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theater

Treffen

Text

no. 5

25. theatertreffen deutschsprachiger schauspielstudierender

freitag, 6. juni 2014

Vorsicht! Flug-Karies! Roland Schimmelpfennig sucht in Der goldene Drache nach der Moral in der Gesellschaft „Kann man Theater erklären? Kann der U-Bahn, auf der Straße.“ Genau davon Es geht darum zu ermöglichen, dass das man über Stücke schreiben? Ja, natürlich, erzählt Der goldene Drache: Ein Thai-Chi- Publikum den Figuren so nah wie nur man kann. Man kann sie zusammenfas- na-Vietnam-Schnellrestaurant, das zum irgend möglich kommt. Was wäre, wenn sen, auf dem Papier charakterisieren, in- Sinnbild der demoralisierten Welt gedeiht. ich jemand anderes sein könnte; was ist, terpretieren. Aber besser wäre doch: Das Dort fliegt der kranke Zahn eines Asiaten wenn ich nicht mehr sein will, was ich Theater spricht für bin? Wenn ich mir sich selbst.“ Roland etwas wünschen Schimmelpfennig könnte – das steht legt die Messlatte über dem ganzen hoch, fünf Monate, Stück.“ bevor sein neues Der dritte JahrStück Der goldene gang der HochDrache am Wiener schule für Musik Burgtheater am 5. und Theater RosSeptember 2009 tock wagt sich beim uraufgeführt wird. 25. Theatertreffen Er wagt damit eimit einer einstünnen Schnitt durch digen Fassung an die Gesellschaft, Schimmelpfennigs zeigt die Suche des mikrokosmische Menschen nach Gesellschaftskrisich selbst in einem tik. Dabei steht fantasievoll konsund fällt die Umtruierten Mikrokossetzung des Textes mos. mit den SchauspieAuslöser für Der lern, die komplexe goldene Drache war Rollenwechsel und Metzgerjahreshauptversammlung. Foto: Hochschule für Musik und Theater Rostock eine Begegnung Szenen-Fragmente mit einem befreundeten Rechtsanwalt, ohne Aufenthaltsgenehmigung in die To- zu meistern haben, um Roland Schimmelder sich gerade mit illegalen Einwande- Go-Suppe einer Stewardess, während sei- pfennigs Idealvorstellung des Theaters rern in Deutschland beschäftigte, und ne Schwester sich zu Tode prostituieren zu bedienen: „Gelungene Stücke nehmen ein Auftragswerk vom Riksteatern aus muss und ein Paar über einer ungewoll- ihre Zuschauer mit, sie machen neugierig, Stockholm. „Die Illegalen, die ich selbst ten Schwangerschaft zerbricht. Zwischen- sie stören Gewohnheiten, sie überprüfen kannte – eher aus lateinamerikanischen durch erzählen die Figuren die Geschichte geschmackliche Übereinkünfte, ästhetiLändern – brachten mich schließlich auf einer Grille, die von Ameisen missbraucht sche Verabredungen, sie öffnen Ausblicke, das eigentliche Thema: nicht die Abschie- wird. „Der goldene Drache arbeitet mit den es entstehen neue Blickrichtungen. Diese behaft, sondern die Situation draußen, in einfachen Mitteln der Ansage und der Stücke entwickeln einen Sog, sie sind under scheinbaren Freiheit – keine Papiere, Verstellung und des „Vorspielens“, aber berechenbar, manchmal schwer auszuhalkeine medizinische Versorgung, und die das Ziel des Stücks ist nicht Distanz, son- ten und trotzdem unwiderstehlich.“ dauernde Angst vor der Entdeckung, in dern das Gegenteil: Nähe. Identifikation.  Britta Schönhütl


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interview

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PREISE SPIELEN KEINE ROLLE Der Schauspieler Gerd Wameling im Gespräch

Regisseure. Die bestimmen eine Spielform, die der Regie unterliegt. Ich möchte hingegen, dass die Schüler etwas von den Grundlagen der Schauspielerei lernen.

Früher spielte er in Peter Steins Ensemble an der Berliner Schaubühne, inzwischen unterrichtet er Schauspieler an der Universität der Künste: Gerd Wameling (66) verpasst kaum eine Vorstellung beim Theatertreffen. Denn er stiftet nun für drei Jahre den Preis der Studierenden. Artur Senger hat mit Gerd Wameling gesprochen.

Gelegentlich führen Sie selbst Regie. Wie arbeiten Sie dann mit den Schauspielern? Früher war ich ziemlich strikt und wollte alle meine Vorstellungen durchsetzen. Aber ich habe festgestellt, dass man viel mehr erreicht, wenn man die Leute kommen lässt. Man braucht ein bisschen Geduld, auch mit Profis, dann entsteht mehr.

Was für eine Rolle haben Preise für Ihre Karriere gespielt? Eine Rolle haben sie überhaupt nicht gespielt. Ich habe zwar mal einen AdolfGrimme-Preis bekommen, aber mir ist das egal. Bei vielen Preisvergaben gibt es andere Kriterien als Leistung. Das sollte man nicht so wichtig nehmen. Und hier beim Theatertreffen ist das anders? Die Preise hier sind recht weit gestreut. Es gibt die Chance, dass sehr viele einen bekommen. Und hier zählt auch die Leistung. Dennoch, wegen des Neidfaktors ist es riskant, wenn sich junge Leute um Geld bewerben. Wenn Sie junge Schauspieler beobachten, sagen Sie dann noch manchmal: Wow, so etwas habe ich noch nie gesehen? Absolut, man sieht Talente, von denen man sagt: Großartig, dass es das noch gibt. Das gibt es auf allen möglichen Entwicklungsstufen. Mit der Entwicklung der jungen Leute bin ich sehr glücklich. Nur leider werden sie nicht mehr so richtig gefordert, was meine Vorstellung von der Schauspielerei betrifft. Die wäre? Das Entwickeln von Charakteren, von Fi-

Möchte Vielfalt: Gerd Wameling. Foto: Lukas Einsele

guren. Ich meine damit kein eingelerntes Verwandeln, bei dem sich einer verstellt. Die Schauspieler müssen schon ihre Persönlichkeit in der Rolle durchkommen lassen. Aber eben nicht eins zu eins. Nehmen wir zum Beispiel den Abend aus Bern, dieses letzte Mädchen mit dem Cowgirl, haben Sie das gesehen? Es war phantastisch: eine Performance eigentlich, die in einer Rolle geendet ist. So etwas finde ich natürlich sehr spannend. Aber Sie sagen, das wird nicht wirklich gefördert. Woran liegt das in Ihren Augen? Das Regietheater greift auch an den Schauspielschulen um sich. Ich kann Ihnen das sagen, weil ich an unserer Schule nahezu der einzige Schauspieler im Lehrkörper bin. Fast alle anderen sind

cult:online

Was halten Sie von Demokratisierung im Theater? Grauenvoll! Als ich bei Peter Stein an der Schaubühne war, waren wir ein Mitbestimmungstheater. Aber Peter Stein war eine Führungsfigur. Er schaffte es, den Leuten zu vermitteln, dass seine Ideen auch die ihren wären. Nur so kann demokratisches Theater funktionieren. Wenn man das nicht schafft, muss man es anders machen. Blicken wir nochmal auf diese Veranstaltung hier. Vielleicht ist es noch zu früh, um ein Fazit zu ziehen... Man kann immer ein Fazit ziehen. Gibt es denn Tendenzen, die Sie überrascht haben? Nicht erwartet habe ich die durchgehende Qualität der Aufführungen. Dass einem mal etwas nicht gefällt, ist auch Geschmackssache oder kann vorkommen. Ich will doch keine Form von Theater flächendeckend haben. Ich möchte die Vielfalt.

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kritik

BATMAN, WOHLFÜHLSPRÜCHE & KONFETTI In Gorkis NACHTASYLInszenierung der ZhdK Zürich herrscht trashige Endzeitstimmung Was haben Batman, ein blauer Gollum und Al Bundy‘s rothaarige Ehefrau Peggy gemeinsam? Sie alle bewohnen Kostyljows Kellerraum. Doch noch weitere illustre Mitbewohner gesellen sich in Daniela Kranz‘ Inszenierung von Gorkis NACHTASYL dazu: Ein Transvestit in Highheels, Catwoman und eine Dürersche Jesusgestalt mit Gitarre. Der Keller – eine Mischung zwischen Pfadfinderlager und Mülldeponie – ist die letzte Zuflucht für diese mittellosen, gescheiterten Existenzen. Sie haben keine Arbeit, sind heimatlos und die meiste Zeit damit beschäftigt, herumzuschreien oder sich zu prügeln. Endzeitstimmung herrscht, das ist auf keinen Fall zu übersehen: Zu Beginn wird das Kellerloch von der Wirtin Wassilissa erstmal großzügig ausgeräuchert, die Bewohner chemisch eingenebelt. Der Wirt Kostyljow betritt den Raum sowieso nur mit Gasmaske und weißem Schutzanzug. Gorkis Naturalismus ist dem Trash gewichen. Dieser regiert die Welt des Abschaums. Waska Pepel, steckt in schwarzer Motoradkluft und pinkelt nach dem Aufstehen erstmal geräuschvoll vor sein Zelt. Luca, der dauergrinsende Pilger, presst jedem, egal ob er‘s hören will oder nicht, seine Wohlfühlsprüche und Pseudoweisheiten ins Ohr und ist aus unerfindlichen Gründen blau angemalt.

Wa n d - S p r i n g e n bleibt nicht viel Platz für Inhalte. Wenn Natascha wieder einmal einen vollkommen übertriebenen Tobsuchtsanfall hat. Oder unmotiviert mit Konfetti umherschmeißt. Wie Schlaglichter erschüttern ab und zu bittere Gorki-Sätze die Szenerie, in der eigentlich nur noch Oscar aus der Sesamstraße fehlt. Soll ich dir meine Maschine zeigen? Unter den SchauFoto: Zürcher Hochschule der Künste spielern fällt die Die ganze Inszenierung bewegt sich Figur der Peggy-Bundy-Wassilissa posiirgendwo zwischen Muppetshow und der tiv auf: Beeindruckend stöckelt sie auf Jugendfernsehserie THE TRIBE. Diese spielt ihren Highheels umher, strauchelt dabei in einer Welt ohne Erwachsene, in der ständig gekonnt und landet nach einem die Kinder die Herrschaft übernommen weiteren Stolperer plötzlich unverhofft in haben. Alle Erwachsenen sind tot, nach- einem Spagat auf dem Boden. Eine enordem Forscher ein Virus erschufen, das die me Körperbeherrschung bei gleichzeitig Menschen binnen weniger Tage altern und vollkommener Überdrehtheit – sie ist die sterben ließ. Um ihr Überleben zu sichern, Trash-Queen des Abends. Auch das Tahaben sich die Kinder in unterschiedli- schenlampenduell zwischen Waska und chen Stämmen zusammengeschlossen. seinem Wirt hat man noch etwas länger vor Auch die Nachtasyl-Bewohner kämpfen Augen. Vielleicht auch wegen des Strobosum ihre schäbigen Existenzen. Und in kopeffektes. Ganz im Gegensatz zu Gorkis ständig wechselnden Konstellationen sozialkritischem Text macht die Inszeniegeht’s um das pure Überleben im Elend. rung keine nennenswerten Aussagen, aber Bar jeglichen Glaubens an eine Zukunft, das ist wohl auch nicht beabsichtigt. Man trollen sie kreischend über die Bühne. Ist versteckt sich lieber hinter dem ganzen das die völlige Regression in kindliche Ver- halbherzigen Trash. Und gurgelt weiter haltensmuster oder die pure Verzweiflung mit Alkohol und spielt noch ein paar Songs auf der verstimmten Gitarre. Auf Batman der Desillusionierten? Erkennen kann man das in dieser Versi- hoffen kann man allemal. Aber der wird on des NACHTASYL nicht wirklich. Zwischen eher ein schräges Lied anstimmen als die Anna Steinbauer hysterischem Kreischen und Gegen-die- Welt retten.


no. 5 Ein Ort – wie geschaffen für Bernard-Marie Koltès‘ Großstadteinsamkeiten oder Sarah Kanes apokalyptische Welten. Aleksandar Denic hat für Goethes Faust auf die Drehbühne des Münchner Residenztheaters eine Hausruine gebaut. Duster, dreigeschossig, offen. Unten ein Faust-Raum: eine Wand, ein Spiegel, ein Waschbecken. Daneben ein Schuppen mit Schiebetüren – mal verbirgt sich dahinter eine schäbige Disco, mal Gretchens helles, reines Zimmer. Darüber eine offene Terrasse, gitterumzäunt. Eine Leuchtreklame mit herausgefallenen Buchstaben lenkt die Assoziationen des Zuschauers nach Hamburg oder Berlin, zum Tanzcafé Kesse, dem Bal paradox, zu Honi soit qui mal y pense. Dieser verlassene oder von Kämpfen zerstörte Ort ist Tanz-, Tummel-, Balz- und Bolzplatz. Und zugleich der Hof eines Gefängnisses, die zwei übergroßen Lampen lassen niemanden ungesehen. Hier wird gerockt, gestritten, geschlagen, getötet. Drumherum wütet Anarchie, Gewalt. Hier gehen sich Frau Marthe und Herr Mephisto nicht nur an die Wäsche, sie zerren einander gewaltsam die Kleider von den Leibern, die sie einander danach, lustvoll und leidvoll malträtieren. Darüber eine kleine Terrasse, ein Ausguck, nur einmal genutzt – von Gretchen, die sich von dort in den Tod stürzen will. Über allem ein Kran, an dem einmal ein totes Pferd hängt. Tobias Löffler, der Lightdesigner, lässt alle diese Orte im Dunkel. Nur einer ist hell. Sehr hell: Gretchen Zimmer. Hier ist Leben, hier ist Glück, auch für Faust – zumindest für kurze Zeit. In Martin Kusejs Faust-Inszenierung herrscht Nacht. Herrscht Destruktion. Wie Richard Wagners Wotan wollen Faust, der Lebensund Traumsüchtige, und Mephisto, der Mann an seiner Seite, der gefallene Engel, nur eines: das Ende! Gott – ein dummer Gedanke, nicht mehr gedacht. Himmel und Hölle – Phrasen. Was will dieser Faust eigentlich? Kicks, Shows, Sex, Gewalt. Das Multi-Simultanvergnügen, dreckig, tödlich, endlich. Deshalb sind ihm Krieg, Aufruhr und Mord größenwahnsinnige Freuden im Taumel, der ihm nicht anders sein soll als ein Totentanz. Martin Kusejs Sicht auf diesen Faust, den deutsche Germanisten, deutsche Regisseure, deutsche Zuschauer allzu oft vergöttern als ihr besseres, weil konsequentes Alter Ego, ist grausam. Dieser Faust, den Werner Wölbern kompromisslos und stark durchaus unsympathisch zeichnet, obwohl er keinen Zweifel lässt, dass Faust sich nach dem kurzen GretchenGlück ehrlich sehnt, hat alle bisherigen Vor-

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bildfunktionen verloren: Tatkräftig, leidend, fortschrittsbewusst, freiheitsliebend und im besten Sinne aufklärerisch und aufgeklärt ist der nicht. Geblieben sind ihm die negativen Eigenschaften, die es durchaus auch schon bei Goethe gibt: rastlos, maßlos, menschenverachtend, lüstern und scharf auf jeden Zaubertrank, auch in Pillenform. Kusejs Interpretation konnte nur gelingen – auf erschütternde, durchaus anrührende Weise – mit Albert Ostermaiers Textfassung. Ostermaier wagt viel. Er beginnt recht eigentlich mit der Tragödie zweiten Teil. Zwar sehen wir zu Beginn Wolbern neben dem Waschbecken kauern, unzufrieden mit seinem Nichtwissen, sich mit den Worten aus dem ersten Teil selbst befragend. Aber sehr rasch wird uns der zerstörerische, der (kapitalistische) Killer vorgeführt und der Lüstling. Philemon und Baucis, das greise Paar, das sich gegen Fausts Zwangsumsiedelung wehrt und des-

TOTENTAUMEL IN GOTTLOS ROHER ZEIT halb umgebracht wird, erscheint auf der Terrasse. Wundersam zerbrechlich, im weißen Brautkleid, einen Blütenreif im grauen Haar, wandelt Elisabeth Schwarz hinter dem Metallgitter. Nur ein anderes Wesen trägt noch Weiß: Gretchen. Ein Unschuldslamm, das am Ende geschlachtet in dem weißen Kasten liegt, blutüberströmt. Andrea Wenzl schafft Ungeheures. Sie spricht die Goetheschen Verse der Angst und der Buße, zum Beispiel jenes so oft gehörte „Meine Ruh ist hin“, so anders, so innig unpathetisch, wie ich es noch nie hörte. Keine Gedichte, schön (auf)gesagt, sondern für das Leid Worte gefunden. Verstörend aufrichtig. Erst nach der Pause sind wir in dieser knapp dreistündigen Aufführung ganz im ersten Teil der Faust, also beim Margareten-Drama. Wir sind dort, wohin sich Faust sehnt, aber nicht ankommen kann. Weil er längst verlernt hat, wie es ist, sich auf Menschen einzulassen. Er kann sie nur benutzen, ausbeuten. Ihnen gie-

kritik rig Begehren zeigen und gierig Befriedigung von ihnen fordern. Nie zuvor gab es in einer Faust-Inszenierung so viele Gewaltszenen. Politische Gewalt: Es herrscht Feindseligkeit überall. Blutvergießen, Sterben. Es wütet Vernichtung. Ein kleiner Junge wird mit einem Patronengürtel ins Haus geschickt – aus dem wenig später riesige Stichflammen in die Höhe lodern, so heiß, dass man sie im Balkon spüren konnte. (Vor Krach und Stroboskop wurde zuvor gewarnt.) Sexuelle Gewalt: Wer hier Lust sucht, findet sie auch in Demütigungen, in sexuellen Spielarten, die in unserer Gesellschaft für pervers gelten – es fehlen wenige. Selbst Fausts Verjüngung ist ein Geschlechtsakt, einer, der wieder offenbart, dass Faust und sein Kumpan Mephisto immer den Superbang brauchen: Beim Hexen-Besuch der beiden geht’s orgiastisch zu und auch ein wenig eklig. Die Hexe masturbiert den langen Stoffschwanz des Mephisto, aus dem es dann auch tröpfelt. Fellatio, Deepthroating. Und mit diesem besonderen Saft - der andere ist das Blut, das es in dieser Inszenierung kübelweise gibt - wird dann die Hexe Fausts Gesicht einreiben, nachdem sie diesen Erguss zuvor mit einem Kuss Faust eingeflößt hat. Und schon sieht der in der Hexe das Gretchen. (Für fortwährende Verjüngung empfiehlt Faust zusätzlich Sport und vegane Ernährung.) Jetzt endlich muss geschrieben werden von Bibiana Beglau, die Mephisto ist: ein androgynes, begehrenswertes Wesen, das vom Goetheschen Pudel nur noch eine schwarze rechte Pfote behalten hat. Die Beglau verkörpert alles: Sex und Crime, Lust und Laster. Mann und Frau, weshalb die Frage müßig ist, ob in der Marthe-Mephisto-Sexzene zwei Frauen sich in einem Exzess verlieren, oder Mann und Frau. Die Beglau kann schnoddrig sein und bewegend verstört. Vamp und Vampir. Schön und schaurig gemein. Martin Kusej schafft es mit seinem Ensemble, in dem es auch einen Flaneur der Nacht gibt (!), immer wieder nach den Detonationen der Bomben und der Lüste, Ruhe einkehren zu lassen. Es gibt traurige Songs in dieser bejubelten Aufführung, auch von John Lennon, und harten Beat. Vor allem erzeugt Kusej, höchst sensibel, sehr viele stille, bemerkenswert geheimnisvolle Szenen, faszinierende Zwiegespräche zwischen Mephisto und Faust, Faust und Gretchen – auf der leeren Bühne vor dem Drehrund. Verlorene Menschen und ein gebrochener Engel. Es gibt Monologe, in denen die Figuren bedenken, zweifeln, trauern. Dann wird überdeutlich, dass dieses Faust-Drama in einer gottlosen Zeit spielt, in unserer. – Und kein Licht nirgendwo. Vorbei?, fragt Faust. Nein. C. Bernd Sucher


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Abstecher: Gestern hatte im M端nchner Residenztheater Martin Kusejs FaustInszenierung Premiere

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Weltenbrand. Faust will es so! Fotos: Matthias Horn


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Mann sieht nichts.

Foto: Hilda Lobinger

Kaputte Menschen in einer kaputten Welt Fassbinders Blut am Hals der Katze von der Bayerischen Theaterakademie August Everding Ein Außerirdischer kommt auf die Erde, um eine Reportage über sie zu schreiben. Er trifft auf seltsame Wesen, Menschen, die so sehr mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt sind, dass sie ihn kaum bemerken. Die Inszenierung der Bayerischen Theaterakademie August Everding von Rainer Werner Fassbinders Blut am Hals der Katze verweigert dem Publikum die helfende Hand, so dass es sich auch fremd fühlen kann. Sie präsentiert Bruchstücke, Einblicke in eine chaotische Welt, die erst zum ganzen Bild zusammengesetzt wer-

den müssen. Phoebe Zeitgeist heißt das Alien, „die Leuchtende“, und so seltsam der Text zunächst erscheinen mag, ist er doch nicht Lichtjahre vom heutigen Zeitgeschehen entfernt. Nur ein paar Anpassungen, D-Mark in Euro übersetzen und die Beträge anpassen, schon könnten die Episoden gleich nebenan spielen, in der Nachbarswohnung, der nächsten U-Bahnstation. Das Bühnenbild prägt eine Leinwand, vollgeschmiert mit Farben, einzelne Wortfetzen sind zu erkennen: „CDU“, Eurozeichen, Hakenkreuze, ein AKW,

ein Baum mit einer erhängten Frau, daneben das Wort „Mama“. Aus einem Loch in dieser Leinwand starrt Hegel hervor. Im Laufe der Aufführung wird sie noch weiter beschmiert, mit sinnlosen mathematischen Gleichungen und noch mehr neonpinken Spritzern. Nach Phoebes Landung sinken die Figuren leblos zusammen, winden sich am Boden. Dann erzählen sie nach und nach ihre Geschichten. Kaputte Menschen, die von kaputten Beziehungen in einer kaputten Welt berichten. Sie sind bleich im Gesicht und tragen farblose Klei-


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dung, zumindest bis diese vom Kunstblut rot gefärbt wird. Eine Soldatin hat einen Helm mit der Aufschrift „Born to kill“ auf, wie im Film Full Metal Jacket. Wie die anderen Charaktere spricht auch sie über Sex und Verhältnisse, wie bei den anderen mischt sich die Sprache der Lust mit der der Gewalt. Ein Mann liegt am Boden, eben wurde ihm noch die Windel gewechselt, jetzt spricht er liegend in ein Mikrofon, das seine Stimme absurd verzerrt, mal tief grölend, mal hell wie ein Kind, mal elektronisch wie ein Roboter. Eine eigene Stimme hat er zu diesem Zeitpunkt nicht. Phoebe steht daneben, schnappt einzelne Floskeln der Figuren auf und plappert sie nach. Ein Teil des Publikums findet das Geschehen offenbar urkomisch. Mal wird pubertär gekichert, wann immer das Wort „Fotze“ fällt, mal dreckig, wenn Leute verhauen werden. Erst wird dem einen die Scheiße vom nackten Hintern gewischt, dann wird der anderen die Scheiße aus dem Leib geprügelt. Ist das wirklich zum Lachen? Zumindest einem Teil der Zuschauer bleibt dieses

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Lachen zurecht im Hals stecken. Denn was hier aufgeführt wird, ist kein Cartoon, auch wenn ein Comic als Vorlage zum Text diente. Die Gewalt ist dem Alltag entnommen, die Figuren bedauernswert oder brutal entmenschlicht, und die Schauspieler haben Präsenz und können durchaus diese Emotionen transportieren. Nur gelingt es einzelnen nicht, jederzeit in den Rollen zu bleiben, während aus dem Zuschauerraum zu Sätzen wie „Vater unser, der Du bist im Himmel. Halt die Fresse und verzeih mir“ Gaudistimmung auf die Bühne drängt. Jede vorgespielte Schwäche scheint Anlass zum Amüsement zu sein, egal wie erbärmlich die Figuren erscheinen. Oder lacht das Publikum aus Verlegenheit? Weil es zum Weinen nicht reicht? Lachen als gern genommenes Eskapismusangebot, wenn von der Erde schon nicht mit dem Raumschiff geflohen werden kann. An Fassbinders sprachgewandtem Text und den Darstellern liegt die seltsame Diskrepanz aus Gezeigtem und den Reaktionen nicht. Es ist Thomas Schmausers Inszenierung, die zumin-

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dest erlaubt, die Worte und den Inhalt zu übersehen, wenn man denn möchte, und sich ganz dem Spaß an den Effekten hinzugeben. So geht das jämmerliche Heulen im Hintergrund unter, wenn gleichzeitig der laute Macho eine Mischung aus Voodoo und Elvis tanzt. David Lindermeiers Spannung als Phoebe, seine feuchten Augen, werden zum übersehbaren Detail, wenn neben ihm ein Flugzeug startet. Gegen Ende bestimmt auch immer mehr ein gleichmachender Brüllton die Dialoge. Nachdem Phoebe Zeitgeist schließlich die sinnlos gewordenen Gesprächsfragmente zum rhythmuslosen Soldatenschritt der Anderen dirigiert und Hegels Definition des Begriffs zitiert, entlässt er das Publikum – als fremdgewordene Aliens oder doch ganz im Einklang mit sich selbst? Benedikt Frank Der Autor ist Kritikstudent an der Bayerischen Theaterakademie August Everding, würde sonst keine Produktion aus dem eigenen Haus besprechen. Die Redaktion hält es aber auch für falsch im Kontext des Theatertreffens eine einzige Inszenierung bei der Kritik außen vor zu lassen.

Bildunterschrift xxxx xxxxxx

Schmusi schmusi.

Foto: Hilda Lobinger


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vorbericht

Die Bibliothek ist wahrscheinlich nicht tuchten Teenies. Untereinander kennt ausgefochten werden. Wer sich nicht gut der Hotspot einer Schule. Eher die Rau- man sich schon gut genug. Alle Macken genug inszeniert, bleibt auf der Strecke. cherecke, wo die Coolen rumhängen. und Vorlieben, Stärken und Schwächen Zwischen Liebe und Demütigung spitzt Im Mikrokosmos Schule herrschen kla- kommen in der ungestörten Umgebung sich die Lage bis zum harten Ende zu. re Verhältnisse. Die Sportler sind unter ans Tageslicht. Die Informationen des Punk Rock wurde 2009 uraufgeführt sich. Genauso wie die Nerds und die Gegenübers werden ausgenutzt, um und im Folgejahr von der britischen Streber. Überschneidungen sollte man sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. „Theatrical Management Association” vermeiden. Wer für das „Beste zu viel wagt, wird neue Stück” nomigemobbt. Oder niert. Simon Steschlimmer. Unphens fokussiert terdrückung, Agsich auf die vielgressionen und leicht prägendste Foto: Birgit Hupfeld harte Regeln kön- Breakfastclub. Zeit eines Mennen den täglichen schen. Nie wird diPflichtbesuch zur rekter und härter Hölle machen. auf einen selbst Wenn die Pubertät eingegangen. In das nicht sowieso einer Zeit, in der schon macht. sich das SelbstPunk Rock möchbewusstsein erst te Einblicke geben. noch entwickeln Hauptspielort: die muss, begibt man Bibliothek eines sich entweder gePrivatgymnasistärkt und selbstums im englischen sicher ins weitere Stockport. In den Leben oder schafft Pausen dient die es nicht, aus dem ruhige AtmosphäMobbingkreislauf re als Zufluchtsort zu entkommen. In für die JugendliZeiten von Schulchen. Kurz vor den massakern und A-Levels treffen Amokläufen geht sich sieben OberStephens der Frastufenschüler tägge auf den Grund, Generation X,Y, Z auf dem Prüfstand. lich und bringen wie es möglich ist, ihre Gedanken zu als junger Mensch In Simon Stephens’ Punk Rock prallen die allen möglichen so viel Hass anangestauten Aggressionen von Schülern Themen zum Ausstauen zu können. vor ihrer Abschlussprüfung aufeinander druck: Es wird Wie lange dauert von der großen es bis die Fassade Zukunft geträumt und unter den schu- So wird der hochbegabte Chadwick vom zu bröckeln beginnt? Und vor allem, was lischen Anforderungen gelitten. Man Großmaul Bennett regelmäßig gequält. zeigt sich dahinter? Das Geflecht aus anmacht Pläne für die Universität und Cissy, Bennetts Freundin, muss die Er- gestauten Emotionen und enttäuschten hofft, die Erwartungen der Eltern erfül- wartungen der Eltern erfüllen und geht Gefühlen wird im Verlauf gesprengt und len zu können. Es beginnt mit der An- daran zugrunde. Nicholas, der Sportler, zeigt eine Gesellschaft, die aus Macht, kunft der Neuen, Lilly. Seit einer Woche interessiert sich schnell für Lilly und Unterdrückung und Angst das bitterste ist die Siebzehnjährige in der Kleinstadt ärgert damit den schüchternen William. herausholt. und gerät in die Gruppe aus wohlbe- Es sind Machtkämpfe, die Tag für Tag  Sebastian Lauterbach

GOD SAVE THE PUPILS


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vorbericht // glosse

KLEINE SOZIALPSYCHOLOGIE DER VERSCHWÖRUNG Eine Jugendgang will in Dennis Kellys DNA einen Todesfall vertuschen

Foto: Schauspielhaus Bochum

An amerikanischen Universitäten nennt man es hazing: Studenten müssen Mutproben bestehen, um sich in einer Gruppe etablieren zu dürfen. Beim hazing kommt es regelmäßig zu Unfällen. Manchmal sind diese tödlich. DNA ist ein Text des zeitgenössischen britischen Dramatikers Dennis Kelly. Er beginnt eben mit einem tödlichen hazingUnfall. Adam ist von einem Gitter heruntergefallen und allem Augenschein nach tot. Jetzt versuchen seine Mitschüler, die am Unfall beteiligt waren, das Geschehen zu

VOM LACHEN Wer diese Woche täglich mehrere Stunden still und leise als Zuschauer in der Muffathalle verbringt, den wird es verwundert haben, dass die Wahrnehmungen der Zuschauer weit auseinander zu liegen scheinen. Während mancher angesichts eines Stücks wie Corpus De-

vertuschen. Sie behaupten, Adam sei entführt worden, und legen falsche Spuren, um ihre Geschichte zu bekräftigen. Die Polizei geht ihnen auf den Leim. So scheint es. In rhythmischer Sprache, einem künstlichen Jugendslang mit hadernder Grammatik, transportiert sich die Handlung durch rein monologische Szenen wie durch schnelle Schlagabtäusche. Immer mehr Lügen werden für die Gang notwendig, um nicht aufzufliegen. Der Laden kann nur noch mit Gewaltandrohung, Freund-FeindDenken und Abwehr von Zweifeln zusam-

mengehalten werden. Eine Sozialpsychologie der Verschwörung, angereichert mit der Geschichte einer enttäuschten Liebe. Kelly veröffentlichte den kurzen Vierakter vor sechs Jahren. Die Uraufführung fand im Londoner National Theatre statt, Regie führte damals Paul Miller. Auf dem Theatertreffen zeigen zehn Schauspielstudenten von der Bochumer Folkwang Universität der Künste ihre Fassung des Stücks. Inszeniert wurden sie von Katja Lauken, die Premiere fand am 25. April statt. Artur Senger

vor Schreck die Hand vor den Mund schlägt, prustet der andere einsam durch die Halle. Lachen zu deuten, ist schwer. An den passenden Stellen ist es klar ein Kompliment. Es sagt, ihr wolltet einen Witz machen, ich habe verstanden. Ihr seid gut. Ich habe Spaß. Auch an den unpassenden Stellen. Ein Mann stirbt, alle lachen. So geschehen. Die Szene war nur unfreiwillig komisch. Die Lacher hatten Spaß, aber nicht am gespielten Tod, sondern am Misslingen der Szene. Schadenfreude nennt man das, und als Lachen getarnt wirkt sie besonders perfide, da tendenziell unschuldig. Die Konkurrenz schläft nicht. Am schwierigsten zu ver-

stehen wird das Lachen aber, wenn es weder witzig sein soll, noch wenn etwas auf der Bühne schief geht. Trotzdem wird gerade dann gelacht. Ob als Kompliment gemeint oder als Gehässigkeit: In jedem Fall teilt der Lacher mit, dass er nicht verstanden hat. Er teilt aber auch wieder mit: Ich habe Spaß. (Und ihr, die ihr alle nicht lacht, wohl nicht.) Es geht darum, im Mittelpunkt zu stehen. Kant beschrieb das Lachen als „einen Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung ins nichts.“ Wer über alles lacht, der teilt mit, dass er von dem, was auf der Bühne geschieht, nichts mehr erwartet.  Nicolas Freund

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IN ZITATGEWITTERN Die Studenten der UdK Berlin bringen den Hype-Autor Nis-Momme Stockmann als zynisches Spektakel auf die Bühne

Foto: UdK

Immer auf die Banker-Ärsche!

Was tun? Der Koffer, den der Mann mit der Absicht hinter sich herzieht, die Deutsche Bank durch Hyperinflation zu Fall zu bringen, eben dieser teure Koffer, ist wegen seines schlechten Zustandes weniger wert als das Material, aus dem er hergestellt wurde. Wie pervers ist das bitte? Aber was will man machen? Außer sich empören. Ja, genau: Die Deutsche Bank zu Fall bringen. Denn die ist schuld. Woran, dazu kommen wir noch. An allem, eigentlich. Das System, den Scheiß-Kapitalismus hinwegzufegen, gilt es in Nis-Momme Stockmanns Stück TOD UND WIEDERAUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR. Die Studierenden des dritten Jahrgangs der Universität der Künste in Berlin führen nach der kurzen Exposition, in der Frau und Mann wie junge Menschen

um Arbeitsplätze um diesen Geldkoffer kämpfen, sogleich die Basisdemokratie im Theater ein. Das funktioniert bei der Piraten-Partei ja auch super. Kennen alle, die schon mal eine Uni besetzt haben: Hände schütteln bei Zustimmung; Arme umeinander kreisen, wenn es weitergehen soll usw. Das Publikum macht halbmotiviert mit. (Obwohl mancher in den letzten Tagen sicher das eine oder andere mal insgeheim vorspulen wollte.) Der Bierpegel dürfte um diese Uhrzeit im Muffatwerk auch nicht niedrig stehen. Wenigstens macht mal endlich jemand etwas mit dem Publikum. Georgia Lautner moderiert die großartige Musical- und KlamauckChoreografie aller Schauspieler, als gäbe es an diesem Abend unbezahlte Praktika bei der Deutschen Bank zu vergeben. Wir

sind Bank. Frei nach BILD. Die Inszenierung von Hermann Schmidt-Rahmer und Rebecca Bussfeld ist ein zynisches Zitatgewitter. Da greift plötzlich ein perfekt imitierter Slavoj Žižek in den Kampf um die Arbeitsplätze der jungen dynamischen Berufsanfänger ein, die bei der Deutschen Bank und bei Axa arbeiten und in ihrer Freizeit WORLD OF WARCRAFT spielen. Jochen Weichenthal hat alle Ticks und den englischen Akzent des zauseligen Philosophen drauf. Er erklärt uns ja ständig die Welt des Kapitalismus mit Lacanscher Psychoanalyse. Kennen wir von Youtube. Bei Starbucks kaufen wir keinen Kaffee, sondern ein gutes Gewissen. Wissen wir. Schmeckt trotzdem. Jetzt will er die Jacke des Mannes haben. Er tauscht gegen die


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sehnlich erwünschte Hyperinflation, den Kollaps des Systems. Der Mann zögert. Inzwischen sind noch einmal alle Schauspieler als Weltretter dran. Bei der Unibesetzung kann man ja mal loswerden, was in der Welt alles so schief läuft. Von den Lebensmitteln, die in Deutschland tonnenweise im Müll landen, bis zu den verstümmelten Kindern in Afrika. Das geht uns alle an und das muss gesagt werden. Am besten in die laufende Kamera und voll Pathos, denn sonst erreicht man diese lethargischen Menschen ja nicht. Den bösen Zynismus haben die Berliner tadellos drauf. Was bleibt einem aber sonst, in diesem ausweglosen System? Oder ist der Zynismus auch Teil des Systems? Wo wir grad dabei sind: Wie geht noch gleich das Grundgesetz? Ein Herr im Publikum weiß es. „Die Würde des Menschen ist unangreifbar.“ Nicht ganz. Passt aber schon. Böse imitierten Wohlfühl-Deutschrock darüber. Das geht immer. Warum genau gibt es eigentlich

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keinen Einzel-Award mehr für den besten der besten Schauspieler? Das Publikum checkt auch langsam, dass man hier mitmachen kann. Es wird endlich interagiert, die Menschen auf den roten Stühlen erwachen zum Leben. Das Ziel Deutsche Bank ist aber inzwischen etwas aus dem Blick geraten. Da kommt auch schon wieder Žižek, äh, der Weihnachtsmann um die Ecke. Hat Geschenke dabei, keine Kapitalismuskritik. Waffen sind es keine. Die sind im Koffer. Dafür ein Lied! Das Obama-Musical. GET LUCKY und die Muffathalle geht steil. Mit dem Muscial kriegt man sie alle. Stockmanns Stück sondiert auf 300 Seiten aus jeder erdenklichen Perspektive unserer aller Verstrickungen in das Wirtschaftsystem, das sogar den Protest gegen sich selbst problemlos einzuleiben vermag. Morgens Occupy, abends ins Musical; humanitäre Katastrophen in Afrika anprangern und dann zu Starbucks; veganes Curry und iPhone: Alles kein Problem. Ist doch fairtrade. Bio wird

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ja inzwischen auch industriell hergestellt. Was also tun? Die Studenten der UdK Berlin machen Theater beim Theatertreffen. Was sonst? Wo sonst? Über der Bühne prangt das Zitat „alternativlo$“. Wie kommen wir hier wieder raus aus diesem Scheißsystem? Scheinbar gar nicht, wir bestätigen uns und das System doch nur selbst. Kein Fleisch essen, Geld nach Afrika schicken, böse Monopolkonzerne boykottieren: Selbst wenn man alles richtig macht, ändert sich nichts. Ist das System überhaupt so scheiße? Was ist denn besser? Das Stück zerlegt das System einmal in seine Bestandteile. Wie im antiken Drama machen fast alle alles richtig und am Ende ist es doch alles falsch. Was also tun? Wir können dabei zusehen und sitzenbleiben. Sit back and enjoy the show. Oder mitmachen. Žižek würde auch sagen: „Sometimes, doing nothing is the most violent thing to do.” Kann so der Widerstand aussehen? So kann in jedem Fall sehr gutes Theater aussehen. Nicolas Freund

Wir bedanken uns für die großzügige Unterstützung bei: Dr. Robin W. Bartels, Dr. Gerhard Beiten, Dr. Christoph Bulfon, Thomas Deininger, Achim Hartz, Carsten von der Heyden, Dr. Joachim Giehl, Prof. Dr.Dr. Joseph Kastenbauer, Dr. Georg Kellinghusen, Dr. Goswin von Mallinckrodt, Dr. Jörg Schweitzer, Hubert Stärker, Boltz Wachtel Dental und der v. Finck Stiftung


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no. 5

Da Olaf, da Olaf Alle sans kemma, da Hans und d’Marie ja sogar der Olaf ganz larifari.

„Habts es koa Schweiners?” „Na gibt nua Gmias!” „Zur Not frisst da Deifl, ja auch seine Fliang.”

Alle dans rauchen, HB, Gauloises, und auch der Olaf, scheißt auf sein Katarrh.

Da hockt a und spachtelt, „darf ich mal, Pardon”, er muss da mal schnell durch, zur zweiten Portion.

„Hey du, du rauchst ja, hast oane für mi, Feier dad i ham”, schnorri schnorri.

Da Ranzn is aufbläht, mei etz gibts an Wein, rot mag er gar ned, weiß muas a sein.

Ab ins Theater, mei so a Schmarrn, Zipfel und Busen, „des muas i ausharrn”.

Geht fei glei weida, „ui was vastellt mei Gsicht? oh mei ja des Schundblatt, na des les ich nicht”.

Zeit für a Brotzeit, da Magen knurrt scho, „ze fix, hab koan Bock mehr, eh ned mei Niveau”.

Da draht a si um, und geht in a Eck, „etz muas is doch lesen, hoffentlich unentdeckt”.

Mei so is a halt, da Olaf aus Hamm, morgen gehts weida, da kemma wieda zam.

Sebastian Lauterbach IMPRESSUM theater treffen text ist ein Projekt des Studiengangs Kulturkritik der HFF/ Bayerischen Theaterakademie August Everding Herausgeber: Otto Falckenberg Schule

V.i.s.d.P: Prof.Dr. C.Bernd Sucher Redaktion: Quirin Brunnmeier, Benedikt Frank, Nicolas Freund, Sebastian Lauterbach, Antonia Mahler, Britta Schönhütl, Artur Senger, Anna Steinbauer, Julia Weigl


theaterTREFFENText FREITAG 6. Juni