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P o l i t i k

lanke Angst vor dem Verlust der höchsten Kreditwürdigkeit, den berühmten drei A der US-Ratingagentur Standard & Poor’s, hätte zur überraschenden Koalitionseinigung auf eine Schuldenbremse geführt. So wird es jedenfalls erzählt. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn es ist nicht Österreich allein, das die Bewertung durch diese Ratingagentur fürchtet. Deren Urteile sind für alle Länder von Bedeutung; deshalb hatte man sich in Brüssel auch geeinigt, überall die Verschuldenspirale zu stoppen. llerdings hatte in Wiens Regierungsviertel schon das bloße Gerücht einer unmittelbar bevorstehenden Ankunft eines Teams von Standard & Poor’s einen beschleunigenden Effekt auf Kanzler und Vizekanzler. Die Panik war zu früh. Zwar hatten die Finanzdetektive der Ratingagentur Moody’s bereits die Budgetsektion im Finanzministerium aufgesucht, aber die gefürchteten Experten von Standard & Poor’s starten erst im Dezember ihre Erkundungstour über den wirtschaftlichen Zustand Österreichs, und wie ernst es mit dem Sparkurs gemeint ist. Differenzen über das Regierungsprogramm werden jedenfalls in der Bewertung wenig wohlwollend berücksichtigt. enig überraschend daher, dass Regierungen Ratingagenturen nicht sonderlich leiden können. Das verhält sich wie bei Restaurants mit einst gutem Ruf. Dessen Besitzern schwant bei der Visite heikler Gastrokritiker meist auch Übles. olitiker in ganz Europa bekämpfen ihre Furcht vor den Agenturen jetzt mit mehr oder minder populären Kampfansagen. Vom Bändigen der Ratingagenturen ist die Rede oder von der Gründung eigener Spezialistentrupps. Aber das sind nur schwache Abwehrmaßnahmen, die zu spät kommen. enn die Ratingagenturen sind keine ganz neue Erfindung. Jahrzehnte

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VONC L AUSP ÁNDI

Wer über die Kreditwürdigkeit von Staaten entscheiden kann, hat wirklich politische Macht. Dazu braucht man eine Ratingagentur. Harold McGraw III hat die größte. haben sich Konzerne und Staaten auf deren Einschätzungen auch allzu bereitwillig eingelassen. Erst mit der großen Finanzkrise, an deren Entstehen und Ignorieren die Agenturen einige Mitschuld tragen, ist diese Macht richtig gewachsen. ine Bewertung der Bonität entscheidet nicht nur über Milliarden von Zinszahlungen mehr oder weniger, son-

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dern kann auch zu Bankrott und Niedergang von Staaten führen. Länder wie Griechenland sind Beispiele, die den hartleibigen Finanzern auf dem Silbertablett serviert worden sind. mstritten, aber ganz besonders einflussreich ist Standard & Poor’s. Ein mit strategischem Geschick, Durchschlagskraft und Unternehmergeist entwickelter

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Einfluss, hinter dem der 1888 gegründete, uramerikanische Konzern McGrawHill steht. Ein Unternehmensgigant mit 280 Büros und 21.000 Mitarbeitern rund um den Globus. hef des Konzerns ist Harold McGraw III, von Freunden Terry genannt. Er lebt zurückgezogen mit seiner Familie im grünen Umland von New York. Bei den Allerweltspartys mit den üblichen Prominenten ist der Mann kaum anzutreffen. McGraw bevorzugt Einladungen aus der Kategorie Weltelite wie die des World Economic Forum in Davos, oder er taucht als freundschaftlicher Berater konservativer Politiker auf. So hat der 63-jährige Ökonom einige Millionen Dollar in den Wahlkampf von George Bush investiert oder macht sich jetzt für den republikanischen Kandidaten Mitt Romney stark. Für einen Demokraten wie Barack Obama rührt er keinen Finger. arold McGraw III führt den Konzern, der vor 123 Jahren mit Fachzeitschriften für Eisenbahningenieure begonnen hatte, ganz im Sinne seiner Gründerväter „Slowly but Surely“ aus. Später kamen weitere Spezialverlage dazu. In den 1950er-Jahren machte man sich im damals noch lukrativen Schulbuchwesen breit. 1966 stieg McGraw-Hill bei Standard & Poor’s ein und baute sich daraus seine multinationale Machtposition. Nüchtern nennt man dort den hauptsächlichen Geschäftsbereich „Informations- und Mediendienst“. ngemessen ist auch das Einkommen des Konzernchefs. Harold McGraw III lässt sich seinen Job in guten Jahren mit 1,1 Millionen Dollar Basisgehalt plus 1,8 Millionen Dollar Bonuszahlungen, 2 Millionen Dollar an „langfristiger Kompensation“ und knapp vier Millionen Dollar an Aktiensonderzuteilungen vergüten. Echte politische Macht wird eben echt gut bezahlt.

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US-Tycoon Harold McGraw III

Foto: REUTERS

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Politik am Sonntag  

Wer über die Kreditwürdigkeit von Staaten entscheiden kann, hat wirklich politische Macht. Dazu braucht man eine Ratingagentur. Harold McGra...

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