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Eine Erklärung auf einem unbeschriebenen Blatt Papier Sehr geehrter General Prayuth Chan-Ocha, obwohl ich auf diesem Blatt nichts weiter als meinen Vornamen, meinen Namen und meine Schülernummer vermerkt habe, habe ich doch beschlossen, es zur Zwischenprüfung im Fach Staatsbürgerpflichten einzureichen. Ich habe dieses unbeschriebene Blatt jedoch nicht den Prüfern, sondern Ihnen, General Prayuth Chan-Ocha, vorgelegt, dem Chef der thailändischen Junta. Dieses unbeschriebene Blatt ist Ausdruck meiner ablehnenden Haltung gegenüber einem Fach, das Ihre Junta-Regierung dem thailändischen Bildungssystem aufgezwungen hat. Das Fach Staatsbürgerpflichten ist nichts als eine Form der Propaganda. Es lässt Schüler nur ein einziges „wahres“ Wertesystem hinunterwürgen, fördert Intoleranz gegenüber Kritik an der Regierung und verwirft die freie Meinungsäußerung als etwas, das entbehrlich sein soll. Ich erinnere mich genau, wie in einer der Prüfungsfragen Schüler­ aktivisten, die für ihre Anti-Junta-Aktionen festgenommen und ins Gefängnis geworfen worden waren, angeprangert wurden; sie zersetzten thailändische Werte, hieß es dort. Ich fühlte mich gelähmt, außerstande, irgendwelche Erklärungen zugunsten der Junta zu Papier zu bringen. Ich konnte mich nicht dazu überwinden, die Frage zu beantworten, die für meine Freunde, die über zehn Tage im Gefängnis festgehalten worden waren, ein Schlag ins Gesicht war. Ihre Junta-Regierung will sich zum Diktator der Moral aufschwingen, indem sie den Menschen die „12 Werte des thailändischen Volkes“ aufoktroyiert, um ihnen beizubringen, was richtig und falsch sein soll. Ich frage mich, wie ein derart ungerechter Führer sich als der heilige Bischof des Landes sehen und die Schüler nötigen kann, gegen ihren Willen diese seine Werte zu schlucken. Ich weigere mich daher, in diesem Propagandafach eine Prüfung abzulegen, und verurteile damit die Bestrebungen der Regierung, der Gesellschaft bestimmte Werte aufzuzwingen.


Ich glaube fest daran, dass ich nicht die Einzige bin, der die Qual unterdrückter Gedanken zu schaffen macht, auch wenn ich die Einzige bin, die aufsteht, um diesem Unrecht entgegenzutreten. Die Botschaft meines zivilen Ungehorsams ist kurz und bündig: „Ich erkenne den tyrannischen Moraldiktator nicht an.“ Mein ziviler Ungehorsam beruht auf einer Entscheidung, die nicht etwa spontan, sondern wohldurchdacht und bewusst getroffen wurde. Ich bin daher bereit, in dieser Prüfung durchzufallen – ohne Wenn und Aber. Ich habe Respekt vor meinen Lehrern, die unvoreingenommen und bereit waren, sich zu verschiedenen Themen mit mir auszutauschen. Mein Vorgehen ist also nicht dazu gedacht, Hass und Konflikte zu schüren, sondern meine Überlegungen und meine Ablehnung gegenüber diesem Propagandafach zum Ausdruck zu bringen. Ich muss zugeben, dass ich zunächst erwogen hatte, diese Prüfung ganz normal abzulegen und Dinge zu schreiben, die meinen Überzeugungen zuwiderlaufen – nur, um zu bestehen. Und doch konnte ich meinen Glauben nicht verraten – wie auch den Glauben jener nicht, die die Petition in meiner Kampagne gegen die von der Junta aufgenötigten „12 Werte des thailändischen Volkes“ unterzeichnet hatten. Schließlich entschied ich mich zu diesem Akt zivilen Ungehorsams und schreibe nun diese Erklärung, um meine Gedanken darzulegen und meiner Entschlossenheit Ausdruck zu geben. Mit freundlichen Grüßen Nattanan Warintarawet


The Statement from a Blank Paper Dear Gen. Prayuth Chan-Ocha, Having written nothing but my name, surname and student number on the paper, I decided to submit it for the Civic Duty subject’s midterm exam. I did not submit this blank paper to the exam scorers. On the contrary, I submitted this blank paper to you, Gen.Prayuth Chan-Ocha, the leader of Thailand’s junta. This blank paper represents my sentiment of disapproval of the subject, which was forced into the curriculum of Thailand’s education system by your junta government. The Civic Duty subject is nothing but a form of propaganda: it forces only one set of “true” values down the students’ throats, promotes intolerance towards criticisms against the government, and condemns free speech as unnecessary. I clearly remember how one question in the exam denounced the anti-junta student activists who were arrested and jailed, stating that they are undermining Thai values. I was paralyzed, unable to force myself to write pro-junta statements on the paper. I couldn’t force myself to answer the question that insulted my friends that were held captive in jail for more than ten days. Your junta government tries to become the dictator of morality by imposing the ‘12 values of Thai people’ to teach people rights and wrongs. I wonder how such an unrighteous leader could consider himself as the holy bishop of the country, forcing students to unwillingly ­swallow those values of his. I therefore refuse to take the exam on this propaganda subject in order to condemn the government’s effort to dictate the values of the society. I strongly believe that I am not the only one who suffers from the agony of thought suppression even though I am the only one who stands to oppose this unjust subject. The message of my civil disobedience is short and succinct: “I do not accept the tyrannical dictator of morality”


My civil disobedience has been decided not impulsively, but rather carefully and conscientiously. I am therefore willing to fail this exam unconditionally. I respect my teachers who have been open-minded and willing to exchange opinions with me on several subjects. Hence, this act of mine is not to cause hatred and conflict, but to express my thoughts and disapproval of this propaganda subject. I must confess that I initially thought of taking this exam normally, writing statements that are against my ideology in order to pass the exam. Nevertheless, I could not betray my own belief and the belief of those who had signed the petition in my campaign to oppose the junta-imposed ‘12 values of Thai people’. Finally, I decided to commit this act of civil disobedience, and write this statement in order to declare my thoughts and determination. Yours Sincerely, Nattanan Warintarawet


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Interview mit Nattanan Warintarawet 15. August 2015, Cloud Project Space, Bangkok Chitti: Zunächst möchte ich Sie bitten sich vorzustellen. Nattanan: Ich heiße Nattanan ‚Nice‘ Warintarawet. Ich bin M.6Schülerin [Mathayom 6, entspricht Klasse 12] an der Triam Udom Suksa School, einer staatlichen Schule in der Innenstadt von Bangkok. Ich bin siebzehn Jahre alt und werde in ein paar Tagen achtzehn. Ich bin eine ganz normale Schülerin, die vielleicht einfach etwas andere politische Ansichten hat als andere. Wie soll ich das sagen? Ich habe einen klaren politischen Standpunkt, der wahrscheinlich unter Teenagern in Thailand selten ist. Als Aktivistin habe ich mehrere Programme und Kampagnen geleitet. Als ich zum Beispiel in der M.4 [Mathayom 4, entspricht Klasse 10] war, haben ein paar Freunde und ich eine Aktivistengruppe mit dem Namen Siam Intel­ ligence Unit gegründet. Ich habe auch eine Zeitlang eine Kampagne gegen eine alte Verordnung bezüglich der Frisuren von Schulkindern (kurz geschnittene Haare) geleitet, als ich in der Mittelschule war. Ich habe mich für Demokratie engagiert, habe Gesprächsrunden und Veranstaltungen organisiert usw. Nach dem Staatsstreich von 2014 hat die thailändische Regierung dann die 12 Nationalen Grundwerte eingeführt. Als Reaktion auf diesen Regierungsbeschluss versuche ich – als Akt des Ungehorsams – der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass diese ganze Idee falsch ist. Moral sollte nicht staat­licher Kontrolle unterliegen, das ist unangemessen. Meine einjährige Amtszeit als Generalsekretärin der Siam ­Intelligence Unit ging Anfang des Jahres, im März, zu Ende, ich beteilige mich aber weiterhin an einigen Aktivitäten der Gruppe, allerdings mehr als Privatperson. Chitti: Ihr Interesse an Politik, wo kommt das eigentlich her? Nattanan: Meine Familie hat mein Interesse an Politik stark geprägt. Wir sind zu Hause sehr offen, was politische Ansichten betrifft. Das heißt nicht, dass wir immer einer Meinung sind, wenn wir über Politik sprechen. In den meisten Fällen können wir über jedes Thema sprechen und dabei auch jede Meinung gelten lassen. Schon in jungen Jahren haben mich meine Eltern zum Lesen ermutigt. So habe ich, während ich erwachsen wurde, vieles über viele Dinge gelesen.


Meine Neugier gegenüber der politischen Landschaft in Thailand enstand, als ich in der M.1 war [Mathayom 1, entspricht Klasse 7], vor fünf bis sechs Jahren. Ich las viele Artikel auf Thai zu politischen Themen und als ich irgendwann gut genug Englisch konnte, begann ich, Analysen und andere Artikel auf Englisch zu lesen. Chitti: Was ist von all den Büchern, die Sie bis jetzt gelesen haben, Ihr Lieblingsbuch? Nattanan: Sachbücher lese ich gar nicht so gern. Sie bedeuten mir wirklich nicht so viel. Andererseits lese ich sehr gern Belletristik. Meine Lieblingsromane sind zum Beispiel Haruki Murakamis Kafka am Strand und Margaret Mazzantinis Geh nicht fort. Beide Romane bieten mir vielfältige und interessante Weltsichten. Das ist so, als würde man Gelegenheit bekommen, hinter die innersten Gedanken vieler Figuren zu blicken, und irgendwie geht es vor allem um Gefühle, in vielen Aspekten des Lebens. Ihre Art zu denken lässt mich Menschen ganzheitlich begreifen. Ich lese allerdings auch gern ­Platons Politeia. Was mich ebenfalls beeindruckt, sind die Sokratischen Dialoge, wo Fragen nicht nur gestellt werden, um Antworten darauf zu finden, sondern auch, um ein grundlegendes Verständnis für bestimmte Dinge zu erhalten. Die sokratische Methode ist sehr alt, weit über 2000 Jahre, und sie ist doch zeitlos. Es ist schon erstaunlich, wenn ich mir vorstelle, dass die Menschen in der antiken Zivilisation sehr rational waren, während die Menschen heute viel zu emotional an alles herangehen. Chitti: Haben Sie schon Pläne, was Sie an der Universität studieren, in welchem Fach Sie Ihren Abschluss machen wollen? Nattanan: Ich möchte Wirtschaftswissenschaften studieren. Ich mag dieses Fach schon seit meiner Zeit an der Mittelschule. Ich ­glaube, Wirtschaft ist ein wichtiges Element, eine grundlegende Kraft zur Gestaltung der menschlichen Gesellschaft. Ich glaube, dass die Menschen am Anfang um des Überlebens willen zusammengehalten haben – und alles andere hat sich von dort entwickelt. Gemeinsam schaffen wir ein System, um arbeiten und Tauschhandel treiben oder andere Formen von Tauschgeschäften abwickeln zu können, und zwar mit ganz verschiedenen Mitteln, unter anderem mit Geld. ­Obwohl die


Weltwirtschaft heute vom Geld geprägt ist, bleibt ihr grundlegendes Konzept doch immer gleich. Ich denke, dass die Wirtschaftslehre eine starke Grundlage der Gesellschaftswissenschaften ist. Ich lese sehr viel zu wirtschaftlichen Themen. Am Anfang habe ich etwas gezweifelt. Zunächst dachte ich darüber nach, mich an der medizinischen Fakultät einzuschreiben und Ärztin zu werden, da ich schon Naturwissenschaften hatte und auch meiner Mutter der Gedanke gefiel, dass ich Ärztin werden könnte. Es ist einer der begehrtesten Berufe in diesem Land. Aber dann habe ich mir klargemacht, dass es schon sehr viele Ärzte in Thailand gibt und dass ich lieber das studieren sollte, was ich wirklich studieren will. Um glücklicher zu sein. Würde ich mich entscheiden, Ärztin zu werden, dann nur, weil das ein gesellschaflicher Trend ist. Medizin interessiert mich wirklich nicht so sehr, ich meine, ich könnte das studieren, aber ich glaube nicht, dass ich Spaß daran hätte. Chitti: Können Sie mir noch mal von dem Prüfungsvorfall berich­ ten? [Diese Frage bezieht sich auf eine Prüfung im Fach Staats­ bürgerpflichten. Bei dem Test ging es um die „12 Nationalen Grund­ werte“, und Nattanan gab ein leeres Blatt ab.] Nattanan: Ich gebe den Medien wirklich viele Interviews zu diesem Thema. Worum es mir bei dem Test geht, ist, dass die Frage eindeutig ein politisches Programm verfolgt. Sie ließ deutlich erkennen, auf welcher Seite der Lehrer, der den Test verfasst hatte, stand. Jeder, der diese Prüfung ablegen musste, wusste ganz genau, dass man mit der Beantwortung dieser Frage eine politische Weltanschauung unterstützt. Der Test wurde mit Blick auf eine bestimmte richtige Antwort konzipiert: Die Schüler müssen antworten, dass man, um ein guter Staatsbürger zu sein, die 12 Nationalen Grundwerte befolgen muss. Das Fach verfolgt an sich ein verborgenes Ziel. Früher hatten wir das nie. Es wurde erst eingeführt, nachdem der Nationale Rat für Frieden und Ordnung (NCPO) an die Macht gekommen war. Danach hatten wir einen komplett anderen Lehrplan. Bis dahin war es im Unterricht um Politikwissenschaft, um die Geschichte politischer Systeme, um Wahlen, die Mitglieder des Repräsentantenhauses, um die Senatoren, die Legislative, die Exekutive und die Judikative, um Checks and Balances, Gesetze usw. gegangen. Doch diese Themen


sind jetzt alle weg, und stattdessen müssen wir die 12 Nationalen Grundwerte lernen, das ist das Einzige, was man uns in diesem Fach beibringt. Es werden sogar Punkte für dieses Fach angerechnet, doch alles, was man tun muss, um zu bestehen, ist, diese Grundwerte zu lernen. Also machen wir nichts weiter, als Lieder und Fabeln kennenzulernen, die in irgendeiner Weise diese 12 Werte stützen. Zum Beispiel muss man, wenn man etwas über einen der Grundwerte lernt, diesen Wert mit einem Lied erklären. Die meisten Schüler finden das Fach total sinnfrei. Wir wissen nicht, was es soll, aber da es Punkte gibt, müssen wir eben die Prüfung ablegen. Chitti: Inwiefern sind Sie denn gegen den Staatsbürgerpflichten-Unterricht? Nattanan: Vor allem bin ich gänzlich gegen die Vorstellung, dass ­Moral einzig und allein vom Staat kontrolliert und gelenkt wird, dass es dem Staat obliegt zu entschieden, was für die Gesellschaft insgesamt gut und was schlecht sein soll. Ich glaube, das ist etwas Persönliches und es sollte nicht vom Staat diktiert werden, da uns die Gesetze ja schon einen Rahmen für unser Verhalten in der Gesellschaft und anderen gegenüber vorgeben, damit wir andere oder ihre Rechte nicht verletzen. Es ist nicht Aufgabe des Staates, in diesem Punkt irgendwelchen Verpflichtungen nachzukommen. Das Fach an sich ist falsch, wenn es den ganzen Unterricht nur darauf ausrichtet, die 12 Nationalen Grundwerte zu lernen. Wir sind bereits in der M. 6 – sind wir denn da nicht reif genug, um im Unterricht selbstständig zu denken, Dinge zu analysieren und zu kritisieren? Das ist keine Frage von richtig oder falsch, Moral ist nicht linear. Man sollte Menschen nicht anhand der 12 Nationalen Grundwerte als gut oder schlecht bewerten. Wenn es dem NCPO wirklich um die Erhaltung von Frieden und Ordnung ginge, dann bräuchte man hier auch keinerlei Zensur in Bezug auf die politische Ideologie, schließlich gibt es daran ja auch nichts Richtiges oder Falsches. Es sollte eine offene Frage sein, bei der es den Studenten freisteht, dafür oder dagegen zu sein. Frieden und Ordnung, wie der NCPO sie versprochen hat, lassen sich doch nicht dadurch schaffen, dass Schüler die Frage, wie man ein guter Staatsbürger wird, beantworten lässt, indem man sagt, sie müssen die 12 Nationalen Grundwerte befolgen.


Chitti: Wie ist es für Sie, in so einer Zeit in Bangkok zu leben? Nattanan: Bangkok ist der Mittelpunkt von allem. Hier wird alles zentralisiert und jeder bekommt in der Hauptstadt irgendwelche Privilegien. Die Einwohner der Stadt werden immer geschützt, wie etwa während des Hochwassers von 2011, als man das Wasser daran gehindert hat, die Innenstadtbereiche von Bangkok zu überfluten. Wenn das Wasser knapp ist, sind es immer die Bewohner der Regionalprovinzen, die zugunsten der Menschen in Bangkok Opfer bringen und für die Menschen in der Großstadt Wasser sparen müssen. Jedes Mal, wenn es eine Wirtschaftskrise gibt, sind es die Menschen aus den Provinzen, arme Menschen, Menschen vom Rand der Gesellschaft, die mit als erste davon betroffen sind, während die Mittelschichten in Bangkok kaum etwas davon zu spüren bekommen. Bangkok wird zu einer Sicherheitszone innerhalb des Landes. Ich glaube, die Stadt an sich ist schon interessant. Ich komme aus dem Süden und bin nur wegen der Schule nach Bangkok gezogen. Vielfalt und Zugang, darum geht es in dieser Stadt, und das bei reichhaltigen Ressourcen. Im Vergleich zu den Regionalprovinzen hat Bangkok bessere Schulen, bessere öffentliche Verkehrsmittel und bessere Lernressourcen. Es gibt viele Bibliotheken hier, und Kunstgalerien sind praktisch überall. Bangkok hat seinen Bewohnern beinah alles zu bieten. Und dennoch frage ich mich, warum das Leben in Bangkok so anders ist als in den Provinzen. Warum wird alles zentralisiert? Wäre es nicht möglich, dass die Städte in den anderen Provinzen in Zukunft auch so werden wie Bangkok? Warum tun wir nichts dafür? Sehen wir denn nicht, dass die Menschen, die jetzt in Bangkok leben, eigentlich aus den anderen Provinzen stammen? An langen Wochenenden oder zur Zeit des Jahresurlaubs ist die Stadt immer wie leergefegt, wenn die Leute alle nach Hause fahren. Chitti: Haben Sie noch Hoffnung für Thailand? Nattanan: Für Thailand … in einem gewissen Maß, schon. Wie ich auch früher schon gesagt habe: Wenn ich keine Hoffnung für dieses Land hätte, hätte ich wohl meine Schule abgeschlossen und wäre ausgereist, um im Ausland zu leben. Doch, ich habe Hoffnung für dieses Land. Wir sind in einer Übergangsperiode und erleben gerade den Konflikt zweier Ideologien. Die Menschen fühlen sich verloren


und suchen nun nach etwas, an dem sie sich festhalten, an das sie glauben können. Werden wir Frieden und Ordnung bekommen, wie der NCPO sie sieht, und keine Rechte auf irgendwas? Oder werden wir künftig einen anderen Weg einschlagen, wo es Meinungsfreiheit gibt, selbst wenn diese Freiheit Verunsicherung mit sich bringen mag? Es mag vielleicht keinen Frieden, keine Einheit geben. Aber wir werden die Macht haben, wir werden Demokratie haben. Ich glaube, die Thais versuchen gerade, sich selbst zu ergründen, um herauszufinden, was für eine Zukunft sie eigentlich wollen. Ich finde, dass ich großes Glück habe, in dieser Zeit zu leben; mir macht das überhaupt nichts aus. In den letzten zehn Jahren hat es viel politische Unruhe gegeben, all diese Geschichten von Rothemden und Gelbhemden. Ich habe einen Staatsstreich miterlebt, und zwar nicht nur ein-, sondern zweimal. Natürlich frage ich mich, warum ich in so eine schlechte Zeit hineingeboren wurde, aber wenn ich noch einmal ernsthaft darüber nachdenke, ist es doch eine einmalige Gelegenheit, den Wandel der thailändischen Politik zu beobachten. Ja, wir stecken tatsächlich in einem Kreislauf, in dem wir zunächst eine Regierung wählen und dann Zeuge werden, wie sie gestürzt wird. Aber die Dinge haben sich gewandelt. Und deshalb habe ich doch Hoffnung für Thailand. Letztendlich werden vielleicht alle erkennen, dass wir nicht ewig in einer Militärdiktatur leben können. Letztendlich sind wir alle Menschen – und Menschen wollen Freiheit. Chitti: Letzte Frage: Können Sie das Wort ‚Freiheit‘ definieren? Nattanan: Jeder hat ein Recht auf Freiheit. Ein Recht darauf, alles zu tun, was man möchte, solange man damit nicht das Recht auf Freiheit anderer verletzt. Zumindest hat jeder das Recht, sich ein Herrschaftssystem zu wählen, das die eigene Weltanschauung verkörpert. Die Freiheit an sich schadet der Gesellschaft nicht, solange jeder lernt, das Recht auf Freiheit anderer zu achten.


Interview with Nattanan Warintarawet August 15th 2015, Cloud Project Space, Bangkok Chitti: Firstly I would like you to introduce yourself. Nattanan: My name is Nattanan ‘Nice’ Warintarawet. I am an M. 6 student (mathayom 6, equivalent to grade 12) at Triam Udom Suksa School, a state school located in downtown Bangkok. I am seventeen years old, turning eighteen in a couple of days. I am just an ordinary student who might happen to have political attitudes differing from others. How should I put it? I have a distinct political viewpoint, which is probably rare among Thai teenagers. As an activist, I used to run some programs and campaigns. For example, when I was in M. 4 (mathayom 4, equivalent to grade 10) a group of friends and I formed an activist group named Siam Intelligence Unit. I also ran a campaign against an old school regulation regarding children’s hairstyles (short haircuts) when I was in middle school. So far I have campaigned for democracy by organizing talks, events, etc. After the 2014 Coup d’Etat, the Thai government launched “the 12 National Core Values.” In response to this governmental decision what I am doing as a disobedient act is trying to communicate to the general public that the whole idea isn’t correct. Morality should not be controlled by the state, it isn’t appropriate. My one-year-term as secretary-general at the Siam Intelligence Unit ended in March earlier this year, however I still continue to take part in some activities with the group, but more as an individual. Chitti: Your interest in politics, where does it come from? Nattanan: My family has had a strong influence on my interest in politics. At home we are very open-minded regarding political viewpoints. This doesn’t mean that we always agree with each other while discussing politics. Mostly, we can discuss all subject matters while respecting each and every one’s political standpoint. From a young age my parents encouraged me to read. So while growing up I read about lots of things. My curiosity about Thailand’s political landscape started when I was in M. 1 (mathayom 1, equivalent to grade 7), 5–6 years ago. I read many Thai articles about politics and when my English became fluent I started reading analysis reviews and other articles in English.


Chitti: Of all the books you have read up until now, which is your favorite book? Nattanan: I don’t enjoy reading non-fiction that much. It doesn’t really mean a lot to me. On the contrary, I do enjoy reading fiction. My favorite novels are for example Haruki Murakami’s Kafka on the Shore and Margaret Mazzantini’s Non ti muovere. Both novels provide me with diverse and interesting world views. It’s like getting a chance to discover the inner thoughts of many characters and somehow it is mainly about emotions in many aspects of life. Their ways of thinking make me understand human beings in a holistic way. However, I do enjoy reading Plato’s The Republic. I am impressed by the Socratic dialogue, where series of questions are asked not only so as to receive answers but also to get fundamental insights into an issue. This Socratic Method is ancient, at least 2000 years old, yet it is timeless. It’s amazing when I come to think of it, people of the Ancient World were very rational whereas today people seem to be too emotional about everything. Chitti: Do you have any plans about what you would like to study for your university degree? Nattanan: I want to study economics. I have enjoyed this subject since I was in middle school. I think economics is an important element as a major force that forms human society. In my opinion, in the beginning human beings stuck together for the sake of survival and all things developed from there. Together we form a kind of system in order to work, to barter and to exchange through a variety of means, including money. Even though nowadays the world’s economy lies in monetary matters, its core idea never changes. In my opinion, economics is a strong base of social science. I read a lot on economics. At first I was a bit doubtful. Part of me was thinking about enrolling in medical school to become a doctor since I had studied science and my mother also liked the idea of me being a doctor. It is one of the most sought-after professions in this country. But then I bore in mind that there are many doctors already in Thailand and that I should study what I really want to study. It would make me happier. If I choose to study to become a doctor, it would be simply because of a social trend. I’m really not that interested in medicine, I mean, I could study it but I don’t think I would enjoy it.


Chitti: Can you tell me about that exam incident once again? (This question refers to an exam from Civil Duty class. The quiz was about the 12 National Core Values and Nattanan submitted an empty paper.) Nattanan: Actually, I have given many interviews to the media on this topic. My point about that quiz is that the question had an obvious political agenda. It suggested clearly which side the teacher who created the quiz supported. Everyone who took the exam knew for a fact that by answering the question, they were about to support a political ideology. The quiz is designed with a correct answer in mind: students must answer that in order to be a good citizen, you need to follow the 12 National Core Values. The class itself has a hidden agenda, we had never had this class before. It was created only after the National Council for Peace and Order (NCPO) came to power. Then the course syllabus changed completely. Previously the class had been about political science, about history of political systems, about elections, members of the House of Representatives, senators, about the legislature, the executive, the judiciary, checks and balances, about laws, etc. But these topics have all vanished now and we must study the 12 National Core Values instead, and that is the only thing you will learn in this class. The class even has credits, but all you need to do in order to pass is to study these Core Values. So all we do is learn about songs and fables that support the 12 ­Values in some way. For example when learning about one Core Value, you need to explain it through a song. Most of the students find the class completely nonsensical. We do not see the point of the class, but since it offers credits, we need to take the exam. Chitti: In which way do you disagree with the Civil Duty class? Nattanan: First of all, I totally disagree with the idea that morality is controlled and conducted only by the state, to judge what is good and what is bad for society as a whole. I think that is something personal and it should not be dictated by the state since laws already give us frameworks on how to behave with others within society, on how not to hurt others or violate others’ rights. It is none of the state’s business to perform any duty on the matter at all. The class itself is not right, dedicating the entire course to studying only the 12 National


Core Values. We are M. 6 students already, aren’t we mature enough to study the subject by thinking, analyzing and criticizing? It isn’t a matter of right or wrong, morality is not linear. People should not be judged as good or evil based on the 12 National Core Values. It is as if NCPO is really there for peace and order, there is no need for any censorship in terms of political ideology, since there is no right or wrong in that. It should be an open question, where students can choose to agree or disagree. The peace and order that NCPO have promised us, will not be implemented by simply expecting students to answer the question on how to become a good citizen, by saying that they need to follow the 12 National Core Values. Chitti: How do you find living in Bangkok during a time like this? Nattanan: Bangkok is the center of all things. Everything is becoming centralized and everyone is receiving privileges in the capital city. Its citizens always receive protection, such as during the flood incident in 2011 when water was blocked from flooding the inner area of Bangkok. When there is any water shortage, it is always the inhabitants of regional provinces who must make sacrifices for the sake of the people of Bangkok, saving their water for the city people. Every time there is any economic crisis, it is always people in provinces, poor people and marginalized people who are among the first groups that are affected while the middle-class people in Bangkok are barely affected. Bangkok becomes a safety zone in the country. I think the city itself is interesting. I come from the South, having only moved to Bangkok for my studies. The city is all about diversity and accessibility with plenty of resources. Compared to regional provinces, Bangkok has better schools, better choices of public transport and better learning resources. It houses many libraries and art galleries are almost everywhere. Bangkok has almost everything to offer its residents. Still, I wonder why living in Bangkok is so different from living in provincial areas. Why is everything centralized? Is it possible that in the future those cities in other provinces will become a place like Bangkok? Why don’t we do something about that? Don’t we see that people who are living in Bangkok right now are actually from other provinces? The city is always empty during long weekends or annual holidays as they all travel back to their homes.


Chitti: Do you still have any hope for Thailand? Nattanan: For Thailand … at some degree … yes, I do. As I mentioned before, if I had had no hope for this country, I would have chosen to quickly complete my studies and go to live abroad. I do have hope for this country. We are in a transitioning period, experiencing the clash of two ideologies. People are lost, searching for anything they can hold on to, to believe in. Will we go with peace and order according to NCPO, no right in anything at all, or will we choose the future of a different pathway where freedom of speech is allowed, even though, this freedom can be unsettling? There may be no peace, people may not be united. But we will have power, we will have democracy. I think the Thais are exploring within themselves to see what kind of future they want to have. I consider myself very lucky to live in this period of time; I do not feel bad about it. For the past decade, there has been much political turmoil, those stories of red shirts and yellow shirts. I witnessed a Coup d’Etat, not once, but twice. Sure, I wonder why I was born in such a bad time, but if I rethink it seriously it is a once-in-a-lifetime opportunity to observe the transition of Thai politics. Indeed, we are caught in a cycle of electing a government and then witnessing the overthrow of this government. But things have been changing and evolving. So I do have hope for Thailand. Perhaps in the end everyone will realize that we cannot live under military dictatorship forever. In the end, we are all human beings – and human beings want freedom. Chitti: Last question, can you define the word ‘freedom’? Nattanan: Everyone has a right to freedom. A right to do whatever one wants to do as long as that does not violate others’ right to freedom. At least everyone has the right to choose, to select a system of government, which represents one’s ideology. Freedom itself does no harm to society as long as everyone learns to respect others’ rights to freedom.


Bildnachweis/Image credits: Tanatchai Bandasak Konzept/Concept: Chitti Kasemkitvatana Übersetzung/Translation: Steffen Beilich, Nunnaree Panichkul Gestaltung/Design: Andreas Koch Redaktion/Edited by: Bettina Klein, Kathleen Clancy

Dieses Heft erscheint anlässlich der Ausstellung / This booklet is published on the occasion of the exhibition: Chitti Kasemkitvatana One moment into another. A collision. 17. September – 31. Oktober 2015 daadgalerie Zimmerstraße 90 10117 Berlin www.daadgalerie.de Mo–Sa 11–18 Uhr


Interview with Nattanan Warintarawet