Page 1

theater

Treffen

Text

no. 4

25. theatertreffen deutschsprachiger schauspielstudierender

„Der Verstand ist daher von der Vernunft nur so zu unterscheiden, dass jener nur das Vermögen des Begriffes überhaupt sei.” Die abschließenden Worte, gesprochen von Phoebe Zeitgeist. Eine Außerirdische, die auf die Erde gekommen ist. Ihre Absicht: eine Reportage über die Menschen zu schreiben. Was macht man also in so einer Situation? Im Kontakt mit einer fremden Spezies. Man hört zu. Insgesamt neun Leuten kann Phoebe abschauen, wie der Mensch so drauf ist. Wie zum Beispiel einem Modell, Metzger, Polizisten oder einer Geliebten. Die jeweiligen Namen bleiben hinter den Bezeichnungen verborgen. Nach einer Vorstellung der verschiedenen Charaktere treten sie miteinander in Dialoge. Phoebe lauscht und reagiert auf die Aussagen der diskutierenden, streitenden, fast schlägernden Gemeinschaft. Meistens sind es jedoch sinnlos aneinandergereihte Wortfetzen. So ganz verstehen wird sie die Menschen also nicht. Vor allem nicht in so kurzer Zeit. Das produktionswütige enfant terrible des Neuen Deutschen Films, Rainer Werner Fassbinder, lässt in Blut am Hals der Katze Menschen des Alltags aufeinanderprallen. Reibungspunkte entstehen schnell und zeichnen ein Gesellschaftsbild von Lügen, Betrug und Täuschung. Phoebe erlangt Einblicke in die verschiedenen Leben und Lebensweisen der Protagonisten. Trotzdem bleibt sie die Außenstehende, die versucht, das große Ganze zu sehen, daran aber schlussendlich scheitert. Das Stück entstand,

Phoebe Zeitgeist auf der Suche nach den Menschen Rainer Werner Fassbinders Blut am Hals der Katze, gezeigt von der Bayerischen Theaterakademie August Everding, wurde vor 43 Jahren uraufgeführt

donnerstag, 5. juni 2014

wie auch Katzelmacher, im Kontext des von Fassbinders mitbegründeten „antitteaters”. Fassbinder entlehnt die Figur der Phoebe Zeitgeist einem Comicstrip aus den 60er Jahren. Darin, in Die Abenteuer der Phoebe ZeitGeist, geht es um ein aristokratisches Mädchen mit serbischen Wurzeln. Aufgewachsen in Nordtibet, ist es in Montevideo zur Tänzerin ausgebildet worden. Auf einer Antwerpener Gartenparty wird die junge Frau betäubt, entführt und in eine Oase im kalifornischen Death Valley zum Striptease gezwungen und ausgepeitscht. Das Ganze von einem „Ex-Nazi”: „Jetzt den BH! Dein Höschen! Deine hochhackigen Schuhe! Zakkk! Schwaap! Whuumpp!”. Die Themen des Comics: Sodomie und Zeitreisen. Aktuelle Themen wie der Vietnamkrieg oder Rassendiskriminierung wurden in dem im Evergreen Review erschienenen Comic verarbeitet. Fassbinder legt den Fokus in Blut am Hals der Katze auf die Sprache. Das führte nach der Uraufführung zu harter Kritik. Der Vergleich mit Peter Handke wurde herangezogen. Während Kritiker diesen als Analytiker von Sprache betitelten, wurde Fassbinder vorgeworfen, dass er nur damit beschäftigt war, Sprache zu präsentieren. Seinen Text zeichnet eine gewisse Naivität aus, die jedoch in manchen Kritiken gut ankam. Durch die offene Struktur des Stücks wird dem Publikum genügend Freiraum gelassen. Um zu reflektieren und über die Implikationen der Aktionen nachdenken zu können.  Sebastian Lauterbach


no. 4

kritik

seite 2

Du bist kein Nagel, ich bin keine Zange Der Bodensatz der Gesellschaft springt tollwütig auf klapprigen Stockbetten umher. Zumindest in der Stuttgarter Inszenierung von Gorkis Nachtasyl. In dem notdürftig zusammengezimmerten Verschlag des Kostylew herrscht auch sonst ein ziemlicher Verhau. Eine Mischung aus Asylantenwohnheim und Pennerabsteige soll das wohl sein, wo Gorkis desillusionierte Figuren ihr Dasein fristen. Zwischen zerschlissenen Kleidungsstücken, Mülltüten und leeren Bierflaschen

erkennt man dann ziemlich schnell, was es mit der dort hausenden, abgehalfterten Spezies auf sich hat: Es sind allesamt Opfer der Konsumgesellschaft! Alles Asoziale also, die nur schreien, streiten, prügeln. Schnell sind die Menschen und Typen dechiffriert, verraten. Pepel in der schwarzen Schlabber-Jogginghose, der plötzlich feststellt, dass er lieber mit Natascha, der Schwester seiner verheirateten Affäre Wasilissa, zusammen sein will. Nastja, die goldene

Er ist tot Jim.

cult:online

Glitzerleggins mit den Hotpants kombiniert, wenn sie ausgeht, um ihr horizontales Gewerbe auszuüben. Und Satin, der eins auf die Fresse bekommen hat, und auf dessen T-Shirt in großen Lettern LOVE prangt. Subtilität und Feingefühl sind in dieser Inszenierung fern. Im Hintergrund geht Autolärm in Reizhusten über. Im Vordergund wird hysterisch gelacht und überdreht gekreischt. Und das die ganze Zeit. Und die Schauspieler wirken nicht eben selten hölzern

Foto: Oliver Röckle

Aktuelle Kritiken auf

http://www.cult-zeitung.de


no. 4

kritik

seite 3

Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart desillusioniert mit Gorkis Nachtasyl

Bildunterschrift xxxx und unglaubwürdig. „Du xxxxxx bist kein Nagel, ich bin keine Zange“, erklärt Frederic Soltow, der als Pepel der verheirateten Wasilissa beibringt, dass sie nicht zueinander passen. Die Gorki-Sätze, in denen unverhohlene Hoffnungslosigkeit mitschwingt, wirken so wie eine platte Persiflage. Der Schriftsteller Anton Tschechow beurteilte Nachtasyl als Gorkis düsterstes Stück. Es entstand im Hungerwinter 1901 unter Eindruck des brutalen Massakers der Polizei bei einer Studentendemonstration in Sankt Petersburg. In Nachtasyl träumen alle Figuren von einem besseren Leben. Sie sind gezeichnet von Ausbeutung, Missgunst und verschmähter Liebe. Diese Düsternis und Frustration kommen in der Inszenierung von Mara Kimele allerdings nur bedingt zum Vorschein. Immer wieder gibt es in

der Aufführung Momente unfreiwilliger Komik, die jegliche Intensität zerstören. Etwa wenn der dramatische Höhepunkt des Stückes, die Ermordung Kostylews durch Pepel, innerhalb von drei Sekunden abgehandelt wird, von einem lächerlich übertriebenen Geräusch begleitet. Oder wenn Wasilissa ihre Schwester Natascha mit kochend heißem Wasser überschüttet. Da reibt sich Sheila Katharina Eckhardt nur die Arme mit rotem Kunstblut ein und das war‘s dann auch mit dem Schmerz. Eine besonders fragwürdige Version von Desillusionierung aber bietet das Ende. Die Figuren sind plötzlich ohne ersichtlichen Grund gealtert, tragen Gehstöcke und Brillen. Nichts als Verkleidung. Naturalismus im Sinne Gorkis ist das nicht. Und zeitgenössisches Theater eben auch nicht.  Anna Steinbauer

Phaser auf Betäubung. Foto: Oliver Röckle

Wir bedanken uns für die großzügige Unterstützung bei: Dr. Robin W. Bartels, Dr. Gerhard Beiten, Dr. Christoph Bulfon, Thomas Deininger, Achim Hartz, Carsten von der Heyden, Dr. Joachim Giehl, Prof. Dr.Dr. Joseph Kastenbauer, Dr. Georg Kellinghusen, Dr. Goswin von Mallinckrodt, Dr. Jörg Schweitzer, Hubert Stärker, Boltz Wachtel Dental und der v. Finck Stiftung


no. 4

kritik

seite 4 Laut medizinischen Forschungsergebnissen der Sternenflotte kĂśnnen Borg-Implantate schwere Hautreizungen hervorrufen. MĂśchten Sie eine analgetische Salbe?

Griech, kriech mal!

Foto: Philipp Kronenberg Widerstand zwecklos.

Ernst Busch Berlin brilliert mit Heiner MĂźllers Philoktet

Foto: Philipp Kronenberg


no. 4

seite 5

Rache wird am besten kalt serviert.

Foto: Philipp Kronenberg

Der Spieß wird umgedreht. Der Eingang zur Muffathalle ist abgesperrt: Umleitung zum Bühneneingang. Langsam bewegt sich die Schlange durch die schmalen Gänge des Backstage-Bereichs und lauscht immer lauter werdenden Jazz-Klängen. Die Menge versammelt sich auf der Bühne und blickt gespannt Richtung Zuschauertribüne. Fünf schlicht gekleidete Männer improvisieren Playback zu Dave Brubecks Take Five. Der eine zweckentfremdet einen Holzstab zum Kontrabass, ein anderer trommelt auf den Sitzen vor ihm. Langsam beginnt eine Stimme den Prolog zu sprechen. Eine Reise in die Vergangenheit ist geplant: ohne Moral, ohne Lebensweisheiten. Sie warnen davor, dass es nichts zu lachen geben wird. Als sich daraufhin das Publikum auf den roten Sitzen der Tribüne verteilt, liegt eine erwartungsvolle Spannung in der Luft. Was wird hier passieren? Dieser Intro-Kniff lässt auf innovatives Theater hoffen. Es wird dunkel. Auf der Bühne richtet sich ein einziger Strahler Richtung Zuschauerraum. Er blendet. Er bewegt sich. Er rückt näher. Lauter Krach. Metall, das auf dem Boden aufprallt. Dann fangen Männerstimmen im Chor zu sprechen an: „Das ist der Platz Lemnos“. Was, wo ist dieses Lemnos? Noch immer herrscht Dunkelheit. Bis dann doch das Licht angeht und dort fünf junge Männer stehen. Dunkel, einfach gekleidet. Neben ihnen ein großes Metallgerüst, das die Insel Lemnos darstellen soll. In Marcel Kohlers Philoktet Inszenierung gibt es kein aufwendiges Bühnenbild, keine Dekoration, keinen Schnickschnack. Ein Konzept, das von Anfang bis Ende durchgehalten wird – und aufgeht. Durch diese einfachen Mittel wird der Philoktet-Stoff zugleich zeitgemäß und zeitlos. Der antike Mythos über den berühmten Bogenschützen mit der stinkenden Fußwunde wird in die Gegenwart katapultiert. Heiner Müllers Interpretation von Sophokles’ Tragödie noch einmal gespiegelt. Die drei Figuren werden abwechselnd von fünf Schauspielern gespielt. Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Sebastian Schneider, Lukas Schrenk und Nils Strunk übernehmen zyklisch die Rollen von Philoktet, Odysseus und Neoptole-

kritik

mos, wobei sich stets alle von ihnen auf der Bühne befinden. „Ich und ich und ich und ich“, sprechen sie miteinander sowie nacheinander im Chor. Philoktet ist eine Maske, die sich jeder aufsetzen könnte. Und dennoch wirkt das Rollen-Wechselspiel nie verwirrend. Der jeweilige Philoktet gibt sich leicht zu erkennen. Er trägt ein T-Shirt, wenn alle anderen oberkörperfrei sind, und ist halb nackt, wenn der Rest bedeckt ist. Und macht letztlich sogar seine Beinverletzung sichtlich. Eine klare Struktur, in einer dynamischen und athletischen Inszenierung. Es entsteht ein energiegeladenes Spiel über die Tragik von Verantwortung und Vertrauen in Zeiten des Verrats: Im Käfig, gefangen auf seiner einsamen Insel Lemnos, sitzt der verzweifelte Philoktet. Ohne ihn und seinen Bogen kann Troja nicht erobert werden. Deshalb soll er trotz stinkender Wunde zurückgeholt werden. Alles dreht sich schließlich um diesen mächtigen Bogen, mit welchem Philoktet unfehlbar ist. Zum Menschen wird er nur ohne ihn. Der Kampf beginnt und wird zu Philoktets fatalem Schicksal. Die große Stärke von Kohlers Inszenierung ist diese Dynamik zwischen den Figuren und innerhalb der Rollen. Deren Körperlichkeit und Flexibilität. Im einen Moment tanzen sie albern zu griechischer Musik, trinken Ouzo aus 1,5 Liter Plastikflaschen, während sie kurz darauf zusammengekauert nebeneinander im Metall-Quader sitzen und nachdenklich darüber reflektieren, was gerade geschieht und eben geschehen ist. Der Spaß wird schnell zum Ernst. Wie wunderbar kompliziert die Sprache Heiner Müllers ist, wird dabei unwichtig. Die adonische Athletik der Schauspieler lässt die Worte in den Hintergrund treten, vielleicht sogar komplett verschwinden. Die Männer kraxeln im und über den Metallquader, tragen körperbetonte Holzschwert-Duelle aus und schlagen einander blutig. Odysseus, der Griech’, kriecht über den Boden, Philoktet kämpft im Käfig mit sich selbst vor Verzweiflung. Im Kollektiv und in der Einzelperformance: Jede Bewegung, jeder Ton sitzt perfekt. Alle sind sie Philoktet, so dass es am Ende sogar Metall-Masken aus dem Bühnenhimmel regnet. Julia Weigl Unendliche Weiten.

Foto: Philipp Kronenberg


text ende

no. 4

Immer die Karotte vor der Nase

Die Universität der Künste Berlin zeigt Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir von Nis-Momme Stockmann

„Wir wissen, so kann es nicht funktio- Neustart zu zwingen. Das Stück bleibt gangs Szenisches Schreiben an der UdK nieren. Wir wissen, es wird einstürzen. dabei keine reine Reflexion der Mecha- Berlin, ist einer der vielversprechendWir wissen, es wird immer schlimmer. nismen der Finanzmärkte. Denn deren sten jungen Dramatiker Deutschlands. Solange es immer wachsen muss.“ Nis- vermeintlich alternativlosen Zwänge Seine Stücke wurden unter anderem am Momme Stockmanns Stück Tod und Wie- sind bereits tief in die Gesellschaft Deutschen Theater Berlin, Staatstheaderauferstehung der Welt meiner Eltern in eingedrungen. Der persönliche Raub- ter Stuttgart und am Residenztheater mir ist eine Zustandsbeschreibung des bau, Armut und Zerstörung, geschickt München gezeigt. Er war Hausautor spätkapitalistischen Systems, das von versteckt hinter abstrakt-ideologischen am Schauspiel Frankfurt, viele seiner Gier, Zorn, Neid, dem reinen Wert der Konzepten, sind Teil des individuellen Arbeiten wurden zudem übersetzt und im Ausland inszeniert. Tod Dinge und einer eklatanten Werteverschiebung geprägt und Wiederauferstehung der ist. In dieser Welt führt der Welt meiner Eltern in mir gnadenlose Zwang zum wurde im September 2012 Wachstum unweigerlich zur am Schauspiel Hannover systemimmanenten Umveruraufgeführt. Der diskurteilung von oben nach unsive und assoziative Text ten. Denn: „Ich esse keinen hat im Original weit über Bissen, ohne dass jemand 300 Seiten, ist nicht leicht anderes irgendwo ihn wenigreifbar und folgt keiner ger isst.“ stringenten Dramaturgie. Der Protagonist in StockDie Studierenden der Unimanns Text, ein namenloversität der Künste Berser, erfolgreicher Banker, lin präsentieren nun eine beschließt den persönlichen einstündige Interpretation Totalboykott gegen die verdieses Mammut-Stückes innerlichten Mechanismen auf dem Theatertreffen des Finanzkapitalismus: Er Nis-Momme Stockmann erkundet fremde Welten. Foto: Nadine Elfenbein deutschsprachiger Schaukündigt sein Konto, trennt spielstudierender und versich von seiner Frau und verkauft sein Lebens. Medikamentöse Selbstoptimie- handeln auch in dieser kurzen Zeit die Haus. Ausgestattet mit 4.5 Millionen rung ist Selbstzweck und Kritik oder Wi- essenzielle Frage: „Wie kann politischer Euro in bar fasst er den Plan, seine dererstand gegen dieses allumfassende Widerstand im Angesicht einer ökonoBank durch eine Hyperinflation in den System wird durch Zynismus und Ironie mischen Theorie und Praxis aussehen, Bankrott zu treiben, so das gesamte bereits im Ansatz entkräftet.Nis-Mom- die jeden Protest zu vereinnahmen  Quirin Brunnmeier Bankensystem auszuhebeln und zum me Stockmann, Absolvent des Studien- weiß?“ IMPRESSUM theater treffen text ist ein Projekt des Studiengangs Kulturkritik der HFF/ Bayerischen Theaterakademie August Everding Herausgeber: Otto Falckenberg Schule

V.i.s.d.P: Prof.Dr. C.Bernd Sucher Redaktion: Quirin Brunnmeier, Benedikt Frank, Nicolas Freund, Sebastian Lauterbach, Antonia Mahler, Britta Schönhütl, Artur Senger, Anna Steinbauer, Julia Weigl

theaterTREFFENText DONNERSTAG 4. Juni  

Inhalt: -Vorbericht Theaterakademie August Everding BLUT AM HALS DER KATZE von Rainer Werner Fassbinder -Vorbericht HfMDK Stuttgart NACHTAS...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you