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ISBN 978-3-939855-40-8

Spuren der Vergangenheit

850 JAHRE

HAMBACH

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850 JAHRE HAMBACH Spuren der Vergangenheit – Eine fotografische Homage


Edition hessen. Band 1

Die EDITION HESSEN möchte die verborgene und übersehene Schönheit und Lebensqualität des ländlichen Hessens ans Licht bringen und damit den vernachlässigten ländlichen Raum einschließlich des wissenschaftlichen Diskurses darüber unterstützen. Die mediale Aufmerksamkeit und wirtschaftlich-kulturelle Förderung beschränkt sich heute zunehmend auf die urbanen Zentren, weil sich die ländlichen Regionen angeblich immer mehr entleeren und an Lebensqualität verlieren. Die Unternehmen, die zukünftig gemeinsam die Reihe herausgeben werden, kommen selbst aus dem ländlichen Hessen. Der Erfolg ihrer avantgardistischen Produkte beweist die ländliche Innovationskraft. Der fokussierte Blick der Reihe zeigt Entwicklungsmöglichkeiten für eine Alternative zu den wachsenden urbanen Problemen.


850 jahre HAMBACH Spuren der Vergangenheit Eine fotografische Hommage

Kamera Christoph Rau und Gerd Ohlhauser Schnitt Gerd Ohlhauser Texte Wolfgang Schlapp, Jürgen Römer, Gerd Ohlhauser


Alle Rechte vorbehalten Š 2015 by Verlag Surface, Frankfurt am Main, www.surface-book.de Herausgeber Verein zur Erhaltung des Brauchtums in Hambach e.V. Redaktion Gerd Ohlhauser Fotos, Projektentwicklung und Marketing Christoph Rau, www.christoph-rau.de Weitere Fotos Gerd Ohlhauser, Wolfgang Schlapp und Wolfgang Schmitt Bildschnitt Gerd Ohlhauser Bildbearbeitung Lasertype GmbH, Darmstadt, www.lasertype24.de Gestaltung, Layout und Satz Hausgrafik, Darmstadt, www.hausgrafik.de Umschlag Gerd Ohlhauser/Hausgrafik mit einem Foto von Christoph Rau: Kulturdenkmal Hof Renger, Hambacher Tal 181 Gesamtherstellung printmedia-solutions GmbH, Frankfurt, www.printmedia-solutions.de, Printed in Germany ISBN 978-3-939855-40-8


www.surface-book.de


850 JAHRE HAMBACH von Wolfgang Schlapp ...Seite 10 850 Jahre Hambach Festkommers, historischer Festumzug und Brennesselkerwe 2015 fotografiert von Christoph Rau und Gerd Ohlhauser ...Seite 24 SPUREN DER VERGANGENHEIT fotografiert von Christoph Rau und Gerd Ohlhauser mit Aufnahmen von Wolfgang Schlapp und Wolfgang Schmitt ...Seite 50 BILDLEGENDEN Kurzgeschichten zu den Fotos ...Seite 298 HESSENS LÄNDLICHE RÄUME in Zeiten des Wandels von Jürgen Römer ...Seite 302 MEIN HAMBACH Ein wilder Ort mit Zukunft von Gerd Ohlhauser ...Seite 310 DANKSAGUNG ...Seite 320


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850 JAHRE HAMBACH von Wolfgang Schlapp Aus der Festrede zum Festkommers am 17. Juli 2015 Liebes Hambacher Tal – ja, du bist schön. Wer dich umwandert, der kann viele reizvolle Blicke auf die Bergstraße und den vorderen Odenwald werfen. Am Steinkopf etwa beginnt eine Wandertour mit herrlichen Aussichten über Heppenheim auf die Rheinebene. Weiter geht es durch die Weinberge über Krück und Ofenberg „uff die Häih“, dem Sonntagsnachmittagsspaziergangsparcours der Hambacher schlechthin. Hier liegt uns das Hambacher Tal zu Füßen, die ursprüngliche Siedlungsform als Hubendorf immer noch gut erkennbar. Auf der gegenüberliegenden Seite der Höhe erhebt sich der mit dichtem Wald bewachsene Lindenstein, bis auf eine Höhe von 454 Metern ansteigend. Und über allem thront die Starkenburg, die seit nunmehr 950 Jahren auf das Tal hinabblickt. Weiter geht es durch den Wald über den Eselsberg nach OberHambach. Dort öffnet sich der Blick auf eine wunderschöne Streusiedlung, die mit den Häusern der (ehemaligen*) Odenwaldschule zusammen ein einzigartiges Ensemble bildet. Über den Lindenstein führt der Weg durch den kühlen Wald auf der anderen Talseite wieder zurück in niedere Gefilde. An der Helenenruhe erhaschen wir einen kurzen Blick auf die Wasserschöpp, bevor wir abschließend den Schlossberg erklimmen, um vom Turm der Starkenburg diesen einzigartigen Blick auf das sich dahinschlängelnde Band des Hambacher Tals zu genießen. * Das von Edith und Paul Geheeb 1910 gegründete Vorzeigeinternat der Reformpädagogik ging, nachdem jahrzehntelanger systematischer sexueller Missbrauch bekannt geworden war, schließlich im Juni 2015 in Insolvenz und stellte wenige Wochen später den Schulbetrieb endgültig ein.


Bei all dieser Schönheit vergisst man zuweilen, dass es unseren Vorfahren sicher nicht immer leicht gefallen ist, hier das Überleben zu sichern. Die Hänge sind steil, die Böden karg, ja sogar so karg, dass rund um die 200-Meter-Höhenlinie in Hambach eine Vegetation vorgefunden wird, die wir erst wieder in den heißen Steppen Südosteuropas finden. Hambach ist also eine Vegetationsinsel, die ein Überbleibsel der letzten Eiszeit darstellt. Einzigartig! Aber der Wald und vor allem der Bach mit seinem für Mühlen günstigen starken Gefälle und später die zahlreichen Steinbrüche haben die Hambacher dennoch zu einem bescheidenen Wohlstand geführt. Die Nähe zu den aufstrebenden Industriezentren in Darmstadt, Weinheim und Mannheim haben es ermöglicht, dass Menschen auch ohne Grund und Boden hier bleiben und ihre Familien ernähren konnten. Krieg und Auswanderung haben für die Hambacher Bevölkerung immer wieder starke Verluste gebracht, die aber stets durch Zuwanderung kompensiert wurden. Seit 850 Jahren nun finden Menschen in diesem engen Tal Raum, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Kinder zu gebären und groß zu ziehen um Hochzeiten und andere Feste zu feiern, und am Ende, auch das gehört zum Leben dazu, zu sterben und den Leichnam in Sichtweite der einstigen Kapelle oder der heutigen Kirche in den Schoß der Erde zurück zu geben. Wie viele Schicksale und Ereignisse, ganz gleich ob trauriger oder froher Natur, haben auf diesen fünf Kilometern zwischen der Rheinebene in Heppenheim und dem Talabschluss in Ober-Hambach im Laufe der Geschichte stattgefunden? Für uns ist diese lebendige Kontinuität der Besiedlung die Verpflichtung, auch unseren Nachkommen ein liebens- und lebenswertes Hambach zu übergeben. Nicht 10|11 trotz, sondern weil wir heute kaum noch eine wirtschaftliche Not kennen,


scheint mir diese Aufgabe schwerer denn je zu sein. Gerade an einem solchen Tag wie dem des 850-jährigen Jubiläums, ist es also viel wichtiger, gestalterisch in die Zukunft zu blicken als nur betrachtend auf das Vergangene. Aber so ganz kommen wir natürlich an diesem Tage nicht umhin, etwas aus der Geschichte unseres Jubilars zu erzählen. Schnappschüsse sollen es nur sein, kurze Episoden, mehr kann es hier an dieser Stelle nicht sein. Ich halte es da so wie der britische Physiker Stephen Hawking in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“, in dem er immerhin die Entstehung des Universums erklärt. Er verzichtete auf jede mathematische Formel, weil sie nur die Verkaufszahlen halbiert hätte, machte aber ganz zum Schluss dann doch eine Ausnahme: die berühmte Einsteinsche Formel E=mc2 Gründung Was für den Physiker die Weltformel E=mc2, ist für den Hambacher Heimatforscher die Jahreszahl 1165. In diesem Jahr bestätigt Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, dem wenige Jahre zuvor gegründeten Kloster Bronnbach im Taubertal nahe Wertheim in einem Freibrief alle Besitzungen, darunter auch diejenigen von „Heimbach“. So wird Hambach also bei seiner Ersterwähnung in einer Urkunde genannt. Eine kleine Hambacher Delegation hat diese Urkunde im vergangenen Jahr an ihrem Aufbewahrungsort, eben im Kloster Bronnbach, das in der Zwischenzeit das Staatsarchiv Wertheim beherbergt, besichtigt. Die Hambacher waren beeindruckt von der Urkunde – ein wahres Schmuckstück, großformatig und edel, in einem bemerkenswert guten Zustand. Die Schrift tiefschwarz und gestochen scharf, akkurat, wie von einem Computer


gesetzt, und dennoch handgeschrieben von einem Mönch vor genau 850 Jahren, genau genommen am 14. Juni des Jahres 1165. Das Siegel ungebrochen, groß und erhaben, Stärke demonstrierend, eines Kaisers mehr als würdig. Dieses kaiserliche Siegel hebt Hambach von allen anderen Heppenheimer Stadtteilen und sogar von der Kernstadt selbst ab. Denn von all denen kann nur Hambach eine kaiserliche Beurkundung seiner Ersterwähnung nachweisen. Allerdings können einige Stadtteile auf bedeutend ältere Urkunden zurückblicken. Soll Hambach wirklich erst nach Kirschhausen, Zell und Gronau gegründet worden sein? Wohl kaum, denn vieles deutet darauf hin, dass das Gebiet des Hambacher Tales schon viel früher besiedelt wurde: Hambach war sicherlich das Ergebnis einer planmäßigen Erschließung durch das Kloster Lorsch. Die letzte Rodungsperiode erfolgte aber bereits vor der Jahrtausendwende. Die Namensgebung der seit dem Mittelalter bezeugten Kapelle auf den Erzengel Michael könnte ein Indiz für eine Gründung vor der Jahrtausendwende sein, denn seine Verehrung stand bei den Franken hoch im Kurs und es gibt kaum eine Michaelskirche, die erst nach der Jahrtausendwende entstanden ist. Und nicht zuletzt nährt die exakt hundert Jahre zuvor errichtete Starkenburg die Vermutung, dass es um den Berg herum Dörfer gegeben haben muss, die für den Bau und Unterhalt der Burg notwendig waren. Allein, Urkunden oder steinerne Zeugen, die eine Besiedlung belegen könnten, gibt es nicht. Alle Archive wurden seit der Zeit der Romantik von Gelehrten und Heimatforschern systematisch durchforstet, so versicherte mir jedenfalls Frau Dr. Schaupp, 12|13 Leiterin des Staatsarchivs in Wertheim, sodass überraschende Urkundenfun-


de ziemlich ausgeschlossen werden können. Und auch die fränkischen oder gar keltischen Gräber, die vor 40 Jahren bei einem Hausbau am „Jähen Stich“ gefunden wurden, lassen nicht auf eine dauerhafte frühere Besiedlung des Hambacher Tals schließen. Und so werden wir wohl auch noch beim 900-jährigen Jubiläum in 50 Jahren auf die Wertheimer Urkunde verweisen müssen. Immerhin, damit muss auch die Wertheimer Straße nicht umbenannt werden, die ja damals bei der Namensvergabe des Neubaugebietes am Friedhof nach dem Aufbewahrungsort der ErsterwähnungsUrkunde benannt wurde. Hambach im Mittelalter Über die ersten Jahrhunderte nach der Gründung wissen wir relativ wenig, wir können nur über die uns bekannten überregionalen Ereignisse Rückschlüsse darauf ziehen, was die Hambacher wohl in dieser Zeit bewegt haben könnte. Als Hambach 1165 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, stand schon seit genau 100 Jahren die Starkenburg auf dem Bergkegel, den man damals noch Burcheldon („Burgfeld“) nannte. Die Starkenburg galt als Garant der Macht des Klosters Lorsch über unsere Region. Über die Jahrhunderte hinweg war sie aber immer wieder das Ziel fremder Heere, die sie erobern und besitzen wollten. Allzu oft ist dies nicht gelungen. Umso mehr waren dann die Stadt Heppenheim und die umliegenden Dörfer als Ersatz Opfer von Raub und Plünderung. So wüteten oft in alten Zeiten die Fehden über unsere Region hinweg. Überwiegend handelte es sich – aber nicht nur – um Streitigkeiten zwischen der Kurpfalz und Mainz um die Herrschaft in dieser Region, verstärkt nachdem das Kloster Lorsch zunächst als politischer Machtfaktor später dann gänzlich aufgelöst wurde.


Langfristig hat Mainz den Kampf um den Besitz der Region gewonnen und so sollte es auch bis zum Aufstieg von Napoleon bleiben, auch wenn es eine fast 200-jährige Zeit der Verpfändung an die Kurpfalz gab. Um die Burg besser verteidigen zu können, wurde sie von den jeweiligen Besitzern immer stärker ausgebaut. Auch darunter litten die Hambacher. Denn wenn schon keine fremden Heere durch das Land zogen, dann mussten sie Frondienste beim Ausbau der Starkenburg verrichten, was sicherlich auch kein Zuckerschlecken war. Keine kriegerische Auseinandersetzung aber hatte so verheerende Folgen wie der Dreißigjährige Krieg. Begonnen hat er 1618. Als er am 24. Oktober 1648 endete, hatten seine Feldzüge und Schlachten, aber auch die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen unsere Region verwüstet und entvölkert. Das Gebiet um Heppenheim und die Starkenburg wechselte mehrere Male während des Krieges den Besitzer. Spanier, Bayern, Schweden, dann wieder der Kaiser, Hessen, Franzosen, sie alle kamen, kämpften, plünderten, besetzten und zogen nach erneuten Kämpfen wieder ab. Es ist sehr schwierig, sich ein Bild davon zu machen, was in jenen Jahren an der Bergstraße, in Heppenheim und Hambach geschehen ist. Man schätzt, dass von den einst 150 Einwohnern Hambachs nach Kriegsende noch 50 dort anzutreffen waren. Da kurz nach Ende des Krieges die Pest in Hambach ausgebrochen war und 13 Todesopfer forderte, reduzierte sich die Anzahl der Bewohner nochmals drastisch. Es dürfte für diese Zeit die mündliche Überlieferung zutreffen, dass die Zahl der bewohnten Höfe an den Fingern einer Hand abgezählt werden konnte. 14|15


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Das Haingericht Es sollte 100 Jahre dauern bis sich Hambach und die Region von dieser Katastrophe erholt hatte. Bauern aus dem alpenländischen Raum, der vom Krieg weniger betroffen war, wurden gezielt zur Besiedelung des Odenwaldes angeworben. Hambach erlangte mit der Zeit eine gewisse Selbstständigkeit, so sind zum Beispiel Bürgermeister oder Schultheiße (also „Scholze“) und die Abhaltung von sogenannten Haingerichten dokumentiert. Die Bürgermeister dieser Zeit kann man aber am ehesten mit den heutigen Ortsvorstehern und das Haingericht mit dem Ortsbeirat vergleichen. Immerhin aber sind Kassenbücher aus der Zeit des 18. Jahrhunderts erhalten geblieben, wonach, im Gegensatz zu heute, das Haingericht (also der Ortsbeirat) zumindest finanziell einen gewissen Spielraum hatte. Die Zeit der Selbstständigkeit Mit Napoleon änderte sich, wie bereits angedeutet, die politische Landschaft sowohl auf europäischer als auch auf kommunaler Ebene. Durch seine Eroberungsfeldzüge verlegte der Feldherr die Französische Grenze bis zum Rhein. Der Fürstbischof von Mainz musste fliehen und verlegte seinen Sitz nach Aschaffenburg. Aber auch das war nur ein Zwischenspiel, da mit dem Reichdeputationshauptschluss 1803, dem letzten Akt des Heiligen Römischen Reiches, die Säkularisierung der bisherigen Fürstbistümer, darunter auch Mainz, beschlossen wurde. Heppenheim und damit Hambach kam im Zuge dessen zu Darmstadt und war von nun an − und das bis auf den heutigen Tag − hessisch.


Dies war deshalb von gewisser Bedeutung für unser Gemeinwesen, weil der mittlerweile zum Großherzog aufgestiegene Ludwig I. im Jahre 1821 eine Gemeindereform beschloss, bei der auch kleineren Kommunen die volle Selbstständigkeit gewährt wurde. Hambach war von nun an für 150 Jahre eine eigenständige Gemeinde. Und es ist genau diese Zeit, die wir rückblickend gerne die „Gute alte Zeit“ nennen, natürlich ohne zu wissen, ob sie denn wirklich so gut war. Tatsache ist, dass die kleine Hambacher Gemeinde in dieser Zeit gewaltige Aufgaben gemeistert hat. Als erste größere Maßnahme ist der Schulhaus-Neubau von 1840 zu nennen. Später wurde viel Geld in den Straßenbau gesteckt für Brücken und Bachüberwölbungen. Und sogar ölbetriebene Straßenlaternen wurden angeschafft. Ein Nachtwächter war für das Anzünden zuständig. Nicht zu vergessen die Errichtung des neuen Friedhofs am Herdweg. Ein großer Schritt in Richtung Bildung einer eigenen Hambacher Identität war natürlich die Errichtung der selbstständigen Hambacher Pfarrei St. Michael. Damit hatte man sich endgültig von Heppenheim gelöst. Das war allerdings mit der Auflage verbunden, dass ein Pfarrer bezahlt und eine Wohnung für ihn gestellt werden konnte. Auch diese Hürden meisterte Hambach. Ein Pfarrhaus wurde an der Stelle der alten Schule errichtet, die Gemeinde kaufte als Ersatz die ehemalige Mühle gegenüber der Kirche, unser heutiges, soeben renoviertes Dorfgemeinschaftshaus. Ebenso wichtig ist dann der ins kollektive Gedächtnis der Hambacher eingegangene Kirchenneubau kurz vor der Jahrhundertwende gewesen. Begünstigt wurde diese Aufwärtsentwicklung von der Tatsache, dass Hambach trotz landwirtschaftlicher Beschwernisse eine relativ wohlhabende Gemeinde war. Steinbrü18|19 che, Wald und Mühlen bescherten der Gemeinde regelmäßige Einnahmen.


Klein war Hambach auch nicht, mit tausend Seelen war man zu jener Zeit bedeutend größer als die meisten Dörfer des Odenwaldes, wie z. B. Rimbach, Mörlenbach und Fürth, alles Orte, die Hambach heute längst an Einwohnerzahlen überflügelt haben. Endgültig Einzug hielt die moderne Zeit in Hambach kurz nach der Jahrhundertwende. Zunächst war es die Verlegung der Wasserleitung, dann die Telefonleitung und kurz nach dem ersten Weltkrieg, vergleichsweise spät zwar, die Versorgung mit Elektrizität. Den ersten Weltkrieg hat unser Dorf relativ unbeschadet überstanden, wenn auch der Tod von 35 Soldaten einen herben Verlust darstellte. Kaum waren die Wunden des ersten Weltkrieges halbwegs geheilt, da stürzten die Nationalsozialisten Deutschland ein weiteres Mal in einen Krieg, der die Schrecken des Ersten bei weitem übertreffen sollte. Insgesamt 65 Hambacher Männer kamen nicht mehr in die Heimat zurück. Will man dieser Zeit überhaupt etwas Gutes abgewinnen, so kann man wenigstens behaupten, dass Hambach während des Dritten Reiches von den andernorts bekannten schrecklichen Exzessen verschont geblieben war. Pfarrer Lang, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Hambach kam, führte in seinem Bericht an das Bischöfliche Ordinariat, in dem er die Naziverfolgung in Hambach dokumentieren sollte, Repressalien verhältnismäßig geringer Größenordnung auf: Hinderung der Gläubigen am Besuch der Sonntagsmesse oder das Verhängen einer Strafe für das Aufhängen der katholischen Fahne am Fronleichnamstag. Nicht verschwiegen werden soll allerdings, dass der in Lindenfels wirkende Pfarrer Schwenk, der seine Kindheit und Jugend in Hambach verbrachte, nach Rückkehr seiner Haftzeit im Gestapo-Gefängnis in Darmstadt aus nicht ganz geklärten Ursachen verstarb. So haben auch viele Hambacher den 27. März 1945, den Tag des Einmarsches der Amerikaner, als einen Tag der Befreiung erlebt.


Die Nachkriegszeit bescherte Hambach zunächst weitere Herausforderungen. Von April bis Oktober 1946 trafen mehr als 200 Flüchtlinge aus dem Osten in Hambach ein. Wie die Gemeinde Hambach die Integration einer solch großen Anzahl von Vertriebenen bewältigte, ist ein Kapitel für sich, das noch geschrieben werden muss. Zusammenfassend kann aber gesagt werden, dass die Herkulesaufgabe gemeistert wurde und dass Hambach letztlich von den Neuankömmlingen profitierte. Bürgermeister Tilger war sicherlich nicht um sein Amt zu beneiden bei diesen Aufgaben. Naturkatastrophen, wie das Hochwasser vom 1. Juli 1953, hatten ebenfalls einen hohen persönlichen Einsatz von ihm gefordert. Aber alle Probleme der Nachkriegszeit wurden gelöst. Mit dem Bau der später so genannten Christophorus-Schule und der Schlossberghalle wurden bis heute wichtige öffentliche Einrichtungen geschaffen. Tilger, ab 1960 hauptamtlicher Bürgermeister, blieb bis zur Eingemeindung nach Heppenheim zum 1. Januar 1972 im Amt. Hambach seit 1972 Gerade als Hambach auf dem Höhepunkt der Eigenständigkeit stand, wurde immer deutlicher, dass die kommunalen Probleme der Zukunft nur noch in größeren politischen Einheiten gelöst werden konnten. Der Gemeinderat und auch die Bevölkerung standen deshalb hinter der Entscheidung, dass Hambach seine Selbstständigkeit aufgeben und als Stadtteil Hambach in die Stadt Heppenheim eingehen sollte. In anderen heutigen Heppenheimer Stadtteilen verlief der Übergang nicht ganz so reibungslos. Die Eingemeindung wurde in einem sogenannten Grenzänderungsvertrag geregelt, 20|21 in dem auch zahlreiche Versprechen baulicher Art besiegelt wurden. All diese


Versprechen, wie der Bau eines Kindergartens oder einer Friedhofskapelle wurden später eingelöst. Epilog Natürlich, so kann man rückblickend sagen, war die Eingemeindung für Hambach ein vorteilhafter Schritt. Aber die Hambacher haben auch einen Preis dafür bezahlen müssen, nämlich den Verlust ihrer eigenen Identität. Auch wenn diese an Festen wie der Kerb – oder auch dem heutigen Tag – immer wieder gerne herausgestellt wird, immer weniger Hambacher können damit wirklich etwas anfangen. Wie sollten sie auch? Geschäfte und Gaststätten, wo man sich treffen kann, sind verschwunden. Mit ihrer historischen Bausubstanz sind die Hambacher nicht immer vorbildlich umgegangen. Von den ehemals vier großen Hambacher Vereinen schwächeln zumindest zwei ganz arg und geben Anlass zur Sorge. Die K57, in den Jahren 1973 bis 1983 zu einer gleichförmigen, mit einer für den Autoverkehr optimierten Linienführung ausgebaut, trennt die Menschen mehr, als dass sie sie verbindet. Wenigstens ist noch die Kirche im Dorf. Und ich danke Herrn Pfarrer Röhr ganz persönlich für sein integrierendes Wesen. Er ist ein Seelsorger für alle Hambacher, nicht nur für die Katholiken. Sollte der schleichende Verlust der kulturellen Hambacher Eigenständigkeit auch unvermeidlich und den modernen gesellschaftlichen Umständen geschuldet gewesen sein, so ist eine Veränderung, die ich in den vergangenen 40 Jahren festgestellt habe, doch selbst verschuldet. Und leider ist es ausgerechnet der größte Einschnitt in die eigene Identität. Ich meine den Verlust der Muttersprache. Heute spricht kein Schüler der Christophorus-Schule mehr auf dem Schulhof Hambacher Dialekt. Wie aber soll ein


Kind spüren, dass es etwas Besonderes ist, in Hambach zu wohnen, wenn es absolut keinen Unterschied mehr macht, ob man in Darmstadt, Weinheim oder in Hambach aufwächst. Mein liebes Hambach, das soll es aber mit der anfangs angekündigten Kritik auch gewesen sein. Ich hoffe, ich habe Dich damit nicht allzu negativ dargestellt oder gar beschämt. Das hätte ich keinesfalls gewollt. Denn nach wie vor ist es schön, in Hambach zu wohnen und Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Und wem es ab und zu mal schwerfällt, sich das in Erinnerung zu rufen, dem gebe ich einen Tipp. Er möge am frühen Morgen oder am späten Abend zu einem der drei Flurkreuze oder zum Jahr2000-Kreuz gehen. Es hat schon seinen Grund, warum die Kreuze genau an diesen Stellen aufgestellt wurden. Er möge dort für einen Moment stille werden und sich im Anschluss von Gottes wunderbarer Natur inspirieren lassen. Und dann wird jeder – ganz gleich welche Sprache oder welchen Dialekt er spricht – erneut und aus tiefstem Herzen erkennen: Es ist schön, ein Hambacher zu sein!

Wolfgang Schlapp ist ehrenamtlich in zahlreichen Vereinen engagiert, Gründungsmitglied des Vereins zur Erhaltung des Brauchtums in Hambach e.V. und Schriftleiter und Mitautor des zur 850-Jahrfeier Hambachs erschienenen fast 300-seitigen Jubiläumsbuches. 2015 wurde er mit dem hessischen Landesehrenbrief für das Ehrenamt ausgezeichnet. Hauptberuflich leitet er die Technische Dokumentation bei der Sirona Dental Systems GmbH. 1981 musste übrigens sein Elternhaus dem „verkehrsgerechten“ Ausbau der 22|23 Hambacher Hauptstraße weichen.


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SPUREN DER VERGANGENHEIT Über 800 Jahre gaben Mühlen und Bauernhöfe Hambach seine Identität, die es zuletzt in nur 50 Jahren verloren hat. Heute gibt es nur noch Spuren davon, fast täglich werden es weniger. Das Alte wird nicht mehr gebraucht, es zerfällt oder wird abgerissen. In der folgenden 250 Seiten langen Bildstrecke mit den verbliebenen Resten und Ruinen scheint die frühere Identität noch einmal aufzuscheinen. Im Gegensatz zu anderen Dörfern haben die Hambacher ihre bauliche Vergangenheit kaum konserviert. Stattdessen prägen Patina und Zerfall das dörfliche Erscheinungsbild. Die bildnerische Verdichtung könnte uns auf die Idee bringen, künftig gerade dieses Wilde zu kultivieren.

War einmal das beliebteste Ausflugsziel der Hambacher und nicht weniger Heppenheimer: das ehemalige Gasthaus „Zum Lindenstein“ in Ober-Hambach

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Bildlegenden Kurzgeschichten zu den Fotos | 8/9 Festbeflaggung zum Jubiläumswochenende | 16/17 Ortsvorsteherin Renate Netzer eröffnet den Festkommers am 17. Juli 2015 | 24-41 Historischer Festumzug am 19. Juli 2015 | 24/25 Bekanntmachung des historischen Festumzugs | 26/27 Bürgermeister Rainer Burelbach lässt der Ortsvorsteherin Renate Netzer den Vortritt in die Ehrenkutsche | 28-33 Aufstellung zum Fest­ umzug | 32/33 Der Hambacher Popchor in Flower-Power | 34/35 Historische Hambacher Persönlichkeiten: Fräulein Hummel, Kirchenhonoratioren mit Pfarrer Röhr, Pfarrer Lang, Lehrer Zehnbauer, Paul Geheeb | 36 Landfrauen Pfalzbachtal. In MittershausenScheuerberg gegründeter und nach dem dortigen Bach benannter Landfrauenverein, dem sich mittlerweile viele Landfrauen aus der umliegenden Region angeschlossen haben | 37 Biedermeier-Gruppe Oald Bensem | 38/39 Die Familie Röder beim Backen | 40/41 Historische Zugmaschinen | 42-49 Die traditionelle Hambacher Brennesselkerwe im Jubiläumsjahr 2015 | 44/45 Der Kerwesucher – orientierungslos | 46-49 Der Kerweborsch mit Königin und Hofstaat bei der Kerweredd … und sein Publikum | 50 Das Haus Hübner, Paul-Geheeb-Straße (PGS) 7, war einmal das beliebteste Ausflugsziel der Hambacher und nicht weniger Heppenheimer: das ehemalige Gasthaus (und Pension) „Zum Lindenstein“ in Ober-Hambach | 52/53 Blick auf Unter-Hambach vom Starkenburg-Weg | 54/55 Weinberghäuschen auf dem Steinkopf | 56/57 „Historisches“ Vogelhäuschen unterhalb des Steinkopfs | 58-63 Die Kohl‘sche Mühle, Hambacher Tal (HT) 11 | 64-69 Sägemühle Stadler/Götzinger mit Bellerich (Mühlradschacht), HT 15 | 70/71 Haus Schmitt, HT 17 | 72-77 Haus Ewald Rettig (Link), HT 44 | 78/79 Historisches Häuser­ ensemble HT 44-52 | 80/81 Haus Jost, vormals Haus Erwin Neher, HT 48 | 82/83 Sogenanntes Schlangenhaus (nach der Darstellung auf dem Eckbalken), in Lindenfels abge-


baut und um 1780 in Hambach wieder aufgebaut, HT 50 | 84/85 Ältestes Haus Hambachs mit Eternitschindeln aus den 1960er Jahren, In der Wasserschöpp 2 | 86/87 Haus Rutz (Wilfing), In der Wasserschöpp 3 | 88/89 Im Langen Tal (Wasserschöpp) | 90-93 Weinberghäuschen von Josef Schweinsberger im Hübner | 94/95 Abrisshinterhof zum Berg, HT 80 | 96/97 Plastiken und Wandmalerei von Josef Schweinsberger, HT 80, NepomuckStatue am Haus Hillenbrand, HT 172 | 98/99 Rückansichten HT 80 und 82 | 100 Fundstück | 101 aus der Frühzeit der Elektronik, Haus Ottmar Holz, HT 82 | 102/103 Haus Heyducka (Alex), Rückseite, HT 85 | 104/105 Scheune Willi Neher (Bangert) mit Fundstück, HT 85 | 106 Haus „Ado“, HT 92 | 107 Haus Karl Herlemann (Hallemoanns Karl), HT 97 | 108/109 Haus Fetsch, Rückseite, HT 101 (Im Eck) | 110-113 Häuser Beck (Schwester Gertrud), HT 105/107 | 112 Fundstück | 114/115 Der Rest der EllerbrockHöhle. Der Hamburger Architekt Friedrich Ellerbrock lebte seit den 1930er Jahren zurückgezogen mit Frau und Tochter in einer Höhle am Waldrand oberhalb der Kritz. Er war einer von mehreren Aussteigern, die in den 1920er und -30er Jahren nach Hambach kamen, um fernab der Großstadt und frei von gesellschaftlichen Zwängen ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen | 116-119 In der Nähe der ehemaligen Ellerbrockhöhle | 120 Scheune Ottmar Schmitt (Baschtels Ottmar), HT 116 | 121 … mit Durchblick auf Haus Petermann, HT 118 | 122-128 Kath. Pfarrkirche St. Michael, HT 143 (124/125 … mit Glockenstuhl | 126/127 ... Turm und Dach) | 128/129 St. Michael und die Kritz am Morgen des 25.12.2007 | 130/131 Haus Bauers Adam, HT 132 | 132/133 Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege, gegenüber HT 136a | 134 Haus Zehnbauer, HT 150 | 135 Der Gute Hirte, Denkmal für die Hambacher Pfarrer | 136/137 Scheune Markus Mitsch, HT 153 | 138-144 Haus Fickert (Donauer), HT 155, inzwischen 298|299


abgerissen | 145 Fundstücke: Kummet (Polsterung unter dem Pferdehalfter) und Graffiti auf einer Tür im Hof von Haus Stapel, HT 162 | 146-149 Schmiede Franz Arnold, HT 164 | 150-153 Hof Karl Meon, HT 179 | 154/155 Weinberghäuschen in der Erbisgasse | 156-176 Hof Karl Schuster, HT 178 (159 Karl Schuster | 160/161 Partyraum | 162167 Backstube mit Backofen | 174 „Strohlebber“ (Stohkörbe für Brotteiglinge) | 175 Weinkeller) | 177 Scheunendach Hof Hans Herlemann, HT 184 | 178/179 Rückseite der Scheune von Karl Schuster mit Blick entlang der Scheune Bruno Schuster auf die Scheune Jürgen Holz, HT 178-182 | 180/181 Hof Bruno Schuster (Mertels Daniel), HT 180 | 182-187 Hof Hans Herlemann, HT 184 | 188-198 Hof Engelbert Meon, ehemals Mühle Johann Lies, HT 190, inzwischen teilweise abgerissen | 199 Traktor auf dem Grundstück ehemals Erwin Mitsch, HT 152 | 200/201 An der Scheune von Markus Jung, HT 179a | 202-215 Kulturdenkmal Hof Renger (ehemals Mühle Mitsche Michel), HT 181 | 216/217 Angrenzende Perdekoppel Tuchbleiche, gegenüber HT 200 | 218/219 Scheune Ohlhauser im Abriss, HT 200 | 220-223 Im Vorgarten neben dem Haus Engraf, HT 183a | 222 Fundstück | 224-227 Hof Wendelin Schuster, HT 208 | 228-231 Hof und ehemalige Mühle Schweinsberger, HT 185 | 232/233 Alte Schanz und Weg auf die Höhe | 234-243 Flurkreuz an der Wegekreuzung Alte und Neue Schanz (236/237 Angrenzendes Gelände des Motorradfreunde Heppenheim | 238/239 Karl Meon fährt vorbei | 240-243 Ziegen auf angrenzender Weide) | 244/245 Blick vom Höhenweg über Hambach zur Starkenburg, links Hubenhecke | 246-249 Alte Rebkulturen | 250/251 An der Hubenhecke | 252/253 Mauer im Breiten Weg oberhalb des Friedhofs | 254/255 Weinberghäuschen unterhalb der Hubenhecke | 256/257 Der Hambach an den Häusern HT 222-224 | 258/259 Bellerichplatz in Erinnerung an die Hambacher Mühlen, gegenüber HT 224 |


260/261 Der Hambach auf Höhe des Anwesens HT 252 | 262/263 Ehemalige Spedition Mayer, HT 254 | 264/265 Tugersmühle, HT 203 | 266/267 Auf der Weide von Helmut Schmitt zwischen Unter- und Ober-Hambach | 268/269 Die Kreisstraße K 57 unmittelbar vor Ober-Hambach vor der kürzlichen Instandsetzung | 270/271 Deicherts Brücke, Ober-Hambach, nahe der Paul-Geheeb-Straße (PGS) 2 | 272/273 und 275 Hof Willi Schmitt, PGS 29 | 274 Hof Dreißigacker, PGS 25 | 276/277 Schuppentor unterhalb Haus Lannert, PGS 20 | 278-281 Röderhof mit Backofen, PGS 26 | 282/283 Reh oberhalb Hof Bauer, PGS 30 | 284-293 Odenwaldschule (Metzendorf-Häuser, Baumhaus und Sporthalle), 1910 von Edith und Paul Geheeb gegründetes Landerziehungsheim und Internat der Reformpädagogik, musste im Sommer 2015 infolge jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs den Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen einstellen | 294/295 Wohnhaus für Bedienstete der Odenwaldschule im oberen Billackerweg | 296/297 Blick vom Talabschluss in die Rheinebene | 313 Wandbeschriftung im Hof Ohlhauser, Ausschnitt, HT 200 HT = Hambacher Tal PGS = Paul-Geheeb-Straße

Fotos von Christoph Rau und Gerd Ohlhauser Fotos Seite 128 und 129 von Wolfgang Schlapp, Seite 126, 127, 284-287, 292, 293 und 296/297 von Wolfgang Schmitt 300|301


LÄNDLICHE RÄUME IN HESSEN IN ZEITEN DES WANDELS von Jürgen Römer Hessen weist neben den stark urbanisierten Gebieten zwischen Rhein, Main und Neckar auch weite ländliche Räume auf. Die nördliche und östliche Wetterau, der Hintertaunus, der Odenwald, die hessische Rhön, der Vogelsberg und der Knüll, die Schwalm, das untere Werratal, der Kellerwald, der Habichtswald und Waldeck, um nur einige zu nennen, gehören zur Identität Hessens mindestens ebenso wie Frankfurt und Kassel, Wiesbaden und Darmstadt, Rüsselsheim und der Frankfurter Flughafen. Vor diesen sehr verschiedenen Gebieten liegen unterschiedliche Herausforderungen. Sie reichen vom Ausbau heute schon dicht erschlossener Regionen bis hin zum hier und da vielleicht unvermeidlichen Rückbau an der Peripherie. Das vergröbernde und oftmals sehr zweckgebunden eingesetzte Schlagwort vom „demografischen Wandel“ scheint viele neue Fragen aufzuwerfen. Den Antworten haftet oft etwas von Zwang an, von quasi naturgesetzlicher Unausweichlichkeit, von Schicksal. An vielen Orten löst die Aussicht einer stetig sinkenden Bevölkerungszahl, die immer mehr altert, in den ländlichen Regionen Resignation aus oder hektische Betriebsamkeit. Forschungsinstitute, Regierungsstellen auf Bundes- und Landesebene, Stiftungen, Beratungsfirmen, Politikerinnen und Politiker, Medien aller Arten stellen Prognosen auf, geben Empfehlungen ab, teilen Fördergelder aus, führen Beratungen durch, verkaufen Lösungspakete. Ja, die ländlichen Räume werden weniger, älter, bunter – um einen abgedroschenen Satz zu zitieren. Hessen insgesamt auch, und ganz Deutschland, ganz Europa und andere Teile der Welt. In Zeiten globalisierten Lebens, Wirtschaftens, Denkens und Handelns werden sich die Antworten auf Fragen groß angelegter, langfristiger Wand-


lungsprozesse nicht in einzelnen Dörfern finden lassen. Auf dieser Ebene kann man Symptome behandeln, etwa Schmerzen bekämpfen, die von Verlusterfahrung herrühren. Die Ursachen liegen auf ganz anderen Ebenen. Der Eintritt in die Moderne, die in Mitteleuropa vor rund 200 Jahren begann, ist nach wie vor nicht rund um den Globus abgeschlossen. Traditionelle Bindungen wurden und werden aufgelöst, seien es die in monarchischen Staaten, in Großfamilien, in Stammesgruppen. Moderne, Industrialisierung, Ausbau des tertiären Sektors, der Dienstleistung, haben Folgewirkungen: zunehmende Individualisierung, zunehmende Ökonomisierung, zunehmende Flexibilisierung aller Lebensverhältnisse. Das klingt trübe und bedrohlich. Was ist zu tun? Die einen entscheiden sich dafür, Traditionen hoch zu halten und zu bewahren als Bollwerk gegen die Bedrohung des Gewohnten, das gerne mit dem Traditionellen gleichgesetzt wird. Sie engagieren sich in Vereinen zur Pflege des Brauchtums oder des lokalen Dialekts, sie unterstützen den Männergesangverein, der bei seinem althergebrachten Repertoire bleiben möchte. Andere wollen alte Zöpfe abschneiden: Der Gesangverein nimmt jetzt Frauen auf und singt moderne Lieder in englischer Sprache. Die Jungen organisieren Computerkurse für die Älteren. Ökologisch Interessierte gründen einen Laden mit Produkten aus regionaler Erzeugung, die man auch im Netz bestellen kann. Auf der Kirmes wird ein HipHop-Abend eingeführt, außerdem wird nur noch zwei Tage gefeiert ohne den Umzug wie früher. All das, Bewahrendes wie Erneuerndes, wird in der besten Absicht getan, Menschen mitzunehmen, ihnen ein Gefühl der Identität zu vermitteln – das früher Heimatliebe hieß (das Wort „Heimat“ hat seit einiger Zeit wieder Konjunktur) – und 302|303 sie in die Dorfgemeinschaft zu integrieren, wenn sie es denn nicht mehr sind.


Damit rückt eine Frage immer stärker in den Vordergrund: Was ist denn „Leben auf dem Dorf“? Wie kann man „Dörflichkeit“ definieren und bemessen? Eine junge Forscherin, Michèle Spohr von der Universität Hannover, greift zurück auf den großen Soziologen Ferdinand Tönnies (1855-1936), der 1887 das Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft“ veröffentlichte. Spohr schreibt: „Ferdinand Tönnies ordnete Gemeinde, Dörfer und Kleinstädte dem Typ der Gemeinschaft zu, der eine ‚Einheit der Differenten‘ bildet. Der Einzelne fühlt sich als Teil der Gemeinschaft und ist dieser verpflichtet. In der Gesellschaft, die Tönnies in der Stadt verortet, strebe der Einzelne dagegen nur nach seinem eigenen Nutzen. Gemeinschaft wie Gesellschaft sind bestimmte soziale Beziehungen eigen: ‚Alles vertraute, heimliche, ausschließliche Zusammenleben [so finden wir] wird als Leben in Gemeinschaft verstanden. Gesellschaft ist die Öffentlichkeit, ist die Welt‘.“ Will man sich dies zu Eigen machen, so könnte man „Dörflichkeit“ daran messen, wie viel denn nun gemeinsam und nicht individuell getan und gelebt wird. Dann wird schnell klar, dass es nicht genügt, auf die Größe, Bevölkerungsdichte oder andere, äußere Parameter zu schauen, sondern darauf, was auf dem Feld des Sozialen geschieht: Dann erhalten alle oben genannten Bemühungen und Aktivitäten, Initiativen und Arbeiten ihren Wesenskern: Sie wollen Gemeinschaft, also Dörflichkeit, erzeugen und erhalten. Auch in städtischen Gesellschaften, gekennzeichnet durch Individualisierung, gibt es Elemente des Dörflichen, etwa beim Kiezfest. Aber dort treten sie sehr in den Hintergrund und haben mit dem täglichen Leben kaum Berührungspunkte. Das ist – in heutiger Betrachtung und nicht in der der 60er oder 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – die Stärke der ländlichen Räume: Schaffung von Identität


als positives Lebensgefühl. Wolfgang Schlapp sagt in seiner Festrede (S. 22/23): „Wie aber soll ein Kind spüren, dass es etwas Besonderes ist, in Hambach zu wohnen, wenn es absolut keinen Unterschied mehr macht, ob man in Darmstadt, Weinheim oder in Hambach aufwächst.“ Genau da muss Dorf- und Regionalentwicklung ansetzen. Es ist etwas Besonderes, aus Hambach zu sein, weil … Darauf muss ein Dorf Antworten suchen und finden, die über platten Lokalpatriotismus hinausgehen. Diese positive Identifizierung, die es bewirken kann, dass junge Leute nach der Ausbildung oder dem Studium zurückkommen, um – mit einem guten Internetzugang – an der Stelle zu leben, an der sie positive Identitätserfahrungen gemacht haben, DAS ist die Kraft des Dorfs, der die Stadt nichts Entsprechendes gegenüber zu stellen vermag. Zu viele Menschen, zu viele Häuser, zu viele Autos, zu viel Konsum, zu viel Licht, zu viel Lärm. Zu wenig Luft. Abgekoppelt von der Natur. Zehn Grad höhere Sommerhitze bei zunehmender Erderwärmung. Diese Kraft ist aber in Gefahr. Weltweit, und ganz unabhängig von dem, was in Deutschland „demografischer Wandel“ genannt wird, strömen die Menschen vom Land in die Stadt. In anderen Weltgegenden ist dieser Strom viel reißender als hierzulande. Hier werden keine Landstriche entvölkert, hier gibt es keine Megacities mit 20 Millionen Einwohnern, die Jahr um Jahr um Hunderttausende wachsen. Das ist Urbanisierung, die untrennbar zur Moderne mit ihren Produktionsverhältnissen, ihren politischen Systemen und ihren – zunehmend allein monetären – Werten gehört. Daneben wird die Kraft der Dörfer aber auch mit voller Absicht angegriffen. Im Zuge von Verteilungskämpfen um die knapper werdenden öffentlichen Mittel haben sich Bewegungen etabliert, die offensiv für die Abschaffung des Artikels 72 des 304|305


Grundgesetzes eintreten. Er legt fest, dass der Bund gesetzgeberisch eingreifen kann, wenn „die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet oder die Wahrung der Rechts- oder Wirtschaftseinheit im gesamtstaatlichen Interesse“ gefährdet wird. Hinter den Angriffen auf diesen Artikel stehen Lobbyisten unterschiedlicher Herkünfte, Motivationen und Auftraggeber. Sie beschreiben die ländlichen Räume seit etwa dem Beginn des Jahrhunderts als Mängelregionen und Gebiete, die alleine mit staatlicher Hilfe am Leben zu erhalten seien. Daraus leiten sie ab, die Standards der Lebens- und Versorgungsbedingungen in den ländlichen Räumen abzusenken. Im Zweifelsfall sollen sie sich selbst überlassen werden. Auf manchen Gebieten geschieht dies schon: Die staatlichen Versorgungsinstitutionen wie etwa die Bundespost hatten den klaren Auftrag, alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig von deren Wohnort gleichermaßen mit Dienstleistung zu versorgen. Dies ist unwiderruflich vorbei. Die nunmehr entstaatlichten Unternehmen und ihre Konkurrenten suchen sich die attraktivsten Regionen heraus, das sind in aller Regel die Städte, und vernachlässigen die kostenträchtigen Gebiete mit weniger dichter Besiedlung. Hier wird ein eklatantes Versagen des Marktes sichtbar, das die ländlichen Regionen mit enormen, auch finanziellen Anstrengungen auszugleichen suchen. Gäbe man den genannten Lobbyisten nach, dann würden diese Gebiete abgeschnitten. Begründet wird all dies mit dem vermeintlich unausweichlichen, weil von Naturgesetzen geprägten demografischen Wandel. Er wird von Naturwissenschaftlern und Medizinern postuliert; die Einwände anderer Disziplinen, etwa der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, verhallen oftmals ungehört. Naturwissenschaften stehen im Ruf, exakt zu sein, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften nicht. Dass dies seit Ge-


nerationen widerlegte Klischees sind, ist vielen Verantwortlichen kaum zu vermitteln. Der mit methodisch unsauberen Bevölkerungsprognosen „bewiesene“ demografische Wandel – weniger, älter, bunter – soll nun für alles verantwortlich sein. Er ist, weil angeblich naturgesetzlich, unangreifbar. Schon diese Voraussetzung stimmt nicht: menschliche Bevölkerungsentwicklung hängt in hohem Maße von Wanderungsbewegungen ab, die per se nicht vorhersagbar sind. Die wichtigsten demografischen Ereignisse und Prozesse der jüngeren deutschen Geschichte waren dies alle nicht: Der Zweite Weltkrieg mit Millionen Toten, Flucht und Vertreibung, das Wirtschaftswunder mit stark steigenden Geburtenraten, die Erfindung und Verbreitung der „Pille“, die Grenzöffnung 1989 ff. mit einer enormen Zuwanderung in den Westen Deutschlands, die jüngsten Flüchtlingsbewegungen aufgrund grausamer Bürgerkriege, Despotien und Verarmung. Nichts von alle dem konnte man auch nur fünf Jahre vor seinem Eintritt vorhersehen. Wir müssen aufhören, wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren, wenn die Bevölkerungsentwicklung vorhergesagt wird. Wir sind nämlich keine Kaninchen, deren Vermehrung einigermaßen präzise bestimmbar ist, sondern Menschen. Mit solchen Prognosen sind in Deutschland ganze Landstriche, vor allem in den alten Bundesländern, pauschal schlecht geredet worden. Dies geschieht nach wie vor, und das Schlimmste daran ist: Wir glauben es. Da beginnt die Abwärtsspirale, nicht bei den Geburten- und Sterberaten. Dass das Ringen um die vielen Milliarden in den sozialen Sicherungssystemen zu all dem noch vieles beiträgt, sei nur am Rande erwähnt. Das ist eine andere Arena, in der um wesentlich größere Summen gekämpft wird. Wir müssen den Menschen Mut machen. Dazu gibt es allen Grund: Die ländlichen Räume sind das Rückgrat der modernen Gesellschaft. Sie stellen wichtige Güter 306|307


zur Verfügung: Nahrung, Energie, Luft, Landschaft, Erholung. Aus den ländlichen Räumen kommen viele der Aufsteiger in der Wirtschaft. Viele Menschen in den Dörfern sind überzeugt davon, dass ihre Form der Work-Life-Balance die ausgewogenere ist als die in den Großstädten. Wir können nicht wissen, wie sich unser Leben entwickeln wird in den nächsten ein bis zwei Generationen. Unsere Informationsgesellschaft steht vor einem tief greifendem Wandel. Wir können nicht wissen, wie in zwanzig Jahren Arbeit organisiert sein wird. Schon heute werden viele Jobs über das Netz von jedem beliebigen Ort aus erledigt. Warum sollte man in einem Hochhaus wohnen mit Blick auf andere Hochhäuser, wenn man an diesem Ort nicht sein muss? So wie man sagen könnte, dass in der industriellen Revolution die Dörfer als Wohnorte der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft ihre Daseinsgründe einbüßten, könnte man ebenso gut sagen, dass in der digitalen Revolution unserer Zeit die Städte als Wohnorte der Industrie- und Dienstleistungsarbeitskräfte unnötig geworden sind. Man darf beruhigt sein: Beide, Großstädte und Dörfer, werden weiter bestehen. Die Möglichkeiten, das eigene Leben inklusive der Wohnortwahl nach eigenen Wünschen zu gestalten, waren noch nie so groß. Sie werden größer, im Odenwald wie in Frankfurt, im Meißner wie in Kassel, im Taunus wie in Wiesbaden. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass alle sich für einen Lebensentwurf entscheiden, solange eine attraktive Alternative besteht. Es geht nicht darum, die Städte dem Land überzuordnen oder das Land die Städte dominieren zu lassen. In Hessen bietet es sich an wie kaum irgendwo sonst, das gute Mit- und Nebeneinander von Stadt und Land in die Zukunft zu entwickeln.


Ich begrüße ausdrücklich die Initiative des Verlags SURFACE, mit seiner EDITION HESSEN Sympathie und Begeisterung für die verborgenen und übersehenen Schönheiten des ländlichen Hessens zu wecken. Den langen empathischen Bildstrecken der Flipbooks gelingen ganz eigene verdichtete Eindrücke. Sie fokussieren auf Aspekte, deren Reiz bisher schlicht nicht gesehen wurde. Sie machen Mut. Der unvoreingenommene fremde Blick entdeckt die Attraktivität des Lebensraums Dorf und zeigt damit implizit Entwicklungsmöglichkeiten auf. Ich verweise auf die zusätzlichen Ideen im nachfolgenden Beitrag von Gerd Ohlhauser, wie sie erst aus der intensiven Beschäftigung mit dem Thema des Buchs erwachsen konnten. Die zehn Unternehmen, die gemeinsam die Reihe herausgeben, kommen selbst aus dem ländlichen Hessen. Der Erfolg ihrer avantgardistischen Produkte beweist die ländliche Innovationskraft. Dr. Jürgen Römer ist seit 2012 Leiter des Fachdienstes Dorf- und Regionalentwicklung des Landkreises Waldeck-Frankenberg in Korbach. Er studierte Geschichte und Europäische Ethnologie, arbeitete für die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und leitete das Regionalmuseum Wolfhager Land. Der Fachdienst Dorf- und Regionalentwicklung hat die Aufgabe, alle Belange des ländlichen Raumes, die ihn entwickeln und fördern, zu koordinieren und zu moderieren. Er steht als zentraler Ansprechpartner allen Beteiligten innerhalb und außerhalb der Kreisverwaltung zur Verfügung. www.landkreis-waldeck-frankenberg.de 308|309


MEIN HAMBACH – Ein wilder Ort mit Zukunft von Gerd Ohlhauser „Wenn alle Wilden Orte verschwänden, würden wir nie wieder die Möglichkeit haben, uns als einzigartige, gesonderte, aufrechte Individuen in der Welt zu erleben.“ (Robert Macfarlane in Karte der Wildnis). Als einen wilden Ort erinnere ich den Bauernhof in Hambach, auf dem ich in den 1950er Jahren aufwuchs. Weil die Wiesen noch nicht von Kühen abgeweidet wurden, umpinselten mich das Gras, die Margeriten und Glockenblumen, das Wiesenschaumkraut, betörten mich ihre Farben und Düfte, während überall die Bienen vom nahen Bienenhaus summten und feuchte Wärme vom Boden aufstieg. Mit der Zeit verließ ich Hambach und ich erinnere mich schmerzlich, wie mir die Natur allmählich abhanden kam. Jedesmal wenn ich in den späteren 70er Jahren die Autobahn von Darmstadt entlang des Odenwaldes hinunter zu einem Geschäftstermin nach Karlsruhe fuhr, spürte ich weniger, wenn ich zu den Bergen, Wäldern, Weinbergen, Feldern und Landschaften hinüber sah. Ich wurde zusehends davon getrennt. Wenn ich früher über Bensheim nach Hambach „heimkehrte“, übermannten mich die alten Gefühle bereits, wenn ich unsere Felder vom Kamm über unserem Tal herunter kommen sah. Ich konnte es kaum erwarten, dort anzukommen, den vertrauten Gerüchen von Frische, Sonne und Wärme, Erde, Gras und Heu, Wald und Stille, Vogelgezwitscher oder dem immerfort plätschernden Bach wieder zu begegnen. Den Feldern, Wiesen und Äckern, dem Dickicht und Gebüsch an den Hängen, dem Geruch nach frisch gemähtem Klee. Dem feuchten Duft des Kartoffelackers, dessen beim Ernten kühle und nur für wenige Augenblicke dunkle Erde. Am liebsten würde ich die Schuhe ausgezogen haben und mit nackten Füßen in der Furche dem Pflug gefolgt sein. Ein Stück


Schollen in der Hand geknetet und seinen Dunst unter der Haut erwartet haben. Das Land hieß mich willkommen. Ich verlor die Gefühle meinerseits, aber auch Hambach entzog sie mir. Die Regulierung der Weschnitz Anfang der 60er Jahre beendete die Mückenplage. Die Wiesen wurden nun eingezäunt, die Kühe kamen und fraßen das Gras nicht nur ab, sondern zertraten mit ihren scharfen Hufen auch die Grasnarbe. Sie fraßen, sprangen, stocherten und rutschten hinunter, bis die Hänge völlig wund und nackt geworden waren. Die Wunden schlossen sich nie mehr. Die Felder wurden maschinengängig bereinigt und geglättet. Der Hambach wurde reguliert und verdolt. Fortan wurden die Tage nicht mehr von seinem aufmunternden und doch beruhigenden Plätschern erfüllt. An der neuen breiten Straße verloren die kleinen alten Häuser und Scheunen ohnmächtig ihre Würde. Deren geschniegelt glatte Oberfläche setzte die rustikalen Fassaden ins Unrecht. Wenn ich in noch späteren Jahren „heimkehrte“, wand sich und zischte die Straße nur noch durch parkende, die Fahrbahn wieder verengende Autos. Blindlings raste ich ihr hinterher. Ohne nach rechts und links zu schauen, versuchte ich ins Oberdorf zu entkommen. Seit jeher waren das versumpfte Ried und der buckelige Odenwald arme Gegenden, dennoch hatten die Bauernhöfe und Mühlen ihren Stolz. Sie hatten Stil, ihren eigenen Stil, hatten vielleicht sogar eine typische Form Odenwälder Hubengüter. Sie haben schließlich alles verloren, ihre Häuser, Scheunen, Ställe und Höfe. Keines der Mühlräder in den Bellerichen, keine der ehemals 17 Mühlen blieb erhalten. Ich fuhr dem Anblick ihres Zerfalls einfach aus dem Wege. Jetzt, wo ich mich für dieses Buch dem Schicksal meiner frühen Heimat wieder gestellt und sie mir wieder an310|311 geeignet habe, finden sich nur noch Spuren davon.


Ich bin ihnen nachgegangen: Ob Patina und Zerfall nicht vielleicht eine neue Wildnis schaffen? Sind nicht Used Look, Shabby Chic und Vintage, die zerissene Jeans und abgeschabte Jacke der letzte Schrei und grau und rissig verwitterte Hölzer die ultimativen Oberflächen urbanen Lebens? Holt sich der Städter damit nicht die neue ländliche Wildnis in sein Hochhaus-Appartement? Wie wäre es also, die neue Wildnis des zuwuchernden Tals und die Wildnis des Zerfalls zu kultivieren und zu stilisieren? Die Müllereien und Bauernhöfe gaben Hambach über 800 Jahre seine Identität. Die Mühlen gingen zuerst. Ich erinnere mich nur noch ganz schwach an das Knarzen und Knirschen der letzten Mühle. Die Schweinsbergersmühle in Sichtweite unseres Hofes wurde erst in den 70er Jahren stillgelegt. Heute ist, nach meiner Beobachtung, kein Bauernhof mehr in Betrieb. Im Ernst, wie soll ein solches Dorf in 50 Jahren zu einer neuen Identität finden, zumal es keine neue wirtschaftliche Perspektive gibt? Hambach ist heute ein Dorf ohne jede Gewerbestruktur, ohne Geschäfte, ohne Gastronomie, ein reines Wohndorf. Wolfgang Schlapp gesteht in seiner Eröffnungsrede: „Mit ihrer historischen Bausub­ stanz sind die Hambacher nicht immer vorbildlich umgegangen.“ Aber was, wenn sie es denn getan hätten? Vermutlich wäre nur eine weitere der allseits bekannten nos­ talgisch schnuckeligen Konserven herausgekommen. Auch wenn während der Fotoarbeiten für dieses Buch weitere alte Häuser und Scheunen abgerissen wurden, der Wildnis tut es vorerst keinen Abbruch. Denn die An- und Umbauten haben sich, wie auch die neuen Häuser, mehr oder weniger eigenmächtig und wild verbaut breitgemacht. Sie haben sich, ganz im Sinne des Paragrafen 34.1 des Baugesetzes in der Neufassung von 1997, „nach Art und Maß … der Bauweise, in die Eigenart der nähe-


ren Umgebung eingefügt“ und gemäß dem Paragrafen 12.2 „mit ihrer Umgebung derart in Einklang (gebracht), dass sie das Straßen-, Orts- und Landschaftsbild nicht verunstalten.“ Das Gesetz hat den Niedergang mit zu verantworten. Dorf sollte Dorf bleiben. Resultat: Die weltoffene dynamische Struktur der Großstädte hat dieses bewahrende Bauen auf dem Lande inzwischen weit hinter sich gelassen. Dörfliche Bebauung ist ein Resultat der Geschichte, kann jedoch keine dauerhafte Ausgrenzung aus der Zukunft begründen. Die Umgebung fortschreitenden Zerfalls hat die Gesetzgebung endgültig ad absurdum geführt. Also lassen Sie uns wild weitermachen: Warum den Partyraum im Oberge- 312|313


schoss von Karl Schusters Backhaus (Seite 160/161) nicht nach außen kehren und Fassaden, Mauern, Fachwerk und Fensterlaibungen wie Friedensreich Hundertwasser instinktiv farbig anlegen. Entlang einer weiß beschichteten Straße, über die sich alle Formen und Farben der anliegenden Bebauung erheben. Das mag übertrieben klingen, doch fest steht, das Wilde belebt die Seele. Tatsächlich läuft dieser Vorschlag auf moderne Szenografie hinaus, auf die nachhaltige Inszenierung des öffentlichen, in unserem Fall dörflichen Raums mit den unterschiedlichsten Methoden: Installationen, Ausstellungen, Performances bis hin zu rein virtuellen Darbietungen. Das Dorf als Bühne für Inszenierungen. Wenn ich durch die Stadt gehe, erwarte ich doch auch das Überraschende, das Exzentrische, das Unsichere. Ein Anfang wäre es, das Besondere jedes Hauses, jeder Ruine zu erkennen, um es zu betonen oder mit einfachen Mitteln etwas Besonderes daraus zu machen. So wie es dieses Buch durch seine bildnerische Verdichtung versucht. In dem traditionell vielfältigen Vereinsleben auf dem Dorf steckt das Potential dazu. Wie wir im Beitrag von Jürgen Römer erfahren, ist Dörflichkeit vor allem Gemeinsamkeit und die Stärke der ländlichen Räume die Schaffung von Identität. Es gälte nur die Fixierung auf die Bewahrung der Tradition zugunsten zukunftsgerichteter Projekte aufzubrechen. Neue Perspektiven sind per se identitätsstiftend. Und es gälte natürlich ebenso die bäuerlich-handwerkliche Mentalität des Hof-Bestellens und Auftrag-Erfüllens zu überkommen. Rückblickend stelle ich fest, dass mich der Bauernhof glauben machte, im Leben nur durch stetige und unermüdliche Arbeit weiterkommen zu können – wie es im übrigen die meisten Hambacher bestätigen. (In dieser Hinsicht bin ich immer ein Hambacher geblieben. Und daher arbeite ich auch gerne mit anderen


Hambachern zusammen.) Zukunftsgestaltung jedoch erfordert Neugier, Kreativität und Unternehmergeist. Idee schlägt Budget. Deshalb erlaube ich mir, schon mal damit anzufangen. Im Refrain der Hambacher Hymne heißt es: Im Tale der Rosen, da ist ja Fasching/ Kerwe heut, im Tale der Rosen, die Mädchen sind bereit, zum Herzen und Küssen und fröhlich sein, drum komm und zieh mit mir in‘s Tal hinein. Da es in Hambach kaum Rosen gibt, wird der Liedschreiber wohl die Mädchen damit gemeint haben. Wie wäre es mit einem Rosenfeld, auf dem jeder Hambacher Frau und allen künftig geborenen Mädchen in einem öffentlichen Akt eine Rose gepflanzt wird, für jede eine andere Farbe oder Art? Während der Fotoarbeiten zum Buch haben die letzte Bäckerei und das letzte Restaurant in Hambach geschlossen. Das Restaurant war in der Rebstock-Halle mit einer kühnen, weltweit nur viermal realisierten Deckenkonstruktion in bezaubernder mediterraner Ausgestaltung untergebracht. Es hatte das Zeug zum Szenetreff. Wie wäre es, wenn die Hambacher eine Restaurantgenossenschaft bildeten, die einen professionellen Betreiber anheuert (oder aktuell mit syrischer Küche Flüchtlingen eine Perspektive eröffnet)? Ein täglicher Mittagstisch für Senioren könnte den Mindestumsatz sichern, um am Abend und am Wochenende mit Gourmetküche zu brillieren, die sogar Gäste von außerhalb anlockt – was übrigens bereits einem krustigen Bauernbrot mit Hausmacher Wurst gelänge. Auch die 50- bis 70-Jährigen essen immer seltener zu Hause, obwohl sie das, wenn nicht mehr im Arbeitsleben eingebunden, gar nicht müssten. Es kann eben Lebensqualität schaffen, sich von jemand anderem das Essen zubereiten zu lassen und es in Gesellschaft zu genießen. Ganz sicher ein Zukunftsmodell, wenn man bedenkt, dass in 15 Jahren ein Drittel der Deutschen älter 314|315


als 65 sein wird. – Jürgen Römer berichtet aus Nordhessen, dass sich die Bürger dort solange vehement gegen Windkraftanlagen zur Wehr setzten, bis ihnen gewinnbringende Anteile an einer Energie-Genossenschaft angeboten wurden. In Darmstadt ist der ökologische Landwirtschaftsbetrieb Hofgut Oberfeld eine Genossenschaft mit 120 Aktionären (Eigenkapital: 1,2 Millionen Euro, 20 Prozent der Anteile liegen bei einem Software-Unternehmen) Die einmal die Landschaft bestimmenden Streuobstwiesen mit wunderbaren Obstsorten wurden zuerst maschinengängig bereinigt, bevor allmählich auch die restlichen Bäume mangels Pflege eingingen. Heute noch sehe ich meinen Vater mit meinem Großvater, die immer neue Sorten zweigten und okulierten, wie sie sich gemeinsam am Geschmack einer neuen Sorte, an einem Gravensteiner oder Rheinischen Winterrambur delektierten. Wie wäre es also mit der Wiederaufforstung der zunehmend brachliegenden Bergrücken? Großvater hatte ein kiloschweres Obsthandbuch, von 1000 immerhin wenigstens noch existierenden Apfelsorten in Deutschland schaffen es höchstens zwanzig in die Supermärkte, nur solche, die sich für den Massenanbau eignen, besonders ertragreich und transportfreundlich sind. Bei den Birnen ist es noch dramatischer. Für den hiesigen Großvermarkter scheint es überhaupt nur Williams Christ zu geben. Vater lieferte seine jährliche Ernte nach Lorsch und Einhausen. Es bereitete ihm sichtlich großes Vergnügen, die vielen Sorten den Kunden schmackhaft zu machen. Einmal wieder angelegt, könnte man auf den Streuobst-Plantagen jährlich den Hambacher Apfelpreis für die besten deutschen Äpfel des Jahres verleihen, bundesweit Praxisseminare für moderne Baumpflege anbieten, ähnlich wie zu Weinproben zu den Hambacher Wildäpfeltagen einladen und sich so einen Namen für das Ur-


sprüngliche machen. Ich bin sicher, dass sich dann die üppigen Gelder für die Landesgartenschauen in echte Landentwicklung umleiten ließen. Wolfgang Schlapp berichtet in seiner Festrede (Seite 11), „dass rund um die 200-Meter-Höhenlinie in Hambach eine Vegetation vorgefunden wird, die wir erst wieder in den heißen Steppen Südosteuropas finden. Hambach ist also eine Vegetationsinsel, die ein Überbleibsel der letzten Steinzeit darstellt. Einzigartig!“ Er sieht es eher als ein Zeichen von Kargheit, ist es aber nicht etwas einzigartig Exotisches in diesem Tal, das es zu entdecken und zu kultivieren gälte, so dass es sich durchaus touristisch vermarkten ließe? Gerhard Beisinger berichtet in seiner Broschüre „Geschützte Landschaften im Kreis Bergstraße“ (1962) davon, dass hier einmal „jahrelang verschiedene Kulturpflanzen aus dem Süden, darunter Artischocken, mit Erfolg angebaut“ wurden. Und von „zahlreichen Wildpflanzen, von denen einige zu den in Deutschland geschützten Arten zählen.“ Infolge des Klimawandels müssen die Rheinebene und die Städte entlang des Neckars und Mains zukünftig mit deutlich höheren Temperaturen rechnen. Allein der Temperaturunterschied zwischen Innenstadt und Umland kann bis zu zehn Grad Celsius ausmachen, was vor allem ältere Menschen gesundheitlich belasten wird. Nach entsprechenden Infrastrukturmaßnahmen könnten sich Hambachs schattig feuchte Wälder und Frischluftschneisen als Erholungsoasen anbieten. Und ein kühler Stausee zwischen Unter- und Oberhambach dürfte auch nicht ganz abwegig sein. Städte saugen die peripheren Räume leer, weil sie noch die besseren Erwerbs- und Lebensmöglichkeiten bieten. Noch leben mehr als 70 Prozent der deutschen Bevölkerung außerhalb der größeren Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern. Je 316|317


mehr die Menschen jedoch in die Städte drängen, umso mehr Probleme bekommen diese. Das hohe Verkehrsaufkommen führt schon jetzt zu Stillstand in den Ballungsräumen. 2014 hat der durchschnittliche Autofahrer in Deutschland eine Arbeitswoche (39 Stunden) im Stau gestanden. Hohes Mietniveau in den Innenstädten verlängert die Anfahrtswege in die Randbezirke und Speckgürtel. In München liegt der Anteil der Pendler bereits bei 77,5 Prozent (über Dreiviertel!). 2010 lagen nach Auskunft der Bundesregierung die volkswirtschaftlichen Verluste durch zusätzlichen Zeit- und Spritverbrauch bei 250 Millionen Euro pro Tag. Irgendwann wird sich deshalb die Attraktivität der Städte ins Gegenteil verkehrt haben. Klimawandel und Stillstand sind nicht und werden nicht die einzigen Probleme der Stadt bleiben. Langfristig spricht deshalb vieles fürs Land, es müsste sich wieder auf seine Qualitäten besinnen und städtische Qualitäten auf dem Land verwirklichen. Das Land kann selbst Alternativen aufzeigen und sich damit wieder zurück ins Spiel der Entwicklung bringen. Es wäre Heimatpflege im besten Sinne.


Gerd Ohlhauser ist von 1948 bis 1959 in Hambach aufgewachsen und nach einigen Zwischenaufenthalten 1975 endgültig weggezogen. Er arbeitete und lehrte als Indus­ trie-Designer für internationale Unternehmen und Ausbildungsstätten. Von 2008 bis zum Verkauf 2015 publizierte der renommierte Oberflächenspezialist im eigenen Verlag SURFACE in Darmstadt Bücher zu den Themen Farbe und Oberfläche, allen voran THE INTERNATIONAL SURFACE YEARBOOK. Seinem Anspruch, in einer zusehends ökonomisierten und verwissenschaftlichten Welt für die sinnliche Wahrnehmung zu sensibilisieren, entspringt auch dieses ganz spezielle Flipbook-Format des hier vorliegenden ersten Bandes der Edition Hessen. Diese Art Fotobücher sind Erlebnisbücher. Sie dokumentieren nicht, sondern schaffen eigene, neue, verdichtete Erlebnisse; sie fokussieren auf Aspekte, deren Reiz bisher schlicht nicht gesehen wurde. Sie wollen Sympathie, ja Begeisterung für ihren Gegenstand wecken. Die Bilder sind ein Weg. Sie können die Wahrnehmung verrücken, neue Bilder erzeugen, der Sache ein neues Gesicht, in den meisten Fällen überhaupt erst ein Gesicht geben. In der Verdichtung können sich neue Wertigkeiten herausschälen.

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DANKSAGUNG Redaktion und Fotograf bedanken sich bei allen, die zur Realisierung und zum Gelingen des Buches beigetragen haben, die uns Zutritt auf ihr Anwesen, in ihre Hinterhöfe und Gebäude gewährt oder sich Wiebke Kronz für Interviews zur Verfüngung gestellt haben.

850 JAHRE HAMBACH - Spuren der Vergangenheit  

Über 800 Jahre gaben Mühlen und Bauernhöfe Hambach seine Identität, die es zuletzt in nur 50 Jahren verloren hat. Heute gibt es nur noch Spu...

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