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OTTO DER MAULWURF

Diese sommerliche Gartengeschichte ist ein Muss für alle Freunde von Gärten, von Maulwürfen und von Lateinlehrern.

KARL JOSEF KASSING

Was tut ein Lateinlehrer namens Karl, wenn er einen Maulwurf namens Otto in seinem Garten entdeckt? Besser gefragt: Wie kommt Otto mit Herrn Karl zurecht? Wer erzieht da eigentlich wen?

KARL JOSEF KASSING

Otto

der Maulwurf Ein Sommergast im Garten

Umschlag_Otto_13.03.17_RZ.indd 1

13.03.17 13:00


K arl Josef K assing

Otto

der Maulwurf ein sommergast im garten


Impressum 1. Auflage 2017 Copyright Fohrmann Verlag, Köln Inh. und Hrsg. Dr. Petra Fohrmann www.fohrmann-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Artwork: Karen Kühne, www.kuehne-grafik.de Zeichnungen: Karen Kühne Printed in Germany ISBN 978-3-9818152-0-7 4


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Vorwort Diese Geschichte handelt von einem Maulwurf, der Otto heißt und ziemlich frech ist, und von einem Lateinlehrer, der Karl heißt und eines schönen Tages den besagten Maulwurf in seinem Garten entdeckt. Einen Lateinlehrer, der Karl heißt, gibt es wirklich. Er hat auch wirklich einen Garten, den er liebevoll pflegt, in dem eine Amsel nach Futter sucht und vom Baum herab flötet. Auch den Grüngürtel und die Wiesen gibt es wirklich. Herr Karl hat sich da auch wirklich manch­ mal Erde von Maulwurfshaufen für seine Blumen­ beete geholt. Im Sommer schwirren auch wirklich Fledermäuse über seinem Garten hin und her. Einen Grünspecht hat er auch wirklich schon mal in seinem Rasen herumstochern sehen. Und sogar eine Ente hat wirklich schon mal in seinem Garten ihre Jungen ausgebrütet. Dieses Ereignis hat der Autor in den Nachbargarten verlegt, um so auch Frau Birgit mit ins Spiel zu bringen. Und Herr Karl hat sogar wirk­ lich schon im Alter von etwa zehn Jahren das Gedicht über einen Zwerg geschrieben, der auf einen Maul­ wurfshaufen klettert. Und Maulwürfe gibt es auch wirklich. Sie sind auch wirklich sehr gefräßig und fressen am liebsten Regen­ würmer. Aber in einem Garten sind sie wirklich nicht immer erwünscht. Damit dürfte der Rest der Ge­ schichte doch auch stimmen. Oder? Sollten dennoch letzte Zweifel bestehen, ob alles Erzählte auch wirklich geschehen ist, so werden sie durch die Zeichnungen von Karen Kühne zerstreut: die zeigen Otto, wie er leibt und lebt! Dr. Petra Fohrmann (Hrsg.) 9


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Inhalt Im 1. Kapitel 15 wird erzählt, wie Herr Karl in seinem Garten einen Maulwurf namens Otto kennenlernt. Im 2. Kapitel wird erzählt, wie Herr Karl vergeblich versucht, Otto dazu zu bewegen, seinen Garten wieder zu verlassen.

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Im 3. Kapitel 31 wird erzählt, wie Herr Karl noch weitere Über­ raschungen mit Otto erlebt. Auch Antonio schaltet sich ein. Im 4. Kapitel 43 wird erzählt, wie ein Biologielehrer Herrn Karl und Otto im Garten besucht, sich dabei aber die Feind­ schaft Ottos zuzieht. Im 5. Kapitel 51 wird erzählt, wie Otto den Garten von Archäologen befreit und Herrn Karl hilft, beinahe einen Schatz zu entdecken. Im 6. Kapitel wird erzählt, wie Herr Karl und Otto über Lyrik nicht ganz derselben Ansicht sind.

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Im 7. Kapitel 65 wird erzählt, wie Herr Karl und Otto sich über Fledermäuse und den Sinn des Lebens unterhalten und Otto einen Schwips bekommt. 11


Im 8. Kapitel 71 wird erzählt, wie Otto Herrn Karl einen Streich spielt und dafür beinahe von einer Schlange gefressen wird. Im 9. Kapitel 79 wird erzählt, wie Herr Karl einer netten Nachbarin hilft. Diese findet aber den Otto gar nicht nett, weshalb Herr Karl sich von Otto trennt. Im 10. Kapitel 89 wird erzählt, wie … Aber lesen Sie es doch einfach selbst! Kurzes Zwischenwort des Autors

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In diesem alternativen Schlusskapitel 93 wird erzählt, wie Otto auf seine Wiese zurückkehrt. Herr Karl begleitet ihn unfreiwillig, findet dann aber am Leben eines Maulwurfs Gefallen.

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Nachwort des Autors

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Zum Autor

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Im 1. Kapitel wird erzählt, wie Herr Karl in seinem Garten einen Maulwurf namens Otto kennenlernt. Das kam nämlich so: Herr Karl (Ich kenne ihn gut, sonst könnte ich ja nicht von ihm erzählen!), Herr Karl also, ein guter Be­ kannter vor mir, wohnte damals ziemlich am Rand einer großen Stadt. Dass er heute noch da wohnt, ist unwichtig, darum erwähne ich es erst gar nicht. Von Beruf war er – bitte nicht erschrecken! – Lehrer, und zwar für Deutsch und Latein. Sein Beruf nahm ihn ziemlich in Anspruch, denn er nahm alles ziemlich genau, manche behaupteten sogar: er nahm manches zu genau. Herr Karl hatte auch einen Garten, der zusammen mit anderen Gärten am Stadtrand lag und den er ge­ pachtet hatte. (Genau genommen hatte er ihn von seinem Vater übernommen, der ihn zuerst gepachtet hatte.) In diesem Garten stand ein Häus‘chen, das ganz aus Holz gezimmert war (auch das schon von seinem Vater gezimmert und vererbt). Hier verbrachte Herr Karl bei gutem Wetter einen großen Teil seiner freien Zeit. Mit dem Fahrrad war er von seiner Wohnung aus in etwa fünfzehn Minuten da. Die Pflege seines Gartens machte ihm viel Freude. Er nahm es damit aber auch sehr genau: Die Kanten der Beete waren akkurat gerade, die Wege (wie es sich gehörte) unkrautfrei, und der Rasen vor dem Holz­ häus‘chen bildete eine makellose ebene grüne Fläche, auf die Herr Karl besonders stolz war. Auf den Beeten wuchsen überwiegend Blumen, auch etwas Gemüse und einige Gewürzkräuter. 15


Das alles entsprach einem überlegten Plan, den Herr Karl anfangs mit dem Garten übernommen, im Laufe der Zeit noch weiter verbessert hatte. Blumen und Sträucher waren so ausgewählt, dass fast das ganze Jahr hindurch etwas blühte, von den Christ­ rosen im Winter bis zu den Chrysanthemen und Astern im späten Herbst. Sogar drei kleinere Apfelbäume standen in dem Garten, die in manchen Jahren so reichlich trugen, dass Herr Karl davon noch an Bekannte weitergeben konnte. Noch weiter außen am Stadtrand zog sich ein Grüngürtel hin mit langgestreckten Wiesen, auf denen gelegentlich Schafe weideten, mit einem langge­ streckten Wäldchen und sogar einem mittelgroßen Weiher, auf dem man Kahn fahren konnte. Durch die Wiesen, durch das Wäldchen und um den Weiher herum führten Wege, auf denen man nach Belieben spazierengehen oder auch radfahren konnte. Beides tat Herr Karl denn auch immer mal, natürlich nur, wenn das Wetter danach war und wenn auch seine Zeit es erlaubte. Hier oder da auf den Wiesen sah man fast immer auch eine Reihe von Maulwurfshügeln. Da es viel­ leicht Leserinnen und Leser gibt, die nur in der Stadt wohnen und nie herauskommen, sollte ich jetzt besser erklären, was ein Maulwurfshügel ist. Man stelle sich einen Berg vor, sagen wir einfach mal zweihundert Meter hoch, ganz aus krümeliger Erde und gleichmäßig rund, oben mit einer flachen Kuppe. Wenn man diesen Berg jetzt in seiner Phanta­ sie, sagen wir mal auf zwanzig Zentimeter, verkleinert, dann hat man einen Maulwurfshügel. Überflüssig zu erwähnen, dass der so heißt, weil ihn ein Maulwurf errichtet hat. 16


So einen Maulwurf stellt man sich am besten vor wie eine kleine lebendige Walze, ganz mit dichtem schwarzem Fell umgeben, die Vorderpfoten zu kräfti­ gen Schaufeln vergrößert, am Kopf ein spitzes Maul mit einem rosigen Näs‘chen und winzige kugelrunde Augen. Maulwürfe leben fast nur in der Erde, da graben sie sich Gänge und suchen sich ihr Futter: Regenwürmer, Maden, Engerlinge, was man eben da unten so an Le­ ckerem findet. (Nebenbei bemerkt, sind sie sehr gefräßig.) Unter der Erde richten sie sich auch eine gemüt­ liche kleine Wohnung ein. Den Aushub (fachmän­ nisch gesprochen) deponieren sie einfach oben über der Erde, das gibt dann die sogenannten oder auch Maulwurfshügel. Und solche Maulwurfshügel auf den Wiesen hatten es Herrn Karl angetan: die Erde war schön locker und dunkel, wie der Kenner es wünscht. „Das wäre genau das Richtige für meinen Garten“, dachte er oft, wenn er mit dem Fahrrad daran vorbei­ fuhr, „vor allem für die Pflanzlöcher, wenn ich neue Blumen setze.“ Als er das oft und lange genug gedacht hatte, schritt er eines Nachmittags auch wirklich zur Tat: Er klemmte auf den Gepäckträger hinten an seinem Fahrrad eine kleine Plastikwanne, nahm auch eine kleine Schaufel mit und füllte die Wanne, als er zu der Wiese mit den Maulwurfshügeln gekommen war, mit der schönen lockeren schwarzen Erde. Die schüttete er in einer Ecke seines Gartens aus. Das tat er von nun an noch öfters, so dass er mit der Zeit einen richtigen kleinen Haufen von dieser Erde in seinem Garten hatte, einen Maulwurfserdevorrats­ haufen sozusagen. 17


Das ging einige Zeit auch gut. Aber an einem schönen Nachmittag (man ahnt schon, nun passiert etwas Besonderes), also wie ge­ sagt, eines schönen Nachmittags, als Herr Karl wieder einmal Maulwurfshügelerde geholt hatte und zu der anderen auf den Maulwurfserdevorratshaufen schüt­ tete, bewegte sich etwas in der Erde: Diese hob sich, Krümel rollten seitlich herab, heraus schob sich eine spitze Schnauze, und zwei kleine runde Augen fixier­ ten Herrn Karl neugierig und vorwurfsvoll. Zwei breite Pfoten, die wie Schaufeln aussahen, schoben sich neben dem Kopf heraus, dann folgte et­ was wie eine kleine lebendige Walze, ganz in dichten schwarzen Pelz gehüllt. Man soll es nicht glauben: Herr Karl sah vor sich einen richtigen quicklebendi­ gen Maulwurf! Und um das Unwahrscheinliche noch unwahr­ scheinlicher zu machen, begann der merkwürdige Gast nun sogar zu reden, während es Herrn Karl vor Staunen die Sprache verschlug. „Hallo!“, sagte der Maulwurf. „Ich heiße Otto. Und wie heißt du?“ Herr Karl musste sich erst von seiner Überraschung erholen. Ein Maulwurf in seinem Garten? Und dazu noch einer, der sprechen konnte und Otto hieß?? „Ich – äh – ja also – ich heiße Karl“, stotterte er schließlich, als er sich zumindest etwas gefasst hatte. „Da musstest du aber lange überlegen. Ich finde Otto viel schöner. Ich möchte nicht Karl heißen.“ „Warum denn nicht?“ „Immer Otto ist mein Motto! Aber was ist Karl? Karl ist doch gar nichts.“ „Na hör mal! Wieso das denn?“ „Stell dir doch mal vor: jemand steht hinter dir und 18


ruft dich. Natürlich muss er dann auch deinen Namen von hinten, also rückwärts, aussprechen. Ich heiße auch dann noch Otto. Aber du heißt dann Lrak. Wie doof das klingt!“ „Selber doof!“, sagte Herr Karl verärgert. Und um von seinem Namen abzulenken, fragte er: „Wie kommst du denn überhaupt hierher in mei­ nen Garten? Was willst du hier eigentlich?“ „Also wirklich, dummer kannst du nicht fragen. Du selbst hast mich doch hergebracht, in der Erde hier. Kannst du mir mal sagen, was ich eigentlich hier soll?“ Herr Karl verkniff es sich, seinen unwilligen Gast darauf hinzuweisen, dass der korrekt „dümmer“ hätte sagen müssen. Stattdessen erklärte er: „Das wollte ich nicht. Das tut mir leid. Dann – ja, dann muss ich mich wohl bei dir entschuldigen.“ „Konntest du denn nicht besser aufpassen? Das ist Freiheitsberaubung!“ „Tut mir wirklich leid. Ich bringe dich jetzt gleich wieder zurück auf deine Wiese.“ „Jetzt gleich muss ich mir hier erst mal eine provi­ sorische Unterkunft verschaffen. Na ja, hier der Erd­ haufen tut es zur Not. Wohl alles bei uns zusammen­ geklaut, was?“ „Na hör mal, die Erde ist doch wohl nicht dein Privat­ eigentum?“ „Wieso nicht? Ich hatte mir die Erdhügel auf der Wiese mühsam und kunstvoll errichtet. Auf jeden Fall waren sie mein geistiges Eigentum, falls du ver­ stehst, was damit gemeint ist.“ „Nun übertreib mal nicht! Du kannst dir ja wieder neue bauen. Die will ich in Zukunft auch stehen lassen.“ „Großartig! Dann muss ich dir aus Dankbarkeit wohl versprechen, dass ich dein Gartenhäus‘chen stehen 19


lasse! Aber jetzt entschuldige mich bitte. Ich bin keiner von denen, die nur in der Gegend rumstehen und re­ den. Ich habe Wichtigeres zu tun!“ Damit zog er seinen Kopf wieder zurück. Hier und da bewegte sich die Erde, hob sich etwas, da schuf er sich wohl Platz für seine Wohnung. Herr Karl sah eine Zeitlang kopfschüttelnd zu, dann ging er immer noch kopfschüttelnd zu seinem Fahrrad, das neben dem Gartenhäus‘chen stand, und schob es zum Gartentor. Als er das Tor von außen ab­ geschlossen hatte, blickte er noch einmal kopfschüt­ telnd zu dem Erdhaufen zurück. Und was musste er sehen? Otto hatte sich mit dem Oberkörper aus dem Eingang seines Neubaus geschoben und machte ihm doch tatsächlich eine lange Nase. Als Otto sah, dass Herr Karl ihn sah, zog er sich schnell wieder in die Erde zurück. „Wenigstens scheint er zu wissen, dass sich so etwas nicht gehört!“, tröstete sich Herr Karl.

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Im 2. Kapitel wird erzählt, wie Herr Karl vergeblich versucht, Otto dazu zu bewegen, seinen Garten wieder zu verlassen. Am nächsten Tag hatte Herr Karl keine Zeit, nach seinem Garten zu sehen. Aber am übernächsten (es war Samstag) fuhr er voll Spannung hin. Zwischenzeitlich hatte er gezweifelt, ob er über­ haupt etwas so Verrücktes erlebt hatte. Vielleicht war er auf der Gartenbank eingeschlafen und hatte das alles nur lebhaft geträumt? Er kam bei seinem Garten an, stieg vom Fahrrad, schloss das Gartentor auf und trat hindurch. Sein erster Blick ging über den Rasen hinweg zu dem bewussten Erdhaufen ... Nein! Ihm stockte der Atem, fast das Herz. Auf seinem schönen gepflegten Rasen erhoben sich vier, nein fünf Maulwurfshügel, frech und selbstverständlich im Son­ nenschein. Auf den Beeten waren auch noch einige. „Otto! Oootttooo!!!“ – Nichts. Herr Karl stampfte mit dem Fuß auf den Boden, es sollte so etwas wie Anklopfen sein. „Ja, was ist denn?“, tönte es da von dem Maulwurfs­ erdevorratshaufen her. „Ah, Karl, lässt du dich auch mal wieder blicken?“ „Sieh dir das mal an da auf dem Rasen! Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?!“ „War ich nicht schön fleißig?“ „Da hört sich doch alles auf! Machst mir meinen schönen Rasen kaputt und möchtest jetzt auch noch dafür gelobt werden! Großartig! Warum hast du das getan?“ 23


„Dummer kannst du nicht fragen! Ich muss doch was zu fressen haben: Regenwürmer!“ „Und ausgerechnet die unter meinem Rasen?“ „Wo denn sonst? Kannst du mir das mal sagen? Auf meiner Wiese waren sie übrigens dicker und leckerer. Deine schmecken ja nach Kunstdünger!“ „Dann bringe ich dich gern sofort wieder auf deine Wiese. Dann haben wir beide unsere Ruhe!“ „Och nein, jetzt bleibe ich erst mal eine Weile hier. Mal was anderes. An den Geschmack gewöhne ich mich schon.“ „Aber das geht doch nicht, das musst du doch ein­ sehen!“ „Wieso denn nicht? Du siehst doch, dass es geht!“ „Du störst! Du machst mir den Rasen und die Beete kaputt.“ „Dann muss ich dich daran erinnern, du selbst hast mich hierher geschleppt, ohne mich überhaupt zu fragen, ob ich das will. Jetzt bist du auch für mich ver­ antwortlich.“ „Darum will ich dich ja auch wieder zurückbrin­ gen. Und die Regenwürmer hier sind doch nützlich: sie lockern den Boden.“ „Den Boden lockern kann ich noch besser! Aber du hast Recht: auch Regenwürmer sind nützlich, um so nützlicher, je besser sie schmecken!“ Dabei leckte er sich genießerisch mit der Zunge über das Maul. Herr Karl schwieg eine Weile und überlegte, dann war sein Entschluss gefasst. „Ich werde dich jetzt fangen und zurück auf die Wiese bringen. Ob du das willst oder nicht!“ „Das darfst du gar nicht. Maulwürfe sind streng geschützt.“ „Aber doch nicht in meinem Garten.“ 24


„Das ist jetzt nicht mehr dein Garten, das ist jetzt mein Biotop!“ „Schau mal, wie klug du reden kannst! Dann siehst du doch auch sicher ein, dass du hier nicht bleiben kannst. Wenn du weiter so buddelst, hast du in ein paar Tagen alle Regenwürmer aufgefressen. Und was dann? Dann musst du verhungern!“ „Dann musst du mich füttern. Du hast mich ge­ waltsam hierher geschleppt, jetzt musst du auch für mich sorgen. Wenn hier keine Regenwürmer mehr sind, kannst du doch welche von der Wiese holen. Ich bin übrigens sehr bescheiden: ich fresse nur soviel am Tag, wie ich wiege.“ „Das nennst du bescheiden? Dann müsste ich ja je­ den Tag mindestens“ (er schätzte ab) „mindestens zwanzig bis dreißig Regenwürmer besorgen.“ „Ja und? Warum tust du das nicht? Weil du zu faul bist! Ich fange doch auch jeden Tag so viel, wenn man mich lässt.“ „Na hör mal, ich habe schließlich noch etwas Bes­ seres zu tun als Regenwürmer zu fangen. Ich habe schließlich auch einen Beruf.“ „Etwas Besseres als Regenwürmer fangen gibt es nicht! Und was ist dein Beruf, wenn man fragen darf?“ „Ich bin Lehrer.“ „Das dachte ich mir. Darum bist du so faul!“ „Jetzt werd nicht auch noch frech! Sonst lasse ich dich wirklich verhungern.“ Otto lachte nur: „Schließlich sind hier noch mehr Gärten als nur deiner. Verhungern werde ich hier schon nicht.“ Doch Herrn Karl war inzwischen ein möglicher Ausweg eingefallen: „Frisst du vielleicht auch noch etwas anderes als Regenwürmer?“ 25


„Marzipan“, sagte Otto versonnen. „Wie bitte?“ Herr Karl traute seinen Ohren nicht. „Marzipan? Woher kennst du das denn überhaupt?“ „Auf meiner Wiese lagerte mal ein Kind mit seiner Mutter. Die Mutter gab dem Kind etwas zu essen: Hier hast du Marzipan. Ein Stück davon fiel dem Kind auf die Erde. Als es das aufheben und in den Mund stecken wollte, sagte die Mutter: Pfui, lass das liegen. Da ist Dreck dran. Als die beiden weg waren, bin ich neugierig hinge­ gangen und habe das Marzipan gefressen. Mm, war das lecker! Wenn du mir keine Regenwürmer besor­ gen willst, dann bitte Marzipan!“ „Von mir aus“, sagte Herr Karl seufzend. „Bis du vielleicht doch bereit bist, auf deine Wiese zurück­ zukehren. Wieviel brauchst du denn so am Tag?“ „Bist du schwerhörig oder vergesslich? Ich brauche nur soviel, wie ich wiege.“ „Also etwa hundert Gramm“, sagte Herr Karl. „Na gut, für den Anfang mal, später sehen wir weiter...“ „Tu ruhig noch was dabei. Ich wiege mindestens hundertzwanzig Gramm!“ „Na auch gut: dann eben hundertzwanzig.“ „Ich wusste ja, dass du Vernunft annimmst, auch wenn du ein Lehrer bist“, sagte Otto zufrieden. „Übri­ gens, was ist Dreck?“ Dreck? Herr Karl überlegte. Er musste vorsichtig sein, durfte Otto nicht beleidigen, schließlich lebte der ja im sogenannten Dreck. „Ja, also Dreck ist ... wie soll ich dir das erklären?“ „Du weißt nicht mal, was Dreck ist? Du bist mir ein schöner Lehrer!“ „Du weißt es doch selber nicht.“ „Natürlich weiß ich es! Es ist doch ganz einfach: Dreck ist Dreck!“ 26


„Wirklich sehr schlau!“ „Noch eine neugierige Frage, wo wir gerade über dich sprechen: Was lehrst du denn eigentlich?“ „Deutsch und Latein.“ „Deutsch kenne ich. Latein – was ist das?“ „Also pass mal auf: Früher gab es ein mächtiges Volk, das waren die Römer. Die beherrschten alle an­ deren Völker in ihrer Nachbarschaft. Und die spra­ chen Latein.“ „Warum sprachen sie denn nicht römisch?“ „Ja also ... Dazu muss man nämlich wissen ...“ „Ich sehe schon, schwere Fragen darf man dir nicht stellen. Also eine leichte: Was heißt denn ‚Maulwurf‘ auf Latein?“ „Da muss ich überlegen ... Also im Moment weiß ich es nicht. Das Wort kommt zu selten vor. Ich kann es aber zuhause in einem Lexikon nachschlagen.“ „Das hätte ich mir denken können! Entschuldige mich jetzt. Ich ziehe mich wieder in meine Wohnung zurück. Im Dunkeln ist es viel gemütlicher. Ich bin es gar nicht gewohnt, so lange ins Licht zu blicken. Ich bin kein Tagedieb wie gewisse Lehrer! Und denk an mein Marzipan. Sonst ...!“

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Im 3. Kapitel wird erzählt, wie Herr Karl noch weitere Überraschungen mit Otto erlebt. Auch Antonio schaltet sich ein. Zuhause hatte Herr Karl gleich in einem deutsch­ lateinischen Wörterbuch unter ‚Maulwurf‘ nachge­ schlagen. Am anderen Tag erklärte er Otto nicht ohne einige Wichtigkeit: „Ich kann dir jetzt auch sagen, was ‚Maulwurf‘ auf Lateinisch heißt. Ganz einfach: talpa.“ „Ah ja! Gut zu wissen, wenn einem mal ein Römer begegnet. Und was heißt ‚Marzipan‘ auf Latein?“ „Das weiß ich nicht“, musste Herr Karl auch dies­ mal zugeben. „Langsam frage ich mich, ob du überhaupt etwas weißt. Was heißt ‚Das weiß ich nicht‘ auf Latein?“ „Id ignoro.“ „Aha, id ignoro. Zur Vorsicht noch mal gefragt: Was heißt das?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wie, das weißt du nicht? Aber ich hätte es mir ja schon denken können! Du bringst also deinen Schü­ lern eine Sprache bei, die du in Wirklichkeit selber nicht kannst. Großartig!“ Herr Karl tat das Klügste, was er jetzt noch tun konnte: er schwieg. Abgesehen von dem Problem mit der lateinischen Sprache hatte es sich bewährt, Otto mit Marzipan zu füttern. Wenn Herr Karl in den Garten kam, wurde er von Otto schon mit Ungeduld erwartet. Der fraß das Marzipan dann gleich oder schleppte es in seine Wohnung, wenn er nicht ganz so hungrig war. Wenn 31


Herr Karl an einem Tag nicht kommen konnte, gab er ihm gleich zwei oder auch drei Portionen im voraus, die Otto dann in seine Vorratskammer trug, wie er Herrn Karl einmal erklärte. So weit so gut. Aber eines späten Nachmittags, als Herr Karl auf seiner Gartenbank etwas eingenickt war (Gönnen wir es ihm: Lehrer sein ist ganz schön anstrengend!), wurde er unverhofft durch ein schril­ les Geschrei und Gezeter geweckt. Verwundert über den Krach, öffnete er die Augen und – was er sah, verwunderte ihn noch mehr. Da vor sich auf dem Boden sah er zwei kleine schwarze Ge­ stalten: Otto und eine Amsel. Die beiden zankten sich offenbar um das Marzipan. Die Amsel versuchte mit dem Schnabel danach zu picken, hüpfte im Kreis au­ ßen herum, aber Otto drehte sich innen mit, kreischte und fauchte und bleckte die Zähne. „Was macht ihr denn da?“, fragte Herr Karl, eher erstaunt als vorwurfsvoll. „Ich will auch Marzipan!“, schrie die Amsel. „Ich wohne schon viel länger hier als der. Wieso bekommt der etwas, ich nicht?“ Herr Karl staunte noch mehr, soweit das überhaupt noch möglich war. Er musste der Amsel zum Teil Recht geben, sie war wirklich schon jahrelang eine Mitbewohnerin seines Gartens. Allerdings gesprochen hatte sie bisher noch nie. „Du kannst ja auch sprechen! Warum hast du das nicht schon früher getan?“ „Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass du auf eine Konversation mit mir besonderen Wert legst.“ Otto hatte die Gelegenheit genutzt, als die Amsel abgelenkt war, und das Marzipan, das schon etwas ge­ litten hatte, in seiner Wohnung in Sicherheit gebracht. 32


„Da siehst du es“, zeterte die Amsel. „Er will alles für sich allein haben! Ist das gerecht?“ „Ich wusste ja gar nicht, dass du auch Marzipan magst. Ich will dir gern auch ein kleines Stück hinlegen. Der größere Teil muss aber für Otto sein: für den ist das die Hauptmahlzeit, für dich nur eine Art Dessert.“ So wurde es von nun an gehalten, und es ging auch ganz gut. In den ersten Tagen beäugten die beiden Rivalen sich noch misstrauisch, zerrten jeder sein Stück Marzipan etwas beiseite. Aber mit der Zeit ge­ wöhnten sie sich aneinander, ja Herr Karl hatte den Eindruck, dass sie sich nach und nach ganz gut ver­ trugen. „Ich heiße Antonio“, erklärte die Amsel einmal Herrn Karl. „Meine Frau sitzt in unserem Nest und brütet die fünf Eier aus.“ Und eine Woche später erzählte er gerührt und stolz: „Fünf Junge sind aus den Eiern geschlüpft. Ganz nackt und rosig, wie Regenwürmer.“ Otto hatte aufgehorcht. „Wie Regenwürmer? Inter­ essant! Wo ist euer Nest?“ „Da hinten in der Eibe“, sagte Antonio arglos. Zwei Tage später: Otto trug sein Marzipan gleich wortlos in seine Wohnung. Wie Herr Karl sah, hinkte er mit einem Bein. Antonio kam erst, als Otto weg war. „Zwischen uns ist das Tischtuch zerschnitten!“, erklärte er. „Stell dir vor, Otto wollte doch tatsächlich an unser Nest klet­ tern, um die Jungen zu fressen. Meine Frau konnte mich gerade noch rechtzeitig rufen. Ich habe auf ihn eingehackt, bis er runter gefallen ist. Leider hat er sich nur ein Bein verstaucht. Hätte er sich doch das Ge­ nick gebrochen!“ 33


Otto ließ sich verständlicherweise an diesem Tag nicht mehr blicken. Anderntags stellt Herr Karl ihn zur Rede: „Was ist dir denn eingefallen! Du kannst doch nicht die kleinen Amselchen fressen!“ „Ich wollte doch nur guten Tag sagen, als höflicher Nachbar. Übrigens hätten sie wohl sowieso nicht ge­ schmeckt.“ Damit war das Thema für ihn erledigt. Herr Karl: „Da kann ich ja froh sein, dass du mich nicht auch fressen willst.“ Otto: „An dir ist sowieso nichts dran!“ „Woher willst du das denn wissen?“ „Ich hab‘ mal an deinem Knöchel geknabbert, als du auf der Bank eingeschlafen warst. Nur so aus Neu­ gier. Du bist ja nur Haut und Knochen!“ „Also du warst das! Ich hatte mich schon gewun­ dert, wo ich die Schramme am Knöchel her hatte.“ „Ich habe wirklich nur mal kurz dran geleckt.“ „Da muss ich ja noch froh sein, dass du nicht an meine Wade gekommen bist.“ Otto horchte auf: „Wieso? Ist da mehr dran?“ Herr Karl: „Also wirklich, wenn du dreimal so groß wärst, müsste ich Angst vor dir haben!“ „Ich hätte keine Angst vor dir, auch wenn du drei­ mal so groß wärst.“ Ein friedlicher Abend. Herr Karl sitzt auf seiner Gartenbank. Otto schmatzt an seinem Marzipan. Oben im Birnbaum des Nachbargartens sitzt Antonio und schmettert sein Lied. Herr Karl: „Antonio singt wirklich schön!“ Otto: „Das ist Geschmacksache! Ich kann das Ge­ dudel nicht mehr hören! Übrigens heißt er Anton. Ich habe gehört, wie seine Frau ihn so gerufen hat.“ Damit packt Otto sein Marzipan und verzieht sich 34


in seine Behausung. Hin und wieder sprach Antonio jetzt auch mit Herrn Karl, zum Beispiel über das Wetter. Einmal machte Herr Karl ihm ein Kompliment für seinen schönen Gesang. Antonio dankte. „Ich wollte ja eigentlich zur Oper. Aber dann lernte ich meine Frau kennen. Und jetzt habe ich fünf hungrige Schnäbel zu stopfen!“ „Was nicht ist, kann ja noch werden“, sagte Herr Karl tröstend. Manchmal wagten sich auch fremde Amseln in den Garten. Aber das duldete Antonio nicht. Ein energi­ scher Anflug, eine kurze Verfolgung, schnell hatte der Eindringling das Revier wieder geräumt. Einmal wurde Herr Karl sogar Zeuge eines beson­ ders dramatischen Ereignisses. Er saß meditierend auf seiner Gartenbank, das heißt: er tat eigentlich gar nichts. Da erblickte er unvermutet einen fremden Vogel, der auf dem Rasen nach Futter suchte. Er war ziem­ lich groß, mit grünlichem Gefieder und einer leuch­ tend roten Kappe: kein Zweifel, ein leibhaftiger Grün­ specht. Mit heftigen Bewegungen seines Kopfes hack­ te er hier und da in den Rasen. „Wenn das Otto sieht, gibt es Krach!“, dachte Herr Karl. Und kaum hatte er das gedacht, da kam Otto auch schon wütend angeschnauft. „Verschwinde aus meinem Garten!“, herrschte er den Rotschopf an. Der Specht richtete sich erstaunt auf, blickte Otto kurz an, dann, ohne ein Wort zu verlieren, hackte er mit seinem kräftigen Schnabel nach ihm. Zu seinem Glück hatte Otto den Hieb erwartet, so konnte er 35


gerade noch ausweichen, der Schnabel streifte nur eben seine Flanke, so dass er kurz aufquiekte. Dann grub er sich blitzschnell in den Boden ein. Der Specht vergaß vor lauter Staunen, seinen Vor­ teil zu nutzen und in Ottos schutzloses Hinterteil zu hacken. Er schüttelte ein paarmal verblüfft den Kopf, sah sich nach rechts und links um, aber da sein Geg­ ner verschwunden blieb, begann er wieder im Rasen herumzustochern. Was jetzt geschah, glaubt niemand, der es nicht ge­ sehen hat: Hinter dem Specht hob sich ein kleines Stück Rasen, vorsichtig streckte sich ein spitzes Maul heraus, und Otto zwickte dem Specht schnell aber kräftig von hinten ins Bein. Der sprang vor Schreck drei Schritte nach vorn, dann drehte er sich empört um und sah – niemand. Die Rasenluke war schon wieder zugeklappt, auf den ersten Blick war nichts Auffälliges zu entdecken. Der Specht hüpfte ein kleines Stück von der ver­ dächtigen Stelle weg, blickte sich noch mehrmals nach ihr um und setzte seine Suche nach Futter fort. Und wieder tauchte Otto unbemerkt hinter ihm auf und biss ihn ins Bein. Das wiederholte sich sogar noch ein drittes Mal. Da wurde es dem Specht doch unheimlich. Er flog vom Rasen auf und zu einem Apfelbaum, setzte sich dort auf einen Ast und beäugte den Rasen aufmerk­ sam. Doch nichts Verdächtiges war zu sehen. „Der Klügere gibt nach“, dachte er wohl und flog davon. Im Flug schimpfte er noch lauthals: „Glü glü glü!“ Otto aber reckte sich halb aus dem Rasen empor und machte triumphierend eine lange Nase hinter ihm her. Jetzt sollte ich zum besseren Verständnis des Folgen­ den nachtragen, dass Herr Karl, um seinem geliebten 36


Rasen etwas Gutes zu tun, im frühen Frühjahr schöne krümelige dunkle Maulwurfserde darüber gestreut hatte. Der Erfolg stellte sich auch ein, allerdings etwas an­ ders, als erwartet. Herr Karl entdeckte an einigen Stellen in seinem Rasen blühenden Löwenzahn. Nanu? Wie kam denn dieses lästige Unkraut hierher? Er überlegte, rasch fand er die Antwort: Offenbar hatte der Samen in der Maulwurfserde gesteckt, die er über den Rasen ge­ streut hatte. Der grüne Rasenteppich war sein Stolz. Nichts durfte das Gleichmaß stören. Also machte Herr Karl sich so­ gleich mit einem Messer daran, die unliebsamen Neu­ siedler auszumerzen. „Lrak, was macht du da?“, tönte plötzlich eine strenge Stimme hinter ihm. Er drehte sich um. Otto stand in seiner kleinen Größe drohend auf den Hinterpfoten aufgerichtet vor ihm. „Das siehst du doch. Ich steche den Löwenzahn aus.“ „Warum machst du das?“ „Der hat in meinen Garten nichts verloren. Das ist doch Unkraut!“ „Das ist kein Unkraut, das ist Gartenwildkraut.“ Herrn Karl verschlug es für einen Moment die Sprache. „Was du nicht alles weißt! Soll ich denn zusehen, wie mein Rasen eine Wiese wird? Wie sieht das denn aus!“ „Jedenfalls besser, viel besser! Warum fährst du denn so gern hinaus zu den Wiesen? Weil du dich freust, wenn es da so schön blüht. Dagegen ist dein sogenannter Rasen doch eine öde Steppe.“ 37


„Also ich muss doch sehr bitten! Überall kann eben nicht eine Wiese sein. Eine Wiese ist eine Wiese, und ein Rasen ist ein Rasen.“ „Schau mal da die Hummel. Und da, eine Biene. Hast du die früher schon mal hier gesehen?“ In der Tat, die Blüten des Löwenzahns wurden von eifrigen Insekten besucht. „Was finden die hier auf dem Rasen, wenn gar nichts blüht? Und was glaubst du wohl, wer die Blü­ ten an deinen Apfelbäumen befruchtet? Die Insekten! Lass die Wildkräuter ruhig mal wachsen. Freu dich doch, wenn sie auch bei dir blühen!“ Da wir zurückgegriffen haben, können wir jetzt auch vorgreifen: Herr Karl ließ tatsächlich die Garten­ wildkräuter wachsen. Vielleicht erst nur aus Neugier. Aber je mehr er sich an sie gewöhnte, um so mehr freute er sich tatsächlich über sie. Und die Kräuter dankten es ihm, indem sie fleißig blühten und sich weiter vermehrten. Mit der Zeit, sagen wir im Laufe der nächsten drei bis vier Jahre, entwickelte sich so eine richtige schöne blü­ hende Wiese. Die ersten im Jahr, die blühten, waren die kleinen violetten Veilchen und die weißen Gänseblümchen. Ihnen folgten die gelben Butterblumen und das lila­ farbene Wiesenschaumkraut. Auch die goldgelb strah­ lenden Blüten des Löwenzahns ließen nicht lange auf sich warten. Dicht über dem Boden blühten weißer Augentrost und ein Pflänzchen mit kleinen blauen Blüten, von dem Herr Karl nicht wusste, wie es hieß. (Wir wissen ja schon: Auch Lehrer wissen nicht im­ mer alles, selbst Lateinlehrer nicht.) Und zu all dem kam der Klee, der den ganzen Sommer hindurch blühte und ausgedehnte weiße Polster bildete. 38


Herr Karl düngte nun seine Gartenwiese nicht mehr und mähte nur noch, wenn es wirklich nötig war. Und die Insekten flogen fleißig von Blüte zu Blüte, Bienen und Fliegen; bei den Hummeln war der Klee besonders beliebt. Manchmal saß Herr Karl auf sei­ ner Bank und sah nur zu, wie es auf seiner Wiese summte und lebte. Und was ihm auch auffiel: Antonio und seine Frau stocherten nun noch viel eifriger als früher im Boden herum. Offenbar fanden sie nun auch viel mehr zu fressen. Und vielleicht schmeckten die Regenwürmer jetzt ja auch besser. Da war Otto allerdings schon wieder aus dem Gar­ ten ausgezogen. So waren Maulwurfshügel das einzi­ ge, was hier zu einer richtigen Wiese noch fehlte. Aber die vermisste Herr Karl eigentlich auch nicht.

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Kassing otto leseprobe  
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