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Wintersemester 09 / 10 Experimentelle Architektur 1

ARCHITEKTUR DES MÖGLICHEN

reuse - Mazda 323 - Recycling in Dharavi (Indien) Christian Hämmerle, 0618500, christian.haemmerle@student.uibk.ac.at

./studio 3 - Prof. V. Giencke Institut für experimentelle Architektur


SCHNITTE DURCH DEN SCHEINWERFER OHNE KONTEXT Schnitt Schnitt Schnitt Schnitt

D A B C


Schnitt D ExArch WS 09


Schnitt A ExArch WS 09


Schnitt B ExArch WS 09


Schnitt C ExArch WS 09


DHARAVI, MUMBAI, INDIA


Vermutlich ist Dharavi das größte Slum in ganz Asien, es liegt in Mitten der Metropole Mumbai. Die Einwohnerzahlen zwischen 600.000 und 1 Million können nur auf Grund von Hochrechnungen geschätzt werden. Mumbai (bis 1995 Bombay) ist die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra und ist gleichzeitig die wichtigste Hafenstadt des Subkontinents. Sie liegt auf der Insel Salsette, vor der Westküste Maharashtras. Das Stadtzentrum befindet sich auf einem schmalen Landstreifen. Die Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum Indiens. Sie ist Verkehrsknoten und gleichzeitig Kulturzentrum. Mumbai ist eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt mit ca. 13,9 Millionen Einwohnern (Stand 2009) in der eigentlichen Stadt und ist die fünftgrößte Metropolregion der Welt mit 21,3 Millionen Einwohnern (Stand 2009). Mumbai ist geprägt von einem enormen Bevölkerungszuwachs, so hat sich die Zahl der Einwohner von 1911 (schon über 1 Million Einwohner) bis 1991 verzehnfacht. Ursprünglich befand sich Dharavi am Stadtrand und wurde nach und nach von Siedlungen umwachsen. Heute befindet sich Dharavi, unüblich für ein Slum, in Mitten der Stadt und ist auf zwei Seiten von wichtigen Eisenbahnlinien eingepfercht, der Western und Central Railway, welche wichtige Verbindungen der Stadt darstellen. Dharavi erstreckt sich auf einer Fläche von 2 km2 und wird von zwei bedeutenden Ost-West Verbindungen der Stadt (Sion und Mahim Link

Roads) tangiert. Das Viertel war nicht immer ein Slum, so wurde es ursprünglich von Fischern bewohnt, die sich ihren Lebensunterhalt in den zahlreichen Wassergebieten verdienten. Nach der Trockenlegung Mumbais verloren sie ihre Lebensgrundlage, gleichzeitig siedelten immer mehr Menschen aus der Region und später aus ganz Indien in der Stadt an. Dharavi ist heute ein kultureller, religiöser und sozialer Schmelzpunkt und besteht aus mehr als 100 sogenannten „Nagars“ (Nachbarschaften). In Dharavi leben nicht nur Menschen der untersten Schichten, es wohnen und arbeiten immer mehr Menschen der mittleren Schicht im Viertel, da sie sich aufgrund von extrem teuren Grundstückspreisen in der Stadt keine Wohnung leisten können. Dharavi stellt trotz aller Armut und der unvorstellbaren hygienischen Verhältnisse gleichzeitig ein bedeutendes (inoffizielles) Wirtschafts- und Recyclingzentrum der Stadt dar. Zahlreiche Gerbereien, Juweliere, Bäckereien und Töpfereien sind hier im Erdgeschoß der Hütten angesiedelt, im Stock darüber leben meist mehrere Menschen auf engstem Raum. Diese kleinen Unternehmen sind von entscheidender Bedeutung für Mumbai, so werden unzählige Produkte in Dharavi hergestellt, anschließend weiterverarbeitet und teils in die ganze Welt exportiert. Das Recyclingviertel erwirtschaftet jährlich ca. 700 Mio. Dollar und hilft gleichzeitig, dass die Stadt Mumbai nicht im Müll erstickt.


Heute bestehen Pläne, die Slumhütten von Dharavi abzureißen und teilweise durch soziale Wohnbauten zu ersetzen. Anstelle der Hütten sollen Hochhäuser errichtet werden, und jede Familie, die einen Grund im Slum besitzt soll als Ablöse eine 21m2 große Wohnung erhalten. Auf den übrigen freien Flächen werden Wirtschaftsgebäude errichtet. Allerdings gibt es auch einige negative Aspekte bei diesen Plänen. So sind in Dharavi nur knapp die Hälfte der Bewohner auch Grundbesitzer, die andere Häfte müßte laut Plan abgesiedelt werden und landet somit auf der Straße. Ebenfalls ist nicht geklärt was mit den unzähligen Unternehmen passieren soll, die zur Zeit optimal für den Handel gelegen, im Erdgeschoß der Hütten untergebracht sind. Kritiker befürchten daher, dass die an sich positiven Pläne zur Verbesserung der Lebensqualität missbraucht werden um so schnell und einfach an wertvolle, zentral gelegene Flächen zu kommen.


RECYCLE - REUSE


„Mit dem Begriff Recycling bzw. Rezyklierung wird der Vorgang bezeichnet, bei dem aus Abfall ein Sekundärrohstoff wird. Recycling “(ist) jedes Verwertungsverfahren, durch das Abfallmaterialien zu Erzeugnissen, Materialien oder Stoffen entweder für den ursprünglichen Zweck oder für andere Zwecke aufbereitet werden. Es schließt die Aufbereitung organischer Materialien ein, aber nicht die energetische Verwertung und die Aufbereitung zu Materialien, die für die Verwendung als Brennstoff oder zur Verfüllung bestimmt sind.“ Die Anfänge des heutigen Recyclings lassen sich bereits im antiken Rom finden: so wurden dort Exkremente eingesammelt und den Bauern im Umland verkauft. Bis zur industriellen Revolution wurde beinahe alles vom Lebensmittelabfall bis hin zu Holz- Metallabfällen wiederverwendet. Eine durchschnittliche Familie besaß vor der industriellen Revolution ca. 150 Gegenstände, diese Zahl explodierte nach der Revolution auf ca. 20.000 Dinge. Gleichzeitig stieg dadurch auch die Müllbelastung enorm an. Erst 1961 wurden beispielsweise in Deutschland die Probleme der Müllbelastung erkannt und es wurden in den darauffolgenden Jahren diverse Verbände zur Müllentsorgung und Abfallgesetze ins Leben gerufen. Seit der Initiierung des Europäischen Abfallkatalogs 1993 wird versucht den Müll zu vermeiden, wenn dies nicht möglich ist ihn zu verwerten und sich erst im letzten Schritt mit der Deponierung zu arrangieren. Prinzipiell kann beim Thema Recycling zwischen Downcycling und Upcycling unterschieden werden. Ersteres bedeutet, dass ein Material nach dem Recycling Prozess nicht mehr die Qualität bzw. Verarbeitbarkeit erreicht wie bei seiner Primärherstellung. Im Gegensatz dazu wird beim Upcycling nach dem Prozess ein hochwertigeres Produkt erreicht als zuvor. Daneben ist auch zu beachten, dass die Wiederverwendung von Gegenständen dem Recycling vorzuziehen ist, da der Energieaufwand geringer ist. „Wiederverwendung ist das Prinzip, Aufwand und Material einzusparen, indem ein an einer Stelle nicht mehr benötigter (und damit erneut verfügbar gewordener) Gegenstand an anderer Stelle eingesetzt wird. Durch diese Vorgehensweise erspart man die Vernichtung (auch Zerlegung oder Beseitigung) des nicht mehr benötigten Gegenstands und die Erstellung einer neuen Instanz.“ Mumbais Abfallsystem gilt als eines der effektivsten der Welt. Nur schon in Dharavi haben ca. 200.000 Menschen einen Arbeitsplatz im Recyclinggeschäft, jährlich werden 700 Mio. Dollar erwirtschaftet. In über 15.000 Werkstätten in den kleinen Gassen des Slums werden aus Müll Verkaufswaren gemacht. Unzählige weitere Menschen verdienen sich ein Zubrot, in dem sie in der ganzen Stadt Mumbai Müll sammeln und diesen dann an Altwarenhändler verkaufen. Die Altwarenhändler sortieren und verpacken


das Gesammelte und transportieren es weiter, rund 90% des Plastik- und Metallabfalls gelangt so nach Dharavi. Im nächsten Recycling Schritt wird Plastik gewaschen, getrocknet und anschließend zu Flocken gemahlen, die wiederum gewaschen, getrocknet und dann zu Körner oder Pellets geschmolzen werden. Die Körner und Pellets werden von kleinen Unternehmen aufgekauft und zu Plastiksäcken, Rohren, Eimern oder Platten weiterverarbeitet. Altmetall durchläuft einen ähnlichen Kreislauf. Innerhalb von nur drei bis sieben Tagen wird so aus einem weggeworfenen Plastiksack ein neues Produkt. In Mumbai werden durchschnittlich 7000 Tonnen Müll pro Tag produziert, ein großer Teil davon, ca. 5000 Tonnen ist wieder verwertbar oder abbaubar. Der Rest besteht hauptsächlich aus Bauschutt und Erde. Das enorme Recycling Potential der Stadt wurde jedoch lange Zeit von der Stadtregierung nicht erkannt. Erst nach Überflutungen in den Jahren 2005 und 2007, wo enorme gesundheitliche Probleme durch angeschwemmten Müll hervorgerufen wurden, unternahm die Regierung Maßnahmen zur Müllentsorgung. Heute werden zahlreiche Initiativen zum Thema Recycling offiziell unterstützt, Mumbai erhält neben Finanzhauptstadt und Stadt der Träume nach und nach auch das Prädikat „Recyclingparadies“. Allerdings sind damit bei weitem nicht alle Probleme in Mumbai und besonders in Dharavi gelöst: unmenschliche Arbeitsbedingungen sind nach wie vor Standard in den Werkstätten, giftige Gase und Schwermetalle gefährden die Gesundheit vieler Menschen im Slum. Und dennoch sehe ich die aktuelle Entwicklung von Dharavi überwiegend positiv. Meiner Meinung nach sollte das enorme Recycling Potential weiter ausgebaut werden und vermehrt auch zur Verbesserung der Lebensumstände im Slum genutzt werden. Mit einem respektvollen Umgang mit bestehenden Strukturen und Abläufen im Hinterkopf, könnte versucht werden die Slumgebäude sinnvoll zu verbessern und zu ergänzen. So könnten beispielsweise recycelte Stoffe als Baustoffe vermehrt verwendet werden und so quasi eine Erneuerung des Viertels aus sich selbst heraus passieren. Um diese Schritte einleiten zu können, muss jedoch zuvor die Stadtregierung davon überzeugt werden, dass ein Abriss des Viertels die Probleme in keiner Weise lösen, sondern die Probleme höchstwahrscheinlich nur an die Peripherie der Stadt verlagern. Ich bin der Überzeugung, dass Dharavi hier also Vorreiter wirken kann und andere „shanty-towns“ in aller Welt dem Modell folgen. Beispielsweise ist das Modell der Microunternehmen, wie es sie in Dharavi an jeder Ecke gibt, in Asien ein immer erfolgreicheres Wirtschaftsmodell.


SCHEINWERFER & KONTEXT


Eine zentrale Schnittstelle stellt meiner Meinung nach daher die Kommunikation zwischen Slumvertretern, Stadtplanern und Investoren dar. So wird von Seiten der Stadtplaner und Investoren derzeit leider wenig unternommen, um die Situation für alle beteiligten zufriedenstellend zu lösen. Gleichzeitig wird den Bewohnern von Dharavi keine Plattform geboten, um über die Zukunft ihres Zuhauses mitzubestimmen. Der Scheinwerfer übernimmt in meinen Überlegungen genau diese Funktion: er soll als Plattform für Gespräche und Verhandlungen zwischen den drei Parteien genutzt werden. Das Scheinwerfer Gebäude wird in erster Reihe in die bestehenden Slum Struktur im Norden von Dharavi eingepflanzt und stellt somit eine (räumliche) Schnittstelle zwischen Slum und umliegender Stadt dar. Er befindet sich genau in der Sichtachse der Sion Bandra Link Road, eine der Hauptstraßen der Stadt. Der Scheinwerfer stellt einen Gegenspieler zum am gegenüberliegenden Ende der Straße befindlichen Hauptgebäude der Maharashtra Housing And Area Development Authority (Mhada) dar. Diese staatliche Behörde hat u.a. die Aufgabe Slum Entwicklungspläne für die Region Maharastra zu erarbeiten. Der Scheinwerfer wird mit einem unterdimensionierten Fundament errichtet und wird daher seitlich zur Stabilisierung und Befestigung mit der Slumstruktur verbunden. Wird die bestehende Slum-Struktur durch Abriss verändert, so verliert der Scheinwerfer seine Festigkeit und kippt um.

Airport Mhada

Sion Bandra Lk. Rd.

Bauplatz

Dharavi

N Gateway of India


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SCHNITT IM KONTEXT


RECYCLING - REUSE IN DER ARCHITEKTUR (AUSWAHL)


QUELLEN: de.wikipedia.org/wiki/Dharavi (12.2.2010) de.wikipedia.org/wiki/Mumbai (12.2.2010) www.superuse.org www.trashformaciones.org http://www.woz.ch/artikel/rss/17326.html (26.02.2010) http://www.guardian.co.uk/environment/2007/mar/04/india.recycling (26.02.2010) http://en.wikipedia.org/wiki/Reuse (20.02.2010) http://de.wikipedia.org/wiki/Recycling (22.02.2010) http://www.stylinrooms.de/wohnen/architektur/news/article//architektur-biennale-in-v.html (10.02.2010) http://www.time.com/time/asia/covers/501060619/slum.html (13.02.2010) http://www.nationalgeographic.de/reportagen/topthemen/2007/dharavidie-schattenstadt (13.02.2010) http://www.dharavi.org/ (28.12.2009) http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/468074 (12.01.2010) http://lebbeuswoods.wordpress.com/2008/01/28/slums-what-to-do/ (12.01.2010) http://mocoloco.com/archives/002572.php (01.03.2010) http://www.metro.co.uk/news/114218-the-answer-to-britains-housingproblem (01.03.2010) http://www.apartmenttherapy.com/uimages/chicago/2008-07-07stairs1.jpg (01.03.2010) http://www.sonnyradio.com/redneckmansion.htm (01.03.2010) http://www.inhabitat.com/2008/07/07/skinners-playground-kidscapemade-from-shipping-containers/ (01.03.2010) http://aulabierta.info/ (01.03.2010) http://www.inhabitat.com/2010/02/17/beautiful-shipping-containersunset-observatory-rises-in-south-korea/oceanscope-shipping-containerobservatory-14/ (01.03.2010)


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