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CITTÀ SLOW –

langsame Städte

DIE LANGSAMKEIT IST LANGE SCHON KEINE ENTDECKUNG MEHR. Eine città slow – eine langsame Stadt – ist jedoch was Neues. 152 gibt es bereits in der ganzen Welt, drei davon in Österreich, nämlich Enns, Hartberg und Horn. Te x t u n d Fo t o s : S i l v i a M a t r a s

aby Pils ist die Ansprechpartnerin für alle Fragen zu città slow im Allgemeinen und speziell für Enns, das ja vor vier Jahren diesen „Award“ als erste Stadt in Österreich erhalten hat. „Die Anforderungen sind hoch. Viele Städte bewerben sich, aber nur wenige entsprechen den Kriterien“, sagt Gaby Pils. Eine Stadt darf nicht mehr als 50.000 Einwohner haben und muss, bevor sie sich bewirbt,

G

sich selbst prüfen, ob sie mindestens 50 Prozent der geforderten Kriterien erfüllt. Umweltfreundlicher Verkehr, eine gut funktionierende Infrastruktur, Gastfreundlichkeit, urbane Qualitäten, wie Altstadtkern, Schulen, Aufwertung der regionalen Produkte, Traditionsbewusstsein und eine unzerstörte Landschaft sind die wichtigsten Punkte, die eine città slow erfüllen sollte. „Sollte“ – denn es wird im Allgemeinen nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

ÄLTESTE STADT ÖSTERREICHS. Auf den Einfahrtsstraßen zur Altstadt von Enns ist mitten auf der Fahrbahn das Logo der città slow, eine große gelbe Schnecke, aufgemalt. Ein 20-km/h -Schild zeigt die Geschwindigkeitsbeschränkung an, die im Stadtzentrum vorgeschrieben ist. „Wir wollen Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer. Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer haben alle dieselben Rechte“, erklärt Gaby Pils. Umweltfreundlicher Ver- >


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Blick in langsame St채dte: Schlossgarten Enns (ganz links), Barockh채user (links) und Barockkirche in Hartberg.


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nennt sich das. Mag sein, dass sich das Leben dadurch entschleunigt. Nur ist der Rhythmus einer Kleinstadt ohnehin nicht mit dem einer Großstadt zu vergleichen. Hier lebt es sich schon von Natur aus langsamer. Und ob Mensch und Auto in Enns tatsächlich auf Augenhöhe miteinander verkehren, das darf bezweifelt werden. Immer noch haben die Autos das unnötige Privileg, den Hauptplatz zu verstellen. Da sitzen die Leute in den Schanigärten und hätten eine wunderbare Sicht auf die alten, frisch restaurierten Fassaden des Rathauses, des Museums oder des blauen Hauses, in dem der Fleischhauer residiert. Aber nix da! Stattdessen schauen sie über Autodächer und Kühlerhauben. Was Geschichtsträchtigkeit anbelangt, da punktet Enns enorm. Die Römer erkannten die strategisch wichtige Lage und errichteten das große Lager Lauriacum mit einer dazu gehörigen Zivilstadt. Für sie war der Ennshafen von großer Bedeutung, da ihre Schiffe hier leicht und sicher vor Anker gehen konnten. Noch Jahrhunderte nach dem Untergang der römischen Macht war der Ennser Hafen ein wichtiger Umschlagplatz für Salz und andere Güter. Der eher nüchtern wirkende Containerhafen sichert der Stadt den Großteil ihres heutigen Wohlstandes. Als die Gablonzer Schmuckerzeuger nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat in der damaligen Tschechoslowakei vertrieben wurden, ließen sich viele von ihnen in Enns nieder und gründeten die „Gablenzer Genossenschaft“, die bis heute Modeschmuck in alle Welt exportiert und vielen Familien ein gutes Einkommen sichert. Enns präsentiert sich daher als gutbürgerliche Stadt. Mit der Infrastruktur tut sich Enns ein bisserl schwer. Im Einkaufsschatten von Linz überleben kleine Geschäfte kaum. Daher stehen viele Lokale leer. Gut bestückt ist Enns allerdings mit Gaststätten, Cafés und Restaurants. Das im Hotel „Lauriacum“ angesiedelte gleichnamige Restaurant ist ein renommiertes „Slow – Food – Lokal“ und im „Spiegel“ serviert man ausschließlich Speisen aus regionalen Produkten. Touristisch gesehen ist die Stadt nicht nur für Radler ein Anziehungspunkt. Es gibt einiges anzuschauen, wie zum Beispiel

Enns, Blick vom Stadtturm (links). In Horn (rechts) gehen die Uhren besonders langsam, besonders im Museumsgarten (rechts unten).

den imposanten Stadtturm mitten auf dem Hauptplatz, das römische Museum und die Basilika St. Laurenz. Hier soll der heilige Florian den Märtyrertod gefunden haben und der heilige Severin ein gut funktionierendes Sozialwerk aufgebaut haben. HARTBERG LEGTE PAUSE EIN. Fragt man die Hartberger nach città slow, so erntet man nichts als Ratlosigkeit. Cittawas? ist die fast einhellige Antwort, besser gesagt Gegenfrage. „Hartberg ist trotz seiner vielen Schönheiten nur schwer zu vermarkten“, sagt Hannes Pusswald, Besitzer des gleichnamigen Haubenrestaurants am Rande der Stadt. Er ist auch ein begeisterter Verfechter des Slow-FoodGedankens, den er vor vielen Jahren in Italien kennen und schätzen gelernt hat.

Durch diese Bewegung kam er auch auf den città-slow-Gedanken und setzte sich dafür ein, dass sich Hartberg um den Titel bewarb. Die Voraussetzungen waren und sind günstig: eine hübsche Altstadt, ein umweltfreundliches Verkehrssystem (ein elektrisch betriebener Gratisbus durch die Stadt), eine gute Infrastruktur, eine liebliche Hügellandschaft rundherum und ein gut funktionierendes Verteilersystem für regionale Produkte. Es fehlt eigentlich nichts für eine perfekte „città slow“. Und trotzdem ist der Titel zahn- und wirkungslos. Wie das, fragt man sich. Die Antwort ist einfach: Es gibt keine für das Projekt verantwortliche Person mehr. Die zuständige Mitarbeiterin in der Gemeinde ging in Mutterschutz und aus war's. Jetzt hat allerdings Isabella Bayer die Initiative


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ergriffen. Als Besitzerin von einem der schönsten Gärten in Hartberg – der auch besichtigt werden kann – lebt sie den Gedanken einer „verlangsamten Lebensform“ ja vor. Deshalb forderte sie alle Geschäftsleute, vom Bäcker bis zum Hotelier auf, sich mit einer für den città-slow–Gedanken fruchtbringenden Idee zu melden. Dabei soll es eher um die Verbesserung von

Lebensqualität gehen als um verkaufssteigernde Maßnahmen. Die besten Vorschläge werden in einem „Einkaufsscheckheft“ gesammelt und jedem Hartberger in die Hand gedrückt. So hofft man, den cittàslow-Gedanken unter die Leute zu bringen und populär zu machen. IN HORN BEGINNT'S. Seit einem Jahr ist Horn auch dabei und tut sich furchtbar schwer mit dem neuen Titel. „Den Titel zu bekommen war relativ einfach, ihn aber unter die Leute bringen und die Philosophie umsetzen, das wird noch Jahre dauern. Uns fehlen einfach Mitarbeiter und Geld“, klagt Helmut Hundlinger. Horn erfüllt viele Voraussetzungen einer città slow: eine gut erhaltene Altstadt, ein großes kulturelles Zentrum, in dem das renommierte Orchester „Allegro vivo“ beheimatet ist, und vor allem – was für cittá slow auch sehr wichtig ist – gute Schulen, wie die Krankenpflegeschule und ein Aufbaugymnasium. Dass der Verkehr mitten durch den schönen alten Ortskern geht und die beiden Plätze rund um die Kirche zu Parkplätzen verkommen, ist ja das Schicksal vieler Kleinstädte in Österreich. Helmut Hundlinger gründete 2001 mehr oder weniger im Alleingang das „slow-food-Convivium“, zu dem mittlerweile 150 Mitglieder aus dem ganzen Waldviertel zählen. Auf ihn geht auch die Gründung der „Arche des Geschmackes“ zurück. Die Idee dabei ist, alte Produkte, die noch immer erzeugt und verkauft werden, bekannter zu machen und vor dem Verschwinden zu beschützen. Dazu gehören zum Beispiel das Waldviertler Blondvieh oder die rote Veltlinertraube. All diese Bemühungen führten schlüssig dazu, Horn als città slow zu etablieren. Vielleicht soll die città-slow-Idee im Grunde nicht mehr sein als eine Projektionsfläche, auf der sich die Wünsche, Ideen und Vorstellungen einer idealen (Klein-) Stadt festmachen lassen. INFO. Informative Webseiten: www.cittaslow.info – die Aufnahmekriterien und mehr. www.enns.at, www.hartberg.at, www.horn.gv.at alles über die Städte


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