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Freitag, 10. Juni 2011

Kultur

Friedenspreis 2011 an Autor Boualem Sansal Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erhält den Friedenspreis 2011 des Deutschen Buchhandels. Dies teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestern in Berlin zur Eröffnung der Buchtage mit. Damit solle ein Zeichen für die Demokratiebewegung in Nordafrika gesetzt werden, erklärte Vorsteher Gottfried Honnefelder. Der renommierte Kulturpreis, der mit 25 000 Euro dotiert ist, wird seit 1950 vergeben. Die Auszeichnung wird zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse am 16. Oktober überreicht. Mit Sansal werde ein Autor geehrt, «der als leidenschaftlicher Erzähler, geistreich und mitfühlend, die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert», heisst es in der Begründung des Stiftungsrats. Der 61-Jährige gehöre zu den wenigen im Land verbliebenen Intellektuellen, die offen Kritik übten. «Mit seinem hartnäckigen Plädoyer für das freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft tritt er gegen jede Form von doktrinärer Verblendung, Terror und politischer Willkür auf», schreibt der Stiftungsrat weiter. Für den algerischen Autor kommt der Friedenspreis «genau zum richtigen Zeitpunkt». «Die Menschen in den arabischen Ländern kämpfen gerade für die Freiheit – und der Frieden ist für sie die Freiheit», sagte Sansal gestern gegenüber boersenblatt.net: «Für mich und für uns ist das (die Auszeichnung) toll.» Sansal beklagte die fehlende Solidarität des Westens mit der Demokratiebewegung in seinem Land: «Im Augenblick unterstützt uns hier inAlgerien niemand», kritisierte der Intellektuelle. Bereits im Jahr 2000 war der Friedenspreis nach Algerien gegangen: Damals wurde die Schriftstellerin Assia Djebar ausgezeichnet. Der in einem Bergdorf geborene Sansal war als promovierter Ökonom in leitender Stellung in der algerischen Regierung tätig. Unter dem Eindruck des Bürgerkriegs veröffentlichte er erst 1999 in Frankreich seinen ersten Roman «Der Schwur der Barbaren», für den er bewusst kein Pseudonym wählen wollte. Danach wurde Sansal, der Generaldirektor im Ministerium für Industrie und Umstrukturierung war, beurlaubt. Wegen kritischer Äusserungen über den algerischen Präsidenten Bouteflika wurde er in der Folge endgültig entlassen. 2006 veröffentlichte Sansal einen offenen Brief an seine Landsleute, in dem er über Algerien hinaus eine wahrhaftige Demokratie forderte. Alle seine Bücher landeten in Algerien anschliessend auf dem Index. Der Autor lebt trotz wachsenden politischen Drucks weiter in seinem Heimatland. (sda)

Phönix-Kunstpreis erstmals an Schweizer Der in Winterthur lebende Maler Dominik Heim hat als erster Schweizer den PhönixKunstpreis 2011 gewonnen. Die Auszeichnung ist mit 20 000 Euro dotiert. Heim wird für die verschachtelten Kompositionen und die Stimmungen geehrt, die er auf Leinwand bannt. «Der Preisträger besticht vor allem durch die grosse Bandbreite an Stimmungen, die er mit den wiederkehrenden Motiven jeweils als künstlerische Aussage entwickelt», begründet die Jury laut einer Mitteilung von gestern ihre Entscheidung. Heim bevorzuge Motive aus einer kaputten Welt. Heim ist gelernter Hochbauzeichner, der an der Akademie der Bildenden Künste in Wien als Meisterschüler von Sue Williams studierte. Seine Werke präsentierte er bereits in zahlreichen Ausstellungen in der Schweiz und Österreich. Durchgesetzt hat sich der 1974 geborene Heim gegen 394 andere Künstler – noch nie in der siebenjährigen Geschichte des Preises für Nachwuchskünstler hatten sich so viele beworben. (sda)

P O R T R ÄT

Musik als (einziger) gemeinsamer Nenner Chur darf sich dank der beiden Jungtalente Hannes Barfuss und Carlo Caduff alias And Her Name Is Violet über eines der wohl innovativsten, zugleich aber auch komplexesten Indie-Rock-Bandgefüge der Schweizer Musikszene freuen. Ein Einblick in zwei Welten. Von Claudio Candinas

Während sich die meisten Bands aus Freundschaften oder infolge von Ausschreibungen zusammensetzen, sprang der musikalische Funke bei And Her Name is Violet in einer Jamsession über – und augenscheinlich nur dieser. Die beiden Protagonisten, Caduff als Schlagzeuger und Barfuss an Gitarre und Bass sowie Gesang, pflegen quasi eine reine Zweckgemeinschaft, so ihr eigener Wortlaut. Es gibt keine freundschaftlichen Bande; weder geteilte Interessen abseits der Musik noch einen gemeinsamen Freundeskreis. Im Fokus des Projekts liegt stets die Musik. Was auf den ersten Blick wie eine missliche Lage aussieht, ist für And Her Name Is Violet weder negativ noch hinderlich für ihr Schaffen. Vielmehr stehen dem kreativen Prozess der beiden Churer keine äusseren Umstände im Weg, und man könne sich auf das konzentrieren, was beiden am Herzen liegt, so Barfuss. Dass diese Arbeitsweise durchaus Früchte trägt, beweist der dieses Frühjahr erschienene Tonträger «Moondance». Die vier Tracks starke EP vermochte in der Schweizer Musikszene grosse Wellen zu schlagen

Die Churer Band And Her Name Is Violet, bestehend aus Hannes Barfuss (links) und Carlo Caduff, posiert in ihrem Bandraum. (Foto Marco Hartmann)

und überzeugte Musikliebhaber sowie Kritiker gleichermassen. Wie Öl und Wasser Spätestens nach einem Gespräch mit dem Duo wird einem bewusst, dass hier zwei völlig verschiedene Charaktere aufeinandertreffen. Dementsprechend polarisierend fallen auch die Ansichten über Musik, Karrieregedanken und Träume aus. Caduff, den man als Schlagzeuger eher im Hintergrund vermuten würde, macht aus seiner Euphorie für Auftritte und dem klar auf eine Musikkarriere gesetzten Fokus keinen Hehl, während Hannes Barfuss seine Musik eher als Ausdruck seiner selbst und Rückzugsmöglichkeit wertet. Klare Ansagen beiderseits dominieren jedes Gespräch, Streit ist

kaum zu umgehen, doch scheint genau dies die Zauberformel von And Her Name Is Violet zu sein. Der kleinste gemeinsame Nenner kann für einmal Grosses bewirken. Erfolg mit Hand und Fuss And Her Name Is Violet fallen live vor allem durch ihre ungewöhnliche Performance auf. Caduff legt am Schlagzeug den rhythmischen Teppich aus, während sich Barfuss nebst dem Leadgesang und der Gitarre gleichzeitig dem Bass widmet – mit den Füssen. Eigentlich seien schon zwei Musiker in einer Band zu viel für seinen Geschmack, so Barfuss, sein Einsatz mit Händen und Füssen somit die logische Konsequenz. So entwickeln und spielen And Her Name Is Violet ihre Mu-

sik stets zu zweit, liefern aber den Soundumfang einer vollwertigen Band. Mit grossem Erfolg, denn ihre Single-Auskopplung «The Rain and the Mire» genoss an verschiedenen Radiostationen rege Rotation, und auch Veranstalter aus der ganzen Schweiz wurden auf die beiden Talente aufmerksam. So dürfen sich Barfuss und Caduff unter anderem auf einen Auftritt am prestigeträchtigen Open Air St. Gallen freuen; definitiv ein Höhepunkt für jede Rockband. Dem eigenwilligen Projekt stehen alle Türen offen – und sie werden im Falle von And Her Name Is Violet garantiert nicht aufgrund von internen Spannungen wieder verschlossen. And Her Name Is Violet, «Moondance», 2011, 08EINS.

Ausstellung

Franz Gertsch im Kunsthaus Zürich

Der Berner Künstler Franz Gertsch zeigt im Kunsthaus Zürich seinen dieses Jahr fertiggestellten Zyklus «Jahreszeiten». Ergänzt werden die vier monumentalen Gemälde durch 21 weitere Bilder und Holzschnitte der letzten 30 Jahre.

Vorbei die Zeit des Aufbruchs der 60er- und 70er-Jahre: Franz Gertsch, mittlerweile 81-jährig, ist seit über 30 Jahren auf dem Rückzug ins Private. Er kreiert monumentale Holzschnitte und Gemälde in stupender Technik, beschränkt sich dabei aber auf Bildwelten aus seiner Umgebung: Frauenfiguren, Landschaften. Diese Lebensphase spiegelt sich in der grossartigen Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Anlass ist der Zyklus «Jahreszeiten». Er umfasst die vier 325 auf 480/490 Zentimeter grossen Gemälde «Herbst», «Winter», «Frühling» und «Sommer», die Gertsch in den letzten Jahren gemalt hat. Diesen Frühling ist der Zyklus fertig geworden und nun erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen. Kombiniert hat Gertsch diese Gemälde in Zusammenarbeit mit dem Kura-

tor Tobia Bezzola mit sieben weiteren Gemälden und 14 Holzschnitten, die alle seit 1983 entstanden sind. Sie füllen die Wände des in fünf Räume unterteilten BührleSaals. Lichtpunkte Als Prolog zeigt Gertsch im ersten Saal seine 1995 bis 1997 gemalten «Gräser I–III» und die Holzschnitte «Gräser ‘Ausblick’» (2007) und «Schwarzwasser II» (1994). Diese und andere Holzschnitte verraten seine pointillistische Technik eindrücklich. Der

Künstler hebt auf der Druckplatte nach fotografischen Vorlagen mit äusserster Präzision Tausende kleinster Lichtpunkte aus, die sich, aus Distanz betrachtet, zu Pflanzen, Landschaften, Gesichtern zusammenfügen. Tritt man jedoch nahe heran, verschwimmen die Figuren zu scheinbar zufällig gesetzten, abstrakten Lichtwolken. Ähnlich geht es einem bei den Gemälden, die von Weitem als vergrösserte Fotografien erscheinen, von Nahem aber unnatürlich an Schärfe verlieren oder gar in einzelne Farbflecken zerfliessen. Diese Dialektik von

Franz Gertsch liess sich gestern im Kunsthaus Zürich vor dem Werk «Silvia II» aus dem Jahr 2000 fotografieren. (Ky)

Ferne und Nähe, von Figuration und Abstraktion ist das eigentlich Moderne in Franz Gertschs Werk. Der zweite Saal wird beherrscht vom ersten Bild des neuen Zyklus: «Herbst» (2008). Es zeigt einen Ausschnitt eines Waldes, den Gertsch in unmittelbarer Umgebung seines Hauses in Rüschegg BE fotografiert und dann nach dieser Vorlage gemalt hat. Vor den Medien nannte er dieses Gemälde gestern «ein farbiges, strukturiertes Chaos». Dies mag despektierlich tönen, umschreibt aber nur, was Gertsch an seinen fotografischen Vorlagen, je mehr er sie vergrössert, fasziniert: die zunehmende Abstraktion. «Winter», «Frühling» und «Sommer» setzen die Chronologie der Jahreszeiten fort. Umgeben sind sie von zeitlos schönen Frauen und von schwarzen Wassern, die alle zu meditativem Schauen einladen. Diese Ruhe und Einkehr waren nicht immer Gertschs Sache. Bekannt wurde er als Künstler, der den gesellschaftlichen Wandel in den 60er- und 70er-Jahren kommentierte und beflügelte. 1969 malte er das dynamische Bild «Huah!», eine Ikone des Aufbruchs, 1971/72 sein berühmtes fotorealistisches «Medici», das ihm an der Documenta 5 in Kassel den internationalen Durchbruch brachte. (sda)

10 06 11  
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