ELEMENTAR 01 2016

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ELEMENTAR ZWISCHENSTOPP EUROPA

SO SCHMECKT'S DER WELT

Von der Entwicklung bis zum Verkauf: chemische Produkte und ihre Reise rund um den Globus

Unser Essen wird immer internationaler: ein Gespräch über Geschmäcker weltweit und die Lust auf deutsche Süßigkeiten

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RUNDHERUM UM UNS UND UM DIE WELT

01.2016

Magazin für die Beschäftigten in der Chemie


THEMA Wandel – Neu! Anders! Besser? 2

» AUCH WER UM DIE GANZE WELT REIST, UM DAS SCHÖNE ZU SUCHEN, FINDET ES NUR, WENN ER ES IN SICH TRÄGT.« RALPH WALDO EMERSON , amerikanischer Philosoph »DAS WAR EUROPÄISCHE WELTKLASSE.« FELIX MAGATH, Fußballtrainer » G LOBALISIERUNG IST FÜR UNSERE VOLKS­ WIRTSCHAFT DAS, WAS FÜR DIE PHYSIK DIE ­S CHWERKRAFT IST. MAN KANN NICHT FÜR ODER GEGEN DAS GESETZ DER SCHWER­ KRAFT SEIN – MAN MUSS DAMIT LEBEN.« ALAIN MINC, franz. Autor und Politikberater » E S GIBT KEINE GRENZEN. WEDER FÜR GEDANKEN NOCH FÜR GEFÜHLE. ES IST DIE ANGST, DIE IMMER GRENZEN SETZT.« INGMAR BERGMAN , schwedischer Regisseur

Erfunden in Deutschland – das gilt für viele bekannte Produkte, die anschließend weltberühmt wurden. Raten Sie mal, welche!

1.2016


ELEMENTAR 3

THEMA Rundherum – Um uns und um die Welt → Interview

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Zwischenstopp Europa on der Entwicklung bis zum V Verkauf: chemische Produkte haben oft eine Reise rund um den Globus hinter sich

14 Abenteuer Welt

ELEMENTAR porträtiert Menschen, die beruflich über den Tellerrand gucken

18 Berühmte Produkte – und wer hat's erfunden?

Weltweit bekannt, in Deutschland zuhause – fünf wegweisende Erfindungen „made in Germany“

20 So schmeckt's der Welt

Unser Essen wird immer internationaler: ein Gespräch über Geschmäcker der Welt und die Lust auf deutsche Süßigkeiten

Übrigens: Unser Redaktionsteam freut sich über Feedback unter redaktion@elementar-magazin.de!

1.2016

Handschlag über den großen Teich

TTIP soll den Handel zwischen Europa und den USA vereinfachen. Was aber ist dran an dem heftigen Protest dagegen?


RUND|HE|RUM

Wortart: Adverb

BEDEUTUNG: an allen Seiten,

im Umkreis um jemanden/etwas herum; rings; in die Runde; ganz und gar; völlig

Typische Wendungen: RUNDHERUM ZUFRIEDEN SEIN; RUNDHERUM BLICKEN

BAYRISCH MUNDARTLICH:

umadum

SYNONYME: allseitig, ringsumher; durchweg,

in jeder Hinsicht, in vollem Maße/Umfang, lückenlos, total; umgangssprachlich: durch und durch, mit Haut und Haaren, von A bis Z



THEMA RUNDHERUM – Um uns und um die Welt 6

HANDSCHLAG ÜBER DEN GROSSEN TEICH Unsere Welt wird immer kleiner. Die Globalisierung und das Internet beschleunigen die weltweite wirtschaftliche Zusammenarbeit. Das Abkommen TTIP, das nun den Handel zwischen Europa und den USA vereinfachen soll, wird aber oft skeptisch betrachtet. Wir fragen: Was ist dran an der Kritik?

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in halbes Chlorhühnchen zu Mittag bitte“ – klingt lustig, aber was da bald auf unseren Tellern landen könnte, empfinden gerade in Deutschland viele Menschen als gewöhnungsbedürftig. Das Stichwort hierfür lautet: TTIP. Gemeint ist damit ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union, das ihren Handel vereinfachen und günstiger machen soll. Eine Idee, die auf beiden Seiten des Atlantiks zahlreiche Vorteile hätte. Denn bereits heute werden zwischen beiden Güter und Dienstleistungen im Wert von zwei Milliarden Euro gehandelt – und das pro Tag. Eine beeindruckende Zahl, von der insbesondere Deutschland ein großes Stück abbekommt. Mehr als jedes andere EU-Land nämlich profitieren wir von der wirtschaftlichen Verflechtung mit den USA: „Made in Germany“ ist so begehrt, dass allein 2014 die deutschen Exporte in die USA um sieben Prozent angezogen haben. Dass die TTIP-Gegner hierzulande dennoch zahlreich – genauer: 51 Prozent und damit deutlich mehr als der EU-Durchschnitt von 28 Prozent – sind, zeigte sich im vergangenen Jahr in Berlin. Dort fand nicht nur die bislang größte Demonstration gegen das transatlantische Freihandelsabkommen statt, es war sogar die größte Demonstration des gesamten Jahres. Fakt ist nämlich, dass es bei den TTIPVerhandlungen um nichts Geringeres als das Fest­

legen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die nächsten Jahrzehnte geht. Diese könnten globale Strahlkraft haben. Auch darum prägen vor allem die kritischen Stimmen die öffentliche Diskussion über TTIP und Globalisierung. ELEMENTAR nimmt einige Positionen unter die Lupe.

„ T TIP VERNICHTET ARBEITSPLÄTZE IN DEUTSCHLAND.“

Stimm nicht t

Deutschland muss im internationalen Wettbewerb bestehen. Und das tut es bislang sehr erfolgreich: Dank exportstarker Unternehmen und dem guten Ruf der hiesigen Arbeitsleistungen sind wir mit einem Ausfuhrumsatz von über 1.000 Milliarden Euro pro Jahr Exportweltmeister. Mit TTIP könnten zusätzlich viele Handelsbarrieren wegfallen, die bis­ lang insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen abschrecken, neue Märkte zu erschließen. Dazu zählen neben Zöllen beispielsweise auch unterschiedliche Normen und Standards für die Zulassung von Produkten. Entfallen diese, kann sich das insbesondere für Deutschland auszahlen. Denn bereits jetzt hängt fast jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande vom Export ab. Auch, weil Produkte „Made in Germany“ bei Amerikanern beliebt sind. Folglich fül1.2016


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VORTEIL STATT VORURTEIL

Bei Globalisierung denken viele zunächst an billige Arbeitskräfte im Ausland, ruinöse Preiskämpfe, dreiste Produktkopien, Umweltverschmutzung … und alles zum Vorteil anderer. Statt über diese Vorurteile zu sprechen, sollte man sich viel öfter die positiven Aspekte einer zusammen­ wachsenden Welt anschauen. Einige Beispiele gefällig?

len sich die hiesigen Auftragsbücher. Das schafft Arbeitsplätze. Und wo qualifizierte Beschäftigte gefragt sind, steigen die Löhne. Diese Entwicklung wird laut Ifo anhalten: Allein TTIP könnte die Wirtschaft in Deutschland in den kommenden Jahren um fünf Prozent wachsen lassen – und das wird voraussichtlich auch langfristig Arbeitsplätze sichern und sogar bis zu 110.000 neue schaffen.

t Sti mmht nic

Globalisierung ist nicht nur das weltweite Interesse an deutschen Fahrzeugen und Werkzeugen. Globalisierung ist auch, zu vertretbaren Preisen um die ganze Welt fliegen zu können, ein Geschenk online aus Asien zu bestellen, das Grillgut mit Barbecuesaucen aus den USA zu verfeinern und günstige Tablets der neuesten Generation zur Auswahl zu haben. Globalisierung ist übrigens nichts Neues: Als Kolumbus Amerika entdeckte, war

„DIE BÜRGER PROFITIEREN NICHT

er eigentlich auf dem Weg nach Indien – denn

VON TTIP. ES GEFÄHRDET

von dort wollte man Güter wie Seide und

SOGAR UNSEREN WOHLSTAND .“

Gewürze per Schiff schneller und günstiger

Dem steht eine Zahl entgegen: 545 Euro. In etwa so viel könnte ein vierköpfiger Privathaushalt dank TTIP zusätzlich pro Jahr in der Haushaltskasse haben. Das hat das Center for Economic and Policy Research ausgerechnet. Der Absatzmarkt jenseits des Atlantiks macht Deutschland nämlich nicht nur zum Exportweltmeister, sondern nutzt auch uns Verbrauchern. Neben der deutlich größeren Auswahl an Produkten würden durch den Wegfall von Handelshemmnissen, wie Zöllen und Auflagen, die Kosten für Importe sinken. Zudem könnten mehr Hersteller miteinander konkurrieren. Das alles führt zu günstigen Preisen für die Verbraucher. 1.2016

importieren. Der technische Fortschritt beschleunigt die weltweite Vernetzung von Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr. Sie lässt sich weder aufhalten noch rückgängig machen. Wir sollten uns daher darauf konzentrieren, unsere gute Position auf dem Weltmarkt zu stärken. Dort sind wir übrigens nicht nur für Autos und Maschinen bekannt: auf Platz drei der wichtigsten deutschen Exportgüter im Jahr

...

2014 stehen Chemieerzeugnisse.


THEMA RUNDHERUM – Um uns und um die Welt 8

t Stimmht n ic

...

„TTIP WEICHT HOHE UMWELTSTANDARDS AUF UND BLOCKIERT ZUKÜNFTIGE UMWELTGESETZE .“

Wo die industrielle Produktion und die wirtschaftliche Vernetzung in einer globalen Welt stetig steigen, rücken Umwelt und Nachhaltigkeit immer dringlicher in den Fokus. Gerade hier versprechen sich TTIP-Verfechter einen großen Nutzen. Denn die europäischen Umweltauflagen sind strenger als die USamerikanischen. Sind alle Versuche, die hohen Standards der umweltbewussten Europäer auch jenseits des Atlantiks langfristig zu etablieren und zu sichern, bislang erfolglos geblieben, könnte dies nun ausgerechnet über das Freihandelsabkommen funktionieren. So soll die europäische Chemikalienverordnung REACH zu einer „regulatorischen Kooperation“ führen. Gemeint ist, dass beide Wirtschaften weiterhin ihre eigenen Schutzstandards bei Chemikalien bestimmen dürfen. Allerdings verpflichten sie sich, sich über den großen Teich hinweg frühzeitig zu informieren und Einwände des anderen zu hören. Mehr noch, indem sich beide Verhandlungspartner jetzt auf hohe Umweltnormen einigen, könnten sie weltweite Spielregeln für die Zukunft aufstellen und letztlich weitere Staaten positiv beeinflussen.

t Stim mht ni c

„MIT TTIP SINKEN DIE QUALITÄTSUND SICHERHEITSSTANDARDS UNSERER PRODUKTE. DARUNTER LEIDET AUCH DER VERBRAUCHERSCHUTZ .“

Vom Autositz bis zur Zinksalbe – für viele Produkte sollen bald einheitliche Normen und Zulassungsverfahren gelten. Der Vorteil ist offensichtlich: In dem neu entstehenden Binnenmarkt zwischen den USA

und der EU sollen Handelshemmnisse abgebaut werden. Denn bislang mussten Produkte aus Europa wie beispielsweise fabrikneue Autos oftmals in den Vereinigten Staaten weiteren Testverfahren und Zulassungsverfahren unterzogen werden, etwa weil es abweichende gesetzliche Vorgaben für die Farben von Blinkern gibt. Das ist nicht nur bürokratisch aufwändig, sondern auch teuer. Rund ein Viertel Mehrkosten bedeutet das allein für die Auto­mobilhersteller. Dies soll mit TTIP vereinfacht werden. Allerdings funktioniert der Verbraucherschutz in den USA grundsätzlich anders. Während ein Stoff dort so lange verwendet werden darf, wie etwaige Gefahren nicht eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen werden können, schützt Europa seine Verbraucher nach dem sogenannten Vorsorgeprinzip: Eine Substanz wird erst dann zugelassen, wenn klar ist, dass sie unschädlich ist. Dennoch sind die amerikanischen Standards des Verbraucherschutzes ähnlich hoch wie in der EU. Denn: Dort gilt nicht nur ein strengeres Produkthaftungsrecht, es drohen zudem – dafür sind die USA ja durchaus bekannt – hohe Entschädigungszahlungen. Ziel der EU ist ein Freihandelsabkommen auf Basis hoher Qualität- und Sicherheitsstandards – denn Qualität „Made in Germany“ ist weltweit ein entscheidendes Kaufargument. Fazit: Die Globalisierung ist unabwendbar. Unsere Aufgabe im 21. Jahrhundert ist es daher, sie möglichst sinnvoll zu gestalten. Auch wenn bestimmte Entwicklungen immer wieder Kritik hervorrufen, lohnt es sich, ab und zu unser Bild im Kopf mit der Realität abzugleichen. Denn vielleicht könnte TTIP mehr bedeuten als Supermarkt-Hühnchen, die zum Schutz vor Infektionen nach dem Schlachten mit Chlor behandelt werden. Das Freihandelsabkommen könnte vielmehr eine Erfolgsgeschichte für den deutschen (Wirtschafts-)Standort werden.

→V ier Buchstaben, viel Protest – worum geht �s? „TTIP“ (gesprochen: „tietip“) bedeutet ins

Verhandelt wird darüber bereits seit

Deutsche übersetzt „Transatlantisches Frei-

Juni 2013 zwischen der EU-Kommission

handels-Abkommen“. Es soll den Handel

und dem US-Handelsministerium. Über

zwischen den USA und der Europäischen

das bislang geheime TTIP-Dokument

Union (EU) vereinfachen. Freihandel be-

werden letztlich der Europäischer Rat, das

deutet dabei, dass beide Vertragspartner

Europaparlament sowie einige nationale

auf Handelsbarrieren wie Zölle, Mengen­

Parlamente mit „Ja“ oder „Nein“ abstim-

beschränkungen und Ähnliches verzichten.

men. Erwartet wird dies nicht vor 2017.

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NAH DRAN WEIT WEG

+ DAS LIEBLINGS­ ESSEN DES DEUTSCHEN

Die Reise der Kartoffel Die Kartoffel ist der Deutschen

Vieles schicken wir in die weite Welt, einiges aus der Fremde wiederum ist längst Teil unseres Lebens. Und so groß die Unter­ schiede manchmal scheinen – letztlich ist die Welt ein Dorf.

liebste Speise. Ursprünglich jedoch stammt sie aus Süd­ amerika. Über Spanien und England gelangte die Knolle mit den Seefahrern gegen Ende des 16. Jahrhunderts auch in unsere Breitengrade.

WELTBEKANNTE MARKEN

Andere Länder, andere Namen

Eine lange und längst ver­­­-

Apple, Coca-Cola, IKEA: Viele

auch in dem ein oder anderen

Marken sind weltbekannt. Aber

Klischee über Deutsche nieder­­

nicht alle heißen überall auf

geschlagen hat.

ges­sene Reise. Denn heut­zu­­tage gelten Kartoffeln als „typisch deutsch“ – was sich

der Welt gleich. Denn Markennamen lassen sich häufig in

FERNSEHSENDUNG MAL ANDERS

einer anderen Sprache schwer aussprechen – oder haben eine Bedeutung, die komisch bis nicht jugendfrei ist. Während Storck „Werther’s Echte“ seit 2002 weltweit unter dem international verständlichen „Werther’s Original“ vertreibt,

INTERVIEW

Zwei Fragen an ... Ehmer, → Wolfgang

68, erster Vorsitzender der Songlines Cologne e. V.

gilt für viele Produkte weiterhin: andere Länder, andere Namen.

Bresler Chile

Eskimo Frigo

Österreich

Spanien

Eine Show – viele Unterschiede „Wer wird Millionär?“, fragen sich Millionen Fernsehzu­ schauer weltweit regelmäßig.

Was ist das

wir wollen ja verstehen,

Das britische Showformat

Besondere an den

worum es in dem jeweiligen

flimmert in mehr als 100 Län-

Songlines Cologne e. V.?

Stück geht. Wenn keins von

dern über den Bildschirm.

Wir sind ein internationaler

unseren Mitgliedern die Spra-

Elemente wie die Kulisse sind

Chor, dessen Mitglieder aus

che beherrscht, suchen wir

zwar weltweit gleich, Unter-

14 verschiedenen Kulturkreisen

uns jemanden von außen,

schiede gibt es dennoch: So

stammen. Auch von unserem

der uns mit der Aussprache

beträgt der Höchstgewinn in

Repertoire her sind wir sehr

helfen kann. Schließlich

Japan „nur“ 72.000 Euro. Und in

breit aufgestellt. Neben unter-

reichen unsere Lieder von

Nigeria kann man die Teilnahme

schiedlichen Musikrichtungen

Englisch, Spanisch, Portugie-

nur per Rubbellos gewinnen.

singen wir Lieder aus ganz un­

sisch und Schwedisch über

ter­schiedlichen Kulturkreisen  –

Türkisch und Russisch bis Su-

immer in der Originalsprache.

aheli. Danach machen wir uns

1

daran, die Aussprache zu üben

2

Verstehen Sie stets,

und den Liedtext schrittweise

was Sie singen?

auswendig zu lernen. Nur so

Und wie lernen Sie Lieder

klingt er lebendig. Und erst

in fremden Sprachen?

damit gelingt es uns als Chor,

Global geschleckt, aber

Am Anfang steht immer die

eine echte Brücke zum Publi-

national benannt: Langnese-Eis.

Übersetzung des Textes. Denn

kum zu schlagen.


THEMA RUNDHERUM – Um uns und um die Welt 10

ZWISCHENSTOPP EUROPA Jeans, Smartphones, Spielzeug und Fußbälle sind von der Entwicklung über die Verarbeitung bis hin zum Käufer im wahrsten Sinne des Wortes schon einmal um die ganze Welt gereist. Auch viele Produkte der chemischen Industrie lassen den Begriff „Globalisierung“ lebendig werden. ELEMENTAR begleitet ein paar dieser Produkte auf ihrer Reise rund um den Globus.

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ier bei Covestro arbeitet Dr. Ke Hong an den Lampen der Zukunft. Moderne LED-Lampen haben nämlich ein Problem: Sie verwandeln nur rund 30 Prozent der Energie in Licht, den Rest in Wärme. Dadurch werden die Lampen heiß und gehen schneller kaputt. Bislang leiten Kühlkörper aus Aluminium an den Lampen die Wärme ab. Nachteil: Aluminium ist relativ schwer und lässt sich nicht in jede Form bringen. Deshalb hat Covestro einen leichten, wärmeleitenden Kunststoff auf PolycarbonatBasis entwickelt, der fast unbegrenzte gestalterische Freiheit ermöglicht – Makrolon® TC8030 Polycarbonat. Wenn man das Material berührt, fühlt es sich kühl an. Es leitet die Wärme aus unserer Hand schnell ab, denn seine Wärmeleitfähigkeit ist bis zu hundertmal höher als die von normalem Kunststoff. Als Werkstoff für Kühlkörper leitet es auch die Wärme von Lampen viel schneller ab. Doch bevor das Produkt so weit war, ist es schon einmal über den großen Teich gesprungen.

Dr. Ke Hong, Experte für Spritzguss­ entwicklungen bei Covestro Deutschland

LEVERKUSEN

Seine ursprüngliche Entwicklung fand in Pittsburgh (USA) statt. Dann beginnt die globale Geschichte. Ein Team aus Experten in Europa, Nordamerika und Asien prüft die Anforderungen der Kunden aus 1.2016

...


ELEMENTAR 11

Lars Steffen, Account Manager bei INEOS in Köln

...

KÖLN ihren Regionen. Gleichzeitig entwickeln Experten in Europa und den USA den Kunststoff je nach Bedarf weiter.

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Der Kunststoff kann letztlich auch global produziert werden. Er besteht aus Polycarbonat und Zusätzen, hauptsächlich Grafit. Das verleiht ihm die gute Wärmeleitfähigkeit und die dunkle Farbe. Die Rohstoffe dafür kommen direkt aus den Covestro-eigenen Werken und von Zulieferern aus dem Umfeld. Seine Reise hat Makrolon® TC8030 hiermit aber noch nicht beendet. Das Produkt soll nun an Hersteller von LED-Lampen in aller Welt verkauft werden.

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Kühlkörper aus Makrolon® TC8030 leiten Wärme von LED-Lampen effizient ab.

ier bei INEOS bringt Lars Steffen kleine Kügelchen an den Mann und die Frau. Warum? Zum Beispiel, damit un­ sere Fotos auf glänzendem Fotopapier richtig gut zur Geltung kommen. Die kleinen Kügelchen, auch Granulate genannt, gehören zur Familie der Polyethylene, die bei INEOS in Köln produziert werden. Dafür spaltet eine Anlage das Gas Ethylen, das aus dem Leichtbenzin Naphtha gewonnen wird. Das wiederum wird über eine Pipeline aus Rotterdam oder Antwerpen oder per Schiff über den Rhein direkt ins Kölner INEOS-Werk transportiert. Es wird aus Erdöl gewonnen, das von den großen Ölplattformen in der Nordsee in die niederländischen Raffinerien kommt. Zurück nach Deutschland. INEOS hat die Rezeptur für die Granulate entwickelt, um Folien, beispielsweise für

Die INEOS-Granulate werden geschmolzen und zum Beispiel zu Folien verarbeitet.

Fotopapier, herzustellen. Das passiert aber nicht in Köln, sondern bei Kunden, zum Beispiel rund 200 Kilometer weiter nördlich in Osnabrück beim Papierhersteller Felix Schoeller Group. Silo-Lkw bringen dafür jeweils rund 25 Tonnen Granulat in dessen Papierfabrik. Dort wickelt eine Maschine eine große Pa­pierrolle ab. Dann wird das Granulat geschmolzen und fließt aus einer Form

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Fortsetzung KÖLN

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Aliki Buhayer, Brand Manager bei UCB-Pharma AG

gleichmäßig als Folie auf dieses Papier. Danach wird das fertige Fotopapier wieder aufgewickelt und weltweit versendet, zum Beispiel an Kunden in der Werbebranche oder an Verlage. INEOS setzt übrigens nicht nur bei der Beschaffung der Rohstoffe auf globale Zusammenarbeit, sondern auch bei der Weiterentwicklung seiner Produkte. Die Kölner Technikerinnen und Techniker forschen dafür gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Brüsseler INEOS Research Center in enger Zusammenarbeit mit den Kunden. Aber wofür braucht man überhaupt eine Folie auf dem Fotopapier? Papier würde die Druckfarben aufsaugen und sie würden ineinander verlaufen. Die Folie schließt die Poren des Papiers, das Bild kann besser dargestellt werden. Und das ist gut so. Denn ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte.

Das Medikament Cimzia® wird aus Bakterien gewonnen und wirkt gegen Entzündungen.

BULLE (Schweiz)

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ier taut die UCB-Pharma AG lebende E.coli-Bakterien auf, um daraus das Medikament Cimzia® herzustellen. Es hilft Menschen mit entzündlichen rheumatischen Erkrankungen. Das Medikament, das in Großbritannien entwickelt wurde, hemmt Entzündungen und Schädi­ gungen der Knochen und lindert so die Schmerzen der Patienten.

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Die Bakterien, die die Kodierung für das Cimzia®-Molekül, das gegen Entzündungen wirkt, erhalten, kommen in kleinen, minus 140 Grad kalten Ampullen

aus einem Labor in Deutschland. Aliki Buhayer vergleicht die Bakterien mit „Primadonnen“: Sie reagieren sehr empfindlich auf Ernährung und Temperatur ihres sie umgebenden Mediums, wollen nicht zu dicht nebeneinander, aber auch nicht zu weit voneinander entfernt liegen, um sich optimal zu vermehren. Sobald sich die Bakterien in der Bioproduktionsanlage in der Schweiz genug vermehrt haben, leiten die Experten die Produktion des gewünschten Moleküls ein. Nach mehreren Aufreinigungsschritten bleibt nur noch dieses Molekül übrig. Aus 15.000 Litern Bakterien lassen sich so nur wenige Liter Medizin herstellen. In der letzten Produktionsphase wird das Molekül noch mit einer Polyethylenglykolkette, die aus den USA kommt, verbunden. Die fertige Arzneilösung wird nach Belgien versandt und in einem Labor sorgfältig überprüft. Dann geht es weiter ins deutsche Langenargen. Dort füllen Spezialisten das Medikament in Spritzen ab. Anschließend werden Patienten in mehr als 50 Ländern in Asien, Europa und Amerika damit behandelt. Zu diesem Zeitpunkt hat jedes Medikament bereits mehr als 8.000 Kontrollpunkte hinter sich.

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LEVERKUSEN

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Moderner Flüssigsilikonkautschuk ist so klar, dass damit sogar Linsen her­ gestellt werden können.

ier bei der Momentive Performance Materials GmbH mahlt eine große Mühle Silizium in feine Stücke. Das Gestein kommt per Schiff aus Abbaugebieten in Nord- und Südamerika, Afrika und Asien. In Leverkusen wird es mit Methylchlorid und Additiven zur Reaktion gebracht und die Reaktionsprodukte werden bei hohen Temperaturen destilliert. Aus den so gereinigten Zwischenprodukten entstehen Siloxane, die zu Vinylpolymeren umgesetzt werden. Damit beginnt die eigentliche Herstellung des Produkts, das wir uns hier genauer anschauen: Flüssigsilikonkautschuk (Silopren™ LSR).

Holger Albrecht kennt dessen Produktion in- und aus­ wendig. LSR entsteht als Mischung aus Vinylpolymeren, Vernetzern, Additiven und Kieselsäure. Bei der Kieselsäure arbeitet Momentive Hand in Hand mit einem direkten Nachbarn im CHEMPARK: Evonik stellt die Kieselsäure aus einem Rohstoff von Momentive her. Das Besondere beim LSR: Momentive produziert ihn in Form von zwei „Zutaten“ (Komponente A und B). In Fässern gelangen diese zu Spritzgießern auf der ganzen Welt. Erst dort fördert eine Pumpe die Komponenten in eine sogenannte Schnecke, die A und B vermischt und in die gewünschte Form spritzt. Bei circa 180-200 Grad härtet der Kautschuk danach aus.

Holger Albrecht, Senior Director bei Momentive Performance Materials

Würde Momentive die beiden Rohstoffe in Leverkusen mischen, würde das Material bereits auf dem Weg zum Kunden zu „Gummi“ werden. Vom Einspritzen bis zum fertigen Teil dauert es meistens nur Sekunden. Babyschnuller, Taucherbrillen, Hüllen für Zündkerzenstecker, Isolatoren für Hochspannungsleitungen und medizinische Katheter sind aus Silikon. Denn der Werkstoff ist durchsichtig, widerstandsfähig und hält extremen Temperaturen stand. So vielfältig wie die Einsatzmöglichkeiten sind auch die Einsatzorte. Schon Neil Armstrongs Schuhe, die er auf dem Mond trug, hatten Sohlen aus Silikon.

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THEMA RUNDHERUM – Um uns und um die Welt 14

ABENTEUER WELT Was früher als exotisch galt, ist heute vielgelebte Praxis: Immer mehr Beschäftigte arbeiten in global aufgestellten Unternehmen und wagen sich deshalb beruflich in die Ferne. Dabei stellen sie fest, dass es häufig eher kleine Dinge sind, die sich von zuhause unterscheiden. ELEMENTAR stellt Menschen aus der chemischen Industrie vor, die den Blick über den Tellerrand gewagt haben.

Als Expatriate von Brasilien nach Europa

Brasilien

Deutschland

Der Brasilianer Marcelo Gessoli lebt mit seiner Familie derzeit in Deutschland. Seine Entscheidung, für drei Jahre in ein fremdes Land zu gehen, hat er nicht bereut.

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Auswanderer auf Zeit: Marcelo Gessoli fühlt sich bei LANXESS in KrefeldUerdingen gut aufgehoben – wäre da nicht der kalte Winter am Niederrhein.

r lässt seinen Blick über die Gebäude, Schornsteine und Rohrleitungen der Produktionsanlagen von LANXESS in Krefeld-Uerdingen schweifen. „In einem anderen Land zu leben, bedeutet einen großen Gewinn – beruflich wie persönlich“, lächelt er zufrieden. Der gebürtige Brasilianer arbeitet jetzt schon seit zweieinhalb Jahren am Niederrhein. Als das Unternehmen ihm anbot, für drei Jahre beruflich nach Deutschland zu gehen, zögerte er nicht lange. Nach einem Sprachkurs und interkulturellem Training hieß es für ihn und seine Familie: Koffer packen für die Auswanderung auf Zeit. In Krefeld-Uerdingen ist Marcelo Gessoli mittlerweile ein fester Bestandteil des Teams. Er ist für die Planung und Optimierung der Arbeitsprozesse verantwortlich. Diese unterscheiden sich nicht wesentlich von denen in Südamerika. Schließlich sind die Standards, beispielsweise bei Arbeitssicherheit und Produktquali1.2016


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» In einem anderen Land zu leben, bedeutet einen großen Gewinn aus beruflicher wie persönlicher Sicht.«

Steckbrief LANXESS Hauptsitz: Seit 2013 befindet sich die Zentrale in Köln. Standort in Porto Feliz:

Marcelo Gessoli, Produktionstechniker bei LANXESS

Marcelo Gessolis Heimat­ standort ist Porto Feliz. Hier arbeiten 260 Mitarbeiter.

tät, an allen LANXESS-Standorten gleich. Der Arbeitsalltag und die Mentalität sind jedoch anders: „Pünktlichkeit ist hier viel wichtiger als in meiner Heimat“, berichtet er schmunzelnd. „Insgesamt sind die Abläufe detaillierter ausgearbeitet. Das lässt mir deutlich mehr Zeit zum Planen.“ Dafür gibt es in Brasilien weniger Bürokratie und viele Dinge werden flexibler gelöst, etwa indem Abläufe spontan verändert werden. Mit so einer unvergesslichen Arbeitserfahrung in der Fremde ist er in der chemischen Industrie kein Exot. LANXESS fördert mit seinem Expatriate-Programm

den Austausch von Wissen und technischem Know-how, damit die Standards – beispielsweise bei Arbeitssicherheit und Produktqualität – weltweit gleich sind. Ein halbes Jahr in Deutschland liegt noch vor ihm. Marcelo Gessolis Fazit steht aber bereits fest: „Für mich ist der Aufenthalt in Deutschland eine wirklich gute Erfahrung. Ich lerne die Arbeits­ abläufe hier kennen, habe Deutsch gelernt und die Kultur erfahren.“ An eines aber kann er sich nicht gewöhnen: Auch in seinem dritten Herbst im Rheinland hat er bereits bei 15 Grad Handschuhe und Mütze hervorgekramt.

Beschäftigte: Für LANXESS arbeiten weltweit rund 16.300 Menschen. Präsenz weltweit: Das Unternehmen hat 52 Standorte in 29 Ländern. Die chemische Industrie in Brasilien hat 2014 einen Umsatz von 92 Milliarden Euro erwirtschaftet. In Deutschland waren es 195 Milliarden Euro. Brasilien belegte damit weltweit den achten, Deutschland

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den dritten Platz.

Von New Jersey nach Nordrhein-Westfalen

USA

Deutschland

Andere Kulturen lernt man am besten kennen, wenn man in sie eintaucht. Die US-Amerikanerin Anne McCarthy hat das getan und ihren Entschluss keine Sekunde bereut.

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an bereut später nur die Dinge, die man nicht gemacht hat. Hast du die Chance, in die Welt hinauszuziehen, dann überleg nicht lange!“, lautet Anne McCarthys Rat. Die Amerikanerin weiß genau, wovon sie spricht: Vor zwei Jahren wagte sie den beruflichen Sprung über den großen Teich. Direkt ins Ruhrgebiet, nach Essen an den Hauptsitz von Evonik. Als Head of Employer Branding ist sie dafür verantwortlich, dass der Konzern als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird und für die Bewerber interessant ist. Die Kampagne, an deren Um1.2016

setzung Frau McCarthy jetzt mit ihrem achtköpfigen Team arbeitet, entstand in einer multinationalen Zusammensetzung. Denn die besten Ergebnisse wür­den dort erzielt, wo unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Perspektiven, Herangehensweisen und kulturellen Hintergründen zusammenarbeiten, erläutert McCarthy. So planten die deutschen Kollegen beispielsweise, die Themen Flexibilität und Work-Life-Balance mit einem Foto von einer Mutter und ih­ rem Kind auf dem Spielplatz zu illustrieren. Anne McCarthy war klar, dass dies in den USA für Verwunderung sorgen würde,

»Hast du die Chance, in die Welt hinauszuziehen, dann mach es!«

Anne McCarthy, Leiterin Employer Branding, Region Deutschland/Europa

...


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... da das Motiv lediglich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nicht aber die von Beruf und Hobbys spiegelte. Das Team entschied sich dann für unterschiedliche Motive für die einzelnen Regionen. BLEIB DU SELBST! Für den Erfolg eines global aufgestellten Konzerns wie Evonik sind Auslands­ erfahrungen und kulturelle Offenheit der Mitarbeiter essenziell. „Wir arbeiten permanent mit anderen Standorten zusammen. Da muss man sich aufeinander einstellen“, berichtet Anne McCarthy. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es in manchen Kulturkreisen als unhöflich gilt, einem Kollegen offen zu widersprechen. In gemischten Teams gibt sie den anderen deshalb mittlerweile sehr gezielt die Gelegenheit, auch eine abweichende Meinung zu äußern. Insgesamt stärkt der Blick über den eigenen Tellerrand auch die Kommunikation der Evonik-Mitarbeiter untereinander. Die Amerikanerin

ist sich sicher: „Wenn ich zurück an meinen Arbeitsplatz in den USA gehe, wird mir die Kommunikation mit den deutschen Kollegen leichter fallen. Ich weiß jetzt, wen ich zu welchem Thema anrufen kann, und auch, wann ein günstiger Zeitpunkt für ein Telefonat ist.“ Doch vor dem Umzug ins Unbekannte steht immer auch ein bisschen Überwindung. „Ich fand die Vorstellung, in einem anderen Land zu leben, schon ein bisschen unheimlich“, gesteht Anne McCarthy. Zur Vorbereitung der jährlich circa 430 Expatriates weltweit bietet Evonik interkulturelles Training an. Viele von den Ratschlägen haben sich als hilfreich erwiesen. Einer aber erwies sich für Anne als falsch: Ihr wurde ans Herz gelegt, weniger zu lächeln, weil man sie sonst in Essen in ihrer Führungsposition nicht ernst nehmen würde. Heute lacht sie mit ihrem Team über die verkrampften ersten Tage. „Man muss trotz der Anpassung an die andere Kultur immer man selbst bleiben!“

Steckbrief Evonik Hauptsitz: Die Evonik-Zentrale befindet sich in Essen. Standort in Parsippany: Anne McCarthys Heimatstandort befindet sich im Bundesstaat New Jersey. Hier sind 421 Menschen in der Verwaltung beschäftigt. Beschäftigte: Für Evonik arbeiten weltweit rund 33.000 Menschen. Präsenz weltweit: Das Unternehmen verfügt über Produktionsanlagen in 25 Ländern. Die USA belegten mit 641 Milliarden Euro 2014 den zweiten Platz beim

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weltweit erwirtschafteten Umsatz der Chemieindustrie.

Eine Amerikanerin im Ruhrgebiet: Für drei Jahre arbeitet Anne McCarthy, Leiterin Employer Branding, Region Deutschland/ Europa, in Essen. 1.2016


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Von Neuss nach Fernost: Azubis reisen nach China

Deutschland

china

Im vergangenen Jahr waren Thomas Hanneken und Maximilian Bonk Gastgeber für ihre chinesischen Austauschschüler und dann selbst mit einer Gruppe ihrer Berufsschule zu Gast in Asien.

» In China haben wir Einblicke gewonnen, die wir sonst nie bekommen hätten.« Thomas Hanneken, Auszubildender zum Industriekaufmann bei 3M (rechts) und Maximilian Bonk, Industriekaufmann bei 3M

Steckbrief 3M Hauptsitz: Die 3M-Zentrale befindet sich in St. Paul im US-amerikanischen Bundesstaat Minnesota. Deutsche Zentrale: Der Hauptsitz von 3M in Deutschland befindet sich in Neuss. Beschäftigte: Für 3M arbeiten weltweit rund 90.000 Menschen. Präsenz weltweit: Das Unternehmen hat Standorte in 70 Ländern. Der Umsatz der chemischen Industrie in China betrug 2014 1.386 Milliarden Euro. Damit lag das Land unangefochten auf dem ersten Platz im weltweiten Vergleich. 1.2016

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eitdem liebäugeln die Nachwuchskräfte des amerikanischen Multitechnologiekonzerns 3M mit dem Gedanken, später beruflich in die Ferne zu schweifen. Die Reise nach China haben sie während ihrer Ausbildung zum Industriekaufmann im vergangenen Jahr unternommen. Es war der Blick in die weite (Berufs-)Welt, der den Aufenthalt unvergesslich gemacht hat. Insgesamt 15 Firmen hat die deutsche Gruppe während ihres zweieinhalbwöchigen Aufenthalts in Fernost besucht, darunter natürlich auch die 3M-Zentrale in Shanghai. Im Empfangsbereich verrieten nur die Schriftzeichen, dass die Azubis auf einem anderen Kontinent unterwegs waren. Im Customer Innovation Lab, wo 3M für den interessierten Besucher eine Auswahl seiner Produkte präsentiert, gab es aber einen zentralen Unterschied: In Neuss ist die Einrichtung ein bisschen moderner, es gibt Führungen und vieles ist auf gro-

ßen Touchscreen-Bildschirmen dargestellt. „In Shanghai konnte man fast alle Produkte selbst ausprobieren“, berichten die beiden. Besonders in Erinnerung geblieben ist eine Schaukel, die gänzlich mit Klebstoff befestigt war. „Ein kleines bisschen Überwindung war schon notwendig, um sich da reinzusetzen“, gibt Thomas Hanneken zu. Weniger Überwindung kostete der Kontakt zu den chinesischen Austauschschülern und anderen Einheimischen. „Einmal hatten wir uns verlaufen und eine Frau nach dem Weg gefragt. Anstatt ihn uns zu beschreiben, hat sie uns die ganze Strecke bis zu unserem Hotel begleitet.“ Gerade solche Erlebnisse freuen Diana Klömpken, Ausbildungsleiterin bei 3M: „Der internationale Austausch ist ein Gewinn für die Auszubildenden und für das Unternehmen. Die weltweite Zusammenarbeit wird einfacher, wenn man weiß, wie die Kollegen aus dem anderen Kulturkreis ticken.“

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BERÜHMTE PRODUKTE – UND WER HAT’S ERFUNDEN? Weltweit bekannt, in Deutschland zuhause – das gilt für viele Produkte. Voraussetzung hierfür ist eine Gesellschaft, die kluge Köpfe und Neugier fördert. ELEMENTAR zeigt fünf wegweisende Erfindungen, deren deutsche Herkunft oftmals in Vergessenheit geraten ist.

Der Name „Fanta“ ist ist eine Wortschöpfung aus „fantastisch“ und „fantasievoll“ und das Ergebnis eines Wettbewerbs unter den Mitarbeitern der Coca-Cola GmbH.

1929 fertigte der Ingenieur Adolf Rambold aus 15 Zentimeter langen Stoffstreifen den weltweit ersten Teebeutel. Dafür faltete er die Streifen mit einer speziellen Technik zu sogenannten Doppelkammerbeuteln, fixiert durch eine Klammer. Damit gelang ihm, woran sich viele zuvor bereits versucht hatten: ein praktischer Teebeutel, bei dem sich das Aroma ohne Beigeschmack entfalten kann.

Im Zweiten Weltkrieg gingen die Zutaten für Coca-Cola aus. Deshalb beauftragte der Geschäfts­führer der Coca-Cola GmbH in Essen seinen Chef-Chemiker, sich eine Alternative auszudenken. So wurde ein Getränk aus Molke und Apfelfruchtfleisch kreiert – Rohstoffe, die trotz des Krieges verfügbar waren. Die erste Fanta kam 1940 auf den Markt. Mit dem charakteristischen Orangengeschmack wurde das Getränk aber erst in den 1950er Jahren durch den Coca-Cola-Konzern weltbekannt. 1.2016


Vor Fischers Erfindung wurden zur Befestigung in Wandlöchern mit Schweineblut getränkte Stofflappen benutzt. Der Dübel ist also nicht nur technisch effizienter, sondern auch deutlich hygienischer.

Die MP3 scheint ein typisches Produkt aus dem amerikanischen Silicon Valley, der Werkbank des digitalen Zeitalters. Tatsächlich aber gelang die Kompression von Audiodateien 1987 erstmals Forschern des Fraun­hofer-Instituts. Bei diesem Format werden alle für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbaren Sequenzen eliminiert und die ursprüngliche Größe der Datenmenge auf ein Zwölftel verkleinert.

1958 erfand Artur Fischer den Spreizdübel. Damit übertraf er die Erwartungen seines Lehrers. Dieser hatte ihn nämlich beauftragt, einen gut funktionierenden Dübel herzustellen. Entstanden ist schließlich ein Dübel aus witterungsfestem Nylon, der für zuverlässigen Halt sorgt. Dank des „Dübelschwänzchens“ dreht sich das zu befestigende Element beim Eindrehen der Schraube nicht mit.

Die beiden Ausgangs­stoffe Manilahanf und thermoplastische Fasern ermöglichten es Rambold, die Teebeutel zu verschweißen. Dadurch schmeckte der Tee nicht mehr nach Klebstoff.

Heute wird das MP3-Format nicht nur zur Ver­breitung von Musik, sondern auch beim digitalen Satelliten­ rundfunk verwendet. Es ist also branchenüber­ greifend beliebt.

In einem kleinen Dachbodenlabor in Dresden entwickelte der Apotheker Ottomar Heinsius von Mayenburg 1907 bei seinen Experimenten eine Mundreinigungspaste, die auch zum Schutz der Zähne beitrug. Bevor er seine Erfindung in biegsame Metalltuben abfüllte, fügte er der Rezeptur ein wenig Pfefferminz hinzu. So hinterließ sie obendrein einen guten Geschmack.

Heute enthält Zahnpasta unter­schiedliche Inhaltsstoffe aus der Chemie wie zum Beispiel Bindemittel, Feucht­haltemittel und Schaum erzeugende Mittel.


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SO SCHMECKT’S DER WELT Limonade in zehn Geschmacksrichtungen, Litschis oder Smoothies – was vor einigen Jahren noch nahezu unbekannt war, gibt es heute beinahe in jedem Supermarkt. Denn Globalisierung bedeutet auch: Zutaten und Rezepte aus aller Welt finden Einzug in unsere Küchen. Wir sprachen mit der Lebensmittelexport-Beraterin Sabine Panhorst über international begehrte Süßigkeiten und warum Curryketchup selbst in Süddeutschland nicht so beliebt ist.

Warum sind Geschmäcker eigentlich weltweit so verschieden? Unsere Prägung, aber auch landestypische Umstände wie Klima und die Herkunft der Produkte bestimmen unseren Geschmack. Zum Beispiel essen die Norweger stark gewürzt und verbrauchen pro Kopf viel mehr Gewürze als wir Deutschen. Denn dort ist es die meiste Zeit im Jahr sehr kalt und dunkel. Gewürze regen den Blutzuckerspiegel an und sorgen dafür, dass man nicht so schnell friert. Für Amerikaner hingegen muss Essen vor allem eines sein: viel, schnell und einfach zuzubereiten.

Inwieweit verändert die Globalisierung unser Essverhalten? Indem wir auf einmal Dinge essen und mögen, die wir vorher gar nicht kannten. Ein Beispiel ist Wasabi. Noch vor zehn Jahren wusste kaum jemand in Deutschland etwas damit anzufangen. In Japan wurde dagegen schon lange viel roher Fisch mit Wasabi und Ingwer gegessen. Denn beides sind Produkte, die eine reinigende Wirkung auf den Körper haben. Seit Sushi bei uns populär ist, essen auch wir Wasabi. Vorher haben wir ihn schlichtweg nicht gebraucht. Heute kennt fast jeder das grüne Gewürz.

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Zur Person: Sabine Panhorst Die 51-Jährige ist seit über 30 Jahren in der Lebensmittelbranche tätig und verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen im Export von Lebensmitteln. Die ausgebildete Industrie- und Fachkauffrau für Außenwirtschaft arbeitete unter anderem als Export­ assistentin und -leiterin für Ostmann Gewürze, Hahne Mühlenwerke, Hela und Peter Kölln. Als Gründerin und Geschäfts­ führerin von „planexport“ entwickelt sie Exportstrategien für Lebensmittelkonzerne und leitet den Aufbau von Geschäfts­ aktivitäten und Marken im Ausland.

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Süße Ware Allein 2014 hat

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Deutschland Süßig-

Heißt das, dass sich die Geschmäcker weltweit zunehmend angleichen – Stichwort „McDonaldisierung“? Das glaube ich nicht. Aber wir werden offener für neue Lebensmittel. Ganz platt gesagt: Wir wollen nicht jeden Tag nur Eier oder Kartoffeln essen. Wir sind neugierig auf Nahrungsmittel aus anderen Kulturkreisen wie chinesische Nudeln oder indische Currys. Deutschland ist aber noch sehr konservativ im Vergleich zu England oder Frankreich.

keiten im Wert von rund 7 Milliarden Euro exportiert. Besonders amerikanische und kanadische Leckermäuler fahren auf süße

»Wir wollen nicht jeden Tag nur Eier oder Kartoffeln essen. Wir sind neugierig auf Nahrungsmittel aus anderen Kulturkreisen.«

Sabine Panhorst, Gründerin und Geschäftsführerin von „planexport“

Ware „Made in Germany“ ab: Dorthin wurden fast 80.000 Tonnen geliefert.

Was ist der Grund dafür, dass dort mehr Vielfalt auf dem Speiseplan herrscht? Zum einen haben in diesen Ländern wegen ihrer langen Kolonialgeschichte immer schon viele Menschen aus Ländern außerhalb Europas gelebt und ihre Rezepte und Zutaten mitgebracht. Zum anderen sind viele Einkäufer im deutschen Handel nicht experimentierfreudig. Sie entscheiden sich oft lieber für die bewährte Tütensuppe, die gut läuft, als für südamerikanische Tacos, die noch kein Kunde kennt. Jeder kennt die Situation, dass der geliebte Nuss-Nougat-Brotaufstrich im Urlaub nicht wie zuhause schmeckt. Wie kommt das? Globale Unternehmen entsenden Marketingexper­ ten in ein Land und passen dann die Original­ rezeptur gezielt immer ein bisschen an den dortigen Geschmack an. Danach produzieren sie in den jeweiligen Ländern, denn sie wollen nicht als im-

portiertes Produkt wahrgenommen werden. Häufig schmecken aber schon die Inhaltsstoffe selbst von Land zu Land anders, zum Beispiel Mehl und Wasser. Auch das hat Einfluss auf den Geschmack. Aber das gilt nicht für alle Produkte … Nein, es kommt auf den Hersteller an. Ein großer deutscher Schokoladenhersteller produziert zum Beispiel nur an einem Ort in Deutschland. Deshalb schmeckt seine Schokolade überall auf der Welt gleich. Diese Produkte werden als importierte Produkte angenommen. Das hat gerade bei deutschen Produkten durchaus Vorteile. Warum ist „Made in Germany“ bei Lebensmitteln so ein starkes Verkaufsargument? Gerade in Asien geben deutsche Produkte vielen Menschen ein Gefühl von Sicherheit, denn die Deutschen werden als verlässlich angesehen. Da es viele 1.2016


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hiesige Hersteller schon seit über einhundert Jahren gibt, denken Kunden im Ausland oftmals: Die wissen, was sie tun, die haben super Produkte, da hab ich Vertrauen. Welche typisch deutschen Produkte kommen denn in anderen Ländern besonders gut an? Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Länder, da gibt es bestimmte Produkte nicht. Deshalb sind sie spannend für die dortigen Verbraucher. Ich stand mal in China an einem Messestand mit deutschen Haferflocken und Müsli. Weil asiatisches Essen eher weich ist und Milch dort aktuell einen hohen Stellenwert hat, dachte ich, dass Haferbrei aus den sehr feinen Haferflocken bestens ankommen würde. Pustekuchen. Alle wollten etwas, das nicht so „matschig“ ist. Am Ende war das harte Crunchy-Müsli der Favorit, und zwar als Snack – trocken und ohne Milch.

28 %

So viele Deutsche halten Essen für eines der größten Vergnügen. Während Frauen gerne zu Schokolade und Pralinen greifen, verwöhnen sich 46 Prozent der Männer am liebsten mit flüssigem Brot: einem guten Bier.

Deutsche Süßigkeiten sind weltweit gefragt. Warum sind wir Exportweltmeister für Naschkram? Unsere Süßigkeiten sind unheimlich vielfältig. In England beispielsweise gibt es auch Fruchtgummi, aber das ist nur hart und leicht bitter. Wir dagegen haben saures, bitteres, weiches und hartes Fruchtgummi in allen erdenklichen Formen und Farben.

Henkelmänner ... ... sind in Deutschland inzwischen eine Rarität. Ihr indi­ sches Pendant, die „dabbas“, sind hingegen aktueller denn je und ihre perfekt organisierte Anlieferung

­legendär: Fast 200.000 Inder erhalten allein in Mumbai

Sie entwickeln seit vielen Jahren Verkaufs­ strategien für internationale Märkte. Worauf kommt es dabei besonders an? Wenn man ein deutsches Produkt im Ausland verkaufen möchte, gilt häufig „weniger ist mehr“. Denn selbst unsere direkten Nachbarn wie die Österreicher werden das fremde Produkt erst einmal kritisch beäugen. Gerade weil importierte Produkte auch noch teurer sind. Also muss man im Ausland zunächst kleinere und damit auch günstigere Verpackungen des Produkts anbieten. Dann sind die Kunden eher bereit, etwas Neues auszuprobieren. Gibt es ein Produkt, das besonders schwer an den Kunden zu bringen war? Ich hatte mal die Aufgabe, einen in Deutschland beliebten Curryketchup in Europa bekannt zu machen. Doch insbesondere die Farbe war ein Hindernis. Alle wollen roten Ketchup essen. Curryketchup ist aber alles andere als Ketchup-rot. Selbst Deutschland war sich nicht einig: Die Norddeutschen mochten ihn, die Süddeutschen nicht. Ähnlich ist es bei Lakritzen. Es gibt eben Produkte, die selbst in Deutschland nur regional funktionieren. 1.2016

täglich pünktlich ihre Mittagsmahlzeit an ihrem Arbeits­ platz. Keine Chance für McDonald’s: Immer noch essen zehnmal weniger Inder beim Fastfood-Riesen als in Deutschland. Und das, obwohl es speziell entwickelte vegetarische Menüs gibt.

Die Kugel rollt ... ... und zwar in großen Mengen über die Eisdielen-Theken und Supermarktbänder Europas: Jährlich werden 8,5 Milliarden Euro für Speiseeis ausgegeben. Acht Kilo isst allein ein Italiener durchschnittlich pro Jahr. Immerhin findet er an jeder Ecke eine Gelateria, gibt es dort doch 36.000 Eisdielen und damit fast fünf Mal so viele

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wie in Deutschland.


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