Issuu on Google+

Hildegard Liniger

Mit diesen H채nden Kunstschaffen vor und mit einer Demenz


Hildegard Liniger (*1934) trat 2008, an Demenz erkrankt, ins Zentrum Passwang, Haus Cura in Breitenbach ein. Dort lebte sie, die Künstlerin, bis zu ihrem Tod im Oktober 2012 Dieses Buch zur Ausstellung `Mit diesen Händen´ zeigt die Entwicklung ihrer Kunst in chronologischer Reihenfolge der letzten 1 ½ Jahre ihrer Demenzerkrankung. Es werden einzelnen Bildern ältere Werke (vor der Demenzerkrankung) gegenübergestellt. Die Ausstellung will Eindrücke über das Erleben, Verhalten und das Personsein eines demenzerkrankter Menschen geben. Here and now 19.04.2011


Demenz wird mit von Sinnen sein, ver-rückt sein, nicht bei Verstand sein übersetzt. Wenn Demenz gleich gesetzt wird mit Verstandlosigkeit, dann ist das zunächst einmal äusserst despektierlich aber auch rein defizitär betrachtet. Ressourcenorientiert oder ganzheitlich betrachtet bedeutet Demenz: die Rolle des Verstandes tritt in den Hintergrund – umso mehr in den Vordergrund tritt im Sinne von I. Kant das Gemüht, also die Emotionen, die Sinne und das Personsein. In der Arbeit und dem Zusammenleben mit demenzerkrankten Menschen sehen wir wie diese Menschen von den Sinnen abhängig sind. Das Sein wird von den Sinnen bestimmt und die Sinneserfahrungen bzw. die Leiblichkeit bestimmen das Er-Leben. Für Hildegard Liniger war Malen zudem schon immer eine zutiefst sinnliche Erfahrung.


(ohne Titel) 1997

Es ist ´drin 13.05.2011


Es ist schรถn 30.5.2011


Die Sonne ist 端berall 8.06.2011


es h채tt sich 채h klie zur체ckgezogen 21.07.2011


(ohne Titel, ohne Datum)

aus dem bin ich gemacht, erwachend 29.11.2011


Fein und h채rter 6.12.2011


Fr端her hatte Frau Liniger eine eigene Sprache und Symbolik entwickelt und diese konventionell umgesetzt. Diese Sprache und die Symbole sind nun lediglich als Versatzst端cke in den Bildern zu finden. Es besch辰ftigen sie jedoch die gleichen Themen wie vor der Erkrankung. Dies wird bei der Gegen端berstellung einiger Bilder deutlich. So gibt es beispielsweise Bilder von mandala-artigen Spiralen und Kreisen in Varianten 1997, 2003 und jetzt 2011.

(ohne Titel) Oktober 1987


Er ist besch端tzt 13.12.2011


(ohne Titel) 2003


(ohne Titel) 1997

Es braucht nicht viel 10.01.2012


Delir und Geschichte(n) malen Hildegard Liniger zeichnet immer wieder Linien, die vergeblich nach Form und Gestalt suchen und sich dabei verlieren. Meist malt sie mit einer zweiten Farbe bereits vorhandene Linien (oft Kurven) nach, folgt ihren Spuren und schafft parallele Linien, wie Gleise. Später verwischt sie dann ihre (eigenen) Spuren, begräbt ihre Wege, Wirrungen und Wendungen unter einem Farbschleier, massiert geradezu die Spuren.

Die Antwort auf vieles 16.01.2012

Demenz geht mit Verwirrtheitszuständen einher, die als `Delir´ bezeichnet werden. Die Bezeichnung kommt aus dem Lateinischen und bedeutet `aus der Spur/ Furche´ oder «neben der Spur», `entgleist‘ sein.

Die Ackerfurchen verschwinden zu einer Fläche mit den Schattierungen der Vergangenheit. Die einzelnen Epochen und Aktivitäten fluktuieren und werden vermengt zu einem verschwommenen Bild. Mit jeder Sitzung wiederholt sich dieser Prozess, sodass das Bild niemals richtig fertig oder abgeschlossen erscheint. Die Einzel-Bilder liegen scheinbar übereinander ohne eine echte Fortführungen zu sein. Bilder, wie die Ruinen von Troja, in mehreren Schichten übereinander wertvolle Schätze verbergend.


"Wer bestimmt, was Kunst ist? Kunst kommt nicht von können. Das Schöpferische hat seine Quellen anderswo und fließt nur durch leere, weite Gefässe, niemals durch den Verstand" Hildegard Liniger, Oktober 1999

Die Aussage von Fr. Liniger bekommt heute eine neue Bedeutung. Sie hat dem Schöpferischen durch ihre Demenzerkrankung einmal mehr ein leeres Gefäss geboten, deren Fluss vom Verstand nicht sonderlich behindert wird. Unerschöpflich, aber versteckt 0.02.; 29.02.; 7.023.2012


Während die alten Bilder teilweise eher verkopft erscheinen, spielt der Verstand also bei den neuen, hier entstandenen, Bildern nur ein marginale Rolle, es bleiben Leiblichkeit, also Emotion und Person-sein. Die Bilder von Hildegard Liniger, die sie in den zwei Jahren vor ihrem Tod gemalt hat sind konventionslose emotionale Momentaufnahmen, sind gemalte Selbst-Expression.

Da is noch aebis 12.03.; 19.03.; 28.03.2012

Bildtitel Fast alle alten Bilder tragen keine Titel, die eine Verbindung zu Personen oder Situationen erschliessen könnten. „Die, um die es geht, wissen Bescheid" – die Anderen müssen sich ihr eigenes Bild machen. Ganz anders bei den neuen Bildern: Während oder nach den Sitzungen äusserte Frau Liniger Kommentare. Diese wurden notiert und am Ende bei der Frage nach dem Titel des Bildes angeboten. Der von ihr dann ausgewählte Titel wurde von der Begleitperson unter das Bild geschrieben, da Frau Liniger dies selber leider nicht mehr vermochte.


Uffefahre oder Staub 21.05.2012


(ohne Titel)

1992


Es is schön g`zien, aber weit fort 30.05.; 4.06.2012

Beim Malen ruht Frau Liniger wieder in sich und ist, wie sie dabei öfter sagt, im "Here and now", atmet bewusst und meditativ aus, ist dann ganz sie selbst, mit ihrer Geschichte und nicht nur eine Momentaufnahme. Es verwischt und verschwindet nicht alles von ihr - einzelne „Randgeschichten" bleiben erhalten die alten Kernthemen tauchen wieder aus dem Nebel auf.


aus jedem Einen ein paar - nächstes mal 14.06.; 21.06.2012

Manchmal zeichnet Frau Liniger Linien, die der Betrachter später nie zu Gesicht bekommt, weil die Kreide noch in der Schutzhülle steckte - dies stört Frau Liniger beim Malen jedoch nicht, sie malt unbeirrt weiter. Auch folgt nach dem „Begraben“ von Bildteilen oft noch das Setzen kleiner Akzente in Form von geschwungenen Linien und Wendungen.

Welche Geschichten alle erzählt werden, kann - wenn überhaupt - nur jemand erahnen, der Hildegard Liniger schon lange und sehr gut kennt.


I will nun mer kliens, fiens Z端g mache 27.06.2012


? 1995


da is ebes `drin, wo vorher nit `drin is 25.07.2012


Die Bilder der letzten zwei Jahre werden chronologisch gezeigt. Hierbei wird deutlich, wie Hildegard Liniger in den ersten begleiteten Sitzungen den Stil sucht und wiederentdeckt. Es war für Frau Liniger erfüllend zu malen, zu gestalten, sich beim Malen ausdrücken zu können. Sie musste dann nicht ihre Defizite und Begrenzungen spüren, sondern Selbstwirksamkeit erleben. Ausserdem konnte Sie schon über die Unterstützung ihres Wunsches zu malen und auch über die geschaffenen Werke Wertschätzung erfahren. ooooooooooooooooooo Für den Betrachter (besonders für die Angehörigen) der werden zunächst besonders die Ausstellung krankheitsbedingten Defizite bei der Maltechnik und der Ausdrucksform deutlich. Bei näherer Betrachtung wird jedoch, befreit von Konventionen immer mehr die Kontinuität des Wesen(tlichen), der Persönlichkeit sichtbar. Diese erscheint jedoch lückenhaft, abstrakt, wenig differenziert, nicht mehr so reflektiert und zielorientiert, sondern im, bzw. aus dem Moment lebend, sich selbst ausdrückend, selbstexpressiv. Statt Kontinuität, Komposition und Konstruktion bei den alten Bildern (vor 2006) nun Fluktuation. Statt über 90 Farben nun 3- 6, statt unendlich vieler Formen und Figuren nun wenige Linien, die kreisen, wiederholen und dann verwischt werden. Es liegen oft mehrere Bilder übereinander. Der Begleiter hat oft bestürzt erleben müssen, wie ein entstehendes Bild plötzlich überdeckt und verwischt wurde. Frau Liniger tat dies jedoch keinesfalls aus Unzufriedenheit mit dem vorherigen, im Gegenteil, sie ging einfach zum Nächsten über.

Frau Liniger hat bis wenige Wochen vor ihrem Tod die Möglichkeit genutzt zu malen. Sie wurde dafür wöchentlich jeweils 1 Stunde in einem schlichten Atelier von der selben Pflegeperson begleitet und manchmal assistiert.. gggggggggggggggggggggggg Ein bis zwei Monate vor ihrem Tod konnte und wollte sich Frau Liniger nicht mehr über ihre Bilder ausdrücken. Sie war zunehmend müde und die letzten Bilder fielen ihr sehr schwer zu malen. Nun fehlen auch noch die Linien und Wendungen. In ihrer zunehmenden Gebrechlichkeit zeigt sie uns nur noch die zusammengekehrten Bruchstücke ihres Erlebens. Die Gegenüberstellung des letzten von Frau Liniger gemalten Bildes (8 Wochen vor ihrem Tod am 15. Oktober2012) und einem ihrer alten Bilder zeigt uns, spätestens durch den von ihr gewählten Titel „Es ist so schön“, wie sich ihre künstlerische Ausdrucksweise verändert hat. Die Möglichkeit sich künstlerisch auszudrücken gab ihr ein hohes Mass an Lebensqualität, besonders auch innerhalb ihrer Demenz-Krankheit und bis kurz vor dem Tod.


Es ist so schรถn 15.08.2012


Sandrose 10.04.1981


„Die besten Momente hat die Kunst, wenn sie vergisst, wie sie heisst.“ Jean Dubuffet

Hildegard Liniger malte ihre persönliche Welt – und genauso chaotisch und wirr, wie uns diese Welt zunächst auf den Bildern erscheint, so ist unsere „wirkliche“ Welt für Hildegard Liniger in ihrem Erleben ver-rückt und aus der Spur geraten. A.Schürenberg (MScN), Pflegeexperte ooiooiiiooooooooooooooooooooo

Demenzkompetenzzentrum Zentrum Passwang Spitalstrasse 38 4226 Breitenbach Tel. 061 785 31 31 www.zentrumpasswang.ch


Hildegard Liniger – Mit diesen Händen