Page 1

www.kulturwest.de

K.WEST 04/2014 | A

SPECIAL KUNST

BEST AGER: DIE 48. ART COLOGNE SHAKESPEARE WIRD 450: THEATERKÜNSTLER GRATULIEREN AUGUST SANDER IN KÖLN MUSIKSZENE MÜNSTER K.WEST ISSN 1613-4273 NO.04 APRIL 2014 4.50 ¤


RUHRFESTSPIELE RECKLINGHAUSEN A WORLD STAGE

uraufführungen

INSELREICHE

ISLAND ONE WAY

DER ZWERG REINIGT DEN KITTEL Von Anita Augustin Regie Bettina Bruinier Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Schauspiel Frankfurt 8. Mai bis 10. Mai 2014

1. Mai bis 15. Juni 2014

Land in Sicht – Entdeckungen produktionen zum schwerpunkt »inselreiche« DER STURM

Von William Shakespeare Regie Gísli Örn Garđarsson Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Residenztheater München 3. Mai bis 7. Mai 2014

HEINRICH IV.

Von Luigi Pirandello Regie Frank Hoffmann Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Théâtre National du Luxembourg, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg 10. Mai bis 14. Mai 2014

PURPURSTAUB

Von Sean O’Casey Regie Sebastian Hartmann Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Schauspiel Stuttgart 17. Mai bis 20. Mai 2014

WARTEN AUF GODOT

Von Samuel Beckett Regie Ivan Panteleev Für Dimiter Gotscheff (†) Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Deutsches Theater Berlin 5. Juni bis 9. Juni 2014

QUIETLY

Von Owen McCafferty Regie Jimmy Fay Abbey Theatre 12. Mai bis 14. Mai 2014

WAISEN

Von Dennis Kelly Regie Wilfried Minks Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, St. Pauli Theater Hamburg 16. Mai bis 19. Mai 2014

Elsenbach Design

KNEE DEEP

Casus Circus, Australien Eine Kooperation der Ruhrfestspiele mit der Woche des Sports 21. Mai bis 25. Mai 2014

MOLLY SWEENEY

Von Brian Friel Regie Philipp Becker Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Theater Lindenhof Melchingen 28. Mai und 29. Mai 2014

DAS ENDE VOM ANFANG

Von Sean O’Casey Regie Christoph Biermeier Theater Lindenhof Melchingen 30. Mai und 31. Mai 2014 (2x)

THE BEE (ENGLISH VERSION)

Von Hideki Noda und Colin Teevan Regie Hideki Noda Tokyo Metropolitan Theatre in Zusammenarbeit mit NODA MAP 2. Juni bis 4. Juni 2014

DON QUIJOTE

Nach Miguel de Cervantes Regie Anne Simon Koproduktion Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Théâtre National du Luxembourg 6. Juni bis 8. Juni 2014

EH JOE / I’LL GO ON

Von Samuel Beckett Regie Atom Egoyan, Colm Ó Briain Gate Theatre Dublin 6. Mai bis 10. Mai 2014

Von Fink Kleidheu (Text) und Svavar Knútur (Musik und Lyrics) Regie Christian Schäfer Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Theater Gütersloh 12. Mai bis 14. Mai 2014

ES GIBT NICHTS GRÖSSERES ALS DIE KLEINEN DINGE

Von Marc von Henning Regie Marc von Henning Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Theater Reutlingen Die Tonne 17. Mai bis 19. Mai 2014

MUTTI

Von Juli Zeh und Charlotte Roos Regie Hasko Weber Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Deutsches Nationaltheater Weimar 22. Mai bis 24. Mai 2014

DER CLOWN

Von Nis-Momme Stockmann Regie Anne Lenk Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Residenztheater München 31. Mai bis 2. Juni 2014

JENNY JANNOWITZ

Von Samuel Beckett Regie Jan Bosse Deutsches Theater Berlin 16. Mai bis 18. Mai 2014

Von Michel Decar Regie Catja Baumann Gewinnerstück des Kleistförderpreises 2014 Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Staatstheater Braunschweig, Kleistforum Frankfurt/O. 12. Juni bis 14. Juni 2014

VERRAT

IOKASTE

ENDSPIEL

Von Harold Pinter Regie Vladimir Mirzoev Vakhtangov-Staatstheater Moskau 23. Mai bis 25. Mai 2014

PENELOPE

Von James Joyce Einrichtung Ulrich Waller, Barbara Nüsse Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Barbara Nüsse-Produktion 3. Juni und 4. Juni 2014

ALICE, WHO THE F*** IS ALICE — EINE REISE INS WUNDERLAND Nach Lewis Carroll Regie Sandra Anklam Theaterprojekt LWL-Klinik Herten unterstützt von den Ruhrfestspielen Recklinghausen 23. Mai bis 28. Mai 2014

Musikdrama nach Motiven des Homer und des Sophokles Musik Stefan Heucke Text / Regie Jörg Maria Welke Duisburger Philharmoniker 8. Juni und 10. Juni 2014 Sowie zahlreiche weitere Produktionen, Kinder- und Jugendtheater, Musikprogramm Highlights, Kabarett, Lesungen, 22 Produktionen im FRiNGE Festival

KARTEN

Kartenstelle der Ruhrfestspiele Recklinghausen, Tel. (02361) 9218-0, kartenstelle@ruhrfestspiele.de, www.ruhrfestspiele.de


06 Shakespeare hat Geburtstag. Man gratuliert.

20 Im Nach-Opel-Bochum beginnt das »Detroit«-Festival

BÜHNE 04 ADDIO DEL PASSATO Zum Tode von Gerard Mortier

04 14 28 Wiederentdeckter Meisterzeichner Thopas in Aachen

06 TO SHAKESPEARE WITH LOVE Der weltwichtigste Dramatiker wird 450 Jahre alt. Glückwünsche von: Hannelore Roger, Roberto Ciulli, Leander Haußmann, Joachim Lux und Frank-Patrick Steckel 12 RÜCKZUG IN DIE REALITÄT Lohnende Ausgrabung: Walter Braunfels’ Oper »Der Traum ein Leben« in Bonn 14 PREMIERE! Neues auf Bühnen in Bochum, Essen, Hagen, Köln und Münser 18 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Sehenswertes in Oper, Schauspiel, Tanz FESTIVAL 20 »BOCHUM, WO GEHST DU HIN?« Das Festival gegen den Niedergang: Start von »This is not Detroit« in der bald Ex-Opel-Stadt BO.

DESIGN 24 BLÄTTER, DIE DIE WELT BEDEUTEN Das Museum Folkwang zeigt Plakate fürs Theater. 26 DAS DING – DESIGN IM ALLTAG Beige KUNST 28 BRILLANT UND UNBEKANNT Johannes Thopas war ein gefragter Porträtist im »Goldenen Zeitalter« der Niederlande. Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum entdeckt ihn wieder. 30 MENSCHEN MIT DER KAMERA AUFSPIESSEN Die SK-Stiftung Köln zeigt z.T. Niegesehenes des Meisterfotografen August Sander zu dessen 50. Todestag. 34 MIT DEN GENIEN IST ALLES GUT Sonst aber längst nicht: K.WEST hat einer Provenienzforscherin über die Schulter geguckt. 37 KUNST-SPECIAL Rundgang über die 48. Art Cologne, Blick ins KasperKönig-Archiv, Vorschau auf die Quadriennale Düsseldorf und eine Begegnung mit dem »Projekt 25/25/25« der Kunststiftung NRW.


82 In Münster existiert eine quirlige Musikszene.

34 Es gibt sie erst vereinzelt: Provenienzforschung. MUSIK

FILM

77 WASSERMUSIK Zur Karwoche und Neugeburt: Der chinesische Komponist Tan Dun dirigiert in Düsseldorf seine »Water Passion«.

92 TAKE IT UNEASY Frauenfilmfestival Köln: Blick in den Debüt-SpielfilmWettbewerb mit Geschichten über Eltern und Kinder und verlorene Heimat.

78 MUSIK IST MUSIK Der Spanier Pablo HerasCasado dirigiert in Köln das Freiburger Barockorchester mit einem SchumannProgramm.

94 FILM DES MONATS »Die Poetin« von Bruno Barreto aus Brasilien

80 CLOWNESKES VOM WUNDERKIND Rolando Villazón singt in Dortmund rare Konzertarien von Mozart. 81 DAS LEBEN, DIE FRAUEN UND DAS GLÜCK Olli Schulz schnackt und spielt im Düsseldorfer Zakk. 82 DIE INSEL Befreit von Hipster-Druck und Trendwellen, gedeiht im konservativen Münster eine rege Musikszene: in Clubs wie »Gleis 22« und Plattenläden wie »Green Hell«. 88 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Was kommt in den Konzertsälen und Musikhallen in NRW.

95 KINO IM APRIL Filme, fiktiv und dokumentarisch, über deutschjüdische Geschichte, Yves Saint Laurent, Molières »Menschenfeind«, eine neue Eiszeit und die Liebe eines Mannes zu einer ComputerStimme.

LETZTENS 100 HIMMEL & ERDE Dies und das, Tipps und Trends im März 104 NACHRUF Die Glosse für den verjagten Monat Februar 25 DIE KOOPERATIONSPARTNER VON K.WEST 104 IMPRESSUM

LITERATUR 98 BUCH DES MONATS Margriet de Moors Variationen eines Themas in Moll: »Mélodie d’amour«. 99 REZENSIONEN Robert Gwisdeks »Der unsichtbare Apfel« und André Georgis »Das Tribunal«

94 »Die Poetin« ist der Film des Monats.


50 Jahre Qualität im Fernsehen — ein Preis: der Preis

50. Grimme-Preis 2014 live dabeisein auf 3sat Freitag, 4. April 2014, 19Uhr


4 | BรœHNE

Foto: Jรถrg Buschmann


K.WEST 04/2014 | 5

ADDIO DEL PASSATO Abschied von Gerard Mortier »Physisch von eher kleiner Gestalt, aber von einer geistigen Kraft, einem betonten Humanismus und einem Freiheitswillen im künstlerischen Ausdruck, die ... das Urbild aller Tugenden des liberalen Bürgertums darstellten«: So hat Gerard Mortier zum Jubiläum im Oktober 2013 Giuseppe Verdi charakterisiert. Die Beschreibung trifft auf ihn selbst zu. Ohne diesen Impresario, Kunst-Ermöglicher und Vordenker würde es die Ruhrtriennale so nicht geben. Nach zehn Jahren Salzburg stand Mortier klar vor Augen, dass es ein AntiRepräsentations-Festival sein müsse, zumal im ehemaligen Revier, das dem Flamen auch von der Mentalität nahe lag. Der Schatten der Krupp-Villa-Hügel fiel schon auf das erste Festival-Jahr seiner Intendanz, als er Johan Simons und dessen Hollandia-Truppe mit Viscontis »Fall der Götter« einlud. Mortier hat das Aufrührerische, Widerständige in der Kunst gesucht und herausgefordert. So dezent und vornehm er wirkte, im konservativ blauen Anzug des französischen Maître, mit dem akkurat gescheitelten Haar, der Bäckersohn aus Gent, Jesuiten-Zögling und promovierte Jurist war kein bürgerlich bequemer Geist. Er war Citoyen, die explosiven Töne und Gedanken von Verdi und Mozart im Kopf und im Herzen. Mortier, als Intendant in Salzburg, Paris und Madrid als den ersten Adressen nationaler Kultur, hat nie in Kategorien von Prestige und Staatskunst gedacht, sondern sie für seine Ideen genutzt. Die Programmatik des Théâtre Nanterre-Amandiers und der Stein-Schaubühne befruchteten seine Intendanzen seit dem Laboratorium der MonnaieOper in Brüssel, die er 38-jährig übernahm. Chéreau und Grüber standen ihm in ihrem Querdenken nahe. Peter Sellars und Alain Platel führten bei ihm Stoffe und Stücke in die Sperrbezirke des Sozialen, in Hanekes »Don Giovanni« brannte das Fegefeuer der Eitelkeiten in einem Konzern-Tower. Mortier, der Idealist und Utopist, der ästhetische Revolutionär, wagte immer den passo estremo, wie es im »Don Giovanni« heißt. Die schönsten Ruhrtriennale-Inszenierungen seiner Ägide – »Wolf« von Platel und »Sentimenti« (nach Ralf Rothmanns

Roman »Milch und Kohle«) von Johan Simons – waren herausragende Beispiele der von Mortier so genannten Kreationen, deren Genre-übergreifendes Konzept die Nachfolger Flimm, Decker und Goebbels beibehielten und auf ihre Weise variierten. Unermüdlich, beweglich und hoch motiviert, war Mortier sich nicht zu fein, um die Triennale in kleinen Veranstaltungen des kleinteiligen Ruhrgebiets zu bewerben und inspirierend sein Projekt vorzutragen. Streit ging er nicht aus dem Weg, er pflegte Feindschaften, er wuchs an ihnen, es mobilisierte seine Widerstände. Nichts hasste er mehr als bourgeoise Borniertheit, den Missbrauch von Kunst für den Event und die Verkommenheit der ökonomischen und politischen Klasse. In seiner formvollendeten Liebenswürdigkeit lag Ironie, sein Charme konnte Biss haben. Den meisten von uns war er überlegen. Einigen hat er dies auch gezeigt. Die Grund-Idee, eine Linie der Transzendenz in die Programmatik des Festivals einzuziehen, bedeutete, das Materielle und Klassenkämpferische, das in den Industriedenkmalen selbst eingelagert war, zu überwinden. Alles, nur kein »Ring« für die Zechen, Kraftzentralen, Fabrikations- und Maschinenhallen. Das Prometheische anerkannte Mortier. Nicht aber die Romantisierung dieser lieus de mémoire, wie er sagte. Also nicht Wagner, sondern Claudel und Racine, Olivier Messiaen, das Grand Bleu eines Bill Viola und die frohe Botschaft des »Saint Francois d’Assise« unter der Farbkuppel des Künstlers Ilya Kabakow in der Jahrhunderthalle. Keine Angst vor Engeln, vor einer spirituellen Invasion und der Wiederentdeckung des Himmels. Kabakov nannte Mortier den »geistigen Nachfolger von Sergei Diaghilev«. 70jährig ist Gerard Mortier am 9. März 2014 in Brüssel gestorben. »Addio del Passato«, singt die »Traviata« Violetta. Sein Einsatz für die Künste und seine »Dramaturgie einer Leidenschaft«, wie sein vor wenigen Tagen erschienenes Buch heißt (Bärenreiter / Metzler, Kassel bzw. Stuttgart & Weimar, 126 S., 24,95 Euro), werden in Europa in die Zukunft wirken. | AWI


6 | BÜHNE

TO SHAKESPEARE

Frank Patrick Steckels Bochumer »Hamlet« (Martin Feifel), 1995. Foto: Brinkhoff/Mögenburg

WITH LOVE Auf den 26. April 1564 datiert man Shakespeares Tauftag. Er feiert also 450. Geburtstag. Auf Nordrhein-Westfalens Bühnen gab es immer wieder bedeutende Aufführungen des Dramatikers, zuletzt, 2005, in Düsseldorf den dampfend nackten »Macbeth«, inszeniert von Jürgen Gosch. Das Schauspielhaus Bochum ist traditionell Bühne für Shakespeare: Dort hat u.a. Peter Zadek einen legendären »Kaufmann von Venedig« gezeigt; Frank Patrick-Steckel verabschiedete sich mit einem dunkel

grundierten »Hamlet«; Leander Haußmann frischte den Elisabethaner frech auf. In Düsseldorf und Köln hat sich Karin Beier in ihre love affair mit William gestürzt, von einer himmelhoch geschaukelten »Romeo und Julia«, die Baz Luhrmanns Film vorwegnahm, über einen »Europäischen Sommernachtstram« bis zu einem rein weiblich besetzten »Lear«. Wir haben Regisseure, Dramaturgen, Intendanten und eine Schauspielerin gebeten, uns ihren Shakespeare zu beschreiben. | AWI


K.WEST 04/2014 | 7

Shakespeare Vladimir Nabokov (1924) Unter Elisabeths Granden glänztest auch du, du pflegtest üppigen Brauch gefältelte Krause, silbrige Seiden Schenkel umhüllend, keilgleich der Bart schienst du wie alle... so, in die kurze Mantelart mochte der göttliche Donner sich kleiden. Von allem Theaterlärm unnahbar weit schobst du achtlos den Lorbeer beiseit den dir zu flechtenden, trockenen Kranz und verbargst auf ewig dein Riesengenie in einer Maske, doch deiner Phantasie weit hallende Echos verblieben uns ganz: Venedigs Mohr hisst sein Trauerpanier Falstaffs Haupt - einem Euter gleich, beklebt mit ’nem Schnauzbart; der brüllende Lear... Ihr Schöpfer weilt unter uns, er lebt nur auf ihn den Blick, in die Irre gelenkt hast du den, hast dich der Welt entzogen um deinen Namen, dein Bild uns betrogen und sie in deiner geliebten Lethe ertränkt. Ist doch wahr: ein Geldschneider unterschrieb - gegen Bares - dein Werk, das jetzt nach ihm heißt ein gewisser Will Shaxper, er spielte in „Hamlet“ den Geist ein Säufer, dem sterbend die Zeit nicht blieb den Teller Schweinskopfsülze zu verdauen... Die Fregatte holt Luft, du gehst auf Reisen. Italien sahst du. Singend rief eine Frauenstimme durch das geschmiedete Eisen sie rief untern Balkon den Inglese, rank vom gelben Zitronenmond sehnsuchtskrank in den Gassen Veronas. Ich male mir mit Vorliebe aus, wie irgendwann sich Don Quichotes kauziger Schöpfer mit dir unterhielt, humorig und wunderlich nichtsahnend, am zufälligen Ort eures Pferdewechsels - der Abend war garantiert blau - Eimerklang, glasklar vom Brunnen hinter dem Gasthof... Auf ein Wort wen hast du geliebt? Verrat’s uns, in wessen Lebensbericht wirst du flüchtig erwähnt? Zeigten dir nicht Unzählige Nullen, wie Spurlegen geht? Wie viele Namen allein bei Brantôme! Enthüll dich, des jambischen Donners Phantom hundertmündiger, unerdenklicher Poet! Nein! Zur bestimmten Stunde - es rückt der Gott dich, du fühlst es, aus deinem Sein ziehst du die Handschriften insgeheim ein: Schamloses Weltmaul, nimmermehr drückt dein Geschwätz meiner Größe sein Brandzeichen auf! Und zur Gesichtslosigkeit erkoren trotzt du der Jahrhunderte staubendem Lauf wie die Unsterblichkeit selbst... und gingst lächelnd verloren.

Szene aus Karin Beiers Düsseldorfer »Sommernachtstraum«, ebenfalls 1995. Foto: Sonja Rothweiler

Die Shakespeare Oxford Society, gegründet 1957 – »Dedicated to Researching and Honoring the True Bard« – veröffentlicht in ihrem Newsletter im Winter 1990 einen Essay von Philip F. Howerton, der sich mit dem 7. Kapitel aus Vladimir Nabokovs Novelle »Bend Sinister« (Das Bastardzeichen) beschäftigt, worin Nabokov andeutet, dass er an der Verfasserschaft des Mannes aus Stratford (der seiner Frau in seinem Testament sein »zweitbestes Bett« vermacht, hingegen kein einziges Buch) zweifelt. Ferner berichtet Howerton von einer Buchrezension aus dem Jahr 1941 (»Mr. Shakespeare of the Globe« in The New Republic), in der Nabokov sich vorsichtig über den stratfordianischen Umgang mit der Biografie Shakespeares mokiert. Die Zurückhaltung Nabokovs erklärt Howerton mit dem Bemühen des Schriftstellers, sich in den Kreisen der internationalen angelsächsischen Academia nicht unbeliebt zu machen. 1988 übersetzt Nabokovs Sohn Dimitri das bis dahin völlig übersehene »Shakespeare«Poem von 1924 in einer ungereimten Interlinearfassung ins Englische, damit waren die Zweifel seines Vaters an der Stratfordgeschichte am Tage, für Stratfordianer allerdings kein Thema.

Frank-Patrick Steckel

Steckel hat das Gedicht ins Deutsche übertragen (unter Verwendung einer Interlinearübersetzung von Julia König, Bochum). Der Berliner Steckel (Jahrgang 1943) war von 1986 bis 1995 Intendant des Schauspielhauses Bochum. Der Regisseur hat u.a. als Mitbegründer der Schaubühne in Berlin sowie in Bremen, München, Wien, Köln, Bonn und Wuppertal inszeniert. Seine Übersetzungen von »Steckels Shake-Speare« erscheinen in einer mit dem »Preis der Autoren« ausgezeichneten Lese- und Studienausgabe im Verlag Uwe Laugwitz, Buchholz; jüngst erschien »Die Tragödie von Othello, dem Mohren von Venedig«.


8 | BÜHNE

Jürgen Goschs Düsseldorfer »Macbeth« von 2005 mit Ernst Stötzner. Foto: Sonja Rothweiler

DER GROSSE HEIDE VON JOACHIM LUX Shakespeare ist für mich der größte Dramatiker aller Zeiten, vor Molière, vor Goethe, Schiller, Brecht oder Beckett. Sein einziger Konkurrent: Aischylos. Der ist ebenfalls konkurrenzlos. Er hatte – wie Shakespeare – Begabung und Glück. Das Glück des historischen Augenblicks. Und die Begabung davon zu erzählen: Bei Aischylos ist es in seiner »Orestie« der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat, zum rationalen Staat. Das hat niemand vor oder nach ihm beschrieben. Warum aber ist Shakespeare so bedeutend? Er ist – wie Aischylos – das historische Gedächtnis der Menschheit in einer Zeitenwende. Bei ihm geben sich zwei Zeitalter, Mittelalter und Neuzeit, die Hand. Er weist mit seinen Texten 500 Jahre zurück und 500 Jahre in die Zukunft. Einerseits ist er Kind der Renaissance: Hier entsteht die stolze Erhabenheit des sich selbst entdeckenden autonomen Subjekts. Es bringt – zeitverschoben – Größen wie Michelangelo, Kepler, Dürer, Galilei, Luther, Kolumbus hervor. Dieses moderne Ich ist stolz auf seine Größe, entdeckt die Welt, zweifelt an der göttlichen Ordnung, entdeckt die Macht der Liebe, die Lust an der Grausamkeit, die Autonomie des Menschen usw. Gleichzeitig aber steht Shakespeare

mit mindestens einem Bein im Mittelalter, voll Demut gegenüber der Schöpfung, im Bewusstsein der Endlichkeit menschlichen Strebens. Und doch ist er kein guter Christ, sondern vor allem ein keltisch-germanischer Heide und Häretiker, dem es eine Lust ist, als wirkungsmächtiger Schauerromantiker aufzutreten, gegen die Herrschaftsideologie des Christentums die heidnischen Geister und Hexen herbeizurufen, Gewitter und Stürme auf der Heide als Inbegriff für die Psychopathologie des Menschen zu inszenieren – lachhaft unaufgeklärte Erzählweisen, die einen Vorteil haben: Jeder versteht sie. Er zeigt das Chaos in unserer Natur wie kein anderer. Ein Realist der menschlichen Seele und kein Ideologe. Er war ein freier Mensch. Nein – er war kein freier Mensch. Sondern voll von Obsessionen, besonders zwei: Sex and Crime. In beiden Bereichen geht er über alles hinweg, was der Anstand der heutigen bürgerlichen Zivilisation gebietet. Beim Sex hat er gegenüber den Reglements protestantischer Prüderie rebelliert und Partnertausch wie auch die Kopulation mit einem Esel für darstellenswert gehalten (zu erwähnen, weil die US-amerikanische Prüderie mit ihrer political correctness langsam Europa zu ersticken droht).


K.WEST 04/2014 | 9

»Der Widerspenstigen Zähmung« 1996 in Bochum mit Steffi Kühnert und Jürgen Rohe; Regie: Leander Haußmann. Foto: Wilfried Böing

Vor allem aber ging es ihm um Crime. Ob er selbst zu Gewalttätigkeit neigte oder ein Hasenfuß war, wir wissen es nicht. Tatsache aber ist, dass er in seinen Königsdramen Tausende von Versen verfasste, die nur den einen Zweck hatten, die Geschichte der Menschheit als unaufhörliche, zwanghafte Kette von Gewalt zu erzählen. Nirgends fließt so viel Blut, nirgends gibt es so viele Tote wie bei Shakespeare. Ein Splattermovie ist nichts dagegen. Die der Renaissance entgegengesetzte Nachricht lautet also: Der Mensch ist nichts wert, ist Objekt und Puppe des Mechanismus. Philosophisch betrachtet, das »Rad der Fortuna« des Mittelalters in seiner düstersten Zwangsläufigkeit. Sind wir Sklaven einer solchen Maschine? Am Schluss seines Lebens versucht Shakespeare aus diesem System auszubrechen, und schreibt sein Vermächtnis: den »Sturm«. Die Rache Prosperos ist nur noch Spiel, er verzichtet auf ihre Exekution. Er begnadigt. Lange hat Shakespeare gebraucht, um an den Punkt zu kommen, der ihm dann erlaubte, friedlich zu sein und zu sterben. Warum hat er dafür so lange gebraucht und sich abgekämpft? Ein Rätsel, oder auch nicht. Denn die Menschheit laboriert an diesem Phänomen seit Jahrtausenden. »Shakespeare is the happy hunting ground of all that have lost their balance« – so der schönste, gültigste und kürzeste Satz über ihn. Er stammt aus James Joyces »Ulysses« und meint uns alle.

Noch eins: Shakespeare war kein Ideologe, sondern Phänomenologe, ein Realist. In seiner Haltung gegenüber der Welt, auch in seinen künstlerischen Hervorbringungen. Er hat tages-aktuelle Gebrauchsdramatik geschrieben, die Weltliteratur wurde. Er wusste, wofür er schrieb: für das Theater, das monopolitische Medium seiner Zeit. Und er musste wissen, wie etwas funktioniert, wenn er überleben wollte. Er war klug, aber kein Intellektueller. Unser Feuilleton hätte ihn vermutlich vernichtet und nach neuen Avantgarden geschrien. Macht nichts, es ist schon länger auf dem Holzweg. Im übrigen wie das Publikum, das glaubt, die netten Kollegen Schlegel und Tieck seien Shakespeare – auch ein großer Unsinn. Beide erlöst hat, das Publikum und die Kritiker, Peter Zadek. Aber jetzt müsste man vom Gelingen und Scheitern des deutschen Regiebetriebs reden. Da es aber, bei Shakespeares 450. Geburtstag, um ihn gehen soll, breche ich aus Respekt vor dem Jubilar ab, und bestelle, wie auch schon gedichtet wurde, ein Shakes Bier! 1957 in Münster geboren, kam Joachim Lux als Dramaturg über die Schauspielhäuser in Köln, Düsseldorf und Bremen ans Burgtheater Wien, wo er zehn Jahre lang zur künstlerischen Leitung gehörte. Seit 2009 ist er Intendant des Hamburger Thalia Theaters. Vielfach hat er mit Karin Beier gearbeitet, die jetzt als Intendantin am Deutschen Schauspielhaus mit Lux in produktiven Wettbewerb tritt.


10 | BÜHNE

Jürgen Goschs Düsseldorfer »Macbeth« von 2005 mit Ernst Stötzner. Foto: Sonja Rothweiler

HERR SCHÜTTELSPEER VON LEANDER HAUSSMANN Wenn ich heute einen Brief an Shakespeare schreiben wollte und ich würde ihn mit »Lieber Herr Shakespeare« ansprechen, käme ich mir vor wie die Oma, die einen Brief an einen Radiosender mit »Lieber Herr Radio« beginnt. Shakespeare ist ein Programm, das alles beinhaltet, was wir unter Theater verstehen und das seit Jahrhunderten erfolgreich gesendet wird. Nur kennt niemand seine Adresse! Oma kann ihm also nicht schreiben. Aber warum wissen wir so wenig über einen Mann, der so öffentlich war? Weil es mehrere und zwar erheblich mehr Autoren waren, die an seinem Werk schrieben? Und zwar in verschiedenen konkurrierenden Companys? War es so, dass man in einem Theater dasselbe Stück als Rachedrama sehen konnte, was in dem anderen als Liebesgeschichte oder woanders als Geisterund Vater-Sohn Geschichte zu sehen war? Ist das, was wir heute als »Hamlet« kennen und uns durchdrungen scheint von genialischer Geheimniskrämerei, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass Gott auch Fehler macht, ein Konvolut, gegenseitig gestohlenen geistigen Eigentums? Hat sich daher, möglicherweise der Verleger, der für die erste Quarto-Ausgabe verantwortlich zeichnet, den Namen ausgedacht?

Wilhelm Schüttelspeer – was für ein Quatsch-Name! Das riecht förmlich nach Pseudonym. Unverwechselbar und originell. Man hieß Jonson, Davanent, Peele, Marlow, Nashe, Raleigh oder im besten Fall Massenger. Aber doch nicht Schüttelspeer! Aber, was soll’s. Wenn ich denn eine Frage hätte und das unbedingte Bedürfnis sie zu stellen, würde auch mein Brief mit »Lieber Herr Shakespeare...« beginnen. Weil es einfacher ist. Und mich das Bewusstsein, dass es sich hier um eine tatsächliche Person handelt, davor bewahrt, wahnsinnig zu werden. Und weil das Nachdenken darüber, ob es ihn gab oder nicht, ob er Gott war oder Mensch, oder ein Edelmann, der nicht erkannt werden wollte, genauso sinnlos ist wie die Frage: Wer war Jesus Christus? Shakespeare ist Theater – und daran glaube ich. Leander Haußmann, Schauspieler, Filmemacher, Autor und Theaterregisseur, ist Jahrgang 1959 und wuchs in der DDR auf. Nach der Wende führte er u.a. Regie am Nationaltheater Weimar. Von 1995 bis 2000 war er Intendant des Schauspielhauses Bochum. Vier seiner Arbeiten, darunter »Ein Sommernachtstraum« und »Romeo und Julia«, wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Vor kurzem hat er »Hamlet« am Berliner Ensemble inszeniert.


K.WEST 04/2014 | 11

SCHWEIN UND ESEL

VENUS UND SATURN

VON ROBERTO CIULLI In den achtziger Jahren gastierten wir mit unserer Inszenierung von »Ein Sommernachtstraum« in Iserlohn. Wie üblich in den Anfängen des Theaters an der Ruhr war das Publikum sehr gespalten. In der Pause stand ich am Programmhefttisch im Foyer. Eine Zuschauerin erkannte mich und fragte: »Sie sind der Regisseur des Stückes. Ich möchte Ihnen ins Gesicht spucken.«Ein flüchtiger schwarzer Gedanke ging mir durch den Kopf. Ich erinnerte mich an das Theaterstück »Kean oder Unordnung und Genie«, in dem Sartre den Schauspieler Edmund Kean in einer ShakespeareRolle einen Zuschauer ermorden ließ. Die Frau bemerkte den Schatten in meinen Augen und entfernte sich. Ich rief ihr nach: »Um Gottes Willen, warum wollen Sie mir ins Gesicht spucken?« Sie: »Sie sind ein Schwein, wie kommen Sie auf die Idee, einen Menschen in einen Esel zu verwandeln.« Da sie sofort ging, konnte ich Shakespeare, dessen Einfall die Verzauberung Zettels war, nicht verpetzen. Roberto Ciulli, 1934 geboren in Mailand, kam 1964 nach Deutschland, inszenierte u.a. in Köln und Düsseldorf und gründete 1981 mit Helmut Schäfer und Gralf-Edzard Habben in Mülheim das Theater an der Ruhr, das er bis heute wesentlich prägt.

VON HANNELORE HOGER Sein Geist schwebt hell und klar über den Wassern. Der Abend- und der Morgenstern leuchten über ihm: Venus, aber auch Saturn, das Gestirn der Melancholiker, bringen sein Licht zum Strahlen. Die schlimmsten Übersetzungen, die schlimmsten Aufführungen, den größten Blödsinn hat Shakespeare überstanden. Er hat die wunderbarsten Rollen für uns Schauspieler – Männer, Frauen und alles dazwischen – geschrieben. Sein Genie lotet die Tiefe der Welt aus. Hannelore Hoger, 1942 in Hamburg geboren, wurde u.a. durch Filme von Alexander Kluge bekannt. Die »Schauspielerin des Jahres« 1975 war u.a. in Ulm, Bremen, Stuttgart, Köln, Berlin und Hamburg engagiert. Bei Peter Zadek in Bochum hat sie etwa 1972 Lämmchen in Falladas »Kleiner Mann, was nun?« und 1974 den Narren im »König Lear« gespielt.

INFO

„Der Jahrhundertfälscher.” Der Spiegel

»A Party for Will« heißt eine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK). Im Mittelpunkt steht mit der »First Folio« die Gesamtausgabe der Werke Shakespeares von 1623. Ein Exemplar des kostbaren Buchs gehört zum Bestand der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Die Rezeption des Dramatikers ist u.a. in Bühnenbildentwürfen, Figurinen, Theaterfotografien, Plakaten und Plastiken zu sehen

„Ist er ein Rockstar?” Vanity Fair

„Ich habe eine so einfühlsame Täuschung noch nie gesehen. Beltracchi ist ein genialer Klon von Max Ernst.” Werner Spieß, Kunsthistoriker

Ein Film von Arne Birkenstock www.beltracchi.senator.de

bis 15. Juni 2014.

AB 6. MÄRZ IM KINO!


12 | BÜHNE

Proben-Eindrücke aus Webers Blog. © Jürgen R. Weber

RÜCKZUG IN DIE REALITÄT TEXT: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN

Lohnende Ausgrabung: Walter Braunfels‘ Oper »Der Traum ein Leben« in Bonn

Rein äußerlich gehört Jürgen R. Weber zu jenem Typ von Film- und Fernsehmachern, bei denen Coolness und hanseatisch-trockener Humor, schwarze Sonnenbrille und die rundlichen Anzeichen der Genussliebe eine unwiderstehliche Mischung abgeben, von der man nicht genau weiß, ob sie einfach gelebt oder präzise inszeniert ist. Das Inszenieren zumindest hat Weber studiert – in den achtziger Jahren bei Götz Friedrich im Hamburger Studiengang »Musiktheater-Regie«, der manche Talente an unsere Opernhäuser geschickt hat. Nach längerer Pause, ausgefüllt mit Drehbüchern und Regiearbeiten für Kinder- oder Krankenhausserien (»OP ruft Dr. Bruckner«), ist er 2005 zum Musiktheater zurückgekehrt – und war enttäuscht vom herrschenden Regietrend. »Ich liebe die Oper. Aber ich bin auch ein Freund von Comics und Superhelden, von Musicals, fantasievollen Kostümen, Stepptanznummern. Wenn ich in Deutschland herumreise und mir an Wochenenden mal drei Inszenierungen hintereinander ansehe, erlebe ich leider meist nur schwarzweiße Räume, bevölkert von Sängern in heutigen Anzügen.« Das Gefühl, dass es da zu intellektuell und lustfeindlich zugehe, reizt Weber seither zum Widerstand. Seine eigene Regie-Ästhetik liebt es bunt und stilistisch offen, ohne sich dem Unterhaltungsdelirium anzu-


K.WEST 04/2014 | 13

biedern. Wo er geht und steht, selbst beim Inszenieren fotografiert und filmt er Sängerinnen, Beleuchter, Souffleusen, Dramaturgen, Musiker, deren mehr oder weniger gewichtigen Aussagen sich dann auf Webers Opernblog wiederfinden (https://juergenrweber.wordpress.com/). So entsteht vom harten Operngeschäft ein recht spielerischer Eindruck. So wird auch das neue Stück, das in Bonn soeben Premier hatte, seiner bedeutungsvollen Schwere entledigt, die mit den Namen Franz Grillparzer und Walter Braunfels verbunden sind. »Der Traum ein Leben«, so hat der Wiener Dramatiker Grillparzer in fast kalauernder Abwandlung eines Titels von Calderón sein »Dramatisches Märchen« überschrieben, mit dem er 1834 am Wiener Burgtheater einen letzten großen Erfolg landete. Sicher war es kein Zufall, dass sich Braunfels (1882 bis 1954), der als Komponist und Direktor der Kölner Musikhochschule zu den respektablen Größen im Musikleben der Weimarer Republik zählte, gerade nach seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten diesem Stoff zuwandte, der eine Menge opernhaftes Zauberspiel, aber auch latenten Zeitbezug ermöglichte. Der Protagonist Rustan nämlich ist ein ruheloser Mensch, den es aus der wohlgeordneten Realität zum Abenteuer drängt. Bevor ihn Schwiegervater und Verlobte in die Welt entlassen, erlebt er einen Traum, in dem ihm sein Wunschleben als wenig begehrenswerte Mischung aus Intrige, Totschlag, Machtpolitik, Schuldgefühlen und Selbstmord begegnet. Wieder erwacht, akzeptiert Rustan das jetzige Leben in seiner Begrenztheit – so wie sich Grillparzer vom System Metternich und Braunfels vor Hitlers Kulturpolitik in die innere Emigration zurückzogen, beide durchaus wider Willen. Braunfels, der als konvertierter Katholik nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend auf religiöse Themen verfiel – seine Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna gehörten zu den letzten Projekten des schon kranken Christoph Schlingensief –, träumte mit dem Grillparzer-Stoff noch einmal von der großen, fantastischen Oper. Nach Beendigung der Komposition Anfang 1937 zeigte der Wiener Opernchef Bruno Walter Interesse an einer Uraufführung, die dann Hitlers Einmarsch in Österreich zunichte machte. So fand die erste (und bislang einzige) szenische Aufführung erst 2001 in Regensburg statt. Ein zweitrangiges Stück also? »Es gibt meist einen Grund, warum bestimmte Komponisten populär wurden und andere nicht«, sagt Will Humburg, der nach seinen überragenden Erfolgen mit Opern von Franz Schreker jetzt auch den »Traum« in Bonn dirigieren wird. »Aber mich reizt an solchen Aufgaben das sportliche Moment: also dieses naive Märchen so spannend und plastisch zu realisieren, dass die Leute es mögen – obwohl es weniger gut gebaut ist als Opern von Strauss oder Schreker.« Zuweilen aber verhindert nicht der Mangel an Popularität und Wagemut, sondern der Fehlerteufel die Ehrenrettung eines lohnenswerten Stücks. Das Notenmaterial von »Der Traum ein Leben« war in einem beklagenswertem Zustand und musste teils neu hergestellt werden, sehr zum Missfallen von Humburg, der jede Klavierprobe persönlich leitet – ein absoluter Ausnahmefall unter heutigen Dirigenten, die lieber ihre Assistenten vorschicken. Humburg arbeitet sich peu à peu in diesen mu-

sikalischen Kosmos hinein, der zwischen Wagner, Strauss, Zemlinsky und Hindemith einen eigenen Tonfall sucht. »Gott sei Dank, Sie schreiben noch Musik«, lobte der Kollege Hans Pfitzner, nachdem er Braunfels‘ Meisterwerk, »Die Vögel« nach der Komödie des Aristophanes gesehen hatte. Auch »Der Traum ein Leben« ist ein Fest der Orchesterfarben und höchst kompetent für Sänger geschrieben. Mit dem Tenor Endrik Wottrich und der Sopranistin Manuela Uhl – beide vielfach Wagner-erprobt von Bayreuth bis Düsseldorf – wurde in Bonn eine starke Besetzung für das hohe Paar Rustan und Gülnare gefunden; das Ensemblemitglied Mark Morouse singt den Mohren Zanga, der in der Oper unablässig zum Bösen anstachelt. »Es ist wie ein Alptraum à la Hitchcock, in den man sich immer tiefer verstrickt und schuldig wird«, sagt Weber über Rustans Psychotrip zu den Eros- und Machtfantasien seines Unterbewusstseins. Aber im dialektischen Widerspruch zwischen Realität und Traum erkennt Weber auch seine eigenen Probleme mit der herrschenden Theaterästhetik und seine Sehnsucht nach dem blutvollen Theater. »Ich spiele deshalb mit dem Diskurs über das Regietheater, das ich als Bedrohung des wahren ‚Theaters des Traums‘ ansehe. Bei mir ist Rustan in der Realität ein melancholischer, frustrierter Tenor, der dieser Regietheater-Welt entfliehen will. Mit dem Traum aber verändert sich alles. Der Traum ist die Chance des Theaters.« Hank Irvin Kittel, ausgebildeter Maler und Ausstattungsleiter am Theater Erfurt, hat diese Welt zwischen dem herrschenden und dem erträumten Theater in ein wandelbares Bühnenbild mit vielen Bild-Identitäten gefasst. Hinzu kommen Video-Projektionen, mit denen Weber den Bühnenraum erweitert, Texte und Plakate einblendet oder die Personen der Oper mit ihren psychischen Defekten und ihrer Emotionalität kommentiert. Wenn man dahinter eine Art moderne »Zauberflöte« vermutet, tut man weder dem Komponisten Unrecht noch dem Regisseur, der sich nicht für das dramaturgisch Wasserdichte, sondern für die offenen Fragen interessiert: »Ich bin dagegen, dass alle Gedanken bebildert werden, die einem zu einem Stück einfallen. Das empfinde ich als Einengung für den Zuschauer, der schon selbst ein bisschen nachdenken sollte.«

INFO

Aufführungen von »Der Traum ein Leben« am 6. und 12. April, 7., 11. und 30. Mai 2014; Opernhaus; www.theater-bonn.de


14 | BÜHNE KUNST

PREMIEREN Wie Cabaret: »Black Rider« in Münster. Foto: Oliver Berg

TEUFEL AUCH, ALLES NARREN Drei Premieren in Münster: »The Black Rider«, »I Can’t Imagine Tomorrow« und Ayckbourns »Bürgerwehr« 

Dieser Teufel ist ein Geschäftsmann, der seine Waren inbrünstig anpreist und dann keine Ruhe mehr lässt. Bei seinem ersten Auftritt in Frank Behnkes zwischen schwarzer Romantik und skurrilem Humor pendelnder Inszenierung des »Black Rider« hat Stelzfuß (Aurel Bereuter) noch nichts Diabolisches, erinnert eher an den Conférencier aus John Kanders Musical »Cabaret«. Er lädt in eine menschliche Horror- und Freakshow ein: das Theater als Kabinett des Grotesken und Bizarren. In dem von Tom Waits, William S. Burroughs und Robert Wilson ersonnenen Musical heißt es, ein Teufelspakt sei immer auch ein Narrenpakt. Laffen sind alle hier, selbst wenn sich der arglose Buchhalter und Büromensch Wilhelm (Christoph Rinke) auf einen Deal mit dem Teufel einlässt. Aber er steht auch am meisten unter Druck, muss sein Geschick als Jäger beweisen, um die Hand Käthchens (Maike Jüttendonk) zu gewinnen. In Münster verwandelt sich der Counterculture-»Freischütz« in eine wilde Show. Im dunklen Wald, in dem Wilhelm dem Leuchten der Teufelskugeln verfällt, regieren Gier und Geilheit, Sucht und Stumpfsinn. Doch unter den grellen Farben der Inszenierung, die keine Übertreibung scheut, liegt etwas Kämpferisches. Das sechsköpfige Orchester (Leitung: Michael Barfuß) rückt Tom Waits’ Songs noch näher an Kurt Weills Kompositionen für die »Dreigroschenoper« heran. Die Sucht kommt vor der Moral. Narren sind auch die biederen Bürger in Alan Ayckbourns aktueller Farce »Bürgerwehr«. Die Geschwister Hilda (Carola von Seckendorff) und Martin Massie (Mark Oliver Bögel) sind gerade in die schicke BluebellHill-Siedlung gezogen. Schon beginnen die Probleme. Sie lassen sich von der grassierenden Angst der Nachbarn anstecken. In der Nähe gibt es eine Sozialsiedlung, die nur Hort des Bösen sein kann. Als dann auch noch Martins geliebter Gartenzwerg von Unbekannt zerstört wird, gibt’s kein Halten mehr. Für Thomas Ladwigs Inszenierung der deutschsprachigen Erstaufführung hat Bühnenbildner Stefan Brandtmayr ein bürgerliches Albtraum-Idyll mit greller Blumentapete und viel grüner Far-

be geschaffen. Zunächst wirkt das Spießer-Haus erstaunlich offen und weitläufig. Doch während die Ereignisse ihren Gang nehmen und sich die vermeintlichen Stützen der Gesellschaft unkontrolliert in Wut- und Angstbürger verwandeln, schließen sich die Wände immer enger um sie. Aus dem Heim wird eine Festung, aus der pointierten Satire eine blutige Groteske. Wie sich Kritik und Komik, Analyse und Lust am Spielerischen vermischen, ist typisch für das Schauspiel Münster unter Frank Behnke. Seit seinem Antritt als künstlerischer Leiter im Herbst 2012 greift das Haus brisante gesellschaftliche Diskussionen auf. Zudem setzt der Spielplan besonders auf die englische und amerikanische Dramatik. Davon zeugt auch ein von dem jungen Regisseur Frederik Tidén inszenierter Tennessee Williams-Abend: »I Can’t Imagine Tomorrow«, der drei kurze, von Liebesunglück erfüllte Miniaturen (»Grüne Augen«, »Ich kann mir ein Morgen nicht vorstellen«, »Sprich zu mir wie der Regen, und ich hör dir zu...«) zum Triptychon der Verzweiflung verbindet. Dennis Laubenthal und Lilly Gropper, die dreimal die Paare spielen und vor unseren Augen altern, meistern die Stimmungs- und Tonwechsel perfekt. Ihr Spiel, das von einem Zustand höchster Angespanntheit zeugt und kleinste Emotionen nach Außen trägt, bindet die Aufführung und betont Williams’ poetische Vision vom Leben und der Welt. | SAW

EIN PLATZ FÜR TIERE Bochum I: Ibsens »Hedda Gabler«

»So etwas tut man doch nicht«, Ibsens berühmtes Schlusswort, ist gestrichen. Also auch der Pistolenknall, mit dem sich Hedda Gabler aus der Welt schießt. Muss sie auch nicht. Tote bzw. Untote brauchen ihr Leben nicht mehr zu beenden. »So etwas tut man doch nicht«, ließe sich freilich Regisseur Roger Vontobel entgegenhalten, der vor dem Stück und der Titel-Frau kapituliert. Er streckt die Waffen. Ersetzt sie durch die Instrumente plattester Symbolik und formiert die Figuren des Stücks am Ende zum Gruppenbild, angereichert um elf Kinderlein und Papa Gabler, die alle den verdächtig gleich rot geschminkten


K.WEST 04/2014 | 15

Jana Schulz als Hedda Gabler. Foto. Arno Declair

Mund zur Schau tragen, was immer das zu bedeuten hat. Damit nicht genug. Dieser General Gabler, den der Besetzungszettel Ibsens nicht kennt, spukt den ganzen Abend lang einher: ein – bei Gisbert Görke – kleinwüchsiger Mensch, der mit grellem Lachen aus den Kulissen klettert und als Operetten-Popanz sein Unwesen treibt: Wiederkehrer des Verdrängten, Todesbote und Heimholer ins süße Jenseits. Auch damit noch nicht genug. Am Schluss tragen Hedda, Tesman und die anderen Tiermasken und Insektenköpfe. Die bürgerliche Gesellschaft als Ameisenstaat? So fängt es auch an im Bochumer Schauspielhaus: mit Blüten und Bienen, Flora und Fauna. Die Natur sprießt, begattet sich, spritzt auch mal Gift, ist ungezähmt und triebhaft. Ins projizierte wilde Video-Idyll wächst der Mensch, das traurige Tier, als Mann und Frau, Vater und Tochter hinein. Los geht’s. Dafür muss erst die Schutzfolie runter, mit der die ovale Bühne (Claudia Rohner) abgedichtet und bespannt ist. Auch der Innenraum wurde mit Plastik verpackt und beklebt. Ein Provisorium. Eine Behausung, kein Heim. Auftritt Hedda: Jana Schulz, wie ein Rockstar nach unausgeschlafener Nacht im schwarzen Anzug und mit dunkler Sonnenbrille, fläzt sich auf der Matte, um dann den restlichen Kunststoff von der SperrholzKabine herunterzureißen. Noch später wird sie als strippende Feuerund Windsbraut Eilert Lövborgs Manuskript verbrennen und sich zu dröhnendem Heavy Metal abarbeiten am Demolieren der Häuslichkeit. Luft zum Atmen kriegt diese »Hedda Gabler« trotzdem nicht, wenn der Raum nun auch frei liegt. Vielleicht ist es nicht Jana Schulz’ Rolle. Jedenfalls nicht in Vontobels Inszenierung, wo diese Schauspielerin doch im Wüten gegen sich selbst und beim Bohren in sich hinein groß sein kann. Hier hat sie keine Chance, obgleich sie zwischendurch wie eine offene Rasierklinge scheint; lauernd, lässig, lazy. Die der Hedda innewohnende, auch gegen sich selbst gerichtete Zerstörungskraft wird delegiert an das clownesk grinsende Daddy-Gespenst: Geisterbahn-Psychologie. Im übergroßen Schattenriss hantiert Hedda mit den Pistolen. Die Waffen sind phallische Objekte, Hedda hat sich nicht gelöst vom Va-

Nikita (Torsten Flassig) und Frau Christiane (Nicola Thomas) und eine Form der Geometrie der Liebe. Foto: Diana Küster

ter-Phantom. Ist Tochter und kann nicht Frau werden. Oder nur als Vollstreckungsorgan des Toten. So wird sie zur unfertigen, sich selbst überdrüssigen und gar verhassten Frau. Schon gar nicht kann sie Mutter werden. Stammelnd bringen sie und Tesman ihre Elternschaft nicht über die Lippen und öffnen eine Kinder-Kiste, in der das General Gabler-Monstrum hockt. Mit Hedda – Tochter, Ehefrau, Liebhaberin, Freundin, ungewordene Mutter und Selbstmörderin – wird man nicht leicht fertig. Bei Vontobel ist sie vom Vater-Spuk kalt gestellt und zur Fühllosigkeit verdammt, was in der Theorie richtig sein mag, aber bühnenpraktisch nicht aufgeht. Nimmt man die Bedeutungs-Attrappen weg, bleibt ein konventionelles, mittelmäßiges, aufgemotztes Spiel: mit einem strizzihaften Richter Brack (Matthias Redlhammer); einer äußerlich ökobewegten Thea (Minna Wündrich); einer pastellfarbig kecken, gar nicht tantenhaften Jule Tesman (Katharina Linder); einem treu-doofen und harmlos-naiven Jörgen Tesman (Felix Rech) und einem ebenfalls schwarz gekleideten Untergangs-Berserker Lövborg (Florian Lange). Während eine Etage tiefer die Psycho-Wracks strampeln, sitzt Lövborg, nun ebenfalls als Untoter, aber ohne Tier-Larve der einzig wahre Künstler-Mensch, auf dem oberen Bühnenrahmen: blutig entmannt vom Schuss in den Unterleib. Intellektuelle Entmannung ist auch seinem Regisseur zu attestieren. | AWI

WER BIN ICH NUR? Bochum II: Kleists »Amphitryon« und ein Stück von Laura Naumann 

»Ich« – das sagt sich so einfach. Doch je mehr Sosias, der nicht so verlässliche Diener des thebanischen Feldherrn Amphitryon, von seinem Double, dem Gott Merkur, bedrängt wird, desto zögerlicher spricht er das schmale, aber machtvolle Wort aus. Plötzlich hängt an dieser Versicherung der Identität ein Fragezeichen, das ihn überwältigt. So ergeht es nicht nur Sosias (Roland Riebeling), dem pragmatischen Filou, der sein Ego willentlich abgibt, solange ihm nur nichts geschieht. Auch sein Herr Amphitryon, der bei Marco Massafra allerdings von Anfang an etwas Unscharfes, Konturloses, hat, ist sich bald seiner selbst nicht mehr ge-


16 | BÜHNE KUNST

Bruno Cathomas als Shylock. Foto: Thomas Aurin

wiss. Das doppelte Spiel des selbstsüchtigen Jupiter (Nicola Mastroberardino), der Amphitryons Gemahlin Alkmene (Therese Dörr) unvergesslich bleiben will, nimmt ihm letzte Gewissheit. Die goldene Wand, die Sascha Gross für Lisa Nielebocks Inszenierung von Kleists erbarmungslosem Lustspiel gebaut hat, glänzt und glitzert verführerisch. Spiegel und Barriere zugleich. So oft sie auch um ihre eigene Achse gedreht wird, am Ende bleibt sie eine Mauer, an der Sicherheiten brechen. Nielebock nimmt Amphitryons Identitätsverwirrung und Jupiters Eitelkeit ganz leicht. Ihr Kampf um die treue und doch untreue Alkmene hat etwas Spielerisches, dessen existentielle Dimension nur selten durchscheint. Im clownesken Treiben Riebelings ist sie weitaus präsenter. Wie der sich durchschlägt und den Untiefen des Lebens mit Lachen begegnet, ist ein grandioses Schelmenstück, ein Akt des Widerstands, zu dem sein Herr nicht fähig ist. Der jungen, extrem ehrgeizigen Unternehmensberaterin Moana (Sarah Grunert), ihrem Freund, dem frustrierten Flugbegleiter Boris (Matthias Eberle), und ihrer Mutter, der nach Wahrheit und Sinn suchenden Nachrichtensprecherin Christiane (Nicola Thomas), geht das Wort »Ich« erstaunlich leicht über die Lippen. Eigentlich sprechen sie in Laura Naumanns »Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken«, einer abgründigen Komödie aus der Arbeitswelt, nur über sich selbst. Aber je öfter sie Ich sagen, desto deutlicher wird, dass sie keine Identität besitzen und sich nur über ihre Arbeit definieren. Ansonsten ist ihr Leben eine Leerstelle, bis Nikita bei ihnen auftaucht. Wie Torsten Flassig als Nikita direkt aus dem gleißenden Licht zu kommen scheint, das magisch auf die Spielfläche fällt, wirkt das ganz und gar irreal. Dieser verwunschene Augenblick lässt Malte C. Lachmanns Uraufführung die zuvor detailliert in Szene gesetzte Banalität des Alltags hinter sich. Die Wirklichkeit fällt davon ab und weicht einer zeitgemäßen Variation auf Pasolinis verführerische politische Parabel »Teorema – Geometrie der Liebe«. | SAW

ERKENNEN SIE DIE MELODIE! Shakespeares »Kaufmann von Venedig« in Köln  

Eingefasst von zwei Sonetten, wäre als Tonart zu erwarten gewesen: Shakespeare in Moll. Aber Antonio, ihr Sänger, kann sich gegen das allgemeine Dur nicht durchsetzen – gegenüber den jungen Leuten und Liebespaaren nicht, auch nicht gegenüber dem Regisseur. Belmont macht Bachmann mehr Spaß, als der Rialto Kummer. Die Frohnatur will kein Spielverderber sein. Darin kommt er dem traurigen Antonio nahe. Die Liebeskomödie, begleitet von einer Combo, übertönt das

doppelte Außenseiter-Drama, und animiert mit Schlagergesang und klampfendem Geplärre zu der ehemals aus dem ZDF bekannten Frage: »Erkennen Sie die Melodie«. Während sich also Antonio (Gerrit Jansen), der die Wange seines Bassanio tätschelt und ihn kurz vor seinem erwarteten Fleischestod heftig und nicht unerwidert küsst, melancholisch dahinlagert, umspielen ihn modische, in ihrer billigen Trivialität unangenehme Lackel. Auch Bassanio (Simon Kirsch) ist ein solcher Ragazzo. Erst recht der mampfende Lorenzo, die bübischen Zwillings-Laffen Solanio & Salerio, die als gelenkige Comedy-Clown umherzwitschern, und nicht minder der blöd grinsende Gratiano. Die Dame Porzia ist den Herren ebenbürtig: eine künstliche Plinker-Fee-Blondine im Tutu. Dass man ihr (Yvon Jansen) die juristische Finesse vor Gericht nicht zutraut, die sie dann glänzend als Garçonne absolviert, bietet die größte Überraschung des dreistündig sich dehnenden Abends. Die Bühne im Kölner Depot 1 (Thomas Deißigacker) hat sich angehoben und bildet einen Laufsteg, seitlich flankiert von Kleiderstangen und der Staffage der gerade aus dem Spiel genommenen Figuren. Unter der Ebene auf Stelzen liegt die Subkultur als Bauch von Venedig, wo der derbe Witz rumort und als platter Scherz entfährt. In diese Bachmann’sche Humor-Unterwelt gehört die Entführung der in Wehrmachtsuniform (!) gekleideten Jessica durch jiddelnde Vermummte, mit denen Vater Shylock sich für ein Liedchen fraternisiert. Auf beide Etagen wiederum verteilt sich die Brautwerbung um Porzia und die Kästchenwahl als karnevalistische Nackt-Revue im Stil einer RAIFernsehshow. Wozu wiederum das Berlusconi-Foto passt, das die silberne Schatulle enthält. Parterre schließlich findet das Tribunal statt unter Vorsitz des Dogen, den Martin Reinke hinschnarrt, als würde er seine eigenen Manierismen karikieren. »Der Kaufmann von Venedig« ist ein Stück über Geld und Glück. Über Recht und Gerechtigkeit. Ein Stück über Liebe und Hass. Und eines über Jude und Christ. Und über Freundschaft und verbotene Liebe – unter Männern. Stefan Bachmann lässt nichts davon aus, ohne es doch zu erfüllen. Nichts Ganzes. Nur Einfälle. Was tun mit Shylock? Was mit seinem Erzfeind Antonio? Bachmann mogelt sich durch. Auftritt Shylock in modisch aufgeputzter Kaftan-Tracht, in gemäßigt radebrechender Zunge und einer dezent dem Klischee entliehenen Körpersprache. Bruno Cathomas kann spielen. Fragt sich nur, was? Das sanfte Monstrum vielleicht. Später wetzt er splatterartig das Fleischermesser, bindet sich die Metzgerschürze um und gibt den Unhold. Zuvor noch hatten sich er und Antonio, der vom depressiven Intellektuellen ob seines vermuteten Geschäfts-Bankrotts zum jämmerlichen Säufer


K.WEST 04/2014 | 17

Szene aus der »Straniera«. Foto: Thilo Beu

Szene aus der »Straniera«. Foto: Thilo Beu

mutiert, geprügelt wie die Kesselflicker. Zwei grölende, kreischende, sich bespuckende Kerle, deren vergiftete Ideologie nur Ausdruck ihrer Charakterschweinerei wäre. Es gibt keine Solidarität der Außenseiter. Das wäre immerhin eine skeptische Regie-Haltung, zu der passen könnte, wie Porzias Gnadenappell, begleitet von evangelischem Orgelklang, verpufft. Selbst wenn es so wäre, Bachmann veralbert gleich wieder die ernsthafte Auseinandersetzung, so dass am Ende selbst noch Antonios Einsamkeit des Homosexuellen als Attitüde der Inszenierung erscheint. | AWI

MIT THRILL Christof Loy inszeniert Bellinis »La Straniera« in Essen 

Christof Loy, früher Stammgast an der Rheinoper mit 16 Inszenierungen, hat sich als Poet in der Königsklasse des Musiktheaters etabliert und wurde dreimal zum »Regisseur des Jahres« gekürt. Am Aalto-Theater ist seine Deutung von Vincenzo Bellinis »La Straniera« zu erleben, wobei die Aufführung bereits im vergangenen Juni an der koproduzierenden Oper Zürich herauskam: mit Edita Gruberova in der Titelpartie. In Essen sind alle Rollen neu besetzt; wer Loys Arbeitsweise kennt, weiß, dass deshalb doch wieder eine ganz neue Produktion zu sehen ist. Bellinis Perle des Belcanto hat besondere musikalische Qualitäten, die Glaubwürdigkeits-Defizite im Szenischen wettmachen. Die Handlung fußt auf einer mittelalterlichen, romantisch überhöhten Geschichte, in der sich Verwicklungen um eine als Hexe verkannte Königin derart verknäulen, dass man nicht recht schlau daraus wird. Annette Kurz verlegt die verwunschene Land-Szenerie in einen Theaterraum, in dem vom Schnürboden Nornen-Seile baumeln; Ursula Renzenbrink hat luxuriöse Krinolinen-Kleider geschneidert. Loy markiert bewusst die Künstlichkeit der Bühnen-Situation, um aus der verwirrenden Geschichte einen schwarz grundierten Psychothriller zu machen, in dem Gefühlswallungen vergrößernd heran zoomen. Das gelingt mit größter Eleganz, mit einem Händchen für die Persönlichkeiten der Interpreten und feinsinniger, musikalisch motivierter Delikatesse. »La Straniera« ist (anders als die ungleich populärere »Norma« mit ihren bekannten Hits) nahezu durchkomponiert ohne die üblichen Arien-Höhepunkte; dafür frappiert ein Reichtum orchestraler Farben; die Gesangslinien betäuben mit einem Aroma schwerer Süße. Der neue Intendant Hein Mulders kann ein famoses Sängerensemble formieren, an dessen Spitze die hinreißende Marlis Petersen strahlt. Ihr kräftiger Sopran hat seit ihren Düsseldorfer Zeiten deutlich an Gewicht gewonnen, ohne an Beweglichkeit zu verlieren. Die Ausnahme-Sängerin ist

gereift und vereint darstellerischen Ausdruck mit stimmlicher Finesse in seltener Perfektion. Luca Grassi ist ein kerniger Valdeburgo, Alexey Sayapins weich klingender Arturo fast zu lyrisch timbriert, während Ieva Prudnikovaites als Isoletta mit schlankem Mezzo glänzt. Josep Caballé Domenechs Dirigat sorgt für gestochene Klarheit und Präzision. | REM

KEINE BEINE GEMACHT Ludger Vollmers Oper »Lola rennt« nach Tom Tykwer in Hagen 

Die Oper, die Ludger Vollmer geschrieben hat, gab es eigentlich bereits. Tom Tykwer hat die Geschwind-Tour seiner roten Lola (Franka Potente) durch die Straßen von Berlin so musikalisch geschnitten, so gut getimt und rhythmisiert und den Lauf der unermüdlichen Heldin dabei mit einem rastlos vorwärts preschenden Soundtrack versehen, dass man den Film problemlos als eigenwillige, aber durch und durch stimmige Form von Musiktheater rubrizieren könnte. Dreimal rennt Lola um das Leben ihres geliebten Manni, dreimal spielt im Vorübergehen der Zufall mit (und Tykwer dreht die Momentaufnahmen weiter, bis sie Miniaturen und Variationen der Zukunft ergeben); zweimal scheitert Lola und zwingt das Schicksal, ihr eine neue Chance zu geben, dann endlich klappt es: beim Roulette gewinnt sie jene 100.000 Mark, mit denen Manni in letzter Sekunde seinen Kopf aus der Schlinge zieht. Das alles also gab es schon. Vollmer hat dennoch »Lola rennt« neu aufgelegt – als Oper, so wie sich Oper für ihn wohl noch immer gehört: mit gesungener Handlung, mit Solisten auf einer Bühne, mit Chor und Orchester. Vollmers Idee für »Lola« ist der Widerstreit zweier Grundgefühle. Einmal das Gefühl, von einer wahnsinnigen Welt so getaktet zu werden, dass einem jederzeit die Puste ausgehen könnte. Dann das Gefühl, dass Liebe sich über alles hinweg setzen kann, sogar über die Zeit. Daraus hätte man tatsächlich etwas Neues und Eigenes machen können. Doch statt wie Lola mutig loszurennen, trödelt Vollmer halbherzig durch ein Potpourri von Versatzstücken, bedient sich bei Mozart, Rossini, bei Lloyd Webber und sehr ausgiebig bei Philip Glass und fährt, wenn es existentiell werden soll, einen antikisierenden Hollywood-Bombast auf, als käme statt Lola gleich Kleopatra um die Ecke. So sehr sich das Hagener Theater auch ins Zeug legt für diese Uraufführung, so gut das von David Marlow geleitete Ensemble auch agiert, am Ende des Abends fragt man sich vor allem, warum man dem so lahmen wie albernen Stück, das 2013 in Regensburg uraufgeführt wurde, noch eine zweite Chance geben musste Auch Regisseur Roman Hovenbitzer kann der »Lola« keine Beine machen. | REM


18 | BÜHNE

OPER UND SCHAUSPIEL 3. APRIL »BETRUNKENE« in Düsseldorf Es schrammelt, knarzt, klirrt, knautscht und quietscht. Elastische Schauspieler-Menschen arbeiten sich ab an zu Instrumenten zweckentfremdeten Utensilien. Russische Regisseure in Düsseldorf scheinen es darauf abzusehen, mit dem Apparat zu spielen, die große Bühnenmaschinerie zu bewegen und Requisiten aufwändig zu versenken, zu verschieben, hochzuhieven. Hier nun, bei der in Auftrag gegebenen Uraufführung, ist alles Schwarzweiß – Anzüge, Kleider, Badezimmer-Einrichtungen, Einbauküchen, die von der Decke baumeln, herabfahren, dann wieder verschwinden. Auf einer riesigen, videotechnisch schraffierten Schräge hampeln und strampeln sich 14 Darsteller – Figuren der besser gestellten Mittelklasse – mit gesträubt frisierten Haaren und roten Nasen ab und witzeln sich philosophisch flach- bis tiefsinnig durch eine Szenenfolge, in der die Personen kollektiv besoffen sind, was ihre Zunge schwer sein lässt, sie aber auch lockert und zu endlos wiederholten, sich der Redundanz bewusst bedienenden Übersprunghandlungen nötigt. Trunkener Mund tut Wahrheit kund. Man sagt einander das, was sonst verschlossen bleibt. Das Universum ist sinnlos, man fühlt sich als Gott oder hört in den Eingeweiden dessen Flüstern und spürt in allem die Liebe. Ist es Ironisierung oder Pervertierung der christlichen Heilslehre? Der Stil des aus Sibirien stammenden, in Moskau und international vielfach tätigen Regisseurs Viktor Ryschakow ruft die Ästhetik der 80-er Jahre auf. Der auch bei uns vielgespielte Autor Iwan Wyrypajew, der die Komik der Verzweiflung zwischen Loriot und Dada erfasst, beschreibt das Absurde im Sozialen und umgekehrt. Es ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Auff.: 9., 11., 19., 26., April 2014, Schauspielhaus. 3. APRIL JULI ZEHS »Nullzeit«  in Bonn Eigentlich wollte sich der Tauchlehrer Sven Fiedler aus den Wirrnissen des Lebens heraushalten. Deswegen hat er nach seinem Jurastudium Deutschland den Rücken gekehrt und sich auf Lanzarote niedergelassen. Jahrelang lief alles nach Plan. Doch seine neuesten Schüler, die Schauspielerin Jola von der Pahlen und der Schriftsteller Theo Hast, verwickeln ihn in ein perfides Spiel, das sein Leben in einen Kriminalroman verwandelt. Nur will Sven davon nichts wissen. Und sagt in Bernhard Studlars Bühnenadaption von Juli Zehs Psychothriller: »Das Leben ist kein Kriminalroman«. Auch wenn er sich irrt, für Sebastian Kreyers Inszenierung gilt der Satz auf jeden Fall. Wo Juli Zeh auf Spannung und Ambivalenzen setzt, regiert bei Kreyer wilde Spiellust. Aus dem Thriller wird eine irrwitzige Parodie. Aber der Spaß kann wieder in Ernst umschlagen. Zwischen Nonsens und Tiefsinn liegt nur ein schmaler Grat, den Kreyer und sein Ensemble überwinden. Auff.: 8., 11. & 17. April 2014, Theater Bonn, Werkstatt. 4. APRIL TARKOWSKIJS »ANDREJ RUBLJOW« in Köln Es sind die großen Fragen und Themen, die Andrej Tarkowskij in seinem monumentalen Künstlerfilm verhandelt. In atemberaubenden Bildern, in denen sich die Weite Russlands genauso spiegelt wie die Enge in den Herzen der Menschen, erzählt er von der Suche eines Mannes nach Gott und der Kunst. Die Stationen der Odyssee, die Um- und Irrwege, beschäftigen auch Robert Borgmann an dem Stoff: »Das ist für mich im Theater interessant, den Weg eines Menschen zu etwas zu zeigen, statt die ganze Zeit lang das Er-

Empfehlungen

der Redaktion

gebnis zu verfertigen«. Wie Andrej Rubljow, der sich in den Wirren des frühen 15. Jahrhunderts zunächst selbst verliert, begibt sich Borgmann auf eine Suche. Die Sehnsucht nach etwas Höherem geht einher mit der Sehnsucht, das Leben in seinen Facetten auszumessen. Rubljow sammele, so Borgmann, »Erlebnisse mit Menschen, mit Krieg, mit Hunger, mit Katastrophen, mit der Liebe, mit Bruderliebe«. Um all dies einzufangen, soll »sich der Abend vom Kleinsten bis ins ganz Große bewegen«. Dabei setzt Borgmann wie bei seinem Stuttgarter Tschechow-»Onkel Wanja«, der zum Berliner Theatertreffen im Mai eingeladen wurde, auf atmosphärische Bilder und Situationen. Theater als Ort des Experiments und des Strebens nach Wahrheit, als Versuch, durch ein fremdes Leben das eigene zu begreifen und »am Ende möglicherweise zu einem Bild zu kommen. Auff.: 6. & 11. April 2014, Depot 2, Schauspiel. 5. APRIL »TANNHÄUSER«  in Dortmund Einen großen Wurf hat Kay Voges, Chef des Dortmunder Schauspiels, dem benachbarten Opernhaus mit »Tannhäuser« beschert. Der Wagner-Novize ließ sich von dem Roman »Die letzte Versuchung Christi« von Nicos Kazantzakis inspirieren, um den Titelhelden als Spiegelung der Christusfigur zu begreifen. Tannhäuser trägt also ein weißes Gewand und Dornenkrone, was ihn aber nicht daran hindert, zu Beginn im Venusberg (eine kleinbürgerliche Behausung mit Mobiliar der späten 50er Jahre) vor dem Fernseher Bierdosen zu öffnen und nur widerwillig seine Venus auf dem Küchentisch zu beglücken. Wichtigster Mann im Voges-Team ist Daniel Hengst, der eine betäubende Video-Flut loslässt, die nahezu pausenlos das Geschehen (alb)traumartig überhöht, verkitscht, in Comic-Manier karikiert; und zwar auf mehreren Ebenen, inklusive einer Nam-Jun-Paik-artigen Monitorkonstruktion in Form von einem Kruzifix. Das Ergebnis ist ein Sturm der Assoziationen, die erstaunlich den Kern des Konflikts zwischen sinnlichem Genuss und Bequemlichkeit und spiritueller Mission einkreist. Eine packend intensive Deutung, die sich auch musikalisch beglaubigt. Opernhaus. 6. APRIL HÄNDELS »ALCINA« in Aachen Georg Friedrich Händels 1735 im Londoner Covent Garden uraufgeführte Oper erlebt derzeit zahlreiche Neuinszenierungen. In Zürich war kürzlich Premiere von Christof Loy mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle, Ende März in Wuppertal unter Leitung des scheidenden Opernchefs Johannes Weigand – und nun folgt Aachen. »Alcina« zählt zum Genre Zauberoper, die zu Händels Zeit sehr beliebt war. Denn sie bot den wachsenden Möglichkeiten der Bühnentechnik Gelegenheit, spektakuläre Tricks zu zeigen und reizt mit aufwändiger Ausstattung. Die Handlung ist bestimmt durch das komplizierte Beziehungsgeflecht der Protagonisten und das Verwirrspiel um Liebe, Treue und Verrat. Zauberin Alcina führt auf ihrer Insel ein grausames Regiment: Die Liebhaber, derer sie überdrüssig wird, verwandelt sie in Steine und Tiere. Mit Ruggiero meint sie es erstmals ernst, doch dann taucht dessen Verlobte Bradamante, verkleidet als Mann, auf. Die Konflikte nehmen ihren Lauf. Es inszeniert der Schweizer Jarg Pataki; die hoch virtuose Sopran-Titelpartie wagt Katharina Hagopian, die seit der Spielzeit 2011/2012 Ensemblemitglied in Aachen ist. Auff.: 12., 17., 21., 27. April 2014, Theater.


SHAKESPEARE FESTIVAL Im Globe Neuss 19. Juni bis 19. Juli 2014 10. APRIL BELLINIS »NORMA« in Duisburg Seit Maria Callas in den 1950er Jahren Vincenzo Bellinis »Norma« nachdrücklich vom Vorwurf des gefälligen Ziergesangs rehabilitierte, zählt das Werk zu den Kultstücken der Belcanto-Liebhaber. Die Rheinoper setzt Werner Schroeters vor elf Jahren entstandene bildmächtige Deutung des antiken Stoffs wieder auf den Spielplan. Schroeters eigenwillige Sicht auf das Drama um die Druidenpriesterin, die an ihrer verbotenen Liebe zum römischen Feldherrn Pollione zerbricht, will bewusst nicht psychologisieren, sondern entwickelt ihre emotionale Dynamik vor allem aus der musikalischen Intensität heraus. In der Gipfelpartie der Norma debütiert Ensemblemitglied Morenike Fadayomi; in der Rolle des Pollione gastiert der rumänische Tenor Calin Bratescu; am Pult der Duisburger Philharmoniker steht GMD Giordano Bellincampi. Auff.: 12., 21. April 2014, Opernhaus. 11. APRIL  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Das 3. Ohr/Klanglandschaften »WRITTEN ON SKIN«  in Detmold Ein reicher Landbesitzer lädt einen Künstler zu sich nach Hause ein, um ihm einen besonderen Auftrag zu erteilen: Er soll ein illuminiertes Buch kreieren, das die gewaltsamen Aktionen des Oligarchen unter seiner politischen Herrschaft in Bildern festhält und gleichzeitig die friedvolle, heimische Ordnung, die er sehr genießt, für die Ewigkeit dokumentiert. Verkörpert wird diese private heile Welt von seiner Frau Agnès, ihrer Bescheidenheit und ihrem kindlichen Gehorsam. Die Entstehung des Buches wird jedoch zum Katalysator rebellischer Gefühle der Frau. Nach ihrem ersten erfolgreichen Versuch, jemanden zu verführen, nutzt sie ihre neue intime Verbindung mit dem Lichtkünstler, um den Inhalt des Buches selbst zu beeinflussen – und dadurch ihren Mann zu zwingen, sie so zu sehen, wie sie wirklich ist. In Form einer provenzalischen Geschichte aus dem 13. Jahrhundert, wahrgenommen aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts, spürt »Written on Skin« den verstörenden Konsequenzen der Selbsterkenntnis nach und untersucht die Grenzen der Macht, die ein Mensch über einen anderen haben kann. Landestheater; weitere Termine: 16. und 27. April 2014; www.nrw-kultur.de/dasdritteohr 12. APRIL WEBERS »FREISCHÜTZ« in Köln »Aus den deutschen Wäldern kommen Gespenstergeschichten. Dafür können die Wälder nichts, denn dort stehen nur Bäume herum«, schrieb Ingeborg Bachmann anlässlich einer konzertanten »Freischütz«-Aufführung in Hamburg. In Kölns Oper am Dom kommt das Werk mit dem zweifelhaften Siegel der deutschen Nationaloper als letzte Neuproduktion des scheidenden GMDs Markus Stenz heraus. Der junge lettische Regisseur Viestur Kairish, derzeit international einer der interessantesten Newcomer, der mit seinen Deutungen von Wagners »Ring« für Furore sorgte, kommt erstmals an den Rhein. Publikumsliebling Claudia Rohrbach debütiert als Agathe, in der Partie des Jägers Max alternieren mit Andreas Schager und Lance Ryan zwei der gefragtesten Tenöre ihrer Generation. Auff.: 15., 19., 21., 24., 29. April 2014, Oper am Dom.

Start des Vorverka ufs: 5. April 2014

19. Juni 2014, 20 h

All’s Will that ends Will – bremer shakespeare company 20. + 21. Juni 2014, 20 h

Der Sturm – Das Rheinische Landestheater Neuss 22. Juni 2014, 16 + 20 h

Shakespeare and the Globe – Patrick Spottiswoode 24., 26., 27. + 28.* Juni 2014, 15 h* + 20 h A Midsummer Night’s Dream – Propeller Company 25., 26.* + 28. Juni 2014, 15 h* + 20 h Comedy of Errors – Propeller Company 29., 30. Juni + 1. Juli 2014, 20 h Pericles, Fürst von Tyrus – bremer shakespeare company 2. + 3.* Juli 2014, 15 h* + 20 h

Much Ado about Nothing – Globe Theatre on Tour 5. Juli 2014, 20 h

Korijolánusz – nach „Coriolanus“ von William Shakespeare HOPPart, Budapest 6. Juli 2014, 20 h

Peeping at Pepys – Gustav Peter Wöhler und die Lautten Compagney 7. + 8. Juli 2014, 20 h

Richard III. – bremer shakespeare company 9. Juli 2014, 20 h

Inspired by Song – Stefan Temmingh, Dorothee Mields und The Gentleman’s Band 11. Juli 2014, 20 h

El Perro del Hortelano („Liebe aus Neid oder der Hund des Gärtners“) Komödie von Lope de Vega – Fundación Siglo de Oro, Madrid 12. Juli 2014, 20 h

El Castigo sin Venganza („Die Strafe ohne Rache“) Drama von Lope de Vega – Fundación Siglo de Oro, Madrid 13. Juli 2014, 15 h Enrique VIII. (Heinrich der Achte) – Fundación Siglo de Oro, Madrid 14. Juli 2014, 20 h

Wie er uns gefällt – Gedichte an und auf Shakespeare Lesung mit Katharina Thalbach 15. + 16. Juli 2014, 20 h

Shakespeare in Jazz – Sonnets new album – Caroll Vanwelden & Band 17., 18. + 19. Juli 2014, 20 h

Wie es euch gefällt – Shakespeare Company Berlin Bestellen Sie kostenfrei Ihre persönliche Shakespeare-Broschüre unter kwest@shakespeare-festival.de Info- und Kartentelefon: 02131 526 99 99 9 (Mo.–Fr. 08–20 Uhr, Sa. 09–18 Uhr, So. und an Feiertagen 10–16 Uhr)

www.shakespeare-festival.de

Globe Neuss


20 | FESTIVAL

»BOCHUM, WO GEHST DU HIN?« INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Die Kompanie »Trayectos« aus der GM-Stadt Zaragoza plant choreografische Aktionen in Bochums Stadtraum. Foto: Chusico


K.WEST 03/2014 | 21

Ende des Jahres schließt Opel in Bochum, 2018 die letzte Zeche im Ruhrgebiet, in Essen macht RWE zum ersten Mal seit dem Krieg Minus. Wenn die Dinosaurier fallen, entstehen schlauere Arten. Ende April beginnt »Das Detroit Projekt«, das in der (Ex-)Opel-Stadt eine neue Spezies ausprobieren will: den partizipativen Bürger. Zum Auftakt des Festivals spricht K.WEST mit dessen Kuratoren Katja Aßmann von Urbane Künste Ruhr sowie Sabine Reich und Olaf Kröck vom Schauspielhaus Bochum.

K.WEST: Das Festival heißt im Untertitel: »This is not Detroit«. Diesen Satz kann man sehr unterschiedlich aussprechen: von konstatierend bis widerständig. Was bedeutet er für jeden von Ihnen? ASSMANN: Für mich bedeutet er die Provokation einer Selbstermächtigung für alle, die es angeht: alle die in Bochum arbeiten und leben, alle Künstler und Kuratoren, die mit dem Projekt zu tun haben. Detroit ist eine ferne Größe, die entscheidet, was mit dieser Stadt Bochum passiert. Aber wir wollen das nicht hinnehmen, sondern selber die Verantwortung für Stadt und Zukunft in die Hand nehmen. KRÖCK: Interessanterweise hat sich dieser Untertitel während der Vorbereitungsphase des Projekts verändert. Irgendwann ist deutlich geworden: Er sagt auch etwas Negatives über uns. Nämlich, dass Bochum nicht so hip ist wie Detroit. Dessen Niedergang ist prominent, ist komplett fotografisch erfasst, er scheint eine Form von Erotik zu besitzen, die künstlerisch verwertbar ist – Jim Jarmusch hat jetzt sogar dort einen Film gedreht. Die Verbindung mit Detroit hat uns zunächst Aufmerksamkeit verschafft. Aber sie stellt uns auch vor die kritische Frage, ob wir mit unserem Kunstfestival einen solchen ›Hipness-Faktor‹ erzeugen können, dass die Aufmerksamkeit auf die Stadt wächst. REICH: Zu Anfang haben wir »This is not Detroit« als Provokation in Richtung General Motors verstanden. Damals war das Opel-Thema ganz frisch und der Titel transportierte den ganzen Trotz: Wir gegen GM! Wir haben unsere eigene Identität! Dann hat sich die Bedeutung verändert, denn es geht heute viel mehr darum, sich nicht negativ abzugrenzen, sondern positiv neue Seiten an Bochum zu entdecken und zu erfinden. K.WEST: In welchem Projekt des Festivals schlägt sich das, was der Titel für jeden von Ihnen bedeutet, am ehesten nieder? ASSMANN: Ich glaube, fast eins zu eins übersetzen lässt es sich durch ein Projekt, das das »Studio umschichten« aus Stuttgart entwickelt hat. Die wollen unter dem Titel »Opelation« das, was Opel an Materialien hinterlässt, gemeinsam mit Menschen aus Bochum umbauen in Gegenstände des privaten Glücks. D.h., sie gehen auf Einkaufstour mit Opel-Verantwortlichen und sammeln Teile von Produktionsgebäuden ein oder von Autos, die in die Presse gewandert sind – Dinge, die Opel übrig hat und der Stadt zurückgeben möchte. Metaphorisch ist dagegen eines der spannendsten Projekte für mich das von Heather & Ivan Morison, »All’s well that ends«, weil es die Verbindung von den kleinen privaten Katastrophen und wie man mit ihnen fertig wird, übertragen kann auf eine größere Dimension. Beide Projekte vermitteln, was möglich ist, wenn man selbst Verantwortung übernimmt. KRÖCK: Ich möchte mich auch auf zwei Sachen festlegen. Die eine ist das plakativste aller Projekte, die wir überhaupt machen. Nämlich, Tim Etchells von »Forced Entertainment« wird eine große Leuchtschrift an das Fördergerüst des Bergbau-Museums hängen, »How Love Could Be« wird sie lauten, eine Zeile aus dem allerersten Motown-Song überhaupt. Das ins Deutsche zu übertragen ist schwierig: Wie könnte Liebe sein, Was könnte Liebe sein, Was könnte sie bewirken usw. Dieser Schriftzug außen an einem der meistbesuchten Museen in Deutschland wird viele

Fragen hervorrufen und Reaktionen erzeugen, positive wie negative. Das Gegenstück dazu macht wohl Robert Kuśmirowski, er baut einen Raum in der Zeche 1, ein Fake von dem, was wir hier an der Industriekultur so toll finden: diese rostigen Rohre, den Alterungsprozess der Orte der Arbeit. Beide Projekte sind ein Spiel mit den Dingen und Orten, die im Ruhrgebiet Identität bedeuten. REICH: Wenn es um den Transformationsprozess geht, in dem eine Stadt wie Bochum sich befindet, der bedeutet, dass sie noch nicht so ganz weiß, wohin – dann interessiert mich das, was »basurama« vorhaben. Das ist ein Architektengruppe aus Madrid, die sich hier alles angeschaut haben und dann feststellten: Ihr wisst ja nicht, was Krise ist. Ändert euren Blick, schaut nicht auf die Dinge, die gerade schwierig sind, sondern auf die, die ihr besitzt. Ihr habt den ungeheuren Reichtum eines gut entwickelten und funktionierenden öffentlichen Raumes. Nutzt das und genießt es. Deshalb nennen sie ihr Projekt »Kollektiver Luxus«. »basurama« will einen offenen Aktionsraum schaffen, um mit den Stadtbewohnern herauszufinden, was wir brauchen. Das könnte z.B. ein Liegestuhl sein, um in der Stadt in der Sonne zu liegen. Aber den baut

www.ensembleruhr.de

NILS MÖNKEMEYER

ER_AZ_92_75x127mm_Nils_RZ.indd 1

Nils Mönkemeyer und das Ensemble Ruhr – Meditationen 26. April 2014, 20.00 Uhr Kammermusiksaal Martinstift Moers 27. April 2014, 19.00 Uhr Werner Richard Saal der Werner Richard – Dr. Carl Dörken Stiftung, Herdecke

18.03.14 10:14


22 | FESTIVAL

Das Künstlerkollektiv »modulorbeat« wird eine 7,5 Meter hohe One Man Sauna auf einer Bochumer Fabrikbrache errichten. Foto: Modulorbeat

man sich dann auf jeden Fall selbst. Das andere, das ich nennen will, ist »Just in Time, just in Sequence«, eine Komposition von Ari Benjamin Meyers, die versucht, den Rhythmus der Fabrik, der diese Region so lange bestimmt hat, umzuwandeln in Musik. Die Partitur wird wahrscheinlich zwei Seiten lang sein, aber die Dauer der Aufführung beträgt acht Stunden, einen Arbeitstag und es wird ein großes Fest und Happening. K.WEST: Kunst kann Arbeit nicht ersetzen. Was will sie dann bei ›Detroit‹ sein? Trostpflaster? Oder kann sie Zukunft aufzeigen? ASSMANN: Ich hatte mit diesem Projekt niemals im Sinn, Arbeitsplätze zu schaffen. (Lachen.) Ich wünsche mir aber, dass wir den Politikern und Stadtplanern, die diese Stadt weiterbauen, zum Abschluss von ›Detroit‹ unsere Perspektiven vorlegen und ihnen sagen können: Wenn die traditionellen Planungskulturen nicht mehr greifen, weil sie nur auf Wachstum ausgelegt sind, dann schaut doch mal, was die Künstler dazu denken und ausprobiert haben. Vielleicht können wir davon lernen. Vielleicht kann man, was die Entwicklung der Stadt nach Opel, was z.B. auch die Neunutzung der Opel-Flächen angeht, noch ganz andere Arten von Partizipation einüben. K.WEST: Der Hintergrund meiner Frage ist das Bild von jemandem, der von der Opel-Schließung direkt betroffen ist und der dann sicher eines nicht will: zum Trost kunstbespaßt zu werden. KRÖCK: In der letzten Zeit hat es bei einigen Opelaner auch eine Haltungsänderung dem Detroit-Projekt gegenüber gegeben. Was vorher als

Bekundung von Solidarität wahrgenommen wurde, verstehen manche nun als Angriff. Wir finden es aber wichtig, auch die Frage zu stellen »Was kommt nach Opel«. Wir sind weder Opel noch die Gewerkschaft, noch die Stadt. Das heißt nicht, dass wir die Menschen, die betroffen sind, aus der Debatte ausschließen wollen. Aber wir bleiben ein Kunstprojekt, wir wollen den Diskurs, auch die Kontroverse. Die müssen wir weiter treiben mit dem deutlichen Signal der Offenheit gegenüber allen. Aber auch mit dem Eingeständnis, dass die Kunstarbeiten nicht auf alles eine Antwort geben können und wollen. ASSMANN: Es wäre ein fataler Fehler, wenn jetzt wieder jemand daher käme und sagen würde, er wisse, wie es weitergeht. Der wieder die nächste große Option serviert. Wir jedenfalls wollen den Eindruck nicht erwecken, dass wir eine heilsbringende Botschaft für die Stadt Bochum parat hätten. Aber wir haben unsere Perspektiven, und die können wir einbringen. K.WEST: Weht also schon ein Gegenwind auf das Detroit-Projekt? KRÖCK: Der Wind weht uns nicht entgegen, doch die Frage nach der Stellung der Kunst stellen viele Zuschauer sich und uns auch. Diese Zweifel wird das Projekt auch nicht überwinden können. K.WEST: Der Weggang von Opel bedeutet nicht nur einen Verlust von Arbeit, sondern auch einen Gewinn von Gelände. Es wird eine Arbeit von Hofmann&Lindholm geben, »Ein Werk verschwindet«, die sich direkt mit dem Areal befasst. Warum nicht mehr? KRÖCK: Aus ganz praktischen Gründen. Wir kommen nicht aufs Gelände. Auf den Flächen wird weiterhin gearbeitet und auch in Werk 1 werden noch bis Ende des Jahres Autos gebaut. Doch die Adam Opel AG, die anfangs zurückhaltend war, unterstützt uns mittlerweile ganz aktiv, wir haben eine Drehgenehmigung für den Film von Hoffmann&Lindholm auf dem Fabrikgelände. Und bei der »Opelation« spielt die Firma ja auch mit. ASSMANN: Die Stadt Bochum und NRW.Urban haben schon längst einen Bebauungsplan und einen Workshop-Prozess für eine Neunutzung des Geländes angestoßen. Das wird jetzt im normalen klassischen Verfahren nach und nach der Bürgerschaft vorgestellt. Schön ist: Wir werden da jetzt eingebunden und können mit unseren Interventionen teilweise für neue Perspektiven sorgen. Ich glaube, man kann aus dem Areal mehr machen als bisher durch die klassische Raumplanung im Ruhrgebiet erreicht wurde. REICH: Wir reden hier ja nicht über Zwischennutzung durch Kunst, sondern es geht um mehr. Denn auf diesem riesigen Areal wird ein neuer Stadtteil entworfen. Das ist die Chance, sich anhand einer einzigen Fläche die Frage zu stellen: Bochum, wie willst du in Zukunft leben, wie siehst du dich, wohin gehst du? ASSMANN: Wobei es sich ja hierbei nicht nur um Bochum handelt, sondern ums ganze Ruhrgebiet. 2018 schließen die letzten Zechen, da werden noch mal riesige Gelände frei. Diese nächste große Dimension sollte schon bei der Diskussion um die Nachnutzung der Opel-Fläche mit bedacht werden. INFO

»Detroit« ist ein Projekt von Schauspielhaus Bochum und Urbane Künste Ruhr, 26. April bis 5. Juli 2014. K.WEST ist Medienpartner. Am 10. April gibt es in den Kammerspielen eine öffentliche Diskussion über die Neunutzung der Opel-Flächen. www.thisisnotdetroit.de


Deutschlands größter Filmpalast

w w w. l i c h t b u r g - e s s e n . d e


24 | DESIGN

BLÄTTER, DIE DIE WELT BEDEUTEN TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Die großen Dramen in DIN A1: Das Museum Folkwang zeigt »Theater für die Straße – Plakate für das Theater« und wirft zudem einen Blick zurück auf die 25-jährige Plakatgeschichte des Essener Aalto-Theaters.

Holger Matthies: Kabale & Liebe, 1988, Berlin. F. Bahruth Offsetdruckerei, Hamburg-Reinbek, Offset, 118,8 x 84 cm. Foto: Museum Folkwang, 2014

»Schweinebauch« – so nennt man in der Werbe-Branche liebevoll-despektierlich Anzeigen und Plakate ohne jede kreative Raffinesse, die ohne den Weg über das Hirn und Herz auskommen. Produktfoto, Name drauf – fertig. Mehr braucht es manchmal auch gar nicht, wenn man besagten Schweinebauch o.ä. unter das Volk bringen möchte. Bei Kinoplakaten funktioniert es ähnlich, da reicht oft die dramatischste Filmszene oder ein prominenter Kopf zur Ankündigung; meist ertränkt in digitaler Effektbearbeitung. Bei Theaterplakaten liegt die Sache anders – sie können als künstlerische Interpretationen des jeweiligen Stoffes gelesen werden und richten sich an ein Publikum, das, gerade bei den Klassikern, mit den Stücken vertraut ist. Und überhaupt – lässt sich im Medium Plakat noch etwas Innovatives erzählen über Faust, Macbeth, Hamlet? Beim Gang durch die Ausstellung »Theater für die Straße – Plakate für das Theater« im Museum Folkwang, vorbei an rund 80 Plakaten aus den Jahren von 1826 bis in die Gegenwart, lässt sich die Frage mit einem ›Ja, doch‹ beantworten. Bei der Auswahl der Arbeiten ging es den Kuratoren nicht um einen repräsentativen Querschnitt, sondern darum, »die Bandbreite und mögliche Qualität gestalterischer Arbeiten zum Thema Theater aufzuzeigen«. Eines wird deutlich: Je jünger das Medium Plakat, desto näher orientiert sich die illustrative Gestaltung am zu bewerbenden Theaterstück. Das Plakat zu »Jeanne Darc« von Eugène Grasset aus dem Jahr 1889 zeigt dann auch seine furchtlose Heldin, umschwirrt von Pfeilen und Hellebarden. Henri de Toulouse-Lautrecs Klassiker »Ambassadeurs/Aristide Bruant dans son Cabaret« könnte auch den Umschlag eines Kriminalromans zieren, und die, für die Jahreszahl sehr luftig bekleidete, Dame auf dem Plakat zu den Richard StraussWochen in München (1910) von Ludwig Hohlwein wäre heute wahrscheinlich ein Szenenfoto und keine aufwändige Illustration. Die Verwendung von Szenenfotos der jeweiligen Produktionen ist eben günstiger, als extra einen Illustrator oder Designer mit einer Illustration zu beauftragen. Aber eben auch entschieden langweiliger und uninteressanter, wie ein Blick auf den Teil der Ausstellung beweist, die die 25-jährige Plakatgeschichte des Essener Aalto-Theaters dokumentiert. Auch hier wurden Szenenfotos verwendet, die oft austauschbar sind. Dagegen wirkt der expressiv-illustrierte, schreiende Mann auf Johannes Grützkes »Meistersinger«-Plakat für das Aalto von 1988 weitaus emotionaler und markanter. Dass es auch anders geht, zeigt das »Macbeth«-Plakat von Feride Yaldizli (2013) – das Foto, auf dem eine junge Frau dem Betrachter ein blutverschmiertes Tuch entgegenstreckt, lässt genug Raum für die eigene Abstraktion. Vor dem Hintergrund des bekannten Stoffes eine eigene Geschichte erzählen zu können, das ist die große Chance, aber auch eine Herausforderung für den Plakatgestalter. Gerade die osteuropäischen Gestalter haben bis in die 90er Jahre eine stark illustrative Tradition geprägt, was auch in der Ausstellung deutlich wird. Józef Mroszczaks popfarbenes Plakat für »Borys Godunow« (Polen, 1961) oder Henryk Tomaszewskis »Hadrian VII.« (Polen, 1961) dokumentieren die verschiedenen Stile und beeinflussten auch westliche Gestalter wie


K.WEST 04/2014 | 25

UNSERE PARTNER IM APRIL 2014

www.schauspielhausbochum.de/ spielplan/das-detroit-projekt-2013-2014/

www.kulturkenner.de

Ludwig Hohlwein: Richard Strauss-Woche, 1910, München. Farblithografie, 111 x 74 cm © VG Bild Kunst, Bonn, 2014. Foto: Museum Folkwang, 2014

Horst Janssen bei seinem Plakat der »3 Groschen Oper« (1969). Vor Kitsch ist man aber auch hier nicht gefeit. Ebenso wenig vor politischen Botschaften, die im Rückblick oft großspurig wirken und mit dem Holzhammer daherkommen. Wie so oft ist weniger mehr – wenn sich die großen Dramen der Theatergeschichte auf raffinierte, typografische Inszenierungen reduzieren, oder man das Plakat selbst für extravagante Eingriffe nutzt: Stephan Bundis mutwillig und brutal aufgekratztes Plakat für »Carmen«, das eine rote Fläche unter dem eigentlichen Plakat freilegt; Holger Matthies’ brennendes »E«, das sich aus dem Schriftzug »Kabale und Liebe« löst und in den Weißraum trudelt, oder aber Uwe Loeschs rhythmisch-kaputte Typografie für »Don Juan/Carmen«. Oder aber man lässt jeden gestalterischkreativen Bezug sausen und verlässt sich ganz auf die Bilder im Kopf und auf die Erwartung des Publikums – und druckt eine karge, in der »Futura« gesetzte, Tabelle wie für die Sommerspielzeit 1950 der Bühnen Essen.

www.kunststiftungnrw.de

www.nrw-kultur.de

www.quadriennale-duesseldorf.de

INFO www.rheinland1914.lvr.de

Theater für die Straße – Plakate für das Theater 8. März bis 15. Juni 2014 Museum Folkwang, Essen Tel: 0201/8845 000 www.museum-folkwang.de www.soundseeing.net


26 | DESIGN

das Ding

Design im Alltag

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Ist Beige nun eine Farbe, ein Zustand oder eine ästhetische Haltung? Ein Symbol für elegante Mode – Burberry – oder eine visuelle Zumutung, in die sich vornehmlich und immer noch die Rentner der Nation hüllen, als visueller Gegenpol zu ihren aktiven Altersgenossen, die sich in bunten Funktionsjacken dem Terror der Fußgängerzonen entgegenstellen? (Sicherlich – alt werden wir alle, aber das heißt ja nicht, dass man sand- und tarnfarben aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden muss.) Sowohl als auch, lautet die Antwort und passt damit perfekt zu Beige, diesem unauffälligen Zwischending in der Farbpalette. Kein Wunder, dass in den trägen 1980er Jahren die Badezimmereinrichtungen aus den 70ern in Dunkelgrün oder Orange durch beige- oder cremefarbene Armaturen und Fliesen ersetzt wurden. Keine Experimente, ich will so bleiben wie ich bin, das Mittelmaß wurde zum Trend. Sah ja auch irgendwie eleganter und heller aus als die dunkelgrünen Steingutfliesen. Heute findet man in den Musterbüchern von Tapetenund Stoffherstellern stattdessen zum selben Farbton die Bezeichnung »Warm-Grey«; also eine Art urban-euphemistisches Hipster-Beige. Schade eigentlich, denn Beige hat sich bereits im 19. Jahrhundert aus dem französischen Sprachgebrauch heraus als Synonym für »sandfarben« etabliert. Thomas Burberry entwickelte bereits 1870 den gleichnamigen, beigen, wasserabweisenden Stoff und schneiderte Mäntel daraus. Diese trugen französische und britische Soldaten während des ersten Weltkrieges in den Schützengräben (englisch: trench) – der Trenchcoat war geboren und kleidete später elegante Film-Gauner wie Alain Delon oder Fernsehkommissare wie Derrick; und auch Columbos knittrigen, beigen Ermittlungskittel könnte man als Trenchcoat durchgehen lassen. Das, was man als Farbe Beige versteht, ist längst im Farbbestimmungssystem RAL verbindlich definiert – unter der Bezeichnung RAL 1001. Weitere sandig-erdige Nuancen sind

Grünbeige (RAL 1000), Braunbeige (RAL 1011), Graubeige (RAL 1019) und Perlbeige (RAL 1035). Eine Sonderstellung nimmt dabei RAL 1015 ein, das offiziell gar kein richtiges Beige ist, sondern Hellelfenbein. Dieser Farbton ist seit 1971 in der Bundesrepublik für Taxen vorgeschrieben, da die Fahrzeuge bei Dunkelheit so besser zu identifizieren sind; außerdem laden sie sich in heißen Sommern bei längeren Standzeiten nicht so schnell mit Hitze auf – bis 1971 waren die Taxen in Deutschland schwarz lackiert. Diese Vorschrift ist mittlerweile gelockert worden; zwar bestimmen die beigen Limousinen weiterhin das Straßenbild, es ist aber an den Bundesländern, die Farbwahl zu liberalisieren. Lobbygruppen werden da ihr Übliches tun, wenn auch aus kaufmännischen statt ästhetischen Gründen. So rechnet der Taxiverband Deutschland (TVD) vor, das bei einem Wiederverkauf des Wagens in der charakteristischen Lackierung mit einem Wertverlust vom 1000 bis 5000 Euro zu rechnen sei. Deutschland hat eben keine coolen Yellow Cabs wie New York City oder elegant-schwarze Taxen wie London; obwohl auch diese mittlerweile vom eigenen Mythos leben. Da passt das etwas biedere, unglamouröse Beige doch etwas besser zur Bundesrepublik; auch visuelle Langeweile kann zum Identitätssymbol werden. Das war schon bei den olivgrün-beigen Polizeiuniformen so, die 1976 zwecks optischer Vereinheitlichung eingeführt und von Modedesigner Heinz Oestergaard entworfen wurden. Obwohl die eigenwillige Farbwahl in der Kritik stand, war die Schutzpolizei stets identifizierbar, was bei den heutigen, schwarz-blauen Uniformen schwieriger geworden ist. Der beige Beamte der damaligen Zeit wurde Opfer von Beleidigungen wie »Da kommt der Schützenverein« oder »Sie Oberförster!«. Wobei – letzteres wurde von einem Gericht nicht als Beleidigung anerkannt, da ein Oberförster laut Beamtenrecht, im Gegensatz zum Polizisten, im höheren Dienst arbeitet.


Photo: Jimmy Kets

Fri 25–Sun 27 April 12 noon – 8 pm Brussels Expo www.artbrussels.com

@ArtBrussels artbrussels


28 | KUNST

Johannes Thopas: Venus, Mars und Cupido (nach Cornelis Cornelisz. van Haarlem), 1656-1664. Teylers Museum, Haarlem

BRILLANT UND UNBEKANNT TEXT: STEFANIE STADEL Er hat wunderbare Zeichnungen zu Papier gebracht, war ein gefragter Porträtist im »Goldenen Zeitalter« der Niederlande. Doch heute kennt keiner mehr Johannes Thopas. Das Suermondt-LudwigMuseum in Aachen begibt sich jetzt auf die Spuren des gehörlosen Meisterzeichners. Rund 40 Werke führen in der Ausstellung durch das bemerkenswerte, wenn auch etwas eintönige Œuvre.

Er liebt die großen Unbekannten. In schöner Regelmäßigkeit gräbt Museumsdirektor Peter van den Brink sie aus: Hans van Aachen etwa, Joos van Cleve oder Cornelis Bega wurden im Suermondt-Ludwig-Museum zuletzt mit großen Einzelausstellungen ins Rampenlicht gerückt. Jetzt ist Johannes Thopas dran. Zweifellos einer, der den Entdeckergeist in besonderem Maße reizt. Denn der gehörlose Autodidakt hat noch nicht einmal den Status des vielzitieren Insider-Tipps erreicht. Selbst Experten für niederländische Kunst des goldenen 17. Jahrhunderts haben oft nicht vielmehr als ein Schulterzucken für ihn übrig. Warum aber fand er bisher so wenig Beachtung? An einem schlechten Ruf kann es zumindest nicht liegen. Wenn in den vergangenen Jahrzehnten einmal die Rede von ihm war, dann kam Thopas immer gut weg – kein Zweifel also an der Qualität seiner Arbeit. So finden sich denn auch viele seiner Blätter in herausragenden internationalen Sammlungen. Das Rijksmuseum in Amsterdam und die Wiener Albertina, das Victoria & Albert Museum in London und das Frankfurter Städel zählen zu den Leihgebern der Aachener Ausstellung. An die 40 Wer-


K.WEST 04/2014 | 29

ke sind da im Dämmerlicht zusammengekommen. Doch reicht ein Blick in die Schau, und die mangelnde Publicity wird erklärlich. Schuld sein dürfte nicht zuletzt jene denkbar unspektakuläre Technik, der Thopas sich verschrieben hatte. Er schuf fast ausschließlich schwarzweiße Porträts im Miniformat. Die meisten sind mit spitzem Graphitstift auf Pergament gebracht und mit Tinte laviert. Da springt einen nichts an, wie man es gewohnt ist von den vielen PrachtGemälden dieser Zeit. Man muss schon ganz nahe herantreten – hineinkriechen quasi – will man die Finesse dieser Zeichnungen schätzen lernen. Am besten mit der Lupe lassen sich die fein ausgearbeiteten Oberflächen erkunden, das differenzierte Chiaroscuro, auch jenes zarte Gekringel, das bei Thopas an Stelle der zeichnerischen Linie tritt. In Aachen kann man nachvollziehen, wie der Zeichner mit zunehmender Sicherheit sein Repertoire erweitert. Der Zwanzigjährige beschränkt sich noch auf winzige Brust-Bildnisse vor neutralem Grund. Mit dem Umzug von Utrecht nach Amsterdam weitet sich dann sein Blick. Aus dem Fenster fällt er auf authentische Architekturen – Nieuwe Kerk etwa oder Rathaus – die klein, aber unverkennbar den Ort des Geschehens definieren oder aber auf Beruf und Stand des Proträtierten hinweisen. Waren es zunächst nur Durchblicke, so wagt sich Thopas bald an komplette Landschaftshintergründe. 1664 lässt er ein edel gekleidetes Paar mittleren Alters vor einer bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Waldlichtung mit Hunden, Jägern und springenden Hirschen posieren. Thopas schuf das alles im Stillen, ohne große Werkstatt oder gar Gehilfen. Er war ganz bestimmt nicht der Mann für große Gesellschaften. Allein schon wegen seiner Behinderung. Erst in Zusammenhang mit der Aachener Ausstellung, die im Anschluss ins Rembrandthuis nach Amsterdam weiterwandert, hat man in Archiven gestöbert, um Näheres zur Biografie herauszufinden: Als Sohn aus einer wohlhabenden Arzt-Familie kam Johannes wohl 1626 in Arnheim zur Welt. Zunächst umsorgte die Mutter den taubstummen Sohn, später lebte er behütet bei Brüdern und Schwestern. Die Familie traute ihm offenbar nicht zu, dass er seinen Unterhalt aus eigener Kraft bestreiten zu können. Vielleicht ein Irrtum. Denn Thopas’ Kundschaft muss zum Teil wohl ziemlich betucht gewesen sein. Davon zeugen die Kleidung der Porträtierten und das zuweilen recht noble Ambiente. Zum Beispiel im Porträt von Jan Wijs, der sich mit stolzer Haltung und selbstbewusster Miene präsentiert. Drum herum deutet Thopas das Amsterdamer Wohnhaus des Kaufmanns an – es gleicht einem Palast mit der Aussicht auf eine imposante Stadtkulisse. Als wohlhabender Sprössling einer Zuckerbäckerfamilie zählte Wijs zu den typischen Auftraggebern der Zeit – in einem Land, das dank der florierenden Wirtschaft zu einem der reichsten in Europa aufgestiegen war. Die Republik der Niederlande war im 17. Jahrhundert die führende Handels- und Seemacht, es herrschten Religionsfreiheit und ein tolerantes Klima. Das Sagen hatten nicht länger Klerus oder Adel, sondern Kaufleute, Unternehmer, Bankiers. Unter jenen zu Macht und Wohlstand gelangten Bürgern fanden Thopas und seine Künstlerkollegen ihre zahlungskräftigen Auftraggeber. Reich, stolz, selbstsicher, arbeitsam, mit ausgeprägtem Familiensinn – diese Sorte von Leuten passten perfekt ins »Goldene Zeitalter«. Es sind vor allem Gemälde, die unsere Vorstellung von dieser Blütezeit in den Niederlanden prägen und bis heute lebendig halten. Man rechnet mit 650 bis 700 Malern allein in Holland und kommt bei einer durchschnittlichen Rate von 94 gemalten Bildern auf 63.000 bis 70.000 Landschaften, Porträts, Stillleben, Genre- und Historiengemälde, die Jahr für Jahr auf den Markt gelangten. Gezeichnete Porträts, wie Thopas sie produzierte, gehen beinahe unter in der Bilderflut. Sie waren eine absolute Randerscheinung. Und stößt man dann und wann doch einmal auf ein gezeichnetes Bildnis, dann diente es zumeist als Vorlage für ein Gemälde oder eine Druckgrafik.

Johannes Thopas: Porträt eines unbekannten Paares, 1664. Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen / Anne Gold

Anders bei Thopas. Seine Zeichnungen sind durchweg als autonome Kunstwerke angelegt und wurden auch als solche präsentiert: Sie fristeten ihr Dasein nicht im Grafikschrank, sondern glänzten an der Wand, gerahmt wie sonst nur Gemälde. Trotzdem erscheint es verwunderlich, dass Thopas dermaßen eingleisig fuhr – immer nur Porträts, so gut wie alle gezeichnet. Der Künstler hätte das Zeug zu mehr gehabt. Das beweisen in Aachen zwei Ausreißer aus dem doch eher eintönigen Œuvre. Eine mythologische Szene mit Venus, Mars und Amor – überaus gekonnt abgezeichnet von einem heute verschollenen Gemälde des Haarlemer Malers Cornelis Cornelisz. Außerdem kann das Suermondt-Ludwig-Museum das einzige bekannte Gemälde von Thopas’ Hand präsentieren. Vor einigen Jahren erst wurde es in einer Privatsammlung entdeckt und vom Mauritshuis in den Haag erworben. Stolz hängt es nun im Zentrum der Aachener Schau. Auch dies ein Porträt, allerdings ein etwas ungewöhnliches. Es zeigt ein kleines Mädchens – eineinhalb Jahre wohl – auf dem Totenbett. Vergleichbares begegnet einem gelegentlich in der niederländischen Porträtkunst des 17. Jahrhunderts: Verstarb ein Kind aus wohlhabendem Hause, so ließen die Eltern es in einem letzten Abbild verewigen. Thopas liefert mit seinem Bildnis der kleinen Bürgermeisterstochter Catharina Margaretha van Valkenburg eines der schönsten Beispiele dieser Art. Das Rot des Vorhangs und der Bettdecke gibt dem Gemälde einen kontrastreichen, lebhaften Anstrich, ohne ihm den Ernst zu nehmen. Thopas war also nicht nur als Zeichner brillant – und vielleicht auch gar nicht so beschränkt in seinem Schaffen. Denn wahrscheinlich hat er viel mehr als nur das eine Porträt mit Pinsel und Farbe vollendet. Überhaupt dürfte noch so einiges von ihm in diversen Sammlungen schlummern – unbemerkt und unerkannt. Zumal der Künstler längst nicht alle seine Arbeiten signiert hat. Die Aachener Ausstellung und der Katalog könnten erst der Anfang einer großen Wiederentdeckung sein. Demnächst vielleicht also mehr vom großen Unbekannten und seinen kleinen Meisterwerken.

INFO

Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen Bis 22. Juni 2014 Tel.: 0241 / 479800 www.suermondt-ludwig-museum.de


30 | KUNST


K.WEST 04/2014 | 31

MENSCHEN MIT DER KAMERA AUFSPIESSEN TEXT: ANDREJ KLAHN

Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur richtet August Sander, dem Plattenkamera-Soziologen und Schmetterlingssammler unter den Fotografen, eine große Jubiläumsausstellung anlässlich seines 50. Todestages aus. Gezeigt werden »Meisterwerke und Entdeckungen«.

August Sander: Jungbauern, 1914 © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG BildKunst, Bonn, 2014

Der Blick ins Atelier ließe kaum vermuten, dass dort ein Mann am Werk ist, der zum deutschen Ahnherren des dokumentarischen Stils in der Fotografie werden sollte. Im weißen Malerkittel, mit Pinsel und Farbpallette sitzt August Sander vor einem Landschaftsbild. An den Wänden drängeln sich fertig gestellte Gemälde bis über Kopfhöhe hinaus, bewacht von einem Zähne fletschenden Eisbären-Teppich. Aufgenommen wurde das Foto 1905 in Linz, wo Sander ein »Atelier für bildmäßige Photographie« führte, das er wahlweise auch als »Kunst-Anstalt für Moderne Photographie und Malerei« bezeichnete. Zu einer Zeit, als der 1876 im siegerländischen Herdorf geborene Sohn eines Grubenzimmermanns noch nicht an seinem fotografischen Großprojekt »Menschen des 20. Jahrhunderts« arbeitete, das in »absoluter Naturtreue ein Zeitbild unserer Zeit« zeichnen sollte. In Linz ist der junge Sander noch weit davon entfernt, mit der Großbildkamera Soziologie betreiben zu wollen. Er hat künstlerische Ambitionen, möchte Maler werden, denn der Fotograf gilt noch als Handwerker. Was an den Wänden seines Aterliers hängt, legt die Vermutung nahe, dass Sanders malerische Versuche ganz in der realistischen Tradition des 19. Jahrhunderts stehen. Man könnte auch sagen: Sie lassen in ihrer Naturtreue den fotografischen Blick erkennen. Während die Fotos, die Sander in dieser Zeit anfertigt, mit Retusche und Edeldruckverfahren zum Malerischen tendieren. Es sollte lange dauern, bis der Autodidakt dann doch noch zum Künstler wird. Mitte der 1920er Jahre, Sander betreibt mittlerweile ein Atelier auf der Dürener Straße im Kölner Stadtteil Lindenthal, entwirft der Fotograf sein später modifiziertes Konzept für die epochalen »Menschen des 20. Jahrhunderts«. Ein »Kulturwerk in Lichtbildern« möchte er schaffen, nach Ständen geordnet und eingeteilt in sieben Gruppen: der Bauer, der Handwerker, die Frau, die

Stände, die Künstler, die Großstadt und die letzten Menschen. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Idee, Menschen nach Typen zu sortieren, ausgerechnet in der Zeit der unruhigen Weimarer Republik entsteht. Die wilhelminische Gesellschaft befindet sich in Auflösung und mit ihr all das, was Lebensentwürfen wohl oder übel Halt verleihen kann: Klassengrenzen werden durchlässiger, Hierarchien geraten durcheinander, Routinen und Konventionen werden neu ausgehandelt. In diesen Jahren bildet sich eine Art Gegenprogramm zur sozialen Mobilität heraus, das Helmut Lethen einmal als »Furor des Rasterns« beschrieben hat. Auf der Suche nach Stabilität in der Unordnung wird klassifiziert und typologisiert: von der Handschrift über den Charakter und Körperbau bis hin zur Rasse. Vor diesem Hintergrund hatte der Sozialwissenschaftler Max Weber seine Zunft in dem 1920 erschienenen Aufsatz »Wissenschaft als Beruf« mit viel heldenhafter Emphase auf Nüchternheit eingeschworen. Wie später auch Sander, fordert er ein rückhaltloses Bekenntnis zum Zeitalter ein. Es gelte, dem »Schicksal der Zeit in sein ernstes Antlitz« zu blicken und es »männlich« zu ertragen. August Sanders kurze Programmschrift, die anlässlich der ersten Ausstellung seiner »Menschen des 20. Jahrhunderts« im Kölnischen Kunstverein 1927 erscheint, liest sich wie ein Echo auf solch neusachliche Appelle. Er müsse, heißt es da, als »gesunder Mensch so unbescheiden« sein, »die Dinge so zu sehen, wie sie sind und nicht wie sie sein sollen oder können«. Nichts, so lässt Sander sein Publikum wissen, sei ihm verhasster als »überzuckerte Photographie mit Mätzchen, Posen und Effekten«. Damit ist der Konzept-Künstler August Sander geboren, der das Gesellschaftsporträt seiner Zeit aus einer Vielzahl von Einzelbildern zusammensetzen will, um hinter dem Individuellen die allgemeine Struktur sichtbar zu machen. Der 2005 verstorbene Sammler und Kurator Leo Fritz Gruber,


32 | KUNST

August Sander: Zirkusartisten, 1926–1932 © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG BildKunst, Bonn, 2014

August Sander: Laborant, 1938, Gelatinesilbernegativ © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG BildKunst, Bonn, 2014

der nach dem Krieg maßgeblich dazu beigetragen hat, Sander bekannt zu machen, hat dieses gewaltige Vorhaben mit der Tätigkeit des Insektenkundlers verglichen: Sander habe die Menschen wie Schmetterlinge mit der Kamera aufgespießt. Nur dass die Beute des Entomologen nicht in Schaukästen, sondern in Mappen aufbewahrt wird. Allein für die Gruppe »Der Bauer«, die so genannte Stammmappe der »Menschen des 20. Jahrhunderts«, sah das Urkonzept sieben Untergliederungen vor, für den Jungbauern genauso wie für das Bauernkind und seine Mutter oder den Bauern und die Maschine. In seine Mappen fügt Sander auch solche Porträts ein, die Jahre zuvor in einem ganz anderen Verwertungszusammenhang entstanden sind. Der Großteil ist Auftragsarbeit. Bis zuletzt wird der Künstler August Sander also ein Zwilling des Berufsfotografen bleiben und sich darin von den industriearchitektonischen Archäologen Bernd und Hilla Becher unterscheiden, die Sanders Einfluss auf die eigene typologische Arbeit immer betont, jedoch eine eigens für ihr Vorhaben ausgeprägte Bildsprache entwickelt haben. Der Fotograf betreibe »vergleichende Photographie«, schreibt Alfred Döblin in seinem Vorwort zum Bildband »Antlitz der Zeit«, in dem Sander 1929 sechzig seiner »Menschen des 20. Jahrhunderts« erstmals in Buchform vorstellt. Darin finden sich die heute berühmtesten Gesichter aus Sanders Sammlung. Als Vintage-Prints sind sie in der Kölner Ausstellung zu sehen: der 1928 aufgenommene Konditor, ein dickleibig-kurzhalsiger, schnauzbärtiger Mann im fleckenlos hellen Kittel. Sein Blick ist – wie auf nahezu allen

Sander-Porträts üblich – direkt in die Kamera gerichtet. In der rechten Hand hält der Kahlkopf einen Löffel, mit dem er in einem silbernen Bottich herumrührt. Dahinter lösen sich die Konturen der Werkstatt in Dunkelheit und Unschärfe auf. Oder die berühmten Jungbauern, die Sander 1914 auf einem Feldweg im Westerwald abgelichtet hat. Drei herausgeputzte junge Männer im Sonntagsanzug, die sich mit lässiger Eleganz auf ihre Spazierstöcke stützen. Erwartungsvoll sehen sie aus, stolz, vielleicht auch ein bisschen hochmütig. Dass dieses Bild zu einer Ikone der Fotografie wurde, lässt sich schwerlich durch die handwerkliche Qualität der Aufnahme erklären. Eher schon dadurch, dass die Frage nach der Richtung, in die diese Bauern unterwegs sind, von der Weltgeschichte beantwortet worden ist. Kurz nach der Aufnahme bricht der Erste Weltkrieg aus, und einer der Jungbauern wird ihn nicht überleben. Mit dem Wissen um diese historische Pointe sieht der Betrachter drei Männer auf dem Weg zum Totentanz. Die Ausstellung verengt den Jubiläums-Fokus jedoch nicht auf den Säulenheiligen der sachlichen Porträt-Fotografie. Gezeigt werden neben Landschaftsaufnahmen auch Kuriositäten wie ein Porträt des zerzausten Fotografen nach dem Mittagsschlaf, aufgenommen von seiner Assistentin; dazu weniger bekannte Werkgruppen, die teils schon in Ausstellungen der Photographischen Sammlung zu entdecken waren. Darunter etwa eine kleine Auswahl aus dem über 300 Aufnahmen umfassenden SardinienKonvolut. Entstanden ist es 1927 während einer Reise, die Sander zusammen mit dem Schriftsteller Ludwig Mathar unternommen hat. Sander wollte den fernen Kulturraum mit


K.WEST 04/2014 | 33

der Kamera vermessen und Szenen des einfachen sardischen Landlebens einfangen. Seinem Programm bleibt er dabei auch fernab der Heimat treu und porträtiert die Einheimischen meist frontal bei natürlichem Licht. Dass Sander lange Zeit in Kategorien der bildenden Kunst dachte, zeigt eine »Studien, der Mensch« betitelte Werkgruppe. Unter diesem Titel versammelt er an Skizzen erinnernde Detailansichten von Händen und Fingern, die er in den 1920er Jahren teils aus vorhandenen Porträts heraus vergrößert, teils eigens für die Serie anfertigt. Knapp hundert Jahre später darf man darin kaum mehr als Fingerübungen eines Mannes erkennen, der sich selbst wohl nie hätte träumen lassen, dass er einmal als Alter Meister in die Geschichte der Fotografie eingehen würde. . INFO

»August Sander – Meisterwerke und Entdeckungen« Bis zum 3. August 2014 in der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur www.sk-kultur.de

K.WEST_210 x 146,5 mm_Layout 1 21.03.14 14:24 Seite 1

QUADRIENNALE? DAS K.WEST-SPECIAL ZUM FESTIVAL AB MITTE APRIL 2014 ERHÄLTLICH!

KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR K.WEST – DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS www.kulturwest.de


34 | KUNST

MIT DEN GENIEN IST ALLES GUT TEXT: MARTIN KUHNA

Philipp Otto Runge: Die Genien auf der Lichtlilie, 1809. Foto: Wallraf-RichartzMuseum & Fondation Corboud


K.WEST 04/2014 | 35

Jasmin Hartmann kam als Studentin zur Provenienzforschung, indem sie sich an einem Dresdener Projekt beteiligte, das die Rolle des Kritikers Will Grohmann (1887–1968) als Netzwerker der Kunstszene umfassend aufarbeitet. Hartmann konzentrierte sich auf das enge Verhältnis Grohmanns zu Ernst Ludwig Kirchner und schrieb darüber auch ihre Magisterarbeit. Dazu gehörte die Sichtung jener Werke, in denen Kirchner seinen Förderer Grohmann abgebildet hatte. Eines davon – »Moderne Bohème« – ist heute im Besitz des »Minneapolis Institute of Arts«, USA. Wie war es dort hingekommen? Es zeigte sich: Die 1924 entstandene Gemäldeversion der Atelier-Szene hatte Direktor Ernst Gosebruch schon 1925 für das Museum Folkwang angekauft. Zwölf Jahre später wurde das Bild als »entartet« beschlagnahmt. Es gehörte dann zu jenen Kunstwerken, die gegen Devisen ins Ausland verkauft werden sollten, mit Hilfe von vier Kunsthändlern: Bernhard A. Böhmer, Karl Buchholz, Ferdinand Möller und – Hildebrand Gurlitt. Karl Buchholz leitete die »Moderne Bohème« an Curt Valentin weiter, seinen ehemaligen Mitarbeiter, der als »Nicht-Arier« 1937 nach Amerika emigriert war und in seiner New Yorker Galerie mit »entarteter Kunst« handelte. Valentin war mit Kritiker Grohmann befreundet und mit Kirchner bekannt; das Bild hängte er in seiner Wohnung auf, wohl wissend, dass es »der Kirchner aus dem Folkwang« war: Nichts könnte besser illustrieren, wie sich diese Kunsthändler verstrickten, als sie im Namen der Nazibonzen Geschäfte machten. Mit diesem Projekt war die angehende Kunsthistorikerin Jasmin Hartmann also mittendrin im Thema Provenienz. Sie war als Studentin der FU Berlin außerdem am richtigen Ort, um es zu vertiefen: Dort hat es sich im Lauf der Jahre zu einem Schwerpunkt entwickelt. Seit 2011 existiert sogar ein komplettes Ausbildungs-Modul »Provenienzforschung« mit Vorlesungen, Seminaren und Übungen, angeboten vom Kunsthistorischen Institut in Zusammenarbeit mit der »Arbeitsstelle für Provenienzforschung am Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin«. Die »Arbeitsstelle« als bundesweite Koordinatorin staatlich geförderter Forschungsprojekte bietet außerdem ein zweijähriges Volontariat. Volontärin Hartmann griff zu, als sich im Kölner Wallraff-Richartz-Museum eine erste richtige Stelle anbot. Seit Herbst 2013 hat sie dort einen hellen Arbeitsplatz, mit Blick auf die Dächer der Kölner Altstadt und mit direktem Zugang zum großen Aufzug, dessen kunstlastentaugliche Kapazität sie jedoch vorerst nicht nutzen wird, denn ihr Forschungsauftrag bezieht sich auf eher handliche Bestände der grafischen Sammlung, genauer: auf 2.500 Ankäufe für die grafische Sammlung zwischen 1933 und 1945. Das entspricht dem Prinzip der Berliner »Arbeitsstelle«, Forschungsprojekte nur zu fördern, wenn sie sich auf hinreichend verdächtige und überschaubare Bestände beziehen. Naturgemäß geht es dabei weniger um »entartete« Kunst, auch wenn die Kölner Ankäufer sich – aus NS-Sicht – durchaus Fehlgriffe leisteten. Entscheidend ist die Vermutung, dass Kunst damals aus trüben Quellen angekauft wurde. Kunst, die ihre rechtmäßigen Besitzer unter Druck oder gar

Zwang hatten hergeben müssen, womöglich weit unter Wert. »Raubkunst« also. Was sie erwarben, hielten die Kölner damals in Inventar-Büchern fest, mit den wichtigsten Daten und zuweilen mit liebevoller gezeichneter Miniatur-Wiedergabe des Bildes. Weit prosaischer ist die »Excel«-Liste, in die Jasmin Hartmann alles übertragen hat. Immerhin gibt es farbliche Unterlegungen, je nachdem, was aus dem Bild geworden ist, ob es noch im Haus ist und wie viel man darüber weiß. Natürlich forscht Hartmann den 2.500 Werken nicht planlos hinterher. Zeichnungen als Unikate haben Vorrang vor Druckgrafiken. Verdächtige Fälle vor eher unverdächtigen. Zum Beispiel: Inventar-Nummer 1937/9, eine ätherische Zeichnung des Frühromantikers Philipp Otto Runge mit dem Titel »Die Genien auf der Lichtlilie« von 1809. Laut Inventarbuch wurde es bei der Leipziger Galerie C.G. Börner für knapp 12.000 Reichsmark erworben. Verdächtig wird der Erwerb durch das Ankaufsjahr: 1937. Da standen deutsche Juden schon unter brutalem Verfolgungsdruck und mussten oft weit unter Wert abgeben, was ihnen gehörte. Woher also hatte die Galerie das Werk? Der Blick aufs Bild selbst brachte Forscherin Hartmann nicht weiter: Auf der Rückseite gibt es nur einen alten handschriftlichen Vermerk: »Original von Philipp Otto Runge«. Weitere Unterlagen wie die Rechnung fanden sich im Museum nicht – das Meiste, sagt Jasmin Hartmann, ist im Bombenkrieg verlorengegangen. Was blieb, könnte ins Kölner Stadtarchiv gelangt sein, aber das ist bekanntlich vor fünf Jahren in einen U-Bahn-Stollen gestürzt. Ob sich in den geretteten Beständen Verwertbares aus dem WallraffRichartz-Museum findet, wird Hartmann demnächst prüfen. Bei Runges »Genien« war es immerhin möglich, in der Galerie Börner nachzuforschen, die noch heute – in Düsseldorf – existiert. Tatsächlich entdeckte sie dort die Bestätigung, »dass wir die Zeichnung ersteigert haben«.

www.menschenschlachthaus-ausstellung.de

VON DER HEYDT-MUSEUM WUPPERTAL 8.4. - 27.7.2014 Otto Dix, Selbstbildnis als Soldat, 1914, Kunstmuseum Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Sonst aber nicht: Wegen der Skandale um »NSRaubkunst« ist eine wachsende Schar junger Wissenschaftler damit beschäftigt, die verworrene Besitz-Historie tausender Kunstwerke nachzuzeichnen – zumeist projektbezogen und befristet. Ob »Provenienzforschung« sich nach Klärung der drängendsten Fragen als Hilfswissenschaft dauerhaft etabliert, muss sich erst zeigen.

Der Erste Weltkrieg in der französischen und deutschen Kunst Führungen buchen Tel. 0202/563 6397 und online


36 | KUNST

Inventarbuch des Wallraf-Richartz-Museums: Ungewöhnlicherweise wurden hier die erworbenen Werke skizziert. Foto: K.WEST

Neben der klassischen Literaturrecherche bedient sich die Provenienzforschung zunehmend des Internets. Es gibt zahlreiche öffentliche Webadressen zum Thema; unter einer fand sich der Katalog jener Versteigerung, bei der die Runge-Zeichnung am 19. Juni 1937 an das Wallraff-Richartz-Museum ging. Am Ende konnte Jasmin Hartmann feststellen, dass die »Genien« als »unbelastet« einzustufen sind: Der Sohn des Künstlers hatte das Blatt dem »Hamburger Künstlerverein« überlassen. Der wiederum ließ es 1937 in Leipzig versteigern. Indizien für Unrechtmäßiges gibt es nicht. Einen Problemfall hat Jasmin Hartmann seit ihrem Start in Köln noch nicht identifiziert. Schön für das Museum, aber man darf annehmen, dass ein kritischer Fall aus Sicht der Forscherin schon spannend wäre, denn neben der Fähigkeit zu akribischem, kritischem Quellenstudium ist bei der Provenienzforschung auch detektivischer Spürsinn und Jagdinstinkt im Spiel. Das klingt nach einem recht einsamen Job, doch ist die Forscherin nicht ganz auf sich allein gestellt. Es gibt, so sagt sie, einen regen kollegialen Austausch mit anderen Provenienzforschern: Man ist vernetzt und hilft einander, nicht zuletzt über eine nichtöffentliche Website, in die Hartmann kontinuierlich die Ergebnisse ihrer Arbeit einspeist. Das gehört zu ihrem Auftrag. Angesichts des zeitlichen Drucks beim Thema »Raubkunst« folge ihre Arbeit nicht dem klassischen akademischen Muster: erst ausgiebig forschen, dann schreiben und eindrucksvoll publizieren. Ihre Stelle ist zunächst auf ein Jahr befristet. Die Bewilligung eines zweiten muss sie jetzt schon beantragen. Allerspätestens nach drei Jahren ist Schluss, muss der Auftrag erledigt sein. Das ist bei Provenienzforschern so üblich; die meisten arbeiten freiberuflich in befristeten Projekten. Zwar hätte Jasmin Hartmann allein im Wallraff-Richartz-Museum genug zu erforschen, um – mit ihren derzeit 29 Jahren – gelassen der Rente entgegenzusehen. Doch sie weiß nicht, wie es weitergehen wird. Eine Festanstellung, irgendwann, irgendwo, fände sie nicht schlecht. Sie hofft, dass sich Provenienzforschung als kunsthistorische »Hilfswissenschaft« über die akute Frage der NS-Raubkunst hinaus in den Museen etabliert. Auf welchen Wegen ein Kunstwerk

in ein bestimmtes Museum gekommen ist, das sei schließlich Stoff nicht nur für Karteien, sondern auch für die Präsentation und für Ausstellungen. Das sieht ihr Namensvetter Uwe Hartmann von der Berliner »Arbeitsstelle« genauso. Der Aspekt des »Woher« habe bei der Kunstvermittlung lange eine ganz untergeordnete Rolle gespielt. In vielen Museen könnten Unbedarfte den Eindruck gewinnen: »Das war schon immer hier.« Insofern müsse Provenienzforschung kein auf NS-Folgen beschränktes Konjunkturphänomen bleiben, zumal auch andere historische Phasen bei zahllosen Kunstwerken die Besitzverhältnisse verwirrt haben: Revolution, Fürstenenteignung, Besatzung, DDR; »allein das Aufarbeiten der Säkularisierung wäre eine riesige Aufgabe.« Deshalb wünscht sich der Leiter der Berliner »Arbeitsstelle«, dass auch andere Hochschulen ihre sporadischen Lehrangebote zum Thema ausweiten und verstetigen. Was feste Stellen angehe, so habe an den großen Museen oder Archiven eigentlich »jeder Direktor einen gewissen Spielraum«. Bei kleineren Häusern stelle sich die Frage, ob nicht doch dauerhafte Unterstützung durch den Bund angezeigt ist. Kooperationen bieten sich natürlich an, doch in der Hinsicht spielt Köln noch die Rolle des einsamen Pioniers: Dort gibt es eine eigene Referentenstelle für Provenienzforschung; sie bearbeitet Anfragen, koordiniert und betreut die an städtischen Museen laufenden Arbeiten. »Sinnvoll« findet Uwe Hartmann dieses Modell. Köln kann auch vorbildlich sein. INFO

www.wallraf.museum + www.lostart.de + www.arbeitsstelle-provenienzforschung.de


KUNST-SPECIAL FRÜHJAHR 2014 ART COLOGNE: PREISTRÄGER, NEUIGKEITEN, GALERIE-EMPFEHLUNGEN KUNSTSTIFTUNG ALS KUNST-SPENDIERER DAS AUSSTELLUNGSPROGRAMM DER MUSEEN


Seine Augen trinken alles

Max Ernst und die Zeit um den Ersten Weltkrieg 23.2.− 29.6.2014


54 Collaborations, die neue Tochter der Art Cologne

K.WEST KUNST-SPECIAL FRÜHJAHR 2014 40 »MICH INTERESSIEREN AUKTIONSREKORDE WENIG« Interview mit Art-Cologne-Chef Daniel Hug

IMPRESSUM

42 KLARES PROGRAMM Art-Cologne-Preis 2014: Die Wiener Galeristin Rosemarie Schwarzwälder.

SONDERAUSGABE K.WEST Kunst-SPECIAL FRÜHJAHR 2014

44 DES KÖNIGS KAMMER Einblick in Kasper Königs privates Archiv im ZADIK.

K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 www.kulturwest.de REDAKTION V.i.S.d.P.: U. Deuter, A. Wilink

48 ZWÖLF VON ZWEIHUNDERT K.WEST-Empfehlungen für den Rundgang auf der Art Cologne 54 PIMP MY RIDE Die Art Cologne hat eine neue Tochter – die Sektion »Collaborations« stiftet zur Zusammenarbeit an.

60 IN KÖLN UND UM KÖLN HERUM Wichtige Ausstellungen im Rheinland 66 AUS DEM GARTEN INS MUSEUM Die Quadriennale Düsseldorf im Überblick 70 LOVESTORY MIT PFERD Zum 25. Jubiläum spendiert die Kunststiftung NRW den Museen Künstler und Kunst. 72 EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION Das Ausstellungsprogramm der Museen im April 74 KUNSTVEREIN DES MONATS Der HMKV Dortmund mit einer künstlerischen Inventur der globalen Ökologien von Rohstoffen

Kunsthaus Kannen

Museum für Art Brut und Outsider Art

Künstler: Leo de Ruyter

LAYOUT Herweg / Michalakopoulos Pecher MARKETING MaschMedia, Oberhausen DRUCK WAZ Druck, Duisburg TITELFOTO Passautomatenfoto von Kasper König mit einer Schablone des Mouse Museums von Claes Oldenburg, um 1972. © ZADIK G20, X

Immer wieder das Gleiche tun – Wiederholung in keramischen Objekten

11. Mai – 28. September 2014 Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 13-17 Uhr • Führungen: n.V. Montag – Freitag 9-17 Uhr Alexianerweg 9 / 48163 Münster • Fon 02501-966 20 560 kunsthaus-kannen@alexianer.de • www.kunsthaus-kannen.de


40 | KUNST SPECIAL

»MICH INTERESSIEREN AUKTIONSREKORDE WENIG« INTERVIEW: STEFANIE STADEL

Im Nu hat Daniel Hug die Messe aus dem Tief geholt. K.WEST spricht mit dem hochgelobten Art-Cologne-Chef über das in sechs Jahren Erreichte und seine Ziele für die Zukunft. Über gefährliche Spekulanten und spektakuläre Auktionsrekorde. Über die Bedeutung des deutschen Marktes und die Internationalität der Messe. Und auch über Hugs Vorlieben beim Kunstkauf.

Art Director Daniel Hug. Foto: Koelnmesse

K.WEST: Seit Sie die Art Cologne leiten, erntet die Messe allenthalben Lob. Sind Sie angekommen, wo Sie hinwollten? Oder gibt es noch Dinge, die Sie sich für die Zukunft vorgenommen haben? HUG: Ich liebe die Messe, wie sie ist. Wir haben alle wichtigen Galerien und sind gut aufgestellt. Die Art Cologne spiegelt den deutschen Kunstmarkt wie auch den internationalen. Ich würde sagen, es fehlen keine Künstler, die bei anderen Messen vertreten sind – also von den namhaften, wichtigen. Das gilt auch für die jungen, trendy, Cutting-edge-Künstler. Was man in Basel, bei der Pariser Fiac oder auf der Frieze in London sieht, das gibt es auch in Köln.

K.WEST: Ihre Vorgänger haben immer größtmögliche Internationalität angestrebt. Sie dagegen sehen die Art Cologne als deutsche Messe und wollen sie als solche profilieren. Welche Bedeutung haben für Sie dann internationale Teilnehmer? Sind sie Ihnen weniger wichtig? HUG: Das Entscheidende ist die Qualität, weniger das Herkunftsland der Galerie. Aber es stimmt schon – die wichtigsten deutschen Galerien müssen dabei sein – darauf legen wir großen Wert. Contemporary Fine Arts und Sprüth Magers aus Berlin etwa, Gisela Capitain, Michael Werner, Karsten Greve, und Hans Mayer, Konrad Fischer oder auch die Galerie Thomas aus München. Im Übrigen kommt knapp die Hälfte unserer Aussteller aus dem Ausland. Wir sind also durchaus international aufgestellt. K.WEST: Und bei den Besuchern – wie sieht es da mit der Internationalität aus? HUG: Da würde ich mir allerdings etwas mehr wünschen. Wir haben ungefähr 75 Prozent Besucher aus dem Inland. K.WEST: Wie wollen Sie Gäste und Sammler aus dem Ausland für die Messe gewinnen? HUG: Wir setzten in diesem Jahr erstmals Art-Ambassadors ein, Kunstbotschafter, die Kontakte für uns knüpfen zu wichtigen Kuratoren und Sammlern in Belgien, Frankreich, im Mittleren Osten und Israel. Auch für Süd- und Zentralamerika haben wir einen solchen Botschafter. Und das funktioniert bisher sehr gut. K.WEST: Wie sehen Sie die Messe derzeit aufgestellt – auch im Vergleich zu den anderen wichtigen Kunstmessen? HUG: Die Art Cologne kann man nicht so einfach vergleichen. Nehmen wir zum Beispiel die Art Basel – die war von Anfang an international aufgestellt. Weil es in der Schweiz einfach nicht genug Galerien für eine gute Kunstmesse gibt. Die Art Cologne wurde vor fast 50 Jahren allein von und für deutsche Galerien ins Leben gerufen. Zurzeit haben wir in Deutschland bei 80 Millionen Einwohnern in etwa genauso viele Galerien wie in den USA, wo 313 Millionen Menschen leben. Wir haben hier mehr Museen – also gute Kunstmuseen. Das Interesse an Kunst ist in Deutschland riesig. Und es ist schon etwas ganz besonderes, dass die Art Cologne so gut funktioniert, obwohl fast nur deutsche Sammler hierherkommen. Andere Messen müssen sich viel stärker international aufstellen. K.WEST: Ihr Erfolgsrezept der letzten Jahre hieß ja: weniger Aussteller, dafür mehr Qualität. Ist es nicht schwierig, angesichts der zunehmenden Zahl guter Bewerber den Rahmen von rund 200 Galerien zu halten? HUG: Doch, das ist schwierig. Zumal es mir auch wichtig ist, alte, treue Galerien, die seit vielen Jahren dabei sind, zu halten. Es ist keine einfache Aufgabe für den Zulassungsausschuss. K.WEST: Gibt es wieder interessante Neuzugänge?


HUG: Ja, ganz wichtig die Victoria Miro Gallery aus London, darüber sind wir ganz begeistert. Außerdem die Galerie Greta Meert aus Brüssel – die wichtigste belgische Galerie, würde ich sagen. Auch gibt es in diesem Jahr mehr Franzosen als sonst, darunter die Galerie Laurent Godin oder Anne de Villepoix aus Paris. K.WEST: Sie setzen weiter auf Kunst der vergangenen rund 120 Jahre. Wäre es angesichts der vielen guten Kandidaten nicht vielleicht sinnvoll, sich stärker zu konzentrieren – zum Beispiel auf zeitgenössische Kunst? HUG: Es gibt verschiedene Gründe, die unsere Mischung sinnvoll erscheinen lassen. In der Kunst ist es ähnlich wie in der Literatur. Gute Literatur aus dem frühen 20. Jahrhundert ist immer noch, sagen wir einmal, »zeitgenössisch«. In der Bildenden Kunst hat sich nicht so sehr viel geändert seit der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die Klassische Moderne ist weiterhin relevant. Der andere Grund: Durch die Kombination gewinnt man ein größeres Publikum. Es gibt Sammler, die wegen der Klassischen Moderne nach Köln kommen und dort zum Beispiel wie zufällig einen jungen Zeitgenossen entdecken. K.WEST: Für die ganz aktuelle Sparte haben Sie sich vor zwei Jahren die New Art Dealers Alliance (NADA) ins Haus geholt – als Messe in der Messe. Waren sie mit den Auftritten zufrieden? HUG: Ja, sehr! Wollte man immer informiert sein über das, was jetzt in New York stattfindet, was dort in den jungen Galerien passiert, dann wäre das ein Fulltimejob. Durch die NADA haben wir einen sehr guten Zugang zu dieser Szene. K.WEST: Wenn Sie zufrieden waren, warum gibt es dann dieses Jahr eine Änderung? Warum wird die NADA nun eingegliedert in die neue Sektion der »Collaborations«? HUG: Anfangs war die NADA etwas unsicher, was die Zusammenarbeit mit der Art Cologne betrifft – diese weltweit älteste Kunstmesse, deren Image in den letzten Jahren doch ein wenig angestaubt ist. Die NADA war zwar interessiert, wollte aber zunächst ihr eigenes Ding machen. Inzwischen haben die NADA-Aussteller gesehen, was abgeht auf der Art Cologne, und der Wunsch kam auf, stärker integriert zu werden. K.WEST: Wie beurteilen Sie die Situation in diesem sehr jungen Marktsegment, wo der Hype ja ebenfalls um sich greift? HUG: Wenn im Bereich der Klassischen Moderne oder der Nachkriegskunst Preise plötzlich stark anziehen, dann kann man relativ sicher sein, dass sie sich auch auf diesem hohen Level halten werden. Bei zeitgenössischen Künstlern ist der Markt dagegen sehr spekulativ. Wenn ein junger Künstler heute sehr hohe Preise erzielt, dann heißt das nicht, dass er auch in die Kunstgeschichte eingeht. Ganz im Gegenteil – die hohen Preise können dem sogar im Wege stehen, weil weniger Leute Zugang zu so kostspieligen Stücken haben. Mich interessieren die Auktionsrekorde wenig, sie sagen auch nicht viel aus. Denn es braucht nur zwei Spekulanten, die unbedingt das gleiche Werk haben wollen – und schon geht jedes Maß verloren. Ein Zeitgenosse ist deshalb nicht unbedingt gut aufgehoben bei einer Auktion. K.WEST: Besser bei der Art Cologne. HUG: Besser bei einem guten Händler, der seine Künstler mit Bedacht aufbaut. Und davon gibt es ja jede Menge bei der Art Cologne. K.WEST: Kaufen Sie selbst auch Kunst auf der Messe? HUG: Ja, jedes Jahr. 2013 waren es ein größeres Schwarzweiß-Foto von Erwin Kneihsl für 3500 Euro und eine wunderbare Collagearbeit der Australierin Elizabeth Newman für 1000 Euro. Beide Künstler gehören nicht in den spekulativen Markt, dafür sind sie schon zu alt. K.WEST: Gibt es Künstler, für die Sie sich besonders interessieren? HUG: Viele. Ich bin ein großer Bauhaus-Fan. Lyonel Feininger ist großartig. Und das Tolle auf der Art Cologne ist, dass man dort immer wieder etwas entdecken kann – Neues und Altes.

ÜBER DAS MORGEN HINAUS

Das Festival der Bildenden Kunst 5. April – 10. August 2014 Videos und aktuelle Beiträge auf www.quadriennale-duesseldorf.de

Ein Projekt der Landeshauptstadt


42 | KUNST SPECIAL

Rosemarie Schwarzwälder 2013. Foto © Doris Erben, Wien

KLARES PROGRAMM TEXT: NICOLE SCHEYERER Rosemarie Schwarzwälder wird mit dem Art-Cologne-Preis 2014 ausgezeichnet. Ein Porträt der Wiener Galerie-Pionierin.

Sie ist seit Jahrzehnten in Köln, Paris, Madrid und London ebenso anzutreffen, wie in New York oder Miami Beach: Rosemarie Schwarzwälder spielt mit ihrer Wiener »Galerie nächst St. Stephan« in der Topliga der internationalen Kunstmessen. Ihre sorgfältig konzipierten Messestände zählen häufig zu jenen, die auch nach dem Rummel noch in Erinnerung bleiben. Das internationale Engagement zählte von Anbeginn an zu den höchsten Zielen der geborenen Baslerin, die schon als Jugendliche ihre Freizeit am liebsten im dortigen Kunstmuseum verbrachte. Die Galeristin ging aber nicht nur nach außen, sie holte auch die Welt in die Donaumetropole und gab der österreichischen Kunstszene dringend notwendige Impulse.

Wer in Wien die Adresse ›Grünangergasse 1‹ sucht, gelangt hinter dem Stephansdom in ein Altstadtviertel voller Flair. Bereits in den 1920er-Jahren wurden an dieser Adresse zentrale Künstler wie Egon Schiele oder Oskar Kokoschka präsentiert. Nachdem der Galerist Otto Kallir 1938 vor den Nazis fliehen musste, nahm sich in der Nachkriegszeit interessanterweise die katholische Kirche der modernen Kunst an. Unter der Ägide von Domprediger Monsignore Otto Mauer avancierte die Galerie nächst St. Stephan ab 1954 zur wichtigsten Anlaufstelle der heimischen Nachwuchskünstler. Schwarzwälder trat also in große Fußstapfen, als sie die als Kunstverein geführte Institution 1978 übernahm. »Wien war damals noch sehr grau, es gab weder ein funktionierendes Museum für moderne Kunst noch Sammler«, erinnert sich Schwarzwälder an ihre erste Zeit als freie Kunstkritikerin in den 1970er-Jahren. »Die allgemeine Einstellung war extrem konservativ und gegen die Moderne gerichtet. Es fehlte jegliches Vertrauen, dass ein zeitgenössischer Künstler etwas Relevantes zustande bringen könnte«. Mit der jahrelang vom Künstler Oswald Oberhuber verdienstvoll geführten Galerie nächst St. Stephan konnte die ambitionierte Kunstliebhaberin aber eine »wunderbare Plattform« übernehmen, die – wenngleich renovierungsbedürftig und finanzschwach – über mehr als 500 Quadratmeter Raum und viel Renommee verfügte. »Ich habe relativ früh verstanden, wie wichtig die Messen sind, um Verbindungen zu knüpfen und die Positionen der eigenen Künstler international zu vermitteln«. Da die lokale Sammlerschaft fehlte, sprang in der Frühzeit der Staat ein: Öffentliche Fördermittel machten bereits 1978 eine Teilnahme am Kölner Kunstmarkt, wie die Art Cologne früher hieß, möglich. Mit ihren Kolleginnen Grita Insam in Wien und Ursula Krinzinger in Innsbruck entstanden ein fruchtbarer Austausch und viele gemeinsame Projekte. Bald definierte sich das Galeristinnentrio über das Label »Informationsgalerien« und konnte dank Subventionen thematische Ausstellungen sowie legendäre Performances, Konzerte, Vorträge und Symposien veranstalten. Es war für Schwarzwälder kein leichter Prozess, einer so geschichtsträchtigen Galerie ihr eigenes Profil zu verleihen. In ihrer 1995 erschienenen Publikation »Klares Programm« hebt sie als Schlüsselmoment die Begegnung mit dem Künstler Ernst Caramelle hervor, mit dem sie 1978 die Gruppenschau »Multiples« organisierte. »Die Ausstellung war total international und konzeptuell, das gab es damals nirgends so«, schwärmt die Galeristin noch heute. Eine tiefere Zäsur – Schwarzwälder nennt sie ihre »Stunde Null« – erfolgte aber erst 1984. Nach einem kurzen Intermezzo mit der Malerei der Neuen Wilden vollzog Schwarzwälder in der programmatischen Schau »Zeichen – Fluten – Signale« die Hinwendung zu geometrischer Abstraktion, Minimalismus und Konzeptkunst. »Mit Künstlern wie Donald Judd oder Dan Flavin werden ganz andere Maßstäbe an dich herangetragen, denen du dann auch gerecht werden willst und musst«, betont Schwarzwälder den Einfluss, den die ausgewählten Positionen auf ihre Arbeit hatten. Eine maßgebliche Rolle für die


K.WEST 04/2014 | 43

Schärfung der Konturen bedeutete auch die Zusammenarbeit mit Helmut Federle und Imi Knoebel, die ihr sowohl in der inhaltlichen Linie als auch bei der Veränderung der Ausstellungsräume zur Seite standen. Wie sehr sich Schwarzwälder auch nach über 35 Jahren noch für die Galeriearbeit begeistert, zeigen ihre enthusiastischen Berichte über jüngere Künstler wie Daniel Knorr oder Joëlle Tuerlinckx. Aber auch ältere Positionen wie etwa der sprachanalytische Konzeptkünstler Heinrich Dunst, den sie seit 20 Jahren kennt, können ein überraschendes Revival erleben. »Man muss die Dinge einfach durchstehen. Wenn ich Qualität erkenne, dann höre ich auf gar niemanden anderen, nur auf mich selbst.« Auch der langfristige Erfolg von Einzelpositionen in der Malerei wie Herbert Brandl und Katharina Grosse gibt ihr recht. Während sich Schwarzwälder früher stark für Unternehmenssammlungen wie etwa die der österreichischen Erste Bank engagierte, ist die private Sammlerschaft in Österreich zuletzt stark gewachsen. Die Galeristin lud schon früh zu Previews mit Abendessen ein, um die Kunst im Rahmen eines social event besser vermitteln zu können. 80 Prozent ihrer Verkäufe gehen aber auch heute noch ins Ausland. »Der Galeristenberuf hat mit Berufung zu tun«, ist die Grande Dame der Wiener Galerienszene überzeugt. Dennoch beschreibt sie ihre eigene Vermittlerrolle recht bescheiden als »eine Art Go-Between« oder »Durchlauferhitzer«.

Der globalisierte Kunstmarkt hat viele Möglichkeiten erschlossen, aber die Galerie durch die Beschleunigung und Dichte zu einer noch größeren strategischen Herausforderung gemacht. »Du musst permanent multipel denken, das ist heute noch viel wichtiger als früher«. Als Schweizer Unternehmertochter habe sie ihre Kräfte immer am besten in der Eigenverantwortung mobilisieren können. An Aufhören denkt die 68-jährige Mutter der beiden ebenfalls im Kunsthandel erfolgreichen Söhne Nikolaus und Raphael Oberhuber noch lange nicht. Gerade plant sie den Messestand für die kommende Art Cologne. Mit einem kleinen Modell der 100 Quadratmeter großen Koje tüftelt sie an der besten Werkauswahl und Hängung. »Das Werk muss in seiner Stärke zum Leuchten kommen«, erläutert Schwarzwälder ihre Anstrengungen, mit denen sie auch unterschiedliche Positionen in einen Dialog zu bringen vermag. »Das macht mir nach wie vor wahnsinnigen Spaß«..

INFO

www.schwarzwaelder.at

Josef Albers Museum . Quadrat Bottrop Bernhard Fuchs. Waldungen 11.5. 10.8.2014

Im Stadtgarten 20 46236 Bottrop www.quadrat-bottrop.de Partner des Museums Bernhard Fuchs, Aus der Gruppe Waldungen © Bernhard Fuchs


44 | KUNST SPECIAL

DES KÖNIGS KAMMER TEXT: STEFANIE STADEL Fünfzig Jahre auf vierzig laufenden Regalmetern. Von Beginn seiner Karriere an hat Kasper König alles Mögliche aufgehoben – Briefe, Fotos, Notizen, Kalender... Bevor er sich aus Köln verabschiedete, vermachte er alles dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, das auf der Art Cologne nun erstmals Einblick in Königs privates Archiv gibt.

Passautomatenfotos von Kasper König mit einer Schablone des Mouse Museums von Claes Oldenburg, um 1972. ZADIK G20, X, 3

Inzwischen ist er weg aus Köln. Im neuen Berufsleben pendelt der 70-Jährige jetzt zwischen seinem Berliner Office und Sankt Petersburg, wo er die nächste Ausgabe der europäischen Kunst-Biennale Manifesta organisiert. Doch etwas hat er am Rhein gelassen – zur Erinnerung quasi. Nicht weniger als vierzig laufende Regalmeter Postkarten und Briefe von internationalen Künstlergrößen, Projektskizzen, schriftlich fixierte Überlegungen, Materialsammlungen, Dokumentationen, Kalender, Adressbücher, Fotos – kurz, sein komplettes privates Archiv. Bevor er den Chefsessel im Museum Ludwig für seinen Nachfolger freimachte, hatte König es dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK) in Köln übergeben. Er saß noch am Schreibtisch im Museum Ludwig, arbeitete, telefonierte, als die Archiv-Mitarbeiter den Schatz Stück für Stück, über Wochen hinweg, aus den Schränken und Regalen in seinem vollgestopften Wohnzimmer-Büro bargen. »Das schönste Geschenk zu unserem 20-jährigen Bestehen«, jubelt ZADIK-Leiter Günter Herzog. Und lobt die Sorgfalt und Ordnung, mit denen König über fünf Jahrzehnte alles aufgehoben und bewahrt hat. In einer Ausstellung jetzt auf der Art Cologne will man erstmals Einblicke in diesen einzigartigen Quellenfundus geben und konzentriert sich dabei ganz auf die frühen Jahre des Vermittlers, Kurators, Professors, Direktors... Es ist die Zeit vor der vielbeachteten Kölner »Westkunst«-Ausstellung, mit der König 1981 groß heraus kam. Unter dem Titel »The Formative Years« nimmt sich die Ausstellung einen bisher noch kaum aufgearbeiteten Teil der Vita vor: Königs Aufstieg, der sich bald als erstaunlicher Blitzstart erweist. Er hat nicht auf etwas hingearbeitet, nicht mit einer bestimmten Laufbahn im Auge seine Schritte geplant. »König war einfach irgendwie da, auf einmal«, bemerkt Herzog. Schon mit 18, 19 Jahren machte er sich daran, das Terrain zu sichten und zu erobern – sehr enthusiastisch und überaus neugierig. Gegen Ende der Schulzeit hatte König, damals hieß er noch Rudolf, ein besonderes Interesse für die Kunst seiner Zeitgenossen entwickelt. Statt sie sich weiter nur anzuschauen, wechselte er mit dem Volontariat in Rudolf Zwirners Kölner Avantgarde-Galerie früh in den inneren Zirkel des Kunstbetriebs – mitten ins Geschehen sozusagen, wo alle Stränge zusammenliefen. Wo man Sammler, Kritiker, Museumsleute traf. Und natürlich Künstler – König zog es zu den jungen, neuen. Und davon gab


es reichlich in den 60ern: ZERO, Fluxus, Pop Art, Minimal, Concept und Land Art. Früh lernte er Gerhard Richter kennen, wohl schon 1962 beim Düsseldorfer Akademierundgang. Als frühestes schriftliches Dokument belegt eine Postkarte vom 18. Dezember 1963 die Bekanntschaft. Um seinen Wehr-Ersatzdienst nicht ableisten zu müssen, hatte König sich damals bereits nach London verabschiedet, wo er in der renommierten Galerie von Annely Juda jobbte, etwas später wechselte er zu Robert Fraser, der ihn in die Kunstszene des »Swinging London« einführte. Aus London schrieb König auch seinen Brief an Heiner Friedrich und empfahl dem Münchner Galeristen Gerhard Richter. Der beherzigt den Tipp. Im Mai 1964 schon kann Richter dem »lieben Herrn König« berichten, dass er in München ausstellen wird. Wer weiß, vielleicht wäre dessen Karriere ja ohne Königs Dazutun nicht dermaßen kometenhaft verlaufen. Die Verbindung sollte über die Jahrzehnte bestehen bleiben – dabei traf man sich offenbar nicht nur auf dem Kunstparkett. Auch an der Schießbude. Ein Foto im Archiv zeigt die beiden: Richter schaut mit der Kippe zwischen den Fingern zu, wie sein Kumpel ins Schwarze trifft. Auch Korrespondenzen mit Albert Schulze Vellinghausen, dem damaligen Altmeister der Kunstkritik bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, stammen aus den frühen Jahren in London. Und es ist schon bemerkenswert, wie König es als junger Mann verstand, mit einem so alten, angesehenen Hasen auf Augenhöhe seine Gedanken zur aktuellen Kunstentwicklung auszutauschen. Am 8. Mai 1964 berichtet König seinem Briefpartner etwa von seiner ersten Begegnung mit den Amerikanern – Roy Lichtenstein, Jim Dine, Claes Oldenburg sowie Jasper Johns, der ihn sehr beunruhigt habe. Speziell die Bilder von Johns und Lichtenstein hätten ihn »physisch aufgeregt«. In London war es auch, wo der junge König – inzwischen nannte er sich Kasper – Documenta-Leiter Arnold Bode kennen lernte, der ihm 1964 einen Job als Aufbauhelfer in Kassel besorgte. Eifrig schrieb der 20-Jährige dort von den Leihscheinen Anschriften und Telefonnummern ab – der im Archiv erhaltene Kalender und das Adressbuch sollten ihm in den nächsten Jahren dabei helfen, die ersten Knoten in seinem Netz durch die Kunstwelt zu knüpfen. Amüsant ein Detail, das König im Terminkalender festhält: Im April 1964 hat er demnach für 300 Pfund eine Arbeit von Yves Klein erstanden, um sie für 350 Pfund weiter zu veräußern. Das waren seine ersten freihändigen Schritte im Kunstmarkt – ab 1965 wird er den nun eingeschlagenen Weg in New York fortsetzen. Dort lernte er Dan Graham kennen, der allein mit 130 Postkarten in Königs Archiv vertreten ist. Ebenso die Freundschaft zu der deutschen Konzeptkünstlerin Hanne Darboven geht auf diese Zeit zurück. Im Archiv findet sich eine ganze Reihe konzeptuell gestalteter Briefe von Darboven an König – Dokument oder Kunstwerk? Das sei mit Blick auf diese Stücke oft nur schwer zu entscheiden, so Herzog. Auf seiner Stage in New York arbeitete König wieder für verschiedene Galerien, organisierte Ausstellungen, entwickelte zusammen mit Konrad Fischer das Programm für dessen Düsseldorfer Galerie. Nebenbei gründete er mit seinem Bruder Walther den Verlag »Gebr. König«, arbeitete als Assistent von Claes Oldenburg und durchstöberte die USSzene nach Künstlern für Harald Szeemans Documenta 5. Claes Oldenburg war unter den Eingeladenen und wollte für den Auftritt in Kassel seinen lang gehegten Plan des »museum of popular art« verwirklichen – ein Mini-Museum, voller kleiner bunter Objekte, die sich in Oldenburgs New Yorker Atelier angesammelt hatten und in irgendeinem Zusammenhang mit seinen Werken standen. König half dem Künstler und wurde zum Dank für die Dauer der Documenta

BOROS

K.WEST 04/2014 | 45

LICHTBURG FILMPALAST

WWW.KURZFILMTAGE.DE

Andy WARHOL in his Factory at Union Square. NY/USA 1981 © Th. Hoepker/Magnum Photos

Andy WArhol Pop Artist 19. 1. – 18. 5. 2014

EVE Arnold (1912–2012) Eine Hommage an die große Magnum-Fotografin 25. 5. – 7. 9. 2014 Marlene Dietrich USA, 1952 © Eve Arnold/Magnum Photos

www.ludwiggalerie. de | Tel. 0208 41249 28


46 | KUNST SPECIAL

Schnappschuss von Kasper König mit Gerhard Richter auf dem Düsseldorfer Schützenfest 1979. ZADIK G20, X, 8

Innenseiten aus dem Taschenkalender mit Termineinträgen, London, 1964. ZADIK G 20, VII,

zum Direktor des sogenannten »Mouse Museum« ernannt. In diesem Zusammenhang entstanden wohl Königs schräge Selbstporträts als Mickey Mouse im Passbildautomaten und weitere oft noch schrillere Foto-Experimente. Eines zeigt König mit dem Passbildstreifen im Mund. Es sind schöne Belege dafür, dass ihm das künstlerische Arbeiten selbst offenbar nicht ganz fern gelegen habe, so Herzog. Auch als Manager in Sachen Kunst sieht der ZADIK-Leiter König von Anfang an mehr auf der gestaltenden Seite, weniger auf der beobachtenden. Viele Künstler, Kuratoren, Museumsleute und Kunsthistoriker hätten ihm ihren Werdegang in entscheidenden Stationen zu verdanken. Erstaunlich sei dabei, wie früh man König als Autorität wahrgenommen und respektiert habe. Immer wieder stand er im öffentlichen Interesse. Und ständig sieht man ihn vor der Kamera – nicht nur als Disney-Maus im Passbildautomaten . »Ich dachte immer, nur Marlene Dietrich sei zu Tode fotografiert worden«, so Herzog. »Das gilt aber ebenso für Kasper König.«

INFO

Die Ausstellung ist vom 10. bis zum 13. April 2014 am ZADIK-Stand auf der Art Cologne zu sehen. www.zadik.info und www.artcologne.de


mark rothko

20. September 2014 biS 18. januar 2015 www.gemeentemuseum.nl


48 | KUNST SPECIAL

12/200 TEXTE: ALEXANDRA WACH K.WEST-EMPFEHLUNGEN FÜR DEN RUNDGANG AUF DER ART COLOGNE

Simon Denny: Berlin Startup Case Mod: rebuy, 2014. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne

#1 Galerie Buchholz Vor bald dreißig Jahren eröffnete Daniel Buchholz seine Galerie in Köln. Inzwischen gibt es auch einen Ableger in Berlin Charlottenburg. Und seit 2000 führt Buchholz die Galerie gemeinsam mit Christopher Müller. Im Programm finden sich viele heimische Künstler: Kai Althoff etwa, Cosima von Bonin und Carsten Höller. Auch ging bei Buchholz die erste Ausstellung von Wolfgang Tillmans über die Bühne. Seit 1987 arbeitet er mit Isa Genzken zusammen. Beide sind auf der Art Cologne dabei. Tillmans mit seinen neuesten abstrakten Fotografien und Genzken mit einem »Weltempfänger« von 2013. Eine Hommage auf die erste gemeinsame Schau? 1987 zeigte Buchholz die brutalistischen Betonklötze bereits in einer Musikalienhandlung. Ebenfalls dabei auf der Art Cologne ist der junge Neuseeländer Simon Denny – mit seinem selbst gebastelten Start-UpArbeitsplatz bewegt er sich auf den Spuren der digitalen Revolution. Bei so viel Medienreflexion lüftet die Kalifornierin Lutz Bacher durch. Sie jongliert seit 40 Jahren mit verschiedenen Stilen, Genres und Haltungen. Ihre Objekte changieren zwischen Readymade und objet trouvé. Für die Pyramide »Lamas« mussten nicht etwa die besagten Tiere, sondern Millionen Klebestreifen herhalten.


#2 Contemporary Fine Arts (CFA) Bruno Brunnet, Nicole Hackert und Philipp Haverkampf bewegen sich mit ihrer CFA-Galerie in der ersten Liga der Händler von Gegenwartskunst. Das Trio residiert in Berlin-Mitte gegenüber der Museumsinsel im Bau des britischen Architekten David Chipperfield. Auf 700 Quadratmetern vertreten sie angesagte Künstler wie Peter Doig, Jonathan Meese oder Daniel Richter. Ein märchenhafter Aufstieg, bedenkt man, dass die drei 1992 in einer ehemaligen Backstube angefangen haben. Brunnet lernte sein Handwerk in Köln bei Michael Werner. Die Kölnerin Hackert zog Anfang der 90er an die Spree. Den Kontakt zum Rheinland halten sie aufrecht. Ihren Auftritt bei der Art Cologne bestreiten sie mit Gert und Uwe Tobias. Die Kölner Zwillinge sind mit atelierfrischen Holzschnitten vertreten. Den zweiten Stand bespielt der israelisch-dänische Künstler TAL R, Inhaber einer Malerei-Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die für ihn typischen knallbunten Abfall-Skulpturen, Mode, Collagen und Installationen fehlen. Dafür ist mit reichlich neuen Gemälden zu rechnen, mal abstrakt-ornamental, mal naiv-figurativ – ein perfekter Einstieg in sein labyrinthisch verzweigtes Universum.

Gert & Uwe Tobias: Ohne Titel, 2014. Courtesy CFA Berlin. Foto: Alistair Overbruck.


50 | KUNST SPECIAL

#3 DEWEER Mark und Marleen Deweer gründeten 1979 ihre Galerie mitten in der westflämischen Provinz in dem Örtchen Otegem. Als erste belgische Galeristen setzten sie sich für die italienische Transavantgarde und die Neuen Wilden ein: A.R. Penck und Rainer Fetting. Seit 1983 repräsentieren sie den exzentrischen Maschinen-Poeten Panamarenko. Zwei Jahre später schloss sich Jan Fabre an, der ähnlich genreübergreifend zwischen Tanz, Theater und Performance wechselt. Inzwischen haben die beiden Söhne das Zepter übernommen und mit einer Verdopplung der Ausstellungsfläche auf 1200 Quadratmeter einen ersten Akzent gesetzt. Ihren Auftritt in Köln bestreiten sie mit einer Mischkalkulation. »Grosser Kopf« von Stephan Balkenhol bedient den gefälligen Wiedererkennungseffekt, während Jan Fabre in seiner anatomisch korrekten Skulptur das menschliche Gehirn gleich zu einem unbekannten Planeten erklärt. Imi Knoebel, Günther Förg, Melissa Gordon und Shirana Shahbazi schwelgen im Abstrakten. Die 1974 geborene Iranerin bewegt sich dabei zwar im Medium Fotografie, ist aber mit ihrer Betonung der Flächigkeit näher an der Malerei, als es auf den ersten Blick scheint. Shahbazis genau komponierten Stillleben setzen auf Schattenkontraste. Die geometrischen Muster »malt« sie, indem sie eine Bühne von farbigen Kuben und Stellwänden vor der Kamera arrangiert. #4 EIGEN + ART Es kommt häufig vor, dass ein von EIGEN + ART geförderter Künstler zu einem hochdotierten Überflieger wird. So geschehen mit Neo Rauch, Martin Eder, Carsten und Olaf Nicolai oder Tim Eitel. Der Leipziger Galeriengründer Gerd Harry Lybke stellte schon 1982 Kunst aus – in seiner eigenen Wohnung. Eine private Galerieszene gab es damals in der DDR nicht. Zehn Jahre später zog er mit seiner Galerie nach Berlin Mitte, damals eine Wüstenlandschaft, wo niemand hin wollte. Der Rest ist Geschichte. In Köln ist sein Stand stets Garant für die Anwesenheit von Prominenten und Scharen von Berichterstattern jeder Couleur. Dabei gelingt es Lybke trotz des Hypes um seinen Erfolg immer noch, Talente aufzuspüren. Endlos ist die Liste der Künstler, die am Rhein einen Auftritt bekommen. Die Ukrainerin Lada Nakonechna, 1981 geboren und Absolventin der Kiewer Akademie, verdient längeres Hinschauen. Ihre Bleistiftzeichnungen in Schwarz-Weiß weisen einen doppelten Boden auf. Einerseits sind es Landschaftsidyllen, doch ziehen sich harte Schnitte durch die Motive. Gewaltszenen schieben sich vor dem verwirrten Auge in den Vordergrund, Uniformierte greifen in eine Menge ein. Ein Staatsübergriff im Land der »Orangenen Revolution«, oder irgendwo in Europa?

aus Schottland und Gewinnerin des Turner-Preises. Zur Art Cologne hat de Bruijne den Maler Klaas Kloosterboer und den Bildhauer Thomas Rentmeister ausgewählt. Beide überschreiten die üblichen Parameter ihrer Disziplin. Mitunter ist das Ergebnis der Transgression ein monumentaler Rucksack oder eine Prinzenrolle. Speziell für die Messe entstehen neue Arbeiten, die sich jeweils auf das Werk des Anderen beziehen. #6 Klüser Als 25-jähriger Jurastundent wandte sich Bernd Klüser gemeinsam mit seinem Kommilitonen Jörg Schellmann an Beuys und gab 1971 das erste Werkverzeichnis der Editionen und das erste Multiple des Künstlers heraus. 1978 gründeten die beiden in München eine Galerie. Nach der Trennung von Schellmann tat sich Klüser seit 2002 mit seiner Tochter Julia zusammen. Parallel zur Galerietätigkeit baute er mit seiner Frau Verena eine umfangreiche Sammlung von Papierarbeiten auf. Im Verlauf der Jahre vertrat er Warhol, Cindy Sherman, Christo, Christian Boltanski, Robert Motherwell, Rita McBride oder zuletzt auch Jorinde Voigt. Etliche Werke, die in der Galerie zu sehen waren, befinden sich heute im Museumsbesitz, darunter Beuys’ Installation »Zeige deine Wunde« im Lenbachhaus. In Köln dürfte neben den üblichen Verdächtigen – Tony Cragg, Alex Katz und Olaf Metzel – vor allem die 1969 geborene Fotokünstlerin Lori Nix mit ihren apokalyptischen Desaster-Dioramen für Besucherstau sorgen. Die New Yorkerin baut für ihre »falschen Landschaftsbilder« ganze Miniatur-Settings auf. Ob eine Bibliothek mit aufgerissener Decke oder ein verwüsteter rosa-violetter Frisörsalon – wir fühlen mit ihr. #7 KOW Auf der Art Cologne 2012 wurde KOW für die Präsentation obrigkeitskritischer Arbeiten von Alice Creischer, Barbara Hammer, Santiago Sierra und Franz Erhard Walther in der Abteilung New Contemporaries mit dem Maurice Lacroix Art Award ausgezeichnet. Ein mattschwarz gestrichener Stand, stimmig kuratiert und ergänzt durch ein Informationsblatt

#5 Ellen de Bruijne Projects In Amsterdam sind Galerien für zeitgenössische Kunst rar gesät. Zweifellos ist Ellen de Bruijne mit ihrem Standort in der Rozengracht seit 1999 die Anlaufadresse für all diejenigen, die eine analytische, sozial engagierte und interaktive Kunst zu schätzen wissen. Gefällige Ausstellungen liegen ihr nicht. Performance ist das Genre ihrer Wahl, figurative Malerei hat Hausverbot. In ihrer Obhut finden sich ältere Holländer und viele junge Ausländer, von denen einige niederländische Kunstschulen absolviert haben. Am bekanntesten ist Susan Philipsz, Klangkünstlerin

Melora Kuhn: Stagecoach, 2013.courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin. Foto: Chris Kandall


K.WEST 04/2014 | 51

über das Konzept. Keine Ausnahme, sondern ein verlässlich wiederkehrendes Unterscheidungsmerkmal, das die Berliner Galerie von Alexander Koch, Nikolaus Oberhuber und Jocelyn Wolff – ob auf der FIAC in Paris oder der Basler Jungmesse Liste – sogleich ins Auge springen lässt. Für Köln kündigen sie erneut die deutsche Konzeptkünstlerin Alice Creischer an, die um die Themen Wirtschaft, Geld und Macht kreist. Außerdem den Altmeister Franz Erhard Walter mit seinen Stoff-Installationen. Der Detroiter Michael E. Smith schließt sich mit Objekten an, die von dem Druck der Verhältnisse in seiner Heimatstadt erzählen. Extremfotograf Tobias Zielony rundet das störrische Quartett mit Bildern aus seiner jüngsten Serie »Jenny Jenny« ab. Es geht um blutjunge Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit verdienen. Dabei verschwimmen, wie so oft bei Zielony, die Grenzen zwischen Fiktion, Wahrheit und Inszenierung – was dem Wahl-Berliner in der Vergangenheit immer wieder einmal das Etikett »umstritten« einbrachte. #8 Christian Lethert

Jorinde Voigt: Wahrnehmung von Wahrnehmung, 2013. Galerie Klüser

Kaum 2006 im belgischen Viertel in Köln gestartet, konnte Christian Lethert sogleich internationale Größen wie Katharina Sieverding für sich gewinnen. Der Fokus liegt auf abstrakten Positionen, unter den Jüngeren glamourös vertreten von Jorinde Voigt mit ihren konzentriert ausufernden, an Algorithmen, Partituren, Frequenzen und Notationen aller Art angelehnten Zeichnungen. Das Heimspiel bestreitet Lethert mit einem Quartett: Zum Beuys-Schüler und abstrakten Minimalisten Imi Knoebel gesellt sich Lutz Frisch mit

MALK.WEST K.WEST FREI … 1010MAL FREIHAUS HAUSLESEN LESEN 1

Weinpaket Ausgesuchte Weine machen das Lesen schöner. Lassen Sie sich verwöhnen von unserem Weinpaket. Es besteht aus einer Flasche Colombelle (einem Weißwein aus der Gascogne) und einer Flasche La Croisade (einem Rotwein aus den Trauben Cabernet Sauvignon und Syrah).

K.WEST ist das Kulturmagazin für den Westen. Es informiert, rezensiert, kommentiert – und sortiert: Theater und Kunst, Oper und Tanz, Film, Architektur, Literatur und die Musik in all ihren Spielarten.


52 | KUNST SPECIAL

Der Messeauftritt widmet sich bis auf den New Yorker Neuzugang Dike Blair, ehemaliger Lehrer von Wade Guyton und Kelley Walker, den Jungkünstlern, die Lühn vor allem unter den Abgängern der Düsseldorfer Kunstakademie rekrutiert. Darunter ist Andreas Schmitten, Jahrgang 1980, der zum ersten Mal an der Art Cologne teilnimmt. Der Schüler von Georg Herold fiel bisher durch seine Neugestaltung des Schmela Hauses und durch raumgreifende Installationen auf. #10 Galerie Max Mayer

Henning Fehr und Philipp Rühr: The Disinfecting Sun, 2013. Courtesy: the artists and Galerie Max Mayer, Düsseldorf

geometrisch aufgeladenen Zeichnungen. Die Spezialität der Niederländerin Nelleke Beltjens liegt im gleichen Fach. Nur dass ihre Tintenstift-Zeichnungen deutlich anarchischer ausfallen. Großformatig und häufig mehrteilig, versprühen sie den Charme eines intergalaktischen Urknalldramas. Auch der 1978 geborene Berliner Daniel Lergon zeigt sich vom Weltraum fasziniert. Er verwendet pulverisiertes Kupfer und angesäuertes Wasser, das den Prozess der Oxidation in Gang setzt. Als Leinwandgrund zieht er reflektierende Stoffe vor. Der Malprozess gewinnt so von ganz allein an Fahrt. Eine flirrend unstabile Liaison aus expressiven Mysterien und Laborromantik. #9 Linn Lühn 2010 schloss Linn Lühn ihre Galerie in Köln und zog nach Düsseldorf um. Eine Rückkehr an den Ort, wo sie nach dem Kunststudium bei Jan Dibbets in ihrer Wohnung um die Ecke der Galerie Konrad Fischer als Galeristin debütiert hatte. Lühn ist nicht nur Mitinitiatorin des Galerienwochenendes »DC Open«. Auf ihr Konto geht auch der Flyer »Cahier«, den sie gemeinsam mit Vanessa Müller, der ehemaligen Leiterin des Kunstvereins Düsseldorf, ins Leben rief. Im Kunst-Kiez Flingern zeigte sie bisher historische Positionen von William N. Copley oder H.C. Westermann. Aber auch Klassiker vom Schlage eines Jean Cocteau.

Im dritten Jahr seit der Gründung bleibt der Düsseldorfer Jung-Galerist Max Mayer auf Kurs. Während der Messe zeigt er in seinen Räumen in Flingern die Schau »Simulacra« mit ambitionierten Namen wie Carter, Dan Graham, Pierre Klossowski, Luis Jacob und Leigh Ledare. Ein Begriff, über den sich vor allem französische Philosophen vom Schlage eines Baudrillard, Deleuze und Derrida den Kopf zerbrochen haben. Dass er theoriefest im Sattel sitzt, bewies Mayer bereits mit Ausstellungstiteln wie »psycho-geographischer Plan«, der wiederum auf Guy Debord zurückging. In den Messehallen findet man ihn nach der Teilnahme in der Sektion der NADA diesmal bei den neu gegründeten »Collaborations«. Gemeinsam mit den Berlinern Supportico Lopez legt Mayer hier den Schwerpunkt auf die von beiden Händlern vertretene junge New Yorkerin J. Parker Valentine. Sie erfreut sich zeitgleich ihrer ersten institutionellen Einzelschau in Europa in der Langen Foundation mit Skulpturen und Fotografien, die das Thema Zeichnung reflektieren. Außerdem macht das Duo Henning Fehr und Philipp Rühr neugierig: Schon als Studenten an der Kunstakademie absolvierten sie ihre erste Schau bei Mayer mit der guten alten Institutionskritik. #11 Galerie Nagel Draxler Mit Cosima von Bonin fing es an. Christian Nagel eröffnete 1990 mit der Debütantin seine Kölner Galerie. In den 90ern versammelte er institutionskritische Positionen um sich, von Andrea Fraser bis zu Martha Rosler, einer der wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Konzeptkunst. Nach 167 Ausstellungen schloss Nagel 2010 zum Entsetzen der Kölner seine Räume wegen gestiegener Mietpreise und versuchte es in Antwerpen mit einer temporären Dependance. Am Rhein hielt man fortan die Präsenz mit einem Projektraum in der Kölner Reiseagentur Diko und wechselnden Ausstellungsorten. 2013 stieg Saskia Draxler als Partnerin ein. Am Messestand der Galerie auf der Art Cologne dürfte reger Generationenaustausch herrschen: Der Tokioter Akiyoshi Mishima und Mirjam Thomann aus Wuppertal (beide Jahrgang 1978) treffen dort etwa auf florale Untergangsszenen des 1955 geborenen Hans-Jörg Mayer und auf den 60jährigen John Miller – mit seinem Gemälde »Springout« möchte der unserer schaurig schönen Einkaufswelt mit trübselig monochromem Realismus beikommen.


K.WEST 04/2014 | 53

#12 Rupert Pfab Er promovierte und publizierte über die Düsseldorfer Fotografie. Als Kurator richtete Rupert Pfab die erste Retrospektive von Andreas Gursky in der Kunsthalle Düsseldorf aus. 2005 wechselte er das Fach und eröffnete in der Carlstadt eine Galerie. Wer jetzt auf der Art Cologne mit Fotografen rechnet, wird enttäuscht. Dreidimensionales und Malerei dominieren das Programm. Einige Künstler stammen aus dem Rheinland, aber auch Israelis, Belgier und Georgier sind mit von der Partie. Der Österreicher Berthold Reiß, der sich mit Vorliebe von philosophischen Fragestellungen, ornamentalen Silhouetten und grafischen Bildzeichen inspirieren lässt, plant für den Messestand eine großformatige Wandarbeit. Die Schweizerin Christine Streuli trumpft mit neuen großformatigen Arbeiten auf. Dabei kommt die Malerin fast ohne Pinsel aus, stattdessen benutzt sie Spraydosen, Farbeimer und Schablonen. Das Ergebnis? Ein kaleidoskopisch buntes, abstrakt fröhliches Formenspektakel. Während der Wahl-Düsseldorfer Helmut Schweizer seine neonfarben leuchtenden Objekte beisteuert, ist Frauke Dannert mit ihren Collagen von schwerelos schwebenden Architekturfragmenten vertreten. Parallel bestückt sie auch eine Soloschau in der Abtei Brauweiler.

Berthold Reiß: Kubus, 2012. courtesy Galerie Rupert Pfab, Düsseldorf

… UND WUNSCHGESCHENKSICHERN! SICHER! UND WUNSCHGESCHENK 2

RuhrMuseum 1 Eintrittskarte für die Daueraustellung zur Natur, Kultur und Geschichte des Ruhrgebietes

NEU

Das RuhrMuseum befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Weltkulturerbe Zeche Zollverein und ist in der ehemaligen Kohlenwäsche. Als Regionalmuseum zeigt es in seiner Dauerausstellung die gesamte Naturund Kulturgeschichte des Ruhrgebietes. Es versteht sich nicht als klassisches Industriemuseum, sondern als Gedächtnis und Schaufenster der Metropole Ruhr. Das RuhrMuseum ist ein Publikumsmagnet und zog nach seiner Eröffnung im ersten Jahr bereits 400.000 Besucher an. www.ruhrmuseum.de

Tel. 0201/86206-33 | Fax: 0201/86206-22 | vertrieb@kulturwest.de | K.WEST Verlag GmbH, Heßlerstr. 37, 45329 Essen

Weitere K.WEST-ABO-Prämien unter www.kulturwest.de/abo


54 | KUNST SPECIAL

PIMP MY RIDE TEXT: KATJA BEHRENS Die Art Cologne hat eine neue Tochter – die Sektion Collaborations stiftet zur Zusammenarbeit an. Keine Frage, Gemeinschaft ist ein durchweg positiv besetztes Konzept, sowohl im Privaten als auch im Geschäftlichen. Gruppenarbeit hieß das früher in der Schule, Teilhabe und Integration sind politisch korrekt, im Arbeitsleben ist Teamkompetenz gefragt. Das Geschäft mit der Kunst aber ist zusehends unterkühlt, der Druck wächst. Dem etwas entgegen zu setzen, ist da wohl ein Gebot der Stunde. Zumindest kommt es gut an, wenn jetzt auch das Geschäft der Geschäfte, die Messe Art Cologne, die schon bei der Auswahl der teilnehmenden Galerien nie zimperlich ist, wieder ein bisschen auf Kuschelkurs geht. Wie sie es übrigens in ihrer Geschichte immer wieder getan hat, wenn die Marktbedingungen schwieriger und die Konkurrenz zu mächtig wurden: Gemeinsam wurde Kunstmesse gemacht, wechselte man sich eine Zeitlang gar mit Düsseldorf ab, ersann neue Preise und Kojen, neue Zulassungsrichtlinien und neue Formate, überstand Gegenmessen und Proteste, erfand sich alle paar Jahre neu. Die neue Abteilung Collaborations der 48. Art Cologne ist – so könnte man da wohl vermuten – erneut eine Flucht nach vorn, haben doch viele Galerien das Konzept der Gemeinschaftlichkeit längst als eine erfolgreiche Erweiterung ihres Programms für sich entdeckt. Nicht nur Künstler arbeiten ja immer mal wieder gerne zusammen, sondern eben auch die Vermittler und Händler. Welche neuen Allianzen sich daraus ergeben, welche erweiterten Blicke auf die Kunst und welche Einsparungen, wird sich zeigen. Oder ist die neue Sektion der Art Cologne vielleicht einfach ein willkommenes Label, eigene Galerieprojekte auf der Messe nun prominenter herauszustellen – nämlich das, was man sowieso schon macht, in einem neuen Gewand herauszuputzen? Die Sektion Collaborations wurde in Schulterschluss – in enger Kollaboration quasi – mit dem New Yorker Galerienverband, der New Art Dealers Alliance (NADA), erdacht. 22 Kollaborationen wird das neue Modell umfassen, einzelne Galerien, die zwei oder mehrere Künstler in einen Dialog stellen oder Galerien, die mit Kollegen gemeinsame Sache machen und mindestens einen Künstler zeigen. Alle Zwischenstufen sind denkbar und erwünscht, Ziel der neuen Sektion ist es schließlich, »neue künstlerische Parallelen zu betonen und/oder ein Zusammenspiel auszulösen«. Spannendes wird es sicher zu entdecken geben.

Mary Bauermeister: Zeichnungsbaum (Detail), 1964, u.a. mit Partitur von Karlheinz Stockhausen. 401 contemporary, Berlin

Derk Thijs: phaenomenologie gartentiere, 2014. Galerie Warhus Rittershaus, Köln


K.WEST 04/2014 | 55

401 Contemporary Die Galerie 401 Contemporary aus Berlin allerdings greift auf Bewährtes zurück und präsentiert eine Doppel-Show der Kölner Fluxus-Künstlerin Mary Bauermeister (1934 in Frankfurt a. M. geboren) und des Komponisten Karlheinz Stockhausen (1928 bis 2007), die miteinander verheiratet waren. Aus der gemeinsamen Arbeit der beiden sind in den 1960er Jahren wichtige Projekte entstanden, die den Beginn der FluxusBewegung markieren. Irgendwo zwischen musikalischen Partituren, Dada-Gedichten und malerischen oder seriellen Konzepten bewegt sich das gegenseitig inspirierte Werk. Bauermeisters Bildflächen wachsen in den Raum hinein, ganz ähnlich wie das die Töne und Geräusche des Avantgarde-Komponisten Stockhausen tun. Wuchernde organische Strukturen wechseln ab mit strengen Akzenten, rhythmisierte Bildflächen mit elektronischen Musik- und Geräuschfetzen. Verdichtungen und Öffnungen, Meditatives und Fließendes, Natürliches und Künstliches. Das Leben ist allenthalben spürbar. Die Idee, Mary Bauermeister mit einer anderen künstlerischen Position zusammen zu bringen, ist freilich nicht neu, hat doch die Galerie 401contemporary selbst gerade erst in ihrer Herbstausstellung 2013 die Fluxus-Künstlerin einem anderen Künstler zur Seite gestellt, mit dem offensichtlichen Motiv der kontrastierenden Gegenüberstellung. Jetzt, bei den Collaborations, sind es Bauermeister und ihr damaliger Ehemann Stockhausen. Paarung oder Konfrontation, das ist wohl eigentlich jedes Mal die Frage.

Die Galerien Nanzuka und Warhus Rittershaus Die Galerien Nanzuka aus Tokio und Warhus Rittershaus aus Köln haben eine Kollaboration von gleich sechs Künstlern geplant, die in ihrer Präsentation »die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der gegenwärtigen Kunstproduktion über kulturelle und lokale Grenzen hinaus« reflektieren sollen. Derk Thijs, Yuji Nagai und Joe Neave sind von der Kölner Seite vorgeschlagen, aus Japan werden ebenfalls drei Künstler kommen (Akiyoshi Mishima, Hiroki Tsukuda und Hiroko Yamaji), um in der Doppel-Koje eine gemeinschaftliche Ausstellungssituation zu installieren. Wenn alles gelingt, wird am Ende eine vielstimmige Kakophonie dabei herauskommen, ein Singsang und Chor, der von der verbindenden Macht der Kunst raunt und von der Grenzen überwindenden Kraft der Bilder. Oder aber davon, dass, wenn es darauf ankommt, doch jeder für sich alleine kämpft.

Danziger Freiheit 1, D-56068 Koblenz, Tel: 02 61-30 40 40, www.ludwigmuseum.org


56 | KUNST SPECIAL

Carlos Rolon/Dzine: Trophy Room, Arthur Abraham, 2013. Galerie Henrik Springmann, Berlin

Salon 94 und Galerie Springmann Bei der Ausstellung von Carlos Rolon / Dzine machen zwei Galerien gemeinsame Sache. Die New Yorker Galerie Salon 94 und die Berliner Galerie Springmann vertreten beide den in Chicago lebenden Installations-Künstler Dzine, wie er sich nennt. Warum also nicht gemeinsam ausstellen, wo doch das Hauptaugenmerk der Berliner Galeristen sowieso auf der Zusammenarbeit mit jungen US-Künstlern liegt, dem »Brückenschlag zwischen den USA und Europa«? Bekannt ist Dzine für seine wuchernden Erkundungen der Kustom Kulture, jener Jugend- und Subkulturen, deren Mitglieder seit den 1950er Jahren Autos und Motorräder umgebaut und aufgemotzt haben. Bald entwickelte sich aus den exaltierten Fahrzeug-Veredelungen Frisuren- und Modetrends. Tattoo-Künstler, Automaler, Cartoonisten und Musiker gehören längst auch zur Szene. Dzines »Imperial Nail Salon« war ein besonders prägnantes und wunderbar schräges Beispiel jener raumfüllenden Inszenierungen, in denen der Künstler die Beziehungen von Subkultur, Selbstgestaltung und Kunst auslotet. Ein riesiger Kronleuchter, behangen mit Kaskaden von Swarovski-Kristallen, hing in der Mitte, an den Wänden dick verkrustete

Bilder, Assemblagen aus Modeschmuck, Spiegelscherben und andere dekorative Verzierungen. Zentrum des Ganzen war eine Anordnung greller tragbarer (Finger-)Nagelfiguren. Wie Claes Oldenburgs 1961 entstandene Installation »Store«, so lässt auch Dzines »Imperial Nail Studio« die engen Verstrickungen von Kunst, Konsum und Markt erkennen. Bei ihm sind es Ghetto, barockes Bling und psychedelische Einflüsse, die zusammen finden – ironisch und wunderbar verspielt. Salon 94 hat Dzine schon anderenorts präsentiert: Die feinen schwarzweißen Gitternetze etwa, deren Umrisse aussehen wie fantastische Diamanten oder in die Fläche ausgeweitete Schmuckmuster. Auch die bunten, fast obsessiv detaillierten Mandalas. Oder das glitzernde »Voodoo Bicycle«, behangen mit Glitter und falschen Diamanten, mit Ketten und Papierblumen, Gold und Silber... Neo-barock und wahnsinnig luxuriös. High Art hat, wenn überhaupt, immer mit gerümpfter Nase auf die Kustom Kulture-Fans geblickt, jetzt wird sie mit deren Artefakten direkt in ihrem Zentrum konfrontiert. Eben dies ist womöglich das Plus dieser Ausstellung auf der Art Cologne.


Willkommen!

Tickets vorab online buchen via Rijksmuseum.nl


58 | VERLAGSONDERSEITEN KUNST

Kreativwirtschaft, Natur, Neue Energie, Kunst, Choreografie einer Landschaft: Aus dem ehemaligen Dinslakener Bergwerk Lohberg wird das »Kreativ.Quartier Lohberg«.

Extraschicht, Foto: RAG Montan Immobilien

»Was bleibt ist die Zukunft« – so stand es weiß gepinselt auf dem Dach der ehemaligen Zeche Lohberg in Dinslaken. Kein Hilferuf, sondern ein selbstbewusstes Statement für den laufenden Strukturwandel vor Ort. 2005 endete die letzte Schicht im Bergwerk Lohberg und beschloss damit die über hundertjährige Industriegeschichte des Steinkohlebergbaues vor Ort. Übrig blieb ein 245 Hektar großes Areal, das nicht in den Dornröschenschlaf fallen, sondern einer neuen Nutzung zugeführt werden sollte. Weg von der Kohle, hin zum »Kreativ.Quartier Lohberg – KQL«. Arbeiten, Wohnen, Erholen stehen bei diesem Stadtentwicklungsprojekt der Stadt Dinslaken und der RAG Montan Immobilien GmbH im Mittelpunkt – nicht weniger als ein innovatives Stadtquartier mit neuen Arbeits- und Ausbildungsplätzen soll geschaffen werden. Befeuert wird das Projekt mit regenerativen Energien; sei es durch gezielte Gewerbeansiedlungen der Branche, oder aber durch die nachhaltige Energieversorgung der Gebäude. Diese werden nach dem neuesten energetischen Stand gebaut bzw. saniert und z.B. mit Solarenergie; Windenergie oder mit energetisch umgewandeltem Grubengas versorgt. Das Blockheizkraftwerk auf dem Gelände gehört zu den größten Grubengasanlagen Europas. Auch die neue Wohnsiedlung, die den Gartenstadtcharakter der benachbarten, ehemaligen Bergarbeiterkolonie Lohberg widerspiegeln wird, wird in energieeffizienter Bauweise errichtet und mit erneuerbarer Energie versorgt. Diese Maßnahmen tragen konsequent zur Entwicklung der Zeche Lohberg als CO2-neutraler Standort bei. Die Landschaft rund um das Quartier wird entsiegelt und nach ökologischen Richtlinien komplett umgestaltet. Neben dem neuen Bergpark mit

seinen beiden ehemaligen Halden, die zu Landmarken werden, entsteht mit dem Lohberger Weiher ein neuer See zur Naherholung; die denkmalgeschützten Industriegebäude aus der Gründerzeit bleiben erhalten. Mit dem »Lohberg Corso« führt künftig eine autofreie Promenade als kombinierter Fuß- und Radweg quer über das Gelände, die im Norden und Süden an das Fahrradwegenetz des Niederrheins und des Ruhrgebiets angebunden ist. Dieser Umwandlungsprozess betrifft auch den wirtschaftlichen Bereich. Bereits 2005, kurz nach Schließung der Zeche Lohberg, war sich die Projektgemeinschaft darüber einig, bei der Nachfolgenutzung die Kreativwirtschaft mit einzubeziehen. Um ein Brachfallen der bestehenden Bausubstanz zu verhindern, wurden die Räume zur Zwischennutzung an junge Unternehmen und Start-Ups der Kreativwirtschaft, an Künstler und Kreative vermietet. Das Konzept ging auf – seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 ist das ehemalige Sozialgebäude der Zeche verkauft und komplett vermietet; das ehemalige Gesundheitshaus ist zu 65 Prozent ausgelastet. Das »Kreativ.Quartier Lohberg« gehört zu insgesamt acht Kreativquartieren in der Region und wird seit 2010 vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt und gefördert. Ziel ist es, der Wachstumsbranche Kreativwirtschaft geeignete Immobilien anzubieten – das »KQL« gilt als regionales Vorbildprojekt. Für die Umwandlung des Areals zum Bergpark reicht es aber nicht, nur neue Wege anzulegen und Bäume zu pflanzen; es soll auch unter einer künstlerischen Perspektive umgestaltet werden. Der Kurator Markus Ambach (MAP Markus Ambach Projekte) wurde beauftragt, ein kuratorisches Konzept zu erarbeiten – das Ergebnis trägt den Titel


K.WEST 04/2014 | 59

»Choreografie einer Landschaft« – Ortsbegehung mit Künstlern beim Werkstattverfahren, Foto: Markus Ambach

»Choreografie einer Landschaft« und wird stetig umgesetzt. Die drastische Industrialisierung hat aus der Landschaft des Ruhrgebiets weitestgehend eine Nutzfläche gemacht, die nun wieder saniert und in einen naturnahen Zustand zurückgeführt werden soll. »Choreografie einer Landschaft« entdeckt diese zerfaserten Strukturen auf dem Lohberger Zechengelände neu – als Teil einer lokalen Identität, und um sie den Bewohnern als Ort der Identifikation und Heimat zurückzugeben. »Landschaft definiert sich neu als großer Lebenshintergrund, vor dem sich die eigene Geschichte erzählt, die Gegenwart erlebt wird und sich die Zukunft entwirft«, heißt es im Konzept. Dazu entstehen künstlerische Arbeiten und Installationen, die die so unterschiedlichen Topografien des ehemaligen Industriegeländes zu einer »konsequenten Choreografie verknüpfen«. Für das Projekt wurden die Arbeiten der Künstler Jeanne van Heeswijk, Folke Köbberling / Martin Kaltwasser, Jakob Kolding, Thomas Schütte und Andreas Siekmann zur Realisierung empfohlen. Jeanne van Heeswijk und Marcel van der Meijs’ Arbeit »Groundwork – New Forms of Reprocity« ist, laut der Einschätzung des Fachbeirates, als »prozesshafte Anleitung zum selbstständigen Denken« zu verstehen und wandert als mobiles, skulpturales »Klassenzimmer« durch den Bergpark und die Gartenstadt Lohberg. Jakob Kolding setzt der Kohle buchstäblich ein Denkmal – nicht als verklärenden Überwältigungskitsch, sondern ganz beiläufig in Form von 10 x 10 x 10 cm großen, realistisch lackierten Bronzeskulpturen, die wie echte Kohlebrocken neben Parkbänken, Wegen und auf der Promenade zu finden sein werden.

Folke Köbberling und Markus Kaltwasser greifen die Thematik des Standortes (Recycling, Energie, Bürgerbeteiligung) auf – ihr »Kraftwerk« produziert Strom; nicht aus Kohle oder Solarenergie, sondern mithilfe von fahrradähnlichen Pedalgeräten und der damit verbundenen, menschlichen Muskelkraft. Thomas Schütte wird seine vier Meter hohe Aluminium-Skulptur »Hase« beisteuern, die in ihrer recht freien Formensprache und mit einer changierenden »FlipFlop«-Lackierung an eine Videospielfigur erinnert und in der historischen Umgebung der Zeche bewusst als Fremdkörper wirken soll. Ein weiteres partizipatives Kunstprojekt, das aber nicht zu »Choreografie einer Landschaft« gehört, war im Jahr 2013 der »Teppich für Lohberg«. Deutsche und türkische Studenten wohnten bei Gastfamilien im Stadtteil und gestalteten gemeinsam jenen »Teppich« aus Objekten, Zeichnungen und Installationen, auf dem auch die Zeilen des traditionellen »Lohberg-Liedes« nachzulesen waren: »Unser Lohberg lasst uns preisen, ändert sich auch der Zeiten Lauf«. Der »Teppich« reichte von der Gartenstadt bis zum Eingang der ehemaligen Zeche, die Studenten entwickelten temporäre Skulpturen und Objekte im Straßenraum; zudem entstand eine Galerie mit Porträts von über 100 Lohberger Bürgern. Das Projekt wurde zum Anziehungspunkt aller gesellschaftlichen Schichten, örtliche Unternehmen und Vereine halfen bei der Materialbeschaffung und der logistischen Unterstützung. Ein weiteres Projekt mit ähnlicher Ausrichtung ist für 2015 geplant – für die Zukunft also, wie so oft im »Kreativ.Quartier Lohberg«. www.kreativ.quartier-lohberg.de www.choreografieeinerlandschaft.de


60 | KUNST SPECIAL

IN KÖLN UND UM KÖLN HERUM Wichtige Ausstellungen im Rheinland

Pierre Huyghe: A Way in Untilled, 2012/2013


K.WEST 04/2014 | 61

MUSEUM LUDWIG  Pierre Huyghe   11.4. bis 13.7.2014  Eine Eiskunstläuferin zeichnet mit ihren Kufen abstrakte Figuren auf die Bahn. Ein weißer Windhund mit rosa Bein streunt durch die Ausstellungssäle. Und ein Einsiedlerkrebs richtet sich ein im Nachbau der berühmten Skulptur einer »schlafenden Muse« von Constantin Brâncuși. Mit solch sonderbaren Arbeiten macht Pierre Huyghe seit zwei Jahrzehnten von sich reden. Zuletzt auf der Documenta, wo der 1962 geborene Franzose einen Garten samt Unkraut, Kompost, Abfall, Gärtner und Hund installierte. Dazu jede Menge Bienen, die sich auf einer Skulptur niedergelassen hatten. Ähnlich skurrile Ideen sind nun auch in der Ausstellung im Museum Ludwig zu erwarten – es ist Huyghes erste große Schau im deutschsprachigen Raum. Und sie führt mit über 50 Arbeiten durch das Schaffen des Künstlers. Verschiedenste Medien kommen da zu Einsatz: Zeichnung, Skulptur, Installation, Fotografie, Film, Performance. Einige Arbeiten werden eigens für diesen Auftritt entstehen. www.museum-ludwig.de

MUSEUM LUDWIG  »Oscar Tuazon – Alone In An Empty Room«   Bis 13.7.2014  Man muss seine Arbeit nicht suchen – man stolpert quasi darüber. Auf dem Fußboden liegt so etwas wie eine umgefallene Hauswand. Ins Treppenhaus hat Oscar Tuazon eine Betonkulisse gebaut. Und im Untergeschoss erweitert er den Treppenabsatz zu einer Art Garagentor. All das sind Versatzstücke, nachgebaute Elemente eines Hauses in Los Angeles, wo der 1975 geborene US-Künstler eine Zeit lang gelebt hat. Zum einen scheinen sie die Museumsstrukturen zu sprengen, zum anderen kommunizieren sie aber auch mit der neuen Umgebung. Das ist typisch für Tuazon, der weltweit mit Metall, Glas, Holz und Nägeln neue Orte schafft – 2011 auch schon bei der Biennale in Venedig. Wie unmittelbar der studierte Architekt in Köln auf Vorgefundenes reagiert, zeigt sich vor allem beim Blick auf die Dachterrasse des Museums. Dort sieht man neuerdings doppelt. Denn hinter der Drehtür, die den Ausgang markiert, befindet sich ein detailgetreuer Nachbau der runden Pforte. www.museum-ludwig.de

Ikeda Iwao. Bambus und Lack 23. März bis 27. Juli 2014

Eine Einrichtung der BASF Coatings GmbH

Windthorststraße 26 48143 Münster Telefon ( 0251 ) 41851 - 0 www.museum-fuer-lackkunst.de

Find us on


62 | KUNST SPECIAL

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Studio. Foto: Petter Cohen

DOCK.ONE  »Kölner Liste – die Entdeckermesse   für zeitgenössische Kunst«   10.4. bis 13.4.2014  In der Hauptstadt hat sie sich längst etabliert. Dort geht die »Berliner Liste« mit junger Kunst kommenden Herbst bereits in die elfte Runde. In Köln bekommt sie jetzt einen kleinen Ableger. Parallel zur Art Cologne startet dort die »Kölner Liste« – »als kleines feines Forum für frische, zeitgenössische Kunst«, wie die Macher es formulieren. Vertreten sind 34 Galerien und Projekträume aus zehn Ländern. Der Fokus liege auf ausgewählten Arbeiten aufstrebender Nachwuchskünstler, die noch zu günstigen Preisen zu haben sind. Wie in Berlin so legt man auch in Köln besonderen Wert auf den stilvollen Schauplatz: Die erste Ausgabe der »Kölner Liste« geht im »Dock.one«, einer gut 150 Jahre alten Industriehalle am Mülheimer Hafen über die Bühne. www.kölner-liste.org

KÖLNISCHER KUNSTVEREIN  Nathalie Djurberg & Hans Berg   9.4. bis 1.6.2014  Mit Knetmännchen ist das Künstlerduo bekannt geworden. Drollige Figürchen – eigentlich. In den abgründigen Trickfilmen von Nathalie Djurberg und Hans Berg bewegen sie sich jedoch zuweilen in echten Albtraum-Welten. Und sie kennen keine Tabus. So etwa 2009 bei der Venedig Biennale: Im Keller des Ausstellungspavillons hatten die Künstler mit glänzenden Gewächsen und knalligen Kunstblumen einen widerwärtigen Paradiesgarten angelegt und dazwischen Monitore arrangiert, die das teuflische Treiben in diesem falschen Garten Eden lebendig werden ließen. Da sah man dicke Kardinäle, wie sie sich nackte Frauen unter ihre bauschigen Soutanen schoben. Das Werk brachte dem aus Schweden stammenden und in Berlin lebenden Künstlerpaar einen Silbernen Löwen – und den Durchbruch. Im Kölnischen Kunstverein zeigen Djurberg und Berg (beide Jahrgang 1978) nun eine Auswahl von Filmen. Im Zentrum steht »The Black Pot«, wo ausnahmsweise keine Figuren auftreten. Der auf Zeichnungen basierende Animationsfilm ist quasi abstrakt und handelt vom sich stetig wiederholenden Prozess der Entstehung, Veränderung und Auflösung von Formen. Die elektronische Begleitmusik stammt wie immer von Hans Berg. Ergänzt werden die bewegten Bilder in Köln von riesigen Donutund Eiskulpturen. www.koelnischerkunstverein.de


K.WEST 04/2014 | 63

BONN BUNDESKUNSTHALLE  Kasimir Malewitsch und die russische Avantgarde    Bis 22.6.2014  »Mühselig und voller Qualen« sei sein Weg in die Abstraktion gewesen, bemerkt Kasimir Malewitsch. Doch bewältigte er ihn in beachtlichem Tempo, streifte dabei diverse Stile der frühen Moderne und entwickelte im Kreise der russischen Avantgarde Neoprimitivismus und Kubofuturismus. Mit 37 Jahren erreichte der Maler 1915 schließlich, wofür er allenthalben bekannt ist: Die totale Gegenstandslosigkeit, »den Nullpunkt der Malerei«, das »Schwarze Quadrat«, den Sieg über alle Ismen im Suprematismus. In der Bundeskunsthalle wird das alles nun noch einmal rekapituliert: Der Weg, das quadratische Ziel und auch die vieldiskutierte Rückkehr zu gegenständlichen Bauern und Arbeiterinnen, die in den späten 1920er Jahren erneut auftauchen und in Malewitschs Bildern bleiben werden bis zum Tod des Malers 1935. Um die 300 Werke kommen dazu in Bonn zusammen – Gemälde, Grafiken, Skulpturen aus allen Schaffensphasen. www.bundeskunsthalle.de KUNSTMUSEUM BONN  »Tatiana Trouvé. I tempi doppi«   Bis 4.5.2014  Kupferrohre wachsen aus der Wand und wandern durchs Nichts. Es tropft aus großen Tüten, die unter der Decke hängen. Anderswo ziehen sich tiefe Furchen durch den Putz. Und zu Bündeln geschnürte Verpackungspappen geben sich bei näherer Betrachtung als schwere Beton-Objekte zu erkennen. Nichts ist wie es scheint, aber alles scheint irgendwie rätselhaft im Bonner Kunstmuseum. Wochenlang hat Tatiana Trouvé an dieser Schau gebastelt. Das Ergebnis erinnert zuweilen an eine Baustelle. An etwas Unfertiges, Vorübergehendes. Auch der Titel spielt auf den temporären Aspekt an: »I tempi doppi«, »Die doppelten Zeiten« heißt die Ausstellung. Es ist Trouvés erstes großes Solo in einem deutschen Museum – was einen durchaus verwundern könnte. Denn die 1968 im italienischen Cosenza geborene, in Dakar aufgewachsene und seit langem in Paris lebende Künstlerin ist keine Unbekannte auf dem Kunstparkett. Seit einigen Jahren zeigt Trouvé Präsenz – zuerst 2007 auf der Biennale in Venedig, wo sie in die Hallen des Arsenale einen Fahrstuhlschacht eingebaut hatte. www.kunstmuseum-bonn.de

LWL-Industriemuseum

Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

Glashütte Gernheim | Petershagen

L‘ arte del vetro Glas des 19. Jahrhunderts aus Murano 13. April bis 12. Oktober 2014 www.lwl-industriemuseum.de

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN in WUPPERTAL Jaume Plensa 12.04. – 29.06.2014 Stephan Balkenhol 12.07.– 19.10.2014 skulpturenpark-waldfrieden.de

DÜSSELDORF Quadriennale  »Über das Morgen hinaus«   5.4. – 10.8.2014  Düsseldorf steht für die kommenden Monate ganz im Zeichen der Quadriennale mit Ausstellungen in 13 Institutionen und mit einem Programm, das weit über die Museumsmauern hinaus in die Stadt wirkt. Nähere Informationen gibt es in der gesonderten Übersicht zur Quadriennale.

Hirschstraße 12 · 42285 Wuppertal · 0202 47898120


64 | KUNST SPECIAL

KREFELD

Berta Fischer: Akaki, 2013. © Berta Fischer. Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin. Foto: Bernd Borchardt

MUSEUM HAUS LANGE UND MUSEUM HAUS ESTERS  »Living In The Material World«   6.4. bis 10.8.2014  Holz, Keramik, Papier? Beton, Kohle, Kunststoff? Oder vielleicht doch lieber Lippenstift, Nagellack und ein bisschen Lidschatten? Auch aufs Material kommt es an. Dabei liegt immer wieder die eine Frage in der Luft: Aus welchen Gründen entscheidet sich der Künstler für den einen oder für den anderen Werkstoff? Die Krefelder Schau stellt nun »die Materialität in der zeitgenössischen Kunst« zur Diskussion. Seit einigen Jahren hätten sie wieder an Gewicht gewonnen, so eine These der Gruppen-Ausstellung, die dort beide Museumsvillen von Mies van Rohe mit aktuellen Arbeiten von einem runden Dutzend jüngerer Künstler bespielt. Darunter sind Berta Fischer mit ihren wunderbar bunten Acrylglas-Arbeiten und Karla Black, bekannt für ihre federleicht flüchtigen Objekte und Installationen, in denen nicht selten diverse Kosmetika zum Einsatz kommen. Ebenfalls dabei ist Oscar Tuazon, der zuletzt auch im Kölner Museum Ludwig bohrend und sägend aktiv geworden ist. www.kunstmuseenkrefeld.de


BRÜHL MAX ERNST MUSEUM  »Seine Augen trinken alles. Max Ernst und die  Zeit um den Ersten Weltkrieg«   Bis 29.6.2014  Seine »Augen trinken alles.« Das schrieb Max Ernst über sich selbst und kennzeichnete damit den Beginn der eigenen Künstlerlaufbahn in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Allerhand stürmte damals ein auf den jungen Mann – und der stellte seine Sinne auf Empfang. Die Inkubationszeit des Jahrhundertkünstlers ist Thema der Ausstellung im Max Ernst-Museum. Sie richtet das Augenmerk auf die Studienzeit in Bonn. Während der neun Semester an der Universität dort beschäftigt Max Ernst sich mit Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte. Und am Rande reizte ihn noch viel mehr: Expressionismus, Futurismus, Kubismus. Der werdende Künstler sah Werke von van Gogh und schloss Freundschaft mit August Macke. Neben Max Ernsts Frühwerken versammelt die Schau einiges aus seinem Umfeld. Stücke, die der Student gesehen hat, die ihm gefielen oder auch missfielen. Künstler, die er sich zum Vorbild nahm. Es wird deutlich, wie Max Ernst sich das Neue zu Eigen macht – aber nicht einfach so. Immer wird es abgewandelt, umgemünzt, neu interpretiert. Doch im Sommer 1914 endet jene inspirierende Zeit – der Künstler meldet sich freiwillig als Soldat. Nach dem Krieg wird er dann eigene Wege beschreiten: zu Dada und zum Surrealismus. www.maxernstmuseum.lvr.de

Helgi Þorgils Friðjónsson: Spiegelung des Nordens, 1989, Galerie Nemo, Eckernförde

K.WEST 04/2014 | 65

SAGA

Wenn Bilder erzählen Kunst aus Island Kunstausstellung der Ruhrfestspiele Recklinghausen 2014 Kunsthalle Recklinghausen 4. Mai bis 6. Juli 2014 www.kunst-re.de s Sparkasse Vest Recklinghausen

LEVERKUSEN MUSEUM MORSBROICH  »Propaganda für die Wirklichkeit«   Bis 4.5.2014  Die Glasvasen auf dem Foto sehen so echt aus, dass man sie anfassen will. Aber der hyperrealistische Schein trügt – nichts von dem, was Oliver Cieslik und Barbara Schenk in Szene setzen, ist wirklich. Alles ist virtuell, per Computer. Was ist wirklich, was nur Schein? Wie verhalten sich Realität und Abbild zueinander, und welche Rolle spielt die Kunst beim Verschleiern der Wirklichkeit? Es sind uralte Fragen der Kunst, denen sich das Museum Morsbroich in dieser Ausstellung widmet. Ein schier unendliches Thema, das hier in den Arbeiten von 24 zeitgenössischen Künstlern ohne großen theoretischen Ehrgeiz angeschnitten wird. Zum Beispiel bei Thomas Ruff, der aus dem Datenmaterial von Erkundungen der Marsoberfläche neuen Bildlandschaften bastelt. Auch in den Schwarzweiß-Fotos des niederländischen Künstlerduos De Rijke/de Rooij: Sie zeigen kaukasische Wandteppiche, in denen Bildpixel und Knüpfknoten schwer auseinanderzuhalten sind. Oder bei Paul Pfeiffer, wenn er in seiner Videoinstallation Sonnenaufgang und -untergang so übereinanderblendet, dass die Sonne als Lichtpunkt fest an einem Ort verharrt, während der Horizont sich auf und ab bewegt. Ein irritierendes Bild. Entspricht es doch der Wirklichkeit – aber nicht unserer Wahrnehmung. www.museum-morsbroich.de

Ausstellungen des MuSeuM füR ARchitektuR und ingenieuRkunSt NRW Frühjahr 2014

Mies van der Rohe-Preis 2013 25. april biS 29. mai 2014

Produktive Stadtlandschaften 15. mai biS 29. jUNi 2014

Beide Ausstellungen werden auf dem UNESCO-WEltErbE ZOllvErEiN, KammgEbäUdE KOKErEi, hEiNriCh-imig-StraSSE, ESSEN gezeigt. ÖFFNUNgSZEitEN: mi – SO 10 – 18 Uhr

www.mai.nrw.de | www.facebook.com/mai.nrw


66 | KUNST SPECIAL

AUS DEM GARTEN INS MUSEUM – DIE QUADRIENNALE IM ÜBERBLICK TEXT: Stefanie Stadel

SKY LEI, Waikiki Sky Event, Kapiolani Park, Honolulu, Hawaii, USA, 19. September 1970, Foto: Nan Rosenthal

Der Frühling ist gekommen, es sprießt das Gemüse. Auch in »Elisabeths Garten« – Bohnen, Möhren, Zucchini... Aber was hat das mit Kunst zu tun? Bei dieser Frage kommt man schnell auf die letzte Documenta mit ihrer Forderung nach mehr Aufmerksamkeit für Erdbeere und Tomate. Spätestens sie hat uns gelehrt, die Dinge nicht mehr so eng zu sehen. Die Quadriennale liegt also ganz im Trend, wenn sie sich in ihrer aktuellen Ausgabe aus alten Kategorien und festgefügten Mauern befreit. Überall in der Stadt setzt sie bunte, laute oder eben wüchsige Zeichen – mit lila Plakaten, mit Expeditionsteams, die auf silbernen Fahrrädern die Kunststadt erkunden. Mit eigens komponierter Fanfaren-Musik, die zur Eröffnung des Festivals von den Museumsdächern erklingen soll. »Elisabeths

Garten« passt gut ins Konzept: Im Rahmen des Projekts legen das Museum für europäische Gartenkunst und das Naturkundemuseum der Stiftung Schloss und Park Benrath vier Gemüsegärten in Benrath und an drei weiteren Orten in Düsseldorf an. Jeder ist eingeladen zum Mitgärtnern in den transportablen Hochbeeten. Mit den vielfältigen Aktionen vor den Museumstüren wird man sicher auch kunstfernere Kreise für die Quadriennale gewinnen und sie vielleicht zum vergleichsweise konventionellen Teil des Festivals in die Häuser locken können. Es lohnt sich. Denn die sechs beteiligten Museen haben Spannendes zu bieten. Nicht weniger reizvoll klingen die Ausstellungen der sieben Partnerinstitutionen. Allen gemein ist das zukunftsweisende Quadriennale-Motto »Über das Morgen hinaus«.


K.WEST 04/2014 | 67

KUNSTSAMMLUNG NORDRHEIN-WESTFALEN K20  »Kandinsky, Malewitsch, Mondrian. Der weiSSe   Abgrund Unendlichkeit« Die Ausstellung widmet sich der Farbe Weiß in der Kunst und anderswo. Als Protagonisten glänzen hier Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian, weil alle drei zu Beginn des 20. Jahrhunderts das künstlerische Potenzial der »Nichtfarbe« ausgetestet haben. Ausgehend von Hauptwerken des Klassiker-Trios geht die Schau erstmals den weißen Flächen nach – nicht nur in der Bildenden Kunst. Auch Philosophie, Parareligion und Naturwissenschaften, Literatur und Populärkultur werden in den Blick genommen. KUNSTSAMMLUNG NORDRHEIN-WESTFALEN K21  »Unter der Erde – Von Kafka bis Kippenberger«  Im Ständehaus geht es um das Thema des Unterirdischen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Der Besucher ist zum Abtauchen eingeladen – zu Gregor Schneiders Installation namens »Kinderzimmer«, die durch ein Abflussrohr erreichbar ist. Zu Thomas Schütte, der ein Bunkermodell gebaut hat, zu Thomas Demands Grotte aus Papier. Oder zu Jeff Walls Fotomontage aus einem gefluteten Grab: Seesterne, Polypen und Seeanemonen tummeln sich dort. Eine echte Aquakultur, die der kanadische Künstler eigens von Meeresbiologen hat anlegen lassen.

KUNSTVEREIN FÜR DIE RHEINLANDE UND WESTFALEN  »Zukunftsperspektiven – Zum Beispiel  Les Immatériaux«  Lässt sich die schwierige Frage, wie die Zukunft der Informationsgesellschaft aussehen würde, in einer Ausstellung beantworten? Der französische Philosoph Jean François Lyotard hat genau das versucht. Das Ergebnis präsentierte er 1985 unter dem Titel »Les Immatériaux« im Pariser Museum Centre Pompidou – und erntete damit viel Unverständnis. Der Düsseldorfer Kunstverein betrachtet Lyotards Kult-Ausstellung aus der heutigen Perspektive. Eine zentrale Frage ist dabei: Wie hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten der Umgang mit Informationen verändert? KUNSTHALLE DÜSSELDORF  »Smart New World«  Auch in der Kunsthalle soll es um Zukunftsperspektiven gehen. Die Schau dort vereint 13 künstlerische Positionen und will in Dialog treten mit der Ausstellung im benachbarten Kunstverein. Auf der Künstlerliste stehen etwa Simon Denny, Omer Fast und Trevor Paglen, Santiago Sierra und Taryn Simon. KIT – KUNST IM TUNNEL  »Pauline M’barek – Der berührte Rand«  Im KIT hat die Kölnerin Pauline M’Barek ihren großen Auftritt: In ihrer eigens für den Tunnel konzipierten Installation will die 34-jährige Künstlerin der Frage nachgehen, wie wir Kunst in Zukunft erleben könnten. Lichtprojektionen sollen etwa Raum- und Blickachsen verschieben, Wände verschwinden lassen und den ganzen Ausstellungsraum in eine Art Schwebezustand versetzten.

Wie präsentiere und erkläre ich meine Kunst Professionalisierung für Bildende Künstler_innen ¶ Als aktive_r Künstler_in steht man heute vielfach in der Öffentlichkeit, sei es bei Ausstellungseröffnungen, sei es bei Kunstdiskussionen oder Vorträgen. ¶ Der Workshop konzentriert sich darauf, Formen der Präsentation der eigenen Kunst auszuprobieren. Vertiefend geht es darum, wie man die eigene Kunst für verschiedene Zielgruppen erklären kann und sollte. ¶ Die Dozentin Dr. Anne Marie Freybourg, hat seit 1984 als unabhängige Ausstellungsmacherin und Theoretikerin in den Feldern Bildende Kunst, Film und Museologie gearbeitet und an Kunstakademien und Kunstuniversitäten gelehrt. 1988/89 gründete sie das »Goldrausch Künstlerinnenprojekt« und leitete es bis 2001. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. eine Studie über die sozialen Bedingungen von Künstlerinnen in der Bundesrepublik Deutschland. ¶ Mehr Informationen erhalten Sie unter: www.bundesakademie.de/programm/bildende-kunst/do/veranstaltung_details/bk09-14/ Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel ¶ www.bundesakademie.de post@bundesakademie.de ¶ Folgen Sie uns auf facebook und bei twitter

Anzeige K_West Apr2014.indd 1

11.03.2014 12:00:45


68 | KUNST SPECIAL

MUSEUM KUNSTPALAST  »Kunst und Alchemie – Das Geheimnis der   Verwandlung«  In die Zeit von Rubens und Rembrandt führt das Museum Kunstpalast. Im vormodernen Teil der Quadriennale-Schau dort begegnet einem etwa Adriaen Ostade mit seinem gemalten Blick ins Labor eines gescheiterten Alchemisten, der umgeben ist von Totenschädel und erloschener Kerze. Interessante Akzente setzt hier auch Wenzel Janmnitzer – vor bald 500 Jahren verstörte er sein Publikum mit ungeheuer lebensechten Abformungen von Eidechsen und anderem Getier. Eine so exakte Wiedergabe der Natur grenzte damals an Gotteslästerung. Der zweite Ausstellungs-Teil spielt im 20. und 21. Jahrhundert und will zeigen, welche Faszination die Alchemie auf die Künstler der Moderne und auf Zeitgenossen ausübt. Max Ernst und Joseph Beuys sind hier vertreten. Außerdem Rebecca Horn und Anish Kapoor, für den »jede Skulptur, jede Zeichnung, jedes Gemälde eine Art Chemie; eine Art Alchemie« ist. FILMMUSEUM  »Visionen und Alpträume - Die Stadt der   Zukunft im Film«  Die Ausstellung verfolgt den Blick in die Zukunft und dessen Wandlung im Film, dabei spannt sie den Bogen von den 1920er Jahren bis heute. Weil es in den eigenen vier Wänden zu eng ist, nutzt das Filmmuseum dazu erstmals die Räume des NRW-Forums am Ehrenhof, wo es genug Platz findet für Großprojektionen diverser Filmausschnitte, aber auch für Modelle tatsächlicher Filmsets. AKADEMIE GALERIE  »Auf der Spur der Erfindung – Bildhauer zeichnen«  In der Akademie Galerie werden zur Quadriennale BildhauerZeichnungen gezeigt, die zur Vorbereitung und Planung von Skulpturen dienen.

INTER MEDIA ART INSTITUTE (IMAI) »The Invisible Force Behind« Auch das IMAI zieht zur Quadriennale ins NRW-Forum, um in seiner Ausstellung dort die Materialität in der Medienkunst zu untersuchen. Es geht dabei um das heutige Phänomen des zunehmenden Verlusts von körperhafter Substanz durch Digitalisierung – etwa wenn sich meterlange Filmarchive auf audiovisuelle Datenbanken reduzieren. HETJENS MUSEUM  »Ton. Ein Aufruf«  Keramik beschäftigt die Schau im Hetjens Museum – präsentiert werden sowohl künstlerische Arbeiten als auch Baukeramik aus der Zeit zwischen 1910 und 1930. JULIA STOSCHEK COLLECTION  »Number Eight: Sturtevant«  Die Julia Stoschek Collection trumpft zur Quadriennale auf mit einer Einzelschau der 1924 in den USA geborenen, in Paris lebenden Künstlerin Sturtevant. Seit den 60er Jahren wiederholt sie Kunstwerke und Konzepte anderer Künstler und hinterfragt damit Autonomie und Autorenschaft von Kunst. KAI 10/Arthena Foundation  »Backdoor Fantasies«  Im KAI 10 wird der Medienhafen zum Bezugspunkt einer Gruppenausstellung. Seit den 1980er Jahren wurde das alte Hafengebiet durch Sanierungen und neue Architekturen fit gemacht für das nächste Jahrtausend. Ausgehend vom Hafenspeicher der 1950er-Jahre, in dem KAI 10/Arthena Foundation seine Räume hat, lädt die Schau auch zur Erkundung der Nachbarschaft. LANGEN FOUNDATION  Otto Piene  Mit dem Zero-Künstler tritt die Quadriennale vor die Tore Düsseldorfs – die Langen Foundation in Neuss widmet dem ZERO-Künstler eine Ausstellung und rückt dabei große aufblasbare Skulpturen ins Zentrum, die Piene seit den 60er Jahren produziert. Am 15. Juni will die Quadriennale damit abheben – beim »Sky Event« werden die dann mit Helium gefüllten Skulpturen in den Himmel aufsteigen.

INFO

Die Quadriennale Düsseldorf 2014 findet vom 5. April bis 10. August 2014 statt www.quadriennale.de Grafik: wonderlabz © Stiftung Schloß und Park Benrath


K.WEST 04/2014 | 69

BESUCHEN SIE UNS AUF DER art colognE  IN Halle 11.3

K.WEST PARTNER ART COLOGNE 2014

www.kurzfilmtage.de

www.klavierfestival.de

www.quadriennale-duesseldorf.de

www.lvr.de

www.netz-kult.de

www.bundesakademie.de


70 | KUNST SPECIAL

Projekt 25/25/25, Produktion der Künstlerin Lena Henke im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Januar 2014. Courtesy Lena Henke. Foto: Phillip Ruehr

LOVESTORY MIT PFERD TEXT: STEFANIE STADEL

Die Kunststiftung NRW feiert runden Geburtstag und statt auf Geschenke zu warten, teilt sie selbst welche aus: 25 Kunstwerke, eigens geschaffen von 25 ausgewählten Künstlern für 25 städtische Museen in Nordrhein-Westfalen. Eine sympathische Idee. Denn sie setzt einmal nicht auf das große Event, sondern lenkt den Blick auf die oft übersehenen Schätze vor Ort. K.WEST schaut zu, was sich die internationale Künstlerschar im Laufe des Jahres alles einfallen lässt zu den Sammlungen im Lande. Den Anfang macht Ende April Lena Henke mit ihrer Arbeit für das Skulpturenmuseum Glaskasten Marl.

Es ist frisch an diesem Vormittag, und im Sonnenschein ist der Anblick des heruntergekommenen Hallenbads nur halb so trostlos. Ende der 60er Jahre muss der Neubau auf der grünen Wiese ziemlich repräsentativ gewirkt haben in der blühenden Industriestadt. Damals zählte Marl zu den reichsten Kommunen der Republik. Dreißig Jahre später fehlte das Geld an allen Ecken – auch für die nötige Schwimmbad-Sanierung reichte es nicht. Die schicke Anlage wurde stillgelegt. Und weil Marl sich noch nicht einmal mehr den Abriss leisten kann, muss man dem einstigen Renommierstück seither beim Verfallen zusehen. Für Lena Henkes Foto-Projekt ist es ein idealer Schauplatz – weil er viel sagt über die Stadt, ihre Geschichte. Über Menschen, die hier leben und Jugendliche, die sich hier langweilen. Kaum noch etwas werde ihnen in Marl geboten, so die Künstlerin. Kein Kino und noch nicht einmal ein Hallenbad. Ein paar Wochen zuvor hatte die eigens angereiste Wahl-New-Yorkerin ein paar Teenager getroffen – beim Abhängen mit einem Joint auf der verrottenden Schwimmbadtreppe. Heute ist Henke mit ihrem Team zum Fototermin vor Ort. Auf der Wiese vor der Hallenbadruine soll es passieren: Hier wird die jugendliche Heldin der Lovestory ihrem Freund die ungewollte Schwangerschaft eröffnen, erläutert sie voll Elan. Etwas irritiert hört man der Künstlerin im dicken Daunenmantel zu. Ist die 1982 in Warburg Geborene nicht eigentlich Bildhauerin? Was für eine merkwürdige Geschichte erzählt sie da? Und warum hantieren ihre Assistenten derweil mit Fotoapparaten und zwei schweren Bronzeskulpturen auf dem Rasen herum?


K.WEST 04/2014 | 71

Die Lösung des Rätsels klingt kurios: Henke hat sich von den unsäglichen Foto-Lovestorys in der Bravo inspirieren lassen. Für ihr künstlerisches Remake wählte sie allerdings keine Akteure aus Fleisch und Blut, sie ging zum Casting in die städtische Kunstsammlung. Dort fand sie etwa Marino Marinis »Danzatore« von 1954 – der Einmetervierzig-Mann aus Bronze übernimmt den Part des schwangeren Mädchens. Den Lover spielt Paul Dierkes hölzernes »Pferd« mit Kupferbeschlag. In weiteren Rollen wird man diverse Skulpturen aus Marls bemerkenswertem Fundus wiedersehen, zum Teil wurden sie per Sackkarre an diverse Stellen in der Stadt kutschiert. Ende April will Henke den fertigen Foto-Comic im Museum Glaskasten präsentieren, wo ihre originelle Arbeit dann für immer bleiben soll. Als schönes Geschenk der Kunststiftung NRW, die 2014 ihren 25. Geburtstag begeht und aus diesem Anlass 25 ausgewählte Museen im Land großzügig mit neuen Stücken bedenkt. Henke ist unter den 25 internationalen Künstlern, die für das sympathische Jubiläumsprojekt mit dem schlichten Namen 25/25/25 ausgewählt und den einzelnen Häusern zugeordnet wurden. Als Bildhauerin passt Henke sehr gut nach Marl, denn seit den 50er Jahren ist hier eine herausragende Sammlung meist zeitgenössischer Großskulpturen gewachsen, die bis heute das Stadtbild bereichert. Rund hundert Kunstwerke finden sich da um Rathaus und City-See verstreut. Sie liegen gewunden auf Plätzen, wie die wuchtige »Naturmaschine« des Künstlerpaars Matschinsky-Denninghoff. Oder sie lagern gelassen am Ufer wie Hans Arps ruhendes Blatt. Manche geben sich monumental wie Richard Serras gestapelte Corten-Stahl-Blöcke, andere eher zerbrechlich wie Ossip Zadkines »Großer Orpheus«.

Die meisten trifft man unter freiem Himmel, einige sitzen aber auch hinter Glas im 1982 gegründeten Museum, das seinen Namen nicht umsonst trägt. Denn eigentlich ist es bloß ein einziger, recht nüchterner gänzlich von Fenstern umgebener Raum, der sich gleichsam versteckt unter dem großen Sitzungstrakt des in den 60ern erbauten Marler Rathauses. Hier war einmal ein Reisebüro untergebracht. Heute lädt der Glaskasten zum Kurz-Trip durch die Skulptur der Moderne. Mit von der Partie sind etwa ein cooler Messingkopf von Rudolf Belling, Alberto Giacometti mit seinem in eine Bronzescheibe eingeschriebenen Frauentorso. Oder auch Wolf Vostells Crash mit Ami-Schlitten und ausgestopftem Kalb. Unter all den Promis wird demnächst auch Lena Henkes Lovestory ihren Platz einnehmen – samt »Tänzer« und »Pferd«. Ob die Geschichte ein Happy–End findet? Es wird sich zeigen. Was Marl und die Geschichte seines Glaskastens angeht, so kann man nur hoffen – dass es dem schönen Museum dereinst nicht genauso ergeht wie dem schicken Schwimmbad auf der grünen Wiese.

INFO

Die Präsentation der Arbeit von Lena Henke eröffnet am 27. April 2014 um 12 Uhr im Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl.


72 | KUNST SPECIAL

AUSSTELLUNGEN  AACHEN  LUDWIG FORUM FÜR INTERNATIONALE KUNST  Ellen Gronemeyer – Watchever (ab 13. April) Jülicher Straße 97–109 Tel.: 0241/18 07 104 www.ludwigforum.de SUERMONDT-LUDWIG-MUSEUM  Karl Otto Götz – Gemälde und Nebenwege Johannes Topas Sammlung in Bewegung Wilhelmstraße 18 Tel.: 0241/47 98 00 www.suermondt-ludwig-museum.de  AHLEN  KUNSTMUSEUM  Willi Sandforth - Dem inneren Kompass folgend (bis 27. April) Anerkannt. Verfemt. Wiederentdeckt: Herbert Ebersbach. Ein Expressionist der Zweiten Generation (bis 27. April) Museumsplatz 1 Tel.: 02382/91 83 - 0 www.kunstmuseum-ahlen.de  BEDBURG-HAU  MUSEUM SCHLOSS MOYLAND  Kunst. Bewegt. Caroline Bachmann / Stefan Banz: Das Schweigen der Junggesellen (bis 27. April) Am Schloss 4 Tel.: 02824/95 10 60 www.moyland.de  BERGISCH-GLADBACH  STÄDTISCHE GALERIE VILLA ZANDERS  Monika Grzymala – Rückbau Konrad-Adenauer-Platz 8 Tel.: 02202/142356 www.villa-zanders.de  BIELEFELD   KUNSTHALLE Das Glück in der Kunst – Expressionismus und Abstraktion um 1914 Artur-Ladebeck-Str. 5 Tel.: 0521/32 99 95 00 www.kunsthalle-bielefeld.de KUNSTVEREIN  Luise Schröder / Katarina Zdjelar (bis 27. April) Welle 61 Tel.: 0521/178806 www.bielefelder-kunstverein.de  BOCHUM   KUNSTMUSEUM BOCHUM  Menschenbilder (bis 20. April) Hans Kaiser – Imaginäre Räume (bis 27. April) Informel (ab 8. April) Kortumstr. 147 Tel.: 0234/9104230 www.kunstmuseumbochum.de  BONN   AUGUST-MACKE-HAUS  Ernst Moritz Engert: Bohemien, Silhouettist und Schattenspieler Bornheimer Str. 96 Tel.: 0228/65 55 31 www.august-macke-haus.de HAUS DER GESCHICHTE DER  BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  Wir sind wir – Deutsche in Ost und West. Fotografien von Stefan Moses Museumsmeile Willy-Brandt-Allee 14 Tel.: 0228/91 650 www.hdg.de KUNST UND AUSSTELLUNGSHALLE DER  BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND  Kasimir Malewitsch und die russische Avantgarde (ab 8. März) Abenteuer Orient – Max von Oppenheim und seine Entdeckung des Tell Halaf (ab 30. April)

Museumsmeile Bonn Friedrich-Ebert-Allee 4 Tel.: 0228/91 710 www.kah-bonn.de KUNSTMUSEUM  Juan Uslé – Dunkles Licht Tatiana Trouvé – I Tempi Doppi Museumsmeile Friedrich-Ebert-Allee 2 Tel.: 0228/77 62 60 www.kunstmuseum-bonn.de KUNSTVEREIN  Claire Hooper / Alexandra Bachzetsis Hochstadenring 22 Tel.: 0228/693936 www.bonner-kunstverein.de LVR-LANDESMUSEUM   Gebrochener Glanz. Römische Großbronzen am UNESCO-Welterbe Limes (ab 20. März) Colmantstr. 14 – 16 Tel.: 0228/2070–0 www.landesmuseum-bonn.lvr.de  BOTTROP  JOSEF ALBERS MUSEUM/QUADRAT   Sonderausstellung aus dem Kunstbestand des Museums Quadrat Im Stadtgarten 20 Tel.: 02041/29716 www.quadrat-bottrop.de  BRÜHL  MAX ERNST MUSEUM  Das 20. Jahrhundert – Werke von Max Ernst aus der Schneppenheim-Stiftung (bis 13.4.) »Seine Augen trinken alles«: Max Ernst – Kunst und Kultur am Vorabend des Ersten Weltkrieges Comesstraße 42 / Max Ernst Allee 1 Tel.: 01805/743465 www.maxernstmuseum.lvr.de  DORTMUND  Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität MUSEUM OSTWALL  Sammlung in Bewegung Kunst und Spiele der Robert Bosch Stiftung Schaufenster #9: Matthias Beckmann (bis 27. April) Winter/Hörbelt – Körpermaumau (ab 5. April) HMKV World of Matter – Über die globalen Ökologien von Rohstoff Leonie-Reygers-Terrasse Tel.: 0231/50 24723 www.dortmunder-u.de MUSEUM FÜR KUNST UND  KULTURGESCHICHTE  Das Flussarchiv Walter Sack - Fotografien - Gesehene Stille Hansastr. 3 Tel.: 0231/50 25522 www.dortmund.de/mkk  DÜSSELDORF  Hetjens Museum Ton. Ein Aufruf – Keramische Plastik und Baukeramik 1910–1930 (ab 5. April) Schulstr. 4 Tel.: 0211/89-94210 www.duesseldorf.de/hetjens/ K20 KUNSTSAMMLUNG Kandinsky, Malewitsch, Mondrian – Der weiße Abgrund Unendlichkeit (ab 5. April) Ólafur Eliasson – Dein Museumsguide (ab 5. April) Grabbeplatz 5 Tel.: 0211/83 81 - 130 www.kunstsammlung.de

Empfehlungen

K21 KUNSTSAMMLUNG  Von Kafka bis Kippenberger (ab 5. April) Tomás Saraceno – In Orbit (bis Herbst 14) Ständehausstr. 1 Tel.: 0211/83 81 600 www.kunstsammlung.de KAI 10  Backdoor Fantasies (ab 5. April) Kaistraße 10 Tel.: 0211/99 434 130 www.kaistrasse10.de KUNSTHALLE  Smart New World (ab 5. April) Der berührte Rand (im KIT, ab 5. April) Grabbeplatz 4 40213 Düsseldorf Tel.: 0211/89 96 243 www.kunsthalle-duesseldorf.de www.kunst-im-tunnel.de KUNSTVEREIN FÜR DIE  RHEINLANDE UND WESTFALEN  Zukunftsperspektiven – Zum Beispiel Les Immatériaux (ab 5. April) Grabbeplatz 4 Tel.: 0211/32 70 23 www.kunstverein-duesseldorf.de MUSEUM KUNSTPALAST  Hommage à K.O. Götz George Grosz – Der große Zeitvertreib (ab 18. April) Das Geheimnis der Verwandlung (ab 5. April) Ehrenhof 4–5 Tel.: 0211/89 96 260 www.museum-kunstpalast.de NRW–FORUM KULTUR UND WIRTSCHAFT  Im April keine Ausstellungen Tel.: 0211/89 266 90 www.nrw-forum.de  DUISBURG   MUSEUM DKM  Linien stiller Schönheit Thomas Virnich – Die Welt am Kleiderhaken Subjektive Fotografie (bis 14. April) Rhine Driftwood Line Güntherstr. 13 - 15 Tel.: 0203/9355547-0 www.stiftung-dkm.de MUSEUM KÜPPERSMÜHLE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST  K.O. Götz Philosophenweg 57 Tel.: 0203/30 19 48 11 www.museum-kueppersmuehle.de LEHMBRUCK MUSEUM  Mischa Kuball – New Pott Hans im Glück – Kunst & Kapital Zeichen gegen den Krieg Friedrich-Wilhelm-Str. 40 Tel.: 0203/283 26 30 www.lehmbruckmuseum.de  ESSEN  MUSEUM FOLKWANG  Karl Lagerfeld: Parallele Gegensätze Theater für die Straße – Plakate Was war und ist – Dokumentarfotografie / Förderpreis der Wüstenrot Stiftung Museumsplatz 1 Tel.: 0201/8845444 www.museum-folkwang.de RUHRMUSEUM Ausgewählt. Vormoderne im Ruhr Museum (bis 27. April) Zollverein A 14 (Schacht XII, Kohlenwäsche) Gelsenkirchener Str. 181 Tel.: 0201/88 45 200 www.ruhrmuseum.de

der Redaktion

ZECHE ZOLLVEREIN Schacht XII, Kohlenwäsche Gelsenkirchener Str. 181 Tel.: 0201/246810 www.zollverein.de  GELSENKIRCHEN   KUNSTMUSEUM Douglas Allsop und Tom Mosley - Mehr als Black and White (ab 6. April) Horster Str. 5-7 Tel.: 0209/169-4361 www.gelsenkirchen.de/de/Kultur/kunstmuseum   GLADBECK   NEUE GALERIE GLADBECK Eberhard Havekost / Tatjana Doll (bis 4. April) Bottroper Str. 17 Tel.: 02043/3198371 www.neue-galerie-gladbeck.de   GOCH  MUSEUM GOCH  Max Schulze – Ministry of Planning Kastellstr. 9 Tel.: 02823/97 08 11 www.museum-goch.de  HAGEN  EMIL SCHUMACHER MUSEUM  Norbert Kricke und Emil Schumacher – Positionen in Plastik und Malerei nach 1945 (bis 13. April) Emil Schumacher – Schwarz sehen! Museumsplatz 1 Tel.: 02331/3060 066 www.kunstquartier-hagen.de OSTHAUS MUSEUM  Christian Rohlfs – Das druckgraphische Werk Der Hagenring Museumsplatz 3 Tel.: 02331/207 3129 www.osthausmuseum.de  HAMM  GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM  Zurzeit wg. Sanierung geschlossen Neue Bahnhofstraße 9 Tel.: 02381/17 57 14 www.hamm.de/gustav-luebcke-museum  HERFORD   MARTA  Booster: Kunst, Sound, Maschine Goebenstr. 4 – 10 Tel.: 0 52 21/99 44 30–0 www.marta-herford.de  KLEVE  MUSEUM KURHAUS  David Novros / Johannes Wald / Franz Gertsch Tiergartenstr. 41 Tel.: 02821/75 010 www.museumkurhaus.de  KÖLN  FORUM FÜR FOTOGRAFIE  Hans-Christian Schink: Tohoku (bis 6. April) Schönhauser Str. 8 Tel.: 0221/3401830 www.forum-fotografie.info KÄTHE KOLLWITZ MUSEUM Zwischen Japan und Amerika. Emil Orlik – Ein Künstler der Jahrhundertwende (bis 27. April) Neumarkt 18 - 24 Tel.: 0221/227-2899 www.kollwitz.de KOELNISCHER KUNSTVEREIN  Nathalie Djurberg & Hans Berg (ab 8. April) Hahnenstr. 6 Tel.: 0221/217021 www.koelnischerkunstverein.de


K.WEST 04/2014 | 73

MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST  Rolf Sachs »typisch deutsch?« – Eine Auseinandersetzung mit Eigenschaften und Klischees (bis 21. April) A Party for Will! – Eine Reise in das Shakespeare-Universum An der Rechtschule Tel.: 0221/221-26735 www.museenkoeln.de/museum-fuerangewandte-kunst MUSEUM LUDWIG  Oscar Tuazon: Alone in an empty room Pierre Huyghe (ab 11. April) Bischofsgartenstr. 1 Tel.: 0221/221 26 165 www.museenkoeln.de/museum-ludwig/ RAUTENSTRAUCH-JOEST-MUSEUM   Made in Oceania. Tapa – Kunst und Lebenswelten (bis 27. April) Cäcilienstr. 29-33 Tel.: 0221/221 313 56 www.museenkoeln.de/rautenstrauchjoest-museum RÖMISCH-GERMANISCHES MUSEUM  Im April keine Sonderausstellung Roncalliplatz 4 Tel.: 0221/2212 44 38 www.museenkoeln.de/roemisch-germanisches-museum SK STIFTUNG KULTUR  August Sander: Meisterwerke und Entdeckungen Die Verzauberung der Welt. Die Klassik des Tanzes von 1713 – 1913 Im Mediapark 7 Tel.: 0221/888 95 100 www.sk-kultur.de WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM/   FONDATION CORBOUD  Schätze aus der Jesuitensammlung Martinstraße 39 Tel.: 0221/221–211 19 www.museenkoeln.de/wallraf-richartzmuseum  KREFELD  MUSEUM HAUS LANGE / HAUS ESTERS Living in the Material World (ab 6. April) Wilhelmshofallee 91–97 Tel.: 02151/97 55 80 www.kunstmuseenkrefeld.de  LEVERKUSEN  MUSEUM MORSBROICH  Propaganda für die Wirklichkeit Gustav-Heinemann-Str. 80 Tel.: 0214/85 55 60 www.museum-morsbroich.de  MARL  SKULPTURENMUSEUM GLASKASTEN Creiler Platz Tel.: 02365/99 22 57 www.marl.de/skulpturenmuseum  MÖNCHENGLADBACH   MUSEUM  ABTEIBERG  Hans Hollein – Alles ist Architektur (ab 12. April) Abteistr. 27 Tel.: 02161/25 26 31 www.museum-abteiberg.de  MÜLHEIM AN DER RUHR  KUNSTMUSEUM IN DER ALTEN POST  August Macke: Sehnsucht nach dem verlorerenen Paradies (bis 27. April) Synagogenplatz 1 Tel.: 0208/4 55 41 38 www.kunstmuseum-mh.de

AUGUST SANDER

 MÜNSTER  KUNSTMUSEUM  PABLO PICASSO  Picasso sieht fern Elliott Erwitt – Eine Retrospektive Picassoplatz 1 Tel.: 0251/41 44 710 www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

MEISTERWERKE UND ENTDECKUNGEN 21.3.— 3.8.2014

 NEUSS  LANGEN-FOUNDATION  J. Parker Valentine Otto Piene – Light and Air (ab 5. April) Raketenstation Hombroich 1 Tel.: 02182/57 010 www.langenfoundation.de OBERHAUSEN GASOMETER  Der schöne Schein (ab 11. April) Arenastr. 11 Tel.: 0208.850 37 30 www.gasometer.de LUDWIG GALERIE  SCHLOSS OBERHAUSEN  Andy Warhol. Pop Artist Konrad-Adenauer-Allee 46 Tel.: 0208/4124928 www.ludwiggalerie.de  RECKLINGHAUSEN   STÄDTISCHE KUNSTHALLE  RESET: Malerei im digitalen Zeitalter (bis 13. April) Grosse-Perdekamp-Str. 25–27 Tel.: 02361/50 19 35 www.kunst-in-recklinghausen.de  SIEGEN   MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST  Victor Burgin – Formen des Erzählens Unteres Schloss 1 Tel.: 0271/40 57 70 www.mgk-siegen.de

DIE PHOTOGRAPHISCHE SAMMLUNG

Photo: August Sander: Zirkusartisten, 1926–1932 © Die Photographische Sammlung/ SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2014

KOLUMBA  Zeigen verhüllen verbergen. Schrein – Eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren Bruno Jakob. The Visitors Kolumbastr. 4 Tel.:0221/933193-0 www.kolumba.de

SK Stiftung Kultur Im Mediapark 7, Köln, www.sk-kultur.de täglich außer Mi, 14 bis 19 Uhr Mo freier Eintritt

 UNNA  ZENTRUM FÜR INTERNATIONALE LICHTKUNST  Im April keine Sonderausstellung Lindenplatz 1 Tel.: 02303/103770 www.lichtkunst-unna.de  WUPPERTAL  SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN  Jaume Plenska (ab 12. April) Hirschstraße 12 Tel.: 0202/551350 www.skulpturenpark-waldfrieden.de VON DER HEYDT MUSEUM Menschenschlachthaus – Der Erste Weltkrieg in der französischen und deutschen Kunst (ab 8. April) Sabine Moritz Karl Kunz Alte Meister in der Sammlung Sabine Moritz Turmhof 8 Tel.: 0202/563 62 31 www.von-der-heydt-museum.de

Festetage des Residenzschlosses Franco Vimercati 1 & George Kubler 2 26. April bis 27. Juli 2014 eine Ausstellung von www.skd.museum

Wolfgang Scheppe


74 | KUNST SPECIAL

ZUCKERBERG TEXT: VOLKER K. BELGHAUS Der Hartware MedienKunstVerein zeigt mit »World of Matter« eine künstlerische Bestandsaufnahme der globalen Ökologien von Rohstoffen.

Wasser. Coltan. Kohle. Erdöl. Luft. Lithium. Fisch. Reis. E-Waste. Boden. Gold. Plastik. Baumwolle. Tantal. So unterschiedlich diese Rohstoffe sind, so begehrt sind sie auch. Der Abbau, ihre Ernte und der Handel dieser Rohstoffe verändern die Welt grundlegender, als sich der umweltbewusste Mitteleuropäer das vorstellen mag. Hier geht es nicht um falsch einsortierte Joghurtbecher, sondern um massiven Raubbau an der Natur und Eingriffe in soziale Systeme, um an die begehrten Rohstoffe zu kommen. Das internationale Forschungs-, Ausstellungs- und Webprojekt »World of Matter« wurde von einer Gruppe aus Künstlern, Fotojournalisten und Theoretikern initiiert, die den öffentlichen Diskurs über Rohstoffe und globale Ressourcen erweitern wollen. Die Ausstellung widmet sich dem Thema mit ästhetischen und ethischen Positionen und stellt die anthropozentrische Perspektive in Frage, nach der die Rohstoffe vorrangig für den Menschen bestimmt sind. Die Arbeiten im Hartware MedienKunstVerein (HMKV) sind das Ergebnis gründlicher Feldforschung an Orten wie den Goldminen

Die neue Ausstellung in Bochum

Die Krieger des 1. Kaisers von China erobern in einer sensationellen Ausstellung Europa. Die größte archäologische Entdeckung des 20. Jahrhunderts. Meisterhafte, originalgetreue Repliken der legendären Soldaten und Krieger der Terrakotta Armee.

www.terrakottaarmee.de

17.04. - BOCHUM 05.10.14 Hermannshöhe 42 NÄHE HAUPTBAHNHOF

Mittwoch bis Sonntag: 10 - 18 Uhr Auch geöffnet am Ostersonntag / -montag und Pfingstmontag

Lonnie van Brummelen & Siebren de Haan: Monument of Sugar, 2007, Courtesy of Motive Gallery

in Brasilien, Ölsande in Kanada, Reis- und Baumwollanbaugebiete in Südostasien, Landgewinnung in Ägypten, Fischerei in der Nordsee, Kohleförderung im Ruhrgebiet und Zuckerhandel in Nigeria. Man sollte beim Besuch von »World of Matter« schon etwas Zeit mitbringen, um sich in die komplexe Thematik vorzuarbeiten. Doch dann entdeckt man Bemerkenswertes und Unbekanntes – wie in der Rauminstallation »Mineral Invisibility« der brasilianischen Künstlerin Mabe Bethônico, die sich mit dem ausufernden Bergbau in ihrer Heimat auseinandersetzt. Dort hängt ein Foto einer Gruppe Frauen in Partylaune, das man so in jedem Club aufnehmen könnte. Der Blick auf den Monitor daneben zeigt, dass diese Frauen im Alltag Bergarbeiterinnen sind, die die riesigen Maschinen und Kipplaster des Tagebaus steuern. Oder das 3,1 Tonnen schwere »Monument of Sugar« von Lonnie van Brummelen und Siebren de Haan – zwei Felder aus 304 überdimensionierten Zuckerwürfeln vermitteln eindrucksvoll die Auswüchse des globalisierten Handels. Die eine Hälfte des Feldes funkelt in gewohntem Weiß, die anderen Würfel sind bräunlich verfärbt und zerbröckeln bereits. Dieser Zucker hat einen langen Weg hinter sich; ein 16-mm-Films erzählt vom Zuckerüberschuss der EU. Die süße Überproduktion wird in Länder außerhalb der EU, z.B. nach Nigeria, exportiert, und macht dort die Preise kaputt. Kein Einheimischer könnte zu diesem günstigen Kurs produzieren, weshalb Nigeria hohe Zölle auf den EU-Zucker erhebt, im Gegenzug aber Zucker aus Brasilien einführen lässt. Die beiden Künstler reisten nach Nigeria, um den Zucker vor Ort in die verfärbten Quader pressen und diese nach Europa zu verschiffen. Das erwies sich schwierig, schließlich mussten die Quader als Kunstwerk deklariert werden, um die EU-Handelsschranke für Zucker zu umgehen. Nicht ganz so weit gehen die »Expeditionen« und der Audioguide der Künstlerin und Kunsthistorikerin Emily Eliza Scott. Sie bleiben in der Ausstellung, erweitern aber den Blick von den Installationen auf die Welt dahinter; in diesem Fall auf eine Säule des Dortmunder U – welche Rohstoffe wurden hier eigentlich verbaut, und woher kommen diese? Diesen gesamtheitlichen Blick könnte sich Scott aus ihrer Vergangenheit bewahrt haben, schließlich hat sie damals als U.S. Nationalpark Service Ranger gearbeitet.

INFO

»World of Matter«. Über die globalen Ökologien von Rohstoff 1. März bis 22. Juni 2014 HMKV im Dortmunder U www.worldofmatter.net / www.hmkv.de


ÜBERALL IM GUTEN BUCHHANDEL ERHÄLTLICH

GASoMEtER oBERhAUSEN GMBh (hG.)

DER SCHÖNE SCHEIN In den vergangenen Jahrtausenden haben Kü nstler Bilder und Skulpturen geschaffen, die uns die unterschiedlichen Schönheitsvorstellungen sichtbar machen, die die Menschen der verschiedenen Epochen und Kulturen hatten. Diese Werke zeigen uns: Schönheit kann strahlend, harmonisch, schlicht, graziös, elegant, kostbar, prachtvoll, heroisch sein, aber auch entfesselt, erschü tternd, verzweifelt, verträumt, phantastisch, verspielt, verfü hrerisch. 150 diese Kunstschätze, die sich heute in verschiedenen Museen der Welt befinden, zeigt der opulent ausgestattete Bildband zur Ausstellung „Der schöne Schein“ in eindrucksvollen Fotografien.

www.klartext-verlag.de

Ein weiteres Kapitel des Buches widmet sich dem multimedialen Raumerlebnis „320° Licht“, der Kü nstlergruppe URBANSCREEN, welches den gesamten monumentalen Innenraum des Gasometers auf bisher ungesehene und ungehörte Weise in eines der größten multimedialen Kunstwerke verwandelt. In einem Radius von 320 Grad wachsen und verändern sich auf der 100 Meter hohen Wand des Gasometers faszinierende grafische Muster, die die Form des Gasometers ständig verändern und ein Wechselspiel zwischen realem und virtuellem Raumerleben erzeugen. ➜ 192 Seiten, zahlr. farb. Abb., Festeinband, Großformat, 19,95 €, ISBN 978-3-8375-1128-4


25 internationale Künstlerinnen und Künstler in 25 Museen in NRW

Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen • Kunsthalle Bielefeld • Kunstmuseum Bochum • Kunstmuseum Bonn • Josef Albers Museum, Bottrop • Museum Ostwall im Dortmunder U • Lehmbruck Museum, Duisburg • Leopold-HoeschMuseum, Düren • Museum Kunstpalast, Düsseldorf • Museum Folkwang, Essen • Kunstmuseum Gelsenkirchen • Museum Goch • Museum Kurhaus Kleve • Museum Ludwig, Köln • Kunstmuseen Krefeld • Museum Morsbroich, Leverkusen • Städtische Galerie Lüdenscheid • Skulpturenmuseum Glaskasten Marl • Museum Abteiberg, Mönchengladbach • LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster • Clemens-SelsMuseum Neuss • Kunsthalle Recklinghausen • Museum für Gegenwartskunst Siegen • Märkisches Museum Witten • Von der HeydtMuseum, Wuppertal

Ein Projekt zum 25-jährigen Jubiläum der Kunststiftung NRW


K.WEST 04/2014 | 77

WASSERMUSIK Zur Karwoche und Neugeburt: Der chinesische Komponist Tan Dun dirigiert in Düsseldorf seine »Water Passion«.

Als man im Jahr 2000 den 250. Geburtstag von Johann Sebastian Bach feierte, blickte die Musikwelt nicht etwa zunächst nach Weimar oder Leipzig, sondern nach Stuttgart. Dort hatte der große Bach-Kenner und -Dirigent Helmuth Rilling ein Projekt angekündigt, das völlig aus dem konfektionierten Jubiläum fallen sollte. Als Leiter der Internationalen Bachakademie hatte Rilling vier Komponisten aus vier Kulturkreisen eingeladen, um für das Projekt »PASSION 2000« die Passionsgeschichte neu zu vertonen. Was nach Bachs gewaltigen SakralWerken, der Matthäus- und Johannespassion, Herausforderung und Wagnis zugleich war. Gleichwohl sagten namhafte, musikalisch ganz unterschiedlich sozialisierte Komponisten zu. Während die Russin Sofia Gubaidulina, der Argentinier Osvaldo Golijov sowie der Deutsche Wolfgang Rihm sich bei der Instrumentation in gängigen Bahnen bewegten, hatte der Chinese Tan Dun den klassischen Orchesterapparat radikal ausgedünnt. Gerade einmal Violine, Violoncello und drei Schlagzeuger stellt er zwei Sänger-Solisten sowie einem großbesetzten Chor für seine musikalische Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu Christi zur Seite. Für besondere Klangfarben sorgen in Tan Duns »Water Passion after St. Matthew« aber 17 mit Wasser gefüllte, transparente Klangschalen, die in stimmungsvolles Licht getaucht werden. Wasser sei für ihn »ein wichtiges Element«, so der Komponist: »Es steht nicht nur für die Taufe, sondern auch für Erneuerung, Wiedergeburt, das Zyklische. Vor diesem Hintergrund kam mir die Idee, den Klang des Wassers für die Passionsgeschichte zu nutzen.« In den Schalen lassen es die Musiker mit ihren Händen und auch mit kleinen Röhren und Becken magisch plätschern und fließen, tröpfeln und rauschen. Dazu erklingen fließende Vokalisen. Zwischendurch sorgen die Chorsänger mit Steinen, Glöckchen und Schellen für archaische, rituell anmutende Rhythmen und Geräusche. Trotz der esoterischen Schlagseite, die diese elektronisch verstärkte Wasser-Passion bisweilen bekommt, werden einem über

die 90 Minuten Spieldauer nicht die Sinne vernebelt. Vielmehr mischen sich ins Zeremonienhafte neben faszinierenden Obertongesängen auch melodramatische Chorblöcke von ungeheurer Wucht. Zwischen asiatischer Spiritualität und abendländischem Strukturbewusstsein bewegt sich die »Water Passion«, die seit ihrer erfolgreichen Uraufführung zu einem von Tan Duns Erfolgsstücken zählt. Überhaupt gehört er zu den wenigen Komponisten aus dem Reich der Mitte, die es im Westen geschafft und Berühmtheit erlangt haben. Der 56-Jährige, der seit den 1980er Jahren in den USA lebt, hat für die New Yorker Philharmoniker, für Yo Yo Ma und Lang Lang Werke komponiert. Seine Opern wie »Marco Polo« werden international aufgeführt. Als Soundtrack-Komponist wurde Tan Dun 2001 für »Crouching Tiger, Hidden Dragon« mit einem Oscar ausgezeichnet. In

Tan Dun. Foto: N. Watanabe

seiner Musik, so John Cage, werde »offensichtlich, dass der Klang eine Stimme der Natur ist, in der wir leben und der wir zu lange nicht zugehört haben«. Nun gastiert Tan Dun in der Karwoche in Düsseldorf mit seiner »Water Passion« und dirigiert neben dem Chor der Cappella Amsterdam Instrumentalisten und Sängersolisten, die schon damals in Stuttgart mit dabei gewesen sind. | GUFI

INFO

16. April 2014, Tonhalle Düsseldorf www.tonhalle.de


78 | MUSIK

MUSIK IST MUSIK Pablo Heras-Casado. Foto: Molina Visuals

TEXT: GUIDO FISCHER

Der Spanier Pablo Heras-Casado dirigiert in Köln das Freiburger Barockorchester mit einem Schumann-Programm. Zu Beginn des Jahres war Pablo Heras-Casado mit den französischen Neue Musik-Spezialisten vom Ensemble intercontemporain unterwegs. Danach dirigierte er das Königliche Concertgebouworchester aus Amsterdam und gab die etwas andere S-Klasse Schostakowitsch, Sibelius und Szymanowski. Auf sein Debüt bei den New Yorker Philharmonikern folgt darauf nun mit dem Freiburger Barockorchester eine große Europa-Tournee. Ein Zwischenstopp wird in der Kölner Philharmonie eingelegt. Weil Heras-Casado darüber hinaus auch noch die Oper liebt, stehen Gastspiele bei den Festspielen in Aix-en-Provence, an der Met und in St. Petersburg an. Als »musikalischer Allesfresser« hat sich der Spanier bezeichnet. Tatsächlich scheint es derzeit keinen zweiten Dirigenten seines Rangs zu geben, der so stilsicher auf allen musikalischen Hochzeiten tanzt. Große Symphonik und Operndrama von Verdi bis Bizet, historischer Originalklang und flammneue Moderne: Für Heras-Casado gibt es kein Entweder-oder, sondern nur sowohl-als auch. Oder wie es einer seiner Mentoren, der Dirigent und Komponist Peter Eötvös sagt, für ihn sei »Musik Musik, ob alte, ob neue«.

Auch dank dieser Totalität ging es bei dem 36-Jährigen mit der Karriere ganz schnell. In den letzten Jahren hat er bei nahezu allen Spitzenorchestern seine Klasse und Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, so dass er durchaus auf einem prestigeträchtigen Chefposten vorstellbar wäre. So fällt sein Name inzwischen auch im Zusammenhang mit den Berliner Philharmonikern, die ab 2018 einen Nachfolger für Sir Simon Rattle brauchen. Dass er bei der Kandidaten-Kür gelistet wird, nimmt Heras-Casado nicht routiniert geschmeichelt zur Kenntnis. Er fühlt sich ehrlich geehrt, das wird im Gespräch mit ihm deutlich. Gemessen an seinem Starstatus, ist er erstaunlich bescheiden. Auch wenn der im Granada geborene Dirigent sich auf dem Cover seiner aktuellen CD als sprunggewaltiger Luftikus präsentiert, empfindet er sich als traditionsbewusst und wahrt Bodenhaftung. Privat blieb er in seiner andalusischen Geburtsstadt. Einmal im Jahr nimmt er sich eine Auszeit, um wie zu Jugendzeiten den nahe gelegenen Mulhacen, Spaniens höchsten Berg, zu besteigen.


Klavier-Festival Ruhr Die Pianisten der Welt beflügeln Europas neue Metropole So sehr Heras-Casado sich in vertrauter Umgebung wohlfühlt, registriert er schmerzhaft Veränderungen, die die Finanzkrise in seiner Heimat ausgelöst hat. Die tiefen Einschnitte bei der Förderung von Wissenschaft, Kultur und speziell bei der Musik hält er für katastrophal, da man dadurch eine, wenn nicht zwei Künstler-Generationen verlieren werde. »Dabei haben wir dank der Musikschulen und Jugendorchester eine ausgezeichnet ausgebildete Generation gerade an Instrumentalisten.« Auch was die Neue Musik angeht, die in Spanien lange kaum eine Rolle spielte, habe sich eine frische, facettenreiche Szene gebildet. Gewissen Anteil daran hat Pablo Heras-Casado. Während des Studiums der Kunstgeschichte gründete er mit der Capella Exaudi sein erstes Ensemble für Alte Musik, um vor allem spanische Renaissancemusik aufzuführen. Nachdem er gleichzeitig Anton Webern für sich entdeckte, stellte er mit »Sonóora« ein Team rein für Musik des 20. Jahrhunderts zusammen. Der Spagat zwischen beiden Gattungen und Perioden ist für ihn natürlich, »für mich so, als wenn jemand eine französische Mutter und einen deutschen Vater hat – man bewegt sich in zwei Kulturen, ohne es sich bewusst zu machen«. Der selbstverständliche Umgang mit all den Kapiteln der Musikgeschichte spiegelt sich in einem verblüffend weiten Repertoire wider. Von Bach und Berio über Mozart, Mendelssohn und Messiaen bis zu Strawinsky und Stockhausen reicht die instrumentale Bandbreite. In der Oper dirigiert er Offenbach in Bordeaux, Donizetti in London oder John Adams in Kanada. 2010 stand er am Pult des Madrider Teatro Real und leitete mit Kurt Weills »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« die Eröffnungspremiere der Intendanz von Gerard Mortier. Dass der Modernisierer und Entdecker Mortier früh zu seinen Förderern gehörte, spricht auch für Heras-Casados Verständnis von der Oper als Abenteuerspielplatz. Von seinen Mentoren Pierre Boulez und Eötvös lernte er wiederum, sich als uneitler, sachkundiger Vermittler zwischen der Partitur und den Musikern zu sehen. Neben seinem Talent und dem in wenigen Meisterkursen erlernten Dirigierhandwerk gehört zu Heras-Casados Stärken seine Teamfähigkeit. Wenn er vor den Berliner Philharmonikern steht oder vor dem Klangforum Wien, den Kollegen begegnet er auf Augenhöhe. Auch mit dem Freiburger Barockorchester, den Breisgauer Originalklangmusikanten, entstand über diverse Projekte enge Freundschaft. Er bewundere das Orchester, das Maßstäbe in der historischen Aufführungspraxis gesetzt habe, so Heras-Casado. Mit dem Orchester aus der Partnerstadt von Granada hat er jüngst eine CD mit den Schubert-Sinfonien Nr. 3 und 4 veröffentlicht, auf der bei allem Drive und Optimismus auf Schuberts ungemein moderne Zwischentöne geachtet wird. Dessen Komplexität, so Heras-Casado, spiegele »auch etwas von unserer ebenfalls komplexen Welt«. Zeuge eines vergleichbaren Brückenschlags zwischen Romantik und Moderne kann man bei einem außergewöhnlichen Schumann-Programm sein, das in Köln gastiert. Selten hört man an einem Abend Schumanns Solo-Konzerte für Violine, Violoncello bzw. Klavier.

9. Mai – 12. Juli 2014 Info | Ticket: 01806 - 500 80 3* | www.klavierfestival.de *(0,20 €/Anruf aus dem dt. Festnetz, Mobil max. 0,60 €/Anruf)

Pierre-Laurent Aimard | Monty Alexander Trio | Nicholas Angelich | Martha Argerich & Lilya Zilberstein | Daniel Barenboim | Elena Bashkirova & Michael Barenboim | Markus Becker | Rafał Blechacz | Alfred Brendel (Lesung) | Till Brönner & His Piano Friends | Chick Corea | Leon Fleisher | Philip Glass, Maki Namekawa & Dennis Russell Davies | Chilly Gonzales | Marc-André Hamelin | Graham Johnson & Dame Felicity Lott | Evgeny Kissin | Lang Lang | Elisabeth Leonskaja | Igor Levit | Anne Sophie Mutter & Lambert Orkis | Gerhard Oppitz | Alice Sara Ott & Francesco Tristano | Maria João Pires | András Schiff | Grigory Sokolov | Martin Stadtfeld | Jacky Terrasson | Chucho Valdes & The Afro-Cuban Messengers | Krystian Zimerman u.v.a.

INFO

Pablo Heras-Casado, Freiburger Barockorchester, Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras, Alexander Melnikov; 13. April 2014, Philharmonie Köln; www.koelner-philharmonie.de Das kulturelle Leitprojekt des

Kulturpartner

Medienpartner

Kommunikationspartner

Medienpartner


80 | MUSIK

CLOWNESKES VOM WUNDERKIND Rolando Villazón singt in Dortmund rare Konzertarien von Mozart.

Früh übt sich, wer Genie sein will. Mozart jedenfalls bewies sich selbst auf dem Gebiet der Opernarie schon früh. 1763 schrieb er die Arie »Va, dal furor portata«, die als sein erstes überliefertes Gesangswerk gilt und entsprechend im Köchel-Verzeichnis mit der Nr. 21 weit vorn rangiert. Laut Librettist Pietro Metastasio musste Mozart kompositorisch in die Rolle eines Liebhabers außer Rand und Band schlüpfen. Was dem Neunjährigen mit seinem angeborenen Musiktheater-Instinkt und künftigen Frauenheld keine Schwierigkeiten bereitet haben dürfte. Auf den Tenor hingegen warten in der sechsminütigen Talentprobe schweißtreibende Mini-Kadenzen, die lupenrein hingelegt werden wollen. Doch die sind für einen Rolando Villazón kein Problem. Nach endlich auskurierter Stimmkrise präsentiert er sich auch unter gesangstechnisch höchstem Druck mit gewohntem Feuer und Durchschlagskraft. So kommen Vokal-Gourmets noch bei der fast völlig übersehenen Mozart-Trouvaille auf ihre Kosten. Nun sind laut eines ungeschriebenen Gesetzes solche Stücke des blutjungen Mozarts zumindest für die absolute Klassik-Spitze tabu. Für sie beginnt das wahre Genie Mozart erst irgendwo ab KV 150. Aber nicht für Villazón. Für den Mexikaner sind auch diese selten zu hörenden Konzertarien nur ein weiterer Stein im großen Mozart-Puzzle, an dem er seit 2011 arbeitet. Damals gab er sein Mozart-Debüt in der kaum aufgeführten Serenata »Il re pastore« und trat zudem in Baden-Baden im »Don Giovanni« auf und initiierte damit ein ambitioniertes, auch von ihm kuratiertes Opernprojekt. So sollen in den folgenden Jahren Mozarts sieben reife Opern in Baden-Baden aufgeführt und gleichzeitig für CD mitgeschnitten werden. Im Juli etwa steht »Die Entführung aus dem Serail« auf dem Spielplan. Wiederum wird der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Seguin – wie schon bei den Aufnahmen von »Don Giovanni« und »Così fan tutte« – die Leitung übernehmen.

Rolando Villazón. Foto: Gabo / DG

Für die aktuelle CD mit zwölf Konzertarien tat sich der Mozart-infizierte Tenor hingegen mit Antonio Pappano und dem London Symphony Orchestra zusammen. Mit ihm arbeitete er vor drei Jahren just am Londoner Royal Opera House, als er Pappano von einem Fund erzählte, den er kurz zuvor in einer Münchner Musikalienhandlung gemacht hatte. Eigentlich war Villazón auf der Suche nach neuen Editionen von Da Ponte-Opern, als er eine Ausgabe mit Konzertarien entdeckte. Beim Durchblättern sagte er sich: »Das ist es. Das ist ein Projekt.« Das eher abseitige Mozart-Programm ohne jeden seiner »Schlager« musste sogar ein Star wie Villazón bei seiner Plattenfirma erst durchsetzen. Andererseits kann man sich lebhaft vorstellen, wie sein Temperament und Enthusiasmus für das Arien-Album zu werben wussten, das die Spannweite von Drama bis Buffo, von Erhabenheit bis Klamauk umfasst. Besonders gilt dies für all die sogenannten Einlage-Arien, die Mozart für die Opern der Kollegen Piccinni und Hasse schrieb und die Villazón, begleitet vom Kammerorchester Basel, bei seinem Debüt im Dortmunder Konzerthaus singen wird. Wenn Villazón in einer der Arien, in »Clarice cara mia sposa«, in urkomisches Dauergeplapper verfällt, begreift man, weshalb er Mozart als nahen Freund empfindet. Für Villazón zeigt sich der Komponist hier von seiner clownesken Seite, die der tenorale Faxenmacher ebenfalls gern hervorkehrt. | GUFI

INFO

29. April 2014, Konzerthaus Dortmund www.konzerthaus-dortmund.de


K.WEST 04/2014 | 81

DAS LEBEN, DIE FRAUEN UND DAS GLÜCK Olli Schulz schnackt und spielt im Düsseldorfer Zakk. Ist der Mann überhaupt noch zu retten? Im Sinne seines Albumtitels »SOS Save Olli Schulz«? Jener Olli Schulz, der immer mal wieder bei Joko und Klaas, bei »Neo Paradise« und »Circus Halligalli«, vorbeischaut, um beim gemeinsamen »Buddy-Tag« die Sau rauszulassen und pubertär-ausgelassen mit Pupsspray herumzusprühen? Der, der sich als Filmkritiker Charles Schulzkowski, angetrunken und bewaffnet mit einer Flasche Whiskey, an Helmut Dietl und Bully Herbig (»Du alte Hundelunge!«) herankumpelt, um mit ihnen am roten Premierenteppich »einen Lütten zu trinken«? Der sich mit voller Absicht bei Raabs »Bundesvision Songcontest« mit dem einfach gestrickten Liedchen »Mach den Bibo« auf die Bühne stellt, als kleinster gemeinsamer Nenner für das Publikum, als eine Art akustisch-klampfender Scooter für Mike Krüger-Fans? Doch, Rettung ist eventuell möglich, denn er kann auch ganz anders. Im Februar hat ihn Pro Sieben für die Sendereihe »Schulz in the Box« in eine Kiste gepackt und an ferne Orte und in fremde Leben verfrachtet. Ins nächtliche Tokio, wo Schulz sich melancholisch durch die Straßen treiben ließ – komisch war da nichts mehr; was man sah, war keine Comedy, sondern ein kleiner großer Film über die Einsamkeit in der Großstadt. In einer weiteren Folge war er ein paar Tage im Gefängnis und gab danach vor den Inhaftierten ein Abschiedskonzert. »Koks und Nutten« hieß das Lied, und wer hier fälschlicherweise mit rustikalem Humor gerechnet hatte, wurde glücklich enttäuscht. Schulz stand da mit seiner Gitarre und sang von einem jungen Mann, der soviel wollte vom Leben, aber durch zuviel Koks, Nutten und falsche Freunde auf die schiefe Bahn gerät – und die harten Kerle im Publikum rangen um Fassung. »Das ist schön, cool, tapfer« kommentierte das ein User sehr treffend auf Youtube. »Koks und Nutten« findet sich auch auf Schulz’ aktuellem Album »SOS Save Olli Schulz«, zusammen mit weiterem lakonischen Liedgut über das Leben, die Frauen und das Glück. Schulz gehört aber nicht zu den beruflichen, gitarrisierten Leidemännern, die meist vor weiblichem Publikum im eigenen Selbstmitleid untergehen. Er erzählt kleine, teils melancholische

Geschichten aus dem Alltag, kompensiert das aber mit garstigen Lieder wie »H.D.F.K.K.« – »Halt die Fresse kriegn Kind« – oder »Spielerfrau«, die verzweifelt den Glamour der internationalen Fußballarenen sucht, auf die am Ende aber nur ein Junge aus »Hamburch-Eiderstedt« wartet. Der gebürtige Hamburger hat lange als Roadie auf großen Festivalbühnen gearbeitet und wurde von Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch ermuntert, seine Songs auf dem Plattenlabel Grand Hotel van Cleef herauszubringen. Zusammen mit Max Schröder brachte er als »Olli Schulz und der Hund Marie« das Album »Brichst Du mir das Herz, brech’ ich Dir die Beine« heraus, dem folgten »Das beige Album« und »Warten auf den Bumerang«. 2009 erschien sein erstes Soloalbum »Es brennt so schön«, 2013 dann »SOS …«. Wer Olli Schulz in eine Schublade packen will, sollte vorher die Kommode zerhacken. Dieser Mann passt eh nicht hinein. SingerSongwriter, Komödiant, großer Junge, Poet, Geschichtenerzähler, Hamburger Schnacker,

Foto: Heiko Richard

subversiver Entertainer, In-der-Welt-Herumsteher. In seinem Lied »Weil die Zeit sich so beeilt« heißt es „Wir werden nicht verbrennen in den Fehlern die wir kennen / Nein so wollten wir nie werden und so werden wir nie sein. / Mein Trost ist dass ich zwei kenn’ die aus all dem lernen / Der eine bist wohl Du der andere wär’ ich gern.« Nein, dieser Mann braucht nicht gerettet zu werden. Er rettet uns. | VKB

INFO

Olli Schulz, »SOS Save Olli Schulz«: Konzert am 6. April 2014 im Zakk, Düsseldorf; die Tour wird im Winter 2014 fortgesetzt www.ollischulz.com


82 | MUSIK

Platten-Bau: Christian Weinrich im Lager von Green Hell

DIE INSEL TEXT: INGO JUKNAT FOTOS: SABRINA WENIGER Befreit von Hipster-Druck und Trendwellen, gedeiht im konservativen Münster eine der interessantesten Musikszenen in Deutschland. Clubs wie das »Gleis 22«, Plattenläden wie »Green Hell« und Künstlerviertel wie der Hawerkamp sind Teile eines lebendigen Netzwerks, in dem Bands, Labels und sogar der Musikverkauf noch funktionieren. Wie ist das möglich? Eine Spurensuche vor Ort.


K.WEST 04/2014 | 83

Münsters oberster Rock-Händler sitzt hinter zwei angestaubten Monitoren und einer Sektflasche, wie ein Hedgefonds-Manager des Punk, der gerade auf die richtigen Kurse gesetzt hat. Es ist kalt in seinem Büro, Christian Weinrich mag das. Früher arbeitete er unterm Dach, »da wurde es unfassbar heiß im Sommer.« Jetzt sitzt er im Erdgeschoss einer ehemaligen Tischlerei. Ab und zu bröckeln die Wände – dafür ist es kühl, es gibt eine Menge Platz, und die Miete ist günstig. In seinem Büro hat Weinrich zwei alte Rennräder geparkt, soviel Münster-Klischee muss sein. Ansonsten dominieren Plattenregale und gerahmte Band-Poster das Bild. Der Doppelmonitor ist ihm ein bisschen peinlich. Soll niemand sagen, er sei jetzt unter die Bosse gegangen. Die zwei Bildschirme helfen beim Verschieben von Tabellen und Dokumenten. Es ist der unglamouröse Teil seiner Arbeit als Einkäufer. Nebenan befindet sich das Lager von »Green Hell«. Der Plattenversand ist eine Institution, deutschlandweit. Mehr als 20 Jahre existiert er inzwischen, seine Konkurrenz hat er zum Großteil überlebt. Anfangs verkauften die Gründer, Frank Kestenus und Burkhard Jünger, ihre Platten aus einem Keller am Fischmarkt, heute verfügen sie über ein turnhallengroßes Lager in einem Vorort von Münster. Wo früher Tische und Stühle gefertigt wurden, stehen nun lange Regalreihen mit Schallplatten, CDs, T-Shirts und anderem Merchandise. Vier Mitarbeiter sind an diesem Nachmittag damit beschäftigt, Musik einzuräumen, Etiketten zu drucken und Pakete zu verschicken. Weinrich verwaltet einen Großteil der Waren, die hier ein- und ausgehen. Die genaue Zahl der Platten kennt auch er nicht. 15.000 dürfen es mindestens sein, Vinyl allein. Es passt, dass Deutschlands wichtigster Punk- und Hardcore-Versand in diese Räume gezogen ist. In den Zeiten von MP3, Spotify und Amazon mutet das Plattenverkaufen fast schon nostalgisch an. Vinyl-Händler

sind in mancher Hinsicht wie Tischler – respektiert für eine irgendwie archaische Arbeit, mit der man nicht gerade reich wird. So zumindest das Klischee. Anders als viele Konkurrenten, hat sich Green Hell einigermaßen gehalten in den Turbulenzen der letzten Jahre. Das hat auch mit einer hohen Glaubwürdigkeit zu tun. Neben dem Versand betreiben Weinrich & Co. einen Plattenladen im Zentrum von Münster. Für eine ganze Generation von Musikern war er ein Magnet. Das bestätigt auch die Band Messer, Münsters derzeit heißester Pop-Export. »Früher war das ein richtiges Erlebnis, da wurde ein Kasten Bier ins Auto gepackt, und dann ging es vom Dorf zu Green Hell«, erzählte Bassist Pogo McCartney neulich dem Musikmagazin Spex. Seine Band hat bei »This Charming Man« unterschrieben, Weinrichs Ein-Mann-Label, das er von seiner Kapitänsbrücke mit den zwei Monitoren lenkt – neben den Plattenströmen von Green Hell. TCM wurde vor drei Jahren gegründet. Weinrichs Green-Hell-Partner steuerten Geld bei, ansonsten halten sie sich aus dem Geschäft zurück. Warum tun sie sich das an in Zeiten, in denen Indie-Labels so zukunftssicher sind wie Schlecker-Filialen? »Ich war ein bisschen gelangweilt«, gibt Weinrich zu. Er hat lange in einer Band gespielt, hatte Kontakt zu anderen Labels. Irgendwann wollte er wissen, wie es ist, auf der anderen Seite zu stehen. Und wie es sein könnte, den Job besser zu machen. Für ein »Nebenprojekt« ist This Charming Man ziemlich erfolgreich. Wer etwas erfahren will über Musik aus Münster, kommt an dem Label zurzeit nicht vorbei. Neben Messer betreut Weinrich noch andere erfolgreiche Bands, darunter Lokalgewächse wie Long Distance Calling oder Dramamine, aber auch überregionale Acts wie Die Nerven. Fast alle Platten kommen in liebevollen, oft limitierten, Vinyl-Editionen heraus. Manche davon haben sich zu regelrechten Hits entwickelt. Das


84 | MUSIK

Musik-Institution: Green Hell in der MĂźnsteraner Innenstadt

Zeichen an der Wand: David MĂśllmann, Heinz Paschert und Stina Rieke backstage im Gleis 22


THE ROYAL BALLET

VOM TEAM DAS ALICES ABENTEUER IM WUNDERLAND ERSCHAFFEN HAT

DAS

WINTERMÄRCHEN LAUREN CUTHBERTSON | STEVEN MCRAE | EDWARD WATSON ZENAIDA YANOWSKY | SARAH LAMB | FEDERICO BONELLI CHOREOGRAFIE CHRISTOPHER WHEELDON MUSIK JOBY TALBOT | DIRIGENT DAVID BRISKIN ENTWÜRFE BOB CROWLEY | BÜHNENBELEUCHTUNG NATASHA KATZ

www.roh.org.uk/cinema

Abbildung: AKA (©ROH, 2013)

selbstbetitelte Album der Stuttgarter Stoner-Rocker Kadaver etwa geht inzwischen in die zehnte Pressung. Die ersten 10.000 Platten sind bereits ausverkauft. Mit solchen Erfolgen finanziert Weinrich auch exotischere Projekte – vom retrolastigen Spandexhosen-Rock der Band Space Chaser bis hin zu Fjørt aus Aachen, deren Sound in die selbsterklärende Sparte »Screamo« fällt. Zusammen mit dem »intellektuelleren« Sound von Messer oder Die Nerven ergibt das ein ziemlich buntes Bild. Dabei steckt hinter dem eklektischen Katalog keine Philosophie. »Die Musik muss mir einfach gefallen«, sagt Weinrich. Eigentlich macht er nur um elektronische Klänge einen Bogen. Das gilt auch für Green Hell. Vielleicht würde das zu sehr an der Markenidentität kratzen – vielleicht haben die Betreiber auch keine große Lust auf Elektronisches. Nicht, dass alles beim Alten geblieben wäre. Veränderungen kann man z.B. im hauseigenen Plattenladen beobachten. Green Hell, der Shop, ist mehrfach umgezogen. Inzwischen liegt er sehr zentral, in der Nähe der Münster-Promenade. War das Angebot früher weitgehend auf härtere Rocktöne beschränkt, so hat sich der Laden inzwischen auch Indie und gehobenem Pop geöffnet. An diesem Nachmittag geht ein Album von Lana del Rey über den Tresen, ohne dass der langhaarige Verkäufer mit der Wimper zuckt. Nick Hornbys bornierte Plattenverkäufer aus »High Fidelity« haben ausgedient. Oder es gab sie nie in dieser Stadt. Tatsächlich wirkt die Münsteraner Musikszene entspannter als die manch anderer Städte. Das liegt wohl auch an einer gewissen Bodenständigkeit. Nirgendwo kann man das so gut überprüfen wie im »Gleis 22«. Die Institution am Bahnhof gehört zum Jugendinformations- und -bildungszentrum (Jib) der Stadt. Sie fasst zwar nur 300 Gäste, ist aber so bekannt, dass Google die »22« ergänzt, wenn man nur das Wort »Gleis« eingibt. In einer Leserumfrage der Musikzeitschrift Intro wurde der Club jüngst zum drittbesten in Deutschland gewählt, nach dem weltberühmten Berghain in Berlin und dem auch nicht gerade unbekannten Molotow in Hamburg. Was die Taktung angeht, kann das »Gleis« mit fast allen Musikbühnen in Deutschland mithalten. 90 bis 100 Konzerte finden hier im Jahr statt – und das trotz zweimonatiger Pause im Sommer. Seit 1987 läuft hier Live-Musik. Seitdem hat der Laden ein Großaufgebot von internationalen Bands gesehen, darunter spätere Weltstars wie Interpol, Maximo Park oder Evan Dando. Manche Künstler sind eigentlich schon zu ›groß‹ für dieses Jugendzentrum, kommen aber trotzdem. Woran liegt das? »Wir kochen selbst, das schätzen die Bands«, sagt Mitarbeiter David Möllmann. Es könnte ein Scherz sein, aber Möllmann, ein freundlicher Hüne mit Bart, verzieht keine Miene. Im Gleis 22 koordiniert er die verschiedenen Freiwilligenteams. Mit sieben Jahren Berufserfahrung gehört er zu den ›Neulingen‹ im Team. Programmchef Frank Dietrich ist seit 20 Jahren dabei, ebenso wie Heinz Paschert, der Gesamtleiter im Gleis. Die stabilen Kontakte zahlen sich aus. Viele Bands gastieren schon zum x-ten Mal an diesem Ort, die familiäre Betreuung schätzen manche so sehr, dass sie hier Sonderveranstaltungen abhalten. So feierte die Band Kettcar hier ihr zehnjähriges Bestehen – und nicht im heimatlichen Hamburg. »Das war eines der großen Highlights«, erinnert sich Möllmann. Die Münsteraner Band Muff Potter widmete ihrer musikalischen Heimat sogar eine eigene Hommage, den Song »22 Gleise später«. Ein Jahr im Leben eines Clubs sind zehn Jahre in der Außenwelt – wenn diese Nightlife-Binse stimmt, dann hat das Gleis 22 lange durchgehalten. Im Gegensatz zum vergleichbaren Molotow in Hamburg ist seine Zukunft nicht gefährdet, der Stadt Münster sei dank. Sie finanziert die Einrichtung. Dabei geht es auch um die Nachhaltigkeit der lokalen Musikszene. Im Keller des Gebäudes befindet sich ein Proberaum, dessen Nutzung rührende 2,50 Euro in der Stunde kostet. Hinzu kommt ein Studio für professionelle Aufnahmen. Beide Räume werden intensiv

Wheeldons neue Ballettproduktion live auf der großen Kinoleinwand Am 28. April um 20.15 Uhr

aus dem Royal Opera House London

KINOWELT Mehr Infos und Tickets unter

www.UCI-KINOWELT.de oder über die UCI App.


86 | MUSIK

Konzert im Gleis 22. Foto: Pascal Weist / muensterbandnetz.de

genutzt. Zum Jib gehört außerdem das engagierte »muensterbandnetz«. Wie man Videos dreht, Werbung betreibt und Aufnahmen finanziert, erfahren junge Musiker in seiner »Bandsprechstunde«, die tatsächlich so heißt. Es mangelt nicht an Interessenten. Mit 50.000 Studenten und 30.000 Schülern (bei 291.000 Einwohnern) ist Münster eine enorm junge Stadt mit entsprechendem Band-Potenzial. Als Sprungbrett dient eine Vielzahl von Clubs mit Konzertbühnen. Ein Teil davon konzentriert sich im Hawerkamp, einem Künstlerviertel am Binnenhafen, das so gar nicht zum properen Image der Stadt passen will. Mit seinen Graffiti-besprühten Backsteingebäuden, Brennesselkolonien und Gebrauchtwagenhallen erinnert die Gegend eher an eine alte Schimanski-Kulisse. Den alternativen Anspruch der hier ansässigen Clubs spiegeln schon ihre Namen wider: »Favela«, »Conny Kramer« oder »Sputnik«. Das Gerücht, der Hawerkamp werde irgendwann abgerissen, gehört schon fast zur Imagepflege des Ortes.

So günstig die Bedingungen für Bands auch scheinen, die Auftrittsmöglichkeiten reichen noch immer nicht aus. 20 bis 30 Anfragen erhält allein das Gleis 22 täglich, Agenturanrufe nicht miteingerechnet, erzählt Heinz Paschert. Der Leiter des Jugendzentrums sitzt auf einem alten Ledersofa im berühmtesten Bereich seines Clubs, den gleichzeitig die wenigsten in der Realität gesehen haben. Es ist der Backstage-Raum. Neben Paschert haben Möllmann und Volontärin Stina Rieke Platz genommen, mehr Personen passen kaum rein in diesen Raum. Die zehn Quadratmeter neben der Bühne sind so etwas wie das dreidimensionale Gästebuch des Clubs. An den Wänden haben sich Hunderte von Bands verewigt – mit Unterschriften, Logos und Cartoons. Bei allem Erfolg der Bandförderung im Gleis 22 – es gibt einen Teil des Hauses, der noch populärer ist als Proberaum, Bühne oder Studio. Es ist die Fahrradwerkstatt. Miete: 2,50 Euro pro Stunde …


Münster, alternativ: Graffiti-Idylle im Hawerkamp Ein Projekt von:

INFO

www.greenhell.de www.gleis22.de www.muensterbandnetz.de Gefördert durch:

Urbane Künste Ruhr wird gefördert durch:


88 | MUSIK

KLASSIK, JAZZ, POP 2. APRIL MOGWAI in Köln Der Aufstieg von Mogwai war nicht steil, dafür beständig. Seit 1997 bringen die Schotten im Zweijahrestakt Alben raus, die einfach nicht schlechter werden. Inzwischen sind sie im Postrock-Olymp angekommen. Wobei das Wort »Postrock« ihren Sound nur umreißt. Inzwischen baut die Band auch Synthiespuren ein, wie das umwerfende »Remurdered« vom aktuellen Album »Rave Tapes« zeigt. Mit dem größeren Klangspektrum ist auch die Fanbasis gewachsen. Wahrscheinlich liegt es auch an den diversen Soundtracks, die Mogwai einem größeren Publikum nähergebracht haben. Ihre Musik ziert die Tonspur preisgekrönter Dokumentationen (»Zidane«) und Serien. Zuletzt schrieben die Mannen um Barry Burns den Soundtrack zur französischen Mystery-Serie »Les Revenants«. Die Musik passt derart gut, dass man unweigerlich an Angelo Badalamentis legendäre Arbeit für »Twin Peaks« denken muss. E-Werk 3. APRIL LONDON SYMPHONY ORCHESTRA MIT DANIIL TRIFONOV  in Dortmund und Köln Mit seinen 23 Jahren hat Daniil Trifonov bislang so ziemlich alles erreicht, was ein Pianist in diesem Alter erreichen kann. Dazu gehören erste Preise beim Artur-Rubinstein- und Tschaikowsky-Wettbewerb. Auch die Pianistin Martha Argerich findet nur Superlative für Trifonovs Spiel, etwa den werbeträchtigen Satz »Ich habe so etwas noch nie gehört«. Doch auch der Förderung des russischen Maestros Valery Gergiev hat der stets so schüchtern dreinschauende Mann einiges zu verdanken. So trieb Gergiev ihn bei der Aufnahme von Tschaikowskys 1. Klavierkonzert zu schier unglaublichen Höchstleistungen an. Ähnliches wird nun sicherlich auch passieren, wenn er sich in Dortmund mit Gergiev und dem London Symphony Orchestra dem 2. Klavierkonzert von Chopin zuwendet. Ein paar Tage später gibt Trifonov dann in Köln ein Solo-Recital mit Werken von u.a. Schumann und Debussy. Am 3. April im Konzerthaus Dortmund; am 9. April in der Philharmonie Köln. 4. APRIL OLGA SCHEPS in Bonn Ab seinem offiziell ersten Klavierstück für zwei Hände im Jahr 1811 schuf Franz Schubert bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1828 nicht nur

über zwanzig Klavier-Sonaten. Unter seinen zahlreichen Klavierstücken finden sich auch die insgesamt acht Impromptus, die den Ausdruckskosmos des späten Schubert eindringlich widerspiegeln. Eine Auswahl aus diesen beiden Heften hat jetzt die russische Wahl-Kölnerin und ECHO Klassik-Gewinnern Olga Scheps für ihr Recital getroffen und flankiert sie zum einen mit Schuberts »Wandererfantasie«. Zu Beginn hingegen steht der sehnsuchtsvolle, elegische und zwischendurch sich wuchtig gebende »Jahreszeiten«Zyklus von Peter Tschaikowsky. Beethoven-Haus 4. APRIL OREGON  in Viersen Bei diesem Quartett geraten die Kenner und Liebhaber des Jazz schon seit über vierzig Jahren in Verzückung. Denn Oregon ist schließlich die schönste Versuchung, seit es kammermusikalischen Jazz gibt. 1970 gründeten Gitarrist Ralph Towner, Saxophonist Paul McCandless und Bassist Glen Moore zusammen mit Schlagzeuger Collin Walcott eine der einflussreichsten FusionBands überhaupt. Und wenngleich Walcott in den 1980er Jahren ums Leben kam, fand mit Percussionist Mark Walker bald den idealen Nachfolger. Und so kann man auch 2014 wieder nur in Verzückung geraten, wenn dieses Dreamteam zu seinem unverkennbaren Sound ansetzt, der sich aus Jazz, Folk und klassischer Musik speist. Weberhaus 6. APRIL  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Programm: Soundtrips NRW SUPERIMPOSE auf Tour in NRW Seit 2006 betreiben Matthias Müller und Christian Marien als Superimpose ihre gemeinsame Klangforschung. Die Vielzahl an Konzerten in Europa und den USA, aber auch intensive Arbeit im Proberaum sind Grundlage für das ausgefeilte Niveau an Klarheit, Tiefe und Verbundenheit, das der Posaunist Müller und der Schlagzeuger Marien in langer intensiver Zusammenarbeit erreicht haben und fortwährend ausbauen. Ihr unverwechselbarer Bandsound entspringt einem eigenen, spezifischen Improvisationsansatz: Es agieren zwei unabhängige Stimmen, die sich überlagern, mal verschmelzen, mal divergieren, sich ihren eigenen Weg bahnen und sich dabei verschieben – aber doch immer dieselbe Richtung verfolgen. Gemeinsam mit Improvisationsprofis

Empfehlungen

der Redaktion

aus NRW erschließen sie im April im Rahmen ihres Soundtrips durch NRW neue Klangwelten. Am 6. April im Lehmbruck Museum und in der Black Box im cuba; am 7. April im Goethebunker, Essen; am 9. April im Atelier Dürrenfeld/ Geitel, Köln; am 10. April im ort, Wuppertal; am 11. April in der Bergerkirche, Düsseldorf. www.soundtrips-nrw.de 7. APRIL AKI TAKASE in Köln und Dortmund Wenn eine Grande Dame des improvisierten Jazz wie Aki Takase in der Musikgeschichte gräbt, kommt selbstverständlich stets Zeitgemäßes heraus. Das hat die Pianistin vor einigen Jahren bereits mit ihren »St. Louis Blues«- und »Fats Waller«-Projekten unter Beweis gestellt. Jetzt legt sie mit ihrem »New Blues Project« nach. Und auch hier wird es herrlich anarchisch und auch humorvoll zugehen. Zumal jeder Mitstreiter ihrer Avantgarde-Allstar-Band eine ausgesprochene Koryphäe für Skurrilitäten ist. Das gilt für den niederländischen Schlagzeuger Han Bennink genauso wie für Posaunist Nils Wogram und Bassklarinetisst Rudi Mahall. Und an der Gitarre sitzt kein Geringerer als der amerikanische Ausnahmekünstler Eugene Chadbourne. Am 7. April im Stadtgarten, Köln; am 12. April im Domicil, Dortmund. 8. APRIL RUSCONI-TRIO in Bielefeld Als sie sich 2001 kennenlernten, waren sie alle erst Anfang Zwanzig. Und jeder von ihnen studierte noch an einer der renommierten Musikhochschulen in Zürich, Luzern und Bern. Doch damals funkte es auf Anhieb zwischen Stefan Rusconi (Klavier), Fabian Gisler (Bass) und Claudio Strüby (Schlagzeug). Prompt taten sich sie zusammen und gründeten mit dem RusconiTrio eine der vielversprechendsten Formationen des zeitgenössischen Jazz. Seitdem ist nicht nur das Publikum, sondern auch die Fachpresse davon begeistert, wie die drei gebürtigen Schweizer dieses klassische Jazz-Trio-Format mit Groove und Poesie rundum erneuern. Nun stellt die 2013 als bester Live-Act mit einem ECHO Jazz ausgezeichnete Truppe ihr brandneues Album »History Sugar Dream« vor, mit dem man musikalisch ein wenig in den eigenen Kindheitserinnerungen schwelgt. Bunker Ulmenwall


K.WEST 04/2014 | 89

von Graf Hermann Carl von Keyserling entstanden sein. Dessen Hofcembalist Johann Gottlieb Goldberg sollte ihn in schlaflosen Nächten mit Cembalo-Musik erheitern. Hätte der Graf aber miterleben können, wie die deutsche StarCembalistin Christine Schornsheim jetzt dieses Meisterwerk ungemein mitreißend brillant spielt, hätte er vor Freude und Aufregung senkrecht im Bett gestanden. Schloss Morsbroich

Rusconi Trio. Foto: Wolf-Peter Steinheißer

10. APRIL MANDELRING QUARTETT / KATARZYNA MYCKA  in Leverkusen und Krefeld Normalerweise würde man ja sagen: Ein Marimbaphon spielt gegen vier Streicher – so gegensätzlich ist diese Instrumentenkombination. Im Falle der polnischen, mit Preise überhäuften, Percussionistin Katarzyna Mycka und dem ebenfalls vielfach ausgezeichneten Mandelring Quartett heißt es aber mittlerweile längst: ein Marimbaphon spielt zusammen mit vier Streichern. Und wie perfekt die wirbelnden Schlägel mit den Streicherbögen harmonieren, beweist man gleich mit zwei Stücken. Brasilianisch angehaucht kommt das Konzert für Marimba und Streicher von Ney Rosauro daher. Auf Flamenco-Temperaturen bringt dagegen der Franzose Emmanuel Séjourné in seinem Konzert das Quintett. Am Anfang und zwischendurch stehen sodann zwei waschechte Streichquartette von Mendelssohn Bartholdy und Claude Debussy. Am 10. April im Kulturhaus Leverkusen; am 11. April in der Burg Linn, Krefeld 14. APRIL DIE GOLDENEN ZITRONEN in Köln Es ist nicht leicht, das Altwerden im Punk. Das rotzige Aufbegehren lässt sich nur schwer konservieren, wenn man erstmal den Bugaboo durch den Stadtpark schiebt und im Bioladen shoppt. Und wer den alten Schlachtrufen treu bleibt, wirkt oft hängengeblieben. Die Goldenen Zitronen sind eine der dienstältesten Punkbands in Deutschland – und bringen das seltene Kunststück fertig, weder alt- noch Altbau-punkig zu klingen. Vielleicht liegt es daran, dass die einzelnen Bandmitglieder alle noch andere Jobs haben und sich auf die Musik nicht zwangsläufig kaprizieren müssen. Sänger

Schorsch Kamerun z.B. ist inzwischen eher als Theaterregisseur bekannt. Ein anderer Grund für die Beharrlichkeit der Zitronen sind ihre Texte. Die Art und Weise, Kamerun bestimmte Milieus aufspießt, ist einfach klüger und komischer als bei der Konkurrenz. Schauspielhaus 25. APRIL PUBLIC SERVICE BROADCASTING in Köln »J. Willgoose, Esq.« und »Wriggelsworth« nennen sich die Herren hinter dieser Band. Das klingt ein bisschen adlig und ein bisschen nach Dickens. Die Assoziationen sind gewollt. Public Service Broadcasting Service ist eine nostalgisch angehauchte Konzept-Band. Das Duo aus London vertont alte Wochenschaubilder, sampelt Aufnahmen aus der Frühzeit des Radios oder Werbeclips aus den 50ern. Die alten Bild- und Tonschnipsel kombinieren Willgoose und Wriggelsworth mit live eingespielten Gitarren, Synthies und Drums. Das Ergebnis ist eine faszinierende Mischung aus Pop und Geschichte, die manchmal sogar tanzbar ist. Ach, ja: PSB bezeichnen sich offiziell als Trio. Drittes Bandmitglied ist ein alter Fernseher im Holzgehäuse. Blue Shell 27. APRIL CHRISTINE SCHORNSHEIM in Leverkusen Die»Goldberg-Variationen«vonJohannSebastian Bach zählen zu den absoluten Höhepunkten barocker Cembalo-Musik. Zu dem 30-teiligen Variationswerk, das so virtuos wie kontrapunktisch raffiniert durchgearbeitet daherkommt, gehört zudem eine berühmte Anekdote über Anlass und Entstehung der Komposition. Laut des Bach-Biografen Forkel soll das Werk im Auftrag

29. APRIL  Das NRW KULTURsekretariat empfiehlt:  Projekt: Das 3. Ohr/Klanglandschaften INCESAZ & EZGI KÖKER  in Mülheim Incesaz ist eines der erfolgreichsten türkischen Ensembles, das konsequent eine zeitgenössische Lesart der klassischen türkischen Musik verfolgt. Der »Makam« genannte Kompositionsstil und die melodische Textur stehen, ebenso wie die verwendeten Instrumente und der praktizierte Spielstil, auf den Fundamenten der Tradition. Dennoch klingt die Musik der Gruppe allein schon wegen ihrer Polyphonie und ihrer Orchestrierung ausgefeilt modern. Zudem erweitert das Quintett sein musikalisches Spektrum regelmäßig durch Hinzunahme westlicher Instrumente wie Gitarre, Bass, Klavier oder Akkordeon. Zum Mülheimer Konzert bringt Incesaz die mittlerweile sehr populäre Sängerin Ezgi Köker mit. Sie konzertiert bereits seit 2006 regelmäßig mit dem Präsidentiellen Staatschor und dem ebenfalls staatlichen Orchester für türkische Musik. Stadthalle www.nrw-kultur.de/dasdritteohr

Über 1000 kreative Zeitgenossen stellen aus, laden ein oder lassen sich über die Schultern gucken. Tolles Restaurant mittendrin und Feiern mitten im Künstlerdorf. 6,50€ Eintritt inkl. beliebig viel Tee, Milchkaffee, Limo, Cola, Espresso,...

City Essen, rechts vor dem Einkaufszentrum.


10 MAL K.WEST FREI HAUS LESEN UND WUNSCHGESCHENK SICHERN! 1

2 Ruhrgebietscurry

Weinpaket

Endlich ist es da, Ruhrgold – die Würze des Lebens und das erste offizielle Ruhrgebietscurry. Komponiert aus hochwertigen Rohgewürzen und fein abgestimmt. Das Rezept für die Ruhrgold-Spezialsauce gibt's auch noch dazu.

Ausgesuchte Weine machen das Lesen schöner. Lassen Sie sich verwöhnen von unserem Weinpaket. Es besteht aus einer Flasche Colombelle (einem Weißwein aus der Gascogne) und einer Flasche La Croisade (einem Rotwein aus den Trauben Cabernet Sauvignon und Syrah).

3 RuhrMuseum 1 Eintrittskarte für die Daueraustellung zur Natur, Kultur und Geschichte des Ruhrgebietes

NEU

Das RuhrMuseum befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Weltkulturerbe Zeche Zollverein und ist in der ehemaligen Kohlenwäsche. Als Regionalmuseum zeigt es in seiner Dauerausstellung die gesamte Natur- und Kulturgeschichte des Ruhrgebietes. Es versteht sich nicht als klassisches Industriemuseum, sondern als Gedächtnis und Schaufenster der Metropole Ruhr. Das RuhrMuseum ist ein Publikumsmagnet und zog nach seiner Eröffnung im ersten Jahr bereits 400.000 Besucher an. www.ruhrmuseum.de

K.WEST ist das Kulturmagazin für den Westen. Es informiert, rezensiert, kommentiert – und sortiert: Theater und Kunst, Oper und Tanz, Film, Architektur, Literatur und die Musik in all ihren Spielarten.

Tel. 0201/86206-33 | Fax: 0201/86206-22 | vertrieb@kulturwest.de | K.WEST Verlag GmbH, Heßlerstr. 37, 45329 Essen


4 LVR Sechs Schauplätze – ein Museum Wahlweise je 2 Eintrittskarten für die Schauplätze Oberhausen, Ratingen, Solingen, Bergisch-Gladbach, Engelskirchen oder 1 Eintrittskarte für den Schauplatz Euskirchen

NEU

An sechs authentischen Schauplätzen wird die Geschichte der Industrialisierung an Rhein und Ruhr erzählt. Im Mittelpunkt steht der Mensch mit seiner Arbeit und seinem Alltag: von den Anfängen der Schwerindustrie in Oberhausen, die Textilfabrik Cromford in Ratingen, die Gesenkschmiede Hendrichs in Solingen, die Papiermühle Alte Dombach in Bergisch-Gladbach, die Baumwollspinnerei in Engelskirchen, die Tuchfabrik Müller in Euskirchen. Die Besonderheit macht sicherlich aus, dass die Originalstandorte für die Besucher eine einmalige Atmosphäre erschaffen und neueste Museumskonzepte den Besuchern die Arbeit und das Leben der Menschen nahebringen. www.industriemuseum.lvr.de

5

6 LWL Acht Schauplätze – ein Museum Wahlweise je 2 Eintrittskarten für die Standorte Dortmund, Witten, Hattingen, Waltrop, Bocholt, Lage, Petershagen

Geschenkgutschein

NEU

An acht Standorten der Industriegeschichte erfährt man mehr über das Weben von Stoffen an historischen Maschinen oder über die Herstellung von Glas und Ziegeln, das Gießen von Metall. Besuchen Sie einen Kohleflöz oder fahren Sie auf dem Wasser oder Schienen. Dies alles ist möglich: im TextilWerk in Bocholt, in der Glashütte Gernheim in Petershagen, in dem Ziegeleimuseum in Lage, im Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop, in der Henrichshütte in Hattingen, auf der Zeche Nachtigall in Witten, auf der Zeche Zollern in Dortmund. Der Besuch der Zeche Hannover in Bochum ist kostenfrei. www.lwl-industriemuseum.de

Ein Geschenkgutschein über 10 Euro der Mayerschen Buchhandlung – da ist für jeden Geschmack etwas dabei.

JA, ICH MÖCHTE K.WEST LESEN ODER VERSCHENKEN! Ich bin damit einverstanden, dass der K.WEST Verlag GmbH mir per Post, Telefon und/oder E-Mail interessante Zeitschriftenangebote unterbreitet. Ich kann jederzeit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten zum Zwecke der Werbung beim Verlag widersprechen.

Anschrift des Bestellers (Bitte unbedingt ausfüllen)

Anschrift des Beschenkten (Ausfüllen, falls K.WEST verschenkt wird)

Name, Vorname

Name, Vorname

Straße, Hausnummer

Straße, Hausnummer

PLZ, Ort

PLZ, Ort

Sie können ein Probeheft auch telefonisch oder per Fax und E-Mail bestellen: Tel. 0201/86206-33, Fax: -22, vertrieb@kulturwest.de K.WEST Verlag GmbH, Vertrieb, Heßlerstr. 37, 45329 Essen, www.kulturwest.de

Telefon tagsüber (für eventuelle Rückfragen)

COUPON SENDEN AN: K.WEST Verlag GmbH Vertrieb Heßlerstr. 37 45329 Essen

E-Mail (für eventuelle Rückfragen) Ich zahle per Rechnung das Jahresabo K.WEST zum Preis von € 46,00. Ich zahle per SEPA-Lastschrift das Jahresabo K.WEST zum Preis von € 46,00. BLZ

Konto-Nr.

IBAN

BIC

Geldinstitut, Ort Datum, Unterschrift des neuen Abonnenten

Wunschprämie gratis (Bitte ankeuzen) 1. Ruhrgebietscurry 2. Weinpaket 3. RuhrMuseum 1 Eintrittskarte für die Daueraustellung zur Natur, Kultur und Geschichte des Ruhrgebietes 4. LVR Sechs Schauplätze – ein Museum wahlweise je 2 Eintrittskarten für die Schauplätze Oberhausen, Ratingen, Solingen, Bergisch-Gladbach, Engelskirchen oder 1 Eintrittskarte für den Schauplatz Euskirchen 5. LWL Acht Schauplätze – ein Museum wahlweise je 2 Eintrittskarten für die Standorte Dortmund, Witten, Hattingen, Waltrop, Bocholt, Lage, Petershagen 6. Geschenkgutschein Mayersche Buchhandlung

Ich ermächtige den Klartext Verlag, Jakob Funke Medien Beteiligungs GmbH & Co. KG, Zahlungen von meinem Konto mittels SEPA-Basislastschrift einzuziehen und weise mein Kreditinstitut an, die Lastschriften einzulösen. Die Vorankündigungsfrist für den Einzug beträgt mindestens 4 Werktage. Hinweis: Ich kann innerhalb von 8 Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrages gemäß den Bedingungen meines Kreditinstitutes verlangen


92 | FILM

TAKE IT UNEASY TEXT: ANDREAS WILINK

»The Amazing Catfish« aus Mexiko läuft zur Eröffnung. Foto: Festival

Der Debüt-Spielfilm-Wettbewerb des Internationalen Frauenfilmfestivals in Köln zeigt acht Produktionen aus Chile, Frankreich, Großbritannien, Mexiko, Österreich, Russland, Senegal und Spanien. Geschichten über Mütter und Kinder, abwesende Eltern, die verlorene Heimat und über die Verhältnisse, wie sie sind.

Bilder vom Winter wie bei Brueghel. Streng komponiert. Weiß bestäubt. Eine graue Bergarbeiter-Stadt, in eine Straßenlücke ragt der Förderturm einer Zeche, um die Ecke biegt der Trauerzug einer Beerdigung. Die Posaunen begleiten den schweifenden Blick der Kamera über diese triste Welt in Rumänien. Der elfjährige Matei sammelt Schmetterlinge, die in ihrem gläsernen Gefängnis flattern. So fühlt auch er sich. Die Schachtel mit den toten Tieren wird er irgendwann auf dem Fluss aussetzen, sie strudelt eine Kaskade herab und geht unter. Mateis Eltern arbeiten in Italien, er wohnt beim Großvater. Als er von der Schule fliegt, packt er seine Sachen und haut ab. »Matei Child Miner« (RO/D/F) von Alexandra Gulea ist bestechend schön, gefasst und von bewegender Gleichmut. Abends sitzt Matei einsam auf einer Schaukel; er nächtigt in Hausfluren; Hunde bellen; Wäsche weht im Wind; Züge rangieren. Schuberts »Winterreise« zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Ein verlorener Junge in Nimmerland. Nachts streift er durchs Naturkundemuseum in Bukarest, das aussieht wie der Palast der Schneekönigin im Märchen. Als der Junge zurückkehrt, stirbt der Großvater. Am Sterbebett betet Matei wie eine Litanei die ornithologischen Namen der Insekten herunter: sein Requiem. Im Süden Europas sieht die Welt nicht besser aus. Auch sie befindet sich im Entmächtigungs-Zustand. Spaniens schwerer Atem gibt den Rhyth-

mus vor in »La Plaga« (Neus Ballús), der mit Laiendarstellern gedreht wurde. Raul, ein Landarbeiter mit Nebenjobs, eine gehbehinderte alte Frau, die ihr Haus verlor und ins Heim kommt, eine asiatische Pflegerin, eine arbeitslose Frau. Sie leben am Rande des Sozialen, an der Peripherie von Barcelona. Kommentarlos führt der Film die Anforderungen und Überforderungen vor, um das Alltägliche zu bewältigen. Dauernde Erschöpfung geht von den Gesichtern der Figuren – und dem halb dokumentarischen Film selbst aus: Leere, Verlassenheit, Stumpfsinn in den Räumen, bei den Menschen, selbst in der Landschaft. Alle haben zu tun, trotzdem spürt man eine Art Lethargie. Insektenbefall gefährdet die Ernte – symbolisch zu nehmen wie die biblische Plage. »Talea« (Österreich) erzählt von einem besonderen Muttertag. Jasmin (Sophie Stockinger) bringt ihre Mutter Eva (Nina Proll), die im Gefängnis gesessen hat und neu anfängt, dazu, mit ihr einen Wochenendausflug zu unternehmen. Die 14-Jährige, in sich gekehrt und feindselig, gerade auch gegenüber den Pflegeeltern, hat im Streit und heimlich das ungeliebte Ersatz-Heim verlassen, wohin Eva sie hatte abgeben müssen. Die Mutter, die Arbeit in einer Gärtnerei fand, hegt andere Wünsche, als traute Zweisamkeit mit dem Teenager. Da wäre die Lust, tanzen zu gehen, sich auszuleben, und da ist der Pensionswirt (Philipp Hochmair). Jasmin brütet finster. Ungute Gefühle wollen raus. Die


K.WEST 04/2014 | 93

Haneke-Schülerin und Regisseurin Katharina Mückstein wählte für ihren lakonischen Einstand als Titel den italienischen Begriff Talea. Er meint den Teil einer Pflanze, den man abbricht und in die Erde steckt, damit er Wurzeln treiben kann. Ein solcher Setzling ist Jasmin, die ihre eigenen Wurzeln entwickeln muss. Sich frei schwimmen, wie das letzte Bild zeigt. Familie ist nicht alles. Wo die eigene versagt oder ausfällt, füllen die Lücke Wahlverwandte. Für einen Single kann ein Tisch mit vier lärmenden, jüngeren und halb erwachsenen Kindern, die sich um Suppe und Hot Dogs kebbeln, eine Abwechslung sein. Mutter Martha ist HIVinfiziert und todkrank. Sie und die jüngere Claudia waren Bettnachbarn im Krankenhaus. Kurzerhand wird Claudia eingemeindet und in den Haushalt integriert. »The Amazing Catfish« (Claudia Sainte-Luce, Mexiko) ist der – genaue, stimmungsreiche, in kleinen Gesten und Situationen fein erzählte – Eröffnungsfilm (ab 8. Mai in den Kinos). Unversehens wächst Claudia in die Rolle der Pflegerin, Vertrauten und Ersatzmutter, auch wenn ihr Blick anfangs sagt, dass sie nicht weiß, wie ihr geschieht. Schön zu sehen, wie die unterschiedlichen Temperamente und Probleme der Töchter und des Jüngsten Armando, das wachsende Vertrauen, die existentielle Krise des Verlustes sich verbinden. Auch diese Familie macht einen Ausflug: ans Meer – Marthas letzte Reise, bevor wunschgemäß ihre Asche in der Stadt verweht wird. Ihren Kindern und Claudia gibt sie auf dem Tonband letzte Worte mit. Nichts Großes. Aber fürs Leben. A la Vida. Die einzige Geschichte, die sich sentimental zu ihrem Gegenstand verhält, ist ein entspanntes Familientreffen im Magnetfeld der Gefühle. Ein Wiedersehen: Bruno kehrt nach langer Zeit in Deutschland nach

Chile zurück und besucht seine Leute auf dem Land. Allein, das Haus der Erinnerungen, in dessen Nähe ein Magnetbaum steht (»The Magnetic Tree«, E/RCH, Isabel Ayguavives) muss verkauft werden. Die Enge dieses Generationen-Ortes mag bedrückend sein und Fluchtimpulse auslösen, aber man lacht sich frei. Tschechow auf Südamerikanisch. »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, predigt der russisch-orthodoxe Pope. Aber das gilt kaum für »Marussia« (RUS/F, Eva Pervolovici) und ihre Mutter Lucia. Besser würde das Bibel-Wort passen: »Denn sie hatten keinen Raum in der Herberge.« Beide ziehen mit Rollkoffern durch Paris, fahren Métro, campieren im Waschsalon oder im Kino, spendieren sich mal ein Hotel, stehen auf einer Vernissage herum, immer um eine Unterkunft kämpfend. Die Modejournalistin war aus Moskau geflüchtet, nachdem ihre Affäre, ein reicher Russe, in Ungnade fiel. Sie kann in Paris die Notrufnummer 115 für einen Asylplatz anrufen, aber nur von einem öffentlichen Telefon, um zu beweisen, dass sie tatsächlich auf der Straße lebt. Und muss jede Nacht dort zubringen, sonst wird das Zimmer vergeben. Männliche Zufalls-Bekannte werden gezielt für eine vorübergehende Bleibe kontaktiert. Lucia ist couragiert, gibt sich offenherzig, macht sich nützlich. Aber der Zustand bleibt ambulant, auch wenn Lucia versucht, Marussia so gut es geht Normalität und Freude zu geben. Die nimmt es manchmal fast als Abenteuer, oder ist doch einfach nur müde. Vielleicht wäre der Weg zurück leichter … »Le sens de l’humour« (F, von und mit Marilyne Canto). Noch einmal Mutter und Kind. Sie gehen offen miteinander um, einander ebenbürtig. Sagen sich alles, nicht nur Nettigkeiten. Elise, Museumspädagogin am Louvre, lebt allein mit dem zehnjährigen Léo (Samson Dajczman), seit der Ehemann starb. Sie sind jüdisch, aber nicht gläubig. Auch Elises Freund Paul kommt klar mit Léo. Nur als Paar stagnieren Mann und Frau im Auf und Ab von Nähe und Abwehr, Streit und Versöhnung. Léo spürt jedes Nachbeben der Krise. Zumal plötzlich Elise schwanger ist. Vor 30, 40 Jahren drehte Claude Sautet solche Filme über moderne Frauen und ihren Alltag zwischen sozialer Selbständigkeit und emotionaler Abhängigkeit. »Une histoire simple« hieß eine dieser Geschichten: schlicht, leicht, klar und klug. Wie auch Marilyne Cantos Film. »Des Etoiles« (F/SN, Dyana Gaye): Welche Sterne sind gemeint? Die über Afrikas Himmel, über Italien oder die über New York, wie sie sich in der US-Flagge sprenkeln? Entwurzelt sind die Mitglieder einer senegalesisch-stämmigen Familie aus Dakar, die als Migranten in Turin und in Amerika stranden. Ein Mann wird in der Heimaterde begraben. Sophie, eine Generation jünger, sucht ihren Ehemann Abdoulaye in der Fremde Europas, wobei es den in die Vereinigten Staaten verschlug. Man braucht einen Kompass, um beim Navigieren zwischen den drei Schauplätzen und den unsicheren Umständen im Provisorium zu folgen. Das Prinzip der Dreiteilung spiegelt die Gefühls- und Lebenslage der Figuren. Aber da ist mehr als Verunsicherung. In der Ankunft im Unbekannten liegen Möglichkeiten. Sophie findet sich ein in Turin. Thierno aus New York besucht erstmals den Senegal und fühlt sich wohl. Abdoulaye aber sitzt verloren am Strand von Coney Island. Schaut aufs Wasser, dem Element des Ungewissen. So wechseln wie Ebbe und Flut poröse Identität, Isolation und deren Aufhebung.

INFO 8. bis 13. April 2014, Köln, Odeon Kino, www.frauenfilmfestival.eu


94 | FILM

PORTRÄT EINER LADY DES MONATS

REZENSIONEN: ANDREAS WILINK

Nord trifft Süd: Elizabeth Bishop und Lota (Miranda Otto, Glória Pires). Foto: Pandastorm

»Die Poetin« ist in dem Film von Bruno Barreto die US-amerikanische Dichterin Elizabeth Bishop, die in den fünfziger Jahren in Brasilien die Frau ihres Lebens trifft. Die Dichterin ist kapriziös und nervös, zweifelt an sich und ihrer Lyrik, wie es sich für Kreativwesen gehört. Elizabeth Bishop (Miranda Otto) kennt sich aus in der Kunst des Verlierens und Selbst-Verlustes. »Reaching for the Moon«, lautet einer von Bishops Versen: Es ist der Mond für die Beladenen, die Nachtschwärmer, die Traumsüchtigen, die Saturniker. Wir treffen sie zuerst im Central Park des Jahres 1951. Und bald darauf in Rio, wo sie ihre ehemalige College-Freundin Mary (Tracy Middendorf) besucht. Die lebt dort mit einer Frau zusammen, Lota, einer Brasilianerin, Architektin und Großbürgerin (Glória Pires), herrisch, vital, stark, besitzergreifend, großzügig. Miss Bishop reiste auf ein paar Tage – und bleibt für lange. Ihr Blick ist skeptisch bis irritiert, ein fotografisches Auge, das alles aufnimmt, registriert und ablegt. »Beobachtungen in Zeilen gepresst«, wie ein befreundeter Kollege wohlwollend kritisiert. Vielleicht ist sie verkrampft. Im Leben kann sie nicht sehr viel. Elizabeth Bishop (1911 bis 1979) tut sich schwer mit Fremdem und Ungewohntem. Ist schüchtern, schamhaft und blass wie eine Henry-James-Heldin: Porträt einer Lady. Sie hat ihre Neurosen und eine Nuss-Allergie, so dass ihr Körper rebelliert. Ihre brasilianischen Gastgeber stößt sie vor den Kopf, wenn sie Rio als Kreuzung aus Mexico City und Miami charakterisiert. Bei Tisch verweigert sie ein Glas Wein, auf ihrem Zimmer greift sie zur Flasche. Im Dreieck der Frauen – einer höchst labilen Konstruktion – verschieben sich bald die Schenkel-Linien. Als einmal ein Gewitter ausbricht, sieht man in das elegante gläserne Wohnhaus, darin eine Trennwand

symbolisch und real Elizabeth und Lota von Mary separiert. So sind die Verhältnisse. Elizabeth und Lota begehren einander und geben dem Gefühl nach. Mary wird mit einem gemeinsam adoptierten kleinen Mädchen (der Mutter abgekauft) ruhig gestellt. Eine Patchwork-Familie avant la lettre. Lota regelt alles, baut für Elizabeth ein Arbeits-Studio, sprengt es aus dem Felsen über dem traumhaft schönen Anwesen. In ihren feudalen Kreisen können die beiden sogar die gleichgeschlechtliche Beziehung offen zeigen. Noch scheint das Idyll perfekt. Bishops Gedichtband »North and South« gewinnt den Pulitzer-Preis, und Lota beginnt, die Idee für den Flamengo Park am Strand von Rio zu entwickeln, und sich politisch für den Gouverneur Carlo Lacerda zu engagieren, der sich bald als rechter Putschist erweisen wird. Doch nun machen sich Spannungen bemerkbar: Eifersucht, Besitzforderungen, Erwartungen, das Bedürfnis nach Abstand bei Elizabeth Bishop, der Anspruch der Kontrolle bei Lota. Bruno Barreto erzählt, atemberaubend schön, opulent, psychologisch fein mit seinen großartigen Darstellerinnen von einer maßvollen, gewissermaßen geregelten, doch nicht minder gefährlichen Liaison    dangereuse und amour fou. INFO »Die Poetin«, Regie: Bruno Barreto; Darsteller: Miranda Otto, Glória Pires, Tracy Middendorf; Brasilien 2012, 110 Min.; Start: 10. April 2014.


K.WEST 04/2014 | 95

DAS GELOBTE UND DAS VERFLUCHTE LAND

Die Familienfoto mit Michka und Feiv’ke. Foto: Film Kino Text

LÜGEN IN ZEITEN DES KRIEGES

Srulik rennt (die Zwillinge Andrzej und Kamil Tkacz). Foto: NFP

Deutsch-jüdische Geschichte: »Schnee von Gestern«

»Lauf Junge Lauf« von Pepe Danquardt

»Wir schöpften aus der nie versiegenden Quelle des Krieges«, heißt es bei Katja Petrowskaja in ihrem Roman »Vielleicht Esther«. Auch die in Berlin lebende Israelin Yael Reuveny tut dies. Sie legt in ihrer staunenswerten Dokumentation die Biografie ihres Onkels offen, dem Bruder ihrer Großmutter. Eine vergilbte Fotografie zeigt die Geschwister Michka und Feiv’ke aus Wilna in inniger Nähe. Nachdem die Familie von den Nazis mit Ausnahme der beiden ermordet worden war, hören die zwei Überlebenden, dass der jeweils andere in Lodz gesehen worden sei. Aber sie verpassen oder vermeiden einander. Michka wandert nach Palästina aus, gründet in Israel ihre Familie und betrat nie wieder deutschen Boden. Feiv’ke indes verschließt seine Identität in sich, lässt sich nieder in Schlieben bei Chemnitz, wo er als Gefangener inhaftiert war, heiratet am Ort, wird Vater, nennt sich Peter Schwarz, liegt begraben auf dem christlichen Friedhof. Hätte Spielberg das inszeniert, würde man sagen: dramaturgisch unglaubwürdig. Was ist Heimat? Und wo ging sie zu Bruch unterwegs von Vilnius über Buchenwald, Treblinka und Lodz bis Tel Aviv und Berlin? Wie hält jemand mit einem solchen Hintergrund die Diaspora aus? Yael, die mit ihrer Recherche »die Klauen der Geschichte lockern« will, sucht in ihrem auf den Dok-Festivals von Leipzig und Haifa ausgezeichneten Film »Schnee von Gestern« Antworten für sich, für ihre Eltern und den unbekannten Onkel, trifft dessen die Familienbande neu knüpfen wollenden Sohn, die sich »betrogen« fühlende Tochter und die Schwägerin, die sagt, für Peter Schwarz sei »das Thema tabu« gewesen. Yael streift durch die kleine Stadt, den Wald mit der Fabrik, wo die Inhaftierten zwangsweise arbeiten mussten, den Lager-Baracken, die zu Bungalows umgebaut wurden. Peter Schwarz nahm nie Kontakt zu seiner ursprünglichen Familie auf. Aus Schuld, Scham, Angst? Was ist Verleugnung? Was heilsames Schweigen? Ein Gegenleben. Wie wirkt es sich aus auf die Folge-Generationen? Den letzten Knoten – fast eine Pointe – bildet Peter Schwarz’ Enkel Stefan, der in der Berliner Synagoge Oranienstraße als wissenschaftliche Hilfskraft jobbt, Hebräisch lernt, über seinem Bett die israelische Flagge hängen hat und ins Gelobte Land reist, um den Talmud zu studieren, an der Klagemauer zu beten und die Leute seines Vaters zu treffen. Mit Yaels Mutter und seiner Kusine steht Stefan am Grab von Großmutter Micha: Sie haben nach der Tradition Steinchen niedergelegt. Steine aus Deutschland von Peter Schwarz’ alias Feiv’kes letzter Ruhestätte. Gottes Wege    sind seltsam.

Zwei W-Fragen beschäftigen einen bei diesem Film. Die erste lässt sich leicht beantworten: Warum hat Pepe Danquardt diese Geschichte gedreht, basierend auf der Biografie von Yoram Fridman, wie sie der Autor Uri Olev in seinem Buch nacherzählt hat? Weil es ein großartiges Zeugnis menschlichen Überlebenswillens ist und ein Triumph des Opfern über die Täter. Am Ende, wenn die Spielfilm-Fiktion in dokumentarische Realität überwechselt, sehen wir den echten Yoram Fridman, einen älteren Herrn, an Israels Mittelmeerstrand mit seiner Frau, Sohn und Tochter und sechs Enkelkindern. Er sollte vernichtet werden. Aber er ist da – mit seiner Nachkommenschaft. Mit der zweiten Frage tut man sich schwer. Weshalb traut der Regisseur nicht dem, was er zeigt? Warum diese Musik, der süßliche Soundtrack, der sich über die Bilder legt und alles verklebt. Zu Herzen gehender, emotional bewegender kann eine Geschichte kaum sein. Sie hat Gefühlsverstärker nicht nötig und nicht verdient, schon gar nicht eine solche Weichspülung. Srulik (die Zwillinge Andrzej und Kamil Tkacz) ist fast neun, als er vor den Deutschen aus Warschau und dem Ghetto flieht. Anders als seine Mutter und als sein Vater, der zu seinem Schutz die Verfolger auf sich lenkt und dabei getötet wird. Srulik geht in die Wälder, trifft andere versprengte Kinder, ist bald wieder allein, findet Unterschlupf bei einer Katholikin, deren Mann und Söhne bei den Partisanen stehen und die ihn zur Tarnung in christlicher Religion unterweist. Er muss fort, verdingt sich auf Bauernhöfen für Obdach und Essen. Kämpft sich durch Winter und Eiseskälte, wird von Polen (nicht alle waren Helfer, nicht alle waren Antisemiten) verraten und an die Wehrmacht ausgeliefert. Ein Offizier (Rainer Bock) lässt auf ihn schießen, um ihn aus einer Laune heraus doch zu schützen. Srulik, der sich längst als Jurek ausgibt, verliert einen Arm beim Unfall mit einer Mähmaschine und stirbt fast, weil ein Arzt sich weigert, den Juden zu behandeln. Neuerliche Denunziation, neuerliche Flucht, bis die Rote Armee einmarschiert. Und es die Lügen in den Zeiten des Kriegs nicht mehr braucht. Aber nun hat Srulik den Juden in sich begraben: die Schuld gegenüber dem Opfer des Vaters, die Angst, anders zu sein, die Entwurzelungsneurose haben ihn blockiert. Bis dann doch das unterdrückte Jiddisch aus ihm sprudelt und er zum »Kind Israels« wird. Was macht es, dass »Lauf Junge Lauf« aussieht wie von Artur Brauner produziert. Womöglich würde nicht nur Louis    Begley die formale Konvention verzeihen und verstehen.

INFO

INFO

»Schnee von Gestern«; Regie: Yael Reuveny; D / Israel 2013; 98 Min.; Start: 10. April 2014.

»Lauf Junge Lauf«; Regie: Pepe Danquardt; Darsteller: Andrzej und Kamil Tkacz, Elisabeth Duda, Itay Tiran, Zbigniew Zamachowski, Rainer Bock, Jeanette Hain; 108 Min.; D/P; Start: 17. April 2014.


96 | FILM

AUSSERDEM Die Rebellen im Eis-Zug. Foto: mfa

BALANCE OF POWER »SNOWPIERCER« VON BONG JOON-HO In 365 Tagen um die Welt: Ein Zug rast wie eine wild gewordene Märklin-Eisenbahn über eine global verlegte Schienenstrecke. Ohne Rast und Ruh. Die Erde ist vereist, alles Leben erfroren, die Städte sind versunken. Außerhalb der Waggons wartet der Tod – drinnen jedoch auch. Hierarchisch streng separiert, leben am Zug-Ende die Parias, zusammen gepfercht, unterdrückt, anfangs aus Not zum Kannibalismus gezwungen und nun mit unappetitlichen Protein-Blocks gefüttert. Weiter vorn hin schwelgen First Class-Passagiere bei Bach-Musik in Luxus. Es gibt grün wuchernde Treibhäuser, gewaltige Aquarien für die SushiKüche, Fleisch in Mengen, Partys, Pools und künstliche Sonnenbänke. An der Spitze lenkt Wilford (Ed Harris) die Lok, eine Metropolis-hafte Herrschernatur und Erfinder der »Maschine«, für deren Betrieb kleine Kinder der Unterklasse geraubt werden. Es formiert sich der Aufstand, nicht der erste in 18 Jahren, aber der erste, der unter Führung von Curtis (Chris Evans) und dem Türöffner Namsoong (Song Kang-Ho) und dessen Tochter nach vielen Verlusten – auch dem jeder Illusion – durchstößt und das System aushebelt. Wilford, der kapitalistische Selfmademan, vertritt in der Adaption einer Graphic Novel, die der gefeierte koreanische Regisseur Bong Joon-ho in toller Besetzung (u.a. Tilda Swinton, John Hurt, Jamie Bell) und bildgewaltig als monströse futuristische Fantasie mit dem Besten des Genres auflädt, einen pervertierten mittelalterlichen Ordo-Gedanken. Jeder hat seinen gebührenden Platz, das Ganze bildet die Menschheit, die Spitze der Standespyramide ist gottgegeben. Als politische Parabel bleibt »Snowpiercer« tief pessimistisch, da Revolte und Konterrevolution auf Absprache beruhen, um die Balance of Power zu wahren. Auch wenn am Ende erste neue Menschen   das Freie suchen. Start: 3. April 2014.

DIE IDEALE FRAU »Her« von Spike Jonze Nur weil eine Liebe virtuell ist und im Futur des Sciencefiction erzählt wird, heißt das nicht, sie könne nicht auch trivial und Kitsch sein. Spike Jonze inszeniert »Her« derart romantisch verklärt, schwülstig und sentimental verschmockt in Bild und Ton, dass sich darüber die originelle

Fantasie über Risiken und Nebenwirkungen der Intimität in Zeiten des elektronischen Verkehrs verflüchtigt. Theodore (Joaquin Phoenix) lebt in Los Angeles, das aussieht wie in einer Webekampagne für die lebenswerte Stadt. Schöner Wohnen, Schöner Arbeiten, Schöner Schlafen vor der Panoramaglaswand – und dahinter die glitzernde Skyline. Theodore verfasst Briefe für andere Leute, schöne, verständnisinnige, sensible Briefe. Eher jedoch würde man ihn für einen Games-Entwickler halten. Mit den Frauen läuft es, nun ja. Eine Beziehung ist gescheitert. Ein Date endet unbefriedigend. Das neue Betriebssystem seines Computers schmeichelt mit einer naturgetreuen Stimme: Samantha (Scarlett Johansson), so stellt sie sich Theodore vor. Körperlos, aber emotional ausgewogent: die ideale Frau. Theodore nimmt bald den Knopf im Ohr gar nicht mehr raus. Sie scheinen sich perfekt zu verstehen. Der Egotrip Theodores mit Samantha wirkt auf den Zuschauer, als habe dieser einen Dämpfer abgekriegt, als wäre einem mit der Kinokarte auch ein Tranquilizer verabreicht worden. Ein zweistündiger Dämmerzustand. Klar, dass Theodore, den Samantha »verlassen« hat, am Ende sein Herz für einen richtigen Menschen entdeckt. Nebenbei gesagt, »Her« klingt wie »HAL«, der Computer aus Kubricks »2001-Odyssee«. Hal konnte ganz schön gemein sein und schließlich nur noch »Hänschen klein« singen. Als Kommentar damals schon radikaler, als heute Spike Jonzes Schmuserei    mit der Zukunft. Start: 27. März 2014.

DER MENSCHENFEIND »Molière auf dem Fahrrad« von Philipp Le Guay Es endet unversöhnlich. Die Freunde bleiben entzweit. Der Menschenfeind Serge Tanneur schaut einsam hinaus auf die See; der leichtlebige Gauthier Valence spielt in Paris auf dem Theater Molières Alceste. Es sollte anders sein, beide Schauspieler sich in den Rollen von Alceste und Philinte abwechseln. Nicht nur eine junge Frau hat das verhindert und den Konflikt geschürt. »Molière auf dem Fahrrad« heißt im Original: »Alceste à Bicyclette«, weil man in Frankreich darauf vertrauen kann, dass die Figur des Misanthropen zum kulturellen Erbe gehört. Die Alexandriner der Komödie des 17. Jahrhunderts sind geläufig. Autor und Regisseur Philippe Le Guay nimmt die Konstellation des Molière-Personals auf und verwandelt sie. Der TV-Serienstar Gauthier besucht seinen


K.WEST 04/2014 | 97

Lambert Wilson & Fabrice Luchini auf dem Fahrrad. Foto: Alamode

Kollegen Serge (ganz hervorragend: Lambert Wilson & Fabrice Luchini) auf der Ile de Ré, wohin der sich zurückgezogen hat, enttäuscht vom Bühnen- und Filmbetrieb, misstrauisch und abweisend. Ein Idealist, der die Menschen gern anders hätte. Gauthier schlägt ihm vor, wieder aufzutreten. Sie proben tagelang die beiden Rollen aus dem »Menschenfeind«, fahren Rad, lernen die schöne Francesca kennen und manches mehr. Peu à peu changieren die Charaktere, verändern sich die Haltungen der Männer. Für einen Moment kann man an vertauschte Köpfe denken. Aber der Rigorismus Serges erhält neue Nahrung. Er kleidet sich ins höfische Kostüm der Louis XIV.-Epoche und ist darin gefangen. Der geschmeidige »Philinte« Gauthier könnte indes sogar der bessere Alceste sein: aus Er   fahrung klug. Start: 3. April 2014.

LE TRAVIATA »Yves Saint Laurent« von Jalil Lespert Sein Markenzeichen sind die gekreuzten Buchstaben: YSL. Das S verbindet dabei Y und L. In einer Szene des Biopics von Jalil Lespert erfüllt den Zwischenraum von zwei Männern eine Frau: Das schöne Model Victoire ist das S. Das Y bildet Karl Lagerfeld, das L steht für YSL. Sie liegen zu dritt im Bett, Karl schaut bohrend auf seinen Kollegen und Konkurrenten. Ein Mephisto, damals noch langmähnig und ohne schwarzen Kostüm-Panzer (Nikolai Kinski), der die Kreise des sensiblen Modemachers immer wieder berührt und ihn umschweift wie ein Komet. Weshalb? Vielleicht, um ihn mit seinem eigenen Liebhaber Jacques zu verführen, ihn gewissermaßen zu infizieren und zu vernichten. So die Unterstellung des Films. Erzählt wird aus Sicht von Pierre Bergé, dem Geschäfts- und Lebenspartner. Er begibt sich zu Anfang zu der exquisiten Auktion, bei der Kostbarkeiten und die Kunstsammlung des Paars versteigert werden. Am Ende sieht Bergé sich einem imaginären – dem toten – YSL gegenüber. Der Film konzentriert sich auf die späten fünfziger bis siebziger Jahre: Yves, der scheue, sanfte Jüngling als Assistent bei Dior, dessen Modehaus er später übernimmt, um sich dann mit Bergé selbstständig zu machen. Wir sehen die grandiosen Kollektionen: die Mondrian-Kleider, den Smoking für die Frau, die hinreißend schöne orientalische und russische Folklore. Wir sehen den von Rauschgift und Sex Zerstörten, den Neurotiker, den manisch-depres-

Yves Saint Laurent (Pierre Niney). Foto: Verleih

siven Künstler, der im Easy-Rider-Look mit Fuselbart und Walle-Haar posiert und sich hinter seiner großen Brille versteckt, überhöht von der Stimme der Callas, von »La Wally« und »Traviata«, getaktet von Jazz und Soul, umhüllt von Piano-Klangwolken. Und wir sehen den fabelhaften Pierre Niney (und Guillaume Gallienne als Bergé) in einem Film, der    doch so ist, wie die Mode von YSL niemals: bieder. Start: 17. April 2014. K.WEST_92 x 127 mm_Vorschau Mai_2014_Layout 1 22.03.14 08:47 Seite 1

Die Maiausgabe AB ENDE APRIL IM HANDEL

KUNST, BÜHNE, MUSIK, DESIGN, FILM, LITERATUR DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS www.kulturwest.de oder Tel.: 0201 / 86206-33


98 | LITERATUR

BESSER UNGLÜCK ALS GAR KEINE LIEBE des Monats TEXT: ULRICH DEUTER

Margriet de Moors Variationen eines Themas in Moll: »Mélodie d’amour« Am Ende auch des Romans kommt wieder die Flut. Pferde – in der Kinderzeit war es – hatten sich, eine riesige Herde, vor dem steigenden Novemberwasser auf den Groden gerettet, ein flaches Stück Restland im Watt. Panisch scheuten die Tiere, Boote zu betreten. Alle würden sie ertrinken. Da kommen, am dritten Tag, »wie aus dem Nichts die vier Frauen in das Außendeichgebiet geritten.« Sie treiben ihre Pferde ins Wasser, sie legen der Leitstute einen Halfter um, sie ziehen sie hinter sich her zurück an Land. Die Herde folgt. »So brav, so lieb, so glücklich.« »Sturmflut« war 2006 Margriet de Moors wahrscheinlich bisher größter Roman, er erzählt von dem tödlichen Hochwasser, das die Niederlande 1953 heimsuchte, und zugleich von einer anderen unbeherrschbaren Gewalt, dem Begehren, der Liebe. Das Sanfte und im nächsten Moment Tosende, das sich dem Verstand und dem Beschreiben Entziehende – Wasser, Gefühl, das ist der Stoff der 1941 in Noordwijk geborenen, gelernten Pianistin und Sängerin; keiner weiß das nicht Fassbare so wie sie in Worte zu fassen.

INFO

Margriet de Moor: »Mélodie d’amour«; aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Hanser Verlag 2014, 21,90 Euro Lesungen: 1. April 2014, Buchhandlung Müller im Heine Haus Düsseldorf, 2. April, Literaturverein Münster

Und jetzt »Mélodie d’amour«. Die vier Amazonen der vier miteinander verbundenen Teile dieses Romans sind Atie, Cindy, Roselynde, Myrte. Sie lieben, und das heißt jedes Mal: maßlos; auf je andere Art. Mag sein, sie retten auch: dann ihre Männer. Atie (50er, 60er Jahre, Rotterdam) liebt ihren Mann Gustaaf, und zwar auch, weiter, klaglos, als der eine Beziehung mit Marina beginnt und diese ein Kind von ihm bekommt. Fällt dann in eine unheilbare Nervenkrankheit. Stirbt. Mit ihrem Tod beginnt der Roman, und diese erste (und nur diese) Liebesgeschichte weiß auch etwas von den Gefühlen des Mannes zu erzählen, der von der Frau, die er verraten hat, genauso nicht loskommt wie die Verratene von ihm. Aneinandergeschmiedet, gehen sie beide getrennt voneinander unter. Dann wechselt der Roman zur Ich-Form und zu Cindy (Anfang der 90er, Amsterdam), sie hat sich Aties und Gustaavs Sohn Luuk als den für sie bestimmten Mann ausgesucht. Doch auch in dieser Liebesgeschichte entfaltet sich kein Traum von einer besseren Welt. Cindy hat im Grunde nur sich, wild und mörderisch; aus der Affäre wird Stalking. Von ihrem von ihr selbst schicksalhaft überhöhten Begehren auf den Besen gesetzt, landet sie eines Tages mit einer Pistole in der Hand vor Luuk und seiner neuen Geliebten Roselynde. Das neue Paar nun verbindet das schiere Gegenteil: Ruhe, Geborgenheit. Für Roselynde ist Luuk wie ein gepolsterter Kinosaal, in dem sich ihre Erinnerung an ihre mehr als geschwisterliche Liebe zu ihrem Bruder Rogier entfalten kann. Sanft, aber nicht weniger gründlich wird die Gegenwart von der Vergangenheit überblendet, die dito eine tödliche ist. Weil die Schwester ihren Bruder an ihre beste Freundin und dann den Bruder selbst verlor. Auch die vierte Frau, Myrte, Luuks Ehefrau, hat mehr geliebt als sie liebt. Und zwar am allerabsonderlichsten, rührendsten von allen: einst den todkranken, alten Vater ihrer Freundin, und ihm so ein paar Monate Weiterleben beschert. Hier verschmelzen die Stationen einer langen Wanderung der Erzählerin durch das niederländische Friesland mit den Einsamkeiten und Freundschaftssehnsüchten ihrer Kindheit, so wie der weiße Himmel mit dem hellen Meer verschmilzt. »Die Gegenwart ist nicht weniger wirklich als die Vergangenheit«, heißt ein Satz, dem man erst beim zweiten Lesen seine Richtung anmerkt. Mélodie d’amour, Maladie d’amour, Masken des Begehrens … De Moors Roman verrät kein Warum und Woher der Liebe, aber zeigt dafür die große, schwere Fülle des Wie, eines weiblichen Wie. So war der Blick Aties, wie Gustaaf ihn erinnert: »traurig und begehrlich, hasserfüllt und verliebt, versöhnlich und rachsüchtig, ratlos, weil sie ihn so oder so verlieren würde«.


K.WEST 04/2014 | 99

DER WELT ENTRÜCKT Umnachtet: Robert Gwisdeks Roman-Debüt »Der unsichtbare Apfel« Als Robert Gwisdek vor kurzem in der Berliner Volksbühne seinen Debütroman »Der unsichtbare Apfel« vorstellte, versuchte er, die Handlung und Struktur der Geschichte grafisch aufzuzeichnen. Am Ende war die Tafel mit unübersichtlich-wirren Kringeln und Linien gefüllt, und Gwisdek gab fröhlich-überfordert zu: »Das ist der Roman, ungefähr, ganz grob aufgezeichnet!« Er hat das trotzdem ganz gut getroffen – die Geschichte von Igor ist ähnlich komplex und ausufernd. Schon als Kind will dieser Igor die Welt begreifen, glaubt erst an die Existenz der Dinge, wenn er diese mit seinen eigenen Händen angefasst hat, empfindet Heimweh nach dem Ort, an dem er sich befindet und hält Zwiesprache mit dem Universum. Er spricht mit Schnecken und sortiert Schachteln in Schachteln ein. Später wird er misstrauisch gegenüber der Welt, kann sich nicht die unbegreifliche Unendlichkeit des Universums erklären und verliebt sich auf tragische Weise in Alma. Auf dem Rücken in seinem Zimmer liegend, übt er, zur Fläche zu werden und irgendwann verabschiedet er sich ganz aus dieser Welt, mit dem Ziel, 100 Tage lang in einem stockfinsteren Raum zu verbringen: »Entferne dich, Welt, oder du machst uns zu Feinden. Das Band ist gekappt.« Was folgt, ist ein Taumel in eine bodenlose Finsternis und Irrealität; bald weiß Igor selbst nicht mehr, was Wirklichkeit und was Wahnvor-

stellungen sind. Er spricht mit Tieren und Menschen, hört Geräusche, läuft durch Gebäude und Wälder und trifft immer wieder auf geometrische Formen, die auf ihn reagieren. Irgendwann verliert man bei der Lektüre selbst die Orientierung und fragt sich wie im Film »Inception«, auf welcher Ebene des Unterbewusstseins man denn gerade unterwegs ist. »Der unsichtbare Apfel« ist ein überkomplex-abstrakter Text, dessen ineinander verschränkte Wahrnehmungsstrukturen auf Dauer aber ermüden. Könnte sein, dass das durchaus so gewollt ist. »Vorsichhinwabernder Wortschlamm« – so hat der Autor, Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek diesen Zustand des Geistes und der Gedanken in einem Interview bezeichnet. Man wünscht sich, dass die Tür endlich aufgebrochen wird und dieser Igor im Wunderland in das harte Licht der Realität zurückgezerrt wird. | VKB

INFO Robert Gwisdek: »Der unsichtbare Apfel« Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 368 Seiten, 12,99 Euro Lesung am 12. April 2014 in der Zeche Carl, Essen

BESTSTELLER AUS BIELEFELD André Georgi debütiert mit dem Thriller »Tribunal« bei Suhrkamp Es kommt dann doch eher selten vor, dass Roman-Debüts deutscher Autoren als Spitzentitel und mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren herauskommen. Suhrkamp wagt mit dem in Bielefeld lebenden André Georgi ein solches Experiment in einem Genre, für das der Verlag bis dato nicht unbedingt als einschlägig gilt: dem Thriller. Vor allem der Name Don Winslow stand in den letzten Jahren für Suhrkamps Bemühen, auch die Drehregale der Bahnhofsbuchhandlungen und Beststeller-Flächen der Ketten mit gehobener Unterhaltung zu bespielen. Mit André Georgi findet nun ein Autor ins Programm, der sich als Drehbuchautor bereits einen Namen gemacht hat. Der 1965 geborene Georgi hat Bücher für »Bella Block« und mehrere »Tatort«-Folgen geschrieben, zudem Ferdinand von Schirach und Siegfried Lenz für das Fernsehen eingerichtet. All das ist offensichtlich keine schlechte Schule gewesen. Denn die unaufdringlich gekonnte Montage der unterschiedlichen Perspektiven, aus denen heraus »Tribunal« erzählt wird, lässt zunächst vollkommen vergessen, dass Bücher, auf denen in roten Buchstaben Thriller steht, vor allem dem Adrenalinausstoß dienen sollen. Bis Georgi es das erste Mal richtig krachen lässt, vergehen gut sechzig Seiten. Vorher verleiht er mit wenigen Strichen einer überforderten Ermittlerin des Den Haager UN-Tribunals, dem karrieristischen Vertreter der Anklage, einem sadistischen serbischen Kriegsverbrecher und einer Reihe von Nebenfiguren Konturen. Verhandelt wird ein fiktiver Massenmord vor dem realen Hintergrund des Balkankonfliktes, der für

Georgi mehr ist als nur Staffage. Ehe der Prozess aber in Gang kommen kann, wird der Kronzeuge von einem Heckenschützen abgeräumt. Danach kommen selbstverständlich noch Schusswaffen verschiedenster Art zum Einsatz, Blut fließt, Knochen knacken und gelegentlich spritzt auch schon mal Hirnmasse durch die Gegend. Die Schilderungen der Gewaltexzesse gehen bisweilen über das Erträgliche hinaus. Festzuhalten aber bleibt, dass Georgi allemal sein dramaturgisches Handwerk beherrscht. | ANK

INFO André Georgi: »Tribunal« Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 316 Seiten, 14,99 Euro


100 | HIMMEL & ERDE

himmel und erde

Thomas Hoepker, Andy Warhol in his »Factory« at Union Square, New York City/USA, 1981 © Thomas Hoepker/Magnum Photos.

WIE GEDRUCKT Die Ludwig Galerie Oberhausen zeigt Andy Warhols Pop-Grafiken und andere Werke Wahrscheinlich war er selbst sein größtes Kunstwerk. Mit silbernen Haaren, bleichem Teint, dunklen Augen und Fiepsstimme war Andy Warhol in jedem Fall eine Erscheinung, die schwer zu übersehen oder -hören war. Und natürlich wollte er wahrgenommen werden. Er genoss die Aufmerksamkeit und das JetsetLeben, das ihm der Erfolg ermöglichte. Zusammen mit Roy Lichtenstein revolutionierte Warhol die Pop Art, machte Massenprodukte zu Kunst und Kunst zu Massenprodukten. Als

Inspirationsquelle diente ihm alles vom Zeitungsausschnitt bis zur Werbeanzeige. Die Ausstellung »Andy Warhol. Pop Artist« in der Ludwig Galerie Oberhausen zeigt, was aus diesen Vorlagen wurde. Dabei konzentriert sie sich auf die frühen Siebdruckgrafiken des New Yorker Künstlers. Zu den Exponaten gehören ein paar seiner größten Ikonen: die Suppendose von Campbell, die Porträts von Marilyn Monroe und Mao Tse-Tung oder die Banane vom Cover der Velvet Underground-Platte.

Auch eine Variante von da Vincis »Verkündigung« ist dabei. Sie belegt nebenbei, dass Warhol mit seiner Pop-Technik nicht grundsätzlich auf ironische Distanz gehen wollte. Als gläubiger Christ war ihm die ganze, in Italien entstandene, da Vinci-Reihe ernst. Zu den Druckgrafiken in der Ausstellung kommen aber auch weniger bekannte Leinwandarbeiten, Fotografien und Dokumentationen, die Warhols als Genie der Selbstinszenierung feiern. www.ludwiggalerie.de


K.WEST 04/2014 | 101

CRANACH PIXELNAH Das Cranach Digital Archive ist freigeschaltet. Lucas Cranach der Ältere, geb. um 1472 in Kronach, gest. 1553 in Weimar, war einer der bedeutendsten deutschen Maler und Grafiker der Renaissance. Mit außergewöhnlicher Kreativität entwickelte er innovative Bildthemen, die das Zeitalter des Humanismus und des Protestantismus beispiellos reflektieren. Ab 1505 war er Hofmaler am kursächsischen Hof. Neben zahlreichen Altarwerken und allegorischen Gemälden fertigten er und seine Werkstatt vor allem auch eine große Zahl an Porträts seiner Dienstherren sowie der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Aus seinem Kunst-Betrieb gingen wohl rund 5000 Gemälde hervor. Generationen von Forschern haben sich mit dem Werk Lucas Cranachs intensiv beschäftigt, dennoch blieben viele Fragen unbeantwortet. Nun sind ca. 1000 Gemälde sowie ausgewählte Schriftdokumente des älteren Cranach im

»Cranach Digital Archive« öffentlich zugänglich, wissenschaftlich erschlossen und in über 10.000 hochaufgelösten Bilddateien anzusehen – so nah kommt man den Werken im Museum nie. Die digitalisierten Arbeiten sind in 127 Museen, Privatsammlungen und Kirchgemeinden in 23 Ländern beheimatet. Deren Mitarbeiter sowie Historiker und Naturwissenschaftler haben in den zurückliegenden vier Jahren umfangreiche Informationen zu den Gemälden zusammengetragen. Technologische Untersuchungsergebnisse informieren über den Prozess der Bildentstehung und Restaurierungsdokumentationen geben Aufschluss über spätere Zustandsveränderungen. Auch wurden neue Technologien wie die digitale Infrarot-Reflektografie eingesetzt, die es ermöglicht, den  Kompositionsentwurf unter der Malschicht sichtbar zu machen. Projektorganisatoren des Cranach Digital Archive sind

Lucas Cranach d. Ä.: Der Apostel Petrus, um 1515; Detail. Privatsammlung. Foto: Heydenreich, cda

das Museum Kunstpalast in Düsseldorf und das Cologne Institute of Conservation Sciences der Fachhochschule Köln. www.lucascranach.org

Programm Mai 03.05. Angelo Kelly 04.05. Emotions Musicalshow 06.05. Damenbad 07.05. Guido Cantz 08.05. Dieter Hildebrandt 09.05. Fritz Eckenga 10.05. Stunk unplugged 11.05. 6-Zylinder 12.05. Han’s Klaffl 13.05. Basta 14.05. Basta 15.05. La Signora 16.05. Ingo Appelt 17.05. Jochen Malmsheimer 19.05. Männerabend 21.05. Jürgen Becker 22.05. Jürgen Becker 25.05. Klassikmatinee 26.05. Pufpaffs Badeanstalt 30.05. Jürgen B. Hausmann

Ebertplatz 4 · 46045 Oberhausen · Tel. 0208 /20 54 024 · Fax 0208 /20 54 027

www.ebertbad.de


102 | HIMMEL & ERDE

DIE KUNST DES KUNSTVERKAUFENS Fachforum: Kultur + Vermarktung NRW 2014 Kambrische Revolution nennt man das Entstehen enorm vieler neuer Arten in vergleichsweise kurzer Zeit vor etwa 540 Millionen Jahren. Die Kambrische Revolution der Kultur geschah vor etwa 50-30 Jahren, Künstler und Kulturinstitutionen vermehrten sich rasant, was jeder, den es anging, nur begrüßte. Wie jene biologische hatte allerdings auch diese kulturelle Vermehrung eine Verschärfung der Nahrungskonkurrenz zur Folge. Sprich, des Buhlens um Zuschauer und des Bettelns um öffentliches Geld. Denn beide wuchsen nicht mit, im Gegenteil. Doch die Dinge sind, wie sie sind, es will auch niemand zurück zur kleineren Zahl, also gibt es Einrichtungen wie die Nordrhein-Westfalen Kulturförderung e.V., die, wie der Name sagt, Kunst und Kultur in Nordrhein-Westfalen fördert. Mitglieder sind etwa die Kultur Ruhr GmbH, die Köln Musik GmbH oder die Stadt Düsseldorf. Der Verein verleiht einen Kulturpreis; Anfang April aber veranstaltet er – Stichwort Nahrungskonkurrenz – ein Fachforum mit dem Titel »Kultur und Vermarktung NRW 2014 – Ticketing. Vertrieb. Kommunikation«. Das ist nichts für den Konsumenten, sondern eine Veranstaltung für das betriebswirtschaftliche Führungspersonal von Kulturbetrieben in NRW, für diejenigen, »die kostenpflichtige Veranstaltungen, kulturelle Events und touristische Attraktionen erfolgreich vermarkten möchten.« Es sollen »vornehmlich die Themenbereiche Organisation, Verwaltung, Vertrieb und Kommunikation präsentiert, diskutiert und demonstriert werden«, heißt es in der Einladung. Termin ist der 3. April 2014, 10 bis 19:30 Uhr, Ort das Rheinische Landestheater Neuss. www.nrw-kulturfoerderung.de

Karel Malich: Human Cosmic Copulation, 1984-1988, © Karel Malich, Galerie Zdenek Sklenár

SEX MIT DEM KOSMOS Retrospektive Karel Malich in Koblenz Ein Unbekannter ist er nicht, aber im internationalen Kunstbetrieb auch keiner der Gehypten. In Tschechien, seiner Heimat, wird er als einer der bedeutendsten Künstler seines Landes gesehen: Karel Malich. Das Ludwig Museum Koblenz widmet dem in Prag lebenden Künstler jetzt eine umfassende Retrospektive, die erste in Deutschland. Malich, 1924 in Ostböhmen geboren, studiert nach dem Krieg in Prag Kunst, malt und arbeitet plastisch. Im Laufe der Jahre werden seine Bilder immer bunter, seine Objekte immer luftiger, als Material kommen Draht oder Plexiglas ins Spiel. 1967 werden einige seiner Werke im Guggenheim-Museum in New York gezeigt, doch nach der Zerschlagung des Prager Frühlings darf Malich in der ČSSR nicht mehr ausstellen. Er zieht sich in sein Atelier zurück und versucht sich an der Entwicklung freischwebender Skulpturen, die Luftströmungen, Wolkenbilder, reine Energie einfangen sollen. 1995 dann ist er auf der Biennale in Venedig zu

finden, 2010 im MoMA mit einigen Arbeiten. Eines seiner bekanntesten Werke ist ohne Zweifel »Lidsko-kosmická soulož’« (Menschlichkosmischer Geschlechtsverkehr), dessen erste Fassung 1984 entsteht. Ob stimmt, dass Malich »die Auffassung der Statue revolutioniert … (indem er) sie ihrer Masse beraubt und sie nur aus Drähten oder durchsichtigen Plexiglasstäben modelliert« hat, wie der Direktor der Sammlungen für moderne und gegenwärtige Kunst der Prager Nationalgalerie meint, sei einmal dahingestellt. Die Auflösung der Skulptur ins Zeichenhafte haben andere lange vor Malik betrieben, der dies erst in den 1960er Jahren für sich entdeckte. Doch in der Koblenzer Schau werden diese abstrakten Drahtskulpturen und schwebenden Objekte den Schwerpunkt bilden, zusammen mit frühen und späten Zeichnungen. Und vielleicht wird dann daraus doch noch ein Hype. Bis 25. Mai 2014 www.ludwigmuseum.org


Vertrieb mit System.

... wir finden die Zielgruppe, die Sie suchen! Grimmiger Wächter: ein Offizier der Terrakotta-Armee, Foto: Agentur All in One

AUF TÖNERNEN FÜSSEN Die chinesische Terrakotta-Armee nimmt Bochum ein Trotz aller Kulturschätze hat China bislang erst ein offizielles UNESCO-Weltkulturerbe. Anders als man meinen könnte, ist es nicht die Große Mauer, sondern die Terrakotta-Armee von Shaanxi. Sie besteht aus mehr als 6000 tönernen Soldaten, Pferden und Kampfwagen. Sie wurden im dritten Jahrhundert v. Chr. vergraben, um den ersten Kaiser von China, Qin Shi Huang Di, im Jenseits zu beschützen. Das Projekt nahm 38 Jahre in Anspruch. Nach der Schilderung des Historikers Sima Qian waren zur Hochzeit der Bautätigigkeit bis zu 700.000 Menschen mit der Her- und Aufstellung der Tonsoldaten beschäftigt. Nach einem Bauernaufstand blieben die Arbeiten liegen, das gigantische Mausoleum wurde erst 1974 bei Brunnenausgrabungen wiederentdeckt. Seitdem ist Shaanxi eine der größten archäologischen Stätten in China. Die Tonsoldaten dürfen das Land natürlich nicht verlassen. Wer sie sehen möchte, aber kein Geld für den Flug hat, kann sich mit den Repliken der Terrakotta-Armee trösten. 150 davon bilden eine Wanderausstellung, die seit 2002 durch Europa zieht. Ab 17. April macht sie in Bochum Halt, genauer gesagt im ehemaligen Autohaus Lueg, Hermannshöhe 42. Die gezeigten Infanteristen, Generäle, Offiziere und Bogenschützen wurden im Maßstab 1:1 gefertigt. Hinzu kommen acht originalgroße Pferde sowie 1000 Soldaten im Maßstab 1:10. Kein ganz so gigantischer Aufmarsch wie in China – für einen Stoßtrupp nach Europa aber immer noch recht beindruckend. www.terrakottaarmee.de

Unsere Kompetenzen sind Ihre Optionen: zielgruppenorientierte Distribution Ihrer Werbemittel | hervorgehobene Präsentation in Displays | wöchentlich aktuelle, transparente Vertriebsdokumentation | lokal, regional und bundesweit | Marketingkonzeption | Grafik | Produktionsabwicklung

www.publicity-werbung.de


104 | GLOSSE KUNST

IMPRESSUM

NACHRUF

REDAKTION

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen vier Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten in den März zurück!

K.WEST erscheint monatlich im Verlag K-West GmbH Heßlerstraße 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 ISSN 1613-4273

Der Monat März wird von den meisten Menschen mit Aufbruch in Verbindung gebracht: Winterliche Erstarrung endet, Neues keimt, hoffnungsgleich. Auch in Köln. Hier war der März der erste meisnerfreie Monat seit 25 Jahren. Als am letzten Februartag, Punkt zwölf Uhr mittags, der Erzbischof sein Amt niederlegte, läuteten vom Dom die Glocken. Allerdings ist auch Dankbarkeit angezeigt und folglich Trauer geboten über den Rückzug eines Kirchenfürsten, der gefühlte 250 Jahre lang das größte deutsche Bistum und die heiligste deutsche Stadt bewahrte. Vor Bösem und noch Böserem. Heilige Wortmauern richtete er auf vor der Sodomiten-Ehe, der schauderhaften dauerhaften Kopulation von an Gleichgeschlechtlichkeit erkrankten Männern. Mutig wie der heilige Georg stach er auf die Holocaust-Tablette, vulgo Abtreibungspille ein, deren Verwendungserlaubnis zu einer Vernichtung von Leben geführt hätte, im Ausmaß schlimmer als alle Verbrechen Hitlers. Dafür, dass eine christliche Familie dreimal so viel wert ist und wert bleibt wie eine muslimische; dafür, dass Evastöchter niemals die Priesterwürde entweihen; Mohammedaner, Juden und die Anhänger des M. Luther niemals gemeinsam mit Katholiken beten können – dafür hat der gute Hirte ebenso gesorgt wie dafür, dass entartete Kunst, also die ganze gottverlorene Kunst der Moderne, in ihrer ›Museum Luziwig‹ genannten Blechschachtel unter strenger Aufsicht des Kölner Doms eingesperrt bleibt wie der Teufel in der – nun ja, Schachtel. Oder doch fast. Denn dass der aus dem ostzonalen Marxismus stammende, entartete Künstler Gerhard Richter ein Glasfenster im Kölner Dom gestalteten durfte, das konnte Metropolit Meisner leider nicht verhindern. Doch er sagte damals, was gesagt werden musste: »Das hätte besser in eine Moschee gepasst«. So demonstrierte der Bischof sein tiefes Verständnis für den Islam. Joachim Kardinal Meisner war als Erzbischof ein bescheidener Mann. Seine Dienstwoh-

nung maß nur 250 Quadratmeter – hätte ihm, Herrscher über zwei Millionen bistumseigene Katholiken und ein diözesanes Milliardenvermögen, nicht ein Palast zugestanden? Nicht ein Rolls-Royce statt des schlichten 7-er BMWs, den er fuhr? Er aber verzichtete. Volker Beck hat Meisner einen Hassprediger genannt – aber Beck ist gottlos, grün und gleichgeschlechtlich. Für den Zentralrat der Juden ist Meisner ein notorischer geistiger Brandstifter – aber die Juden haben Jesus ans Kreuz geschlagen. In Wahrheit ist der – offenbart dieses Datum nicht schon alles? – am Ersten Weihnachtstag 1933 geborene Gottesmann weltoffen und liberal. Obwohl ihm bekannt ist, wie viele Frauen gerade in Köln in Sünde leben (auch diese Redaktion kennt da so einige!!!), hat er in seiner gesamten Amtszeit auf Hexenverbrennungen verzichtet. Gewiss wurde selbstständig Denkenden wie dem Theologen David Berger die Lehrerlaubnis entzogen, gewiss wurde auf Andersgläubige herabgesehen, aber aus tiefster Frömmigkeit heraus und ohne sie auch nur zu foltern. Soll man Meisner ankreiden, dass er offen das Opus Dei unterstützt? Dass während seiner Amtszeit 300.000 Gläubige aus seiner Kirche austraten? Eine solche Kritik würde nicht wahrhaben wollen, wie wichtig in einer gottlosen Welt eine verschworene Bruderschaft Recht-, Rechts- und Rückwärtsgläubiger ist und wie gut die allsonntägliche Selbstgeißelung tut. Sie würde missachten, dass statt nur eines Siebtels auch genauso gut sämtliche Katholiken des Bistums Köln hätten schreiend vor des Kardinals Tugenden das Weite suchen können, wie es vor seiner Wahl befürchtet worden war. Das hat Meisner wiederholt durch prompte Bekundungen römisch-pharisäischer Reue verhindert. Und nicht zuletzt hat er, aufgrund seines ganzes Wirkens, Handelns, Redens und Predigens, das Erwachsen einen zweiten Thilo Sarrazin in NRW überflüssig gemacht. Daher: Wenn ER es schon die letzten 25 Jahre nicht war, so sei ab jetzt der HErr mit Dir, Episcopus emeritus Meisner!

K.WEST Redaktionsanschrift Postfach 10 33 11 40024 Düsseldorf Ulrich Deuter: deuter@kulturwest.de Andreas Wilink: wilink@kulturwest.de Andrej Klahn: klahn@kulturwest.de V.i.S.d.P.: U. Deuter A. Wilink Ständige Mitarbeiter: Volker K. Belghaus, Ingo Juknat, Dr. Stefanie Stadel stadel@kulturwest.de TITELFOTO Carlos Rolon/Dzine: arthur abraham, 2013 c-print in custom frame [unique] / 122 x 203 cm. Image courtesy of the artist and Galerie Henrik Springmann, Berlin DRUCK druckservice duisburg medienfabrik KONZEPT Herweg/Hoffeins/Meyer/ Michalakopoulos LAYOUT Volker Pecher Antonienallee 25 45279 Essen volker-pecher@t-online.de ABOSERVICE/VERTRIEB Klartext Verlag Kerstin Begher Heßlerstr. 37 45329 Essen Tel.: 0201/86 206-33 Fax: 0201/86 206-22 vertrieb@k-west.net ANZEIGEN & MARKETING MaschMedia Marketing & PR Marcus Schütte (Head of Marketing & Sales) Anja Keienburg (leitend) Claudia Leo Denise Mohnke Linda Walther Zum Steigerhaus1 46117 Oberhausen Tel.: 0208/305858-6 Fax: 0208/305858-8 Mobil: 0163/3981711 anzeigen@kulturwest.de JAHRES-ABO 46,00 Euro INFORMATION UND TERMINE Tel.: 0211/82 80 279 info@kulturwest.de www.kulturwest.de


LICHTBURG FILMPALAST

WWW.KURZFILMTAGE.DE


401 CONTEMPORARY | 1301PE | A ARTE INVERNIZZI | AKINCI | HELGA DE ALVEAR | ANCIENT & MODERN | MIKAEL ANDERSEN | ANDERSEN‘S | ARCADE | CATHERINE BASTIDE | BAUDACH | BECK & EGGELING | JÜRGEN BECKER | KLAUS BENDEN | BISCHOFF PROJECTS | BO BJERGGAARD | BLANKET/NATALIA HUG | BOISSERÉE | BERNARD BOUCHE | THOMAS BRAMBILLA | JEAN BROLLY | BEN BROWN FINE ARTS | ELLEN DE BRUIJNE PROJECTS | DANIEL BUCHHOLZ | BUCHMANN | BUGDAHN UND KAIMER | CALLICOON FINE ARTS | LUIS CAMPANA | SHANE CAMPBELL | CANADA | GISELA CAPITAIN | CAPITAIN PETZEL | CARDI | CHOI&LAGER | CLAGES | HEZI COHEN | CONRADS | CONTEMPORARY FINE ARTS | CORBETT VS DEMPSEY | COSAR HMT | ALAN CRISTEA | DEWEER | DIERKING GALERIE AM PARADEPLATZ | DIRIMART | MARC DOMENECH | DREI | EIGEN + ART | ESPAIVISOR | FAHNEMANN | FIEBACH,MINNINGER | FIGGE VON ROSEN | KONRAD FISCHER | FISCHER KUNSTHANDEL & EDITION | FORSBLOM | KLAUS GERRIT FRIESE | GALLERY ON THE MOVE | GANDY | LAURENT GODIN | BÄRBEL GRÄSSLIN | KARSTEN GREVE | GRIEDER | BARBARA GROSS | HAAS | HÄUSLER CONTEMPORARY | HAMMELEHLE UND AHRENS | JACK HANLEY | REINHARD HAUFF | HAUSER & WIRTH | JOCHEN HEMPEL | MARIANNE HENNEMANN | HENZE & KETTERER | ERNST HILGER | HOFFMANN | HOLLYBUSH GARDENS | HEINZ HOLTMANN | AKIRA IKEDA | FRED JAHN | JGM | ANNELY JUDA FINE ART | KADEL WILLBORN | KALFAYAN | JAN KAPS | MIKE KARSTENS | KERLIN | KIMMERICH | PARISA KIND | KLEMM‘S | HELGA MARIA KLOSTERFELDE | KLÜSER | KM | SABINE KNUST | KOCH | DR. DOROTHEA VAN DER KOELEN | CHRISTINE KÖNIG | KOENIG & CLINTON | JOHANN KÖNIG | KONZETT | KOW | KRAUPA-TUSKANY ZEIDLER | KROBATH | KROME | BERND KUGLER | L.A. GALERIE - LOTHAR ALBRECHT | LAHUMIÈRE | LANGE + PULT | LE GUERN | GEBR. LEHMANN | TANYA LEIGHTON | CHRISTIAN LETHERT | LEVY | LÖHRL | LUDORFF | LINN LÜHN | LÜTTGENMEIJER | LULLIN + FERRARI | M29 RICHTER . BRÜCKNER | MAIOR | MARLBOROUGH CONTEMPORARY | MARUANI & MERCIER | MAULBERGER | HANS MAYER | MAX MAYER | MIRKO MAYER /M-PROJECTS | GRETA MEERT | VICTORIA MIRO | MIYAKE FINE ART | MODERNE | MOELLER FINE ART | VERA MUNRO | NÄCHST ST. STEPHAN | NAGEL DRAXLER | NANZUKA | NEON PARC | NEU | NEUE ALTE BRÜCKE | CAROLINA NITSCH | DAVID NOLAN | NOSBAUM & REDING | GEORG NOTHELFER | ALEXANDER OCHS | OFF VENDOME | ONRUST | OSAGE | PERES PROJECTS | RUPERT PFAB | TATJANA PIETERS | PRODUZENTENGALERIE | PSM | THOMAS REHBEIN | MICHEL REIN | REMMERT UND BARTH | REPETTO | RIEDER | PETRA RINCK | MARGARETE ROEDER | GABRIEL ROLT | THADDAEUS ROPAC | RUBERL | THOMAS SALIS ART & DESIGN | SALON 94 | SAMUELIS BAUMGARTE | MARION SCHARMANN | SCHEFFEL | AUREL SCHEIBLER | BRIGITTE SCHENK | ESTHER SCHIPPER | SCHLEICHER + LANGE | SCHLICHTENMAIER | SCHMIDT & HANDRUP | SCHMIDT MACZOLLEK | SCHÖNEWALD FINE ARTS | THOMAS SCHULTE | MICHAEL SCHULTZ | SCHWARZER | SFEIR-SEMLER | SIES + HÖKE | SIMONIS | SIMS REED | SLEWE | SOCIÉTÉ | SOMMER & KOHL | SOY CAPITÁN | HENRIK SPRINGMANN | SPRÜTH MAGERS | STAECK | STALKE | STIGTER VAN DOESBURG | WALTER STORMS | HANS STRELOW | FLORIAN SUNDHEIMER | SUPPORTICO LOPEZ | TAGUCHI FINE ART | TANIT - NAILA KUNIGK & WALTHER MOLLIER | SUZANNE TARASIÈVE | TEGENBOSCHVANVREDEN | THE HOLE | ELISABETH & KLAUS THOMAN | THOMAS | WILMA TOLKSDORF | TONELLI | UTERMANN | V1 | VAN HORN | VON VERTES | AXEL VERVOORDT | SUSANNE VIELMETTER | ANNE DE VILLEPOIX | WALDBURGER | WARHUS RITTERHAUS | MAXWEBERSIXFRIEDRICH | FONS WELTERS | WENTRUP | KATE WERBLE | MICHAEL WERNER | WETTERLING | SUSANNE ZANDER - DELMES + ZANDER | THOMAS ZANDER | ZINK | MARTIN VAN ZOMEREN | DAVID ZWIRNER

WWW.ARTCOLOGNE.COM

ART14_189,5x258_K.WEST.indd 1

21.01.14 08:35

K.WEST April 2014  
Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you