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Montag, 4. März 2013

Kultur

Streiflicht

Razzia bei Performance des Berners Milo Rau Der Berner Regisseur Milo Rau lässt in einem Spektakel in Moskau Staat und Kirche gegen die Kunst antreten. Es geht um heikle Themen wie den Fall der Punkband Pussy Riot. Gestern Sonntag platzte mitten in die Gerichtsshow die Ausländerbehörde. Vier Uniformierte baten den Regisseur, der im Sacharow-Zentrum mit seiner Gerichtsshow «Die Moskauer Prozesse» gastiert, um seine Papiere. Gerade hatte PussyRiot-Mitglied Jekaterina Samuzewitsch, derzeit auf Bewährung auf freiem Fuss, den Auftritt hinter sich. Ihre ebenfalls vor einem Jahr festgenommenen beiden Mitstreiterinnen sitzen weiter eine zweijährige Haft in Straflagern ab – wegen «Rowdytums aus religiösem Hass». Wie schon im Gerichtsprozess verteidigte Samuzewitsch vor echten Juristen und Kirchenanhängern ihren Protest gegen Kremlchef Wladimir Putin. Ihre berühmte Aktion mit den Strumpfmasken in der Moskauer Erlöserkathedrale 2012 sei eine «politische Kunstaktion» gewesen. Die Kritik habe sich auch gegen den Patriarchen Kirill gerichtet, weil der offen zur Wahl Putins aufgerufen hatte. Es sei aber nie darum gegangen, die Gefühle von Gläubigen zu verletzen. Doch genau um das Verhältnis von Kunst und Religion in Russland geht es. Fast drei Stunden hielten die Beamten des Migrationsdienstes die Show gestern Sonntag auf, am letzten Tag der seit Freitag laufenden «Prozesse». Wie sie ausgerechnet auf den Schweizer Rau gekommen sind, ist nicht klar. Aber sie wurden fündig. Rau konnte unter anderem die in Russland nach der Einreise vorgeschriebene Registrierung nicht vorweisen. Die Ausländerbehörde verwarnte ihn. Die Show ging weiter. Milo Rau lässt Fronten aufeinanderprallen: staatstreue Kräfte und russisch-orthodoxe Christen gegen liberale Künstler, Kräfte, die sonst kaum miteinander ins Gespräch kommen. In dem brisanten Spektakel, das auch als DokuDrama verfilmt wird, geht es um Russlands Kulturkampf, um Zensur und darum, ob Kunstund Meinungsfreiheit über den Interessen der Kirche stehen. Die Performance ist Teil eines Grossprojekts, das der Theatermacher im Herbst in Weimar begonnen hatte. Dort hatte die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha O. Soydan in einem Kino die Rede verlesen, mit welcher der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik vor dem Osloer Gericht seine 77 Morde rechtfertigen wollte. Im Juni endet es in Bern, wo Rau 1977 geboren wurde, mit der Urauffüh(sda) rung des Dokumentarfilms.

Demo in Berlin für Erhalt der East Side Gallery Etwa 5000 Menschen haben gestern Sonntag an der East Side Gallery in Berlin gegen den geplanten Teilabriss des weltweit bekannten Mauerabschnitts protestiert. Die Stimmung sei entspannt gewesen, berichtete eine Polizeisprecherin. Auf einer Bühne an dem längsten noch erhaltenen Abschnitt der Berliner Mauer wurde Musik gespielt, Teilnehmer hielten Reden. Am Freitag hatte ein Teilabriss an dem Mauerstreifen begonnen. Demonstranten stoppten die Ar(sda) beiten aber.

Kulturnotiz Der Oboist und Dirigent Helmut Winschermann ist gestern Sonntag mit dem Georg-Philipp-Telemann-Preis der Stadt Magdeburg ausgezeichnet worden. Damit wurden die Verdienste des Hochschullehrers um die Erschliessung und Verbreitung der Werke des Barockkomponisten Telemann (1681–1767) gewürdigt.

atelemann-Preis für Winschermann:

Bunte Klamotten als Markenzeichen: die Band Volume 2.

(Foto Yanik Bürkli)

Die wahren Helden in Strumpfhosen Fünf Musiker aus Chur und Umgebung mischen die heimische Rockszene nicht nur optisch auf. Volume 2 legen eine erfrischend abgeklärte Haltung gegenüber der Musikszene an den Tag. Ein Gespräch zwischen Bier, Braulio und Bestimmung. Von Claudio Candinas

Ruhig sitzen fünf junge Herren von Volume 2 bei einem Bier und Chicken Nuggets am Hochtisch eines Restaurants an der Peripherie der Churer Altstadt. Gespräche über Bandproben und Alltägliches werden geführt. Im Grunde genommen ein absolut unspektakuläres Bild, würden die Herren nicht allesamt in für Churer Verhältnisse unglaublich ausgefallenen Outfits am Tisch sitzen. Hautenge, knallbunte Leggings, zerrissene Shirts, Stirn- und Armbänder: Ein Erscheinungsbild fernab der üblichen Afterwork-Dresscodes in diversen Bars der Stadt. «Die Outfits sind ursprünglich aus Jux entstanden, da wir sie für einen Auftritt im Rahmen eines Churer Konzertabends als angemessen empfanden. Mittlerweile wurden diese bunten Klamotten

zu unserem Markenzeichen, und wir tragen sie mit Stolz», erklären Volume 2 unisono. Ein klares Statement, womit weitere Fragen zu diesem Thema obsolet werden. Wie in jeder Begegnung geht es schliesslich früher oder später um die inneren, in diesem Falle musikalischen Werte. So gewähren die fünf jungen Herren Giemma (Vocals), Fränk (Lead Guitar), Nacho (Rhythm Guitar), Schkaddy (Drums) und Jake Daniels (Bass) in einem offenen Gespräch Einblick in die Welt junger, aufstrebender Musiker. Wer nun Träume von ausverkauften Welttourneen, Groupies und Drogenexzessen erwartet, dürfte in den nächsten Zeilen eine herbe Enttäuschung erleben. Mögliches und Unmögliches Die Metalband – wobei ihr Musikgenre laut eigenen Aussagen keine klare Bezeichnung zu finden vermag – verzeichnet für ihr zartes Alter eine unglaublich erwachsene und abgeklärte Haltung gegenüber dem musikalischen Schaffen einerseits sowie den Erwartungen an die Musikszene andererseits. So erweisen sich die Musiker als sehr ambitioniert und – für hiesige Verhältnisse absolut selten – äusserst diszipliniert. Von der Erarbeitung erster Ideen über das Songwriting, bis hin zu den

für viele Endhörer wohl eher unbewusst erlebten Finessen hegen Volume 2 eine akribische Arbeitsweise – Diskussionen und Streit inklusive. Dass ihre Shows den Besuchern als eine einzige, testosterongeladene Party vermittelt werden, bedarf harter Arbeit und hoher Konzentration. Volume 2 sind eine der wenigen Bands, welche jeden ihrer Schritte bewusst gehen und sich ein starkes Fundament gebaut haben, auf welchem man sich umso mehr austoben kann, ohne aus dem Konzept zu fallen. Contests, Konzerte,Waldbühne Wer Volume 2 bereits einmal live erleben durfte, weiss, welche enorme Energie von den fünf Bündnern ausgeht. So strotzen ihre Konzerte von lauten Gitarrenriffs, einem unglaublichen Druck des Schlagzeugs und einem sicheren Leadsänger, der die Aufgabe der Rampensau brüderlich mit seinen Mitstreitern teilt. So präsentieren sich Auftritte von Volume 2 äusserst kurzweilig, dafür umso intensiver. Doch kein gutes Konzert ohne gute Songs. Und diese haben Volume 2 definitiv vorzuweisen. Obwohl die Band durch starke Songs überzeugt, streben die jungen Herren stets nach Neuem und blicken kaum zurück. So stellen alte

Songs für sie eben nicht viel mehr als alte Songs dar und sollen demnach auch alsbald neuen Produktionen den Weg freimachen. Dass Volume 2 ihre gesamte Produktion in Eigenregie meistern und sich bislang weder in Sachen Management noch Booking unter die Arme greifen liessen, ist beachtlich, doch leider auch ein klarer Hinweis darauf, wie rar die hiesige Musiklandschaft in Sachen Unterstützung aufgestellt ist. Für Volume 2 stellt die fehlende Unterstützung verschiedener Institutionen jedoch kein Problem dar. Zu sehr lieben die fünf Musiker ihr Hobby, um es sich von fragwürdigen Rahmenbedingungen zunichte machen zu lassen. So mobilisierten die Herren jüngst ihre Fans zur Abstimmung über eine Auftrittsmöglichkeit auf der Waldbühne des diesjährigen Gurtenfestivals. Mit Erfolg. Somit wird der Tourkalender von Volume 2 um ein Konzert an einem der renommiertesten Schweizer Open Airs erweitert. Für Volume 2 bedeutet dieser Erfolg die Gelegenheit, vor einem breiten Publikum aufzuspielen. Für die Besucher des Gurtenfestivals bedeutet das, Zeugen eines der wohl aussergewöhnlichsten und energiegeladensten Auftritte einer Schweizer Band zu werden.

Komik

«Unfugskünstler» F. W. Bernstein wird 75

Die «Neue Frankfurter Schule» erfand in den 60er-Jahren eine neue Art von Humor. F. W. Bernstein gehört zu den Urgesteinen. Heute wird der «alte Zeichenzausel», wie er sich nennt, 75. Von Nada Weigelt

Wenn es jemanden gibt, zu dem das Wort «urkomisch» passt, dann ist es

F. W. Bernstein. Der Dichter, Maler und Zeichner kann albern, blödeln und Nonsens verzapfen, er kann aber auch hintersinnig, tiefgründig und philosophisch sein – und meistens alles zusammen. Legendär ist sein Spruch: «Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.» Zu seinem 75. Geburtstag hat er schon vor Jahren das passende Gedicht geschrieben: «Gibt es später auch Beschwerden – scheissegal, wir feiern heut!» 1938 unter dem bürgerli-

chen Namen Fritz Weigle in Göppingen im tiefsten Schwaben geboren, hatte Bernstein Anfang der 60er-Jahre zusammen mit seinen Künstlerfreunden F. K. Wächter (1937–2005) und Robert Gernhardt (1937–2006) beim Satiremagazin «Pardon» und später bei der «Titanic» eine ganz neue Art von anarchischem Witz kreiert. Hochkomik, wie sie selbst flachsten. In ironischer Anspielung auf die «Frankfurter Schule» um Theodor W. Adorno bekam ihre Gruppe spä-

ter den Namen «Neue Frankfurter Schule». Das Wappentier wurde – na, wer wohl? – der Elch. Bernstein ist vielleicht nicht der bekannteste, aber der ungewöhnlichste Künstler aus dem Trio. «Unfugskunst» nennt er seine Arbeit. Mit Fantasie und Experimentierfreude hat er ein vielfältiges Werk von Zeichnungen, Bildern und Cartoons geschaffen – angefangen von Wimmelbildern bis zu den wie flüchtig hingekritzelten Strichmännchen und -tierchen.


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