nachdem sich drei von

gefasst.

acht Wettbewerbsbeiträgen über die rigiden Vorgaben hinweggesetzt hatten. Bestand und Situation

Neue Erweiterung Mit ihrem Eingriff folgen die Architekten Grazioli und Krischanitz wörtlich den Vorgaben der Aufgaben-

In der urspünglichen Disposition von Park, Villa und

stellung: Sie ordnen unter, und dies gleich in mehr-

Nebengebäude ist eine klare Hierarchie erkennbar.

facher Hinsicht. Das gesamte geforderte Bauvolumen

Zwei Hauptachsen bestimmen die ursprüngliche Lage

wird unterirdisch angelegt. Die einzige oberirdische

und Orientierung der Villa Wesendonck: Erstens, die

Intervention besteht aus einem Glaspavillon, der

2 Präsidialabteilung und Amt für Hochbauten der Stadt Zürich: Erweiterung Museum Rietberg Zürich-Enge. Zürich, 2001, S. 9. unveröffentlichtes Wettbewerbsprogramm

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links oben Grundriss Erdgeschoss Eingang Museum / Museumscafé

Ökonomiegebäude

links unten Grundriss 1. Untergeschoss Sammlung Daueraustellung SeminarRaum

rechts oben Schnitt Ost-West, Ansicht Ökonomiegebäude rechts unten Schnitt Nord-Süd, Ansicht Glaspavillon Pergolahof

Sammlung

Sammlung Foyer

Vorplatz

Sammlung N MuseumsCafé (ehem. Wintergarten)

Glaspavillon

Villa Wesendonck

(Ökonomiegebäude)

Lager

Technik (ehem. Ausstellung d. Erweiterung 1986) Ausstellung Sammlung

Sonderausstellung

Ausstellung Sammlung N (Villa Wesendonck)


Ökonomiegebäude Glaspavillon

1. UG: Ausstellung Sammlung

Villa Wesendonck

2. UG: Sonderausstellung

Treppenhaus Wintergarten

Treppenhaus Foyer

Glaspavillon

1. UG: Ausstellung Sammlung

2. UG: Sonderausstellung

gegenüber der Westfassade des Wintergartens gesetzt

haben. Der Bedeutungswandel von einer Privatvilla

wird. Die Ausdehnung dieses Körpers wird wiederum

mit intimisiertem Zugang zu einem öffentlichen

verdeckt in den dahinterliegenden Hügel eingegraben.

Stadtpark mit zusätzlichen Bauten und einer erwar-

Lage und Grösse des sichtbaren Baukörpers werden

teten durchschnittlichen Besucherfrequenz von 60‘000

im Verhältnis zu den bestehenden zwei Gebäuden

Personen pro Jahr bleibt architektonisch unkom-

somit in der dritten Hierachie fomuliert: Die Setzung

mentiert. Weder die Einbindung der weiteren Villen-

erfolgt gegenüber der unbedeutendsten Westfassade

bauten (Parvilla Rieter, Villa Schönberg), noch die

und in der Körperausdehnung deutlich kleiner als

allseitige Beziehung des Parks zur Stadt wurden zum

das Ökonmiegebäude, dem ehemaligen Wintergarten

Thema einer Neukonzeption. Die von den Architekten

angepasst. Der symmetrische, achsiale Bezug des

unkritisch übernommene paradoxe Aufgabenstellung

Glaspavillons zum ehemaligen Wintergarten und die

findet somit ihre Entsprechung in einer zumindest

Entsprechung der Breite macht die hierarchische

fragwürdigen Setzung und Zugangssituation. Dabei

Unterordnung explizit und bewirkt eine Demutsgeste

wird die ehemalige sensible Anlage zwischen Villa

gegenüber dem Bestand. Ausgerechnet der intimste

und Ökonomiegebäude empfindlich verletzt und ihrer

Ort der Anlage, dieser neu gefasste Raum zwischen

Funktion beraubt: der denkmalgeschützte Pergolahof

Glaspavillon und Wintergarten, bildet den Eingangs-

– für die Bautätigkeit demontiert und rekonstruiert–

vorplatz für das Museum: Der Glaspavillon fungiert

wird zum Nebenschauplatz.

als Museums-Zugang, das im ehemaligen Wintergarten beherbergte Museumscafé wird gegenüber

Unterirdische Verbindung

erschlossen. Der ursprüngliche Zugang zur Villa über die Gabler-

Zwei neue, materiell deutlich abgesetzte Treppenhäu-

strasse wurde also fraglos übernommen und ergänzt,

ser spannen zwischen dem ehemaligen Wintergarten

obwohl sich die städtebauliche Situation wie auch die

der Villa und dem Glaspavillon die beiden unter-

Funktion der Gebäude inzwischen radikal geändert

irdischen Ausstellungsgeschosse auf. Ihre Lage ist

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links Achsenbezug Museumscafé / Glaspavillon Eingang Museum rechts - Treppenaufgang Museumscafé unten Foyer Glaspavillon mit Treppenabgang (hinten)

zwar achsial, jedoch entspricht ihre Achse nicht der

dem Altbestand ist das eine fragwürdige Wirkung.

oberirdischen Beziehung zwischen Villa und Pavil-

Vermutlich erklärt sich dadurch die Verwendung der-

lon, sondern ist gegenüber dieser Achse nach Norden

selben Holzelemente an der Fensterwand des umge-

verschoben, da sich die Räume unterirdisch bis zum

stalteten Museumscafés wie bei den beiden Treppen-

Ökonomiegebäude hin erstrecken. Für den Besucher

häusern, um die Verbindung wenigstens anzudeuten.

ergibt sich somit eine unerwartete Achsverschiebung im Untergeschoss: die oberirdisch lateral angeordnete

Raumwirkungen

Treppe liegt unterirdisch zentral und symmetrisch zum Raum. Eine weitere Irritation eröffnet sich beim

Bezüglich Ihrer Wirkung setzen sich im Innern des

hinaufsteigen des zweiten Treppenhauses in die Villa:

gesamten Museums nun mehrere Raumeinheiten

Man betritt einen Nebenraum, der kaum grösser als

charakterlich voneinander ab: der Glaspavillon, das

die Treppe selbst ist. Das eigentliche Treppenhaus der

Foyer, die Treppen, das 1. und 2. Ausstellungsge-

Villa Wesendonck zur Erschliessung der oberen Aus-

schoss, und im Altbestand das Museumscafé, das

stellungsgeschosse wird erst über einige Drehungen

Treppenhaus der Villa und ihre Ausstellungsräume.

und das Durchschreiten des Museumscafés erreicht.

Die Materialisierung der Oberflächen ist das wesen-

Ähnlich umständlich ist im 2. Untergeschoss auch die

tliche Gestaltungselement, die Sichtbarkeit konstruk-

Anbindung an das sogenannte „Schaulager“ gestaltet:

tiver oder statischer Elemente wird vermieden.

Ein dunkler Ausstellungs-Raum der früheren Erweiterung von 1985 wird nach einer schlecht sichtbaren

Das grün schimmernde Glas des Pavillons mit seiner

Stufe und nach einem nüchternen, gewinkelten Gang

Oberflächen-Ornamentik bildet eine Art Vorhang zum

erreicht. Der Neubau bleibt somit über die Erschlies-

Foyer, das sich dahinter in den Hügel ausdehnt. Eine

sungssystematik und die Materialunterscheidung

transluzente Onyx-Decke, glatte hellgraue Wände, die

deutlich von der Villa Wesendonck getrennt. Ange-

erwähnten Holzelemente der Treppen und eigenwil-

sichts des unterirdischen „Verbindungsbaus“ mit

lige Bodenrinnen definieren einen breiten, symmetri-

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von links nach rechts - Eingang Glaspavillon / Foyer - Blick vom Foyer durch Glaspavillon - Onyx-Decke und Relief von Helmut Federle - Treppenabgang - Ausstellung 1. UG - Ausstellung 1. UG links unten Ausstellungsebene 1. UG Dauerausstellung

schen und niedrig wirkenden Raum. Strukturbildend

wänden der neuen Erweiterung. Die Hauptcharak-

sind, neben der hüfthohen Brüstung der Treppe, die

teristik der Villenräume entstammt jedoch nach wie

von Helmut Federle gestaltete Betonreliefwand (mit

vor dem Originalzustand, auch wenn einige Details,

Goldplättchen bestückt) gegenüber dem Glaspavillon,

wie beispielsweise gestrichene Gebälke und Rahmen,

sowie das Informations- und Verkaufsmobiliar.

offenbar neueren Datums sind.

Die Treppen werden aus matten, hölzernen Gitter-

Dem Besucher eröffnet sich also eine Abfolge von

elementen über die Geschosse gefasst, und bilden so

unterschiedlichen Räumen, die, bedingt durch das

einen eigenständigen schmalen und hohen Raum.

Erschliessungssystem, nacheinander durchschritten

Konstruktion und Tragstruktur sind auch hier verbor-

werden. Man könnte dieses Prinzip auch Dramaturgie

gen.

nennen, wäre da nicht die etwas umständliche Unterbrechung des Museumscafés, zwischen Erweiterung

Die Ausstellungsebenen im 1. und 2. Untergeschoss

und Villa.

werden stark beherrscht von den diffus leuchtenden, lamellenartigen Deckenelementen. Ihre Anordnung

Konsequent wird hingegen die Sichtbarkeit konstruk-

und die wiederholten Bodenrinnen geben eine Aus-

tiver oder statischer Element vermieden, was zu einer

richtung und Axialität vor, die durch dicke, teilweise

Collage der vielen unterschiedlichen und auffälligen

unterschiedlich farbige Ausstellungswände entweder

Materialen führt.

unterbrochen oder unterstütz wird. Glasvitrinen und beschriftete schwarze Sockel präsentieren die

Die literarisch-semantische Idee

Kunstobjekte einheitlich nüchtern. Sie finden auch im alten Teil des Museums, der Villa Wesendonck, ihre

Die Architekten nehmen mit dem Wettbewerbstitel

Anwendung. Die zurückhaltende Farbigkeit der In-

Baldachine von Smaragd explizit Bezug auf einen

nenwände korrespondiert hier mit den Ausstellungs-

lyrischen Text. Mathilde Wesendonck, gemeinsam mit

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Im Treibhaus Hochgewölbte Blätterkronen, Baldachine von Smaragd, Kinder ihr aus fernen Zonen, Saget mir, warum ihr klagt? Schweigend neiget ihr die Zweige, Malet Zeichen in die Luft, Und der Leiden stummer Zeuge Steiget aufwärts, süsser Duft. Weit in sehnendem Verlangen Breitet ihr die Arme aus, Und umschlinget wahnbefangen Öde Leere nicht‘gen Graus. Wohl, ich weiss es, arme Pflanze; Ein Geschicke teilen wir, Ob umstrahlt von Licht und Glanze, Unsre Heimat ist nicht hier! Und wie froh die Sonne scheidet Von des Tages leerem Schein, Hüllet der, der wahrhaft leidet, Sich in Schweigens Dunkel ein. Stille wird‘s, ein säuselnd Weben Füllet bang den dunklen Raum: Schwere Tropfen seh ich schweben An der Blätter grünem Saum.


Gedicht „Im Treibhaus“, Mathilde Wesendonck, 1857 Quelle: Wagner Web:

(http://home.arcor.de/rww2002/rww2002/instvok/wesen.htm)

Bilder Bauarchiv d. Stadt Zürich

ihrem Gatten einstige Bauherrin der Villa Wesen-

spätromantischen Musikdramen das Bestreben nach

donck, schrieb das Gedicht Im Treibhaus zusammen

der Vereinigung von Lyrik, Musik und Bühnenbild.

mit vier weiteren Gedichten. Der Komponist Richard Wagner, der zwischen 1856 bis 1858 im Wintergarten

Es ist also eine literarisch-semantische Idee, die

der Villa wohnte, vertonte die Fünf Gedichte für eine

hinter der Konzeption für die Museumserweiterung

Frauenstimme und Klavier, welche heute als Wesen-

steht. Ihre konsequente Umsetzung erzeugt durch die

donck-Lieder bekannt sind. Sie sollen nach Wagner

scheinbar konstruktionslose Verwendung der Mate-

als Studie für sein berühmtes Musikdrama Tristan

rialien Körperlosigkeit. Die Raumerfahrung wird so

und Isolde gedient haben.

zwangsläufig bildhaft, kulissenhaft.

Die Verwendung einer einzigen Zeile, einem Zitat

Das Museum als Kulisse

aus einem Gedicht und die lockere Verwendung der Begriffe Baldachin, Smaragd, oder Treibhaus

Im Falle eines Musuems und im Kontext des histori-

– einmal als Projekttitel, einmal als Bezeichnung für

schen Bauensembles hat diese bildhafte Architektur-

den Glaspavillon – lassen darauf schliessen, das vor

auffassung leider fatale Auswirkungen: Einerseits

allem der exotische semantische Raum, die lyrische

wird der Altbestand nicht nur bautechnisch, sondern

Konnotation, als Inspiration gedient hat. In einer

auch semantisch ausgehölt. Das Selbstverständnis

gleichen Weise kann auch die Materialverwendung

einer ehemaligen Privatvilla mit Museumsnutzung

beschrieben werden. Nicht nur das einzelne Material,

ist durch eine grosse Bauintervention an sich schon

sondern auch ihre Kombination soll atmosphärische

in Frage gestellt. Geschieht dies noch mit dem Vor-

Räume schaffen, ähnlich wie die einzelnen Zeilen in

satz, ein Bild aufrecht zu erhalten, wird der Bedeu-

diesem Gedicht. Die Villa und die einzelnen Räume

tungsverlust eklatant. Andererseits ist gerade die

der Erweiterung sollen zu einem stimmungsvollen

Museumsnutzung in Verbindung mit einer bildhaf-

Gesamtkunstwerk verschmelzen, so wie in Wagners

ten Architekturkonzeption zweifelhaft. Die Grenze

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zwischen den Ausstellungsgegenständen und der

für ein bedeutendes Museum für aussereuropäische

Architektur verwischen. Das Ausstellungsgut wird

Kunst sehr heikel. Kunstwerke und Sammlungen

zur Kulisse: Die Gitterwände der Treppen erinnern an

aus den verschiedensten Regionen, Religionen und

alte Holzschiffe, Galeeren oder japanische Teehäuser,

Kulturen der Welt sollten nicht einem schmucken und

die Onyx-Decke wirkt moosbewachsen und feucht, in

stimmigen Museumsereignis dienlich werden. Bei der

allen Räumen deuten rätselhafte Bodenrinnen das

Präsentation von kulturell oder religiös bedeutender

Ableiten von Wasser an. Vor dem Foyer ist das ehe-

Kunst aus verschiedensten Epochen müssten die viel-

malige Kopfsteinpflaster durch ähnlich aussehende

fälltigen Beziehungen zu den betreffenden kulturellen

quadratische Stirnhölzer ersetzt. Die Goldplättchen

oder religösen Strömungen differenziert werden. An-

auf dem Betonrelief verweisen auf die Grundierungen

stelle einer pseudo-exotischen Wunderkammer wäre

japanischer Zen-Malerei aus dem 16. Jahrhundert. In

ein offener Interpretations- und Reflexionsspielraum

der Gesamtwirkung entsteht durch die Ansammlung

wünschenswert.

solch narrativ-symbolischer Materialien und Materialkombinationen ein diffuses Bild zwischen Koloni-

Restaurativer Fehlschluss

alromantik und Kaufhausdekor: uneindeutig in der genauen Bestimmung, eindeutig aber in der pittores-

Eine Reihe fragwürdiger architektonischer Entschei-

ken Funktion.

dungen hat zu dieser bedenklichen Kulissen-Wirkung geführt. Die Einschränkungen in der Aufgabenstel-

Die Problematik einer derartigen semantischen Wolke

lung, die Ignorierung der städtebaulichen Verände-

liegt in ihrer einhüllenden Dominanz: Die in ihr

rungen, die situative hierarchische Unterordnung und

ausgestellte Kunst wird einem Zweck unterworfen, sie

damit einhergehend die Vermeidung eines deutlichen

dient der Erzeugung und Unterstützung einer spezifi-

Baukörpers haben die architektonischen Mittel des

schen Stimmung. Diese Instrumentalisierung und die

Entwurfs dermassen eingeschränkt, dass nur noch die

Singularität in der Wirkung der Ausstellungsgüter ist

Möglichkeit der Staffage blieb: keine städtebauliche

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oben Pergolahof links Wintergarten und Glaspaviilon Daten Museum Rietberg Erweiterung

Aussage, keine ernstzunehmende Neuinterpretation des Bestandes und – da alles unterirdisch angelegt wurde – auch keinerlei Beziehung zwischen Innen und Aussen. Damit wurde auf die primären und somit stärksten Mittel von Architektur verzichtet. Die vordergründig vornehme Zurückhaltung gegenüber dem Bestand durch die Vermeidung eines Baukörpers, der dem geforderten Raumangebot entspricht, ist dabei gerade aus denkmalpflegerischer Sicht ärgerlich. Den historisch überlieferten Baubestand nur als Bild zu erhalten, und nicht als veränderbare Architektur zu befreifen ist unzeitgemäss und wenig nachhaltig. Die Auswirkungen auf die ausgestellte Kunst hätten bedacht werden können, wäre man nicht dem Irrtum erlegen, eine fehlende architektonische Idee mit einer literarisch-semantischen Idee kompensieren zu können. Der scheinbar poetische Entwurfsansatz entpuppt sich als falsches restauratives Bemühen oder bestenfalls als erfolgreiche Wettbewerbs-Rhetorik.

Eigentümer Stadt Zürich, Amt für Hochbauten Nutzer Museum Rietberg, Präsidialdepartement Stadt Zürich Architektur ARGE Grazioli Krischanitz GmbH, Zürich Alfred Grazioli, Adolf Krischanitz Kunst und Bau Betonrelief Foyer: Helmut Federle Stoffdruck Cafeteria: Gilbert Brettenbauer Termine Wettbewerb 2002, Baubeginn 2004, Bezug 12.2006 Raumprogramm (m2) Eingangsbereich Kasse Shop Cafeteria Villa Wesendonck Dauerausstellung Villa Wesendonck Dauerausstellung 1. UG Erweiterung Sonderausstellung 2. UG Erweiterung Lager Ökonomie, Villa Atelier, Museumspädagogik Nebenräume Technik

191 85 790 1‘344 1‘107 748 228 269 398

Grundmengen (Erweiterung, Villa, Oekonomiegebäude) Grundstücksfläche GSF Gebäudegrundfläche GGF Gebäudevolumen GV Netto-Geschossfläche NGF

66‘919 m2 1‘543 m2 41‘920 m3 5‘299 m2

Finanzierung Stadt Zürich Lotteriefonds Kt. Zürich Private Total Anlagekosten

CHF 26‘370‘000 CHF 4‘000‘000 CHF 15‘700‘000 CHF 46‘070‘000

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Architekturkritik - Museum Rietberg Erweiterung