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Titel

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Unterschiedliche Ressourcen Dass die Umsetzung dieses Anspruches auch immer eine Frage der finanziellen Ressourcen ist, ist allen Beteiligten klar. Im seit der Friedlichen Revolution sozialdemokratisch regierten Leipzig sieht es damit zurzeit eher schlecht aus: Nach Zahlen des Statistischen Landesamtes in Kamenz ist die 533.000-Einwohner-Stadt noch immer die sächsische Großstadt mit dem höchsten Armutsrisiko. Auch bei der Arbeitslosenquote liegt Leipzig stabil vorn. Dresden weist dagegen im Vergleich der drei Großstädte bei der Arbeitslosenquote den niedrigsten Wert auf. Über das statistisch höchste Pro-KopfEinkommen (im Schnitt 16.641 Euro im Jahr) verfügen die Chemnitzer Bürger. Dass sie mehr Geld im Portemonnaie behalten, habe aber auch mit den im Vergleich zu Dresden und Leipzig niedrigeren Mieten und Lebenshaltungskosten zu tun.

Ein neues Gesicht An manchen Orten ist die Veränderung nach der Friedlichen Revolution nicht nur durch eine neue Fassade sichtbar: In Chemnitz entstand ein neues Stadtzentrum.

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Quadratkilometer Fläche nimmt die Stadt Dresden ein. Leipzig belegt 297, Chemnitz 220 Quadratkilometer.

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Aus den ursprünglich einmal 300 Mitarbeitern der Porsche Leipzig GmbH werden Ende des Jahres rund 2.000 geworden sein. Die PorscheAnsiedlung und die sehr guten Erfahrungen der Schwaben mit Freistaat und Stadt trugen ihren Teil dazu bei, dass sich 2005 auch der Autobauer BMW dazu entschied, mehr als eine Milliarde Euro zu investieren und sein neues Werk in Leipzig zu bauen. Aktuell sind rund 5.200 Mitarbeiter dort beschäftigt. Heftige Schwankungen Das Dresdner Äquivalent zur Leipziger AutoErfolgsgeschichte ist die Halbleiter-Industrie, die sich im Norden der Stadt konzentriert. Mehr als zwei Milliarden Euro hatten Bund und Freistaat seit den 1990er Jahren an Fördermitteln bereit gestellt. So konnten allein in Dresden, schon zu DDR-Zeiten Sitz des VEBForschungszentrums Mikroelektronik, in den vergangenen 20 Jahren mehr als 44.000 Jobs im „Silicon Saxony“ entstehen. Die Rückschläge der Jahre 2008 bis 2010 trafen eine Branche, die viele Jahre Sachsens Hoffnungsträger war – und von der landeseigenen Wirtschaftsförderung zur Investorenwerbung genutzt wurde. Mittlerweile, heißt es beim Verein „Silicon Saxony“, der

sich als Netzwerk und Sprachrohr der Branche versteht, sei das Fahrwasser wieder wesentlich ruhiger. Vernetzung von Industrie und Kultur In Chemnitz fehlt eine ähnlich prägende Erfolgsgeschichte. Wer in die Stadt hineinfährt, erkennt, dass der Aderlass der Industrie sehr schmerzhaft gewesen sein muss. Wie in kaum einer anderen Stadt waren die Betriebe bis ins Zentrum vorgerückt – und haben Lücken hinterlassen. Gleichwohl ist nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) insbesondere in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau inzwischen wieder ein „beachtliches Niveau“ erreicht. In Chemnitz, betont IHK-Präsident Franz Voigt, werde auf Vernetzung gesetzt. Und zwar sowohl zwischen der Stadt, der Wirtschaft, der Universität und den Forschungseinrichtungen vor Ort als auch über Genre-Grenzen hinweg. Die Stadt bemüht sich aktuell, ihr Image als Industriestadt mit dem durchaus beachtlichen Kulturangebot unter einen Marketing-Hut zu bringen. „Wir sind eine ehrliche Stadt“, findet Franz Voigt – und so erzählen auch die Architektur und gerade ihre Lücken viel von der Chemnitzer Geschichte.

Brücken für den Aufwärts-Schwung Auf diese Weise Brücken zu bauen zwischen „kompakter Stadt“, Wirtschaft und Kultur sei ein probates und wirkungsvolles Mittel, die Anziehungskraft der Städte zu erhöhen, sagt Reinhardt Aehnelt vom Berliner Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik. Der Forscher, dessen Arbeitsschwerpunkte soziale Stadtentwicklung und Stadtumbau sind, sieht hier eine Spirale in Gang gesetzt, deren einzelne Elemente sich gegenseitig Aufwärts-Schwung geben. Dieser Ansatz liegt auch den Ansprüchen an die „lebenswerte Stadt“ zugrunde, die Markus Ulbigs Innenministerium und die Landesregierung in ihrer Stadtentwicklungsstrategie 2020 formulieren: Sie sei dadurch gekennzeichnet, dass sich dort „Wirtschaft und Arbeit entwickeln können, dass gute Wohnbedingungen für Familien mit Kindern und Alleinlebende, für junge und alte ebenso wie für gesunde und kranke Menschen und Menschen mit Behinderung zur Verfügung stehen“. Zudem würden in der lebenswerten Stadt „der Kultur, der Bildung, den Gesundheits- und Sozialdiensten sowie den Freizeitangeboten und dem Sport ein hoher Stellenwert“ beigemessen und möglichst ressourcensparende Energiekonzepte entwickelt und umgesetzt.

Blick über den Tellerrand Ein zentraler Punkt der Stadtentwicklungsstrategie Sachsen 2020 sind zudem die Stadt-Umland-Beziehungen. Hier, heißt es in dem Papier, seien sowohl die großen als auch insbesondere die mittleren und kleinen Städte gefragt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. „Sie sind Ankerpunkte für den umliegenden ländlichen Raum“, betont Oliver Fritzsche, landesentwicklungspolitischer Sprecher der CDULandtagsfraktion. In Zukunft bilden Städte und Dörfer mehr denn je Verantwortungsgemeinschaften. Das erfordere noch mehr Zusammenarbeit. Konkurrenzdenken oder Kirchturmpolitik seien „da schlicht fehl am Platz“. Bei allem berechtigten Stolz auf die Leuchttürme bleibe es mindestens ebenso wichtig, die Attraktivität der ländlichen Räume zu erhalten. Dazu, ergänzt Christian Hartmann, kommunalpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, gehöre unter anderem ein funktionierender öffentlicher Personen-Nahverkehr, der eine zuverlässige Verbindung mindestens zum nächsten Ankerpunkt gewährleiste. Außerdem sei es für die Attraktivität geradezu existenziell, intakte Strukturen vor Ort – etwa Vereine oder Begegnungsstätten – zu fördern und zu erhalten. Das, sind sich die beiden Experten einig, erfordere nicht unbedingt viel Geld, aber starken persönlichen Einsatz. Mit dem, weiß auch Innenminister Markus Ulbig, werden mitunter sogar Wunder möglich. •

241.500

Einwohner sind aktuell in Chemnitz gemeldet – weniger als die Hälfte der Bevölkerung von Leipzig und Dresden.

567

Ärzte pro 100.000 Einwohner praktizieren in Leipzig, in Dresden sind es 539, in Chemnitz 467.

25

ist der Platz, den Dresden 2012 im bundesweiten Wirtschafts-Städteranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft einnimmt. Es folgen Chemnitz auf Platz 34 und Leipzig auf Platz 45. Im „Dynamik-Ranking“, das die Städte listet, die in den vergangenen fünf Jahren am stärksten aufholten, liegt Leipzig indes auf Platz 5, Chemnitz auf Platz 11 und Dresden auf Rang 15.

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WIR in Sachsen (1. Ausgabe 2013): Hübsch gemacht. Wie sich Sachsens Städte verändert haben.  
WIR in Sachsen (1. Ausgabe 2013): Hübsch gemacht. Wie sich Sachsens Städte verändert haben.  
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