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Karl Josef Kassing

Die

Arbeiterinnen im

Weinberg Ein katholisches Plädoyer


Impressum 1. Auflage 2016 Copyright Fohrmann Verlag, Köln Inh. und Hrsg. Dr. Petra Fohrmann www.fohrmann-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Artwork: Karen Kühne, www.kuehne-grafik.de Printed in Germany ISBN 978-3-9810580-8-6 4


Inhalt Persönliches Vorwort

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Gleichnis 11 I. Das Problem II. Die Schöpfungsordnung III. Der Wille Jesu IV. Nicht einmal Maria V. In persona Christi VI. Taufen – und mehr VII. Die Eucharistie VIII. Priester – Klerus IX. Der Diakonat X. Der Zölibat XI. Die Tradition XII. Die Zeichen der Zeit XIII. Was lässt sich tun? XIV. Resümee

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Schlussgebet 97 Literaturverzeichnis 99 Zum Autor

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Persönliches Vorwort Dass ich dieses Buch geschrieben habe, hängt mit meiner Biographie zusammen. Ich war rund 30 Jahre Lehrer am Erzbischöflichen Abendgymnasium in Neuss. Primäre Aufgabe dieser Schule war es, zukünf­ tige Priester zum Abitur zu führen. Probleme, die mit der Berufung zum Priestertum zusammenhängen, gehörten also jahrzehntelang zu meinem beruflichen Alltag. Aber ich lernte auch die Schwächen im kirch­ lichen System kennen. Aufgrund konkreter Erfahrun­ gen mit einem überzogenen Klerikalismus begann ich nach der Berechtigung kirchlicher Strukturen zu fragen. Und als ihren fragwürdigsten Teil machte ich das klerikale Patriarchat aus. Klerikalismus und Patri­ar­ chat hängen untrennbar zusammen. Beide lassen sich daher auch nur zusammen überwinden. Genau das aber ist für die Zukunft der Kirche lebensnotwendig. So kam ich zu dem Thema „Frau und Kirche“. Ich habe die lehramtlichen und kirchenrechtlichen Vor­ gaben sorgfältig überprüft, Fachliteratur zu Rate ge­ zogen, alle Argumente immer wieder durchdacht, bin mit zunehmender Sicherheit immer wieder zu den­ selben Ergebnissen gekommen. Ich hatte das Manus­ kript 1992 vorläufig abgeschlossen, habe es danach noch mehrfach überarbeitet und die Argumentation erweitert. Zwischen 1976 und 1995 erfolgte das drei­ fache Nein des Vatikans zur Ordination von Frauen. Seitdem wird das Thema kirchenintern mit Zurück­ haltung be­handelt. Als ich anfing, mich mit dem Problem zu beschäfti­ gen, stellte ich erstaunt fest, wie wenig Argumente es gegen eine Ordination von Frauen gibt, wie dürftig diese sind, wie unsicher ihre Ableitung aus der Heili­ gen Schrift. Das Neue Testament mit seinen Aussagen 7


über das Wollen Jesu und die Anfänge des Christen­ tums wurde meine wichtigste Lektüre. Meine Arbeit beansprucht nicht in allem Erstmaligkeit, wohl aber Eigenständigkeit. Dass ich kein Fachtheologe bin, war mir in gewisser Hinsicht sogar hilfreich. Theologen in Amt und Würden sind gebunden an die Lehrtradi­ tion der Kirche. Da ist es für einen Laien manchmal einfacher, seine Überzeugung unvoreingenommen zu bilden und offen auszusprechen, vielleicht sogar ab­ seits ausgetretener Pfade auch einmal Neues zu ent­ decken. Mit diesem Buch bestätige ich mir nicht einfach meine Vorurteile. Im Gegenteil, im Lauf meiner Ar­ beit gab ich Überzeugungen auf, die mehr als mein halbes Leben lang fester Bestandteil meines Glaubens gewesen waren, die ich allerdings nie kritisch hinter­ fragt hatte. Das Ja zur Ordination von Frauen ist das Ergebnis, nicht die Voraussetzung meines Nachden­ kens. Nicht alle Leser werden zustimmen. Aber die Argumente und Folgerungen sind nachprüfbar. Zum Umdenken fordert die Wahrheit auf, nicht der Autor, dem es um die Wahrheit geht. Ich bin kein Simson, der die tragenden Säulen des Gebäudes eigenhändig zum Einsturz bringen will. Aber ich sehe, dass nicht alle Säulen mehr tragfähig sind, höre es knirschen im Gebälk und fühle mich verpflichtet, auf Schwach­ stellen hinzuweisen. Die Kirche ist die Gemeinschaft aller Gläubigen. Ich hoffe daher, dass dieses Buch zu einer breiten Diskus­ sion anregt und bei der Meinungsbildung hilft. Des­ halb habe ich mich bewusst um Kürze und Lesbarkeit bemüht. Was alle angeht, sollte auch so geschrieben sein, dass möglichst viele es mit Interesse und Gewinn lesen. Darum scheue ich auch nicht vor zugespitzten 8


Formulierungen zurück. Die gelegentliche Ironie ist aber nicht Selbstzweck, sondern didaktisches Mittel. Von Anfang an war dieses Buch als Teil eines Doppel­werkes geplant, zusammen mit meinem Buch „Magdalena. Ein Mysterienspiel“1. Beides sind unter­ schiedliche Zugriffe auf dasselbe Thema: Die Stellung der Frau in der katholischen Kirche. Das Plädoyer hat die theologische Argumentation zum Inhalt. Das Mysterienspiel führt die Weihe einer Frau zur Prieste­ rin als dramatische Handlung vor Augen. In der Argu­ mentation kommt die theologische Ratio zu ihrem Recht, im Mysterienspiel das religiöse Gefühl zu sei­ nem. Man könnte auch sagen: Das Plädoyer zeigt, dass die katholische Kirche sich in der Frauenfrage bewegen kann und muss. Das Schauspiel zeigt, wie ein Bischof versucht, in einer unbeweglichen Kirche etwas zu bewegen. Scheinbar scheitert sein Vorhaben, in Wirklichkeit hat es Erfolg. Die gemeinsame Aussage beider Bücher ist positiv: ein überzeugtes Ja zur Kirche und zum Priestertum. Dieses verstanden als Dienstamt in einer geschwister­ lichen Gemeinschaft, wie Jesus sie offenkundig ge­ wollt hat. Jesus ist das Haupt, wir alle sind die Glieder (Paulus). Im Letzten ist es ihm überlassen, zu bewir­ ken, was er bewirkt haben will: Er, der im Seesturm beide beruhigte, die empörten Wogen des Sees und die ängstlichen Jünger in ihrem schwankenden Kahn. Köln, Sommer 2016

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Und er trug ihnen folgendes Gleichnis vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Männern und schickte sie in seinen Weinberg. Einige Frauen, die dabeistanden, baten ihn: „Herr, lass uns doch auch für dich arbeiten!“ Doch der Herr erklärte ihnen: „Es tut mir leid: Die Arbeit der Männer könnt ihr nicht tun. Die Verantwortung ist zu groß!“ Als er aber ihre enttäuschten Gesichter sah, überlegte er und fügte hinzu: „Vielleicht habe ich doch etwas für euch: Ihr könnt die Schafe und Ziegen hüten, damit sie nicht in den Weinberg geraten. Ihr könnt das Essen für die Männer zubereiten und ihnen in den Weinberg bringen. Und ihr Arbeitszeug muss ja auch in Ordnung gehalten und gewaschen werden. Ach ja, und die Hütte im Weinberg könntet ihr öfter mal aufräumen und putzen.“ Erwartungsvoll sah er die Frauen an: „Was sagt ihr dazu?“ (frei nach Matthäus 20,1f. Vielleicht war es auch nicht der Herr selbst, der so mit den Frauen sprach, sondern nur sein Verwalter.)

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I. Das Problem Die Frage nach der Stellung der Frau gehört zu den drängendsten aktuellen Problemen in der katholi­ schen Kirche. Zur Zeit gilt laut kanonischem Recht: „Zur Übernahme von Leitungsgewalt ... sind ... die­ jenigen befähigt, die die heilige Weihe empfangen ha­ ben.“ (CIC 129,1) Aber: „Die heilige Weihe em­pfängt gültig nur ein getaufter Mann.“ (CIC 1024) Beides zusammen bedeutet: Frauen werden in der katholi­ schen Kirche nicht nur vom Weiheamt, sondern auch von der gleichberechtigten Mitverantwortung aus­ge­ schlossen. Dieses Patriarchat wurde jahrhundertelang nicht an­gezweifelt. In der Gegenwart wird es aber immer frag­würdiger. In der Kirche selbst gibt es die Auf­wer­ tung der Laien, genauere Erkenntnisse von Ursprung und Entwicklung der Ämter, neue Methoden und Er­ gebnisse der Bibelexegese, eine feministische Theo­lo­ gie, nicht zuletzt die alltägliche Erfahrung, dass die pastorale Mitarbeit von Frauen an der Basis unver­ zichtbar ist. In der Ökumene gibt es das Beispiel der Schwesterkirchen, die den Schritt zur vollen Gleich­ stellung der Frau schon getan haben. In der Gesell­ schaft wirken sich Demokratisierung und Emanzi­ pation der Frau aus, wodurch die patriarchalische Ver­fassung der katholischen Kirche zunehmend ins Abseits gerät. Seit dem letzten Konzil wurden in der katholi­ schen Kirche die Stimmen immer zahlreicher und lauter, die eine Zulassung von Frauen zum Priester­ amt for­derten. Auf diesen Druck reagierte der Vatikan, indem er das traditionelle Nein wiederholte. So 1976 die Kongregation für die Glaubenslehre im Auftrag von Papst Paul VI. („Inter insigniores“, veröffentlicht 13


Januar 1977; s. Groß). Da sich die Diskussion nun erst recht entzündete, nicht zuletzt wegen der frag­ würdigen Argumentation von Inter insigniores, sprach Johannes Paul II. persönlich ein weiteres Nein aus („Ordinatio sacerdotalis“ vom 22.5.1994; s. Groß). Dabei geht er nicht in den Argumenten, wohl aber im Anspruch über Inter insigniores hinaus und erklärt, „dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubi­ gen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ (Groß S. 119) Weil auch jetzt keine Ruhe eintrat, vielmehr die Diskussion noch erweitert wurde um die Frage, welche Verbindlichkeit dieses Schreiben des Papstes eigentlich habe, schob der da­ malige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, am 28. Oktober 1995 mit Billigung des Papstes eine Klarstellung nach, in der eine „endgülti­ ge Zustimmung“ gefordert wurde, weil die Lehre „un­fehl­bar vorgetragen worden“ sei (Groß S. 128). Aller­dings verneinte derselbe Glaubenshüter in einem 1996 veröffentlichten Gespräch mit einem Journa­­lis­ ten, „daß der Papst jetzt einen unfehlbaren Lehrakt gesetzt habe.“ (Ratzinger 2, S. 224) Ja was denn nun? Der Vatikan hat die Weihe von Frauen nicht nur verboten, sondern aus konkreten Anlässen auch mehrfach für ungültig erklärt. Zusätzlich hat der Va­ tikan im Juli 2010 entschieden, dass die Weihe einer Frau zur Priesterin für alle Beteiligten die Exkommuni­ kation nach sich zieht. Damit wird ein Erlass der Glaubenskongregation vom Dezember 2007 bestätigt. Die Abschottung des Priesteramtes gegen die Frau er­ folgt also sowohl in der theologischen Theorie wie in der kirchenrechtlichen Praxis. Aber keine der vatikanischen Verlautbarungen, die das Nein zur Ordination von Frauen zum Inhalt 14


haben, erfüllt die Bedingungen für eine unfehlbare Entscheidung. Der Glaubenskongregation kommt ohne­hin keine Unfehlbarkeit zu. Und das Schreiben von Johannes Paul II. (Ordinatio sacerdotalis) wen­ det sich an die Bischöfe, nicht an die Gesamtkirche, wie es für eine unfehlbare Entscheidung Vorausset­ zung wäre. Zudem setzt eine solche Entscheidung eine breite Zustimmung in der Kirche voraus; sie soll den Glauben des Volkes Gottes verbindlich formulie­ ren, aber nicht erzwingen. Das hat der Theologe Joseph Ratzinger, als er noch Professor war, mustergültig so formuliert: „Wo weder Einmütigkeit der Gesamtkirche vorliegt noch ein klares Zeugnis der Quellen gegeben ist, da ist auch eine verbindliche Entscheidung nicht möglich.“ (Ratzinger 1, S. 144) Ähnlich forderte auch Papst Johannes Paul II. für eine Erklärung „ex cathe­ dra“, dass sie sich „immer in Gemeinsamkeit“ voll­ zieht (VAS 121, S. 67). Was den Ausschluss der Frauen vom Priestertum betrifft, ist weder ein klares Zeugnis der Quellen noch Einmütigkeit in der Gesamtkirche gegeben. Eher hat man den Eindruck, der Vatikan will eine übergreifende Meinungsbildung gerade verhindern, weil die Quellen­ lage für das gewünschte Verbot nicht ausreicht und weil eine Weihe von Frauen beim Kirchenvolk zuneh­ mend an Akzeptanz gewinnt. Trotz dieses Bemühens ist es dem obersten Lehr- und Hirtenamt aber nicht gelungen, das Nein zur Ordination von Frauen dog­ ma­­tisch unanfechtbar zu machen. Offensichtlich ver­ hindert der Heilige Geist, dass eine Tür endgültig ge­ schlossen wird, die Gott öffnen will. Für Entscheidungen, die von den Gläubigen ak­ zep­­tiert werden sollen, muss es überzeugende Argu­ mente geben. Die erste Quelle in Glaubensfragen ist die Heilige Schrift. Zu einer offenen theologischen 15


Argumentation gehört daher ein ehrlicher Umgang mit der Bibel. Diese darf nicht als Zitatensammlung missbraucht werden, aus der man auswählt, was die eigene Meinung stützt, dagegen ignoriert oder um­ deutet, was einem nicht passt. Vorurteilsfreie Exegese ist also gefordert, um mit Hilfe überprüfbarer Kri­te­ rien möglichst gesicherte Aussagen zu machen. Als Quelle der Offenbarung gilt in der katholischen Kirche ebenso die Tradition. Das setzt aber voraus, dass man auch die Tradition möglichst vorurteilslos zur Kennt­ nis nimmt, statt Befunde (z. B. die Ämter in der Kirche betreffend) so auszuwählen oder zu deuten, dass sie Vorurteile scheinbar bestätigen. Eine verbindliche Glaubenslehre muss auch frei sein von inneren Widersprüchen. Denn es kann „nie­ mals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glauben und Vernunft geben“ (1. Vatikanisches Konzil, DH 3017). Aber all das, vor­urteilsfreie Exegese, Überein­ stimmung mit historisch vorgegebenen Fakten, Wi­ derspruchsfreiheit bleibt der Vatikan bei seinem Be­ mühen schuldig, Frauen generell und endgültig vom sakralen Amt und von der gleichberechtigten Mitver­ antwortung in der Kirche auszuschließen. Es darf, ja muss also weiter argumentiert werden. Dabei gilt: Theologische Fragen müssen im letzten mit theologischen Argumenten entschieden werden, auch wenn andere Aspekte (soziologische, biologi­ sche, psychologische) mit zu bedenken sind. Dafür gilt aber auch: Die freie Erörterung muss den Vorrang haben vor jeder Demonstration innerkirchlicher Macht. Denn es geht nicht zuletzt um die Glaub­würdigkeit und Überzeugungskraft der Kirche und ihrer Leitung. Beiden wäre nichts schädlicher als der Eindruck, dass eine Wahrheit unterdrückt werden soll, wenn und weil sie zum Umdenken zwingt. 16


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XIV. Resümee Die entscheidende Frage lautet nicht: Hat die Kirche das Recht, Frauen zum Priesteramt zuzulassen? Die Frage lautet: Hat die Kirche das Recht, den Frauen weiterhin die Möglichkeit gleichberechtigter Mitver­ antwortung zu verweigern? Die vorurteilslose, ehrli­ che Antwort kann nur lauten: Nein! Alle Argumente, mit denen der Vatikan den Ausschluss der Frauen vom geistlichen Amt begründet, erweisen sich um so weniger als stichhaltig, je sorgfältiger man sie über­ prüft. Es stimmt nicht, dass Jesus selbst beim letzten Abendmahl in einem bewussten Akt das katholische Priestertum gestiftet und dabei die Bedingungen für die Zulassung unabänderlich festgelegt hat. Es stimmt nicht, dass seine Mutter seine enge Vertraute war, als er öffentlich auftrat. Es stimmt nicht, dass Frauen ebenso wie die Apostel öffentlich (z. B. in Syna­gogen) hätten predigen können, wenn Jesus dies gewollt hätte. Es stimmt nicht, dass Frauen nicht in Stellvertretung Christi sakramental handeln können. Es stimmt nicht, dass ein Priester abbildhaft den Bräutigam Christus darstellt. Es stimmt nicht, dass das heutige Bischofs- und Priesteramt durch eine ununterbro­ chene Tradition der Handauflegung das Amt der zwölf Apostel weiter­führt. Es stimmt nicht, dass eine kirchliche Tradition schon deshalb unabänderlich ist, weil sie seit rund 2000 Jahren besteht. Das sind nur die wichtigsten Unwahrheiten, auf die man stößt, wenn man sich mit dem Nein des Vatikans zur Ordination von Frauen auseinandersetzt. Kann man wirklich aus lauter Irrtümern eine Wahrheit herleiten, die welt­ weit für alle Katholiken und für alle Zeiten gelten soll? 94


Viele Laien, die mit den zitierten Behauptungen konfrontiert werden, sind wohl kaum imstande, deren Unwahrheit zu erkennen. Aber das gilt nicht für theo­ logisch gebildete Amtsinhaber, die eine existentiell wichtige Frage für die ganze Kirche zu entscheiden haben. Sie sind verpflichtet, sich mit größtmöglicher Sorgfalt um die Wahrheit zu bemühen, statt eindeutige Aussagen der Heiligen Schrift zu ignorieren und gesi­ cherte Erkenntnisse der heutigen Exegese sowie Fakten der Kirchengeschichte zu missachten, weil sie nicht in ihr Konzept passen. Sie sind verpflichtet, eine Wahr­ heit auch dann anzuerkennen, wenn diese sie zum Umdenken zwingt. Wer wissentlich eine Unwahrheit sagt, lügt. Aber lügt nicht auch der, der eine Unwahr­ heit verkündet, obwohl sein Wissen es ihm ermög­ licht, die Wahrheit zu erkennen, und seine Verant­ wortung ihn verpflichtet, sie auch zu verkünden? Eine solche Lüge verstößt um so mehr gegen die Liebe, je mehr sie dazu dient, den vielzitierten Schwestern und Brüdern Anerkennung und Rechte vorzuenthalten. Christus hat seine Jünger aufgefordert, einander zu lieben, und er hat ihnen durch sein eigenes Leben und Sterben ein selbstloses Vorbild gegeben. Ein wesent­liches Merkmal dieser Liebe formuliert Paulus knapp und allgemeingültig so: „Die Liebe freut sich an der Wahrheit.“ (1 Kor 13,6)

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Leseprobe arbeiterinnen im weinberg