Karl Josef Kassing – Das freundliche Haus – Ein Kinderbuch für Erwachsene

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Das ndlich Haus KARL JOSEF KASSING

Das

Haus

Ein Kinderbuch fĂźr Erwachsene



K ARL JOSEF K ASSING

Das

Haus Ein Kinderbuch fĂźr Erwachsene


Impressum Copyright Fohrmann Verlag, Köln Inhaberin Dr. Petra Fohrmann www.fohrmann-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Ver­fahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages repro­ du­ ziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Artwork: Karen Kühne, www.kuehne-grafik.de Fotos: © Gabriele Kärcher Printed in Germany ISBN 978-3-9818152-5-2 4


Inhalt: Eine Geschichte in drei Bildern Der alte Kastanienbaum Das freundliche Haus

7, 73, 117 9 23

Kängu 47 Der Bßrgermeister von Wesel

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Georg und die beiden Drachen

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WM Diether

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Nachwort 119 Zum Autor

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Zur Gesamtausgabe

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Beginn der Bildgeschichte

Konzentriert macht sich der Autor an die Arbeit.

Fortsetzung Seite 73 7


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Der alte Kastanienbaum Eine FrĂźhlingsgeschichte

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Ein Mädchen lebte mit seinen Eltern, mit seinem Bruder und mit seiner Oma zusammen in einem Haus. Das ist nichts Besonderes, die meisten Mädchen leben mit ihrer Familie in einem Haus. Das Mädchen hieß Petra. Auch das ist nichts Besonderes, viele Mädchen heißen Petra. In der Nähe des Hauses, in dem Petra lebte, war ein Spielplatz, und an dessen Rand stand ein großer alter Kastanienbaum. Nicht einmal das ist etwas Besonderes, an vielen Plätzen stehen große alte Kastanienbäume. Und wie alle anderen auch, schmückte dieser sich im Frühjahr mit prächtigen weißen Blütenkerzen. Im Spätsommer ließ er dann freigebig glänzende rotbraune Kastanien auf den Boden fallen. Die sammelten die Kinder und auch Petra eifrig, um damit zu spielen: Man konnte sie zu einer Halskette aneinanderreihen oder sogar kleine Figuren aus ihnen machen, wenn man nämlich Stöckchen für die Gliedmaße zu Hilfe nahm. Und als ob das nicht schon des Guten genug wäre: Vom Frühjahr an gaben die Vögel oben im Baum ein vielstimmiges Konzert. Allerdings in den Baum klettern, was Petra auch gern getan hätte und wozu die tief herabreichenden Äste einluden, durfte sie nicht. Vor allem ihre Oma, die eigentlich sehr lieb war, wollte das nicht. Und zur Warnung erzählte sie Petra immer wieder dieselbe Geschichte: Vor vielen Jahren war ein Mädchen in den Baum geklettert, war dann aber heruntergefallen und hatte sich den Arm gebrochen. Den musste sie nun drei Wochen lang in Gips tragen. „Das willst du doch sicher nicht, oder?“ fragte die Oma jedesmal, wenn sie diese Geschichte beendet hatte. 11


Natürlich wollte Petra ihren Arm nicht drei Wochen lang in Gips haben. Aber in den Baum wäre sie doch gern geklettert. Zumal ihr Bruder das durfte und auch immer wieder tat. Aber der war ja auch ein Junge und außerdem drei Jahre älter. So blieb Petra unten auf dem Boden, blickte aber oft hinauf in das abenteuerliche Gewirr der Äste und Zweige und in das dämmrige Grün, das um so geheimnisvoller wurde, je höher hinauf der Blick sich wagte. Aber das alles, was bisher erzählte wurde, ist nicht so etwas Besonderes, dass es sich lohnen würde, es zu erzählen. Dagegen ist das, was jetzt folgt, etwas so Besonderes, dass der Erzähler sich nur traut, es zu erzählen, weil er hofft, dass man es ihm auch glaubt. Damit man das, was er nun erzählen will, aber auch versteht, muss er noch etwas vorwegschicken. Immer, wenn Petra auf den Spielplatz kam, lief sie zu dem Baum, nahm ihn in die Arme und begrüßte ihn liebe­voll. Richtig in die Arme nehmen konnte sie ihn natürlich nicht, dazu war sein Stamm viel zu dick; aber sie breitete ihre Arme aus, so weit sie konnte, streichelte seine rissige Rinde und sagte: „Guten Tag, lieber Baum, da bin ich wieder. Wie schön, dass du auch da bist!“ Dass ihr Bruder, wenn er es sah oder hörte, sie manchmal auslachte, störte sie nicht. Der war auch nicht ganz so schlau, wie er zu sein glaubte. Und dann kam ein Frühjahr, in dem blühte der große Kastanienbaum zwar auch wieder prächtig wie immer, aber die Vögel, die sonst Jahr für Jahr mit ihrem Gesang aus der Krone des Baumes eine Konzerthalle gemacht hatten, ließen sich jetzt überhaupt nicht hören. Nur die Spatzen tschilpten in den 12


Büschen, die hinter dem Spielplatz standen, aufdringlich wie immer. Aber das konnte man ja eigentlich nicht Gesang nennen, obwohl sie selbst es vermutlich dafür hielten. Auch den Erwachsenen fiel auf, dass der Gesang der Vögel ausblieb, und sie sprachen darüber. „Sie fangen dieses Jahr nur etwas später an.“ beruhig­te Petras Mutter sich und die andern. Aber auch etwas später sangen sie nicht. Und selbst die Oma, die ja doch die Älteste im Haus war und wirklich schon viel erlebt hatte, konnte sich nicht daran erinnern, dass jemals Frühling gewesen war, ohne dass die Vögel sangen. So blieb es ein paar Wochen, ohne dass sich etwas änderte. Aber dann, eines schönen Tages, änderte sich ganz überraschend doch etwas. Nur merkte es außer Petra zunächst niemand. Als sie den alten Baum wieder zur Begrüßung in die Arme nahm und sich an ihn drückte, bog sich auf einmal ein Ast von oben herunter und umarmte sie seinerseits, zugleich zärtlich und fest. Und dann hob er sie doch tatsächlich vom Boden auf, hob sie hoch und höher und noch immer höher und setzte sie schließlich ganz oben in der Krone in einer Astgabel ab, wo sie bequem sitzen konnte. Dabei hielt er sie aber weiter fest, so dass Petra­ gar keine Angst davor hatte, herunterzufallen. Nun genoss sie eine Aussicht, die sie vorher nie gehabt hatte, ja die sie sich nicht einmal hatte vorstellen können. Sie kannte sich unten auf der Erde natürlich bestens aus, das war ja ihr Zuhause und ihre Heimat. Aber wie ganz anders sah das alles nun von hier oben aus! Das Haus ihrer Eltern, die anderen Häuser in der 13


Siedlung und im ganzen Ort, ja selbst die Kirche mit ihrem hohen Kirchturm wirkten fast so klein, als wären sie Spielzeug. Schade, dass jetzt ihr Bruder nicht unten auf dem Spielplatz war, der hätte vielleicht gestaunt, wenn Petra ihm von hoch oben aus dem Baum zugerufen hätte! Dann suchte sie die Schule: dahinten das Haus mit den vielen Fenstern und dem freien Platz davor musste sie sein. Und gerade ging auch ein kleines Männchen quer über den Schulhof: War das etwa der Lehrer, vor dem sie doch sonst immer solchen Respekt hatte? Wenn der sie jetzt hoch oben im Baum hätte sehen können, hätte er bestimmt umgekehrt Respekt vor ihr gehabt! Als Petra so den ungewohnten Ausblick genoss und sich das Ihre dabei dachte, hörte sie sich auf einmal angesprochen: „Hallo! Wie kommst du denn hierher?“ Petra sah hin, da hockte ein Eichhörnchen ganz in ihrer Nähe auf dem Ast. Petra kannte es vom Sehen her, es hüpfte oft unten auf dem Boden herum und suchte da etwas zu futtern. Es fiel ja auch auf mit seinen lustigen Sprüngen, mit seinem schönen rotbraunen Pelz und seinem langen buschigen Schwanz. Petra hatte es auch schon oft bewundert, wenn es flink und sicher den Stamm hinaufhuschte und irgendwo oben im Gewirr der Äste und Zweige aus dem Blick verschwand. Aber im Unterschied zu sonst zeigte es jetzt überhaupt keine Scheu, sondern blickte Petra neugierig mit seinen glänzenden schwarzen Augen an. Die versuchte ihm zu erklären, wieso sie selbst jetzt auch hier oben im Baum war: „Der Ast hat mich auf einmal vom Boden hoch ge14


hoben und bis hierher. Warum, weiß ich auch nicht.“ Dann zeigte sie hinunter: „Schau mal, das Haus da unten mit dem roten Dach, das ist unser Haus. Da wohne ich.“ „Und wie heißt du?“ „Petra. Und du?“ „Ich bin die Josi. Du hast ja sicher schon von mir gehört.“ Das hatte Petra zwar noch nicht, aber sie wollte Josi nicht enttäuschen. So nickte sie zustimmend. „Und wo wohnst du?“ fragte sie dann neugierig? „Hier oben im Baum. Wenn du willst, zeige ich dir meine Wohnung.“ „Doch, die würde ich gern mal sehen. Wenn ich schon mal hier oben bin.“ „Dann komm nur mit. Pass aber auf, dass du nicht runter fällst!“ (Ob Josi vielleicht eine EichhörnchenOma war? Aber dafür war sie denn doch zu flink.) Petra folgte ihr neugierig und ganz ohne Angst. Sie wunderte sich nicht einmal darüber, wie sicher und gut sie auf den Ästen gehen konnte, nicht viel anders als unten auf einem schmalen Weg. Eigentlich waren es ja auch Wege, Baumwege sozusagen, die hier oben durch die Baumkrone führten. Schließlich, nach einigem Hin und Her, machte Josi vor einer runden Kugel Halt, die aus ineinander verflochtenen dünnen Zweigen und Ästchen bestand und zwischen zwei dicken Ästen fest eingeklemmt war. Die Wände waren mit Heu und Moos abgedichtet. „Das ist meine Zuhause. Bitte komm mit rein!“ In der Vorderseite der Kugel war ein rundes Loch, das war wohl der Eingang. Er war gerade so groß, dass 15


Petra hinter Josi her hineinschlüpfen konnte. „Entschuldige, dass es hier nicht aufgeräumt ist.“ sagte Josi, als sie beide drinnen waren. „Ich hatte nicht mit Besuch gerechnet.“ „Das macht nichts, bei mir ist es auch manchmal nicht aufgeräumt.“ (Das war leicht untertrieben, denn bei Petra war fast nie aufgeräumt, wenn nicht die Mutter wieder mal darauf bestand, dass sie aufräumte, weil das Durcheinander in Petras Zimmer wirklich zu groß geworden war.) „Das hier sind meine Kinder!“ sagte Josi und zeigte in eine Ecke im Hintergrund. Petra sah jetzt erst, als ihre Augen sich an das Dämmerlicht hier drinnen gewöhnt hatten, dass da mehrere niedliche kleine Eichhörnchen sich zusammendrängten und den fremden Gast ebenso scheu wie neugierig bestaunten. „Oh, was sind die süß und lieb. Wieviel sind es?“ „Vier. Ja, süß sind sie, und lieb meistens auch, aber nicht immer.“ Dann sagte sie zu den Kindern: „Das hier ist Petra, die ist uns besuchen gekommen. Ihr dürft mit ihr spielen, aber auf keinen Fall an ihr knabbern! – Das tun sie nämlich mit Vorliebe.“ erklärte Josi dann. „Sie müssen ja auch tüchtig üben, wenn sie später einmal Nüsse knacken wollen.“ Nun spielte Petra eine Weile mit Josis Kindern. Das ging ganz einfach, machte den Kleinen aber großen Spaß: Petra versteckte eine Nuss, die Kinder durften sie suchen. Doch dann fiel Petra die große wichtige Frage ein, auf die unten niemand eine Antwort wusste: Warum sangen die Vögel nicht mehr? Vielleicht kannte Josi, die doch hier oben im Baum wohnte, die 16


Erklärung dafür. Und so fragte Petra sie: „Warum bleibt es dieses Jahr eigentlich so still hier im Baum? Sonst singen hier doch immer die Vögel um die Wette.“ „Das liegt an dem Kauz!“ erklärte Josi. „Der ist nachts munter, schläft tagsüber und will dann seine Ruhe haben. Er hat gedroht, dass er jeden frisst, der tagsüber im Baum singt und ihn dadurch stört.“ „Das muss aber ein komischer Kauz sein!“ sagte Petra. „Den möchte ich mal sehen.“ „Ich kann dich hinführen,“ sagte Josi, „weit ist es nicht. Aber sei bitte höflich. Er ist eigentlich immer schlecht gelaunt.“ Und wieder ging Petra hinter Josi her, die auf den Ästen mehr hüpfte als ging. Dann blieb Josi stehen und zeigte mit einer Pfote nach vorn. „Da, siehst du ihn?“ Der Kauz saß in der dunkelsten Ecke des ganzen Baumes, eng an den Stamm gedrückt. Offensichtlich schlief er. „Hallo!“ rief Petra, aber sie musste es mehrmals und immer lauter rufen, bis der Kauz ein Auge öffnete und sie verschlafen anblinzelte. Dann schloss er das Auge wieder und schlief weiter. „Hallohallo!“ rief Petra nun sehr laut und ungeduldig. Der Kauz öffnete das andere Auge, schloss es auch wieder, schlief aber nicht wieder ein, sondern öffnete nun beide Augen und sah die fremde Gestalt da vor sich groß und ungläubig an. „Was willst du denn?“ fragte er unfreundlich. „Du bist vielleicht ein komischer Kauz!“ sagte Petra unerschrocken. „Und du bist vielleicht ein freches Mädchen!“ sagte 17


der Kauz ungnädig. „Nein, ich bin nicht frech. Mein Bruder ist frech, sei froh, dass der nicht hier oben ist.“ „Und ob du frech bist! Warum hast du mich denn überhaupt geweckt?“ „Weil ich dich etwas fragen will. Warum hast du den Vögeln verboten zu singen?“ „Das fragst du noch? Weil ich bei dem Krach, den sie machen und den du ‚singen‘ nennst, überhaupt kein Auge zumachen kann. Müssen sie denn ausgerechnet tagsüber singen, wenn ich schlafen will? Sie haben doch die ganze Nacht Zeit dafür, wenn ich sowieso munter bin.“ „Aber das geht doch nicht, nachts hört sie doch keiner. Da schlafen alle vernünftigen Leute doch.“ „Ach, du hältst mich also für unvernünftig?“ Das war schon fast mehr gefaucht als gesprochen. Aber Petra ließ sich nicht einschüchtern. „Das ist wirklich unvernünftig, den Vögeln zu verbieten, jetzt im Frühling zu singen. Das müssen sie doch, und zwar vom frühen Morgen an! Wenn du sie weiter am Singen hinderst, erzähle ich es unten allen Leuten. Dann kommt die Feuerwehr mit einer langen Leiter und einem Schlauch und spritzt dich solange nass, bis du laufen, nein fliegen gehst!“ Der Kauz schloss ein Auge und öffnete es wieder weit, als habe er nicht richtig gehört. Dann drehte er den Kopf unruhig hin und her. Man sah ihm an, dass er Angst bekam. Nass gespritzt werden wollte er auf gar keinen Fall. Aber so einfach diesem frechen Mädchen nachgeben? Da verfiel er auf einen, wie er meinte, klugen Ausweg: 18


„Wenn du drei Rätsel rätst, die ich dir aufgebe, dürfen die Vögel wieder singen. Wenn du aber nicht alle drei rätst, müssen sie auch weiterhin den Schnabel halten!“ Rätsel raten tat Petra gern und konnte es eigentlich auch ganz gut. Und wenn sie doch nicht alle drei riet, blieb ja immer noch die Feuerwehr. Deshalb sagte sie jetzt: „Einverstanden. Lass deine Rätsel mal hören.“ „Dann also das erste. Was ist das: Es ist gelb, hat vier Beine, man kann darauf sitzen und es ruft Muh?“ Petra musste lachen. „Das ist ein gelber Stuhl, der Muh rufen kann.“ sagte sie dann, ohne lange zu überlegen. „Das war zu leicht!“ knurrte der Kauz. „Jetzt kommt etwas Schwereres! Was ist das: Es ist grün und ist nicht grün, es ist da und ist nicht da, es ist oben und ist unten?“ Petra überlegte. Ihr Blick blieb an den Blättern hängen, nickten die ihr nicht sogar eifrig zu? „Das sind die Blätter hier von dem Baum. Im Sommer sind sie grün, im Herbst werden sie braun. Im Sommer sind sie da, im Winter sind die Zweige leer. Im Sommer sitzen die Blätter hier oben, im Herbst liegen sie unten auf dem Boden.“ „Du bist schlauer, als ich dachte. Aber jetzt kommt das schwerste Rätsel. Das rätst du nie! Was ist das: Es ist klein und groß, es ist alt und jung, es weiß alles und weiß nichts?“ Petra musste überlegen, dazu fiel ihr keine passende Lösung ein. Sie spielte mit ihren Fingern, rieb sich die Nase, kratzte sich am Kopf. Und da hatte sie plötzlich eine Erleuchtung: 19


„Das bin ich selbst! Ich bin klein im Vergleich mit dem Baum, aber groß im Vergleich mit euch hier im Baum. Ich bin alt, nämlich schon acht Jahre alt, aber meine Mutter sagt manchmal zu mir: Dafür bist du noch zu jung! Und ich weiß alles, was ich weiß, aber ich weiß nichts von dem, was ich nicht weiß.“ „Verflixt und zugenäht!“ fauchte der Kauz ärgerlich und gab damit zu, dass Petra alle drei Rätsel richtig geraten hatte. Und da erklang auf einmal rund um sie ein lautes Jubilieren und Tirilieren. Alle Vögel hatten sich, ohne dass Petra es bemerkt hatte, auf den Ästen und Zweigen ringsum versammelt und still, aber erwartungsvoll die Szene verfolgt. Und nun brach die ganze Vogelschar in einen gemeinsamen lauten Jubel aus. Jetzt konnte Petra die Vögel auch ganz aus der Nähe betrachten. Sie staunte: bisher hatte sie nicht gewusst, dass so viele und so verschiedene Vögel hier in diesem Baum wohnten. Der Kauz schloss verärgert die Augen, als wollte er Petra gar nicht mehr sehen, dann fauchte er drohend zu den Vögeln hin, aber deren Gesang wurde nur immer noch lauter. Da suchte er schließlich sein Heil in der Flucht. Er flog auf und davon und in den nächsten Wald, wo er hoch oben in der dunkelsten Stelle einer großen Fichte Schutz suchte und sich tief in sich selber verkroch. Aber der Gesang der Vögel war inzwischen so laut geworden, dass er hinunter bis in Petras Zimmer drang und sie in ihrem Bett davon wach wurde. Sie rieb sich die Augen und lauschte ungläubig: Sangen da wirklich wieder die Vögel? Schnell war sie aufgestanden und hatte das Fenster geöffnet: Tatsächlich, 20


ihr Tirilieren und Jubilieren erfüllte die Luft. Aber genau davon hatte Petra doch eben auch geträumt! Oder war sie wirklich oben im Baum gewesen und hatte die Rätsel des Kauzes gelöst? Wer will das mit Bestimmtheit entscheiden? Woher weiß man denn überhaupt, dass man das, was man träumt, nicht auch wirklich erlebt? Dass die Vögel wieder sangen, und zwar so laut, als müssten sie alles Versäumte nachholen, war jedenfalls die unüberhörbare Wirklichkeit. Auch Petras Eltern und die Oma wunderten sich natürlich darüber, dass die Vögel sich auf einmal wieder hören ließen. Petras Mutter erklärte: „Ich habe es ja gesagt. Sie fangen in diesem Jahr nur etwas später an.“ Und die Oma beharrte darauf: So etwas hatte sie noch nie erlebt! Aber Petra erzählte niemandem etwas von ihrem Traum beziehungsweise von ihrem Erlebnis. Denn hätte man ihr geglaubt? Jetzt wusste sie manchmal selbst nicht mehr, was sie denn glauben sollte und was nicht. Jedenfalls, wenn sie von nun an den Baum umarmte, drückte sie sich immer besonders fest ab ihn. Und wenn sie Josi unten auf dem Boden herumhüpfen sah, hatte sie das Gefühl, dass die kurz aufblickte und freundlich zu ihr herüber nickte. Als dann im späten Sommer die Kastanien zu Boden fielen, hatte Petra den bestimmten Eindruck, diesmal waren es besonders viele, und die schönsten fielen immer gerade ihr vor die Füße. Wollte der Baum sich auf diese Art vielleicht dafür bedanken, dass die Vögel mit Petras Hilfe wieder angefangen hatten zu singen? Und Petras Ausflug in den Baum, ob er nun geträumt oder wirklich erlebt war, hatte sogar noch 21


weitere Auswirkungen. Wenn der Herr Lehrer in der Schule sich wieder einmal gar zu gravitätisch vor ihr aufbaute, dachte Petra daran, dass er, von hoch oben gesehen, eigentlich nur ein kleines Männchen war. Dann musste sie allerdings aufpassen, dass er nicht merkte, wie sehr diese Vorstellung sie erheiterte. Und wenn die Oma, die sonst wirklich sehr lieb war, ihr wieder einmal die Geschichte von dem Mädchen erzählte, das auf den Baum geklettert war, aber herunter­fiel, sich den Arm brach und ihn nun drei Wochen lang in Gips tragen musste, dann dachte Petra, und sie hätte es manchmal sogar fast laut gesagt: „Wenn du wüsstest ...!“

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Das freundliche Haus Eine Parabel

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