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B Seite 8 DIE WELT

M ag a z i n

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Samstag, 13. Juni 2009

FOTOS: CHRISTIAN PUTSCH

Die Kosmetik, die aus der Küche kommt

Wie ein Schlund öffnet sich der Innenraum des ersten runden Wolkenkratzers der Welt. Etliche Menschen wurden hier hineingestoßen, als der Ponte Tower noch Zentrum des Drogenhandels war

Im bösesten Hochhaus der Welt Früher lebten hier die reichen Weißen von Johannesburg. Dann wurde das Gebäude Drogentreff. Jetzt soll es für die Fußball-WM hergerichtet werden: Kein Gebäude ist so eng mit der Geschichte Südafrikas verbunden wie der Ponte Tower

Von Christian Putsch

D

Menschen im Fahrstuhl. Die Investoren wollen den Ponte Tower wieder zur Luxusadresse machen. Dafür müssen die Armen aber erst mal raus

as Fenster im 52. Stockwerk ist verschweißt. Dahinter der Schlund in die Tiefe, ein dunkler Zylinder in den Kern des Hochhauses. Der Staub der Jahrzehnte hat sich mit dem Glas vereint. Zusammen verzerren sie den Blick in das Rund, schützen vor dem Blick auf den vermüllten Boden, 170 Meter weiter unten. Es ist, als habe sich alles Böse von Johannesburg in dieses Gebäude gedrängt. Die Scheiben und Mauern hat dieser Kampf ergraut. Sie haben nicht alles abhalten können. Das Böse lässt sich nicht verschweißen. Es rüttelt an Zehntausenden Fenstern, ein Stockwerk tiefer hat es einige aufgestoßen. Vor drei Jahren zog es zuletzt einen ins Nichts. Drei bis vier Sekunden dauert der Fall. Der Aufprall hallt dumpf in den runden Mauern, erzählten Bewohner später. „Selbstmord“ steht auf dem Totenschein. Genug sind hier hineingestoßen worden. „Iiiish“, sagt Kagiso, der Wachmann. Und noch einmal „Iiiish“, der Klagelaut der Südafrikaner. „Es sind viele schlimme Dinge in diesem Gebäude passiert.“ Vor sieben Jahren hat ihn das größte Wohnhaus der südlichen Hemisphäre

aufgesaugt. Er hat zusammen mit Dutzenden anderen Wachmännern den Organismus des Ponte-Turms zu reinigen versucht. Kagiso ist weit gekommen. Aber der Kampf ist noch nicht gewonnen. Das Böse wohnte zu lange in Johannesburg, 1 Lily Avenue. Es will nicht einfach so aus den 470 Apartments ausziehen. Trotz der Zwangsräumung. Die Geschichte dieses Gebäudes ist so eng mit der Südafrikas verbunden wie die keines anderen. Ein Haus, inmitten der Stadt, ihr Spiegel, erzählend vom Auf und Ab Johannesburgs, von politischen Umbrüchen – und zuletzt von der Hoffnung, mit der das Land die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 erwartet. Exakt ein Jahr ist es noch bis zur größten Sportveranstaltung der Welt. Der Kampf für eine erfolgreiche Ausrichtung wird auch hier ausgetragen. Am Anfang war die Suche nach Überlegenheit. 1975 erbauten südafrikanische Architekten das Monstrum als Statussymbol der Apartheid. 467 möblierte Wohnungen am Rande des damals so hippen Szeneviertels Hillbrow. Der erste runde Wolkenkratzer der Welt. Ein 54 Stockwerke hohes Ausrufezeichen. Sie nannten ihn Ponte City, was auf Portugiesisch Brücke heißt. Eine Brücke zum Himmel, von dem man nicht hinabsteigen musste: Der achte Stock bestand aus 50 Geschäften. Ponte City, eine Stadt in einem Haus. Die ersten, ausschließlich weißen Bewohner zogen in die Luxusapartments ein, als die Welt erschüttert den Tod von über 500 schwarzen Jugendlichen diskutierte – sie hatten 15 Kilometer weiter südlich in Soweto gegen die Einführung von Afrikaans als Schulsprache demonstriert. Wer hier oben wohnte, der sah so etwas nicht. Kagiso schließt das Vorhängeschloss zum Penthouse-Flur auf. Hier lebten die Reichsten der Reichen: Sechs Luxuswohnungen erstrecken sich vom 52. bis 54. Stockwerk, im Kreis um den hohlen Kern des Gebäudes. Sauna, Bar, oben eine Freifläche zum Grillen. Direkt unter dem Dach, dem Himmel so nah. Neben dem Eingang zur ersten Wohnung sind die Fenster eingeschmissen. Drinnen verklebter Teppich, das Braun der Siebzigerjahre. Sauna und Bar sind zerschlagen. Ganz hinten in der Ecke überall Rot, wild an eine Wand gespritzt. Blut? Kagiso zuckt mit den Schultern. Erst bis zum 34. Stockwerk ist das Gebäude vollständig renoviert. Darüber sind einige Etagen bewohnbar, hier oben aber hat seit Jahren niemand mehr Miete bezahlt. Jeder Quadratmeter erinnert noch heute an den Verfall des Ponte Tower – und mit ihm Johannesburgs. In den Achtzigerjahren bröckelte der Group Areas Act, die Politik der örtlichen Rassentrennung wurde immer weniger von der Polizei verfolgt. In den schwer

zu kontrollierenden Straßenschluchten von Hillbrow entstand die erste „graue Zone“. Spätestens zu Beginn der Neunzigerjahre jedoch, am Ende des Apartheidterrors, verlegten immer mehr Unternehmen ihre Büros in die nördlichen Vororte. Der African National Congress (ANC) von Nelson Mandela kam an die Macht und mit ihm Dutzende seiner Spitzenpolitiker, die nach der Rückkehr aus dem Exil tief in der Schuld von Staaten wie Nigeria, dem Kongo oder Mosambik standen – dort war ihnen Asyl gewährt worden. Sie unternahmen kaum etwas gegen den Strom illegaler Flüchtlinge, der Richtung Südafrika zog. Nirgends zeigte sich das deutlicher als in Hillbrow und Ponte City. Von Morden, Prostitution und organisiertem Drogenhandel verschreckt, zog das Kapital aus. Die Polizei traute sich nur noch selten und wenn, dann in Hundertschaften in das Gebäude – in dem vor allem nigerianische Rauschgiftkartelle die Kontrolle übernahmen. Mit der Gegend verwahrloste Ponte City zum gefährlichsten Hochhaus der Welt. Eine Brücke zur Hölle. In seinem hohlen Innenraum stapelte sich der Müll drei Stockwerke hoch. Noch heute sind die dunklen Spuren an den Wänden zu erkennen. Was blieb, war der Blick. Aus 150 Meter Höhe sieht man die eingeschmissenen Fensterscheiben der Nachbarschaft nicht. Und es war der Blick aus dem Penthouse mit den verschmierten Wänden, der den Rettungsversuch von Ponte City eingeleitet hat. Nicht einmal einen Kilometer entfernt steht das fertig renovierte Ellis-Park-Stadion. Am Sonntag eröffnet Gastgeber Südafrika dort gegen Asienmeister Irak den KonföderationenPokal, in einem Jahr wird dort eines der WM-Viertelfinalspiele stattfinden. Von hier oben wirkt es wie nebenan: Winzig ist durch zwei Tribünen hindurch eine der Eckfahnen zu erkennen. In Stadien wie diesen versucht Südafrika zusammenzuwachsen. Als das Land 1995 die Rugby-WM ausrichtete und auch noch gewann, überreichte Nelson Mandela dem weißen Rugby-Kapitän Francois Pienaar die Trophäe. Die Nation feierte vereint. Südafrika wurde Gastgeber des Afrika-Cups im Fußball und der WM im Kricket – doch das große Ziel war immer die Fußball-WM. Ende der Neunzigerjahre, während der erfolglosen Bewerbung für die WM 2006, startete ein 80 Millionen Euro teures Investitionsprogramm für die Gegend um Ponte City. Die Bewerbung scheiterte, doch Südafrika war haushoher Favorit für die WM 2010. In diesem Wissen übernahm die Kingston-Gruppe das Gebäude. Der Plan schien aufzugehen, am 16. Mai 2004 bekam Südafrika den Zuschlag. Hillbrow, so viel war klar, +

musste sich nun im großen Stil verändern. Tatsächlich wurde in die Gegend investiert, die Polizei erhöhte ihre Präsenz und baute Hunderte Kameras zur Überwachung öffentlicher Plätze ein. Seit der ersten Stunde war Kagiso dabei. Der Hüne lehnt sich gegen eine der Fensterscheiben. „Iiiish, es war nicht einfach. Wir konnten auch nicht alle Verbrecher auf einmal rauswerfen, dafür war es zu gefährlich.“ Oft riefen er und seine Leute die Polizei zu Hilfe, immerhin sei kein Wachmann getötet worden. Die Investoren richteten ein elektronisches Eingangssystem ein. Keine Chipkarte, kein Einlass. Doch noch immer tauschten Gangster die Karten untereinander aus. Erst als vor zwei Jahren ein Zugangssystem mit einem Fingerabdruckscanner eingebaut wurde, bekam die Wachtruppe um Kagiso den Turm unter Kontrolle. Widerwillig ruckelt der Aufzug in die Tiefe. Baujahr 1975. Auf Stockwerk 42 steigt eine kräftige Frau mit ihrem kleinen Jungen ein. Kagiso muss die Tür aufhalten, die Lichtschranke ist kaputt. Er grüßt, sie scherzt. Neulich hätten die Aufzüge nicht funktioniert, es gibt nur zwei für die Stockwerke 35 bis 51. Sie sei gelaufen. „Iiiish, 20 Minuten hat das gedauert. Dann lieber stecken bleiben.“ Seit 2003 wohnt ihre Familie hier. „Es ist ein sicherer Ort geworden, und wir genießen jeden Morgen, wenn wir aus dem Fenster schauen.“ Sie hat Zeit zu erzählen, der Fahrstuhl ist über eine Minute unterwegs. Eigentlich sollte ihre Familie längst weg sein. Mit umgerechnet 230 Euro Miete für 90 Quadratmeter ist kein Geld zu verdienen. Die Armen sollten raus. Doch ein belgischer und ein südafrikanischer Investor, die das Gebäude vor zwei Jahren für elf Millionen Euro übernehmen wollten, hatten sich verspekuliert. Denn nichts anderes ist das Geschäft mit den Erwartungen an die WM 2010 – Spekulation. Keiner weiß, ob nach der WM weiter in die Gegend investiert wird. Die beiden Geschäftsleute gingen das Risiko ein und begannen, aus den Apartments Luxuswohnungen zu machen. Doch kaum einer wollte kaufen oder die dreifache Miete der umliegenden Häuser bezahlen. Nicht einmal zur Hälfte ist Ponte City heute bewohnt. Vor einem halben Jahr ging den Investoren das Geld aus, das Geschäft wurde rückgängig gemacht. Zurück bleibt das Hochhaus, von außen freundlich renoviert, von innen oft noch grausam verfallen. Halb in der Vergangenheit, halb in der Zukunft. Die Besitzer suchen einen neuen Käufer. Kagiso sagt, der Innenraum müsse angestrichen werden. Und dann der Müll, „er liegt fast einen Meter hoch“. Die Menschen schmeißen ihn weiter in den Kern. Sie haben nie damit aufgehört.

Kommt ein Mann zum Arzt und sagt: „Ich möchte gern aussehen wie Boris Becker!“ Kann man sich das vorstellen? Och nö. Doch wenn es nach dem Gesetz der neuesten Schwachsinns-Serie im Fernsehen geht, dann ist die Szene gar nicht so weit hergeholt. Als Amerika-Freundin ist es mir fast unangenehm zu verraten, dass die Sendung „I Want A Famous Face“, die der Musiksender MTV auch bei uns zeigen möchte, aus den USA stammt. Es gibt Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, die von derartiger Kulturlosigkeit zeugen, dass einem ganz weh ums Patriotenherz wird. Sicher, das Antidiskriminierungsgesetz greift allenthalben, aber muss man deswegen auch der Dummheit freien Lauf lassen? Konnte man der telegenen Verwandlungsshow zum schönen Schwan, die vor ein paar Jahren lief, noch einen menschenfreundlichen Ansatz abgewinnen, weil die Natur ja tatsächlich nicht immer wohlmeinend bei der Verteilung von optischen Möglichkeiten vorgeht, so ist die Vorstellung, dass sich junge Leute operieren lassen, nur um dem Aussehen ihrer Idole näherzukommen, doch bizarr. Wozu gibt es Schminke, Perücken, falsche Zähne? Nun sind wir, was die Zurschaustellung vor laufender Kamera angeht, mittlerweile abgebrüht, und man darf vielleicht auch nicht unterschätzen, was es für Menschen, die ein komplett höhepunktloses Dasein abspulen, bedeutet, einmal die große Aufmerksamkeit zu gewinnen. Egal wie. Aber die Vorstellung, dass demnächst lauter Angelina-Jolie-Klone durch Neumünster oder Oberursel streifen oder noch mehr Borisse bei RTL heiraten, das ist zu viel. Und auch furchtbar gestern. Der Celebrity-Kult ist nämlich vorbei. Bei Schlecker bleibt schon das Victoria-Beckham-Parfüm liegen. Und wie geht das Thema eigentlich zu Ende? Was ist, wenn sich zum Beispiel herausstellen sollte, dass Angelina Jolie eine Ziege ist und von Brad Pitt verlassen wird, weil er doch Jennifer Aniston lieber hat? Zurück in die Sendung, noch mal operieren? Ich habe ja ein Faible für humorige Postkarten. Da gibt es eine, auf der zwei (gezeichnete) Frauen im Bikini am Wasser stehen, die eine hat auf ihrem knackigen Hintern ein großes Tattoo. Der Hintern der anderen Frau verläuft in welligen Polstern, irgendwo dazwischen lässt sich ein blauer Fleck ausmachen. Wohlwollend blickt sie zur Nachbarin und sagt: „Meines war auch mal ein Adler!“ Soviel zum Thema Nachhaltigkeit. Was mich in diesem Zusammenhang noch in-

Inga Griese

teressieren würde: Wenn man sich zu, sagen wir Madonna, umarbeiten lässt, muss man dann auch so leben? Und so schlecht altern? Ich bin ja mehr für die kleinen Tricks. Also: „Bitte einmal Boob Job und zwei Mal Tummy Tuck!“ Man kann Schönheit auch mit Humor nehmen und trotzdem wirksame Produkte offerieren. So sieht es die gebürtige Griechin und Wahl-Londerin Maria Hatzistefanis mit ihrer Marke Rodial. Boob Job und Tummy Tuck klingen im Englischen schön zweideutig, so ganz ohne sind die Mittel auch nicht. Mit dem Boob erlebt das Dekolleté ungeahnte Bereicherung, währen der Tuck für das Gegenteil zuständig ist, die Fettreduzierung am Bauch. Gähn, Wundermittel? Die Firma Talika hat auch gerade ein Bust Serum auf den Markt geworfen, das binnen vier Wochen eine glatte Körbchengröße mehr verspricht. Mag man ja kaum glauben. Heißt ja auch nicht auf ewig. Aber ein Abend reicht ja manchmal schon. Und wer je lippenpolsternde Lippenstifte ausprobiert hat, kann den Effekt von kosmetischen Produkten nachvollziehen. Das, was vor 20 Jahren operatives Facelift brachte, erledigen heute Botox- und Collagen-Spritzen. Analog hat sich die Hautpflege weiterentwickelt. Maria Hatzistefanis bedient sich für ihre erfolgreichen Rodial-Produkte der Erfahrungen ihrer griechischen Großmutter, die aus Granatäpfeln Kosmetik in der Küche kochte. Damit sieht man dann nicht automatisch aus wie Boris Becker. Das perfekte Dekolleté unter: welt.de/figur

Wenn die BikiniWahrheit naht, gibt es Unterstützung für den Po von Rodial

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