Issuu on Google+

BRUNO MANSER TA G E B Ü C H E R A U S D E M R E G E N W A LD 19 8 4 – 19 9 0

B R U N O - M A N S E R - F O N D S ( H G. ) CHRISTOPH MERIAN VERLAG


I N H A LT

John Künzli

Einherzig. Statt eines Vorwortes ein Brief

3

Ruedi Suter

Zurück zur Einfachheit

6

Die Tagebücher. Editorische Notiz

19

Tagebuch 1

22

Tagebuch 2

48

Tagebuch 3

66

Tagebuch 4

86

Tagebuch 5

106

Tagebuch 6

124

Tagebuch 7

144

Tagebuch 8

224

Tagebuch 9

248

Tagebuch 10

310

Tagebuch 11

390

Tagebuch 12

444

Tagebuch 13

510

Tagebuch 14

558

Tagebuch 15

626

Tagebuch 16

640

Übersichtskarten

672 | 673

Dank/Impressum

674


EINHERZIG

John Künzli

Statt eines Vorwortes ein Brief

«Um was geht es im Leben?» Kraftstrotzend und todtraurig, himmelhoch jauchzend und hadernd – immer aber aktiv, lässt Bruno Manser uns in seinen Tagebüchern teilhaben an seinen Erfahrungen auf der Suche nach einer Antwort, nach der Antwort. Seine Texte sind nicht als Chronik geschrieben, um penibel festzuhalten, was der Tag gerade gebracht hat, sondern als Reflexion über das Leben im Regenwald von Sarawak, dessen Bedeutung er immer wieder neu auslotet. In diesem Sinne sind die Tagebücher eigentlich Briefe an uns alle. Deshalb, lieber Bruno, schreibe ich dir diesen Brief. Deine Tagebücher sind wie eine Quelle. Dem Fels entspringend, rein und klar, sich zum Bach verbreiternd, Tümpel und Wasserfälle bildend, manchmal ruhig und lieblich, manchmal tosend und tödlich, schliesslich zum Strom anschwellend, mäandriert dein Text durch Tiefen und reissend-gefährliche Untiefen seiner Bestimmung zu – der Einheit mit dem Ganzen. Die Tagebücher, die hier erstmals in vollem Umfang veröffentlicht werden, öffnen uns den Weg zu deinen Erlebnissen während der sechs Jahre im Regenwald von Sarawak. Sie bringen uns deine Motive und Ängste näher und prägen unsere Erinnerung an einen ausserordentlichen Menschen. Minutiös teilst du uns die Überlebensstrategien der Jäger und Sammler mit, die du bei den Penan gelernt hast, zeigst uns, wie man einen Rucksack und ein Messer herstellt, wie man jagt und Fleisch konserviert, wie man die Essbarkeit von Wildfrüchten und -gemüse feststellt, wie man die Apotheke der Natur nutzt. Du sagst uns, wie man an Honig herankommt, und vor allem, wie man ohne Geld überleben kann – mit und von der Natur. Immer von der Realität ausgehend, beeindrucken deine philosophischen Betrachtungen zum menschlichen Dasein, zu Politik und Wirtschaft, Flora und Fauna durch ihre Präzision und Tiefe. Dein Vorgehen erinnert mich oft an das der Naturforscher des 18. und 19. Jahrhunderts, welche die tropischen Regenwälder, diesen artenreichsten und doch so unbekannten Lebensraum, zum ersten Mal wissenschaftlich untersucht hatten. Heute, wo wir deine Tagebücher veröffentlichen, wären solche Untersuchungen wesentlich problematischer: Die Urwälder sind massiv dezimiert und akut bedroht – durch den unstillbaren Hunger der technischen Zivilisation nach billigen Rohstoffen. Gerade dass diese Tagebücher im ausgehenden 20. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, und jetzt, im 21. Jahrhundert, veröffentlicht werden, macht Mut: Wer die Notwendigkeit einer Balance zwischen Natur und Kultur begriffen hat und nicht handelt, hat nichts begriffen. Ich habe eingangs den Begriff ‹Chronik› gebraucht. Was mir bei deinen Tagebüchern immer wieder auffällt und uns klar wurde, als wir diese Publikation vorbereiteten, ist deine Arbeitsweise. Es ist so, als ob du dich kreisend

3


voran arbeitest und dabei den Blick immer wieder über die zurückliegenden Erfahrungen schweifen lässt, um sie in neuem Licht zu betrachten. Zunächst sind da nur Zeichnungen, hingeworfene Bleistiftskizzen, ergänzt mit knappen, bisweilen unleserlichen Bildlegenden. Dann kommt die Feinarbeit mit Tusche und Aquarellfarben, werden die Legenden ausgearbeitet. Genaue Daten zu Beschaffenheit, Grösse und Nutzung von Pflanzen werden hinzugefügt, Tierzeichnungen durch Angaben von Farbe, Grösse und Lebensraum kommentiert. Oft sehr viel später erst wird der Haupttext geschrieben, der uns durch sechs Jahre Leben in Sarawak führt. Dass dieser Text nicht am Tagesende entsteht, sondern nach überlegter Bereinigung, macht seine Qualität aus: Wir haben keine Faktensammlung vor uns, sondern eine Betrachtung. Dieser Arbeitsprozess, am besten erkennbar am nicht fertig gestellten Tagebuch 16, erklärt auch, weshalb manche Illustrationen nicht mit dem Haupttext korrespondieren. Die Qualität der Bilder und der Schrift hängt ab vom verfügbaren Werkzeug: Blei- und Filzstifte, Tusche, Aquarellfarben, Papier – und von der Zeit. Vertrauensleute bringen die fertigen Bücher (oder Einzelteile davon) in die Schweiz, wo sie von Verwandten aufbewahrt werden und im Freundeskreis zirkulieren. Wer deine Tagebücher zum ersten Mal liest, wird feststellen, dass manche Geschichten einander ähneln. Wie könnte es anders sein? Wenn die Aufzeichnungen nicht verfügbar sind, weil sie längst in Europa sind, wie soll man da noch genau wissen, was man im Verlauf von sechs Jahren festgehalten hat und was nicht? Dass die malaysischen Behörden anlässlich zweier Verhaftungen im Jahr 1986 Tagebuchteile konfisziert und bis heute nicht zurückgegeben haben, hat den Überblick auch nicht vereinfacht. Nach deiner Rückkehr hast du die meisten Tagebücher für Ausstellungen und Buchprojekte oder zwecks wissenschaftlicher Bestimmung von Pflanzen und Tieren in ihre Einzelseiten aufgelöst. Einige wenige Originalseiten sind verloren gegangen, wir haben sie im Buch mit [fehlt] gekennzeichnet; andere sind bis heute verschollen, doch haben wir Fotokopien davon [Original fehlt, Text von Fotokopie erfasst];

schliesslich gibt es Seiten, die du leer gelassen hast [vakat]. Die

Wiederherstellung der Tagebücher war nicht einfach. Die Bücher 1–7 und Buch 16 sind, obwohl sie jeweils mit Seite 1 beginnen, nicht immer paginiert, die Texte selten datiert. Die Tagebücher 8–15 sind zwar durchpaginiert, doch haben wir uns gefragt, ob du das Tagebuch 15 mit den Stimmen der Penan nicht vielleicht erst in der Schweiz niedergeschrieben hast, ausgehend von Tonband- und Videoaufzeichnungen aus Borneo. Wir haben uns dafür entschieden, es an seinem jetzigen Platz zu belassen, weil die Ereignisse denen in Tagebuch 16 vorangehen. Im Laufe der der Transkription sind uns ein paar Inkohärenzen aufgefallen, was niemanden verwundern wird: Ein Tagebuch ist keine wissenschaftliche Abhandlung, die in der Studierstube entsteht und bei der man bis zuletzt die Unterlagen parat hat, um sie gegeneinander abzugleichen, ein solches Tagebuch entsteht ‹on the road› (oder eben ‹in the rainforest›). Dieser Regenwald Borneos, mit seinen etwa 160 Millionen Jahren wohl der älteste der Erde, erstreckt sich über drei Nationen: Sultanat Brunei Darussalam, Malaysia (Sarawak und Sabah) und Indonesien (Kalimantan). Fast alle Ureinwohner lassen sich unter dem Namen ‹Dayak› zusammenfassen, aufgeteilt wiederum auf vierhundert Volksgruppen, von denen die meisten Reisanbau im Wanderfeldbau betreiben. Eines der

4 | VORWORT


letzten Jäger- und Sammlervölker – nicht nur Borneos, sondern der Erde – sind die Penan. Du bezeichnest sie als ‹Punan›, bis du realisierst, dass die Punan eine Volksgruppe sind, die schon länger sesshaft ist, und das Missverständnis auf Seite 9/164 korrigierst. Weitere Dayak-Völker sind die Keniak (wissenschaftlich korrekt: Kenyah), Kellabit (Kelabit), Kaian (Kayan), Orang Aslii (Orang Asli) und Belawan (Berawan). Auch bei Flora und Fauna weichen einige Namen von der korrekten Bezeichnung ab: So heisst der Panther/Leopard eigentlich Nebelparder, das Wildschwein Bartschwein, der Kragenbär Malaienbär, der Langschwanz-Makakke (Kuiat) Javaneraffe und das Reh (Tella-o) Muntjak. Wie präzise du, der du weder Botaniker noch Zoologe bist, die Dinge dennoch gesehen, geschildert und illustriert hast, haben Expertinnen und Experten wiederholt bestätigt: Sie konnten fast alle Tiere und Pflanzen aus deinen Tagebüchern eindeutig bestimmen. Im Laufe der 90er-Jahre hast du die lateinischen Namen der Pflanzen hinzugefügt, was erklärt, weshalb Tuschfarbe und Schriftgrösse vom ursprünglichen Eintrag abweichen. Dass du zur Tierhaltung und zur Jagd, zu Pflanzenbau, Forst- und Holzwirtschaft, zu Alpinismus und Höhlenforschung, Handwerk und Naturmedizin die meisten Fachbegriffe korrekt benennst, nötigt Respekt ab. Eigentlich wollte ich noch auf die Firmen zu sprechen kommen, die den Penan das Leben unerträglich machen, indem sie rücksichtslos den Regenwald roden: WTK Group, Samling, Limbang-Trading LTL, Tsa-Tsing, Ravenscourt und wie sie alle heissen, ganz zu schweigen von den Hauptverantwortlichen in Politik und Regierung. Doch mit diesem traurigen Kapitel, dessen Opfer du womöglich geworden bist, soll dieser Brief nicht schliessen. Vielmehr möchte ich dir danken für dein stoisches Vertrauen in das Leben und für ein umfangreiches Werk, das deinen Wissensdrang, deine Achtung und deinen Respekt vor der Schöpfung und deine Liebe zu ihr zum Ausdruck bringt. Ich bin sicher, dass die Leserinnen und Leser ähnlich empfinden werden. Vielleicht lässt sich der eine oder die andere anstecken von deiner Verbundenheit mit den Penan, dem Regenwald und Mutter Erde und findet zu jener universellen Solidarität, die von den Penan «einherzig» genannt wird!

Herzlich, dein John

5


Z U R Ü C K Z U R E I N FA C H H E I T

Ruedi Suter

Wer ist Bruno Manser? Ein Abenteurer? Ein Zivilisationsflüchtling? Ein Fantast? Vielleicht gar einer, der nicht richtig tickt? Ein Geltungssüchtiger, der die Medien instrumentalisiert und alles daransetzt, mit spektakulären Aktionen für ein exotisches Waldvolk berühmt zu werden? Und dann sein letzter Coup vom Mai 2000, das rätselhafte Abtauchen im Urwald Sarawaks, wo er sechs Jahre das Dschungelleben genossen hat? «Regenwaldschützer Bruno Manser verschollen!» – die Schlagzeile raste im November 2000 um die Welt. Seitdem gibt es keine Neuigkeiten mehr über den zumeist als Umweltaktivist und Menschenrechtler betitelten Mann. Er bleibt spurlos verschwunden. Ein letzter, makaberer Trick auf Kosten seiner Familie, seiner Freunde, des von ihm gegründeten Bruno-Manser-Fonds, der bedrängten Penan, um dann, eines Tages, wie ein Phönix aus der Asche wieder aufzutauchen? Ist er tödlich verunglückt? Hält man ihn in ihrendeinem Loch fest? Wurde er ermordet, hat er sich das Leben genommen? Wir wissen es nicht, bis heute nicht, trotz mehreren Suchexpeditionen. Kurz vor Erscheinen des gedruckten Buches 2004 hatte das Basler Zivilgericht ein Verfahren für die Verschollenenerklärung eröffnet: Würden bis Ende 2004 kein Lebenszeichen oder keine Beweise für seinen Tod vorliegen, müsste Bruno Manser als verschollen gelten. Im Jahr darauf erklärte das Gericht ihn ab dem 25. Mai 2002 für verschollen. Bis dahin lebte er offiziell unter uns Lebenden – doch auch danach ist er weiter lebendig, denn Verschollene sind nie wirklich tot. Sie leben weiter, in unseren Erinnerungen und durch ihre Werke. Von letzteren hat Bruno Manser, geboren im Basler Frauenspital am Nachmittag des 25. August 1954 – einem, wie die Mutter sich erinnert, sonnigen Tag – eine unglaubliche Fülle hinterlassen. Sie erlauben tiefe Einblicke in sein Wesen. Wer ist Bruno Manser? Hier der Versuch einer Annäherung. In Basel aufgewachsen, ist Bruno Manser ein Abenteurer und ein Zivilisationsflüchtling, soviel steht fest. Aber er ist kein Fantast, auch kein Besessener oder einer, der sein Geltungsbedürfnis stillen will. Er liebt das Leben, unbändig. Wo es nur geht, kostet er es aus, erforscht es, fordert es heraus. Doch nicht um den Preis der Ignoranz, der Zerstörung, der Ausbeutung. In seinem Fall bedeutet das: nicht um den Preis der Industriegesellschaft, in der er aufgewachsen ist. Sie profitiert von Rohstoffen aus anderen Weltregionen, die sie schlecht oder gar nicht bezahlt. Sie lebt auf Pump, existiert durch Raubbau an der Natur. Gleichzeitig lebt sie von uns Konsumenten, die ihrem Dasein mit der Befriedigung künstlicher Bedürfnisse einen Sinn verleihen möchten, im Namen des Wirtschaftswachstums, des Fortschritts und auf Kosten rechtloser Völker. Zwar nutzt auch Manser immer wieder die Annehmlichkeiten der Zivilisation und gibt dies auch offen zu. Doch er ist sich stets der damit verbundenen Zerstörung der Lebensgrundlagen bewusst. Die Achtung vor dem Wunder der

6 | EINLEITUNG


Schöpfung treibt ihn früh dazu, Selbstverantwortung kompromisslos wahrzunehmen. Der Überflussgesellschaft stellt er seine eigene Askese entgegen, sein Leben ist ein radikaler Weg zurück zur Einfachheit. Deshalb verweigert er sich dem modernen Lebensstil, wo immer es ihm möglich ist, mit Intelligenz, Kreativität und Humor, mit unstillbarem Wissensdurst, enormer Willensstärke, Sturheit und einem ausgeprägten Freiheitswillen. Ins Auge springt, dass Bruno Manser schon als Kind ahnte, was er aus seinem Leben machen wollte. Wer ihm begegnete, empfand ihn als äusserst interessiert, hilfsbereit und liebenswürdig – Eigenschaften, die ihn sein Leben lang begleiten sollten. Ausgeprägt war auch sein Drang, in der Natur zu sein und Tiere, Pflanzen, Wetter und Jahreszeiten zu erforschen. Der kleine Bruno verbrachte ganze Tage in den Basler Wäldern, um Vögel zu beobachten, oder er kletterte auf Bäume, kroch in Höhlen und zeigte schon damals die Angewohnheit, nur mit dem Notwendigsten auszukommen und im Freien zu übernachten. Auf der Terrasse der Stadtwohnung, so erinnert sich seine Mutter Ida, baute er sich aus Baumstrünken, Stecken und Laub eine Schlafstelle, um ganze Winternächte dort zu verbringen. Gross war sein Interesse an allem, was ein autark lebender Mensch beherrschen muss: er lernte kochen, backen, nähen, stricken. Mit den drei älteren und zwei jüngern Geschwistern verstand er sich ebenso gut wie mit seiner Mutter, einer Bauerntochter, und seinem Vater, einem Gärtner, und rührend kümmerte er sich um die zehn Jahre jüngere Schwester Monika. Die Schule empfindet Bruno Manser, wie viele Jugendliche wohl, als Zwang. Immerhin motiviert sie ihn, einige Talente zu entdecken – Malen und Schreiben. Unter dem Titel ‹So ein Mann möchte ich werden!› schreibt der zwölfjährige Gymnasiast: «Wenn ich gross bin, möchte ich einen guten Beruf haben, der mit der Natur zu tun hat. Zum Beispiel Naturforscher. Mein Beruf sollte ein wenig abenteuerlich sein! Könnte ich nur einmal nach Sumatra, Borneo und Afrika und dort im tiefen, undurchdringlichen Dschungel zwischen Gorillas, Orang Utans und anderen Tieren wie ein Höhlenbewohner hausen! … Ich möchte ein guter Tierkenner sein. Ich interessiere mich eigentlich für alles, was natürlich ist. Für Amphibien, Käfer, Vögel, Säugetiere, Fische, Pilze, Pflanzen, Gesteine und was es sonst so gibt.» Weiterhin wünscht er sich «eine gute Frau und etwa zwei oder drei Kinder», ihr möchte er «ein Gentleman und Kavalier» sein. «An Mut sollte es mir nicht fehlen. Ich möchte ein harter, kluger und alter Mann werden.» Zudem möchte er nicht zu einem Coiffeur müssen und als Hobby «Archäologie treiben und in einer alten Höhle oder einem grossen hohlen Baum wohnen». Der Aufsatz endet bemerkenswert: «Zwar bin ich schon ein kleiner Mann, aber ich möchte noch etwas grösser werden. Als Mann möchte ich alle Fabriken, die nicht lebensnotwendig sind, dem Erdboden gleichmachen.» An ihre Stelle wünscht er sich «einen grossen Wald mit klarem Wasser und vielen Tieren». Sein Interesse, so rasch wie möglich die Schule mit der Matur abzuschliessen, «um dann meine Unabhängigkeit zu geniessen», wird auch in späteren Aufsätzen deutlich. Er fühlt sich vom Tao angezogen und erklärt sich als Gegner des Kapitalismus: «Den Militärdienst werde ich verweigern» – was er später auch tut. «Sobald ich unabhängig (frei) bin, werde ich mich vom System befreien und mich hoffentlich nicht wieder integrieren lassen. … Das sind so die Gedanken eines kleinen Revolutionärs und Spinners, den wenige verstehen, und der er selbst sein möchte.»

7


Manser besteht die Matur. Er weiss, dass er nicht studieren wird – und zerreisst das Zeugnis. Stattdessen will er «Handfestes» lernen und rettet sich aus der Rheinstadt in die Bündner Alpen, wird Schafhirte und Meistersenn. Elf Jahre verbringt er, oft gemeinsam mit seinem Bruder Erich, im Gebirge. «Ich wollte mir das Wissen über alles aneignen, was wir im täglichen Leben brauchen – von Nahrungsmitteln über Gemüseanbau und Viehzucht bis hin zu Kleidungsstücken. Zwischen 1973 und 1984 bildete ich mich in Kursen im praktischen Handwerk aus: Maurer, Schreiner, Schweisser, Bienenzüchter, lernte weben, töpfern, selbst ein Fell zu gerben und ein Messer zu schmieden.» Auch von Drechslern, Sattlern und Kuhglockengiessern lässt er sich das Wichtigste beibringen, immatrikuliert sich an der Universität Basel als Medizinstudent und absolviert im Bruderholzspital ein mehrmonatiges Praktikum. «Später lernte ich auch ... mit blossen Händen eine Forelle zu fangen. In jener Zeit entstand in mir der Wunsch, ein Volk kennen zu lernen, das autark und ohne Geld in seiner frei gewachsenen Kultur lebt. Auf der Suche nach meinen eigenen, verschütteten Wurzeln reiste ich nach Borneo. 1984 zog ich los, mit Rucksack, Kompass, Hängematte, Regenplane, Buschmesser, Haarschampoo und Birchermüesli. Mein Kindertraum von der Begegnung mit Riesenschlangen wird wahr. Ebenso finde ich das scheue Volk, von dem die einen sagen, diese Menschen seien schmutzig wie die Schweine, und andere, sie hätten eine schöne Haut wie Seide – und lerne, ihr einfaches, hartes Leben in der Wildnis und sie selbst zu lieben. Ich wollte mindestens drei Jahre bleiben, am Schluss wurden es sechs.» Unter den etwa 12000 verbliebenen Penan sucht er jene 300 Familien auf, die noch als Vollnomaden durch die Regenwälder ziehen. Sie müssen den Weissen zunächst als Eindringling empfunden haben, doch er erwirbt sich dank seiner Lernfähigkeit und einfühlsamen Art bald hohes Ansehen. Er fühlt sich wohl bei ihnen – und herausgefordert, denn hier findet er alle Voraussetzungen, seine Begabungen unter Beweis zu stellen. Rücksichtslos sich selbst gegenüber, will Manser sich so schnell wie möglich an die zunächst schmerzhaft einfache Lebensweise der Penan und an die Widrigkeiten der Tropen anpassen. Für ihn heisst das: ungewohnte, einfache Nahrung, manchmal Hunger, Barfussgehen, Nacktsein, ständige Feuchtigkeit, Insekten, Blutegel, Schlangen, aber auch Hautgeschwüre, Malaria und andere Krankheiten. Dass er die Sumpffieberattacken und den Biss einer Giftschlange überlebt, hat der athletische Zivilisationsflüchtling nur seiner Zähigkeit, seiner guten Konstitution und seinem eisernen Willen zu verdanken. Fünf Jahre braucht er, um als Jäger und Sammler im Regenwald überleben zu können. Schliesslich bewegt sich der Brillenträger wie die Penan durch den Dschungel, bahnt sich geschickt und lautlos mit dem Buschmesser seinen Weg, ruht in der typischen Hockstellung der Nomaden aus, bezwingt barfuss rutschige Steilhänge, überquert auf gestürzten Baumriesen Bäche, durchschwimmt von Regengüssen angeschwollene Flüsse, baut sich sein über dem Boden hängendes Nachtlager. So wird er für die Penan zu einem der ihren, zum ‹Laki Penan›, zum ‹Penan-Mann›. Auch er kennt nun das Wild, dessen Spuren, Kot und Laute, fischt mit dem Wurfnetz, jagt mit Blasrohr und Giftpfeil, mit Speer und Flinte. Er erlegt Bären, Affen, Wildschweine, Hirsche und Vögel, sammelt Waldfrüchte und weiss aus wilden Palmherzen die Hauptnahrung der Penan herzustellen: das Sagomehl.

8 | EINLEITUNG


Zeit, die nicht dem täglichen Überlebenskampf geopfert werden muss, verbringt er damit, die Sprache zu erlernen und das Spiel der Nasenflöte, oder er klettert auf einen Baumwipfel, um wieder einmal einen weiten Horizont erleben, die Sterne sehen zu können. Vor allem aber notiert er seine Beobachtungen und fertigt unzählige Aufzeichnungen und Skizzen von Menschen, Tieren und Pflanzen an. Vielleicht ahnt er dabei schon die Vernichtung dieses ältesten Urwaldes der Erde mit seinen klaren Gewässern, seinem Wild- und Pflanzenreichtum, der bereits über weite Strecken aufgerissen und von internationalen Holzkonzernen verwüstet ist – mit dem Segen einer Regierung, welche die Landrechte und wachsende Not der Ureinwohner ignoriert, die auf die Früchte des Waldes angewiesen sind. Das Paradies, von dem Bruno Manser in der Schule geträumt hat, ist nicht ein Paradies der Sorglosigkeit, sondern der natürlichen Gegensätze wie Leben und Tod, Freude und Trauer, Gesundheit und Krankheit. Ein Paradies, in dem der Mensch sich fortwährend behaupten und gleichzeitig bescheiden muss, um seine eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten. Für die Politiker in Sarawaks Provinzhauptstadt Kuching und in der malaysischen Landeshauptstadt Kuala Lumpur ist der Regenwald hingegen ein El Dorado: Das hochwertige Hartholz der tausendjährigen Baumriesen wird gewinnbringend verkauft, um in den Industrieländern völlig andere Paradiesvorstellungen zu befriedigen, weil die Konsumenten dort dauerhafte Dachbalken, Möbel, Luxusyachten, Fensterrahmen und Besenstile verlangen. Als er das erste Mal das Dröhnen der Bulldozer und das Kreischen der Kettensägen hört, beginnt für Bruno Manser die Vertreibung aus diesem Paradies. Die bedrängten Sippenmitglieder bitten ihn um Hilfe, er gerät in einen Konflikt: Soll er sich zurückhalten, um seinen Aufenthalt in Sarawak auf keinen Fall zu gefährden? «Doch darf ich einem Volk in der Bedrängnis einfach zusehen und seine Kultur dokumentieren, die ohne handfeste Hilfe dem Untergang geweiht ist? Ich entschied mich, die Stimme der Penan bis zu den Verantwortlichen weiterzuleiten. Als ich deren Einladung, per Helikopter aus dem Dschungel ‹gerettet› zu werden, ablehnte, wurden Polizei und Militär auf meine Fersen gesetzt.» Nun ist er Freiwild: Man jagt ihn, schiesst auf ihn, erklärt ihn zum Staatsfeind. Manser entkommt mehrere Male den Suchkommandos, organisiert mit den Eingeborenen Blockaden gegen die Bulldozer. Unvorbereitet ist er zum Strategen eines gewaltlosen Widerstandes der Penan gegen jene Zivilisation geworden, der er einst den Rücken gekehrt hat, gegen die Holzkonzerne und die Staatsmacht, die mit Konzessionen, Polizisten und Soldaten die Zerstörung des Lebensraumes der Waldvölker betreiben. Nun kommen auch Filmteams, die den Sonderling als Urwaldschützer und mutigen Menschenrechtler ins Rampenlicht stellen – ausgerechnet ihn, der alles getan hat, um fern von jeglichem Rummel ein einfaches Leben zu führen. Aufgewühlt vom drohenden Untergang der Penan, erkennt Bruno Manser rasch den Nutzen der Medien: Indem er sich selbst öffentlich macht, kann er auch auf die Nöte des Urwaldvolkes aufmerksam machen. Für die Weltpresse ist dieser ‹Weisse Wilde› interessanter als ein paar exotische Waldnomaden irgendwo in der Dschungelhölle von Borneo. Der ‹Schweizer Penan› wird zum medienwirksamen Sprecher der Penan und später aller Urwaldvölker. Sein Auftreten ist bescheiden, ohne erhobenen Finger, die Stimme ruhig, die Sprache ehrlich. Immer wieder unterstreicht er die Verantwortung der Industrie- und Konsumgesell-

9


schaften, die mit ihrer ungebremsten Nachfrage nach Rohstoffen die Existenzgrundlagen der Penan und anderer indigener Völker zerstören. Und plötzlich hört die Welt zu, wenn ein verzweifeltes Völkchen Strassen, die von Holzkonzernen in den Urwald hineingetrieben werden, blockiert. Manser, der Architekt des Widerstandes, wird zum Symbol der Rebellion gegen das Abholzen der Urwälder Sarawaks. Je bekannter er wird, desto gefährlicher wird er für die malaysische Regierung. Ein Angebot Kuala Lumpurs, das Land unbehelligt zu verlassen, lehnt er ab, worauf die Regierung eine hohe Kopfprämie auf ihn aussetzt. Der Mann sei illegal im Land und wolle lediglich den unterentwickelten Penan Bildung und Fortschritt vorenthalten. 1992 wird ihm Malaysias Premierminister Mohamad Mahatir gar in einem Brief «Schweizer Imperialismus» und «europäische Überheblichkeit» vorwerfen. Bruno Manser ist persona non grata, er beschliesst, die Sippe seines Freundes Häuptling Along Segá zu verlassen, um ausserhalb Sarawaks Hilfe zu mobilisieren. «Aufgerüttelt durch die Tatsache, dass der Lebensraum der Penan in Form von Billigholz dem internationalen Markt geopfert wird, kehrte ich 1990 in die Schweiz zurück, um ihre Stimme – ‹Baut Eure Häuser nicht aus unserem Wald› – in unserer Zivilisation erklingen zu lassen. Das Schicksal der Penan ist ja nur ein Beispiel für viele andere unbekannte Völker, die weltweit durch unser Wirtschaftssystem bedroht sind. Sie sind ein Beispiel dafür, dass wir endlich mit dem Unfug aufhören müssen, die letzten Urwälder dieser Erde für unsere Wegwerfkultur flachzulegen. Denn die globalen Auswirkungen dieser Umweltzerstörung werden mit klimatischen Veränderungen auch uns und unsere Nachkommen treffen.» Der Rückkehrer wird von den Eltern, Geschwistern und Freunden wie ein verlorener Sohn empfangen. Manser denkt an die Nöte seiner ‹zweiten Familie› im Urwald Borneos. Er trifft sich mit dem Menschenrechtler Roger Graf, dem er erstmals bei den Penan begegnet ist. Sie beschliessen, gemeinsam eine internationale Lobby aufzubauen, und Roger Grafs Organisation ‹Pro Penan› wird zum ‹Bruno-Manser-Fonds› (BMF). Der Verein für die Völker des Regenwaldes startet bescheiden, finanziert sich durch Spenden. Bruno Manser zeichnet für die Aktionen und die Finanzen verantwortlich, Roger Graf kümmert sich um das Sekretariat und die Hintergrundarbeit. Dank seiner systematischen Arbeit entwickelt sich der BMF zu einem solide vernetzten Dokumentationszentrum. Wichtigstes Ziel ist der Verzicht von Konsumentinnen und Konsumenten auf Tropenholz – in der Schweiz und in allen übrigen Industrieländern. Man strebt ein rasches Moratorium an sowie den Bann aller Tropenholzimporte aus den Primärwaldgebieten, insbesondere aus Sarawak. Dort unterstützt der BMF, der in der Schweiz auf viele Freiwillige zählen kann, mit Rat und Geld die Waldschutzbestrebungen der Penan und Dayak sowie die Schwesterorganisation ‹Sarawak Indigeneous Peoples Alliance› (SIPA). Auf Vorträgen, in Diskussionsrunden, bei Presseanlässen, mit Gesprächen und dem Buch ‹Stimmen aus dem Regenwald› (Bern 1992) betreibt er Bewusstseinsbildung in Parlamenten, Medien, Unternehmen und Schulen und vernetzt seine Aktivitäten mit Organisationen wie der ‹Gesellschaft für bedrohte Völker› (GfbV), dem Internationalen Komitee für die Indianer Amerikas ‹Incomindios›, ‹Rettet den Regenwald›, ‹Greenpeace› und ‹World Wild Fund for Nature› (WWF).

10 | E I N L E I T U N G


Von den grossen Umweltorganisationen unterscheidet sich der BMF in einem zentralen Punkt: Klar und unmissverständlich benennt er die grundlegende Symbiose zwischen den Jäger- und Sammlervölkern und ihrem Lebensraum: «Stirbt der Wald, sterben auch die Menschen» – diese Botschaft weiss Manser durch seinen Erfahrungsschatz glaubhaft zu übermitteln. Sanft in der Art, doch unbeugsam in der Sache schildert er vor internationalen Gremien wie der EU oder der Internationalen Tropenholz-Organisation ITTO die verzweifelte Situation der Penan, aber auch gegenüber dem späteren US-Vizepräsidenten Al Gore, und schlägt dabei immer wieder den Bogen zu den übrigen bedrohten Jäger- und Sammlervölkern der Welt. Die Kernpunkte seiner Kritik sind: –

Die Rücksichtslosigkeit der technischen Zivilisation und ihrer Globalisierung treibt zuerst die anspruchslosesten aller Kulturen in den Untergang: die nomadisierenden Ur- oder Naturvölker. Über Jahrtausende hinweg haben sie gelernt, der Natur nur das Lebensnotwendige abzuringen, doch heute dringen Regierungen, Holz- und Minenkonzerne, Missionen, Farmen, Entwicklungs-, Jagd- und Tourismusorganisationen in ihre Gebiete vor und zerstören ihre natürlichen Lebensgrundlagen.

Zur Ausrottung führt in erster Linie die zivilisatorische Gier nach Land und Rohstoffen. Es gibt kein Altvolk, dessen Wirtschaftssystem nicht bedroht, geschädigt oder sogar zerstört wäre. Auf der Suche nach Holz, Uran, Kohle, Edelsteinen, Erdöl und Genen, Bauxit, Kupfer und Gold, nach neuem Land, Wasservorkommen, Fischgründen, Naturschutzgebieten und Touristenzonen gefährden, beschlagnahmen und zerstören Weltkonzerne und Regierungen alles, was für die Urvölker überlebenswichtig und heilig ist.

Nutzniesser sind letzten Endes die Konsumierenden der Industriegesellschaften, also du und ich.

Der brutalen Gewalt der Gewehre, Bulldozer und Motorsägen, der schleichenden Vernichtung durch Alkohol, Entwurzelung und Zivilisationskrankheiten sind die Naturvölker in der Regel ebenso hilflos ausgeliefert wie den Massakern durch diktatorische Regimes. Deshalb, fordert Manser übereinstimmend mit den Indigenen, die vor der UNO in Genf ihre Rechte einfordern, müsse den Urvölkern rasch das hartnäckig verweigerte Recht auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Selbstbestimmung zugestanden werden.

In der Schweiz wohnt er in einer kleinen Wohnung, fährt ein altes Velo, schläft wenig, arbeitet rund um die Uhr. Selten gönnt er sich einen Rückzug, und immer wieder reist er. In Kanada wagt er sich mit dem Kajak aufs Meer hinaus, kommt in einen Sturm und ertrinkt fast. Er nimmt an mehreren Höhlenforschungsexpeditionen teil, so in Mexiko, wo er in den Kugelhagel von Banditen gerät. Mehrere Monate lebt er im Kongo (Kinshasa) im Ituri-Urwald bei einer Pygmäen-Sippe. Dann kämpft er sich immer wieder in Gewaltmärschen von Kalimantan oder Brunei aus zu den Penan durch. Erschüttert von der rasch fortschreitenden Zerstörung seiner zweiten Heimat, kommt er mit neuen Informationen zurück. Manser wird radikaler, er spürt, dass den Penan die Zeit davonläuft. Er und Roger Graf intervenieren bei Holzfirmen und Möbelhäusern, führen Aktionen durch, verstärken die Kontakte zu Behörden und Politikern. Doch alles geht zu schleppend, Manser hat er den Eindruck, dass die meisten Politiker sie hinhalten oder zumindest den Ernst der Lage verkennen.

11


Als wieder einmal 800 Kinder, Frauen und Männer der Penan erfolglos eine Holzfällerstrasse blockieren, sieht er sich zum Äussersten gezwungen: Er will mit einer unbefristeten Fastenaktion in der Nähe des Berner Bundeshauses Druck machen. Bruno Manser fordert, dass die Schweiz sämtliche Tropenholzimporte aus Malaysia umgehend verbietet und eine detaillierte Deklarationspflicht für Holz und Holzprodukte erlässt. Gemeinsam mit Martin Vosseler, einem Basler Arzt, und anderen Freunden beginnt das vom BMF und ‹Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung› (Physicians for Social Responsibility PSR) organisierte Fasten am 1. März 1993. «Angesichts der Dringlichkeit der Situation beginnen wir heute ein unbefristetes Wasserfasten und werden dieses einhalten, bis Sie als verantwortliche Behörde die erwähnten notwendigen Schritte einleiten.» Durch die Medien wird die Fastenaktion verbreitet. Die frisch gewählte sozialdemokratische Bundesrätin Ruth Dreifuss setzt sich solidarisch zu dem Fastenden, um mit ihm ein paar Runden an einem der sieben Pullover zu stricken, die später die Bundesräte für die Sache der bedrohten Waldvölker erwärmen sollen. Ein Monat vergeht, doch die Regierung lässt sich nicht erweichen. In der Zielsetzung, erklärt sie, sei man mit den Anliegen einverstanden, nicht aber mit den geforderten Massnahmen. Doch setze man sich für die nachhaltige Tropenholzproduktion ein, für die Einführung eines Labels und für die Verteidigung der Menschenrechte. Hierauf schreiben Manser und Vosseler dem zuständigen Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz: «Leider müssen wir feststellen, dass Sie bis heute keine wirksamen und konkreten Schritte unternommen haben. Die Schweiz ist durch den Holzimport aus Penan-Wäldern immer noch an den kriminellen Menschenrechtsverletzungen beteiligt und somit auch mitverantwortlich. Wir fasten so lange, bis Sie als verantwortliche Behörde diese Mittäterschaft aufgeben und damit den allein gelassenen Penan ein Hoffnungszeichen setzen.» Nach 42 Tagen spitzt sich die Lage zu. Bruno Manser ist zum Äussersten bereit, Martin Vosseler gibt auf, denn jetzt wird es gefährlich: Bleibende Gesundheitsschäden sind nicht mehr auszuschliessen. Manser macht stur weiter, gibt Interviews, spricht mit den Menschen, die ihm Erfolg wünschen oder ihn eindringlich bitten, doch wieder zu essen. Die Schweizer Öffentlichkeit reagiert mit Anteilnahme, Verständnis und Bewunderung, aber auch mit Ablehnung, Kopfschütteln und Kritik – sein Handeln sei reine Erpressung. «Erpressung? Ich habe in der Schweiz drei Jahre lang vergebens gekämpft! Alle stimmen mir zu, aber gehandelt wird nicht. ... Die Satten wollen die Hungrigen nicht verstehen. Im Falle von Sarawak beteiligt sich die Schweiz seit Jahren wissentlich über Tropenholzimporte an Menschenrechtsverletzungen an der dortigen Urbevölkerung. ... Wir müssen alles tun, um die Abholzung der Urwälder und die Vernichtung der Waldvölker zu verhindern. Ich meine nicht, alte Kulturen müssten alt bleiben. Veränderungen sind nun mal eine Tatsache. Klar ist für mich nur, dass die Naturvölker uns das beste Beispiel geben, wie man auf dieser Erde leben kann, ohne sie zu zerstören.» Die Schweiz ist aufgerüttelt. Der Basler Regierungsrat verbietet die Verwendung von Tropenholz bei öffentlichen Bauten und bittet die Regierungen der übrigen Kantone sowie alle privaten Bauherrschaften, sich dem Beispiel anzuschliessen. Das Berner Parlament und die Bundesregierung jedoch fühlen sich

12 | E I N L E I T U N G


ausser Stande, angesichts politischer Verpflichtungen die Forderungen in so kurzer Zeit zu erfüllen. 58. Fastentag: Der Menschenrechtler verweigert nun auch das Trinken und ist bedrohlich geschwächt. Nichts scheint ihn zum Aufgeben bewegen zu können, ausser ein Einlenken des Bundesrates. Der Aktivist, dessen gewinnende Art so viele Menschen begeistern kann, zeigt sich von seiner schwierigsten Seite: der des eigensinnigen, rücksichtslosen, zu allem entschlossenen Einzelkämpfers. Zwar holt Bruno Manser regelmässig Rat ein und hält auch die basisdemokratischen Prinzipien hoch, doch am Ende tut er das, was er allein für richtig hält. Starrsinn? Selbstschutz? Roger Graf, Sekretär des BMF, und sein späterer Nachfolger John Künzli leiden darunter. Der BMF ist zu stark auf Mansers Person ausgerichtet. Die beiden arbeiten an einem klaren Konzept für den Fonds, doch Manser entwickelt keine langfristigen Strategien; auch fühlen sie sich oft übergangen und müssen ihre Energien zu sehr in seine Aktionen stecken. Menschen strömen an Bruno Manser vorbei. Viele sehen weg, andere sehen hin, manche bleiben stehen. Einige sind zu Tränen gerührt: «Du verhungerst ja! Musst essen, Birchermüesli, Hafersuppe...» redet eine betagte Frau hilflos auf den Geschwächten ein. Ein Journalist beugt sich über ihn, um seine kraftlose Stimme verstehen zu können: «Ich will leben, mich gesundheitlich nicht zerstören, aber wenn ich jetzt aufhöre, geschieht weiterhin nichts Konkretes – und die Penan gehen unter.» Am 28. April 1993, dem 59. Fastentag, bildet sich vor dem Berner Bundeshaus eine Menschenkette, um Bruno Mansers Forderung nach einer Deklarationspflicht für Holz zu unterstützen. Organisationen wie ‹Greenpeace›, ‹Schweizerische Gesellschaft für Umweltschutz›, ‹Erklärung von Bern›, ‹WWF Schweiz›, ‹Helvetas›, ‹HEKS›, ‹Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz› (PSR), ‹Fastenopfer›, ‹Gesellschaft für bedrohte Völker›, ‹Incomindios›, ‹Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung› (AefU), ‹Brot für Alle›, ‹Konsumentenforum kf› und ‹Stiftung für Konsumentenschutz› schliessen sich an. Am Tag darauf, es ist der 60. Fastentag, bricht Bruno Manser den Hungerstreik ab. Zwar hat er seine wichtigsten Ziele nicht erreicht, doch jedes Kind in der Schweiz und weit über die Grenzen hinaus weiss nun, wer die Penan sind und dass ihr Überleben vom Erhalt der Urwälder – und damit auch vom eigenen Konsumverzicht – abhängt. Zehn Jahre später werden mehr als 350 Schweizer Gemeinden auf Tropenholz aus Raubbau verzichtet haben, während die Bundespolitik noch keinen Schritt weiter ist: Immer noch torpediert eine Parlamentsmehrheit die Deklarationspflicht zur Transparenz im Holzhandel. Bruno Manser erholt sich. Im BMF beginnt wieder die tägliche Arbeit: Medienbetreuung, Konferenzen, Vorträge, Gespräche mit Diplomaten, Unternehmern und Politikern. Immer wieder kehrt Manser unter falscher Identität nach Sarawak zurück, um mit den Penan deren Lage zu besprechen. 1994 wird er beim Abflug in Brunei am Flughafen verhaftet. Bei den anschliessenden Verhören streitet er ab, der vom Nachbarstaat Malaysia Gesuchte zu sein – man lässt ihn laufen. Die Waldfläche nimmt inzwischen rasant ab, die Tiere werden vertrieben oder gewildert. Das einst gesunde Volk der Penan ist am Verelenden, immer häufiger werden die Menschen krank. Durch die dramatische Situation verunsichert, versuchen etliche sogar als Holzfäller zu überleben und lassen sich von

13


Firmen, die ihre Heimat besetzen, unter Vertrag nehmen: Samling, Ravenscourt, Woodman, Interhill, Lee Ling, WTK Group, Shin Yang, Tamex Timber, Rimbunan Hijau, Limbang-Trading LTL. Die sozialen Spannungen nehmen zu, als Nomaden leben will nur noch eine verschwindend kleine Minderheit. Ein alter Mann, der sich nicht vertreiben liess, berichtet, man habe ihn herum ein paar Bäume stehen lassen, zum Trost. So wird Bruno Manser mit jedem Besuch mehr und mehr zum Zeugen einer untergehenden Welt. 1996 sind 70% des Urwaldes vernichtet, doch das Biosphärenreservat, das die malaysische Regierung zehn Jahre zuvor den Penan versprochen hatte, ist immer noch nicht realisiert. Der Regenwaldschützer beschliesst, mit einer tollkühnen Aktion am Kleinen Matterhorn auf die Notwendigkeit des Urwaldschutzes, auf die Klimaerwärmung und das Auftauen des Permafrostes aufmerksam zu machen. An einer Rolle, die am Seil der steilsten Bergbahn Europas hängt, will er sich in die Tiefe stürzen. Durch die Aktion sollen nicht zuletzt die japanischen Touristen aufgerüttelt werden – Japan ist der grösste Abnehmer der malaysischen Holzindustrie. Roger Graf und weitere Freunde raten dringend ab: Zu gefährlich, thematisch zu komplex. Manser aber führt die Talfahrt, die in seinen Augen den Zustand der Welt symbolisiert, durch. Seine Aktion gerät zum Flop, die Medien bleiben fern oder berichten nur über seinen Talsturz, nicht aber über die Hintergründe. So beschliesst er, ein weiteres Mal aufs Ganze zu gehen. Zunächst ändert er seine Haltung gegenüber seinem grössten Widersacher, Sarawaks Chief Minister Taib Mahmud. Er will ihm die Hand zur Versöhnung reichen – ausgerechnet jenem Mann, den er «persönlich dafür verantwortlich macht, dass innerhalb einer Generation fast der ganze Urwald Sarawaks in ein Schlachtfeld verwandelt wurde». Manser hat eingesehen, dass eine Konfrontation den Politiker und Multimillionär nicht umstimmen kann, und ist nun fest entschlossen, sich zu stellen. Er will Mahmud seine «Mitarbeit» anbieten, um gemeinsam den Penan die Selbstbestimmung zu sichern. In jahrelanger Arbeit haben Manser und einige Experten ein Konzept für ein Biosphärenreservat entwickelt, das bestehende Schutzgebiete in Brunei, Sarawak und in Kalimantan umfassen soll. Die Schweiz und die USA haben finanzielle Unterstützung zugesichert. Manser meint sein Friedensangebot ehrlich, er glaubt an einen Erfolg. Doch mehrere Kontaktversuche bleiben unbeantwortet. Eine spektakuläre Aktion soll den Chief Minister aufwecken: Bruno Manser plant einen Fallschirmsprung, begleitet von einem Lamm. Der Absprung soll auf Video aufgezeichnet und das Band an Mahmud geschickt werden. Anschliessend will Manser das Lamm – für Christen wie für Musilme ein Symbol des Friedens – Taib Mahmud persönlich überreichen. Eine Gruppe erfahrener Fallschirmjäger unterstützt ihn und bringt ihm in Rekordzeit den Zielsprung vom Himmel bei, eine Unterstützerin finanziert den Schnellkurs. Gemeinsam mit ‹Gumperli› (Kleiner Springer) springt Manser mehrmals ab. Das Schweizer Fernsehen und weitere Sender zeichnen die Aktion auf, das Band wird, begleitet von einer Grussbotschaft und mit der Bitte um Empfang, nach Sarawak geschickt. Die Verwaltung reagiert nicht, aber Manser bleibt entschlossen, seine Friedensoffensive fortzusetzen. Im Januar 1998 reist er in die USA und orientiert Vizepräsident Al Gore, die Weltbank und den malaysischen UNO-Botschafter über die Lage der Penan und seine geplante Rückkehr nach Sarawak: Am

14 | E I N L E I T U N G


7. April 1998 will er mit Gumperli aus einem Kleinflugzeug über Kuching abspringen und im Stadion landen, wo die Feierlichkeiten zum Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan stattfinden. Noch im Laufe des Festes Hari Raya Haji will er Chief Minister Mahmud das Tier übergeben und sich den Behörden stellen. Als der Plan bekannt wird, übt die malaysische Regierung Druck auf Singapore Airlines aus, um Manser nicht empfangen zu müssen. Trotz offizieller Papiere darf Gumperli nicht mit an Bord der Linienmaschine. Daraufhin springt Manser am 6. April über der UNO in Genf ab, was den malaysischen UNO-Botschafter dazu veranlasst, ihn und sein Lamm zu empfangen. Wenig später erhält der Menschenrechtler auf Tonband die Botschaft seines Freundes Along Segá: «Wenn du nicht schnell kommst, wirst du bald nur noch unsere Spuren sehen. Offenes Land, nur noch der Regen wird auf deinen Kopf fallen, nur noch der Wind wird sein. Und wirst du deine Hand ausstrecken, so werde nicht ich dich grüssen, nicht ich deine Hand nehmen. Nur noch Regen und offenes Land wird sein.» Mehr denn je spürt Manser den Erfolgsdruck. In spätestens zwei Jahren, sagt er, wird das Schicksal der Penan besiegelt sein. Gegenüber Freunden zieht er eine düstere Bilanz: Alle Anstrengungen seien umsonst gewesen, «meine ganze Arbeit hier bedeutet für die Penan nichts, solange weiter abgeholzt wird». Er sei müde, gesteht er, und sehne sich danach, wieder im Dschungel zu leben, zu zeichnen und die Kultur der Penan zu dokumentieren, anstatt sich mit unwilligen oder ignoranten Politikern herumzuschlagen. Noch klammert er sich an die letzte Hoffnung: die definitive Festlegung des Naturreservates. Als im Frühjahr 1999 die Medien gebannt die Weltumrundung des Ballonfahrers Bertrand Piccard verfolgen, schlägt sich zur selben Zeit ein anderer Schweizer allein, von Moskitos, Blutegeln und Geschwüren geplagt, in tagelangen Märschen durch den Regenwald Borneos. Bruno Manser ist auf dem Weg in die Provinzhauptstadt Kuching. Dort haben der BMF und Freunde alles für eine halsbrecherische Aktion vorbereitet: In einem Versteck liegt ein Gleitschirm mit Propeller und Rückenmotor bereit. Doch der Probeflug misslingt, der Gleitschirm gerät in Schieflage, der Propeller zerbricht. Manser bittet einen Bekannten, Oberst der malaysischen Armee, um dessen motorisierten Gleitschirm, «für einen Wettbewerb». Nachdem das Fluggerät aus Kuala Lumpur eingetroffen ist, gleitet der langjährige Staatsfeind am 29. März 1999 als lange angekündigter Freund knatternd vom Himmel. Zunächst dreht er ein paar luftige Runden über der Moschee, dann über der Privatresidenz des Chief Ministers. Die Pilger, die sich zum Friedensfest Hari Raya Haji eingefunden haben, die schussbereite Leibgarde des Ministers und die zuvor informierten Medienvertreter erkennen vom Boden aus die Flaggen Malaysias und Sarawaks und lesen auf einem Transparent: «Alles Gute, Taib und Penan.» Die Bilder dieses Fluges gehen um die Welt. Manser möchte sich unbedingt stellen und landet direkt neben Mahmuds Residenz, wo bereits eine Delegation der Penan wartet, darunter seine besten Freunde Maleng und Along Segá. Sie schliessen einander in die Arme. Verschwindet der hartnäckige Schweizer nun für Jahre ins Gefängnis? Zwar wird der fliegende Ruhestörer verhaftet, aber sofort nach Kuala Lumpur weitergeschickt und von dort aus in die Schweiz ausgewiesen. Noch auf dem Zürcher Flughafen gibt Manser eine stark besuchte Medienkonferenz: Wenn Taib

16 | E I N L E I T U N G


Mahmud sich nicht endlich vom Zerstörer zum Retter der Wälder wandle, werde es ihn, Manser, wohl bald wieder nach Sarawak ziehen. Weniger als ein Jahr darauf, am 15. Februar 2000, bricht Bruno Manser erneut in Richtung Borneo auf. Im indonesischen Kalimantan stossen John Künzli, inzwischen Sekretär des BMF, und das schwedische Filmteam, das 1990 den Film ‹Tong Tana: The Lost Paradise› gedreht hatte, zu ihm. Man will seinen Weg durch den Dschungel filmen. Bevor Künzli und Manser sich trennen, schreibt Bruno wie gewohnt Grussbotschaften an seinen Freundeskreis, diesmal fast vierhundert Postkarten. Bis zur Landesgrenze vertraut er sich einem ortskundigen Schweizer an. Die anstrengende Reise dauert mehr als zwei Wochen, zunächst im Boot, dann zu Fuss durch unwegsames Gelände. Nachts schläft Manser in der Hängematte, sein Freund auf dem Boden. Jeden Tag fallen schwere Regen. Als sie einen Tagemarsch von der Grenze entfernt ihre letzte gemeinsame Nacht verbringen, sind sie erschöpft. Am 18. Mai übergibt Bruno Manser dem Begleiter einen Brief an seine Lebenspartnerin Charlotte Belét; darin berichtet er von Durchfall und einer gebrochenen Rippe. Der Landsmann ist der letzte Europäer, der ihn sieht: «Als wir uns trennten, fühlte Bruno sich gut. Er machte mir einen starken Eindruck.» Wie BMF-Sekretär John Künzli später herausfindet, muss Manser um den 22. Mai 2000 mit Hilfe eines einheimischen Führers die Grenze zwischen Kalimantan und Sarawak überschritten haben. Sein letztes Lebenszeichen stammt aus der Umgebung des Dorfes Bareo: Am 23. Mai verfasst er, in einem Gebüsch versteckt, einen Brief an Charlotte Bélet. Er sei müde, warte auf die Dunkelheit, um dann den Holzfällerstrassen zu folgen. Anstelle einer Unterschrift zeichnet der für seinen Humor bekannte Freund ein Männchen: Es dreht irgendjemandem eine lange Nase – aber wem? Den Unbefugten, die seinen in Bareo aufgegebenen, nie abgestempelten Brief öffnen? Den Behörden Sarawaks? Der Welt? Das BMF-Büro in Basel versucht, über Verbindungsleute den Kontakt zum Umweltaktivisten aufzunehmen und seinen Aufenthaltsort herauszufinden, ohne Erfolg. Auch Penan-Suchtrupps, die wochenlang die Wälder, die Abholzgebiete, das Quellgebiet des Limbang-Flusses und später die Umgebung des Berges Bateu Laui durchkämmen, bringen keine neuen Erkenntnisse heim. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und die Schweizerische Botschaft in Kuala Lumpur stellen Nachforschungen an. Vehement bestreitet das offizielle Malaysia, etwas über den Vermissten zu wissen. Am 18. November 2000 meldet das Internet-News-Portal ‹OnlineReports.ch› als erstes das Verschwinden des Menschenrechtlers. Die Nachricht eilt um die Welt und wird von Menschenrechts- und Umweltorganisationen weiterverbreitet. Gerüchte über das Schicksal Mansers machen die Runde, keines kann bestätigt werden. Schliesslich werden sogar Hellseher, Pendlerinnen und Traumdeuter befragt. Viele von ihnen meinen, Manser lebe noch, was auch die Geisterbeschwörungen der Penan bestätigen. Aus der Schweiz starten Suchexpeditionen, drei werden von Erich Manser geleitet: Er kennt wie kein anderer seinen Bruder und sucht mit den Penan wochenlang die Wälder ab. Aber auch die letzte Nachforschung im Sommer 2003 bringt keine Gewissheit. Währenddessen kämpft der BMF weiter für die Penan, hilft ihnen, die letzten Gebiete unzerstörten Waldes zu vermessen: Das Land der Ureinwohner soll mit präzisen Karten vor weiteren Zerstörungen bewahrt werden.

17


Was ist mit Bruno Manser geschehen? Ist er abgetaucht, um die Penan in ihrem Kampf zu unterstützen und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Sarawaks Waldvernichtung zu lenken? Dagegen spricht seine enge Bindung an die Familie und seinen Freundeskreis. Zudem versichern die Penan glaubhaft, ihr Freund weile nicht unter ihnen. Ist er verunglückt? In dem von Felswänden und Höhlen durchzogenen Urwald Sarawaks lauern zahlreiche Gefahren – Malaria, Schlangenbisse, niederstürzende Baumriesen. Gegen die Theorie spricht, dass keine der Suchexpeditionen auch nur das geringste Zeichen des erfahrenen Buschläufers gefunden hat. Schmachtet er in irgendeinem Gefängnis? Er bewegte sich immer wieder auf Holzfällerstrassen und wagte sich in ein Gebiet hinein, das von Militär, Polizei und Sicherheitsdiensten intensiv überwacht wird. Eine Gefangennahme, die strikt geheim gehalten wird, um kein internationales Aufsehen zu erregen, wäre also nicht auszuschliessen. Dagegen spricht, dass seit dem Verschwinden viele Jahre verflossen sind, ohne dass man ein Lebenszeichen von ihm erhalten hat. Ist Bruno Manser tot? Kein persönlicher Gegenstand wurde gefunden, er könnte also ermordet und spurlos beseitigt worden sein. Armee und Polizei könnten am Tod des aufsässigen Schweizers interessiert gewesen sein, oder Holzfäller, die im Auftrag ihrer Konzerne den verhassten Aufwiegler für immer verschwinden lassen wollten. Das wäre zwar die wahrscheinlichste Todesursache, doch konnte sie bisher nicht belegt werden. Ein Freitod aus Verzweiflung kommt kaum in Frage, eher schon die Möglichkeit, dass er sich ausserhalb Sarawaks versteckt hält. Aber selbst dieser Gedanke will nicht recht ins Bild eines Menschen passen, der wegen seiner Geradlinigkeit und Offenheit für viele zum Idol wurde. «Es ist möglich, dass ich auch mit Jahrgang 1954 noch eine Familie gründe – wer weiss!» hatte Bruno Manser vor seiner letzten Reise nach Sarawak erklärt. Seine Lebensgefährtin Charlotte, seine Mutter Ida, die Geschwister und Freunde haben gelernt, Ungewissheit zu ertragen. Sie warten nicht mehr. Sie spüren, dass er da ist, in ihren Herzen, ihren Gedanken. Manchmal hören sie seine kräftige Stimme: «Nur die Taten zählen – auch deine.» Sollte sich die Machbarkeitsideologie der Industrieländer angesichts der selbst verursachten und irreversiblen Umweltschäden einst als fataler Irrtum herausstellen, wird Bruno Manser wohl als einer der konsequentesten Warner in die Geschichte eingehen. Zu fragen ist, ob sein persönliches Rezept – zurück zur Natur und zur Selbstbeschränkung – für die komplexen Industriegesellschaften eine Lösung ist. Zwar spürt er intuitiv, was schief läuft und was es zu erhalten gilt, und er weiss, wie den letzten Jägern und Sammlern der Erde geholfen werden kann: «Weg von den Strudeln der Kontrolle und Macht über andere, hin zur Macht und Kontrolle über uns selbst. Weg von der Ausnutzung anderer, hin zur Nutzung unserer eigenen Kräfte.» Aber er weiss nicht, wie die ausser Kontrolle geratene Zivilisation sich so zivilisieren lässt, dass sie sich weiterentwickeln und retten kann. Mit seiner Ehrlichkeit und Entschlossenheit ist Bruno Manser einer der glaubwürdigsten Umweltschützer des 20. Jahrhunderts. Ein Weltbürger, der das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden weiss, ein viel Begabter, der mit seiner asketischen Lebensweise, warmherzigen Art und seinem Engagement Verantwortung übernimmt. Einer der lebt, was er sagt, und hinsieht, wenn andere wegschauen.

18 | E I N L E I T U N G


D I E TAG E B Ü C H E R Editorische Notiz

Dieses E-Book versammelt Bruno Mansers Tagebücher aus den Jahren 1984 bis 1990 und basiert auf einer gedruckten 4-bändigen Ausgabe mit Schuber, die im Jahr 2004 in einer Auflage von 10'000 Exemplaren erschien. Bruno Mansers Tagebücher umfassen viele hundert Seiten. Der Originaltext wurde unverändert übernommen, ergänzt durch Seitenangaben des originalen Tagebuchs. Auch dort, wo orthografisch oder grammatikalisch nicht korrekt formuliert wurde oder Begriffe nicht kohärent verwendet wurden, folgt der Text dem Original. Nur dort, wo es für das Verständnis entscheidend ist, wurden Fehler, Helvetismen oder Dialektbegriffe durch Anmerkungen erklärt bzw. korrigiert; dies ist jeweils durch eine eckige Klammer und in Groteskschrift sichtbar gemacht. Passagen, die Bruno Manser in Schweizerdeutscher Mundart verfasst hatte, sind als Originalzitate übernommen wurden, auf eine Übersetzung oder einen Kommentar wurde verzichtet. Die Texte der Tagebücher 1–16 sind vollständig wiedergegeben. Nur einige lose Seiten, die ohne Paginierung sind, sowie umfangreiche Legenden von Zeichnungen, die nicht abgebildet sind, wurden ausgespart. Auch die Original-Umschläge der Tagebücher und die Vorsatzblätter sind, abgesehen von einigen Ausnahmen, im Transkript nicht wiedergegeben. Im Übrigen enthält der Text sämtliche Originalaufzeichnungen, die Bruno Manser zwischen 1984 und 1990 gemacht hatte. Akzente sind Betonungszeichen und unverändert aus dem Original übernommen worden. Bruno Manser hatte sich im Eigenstudium sowohl die malaysische als auch die indonesische Sprache angeeignet und beherrschte beide. Die Schreibweisen der Schriftsprachen Thai, Malaysisch und Indonesisch erheben aber – weder in den Originaltagebüchern noch im Transkript – Anspruch auf linguistische Korrektheit. Darüber hinaus beherrschte Manser die Sprache der Penan und weiterer Dayak-Völker (Kelabit, Kenyah), für die es keine Wörterund Grammatikbücher gibt. Da seine Gesprächspartner die Worte unterschiedlich aussprachen – ein ‹R› kann leicht als ‹L› gesprochen bzw. verstanden werden – variieren auch die Betonungszeichen für denselben Begriff. Apostrophe bezeichnen häufig Pluralflexionen oder Genitive (‹einer der Penan’s›, ‹Pango’s Zeh›) und entsprechen, ebenso wie Apostrophe in Wortkombinationen (‹Reis’speicher›, ‹durch’kriechen›), dem Original. Gedankenstriche tauchen in Bruno Mansers Tagebüchern immer wieder auf. Dies liegt vielleicht daran, dass Manser seine Notizen nicht im Tagesrhythmus niedergeschrieben hatte, sondern in unregelmässigen Intervallen. Dieser Arbeitsrhythmus erklärt auch, weshalb auf manchen Tagebuchseiten die Illustrationen nicht den Text begleiten. Der Autor hatte regelmässig Zeichnungen angefertigt und mit Legenden versehen und erst später seine Tagebucheinträge hinzugefügt (besonders schön zu sehen ist dies auf den letzten Seiten des Tagebuchs 16).

19


Grossbuchstaben zeichnen sämtliche Tagebücher Bruno Mansers aus. Er hat durchgehend diese Schriftart gewählt, was manchmal eine sichere Unterscheidung zwischen ‹U› und ‹UI›, ‹M› und ‹H›, ‹K› und ‹R› erschwert, vor allem bei fremdsprachlichen Begriffen. In solchen Fällen ist ein Kommentar hinzugefügt. Symbole für ‹männlich›, ‹weiblich›, ‹Durchmesser› etc. sind im Original so zu lesen und wurden bei der Gestaltung übernommen. Tilden (~), die immer wieder auftauchen, vertreten neben ihrer Bedeutung als Absatzzeichen auch einen Gedankenstrich. Werden sie einer Zahl oder einem Wort direkt vorangestellt, stehen sie für «ähnlich» oder «ungefähr» [~Weissfisch = «ähnlich dem europäischen Weissfisch», Ø ~5 cm = «Durchmesser: etwa 5 Zentimeter»]. Unter- und Zwischentitel sind in den Originaltagebüchern nicht unterschieden. Diese Gleichsetzung wurde bei der Gestaltung übernommen. Unterstreichungen im Text bezeichnen Betonungen und entsprechen dem Original.

Zu den Faksimiles Sämtliche Tagebücher Bruno Mansers wurden 2003/04 für die gedruckte Ausgabe eingescannt. Das E-Book zeigt, ebenso wie die gedruckte Ausgabe, eine Auswahl davon. Neben ganzen Tagebuchseiten wurden kleine Illustrationen verwendet, die Bruno Manser selbst dem Textlauf zugeordnet hat. Manche der Tagebücher sind im Querformat, andere im Hochformat angelegt. Aus umbruchtechnischen Gründen wurden querformatige Tagebuchseiten um 90º gedreht, die Originalformatierung ist aus der Pagina oder der Ausrichtung der übrigen Seiten ablesbar.

Basel, im Frühling 2012 Christoph Merian Verlag Claus Donau, Verlagslektor

20 | E D I T O R I S C H E N O T I Z


21


TA G E B U C H 1

22 | T A G E B U C H 1


TB/S

Der Mensch

1/0

von Lao-Tse

Der Mensch ist weich und schwach, wenn er geboren wird; im Tode aber wird er hart und steif. Tiere und Pflanzen sind zart und nachgiebig, wenn sie entstehen; sie werden dürr und starr, wenn sie vergehen. Also: Starr und Hart – sie sind Begleiter des Todes. Weich und Schwach – sie sind Begleiter des Lebens. [Textausriss, von Bruno Manser auf das Vorsatzblatt geklebt]

1/1

Tür zum Haus der Schnecke Lala

1/2

[vakat]

Januar 84

1/3

Flug – Zürich – Bankok Mit 1000 Stundenkilometern Geschwindigkeit flitzt der Donnervogel 10 km über dem Erdboden durch Wolkenfelder. Kein Lufthauch ist davon zu spüren. Passagiere geben sich selbstverständlich – gelangweilt über Menue im Plastik-Wegwerf-Geschirr. Meine Nase klebt am Fenster – die staunenden Sinne auf Himmel und Wolkengebilde gerichtet. Mit einem Kleidungsstück gegen Reflexion von Licht aus dem Flugzeuginnern auf das Fenster abgeschirmt, erlebe ich schweigend den Anbruch des Tages in den Tropen.

23


1/4

Bankok – Geschäftige Millionenstadt mit dreispurigen Strassen

schäftiges Treiben herrscht. Ein junges Mädchen setzt sich an-

voll hupender Autos und engen Gassen mit Fassaden voll bun-

schmieg-

ter Wäsche. Mit modernsten Bankgebäuden und WellblechHinterhofbaraken.

sam zu mir und möchte sich ein paar Bath im Bett verdienen.

Wohnraum ist oft zugleich Arbeitsplatz und gegen die Strasse of-

Im ersten Hinterhof wird mir Heroin angeboten. Ein junger Va-

fen. Da wird mit grosszahnigen Sägen Eis in grossen Blöcken

ter ladet mich nach Hause ein. Im überfüllten Bus geht’s in ra-

zerkleinert, dort werden Rohre zusammengeschweisst, wäh-

santer Fahrt auf dem Trittbrett durch Bankok’s Strassen. Zu dritt

rend die restlichen Familienmitglieder fern-gucken. Hier sitzt

müssen wir uns den engen Stehplatz teilen, so dass jeder nur ei-

ein Mann an der Nähmaschine, während hinter ihm Frauen die

nen Fuss auf dem Trittbrett hat, während der andere in der Luft

Mahlzeit bereiten. Da ein Rikscha-Fahrer mit grossem Chine-

baumelt. Ein Mann am Strassenrand hat nicht mit meinem her-

senhut, sein Vehikel mit prall gefüllten Säcken schwer beladen.

vorstehenden Rucksack gerechnet und wird beim Zusammen-

Dort bieten wandernde Trinkwarenverkäufer eisgekühlten

stoss umgeworfen. Verrückte Welt. Da müssen die Fahrgäste auf

Fruchtsaft oder Coca-Cola im Plastikbeutel an. Hier wäscht sich

einer Kreuzung aussteigen und ihr Gefährt wieder in Schwung

eine Frau am Brunnen, oben ohne, während ringsum ein ge-

bringen.

Thailand südwärts

1/5

1/6

Der erste Berg lacht mich an. Der Zug hält einen Moment. Kurz entschlossen schnappe ich meinen Rucksack und steige aus. – Am Fuss des Berges führt eine lange Treppe gerade aufwärts. In einem Höhlengewölbe schläft ein riesiger

Buddha.

Kerzenlicht.

Räucherstäbchen. Überall goldene Buddhastatuen. Eine liebe Frau gibt mir getrocknete Bananen, zwei Plastiksäcke voll Wasser und Tigerbalsam auf den Weg.

Quer durch Gestrüpp aufwärts. Eigenartige Gewächse haben inmitten von scharfkantigem Karst Fuss gefasst.

1/7


1/8

[Bild]

1/9

Auf der Bergspitze ein verfallendes Tempelchen.

Welcher

Einsiedler

mag hier einmal gelebt haben? Ein Schmetterling gaukelt als gutes Omen über mich schlaftrunkenen Pilger. ~ Zwei Affen hangeln an Lianen aufwärts. Erst bei Dunkelheit erreiche ich wieder das Höhlengewölbe. Ein Kläffer zwackt mich in den Schenkel. Freundlich wird mir Gastfreundschaft geboten. Während ich Reis kaue, streift mich ein Lachen der freundlichen Frau. In der Hand eine triefende Ratte in der Falle.

1/10

Wasserbüffel weiden an baumlangen Stricken, die durch die durchstochene Nasenscheidewand gezogen sind.

1/11

Ein Mann klettert auf einem Bambuspfahl in die Krone der Palme. Er wechselt die Bambusköcher, in die aus gekapptem Fruchtstand köstliche süsses Nass tropft, an dem sich auch Ameisen gütlich tun.

1/12

Eigenartigs reise im Zug dritti Klass. E dunkelhütige Soldat mit starke Baggeknoche, ipaggt in Kampfahzug, e schwarzes Tuech nach Seeräuberart umme Kopf gwunde, bietet dir e Sigerette ah. E Güg-

Allbott wird vo im Zug hi- und här-wandernde Märtfraueli Zwü-

gel kraiht durch d’Sitzreihe. Sorgsam beschützend hebt dr Bsit-

scheverpflägig ahbote, und an fascht

zer si Arm um ihn. – E trurigi Melodie berüert dis Ohr: In dr usgstreckte Hand eKonsärvebüggsli,schlurpft dr entstellt blind Bätt-

iedem Bahnhöfli kömme Fraue mit verlockende Gaumefreude uf

ler, mit sine wisse Pupille wild grollend, wie abwäsend zwüsche

em Kopf an d’Fänschter: Im Bambusköcher zuebereitete Ris;

all däne Mensche dure. Uf sine Lippe e sanfts Lied. E Mongöli fal-

oder au sorfgältig in e Bananeblatt oder nur Zytigspapier

tet d’Händ und macht e Knicks vor dir, luegt uf d’Site und wartet

vrpaggt, brotes Huen, Ärdnüssli, tröchneti Banane, Ananas-

uf e mildi Gab. Do stillt e Muetter ihr Kind – dört schnidet sich e

stückli, Durianfrücht, Rise-Citrus-Fruchtschnitz und allerhand

Frau inmitte vo ihrne prall gfüllte Chilli-Säck d’Zechenegel.

unbekannti Sache.

Roti, gäli, grüeni Schote sin gärntet worde. En älteri Frau präpa-

D’Billeteur hört me vo Witem mit ihrne Zange schnippe. D’Ju-

riert sich ihri Portion Betelnuss: E rots Pulver und wisse Kalk uf

gend git sich légère in Blue-Jeans und hört gärn Rock-Musik.

e grüens Blatt, drzue e paar Stuck Betel, mitere Scher vo dr Nuss

E chlins Büebli luegt zum Fänschter us. Au vor sine Auge flitze

gschnitte – hopp – ins Mul. Näbedra tippt sich e Ma Zahle in e Ta-

d’Risfälder vrbi, wo zum Teil rich bevölkeret sin vo Mensche in

schecomputer.

ihrne schön gflochtene Strohhüet. Mit Sichle wird die koschtbari

25

1/13


Buch und Freud im Härz mit flatternde Kleidr – Lusbuebezüg! ‹Bankomuk›. Islamisches Gebiet. Ein schlafender Riese lächelt mich an und winkt zum Durchstreifen. Auf seinen Kuppen spriesst der Dschungel und in seinen felsigen Leib sind dunkle Gewölbe gebettet. – Reis im Bananenblatt, ein paar Bananen und drei Kokosnüsse als Wegzehrung, ausgerüstet mit

Regenschutz,

Feldstecher,

Karbitlampe und Buschmesser geht’s los voll Entdeckerlust. Reisschnitterinnen winken mit Sicheln zur Arbeit.

Nahrig in Aehre in dr Mitti vom Halm gschnitte. – Gseht au das

[Bild]

1/15

[Bild doppelseitig]

1/16

Büebli mit sine Mandelauge dr Reiher, wo uf em Wasserbüffel sitzt? Dr risig Isvogel im prächtig blaue Gfider übr dr Wasserflächi? Die Risespinne, wo ihri Netz zwüsche de elektrische Über-

1/17

landleitige gspanne hän? D’Gummibaumplantage? Alles flitzt vrbi– nüt ka me hebe. – E Tropegwitter prasslet vom Himmel und vrdunklet d’Landschaft. Schnäll wärde d’Fänschter gschlosse.

Das erste Hindernis ist der Kanal. Nach einigem Suchen sind die Überreste einer ehemaligen Pfadbrücke gefunden. Schief stecken noch einige Bambuspfosten im trübbraunen Wasser, die vage mit-

1/14

Die meischte Mensche erwidere es Lächle und sueche sogar Be-

einander verbunden sind. Bis an den Hintern im Wasser, hangeln

gägnig – au wenn’s mänggmoll e paar finschteri, abwisendi, un-

wir uns rüber. Bald erreichen wir über sumpfigen Boden die sanf-

durchsichtigi Gstalte drunter het.

ten Formen von Höhlengewölben, die sich im Wasser spiegeln.

Ha – isch das e Wonne, bi däre Wärmi uf em windige Trittbrätt

Nach dem Höhlenbesuch kehren meine Begleiter wieder dorf-

durch d’Landschaft z’flitze. Mit e paar Burschte gar zum fah-

wärts, während mich griffiges Kalkgestein aufwärts zeiht. Eine

rende Zug us em Fänschter uf’s Dach z’klättere und übr d’Wa-

stachlige Palmenart versperrt die Kletterei. Mit dem Buschmes-

gedächer z’springe, sich gege dr Wind lähne voll Kribbele im

ser sind die bis zu armdicken weichen Äste schnell gekappt. Das

26 | T A G E B U C H 1

1/18


Bruno Manser - Tagebücher aus dem Regenwald