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und Außenhandelskaufmann bei der AEG gemacht – das war schließlich was, worauf man aufbauen konnte. Endlich hat es das Arbeitsamt dann doch geschafft und mich an ein Call-Center vermittelt, wo man mich einen Monat lang zur Probe arbeiten lassen wollte. Es ging um Finanzinvestitionen – also etwas, wovon ich eigentlich etwas verstehen sollte. Die Arbeitszeiten waren auch human: Ich konnte um 12 Uhr anfangen und gegen 18 Uhr aufhören. In den ersten Tagen verkaufte ich am Telefon Lebensversicherungen, was mir auch einigermaßen gelang. Genau genommen bestand mein Part lediglich darin, Akquisitionstermine für unsere Außendienstmitarbeiter zu vereinbaren. In den darauf folgenden Tagen sollte ich tiefgekühltes Orangensaftkonzentrat verkaufen, die Tonne für 2.000 Euro. Ich bekam als Call-Center-Agent die Telefonnummern von angeblich investitionsstarken Klienten und rief sie an, ob sie nicht Interesse daran hätten, Orangensaftkonzentrat zu kaufen. Zu den meisten Klienten kam ich gar nicht durch – ihre Sekretärinnen blockten mich ab, oder sie waren in einer Sitzung und würden später zurückrufen, was nie geschah. Die Wenigen, die ich erreichte, fragten mich entweder gleich, ob ich bekloppt wäre oder sagten, wenn sie höflich waren, dass sie kein Interesse hätten und legten auf. Wie auch immer, ich lernte von meiner Vorgesetzten, einer 30jährigen hochdynamischen Verkaufsturbine namens Petra Stiller mit Minirock und dick bemalten Lippen, dass es gar nicht darauf ankam, in diesem ersten Kontakt etwas zu verkaufen, es ging darum, die Kunden zu „sensibilisieren“, wie sie sagte. Dann, vierzehn Tage später, kam Petra wieder auf mich zu: „Kai, seien Sie bitte morgen früh um 7 Uhr da!“ – Also nix mit 12 Uhr anfangen. Als ich fragte, um was es ginge, sagte sie nur: „Sie werden schon sehen“, und zwinkerte mir zu. Als ich am nächsten Morgen total unausgeschlafen und verkatert auf der Matte stand, empfing sie mich schon mit 35


einem erwartungsvollen Lächeln: „Gleich geht’s los – schön, dass Sie da sind.“ Dann sagte sie mir, um was es ging. Ich sollte sofort diejenigen anrufen, denen ich im ersten Telefonat erfolglos das Orangensaftkonzentrat angeboten hatte. Sie spielte mir den Dialog vor: „Guten Morgen Herr Müller, gut dass ich Sie erreicht habe! Hier ist Kai Trinkwasser von Finanz Invest – Sie erinnern sich, wir hatten vor ein paar Tagen schon mal miteinander telefoniert – wegen dem Orangensaftkonzentrat. Haben Sie schon die Nachrichten gehört? – Was? – Nein? – Sie wissen also noch gar nicht, was passiert ist? – Wahnsinn – Sie haben echtes Glück, dass ich Sie heute Morgen erreicht habe. – Unglaublich, also heute Nacht – Sie haben es echt noch nicht gehört? – Also heute Nacht hat es in Florida Nachtfrost gegeben! – Ja, unglaublich, um diese Jahreszeit, die ganze Orangenblüte ist erfroren. Sie können sich vorstellen, was da los ist. Die ganze Ernte fällt wohl aus, der Markt tobt. Wenn die Börse nachher öffnet, ist die Hölle los … Tja, und da hab ich gleich an Sie gedacht! – Ich habe zufälligerweise noch zehn Tonnen Orangensaftkonzentrat da – und Sie habe ich als ersten erreicht – also Wahnsinn – das ist das Geschäft Ihres Lebens. Wie gesagt, wenn die Börsen nachher öffnen, geht der Preis ab wie eine Rakete – Nein, bitte haben Sie Verständnis – Ich kann Ihnen keine Bedenkzeit einräumen. – Drei Tonnen sind eh schon vorreserviert. – Also 2.200 Euro muss ich jetzt schon pro Tonne nehmen – da können Sie gar nix falsch machen. – Natürlich kriegen Sie sofort eine Kaufbestätigung und eine Einlagerbestätigung aus Fort Lauderdale!“ Das also war mein Auftrag. „Kai – alles klar?“ Meine Provision sollte 10 % betragen. Unglaublich! Jetzt war ich mitten im Business. Das war mein Ding, den Fisch musste ich mir holen. Ich war von der Sache so begeistert, dass ich gleich Urs anrief. Er war total verschlafen, und ich hatte Glück, dass er 36


überhaupt ans Telefon ging: „Urs – ich habe hier eine heiße Sache. Du glaubst es nicht. Also pass auf: In Kalifornien hat’s heute Nacht Nachtfrost gegeben und die ganze Orangenblüte für dieses Jahr ist hin. Die Firma, für die ich jetzt arbeite, hat einen Geheimtipp gekriegt und hat noch zufälligerweise zehn Tonnen Orangensaftkonzentrat. – Ja eingelagert, liegt im Kühlhaus, irgendwo in einem Fort. – Nein, nicht Fort Knox aber genauso sicher. – Tja, und wenn Du das jetzt kaufst und nachher die Börse aufmacht, dann geht das ab wie’n Zäpfchen. Du kannst gar nichts falsch machen. – Klar, die reißen uns das Zeug aus der Hand. Urs – das Ding ist sauber! Du weißt, dass ich Kaufmann bin – also Orangensaftkonzentrat ist jetzt der absolute Renner! – Nein, die Tonne soll nur 2.200 Euro kosten. – Es sind nur noch sieben Tonnen da, drei sind leider reserviert. Urs, überleg mal, eine Tonne hat 1000 Liter, ich schätze, das Konzentrat wird 1:10 verdünnt, das sind dann 10.000 Liter Orangensaft für 2.200 Euro. Also der Liter für ca. 20 Cent! Da kann man doch gar nichts falsch machen; vor allem, wo’s bald keinen O-Saft mehr gibt! Denk mal allein an Mc Donalds oder Burger King. Die reißen uns das Zeug förmlich aus den Händen – Wahnsinn.“ Ich wollte auch kein Kameradenschwein sein: „Urs, pass auf. Ich krieg pro Tonne 10 % Provision. Das sag ich Dir ganz offen, die lass ich Dir natürlich nach, – aber Du beteiligst mich am Gewinn, also ich fänd’ 50 % gerecht.“ Wir einigten uns dann auf 30 % Gewinn für mich und 70 % für ihn, weil er ja auch das Risiko hatte und erst mal alles kaufen musste. Langsam wurde Urs nicht nur wach, er sah, dass ich ihm eine einmalige Chance verschaffen konnte. „OK Kai – guck dass Du die ganzen zehn Tonnen kaufen kannst und verhandle mit Deiner Chefin. Vielleicht gibt sie uns alles zusammen doch günstiger, müsste sie doch, ist doch alles auf einen Schlag los.“ Frau Stiller schaute zunächst etwas ungläubig und irritiert, als ich ihr sagte, dass ein Kunde gleich die ganzen zehn 37


Tonnen kaufen wolle und ob sie sich das vorstellen könne. Allerdings wolle der Kunde dann auch einen saftigen Rabatt, ich hätte dem Kunden das quasi schon in Aussicht gestellt, dass das geht. „Was Kai, Sie haben alle 10 Tonnen verkauft? – Das gibt’s doch gar nicht! Sie sind ein Genie!“ Sie wäre mir fast um den Hals gefallen. „Petra, aber wir müssen Abstriche beim Preis machen, 1.800 Euro pro Tonne ist das Maximale, was der Kunde zahlen will.“ – „Kai, das ist zuwenig, wir können nicht 400 Euro pro Tonne nachlassen. 1.950 Euro pro Tonne ist mein letztes Wort, rufen Sie den Kunden an.“ Urs ließ sich schließlich zu 1.950 pro Tonne breitschlagen. Abzüglich meiner Provision von 195 Euro, die ich ihm ja zurückgeben wollte, waren es also knapp etwas über 1.750 Euro pro Tonne – ein super Geschäft für uns. Nachdem Urs gegen elf Uhr die 19.500 Euro per InternetAccount überwiesen hatte, druckte Frau Stiller den Kaufvertrag und die Einlagerungsbescheinigung für zehn Tonnen Orangensaftkonzentrat als Eigentumsnachweis aus. Fort Lauderdale – so hieß also das Kaff, wo das Zeug stand. Als ich alles in Händen hielt, um es dann an unseren Kunden weiter zu geben, bat ich Frau Stiller um den Scheck mit meiner Provision. „Kai, das ist aber jetzt sehr ungewöhnlich – wir verrechnen das normalerweise mit dem Gehalt am Monatsende; aber Sie haben einen unglaublichen Job gemacht – deswegen und als Zeichen, dass wir Sie behalten wollen, mache ich Ihnen das jetzt sofort klar“, und sie zeichnete die 1.950 Euro frei. Ich hielt den Scheck mit der noch feuchten Tinte in Händen. „Petra, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen. Mein bester Freund hat die zehn Tonnen gekauft – und das wird das Geschäft unseres Lebens. Wir werden das Zeug zu einem Wahnsinnspreis verkloppen, das hat die Welt noch nicht gesehen.“

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Petra schluckte und guckte mich an, als hätte ich gesagt, dass der Papst die zehn Tonnen gekauft hätte. „Sie haben das mit Ihrem besten Freund gekauft? – Kai?!“ Sie schluckte, schien sich dann aber nach ein paar Sekunden wieder zu fangen. „Ich finde das jetzt nicht gut, dass Sie unsere Firmengeheimnisse so ausnutzen und daraus selbst Kapital schlagen wollen – ich glaube, wir waren etwas zu großzügig mit Ihnen und haben Ihnen zu schnell vertraut.“ Ich schwieg betreten. „Kai, am besten Sie gehen jetzt erst mal nach Hause und geben Ihrem Freund die Unterlagen. Ich rufe Sie dann später an.“ Natürlich war mir mulmig zumute und ich fühlte mich schuldig. Aber konnte ich mir so eine Chance entgehen lassen, nachdem man mir bei Lidl so mitgespielt hatte und das Arbeitsamt sich auch keine echte Mühe gab, mich auf einen adäquaten Job zu vermitteln? Musste ich nicht selbst sehen, wo ich blieb? Und dass ich Urs zu einem guten Geschäft verhelfen konnte, an dem ich dann auch beteiligt war, freute mich doppelt! OK, ich hatte meinen Wissensvorsprung ausgenutzt und den Zahnärzten, Rechtsanwälten und wer noch so alles auf der Telefonliste gestanden hatte ein Geschäft vor der Nase weg geschnappt! Aber so ist es halt im Kapitalismus: Der frühe Vogel fängt den Wurm! Gegen 13 Uhr kam ich bei Urs an. Er war wieder total verschnupft und hatte eine Klinikpackung gebrauchter und zerknüllter Tempos in der Wohnung verteilt. „Urs, hier sieht’s aus, wie in einem Saustall – dass Du so leben kannst!“ Er überhörte das bewusst und warf zwei Handvoll Pommes in die Friteuse. „Super Sache mit dem O-Saft, Kai. In zwei Stunden öffnen die Börsen in den USA – dann geht das Ding ab.“ Ich gab ihm den Scheck über 1.950 Euro, den er dankend in Empfang nahm. „Du bist ein echter Kumpel“, dann holte er die fertigen Pommes raus, ließ sie abtropfen, salzte sie und packte mir eine gehörige Portion Erdnusssauce und Majo auf meine Portion. 39


Danach buchte er den Scheck mit der Provision im Internet ein und gegen 14 Uhr machten wir es uns vor dem Computer bequem. Google hatte noch keine Nachricht von den Nachtfrösten in Kalifornien. Aber noch eine Stunde und die Nachricht würde die Börsenwelt erschüttern. Aus Spaß zappte Urs auf „Wetter-Online“ und wir sahen uns Kalifornien an. 25 Grad Tagestemperatur wurden erwartet. „Unglaublich, dass es da solche Temperaturunterschiede gibt“, meinte ich und Urs runzelte die Stirn … „Florida! Florida, Kai, und nicht Kalifornien, Du Blödmann, hier steht’s auch auf dem Einlagerungsschein. Fort Lauderdale – Florida.“ Stimmt, ich erinnerte mich, in Erdkunde war ich noch nie gut gewesen, und Florida und Kalifornien klingen irgendwie beide so exotisch amerikanisch, da kann man das schon mal verwechseln. „Also gut Florida – schau mal nach, wie das Wetter da ist“, sagte ich in Erwartung, jetzt die Nachtfrosttemperaturen zu sehen. „Tagestemperatur 42 Grad – tropische Nächte um 22 Grad“, las Urs mit stockender Stimme vor. – „Das gibt’s doch nicht!“ Urs schaute auf anderen Seiten nach. Nichts von Nachtfrost, weder in Kalifornien noch in Florida; nicht in einem einzigen Ort in den USA hatte es letzte Nacht Frost gegeben – außer in Alaska. Aber da gab es sicher keine Orangen. Was sollte das denn jetzt? Ich rief bei Petra an. „Petra, hier ist Kai. Sagen Sie mal, wir haben gerade im Internet geguckt, bevor die Börse in USA öffnet. Da ist nix mit Nachtforst und erfrorener Orangenblüte und so.“ Auf der anderen Seite blieb es einen Augenblick stumm. „Kai, also ich kann dazu nichts sagen, wir haben diese Information heute morgen von einem Agenten aus den USA bekommen und wir prüfen das normalerweise nicht nach, die Quelle ist bisher sehr zuverlässig gewesen. Also mehr kann ich auch nicht sagen, ich muss jetzt Schluss machen. Kai – ich melde mich noch mal 40


wegen Ihres Einsatzes morgen.“ Damit legte sie auf. Urs und ich schauten uns verständnislos an. Jetzt sahen wir uns die Börsenseiten zum Orangensaftkonzentrat an. – OK, die deutschen Seiten würden uns nicht weiterbringen; also bei Yahoo „Orange Juice concentrate“ eingegeben – Fehlanzeige. Nasdaq – Fehlanzeige. Amerikanische Rohstoffwerte – Fehlanzeige. Langsam wurden wir panisch. Die Börse sollte in 30 Minuten eröffnen und wir hatten noch nichts gefunden, wo wir unsere zehn Tonnen platzieren konnten. Ich rief wieder bei Petra an. „Petra, Sie müssen uns helfen! Wo können wir denn das Orangensaftkonzentrat verkaufen? Wir finden hier gar keine Wertpapier-Kennnummer oder einen Eintrag für Orangensaft in den Rohstoffbörsen. In 20 Minuten öffnet doch die NASDAQ?“ „Also Kai, das müssten Sie doch wissen, wir vermitteln hier nur Rohstoffe oder Finanzdienstleistungen. Das Handeln damit überlassen wir unseren Kunden, das können und dürfen wir schon aus handelsrechtlichen Gründen gar nicht. Da müssen Sie sich schon selbst drum kümmern. Das tut mir jetzt leid. Aber, wo ich Sie jetzt gerade dran habe. Ich fühle mich von Ihnen so hintergangen, dass Sie unsere Geschäftsgeheimnisse so schamlos für eigene Zwecke missbraucht haben. Sie brauchen morgen nicht mehr zu kommen, und ich schicke Ihnen Ihre Unterlagen noch zu. Bitte rufen Sie hier auch nicht mehr an. Ich bin so enttäuscht von Ihnen.“ Sie legte auf und mir blieb die Spucke weg. Urs starrte mich entgeistert an. Das gab’s doch gar nicht. Wir riefen die Deutsche Bank an, erklärten, dass wir zehn Tonnen Orangensaftkonzentrat gern auf dem internationalen Rohstoffmarkt verkaufen möchten, und ob sie uns helfen könnten. Das Zeug liege zurzeit in Fort Lauderdale in Florida in einem Kühlhaus. Sie riefen 15 Minuten später zurück und sagten uns, sie hätten herausfinden können, dass Orangensaftkonzentrat auf den offiziellen 41


Welt-Rohstoffbörsen nur als Zertifikat gehandelt werde, niemals aber als Realware, das hätten sie noch nie gehört, und da könnten sie uns nicht helfen und wünschten uns viel Glück. Langsam bekamen wir die Panik. Weitere Anrufe bei der Commerzbank, der Berliner Sparkasse und bei Onkel Dittmeyer’s Punika bestätigten das. Onkel Dittmeyer hatte, soviel konnte man uns verraten, langfristige Lieferverträge mit Obstplantagen auf Mallorca, Gran Canaria und dem spanischen Festland. Dazu gab es Festpreise, die von Jahr zu Jahr im Voraus vereinbart wurden. Von Nachtfrösten, die ganze Jahresernten vernichten könnten, hatten sie noch nie gehört. Nun wurden wir richtig panisch. Urs hatte vergessen, die Friteuse abzuschalten und mittlerweile war das ganze Fett verdunstet und hatte einen Fettfilm in der ganzen Wohnung verteilt. Die Friteuse war kurz davor, mit dem restlichen Fett zu explodieren, als ich in letzter Sekunde den Stecker zog. „Verdammte Scheiße“, sage Urs und wischte mit dem Ärmel den Fettfilm von seinem Bildschirm. Wir suchten nun die Telefonnummer des Kühlhauses in Fort Lauderdale. In der Tat gab es wenigstens das Kühlhaus und im Internet stand sogar eine Nummer. Urs rief dort an. Trotz aller sprachlichen Probleme konnten wir soviel verstehen, dass sie dort zehn Tonnen Orangensaft eingelagert hätten. Na immerhin. Ja, heute Morgen hätten sie eine E-Mail aus Deutschland gekriegt, dass es jetzt einen neuen Eigentümer gäbe, das wäre auch sehr gut. Schließlich stehe das Zeug schon fünf Jahre rum. Eine Konkursmasse. Eine Plantage war abgebrannt und nie wieder aufgebaut worden. Der alte Besitzer hatte sich dann auch nicht mehr gemeldet und die ausstehenden Lagerkosten beliefen sich mittlerweile auf 3.000 Dollar. Klar, dass der neue Besitzer 42


zahlen müsste, wenn er das Zeug abholen wolle. Überhaupt, eigentlich hätten sie nur Rinderhälften eingefroren und die Tonnen nähmen den halben Platz weg. Dann dämmerte es dem Gegenüber in der Leitung. Er fragte, was wir mit dem Orangensaftkonzentrat zu tun hätten, ob wir am Ende die neuen Besitzer seien. Kleinlaut musste Urs das zugeben und gab die Einbuchungsnummer vom Kühlhaus aus dem Kaufvertrag durch – sie stimmte. Das sei ja nun gut, dass jemand das nun endlich abhole. Es sei immerhin schon fünf Jahre alt, auch wenn es immer auf -25 Grad runtergekühlt war. Fünf Jahre, meinte dann unser Gegenüber, also da sei er sich nicht sicher, ob und wem man das noch verkaufen könne. Urs und ich guckten uns an und dachten wohl beide an den Gammelfleisch-Skandal – so eine Scheiße. Aus der Leitung wurde gefragt, wann wir denn kämen, um die Ware zu holen, oder ob es abgeholt würde? Man habe selbst keine Spedition und auch keine Kühllaster mehr. Nur damit wir uns eine Vorstellung machen könnten: Es handle sich um 50 blaue 200 Liter Fässer, die könnten zwei Personen so gerade ein Stück rollen, aber wenn wir kämen, sollten wir auf jeden Fall daran denken, dass wir beim Ausladen einen Gabelstapler bräuchten. Und natürlich einen Kühllaster – im Moment hätten sie 45 Grad Celsius tagsüber und selbst nachts ginge das Thermometer nicht unter 20 Grad. OK, das wussten wir ja bereits. Urs versprach, dass wir uns in spätestens zwei Tagen wieder melden und dann genau Bescheid geben würden. Wir legten auf. „Fuck“, sagte Urs, das klang jetzt schon ganz amerikanisch. Urs füllte die Friteuse mit Palmin auf und ließ es heiß werden – dann warf er vier Handvoll Pommes nach. „Kai, das ist die größte Scheiße, die Du mir je eingebrockt hast! Hast Du eigentlich noch alle Tassen im Schrank? – Was hast Du Dir da eigentlich andrehen lassen. Oder noch schlimmer: Was hast Du mir da angedreht? 43


Deine Chefin wollte, dass Du das verkaufst und Du Idiot denkst, das sei eine einmalige Chance und überredest mich da einzusteigen, und ich Blödmann lasse mich auch noch überreden. Das ist so bescheuert, das glaubt uns kein Mensch.“ Und dann machte er mich mit näselnder Stimme nach, als ob ich so reden würde: „Urs, Du weißt doch, ich bin Kaufmann, das Ding ist sauber. – Kai, was hast Du mir da für eine Scheiße eingebrockt!“ „Urs, wir kommen da schon wieder raus, ich helf Dir auch …“ – „Was ist das denn jetzt für’n Spruch. Ich helf’ Dir auch! – Der gnädige Herr bemüht sich jetzt also auch noch, mir zu helfen. Ich glaub, Du hast sie nicht mehr alle. Umgekehrt wird ein Schuh draus! Kai – Du weißt, das Geld ist das Erbe meiner Mutter, davon lebe ich. Das Mindeste, was ich von Dir erwarte, ist, dass Du die Hälfte von dem Mist bezahlst, dann bist Du auch motiviert uns da wieder rauszuholen“. Nach langer Diskussion und zwei Portionen Pommes später, unterzeichnete ich ihm einen Schuldschein über 8.775 Euro – genau die Hälfte nach Abzug der Provision. Da ich soviel Geld nicht besaß, wollte Urs es mir zinslos stunden – für die ersten drei Monate. „In den drei Monaten holst Du uns da raus, damit das klar ist. Und danach muss ich Dir leider 15 % Zinsen pro Jahr berechnen.“ Zwar waren die Zinsen Wucher, aber Urs hatte Recht, ich hatte es versaut. Urs gab mir zur Strafe nur Salz und keine Majo oder Erdnusssauce. „Ich muss jetzt mal ein bisschen ans Sparen denken – Salz reicht auch.“ Ich war ziemlich niedergeschlagen. Granatensauerei! Auch wie Frau Stiller mich da an der Nase herumgeführt hatte. Das würde noch ein Nachspiel haben, das war klar. Nachdem ich also den Schuldschein unterzeichnet hatte, fingen wir an zu recherchieren und endlich stießen endlich bei Yahoo Finance auf einen Link zu einem Artikel über Orangensaftkonzentrat. Angeblich lagerten in den Kühlhäusern 44


der USA 110.000 Tonnen O-Saftkonzentrat. Zehn Tonnen gehörten davon ab heute uns, wenn die Statistik unsere einsamen zehn Tonnen in einem Tiefkühlhaus für Rinderhälften in Fort Lauderdale überhaupt mitgezählt hatte. Der Preis für die Tonne Orangensaftkonzentrat pendelte aktuell so um die 1.900 Euro. Der langfristige Trend vermutete aber deutlich sinkende Preise wegen Überproduktionen in Südamerika, dort hatte man riesige Urwaldflächen gerodet und baute jetzt Orangen an. Mit unseren 1.750 Euro pro Tonne hatten wir also zumindest nicht zu viel bezahlt – wenn, tja wenn der Saft nach fünf Jahren Lagerung noch einigermaßen OK war. Im Internet lernten wir dann so einiges über das Schockgefrieren und die Haltbarkeit von Tiefkühlkost. Eines war klar: O-Saft–Konzentrat wird im Umschlagverfahren verkauft. Das heißt, die Ernte des laufenden Jahres kommt ins Kühlhaus und die des letzten Jahres aus dem Kühlhaus auf den Markt. Fünf Jahre Lagerung, das hatte es bisher noch nicht gegeben – jedenfalls hatten wir nichts darüber finden können. „Wir bieten das Zeug der NASA an, die können dann testen, wie sich das für die langen Marsflüge so auswirkt. Immerhin dauert so ein Flug hin und zurück etwas über fünf Jahre und dann können die Astronauten kurz vor der Rückkehr zur Erde noch ein Gläschen frischen O-Saft trinken“, meinte Urs. „Oder Sekt mit O-Saft, die machen doch bestimmt ne Flasche Sekt auf, wenn sie die Erde wiedersehen, aber die wollen ja schließlich nicht betrunken landen, da ist es ganz gut, wenn die den Sekt im Raumschiff mit dem O-Saft verdünnen.“ „Aber die NASA braucht keine zehn Tonnen, um zu testen, ob O-Saft tiefgefroren fünf Jahre haltbar ist oder nicht, da reicht doch ein Liter.“ Tja, das war’s eben – wir hatten einfach zu viel O-Saft. Schlimmer, wir hatten nicht nur Saft, wir hatten ihn als Konzentrat. 45

Urs! abgewrackt wird später  

Dieses Urs-Buch macht gute Laune. Es richtet sich an die gestresste Hausfrau genauso wie an den abgehetzten Manager, der gerade im Flieger...

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