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Editorial Liebe Leser,

Inhalt nen Werdegang und seinen Lehrstuhl gesprochen hat. Dabei spricht er unter anderem über all die Universitäten, die er kennengelernt hat oder worauf man bei einem Auslandssemester achten sollte. In „60 Sekunden“ stellt uns Prof. Hintermann das Fachgebiet Organische Chemie vor. Nachdem unsere Redakteure in der letzten Ausgabe in der Rubrik „Nachgefragt“ über die Vergütungen von Masteranden berichtet haben, geht es diesmal um die Doktorandengehälter. Wer aus Garching raus will, sollte Seite 6 aufschlagen, dort berichtet unsere Redakteurin Verena über ihren Aufenthalt in Cambridge und die Unterschiede zur TUM. Doch auch der Campus kommt nicht zu kurz, Yuliya und Moritz haben die Baustellen in der Umgebung unter die Lupe genommen. Außerdem noch in dieser Ausgabe: Das HoPo-Referat, Science Slams in Deutschland, CO im Alltag und noch vieles mehr.

„In jedem Ende liegt ein neuer Anfang“, so auch bei uns. Nachdem die Leitung des „Chemists“ im letzten Jahr auf mich übergegangen ist, melden wir uns jetzt endlich zurück. Die Redaktion hat sich inzwischen verändert, neue Mitglieder sind hinzugestoßen und einige der alten Hasen werden sich mit dieser Ausgabe verabschieden, doch der „Chemist“ selbst bleibt, wie er ist. Das Dossier trägt diesmal den Titel „Farben und Chemie“; unsere Redakteure haben unter anderem zusammengetragen, wofür Farben in der Chemie verwendet werden, wie Mensch und Tier sich von ihnen beeinflussen lassen und wie man in der Vergangenheit färbte. Mehr dazu ab Seite 20. Nachdem letztes Mal das Studiensekretariat interviewt wurde, haben wir uns diesmal ein anderes Team geschnappt, an dem kein Chemiker vorbeikommt: Richard, Anika und Thomy von der Vorbereitung, die Viel Spaß mit der neuen Ausgabe uns erzählt haben, wie sie an die TU und auf ein baldiges Wiedersehen! gelangt sind und was sie seither alles erlebt haben. Ebenfalls „Im Visier“ Chefredakteur Maximilian Hohlweck ist Prof. Fässler, der mit uns über sei-

Federhalter

YD

HoPo-Referat Seite 4 Auslandsbericht Seite 6 In 60 Sekunden Seite 7 Nachgefragt Seite 8 Interview: Vorbereitung Seite 10 Im Visier: Prof. Fässler Seite 14 Dossier Seite 20 Aufdestilliert Seite 27 Über den Kolbenrand Seite 28 Science Slam Seite 30 Das kleine ABC Seite 34

Impressum Ausgabe 1/2016 1000 Exemplare Der „Chemist“ ist kein Erzeugnis im Sinne des Presserechts, sondern ein Rundbrief an alle Studenten der TUM und sonstig interessierten Personen. Mit Namen gekennzeichnete Artikel geben nur die Meinung des Verfassers wieder. Redaktion: Yuliya Dubianok (YD) Benedikt Eisenreich (BE) Verena Fink (VF) Steffen Georg (SG) Marisa Götzfried (MG) Maximilian Hohlweck (MH) Moritz Ludwig (ML) Simon Nadal (SN) Matthias Stahl (MS) Marlene Weyerer Padrosa (MWP) Externer Korrespondent: Martin Wolff (MW)

Seit einigen Semestern besteht die „Chemist“-Redaktion nicht nur aus Studierenden, sondern auch aus Doktoranden. Den Anfang machte Matthias Stahl. Er hat Biochemie an der TUM studiert und promoviert inzwischen am Lehrstuhl von Prof. Sieber. Matthias ist nicht nur ein „Chemist“Redakteur und Doktorand, sondern auch seit knapp einem Jahr Vater der kleinen Madita. In seiner Freizeit tritt er gerne bei diversen Science Slams landesweit auf, dabei räumt er immer wieder ein paar Preise ab. Auf Reisen geht er am liebsten nach Skandinavien. Für diese Ausgabe berichtet Matthias über ein Science Slam Event aus Karlsruhe. Mehr dazu auf der Seite 30.

Freie Mitarbeiter: Iris Fechner (IF) Felix Schuster (FS) Sebastian Pios (SP) Zeichnungen: Marisa Götzfried (MG) Kontakt: chemist_fsch@lists.lrz.de www.facebook.com/DerChemist

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Fachschaft

Für Freiheit, Gleichheit und Studierbarkeit Was macht eigentlich das Hochschulpolitik-Referat? SG Egal, ob es um Studiengebühren, Semesterticket oder andere großen Themen im Leben Studierender geht, immer sind sie Teil der Hochschulpolitik (kurz: HoPo). In der Fakultät Chemie setzt sich dabei das HoPo-Referat der Fachschaft Chemie dafür ein, dass auf dieser hohen Ebene die Entscheidungen möglichst günstig für Studierende gefällt werden. Ein Interview mit Basil Rohrer, dem langjährigen Referatsleiter. Chemist: Du bist schon seit Beginn Deines Studiums im Hochschulpolitik-Referat der Fachschaft Chemie tätig – wieso hast du dort angefangen? Basil: Im Grunde genommen hat mich damals Franziska Traube mit hineingebracht und dann bin ich einfach dabei geblieben. Chemist: Auch Franziska war lange Zeit hochschulpolitisch aktiv, zuletzt als Vertreterin der Studierenden im Senat der TUM. Was hat Dich dann im Referat gehalten? Basil: Man hat viel von der Uni mitbekommen. Als ich noch neu an der Uni war, war das sehr interessant. Das hat sich nie geändert, weswegen ich einfach dabei geblieben bin. Man hat Aufgaben und wenn diese abgeschlossen sind, kommen auch schon die nächsten. Es geht einfach immer weiter. Chemist: Ich kann mir gut vorstellen, dass manche Aufgaben irgendwann einfach von selbst laufen. Trotzdem ist HoPo doch oft mit langwierigen, schwierig zu erreichenden Zielen verbunden. Welche weitreichenden Veränderungen hat die studentische hochschulpolitische Aktivität Deiner Meinung nach in den letzten Jahren erreicht? Basil: Da hat sich einiges Großes verändert. Zum einen sind die Studiengebühren weggefallen. Daran wurde ganz intensiv von studentischer Seite aus gearbeitet, auch wenn das meiste über den AStA [Allgemeiner Studentischer Ausschuss] lief. Vieles musste hochschulweit organisiert werden, denn Studiengebühren betreffen alle Studierenden, die Hochschulen muss-

ten im Verbund arbeiten. Das hat of- vorher gingen 80% der Studiengebühfensichtlich gut geklappt. Außerdem ren direkt an die Fakultät, nun sind es bemerken, glaube ich, alle Studieren- nur noch 60% der Studienzuschüsse. den, dass sie ein Semesterticket haChemist: Das wären dann sogar ben. Auch dieses wurde erst vor recht 25% weniger Mittel als vorher. Das ist kurzer Zeit geschaffen. natürlich einiges an Finanzmitteln, die Chemist: Alles in jedem Fall große jetzt nicht mehr zur Verfügung stehen. Errungenschaften. Im Falle der Stu- Aber außer der Befreiung vieler Studiengebühren wurden diese durch die dierenden durch den Wegfall der StuStudienzuschüsse ersetzt. Was hat diengebühren wurden zumindest an sich dabei eigentlich geändert? der TUM auch viele durch die EinfühBasil: Zunächst einmal sind die- rung des Semestertickets etwas entlasse Gebühren natürlich für Studieren- tet. Allerdings scheint es da momentan de weggefallen. Für die Universität auch Probleme zu geben. Wird zur Zeit hat sich dabei im Groben und Gan- befürchtet, dass bei einer erneuten zen nicht viel geändert. Einzig die Zu- Wahl zum Semesterticket dieses nicht teilung der Mittel wurde etwas von mehr befürwortet würde der Fakultät hin zur Zentralverwaltung Basil: Ja, so scheint momentan die verschoben, was leider auch heißt, Stimmung unter den Studierenden dass nicht mehr ganz so viele Tutor- auszusehen, vor allem bei denen in der stunden und Skripte mitbezahlt wer- Innenstadt. Für diese ist das Semesden können wie vorher. Wir sind und terticket mit Aufpreis einfach ein howaren in der Chemie eine der weni- her Betrag, den sie am Anfang des Segen Fakultäten, die ihr Geld wirklich mesters zahlen müssen und ihnen für sinnvoll für Studierende ausgegeben Fahrten in der Innenstadt kaum Vorhaben. Chemist: Gibt es denn Bestrebungen, das beim Hochschulpräsidium anzusprechen? Basil: Es wurde bereits angesprochen. Da dies allerdings vom Präsidium selbst so abgeändert und umgesetzt wurde, bestand da von Anfang an wenig Hoffnung auf Erfolg, diese Entscheidung zumindest für die Chemie wieder umzuändern. Chemist: Das waren, glaube ich, 20% vom Gesamtzuschussbudget der Chemiefakultät weniger, oder? Basil: Richtig, Basil Rohrer, Leiter des Hochschulpolitik-Referats Foto: Steffen Georg. 4


Fachschaft teile bringt. Da verstehe ich sogar, dass manche sich das Aufpreisticket nicht kaufen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das Ticket in der Innenstadt kaufen würde. Chemist: Allerdings gibt es auch die Option, einfach nur den Sockelbetrag für € 62,50 zu nutzen, den jeder sowieso bezahlen muss, und dafür den gesamten MVV zwischen 18 und 6 Uhr zu nutzen! Basil: Ja, das lohnt sich in meinen Augen auch für Innenstadt-Studierende. Wenn ich persönlich mir kein Monatsticket kaufen würde, wäre alleine die Anzahl an Fahrten beim Feierngehen ausreichend, um durch den Sockelbetrag abgedeckt zu werden. Chemist: So geht es mir auch. Nun noch einmal zurück zum HoPo-Referat: Wie seid Ihr denn momentan aufgegliedert? Welche Aufgabenbereiche gibt es bei Euch? Basil: Zunächst einmal ist die hochschulpolitische Arbeit, die an der Fakultät direkt geleistet wird, eher gering im Vergleich zu dem, was vom AStA umgesetzt wird. An der Fakultät schauen wir hauptsächlich, dass alle Gremien und Ausschüsse, welche studentisches Mitspracherecht erlauben, auch studentische Beisitzer haben und best-

möglich besetzt werden. Dazu gehören Fakultätsrat, Berufungen, ... Chemist: ... der QM-Zirkel... Basil: ... ja, der QM-Zirkel, dessen Einführung momentan noch im Raum steht, aber vor allem auch die Studiengangskommissionen, deren Besetzung unter Umständen sehr wichtig sein kann, insbesondere wenn größere Veränderungen anstehen. Weiterhin gehört der Fachschaftenrat dazu, in welchem Vertreter aller TUM-Fachschaften sich vernetzen, anstehende Beschlüsse besprechen und gemeinsame Entscheidungen treffen. Und zu guter Letzt gilt es natürlich den alljährlichen Wahlkampf zu den Hochschulwahlen zu organisieren. Chemist: Bei diesen vielen Aufgaben sollte es Einsteigern bei Euch ja nicht schwer fallen, passende Aufgaben für sich zu finden. Basil: Richtig, aber den besten Einstieg findet man, indem man auf die Fachschaftssitzungen kommt, dort mithört und mitdiskutiert oder einfach, indem man sich an aktive Mitglieder aus dem Referat, zum Beispiel die FR-Vertreter Nora Weiner oder Gloria Hong, an die FSR-Vertreter Max oder Johannes oder eben einfach an mich wendet und nachfragt. Außer-

Der mysteriöse Hopo-Man Foto: Unbekannt.

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dem gibt es viele in der Fachschaft, die früher hochschulpolitisch aktiv waren und mit denen man sich darüber unterhalten kann. Falls man übrigens nach einer Projektarbeit, also einem eingegrenzten Aufgabenfeld, sucht, sollte man sich direkt an den AStA wenden. Chemist: Als Randbemerkung: Der AStA sucht immer neue aktive Mithelfer und weist engagierte Neulinge gerne ein. Nun zum Schluss noch eine Frage: In internen Fachschaftszirkeln wird hinter vorgehaltener Hand gesagt, dass Du durch Deine langjährige Arbeit im HoPo-Referat Kontakt zum legendären HoPo-Man aufbauen konntest – stimmt das, und wenn ja, was muss man tun, wenn man dringend seine Hilfe in einer wichtigen großen Fragestellung zur studentischen Hochschulpolitik braucht? Basil: Ja, dieser sehr unbekannte Hochschulaktivist taucht immer wieder überraschend auf und setzt sich nahezu kämpferisch für die hochschulpolitischen Interessen der Studierenden der Chemie-Fakultät ein. Wer seine Hilfe dringend braucht, muss einfach nur einen rosa Zettel in das HoPo-Fach der Fachschaft legen – dann ist HoPoMan schon unterwegs! Chemist: Vielen Dank für Deine Hilfe zur Kontaktaufnahme mit HoPo-Man und ebenso für das Gespräch.


Fachschaft

Praktikum im Venedig von England Zu Beginn meines Masters entschloss ich mich dazu, während des dritten Mastersemesters ein Urlaubssemester einzulegen, um ein dreimonatiges Praktikum in Großbritannien zu absolvieren. Durch Zufall wurde ich bei meiner Suche nach einem Praktikumsplatz auf eine Arbeitsgruppe am Department of Medicine der University of Cambridge aufmerksam, die sich ausschließlich mit Durchflusszytometrie und Fluoreszenz aktivierter Zellsortierung (FACS) beschäftigt. Da ich diese Techniken gerne erlernen wollte, bewarb ich mich bei der Gruppenleiterin per E-Mail um einen Praktikumsplatz und bekam bald darauf eine Zusage. Etwas schwierig gestaltete es sich, in Cambridge eine Unterkunft für drei Monate zu finden, da Wohnungen, Zimmer in WGs sowie Plätze im Studentenwohnheim meist für mindestens sechs Monate oder gar ein Jahr vergeben wurden. Zudem traf der Beginn meines Praktikums mit dem

Beginn des neuen Studienjahrs und damit des ersten Trimesters zusammen, so dass auch viele neue Studenten nach einer Unterkunft suchten. Schließlich bekam ich eine Zusage für ein möbliertes Zimmer am Stadtrand bei einer Frau und ihrem zehnjährigen Sohn. Ich hätte zwar eigentlich gerne mit anderen Studenten zusammen gewohnt, um mehr Leute in meinem Alter kennen zu lernen, aber auch das Zusammenleben mit der Familie war sehr nett und wir verstanden uns sehr gut. Da ich die Vorweihnachtszeit in Cambridge verbrachte, hatte ich zudem die Gelegenheit, Weihnachtsbräuche in einer britischen Familie kennen zu lernen. Beispielsweise ist das Verschicken und Erhalten von Weihnachtskarten in England von äußerst großer Bedeutung. So wurden alle Weihnachtskarten, die die Familie erhielt, auf einer Kommode ausgestellt. Über die gesamte Adventszeit häuften sich dort mindestens fünfzig Karten an.

Seufzerbrücke im St. John‘s College, Cambridge. Foto: Verena Fink.

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Ziel meines Praktikums in England war es, die Techniken FACS und Durchflusszytometrie zu erlernen. Die Arbeitsgruppe hatte selbst keine Forschungsprojekte, sondern führte Zellsortierungsexperimente für Forscher durch, wartete die Durchflusszytometer und gab Einführungskurse für neue Nutzer der Durchflusszytometer. Zunächst lernte ich, Analysen mithilfe eines Durchflusszytometers durchzuführen, um schließlich auch Einführungskurse für neue Nutzer zu übernehmen. Später führte ich eigenständig Zellsortierungsexperimente durch und wartete die Geräte. Cambridge selbst ist eine wunderschöne kleine Stadt mit etwa 124.000 Einwohnern, von denen ca. 24.500 Studenten sind. Das Stadtbild wird stark durch die University of Cambridge und ihre zugehörigen insgesamt 31 Colleges geprägt, die über die ganze Stadt verteilt liegen. Wegen der 23 Brücken über den Fluss Cam wird Cambridge auch als „Venedig von England“ bezeichnet. Die Rückseite einiger der schönsten Colleges und die zugehörigen Gärten kann man vom Wasser aus beim „Punting“ (Stechkahn fahren) besonders gut bewundern. Cambridge hat aber noch viel mehr zu bieten als seine berühmte Universität, es gibt natürlich auch zahlreiche Pubs, Kinos, Museen und


Fachschaft Theater. Unter der Woche ging ich gelegentlich zusammen mit meinen Arbeitskollegen nach der Arbeit in ein nahe gelegenes Pub, zu Veranstaltungen in der Innenstadt, ins Kino oder ins nahegelegene Fitnessstudio. In der Weihnachtszeit sowie zu Feiertagen und speziellen Festen wie der Guy Fawkes Night am 5. November gibt es häufig Veranstaltungen in der Innenstadt, die zu besuchen sich auf jeden Fall lohnt. Guy Fawkes und seine Mitverschwörer versuchten am 5. November 1605 König Jakob I, seine Familie und alle Parlamentarier durch ein Sprengstoff-Attentat auf das Parlament im Palast von Westminster in London zu töten. Im Gedenken an das Scheitern des „Gunpowder Plot“ wird jedes Jahr bei einem Fest am 5. November eine Puppe von Guy Fawkes verbrannt und ein Feuerwerk entzündet. Da ich an den Wochenenden frei hatte, hatte ich während der drei Monate ausreichend Zeit, um Cambridge und auch andere Teile Englands zu erkunden. Ich fand ein Reiseunternehmen, das an Samstagen und Sonntagen eintägige Ausflüge anbot. Mit dieser Firma fuhr ich nach Stonehenge, Bath, Windsor, Oxford, Brighton sowie zum Beachy Head. Dabei lernte ich die unterschiedlichen Seiten des Landes kennen und traf Leute aus anderen Ländern, von denen viele beruflich oder zum Studium einige Zeit in Cambridge verbrachten. Mit dem Zug machte ich Tagesausflü-

Ely Cathedral in Ely, eine kleine Stadt in der Nähe von Cambridge. Foto: Verena Fink.

ge in näher gelegene Städte wie Ely und Norwich oder fuhr für ein ganzes Wochenende in größere Städte wie York und London, um diese auf eigene Faust zu besichtigen. An einem Wochenende besuchte ich eine Freundin in Birmingham, ein paar Wochen später spielte ich dann für sie und ein paar andere Erasmus-Studenten aus Birmingham die Stadtführerin in Cambridge. Somit war ich fast an jedem Wochenende in England unterwegs und hatte ausreichend Möglichkeiten, England zu erforschen, obwohl ich keine Urlaubstage hatte. Wenn ich noch länger dort geblieben wäre, hät-

te ich sicher einmal ein verlängertes Wochenende in Schottland oder Wales verbracht. Insgesamt waren das Praktikum und die Zeit in Cambridge eine große Bereicherung für mich. Auch wenn ich durch dieses Praktikum keine ECTS für meinen Master einbringen konnte, bin ich sehr froh darüber, dass ich mich dazu entschied, es zu absolvieren. Ich kann jedem, dem die Möglichkeit offensteht für einige Zeit ins Ausland zu gehen, nur empfehlen, diese Chance zu nutzen!

In 60 Sekunden

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Dozenten erklären persönlich in kompakten 60 Sekunden ihre aktuelle Forschungsarbeit. Diesmal stellt Prof. Lukas Hintermann die Projekte seiner Arbeitsgruppe vor. „Wir sind im Bereich der synthetischen organischen Chemie tätig – mit dem Schwerpunkt katalytische Syntheseverfahren. Die Synthesechemie stellt Stoffe für alle möglichen Alltagsanwendungen bereit, ist aber auch ein Werkzeug der Grundlagenforschung. Die ideale organische Synthese ermöglicht den effizienten und nachhaltigen Zugang zu beliebigen Stoffen. Wichti-

ger Schlüssel dazu ist die Katalyse als Technik der Reaktionskontrolle. Im Einklang damit entwickeln wir allgemein anwendbare neue katalytische Syntheseverfahren und testen die Leistungsfähigkeit solcher Verfahren, indem wir Moleküle herstellen, die für Projekte der Grundlagenforschung von Interesse sind.“

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Fachschaft

Nachgefragt

Wie viel verdiene ich in der Promotion SN & YD Eine zentrale Frage auf der Suche nach einer Promotionsstelle ist neben dem wissenschaftlichen Thema und dem passenden Doktorvater ist das Gehalt. Dabei gibt es erheblich Unterschiede zwischen den einzelnen Lehrstühlen. Die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) empfiehlt eine 65 % Stelle basierend auf der Entgeltgruppe 13 des Tarifvertrags des öffentlichen Dienstes (E13 TV-L). Das entspricht einem monatlichen NettoGehalt von 1512 Euro (inkl. Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung). Mit Berücksichtigung der Arbeitserfahrung kann dieser Betrag nach oben korrigiert werden (höhere Stufe innerhalb von E13 TV-L). Dennoch halten sich nicht alle Lehrstühle und Fachgruppen an die Empfehlung. Einige zahlen ihren Dok-

toranden lediglich eine 50%-Stelle, welche 1223 Euro im Monat entspricht. Die restlichen 15% werden zurückgehalten, um Geräte und Materialien anzuschaffen – je nach Geldgeber können Personalkosten in Materialausgaben umgeschrieben werden. Ein anderes Spar-Modell der Promotionsfinanzierung ist ein gestuftes Aufbaumodell, bei dem sich das Gehalt nach der Phase der Promotion und wissenschaftlichen Publikationen richtet. Dabei startet man in der Regel mit einer 50%-Stelle, die am Ende der Promotion auf eine 65%-Stelle erweitert wird. Manche Promotionen werden durch Stipendien finanziert. Stiftungen oder auch Unternehmen fördern Doktoranden je nach Themenbereich und Leistung. Akademisch betrachtet bringt ein Stipendium Vorteile, z.B. ein Netzwerk und Prestige. Finanziell ist es jedoch oft von Nachteil, da man zusätzlich eine freiwillige Krankenversicherung abschließen muss. Außerdem zahlt man keine Sozialabgaben und ist somit nicht in das Sozialsystem integriert. Das ist der Grund, weshalb die Max-Plank Gesellschaft mit ihrer Um-

stellung zugunsten von Förderverträgen, welche einer festen Einstellung ähnlich sind, sich gerne in eine Vorreiterrolle begeben hat. Es empfiehlt sich also, bei der Suche nach einer Promotionsstelle ein wachsames Auge auf die Vergütung zu haben. Die Lage in Deutschland hat sich zwar in den letzten Jahren verbessert, dennoch bleibt sie im internationalen Vergleich mit Ländern mit einer ähnlichen Promotionsstruktur (Skandinavien, Schweiz) deutlich zurück. Damit junge Nachwuchswissenschaftler Deutschland und insbesondere die TUM weiterhin als attraktives Forschungsumfeld betrachten, muss sich das dringend ändern.

Become a part of “Chemist”! chemist_fsch@lists.lrz.de

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Fachschaft

Der Campus - Eine ewige Baulandschaft ML & YD „Baustelle nicht betreten!“ – ist überall auf dem Campus Garching zu lesen. Bauzäune, Zementsäcke, DixiKlos und Baukräne (wir zählten 7) gehören schon längst zum studentischen Alltag. Ob vor dem Chemiegebäude, neben der U-Bahn oder hinter dem Katalyse-Zentrum: Überall wird gegraben und gebaut. Wir haben uns zwischen Metallstreben und Zementblöcken umgeschaut und fassen für euch die wichtigsten Baumaßnahmen am Campus Garching zusammen. Die wohl größte Baustelle am Forschungsgelände ist das Großprojekt Galileo. Die „Neue Mitte“ soll mehrere Büroeinheiten für hochrangige Institute beherbergen, darunter die Munich School of Engineering und das Munich Center for Technology and Society. Kernstück von Galileo stellt ein Kongresszentrum dar. Bis zu 1300 Teilnehmer finden hier für Konferenzen und kulturelle Veranstaltungen wie zum Beispiel Kino oder Theater Platz. Für internationale Gäste und Gastwissenschaftler steht ein Gästehaus – oder wer es edler mag – ein 4-Sterne-Hotel zur Verfügung. Um ein Studentenleben am Campus zu ermöglichen, soll „Garchosibirsk“ durch Restaurants, Supermärkte, ein Fitnesscenter und diverse Dienstleister belebt werden. Bis Anfang 2017 hält der Baulärm definitiv noch an. Doch dafür kann man sich hoffentlich nach der Vorlesung in einer Saftbar oder zum Eisessen verabreden. Nur wenige hundert Meter weiter sind Bauzäune vor dem Chemiegebäude aufgebaut. Im Gegensatz zu dem

Vor dem Chemiegebäude entsteht das zukünftige Zentrum für Energie und Information. Foto: Moritz Ludwig.

ewigen Sorgenkind Katalyse Zentrum nimmt hier das zukünftige Zentrum für Energie und Information (ZEI) bereits Gestalt an. Seit der Grundsteinlegung im Juli 2015 kann man jetzt schon den Rohbau begutachten. Anfang 2017 sollen auf drei Etagen Nachwuchsforschergruppen, der Lehrstuhl für erneuerbare und nachhaltige Energiesysteme, eine Simulationshalle und Labore für Photovoltaik- sowie Batterieforschung untergebracht werden. Das ZEI ist als Teil der Munich School of Engineering geplant und soll so Energie- und Informationstechnik miteinander verknüpfen. Das vom Wissenschaftsministerium geförderte Projekt beläuft sich auf ca. 17 Millionen Euro. Im nördlichen Abschnitt der Bolzmannstraße wird derzeit ein Versorgungskanal gebaut. Dieser ist der

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Grund für die Sperrung der beiden Straßen Ernst-Otto-Fischer-Straße sowie Am Coulombwall. Der Versorgungskanal gehört zur Erschließungsmaßnahme für die kommenden Neubauten der Mensa und des Center for Advanced Laser Applications (CALA). Natürlich gibt es noch viele weitere Baustellen, auf die wir nicht eingegangen sind. Als Beispiel wäre ein Forschungsbau von Siemens zu nennen. Mindestens bis 2017 muss man sich noch vor herunterstürzenden Dachziegeln und Baumaterialien in Acht nehmen. Hoffentlich gehören Baukräne, Bagger, Umleitungen und der einhergehende Lärm danach nicht mehr zum täglichen Leben auf dem Gelände und „Garchosibirsk“ wird seine Metamorphose zum lebendigen Campus vollzogen haben.


Fachschaft

Hüter der Praktika

ML & SN

Ohne sie geht in den Grundpraktika nichts: Richard Wetzel, Anika Kwiatkowski und Thomy Vollmer bereiten jedes Semester die Versuche für Hunderte von Studenten vor. Der „Chemist“ setzt seine Reihe an Interviews bekannter Persönlichkeiten an der Fakultät fort und hat sich für diese Ausgabe mit der Praktikumsvorbereitung getroffen. Chemist: Jeder Student kennt euch aus den Grundpraktika im Bachelor-Studium. Welche Vorbereitungen fallen unter Eure Aufgaben? Richard: Für die meisten Praktika, ob Erst-, Zweit- oder Drittsemester und CIW, sind wir zuständig. Im Winterse- Die zentrale Praktikumsvorbereitung der Fakultät Chemie: Thomy Vollmer, Richard Wetzel, Anika Kwiatmester sind es nur für das ers- kowski (von links nach rechts). Foto: Simon Nadal. te Semester etwa 360 Studenten, im März kommen noch bis zu 100 Richard: Deine Hilfe wird uns fehChemist: Man sieht Euch auch imCIW-ler dazu. Wir machen die Ein- len, wenn Deine Stelle gekürzt wird. mer wieder in Vorlesungen. teilung im Praktikumsportal, also die Durch ihn können wir konzentrierter Anika: Das gehört zu meinen AufgaPlatz- und Gruppenzuordnung und be- an unseren Aufgaben arbeiten und wer- ben. Ich bin zu ¾ für Vorbereitungen reiten das Curriculum vor. Dann ma- den weniger unterbrochen – irgendwas für Vorlesungen und ¼ für Praktika chen wir die Bestellungen rund ums ist immer los. Die Kürzung von Tho- eingestellt. Dazu gehören die ExperiPraktikum: Angebote für Chemikalien mys Stelle wird auch ein Nachteil für mentalvorlesungen im Winter für Ersteinholen, Geräte anschaffen. Das sind die Studierenden, denn die Arbeit wird semester. Im Sommer betreue ich die meine Aufgaben. Die Lösungen her- nicht weniger für uns. Notfalls müs- Experimentalvorlesung CIW/ TUM stellen und die Platzabnahme machen sen wir Studenten wieder wegschicken BWL und die der Physiker. Wir helwir zu zweit [zeigt auf Thomy]. oder Termine ausmachen. Ein weiteres fen darüber hinaus regelmäßig bei VerThomy: Ich stelle die Lösungen her Problem ist der Wegfall von Dr. Tho- anstaltungen wie dem Tag der offeund bestimme den Titer dafür, damit mas Wagners Stelle. Er koordiniert die nen Tür, bei Schülertagen, dem „Girl’s wir den Sollwert liefern können. Auch AC-Praktika von Lehrämtlern, stimmt Day“ oder dem Schnupper-Studium. andere Lösungen in der kleinen Vor- diese auf den Studienplan der Lehr- Diese Aufgaben machen an sich viel bereitung müssen verfügbar sein. Au- amtsstudiengänge ab und sorgt für ei- Spaß, sind aber auch aufwändig – insßerdem übernehme ich die Verwal- nen reibungslosen Ablauf der Praktika. besondere das Aufräumen und Vortung von Spinden. Ich kontrolliere Neben seinen eigentlichen Aufgaben bereiten. Das vergessen viele Studenauch, dass Pumpen und andere Gerä- unterstützt er uns stark, indem er uns ten und manche Kollegen. Es benötigt te in den Laboren da sind und kümme- bei fortgeschrittenen chemischen Fra- auch Erfahrung, damit die Versuche re mich um die Entsorgung. Auch die gestellungen berät und beim Aufbau zuverlässig funktionieren – man weiß, Betreuung der Studenten gehört dazu. von Praktika und bei den Platzabnah- was sich bewährt hat. Häufig kommen Studenten zu uns in men hilft, wenn Not am Mann ist. die Vorbereitung rein und fragen: „Wo Chemist: Wie seid ihr angestellt? ist der Herr Wetzel?“ Daraufhin fange Über die Fakultät? ich sie ab, um Anika und Richard den Richard: Ja, Anika und ich sind aus Rücken frei zu halten. Die meisten Sa- Studienzuschüssen angestellt, die Stelchen kann ich auch klären, dadurch len wurden inzwischen auch verstetigt. komme ich mit den Studenten in Kon- Thomy und Dr. Thomas Wagner sind takt – das gefällt mir gut. Viele kom- auf befristeten Stellen angestellt. Wir men panisch rein, weil sie z.B. etwas gehören zwar prinzipiell zur Fakultät, verschüttet haben und befürchten, sind aber dem Studiendekanat unterkeine Punkte zu bekommen. Dann ver- stellt; der amtierende Studiendekan ist suchen wir, eine Lösung zu finden. unser Chef. 10


Fachschaft Richard: Es ist auch ein Problem für uns, wenn Praktika umgestellt werden und Versuchsvorschriften aus Zeitmangel nicht geändert werden könnten und/oder noch alte Vorschriften im Umlauf sind. Dann kann es vorkommen, dass die Versuche nicht klappen. Das ist dann für alle ärgerlich. Anika: Deshalb hatten wir die Idee, einen zentralen Versuche-Pool anzulegen – einschließlich der Versuchsvorschriften. Mit dem Wegfall der Stellen von Thomy und Thomas weiß ich aber nicht, ob wir die Zeit dafür finden werden. Chemist: Fallen auf Euch auch Aufgaben über die Unterstützung bei Praktika und Vorlesungen hinaus? Anika: Wir kriegen auch externe Anfragen. Wir sind so etwas wie die zentrale Ansprechstation der Fakultät Chemie. Vor ein paar Monaten war ein Maschinenbaustudent hier. Er wollte irgendwas mit H2S testen. Da haben wir uns Gedanken gemacht, wie man das umsetzen kann. Für Physiker haben wir auch Brechungsindexe von Salzlösungen gemessen. Richard: Einmal war eine Studentin da, die Akrobatik macht. Sie wollte für ihren Auftritt etwas, was raucht und farbig ist. Anika: Da hatten wir eine beratende Funktion. Wir mussten uns überlegen, wie sie das machen kann, ohne dass wir Chemikalien besorgen. Also Rohrreiniger als Lauge verwenden oder Tonic Water für phosphoreszierende Lösungen. Richard: Die Fragestellungen von außerhalb sind recht interessant. Einmal hat jemand wegen eines Wärmekissens aus Magnesium und Säure nachgefragt. Wir haben ihm von dieser Idee abgeraten, das wäre zu gefährlich. Dr. Thomas Wagner hatte noch eine Anfrage von Galileo. Gerade bei diesen externen Anfragen ist es für uns sehr hilfreich, einen erfahrenen Chemiker zur Seite zu haben. Chemist: Koordiniert ihr über diese Anfragen hinaus viel auf Ebene der Fakultät? Richard: Wir werden eingebunden, wenn es um die Verteilung von Geldern geht. In einem Gremium sind die Praktikumsleiter der verschiedenen Bereiche anwesend, auch ich werde dazu eingeladen. Dort kann dann jeder seine Wünsche äußern, über die dann diskutiert wird. Dass man den

Techniker mit einbindet, finde ich sehr gut und auch nicht selbstverständlich. Das zähle ich als Anerkennung unserer Arbeit. Thomy: Du weißt einfach, was gebraucht wird. Richard: Deshalb habe ich auch angefangen, Anträge für Studienzuschüsse zu schreiben. Dadurch konnten wir die Probenabfüllung automatisieren, früher wurde alles per Hand gemacht. Das ist für uns eine deutliche Arbeitserleichterung. Chemist: Wie kann man sich das vorstellen? Richard: Das ist ein Automat, ein Probenwechsler. Wir haben das mit einem Barcode-System kombiniert. Es ist einfach praktisch, ich scanne alles ein und stelle die nötigen Gefäße in ein Gestell. Der Automat füllt alles ab – vor allem die flüssigen Analyten für die Studenten. Meistens geht es dabei um 130 – 140 Proben diverser Lösungen. In der Zwischenzeit können wir unsere anderen Arbeiten erledigen. Das ist eine der wichtigsten Investitionen gewesen. Früher standen wir für solche Aufgaben teilweise bis um 9 Uhr abends noch im Labor. Anika: Auch kleine Sachen wie der Transportwagen, um die Sachen von der Chemie in den Maschinenbau zu transportieren und nicht mehr schleppen zu müssen, haben wir über Anträge für Studienzuschüsse bekommen. Das erleichtert den Alltag.

Richard: Mittlerweile haben wir auch Geräte für die Analytik erhalten, wie Titratoren oder Geräte für die Ionenchromatographie. Diese dürfen auch fortgeschrittene Studierende, z.B. in der Bachelorarbeit verwenden. Da helfen wir gerne. Chemist: Richard, welche Ausbildung hast Du gemacht und wie bist Du an die TUM gekommen? Richard: Ich bin CTA. Ich habe zuerst bei 3M ESPE gearbeitet. Die Firma stellt Dentalprodukte her, also 11

Zahnfüllungen, Abformmassen und ähnliche Sachen. Dort war ich im Qualitätsmanagement-Labor tätig. Das war vor allem Analytik. Übergangsweise habe ich eine Urlaubsvertretung im Kraftwerk Nord gemacht. Es war eine interessante Erfahrung, in einem Kraftwerk zu arbeiten. Dann habe ich die Stelle an der TUM gesehen. Eigentlich ist das schon witzig gewesen, denn es war das kürzeste Bewerbungsgespräch, das ich in meinem Leben hatte. Es hat sich herausgestellt, dass ich für die Stelle eigentlich überqualifiziert bin [lacht]. Ich dachte schon, dass die Sache erledigt ist. Dann habe ich einen Anruf bekommen, ich würde die Stelle bekommen, wenn ich sie noch will. Da habe ich gleich zugesagt. Chemist: Ist Dir die Umstellung von der Industrie an die Uni leicht gefallen? Richard: Am Anfang habe ich schon meine alte Stelle vermisst, weil sie so vielfältig im Bereich Analytik war. Aber es kamen auch neue Aufgaben auf mich zu, wie die Automatisierung der Probenabfüllung. Chemist: Wie lange bist Du schon an der TUM? Richard: Seit 2008. Ich war der erste meiner Art [lacht]. In darauffolgenden Jahren hat es viel Wechsel gegeben, z.B. hat ein Kollege von mir selbst ein Studium aufgenommen. Anika ist seit 2012 bei uns. Chemist: Anika, bist Du auch CTA? Anika: Ja, ich habe 2010 meine Ausbildung angefangen, war zuerst in der Nähe von Aachen auf einer Berufsfachschule und habe dann nach ein paar Monaten auf ein Berufskolleg in Köln gewechselt, gleich ins zweite Lehrjahr. Dadurch war ich mit der Ausbildung im Frühjahr 2012 auch schon fertig. Ich hatte auch nicht geplant, nach München zu gekommen. Das gebe ich ganz ehrlich zu. Richard: Sie haben dich hier angenommen, dummerweise [beide lachen].


Fachschaft Anika: In NRW gab es wenig Stellen, die meisten waren auch im Bereich Biochemie und das ist nicht ganz meine Richtung. Analytik war eher mein Ding. Mir fehlt die Analytik tatsächlich auch ein bisschen, muss ich ganz ehrlich zugeben. Das Abfüllen von Flaschen usw. ist ja nicht das, was man gelernt hat. Man hat eine Ausbildung hinter sich. Chemist: Hat sich an der Arbeit mit den Studenten seit früher etwas geändert? Richard: Mittlerweile kann ich die Leute nicht mehr einordnen. Früher wusste ich ihre Namen und sogar ihre Laborplatznummern. Mit den immer größer werdenden Gruppen und der immer weniger werdenden Zeit hat das aufgehört. Ich habe mich nur noch mit Angeboten und Beschaffungen für Praktika beschäftigt. Leider komme ich nicht mehr so oft zu den Studenten ins Praktikum. Anika: Man will den Studenten ja eigentlich helfen, aber als Einzelner bei 160 Mann ist es kaum möglich, insbesondere, wenn man noch andere Aufgaben hat. Richard: Ich erinnere mich noch an den Anfang… Man kennt das ja selbst aus der Ausbildung. Wenn ein Versuch nicht funktioniert hat, probiert man ihn nochmal, versucht einen anderen Weg, fragt nach Hilfe oder Nachsubstanz. Wenn wir das bei einem Studenten machen, müssten wir das eigentlich bei allen machen und

haben auf einmal 100 Leute vor der Türe stehen, die fragen: “Könnten wir doch nochmal…?“. Das ist etwas, was ich am Anfang auch lernen musste – „Nein“ sagen zu können.

Chemist: Sicherlich ist die Arbeit mit den Studenten nicht immer einfach. Über was ärgert man sich?

Anika: Manche kommen mit der Einstellung: „Ich gehe jetzt ins Labor und weiß eigentlich schon alles!“ Zum Glück sind es nur wenige, die behaupten, sie wüssten es besser. Ich denke mir dann immer: Nein, ich habe das gelernt und stehe schon eine längere Zeit im Labor. Die Studenten beschweren sich über zwei Tage Wasser wiegen, das macht man in der Ausbildung ein paar Wochen. Richard: Es kommen auch Kommentare wie: „Muss ich im Labor wirklich so viel stehen, kann man keine Stühle aufstellen? Warum muss ich überhaupt ins Labor, nach meiner Promotion stehe ich da sowieso nicht mehr.“ Anika: Das geht nicht! Als Chef muss man doch seinen Mitarbeitern sagen können, was sie tun sollen oder zumindest wissen, was sie tun. Einige kommen hierher und erwarten ihren Doktor serviert zu bekommen, ohne etwas zu tun. Das sind – wie gesagt – nur Einzelbeispiele. Richard: Man muss sagen: Jeder Professor hat auch mal titriert. Das macht man seit 100 Jahren so und das wird man wohl in 100 Jahren immer noch so machen. Das Grundhandwerkszeug muss gelernt werden. Die Versuche im Quali-Praktikum gehören auch dazu, auch wenn heutzutage in der Industrie nur noch Wenige Nachweise auf diese Art und Weise machen. Es geht ja darum zu verstehen, wie die Chemie dahinter funktioniert. Chemist: Ihr habt uns schon viel Spannendes aus eurem Beruf erzählt. Was gefällt euch an eurem Job am meisten? Richard: Das Schöne an unseren Stellen hier ist, dass wir frei arbeiten 12

können. Wir machen vieles in Selbstverwaltung und das macht Spaß. Das Zweite, was mir gefällt, ist das Zwischenmenschliche. Ob es die Fachschafts-Weihnachtsfeier ist oder das Sommerfest, man hockt sich zusammen und unterhält sich mit den Leuten auch außerhalb des Praktikums. Anika: Es ist auch total spannend zu erfahren, warum die Menschen dieses Studium machen oder warum sie aufhören. Hierher kommen nicht nur frische Schulabgänger. Viele hatten vorher eine Ausbildung. Das merkt man ihnen dann auch an. Sie bringen eine gewisse Ruhe ins Praktikum. Wir hatten auch schon Leute mit ganz verschiedenen Hintergründen und Abschlüssen. Chemist: Was war das lustigste Missgeschick im Labor bisher? Anika: Wir wollten sie alle mal aufschreiben! Man könnte damit Bücher füllen. Da gibt es so viele, die in den Situationen einfach komisch sind. Richard: Eine Assistentin hat einmal eine Studentin geschickt, um zu fragen, welches Wasser wir für den Indikator hergenommen haben – das basische oder das saure. Thomy: Jemand hat mal seinen Tiegel mit der Zange aus dem Muffelofen geholt. Leider ist er an 12 anderen hängen geblieben. Seiner war zwar heil, aber die anderen waren stinksauer. Anika: Einmal hat der Gashahn gebrannt. Und eine Assistentin ist mit dem Feuerlöscher hin und wollte das Feuer löschen. Zum Glück war ein anderer Assistent schneller und hat das Gas abgestellt. Chemist: Welches Stück im Labor geht am häufigsten kaputt? Anika: Die Porzellan-Filtertiegel fallen gerne runter. Vor allem, wenn sie aus dem heißen Muffelofen kommen. Richard: Viel bekommen wir nicht mit. Bei der Platzabgabe muss schließlich alles vollständig sein [lacht]. Chemist: Danke für das Interview.


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Fachschaft

Ein Lehramtler unter Professoren

Im Visier BE & MWP

Zu Beginn des Studiums konnte Prof. Fässler: Der Ort heißt Bad sich Thomas Fässler nicht entscheiWaldsee und liegt so zwischen Ulm den, ob er eher zu den Philosophen und dem Bodensee auf halber Strecke. oder Naturwissenschaftlern gehören Gehört zum Kreis Ravensburg, das wollte. Nach einer Zeit in Städten wie kennt man vielleicht von den RavensHeidelberg, Chicago und Zürich, ist er burger Spielen. seit 2003 an der TUM. Die Wahl für Prof. Fässler: Nein, das ersChemist: Was vermissen Sie an Ihdie Naturwissenschaft war eindeutig te Staatsexamen ist ja vergleichbar rem Heimatsort am meisten? richtig. mit dem Diplom, also mit dem MasProf. Fässler: Nichts. Also erstmal Chemist: Sie haben Mathe und ter heute. Das Staatsexamen ist ein ist die Landschaft sehr ähnlich zu dieChemie studiert. War Mathe ein Ne- Hochschulabschluss, mit dem man sem Teil in Bayern. Mir gefällt die Vorbenfach oder war das im Rahmen ei- natürlich promovieren kann und es alpenlandschaft sehr gut. Außerdem nes Lehramtstudiums? gab keinen Grund, auch das Diplom ist München eine viel größere Stadt Prof. Fässler: Ich habe das mit zu machen. In Konstanz hatte ich den und bietet Abwechslung, von daher dem Abschluss Staatsexamen studiert, Vorteil, dass es keinen eigenen Stu- vermisse ich nichts. also praktisch als Lehramtsstudium. diengang für das Staatsexamen gab, Chemist: Und wo sind die Brezn Das waren mehr oder weniger zwei das heißt, man war immer unter den besser? vollwertige Studien. Diplomstudierenden, so dass auch Prof. Fässler: Die Brezn sind Chemist: Was genau hat Sie dann die Professoren nicht unterscheiden überall in kleinen Bäckereien am besdazu bewogen, nicht Lehrer zu wer- konnten, wer in diesen Studiengängen ten. Solche findet man noch eher auf den, sondern den akademischen Weg was studiert. Um das nochmal zusam- dem Land in Oberschwaben als in fortzuführen? menzufassen: Ich bin dann direkt nach München. Leider gibt‘s hier nur noch Prof. Fässler: Die Fächer Ma- dem Staatsexamen in die Promotion Fertigbrezn, die nach drei Stunden thematik und Chemie haben mich eingestiegen. hart sind und für die kann ich mich schon immer interessiert. Zum einen Chemist: Sind Sie dann auch aus nicht begeistern. Aber wenn man gute interessierten mich ganz grundlegen- Konstanz? selbstgebackene bekommt, dann sind de Fragestellungen wie z. B. Logik, Prof. Fässler: Ich habe in Kons- die hier genauso gut. zum anderen die Naturwissenschaft tanz studiert, komme aber aus OberChemist: Sie waren außer in Konmit Praxisbezug. Zu Beginn des Stu- schwaben. stanz noch in Heidelberg, Chicago, diums konnte ich mich einfach nicht Chemist: Wo genau in Oberschwa- Zürich, Darmstadt und jetzt eben in entscheiden. Aber es gab diese Fächer- ben liegt ihr Heimatort? München. Wo hat es Ihnen insgesamt kombination und klar, der Lehrerberuf war auch spannend. Ich war damals der einzige Student in Konstanz, der diese Kombination studiert hat. Es gab keinen abgestimmten Stundenplan und es galt als unstudierbar. Aber ich hab mich durchgeboxt, weil mich einfach beides interessiert hat. Und während des Studiums hab ich dann festgestellt, dass ich Lust an der Laborarbeit habe, so dass sich dann Chemie zu meinem Schwerpunkt entwickelte. Chemist: Sie haben also kein RefeProfessor Thomas Fässler, Leiter des Lehrstuhls für Anorganische Chemie. Foto: Prof. Fässler. rendariat gemacht? 14


Fachschaft

am besten gefallen? Prof. Fässler: Mir hat‘s eigentlich immer überall gut gefallen, weil ich versucht habe, das je zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen. Konstanz war für‘s Studium ideal. Das ist eine kleine Uni, man hatte direkten Kontakt zu den Professoren, es war landschaftlich mit dem See vor der Haustüre – total schön. Das war für die Studienzeit, finde ich, der beste Ort. Zur Promotion ging ich nach Heidelberg, das ist eine bekanntere Uni, es hat ein größeres Institut für Anorganische Chemie, das fand ich sehr spannend. Chicago, das war eine Stadt, vor der ich erstmal riesigen Respekt hatte, eine Großstadt mit zweifelhaftem Ruf. Die University of Chicago liegt auf der Südseite, das ist eine Gegend, die nicht als sicher gilt. Aber die Großstadterfahrung hat mir unheimlich Spaß gemacht und mein Bild von Amerika total verändert. Dass die USA wenig Kultur kennt, das trifft auf die Großstädte und auf Chicago zweimal nicht zu. Ich habe mich damals nicht darum geschert, ob die University of Chicago einen guten oder schlechten Namen hat. Ich habe mich für Theorie – und dort war ein guter Theoretiker – interessiert. Der Zufall wollte es dann, dass es eine sehr renommierte Universität ist, und das hat mir dann auch nicht geschadet. Natürlich hat mir auch der Wechsel nach Zürich sehr gut gefallen, denn dort habe ich auch meine Frau kennengelernt. Die Arbeitsbedingungen zum Forschen an der ETH Zürich waren einfach fantastisch und auch wieder eine Stadt mit See, den Bergen in unmittelbarer Nähe, also da habe ich mich genauso wohlgefühlt wie in München. In Darmstadt war ich gleich am Lehrstuhl und ich musste erst mal Einiges an Erfahrungen sammeln. Doch dann kam gleich nach zwei Jahren das Angebot nach München zu wechseln, so-

dass ich jetzt vielleicht sagen würde, von den Städten habe ich von Darmstadt am wenigsten mitgenommen. Chemist: Wo würden Sie einen Auslandsaufenthalt empfehlen? Eher Richtung China oder USA? Prof. Fässler: Zunächst mal möchte ich jedem empfehlen, das zu machen, was ihn total interessiert und es ist erstmal sekundär, wo das ist. Es gibt überall gute Leute. In China ist es sicher kulturell erstmal am schwierigsten. Wenn man China spannend findet und auch ein bisschen Chinesisch kann, kann man sich da sicher gut einbringen. Wenn man ansonsten nur auf seine Arbeitsgruppe begrenzt ist und mit ein paar Leuten dort Englisch spricht, finde ich das persönlich weniger spannend. Ansonsten kann ich nur sagen, dass das Thema interessant sein muss, denn die meiste Zeit verbringt man dann doch im Institut. Und wenn es dann verschiedene Möglichkeiten gibt, dann würde ich an zweiter Stelle auch schauen, dass es eine renommierte Universität ist, vor allem eine gute Arbeitsgruppe, in der man was lernen kann. Und an dritter Stelle sicher auch das kulturelle Umfeld. Wenn man ins Ausland geht, sollte man neben der Wissenschaft auch etwas Kultur aus dem Land mitnehmen. Chemist: Geht es für Sie in Zukunft noch woanders hin, gibt es eine Stadt, in der Sie unbedingt noch etwas machen wollen? Prof. Fässler: Es ist so, wenn man bereits so viel umgezogen ist und in meinem Alter ist, sieht man einen Wechsel nicht mehr so einfach. Auch meine Kinder sind in München sehr gut integriert. Zürich ist natürlich immer eine Option. Die ETH bleibt ein spannender Ort, was die Forschung angeht, aber eigentlich bin ich hier sehr zufrieden. Chemist: Wie geht Ihre Familie mit den langen Arbeitszeiten eines Professors um? Prof. Fässler: Einmal die Woche versuche ich von zu Hause aus zu arbeiten, um daheim zu sein, wenn die Kinder aus der Schule zum Essen kommen. Es funktioniert nicht immer, aber das ist prinzipiell mein Ziel. Und am Wochenende arbeite ich möglichst nur abends. Dann ist das eigentlich gut vereinbar. Chemist: Festkörperchemie wird

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häufig als „Steinebacken“ bezeichnet. Auch ansonsten wird häufig behauptet, dass die organische Chemie in der Industrie wichtiger sei, als die Anorganik. Welche Gebiete der Anorganik sprechen gegen solche Behauptungen? Prof. Fässler: Diese Behauptung ist falsch. Vor Allem in der Halbleitertechnik, bei Energiematerialien und der Katalyse wird im Moment in der Industrie sehr viel geforscht. Die Produktion ist noch nicht so angelaufen, aber da ist ein großer Umbruch da und viele meiner Mitarbeiter haben sehr spannende Jobs angenommen. Chemist: Also gibt es Zukunft? Prof. Fässler: Da hilft uns im Moment die Energiewende. Auch wenn ich nicht unbedingt überzeugt bin, dass es so viele Elektroautos geben wird, wie Frau Merkel angekündigt hat, gab das Programm einen unglaublichen Schub in der Forschung von erneuerbaren Energien. Und da ist vor allem die Materialchemie an allen Ecken und Enden gefragt. Selbst BMW hat eine große Gruppe aufgebaut, um auf Lithiumionenbatterien zu forschen. Auch dort ist ein früherer Mitarbeiter von mir tätig. Also da sind wir in den besten Zeiten. Dieser Sektor wächst, während bei den Großproduktionsanlagen immer wieder diskutiert wird, ob man sie in einem Ballungsraum wie Deutschland in Zukunft überhaupt erhalten kann. Bei der Herstellung von Grundchemikalien werden viele organischen Chemiker angestellt, aber man wird sehen, was die Zukunft bringt. Chemist: Wieso halten Sie in diesem Jahr nicht die Vorlesung „Anorganische Experimentalchemie“?

Prof. Fässler: Da gibt es eine einfache Regel. Ich wechsle mich mit dem Lehrstuhl AC1 ab, der zurzeit durch Kollegen Kühn vertreten wird. Drei Jahre mache ich die Vorlesung, dann übernimmt sie Herr Kollege


Fachschaft Kühn wieder für drei Jahre, immer zusammen mit dem Seminar Prinzipien und Methoden. Das ist gut so, man bekommt etwas Abstand, macht die Vorlesung nach drei Jahren wieder neu, überlegt sich neue Dinge, die man einfließen lässt, so kommt wieder frischer Wind rein. Chemist: Die Vorlesung ist toll! Man fängt an, Chemie zu studieren und vieles ist nicht so, wie man es sich vorstellt, aber in einer Vorlesung gibt es dann doch brennende Seifenblasen. Prof. Fässler: Klar! Manchmal denkt man sich: Oje, jetzt hab ich wieder diese vierstündige Vorlesung, aber wenn man dann im voll besetzen Hörsaal steht und die Versuche klappen, dann macht es mir einfach Spaß. Auch wenn ich selbst oft nur noch was zünde, flackert da meine alte Liebe zur Experimentalchemie auf. Chemist: Welcher Studententyp ist Ihnen denn am liebsten? Prof. Fässler: Jemand, der neugierig ist, der mir ein Loch in den Bauch fragt, das ist mir am liebsten. Wenn ich das Gefühl habe, die Leute interessieren sich für etwas. Und dadurch be-

kommt man auch als Lehrer ein Feedback, dann weiß ich, wo steh ich, was ich den Leuten beigebracht habe oder wo hat ich vielleicht auch einen Widerspruch hervorgerufen habe. Das ist mir mit Sicherheit der liebste Typus. Ich habe auch nichts dagegen, wenn die Studenten fleißig sind und wenn man das Gefühl hat, sie warten nicht bis alles an sie herangetragen wird, sondern erarbeiten sich die Inhalte selbst. Das freut mich – das freut einen Lehrer immer. Es macht auch Freude, wenn ich sehe, dass Studierende begeistert sind. Und man muss auch Biss zeigen, wenn im Praktikum manche Dinge nicht klappen oder wenn später in der Forschung ein Projekt nicht läuft. Das ist auch sehr wichtig. Chemist: Und welcher Studententyp waren Sie? Prof. Fässler: Ich war einer, der die Professoren nach der Vorlesung immer mit Fragen gelöchert hat. Ich glaube, dass ich da manchmal eher nervig war. Außerdem war ich ein Exot in dem Sinn, dass ich zwischen Chemie und Mathe stand und auch viel selber erarbeiten musste. Aber dieser

Freiraum hat mir auch Spaß gemacht, man konnte mich nicht so klar einordnen. Ich hab auch mal in einem Semester nur politische Vorlesungen gehört. Ich war auch engagiert in der Fachschaft und war als Student politisch aktiv. Chemist: Uns ist aufgefallen, dass Sie in Ihrer Vorlesung öfters Bücher erwähnen. Was sind drei Bücher, die jeder Chemiestudent gelesen haben sollte? Prof. Fässler: Die Dunkle Seite des Mondes von Martin Suter finde ich sehr spannend, weil die Hauptperson psychisch an ihre Grenze geht, das passt ja auch irgendwie zum Chemiestudium. Der Holleman Wiberg ist und bleibt das Standardwerk der Anorganik. Ich würde dieses Buch auch auf eine einsame Insel mitnehmen. Und Doktor Faustus von Thomas Mann ist ebenfalls ein großartiges Buch. Darin wird auch der chemische Garten, den ich im ersten Semester gerne zeige, beschrieben: Man sieht, wie in der Anorganik etwas Lebendiges wachsen kann. Chemist: Vielen Dank für Ihre Zeit.

„Die Generation von Morgen für die Generation von Übermorgen“

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Fachschaft

Episode 2: Die Planung

Iris‘ Retrospektionen IF

„Über Rosen lässt sich dichten, In die Äpfel musst du beißen.“ Johann Wolfgang von Goethe „Faust, Der Tragödie Zweiter Teil“, Vers 5168 f. Ich studiere Chemie im Master. Mein Hauptfach ist Technische Chemie und mein Nebenfach ist Katalyse. Wie ich mein Studium erfolgreich bestreite, musste ich in den vielen Semestern autodidaktisch erlernen. Meine Studienzeit neigt sich nun dem Ende zu und rückblickend stelle ich fest, dass es ein harter Weg bis hierher war, und zwar vor allem, weil das notwendige Selbstmanagement, wie es im Neudeutschen heißt, im Studium kaum thematisiert wird. Der Erfolg im Studium hängt davon aber entscheidend ab. Seit dem Wintersemester 2013/14 nehme ich am LerntutorInnen-Programm der ProLehre Lernkompetenzförderung teil. Mein Anliegen ist es, einen Teil meiner Geschichte retrospektiv wiederzugeben, in der Hoffnung, dass meine Erfahrungen Euch Anregungen dazu geben, den Weg im Studium zu erleichtern. Schließlich müssen wir alle das Rad nicht neu erfinden. Iris, das Laborwiesel ;-)

Wir alle planen. Sei es der Lebensmitteleinkauf, der Urlaub oder das Monatsbudget, alles will organisiert und geplant werden. Im Studium ist Planung im Hinblick auf den erfolgreichen Abschluss wichtig. Mein Ziel war in den letzten Jahren meines Studiums, viele Studienleistungen pro Semester zu erbringen, um so schnell wie möglich mit dem Studieren fertig zu werden. Ohne eine detaillierte Planung, wäre es mir nicht möglich gewesen, mein Bachelor-Masterstudium Chemie letztes Wintersemester 2014/15 abzuschließen. Dadurch habe ich neun Semester für mein gesamtes Studium gebraucht. Damit liege ich ein Semester unter der Regelstudienzeit. Wie bin ich vorgegangen, um mein Studium zügig durchzuführen? Für mich waren folgende Punkte maßgeblich, um voranzukommen:

besitzen, um zukünftige Probleme bereits im Vorfeld zu erkennen und zu berücksichtigen ist eine Fähigkeit, die ich erst im Laufe des Studiums erlernt habe. Nicht selten habe ich aus Ehrgeiz meine eigenen Ressourcen überschätzt und mir zu viel zugemutet. Beispielsweise habe ich in einem Semester acht Prüfungen und zwei Praktika absolviert. Danach war ich zwei Wochen lang krank. Solche Ereignisse führten zur Umgestaltung meiner Arbeitsdichte in der Semesterplanung. Ich habe gelernt, so zu planen, dass ich leistungsfähig bleibe, auch für zukünftige Semester.

2. Der Plan B oder die Kunst des Improvisierens

1. Studienübersicht erstellen und die eigenen Ressourcen beurteilen

Ich hatte drei Vorgehensweisen, um meinen Zeitplan nicht zu gefährden. Zum einen habe ich die Vorlesung einer Veranstaltung nicht mehr besucht und habe lediglich die Prüfung mitgeschrieben. Zum anderen habe ich die Prüfung um ein paar Wochen geschoben. Das ist bei uns in der Chemie möglich, da zu Beginn der Semesterferien die reguläre Prüfung und zu deren Ende die Wiederholungsprüfung geschrieben wird. Als letzten Ausweg habe ich die Veranstaltung in ein anderes Semester verlegt. Für das Improvisieren ist es deshalb enorm wichtig, flexibel zu sein und einen Puffer in jedes geplante Semester einzubauen, der eine Veranstaltung notfalls auffangen kann. Die Methoden der Flexibilität hängen dabei stark vom Studiengang aber auch vom eigenen Ehrgeiz ab. Oft genug habe ich mich zu sehr auf einen Plan versteift und dabei meine Kräfte zu sehr erschöpft.

3. Reflexion und Validierung

Zuerst habe ich mir einen Überblick über meine erforderlichen Studienleistungen verschafft und ausführliche Informationen eingeholt bezüglich Zeit, Ort und eventueller Voraussetzungen. Auf deren Basis habe ich meine einzelnen Semester ausgearbeitet. Wichtig hierbei ist die Einschätzung der eigenen zeitlichen und körperlichen Ressourcen. Die Semesterplanung muss durchführbar sein. Den Weitblick zu

Jede Planung wird hinfällig, wenn sie nicht realisierbar ist. Daher ist für mich ein wichtiger Punkt die regelmäßige Reflexion und Validierung meiner Studienplanung: Wo stehe ich? Bin ich dort, wo ich ursprünglich hinwollte? Was ist der nächste Schritt, um mein Berufsziel zu erreichen? Steht die bisherige Planung im Einklang mit meinen Ressourcen? Deshalb habe ich meine Studienleistungen genau fest18


Fachschaft

gehalten, indem ich die absolvierten Veranstaltungen abgehakt habe. Das verschaffte mir einen aktuellen Überblick, was ich hinter bzw. vor mir habe. Bei all der Planung darf der Überblick niemals verloren gehen. Ein gut geführter Terminkalender ist meiner An-

sicht nach hierfür unerlässlich. Manch einer mag den Eindruck gewonnen haben, ich sei bis in die Haarspitzen durchorganisiert. Aus der Sicht meines Studiums stimmt das durchaus. Ich weiß gern, wo ich stehe und wohin ich gehe. Jedoch bin ich auch eine Person, die mal den Abwasch vergisst oder keinen Kaffee mehr im Haus hat. Ich plane lediglich dort, wo es in meinem Leben wichtig ist. Was bei der Weiterentwicklung der eigenen Planungsmethoden durchaus helfen kann, sind entsprechende Kursangebote der ProLehre-Lernkompetenzförderung. Ich selbst habe dort für mich didaktisch sehr wertvolle Kurse

besucht. Bezüglich des Themas habe ich folgende Kurstipps mitzugeben: „Überblick statt Tunnelblick – Erfolgreich und entspannt studieren mit einem Lernplan“ und „Erfolgreich lernen“. Beide Kurse werden auch im Wintersemester 2016/17 wieder angeboten.

Kurstipps: Weitere Informationen und Anmeldung zu den kostenfreien Kursen unter: www.prolehre.tum.de/learning

SP Hattet ihr mal wieder einen harten Tag an der Uni? Praktikumstag gut hinter sich gebracht? Eure Simulation ist endlich konvergiert? Ihr wollt einfach nur abschalten und euer verdientes Feierabendbier genießen? Oder ihr habt heute einen Anlass zum Feiern? Bei uns in der C2 seid ihr an der richtigen Adresse! Hier könnt ihr auf einen erfolgreichen Tag anstoßen oder einen eher weniger erfolgreichen Tag

gut sein lassen. Wir bieten euch süffige Biere und erfrischende Cocktails zu studentenfreundlichen Preisen. Auch für den kleinen und großen Hunger ist bei uns gesorgt. Eine große Auswahl an Sandwiches, Nachos und ständig wechselnde Wochengerichte stehen auf der Speisekarte. Dabei ist unsere Cneipe komplett studentisch organisiert, von eurer Bedienung bis zum Organisationsteam –

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und das interfakultär. „Von Studenten für Alle“ ist das Motto. Selbstverständlich suchen wir auch immer begeisterte Unterstützung für unser Team. Also schaut vorbei! Ihr findet uns direkt neben der Mensa zwischen Chemie und Maschinenwesen, im Internet unter www.c2.tum.de und gebt uns außerdem einen Like auf Facebook! Wir freuen uns auf euch!


by Marcus Kaiser

Farben und Chemie

Foto: copyshop-tips.de

Eine tiefblaue Lösung, ein karminrotes Salz; Farben erfreuen das Herz eines jeden Chemikers. Auch die Geschichte der Chemie ist eng mit der Geschichte der Färbung verwoben. So verdankt der weltweit größte Chemiekonzern BASF seine Existenz den Farben: Der Name steht für „Badische Anilin- und Sodafabrik“. Warum Farben uns Menschen faszinieren, wie sie funktionieren und genutzt werden, erzählt Euch der „Chemist“ in diesem Dossier.

FS, MS, MW, MWP, YD & SN

Farben – Was seid ihr eigentlich? Eigentlich scheint die Antwort ganz klar, man hat es von Kind auf gelernt: Die Tomate ist rot, die Zitrone gelb, die Wiese grün und der Schnee weiß. Das wussten doch schon unsere Großeltern. Von wegen! Beobachtet die vier Kästchen anbei. Die Farben des inneren Ringes sind gleich und doch sehen wir sie unterschiedlich. Ein anderer Versuch: Fixiert lange ein grünes Kästchen. Dann schaut auf eine weiße Unterlage. Sie wird dann leicht rosa erscheinen. Individuen nehmen Farben anders wahr, Frauen sehen die Welt oftmals bunter als Männer, diese wiederum haben ein ausgeprägteres Empfinden für Kontraste. Menschen sehen Farben anders als Tiere. Farbe ist eine individuelle visuelle Wahrnehmung, die durch Licht hervorgerufen wird. Heißt das nun wir können nicht mit Sicherheit beantworten, was eine Farbe ist? Nicht ganz. Physikalisch lässt sich das Phänomen Farbe einfach beschreiben, sie entspricht einer Wellenlänge im elektromagnetischen Spektrum – nur unsere Wahrnehmung des Lichtes dieser definierten Wellenlänge 20

ist sehr persönlich. Dabei sei gesagt, dass der Mensch nur einen sehr kleinen Bereich des elektromagnetischen Spektrums überhaupt sehen kann. Wie kommen nun Moleküle zu ihrer Farbe? Wenn wir sagen, eine Verbindung sei farbig, meinen wir damit, dass sie das Licht einer Farbe (die den Photonen oder Lichtteilchen eines speziellen Wellenlängenbereichs entspricht) stärker als das Licht anderer Farben reflektiert. Eine Zitrone erscheint gelb, weil die Farbpigmente in ihrer Schale überwiegend blaues Licht absorbieren. Sie sieht deshalb gelb aus, weil nach der Absorption des blauen Lichts mehr gelbes Licht reflektiert wird. Man sagt auch, gelb ist die Komplementärfarbe zu blau. Was bringt nun Moleküle dazu, das Licht einer bestimmten Wellenlänge zu absorbieren? Farbstoffe enthalten leicht anregbare Elektronen, das ist eine Gemeinsamkeit aller farbigen Moleküle. Nur so sind sie in der Lage, aus dem sichtbaren Licht Spektralbereiche zu absorbieren. Wie genau diese „leichte Anregbarkeit“ ihrer Elektronen bewirkt wird, hängt von der Art der Verbindung ab. Anorganische Farbstoffe enthalten oft ihr zentrales Element in zwei verschiedenen Wertigkeitsstufen.


Das elektromagnetische Spektrum.

Zwischen beiden findet ein intensiver Elektronentransfer statt. Ein Beispiel ist das Berliner Blau, das im Kristallgitter Eisen(II)- und Eisen(III)-Ionen (zum Teil komplex gebunden) enthält: Fe(III)4[Fe(II)(CN)6]3. Komplexverbindungen verdanken ihre Farben dem Übergang eines Elektrons nach der Anregung von einem Liganden zum Zentralatom oder umgekehrt. Dies nennt man auch Charge-Transfer-Komplexe. So ist z. B. das reine Kupfer(II)-Ion farblos, während die komplexierten Kupfer(II)-Ionen je nach Ligandenart alle Farbtöne von Blaugrün bis Purpur annehmen können. Organische Farbstoffe verfügen meist über ein stark delokalisiertes System. So können die Elektronen von einem niedrigeren in ein höheres Energieniveau übergehen. Wenn man nun ins Detail geht, ist das dahinterliegende Prinzip allerdings für alle Farbstoffarten gleich: Ein Elektron wird durch Absorption eines Photons von einem Molekülor-

bital (oftmals das HOMO) in ein höher gelegenes Molekülorbital (oftmals das LUMO) angeregt, sofern der Übergang aus Symmetrie-Überlegungen erlaubt ist. Doch nun genug der Theorie. Widmen wir uns den faszinierenden Geschichten, welche Farben uns erzählen.

Eine Geschichte der Farben Die Geschichte der Farben ist vielmehr eine Geschichte der Färbung. Verschiedene Tiere sind in der Lage Farben zu unterscheiden (darunter auch Farben, die Menschen nicht sehen können). Gerade Primaten können ihre Farbeindrücke auch wiedergeben, wie das Bild auf der nächsten Seite zeigt. Insbesondere der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Farbe, z. B. die eines Mammuts, mit völlig unterschiedlichen Materialien durch Mischen nachbilden kann. Beeindruckende Höhlenmalereien aus der Steinzeit zeigen, wie der Mensch bereits vor 40000 Jahren Maltechniken entwickelte. Dabei verwen-

dete er als Anstrichmittel Eisenoxide (Hämatit) für rote und Manganoxide oder Holzkohle für schwarze Farben. Die Wahrnehmung von Farben ist eng mit abstrakten Betrachtungen und religiösen Ansichten verbunden. Wie sonst ist Gold kulturübergreifend als Abglanz der Sonne wahrgenommen worden? Rohstoffe zum Färben, wie das zum Blaufärben von Schmuck benötigte Lapislazuli-Mineral, gehörten bereits vor tausenden von Jahren zu extrem begehrten Handelswaren. Auch Tiere (Purpur-Schnecke, Cochenille-Schildlaus) und Pflanzen (Indigo) wurden zum Färben für Kleidung verwendet. Auch aufgrund des Wertes der Farben sind Regeln erlassen worden, wer, je nach gesellschaftlicher Stellung, welche Farbe tragen durfte. So ließen die Pharaonen ihre Tempel und Grabmäler reichlich bemalen; insbesondere blau (aus Kupfer- und Calciumsilicate) und grün (Malachit) waren sehr beliebt. Purpur war die offizielle Farbe der Macht im antiken Rom, der römische Kaiser Nero verbat unter Todesstrafe den Besitz dieser Farbe. Für wohlhabende Patrizier war das teure Zinnober-Rot die Farbe der Wahl, Blau galt als Farbe der Barbaren, da keltische Stämme sich oftmals in dieser Farbe den Körper bemalten (aus dem Färberwaid). Durch Kreuzzüge und die Entwicklung von Handelsrouten entwickelte sich im Mittelalter und in der Renais-

Die wichtigsten organischen Farbstoffklassen mit prominenten Vertretern. Das namensgebende Grundgerüst ist blau unterlegt.

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Dossier

Foto: Physicoro.de

Wissenschaft


Foto: zookrefeld.de

Dossier

Wissenschaft

Der Borneo-Orang-Utan Barito (*2000) begann seine künstelerische Laufbahn im Alter von 9 Jahren. Der malende Affe lebt heute im ZOO von La Palmyre in Frankreich.

sance die Malerei. Viele Manufakturen in Europa spezialisierten sich auf die Herstellung von Pigmenten aus Pflanzen. So wurde in Frankreich aus dem Färberkrapp der rote Farbstoff Alizarin gewonnen, in England blaues Pigment aus der Indigo-Pflanze. Viele Rohstoffe und Färbemittel wurden darüber hinaus aus Asien teuer importiert. Durch die zufällige Entdeckung ei-

sie AC2-Praktikanten erfreuen, auch echte Anwendungen haben: Berliner Blau/Preußisch Blau (Öl-/Aquarellfarben), Rinmans Grün (Öl-/Zementfarben) und Schweinfurter Grün (Pflanzenschutzmittel). Dennoch ist die Bedeutung natürlich hergestellter Farbstoffe auch in heutigen Tagen nicht erloschen. Ein Beispiel hierfür sind Lebensmittelfarbstoffe.

Buntes Essen

ner Synthesemöglichkeit von Mauvein im Jahr 1856, welches zu einem beliebten Farbstoff für Kleider im viktorianischen England wurde, startete die Ära der synthetischen Farbstoffe. Diese Entdeckung löste eine gewaltige Explosion wissenschaftlicher und industrieller Aktivitäten in Deutschland aus, was zur Gründung zahlreicher Firmen führte, wie z.B. BASF. In den 1860er Jahren war Deutschland für die organische Chemie, was Silicon Valley derzeit für Computer ist. Durch die synthetische Herstellung von Indigo, Alizarin und weiterer Farbstoffe wurde Deutschland zum führenden Zentrum der chemischen Industrie. Auch zahlreiche neue anorganische Farben sind in dieser Zeit entdeckt worden, die, abgesehen davon, dass

Begeht man die Süßigkeitenabteilung im Supermarkt, fällt auf, wie bunt die kleinen Gummibärchen, ApfelRinge und Cola-Fläschchen sind. Ein Blick auf die Zutaten zeigt eine Liste mit E-100er Einträge. Diese stehen für hinzugefügte Farbstoffe und sind nach EU-Recht gekennzeichnet. Heute gibt es ungefähr 40 zugelassene Lebensmittelfarbstoffe. Diese können entweder pflanzlichen Ursprungs sein, synthetische Nachbildungen von in der Natur vorkommenden Substanzen oder gänzlich synthetische Verbindungen. Welchen Ursprung sie auch immer haben möchten, Ziel ist es immer, das Produkt appetitlicher zu machen und Schlüsselreize beim Konsumenten zu wecken. Eine Strategie, welche viele Pflanzen mit bunten Früchten übrigens auch verfolgen, um ihre Samen zu verbreiten. Das Färben von Lebensmitteln, insbesondere der gänzlich synthetischen Lebensmittel-Zusatzstoffe, hat einen 22


Wissenschaft

Foto: n-tv

Farbe trifft Kopf –

Welche Farben siehst Du?

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Foto: Spiegel-Online

sehr schlechten Ruf. Es scheint, eine Injektion potentiell schädlicher Stoffe in unsere Nahrung zu sein. Und das, obwohl viele Lebensmittelfarben aus der Nahrung gewonnen und in andere Nahrungsmittel transplantiert werden – sie sind nicht giftiger als im ursprünglichen Lebensmittel. Gelborangene Carotinoide (E 160) werden beispielsweise aus Karotten gewonnen und fördern die Sehkraft. Meist sind Farben künstlicher oder mineralischer Herkunft ebenfalls unbedenklich, denn die Konzentration im Endprodukt ist sehr gering – man möchte ja nicht den Geschmack verändern. Dennoch stehen Azofarbstoffe im Verdacht, Allergien oder Hyperaktivität auszulösen. Ähnliche Farbstoffe wie in den Lebensmitteln werden auch in der Kosmetik verwendet – übrigens auch beim Paintball oder beim Färben von Textilien. Mit dem gleichen Hintergedanken: Farben beeinflussen unser Verhalten.

Die Einschätzung, ob das Mensaessen gut schmeckt oder nicht, unterliegt der individuellen Wahrnehmung – Geschmackssache eben. Geprägt werden diese Empfindungen vor allem von Erinnerungen an frühere Mahlzeiten. So bewirkt eine plötzliche Erkrankung nach dem Verzehr einer süßen Sahnewaffel mit heißer Schokolade, dass diese Nahrungsmittel-Kombination in Zukunft zu meiden ist. Damit es in jeder Situation verstanden wird, belegt unser Hirn die Speisen mit einer abscheulichen Geschmackswahrnehmung. Geprägt wird sie aber vor allem durch frühkindliche Erinnerungen: „Bei Mama schmeckt’s am besten“. Während dieses Wissen bereits Teil der landläufigen Allgemeinbildung ist, kann das nicht für das Farbsehen behauptet werden. Gerade die visuelle Wahrnehmung ist durch und durch geprägt von Erinnerungen und Erfahrungen. Nur wenige Farben erzeugen bei Menschen ein einheitliches Empfinden. Rot zum Beispiel wird so gut wie immer als warme Farbe verstanden, während blau mit Kälte assoziiert ist. So deutliche Zuordnungen kommen in der Praxis durchaus zur Anwendung. Die farbigen Punkte auf Wasserhähnen für warmes und kaltes Wasser kennt jeder. Etwas skurriler geht es mitunter in Gefängnissen zu. Aggressive Häftlinge werden auch bei uns in Deutschland zur Farbtherapie in pink gestrichene Zellen gebracht. Das sogenannte Baker-Miller-Pink kühlt die Gemüter in Minutenschnelle ab. Die fixen Farbzuordnungen sind aber nur eine Minderheit im Meer der verschiedenen Farbwahrnehmungen. Offensichtlich wird das beim Vergleich verschiedener Kulturkreise: Bei uns gilt grau etwa als

Dossier

Psychologie der Farben

Ist die Banane blau?

traurige, langweilige Farbe. Bei indianischen Volksgruppen ist grau hingegen eine sehr positive, glückselige Farbe. Die Klimabedingungen bewirken in diesem Fall den Unterschied: Grau = Regen. Schließlich hat jeder seine eigene Farbdatenbank im Hirn. Erst kürzlich ging ein vermeintlich blau-schwarzes oder weiß-goldenes Kleid durch die sozialen Netzwerke. Je nach Betrachter wurden die Farben verschieden wahrgenommen. Der Grund liegt vermutlich in der Filtertechnik unseres Hirns. Farbwahrnehmung ist relativ und je nachdem welche Hintergrundbeleuchtung angenommen wird und welche Erfahrungen jeder einzelne dazu hat, wird die durch das Auge aufgenommene Farbe korrigiert. Wer das nicht glaubt, sollte Verwandte nach der Farbe des abgebildeten Kleids fragen und anschließend staunen. Wer es dann immer noch nicht glaubt, sollte ein Schwarzweiß-Bild einer Banane betrachten. Das Gehirn filtert in Richtung gelb. Wetten die Banane ist dann blau?

Doch nicht nur wir Menschen, auch Tiere haben eine ganz besondere Wahrnehmung von Farben.


ist, dass die Farben der Chamäleons mit Krankheit oder zunehmenden Alter verblassen. In der Hinsicht ähneln sie irgendwie dem Menschen. Aber nicht nur die Gründe für die Farben, sondern auch die Effekte, die für die Farbigkeit sorgen, sind vielfältig. Der häufigste Farbstoff der Tierwelt, den alle Säugetiere und auch die meisten der andeEin blauer Pfeilgiftfrosch. Die Farbe dient zum Schutz gegen ren Tierklassen besitzen, Fressfeinde. ist das Melanin. Dieses kommt meistens als dunkelbraun bis schwarzes Eumelanin vor. Nicht alle Farben im Tierreich Tiere, die Eumelanine in der Haut haben, sind allerdings schwarz. Es färbt Die Farbenpracht im Tierreich hat die epiderme Hautschicht nur etwas ganz unterschiedliche Gründe. Die gif- dunkler. Melanine sind wichtig, da sie tigen Frösche im Regenwald warnen durch UV-Licht zersetzt werden und mit ihren auffälligen Farben andere dadurch die DNA-schädigende UVTiere davor, sie zu fressen. Schwebe- Strahlung in Wärme umwandeln. fliegen signalisieren mit ihren schwarzgelben Streifen ebenfalls, dass es gefährlich wäre, sie anzugreifen. Doch im Gegensatz zur Biene oder Wespe, als die sie sich tarnen, haben sie keinen Stachel. Auch die Tiger tarnen sich mit ihren Streifen, allerdings nicht um sich zu schützen, sondern um unbemerkt an ihre Beute zu kommen. Und Vögel verfolgen wieder ganz andere Ziele. Sie wollen die Weibchen beeindrucken und auf sich aufmerksam machen. Die Weibchen selbst daDie Carotinoide, eine Farbstoffklasgegen sind meist eher unauffällig be- se, die aus Carotinen und ihren saufiedert, um sich mit der Brut besser zu erstoffhaltigen Derivaten, den Xanverstecken. thophyllen, bestehen, färben viele Chamäleons kommunizieren sogar Vogelfedern, Insekten (wie z.B. Maüber ihre Farben. Sie geben ihren Art- rienkäfer) und auch die Panzer von genossen zu verstehen, dass sie bei- Krebstieren rot. Die rosa Farbe von spielsweise Hunger haben oder müde Flamingos entsteht, weil sie Krebse essind. Und sie passen sich der Tempe- sen, und damit deren Carotinoide aufratur in ihrer Umgebung an. Je kälter nehmen. es wird, desto dunkler wird ihre Farbe, Manche grüne und blauen Schmetum möglichst viel Sonnenlicht einfan- terlinge verdanken ihre Farbe den sogen zu können. Ebenfalls interessant genannten Gallenfarbstoffen, die beim Abbau von Hämoglobin entstehen. Ihren etwas seltsamen Namen hat die Farbstoffklasse, weil sie zuerst in der Galle nachgewiesen wurde. Die beiden Farben können aber auch ohne Farbpigmente entstehen. Viele Schmetterlinge wirken blau oder grün, weil die Strukturen der Schuppen auf den Flügeln gewisse WellenEumelanin

Foto: heise.de

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Wissenschaft

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längenbereiche des Lichts stark reflektieren und andere durchlassen. Käfer, die grün und bläulich glänzen, haben meist transparente Vielfachschichten mit abwechselnd großem und kleinen Brechungsindex, die für eine selektive Reflexion sorgen. Kolibris, Raben und auch Pfaue verdanken ihr Schillern wiederum Interferenzeffekten. Bei Pfauen bewirken mikroskopisch kleine Muster, dass sich die Lichtstrahlen überlagern. Bei Kolibris und Raben dagegen ist es ein ähnlicher Effekt wie bei Seifenblasen oder einem Ölfilm auf dem Wasser. Die dünne, optisch transparente Schicht, wie das Öl oder eben die Kolibriflügel, erscheint farbig. Dabei interferieren die Lichtstrahlen, die an der oberen und der unteren Grenze der dünnen Schicht reflektiert werden. Bei Chamäleons ist es sogar noch komplizierter. Es gibt gleich mehrere Hautschichten, die für die Farbe zuständig sind. Die unterste produziert durch den kristallinen Farbstoff Guanin einen irisierenden Farbeffekt. Die zweite Zellschicht besteht aus Melaninen und die dritte aus Carotinen. Die Zellschichten können durch Muskeln gedehnt und gestreckt werden. Die verschiedenen Anordnungen der übereinanderliegenden Farbschichten bewirken die unterschiedlichen Färbungen. Eine Besonderheit mancher Tiere ist ihre Gabe, UV-Licht zu sehen. Bienen zum Beispiel können viel weiter in den UV-Bereich sehen als wir Menschen. Das machen sich manche Blumen zu nutze. Sie sind dafür bekannt, unter UV-Licht auf dramatische Weise anders auszusehen. Durch diese Muster versuchen sie, Bienen anzulocken. Wie diese Farbtöne nun heißen, können wir Menschen nicht sagen. Ihre Namen lassen sich nur in der Tanzsprache der Bienen aussprechen. Doch nicht nur Blumen und Bienen nutzen UV-Licht, auch der Mensch verwendet dies, unter dem Namen „Schwarzlicht“.


Farben des Feuerwerks StrontiumSalze

CalciumSalze

Feuerwerk – was ist drin? Ein Feuerwerk besteht aus zwei Hauptkomponenten: Der Treibladung und dem Oxidationsmittel. Als Treibladung wird häufig Schwarzpulver eingesetzt, der aus 75% Kaliumnitrat, 15% Holzkohlepulver und 10% Schwefel besteht. Dabei ist die Partikelgröße der Bestandteile ausschlaggebend: Je feiner die Pulver, desto größer die Oberfläche. Eine große Oberfläche ermöglicht eine schnelle Reaktion und somit ein rasches Verbrennen. Für die Verbrennung der pyrotechnischen Sätze sind Oxidationsmittel notwendig. Diese stellen den Sauerstoff für die Redox-Reaktion zur Verfügung. Häufig werden Nitrate, Chlorate und Perchlorate verwendet, da sie weder hydroskopisch sind noch ihren Sauerstoff bei zu hohen Temperaturen

NatriumSalze

BariumSalze

KupferSalze

abgeben. Verschiedene Alkali- und Erdalkalimetalle sowie Kupfer, Aluminium und Titan sind für die Farbgebung der Feuerwerke verantwortlich. Diese werden in der Regel als Chlorate, Nitrate und Carbonate beigemischt. Durch die Energiezufuhr der Verbrennungsreaktion werden energiereiche Elektronen des jeweiligen Metalls angeregt. Bei dem Zurückfallen in den Grundzustand wird die Energie in Form von Licht emittiert. Je nach der Wellenlänge des Lichtes entspricht die Emission einer anderen Farbe. So werden rote Farben durch Zugabe von Strontiumoder Lithiumsalzen erzeugt, während grüne ihre Farben durch Barium-Verbindung erhalten. Bindemittel sind ebenfalls wichtige Bestande der pyrotechnischen Sätze. Häufig werden Stärke, Dextrin oder 25

Mischung Cu & Sr

Mg & Al

Wasser eingesetzt. Diese fungieren als eine Art „Klebstoff“ und halten die reaktiven Bestandteile, meist Pulver, auf einer Unterlage fest. Die Brennmasse einer Wunderkerze enthält üblicherweise 55% Bariumnitrat, 25% Eisenpulver, 5% Aluminiumpulver sowie 15% Dextrin als Bindemittel. Hier dient Bariumnitrat jedoch nicht mehr als Farbgeber, sondern als Sauerstofflieferant. Bei der Zersetzung von Bariumnitrat wird Sauerstoff frei, außerdem entsteht Bariumnitrit, welches in Folgereaktionen zu Bariumoxid und Stickstoffdioxid umgesetzt wird. Zunächst das feine Aluminiumpulver und anschließend das grobe Eisenpulver reagieren mit Sauerstoff, wobei die für Wunderkerzen charakteristischen Funken und Licht entstehen.


Foto: wikimedia Commons

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Wissenschaft

Schwarzlicht Schwarzlicht ist nicht etwa das Lichtspektrum, das von einem schwarzen Strahler abgegeben wird, sondern Licht, das zum Beispiel in Discos verwendet wird. Beim Schwarzlicht handelt es sich um Licht, das die Farbe schwarz hat. Das erscheint zunächst unsinnig, da die Abwesenheit von Licht vom menschlichen Auge als schwarz wahrgenommen wird und somit gar kein Licht Schwarzlicht wäre. Jedem Wellenlängenbereich im Spektrum des sichtbaren Lichts wird vom Auge in Zusammenarbeit mit dem menschlichen Hirn (den Sehnerv lassen wir mal außen vor, so genau geht’s hier nicht) eine Farbe zugeordnet. Das Schwarzlicht ist nun nicht der Rest des gesamten möglichen Spektrums an elektromagnetischen Wellen – das manchmal neben dem sichtbaren Licht auch einfach als Licht bezeichnet wird – sondern eigentlich nur Licht im UV-Bereich. In Discos findet das Schwarzlicht dadurch Verwendung, dass Farbstoffe eingesetzt werden, die elektromagnetische Wellen aus dem UV-Bereich, also Schwarzlicht, absorbieren und infolgedessen Licht im sichtbaren Wellenlängenbereich emittieren (Fluoreszenz). Solche Farbstoffe werden immer mehr zum Färben von Kleidungsstücken verwendet, damit noch deutlich sichtbarere, „strahlendere“ Farbeindrücke er-

zeugt werden können, indem auch das UV-Licht aus dem Sonnenlicht durch die mit modernen Farbstoffen gefärbte Kleidung absorbiert wird. In einer Diskothek mit Schwarzlicht ist der Effekt natürlich eindrucksvoller. Dort ist es klassischerweise sehr viel dunkler und es ist praktisch nur noch das Emissionsspektrum zu sehen.

Kunst für die Ewigkeit Untersucht man die von bekannten Künstlern verwendeten klassischen Pigmente, mit denen sie dauerhafte Werke der Kunst schufen – Ölgemälde, Fresken oder dergleichen – bestehen diese oft aus einfachen, anorganischen Verbindungen. Diese sind stabiler als organische Farbstoffe.

Ein großes Problem vieler organischer Farbstoffe ist ihre Lichtunbeständigkeit. Viele verblassen im Laufe der Zeit. Durch die anhaltende Absorption von Licht in ihrem spezifischen Bereich des elektromagnetischen Spektrums sind sie durch Schäden von genau diesem Licht nicht geschützt. Folglich können Nebenreaktionen, wie Oxidationen oder radikalische Reaktionen auftreten, welche die farbgebenden Strukturen im Molekül zerstören. Anorganische Farbstoffe haben dieses Problem nicht. Die Kristallstrukturen anorganischer Feststoffe sind sehr dicht gepackt. Selbst wenn Atome angeregt oder aus ihrer ursprünglichen Position entfernt werden, kommen sie nicht weit. Die Logik des Kristalls verlangt, dass sie sofort an die Stelle zurückfallen, an der sie waren. Anorganische Pigmente schaffen allerdings nur Farben aus eiEin Beispiel für BioArt. Dieser Sonnenuntergang zeigt nem sehr begrenzten Bereich, eine achtfarbige Palette von Bakterienkolonien, welche von GFP und dem rot fluoreszierenden Protein ds- insbesondere leuchtende und Red abgeleitet sind. Kunstwerk: Nathan Shaner. Foto: stark gesättigte Farben sind besonders knapp. Viele dieser FarPaul Steinbach. 26

Farbnormierung Honig- oder doch melonengelb? Vielleicht aber auch maisgelb? Um etwas Systematik in die Welt der Farben reinzubringen, gibt es beispielsweise im Druckbereich Farbkataloge. Die Farbkataloge verbinden definierte Farbdarstellungen mit Farbenbezeichnungen. Die Herausgeber solcher Farbsysteme sind in der Regel Farbenhersteller, wie etwa HSK, RAL sowie Patrone. So sind bei RAL allen im Farbkatalog enthaltenen Farben vierzählige Nummern zugeordnet. Dadurch lassen sich z.B. die oben erwähnten Gelbtöne unterscheiden. ben wurden aus Edelsteinen oder Halbedelsteinen gewonnen, wie beispielsweise der blaue Lapislazuli. Diese Farbstoffe waren dadurch sehr teuer und nur etablierten Künstlern oder reichen Familien zugänglich. Dank der modernen Synthesechemie gibt es nun auch organische Farbstoffe, welche sehr robuste Molekülstrukturen besitzen und dicht gepackte Kristalle bilden, beispielsweise das Chinacridonrot. Farben und unsere Gesellschaft sind eng miteinander verwoben. Wir erfreuen uns an schönen Farben, doch helfen sie auch, die Forschung und unser Wissen voranzubringen – Veröffentlichungen in der Zellbiologie ohne fluoreszenzmikroskopische Bilder sind inzwischen eine Rarität. So gab es auch für die Entdeckung des grün fluoreszierenden Proteins (GFP) den Nobelpreis im Jahre 2008. Inzwischen gibt es zahlreiche Varianten dieses Proteins in den unterschiedlichsten Farben. Manche Künstler haben diese verwendet, um Kunst mit biologischen Materialien zu machen, BioArt. Nach wie vor wird noch an der Entwicklung neuer Farben geforscht, z.B. Autolacke. Eine bunte Zukunft steht bevor.

Mehr Wissen: Theodore Gray: Moleküle. Die Elemente und Architektur aller Dinge. Fackelträger Verlag, Köln, 2015. „Schön! Färberei!“, Die Zeit Online, 5.4.2013


Wissenschaft

Wer braucht eigentlich dieses CO? Kohlenstoffmonoxid ist in vielen Bereichen von Natur und Technik ein allgegenwärtiges und gleichzeitig hochbrisantes Molekül. Bekannt ist es vor allem durch die von ihm immer wieder verursachten zahlreichen Todesfälle. Dieser Artikel soll verschiedene Facetten dieses eigentlich recht simplen Moleküls aufzeigen.

CO ist farb- und geruchslos und etwas leichter als Luft. Es entsteht in der Natur durch vulkanische Aktivitäten, unvollständige Verbrennung und der Zersetzung von aus Pflanzen emittiertem Methanol. Die geschätzte natürliche Konzentration von 0,05 ppm hat sich in der Erdatmosphäre durch die Industrialisierung fast verdoppelt. Die Ozeane gelten als mit CO übersättigt, was auf Tiefseevulkane zurückführbar ist. Ist die Technik im Spiel, so nehmen die CO-Konzentrationen drastisch zu. Die Tabelle unten liefert die nötigen Fun Facts, um auf der Grillparty des Oldtimer-Clubs in der Tiefgarage die Stimmung zu vergiften – und damit womöglich das Leben der Gäste und die Besitzverhältnisse der Autos zu retten. Kohlenmonoxid bindet sich mit einer 200-fach höheren Affinität an Hämoglobin als Sauerstoff. Bei einem Anteil von 1% in der Atemluft tritt der Tod innerhalb von zwei Minuten ein. In den USA hat es im Jahr 2011 insgesamt 15000 Notarzteinsätze mit 500

Todesfällen gegeben. Vergiftung durch CO ist in Deutschland seit 1990 meldepflichtig und der ärztliche Report hierzu liefert vermutete und unvermutete Gefahrenquellen. Am gefährlichsten erweisen sich defekte Gasthermen und Öfen (etwa durch Vogelnester verstopft). Durch verbesserte Heizungstechnik hat das Bewusstsein gegenüber CO abgenommen. So haben sich Indoor-Grills zu einer neuen Gefahrenquelle herausbilden können, bei denen im Winter beim Grillen vor dem Fernseher die Holzkohle bei geschlossenen Fenstern kritische Dosen CO über mehrere Stunden hinweg freisetzt. Auch bei der zunehmenden Neueinrichtung von Pelletheizungen sollte erwähnt werden, dass die Pelletlagerung große Mengen CO freisetzt, wodurch zwischen 2002 und 2011 weltweit nachweisbar 14 Menschen gestorben sind. Es gibt allerdings auch technische Prozesse, bei denen CO absichtlich erzeugt wird. Zusammen mit Wasserstoff bildet es ein Gasgemisch, das großtechnisch bei der Methanolherstellung oder der Fischer-Tropsch-Synthese Verwendung findet. Schon früh benutzte man (allerdings ohne sich dessen bewusst zu sein) CO zur Eisenverhüttung. Durch die Verbrennung von Koks und die sogenannte Boudouard-Reaktion bildet sich CO, welches anschließend Eisenoxid wirkungsvoll reduziert. Für Arbeiten an Arbeitsplätzen, an denen ein CO-Austritt passieren kann, werden Gaswarnsensoren verwendet, welche spätestens bei 60 ppm einen

Aufdestilliert

Verschiedene Reaktionsgleichungen mit CO. Der Leser darf die Gleichungen selbstständig richtig stellen und sich etwas für das „?“ überlegen. Wer eine plausible Antwort für das unterste Beispiel findet, muss umgehend den Autor kontaktieren.

Alarm auslösen. Gefährlich ist dabei vor allem eine Desensibilisierung gegenüber diesem Alarm, wenn dieser noch unterhalb einer ernsthaft schädlichen Konzentration liegt, insbesondere deshalb, weil der tatsächliche Wert meistens unbekannt bleibt. Doch nicht für alle Lebewesen ist CO zwangsläufig schädlich. An Orten mit erhöhtem CO-Gehalt haben Archaea und Bakterien dieses Molekül in ihren Stoffwechsel einbezogen und verwenden es als Energie- und Kohlenstoffquelle. Dabei kann CO sowohl zu Kohlenstoffdioxid oxidiert als auch zu Methan oder Essigsäure reduziert werden. In der Frage, ob es Leben auf dem Mars gibt oder gegeben hat, wird vermutet, dass die Methanatmosphäre auf dem roten Planeten durch eben diesen Prozess zustande gekommen ist.

Tabelle: Relevante und interessante CO-Konzentrationen in ppm Erdatmosphäre 0,05 - 0,14 Venusatmosphäre 50 Marsatmosphäre 700 Abgas eines Hawaiianischen Vulkans 3700 Durchschnittswerte in Wohngebäuden 0,5 - 15 Stadtgebiet mit sehr schlechter Luft 100 - 200 Auto ohne Abgaskatalysator 7000 Grenzwert Auto mit Ottomotor/Dieselmotor 500 / 1000 Transportraum von Holzpellets 10.000 Zigarettenrauch in ungelüftetem Raum mit 30 m² 2,2 Kopfschmerzen 200 Schwindel und Übelkeit 800 Letale Dosis über 30 Minuten 1000 27

MW


Wissenschaft Über den Kolbenrand

Katalonien und seine Unabhängigkeit Jedes Jahr am 11. September finden in ganz Katalonien riesige Demonstrationen statt. Dabei halten Hundertausende von Katalanen Schilder hoch, auf denen man Sprüche wie „Wir sind eine Nation“, „Katalonien, ein souveräner Staat in Europa“ oder „Katalonien ist nicht Spanien“ lesen kann. Am 11. September 1714 ergab sich Barcelona den Truppen von Felipe V, dem damaligen spanischen König. Seitdem ist Katalonien eine Region Spaniens und genau 300 Jahre später sollte dieser Prozess umgekehrt werden. „Ara és l‘hora“ („Jetzt ist die Stunde“) war das Motto der bisher größten Demonstration der Geschichte Kataloniens, die am 11. September 2014 stattfand. Damit war das Referendum gemeint, mit dem die Katalanen – ähnlich wie die Schotten vor einigen Monaten – darüber abstimmen wollten, ob sie sich von Spanien abspalten. Aber im Gegensatz zur englischen Regierung, die mit größter Nervosität das Referendum erlaubte, entschied Madrid, dass eine Abspaltung verfassungswidrig sei. Somit war das Referendum, das am 9. November 2014 trotzdem stattfand, nur symbolisch. Bei dieser Wahl, für die berühmte Katalanen wie Pep Guardiola sogar extra in ihre Heimat flogen, wählten 81% für eine Abspaltung und 15% dagegen. Allerdings lag die Wahlbeteiligung nur bei 37%. Bei einer so wichtigen Wahl wäre sie im Ernstfall vermutlich ähnlich wie in Schottland bei fast 90%. Somit bleibt

MWP

offen, was in einem solchen Fall das Ergebnis wäre. Bayern ist seit 1871 ein Teil von Deutschland. Also erst seit 145 Jahren. Und hier sieht man, so sehr sich manch verschrobener alter Mann seinen König Ludwig zurückwünscht, keine Demonstrationen, die für eine Unabhängigkeit Bayerns kämpfen. Was also ist der Unterschied? Ein sehr großer Unterschied ist, dass die Katalanen eine eigene Sprache haben. (Und nein, Bayrisch ist keine Sprache, sondern ein Dialekt.) Außerdem haben sie natürlich auch eine eigene, sehr alte Kultur. Die ersten

Katalonien in Spanien. Foto: Wikimedia Commons.

Werke in der katalanischen Literatur sind auf Anfang des 12. Jahrhunderts datiert. Sie haben Tänze, bei denen spezielle Instrumente spielen, die es nur in Katalonien gibt. Und sie haben keine Stierkampftradition. Aber – argumentieren die Gegner der Abspaltung (die es in diesem zweigeteilten Volk in ungefähr der gleichen Anzahl gibt) – liegt nicht gerade in der Abwechslung der Reiz? Kann man nicht innerhalb eines Landes verschiedene Traditionen und auch Sprachen haben? In allen Staaten dieser Welt gibt es regionale Unterschiede und statt sie zu betonen und Unabhängigkeitsgegner tragen eine spanische und katalonische gegeneinander auszuFlagge. Foto: independent.co.uk

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Bei jedem Freundschaftsspiel des FC Barcelona hängt dieses Schild in ihrem Stadion.

spielen könnte man sich an beiden bereichern. Jedes katalanische Kind wächst zweisprachig auf. Nach einer Unabhängigkeit würde wahrscheinlich kein Spanisch mehr unterrichtet werden (die Unterrichtssprache in fast allen katalanischen Schulen ist bereits jetzt Katalanisch, aber es gibt obligatorische Spanischstunden). Außerdem gibt es viele Katalanen, vor allem in der Hauptstadt Barcelona, die sich schlichtweg als Spanier und Katalanen fühlen. Und natürlich gibt es die zugezogenen Spanier, die sich durch die teilweise extremen Äußerungen zur Unabhängigkeit ausgegrenzt fühlen. Ein großer Punkt der Unabhängigkeitsbewegung ist – wie sollte es anders sein – das Geld. Katalonien ist die wirtschaftlich stärkste Region Spaniens. Alle Regionen Spaniens sind, obwohl es offiziell eine Zentralregierung ist, bis zu einem gewissen Grad autonom. Sie sind zuständig für Bildung, Kultur, Gesundheit und Sozialpolitik, der größte Teil der Steuern fließt allerdings direkt nach Madrid. Die Regierung dort verteilt dieses Geld dann auf die verschiedenen Regionen in Form von Infrastruktur und ähnlichem oder direkt als Finanzspritze. Dabei gibt Katalonien dem spanischen Staat jedes Jahr mehr als es zurückbekommt. 2009 zum Beispiel flossen 61.812 Millionen Euro Richtung Madrid und nur 45.403 Millionen zurück. Somit wären die Katalanen ohne die Spanier finanziell besser dran. Und das ist auch eines der größten Probleme, die das sowieso schon wirtschaftsschwache Spanien bei einer Unabhängigkeit hätte. Großbritannien konnte es riskieren seine ärmste Region, die Schottland

Foto: cataloniaisnotinspain.wordpress.com


Wissenschaft nunmal ist, zu verlieren. Aber Spanien konnte einem Referendum nicht nur aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht zustimmen. Bei diesem Streitpunkt appellieren die Gegner der Abspaltung an die Solidarität der Katalanen. Es gibt Regionen, vor allem im Süden Spaniens, in denen Menschen in großer Armut leben, wohingegen Katalonien sehr viele Einnahmen unter anderem durch den Ruf Spaniens als Urlaubsland hat. Und auch in anderen Ländern werden Steuereinnahmen verteilt, um einen Sozialstaat zu gewehrleisten. Nicht zuletzt Deutschland mit seinem Länderfinanzausgleich ist ein Beispiel dafür. Eine Abspaltung, finden viele, ist außerdem in einer Zeit, in der die ganze Welt immer weiter zusammenwächst, sei es durch Staatenbunde wie die EU, durch Wirtschaftspakte, oder durch das Internet, gegen den Zeitgeist.

Ein gewisser Kompromiss wäre Katalonien mehr Selbstbestimmungsrechte, vor allem im finanziellen Bereich, zu geben wie es in einem föderalen Staat üblich ist. Von dieser Lösung wollen interessanterweise aber keine der beiden Seiten hören. Die einen sehen darin nur einen Trostpreis, für die anderen ist die Umstrukturierung des gesamten Staatsapparates schlichtweg undenkbar. Die Diskussion um das pro und contra einer Abspaltung wird die katalanische Gesellschaft und mit ihr ganz Spanien wie es scheint noch viele Jahre beschäftigen und polarisieren. Es gibt leider keinen Kompromiss, der beide Seiten zufrieden-

stellen kann und es bleibt nur zu hoffen, dass die jetzt schon tiefen Spalten zwischen den Parteien nicht zu Gräben werden, die diese bisher stets friedliche Bewegung zu einem gewaltsamen Konflikt werden lassen.

Markierungsfreie Visualisierung von intrazellulären Bakterien

Staphylococcus aureus ist eines der häufigsten Humanpathogene, das als fakultativ intrazelluläres Bakteriumlebensbedrohliche Erkrankungen wie Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut) und Sepsis verursachen kann. Die Pathogenität des Bakteriums beruht auf vielfältigen Anpassungsstrategien, zahlreichen Pathogenitätsfaktoren und der Fähigkeit, in verschiedene Zelltypen z. B. Endothelzellen einzudringen. Bisher ist noch wenig darüber bekannt, wie es dem Bakterium gelingt, im Zellinneren den Abwehrmechanismen der Zelle zu entgehen. Die Forschungsgruppe um Christina Groß entwickelte nun ein Raman-basiertes bildgebendes Verfahren, um intrazelluläre Staphylococcus aureus-Bakterien dreidimensional in Endothelzellen zu lokalisieren. Bei dieser Methode werden Raman-Spektren mit einem konfokalen Raman-Mikroskop aufgenommen. Aus den Spektren werden markierungs- und zerstörungsfrei Informationen über den meta-

bolischen Zustand der Bakterien gewonnen. Damit kann dann z. B. die Wachstumsphase der Bakterien bestimmt werden. Mit Hilfe dieses Verfahrens konnten die Forscher bereits zeigen, dass sich intrazelluläre Staphylococcen in einer exponentiellen Wachstumsphase befinden und sich aufgrund ihrer Anpassung an die Wirtszellen biochemisch von extrazellulären

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VF

Staphylococcen unterscheiden. Dieses neuartige Verfahren ist ein wertvolles Werkzeug, um die komplexen intrazellulären Mechanismen von Pathogenen zu untersuchen. Erkenntnisse über die Adaptionsstrategien solcher Pathogene könnten dann zur Entwicklung neuartiger Präventions-und Therapiestrategien gegen intrazelluläre Bakterien genutzt werden.


Wissenschaft

Wissenschaft! Verständlich! Unterhaltsam! Science Slams sind eine hervorragende Möglichkeit für Nachwuchswissenschaftler ihr Forschungsthema einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei geht es nicht nur um die Wissensvermittlung, sondern auch um eine verständliche und unterhaltsame Rhetorik. Ein Abend in Karlsruhe. MS Der Zuschauerraum vor der legendären Bühne im Karlsruher Jubez ist bis auf die letzte Reihe gefüllt. Schnell werden noch ein paar provisorische Klappstühle aufgestellt, damit niemand stehen muss. Die Stimmung ist angeregt, Gläser klirren, Spannung liegt in der Luft. Hinter der Bühne geht Philipp Schrögel noch einmal in sich. Die Moderationskarten liegen bereit, ein kurzer Blick zur Uhr, es ist soweit: Der Karlsruher Science Slam kann beginnen. Wer bisher dachte, Wissenschaft kann auf keinen Fall unterhaltsam oder gar verständlich sein, dem seien Science Slams wärmstens ans Herz gelegt. Seit etwa zehn Jahren finden die Veranstaltungen in ganz Deutschland statt. An die landläufig bekannten Poetry Slams angelehnt, bei denen vorzugsweise Lyrik oder Prosa aus der Feder des Vortragenden zum Besten gegeben wird, dreht sich beim Science Slam alles um die eigene Forschung. So kann es passieren, dass die Brown’sche Molekularbewegung mit einer Cocktailparty erklärt wird oder Supraleitung zur Liebesgeschichte zweier Elektronen mutiert. Ähnlich wie beim Dichterwettstreit bewertet das Publikum die Einzelvorträge dann nach Wissensund Unterhaltungswert.

Schrögel, 33 Jahre alt, beschäftigt sich seit Jahren beruflich wie privat mit dem Thema Wissenschaftskommunikation. Nach seinem Diplom in Physik an

Philipp Schrögel, 33, Science Slammer mit dem Thema Wissenschaftskommunikation. Foto: Daniel Sittenhöfer.

der Universität Erlangen-Nürnberg verschlug es ihn an die Harvard Kennedy School, wo er einen Master in Public Policy nachlegte. Neben zahlreichen Aktivitäten in der Hochschulpolitik, Bürgerdialogprojekten und der angestrebten Promotion auf diesem Gebiet gründete er im September vergangenen Jahres sein eigenes Büro für Wissenschafts- und Technikkommunikation. Hinzu kommt die Moderation des Karlsruher und Erlanger Science Slams. Etwa alle drei Monate findet sich so ein illustres wie auch interessiertes Publikum zusammen, um Schrögel und den Slammern zu lauschen. Die Scheinwerfer strahlen so hell, dass Schrögel sein Publikum kaum sehen kann. Egal, er kann es hören. Nach ein paar Regelerläuterungen ist es Zeit für Tobias Sauer, den ersten Slammer. Sauer ist Theologe und momentan noch 30

eine Ausnahme auf den deutschen Bühnen, denn die sind klar von Naturwissenschaftlern dominiert. „Auf die Plätze, Science…“, ruft Schrögel und das Publikum antwortet mit einem kraftvollen „Slam!“. Die Uhr läuft. Sauer hat nun gute zehn Minuten Zeit das Thema seiner Dissertation zu präsentieren. Das Publikum johlt schon nach wenigen Sekunden. Sauer zieht sich erst einmal selbst durch den Kakao und stellt den gemeinen Theologen als Tee-Trinker dar. Aber schließlich wird auch Wissen von der Bühne zur Audienz transportiert. Selbst lateinische Texte auf der Leinwand schocken hier niemanden mehr und Sauer versteht es seinem Publikum geschickt und mit Witz die Grundprobleme der Kirche in der heutigen Zeit nahe zu bringen. Selbst nach dem Vortrag in der Pause kommen interessierte Zuhörer auf ihn und die anderen Slammer zu, lebhafte Diskussionen beginnen. Schrögel, der Moderator, liebt diese lockere Atmosphäre: „Die jungen Wissenschaftler können sich einfach mal ausprobieren. Natürlich ist ein Fachvortrag etwas anderes, aber auch dort geht es darum, das Publikum zu erreichen und eine Geschichte zu erzählen. Die mag zwar etwas ernsthafter sein, aber die eine oder andere Pointe schadet auch einem Konferenzvortag nicht.“ Und mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: „Denn mal ehrlich: Wer hat schon Lust auf die immer gleichen langweiligen Sessions, bei denen man nur auf die Kaffeepause danach wartet?“.


Wissenschaft

In der Karlsruher Pause jedenfalls warten viele auf die zweite Hälfte des Programms. Ein Highlight: Felix Spenkuch, Chemiker aus Mainz, der es nicht wagt über sein Forschungsthema zu sprechen, sondern vielmehr über Scheitern in der Wissenschaft referiert. Der Beamer projiziert Bilder von ausgebrannten Abzügen und überschwemmten Laboren an die Wand. Doch Spenkuch hat auch eine einfache Nachricht: Scheitern gehöre einfach zur Wissenschaft dazu. Thomas Edison entwickelte hunderte Versionen seiner Glühlampe bis sie überhaupt einmal zum Leuchten erweckt wurde. Der geneigte Zuhörer solle also nicht davor zurückschrecken, Projekte ohne langes Überlegen einfach anzugehen, Scheitern hin oder her. Ein Wermutstropfen bliebe es aber trotzdem, dass die EU-Kommission die Glühlampe nun verboten hat. Spenkuch überzeugt und ist vielleicht mit seinem Mix aus Humor und Nachdenklichkeit ein Musterbeispiel eines guten Slammers. „Science Slams sollen keine flache Comedy sein“, meint auch Philipp Schrögel. „Für mich ist ein Vortrag dann am besten, wenn ich die Person hinter der Slamme-

rin oder dem Slammer erkenne. Was ist deren Motivation und was kann ich daraus lernen?“ Nachdem alle sechs Slammer vorgetragen haben (es war dieses Mal leider keine Wissenschaftlerin mit dabei, dafür ist der nächste Science Slam in Karlsruhe eine „Women’s Edition“), ist das Publikum an der Reihe. Aufgeteilt in wenige Gruppen diskutieren die Zuschauer über die Punktevergabe: Maximal zehn Punkte für den Wissenswert und ebenso viele Punkte für den Unterhaltungsfaktor. Am Ende gewinnt Matthias Beyer, der eine kurze Abhandlung zu biodegradierbaren Biopolymeren – also selbstabbauenden Plastiktüten – zum Besten gab.

Der enorme Zulauf bei Science Slams oder verwandten Veranstaltungen wie das 3-Minuten-Format FameLab wird aber auch von dissonanten Tönen begleitet. So kommt immer wieder der Vorwurf auf, bei den Slams handele es sich vorrangig um die Selbstdarstellung und Vermarktung von existenzbedrohten Wissenschaftlern. Schrögel hält dagegen und findet, dass der Dialog mit der Öffentlichkeit ja gerade die Kernidee der Abende sei. Er geht sogar noch weiter: “Wenn eine Slammerin oder ein Slammer einen Crowdfunding-Aufruf für seine Forschung teilt oder beispielsweise zum Mitmachen bei einer Studie aufruft, finde ich das sogar großartig. Es soll ja um einen engeren Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gehen. “Die Abneigung gegenüber Science Slams kommt oft aus der Wissenschaftswelt selbst. Dabei spielen wohl Ängste um den Verlust des guten alten Elfenbeinturms eine Rolle. Das breite Publikum wird dann als diabolische Öffentlichkeit missverstanden, das dem Wissenschaftler seine vermeintlich herausgehobene gesellschaftliche Position streitig macht. Schrögel entgegnet dem versöhn-

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Karlsruher Science Slam auf Youtube

lich: „Die Freiheit der Forschung ist und bleibt ein wichtiger Grundpfeiler, aber für mich ist die gesellschaftliche Verankerung von Forschung ein genauso wichtiger, zweiter Grundpfeiler.“ Betrachtet man die Science Slams aus Sicht des Publikums, sind sie eine einfache Möglichkeit, verständliche Einblicke in verschiedene Wissenschaftsbereiche zu bekommen. Der aktuelle Erfolg beruhe sicher auf der Unterhaltsamkeit der Vorträge. „Aber selbst wer am Anfang nur mit dem Ziel einen lustigen Abend zu erleben gekommen ist, nimmt doch auch etwas vom Inhalt mit“, freut sich Schrögel. Gefragt nach der Zukunft des Formats sieht er einen festen Platz der Science Slams in der Wissenschaftskommunikation. „Der bisherige Erfolg ermöglicht es auch, mit dem Format zu experimentieren und Neues auszuprobieren.“ So habe er in Erlangen kürzlich den ersten „Art & Science Slam“organisiert. Dabei haben sowohl Wissenschaftler als auch Künstler ihre Sichtweise auf ein gemeinsames Themenfeld präsentiert. Es bleibt spannend.

Mehr Wissen: Auch in München gibt es dieses Jahr wieder Science Slams. Zum Beispiel den 5. Müncher Science Slam am 3. Mai im Einstein Kultur. Dort könnt Ihr euch dann auch den Vortrag von Matthias Stahl ansehen, der diesen und andere Artikel im Chemist geschrieben hat.


Unterhaltung

Gefangen zwischen den Semestern

Ach i wo... IV

Längere Zeit ist vergangen seit der letzten Kolumne. Ursächlich hierfür ist die Natur des Bachelorstudiums, die viele von uns einfach leicht unterschätzt haben. Also an die jüngeren Semester ist dies schon einmal eine kleine Vorwarnung, ab dem vierten Semester wird es für sieben Monate wesentlich voller im Zeitplan und die Ansprüche werden ebenfalls etwas höher geschraubt. Wenn man aber ein Fazit zieht, dann kann man durchaus davon sprechen hier die größten Fortschritte machen zu können. Man lernt zum

Beispiel das für die Bachelorarbeit essentiell wichtige Einhalten von Deadlines, das Schreiben von viel Text in kürzester Zeit und vor allem bekommt man das erste Mal einen tieferen Einblick in den Alltag eines Chemikers – wie schön. Unschön, aber auch notwendig sind die Erfahrungen, dass nicht alles, was man beginnt funktioniert und man dann einfach weitermachen muss, dass zwei identisch durchgeführte Versuche von zwei unterschiedlichen Studenten völlig nicht reproduzierbare verschiedene Ergebnisse liefern können und dass man zu Beginn das Gefühl hat, dass manche Gegebenheiten im Studium einfach nur von Glück abhängen. Spätestens ab dem Synthesepraktikum oder einer präparativen Bachelorarbeit fällt einem auf, dass es so etwas wie Glück hier leider nicht gibt, sondern einfach die Arbeitsweise ursächlich für das Gelingen oder Scheitern ist. Durch Übung kann man dies jedoch etwas steuern. Nutzt aus diesem Grund jede

Bürorätsel: Auflösung auf der Seite 33

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Möglichkeit, um im Labor stehen zu können. Eine letzte Sache würde ich gerne noch anfügen: unser Jahrgang ist mittlerweile damit gebrandmarkt worden, der wirklich schlechteste zu sein. Vermutlich hört das jeder Studiengang an irgendeiner Stelle. Deswegen an alle, macht euch nichts daraus, es sind immer die kleinen und großen persönlichen Erfolge, die euch von anderen abgrenzen und euch die nächsten Möglichkeiten eröffnen.


33 Auflösung der Bürorätsel auf der Seite 32: Links: Prof. Kühn; Rechts: Dr. Michel

Unterhaltung


Unterhaltung

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Orbitrap: Hochsicherheitsgefängnis für hoch geladene Verbrechner.

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Gehen die Ionen eigentlich zum MALDI einkaufen?

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Ionen-Spray … und die Frisur sitzt!

Aus der ProteasomFoschung:

Lebenstherapie N-Oxyl: Mehr TEMPO für radikale Veränderungen.

Das kleine ABC

ML

A… wie Asbest, ist eine Sammel- B… wie Botulinumtoxin (BTX) C… wie Chromatographie. Sie ist bezeichnung für Silikatminerale. Neben oder Botox (ugs.). Das bezeichnet neu- ein chemisches Trennverfahren, welBraunasbest und Blauasbest wird Weißasbest (Chrysotil) schon seit über 2000 Jahren abgebaut. Aufgrund seiner hohen Zugfestigkeit und Flexibilität wurde Asbest (altgriech. asbestos „unvergänglich“) auch „Wunderfaser“ genannt. Es ist sehr hitze- und säurebeständig, hat gute thermische sowie elektrische Isolierfähigkeit und verrottet nicht. Durch all diese Eigenschaften fand es unter anderem in der Schifffahrt, Bauindustrie sowie Wärmedämmung in Form von Asbestzement (Eternit), Papier und Pappe Verwendung. Seit 1990 ist es wegen seiner gesundheitsschädlichen Wirkung in vielen Staaten verboten.

rotoxische Proteine der Bakterienspezies Clostridium botulinum. Ihren Namen verdankt sie der Tatsache, dass sie sich in alten Wurstkonserven vermehrt (lat. botulus Wurst). BTX verhindert die Ausschüttung des Neurotransmitters Acetylcholin, wodurch die Muskulatur gelähmt wird. Das Nervengift wird seit den 80er Jahren stark verdünnt zur Behandlung von Bewegungsstörungen, Migräne und Zähneknirschen verwendet. Trotz seiner Risiken ist es in der Schönheitsmedizin ein Wundermittel gegen Falten. Botox gehört zu den stärksten bekannten Giften. Schon eine intravenös verabreichte Menge von 4 ng/kg kann tödlich sein. 34

ches 1901 von dem russischen Botaniker Michail S. Zwet beschrieben wurde. Triebkraft ist die Aufteilung einzelner Bestandteile zwischen einer stationären und einer mobilen Phase. Das Gemisch wird mittels Druck, Kapillaren oder elektrischer Spannung in der mobilen Phase transportiert. Das Stoffgemisch wird durch die stationäre Phase bewegt, welche mit den einzelnen Substanzen des Gemisches wechselwirkt, wodurch sich die Substanzen an unterschiedlichen Streckenpunkten ansammeln. Die Substanzen werden mittels Absorption, Lichtstreuung, Fluoreszenz, Wärmeleitfähigkeit oder Färbung bestimmt.


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Ausgabe 01/2016  

Die neueste Ausgabe des Chemist! Dossier: "Farben und Chemie" Leitung: M. Hohlweck

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